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Mit anderen Augen

Teil III

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel XV. Carstens Eingeständnis

Andreas und Carsten hatten das ganze Haus für sich alleine als sie dort eintrafen. Sie räumten das schmutzige Ausflugsgeschirr in die Spülmaschine. Versorgten sich mit Keksen und Getränken und verschwanden in Carstens Zimmer. Andreas suchte sich eine CD aus und machte leise Musik. Carsten lümmelte sich auf sein Bett. Andreas äußerte den Wunsch etwas spielen zu wollen und schlug eine Partie Schach vor. Carsten war von dieser Idee angetan. Gehirnjogging war eine willkommene Abwechslung. Er holte seinen Schachcomputer hervor, der nicht nur die einzelnen Züge sprachlich ansagte. Über ein Fingerpaneel konnte er die Position der einzelnen Figuren abfragen und so sich sein Bild vom Spielfeld machen. Spielend fand sie auch Paul vor. Er fragte die Beiden, ob sie Lust hätten mit Kaffee zu trinken. Andreas stimmte einer Pause zu. Und Carsten war dem auch nicht abgeneigt. Zusammen gingen sie hinunter. In der Küche fanden sie den Rest der Familie und einen weiteren Gast vor. Andrea hatte ihren Reitfreund Mark mitgebracht. Und selbst Carsten spürte, dass zwischen den Beiden mehr war als nur ein gemeinsames Hobby. Carstens Eltern erzählten von ihrem Nachmittag in Leipzig. Wie Luise ein neues Kleid erworben hatte und Paul eine Winterjacke. Geschickt verwickelten sie ihre Tochter und Mark anschließend in ein Gespräch. So ganz nebenbei erfuhren sie, dass Mark Zivildienstleistender war und im Anschluss ein Studium aufnehmen wollte. Seine Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb hatten und er auch mit anzupacken wusste. Dafür unterstützen sie ihn bei seinem Hobby und der Ausbildung.

Carsten machte sich eine geistige Notiz, dass gerade seine Mutter in Zeiten der Inquisition eine gute Figur gemacht hätte. Aber sehr viel stand sein Vater ihr nicht nach. So langsam löste sich die Runde auf. Ercan verschwand, um einen Zeichentrick mit seinen Eltern im Salon anzugucken. Andrea und Carsten räumten mit ihren Freunden die Küche wieder auf. Danach verzogen sie sich wieder auf ihre Zimmer. Andreas und Carsten nahmen die Schachpartie wieder auf.

„Mensch deine Eltern sind ja ganz schön neugierig, Carsten.“

„Ist dir das auch aufgefallen, Andreas?“

„Ja. Das konnten meine Eltern auch. So ganz beiläufig erzählten sie etwas und ich bin jedes Mal darauf reingefallen. Als ich mal die Schaufensterscheibe von unserem Dorfmetzger mit dem Fußball zerkleinerte habe, drehten sie es so, dass ich sie nicht anlügen konnte.“

„Und was ist dann geschehen?“

„Na, Papa hatte mich an die Hand genommen und wir sind zusammen dahin. Man, ich hatte die Hosen gestrichen voll, aber Papa hat mir Mut gegeben. Der Metzger hat meine Entschuldigung angenommen und mir den Ball wiedergegeben. Den habe ich noch immer bei meinen Großeltern. Der Schaden wurde von der Versicherung übernommen, doch das wusste ich damals nicht. Aber Papa hat an mich geglaubt und das tat gut. Remis?“

„Remis! Und nun?“

„Wann gibt es bei euch Abendbrot?“

„So in ein bis zwei Stunden. Samstags nehmen wir es nicht so genau. Andrea und Paul bereiten es heute vor.“

„Ich würde mich gerne noch etwas hinlegen.“

„Gerne, ich wecke dich dann, Okay?“

„Okay. Und was machst du?“

„Ich ziehe mich in die Bibliothek zurück und lese noch etwas.“

Carsten ließ Andreas alleine. Im Treppenhaus traf er auf Max. Sie machte ihm deutlich, dass sie raus müsse. Carsten strich ihr über den Kopf und ging mit ihr in den Garten. Er setzte sich auf eine Gartenbank. Kurze Zeit später hörte er jemanden auf ihn zu kommen. Seine Mutter reichte ihm eine Strickjacke.

„Hier Carsten, zieh dir die Jacke bitte über. Es ist frisch.“

„Danke Mama. Andreas ist aufgefallen, dass ihr beiden Mark ganz schön in die Mangel genommen habt.“

„Dann weißt du ja schon einmal Bescheid, falls es bei dir der Fall sein sollte. Ich muss sagen, er ist ein guter Beobachter. Deiner Schwester ist es nämlich entgangen. Sie hatte doch nur Augen für ihren Mark!“

„Wenn du dich da mal nicht irrst. Was haltet ihr von ihm?“

„Mark ist nett, ich finde ihn sympathisch. Andrea hat wirklich Geschmack.“

„Wie ihre Mutter!“

„Danke junger Mann. Und was hältst du von ihm?“

„Ich habe Vertrauen in die Entscheidungen meiner Schwester. Sie weiß was und wen sie will.“

Max kam zu ihnen und sprang neben Carsten auf die Bank. Sie legte sich hin und schob ihren Kopf auf Carstens Schoß. Der Junge ließ es sich gefallen und kraulte sie. Frau von Feldbach sah sich die Beiden an.

„Im ernst Mutti. Diese Frage würde ich nur gegenüber Andrea beantworten. Ihr müsst schon eure eigene Meinung bilden.“

„Schon gut Junge. Du hast ja Recht. Mal etwas anderes, seit wann macht Max das?“

„Was? Das hier?“

„Ja!“

„Schon immer. Sie hatte sich als junger Hund mal ihre Pfote gestoßen. Da kam sie zu mir und ich habe sie auf meinem Schoß gehoben und gestreichelt. Es ist uns eine liebe Gewohnheit geworden. Und wenn es einem von uns nicht gut geht hilft es uns.“

„Ich verstehe, Carsten.“

„Wirklich Mama? Darf ich dich etwas fragen?“

„Ja!“

„Wie war das, als du erfahren hattest, dass ich nicht Sehen werde?“

„Hm Carsten, da muss ich etwas weiter ausholen. Als ich von meiner Schwangerschaft erfahren habe, waren Papa und ich sehr glücklich. Damals wussten wir noch nicht, dass ihr zu zweit ward. Alles habt ihr geteilt. Carsten, ich konnte gar nicht so schnell essen wie ihr die Nährstoffe wieder verputzt habt. Ja, und dann war es soweit. Eure Geburt ging recht problemlos – für Zwillinge. Du warst der Erste und Andrea folgte dir. Nachdem ich euch beide im Arm gehalten habe, machten sie die Erstuntersuchungen. Die Nachricht hat uns sehr getroffen. Aber ich habe euch dann in dem kleinen Bettchen gesehen. Wie du neben Andrea gelegen hast. Es sah aus, als ob du deine kleine Schwester beschützen wolltest. Ich habe es mir ruhig angesehen und da wusste ich es: Du machst deinen Weg in dieser Welt. Wir haben Literatur gewälzt, Selbsthilfegruppen kontaktiert und so weiter. Aber das Wichtigste war: Wir lieben Euch. Deine Blindheit wurde für uns etwas Normales. Wir haben unser Leben darauf etwas umgestellt. Und du hast es uns bisher durch deine offene Art gedankt. In Streichen und Schabernack stehst du sicherlich keinem Anderen hinterher. Aber warum möchtest du es wissen?“

„Es gibt mehrere Anlässe. Einmal Martins Unfall heute Morgen bei Tisch. Dann ist unterwegs etwas vorgefallen, was ich nicht so richtig einzuordnen vermag. Ich frage mich ob es mit meinem fehlenden Sehvermögen zu tun hat.“

„Ich denke nicht, mein Junge. Zum einen, Herr Decher war nicht fair. Denk doch mal an Arco und Max. Er hat Max immer vertraut und sie auf seine Weise unterstützt. Paul war sehr skeptisch als du sie zu deiner neuen Hündin erkoren hast. Sie machte damals einen sehr unbeholfenen Eindruck auf ihn. Und was ist aus ihr geworden? Eine zuverlässige Partnerin meines Sohnes. Es ist also natürlich, dass sich Eltern um ihren Nachwuchs kümmern. Sicher, es gibt Dinge die ich oder Paul bei euch nicht durchgehen lassen würde. Aber wenn du schwul wärst dann ist es so. Du hättest es in der heutigen Gesellschaft schon schwer genug. Da benötigst du eine Familie die geschlossen hinter dir steht. Ich denke Martins Vater ist es jetzt auch bewusst geworden. Leider zu spät.“

„Also, ihr hättet nichts dagegen wenn ich homosexuell wäre?“

„Nein, warum? Carsten, ich lehre soziale Anthropologie. Homosexualität gab es und wird es wohl immer geben in der Entwicklungsgeschichte der Menschen. Da ist nichts Außergewöhnliches dabei.“

Ohne ersichtlichen Grund stand Max auf. Sie ging in Richtung des Hauses. Nach einigen Metern blieb sie stehen und schaute sich um. Ihr Blick ruhte einen Moment auf Carsten, dann ging sie weiter und verschwand im Haus.

Carsten drehte sich zu seiner Mutter und umarmte sie. Sie konnte nicht sehen, dass seine Augen glänzten. Aber sie spürte, dass dem Jungen etwas von der Seele fiel. Nach einigen Minuten lösten sie sich voneinander. Luise schaute sich ihren Carsten an. Er sah erwachsener aus.

„Ich gehe davon aus, der zweite Anlass lässt sich da einreihen? Und hat dich das die letzten Wochen beschäftigt? Dr. Neubert machte eine Bemerkung.“

„Ja, Mama. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Es kam so plötzlich. Von heute auf morgen wusste ich, dass ich nur mit einem Jungen glücklich werden würde. Aber alles was ich finden konnte, hat meine Fragen nicht beantwortet. Ich wusste nicht mehr ein, noch aus. Und dann kam noch die ablehnende Meinung meiner Umgebung zu diesem Thema hinzu. Was meinst du, was ich für Ängste ausgestanden habe, wenn das im Internat bekannt würde.“

„Ich verstehe dich, damit habe ich auch bei meinen Studenten noch häufig genug zu kämpfen. Eigentlich sollten die es besser wissen. Aber ich schweife ab. Ich kenne dieses Gefühl auch. So etwas machen wir alle irgendwann durch. Bei dem einen mehr bei einer anderen weniger. Aber es ist immer der gleiche Auslöser: Das erste verliebt sein! Weiß Andreas schon von seinem Glück?“

„Dir ist es nicht entgangen?“

„Nein, mein Junge. So etwas bleibt mir nicht verborgen.“

„Ich glaube nicht, dass ich mir da Hoffnung machen sollte. In dieser Hinsicht ist bei ihm absolute Funkstille.“

„Genau wie bei meinem Sohn, nur vor dem Anderen keine Blöße zeigen. Es könnte ja etwas passieren.“

„Mutti?“

„Ist doch wahr, Carsten. Glaubst du etwa ich hätte Paul für mich interessieren können, wenn ich nicht gewagt hätte mich bis auf die Knochen zu blamieren? Die Konkurrenz war nicht ohne. Da musste ich mich schon heftig ins Zeug lehnen. Übrigens kann man – das bleibt aber unter uns – mit Rizinusöl interessante Resultate erzielen.“

„Mama, da tun sich ja Abgründe auf.“

„Ja? So und nun ab ins Haus. Es ist – ehm – sehr frisch geworden.“

„Sag es doch einfach: Es ist saukalt.“

„Junge, diese mindere Wärme hat nichts mit Tieren zu tun. Aber es trifft den Nagel auf den Kopf.“

Lachend gingen sie gemeinsam in die Küche. Luise machte Carsten noch eine heiße Schokolade. Dann zog er sich in die Bibliothek zurück um über seinem Buch die Zeit zu vergessen. Erst als Ercan ihn zum Essen holte, fand er sich wieder in der Realität ein. Er ging auf sein Zimmer und weckte Andreas. Kurze Zeit später fanden sie sich in der geräumigen Küche ein.

Als Abendessen gab es Ungarische Goulaschsuppe und Knobi-Baguettes. Während des Mahls wurden die Abendaktivitäten vorgestellt. Andrea und Mark wollten zusammen mit weiteren Freunden in die Disco. Luise wurde von Paul zum Besuch der Spätvorstellung ins Kino eingeladen. Anschließend wollten sie irgendwo noch etwas trinken gehen. Carsten erklärte sich bereit bei Ercan zu bleiben. Außerdem wollte er sich noch einige Gedanken zu seinem Klavierabend machen.

„Was möchtest du tun Andreas? Du könntest mit Andrea in die Disco.“

„Nein ein Discotyp bin ich sicherlich nicht. Danke für die Einladung, ich bleibe gerne hier bei Carsten.“

„Wie du wünschst. Carsten, Ercan darf sich den Zeichentrick anschauen. Danach geht es ab in die Falle. Verstanden, junger Mann?“

„Ja Mama.“

„Na, dann würde ich mal sagen, einen schönen Abend euch allen.“

Später am Abend waren Andreas, Ercan und Carsten alleine im großen Wohnzimmer. Ercan saß mit Andreas vor dem Fernseher. Carsten in einem Sessel, auf seinem Schoß sein Powerbook und suchte in Literaturquellen nach geeigneten Klavierstücken.

