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Manu und ich

Teil 11

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Okay. Bis hier und nicht weiter. Ich kann unmöglich jetzt an sowas denken. Nur gut, dass Kai nicht hier ist, sonst hätte ich in diesem Augenblick höchst wahrscheinlich nicht die Kraft, ihn wegzustoßen. Ist es eigentlich nötig, dass man das, was man schreibt so deutlich sehen und spüren kann? Wahrscheinlich schon, sonst wäre die Geschichte bestimmt total flach und uninteressant und niemand würde sie lesen wollen. Mir hilft das allerdings reichlich wenig. Ich bin nämlich sehr gut darin, mich in etwas hineinzusteigern und komme dann nicht wieder raus. Jetzt gerade fühle ich mich wie ein Kind, dem man sein Lieblingskuscheltier weggenommen hat. Und was macht ein Kind in der Situation? Heulen, schreien und sich vollkommen ungeliebt fühlen. Ich heule nicht, ich schreie nicht, und eigenartigerweise fühle ich mich auch nicht ungeliebt. Ich weiß ja, dass Kai mich eigentlich liebt, aber das macht es auch nicht besser. Ich hab keine Ahnung wie ich aus diesem Sumpf wieder raus kommen soll.

Wie lange würde denn ein Kind rumschreien und heulen? Bis das Kuscheltier ersetzt ist? Nein, wohl eher nicht. Das ist genauso unersetzbar wie Kai für mich.

Dann vielleicht bis man es ausschimpft und versucht zur Vernunft zu bringen? Nein, auch nicht. So ein Verlust lässt sich nicht weg schimpfen. Wahrscheinlich würde das Kind dann alles in sich rein fressen und heimlich weiter heulen.

Dann bleibt ja nur noch die Möglichkeit, das Kuscheltier zu vergessen. Aber das kann dauern. Verdammt! Warum muss denn auch ausgerechnet ich mir das sturste und uneinsichtigste Kuscheltier von allen aussuchen?!

Okay, jetzt ist mal wieder der Zeitpunkt gekommen, an dem ich schwachsinnig werde. Das muss daran liegen, dass ich mir schon seit ein paar Minuten das Kopfkissen aufs Gesicht presse und langsam keine Luft mehr bekomme.

Warum hat er mich geküsst, verflucht?! Musste das unbedingt sein? Ich weiß doch so schon nicht, was ich eigentlich will. Die Gründe für die Trennung kommen mir manchmal so unsinnig vor, und dann wieder nicht. Heute Morgen hab ich noch gedacht, dass es richtig war Schluss zu machen, dann ist Jens aufgetaucht und ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, dann kam Kai, der sich mal wieder total bescheuert aufgeführt hat, aber dann hat er mich geküsst und seitdem weiß ich gar nichts mehr. Wer soll denn da noch durchsteigen?

Sonntag: nettes Frühstück mit meinen Eltern, Fragestunde mit meiner Mutter, was ich denn heute machen möchte, Fahrt in die Stadt, unüberrascht feststellen, dass Kai nicht da ist. Ja, ich lebe mein Leben mit Leidenschaft, sieht man das nicht?

Keiner meiner Freunde weiß so recht wie mit meiner Laune umzugehen ist und ausnahmsweise ist mir das heute auch mal ganz egal. Jens ist der Erste, der sich überhaupt traut sich zu mir zu setzen und mich anzusprechen.

„Hey, sorry, aber du siehst irgendwie aus wie ausgekotzt. Woran liegt’s? Kai?“

„Ich hab sozusagen mit ihm gesprochen. Gestern Abend noch. Und er hat sich verhalten wie immer. Er hat gesehen, dass du mich geküsst hast und natürlich alles falsch verstanden. Dann hat er mich geküsst.“

Jens sieht mich genauso verwirrt an wie ich mich gerade fühle.

„Er hat gefragt, ob ich ihn noch liebe“, erkläre ich. „Und als ich dann ja gesagt habe, dachte er wohl, dass wir wieder zusammen sein können. Aber ich hab ihn wieder weggestoßen und was ganz Blödes gesagt. Ich glaube, das hat ihn ganz schön getroffen und jetzt hab ich wieder ein schlechtes Gewissen.“

Warum erzähle ich das jemandem, mit dem ich mich gestern das erste Mal unterhalten habe?

„Da steige ich irgendwie nicht durch“, sagt Jens. „Er hat dich geküsst, nachdem du ihm gesagt hast, dass du ihn noch liebst? Und jetzt bist du ganz durcheinander, weil du nicht weißt, was du willst?“

„Ja.“

„Hat er denn auch gesagt, dass er dich liebt?“

„Ja, aber er schnallt einfach immer noch nicht, warum ich mich getrennt habe. Er kann mich doch nicht einfach küssen und sagen, dass er mich liebt und dann erwarten, dass alles gut ist.“

„Moritz, darf ich mal ganz ehrlich sein?“

„Klar.“

„Gestern hast du zu mir gesagt, dass du noch mal mit Kai reden wolltest, also musst du doch auch darüber nachgedacht haben, euch eine Chance zu geben. Dann ist Kai bei dir aufgetaucht und wollte genau dasselbe, sagt dir sogar noch, dass er dich liebt, küsst dich und was ist daran jetzt noch nicht genug? Wenn du mich fragst, er scheint es wirklich ernst zu meinen. Natürlich hat er seine Macken, aber sag doch mal ganz ehrlich, ob es dir jetzt mit der Trennung nicht vielleicht sogar schlechter geht als in der Zeit, als ihr noch zusammen wart. Da hattet ihr euch immerhin noch gegenseitig, auch wenn es nicht immer einfach war. Du machst jedenfalls jetzt nicht den Eindruck als könntest du ihn loslassen.“

„Er hat mich total blöd angemacht, deinetwegen!“, versuche ich mich zu verteidigen.

