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Mein geliebter Mülleimer

Teil 6

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Okay, ich sollte mal überlegen, was ich jetzt machen will. Will ich zu Lukas zurück? Ja, aber erst mal muss er einsehen, dass er derjenige war, der den Fehler gemacht hat. Werde ich also zu ihm gehen, um mit ihm zu reden? Nein.

Und dann ist da noch Andreas. Er hat mich geküsst; warum auch immer. Dadurch hat der ganze Scheiß erst angefangen und geschlagen hat er mich auch. Aber neulich war er merkwürdig aufmerksam und total verwirrt, als ihm das bewusst geworden ist. Will ich also zu ihm gehen und ihn darauf ansprechen? Nein. Und zwar aus dem ganz einfachen Grund nicht, weil ich nie vorhersehen kann, was er gerade für ein Spiel spielt. Noch mehr Unsicherheiten kann ich gerade echt nicht gebrauchen.

Das Problem ist jetzt nur: ich kann und will nicht ewig bei Dennis bleiben. Aber was ist die Alternative? Zuhause ist Andreas und bei Lukas … na ja, Lukas halt. Verdammt! Ich kann nicht fassen, in was ich da wieder reingeraten bin. Und warum wollen immer alle nur für mich da sein, wenn sie eine Gegenleistung bekommen? Dennis will Sex, Lukas beendet gleich unsere Beziehung, nur weil einmal nicht alles nach seiner Pfeife tanzt und Andreas … keine Ahnung, was der will. Wahrscheinlich gleich beides. Und ich bin der Dumme, weil ich eigentlich nur Lukas will. Mit seinen Schrullen. Einfach so, wie er ist.

Scheiße. Jetzt will ich ihn doch sehen. Aber nein! Ich werde jetzt nicht schwach. Ich renne ihm nicht hinterher. Er hat mich angebrüllt und rausgeworfen. Wenn er unbedingt will, dass alles so läuft wie er es sich vorstellt, dann kann er das haben. Ich bin gegangen.

Als ich abends von der Arbeit zurückkomme, sehe ich schon das Auto in der Einfahrt stehen. Dennis‘ Eltern sind also wieder da. Kann ich jetzt einfach mit dem Schlüssel reingehen? Schon, oder? Immerhin hab ich ihn genau dafür bekommen. Ich kann nur hoffen, dass Dennis seine Eltern vorher informiert hat. Ich schließe also die Tür auf und gehe rein. Niemand zu sehen. Vielleicht kann ich mich einfach schnell nach oben schleichen, ohne dass man mich bemerkt.

„Dennis?“, kommt eine Stimme aus dem Wohnzimmer und kurz darauf erscheint ein Kopf im Türrahmen. Das muss Dennis‘ Vater sein. „Wer bist du denn?“

„Äh, ich bin Jan, ein Schulfreund von Dennis. Er hat mir den Schlüssel gegeben.“ Schulfreund … ha ha …

Der arme Mann sieht etwas verwirrt aus. Höchstwahrscheinlich, weil er noch nie etwas von mir gehört hat und jetzt überlegt, ob er die Polizei rufen soll. Na toll. Dennis kann was erleben.

„Hallo Jan“, sagt eine Frau, die plötzlich neben Dennis‘ Vater aufgetaucht ist, kommt auf mich zu und schüttelt meine Hand. „Dennis hat uns doch erzählt, dass er jemanden eingeladen hat, Schatz.“

„Mir nicht.“

„Aber ich hab es dir erzählt.“

„Äh“, sage ich vorsichtig, „ich gehe einfach hoch und warte da auf Dennis.“

„Ja, mach das. Er müsste auch bald wiederkommen.“

Das hört sich für mich so an als wüsste sie, wo er hingegangen ist. „Wo ist er denn?“, frage ich deshalb nach.

„Bei seinem Opa. Wenn du was essen möchtest, nimm dir einfach, was du willst.“

„Danke“, sage ich und verschwinde nach oben. Bei seinem Opa also. Was er da wohl macht? Das Bild will irgendwie nicht in meinen Kopf. Oder ist das nur die Ausrede, die er seinen Eltern auftischt?

Ich bin total müde, also lege ich mich aufs Bett und schalte den Fernseher an …

Als ich merke, dass irgendetwas meinen Hals kitzelt, schrecke ich hoch. Es ist auf einmal stockdunkel im Zimmer, aber ich kann gerade noch so erkennen, dass jemand über mich gebeugt ist. Der Fernseher ist aus. Bin ich eingeschlafen?

„Na“, sagt Dennis‘ Stimme. „Endlich wach?“

„Lass mich schlafen“, grummel ich und drehe mich auf die Seite. Moment mal … „Hast du mir das T-Shirt ausgezogen?“

„Schuldig.“

Da fällt mir ein … war ich nicht sauer auf ihn? Ich packe ihn an den Schultern und werfe ihn auf den Rücken. So langsam kann ich auch wieder was erkennen und was ich ganz deutlich sehe, ist Dennis‘ Grinsen.

„Ach, bist du wieder dran? Na gut“, kichert er. Der Kerl ist doch nicht zu fassen, oder?