Als der Film zu Ende war, hatte er eine kleine Auswahl zusammengestellt. Nach dem Film brachte Carsten Ercan ins Bett und las ihm noch eine Geschichte vor. Eine halbe Stunde später tauchte er beim im Salon verlassenen Andreas wieder auf. Dieser hatte es sich am Flügel bequem gemacht und spielte etwas vor sich hin.

„Ich sagte doch, du bist gut. Was war das für ein Stück. Ich kenne es nicht.“

„Es ist ein altes italienisches Kinderlied, welches Mama mir früher gesungen hatte. Ich weiß auch nicht, wie ich jetzt darauf komme.“

„Kannst du es mir beibringen? Ich finde es schön.“

„Klar doch. Setz dich.“

Andreas spielte das Lied Carsten mehrmals vor und dann gemeinsam. Andreas wunderte sich nicht mehr, schon nach wenigen Minuten spielte Carsten das Stück fehlerfrei. Und er interpretierte es fast so, wie es wohl seine eigene Mutter mal gespielt hätte. Andreas fragte sich im Stillen, was diese beiden Menschen in seinem Leben verbindet. Es gab für ihn nur eine Antwort: Liebe.

„Sag mal Carsten, was steht morgen... Sorry heute an?“

„Nicht viel. Nach dem Mittagessen werden die Sachen gepackt und am frühen Abend geht es zurück ins Internat. Papa bringt uns zurück.“

„Hast du noch etwas Bestimmtes vor gehabt?“

„Nein, aber das Wochenende kam mir diesmal so kurz vor!“

„Kein Wunder, mir scheint du fühlst dich hier wohl.“

„Das tu’ ich. Aber langsam fallen mir die Augen zu.“

„Dann sollten wir hoch. Ich lasse nur noch die Hunde mal raus und schließe dann ab.“

Kapitel XVI. Erinnerungen

Montagnachmittag blödelten Andreas und Carsten im kleinen Musikraum herum. Soll heißen, sie saßen an den beiden Klavieren und spielten im Wettstreit. Herr Kramer kam wie immer etwas später zu Carstens Unterricht. Er wunderte sich, dass Andreas heute selber am Klavier saß und spielte.

„Wie ich sehe, macht es euch beiden Spaß die Instrumente zu malträtieren.“

„Hallo Herr Professor. Na so schlimm sind wir doch nicht. Hat es ihnen nicht gefallen?“

„Das ist ja das Übel daran: es hat mir sehr gut gefallen. Ihr solltet mal in Erwägung ziehen vierhändig zu spielen.“

„Nein, dazu bin ich wirklich nicht gut genug, Herr Kramer.“

„Das zu beurteilen überlasse mal mir, mein Junge. Rutsch mal zur Seite.“

Andreas tat wie ihm geheißen. Herr Kramer setzte sich neben ihm und spielte eine kleine Melodie. Er forderte Andreas auf, das Thema zu übernehmen. Für ihn war es nicht sonderlich schwer. Carsten wusste was kommen würde. Herr Kramer testete so seine Schüler: Zunächst ließ er eine kleine Melodie spielen. Wenn der Kandidat diese sicher spielte, fing er selber an ihn mit einer disharmonische Improvisation zu begleiten. Es hörte sich immer schräg an. Die meisten Schüler brechen dann ab, weil sie einfach durcheinander kommen. Andreas hielt sich gut. Herr Kramer endete nach einigen Wiederholungen.

„Gut Andreas, das war doch dein Name? Warte einen Augenblick, hier habe ich Noten, spiele die, bitte!“

Andreas stellte sie vor sich auf. Herr Kramer stand auf und machte Platz. Andreas begann vom Blatt zu spielen. Es wurde still im Raum. Die anwesenden hörten gespannt zu. Als Andreas endigte, drehte er sich zu dem Lehrer um. Gedankenverloren stand dieser am Fenster. Es verging einige Zeit, bevor er etwas sagte.

„Seltsam, Andreas. Ich musste gerade an eine ehemalige Schülerin von mir denken. Vor rund zwanzig Jahren hatte ich eine Studentin Klavierunterricht erteilt, die an manchen Stellen die gleiche Interpretation machte wie du jetzt. Sehr seltsam. Bei wem hast du spielen gelernt?“

„Bei meiner Mutter, ich glaube ich war gerade fünf oder sechs Jahre alt.“

„Wie hieß sie nur? Bondaz. Ja, Francesca Carina Bondaz. Eine italienische Austauschstudentin. Sie studierte Sprachen und nahm nebenher Klavierunterricht. Was aus ihr geworden ist?“

„Das ist der Mädchenname meiner Mutter. Francesca Carina Zahradník, geborene Bondaz.“

„Wie klein die Welt doch ist. Was macht sie?“

„Sie ist vor acht Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.“

„Oh, entschuldige, Andreas. Ich möchte nicht in alte Wunden rühren.“

„Schon okay.“

„Sie hat dir viel beigebracht. Auch die kleinen Feinheiten. Willst du nicht wie Carsten Musik studieren?“

„Nein, ich würde nur aus Vergnügen spielen. Ich möchte wie mein Vater Landschaftsarchitekt werden. Das liegt mir mehr.“

„Gut, wenn du möchtest kannst du bei mir Unterricht nehmen.“

„Ich glaube nicht, dass ich ihn mir leisten kann.“

„Ich denke für Francesca kann ich eine Ausnahme machen. Sagen wir Dienstagnachmittags um sechs Uhr? Dafür müsstest du wirklich mal mit Carsten zusammen spielen.“

„Wenn sie meinen. Ich bin damit einverstanden. Aber erst ab nächste Woche. Diese steht im Zeichen des Jubiläums.“

„Das ist ein gutes Stichwort. Carsten wir müssen diese und nächste Woche alle weiteren Einheiten ausfallen lassen. Ich bin kurzfristig zu einem Kongress nach Berlin eingeladen worden.“

„Dann sind sie zum Jubiläumskonzert nicht da?“

„Nein, auch nicht zu den ersten beiden Aufführungen des Musicals. Ich schaue mir die letzte, am Dienstag vor den Ferien an. Die Karten habe ich mir schon reservieren lassen. Falls du fragen hast, Herr Walz kann dir auch helfen.“

„Dann soll es so sein. Darf ich ihnen dennoch meinen ersten Entwurf für den Klavierabend geben? Ich habe ihn gestern zusammengestellt und würde gerne ihre Meinung dazu hören.“

„Ich nehme ihn mit und teile dir meine Notizen per E-Mail mit. Geht das in Ordnung?“

„Sicher doch. Vorerst habe ich genug zu tun. Es sind alles Kompositionen, welche ich schon einmal gespielt habe.“

„Aha, dann reicht es ja, wenn wir nach den Ferien damit anfangen. So Jungs, ich mach mich von dannen.“

„Auf Wiedersehen.“

„Sag einmal Carsten, hast du diesen Test auch gemacht?“

„Ja, meine Melodie war ‚Es tanzt ein Bibabutzemann...‘ Herr Kramer fing an und es war wirklich grausam für mein zartes Gehör.“

„Und dann hast du...?“

„Nö, im Gegenteil. Nach einem Durchlauf habe ich die Melodie an seine Improvisation angepasst. Das war es – der Professor brach ab. Damals sagte er mir, dass ich der Erste gewesen sei, der diese Lösung gewählt hat.“

Lachend alberten die Jungs noch etwas an den Klavieren herum. Später trennten sich ihre Wege. Andreas wollte noch etwas für sein Projekt tun und Carsten ging mit Max zum Spielen raus. Am Abend hätte er dafür keine Zeit. Auf Carstens Terminplan stand noch eine Gesangsprobe mit den Darstellern des Musicals. Dafür hatte er sich den großen Musikraum reservieren lassen. Max sollte dann bei Andreas bleiben.

Auf der Wiese spielten sie mit einem Frisbee. Carsten warf das Spielzeug in die Gegend und Max brachte es zurück, darauf wartend wieder dem runden Ding hinterher zu laufen. Sie ließen sich auch nicht von ihrem Treiben unterbrechen, als die ersten feinen Flocken fielen. Erst als Max keine Lust mehr hatte und den Frisbee nicht mehr hergeben wollte, gingen sie ins Haus zurück.

„Na hat dich der Schnee hineingetrieben?“

„Nicht im geringsten Christiane. Max hat sich ausgetobt und bevor sie sich irgendwo hinlegt, gehe ich lieber hinein.“

„Ah ja. So die letzte Ausgabe der JHP ist in Druck gegangen. Für dieses Jahr ist Feierabend.“

„Nicht ganz. Du weißt doch die Jahresbilanz steht noch aus. Frau Melchor hat mir eine Mail geschrieben und um einen Termin gebeten.“

„Donnerstagmorgen könnten wir doch. Da haben wir eine Freistunde, Maria hat da auch Zeit.“

„Gut, dann Donnerstagmorgen. Kommst du abends zur Generalprobe?“

„Nein, Mario hat mich zum Essen mit seinen Eltern eingeladen. Wir werden uns die Dienstags-Vorstellung ansehen. Die Vorfeldkritiken sind positiv, da hat sich die Sieben wirklich mal etwas ausgedacht. Bin mal gespannt.“

„Das darfst du auch ruhig sein. So ich muss los, bis zum Abendessen Christiane.“

„Bis später, Carsten.“

Die Gesangsprobe dauerte lange. Obwohl alle Beteiligten nicht nur motiviert, sondern trotz der fortgeschrittenen Zeit, auch hoch konzentriert waren, verlief nicht alles reibungslos. Nach anderthalb Stunden war die Luft raus. Gemeinsam gingen sie in den Freizeitraum hinüber.

„Sage einmal Carsten, glaubst du das wird ein Erfolg?“

„Unbedingt Michael. Das Orchester hat schwer geprobt, die Sängerinnen und Sänger sind fit. Außerdem sind alle drei Vorstellungen ausgebucht. Keine Karten mehr verfügbar.“

„Ich bin mir nicht mehr so sicher.“

„Für Zweifel ist es jetzt eh zu spät.“

„Da hast du Recht.“

„Wenn du möchtest machen wir noch zwei Zusatzproben. Mehr ist nicht drin.“

„Guter Vorschlag, doch ich denke das geht auch ohne. Falls wir am Montag noch Probleme haben, könnten wir darüber noch einmal reden.“

„Gut. So ich möchte mich jetzt lang machen. Ich wünsche eine gute Nacht.“

„Endlich, Carsten. Ich glaube mit Max stimmt etwas nicht.“

„Wie kommst du darauf?“

„Sie niest hin und wieder.“

„Hört sich nach einer Erkältung an. Dann lass uns mal Fieber messen. Hilfst du mir?“

Carsten entnahm seinem Schreibtisch eine kleine Kiste aus Holz. Darin befanden sich ein spezielles Digitalthermometer und weitere Utensilien. Anschließend ging er zu seinem Schrank, holte eine Decke hervor und legte sie über sein Bett. Dann ließ er Max darauf springen. Er selber zog sich Latexhandschuhe an. Andreas hielt Max fest und streichelte ihr über den Kopf, dabei beobachtete er wie Carsten den Schweif der Hündin anhob. Mit der einen Hand tastete er den Hund ab und führte das Thermometer ihr rektal ein. Dabei sprach er beruhigend auf Max ein. Kurze Zeit später entfernte er das Messinstrument und drückte eine Taste. Der Messwert wurde mit einer blechernen Stimme angesagt.

„Erhöhte Temperatur, noch kein Grund zur Besorgnis, Andreas. Schau mal bitte in die Kiste. Darin müsste sich noch eine Packung Erkältungsmittel befinden.“

„Hier bitte.“

„Danke.“

Carsten zog sich die Handschuhe aus, nachdem er das Thermometer mit einem Papiertaschentuch wieder gereinigt hatte und warf sie in den Müll. Dann holte er ein Hundekuchen hervor und präparierte eine Kapsel hinein. Anschließend gab er ihn Max zu fressen. Sie trollte sich wieder auf ihren Platz. Carsten entfernte die Decke vom Bett. Den Wassernapf füllte er frisch auf und stellte ihn in Max Nähe. Zuletzt packte er das Instrument und die Medikamente wieder in die Kiste und verstaute diese in seinem Schreibtisch.