„Er war eifersüchtig! Wärst du das nicht? Er liebt dich, Moritz. Wenigstens das solltest du akzeptieren.“

„Also bin ich es jetzt, der alles falsch macht oder wie?“, frage ich aufgebracht.

„Nein, das hab ich nicht gesagt. Ich bleibe dabei, was ich gestern schon gesagt habe. Rede mit ihm. Und zwar richtig.“

„Nach dem, was ich gestern gesagt habe, würde er mir die Tür vor der Nase zuschlagen.“

„Das glaube ich nicht. Er weiß doch, dass er auch Fehler gemacht hat.“

„Ach ja?“

„Ja“, antwortet auf einmal eine andere Stimme. Tim hat sich zu uns gesetzt und lächelt mich an. „Kai weiß, dass er ein ziemlicher Trottel sein kann und es dir gegenüber auch war. Ich kann auch nur sagen, dass ihr das klären müsst.“

„Hast du nicht gesagt, dass du dich nicht mehr einmischen wolltest?“

„Ja, aber es sieht gerade so aus als würdest du endlich vernünftig werden und da dachte ich, dass ich dir noch einen kleinen Schubs gebe“, sagt er grinsend.

„Ich kann doch nicht einfach zu ihm gehen“, sage ich verzweifelt. Ich fühle mich gerade sehr überrumpelt.

„Wieso nicht?“, fragt Jens.

„Na, weil … weil … ich weiß doch gar nicht, was ich sagen soll.“

„Dann sag halt nichts, sondern zeig es ihm.“

„Ihr seid doch verrückt. Ich weiß noch nicht mal, ob ich überhaupt zu ihm gehen will und ihr seht uns schon wieder zusammen oder wie?“

Tim und Jens schauen sich kurz an und sagen dann gleichzeitig: „Ja.“

Ich schüttle nur den Kopf und stehe auf.

„Willst du jetzt sofort gehen?“, fragt Tim überrascht.

„Nein, natürlich nicht. Ich gehe nach Hause und denke drüber nach.“

Das tue ich dann auch. Auf dem Weg fängt es plötzlich an zu regnen, also sehe ich zu, dass ich so schnell wie möglich ins Trockene komme. Ich schließe die Haustür auf, ziehe meine Schuhe aus und gehe die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Ist irgendwie verdächtig still hier. Wo wohl meine Mutter ist? Als ich auf dem oberen Treppenabsatz angekommen bin, beatwortet sich meine Frage von selbst. Die Tür zu meinem Zimmer steht weit offen und ich höre ein Geräusch, das mir sehr bekannt vor kommt. Papierrascheln. Auf einmal verkrampft sich alles in mir und da ist wieder dieser merkwürdige Druck. Etwas ängstlich schaue ich in mein Zimmer und sehe meine Mutter auf meinem Bett sitzen. In ihren Händen hält sie meinen Schreibblock. Als sie aufsieht und mich aus ihren verheulten Augen anschaut, muss ich schlucken. Das war’s dann also. Meine Mutter hat meine Geschichte gelesen und weiß jetzt, dass ihr Sohn schwul ist.

„Ich wollte Staubsaugen“, sagt sie so leise, dass ich es kaum höre. „Hast du das geschrieben?“

Ich schlucke wieder. „Ja.“

„Wie kommst du auf so was? Das ist doch nicht normal.“

„Doch, das ist normal.“

„Nein, Moritz“, sagt sie kopfschüttelnd. „Das geht nicht. Das macht alles kaputt.“

Sie blättert durch den Block und fängt an, eine Seite nach der anderen raus zu reißen.

„Hör auf damit!“, schreie ich sie an und reiße ihr alles aus den Händen. „Das gehört mir und ich schreibe, was ich will!“

„Aber doch nicht so was! Wie kommst du nur darauf? Du bist doch nicht … schwul!“

„Doch“, sage ich wütend. Ich würde in diesem Moment alles sagen, um sie so zu verletzen wie sie mich gerade verletzt. „Ich liebe einen Jungen!“

Das nimmt ihr für einen Moment den Wind aus den Segeln. Ich kann sehen wie angestrengt sie überlegt und auch, welche Schlüsse sie wohl daraus ziehen wird. Scheiße! Kai. Er würde ausrasten, wenn meine Mutter wüsste, dass er schwul ist. Ich muss versuchen ihr das auszureden. Verdammt, das wird sie mir doch nie glauben …

„Kai“, sagt sie wieder ganz leise. Ihre Augen sind nur noch kleine Schlitze.

„Nein, er hat nichts damit zu tun.“

„Deshalb warst du so oft bei ihm.“

„Nein!“, schreie ich verzweifelt. „Er ist nur ein Freund.“ Der Druck in meiner Brust und meinem Hals wird stärker.