„Dein Vater war vorhin kurz davor, die Polizei zu rufen, als ich mit dem Schlüssel hier reingekommen bin. Hättest du deinen Eltern nicht sagen können, dass ich einen Schlüssel habe?“

„Hab ich doch.“

„Dein Vater wusste aber nichts davon. Das war echt peinlich.“

„Und deshalb regst du dich jetzt auf? Oder ist es, weil ich dich geweckt habe?“ Er lacht und legt seine Hände in meinen Nacken. „Na ja, egal. Macht du jetzt weiter oder soll ich?“

„Weder noch“, sage ich, aber bevor ich mich zurückziehen kann, zieht er mich zu sich runter und küsst mich. Seine Beine schlingen sich sofort um meine Hüften und halten mich fest. Seine Finger klammern sich etwas schmerzhaft an meinen Rücken, also greife ich nach seinen Armen und drücke sie auf die Matratze.

„Du willst jetzt nicht wirklich schlafen, oder?“, flüstert er.

Bis eben wollte ich das noch. Verdammt! Ich hasse mich dafür, dass ich bei Dennis immer schwach werde. Vielleicht hatte Lukas ja doch recht? Nein! Ich wollte mit ihm zusammen sein. Wenn Lukas da ist, brauche ich keinen Dennis und schon gar keinen Andreas. Und wenn er nicht da ist, ist er selber schuld. Ich war nicht derjenige, der Schluss gemacht hat.

„Überleg nicht immer so viel“, sagt Dennis genervt. „Mach doch einfach das, wozu du Lust hast. Ich verstehe echt nicht, warum du immer …“

Diesmal bin ich derjenige, der ihn küsst. Ich hab nämlich auch keinen Bock mehr auf dieses ewige hin-und-her-Überlegen. Und wie erwartet, stoße ich dabei nicht wirklich auf Gegenwehr. Na und? Dann ist es eben Dennis. Warum nicht? Wer kann mir jetzt noch etwas verbieten? Mein Freund hat unsere Beziehung weggeworfen und mein Mülleimer hat sich irgendwie in Luft aufgelöst. Stattdessen ist jetzt Dennis da. Der macht mir wenigstens keine Vorschriften.

Nur das Gemütliche und Liebevolle fällt jetzt irgendwie weg. Wenn ich mit Dennis schlafe, geht es wirklich nur um den Sex. Körperkontakt gibt es bei ihm nur währenddessen. Danach sucht er sofort wieder den Abstand. Wahrscheinlich bekommt er schon Pickel, wenn er das Wort ‚kuscheln‘ nur hört.

In dieser Nacht ist es auch so. Seine Arme lösen sich so schnell von meinem Nacken wie sie sich vorhin darum gewickelt haben und dann schiebt er mich zwar sanft, aber auch bestimmt von sich. Mein Herzschlag hat sich noch nicht mal wieder normalisiert, da ist er schon wieder angezogen. Und ich weiß irgendwie nicht, ob es mir jetzt besser oder schlechter geht als vorher. Auf eine Art besser, klar, aber ein kleines schlechtes Gewissen ist auch noch da. Obwohl ich ihm immer wieder sage, dass es verschwinden soll.

„Wo warst du denn vorhin?“, frage ich, um ihn ein bisschen zu ärgern. Er soll es schließlich auch nicht zu leicht haben. Es ist zwar mitten in der Nacht, aber für so was ist es nie zu spät. Oder zu früh.

„Wieso? Machst du jetzt einen auf eifersüchtigen Liebhaber?“

„Das nennt man Smalltalk.“

„Wolltest du nicht schlafen?“ Er steht auf und verlässt das Zimmer. Irgendwie verhält er sich merkwürdig, oder? Sogar für seine Verhältnisse.

Ich ziehe mir meine Shorts an und folge ihm ins Badezimmer. Hoffentlich haben seine Eltern einen festen Schlaf. Ich klopfe nicht an, weil die Tür nur angelehnt ist. Dennis steht am Waschbecken und putzt sich die Zähne.

„Kannst du nicht warten, bis ich fertig bin?“, fragt er. Zumindest ist es das, was ich aus seinem Genuschel heraushöre.

„Wieso sollte ich? Hast du was zu verstecken?“

Er antwortet nicht.

„Ich geh noch kurz duschen, okay?“

„Tu, was du nicht lassen kannst“, entgegnet er, spült sich ziemlich hektisch den Mund aus und dann ist er auch schon wieder verschwunden. Ohne mich auch nur ein einziges Mal angesehen zu haben.

Als ich wieder zurück in sein Zimmer gehe, liegt er mit dem Rücken zu mir auf dem Bett. Ich schlage die Bettdecke zur Seite und lege mich neben ihn. Glücklicherweise ist das Bett groß genug, sodass kein unnötiger Körperkontakt zustande kommt.

„Schläfst du schon?“, frage ich flüsternd.

Ich bekomme keine Antwort, aber Dennis‘ Haltung ist eindeutig zu unentspannt, als dass er schon schlafen könnte.

