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Summerways

Teil 5 - David hat einen Plan

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Max wirkt ein wenig distanziert bei der Begrüßung am Flughafen. Wahrscheinlich habe ich ihn mit meinem Gerede über Kinder verschreckt.

„Hör mal, Max. Ich wollte dich mit dem Kinderwunsch nicht so überfallen“, erkläre ich ihm im Auto. „Ich hab nur das Gefühl, dass in meinem Leben nichts vorwärts geht. Aber mir ist klar, dass das mit der Familiengründung nicht von heute auf morgen geht. Ich werde versuchen, Geduld zu haben, bis du auch so weit bist. Aber ich fände es wichtig, dass wir gemeinsam Zukunftspläne schmieden. Ich hab da schon viele Ideen.“

Max‘ Blick ist eine seltsame Mischung aus Erstaunen und Resignation. Ich muss fragen:

„Du willst doch irgendwann Kinder, oder?“

„Ich bin 23, David.“

„Was soll das jetzt heißen?“

„Ich will Kinder. In zehn Jahren. Solange will ich was aus meinem eigenen Leben machen. Ich will auf keinen Fall, dass mein Kind für mein Glück verantwortlich ist. Sowas darf man einem Kind nicht zumuten. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.“

Alles was ich in diesem Moment höre, ist:

„Zehn Jahre?! Und was soll ich bis dahin machen?“

„Dein eigenes Leben leben?“, schlägt er vor.

Ich weiß, dass da was Wahres dran ist. Trotzdem verschränke ich wütend die Arme und schnaube:

„Toll, unsere Lebensentwürfe passen ja perfekt zusammen.“

Danach herrscht für den Rest der Fahrt eisige Stille.

Zum Glück habe ich ja einen Plan. Und der beginnt damit, mich mit meinen Kollegen anzufreunden, um wieder ein Sozialleben zu haben. Er geht damit weiter, mich für Herbst für einen Betriebswirtschaftsstudium einzuschreiben, so dass meine Karriere nicht brach liegt. Die dritte Komponente in meinem Leben ist nicht so einfach hinzubiegen: Meine Beziehung zu Max.

„Ich hätte Lust, mal was für meinen Körper zu tun. Nimmst du mich mit ins Fitnessstudio?“, frage ich ihn am Abend.

„In MEIN Fitnessstudio?“, fragt Max überrascht.

„Wenn du nichts dagegen hast?“

„Also eigentlich … ich trainiere gern für mich allein, weißt du? Sonst kann ich mich nicht konzentrieren.“

Ich merke, wie Wut in mir aufsteigt, weil Max mal wieder so egoistisch ist und nicht erkennt, dass ich hier versuche, uns mehr Zeit zusammen zu verschaffen. Doch ich beherrsche mich und bleibe freundlich:

„Ich fände es aber schön, wenn wir mehr Zeit zusammen verbringen würden.“

Er überlegt kurz:

„Magst du mir morgen zusehen? Ich halte ein Tutorium mit 50 Leuten.“

„Gern!“, freue ich mich.

„Was machen eigentlich die Wellensittiche?“, will er wissen.

Ich bin total gerührt, dass er nach den beiden fragt und muss breit grinsen. Dann berichte ich ihm von den Fütterungsaktionen meines Vaters und den Wellensittich-Konzerten, die meine Mutter auf dem Klavier hinlegt. Danach haben wir schnellen Sex und schlafen zusammen ein. Max steht nicht noch mal auf, um was für die Arbeit zu tun. Ich bin begeistert von den ersten Erfolgen meiner Taktik!

Was bin ich stolz auf meinen Freund! In Schlips und Kragen, aber mit hochgekrempelten Macher-Ärmeln stellt er sich vor 50 Studenten und erklärt ihnen spontan alles, wozu sie Fragen haben. Max‘ Superhirn überrascht mich immer wieder. Er fühlt sich sichtlich wohl in seiner Rolle als Lehrer und skizziert eifrig Grafen an das Whiteboard. Nach eineinhalb Stunden sehen alle Studenten ziemlich zufrieden aus und Max strahlt. Jetzt verstehe ich, wie viel ihm der Job hier bedeutet. Er ist absolut in seinem Element. Und ich bin der Idiot, der ihn davon abhält, das zu tun, was er liebt. Ich gehe vor zu meinem Schatz, der gerade seine Tasche packt. Er lächelt mich an und küsst mich – AUF DEN MUND !! Somit ist die Frage geklärt, ob er mich vor seinen Kollegen und Studenten leugnet.

„Ich liebe dich. Du bist wunderbar“, flüstere ich ihm zu.

Er nimmt mich fest in den Arm.

„Ich hab jetzt drei Stunden frei. Lass uns was Essen gehen. Stellst du mir deine Kollegen vor?“, bittet Max.