„Ist ja auch egal, wer es ist. Du hast Hausarrest, bis du wieder normal bist.“

„Ich bin normal, kapier das doch! Aber du nicht!“

„Werd jetzt nicht auch noch frech, mein Lieber.“

Ich merke wie mir langsam die Tränen in die Augen steigen, also renne ich mit meinem Schreibblock in der Hand aus meinem Zimmer, die Treppen runter, ziehe meine Schuhe wieder an, und laufe raus in den Regen. Davon merke ich allerdings nichts. Ich will nur noch weg, so schnell wie es nur geht. Und ich kenne nur eine Person, zu der ich jetzt gehen kann.

Ich klingle und versuche noch schnell, mir die verräterischen Spuren aus dem Gesicht zu wischen, da geht die Tür auch schon auf.

„Mo? Wie siehst du denn aus.“

„Du hast gesagt, dass ich kommen soll, wenn…“ Der Rest geht in einem lauten Schluchzer unter. Ich versuche alles Mögliche, um meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen, aber der scheint gerade seinen eigenen Kopf zu haben.

Kai schiebt mich erst mal ins Haus und nimmt mich dann in den Arm. Zuerst wird es dadurch nur noch schlimmer, aber dann beruhige ich mich ganz langsam. Kai lockert den Griff an meinem Rücken und sieht mich an. „Wollen wir hoch gehen? Oder…“

„Ja.“

In seinem Zimmer lasse ich mich sofort aufs Bett fallen und Kai legt sich neben mich. Als ob nichts gewesen wäre. Er riecht immer noch so wie ich es in Erinnerung habe, er sieht mich immer noch auf dieselbe Weise an und mein Herz schlägt noch genauso aufgeregt, wenn er mir nahe ist wie vor unserer Trennung. Es ist alles wie vorher. Die gleiche Spannung, aber ohne diese dicke Luft zwischen uns. Es ist jetzt wieder einfach nur schön neben ihm zu liegen, nicht so verkrampft. Irgendwas hat sich aufgelöst.

Langsam streckt er eine Hand aus und streicht mit einem Finger über meine Wange.

„Soll ich weiter weg … ich meine …“, fragt er unsicher.

„Nein“, sage ich und rücke dichter an ihn heran. „Du musst genau hier bleiben.“

Er legt seine Arme wieder um mich, sodass ich mich ganz dicht an ihn kuscheln kann und breitet auch noch die Decke über uns aus.

„Ich bin noch ganz nass.“

„Macht nichts.“

Seine Hände streichen über meinen Rücken, um mich zu wärmen und seine Lippen berühren meine Stirn.

„Ich hab dich vermisst“, sagt er plötzlich.

„Ich dich auch.“

„Tut mir leid, dass ich alles kaputt gemacht habe. Ich weiß jetzt, dass ich dir vertrauen muss, wenn wir zusammen sein wollen, und dass du ein Recht darauf hast, alles über mich zu wissen. Ich hatte nur Angst, dass du dann nicht mehr mit mir zusammen sein willst, aber das ist wohl nach hinten losgegangen.“

„Nein, du hattest recht. Ich hätte nicht so drängeln sollen. Ich wusste ja wie schwer das für dich ist. Du musst mir das nicht erzählen.“

„Ich möchte aber.“

Unsere Gesichter liegen jetzt so dicht beieinander, dass sich unsere Nasenspitzen schon berühren.

„Kai?“

„Hm?“

Ich sage nichts, sondern küsse ihn. Ab und zu kann es ja nicht schaden, Tims Rat zu befolgen. Und schon ist da wieder dieses Brennen. Aber nicht so schmerzhaft wie gestern, sondern schon mehr wie ein Kribbeln. Und als Kai den Kuss erwidert, breitet es sich überallhin aus. Ich merke wie sich nach und nach alle Gedanken verabschieden, die nichts mit Kai zu tun haben, und die mich daran hindern könnten, ihm zu zeigen wie sehr ich ihn tatsächlich vermisst habe.

Erst als er mich ein Stückchen von sich schiebt und verlegen anlächelt, merke ich, dass ich es damit wohl etwas übertrieben habe. Ich liege mit meinem Oberkörper halb auf seinem und war wohl gerade dabei mit einer Hand unter sein Shirt zu schlüpfen.

„Darüber wollte ich mit dir auch noch mal reden“, sagt er.

Oh ja, richtig. Kein unüberlegter, spontaner Sex mehr.

„Das ist aber schwer zu erklären, wenn du nicht die ganze Geschichte kennst. Also wäre es wohl sinnvoller von vorne anzufangen.“

„Aber …“, fange ich an, werde aber sofort wieder unterbrochen.

„Wenn ich dir das nicht erzähle, wirst du mich nie verstehen können. Du musst das wissen, sonst würde es immer wieder zu Missverständnissen kommen.“

„Okay“, sage ich nickend. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht wissen möchte. Ich will nur nicht, dass Kai sich dazu gezwungen fühlt und ich habe auch ein bisschen Angst, was da ans Tageslicht kommen könnte.