„Machst du das öfters?“

„Nicht sehr oft, ein-, zweimal im Jahr. Papa besteht aber darauf, dass ich so etwas kann.“

„Und das Medikament?“

„Ist ein einfaches Mittel, vor allem sorgt es dafür, das ihre Nase feucht bleibt. Genauso wie das Wasser. Sie wird instinktiv viel trinken. Morgen bekommt sie noch einmal zwei Kapseln. Am Abend wiederholen wir die ganze Prozedur. Steigt die Temperatur holt Papa sie ab, ansonsten bleibt sie hier.“

„Hast du keine Angst, das es was Schlimmes ist?“

„Dann hätte Max schon Radau gemacht. Nein, noch ist es harmlos. Und das Medikament hat Papa mir mitgegeben. Er hatte mir am Samstagmorgen schon angedeutet, dass Max etwas ausbrütet. Wollte aber warten ob sich die Natur nicht selber hilft.“

„Um deine Ruhe beneide ich dich!“

„Rennst du wegen jedem kleinen Wehwehchen zum Arzt? Wahrscheinlich nicht. Warum sollte ich also die Pferde scheu machen. Warten wir doch ab wie es sich entwickelt. Es kann aber sein, dass sie heute Nacht vor die Tür muss. So ich gehe jetzt auch ins Bett. War ein langer Tag.“

„Wie war die Probe?“

„Wir sind zwar nicht soweit gekommen, wie ich es mir gewünscht hätte, doch das was wir gemacht haben sitzt. Jetzt liegt es an Michael die Synchronisation mit der Choreographie hinzubekommen. Wahrscheinlich machen wir nächste Woche zwei gemeinsame Proben im Gemeindezentrum. Die Technik hat heute schon angefangen alles dort aufzubauen.“

„Und die Sieben kümmert sich um alles?“

„Nicht ganz, Michael hat in der Abiklasse um Hilfe gebeten. Die Bühnendeko und Technik obliegen ihnen. Dr. Neubert hatte ein Einsehen, das die Klasse sich auch beim Jubiläum zurückhält. Sie hat nur für den Elterntag etwas vorbereitet. Den Rest des Musicals organisieren sie. Werbung, das Gemeindezentrum anmieten etc. Du darfst nicht vergessen, dass ein Teil der Klasse ja auch am Wochenende beim Konzert mitmacht.“

Während des Gesprächs hatte sich Carsten umgezogen. Bevor er sich hinlegte, ging er noch einmal zu Max hinüber und strich ihr sanft über den Kopf. Andreas löschte das Licht, nachdem er die Heizung abdrehte und das Fenster einen Spalt öffnete.

Kapitel XVII. Jubiläumsbesuch

Max hatte sich wirklich nur leicht erkältet. Carsten ging zweimal am Tag mit ihr kurz raus in den Schnee, ansonsten hütete sie freiwillig ihre Decke. Solche pflegeleichten Patienten wünschen sich wohl viele Ärzte. Carstens Vater kam zwischendurch doch mal nach ihr sehen. Gab ihr eine Spritze und eine Pflegeanweisung für die Jungen. Auch die Medikation änderte sich. Zum Wochenende hin hatte sie schon wieder einen guten Appetit und war nur schwer im Haus zu halten. Am Freitagnachmittag durfte sie dann das erste Mal wieder länger im Schnee toben. Andreas begleitete die beiden auf ihrer Nachmittagsrunde. Beide ließen sie Schneebälle hinterher jagen. Andreas sah, dass es ihr sichtlich Freude machte. Hin und wieder stürmte sie mit Schneebedeckter Schnauze auf Carsten zu. Einmal war der Junge davon so überrascht, dass er rücklings in den weichen Schnee fiel. Dann wälzten sie sich etwas und sahen danach eher wie Schneefiguren als Lebewesen aus. Aber sie hatten ihren Spaß und Carsten freute sich. Andreas half seinen Freund sich von dem Schnee zu befreien. Was für Max viel einfacher war, sie schüttelte sich lediglich.

„Wie war das heute Abend, weiß oder schwarz?“

„Weißes Hemd, dunkler Blazer, Hose und Krawatte.“

„Und Morgenabend zum Ball?“

„Dunkles Hemd und Hose, heller Blazer und Fliege. Tanzschuhe!“

„Ich glaube ich werde es nie kapieren.“

„Solange du mich fragen kannst auch kein Problem, Andreas.“

„Kannst du tanzen?“

„Natürlich, du nicht?“

„Nicht richtig, Oma hat mir mal einen Tanzkurs spendiert. Ist aber nicht viel hängen geblieben.“

„Das wird schon werden. Einmal richtig gelernt, kommt es wieder. Max bei Fuß! Komm, wir sollten wieder rein, Max war für heute lange genug draußen. Bevor wir uns schlafen legen, gehe ich mit ihr noch einmal ums Haus.“

„Kommt sie mit auf den Empfang?“

„Ich denke schon, aber das entscheide ich später. Wenn da viel geraucht wird...“

„Da kann ich dich beruhigen, es gilt ein Rauchverbot im Haus. Order vom Direx. Das hat mir Frau Schmitt gesagt."

„Dann spricht eigentlich nichts dagegen, dass sie mitkommt. Kannst du während des Konzertes auf sie acht geben?“

„Liebend gern.“

„Danke, Andreas.“

Die Jungen gingen hinauf in ihr Zimmer. Bereiteten alles für den Abend vor. Andreas sah sich Carsten in Anzug an. Egal was sein Zimmergenosse auch anzog, er machte immer eine gute Figur. Andreas beneidete ihn im Stillen darum. Er selber fühlte sich nicht so Wohl in diesem Outfit, aber er ließ es über sich ergehen. Um Sieben ging Carsten in die Küche, um die Abendration für Max zu holen. Da schon alles für ein kaltes Buffet vorbereitet war, durfte Max im Zimmer fressen. Den leeren Napf würde er später wieder in der Küche abgeben. Pünktlich um halb Acht fand sich das Orchester in der Aula des Internats ein. Konzertbeginn war eine halbe Stunde später. Carsten setzte sich an den Konzertflügel und spielte sich etwas warm. Das Programm sah zwei Kompositionen vor, zu Beginn eine Overture von Hector Berlioz, da konnte sich Carsten ausruhen. Danach folgten zwei Ansprachen. Zunächst sprach Dr. Neubert und anschließend ein Vertreter der Gärtner – Stiftung. Das zweite Stück war eine Komposition von Robert Schumann. Ein Wunsch von Dr. Neubert.

Andreas blieb bis kurz vor Acht bei Max auf dem Zimmer. Dann befestigte er Carstens Blindengeschirr an Max und ging mit ihr in die Aula. Lehrer und Gäste hatten sich schon eingefunden. Die Schüler verteilten sich unter ihnen. Andreas suchte sich einen Platz neben der Tür, falls Max musste konnte er ohne Aufsehen den Saal verlassen. Punkt Acht erschien Herr Walz auf dem Dirigentenpodium. Nachdem der Applaus verebbte begann das Orchester zu spielen. Andreas sah Carsten verlassen an seinem Instrument sitzen. Viel brauchte er nicht zu spielen. Er selber fand das Stück ‚langweilig‘. Dann folgte die Ansprache des Institutsleiters. Dr. Neubert fasste sich wie immer kurz. Ein paar Pointen in seiner Rede lockerten die Atmosphäre. Dann bat der Direktor den Vertreter der Gärtner– Stiftung auf das Rednerpult.

„Hallo Andreas, das hättest du nicht gedacht, dass Thomas spricht.“

„Hallo Hans, nein. Ich dachte Herr Johansson spricht für die Stiftung.“

„Wollte er ja, doch Olaf musste in einer Gerichtssache nach Österreich. Da bat er Thomas für ihn einzuspringen. Und als Enkel des Stiftungsgründers ist er wohl dafür prädestiniert. Ich denke wir sollten unser Gespräch auf nachher verlegen. Komm nachher einfach zu uns.“

„Okay, bis später.“

Andreas hatte wirklich nicht damit gerechnet, Thomas und seinen Lebensgefährte Hans hier anzutreffen. Positive Überraschungen waren ihm immer Willkommen. Thomas Gärtner, welch ein Zufall.

„... da mein Großvater – der Stiftungsgründer – keine langen Reden mochte. Ich fühle mich dieser Tradition verpflichtet und habe nun die Ehre das zweite Stück anzukündigen. Ich habe es mir aufgeschrieben, da ich in diesem Bereich nicht so bewandert bin. Seien sie bitte nachsichtig mit mir. Unter der Leitung von Herr Dr. Ignaz Walz, spielt das Johann Heinrich Pestalozzi Schüler Orchester das Konzert für Klavier und Orchester in a Moll von Robert Schumann. Der Pianist des heutigen Abend: Herr Carsten von Feldbach. Ich wünsche ihnen eine gute Unterhaltung.“

Applaus setzte ein, während Thomas sich zu seinem Platz begab. Auf der Bühne wurde das Rednerpult entfernt und der Dirigent betrat wieder sein Podium. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, klopfte der Musiklehrer mit seinem Stab zwei Takte auf den hölzernen Notenständer vor. Dann setzten das Orchester und Carsten ein.

Die Kompositionen der Familie Schumann waren in den letzten Wochen Bestandteil des Musikunterrichtes. Andreas, der wahrlich kein großer Fan dieses Musikstils war, hörte dennoch aufmerksam zu. Nicht minder gespannt wie der Rest des Saals. Was da geboten wurde, musste sich nicht hinter einem renommierten Orchester oder einem berühmten Pianisten verstecken. So sahen es wohl auch alle anderen Zuhörer.

Nachdem vom dritten Satz der letzte Ton verklungen war, herrschte ein Moment absolute Stille. Dann brach der Applaus los. Standing Ovation. Carsten wie auch das Orchester standen auf und verbeugten sich mehrmals. Sie wurden noch zu zwei Zugaben aufgefordert. Eine gab das Orchester, die Zweite gab Carsten im Solo. Danach ließ Andreas Max los. Sie lief zielstrebig auf die Bühne, direkt auf Carsten zu. Der freute sich und – obwohl er im Rampenlicht stand – knuddelte er sie. Herr Walz entließ die Schüler, die ihre Instrumente nahmen und sich gesittet von der Bühne entfernten. Carsten setzte sich noch einen Moment hin. In dem Trubel hätten die Beiden nur ihre Orientierung verloren.

„Andreas, ich habe gerade noch mit Thomas gesprochen. Bitte sage dem Pianisten, dass er ihn beim Empfang erwartet.“

„Gut Hans, aber warum sagt er es Carsten denn nicht selber?“

„Schau doch mal, als Enkel des Stifters und Vertreter des Vorstandes hat er seine (leidigen) Verpflichtungen. Die haben sich wie die Hyänen auf ihn gestürzt.“

Andreas schaute in die von Hans gedeutet Richtung. Thomas wurde von den unterschiedlichsten Leuten eingekreist. Zu beneiden war er nicht. Vor allem deswegen nicht, weil eine ältere überschminkte Dame ihm nicht von der Seite wich. Andreas grinste Hans an. Der schelmisch zurück.

Hans gesellte sich zu seinem Mann und Andreas zu seinen Freund, der noch immer an dem großen Flügel saß. Max hatte ihren Kopf auf sein Bein gelegt und ließ sich von ihm streicheln. Als Andreas bei ihm war, stand er auf. Spontan umarmte Andreas ihn und klopfte Carsten auf die Schulter. Der Junge ließ es geschehen und freute sich über diese kleine Geste.

„Ich gehe mal davon aus, dass es dir gefallen hat?“

„Carsten, du warst spitze.“

„Danke, Andreas.“

„Jetzt sei mal nicht so. Ich glaube selbst wenn Sviatoslav Richter noch leben würde, hätte er seine helle Freude an diesem Konzert gehabt. An dir.“

„Du übertreibst und woher kennst du ihn überhaupt?“

„Ehm, Sorry, ich hatte vor kurzem in deiner CD Sammlung gewühlt. Ich wollte doch wissen worum es sich bei diesem Konzert handelt. Da ist mir seine CD untergekommen. Entschuldige, dass ich da ohne Fragen...“

„Wenn ich sie nicht suchen muss sei dir vergeben. Hat es dir denn gefallen? Ich meine dein Ding ist es ja nicht.“

„Machst du Witze? Ihr – nein – du hast allen hier oben die Show gestohlen. Ich fand dich super und es hat mich fast vom Hocker geworfen. Vielleicht drücke ich mich jetzt ein wenig umständlich aus, doch ihr habt hier ein klassisches Rockkonzert gegeben.“

„Dann bin ich ja beruhigt. Schön das es dich erreicht hat. Übrigens die Aufnahme von Martha Argerich ist auch nicht ohne. Was meinst du, Andreas, Essen gehen oder Zimmer?.“

„Keines von beiden, zunächst jedenfalls nicht. Thomas Gärtner möchte dich sprechen. Danach bin ich für Essen, habe einen Mordshunger.“

„Dann sollten wir los, aber erst müssen wir raus – Max.“

„Soviel Zeit haben wir, Max geht vor.“

In ihren Anzügen gingen die Beiden vor die Tür in die winterliche frische Luft. Carsten ließ die Retriverhündin laufen. Nach wenigen Minuten kam sie wieder und wirkte auf Carsten frisch und munter. Anschließend schlenderten sie zu dem offiziellen Empfang. In dem großen Speisesaal mischten sich nur wenige Schüler unter die Gäste. Überwiegend die Klassensprecher und die höheren Klassen. Als Carsten, Max und Andreas den Raum betraten, zogen sie die Aufmerksamkeit auf sich. Weniger weil Carsten anwesend war, vielmehr vernahmen sie Gemurmel wegen dem Hund. Als sei so ein Tier etwas Außergewöhnliches! Das bekamen auch Dr. Neubert, Thomas und Herr Walz mit. Herr Neubert informierte Thomas kurz über Carsten. Dieser entschuldigte sich höflichst bei seiner kleinen Gesprächsgruppe und schritt auf die beiden Jungs zu.