Ich nehme ihn also zum ersten Mal mit ins Restaurant und führe ihn Anne und meinem Chef Henry vor. Das ist irgendwie auch ein guter Einstieg, um die Beziehung zu den Kollegen persönlicher werden zu lassen. Henry lädt uns zu der Ausstellungseröffnung eines Freundes ein. Und Anne drängt drauf, mal ein Double-Date mit ihr und ihrem Freund auszumachen. Das läuft doch prima!

Bis ich Max am Abend Klaras Weihnachtsgeschenk zeige. Das Summerskin-Shirt mit Jordan drauf. Ich kann gar nicht so schnell schauen, da sind Max und ich schon mitten in einem riesen Streit gefangen, der damit angefangen hat, dass er mir verbieten wollte, das Shirt zu tragen. Dabei hatte ich das ursprünglich gar nicht vor! Ich hab es aus Trotz dann aber angezogen. Schließlich lasse ich mir sowas nicht vorschreiben. Ich behaupte, das sei ab sofort mein Schlaf-Shirt, weil es so weich und gemütlich ist. Max weigert sich, sich dann mit mir ins selbe Bett zu legen. Und schwupps ist er zur Tür raus und kommt erst mitten in der Nacht wieder zurück. Das Shirt liegt inzwischen im Müll. Und ich meide fortan, mit Jordan zu mailen oder zu telefonieren, wenn Max zuhause ist. Ich will einfach nicht mehr streiten.

Max schenkt mir am nächsten Tag ein paar Hanteln und verzichtet auf das Fitnessstudio nach der Arbeit, um mit mir in unserem kleinen Zimmer zu trainieren. Er zeigt mir Übungen für den Rücken, den Bauch, die Arme, die Brustmuskulatur und kommt mir dabei SEHR nahe. Als er beginnt zu schwitzen und sein Shirt auszieht, kann ich nicht mehr weiter trainieren. Ich MUSS ihn anfassen. Ich MUSS an ihm riechen, muss ihn überall küssen. Er liegt zitternd unter mir und streckt sich mir lustvoll entgegen. So viel Zeit haben wir uns schon lange nicht mehr für's Vorspiel genommen. Ich liebe es! Ich liebe es, ihn kommen zu sehen! Max schmiegt sich entspannt lächelnd an mich und flüstert:

„Das machen wir jetzt öfter.“

In der darauffolgenden Woche gehen wir mit Henry schick essen und danach auf eine Galerie-Eröffnung. Ich hab richtig Lust auf Kultur. Max geht eher nur mir zu Liebe hin, aber auch das weiß ich zu schätzen.

„Was für eine Art Künstler ist das eigentlich?“, frage ich Henry.

„Er ist Maler und einer der wichtigsten amerikanischen Realisten momentan. Seine Werke werden im sechstelligen Bereich gehandelt. Es ist ein großes Glück, dass er in der Stadt ausstellt. Er macht das zu wohltätigen Zwecken. Er heißt Vince Yadis. Sein Exmann ist ein Freund von mir, daher kennen wir uns. “

„Ach!“, mache ich.

„Sagt er dir was?“, will Max wissen.

„Ja, Jordan war mit ihm zusammen.“

„Klar, mit wem war der nicht zusammen“, schnappt mein Freund, beißt sich aber gleich auf die Zunge.

Henry ist neugierig geworden:

„Jordan?“

„Ein Freund von mir. Er war früher bei Summerskin.“

„Ach natürlich. Vince hat ihn schon oft erwähnt. Die beiden sind gemeinsam aus Arizona nach L.A. gekommen, nicht? Interessante Freunde hast du, David“, erklärt Henry anerkennend.

Max verdreht ein bisschen die Augen. Zum Glück sind wir da bevor wir uns in ein Streitgespräch verwickeln können.

Das erste, was ich sehe, ist ein riesiges Gemälde eines Männerhintern. Eines ausgesprochen hübschen Männerhinterns. Das erste was Max sieht, ist:

„Ria?!“

„Max?!“

Die beiden fallen sich augenblicklich in die Arme.

„Was machst du hier?“, fragt Max.

Mir fällt es wieder ein.