„Aber zuerst möchte ich wissen, warum du überhaupt hier bist. Was ist denn passiert?“

„Meine Mutter hat rausgefunden, dass sie einen schwulen Sohn hat.“

„Oh … ähm … und wie hat sie reagiert?“

Ich drehe meinen Kopf weg. „Sie hat gesagt, dass das nicht normal ist, und dass das alles kaputt macht.“

Meine Lippen fangen an zu zittern.

„Scheiße. Tut mir leid, Mo.“ Kai zieht mich wieder dichter an sich heran, so dass mein Gesicht jetzt an seiner Brust liegt. Die Tränen laufen dadurch direkt auf sein Shirt, während er mit einer Hand durch meine Haare und mit der anderen über meinen Rücken streicht.

„Sie hat meine Geschichte gelesen und dann angefangen die Seiten aus meinem Block zu reißen. Sie wollte mir Hausarrest geben, bis ich wieder normal bin. Da bin ich abgehauen und wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Ich dachte, weil du gesagt hattest …“

„Ja, ich weiß. Ich bin froh, dass du gekommen bist.“

„Tut mir leid, was ich gestern gesagt habe“, schniefe ich.

„Mir auch. Ich war sauer, weil Jens dich geküsst hat, dabei kannst du machen, was du willst.“

„Es hatte nichts zu bedeuten.“

„Weiß ich doch.“

„Er wollte nur …“

„Mo“, unterbricht Kai mich wieder. „Ich weiß.“

Irgendwas stimmt mit mir absolut nicht, denn ich fange schon wieder an zu heulen. Vielleicht kommt aber auch gerade einfach alles zusammen. Die Sache mit meiner Mutter, die Sorge um das, was Kai mir erzählen will, das Glück wieder bei ihm zu sein und die Angst, dass wir es wieder nicht schaffen zusammen zu bleiben.

Kai wartet geduldig bis ich wieder ruhiger geworden bin und küsst mich dann ganz vorsichtig. Seine Lippen berühren meine kaum, aber das müssen sie auch nicht. Es ist genau das Richtige für diesen Augenblick. Nur süß und weich und vertraut.

„Ich liebe dich“, flüstert er irgendwann und verstärkt den Druck auf meine Lippen, bevor ich etwas antworten kann. Mein Herz hat die Veränderung scheinbar schneller bemerkt als mein Gehirn, denn es schlägt schon wie wild, als ich noch gar nicht registriert habe, was hier gerade passiert. Mein T-Shirt habe ich zu dem Zeitpunkt nämlich schon nicht mehr an.

„Ähm… wolltest du nicht eben noch mit mir darüber reden?“, frage ich verwirrt, während Kai meinen Hals küsst.

„Ja.“

„Und was ist jetzt?“

„Habs mir anders überlegt. Ich wollte dir sowieso nur sagen, dass ich jetzt weiß, wo ich das einordnen muss. Du bist du. Und ich liebe dich. Alles andere ist nicht wichtig. Es sei denn du willst nicht.“

Ich glaub’s nicht. Da wird er doch tatsächlich ein bisschen rot.

„Du spinnst doch“, lache ich.

„Ich weiß“, sagt er ernst. „Aber ich werde dich nie wieder hier rausschmeißen und von jetzt an werde ich es genießen, neben dir aufzuwachen. Versprochen.“

„Heißt das, dass ich hier bleiben kann?“

„Natürlich bleibst du hier. Wo willst du denn hin?“

„Nirgendwo“, sage ich lächelnd und küsse ihn wieder. „Ich liebe dich auch.“

Seine Augen strahlen mich an. „Du kannst so lange hier bleiben wie du willst. Meine Eltern haben ganz sicher nichts dagegen und ich würde dich am liebsten nie wieder loslassen.“

„Dann tu’s doch nicht“, flüstere ich und schlinge beide Arme um ihn.

Er sieht mich lange an als würde er etwas suchen, doch dann lächelt er wieder und küsst mich. Ich frage mich, was dieser Blick zu bedeuten hatte, aber dann werde ich von der Berührung seiner Hände abgelenkt. Sie streichen an meinem Körper entlang, über die Rippen und den Bauch und ziehen mir mit der gleichen Bewegung die Hose von den Hüften. Seine Küsse verteilen sich mittlerweile auf meinem Oberkörper und wandern ganz langsam tiefer, bis auch der letzte meiner Gedanken ausgelöscht ist.

Scheint so als hätte Kai doch noch verstanden, was mich immer gestört hat. Er kann jetzt sagen, was er denkt und fühlt, er kann mir vertrauen und offenbar kann er auch mit mir schlafen, ohne vorher tausendmal darüber nachzudenken. Ich kann ja nun nicht gerade behaupten, Experte auf dem Gebiet zu sein, aber sollte es nicht genau so sein? Sollte man es nicht tun, wenn einem danach ist, ohne erst überlegen zu müssen? Wenn man jemanden liebt, sollte man es sagen und zeigen können.

„Bist du sicher, dass es dir gut geht?“, fragt Kai.