„Da ist ja der Star des Abends. Ich freue mich dich, Carsten und deine Begleiterin kennen zu lernen. Dr. Neubert sagte mir, ihr gehört zusammen?“

„Ja, Herr Gärtner. Max ist meine ständige Begleiterin.“

„Das mit dem Herrn Gärtner vergiss mal schnell wieder. Thomas angenehm. Ich muss wirklich sagen, sie ist eine schöne Hündin. Darf ich sie streicheln?“

„Nur zu Thomas, sie mag Aufmerksamkeiten. Ich hörte du wolltest mich sprechen?“

„Du hast mich vorhin mit deinem Spiel verzaubert. Und das, obwohl ich in dieser Hinsicht ein Kulturbanause bin. Mein Mann meinte das im Übrigen auch. Daher erlaube ich mir, euch beiden als mein Gast einzuladen.“

„Kann Andreas mit?“

„Herr Neubert geht das?“

„Ich denke es gibt keine Probleme, kommt Jungs. Tisch drei – wie immer!“

Gemeinsam gingen sie lachend zu ihren Plätzen. Während des Essens – Andreas versorgte Carsten mit entsprechenden kulinarischen Köstlichkeiten und Max mit einem Napf frischen Wassers – sprach Thomas überwiegend mit Carsten. Schnell merkte der Junge, die Absicht dahinter. Der Vorstand hatte vorgeschlagen ein Benefizkonzert mit Carsten und dem Orchester zu geben, Einzelheiten sollten am nächsten Tag besprochen werden. Carsten erfuhr, dass Thomas, Hans und Andreas sich schon länger kannten. Sie plauderten von alten Zeiten. Zwischenzeitlich unterhielten sich Carsten und Hans über Musik, Hans spielte Saxophon und kannte sich da etwas aus. Besonders weil beide ein Faible für Jazz hatten.

„Und du bist in die Stiftung eingestiegen Thomas?“

„Ja, Andreas. Nach dem Abitur habe ich ein Jurastudium begonnen und mittlerweile organisiere ich für Olaf einige Fälle. Dadurch bin ich auch in den Vorstand gerutscht. Ich kann dir sagen, es ist manchmal ein anstrengender Job. Aber was machst du so, wie geht es deinen Großeltern?“

„Oma plagt der Rheumatismus, aber ansonsten geht es ihr für ihre Lebensjahre recht gut. Gleiches gilt für Opa.“

„Ich habe gehört, du möchtest über Weihnachten im Internat bleiben?“

„So hatte der ursprüngliche Plan ausgesehen. Nun verweile ich die drei Wochen bei Carsten und seiner Familie. Zu Weihnachten holt sein Vater meine Großeltern aus der Kurklinik ab. So feiern wir die Festtage zusammen. Mehr ist dieses Jahr nicht drin.“

„Dann bin ich ja beruhigt, Andreas. Du weißt ja, dass du dich immer an Olaf oder mich wenden kannst.“

„Ja, Thomas, aber mir geht es hier wirklich gut. Habe Freunde. Sicherlich gibt es bei euch Fälle bei denen es nicht so rosig aussieht. Daher halte ich mich zurück.“

„Ich wollte dich nur daran erinnern.“

„Dafür danke ich dir auch.“

Die Zeit verging und nicht nur Max wurde müde. Dr. Neubert bemerkte, dass bei den Jungs die Luft raus war und entschuldigte sie. Dann schickte er seine Schützlinge auf ihr Zimmer. Carsten, Andreas und auch Max nahmen dankbar den ‚Befehl‘ entgegen, verabschiedeten sich von den Gästen und machten sich davon.

Die Internatsleitung hatte für Samstagvormittag kein spezielles Programm vorgesehen. Daher war es den Schülern gestattet auszuschlafen. Dennoch stand Carsten früh auf. Er zog sich seinen Freizeitanzug an und ging mit Max vor die Hintertür. In der Nacht hatte es wohl wieder geschneit und die neue Lage Schnee fühlte sich flockig leicht an. Carsten ging einige Schritte durch den Schnee. Max wuselte irgendwo herum. Er hörte ihre Bewegungen und hin und wieder bellte sie. Er formte einige Schneebälle und warf sie. Max versuchte sie zu fangen.

„Guten Morgen Carsten. Sieht richtig drollig aus, wie Max nach den Schneeball schnappt.“

„Guten Morgen Thomas, dazu kann ich mich nicht äußern. Aber es macht ihr hörbar viel Spaß.“

„Warum bist du denn schon auf, ich dachte ihr könnt euch heute Zeit lassen.“

„Wir ja, aber Max hat so ihre Bedürfnisse. Da muss ich drauf Rücksicht nehmen. Oder würdest du noch ruhig im Bett bleiben, wenn deine Blase vor dem Explodieren steht?“

„Wohl nicht. An so etwas denke ich natürlich nicht.“

„Warum bist du denn schon auf, bei euch ist es doch sicherlich noch später geworden!“

„Das schon, aber vorhin hat das Krankenhaus angerufen.“

„Jemand aus deiner Familie krank?“

„Nein, es handelt sich um etwas Organisatorisches. Eine kleine Gruppe stellt für die Kinderabteilung immer ein kleines Weihnachtsprogramm auf. Es gibt leider Kinder, welche die Feiertage nicht bei ihrer Familie daheim feiern können. Nun um es kurz zu machen. Wir hatten einen Clown arrangiert, der zwischen den Jahren auftreten sollte: Er hat gestern absagen müssen. Nun weiß ich nicht was ich da machen soll.“

„Ich habe da so ein Kribbeln im Kopf, aber lass uns hinein gehen, mir wird kalt.“

Ohne das Carsten etwas zu Max sagte, trottete die Hündin an. Im Haus trocknete Carsten ihr das Fell. Dann gingen beide in den Speisesaal und Carsten weiter bis in die Küche. Kurze Zeit später erschien er wieder.

„Tja, hier ist noch nichts los, Carsten.“

„Abwarten.“

„So Carsten, ich bringe dir den Kaffee. Frühstück gibt es erst ab halb Zehn Uhr.“

„Danke Daniel. Der Kaffee wärmt uns schon einmal auf.“

„Thomas, Guten Morgen.“

„Guten Morgen Daniel. Danke für den Kaffee.“

„Nach dem Konzert gestern? Da bin ich Carsten einiges schuldig. Mein Bruder wird sich schwarz ärgern, dass er dieses Highlight verpasst hat. Carsten, gibt es eigentlich CDs davon?“

„Das kann ich dir nicht sagen. Mikrofone waren ja wohl genug da. Frag doch mal Frau Schmitt oder den Walz! Könntest du Inge bitten, noch eine Schale Wasser für Max hinauszustellen?“

„Ich frage nachher mal Frau Schmitt und das Wasser kommt gleich. Wenn ihr fertig seid, sagt bitte in der Küche Bescheid, ja?“

„Machen wir.“

„So und nun was meintest du vorhin, mit dem ‚Kribbeln im Kopf‘?“

„Also, Thomas, ich finde die Idee nicht übel. Ich bin zwar kein Clown, aber wie wäre es mit einem Musiknachmittag? Ich könnte Papa bitten mich zum Krankenhaus zu fahren und wieder abzuholen. Wir nehmen mein Keyboard mit! Was meinst du?“

„Ist sehr nett von dir, doch wir brauchen einen Clown oder einen Zauberer. Wir haben es den Kindern versprochen.“

„Ich meinte ja auch nur. Soll ich mich mal umhören? Durch meine Redaktionsarbeit habe ich viele Kontakte im Netz, wann brauchst du ihn denn?“

„Zwei Tage vor Silvester.“

„Gut ich sage dir bescheid, kann ich dich wo erreichen?“

„Andreas hat meine Telefonnummer, geht das in Ordnung?“

„Klaro.“

„Wie schaffst du das eigentlich Carsten?“

„Was? Das mit meiner Blindheit?“

„Ja! Wie orientierst du dich?“

„Thomas beschreibe doch mal einen der Stühle hier!“

„Ich verstehe dich zwar nicht. Nun, der Stuhl hat eine nach außen gewölbte blaue Lehne und führt bis an die Rückseite der Sitzfläche. Die ist mit einem festen beigen Sitzkissen ausgestattet. Die Stuhlbeine sind in einem Trapez angeordnet, der Abstand der hinteren zueinander ist kleiner als der, der Vorderen. An sich macht er einen stabilen Eindruck.“

„Gut so. Und nun ich, ja? Die Holzlehne ist ca. 40 Zentimeter hoch und ist nach außen hin gebogen. Sie verjüngt sich etwas zur Sitzfläche und endet in deren hinteren Rundung. Die Sitzfläche ist leicht nach vorn geneigt und wird nach unten hin abgerundet. Die runden Beine sind seitlich und nach hinten hin miteinander verbunden. Der Stuhl ist aus leichtem Holz gefertigt. Merkst du etwas? Wir haben den gleichen Stuhl unterschiedlich beschrieben und doch sehr ähnlich. Wir beide haben eine dreidimensionale Vorstellung von dem Gegenstand und doch empfinden wir ihn anders. Du nimmst alles mit den Augen auf, ich dagegen durch tasten. Viele glauben, Blinde haben keine räumliche Vorstellung. Doch das stimmt nicht.“

„Ich beginne langsam zu verstehen. Du orientierst dich ganz anders als ich. Ist der Boden unter deinen Füßen uneben, würdest du es eher merken als ich. Sehr interessant. Und wie ist das mit dem Klavier?“

„Das ist ganz einfach. Zum einen kann ich den Tönen Tasten zuordnen und zum anderen sind unterhalb der Tasten des tiefen und hohen ‚C‘ Punkte als grobe Orientierung für mich. So ganz ohne kleine Hilfsmittel geht es bei mir eben doch nicht.“

Carsten grinste sein Gegenüber an. Da mittlerweile die Kaffeekanne leer war und der Geräuschepegel vor dem Speisesaal zunahm, machten sie sich wieder auf. Thomas sagte noch in der Küche Bescheid. Im Treppenhaus trennten sich ihre Wege.

Kapitel XVIII. Elterntag

Carsten betrat sein Zimmer recht leise. Seit einigen Tagen roch es nach frischem Nadelholz – leicht harzig. Es gefiel ihm. Andreas tat wirklich sehr viel, um es gemütlich zu machen und zu haben. Christiane fand auch, dass Andreas einen guten Geschmack hatte. Selbst ihren Adventskranz – ohne Wachskerzen – hatte er selbst gestaltet. Anstelle der Kerzen hatte Andreas welche aus Leuchtdioden gebastelt. Hundefreundlich!

Carsten lauschte einen Moment. Er hörte nichts, daher glaubte er Andreas schlafe noch. Er ging zu seinem Schrank und holte seine Duschutensilien hervor.

„Du musst nicht leise sein. Guten Morgen Carsten!“

„Guten Morgen Andreas, ich habe dich aber nicht geweckt?“

„Nein, ich habe nur noch etwas vor mich hingedöst. Du bist aber früh auf.“

„Max, Andreas. Sie musste raus und es ist letzte Nacht noch frischer Schnee gefallen. Du weißt doch...“

„Ja. Sie fühlt sich darin wohl.“

„Vielleicht solltest du aufstehen. Bald gibt es Frühstück. Ich gehe schon mal duschen.“

„Warte ich komme mit.“

Zu ihrer Verwunderung, war kaum Betrieb. Carsten nahm an einem der Waschbecken Platz. Holte seinen Elektrorasierer hervor und entfernte seinen Flaum im Gesicht. Andreas tat gleiches bei sich, nur in der nassen Version. Anschließend verschwanden sie unter den Duschen.

„Sch...“

„Was ist?“

„Carsten ich habe kein Shampoo mehr.“

„Du kannst von mir haben.“

Andreas wuselte um die Kabinenwand herum. Carsten hielt ihm das Besagte entgegen. Andreas streckte die Hand danach aus aber es sollte nicht sein. Unglücklich rutschte er ein wenig und in Panik vor einem schmerzhaften Sturz, hielt er sich an Carsten fest. Es ließ sich nicht vermeiden, dass ihre Körper sich berührten. Das warme Wasser, die Nähe... Andreas blickte in Carstens Augen. Ihm wurde anders zumute. Reflexartig umarmte Carsten ihn. Sie standen einen Moment regungslos da. Andreas genoss es. Ihm schien, dass es auch Carsten nicht ganz unangenehm war. Doch bevor er irgendwelche Sprüche hörte, trennte er sich wieder.