„Warum warst du bei deinem Opa?“ Keine Ahnung, warum ich jetzt unbedingt ein Gespräch führen muss. Um ihn zu ärgern? Nee, es ist irgendwas Anderes. Ich glaube, ich will einfach nur wissen, warum er so merkwürdig drauf ist. Ein Depressiver hier im Haus reicht doch schließlich, oder?

„Geht dich nix an.“

Also stimmt es, was er seinen Eltern erzählt hat? „Ist aber schon ungewöhnlich. Hätte ich nicht von dir erwartet.“

Jetzt dreht er sich doch zu mir um und sieht mich ziemlich wütend an. „Ja klar, ich bin das Arschloch, schon verstanden. Aber darf ich dich daran erinnern, wer dich aufgenommen hat, nachdem du es dir mit allen anderen versaut hast?“

Okay, das hatte ich jetzt nicht erwartet. „Ich hab es mir nicht mit allen versaut. Außerdem hast du ja wohl auch das bekommen, was du wolltest.“

Jetzt sieht er irgendwie geschockt aus. Und er scheint auch nicht zu wissen, was er antworten soll.

„Irgendwie bist du komisch, seit du von deinem Opa zurückgekommen bist“, stelle ich jetzt offiziell fest.

„Er hat mir was gesagt, was ich nicht hören wollte“, sagt Dennis leise und senkt den Blick.

Hä? Versucht er gerade seine Probleme mit mir zu besprechen? Ich bin schockiert. „Und was hat er gesagt?“ Und neugierig bin ich jetzt natürlich auch.

„Er hat gesagt, dass ich dich nur hier wohnen lasse, weil ich mich in dich verliebt habe.“

Ich kann gerade nichts anderes machen als ihn anzustarren. Mein Mund ist staubtrocken und mein Herz überschlägt sich fast. Scheiße. Das meint er doch nicht ernst, oder? Bitte nicht noch einer, der aus irgendeinem beknackten Grund hinter mir her ist. Das kann doch nicht wahr sein. Dennis in mich verliebt? Das ist unmöglich!

Und dann prustet Dennis auf einmal los. „Haha, das hast du jetzt nicht wirklich geglaubt, oder? Hallo? Das war ein Scherz.“

„Zurzeit würde ich wohl alles glauben“, sage ich erleichtert und lasse mich auf den Rücken fallen.

„Hast du jetzt noch irgendwelche dringenden Fragen oder kann ich endlich schlafen?“

„Mach doch, was du willst“, antworte ich grinsend und drehe ihm den Rücken zu. Man, was für ein Schreck!


Aus den paar Tagen, die ich bei Dennis unterkommen wollte, sind jetzt schon fast zwei Wochen geworden. Und es hat erstaunlich gut getan. Eine Dennis-Kur quasi. Von Lukas und Andreas hab ich nicht einen Ton gehört und auch meine Familie hat mir Zeit gelassen, mit der Situation klarzukommen. Ab und zu hat mich Marie auf dem Handy angerufen, aber darüber war ich auch ganz froh. Manchmal braucht man einfach eine Person zum Reden, von der man weiß, dass man ihr nicht scheißegal ist. Früher war das Lukas, jetzt ist es meine kleine Schwester. Sie weiß natürlich nicht alles, denn sonst würde sie mir wahrscheinlich den Kopf abhacken, aber sie weiß, dass Lukas grundlos eifersüchtig ist und mich deshalb rausgeworfen hat.

Und, was soll ich sagen, über den ganzen Ärger habe ich natürlich die Bewerbungsfristen der Unis verpennt. Ich hab gar nicht gemerkt, dass es sich so langsam ausgesommert hat. Es war einfach plötzlich September. Aber das ist nicht so schlimm. Ich hätte jetzt sowieso keine Chance, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Und schon gar nicht auf etwas, das wichtig für meine Zukunft sein würde. Außerdem muss ich sowieso erst mal ein bisschen was ansparen, um überhaupt studieren zu können. Das bedeutet dann wohl, dass ich noch ein Jahr Videothek dranhänge. Juhu…

Was mich aber total aus der Bahn geworfen hat, war, als Marie mir erzählt hat, dass es bei ihr und Andreas etwas kriselt. Was Genaues hat sie nicht gesagt, aber offensichtlich ist er zurzeit nicht er selbst. Das ist ein wörtliches Zitat. Zuerst war ich absolut geschockt, weil es für mich klar war, dass ich der Auslöser bin. Danach hab ich mich gefreut, weil meine kleine Schwester vielleicht bald nicht mehr in der Reichweite dieses Arschlochs sein wird. Und dann war ich absolut entsetzt, weil ich nicht weiß, was das für Konsequenzen haben wird und was sich Andreas dabei denkt. Das wirft auf einmal Fragen auf, die ich mir vorher nie gestellt habe. Liebt Andreas Marie eigentlich? Will er weiterhin mit ihr zusammen sein? Und was hat er jetzt mit mir vor?

Mir wird gleichzeitig heiß und kalt, während ich in Dennis‘ Zimmer auf und ab laufe.