„Ja.“

„Und warum grinst du dann die ganze Zeit?“

„Lass mich doch grinsen.“

Wir liegen immer noch im Bett. Einerseits, weil wir zu faul sind uns wieder anzuziehen und dann natürlich, weil wir uns einfach keinen Millimeter voneinander trennen wollen. Ich liege mit dem Kopf auf seinem Bauch und spiele mit den Fingern seiner linken Hand, während seine rechte Hand durch meine Haare streichelt. Wer würde da auf die Idee kommen, sich anzuziehen? Und wer würde da an meiner Stelle nicht die ganze Zeit grinsen müssen?

„Jetzt sag schon“, drängelt er.

„Hast du schon mal was davon gehört, dass man ständig grinsen muss, wenn man verliebt ist?“

„Du bist verliebt? In wen?“

„Du bist doof“, schmolle ich, während er sich kaputt lacht. Mir wird es dadurch auf seinem Bauch zu ungemütlich, also setze ich mich ans andere Ende des Bettes. Er kommt mir hinterher und setzt sich auf meinen Schoß.

„Du weißt genau, dass ich es nicht so gemeint habe“, sagt er lächelnd.

„Vielleicht.“

Er lehnt sich vor und küsst mich. „Es ist schon spät, willst du schlafen?“

„Nein, ich bin noch nicht müde.“

„Gut. Willst du hören, was vor drei Jahren passiert ist?“ Er schluckt nervös, scheint es aber vollkommen ernst zu meinen. Sein Blick fällt auf die Pinnwand hinter uns, dann sieht er wieder mich an. Ich hab keine Ahnung, ob ich das hören will. Wenn ich ja sage, fühlt Kai sich vielleicht dazu gedrängt, und wenn ich nein sage, denkt er wohlmöglich, dass es mich nicht interessiert.

„Ich weiß nicht. Willst du es denn erzählen?“

„Ja, will ich. Ich hätte das schon viel früher tun sollen.“

„Aber du musst das nicht meinetwegen machen“, versichere ich ihm.

„Ja, ich weiß, aber ich möchte, dass du das alles verstehst. Du musst wissen, was das mit dir zu tun hat und warum ich manchmal so ausgetickt bin.“

„Das hatte alles etwas mit deinem Cousin zu tun?“

„Ja, zum größten Teil schon.“

„Kann ich mir gar nicht vorstellen.“

„Deshalb will ich es dir ja erzählen“, sagt er lächelnd und lehnt sich neben mir an die Wand. Er nimmt das Foto von sich und seinem Cousin von der Pinnwand und gibt es mir. Meine freie Hand nimmt er in seine und hält sie ganz fest. Es scheint auf jeden Fall nicht einfach für ihn zu sein, mir davon zu erzählen. Irgendwas ganz Schreckliches muss damals passiert sein, wofür er sich jetzt noch die Schuld gibt.

Seine Nervosität schwappt so langsam auch zu mir rüber und mein Herz klopft aufgeregt schnell.

„Tim hat dir nichts erzählt, oder?“, fragt er.

„Nein.“

„Okay, er weiß nämlich auch nicht alles. Ich hab mal angefangen, ihm davon zu erzählen, nachdem … ähm … also …“

„Ich weiß schon, dass du mit ihm geschlafen hast“, unterbreche ich ihn seufzend. Es scheint sich ja wirklich alles darum zu drehen.

„Ach so. Okay. Na ja, das war auch vor drei Jahren und gehört wahrscheinlich auch zu der Geschichte.“

„Wie das denn?“, frage ich verwirrt.

„Dazu komme ich später, okay? Ich glaube es wäre besser, wenn ich am Anfang anfange.“

Ich nicke nur.

„Tim und ich kennen uns schon seit der Grundschule, aber mit meinem Cousin war ich schon immer befreundet. Sein Name war Jona.“ Kais Blick fällt wieder auf das Foto. „Ich glaub ich hab seinen Namen seit drei Jahren nicht laut ausgesprochen.“

Ich drücke seine Hand noch ein bisschen mehr, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun könnte und warte einfach, bis er weiter spricht.

„Wir waren praktisch immer zusammen und haben immer alles geteilt. Er war mir total wichtig, weil ich ihm alles erzählen konnte und er mich immer verstanden hat. Aber kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag wurde er irgendwie komisch. Er hat ständig Ausreden erfunden, damit wir uns nicht sehen müssen und ist mir sogar in der Schule aus dem Weg gegangen. Irgendwann kam er dann doch mal wieder zu mir und wollte über irgendwas reden. Aber er hat erst ewig rumgedruckst, bevor er mir dann gesagt hat, dass er schwul ist. Ich dachte das wäre ein Scherz, aber dann … hat er mich geküsst. Er hat gesagt, dass er sich in mich verliebt hat. Da hab ich ihn rausgeschmissen. Ich wollte das nicht glauben, also bin ich ihm aus dem Weg gegangen. Ich wusste ja nicht mal richtig, was das zu bedeuten hatte. Ich konnte damit nichts anfangen. Jona hat immer wieder versucht mit mir zu sprechen, hat ständig angerufen oder ist einfach bei mir aufgetaucht, aber ich hab ihn immer nur angeschrien, dass er mich in Ruhe lassen soll. Eine Weile hatte ich dann nichts mehr von ihm gehört, als er irgendwann plötzlich in meinem Zimmer saß. Meine Eltern wussten nicht, dass ich ihn nicht sehen wollte und hatten ihn rein gelassen. Wie sonst auch immer. Er hat angefangen zu weinen und immer wieder gesagt, dass es ihm leid tut, und dass er mich vermisst. Ich war total verwirrt, weil ich nicht wusste wie ich mich verhalten soll. Wir waren ja immer wie Brüder und ich hatte ihn auch vermisst, aber ich wollte nicht, dass er in mich verliebt ist. Und dann hat er mich wieder geküsst und in mir spielte auf einmal alles verrückt.“

Kai muss wieder schlucken. Seine Hand ist ganz kalt geworden und zittert ein wenig. Ich muss sofort daran denken, was ich gedacht habe, als Kai mir das erste Mal von seinem Cousin erzählt hat. Ich hatte den Eindruck, dass er in seinen Cousin verliebt war und jetzt erzählt er mir, dass es tatsächlich so war?