„Ist ja noch einmal gut gegangen.“

„Ja, danke dass du mich gehalten hast. Es hätte leicht etwas passieren können.“

„Gern geschehen. Ist denn nichts passiert?“

„Nein! Zumindest nichts was weh tun könnte.“

„Hier die Chemie. Wenn du fertig bist, lege sie bitte in meine Toilettentasche.“

Carsten hielt die Kunststoffflasche hoch. Andreas nahm sie an sich und wandte sich um. Gut, dass sie alleine waren. Andreas hätte seine Erregung leicht peinlich sein können. Während er sich so einschäumte, dachte er nach. Hatte Carsten sich überhaupt schon einmal über Homosexualität oder der gleichen geäußert? Andreas konnte sich nicht erinnern. Carstens Eltern hatten mal darüber gesprochen. Aber Carsten? Nein! Er hörte wie das Wasser in der Nachbarkabine abgedreht wurde. Ein Blick auf seine Hände zeigte ihm, dass es langsam Zeit wurde. Als er aus der Nische trat, stand Carsten schon fertig im Bademantel wieder am Waschbecken. Er versuchte seine – jetzt durch die Feuchtigkeit – dunkelblonden Haare irgendwie zu bändigen, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. Andreas bot ihm seine Hilfe an. Frisch gestriegelt und mit gebändigtem Haar betraten sie kurz darauf wieder ihr Zimmer.

„Sage einmal Carsten, gibt es außer Klassik noch andere Musik die du magst?“

„Sicher doch, ich dachte du hättest dir mal meine CD Sammlung angeschaut! Neben alten Werken mag ich auch Jazz und Blues.“

„Ja spielst du das denn auch?“

Anstelle einer Antwort, setzte Carsten sich an sein Keyboard und schaltete es ein. Dann begann er etwas Jazziges zu spielen. Wechselte über zu Boogie-Woogie und endete in einem sanften Blues. Weil dem noch nicht genug war, demonstrierte er noch ein wenig lateinamerikanische Rhythmen sowie europäische Tanzmusik.

„Schön, aber das hättest du mir auch sagen können.“

„Jazz und Blues spiele ich zur Entspannung. Außerdem lassen sie mir mehr Raum, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Da ist es in der klassischen Musik nicht ganz so einfach. Darum spiele ich so etwas auch mehr für mich und Max.“

„Aber du weißt, dass du gut darin bist?“

„Na ja, nicht gut genug um damit Geld zu verdienen. Aber es reicht für meine Verhältnisse. Übrigens, wir sollten uns langsam fürs Frühstück interessieren.“

Damit stand Carsten auf und zog sich seine legère Schulkleidung an. Bei den Temperaturen – obwohl das ganze Haus gut geheizt wurde – bestand diese aus einem Hemd, welches von einem Internatspullover verdeckt wurde, einer dunklen Jeans und entsprechenden Sportschuhen. So ausgestattet gingen sie in den Speisesaal. Nachdem sie sich mit einem üppigen Frühstück eingedeckt hatten, gesellten sie sich zu ihrem Teil der Klasse.

„Guten Morgen, alle zusammen!“

„Guten Morgen, ihr alleine.“

„Sag mal Britta, was haben wir eigentlich für den Elterntag vorbereitet?“

„Nichts Besonderes, Carsten. In der Klasse haben wir verschiedene Demos der medialen Einrichtung. Da wäre es auch gut, wenn du deinen Platz zur Verfügung stellst. Mit Braillezeile und einem Demotext et cetera. Marion macht einige chemische Experimente im Chemiesaal. Dieter, Felix und Jessica haben einige physikalische Spielereien aufgebaut. Ralph und meine Wenigkeit sind im Biokabinett vertreten.“

„Das mit meinem Platz mache ich gleich nach dem Frühstück. Sorry dass alle Arbeit an euch hängen bleibt!“

„Du bist gut, Carsten. Also ob du nicht schon genug um die Ohren hast. Der Vorschlag, dich außen vor zu lassen, kam vom Klassensprecher und wurde von der Gemeinschaft akzeptiert.“

„Und was ist mit mir? Ich bin neu in der Klasse und ihr habt mich ebenfalls nicht mit einbezogen.“

„Wenn du es genau wissen möchtest, Christiane war auch nicht dabei. Andreas, du hattest den Garten und das Journal. Das honoriert die Klasse und wenn ich richtig informiert bin, gibt es ein Ausstellungsmodell von deinem Gartenprojekt. Das hast du auch nicht eben zwischen den Türangeln angefertigt. Entspann dich, keiner wird es dir Übel nehmen.“

„Was blieb mir denn anderes übrig? Man sieht draußen noch nicht viel davon...“

„Das wusste ich nun wieder nicht, wann hattest du denn Zeit dafür?“

„Das werde ich dir nicht auf die Nase binden, mein Lieber Carsten.“

Carsten streckte Andreas die Zunge entgegen. Dann wurde es Zeit die letzten Vorbereitungen abzuschließen. Mit Max ging Carsten hinüber in seine Klasse und präparierte seinen Platz für die Besucher. Er wählte ein kleines Programm, wo die Leute einen Text eingeben konnten und dieser dann in Braille auf das Paneel übertragen wurde.

Andreas ging währenddessen in die Eingangshalle hinüber. Dort waren die unterschiedlichsten Modelle ausgestellt. Er ging zu seinem hinüber. Das Modell seines Projektes war völlig aus Holz gefertigt, so konnte es problemlos berührt werden. Bis ins kleinste Detail entsprach es dem großen Pendant vor dem Haus. Eine Tafel gab Informationen zu dem Projekt preis und an einer Pinstellwand waren seine Skizzen dazu. Alles in Allem steckte viel Arbeit darin und es gab Andreas eine gewisse Befriedigung.

Carstens Familie traf am frühen Nachmittag ein. Zusammen mit Andreas sahen sie sich alles an. Mal erklärte Carsten etwas, dann wieder Andreas. Paul interessierte sich für die Experimente in den Naturwissenschaften, Luise war von Andreas’ Projekt sehr angetan. Selbst Ercan gefiel Andreas Werk, fand es aber bedauerlich, das er nicht das Original sehen konnte. Andreas erklärte ihm, das es jetzt sowie so nicht viel zu sehen gab: Der ‘Garten hält Winterschlaf ‘. Mit dieser Antwort gab sich der Dreikäsehoch zufrieden.

Zum Kaffee trennten sie sich. Luise, Ercan und Andreas gingen in den Speisesaal, wo Kaffee und Kuchen (natürlich auch Kakao) bereit standen. Paul ging mit Carsten und den Hunden eine Runde um den zugefrorenen See.

„Papa, was ist los? Hat es etwas mit Arco zu tun?“

„Wie kommst du darauf?“

„Na, Arco ist recht ruhig heute und Max ebenfalls.“

„Stimmt. Arco hatte heute Nacht einen Schwächeanfall. Ich habe ihm ein Stärkungsmittel gegeben. Carsten, Arco ist nicht mehr der Jüngste.“

„Das heißt Arco’s letzte Tage sind gekommen?“

„Sieht ganz so aus. Ich rechne damit, dass er jederzeit sterben kann.“

„Kannst du denn gar nichts für ihn tun?“

„Ich gebe ihm ein Stärkungsmittel, doch ab einen gewissen Punkt liegt es an ihm selber.“

Carsten ging in die Hocke und Arco kam auf ihn zu. Liebevoll knuddelte er seinen vierbeinigen Freund. Dann leckte der Hund Carsten die Hand. Max kam hinzu und Carsten wusste was nun zu tun ist.

„Papa, ich denke Max sollte bei ihm sein.“

„Brauchst du sie denn nicht?“

„Manchmal spiele ich nicht die erste Geige. Und ich bin es Arco schuldig. Ich kann hier nicht weg. Aber Max kann!“

„Gut Junge, es ist dein Wunsch. Arco wird sicherlich auf dich warten wollen.“

„Warten wir es ab. Sagst du mir Bescheid wenn es...“

„Darauf kannst du dich verlassen, Junge.“

Die kleine Gruppe ging noch eine Weile durch den Schnee. Die Hunde stoben durch den Schnee und Carsten fühlte, dass sie für diesen Moment sehr glücklich waren.

Andreas verabschiedete sich von den Gästen und ging zu seinem Ausstellungsstück zurück. Wenn er konnte, wollte er anderen Besuchern ihre Fragen beantworten.

Carsten begleitete seine Familie zum Auto. Dort entfernte er das Blindengeschirr von Max und ließ sie neben Arco in den Wagen steigen. Ein letztes Mal knuddelte er beide Hunde. Luise sah ihrem Sohn an, dass es ihm nicht leicht fiel. Doch helfen konnte sie ihm dabei nicht. Dann schloss sie die Wagentür. Der Junge umarmte noch einmal alle, bevor sie in dem Van davon fuhren. Carsten blieb noch eine Weile stehen.

„Komm ins Haus Carsten. Es ist zu kalt um hier Wurzeln zu schlagen.“

„Christiane, was machst du hier?“

„Auf einen Freund aufpassen. Arco ist recht alt und seine Tage sind gezählt. Max soll bei ihm bleiben. Du bist traurig. Das wäre ich an deiner Stelle auch. Ergo, brauchst du einen Freund der dir jetzt beisteht. Außerdem habe ich keinen Tanzpartner beim Ball, wenn du erfroren bist.“

Unwillkürlich musste Carsten lächeln. Christiane hatte ja recht. Aber er würde dennoch gerne in Arcos letzter Stunde bei ihm sein.

Beim Ball wurde es noch einmal richtig gemütlich. Die Aula des Internates war entsprechend einem Ballsaal hergerichtet worden. Die Tanzfläche wurde von Tischgruppen flankiert. Auf der Bühne stand eine Musikanlage, welche von einem Diskjockey bestückt wurde. Neben dem Eingang stand eine Auswahl an alkoholfreien Getränken. Daniel hatte sich sehr viel Mühe gegeben, Säfte und Fruchtcocktails zu kreieren. Sie sahen nicht nur exotisch aus, sondern manche schmeckten auch geheimnisvoll.

Der Ball wurde durch den Ehrenwalzer von Herrn Neubert und seiner Gattin eröffnet. Danach versuchten sich die Anwesenden mehr oder weniger elegant im Tanzen. Andreas hielt sich tapfer und entgegen seiner Befürchtung hatte er doch nicht allzu viel verlernt.

„Und wie macht sich Andreas?“

„Er tanzt gut, Carsten. Aber du bist besser, komm lass uns noch eine Runde drehen.“

„Danach machen wir aber eine Pause ja? Ich brauch mal etwas Erfrischendes!“

„Einverstanden, mein Herr.“

Lachend gesellte sich Carsten geführt von Christiane auf die Tanzfläche.

„Britta ich brauch jetzt eine Pause.“

„Okay. Komm gehen wir.“

Gemeinsam gingen sie zu ihrem Platz. Ganz Gentleman besorgte Andreas Getränke.

„Schau dir mal Carsten und Christiane dort an. Sie schweben fast über das Parkett.“

„Stimmt, sieht echt elegant aus. Hier bitte. Wo ist eigentlich Ralph?“

„Der ist ein absoluter Tanzmuffel, außerdem ist er noch mit seinen Eltern Unterwegs.“

„Er sieht seine Eltern nicht oft?“

„Nee, wirklich nicht. Seine Eltern wohnen oben an der dänischen Grenze.“

„Und wie ist er hier hergekommen?“

„Das soll er dir lieber selber erzählen, es ist sehr persönlich.“

„Entschuldige bitte.“

„Schon gut. Anderes Thema, du magst Carsten sehr, stimmt es?“

„Nein, wie kommst du darauf?“

„Du bekommst so ein süffisantes Lächeln wenn ihr zusammen seid! Und alle Mädchen lässt du hier abblitzen.“

„Wir sind halt gute Freunde...“

„Schwache Ausrede, komm gehen wir ein wenig an die frische Luft.“

Britta führte Andreas hinaus zum Haupteingang, vor dem verschneiten Rondell blieben sie stehen.

„Ich habe mir heute dein Modell angeschaut. Eines muss ich dir sagen, es scheint schön zu werden. Du hast ein Händchen für Gartengestaltung!“

„Vieles hat mir mein Vater beigebracht. Aber es gehört auch ein wenig Gefühl für Pflanzen und Natur dazu.“

„Dem stimme ich zu. Gefühl ist auch mein Stichwort. Andreas, es ist mir egal ob du etwas für Jungen empfindest oder nicht. Wenn es sein sollte dass Carsten und du eventuell... Na, vielleicht irre ich mich ja auch...“

„Nein, Britta. Tust du nicht. Ich habe Carsten wirklich sehr gern. Bitte behalte es aber für dich.“

„Auf deiner alten Schule gab es wegen deiner Lebensweise Stress?“

„Und frage nicht nach Sonnenschein. Als es bekannt wurde, stand ich plötzlich allein da. Von meinen sogenannten guten Freunden war weit und breit keiner mehr zu sehen. Ich habe Angst, dass mir hier ähnliches passieren könnte. Darauf habe ich absolut keine Lust.“

„Du hast hier Freunde. Meine Wenigkeit, Ralph, Christiane und Carsten. Und ich kann dich beruhigen, von mir wird es keiner erfahren.“

„Danke Britta.“

„Nun lass uns aber wieder hinein gehen, sonst fängt die Gerüchteküche an zu kochen. Und Ralph kann sehr eifersüchtig sein.“

„Oh, das weiß ich schon. Ich habe ihm hochheilig versprechen müssen, nicht mit dir zu flirten.“

„Das sieht ihm ähnlich...“

Der Abend klang gemütlich aus. Nach dem Ball gingen die Jugendlichen noch auf Andreas und Carstens Zimmer. Wie Ralph eine Flasche Wein ins Internat schmuggeln konnte, wusste niemand so recht. Doch spendete er sie, die Clique trank diesen – standesgemäß – aus Wassergläsern. Weit nach Mitternacht verzogen sie sich auf ihre Quartiere. Carsten lag schon im Bett, als Andreas sich noch einmal kurz zu ihm auf die Bettkante setzte. Wie zufällig legte er seine Hand auf dessen Schulter.