„Ach richtig, du bist mit Vince zusammen!“

Sie lächelt verlegen:

„Ja, der Künstler gehört zu mir.“

Schnell stelle ich ihr Henry vor, der sie etwas überrascht mustert und dann sagt:

„Ich wusste nicht, dass Vince auch weibliche Schönheit zu schätzen weiß.“

„Tja, das Leben steckt voller Überraschungen“, flötet sie. „Kommt, ihr müsst ihm Hallo sagen!“

Das erste, was mir an Vince auffällt, sind seine Augen. Ein dunkles Blau-Grau, das so gar nicht zu seinem pechschwarzen Haar passt. Dazu seine genau so dunkle Künstlerkleidung mit Rolli und enger Hose. Ohne Schnickschnack. Er ist schön. Vor allem, weil er um Mund und Augen ein paar kleine Lachfalten bekommt, als er Henry erkennt. Das nimmt seinem Gesicht die Perfektion und steht ihm außerordentlich gut. Die beiden begrüßen sich mit französischen Küssen. Dann stellt Ria Max und mich vor. Vince lächelt noch ein bisschen mehr:

„Ach, du bist Jordans David! Er erzählt viel von dir.“

„Ehrlich? Das hätte ich gar nicht gedacht. Wir sehen uns viel zu selten.“

„Tja, es ist doch die Hauptsache, dass Freunde da sind, wenn man sie am nötigsten braucht.“

Ich stimme ihm zu und denke an Silvester. Ich sollte mich regelmäßiger bei Jordan melden. Aber ich muss jetzt eben erst mal die Sache mit Max hinbiegen. Das wird Jordan sicher verstehen …

Max und Ria verbringen den restlichen Abend über Cocktails an einem Stehtisch in einer Ecke und unterhalten sich ohne Unterlass. Henry und ich sehen uns die Bilder an und fachsimpeln angeregt über ihre Bedeutung. Ich habe einen sehr schönen Abend und freue mich, dass Max auch Spaß zu haben scheint.

Als wir spät nachts zuhause ankommen, findet Max:

„Ich sollte Ria öfter treffen. Sie ist echt super. Mit ihr kann ich wirklich reden.“

Ich spüre kurz Eifersucht in mir aufsteigen, lächle dann aber:

„Wir können ja demnächst wieder nach L.A. fahren. Und Skype gibt es ja auch noch. …. Worüber habt ihr euch denn unterhalten?“

„Och … dies und das ...“

„Ist es ein Geheimnis?“, frage ich und kann nicht verhindern, gereizt zu klingen.

„Naja, kommt drauf an, ob du damit gleich zu Jordan rennst ...“

Ich atme tief durch und schlucke runter,was mir auf der Zunge lag. Stattdessen sage ich:

„Erzähl es mir ruhig. Ich behalt's für mich.“

„Ria überlegt, mit Vince Schluss zu machen. Sie findet ihn toll, aber … sie kommt nicht damit klar, dass er ein Kind hat.“

„Ah, ja, da konntest du dich sicher gut hineinversetzen.“

„David!“

„Tut mir Leid, das kam falsch rüber. Ich meine nur, dass ihr sicher ähnliche Sorgen habt ...“

„Ja ...“

„Denkst du auch dran, mit mir Schluss zu machen?“, frage ich leise und hab plötzlich Angsttränen in den Augen.

Max nimmt mich augenblicklich in den Arm und küsst mich.

„Wir können das hinkriegen“, flüstert er mir zu.

Ich hoffe so, dass er recht hat.

An meinen freien Vormittagen schaue ich Max gern beim Tutorium zu, kritzle währenddessen Notizen in mein Heft, in das ich meine Pläne notiere. Kurzfristig, mittelfristig, langfristig. Wobei auf meiner Langfristigen Liste ganz oben steht: Meinen 70. Geburtstag nicht allein in einer Bar verbringen müssen.

Max nimmt mich sogar zum Tag der offenen Tür seines Institutes mit und führt mich durch verschiedenen Labore mit Versuchsanordnungen. Vieles davon ist zwar nur für Naturwissenschaftler interessant, aber es gibt auch ganz spektakuläre Sachen wie den Forschungsreaktor, den Teilchenbeschleuniger, die Laser-Technik und natürlich typische Schul-Späßchen wie Heliumballone die einen klingen lassen wie die Chipmans und gefrostete rote Rosen die in flüssigen Stickstoff getaucht wurden. Max und ich haben Spaß, treffen aber leider keine Kollegen, die Max mir vorstellen könnte. Max erklärt, dass die meisten Versuche von Studenten betreut werden. Die wichtigen Leute seinen auf einer Fachtagung. Am Ende treffen wir dann doch noch einen älteren Professor, dem mich Max stolz vorstellt und mit dem er kurz plaudert. Als wir uns verabschiedet haben, tuschelt er mir zu:

„Jetzt kannst du behaupten, einem Nobelpreisträger die Hand geschüttelt zu haben.“

Wow! Max ist hier echt am richtigen Ort!

Ich glaube erst so richtig dran, dass Max genau so hart an unserer Beziehung arbeiten will, wie ich, als er sich am Valentinstag frei nimmt und mit mir vormittags im Restaurant bruncht, nachmittags mit mir unter die Decke kriecht und ein Nickerchen macht statt den Laptop aufzuklappen und mich abends mit Karten für's Theater überrascht.

„Danke für den wunderbaren Tag“, wispere ich und umarme ihn von hinten, während er sich im Bad seiner Krawatte entledigen will.