„Ich war viel zu verwirrt, um irgendwas zu tun, also hab ich mich auch nicht gewehrt. Jona muss irgendwann gemerkt haben, dass ich mich nicht mehr bewegt habe und hat den Kuss abgebrochen. Er hat sich entschuldigt und ist gegangen. Danach hab ich ihn eine ganze Woche nicht gesehen und hatte daher auch sehr viel Zeit zum Nachdenken. Ich hab wahrscheinlich schon vermutet, dass ich Jona genauso mochte wie er mich, aber ich wollte mir das nicht eingestehen. Ich hatte einfach Angst davor. Und dann kam dieser Tag. Ich hab ihn zufällig gesehen wie er … die Treppen zur U-Bahn runter gegangen ist.“

Jetzt zittert nicht mehr nur seine Hand, sondern alles an ihm und sein Gesicht sieht merkwürdig verkrampft aus. Ich ziehe die Bettdecke etwas höher und versuche so viel wie möglich von ihm damit abzudecken. Er streckt seine Hand nach dem Foto aus, also gebe ich es ihm.

„Von da an hab ich alles falsch gemacht“, sagt er plötzlich und fängt von einem Moment auf den anderen an zu weinen. Das Zittern wird immer schlimmer. Es ist fast als würde ihn jemand an den Schultern packen und schütteln. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich machen soll und versuche deshalb einfach nur ihn festzuhalten und irgendwie zu beruhigen. Ich wusste ja, dass es nicht einfach wird, aber so schlimm?

Das Foto landet zusammengeknüllt auf dem Fußboden und dann schiebt Kai mich ein Stück von sich weg. Zuerst verstehe ich nicht warum, aber dann kommt mir der Gedanke, dass es irgendwas mit seinem schlechten Gewissen zu tun haben muss. Vielleicht denkt er, dass er seinen Cousin hätte retten können, wenn er ihn damals genauso nahe an sich heran gelassen hätte wie mich jetzt?

„Tut mir leid“, sagt Kai ganz leise, ohne mich anzusehen. Er hat seine Knie angezogen und seine Arme darum geschlungen.

„Muss es nicht. Ich verstehe das.“ Trotzdem kann ich es nur ganz schwer aushalten, ihn allein da sitzen zu lassen. So kann ich ihm doch nicht helfen.

„Ich hätte ihm nicht nachlaufen sollen“, erzählt er weiter. „Dann wäre er wahrscheinlich nur in die Bahn gestiegen und nichts wäre passiert, aber ich wollte mit ihm reden. Ich wollte meinen besten Freund zurück. Aber er hat das ganz falsch verstanden. Er dachte ich wollte ihm sagen, dass ich ihn genauso liebe wie er mich. Er hat … er hat sich total gefreut mich zu sehen.“

Das Zittern hat aufgehört, aber sein Gesicht ist schon ganz nass von den vielen Tränen. Einmal kurz wischt er mit dem Handrücken über seine Wange, genau wie an dem Tag, als ich ihn im Park hab weinen sehen.

„Ich sehe noch genau vor mir wie er mich angelächelt hat und wie er auf mich zugekommen ist. Er wollte mich umarmen und das wollte ich eigentlich auch, aber … aber ich …“

Kai dreht seinen Kopf von mir weg und ich höre ihn nur noch leise schluchzen. Ich will schon eine Hand ausstrecken, lasse es dann aber doch. Vor meinen Augen laufen gerade noch mal die Bilder aus meinem Traum ab. So muss es tatsächlich gewesen sein. Mir wird schlecht. Wie konnte ich das wissen? Kai hat mir gegenüber nie gesagt wie sein Cousin gestorben ist. Kann es sein, dass ich bei meiner Recherche im Internet genau den richtigen Artikel gefunden habe? Da stand doch auch etwas von Bahngleisen. Oh mein Gott. Kai denkt, dass er seinen Cousin umgebracht hat?

„Ich hab ihn weg gestoßen … und dann ist der Zug gekommen.“ Er schüttelt seinen Kopf als wollte er die Bilder loswerden und krallt seine Finger in seine Haare. Ich kann mir das nicht länger nur anschauen und packe seine Arme.