„Carsten, Christiane hat mich über Arco und Max informiert. Wenn ich dir helfen kann, dann sag es einfach.“

„Danke, Andreas. Arco braucht Max dringender als ich. Die letzten paar Tage werde ich mit eurer Hilfe schon überstehen. Vielleicht hört sich das jetzt etwas gemein an. Aber ich hoffe, das die anstehenden Aktionen mich von den beiden Ablenken.“

„Es ist nicht gemein, sondern irgendwo menschlich. Du liebst doch die beiden, und einige hier im Internat dich. Gute Nacht.“

„Angenehme Träume, Andreas.“

Andreas stand auf, öffnete ein Fenster und verzog sich in sein Bett.

Kapitel XIX. Das Weihnachtsmusical

Michael begleitete Carsten zu der Generalprobe ins Gemeindezentrum. Unterwegs sprachen sie noch einmal das Spektakel durch. Wer auf die Idee gekommen ist, das ‚Ein Weihnachtslied‘ von Charles Dickens als Musical zu gestalten konnte keiner mehr so richtig sagen. Es war einfach da. Mit der Sieben hatten Carsten und Herr Kramer an den einzelnen Musik- und Gesangsstücken gebastelt bis alles passte. Als Vorlage diente die Weihnachtsstory der Muppets. Parallel dazu machte die Dreizehn die Bühnendekoration und die Technik unter Michaels Regieanweisung.

„Und bist du nervös Michael?“

„Du etwa nicht?“

„Nein, warum sollte ich? Wir haben jetzt drei Monate lang geprobt. Was soll passieren?“

„Na die Technik könnte ausfallen. Die Sänger erkältet und so weiter, und so weiter.“

„Darum machen wir doch diese Probe. Heute wird sich zeigen ob alles stimmt. Wenn etwas schief geht, können wir noch reagieren. Morgen zur Aufführung, da werden so einige Lampenfieber haben.“

„Irgendwo hast du recht, warum die Pferde heute scheu machen. Wie geht es deinen Hunden?“

„Denen geht es recht gut. Arco genießt – laut meinem Vater – Max Anwesenheit. Er hat sich etwas erholt.“

„Das freut mich, für dich und die Hunde. So da sind wir.“

Im Gemeindezentrum warteten sie schon auf die Beiden. Bevor es zur Sache ging, sprachen beide noch ein paar Worte zur Organisation. Den Ablauf hatten sie sich am Abend zuvor zurechtgelegt. So würde Michael erst einmal die ganze Technik in Augenschein nehmen. Jeder einzelne Scheinwerfer wurde, vom Schaltpult in der Regiekabine aus, überprüft. Danach folgte das Instrumentenstimmen des Orchesters. Carsten leitete unterdessen das Einsingen der Akteure in einem separaten Nebenraum. Nach einer Stunde war es dann soweit. Alles stand in den Startlöchern und wartete nur noch auf ein Zeichen.

Michael saß in der Regieloge. Vor ihm lagen alle seine Regienotizen und Anweisungen. Carsten stand vor dem kleinen Orchester. Im Gemeindezentrum wurde es ruhig. Der Saal wurde jetzt nur durch die schwache Beleuchtung im Orchestergraben erhellt. Carsten gab zwei Takte vor, das Musical begann.

Nach zwei Stunden gingen zwei zufriedene Schüler durch den Ort. Es hatte fast alles geklappt. Einzig ein Scheinwerfer ist auf der Strecke geblieben. Doch der Schaden konnte am nächsten Tag behoben werden.

„Michael, ich ziehe meinen Hut vor dir. Du hast wirklich gute Regiearbeit geleistet.“

„Na, ohne deine Hilfe hätte es nicht so gut hingehauen. Wie hast du es nur hinbekommen, dass die ganze Musik reibungslos zusammenspielte? Die Einsätze waren perfekt. Kein einziges Instrument oder Sänger hatte gepatzt.“

„Wir haben halt eine super disziplinierte Truppe zusammen gestellt. Ich bin jedenfalls zufrieden mit dem Ergebnis. Und der kaputte Scheinwerfer war obligatorisch. Etwas muss bei Generalproben schief gehen.“

„Darf ich dich noch auf etwas einladen?“

„Das wäre nicht gut Michael, ich habe allen für die nächsten Tage Enthaltsamkeit gepredigt, daran sollten wir uns auch halten.“

„Warum eigentlich?“

„Manche Lebensmittel wie Nüsse, Schokolade et cetera enthalten ätherische Öle. Diese legen sich oft auf die Stimmbänder, sie schwingen dann nicht mehr so ‚frei‘. Und Alkohol hat eine ähnliche Wirkung. Ich glaube das lernt ihr noch beim Walz.“

„Ich verstehe. Und was ziehen wir morgen an?“

„Die Musiker kommen im einfachen dunklen Outfit. Du und ich in der dunklen Galaausstattung. Das fände ich dem Anlass entsprechend. Zumal bei allen Aufführungen öffentliches Publikum anwesend sein dürfte. Wir repräsentieren das Internat.“

„Und, Carsten, hat alles geklappt?“

„Ja, Andreas. Das Musical steht zur Aufführung bereit!“

„Nichts Kaputtgegangen? Das ist ein schlechtes Omen.“

„Ein Scheinwerfer hat den Geist aufgegeben. Wird morgen repariert.“

„Dann ist ja alles in bester Ordnung. Ich bin mal gespannt.“

„Für wann hast du Karten bekommen?“

„Ich schau’ mir die Vorstellung zusammen mit Andrea und Mark am Sonntag an. Alle anderen sind ausverkauft. Gibt es was neues von Arco?“

„Nein, Andreas. Meine letzte Info lautet, den Hunden geht es gut.“

„Dir fehlt Max!“

„Nein.“

„Doch, du bist ein schlechter Schauspieler. Ich sehe es dir an. Du machst dir Sorgen und es ist verständlich. Pass auf dich auf, Carsten.“

„Wenn ich dir damit einen Gefallen tun kann.“

„Tust du. Und nun würde ich vorschlagen, dass du dich ins Bett verkrümelst. Morgen ist Premiere.“

„Ja, Oberaufseher...“

Das war ein Wort zuviel für Andreas. Der stürmte auf Carsten los und warf ihn auf sein Bett. Dann fing er an ihn durchzukitzeln. Nach einigen Minuten gab Carsten, nach Luft schnappend auf. Als Andreas bewusst wurde was er da tat, färbte sein Gesicht sich rot. Aber nicht nur er. Carstens Teint war nicht minder gefärbt. Wie konnte Andreas sich nur so gehen lassen?

Carsten war über diese Aktion erstaunt. Doch war er Andreas deswegen sicherlich nicht böse. Es tat ihm gut soviel gelacht und Andreas Nähe gespürt zu haben.

„Also Andreas, bis einschließlich Dienstag ist so eine Aktion verboten. Danach können wir noch einmal darüber sprechen.“

„Gut, aber wir sollten wirklich noch eine Mütze voll Schlaf nehmen.“

Diesmal enthielt sich Carsten eines Kommentars. Bald darauf löschte Andreas das Licht und es wurde ruhig im Zimmer.

Den ganzen Freitag wünschte irgendwer Carsten viel Glück für die Aufführung am Abend. Zu seinem Leidwesen, war diese weniger den Internatsschüler zugänglich, als viel mehr dem örtlichen Publikum. Der wichtigste Gast war wohl der Bürgermeister. Dafür bekamen sie auch das Gemeindezentrum mietfrei. Nach einem leichten Abendessen trafen sich alle Beteiligen. Wie bei der Generalprobe, machte Michael die Technikchecks und Carsten leitete das Einsingen. Dann war es soweit, die Overture, der Erzähler – welcher singend – durch die Geschichte leitete. Mr. Scrooge, der erste Weihnachtsgeist etc. Nach einer dreiviertel Stunde gab es eine kleine Pause. Die für Umbauten benutzt wurde. Die Akteure erfrischten sich etwas und einige Instrumente wurden nachgestimmt. Der zweite Akt begann mit dem zweiten Geist. Michael war in seiner Loge mehr als erstaunt. War die Generalprobe seiner Ansicht nach perfekt so übertraf diese Aufführung alle gestellten Erwartungen. Jeder Geist der Story hatte seinen Höhepunkt im Spannungsbogen, der sich im Finale komplett entlud. Das Publikum applaudierte lange. Es wurden mehr als fünf ‚Vorhänge‘ gezählt und ein Ende war nicht abzusehen. Erst als sich Michael und Carsten auf der Bühne verneigten, entspannte sich die Atmosphäre. Die Besucher verließen das Theater. Hinter der Bühne bejubelten sich die Schüler gegenseitig. Michael und Carsten verzogen sich in eine stille Ecke.

„Und Michael, bist du stolz auf deine Leistung?“

„Soviel habe ich doch gar nicht dazu beigetragen.“

„Doch, ohne dich wäre es den Bach hinunter gegangen. Du hattest die ganze Zeit alle Fäden in der Hand. Deine Visionen in die Tat umzusetzen, trotz der Skepsis von verschiedenen Seiten, ist allein schon bewundernswert. Und du hast es ja eben selber mitbekommen. Die wollten einfach nicht gehen. In der morgigen Ausgabe im Dorfkurier wird wohl eine hervorragende Kritik stehen. Ich freue mich jedenfalls, dass ich mit dir zusammenarbeiten darf.“

„Das Vergnügen ist auch auf meiner Seite. Ich glaube den meisten ist es nicht aufgefallen, dass du blind bist. Ich frage mich noch immer wie du es schaffst, das Orchester zu leiten.“

„Das ist gar nicht so schwer. Ich darf mich zu den wenigen zählen; welche ein absolutes Gehör haben. Die erste Orchesterprobe ging damit drauf, dass wir die Instrumente gestimmt haben. Dadurch habe ich mir Respekt verschafft. Bei den weiteren Proben habe ich deutlich gemacht was ich vom Orchester erwarte. Gleiches habe ich bei den Sängerinnen und Sängern gemacht. Herr Walz und Herr Kramer haben mir Tipps bei der Stimmenbildung gegeben. Du hast ja selber gehört wie klar und voll sie geklungen haben. Ich habe nichts weiter getan, als allen ihr Potential aufzuzeigen. Du glaubst gar nicht wie motivierend das ist.“

„Ich habe eine Ahnung davon. Wenn die nächsten beiden Aufführungen nur halb so gut werden wie die heutige, haben wir ideale Publicrelations für das Internat gemacht.“

„Habt ihr euch schon überlegt was mit den Eintrittsgeldern gemacht werden soll?“

„Die Klasse hat letzte Woche darüber entschieden. Nach Abzug der Vorlagen wird der Rest an UNICEF überwiesen. Angelika und Manfred haben in Erfahrung gebracht, dass damit den Tsunami – Waisenkindern geholfen werden kann. Du weißt schon Schule und medizinische Betreuung.“

„Hört sich nach einer Vernünftigen Entscheidung an. UNICEF ist immer eine gute Adresse. Komm, lass uns wieder zu den Anderen gehen. Wir haben etwas zu feiern.“

Beide schlossen sich der Truppe an. Und zu ihrer Überraschung ließ Direx Neubert Orangensaft (mit einem Schuss Sekt) springen. Dann trat er auf die Jungen zu und beglückwünschte sie zu ihrem Erfolg. Dass die Premiere gelungen war, machte sich im Internat wie ein Laubfeuer bekannt. Die siebente Klasse wurde wie Weltstars empfangen.

Die Sonntagsaufführung am späten Nachmittag verlief nicht ganz so fehlerfrei. Aber außer den Beteiligten, schien es keinem aus dem Publikum aufgefallen sein. Nach der Aufführung sprachen Michael und Carsten jeweils ein ernstes Wort mit der Truppe. So von wegen auf Lorbeeren ausruhen und so weiter. Es schien angekommen zu sein.

Carsten – der sich zuvor beim aufsichtführenden Lehrer abgemeldet hatte – ging mit Andrea, Mark und Andreas noch ins Dorfcafé.