„Ja, und was ist jetzt so schlimm daran?“, fragt Dennis verständnislos. „Deswegen machst du hier so ein Drama?“

„Was ist denn, wenn er sich meinetwegen von Marie trennt?“

„Ja, was ist dann? Dann kannst du immerhin wieder bei deinen Eltern einziehen und ich hab mein Zimmer wieder für mich.“ Er räkelt sich auf dem Bett und grinst mich neckisch an. Ich fühle mich überhaupt nicht ernst genommen.

„Und was ist, wenn er sich in mich verliebt hat? So richtig? Und mich nicht in Ruhe lässt?“

„Wäre das so schlimm? Du bist Single und bist schon mal fast schwach geworden.“

Ich fasse es nicht! Jetzt fängt er damit wieder an! Und dann auch noch während er ganz offensichtlich versucht, mich zu verführen. Seine Hand streicht über seinen nackten Oberkörper und kleine Wassertropfen laufen schleichend langsam über seine Haut. Er kommt gerade aus der Dusche und hat es natürlich nicht für nötig gehalten, mehr als nur ein Handtuch anzuziehen.

„Natürlich wäre das schlimm! Ich will nicht, dass sich so jemand in mich verliebt. Er ist ein Arschloch.“

„So wie ich?“

Und was soll das jetzt wieder? „Ja, genauso wie du.“

Er steht auf und stellt sich direkt vor mich.

„Macht es dich irgendwie an, wenn ich dich beleidige?“, frage ich und verdrehe die Augen.

„Vielleicht. Vielleicht will ich aber auch nur die Zeit nutzen, die du noch hier bist.“

„Heißt das, du wirst mich vermissen?“ Sorry, aber bei dem Gedanken muss ich einfach anfangen zu lachen. „Aber ich kann dich beruhigen. Es steht ja noch gar nicht fest, dass Andr …“

Sein Mund drückt sich plötzlich hart auf meinen und seine Zunge stößt gegen meine, noch bevor ich irgendeinen klaren Gedanken fassen kann. Wow. Das nenne ich straight forward. Seine Hände schieben mich währenddessen aufs Bett zu und als ich rücklings auf die Matratze falle, schmiegt sich sein Körper an meinen. Dennis küsst meinen Hals und … liegt dann auf einmal ganz still da. Ich sehe ihn an und stelle fest, dass er eingeschlafen ist. Seine Augen sind geschlossen und ein Arm liegt schlaff auf meiner Brust.

Der Kerl ist echt nicht zu fassen. Pennt einfach ein und bleibt halb auf mir liegen?! Und was mache ich jetzt? Ich will ihn nicht aufwecken, weil er scheinbar echt müde ist. Den ganzen Tag war er irgendwo unterwegs, wollte mir aber nicht sagen, was er gemacht hat. Aber er war ziemlich k.o. als er zurückgekommen ist.

Wahrscheinlich würde er einen riesen Aufstand machen, wenn er wüsste, dass ich ihn nicht sofort von mir weggeschoben habe. Wie gesagt: das Wort kuscheln gehört nicht zu seinem Wortschatz und das hier würde eindeutig dazu zählen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, fehlt es mir, mich an einen anderen, warmen Körper zu lehnen. Und obwohl das hier nur Dennis ist, bleibe ich liegen und ziehe die Bettdecke über uns. Ich bin auch ganz schön alle. Die Arbeit war super anstrengend, dann kam die Info über Marie und Andreas und anschließend noch das übliche Verhör mit Dennis‘ Vater. Ach, das hatte ich ja noch gar nicht erwähnt. Fast jedes Mal, wenn ich das Haus betrete und von Dennis‘ Vater bemerkt werde, fragt er mich, wer ich bin und was ich in seinem Haus zu suchen habe. Echt merkwürdig. Dennis will mir nicht sagen, was es damit auf sich hat, aber es scheint die ganze Familie zu belasten.

Noch ein Grund mehr, mir endlich zu überlegen, wie es weitergehen soll. Ich will hier ja niemanden länger belästigen, als es unbedingt nötig ist. Haushaltsgeld habe ich zwar bezahlt, weil ich sonst ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, aber ich merke einfach immer mehr, dass ich hier nicht hergehöre. Ich vermisse meine Familie und natürlich auch Lukas und für Dennis bin ich sowieso nur ein Spielzeug. Er ist zwar wesentlich netter und aufmerksamer – manchmal – als ich es mir vorgestellt hatte, aber es ist auch offensichtlich, dass wir es auf Dauer nicht miteinander aushalten können. Dafür erzählt er mir zu wenig über sich und macht sich zu sehr über mein Leben lustig.

Wenn er öfter mal freiwillig so wäre wie jetzt gerade, würde die Sache ganz anders aussehen. Ich wüsste ja zu gerne, warum er so ist wie er ist.

Am nächsten Morgen werde ich ziemlich unsanft geweckt. Dennis rüttelt an meiner Schulter bis ich ein „Was ist?“ krächze und beschwert sich dann, dass ich ihm nachts so auf die Pelle gerückt bin. Ich beschließe, dass es besser ist, keine Diskussion anzufangen und behaupte einfach, dass das vollkommen unbewusst passiert ist. Meine Güte, wie kann man nur solche Berührungsängste haben? Man könnte sich ja mit einer gefährlichen Krankheit wie der Liebenswürdigkeit oder der Kuschelsucht anstecken. Igitt!