„Kai, das war ein Unfall.“

„Nein. Ich hab ihn geschubst. Ich war schuld!“

„Du wolltest das doch nicht!“ Keine Ahnung, was ich sonst noch sagen könnte. In so einer Situation war ich bisher auch noch nie. „Es war ein Unfall.“

Er sieht mich aus seinen verquollenen Augen an und lehnt dann seinen Kopf an meine Schulter. Ich lege beide Arme um seinen Körper und warte. Wahrscheinlich gibt es nichts, das ich jetzt sagen könnte, um ihn zu beruhigen. Ich kann ihn nur festhalten und hoffen, dass ihm das hilft.

„Hasst du mich jetzt nicht?“, fragt er leise.

„Was? Natürlich nicht!“

„Ich wollte mich eigentlich nie wieder in einen Jungen verlieben. Ich war noch so jung und dachte, dass es irgendwie Unglück bringt oder so. Und ich wollte alles vergessen. Deshalb hab ich mit ganz vielen Mädchen geschlafen. Aber das ging irgendwann auch nicht mehr und dann ist das mit Tim passiert. Seitdem wusste ich, dass ich nicht ganz davor weglaufen kann, dass ich schwul bin, aber ich wollte mich nie wieder verlieben. Als du aufgetaucht bist, kam alles wieder irgendwie in mir hoch, also hab ich versucht dir aus dem Weg zu gehen.“

„Ich weiß, was du meinst.“

„Es tut mir leid.“

„Das muss es nicht. Wirklich. Mir tut es leid, dass ich dich nicht in Ruhe gelassen hab.“

„Nein, das war schon gut so. Ich konnte ja nicht ewig wegrennen.“

„Ja, wahrscheinlich nicht. Wissen deine Eltern …?“

„Ja, sie wissen alles.“

Eine Weile sagen wir beide nichts. Irgendwann legen wir uns dann hin, ganz eng beieinander, als ob wir sonst auseinanderbrechen würden.

„Ich bin froh, dass du da bist“, sagt Kai.

„Ich auch.“ Und das bin ich wirklich. Ich kann ja nichts anderes tun, als hier zu sein.

Kurz darauf ist Kai eingeschlafen, aber ich bekomme kein Auge zu. Ich liege die ganze Zeit wach, weil ich fast damit rechne, dass er wieder aufwacht. Ich hab mich noch nie so hilflos gefühlt wie heute Abend. Und trotzdem bin ich froh, dass er es mir erzählt hat. Es macht es einfacher zu verstehen, was in ihm vorgeht. Allerdings hab ich das Gefühl, dass diese ganze Sache noch lange nicht aufgearbeitet ist und ich weiß nicht wie es jetzt weiter gehen soll.

Vielleicht sollte ich aber auch erst mal abwarten wie es ihm morgen geht. Das war einfach ein bisschen zu viel auf einmal.

Das erste, das ich am nächsten Morgen spüre, sind Finger, die ganz sanft meinen Nacken kraulen. Ich muss grinsen, als ich merke, was das bedeutet.

„Na du Langschläfer“, flüstert Kai.

Ich kuschel mich noch dichter an ihn und genieße den Augenblick. Er ist so schön warm.

„Willst du etwa wieder einschlafen? Es ist schon ganz schön spät.“

„Egal“, nuschel ich.

„Die Schule können wir heute jedenfalls knicken.“

Jetzt bin ich auf einmal wach. Ich schrecke hoch und schaue auf den Wecker. Er zeigt 11:45.

„Scheiße. Meine Mutter wird mir niemals ne Entschuldigung schreiben.“

„Das kriegen wir schon irgendwie hin. Außerdem geb ich dich heute nicht her.“

„Ach, und sonst schon?“

„Nein, nie wieder“, sagt er lächelnd und zieht mich zurück in seine Arme. Seine Fingerspitzen streichen über meine Wange und seine Augen schauen mich mit so viel Wärme an, dass ich schon fast schmelzen möchte.

„Hast du gut geschlafen? Ich meine … also … konntest du schlafen?“, frage ich.

„Ja, ich war wohl ziemlich fertig. Und du?“

„Ich konnte nicht sofort einschlafen, aber das hab ich ja bis eben nachgeholt.“

Seine Finger wandern jetzt über meine Stirn und streichen da ein paar Haarsträhnen zur Seite.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm wird. Tut mir leid, dass ich dich so erschreckt habe. Ich hab nur lange nicht drüber gesprochen und dachte, dass sich das damit irgendwie erledigt hat. Da lag ich wohl ziemlich daneben.“

„Für mich war es nicht halb so schwer wie für dich.“

„Für mich sollte es auch nicht leicht sein“, sagt er und senkt den Blick.

„Hey“, sage ich und nehme sein Gesicht in meine Hände. „Mach dich nicht verrückt. Das hilft niemandem und am wenigsten dir. Ich will nicht, dass du dir die Schuld gibst. Es war ein Unfall.“

Er will etwas erwidern, aber ich halte meine Finger auf seine Lippen. „Ich liebe dich.“

Er greift nach meiner Hand und verschränkt seine Finger zwischen meinen. „Ich dich auch.“ Dann beugt er sich vor und küsst mich.

„Sind deine Eltern nicht sauer, wenn du nicht zur Schule gehst?“, frage ich.