„Also Carsten, ich muss schon sagen eine schöne Aufführung.“

„Danke Mark.“

„Na ja Bruderherz, der zweite Geist hatte wohl etwas geschlafen. Sein Einsatz war etwas daneben.“

„Komm Andrea, seien wir doch mal nicht überkritisch. Sicher hat er gepatzt, doch er hat sich auch wieder gefangen. Es sind zwölfjährige und keine Opernstars. Nur gut dass sie nicht wissen, dass am Dienstag unsere beiden Musikpädagogen im Publikum sitzen. Für die Siebtklässler ist es die praktische Musikklausur. Und Andreas, das musst du unbedingt für dich behalten, ja!“

„Natürlich, ich will denen doch nicht die Noten versauen. Andrea wie geht es eigentlich den Hunden?“

„Arco macht sich. Mit Max zusammen geht er raus in den Garten. Papa hat ihre Plätze in das Wohnzimmer verlegt. Treppensteigen ist für Arco nicht mehr drin.“

„Freut mich zu hören, dass es ihnen gut geht.“

„Und wie reagiert Ercan?“

„Mama hat ihn über die Situation aufgeklärt, Carsten. Er hat verstanden, dass Arco jetzt mehr Ruhe benötigt. Aber sooft er kann ist er bei ihm.“

„Reitet ihr jetzt noch?“

„Sicher Carsten, deine Schwester hat ein Talent für die Military. Wir haben sogar eine Strecke gefunden, die allen Ansprüchen dieser Disziplin gerecht wird und die Pferde nicht unnötig belastet. Der Schnee bei uns scheint ihnen nichts auszumachen.“

Die Gruppe saß noch eine Weile in dem Café und Andreas bemerkte wie Carsten sich etwas entspannte. Dann wurde es Zeit, dass die Gäste wieder aufbrachen. Carsten zahlte und sie verließen die Eisdiele. Da Max nicht anwesend war, hatte Andreas sich angeboten Carsten zu führen. Carsten hielt sich an seinem Arm fest und gemeinsam gingen sie so zum Internat zurück. Dort verabschiedeten sie sich. Mark hielt – ganz Gentleman – Carstens Schwester die Wagentür auf. Dann fuhren sie davon.

Kapitel XX. Der letzte Abend

„So, eine Aufführung noch, dann sind endlich Ferien, Andreas. Ich freue mich schon auf Zuhause.“

„Ich mich auch. Keine Pauker, keine Tests, Relaxen.“

„Na, ob unser Haus dir dazu Zeit lässt. In Papas Praxis gibt es gerade jetzt noch einmal einen Ansturm. So wegen Impfungen etc. Dann benötigen wir auch noch einen Weihnachtsbaum. Den zu besorgen obliegt den Männern des Hauses von Feldbach. Demnach dieses Jahr auch dir. Andrea und Mama richten ihn dann her.“

„Vielleicht solltet ihr damit mal brechen?“

„Ha, du willst dich wohl drücken. Dann warten wir es mal ab.“

„Sage einmal Carsten, heute Abend zum Musical, bekommst du auch eine Beurteilung?“

„Eigentlich nicht. Meine Prüfungen habe ich für dieses Jahr schon abgelegt. Es steht nur noch der Klavierabend aus. Der ist ja zum Glück erst im Februar. Außerdem was soll denn bei mir beurteilt werden? Das ich einen Stock schwingen kann wie ein Zauberer?“

„Na sei mal nicht so, da gehört schon einige mehr dazu. Durchsetzungsvermögen zum Beispiel.“

„Das hätten sie dann bei den Proben tun sollen. Nein, das war einzig ein Vergnügen und stand auf keinem Lehrplan. Dennoch bin ich mal gespannt was Herr Kramer mir heute sagen wird.“

Michael hatte nach der Sonntagsvorstellung noch einmal eine Gesangsprobe anberaumt die am frühen Nachmittag abgehalten wurde. Carsten war zwar davon nicht so begeistert aber Michael hielt es für Nötig. Anscheinend wusste er was kommen würde. Zum Abend hin war er fühlbar nervöser als bei den ersten beiden Malen.

Im Gemeindezentrum bereiteten sie alles für die letzte Aufführung vor. Technikchecks, Einsingen, Alles verlief zufriedenstellend. Carsten sprach noch ein paar Worte mit den Darstellern. Anscheinend half alles. Die Atmosphäre im Theater war geradezu magisch. Alle waren wieder hochmotiviert bei der Sache.

Die Aufführung bekam mehr als zehn ‚Vorhänge‘. Danach trennten sich die Wege. Akteure der Sieben wurden von Herrn Walz in Empfang genommen. Der klärte sie wohl über die Sachlage auf.

Carsten wurde von Herrn Kramer, seinen Eltern und einem weiteren Gast empfangen.

„Hallo Carsten!“

„Hallo Mama, hallo Papa. Wie geht es Arco?“

„Dem geht es den Umständen entsprechend gut. Max pflegt ihn irgendwie. Morgens liegen sie eng aneinander gekuschelt auf ihren Decken. Arco hatte zwar noch eine Attacke, doch Max hat mich rechtzeitig aus dem Bett geholt. Aber ich denke wir sollten uns mal Herrn Kramer widmen.“

„Guten Abend Professor, wie war die Tagung?“

„Langweilig Carsten. Ich habe von dem Konzert gehört. Jetzt bedauere ich es schon, nicht hier gewesen zu sein. Aber ich habe die Zeit auch zu etwas anderem genutzt. Darf ich dir einen guten Bekannten von mir vorstellen? Carsten zu meiner linken steht Sir Simon MacCollins.“

„Guten Abend Sir MacCollins.“

„Guten Abend Carsten, ich darf dich doch so nennen?“

„Ja, wie komme ich zu der Ehre gerade sie hier anzutreffen. Ein so berühmter Dirigent hat doch sicherlich viel zu tun?“

„Nun, Volker – ich meine Herr Kramer – hat mir in Berlin von einem talentierten Pianisten und Dirigenten erzählt. In den höchsten Tönen hat er von dir geschwärmt. Da wurde ich neugierig. Und ich muss sagen, er hat nicht übertrieben. Zumindest was den Dirigenten angeht. Das war deine erste Orchesterleitung?“

„Ja.“

„Gut. Dann habe ich jetzt eine gute Nachricht. Nach dem Abi melde dich mal bei mir. Ich kann dich im dirigieren unterrichten. Dazu kannst du dich an meinem Sinfonie Orchester austoben.“

„Das ist der Ehre zuviel Sir MacCollins.“

„Nichts da, Carsten. Ich habe schon so einige Kandidaten gehabt, doch dein Stil gefällt mir. Du hast das gewisse etwas, was dir Respekt verleiht. So, Volker ich muss wieder. Hier sind noch die Karten um die du mich gebeten hast. Ich wünsche ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest.“

Der berühmte Dirigent zog sich zurück. Sein Chauffeur wartete vor dem Gemeindezentrum. Da es der letzte Abend vor den Ferien war, lud Herr Kramer Carsten und seine Eltern zu einem späten Abendmahl ein. Sie fuhren zu dem teuersten Restaurant am Ort.

„Ich hoffe, meine kleine Überraschung ist gelungen.“

„Gewiss Professor. Und wie haben sie es geschafft, ihn hier in die Provinz zu lotsen?“

„In meiner Jugendzeit haben wir Zeitweise zusammen studiert. Er hat die Karriere gewählt und ich die Ausbildung. Doch nie ist unser Kontakt abgebrochen. Ich war erfreut ihn in Berlin zu treffen. Wir haben uns die halbe Nacht Geschichten erzählt. Dabei habe ich auch von einem meiner Schüler gesprochen. Er hörte mir sehr aufmerksam zu. Es war seine Entscheidung heute hierher zu kommen.“

„Na, ich weiß nicht. Es hört sich schon verlockend an, bei ihm zu lernen. Aber ich möchte erst einmal eine fundierte Ausbildung als Pianist machen.“

„Kannst du auch, Junge.“

„Können wir uns seine Ausbildung überhaupt leisten, Herr Kramer?“

„Ich denke schon, aber da sollten sie ihn selber fragen. Hier sind Karten für sein Konzert, darf ich sie zuvor als meine Gäste begrüßen, sagen wir zum Kaffeetrinken? Nach dem Konzert sind sie zu einem Souper mit Herrn MacCollins eingeladen. Mein Weihnachtsgeschenk an Carsten.“

„Was, sie haben Karten für das Klavierkonzert in der Semperoper bekommen? Das ist doch schon seit Monaten ausverkauft!“

„Beziehungen, Carsten! Ihre Plätze sind auf dem Mittelbalkon Mitte. So wie es aussieht, habe ich den richtigen Nerv getroffen.“

„Danke Herr Kramer.“

„Gern geschehen.“

Beim Abendessen wurde über Carstens Zukunft gesprochen. Herr Kramer hatte in Berlin sehr viel für seinen Schützling getan. So hatte er Kollegen von Musikkonservatorien und Hochschulen gesprochen und Vorspielen arrangiert. Die Tagung muss wirklich langweilig gewesen sein. Zum Dessert kamen sie noch einmal auf das Musical zurück.

„Wie lange habt ihr jetzt dafür geprobt, Carsten?“

„Zwei Monate mit je zwei Proben wöchentlich. In den letzten vier Wochen nur noch je eine Gemeinschaftsprobe. Michael hatte ja noch die Choreographie zu bewältigen. Zusatzproben für die Sänger gab es auf Michaels Geheiß letzte Woche Montag und heute Morgen. Ich war eigentlich zufrieden, aber er hatte die Gesamtleitung.“

„Du weißt, dass Ignaz heute seine Beurteilung gemacht hat?“

„Ja. Nach meiner Meinung konnte er aber nur jeweils volle Punktzahlen vergeben. Es hat keiner falsch gesungen oder gespielt. Die Einsätze waren Hundertprozentig. Und ich habe ja noch mit Michael hinter der Bühne gesprochen. Er hatte mir versichert, dass auch die Choreographie perfekt war. Nein, Herr Kramer, die Sieben hat sich eine gute Beurteilung verdient.“

„So sehe ich das auch. Deine Meinung war mir jetzt wichtig.“

Der Abend neigte sich dem Ende. Die von Feldbachs verabschiedeten sich und fuhren wieder zurück. Herr Kramer brachte Carsten zum Internat zurück. Dabei sagte er ihm, das er sich am Vormittag das Mendelssohn Konzert anhören wollte, welches er einstudieren sollte.

Elf Uhr, Carsten saß am Klavier und Andreas – der nichts besseres zu tun hatte – an dem kleinen Tisch. Wie üblich kam Herr Kramer zu spät. Unter dem Arm einen edel aussehender CD-Spieler.

„Guten Morgen Jungs, entschuldigt meine Verspätung.“

„Guten Morgen Herr Kramer.“

„Hast du dich schon etwas warm gespielt Carsten?“

„Ja.“

„Gut. Ich habe hier noch eine andere Aufnahme von dem Konzert mit gleichem Orchester. Einzig die zweite Klavierstimme fehlt.“

„Oh, nein, Herr Kramer, nicht ich!“

„Ist eine interessante Idee Andreas, aber ich spiele heute das zweite Klavier.“

„Da bin ich ja mal gespannt Herr Professor.“

„Andreas hilfst du mir mal beim Aufbauen? Du kannst dann auch gleich den Startknopf drücken.“

Andreas baute die kleine Anlage auf. Herr Kramer bereitete seinen Partiturauszug vor sich aus . Dann spielten beide noch einige Fingerübungen. Allein die waren schon interessant. Carsten machte etwas vor und der Pädagoge wiederholte es und umgekehrt.

„So ich wäre dann soweit!“

„Okay, Carsten. Die Aufnahme beginnt mit zwei hörbaren Vortakten. Dann setzt das Orchester ein. Aber zunächst sollten wir mal die Lautstärke testen.“

Andreas spielte die CD ab und regelte die Lautstärke ein. Dann konnte es los gehen. Sowohl Carsten als auch Herr Kramer warteten gespannt auf ihren Einsatz. Taktschläge wurden hörbar, dann das Orchester und zu guter letzt setzten die Pianisten ein.

Andreas sah wie Carsten sich auf seinen Part konzentrierte. Es war sicherlich nicht einfach für ihn. Aber er hielt sich wacker. Der Professor hatte – so schien es Andreas – das Nachsehen. Dennoch, er war seinem Schüler eben.

Es blieb im Internat natürlich nicht verborgen, dass im kleinen Musikzimmer etwas Interessantes vor sich ging. Die Schar der Zuhörer wuchs stetig. Nach dem dritten Satz saßen zwei, zufrieden vor sich hinlächelnde Musiker an ihren Klavieren. Andreas stand auf und schaltete die CD wieder ab. Die Anwesenden klatschten Beifall.

„Also Carsten, eines muss ich euch sagen, es hörte sich echt gut an.“

„Danke Andreas. Du hast recht. Ich hatte nicht gedacht, dass dieses Experiment funktionieren würde.“

„Das war ein Was?“

„Ein Experiment. Carsten. Dass du musikalische Karaoke machst weiß ich, sonst wärst du sicherlich nicht so gut. Allein hier bei mir, hast du schon – über dieser Methode – mit mindestens sieben oder acht renommierten Orchestern gespielt. Ich wollte wissen, ob diese Methode für meinen Unterricht anwendbar ist. Mit dir zusammen hat es geklappt. Ob es mit anderen Schülern auch funktioniert teste ich im kommenden Jahr. So und nun darf ich euch ein schönes Fest wünschen. Dir Carsten gebe ich auf, dieses Stück noch etwas zu üben. Im zweiten Satz hast du ein Crescendo touchiert und im dritten ein pianoforte überspielt.“

„Das haben sie auch noch gehört, Herr Kramer?“

„Warum denn nicht? Ich bin doch sein Lehrer, Andreas!“

Der Professor packte seine Sachen und ging. Die meisten Zuhörer waren schon wieder verschwunden. Außer Andreas waren nur noch Christiane, Britta und Ralph da. Sie klopften Carsten auf die Schulter. Gemeinsam gingen sie in den Speisesaal, wo noch ein kleines Mittagmenü serviert wurde.