„Einfach einschlafen, nachdem du mich schon halb im Stehen besprungen hast, ist aber auch nicht die feine englische Art“, kontere ich.

„Verzeihung, dass ich so müde war“, ist sein Kommentar dazu und dann beugt er sich über mich. „Möchtest du, dass ich es wieder gut mache?“

„Nein, danke. Nicht jeder denkt immer und überall nur an Sex.“

„Nein, nicht jeder. Aber dich kann man ganz schnell dazu bringen.“

„Okay“, sage ich und stehe schnell auf. „Ich gehe jetzt ins Bad und dann nehme ich mir einen Tag frei von dir.“ Ist ja nicht zum Aushalten.

„Wie du willst“, sagt er mit einem Zwinkern. „Ich warte dann hier bis du zurückkommst.“

Man, geht der mir auf die Nerven. Zwei Wochen lang jeden Tag diese Anspielungen … mehrfach. Irgendwann ist das nicht mehr aufregend, sondern nur noch anstrengend. Ich gebe ja zu, dass ich mich nicht beschweren kann, wenn er seine Anspielungen in die Tat umsetzt, aber jetzt habe ich eben wieder genau dasselbe Problem wie vor meiner Beziehung mit Lukas: Sex, aber das war’s dann auch. Und ich bin einfach nicht der Typ dafür. Letztes Mal habe ich es Monate beziehungsweise sogar Jahre ausgehalten, aber jetzt reichen mir schon zwei Wochen.

Ich hab schon so eine Idee, wo ich heute hingehen könnte, hoffe aber irgendwie immer noch, dass mir unter der Dusche eine gute Ausrede dafür einfällt. Die Idee ist nämlich echt bescheuert. Es ist nur ein verzweifelter Versuch, irgendetwas zu unternehmen, um mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Ein kleiner Teil könnte auch Neugierde sein und die Tatsache, dass ich Sehnsucht nach meinem alten Zuhause habe. Sogar nach meinem verklemmten Vater. Es ist wirklich so: man will immer das, was man gerade nicht hat.

Als ich vor der Haustür stehe, muss ich mich erst noch mal sammeln, bevor ich aufschließe. Keine Ahnung, was mich da drinnen erwartet. Ich will weder, dass mich alle bemitleiden und Lukas die ganze Schuld in die Schuhe schieben, noch dass alle versuchen, mich irgendwie aufzumuntern. Ich will einfach nur, dass alles ganz normal ist.

„Janni“, quiekt Marie als ich das Wohnzimmer betrete und fällt mir um den Hals. Meine Eltern folgen ihrem Beispiel und ehe ich mich beschweren kann, befinde ich mich mitten in einem großen Kuschelhaufen wieder. Genau das wollte ich nicht. Aber … na ja … es ist auch irgendwie ein schönes Gefühl. Es ist ewig her, dass wir vier so als Familie zusammen waren. Andreas war sonst immer dabei und ich hab mich in den letzten Monaten immer irgendwie ausgeschlossen gefühlt.

„Wie geht es dir?“, fragt mein Vater und sein Blick ist so weich wie ich ihn lange nicht mehr gesehen habe.

„Ganz gut eigentlich“, antworte ich etwas verlegen.

„Das mit Lukas … tut mir wirklich leid.“ Er sieht mich zwar nicht direkt an, aber ich weiß, dass er es ernst meint.

„Geht’s dir wirklich gut?“, fragt meine Mutter nach. „Ihr wart doch schon immer unzertrennlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass es schwierig für dich ist, dass er jetzt alleine weggegangen ist.“

„Weggegangen?“

„Ja, zur Uni. Er war neulich hier und hat deine Sachen abgegeben.“

„Was?“, frage ich entsetzt. Ich kann unmöglich beschreiben, was gerade in meinem Körper passiert. Es tut jedenfalls höllisch weh. Als ob Säure durch meine Adern fließt und alles verätzt. Mein Herz versucht dagegen anzukämpfen und schlägt deshalb dreimal so stark und schnell wie sonst. Lukas ist weg? Er hat sich bei einer Uni eingeschrieben? Warum wusste ich nichts davon? Und heißt das, dass er mich nie wieder sehen will? Drei geschockte Augenpaare starren mich an. Sie dachten wohl alle, dass ich es schon wusste. Und hätte ich nicht auch der Erste sein müssen, der es erfährt?

„Hat er dir nichts gesagt?“, fragt Marie ganz vorsichtig.

Ich schüttele nur den Kopf und versuche mich selber davon zu überzeugen, dass das eigentlich auch nichts ändert. Wir sind nicht mehr zusammen und wenn man sich mal ansieht unter welchen Bedingungen wir uns getrennt haben, war es wahrscheinlich auch nie möglich, dass wir Freunde bleiben. Und trotzdem will mein Körper mir gerade einreden, dass jetzt die Welt untergeht. Und er hat recht. Lukas ist weg.