„Nein, ich hab ihnen erklärt, warum wir nicht gehen.“

„Wann das denn? Sie wissen doch noch nicht mal, dass ich hier bin.“

„Doch, mein Vater ist heute Morgen hier rein gekommen, weil er sich gewundert hat, dass ich nicht aufstehe.“

„Was? Und macht es ihnen gar nichts aus, dass ich … dass wir … ähm, also … ich meine …“

„Dass wir zusammen schlafen? Nein“, sagt er lächelnd. „Meine Eltern wollen, dass ich glücklich bin. Sie haben ja die ganze Geschichte mit Jona auch mitbekommen.“

„Hm“, mache ich nur und schaue auf meine Hand, die immer noch in Kais liegt.

„Deine Mutter kriegt sich auch wieder ein. Das ist alles einfach ganz neu für sie. Ich hab gesehen wie viele Sorgen sie sich um dich gemacht hat, als du neulich zusammengeklappt bist.“

„Gestern sah das aber ganz anders aus.“ Da fällt mir was ein. „Wo ist eigentlich mein Block? Den hab doch mitgenommen, oder?“

„Ja, der ist hier. Mein Vater hat ihn vorhin mit reingebracht.“

„Hast du …?“

„Nein, hab ich nicht. Obwohl es mich ja brennend interessiert hätte“, lacht er.

„Warum nicht? Du hättest es ruhig lesen können.“

„Als ich dich das letzte Mal gefragt habe, wolltest du es nicht.“

„Jetzt macht es mir nichts mehr aus.“

„Okay“, sagt er und greift nach dem Block auf dem Boden.

„Aber doch nicht jetzt sofort“, protestiere ich und versuche, ihn aufzuhalten.

Er sieht mich mit einem breiten Grinsen an. „Das war doch nur ein Scherz. Ich könnte mich jetzt gar nicht richtig darauf konzentrieren. Außerdem hab ich Hunger. Du nicht?“

„Doch, schon.“

„Dann gehen wir jetzt erst mal frühstücken.“ Er drückt mir einen Kuss auf die Lippen und steht auf.

In der Küche treffen wir auf Marion, die mich sofort freundlich anlächelt und uns einen guten Morgen wünscht. Sie bietet mir an, mal mit meiner Mutter zu sprechen und betont ausdrücklich, dass ich gerne erst mal hier bleiben kann. Kai lächelt glücklich und legt ein Brötchen vor mich auf den Teller.

„Siehst du, wir kriegen das hin.“

Nachdem wir fertig sind mit dem Frühstück, wollen wir wieder nach oben in Kais Zimmer gehen, aber seine Mutter hält ihn auf.

„Würdest du schon mal hoch gehen, Moritz? Ich möchte nur ganz kurz mit Kai reden.“

„Ja, klar“, sage ich und lasse die beiden allein. Bestimmt macht sich seine Mutter Sorgen um ihn wegen gestern. Ich lege mich einfach aufs Bett und warte. Dabei fällt mein Blick auf die Pinnwand, an der wieder das Foto hängt, das Kai gestern zerknüllt hat. Ich hatte mich schon gewundert, dass er es gar nicht behalten möchte. Es ist immerhin eine Erinnerung. Aber scheinbar war das nur eine Kurzschlussreaktion und er hat es vorhin wieder aufgehoben. Wie lange er wohl schon wach war? Und woran hat er gedacht?

„Ich hab’s heute Morgen wieder aufgehängt“, sagt Kai auf einmal hinter mir und setzt sich neben mich. „Das ist mein Lieblingsfoto. Wäre ja blöd es wegzuwerfen.“

„Ja.“

„Willst du noch was wissen? Du siehst so nachdenklich aus.“

„Nein, ich … nein.“

„Du kannst mich ruhig fragen.“

„Ich frag mich nur wie du jetzt damit umgehst. Gestern Abend …“

„Das gestern Abend war eine Ausnahme. Ich hab kurz nachdem das mit Jona passiert ist, ein paar Therapiestunden gehabt, aber seitdem nicht mehr darüber gesprochen. Eigentlich kann ich ganz gut damit umgehen, aber es ist noch mal was Anderes mit dir darüber zu reden. Ich hatte Angst, dass dich das abschreckt und du dann … nicht mehr mit mir zusammen sein willst. Deswegen wollte ich es dir ja eigentlich erst gar nicht sagen.“

„Aber ich will mit dir zusammen sein.“

„Das weiß ich“, sagt er lächelnd.

„Ich will aber auch, dass es dir gut geht.“

„Es geht mir gut.“

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Ich krabble auf seinen Schoß und schlinge meine Arme um ihn.

„Kann es sein, dass ich keinen Freund habe, sondern ein Kuscheltier?“, fragt er kichernd.

„Ja, das kann sehr gut sein.“

„Okay. Ich wollte nur sicher sein.“

Er küsst meinen Hals und schlüpft mit seinen Händen unter meinen Pullover.

„Dein Kuscheltier hat sich gerade erst wieder angezogen“, sage ich grinsend.

„Umso besser. Dann kann ich es ja wieder ausziehen.“

„Und was ist mit deiner Mutter?“

„Die ist beim Einkaufen.“

„Hm.“

„Was ist?“, fragt er und sieht mich irritiert an.

„Mir sind gerade die Einwände ausgegangen.“

Er verdreht die Augen und wirft mich rücklings auf die Matratze. Seine Haarspitzen kitzeln mein Gesicht, als er sich über mich beugt, um mich zu küssen.

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