Kapitel XXI. Ferien

Andreas half Carsten noch beim Packen, obwohl er es sicherlich nicht nötig hatte. Es ging halt nach Carstens Meinung schneller. Dann begannen sie noch eine Partie Schach zu spielen. So fand sie auch Herr von Feldbach vor. Zu ihrer Überraschung war er nicht alleine, Max war bei ihm. Die Hündin freute sich und wuselte um Carsten herum. Nach wenigen Minuten knuddeln beruhigte sie sich wieder.

Gemeinsam gingen sie zu dem großen Familienwagen. Das Gepäck wurde im Kofferraum verstaut. Max und Carsten nahmen im Fond platz und Andreas auf dem Beifahrersitz. Herr von Feldbach fuhr zügig – wegen der Wetterverhältnisse – aber auf Sicherheit.

Bei den von Feldbachs war schon richtig vorweihnachtliche Stimmung. Luise war am Backen und entsprechend roch es im ganzen Haus. Die Jungs wurden herzlich Willkommen geheißen. Selbst Arco stand im Treppenhaus um ‚sein‘ Herrchen zu begrüßen. Carsten ließ es sich nicht nehmen ihn gefühlvoll zu knuddeln. Zum obligatorischen Begrüßungstrunk gab es Kekse aus der frischen Produktion. Luise hatte den Tisch schon entsprechend vorbereitet.

„Also Jungs, nachher bringt ihr bitte euer Gepäck auf das Zimmer. Dann würde ich dich ,Carsten, bitten, auf dem Dachboden die Weihnachtsdeko zu holen. Ich möchte gerne noch einen Blick darauf werfen. Ich glaube einiges muss ersetzt werden. Andreas, muss ich beim Kochen etwas beachten, was deine Großeltern betrifft?“

„Sie sind Diabetiker, beide.“

„Gut, ich werde dementsprechend ein Menü zusammenstellen. Paul, du solltest noch einmal bei Hermann vorbeikommen. Irgendetwas ist mit Laila.“

„Danke Luise. Ich rufe ihn gleich mal an. Kann ich dir noch einen Gefallen tun, Liebling?“

„Ja, dich aus der Küche heraushalten. Sonst bleibt nicht viel vom Backwerk übrig.“

„Erwischt! Dabei sind sie so gut, Schatz.“

„Alter Charmeur.“

„Komm Andreas, ich habe das Gefühl wir stören beim Flirten.“

Die Jungen machten sich auf. Die Taschen wurden aufs Zimmer gebracht. Dann führte Carsten Andreas auf den Dachboden, wo er den alten Lederkoffer mit dem kostbaren Weihnachtsbaumschmuck hervorholte. Gemeinsam brachten sie ihn ins Wohnzimmer. Andreas sah sich um. Die Hunde hatten ja hier Quartier bezogen, direkt neben dem Flügel. Vor dort hatten sie alles im Blick. Neben dem Kachelofen war Platz geschaffen worden, wahrscheinlich für den Weihnachtsbaum. Es stand viel Raum dafür zur Verfügung.

„Sag einmal Carsten, wie groß ist euer Weihnachtsbaum eigentlich?“

„Normalerweise hat er die Größe von Papa. Der wird üblicherweise auf einen kleinen Tisch platziert. Drum herum werden die Geschenke verteilt. Bei uns ist es Tradition, die Geschenke erst am Weihnachtsmorgen zu verteilen. Hat vielleicht damit zu tun, dass Andrea und ich mal zu Weihnachten krank gewesen sind.“

„Nein Carsten, das hat damit nichts zu tun. Dieses Ritual haben wir von Ururgroßvater übernommen. Nach dem ersten Krieg kam dein Urgroßvater zum Weihnachtsfest aus der Gefangenschaft zurück. Seit dem gibt es erst an diesem Tag die Präsente. Ich finde es an sich sogar schöner als am Heiligen Abend.“

„Da hast du es gehört Andreas. Hast du schon etwas für deine Großeltern?“

„Ja, Oma hat mir erzählt, dass Opas Taschenuhrkette kaputt ist, da schenke ich ihm eine neue. Und Oma sucht andauernd nach ihrer Brille. Ich denke da gibt es sicherlich auch eine damenhafte Lösung für. Nur muss ich sie noch besorgen. Sicherlich finden sie aber mein drittes Geschenk am schönsten. Eine selbst gemachte CD mit alten und seltenen Liedern.“

„Also, Andreas. Wir müssen sowieso morgen früh in die Stadt, den Weihnachtsbaum besorgen, da kannst du ruhig deine Vorhaben in die Tat umsetzten.“

„Das trifft sich gut Papa, ich hätte da auch noch Einiges zu erledigen.“

„Gut Jungs. Ich denke Luise wird mir auch noch eine Liste mitgeben. Ach Carsten, Hermann fragt an ob wir noch das Welpengeschirr haben?“

„Wenn er es gebrauchen kann, es liegt bei mir oben in der Kommode unten rechts.“

„Gut, ich nehme es mit.“

Im Wohnzimmer war ein stetiges Kommen und Gehen. Luise sah den Koffer und freute sich, dass Carsten ihn schon geholt hatte. Nach dem Öffnen ließ sie ihren weiblichen Kennerblick darüber schweifen. Es schien so, als ob einige des zerbrechlichen Schmucks hinüber wäre. Schnell war sie mit Schreiber und Papier ausgerüstet und notierte sich einige Dinge. Carsten setzte sich an den Flügel und spielte ein wenig vor sich hin. Andreas stand ein wenig hilflos in der Gegend herum. Dann setzte er sich auf die Couch und hörte Carsten zu. Lange blieb er dort allerdings nicht allein. Arco gesellte sich zu ihm und Andreas spielte ein wenig mit ihm.

„Arco mag dich Andreas, darauf darfst du dir etwas einbilden. Der ist nämlich äußerst wählerisch in dieser Hinsicht.“

„Ich mag ihn auch Luise.“

„Mutti hast du noch etwas im Ofen?“

„Ja, Kipferl! Och Gott, die hätte ich jetzt fast vergessen. Danke.“

„Bitte Mutti.“

„Jungs, ihr müsst mir jetzt noch einen großen Gefallen tun.“

„Raus mit der Sprache, Mama.“

„Einmal müsstet ihr noch in den Supermarkt. Ich brauche noch etwas für meine Backstube. Anschließend könntet ihr Ercan aus dem Kindergarten abholen. Paul sollte es eigentlich tun, doch der ist unterwegs.“

„Was meinst du Andreas? Bewegung könnte ich gebrauchen. Mutti dürfen die Hunde mit?“

„Es spricht nichts dagegen. Ist sogar eine gute Idee, Sohnemann. Arco und Max sollten mal länger an die frische Luft.“

„Okay, Andreas nimmst du Max, ich gehe mit Arco.“

„Gerne, Carsten.“

Luise scheuchte die Jungs, winterlich eingepackt vor die Tür. Es dauerte etwas länger bis zum Supermarkt, weniger weil Arco nicht konnte sondern mehr, weil es hin und wieder rutschig war. Im Konsumtempel half der Filialleiter höchst persönlich den beiden Jungen bei ihrem Einkauf. Schon nach wenigen Minuten befanden sie sich wieder an der frischen Luft. Carsten begrüßte es. Am Kindergarten wurden sie schon sehnsüchtig erwartet.

Andreas sah Carsten schon im Schnee liegen, doch Ercan bremste noch rechtzeitig. Die Umarmung fiel dennoch recht stürmisch aus.

„Hallo Carsten, toll das du mich abholst. Und Arco ist auch da.“

„Hallo kleiner Wirbelwind. Bist du schon fertig? Oho, wenn Mutti sieht das du keine Mütze auf hast.“

„Die kratzt, Carsten.“

„Nichts da, junger Mann. Mütze auf und dann gehen wir. Du darfst auch Arco halten.“

Bestechung, damit konnte Carsten seinen kleinen Bruder hervorragend bändigen. Andreas konnte gar nicht so schnell gucken, wie Ercan seine Mütze auf hatte und Carsten Arco abnahm. Carsten grinste vor sich hin. Andreas liebte dieses Grinsen. Gemeinsam gingen sie zurück. Arco ging neben Ercan her und Carsten hielt sich an Andreas fest, der Max noch an der Leine führte. Daheim machten sie sich daran die Hunde trocken zu rubbeln. Anschließend schickte Mama von Feldbach die Jungs auf die Zimmer, um sich umzuziehen. Die feuchte Straßenkleidung sollte im Waschraum zum Trocknen aufgehängt werden. Andreas lieh sich einen Freizeitanzug von Carsten, da sein eigener dringend gewaschen werden musste. Anschließend surften sie noch im Internet. Andreas benutzte Carstens großen Mac. Carsten selber saß in seinem soliden Schaukelstuhl. Auf seinem Schoß sein Powerbook.

„Um Himmelswillen, da ist ja richtig was los!“

„Was meinst du Carsten?“

„In meinem Blindenforum zerreißen sie gerade einen T.J. Der versucht sich als Autor einer Story über einen blinden Internatsschüler.“

„So wie wir, Carsten?“

„So ähnlich, Andreas. Sein Covertext ist viel versprechend. Er gibt sich wohl viel Mühe. Aber ich denke, als Sehender hat er seine Schwierigkeiten damit.“

„Vielleicht, Carsten. Aber er beschäftigt sich damit, allein das finde ich schon bemerkenswert.“

„Recht hast du, Andreas. Außerdem ist es ja wie der Zauberberg von Thomas Mann: Eine Phantasiegeschichte! Mal etwas anderes. Thomas engagiert sich sehr intensiv für Kinder und Jugendliche.“

„Ja, das hat etwas mit ihm Persönlich zu tun. Wie du ja weißt hat sein Großvater die Stiftung ins Leben gerufen. Thomas hatte eine enge Beziehung zu ihm und ist wohl in seine Fußstapfen getreten. Wieso fragst du?“

„Na, am Morgen nach dem Konzert hatten wir ein Gespräch und er erzählte mir, dass er für eine Veranstaltung im Krankenhaus einen Clown oder Zauberer sucht. Ich wollte mich mal umhören und hatte Erfolg. Ich konnte einen Clown auftreiben der auch einige Zauberstücke kennt. Ich hoffe es stört Thomas nicht, dass er selber ein sogenannter Biker ist.“

„Nein, glaube ich nicht. Wer sich für Kinder einsetzt ist ihm immer willkommen.“

Auf dem Tisch klingelte das Haustelefon. Carsten bat Andreas zu antworten. Am anderen Ende war Luise. Sie wartete noch auf die nassen Sachen und rief die beiden zum Abendbrot. Nahrung! Andreas und Carsten beeilten sich. Luise servierte der hungrigen Meute eine bodenständige Soljanka. Wie üblich wurde am Tisch viel gesprochen. Wie die von Feldbachs da noch zum Essen kommen, war Andreas schlicht ein kleines Rätsel.

Jedenfalls wurde ihm bewusst, was vor dem Fest auf ihn zukam. Am folgenden Vormittag wollten Paul, Carsten und er in die Stadt fahren, um einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Er selber wollte noch die restlichen Geschenke für seine Großeltern einkaufen. Gleiches hatte wohl auch Carsten vor. Der Nachmittag würde wohl damit drauf gehen. Der Abend war dann frei.

„Ihr kommt doch alle zu unserem Theater, oder?“

„Ja, Ercan. Ich habe es fest in meinem Kalender eingetragen.“

„Ich bin auch dabei.“

„Schön Andreas. Papa, Mama?“

„Ich bin schon gespannt, was spielt ihr denn?“

„Papa, wir spielen ein Märchen. Ich habe nur eine kleine Rolle. Aber der Tim, der muss viel reden. Lustig ist es, weil der Tim neben mir steht und ich darf ihn nicht sehen. Komisch, oder Papa?“

„Hört sich ganz nach dem Märchen von Dickens an.“

„Ja, Fräulein Sabine sagte das auch immer.“

„Och, ihr bringt das Weihnachtslied! Ercan du kannst auch auf mich zählen. Ich werde Mark mitbringen.“

„Danke Andrea. Ich freue mich schon. So viele Zuschauer. Ich werde Morgen noch einmal ganz viel üben.“

„Genau, Ercan, denn für heute ist Feierabend. Nach dem Sandmännchen gehst du dir bitte die Zähne putzen. Und dann, ab ins Bett.“

„Darf ich denn noch etwas mit Arco spielen?“

„Ja, junger Mann. Aber nicht mehr so lange.“

Andreas sah in ein strahlendes kleines Gesicht. An diesem Abend lief nicht mehr viel. Nach dem Essen verzogen sich die Teenager auf ihre Zimmer. Andreas und Carsten spielten noch eine Partie Schach, bevor sie sich Schlafen legten.

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