„Oh Schatz“, sagt meine Mutter, als sie sieht, was gerade mit mir passiert. Aber bevor sie mich an sich drücken kann, renne ich die Treppe hoch und schließe mich in meinem alten Kinderzimmer ein. Und da stehen sie; die Kartons mit meinen Sachen, die ich vor Kurzem erst zu Lukas‘ Wohnung geschleppt habe. Jetzt sind sie wieder hier.

Ich ignoriere das Klopfen an der Tür und verkrieche mich für die nächsten Stunden unter der Bettdecke. Vielleicht auch für die nächsten Tage. Jedenfalls so lange wie es dauert, bis das Zittern, das Schluchzen und das Frieren wieder aufhören. Aus dem einfachen Frieren wird nach einiger Zeit allerdings ein richtiger Schüttelfrost und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Fieber habe. Als ich abends aus dem Zimmer schleiche, um ins Bad zu gehen, kommt sofort meine Mutter angerannt und stellt – nach gefühlten zehntausend Entschuldigungen – letztendlich dieselbe Diagnose wie ich. Dabei hätte ich nie gedacht, dass ich mal so unglücklich sein würde, dass ich davon krank werde. Ich hab mich nie für so schwach gehalten. Aber ich habe ja auch nicht irgendjemanden verloren, sondern Lukas. Nicht nur den Mann, den ich liebe, sondern auch meinen besten Freund. Kann mir bitte jemand sagen wie man das überlebt?

Zwei Tage später kommt Marie nachmittags zu mir ins Zimmer und setzt sich auf die Bettkante. Sie sieht auch nicht viel glücklicher aus als ich mich fühle. Wegen Andreas? Es würde mich ja schon interessieren wie es gerade zwischen ihnen läuft, aber ich weiß nicht, ob es mich genug interessiert, um jetzt danach zu fragen. Eher nicht.

„Geht’s wieder?“, fragt sie.

Ich sehe sie nur ungläubig an. Sehe ich etwa so aus?

„Janni, wie lange willst du noch hier liegen und den sterbenden Schwan spielen?“

„Du verstehst das nicht“, nuschel ich in die Bettdecke.

„Doch. Wie es aussieht, habe ich nämlich auch bald keinen Freund mehr.“

Also ist es doch ziemlich ernst. Ich finde aber trotzdem, dass man das nicht mit meinem Unglück vergleichen kann. Lukas und ich waren immer zusammen. Ein Leben ohne ihn kenne ich nicht.

„Schon komisch, oder?“, fragt Marie mit einem Ausdruck auf dem Gesicht, der vielleicht mal ein Grinsen sein sollte, jetzt aber nur noch gruselig aussieht. „Dass wir beide diesen Stress zur gleichen Zeit haben. Lukas macht Schluss mit dir und fast gleichzeitig fällt Andreas ein, dass es bei uns auch nicht mehr so toll läuft.“

Oh Gott! Ich hab meiner Schwester den Freund ausgespannt! Nicht bewusst und wie ich finde vollkommen schuldlos, aber na ja … daran beteiligt war ich wohl schon. Ich hätte Andreas einfach ignorieren müssen. Von Anfang an. Was hab ich mir nur dabei gedacht, ihm helfen zu wollen? Danach wollte ich ihm aus dem Weg gehen, ja. Aber ist mir das wirklich gelungen? Oder hab ich ihm vielleicht versehentlich irgendwelche Hoffnungen gemacht? ‚Ausgespannt‘ ist aber auch das falsche Wort, fällt mir gerade auf. Das würde ja bedeuten, dass ich ihn für mich will und wir was miteinander haben, aber der Gedanke ist ja total bekloppt. Außerdem hat sich Andreas ja noch gar nicht von Marie getrennt.

„Hallo? Wohnt da drinnen noch jemand?“, fragt meine Schwester und wedelt mit einer Hand vor meinem Gesicht herum.

„Äh, ja. Das ist wirklich ein komischer Zufall.“ Na super. Noch auffälliger ging’s wohl nicht.

„Wo warst du eigentlich die letzten zwei Wochen?“

„Bei einem Freund aus der Schule.“

„Aber nicht dieser Dennis, oder?“, fragt sie und macht ein angewidertes Gesicht.

„Doch. Wieso guckst du so?“

„Weil ich den schon immer irgendwie … unsympathisch fand. Ich wusste gar nicht, dass ihr so gute Freunde seid.“

Könnte daran liegen, dass wir es nicht sind. Aber das muss sie ja nicht wissen, sonst macht sie sich nur wieder Sorgen und ich werde gezwungen, wieder hier zu wohnen. Und solange es mit ihr und Andreas so unsicher ist, werde ich mich hüten, mehr Zeit in diesem Haus zu verbringen als unbedingt notwendig. Und wo wir gerade bei Dennis waren … Der fragt sich bestimmt schon, wo ich die letzten Tage abgeblieben bin. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, aus diesem Bett zu steigen und nach einem Weg zu suchen, meine Welt irgendwie zu retten, bevor sie voll und ganz untergeht.

„Hast du was mit dem?“, hakt Marie nach.

„Wieso? Nur weil ich schwul bin?“

„Nein, weil du deprimiert bist.“

„Das geht dich gar nichts an.“

„Also ja.“

Ich ziehe es vor, sie lieber nicht anzusehen, weil ich befürchte, dass sie genau denselben abschätzigen Blick drauf hat wie Lukas. Und das brauche ich jetzt nicht wirklich.

„Meinst du nicht, dass ihr noch mal versuchen solltet miteinander zu reden?“, fragt Marie.

„Dennis und ich?“

„Nein. Du und Lukas.“

„Und was soll das bringen? Ich brauche keinen Freund, der mir nicht vertraut.“ Na, die hat ja Ideen …

„Aber du brauchst Lukas. Du funktionierst einfach nicht richtig ohne ihn und ich bezweifle, dass es ihm viel besser geht.“

„Dann hätte er eben nicht weggehen sollen. Ich sehe nicht ein, warum ich ihm jetzt hinterher rennen sollte, wenn er doch derjenige ist, der alles kaputt gemacht hat. Außerdem weiß ich ja nicht mal, wo er jetzt ist.“

„Dafür hat glücklicherweise jemand das Handy erfunden.“

Warum eigentlich redet meine kleine Schwester mit mir wie mit einem Kind? Ich weiß ja wohl selber, dass ich Lukas einfach anrufen könnte. Nur glaube ich nicht, dass er mir auch nur eine Sekunde zuhören würde. Und danach würde es mir wahrscheinlich noch schlechter gehen.

Ein paar Minuten später verlässt Marie mein Zimmer wieder und ich gehe ins Bad. Nach drei Tagen Bettruhe brauche ich unbedingt eine reinigende Dusche. Komischerweise muss ich sofort, nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, an Andreas denken und daran, wie er damals versucht hat, mich zu trösten. Und mir wird immer noch etwas warm bei dem Gedanken. Wann ist die Welt nur so verrückt geworden? Lukas entpuppt sich als eifersüchtiger Spinner, Andreas entdeckt seine sanfte Seite und ich suche ausgerechnet bei Dennis Zuflucht. Aber der größte Trottel bin wahrscheinlich ich, weil ich alles nur noch schlimmer gemacht habe. Selbst wenn Lukas über alles, was war, hinwegsehen könnte, würde er mir nie verzeihen, dass ich wieder mit Dennis geschlafen habe. Und schon gar nicht würde er verstehen, warum Andreas mich immer noch so nervös macht; in mehr als einer Hinsicht. Ein Anruf würde also rein gar nichts bringen. Obwohl ich ja schon gerne seine Stimme hören würde.

Ich verabschiede mich von Marie, lasse meinen Eltern einen lieben Gruß ausrichten und mache mich auf den Weg zu Dennis. Ich wünschte ich hätte eine andere Wahl.

Unterwegs packt mich dann auf einmal so große Sehnsucht nach Lukas, dass ich wie wild in meiner Tasche nach meinem Handy suche und ohne zu überlegen Lukas‘ Nummer wähle. Das unendliche Tuten ist die schlimmste Folter, die ich mir gerade vorstellen kann. Vielleicht nimmt er gar nicht erst ab, wenn er meine Nummer sieht. Oder hat er meine Nummer vielleicht schon gelöscht? Ich bin so in Gedanken versunken, dass mich das leise „Janni?“ am anderen Ende der Leitung zuerst völlig irritiert. Aber dann macht es klick und meine Beine werden zu Pudding. Er sagt immer noch Janni. Das ist ein gutes Zeichen, oder?

„Ja?“; frage ich, als ob ich derjenige bin, der angerufen wurde.

„Was willst du?“

„Wo bist du?“

Keine Antwort.

„Warum bist du einfach gegangen?“

„Ich …“

Und wieder Stille. Ich setze mich auf eine kleine Mauer und weiß nicht, was ich sagen soll. Es kommt mir so vor, als wäre alles wie immer. Als hätten wir uns wegen einer Kleinigkeit gestritten und würden uns jeden Augenblick wieder vertragen. Er würde fragen, ob ich zu ihm kommen kann. Und mir Eistee anbieten. Dann fallen wir uns in die Arme und alles ist wieder gut.

Es ist komisch seine Stimme zu hören.

„Du fehlst mir“, sage ich schließlich.

Und dann tutet es wieder. Er hat aufgelegt. Geistesabwesend starre ich das Telefon an und merke dabei nicht, dass sich jemand zu mir gestellt hat.

„Geht’s dir gut?“, fragt die Person, setzt sich neben mich auf die Mauer und legt einen Arm um meine Schultern. Das tut gut. Obwohl es Andreas ist. In diesem Augenblick ist es mir egal, warum er hier ist und dass der ganze Wahnsinn erst mit ihm angefangen hat. An Marie kann ich gerade auch nicht denken. Ich bin nur froh, dass jemand hier ist, bei dem ich mich anlehnen kann. Mein Kopf fällt wie von allein auf seine Schulter und meine Finger klammern sich krampfhaft an seine Jacke. Ich hatte recht: es ist jetzt schlimmer als vorher. So kann ich nicht zu Dennis gehen. Der würde mich nur auslachen.

„Wollen wir reingehen? Ist schon ganz schön kalt“, sagt Andreas, während seine Hand über meinen Rücken streicht.

„Reingehen?“, frage ich verwirrt und schniefend. Wo denn reingehen?

„Du sitz vor meinem Haus. Also vor dem Haus meiner Eltern.“

Ich drehe mich um. „Hier wohnst du?“ Was ist das denn bitte für ein unmöglicher Zufall?!

„Ja. Da oben ist mein Zimmer. Ich hab gesehen, dass du dich hier hingesetzt hast und dachte …“

„Ja, lass uns reingehen.“

Wo sollte ich auch sonst hin? Ich wollte eine andere Wahl. Und da ist sie. Andreas zögert. Er hat scheinbar nicht damit gerechnet, dass ich auf sein Angebot eingehe. Schon komisch. Wenn ich jemandem zugetraut hätte, so eine Situation sofort auszunutzen, dann ihm. Dennis würde nicht eine Sekunde zögern und höchstwahrscheinlich sein arrogantes Grinsen aufsetzen. Aber Andreas fängt sich schnell wieder und geht voran auf das Haus zu.

Er erzählt mir, dass seine Eltern noch bei der Arbeit sind, aber jeden Moment zurückkommen müssten. Das hört sich für mich wie eine Ausrede an. Aber wofür?

„Warum hast du ihn angerufen?“, fragt er, als wir in seinem Zimmer angekommen sind.

„Ich will nicht darüber reden.“

„Kann ich dir was anbieten?“

„Nein, danke.“

„Warum bist du dann mitgekommen?“

Gute Frage. Ich antworte einfach mal mit „keine Ahnung“, obwohl ich schon eine gewisse Ahnung habe. Ich glaube ich brauche immer jemanden, der mir irgendwie das Gefühl gibt, was Besonderes zu sein; jemanden, bei dem ich mich ausheulen kann und der auf mich aufpasst. Lukas konnte das alles. Und scheinbar ist Andreas der beste Ersatz, den ich auftreiben konnte. So merkwürdig das auch sein mag.

Er macht einen Schritt auf mich zu. „Ist die Regel, dich in Ruhe zu lassen, aufgehoben?“

„Nein.“

Er kommt noch näher. Mein Herzschlag beschleunigt sich und meine Lippen erinnern sich scheinbar daran wie sich seine anfühlen, denn sie fangen auf einmal an zu kribbeln. In meinem Kopf läuft gerade der Film ab wie er mich in meinem alten Zimmer gegen die Tür gedrückt hat. Vielleicht hat Lukas mich wirklich zu recht verlassen. In meinen Gedanken hab ich ihn eindeutig betrogen und sogar jetzt kann ich sie nicht abstellen. Ein Teil von mir kann es gar nicht erwarten, dass Andreas seine Hand nach mir ausstreckt.

„Darf ich dich trotzdem küssen?“

Sag nein! Sag nein!, denke ich angestrengt, aber stattdessen nicke ich. Er macht einen letzten Schritt und dann ist es zu spät. Er küsst mich. Oder fairerweise: wir küssen uns, denn ich bin dabei nicht wirklich untätig. Tatsächlich ist es sogar so, dass er relativ zurückhaltend ist. Seine Hände liegen warm und regungslos an meinem Rücken, während meine gar nicht wissen, was sie zuerst tun sollen. Ich entscheide mich dafür, etwas mehr Hautkontakt zu wagen und schiebe sie unter seinen Pullover. Er zuckt etwas zusammen, versucht aber offensichtlich sich nichts anmerken zu lassen. Ich lasse mich auch nicht weiter irritieren und konzentriere mich auf den Kuss. Er ist angenehm. Sehr angenehm. Aber es gibt kein inneres Feuerwerk oder wie man es auch immer nennen will. Es fühlt sich einfach gut an. Und es ist intensiver als bei Dennis. Irgendwie wärmer und zärtlicher sowieso. Aber …

„Warte!“, kommt es von uns beiden gleichzeitig und wir gehen jeder einen Schritt zurück.

„Warum sagst du ‚warte‘?“, frage ich überrascht. „Ich dachte du wolltest das die ganze Zeit.“

„Ja, aber jetzt glaube ich, dass es falsch wäre. Du tust es doch nur, weil du dich einsam fühlst und Marie gibt es ja auch noch.“

Das nehme ich ihm nicht ab. Da ist doch noch was anderes. Vielleicht …

„Kann es sein, dass du Angst hast?“, frage ich und er schaut tatsächlich etwas verlegen auf den Boden. „Du hattest noch nie was mit einem Jungen, oder?“

„Nein.“

Ich fasse es nicht. Seine Selbstsicherheit ist vollkommen flöten gegangen. War er es nicht, der die ganze Zeit hinter mir her war und mir vollkommen ungeniert in die Hose gegriffen hat? Wo ist dieser Andreas hin? Nicht, dass ich ihn vermisse, aber ein bisschen merkwürdig ist das schon. Ich setze mich verdattert auf die Bettkante und starre ihn an.

„Ich glaube, du musst mir was erklären. Ich verstehe nämlich gar nichts mehr“, fordere ich. „Was willst du eigentlich von mir?“

Er setzt sich mit etwa einem Meter Abstand neben mich und erklärt mir alles.

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