„Zieh dich aus und leg dich ins Bett. Ich komm gleich zu dir“, flüstert er anzüglich.

Das muss er mir nicht zwei Mal sagen. Mit Schmetterlingen im Bauch ziehe ich mich aus und kuschle mich nackt unter die Decke. Eine gefühlte Ewigkeit später kommt Max aus dem Bad. Er trägt nichts außer seiner Krawatte.

„Komm schnell her!“, entfährt es mir, denn ich kann kaum noch erwarten, ihn zu berühren.

Furchtbar langsam und elegant bewegt er sich auf mich zu, setzt sich auf den Bettrand und will sich wohl gerade hinlegen, als ich ihn schon zu mir zerre und ihn halb auffresse.

„Langsam, wir haben doch Zeit“, flüstert er.

Aber ich habe plötzlich ÜBERHAUPT keine Zeit mehr. Er turnt mich dermaßen an, dass ich keine Sekunde mehr warten kann.

„Entschuldige“, tuschle ich, nachdem ich viel zu schnell gekommen bin. „Du warst einfach zu heiß.“

Er lächelt mich an und kuschelt sich in meinen Arm. Da liegt er auch noch, als ich am nächsten Morgen mit einem Grinsen im Gesicht aufwache. Wir kriegen das hin. Auf jeden Fall!

Einige Tage später sind wir bei Anne und ihrem Freund zu einem Video-Abend eingeladen. Henry und meine anderen Kollegen haben es sich schon auf dem Sofa gemütlich gemacht, deshalb bekommen Max und ich einen großen Sitzsack, den wir uns teilen. Wir turteln mehr herum, als auf den Film zu achten. Ich habe wirklich wieder richtige Schmetterlinge im Bauch. Alles läuft gigantisch-perfekt.

Nach dem Film macht Anne das Licht an und lächelt entrückt. Ihr Freund drückt einen Knopf auf der Fernbedienung und auf dem Bildschirm erscheint …. Wow! Ein Ultraschallbild. Das Baby darauf sieht aus wie ein Gummibärchen. Anne glüht vor stolz. Alle kreischen wild durcheinander, dann fallen ihr alle in die Arme. Auch ich. Aber ich freue mich nicht für sie. Ich bin eifersüchtig. Furchtbar eifersüchtig. Und traurig. Max merkt mir das an, weiß aber wohl nicht, wie er mir helfen soll. Wir warten ab, bis sich alle wieder beruhigt haben und alle nötigen Fragen (Wann ist es so weit? Wisst ihr schon, was es wird? Wie geht’s dir? …) gestellt sind. Dann verabschieden wir uns.

Auf dem Weg ins Auto nimmt Max meine Hand:

„Es tut mir Leid, David.“

„Was tut dir Leid?“

„Dass ich nicht bereit dazu bin, dir deinen größten Wunsch zu erfüllen. Das tut mir Leid. Ich sehe, dass du wirklich sehr traurig darüber bist ...“

„Wir kriegen das alles hin. Wir haben ja noch Zeit.“

Er nickt und sperrt das Auto auf. Warum konnte er mir eben nicht mehr in die Augen schauen?

Anfang März fliegt Max für eineinhalb Wochen auf Hawaii, zu einem Seminar. Das scheint Tradition am Institut zu haben. Jedes Jahr fahren alle zusammen zehn Tage irgendwo hin, wo es schön ist, besuchen die dortigen Forschungseinrichtungen, machen Team-Building-Workshops und haben Spaß zusammen. Explizit ohne Partner. Aber mit ganz viel guter Laune. Max freut sich sichtlich auf diese Auszeit. Und ich gönne sie ihm. Er hat in den letzten Wochen wirklich hart gearbeitet, nicht nur am Institut, sondern auch an unserer Beziehung. Max legt sich extra einen Facebook-Account an, um mich und alle anderen an seinem Ausflug teilhaben zu lassen. Den Abend bevor er fährt, verbringen wir also damit, Fotos auszusuchen und seinen Account mit Leben zu befüllen.

„David Lenz ist jetzt verlobt mit: Maximilian Weller“, füge ich zu meinen Profil hinzu.

Klara Lenz, Anne Smith, Henry Keegan, Dylan Thomas H. Und 12 weiteren gefällt das.

Die zehn Tage gehen auch vorbei. Max postet täglich Fotos von der Natur, dem Essen, dem Hotel und von jeder Menge Technik. Anne spannt mich ein, um einen großen Baby-Shopping-Marathon zu starten. Ich helfe ihr gern. Sie merkt aber relativ schnell, das etwas nicht stimmt. Im Coffeeshop klage ich ihr über einem Riesenbrownie mein Leid:

„Ich weiß, ich bin noch jung. Aber jede Faser meines Körpers wünscht sich ein Kind. Ich will eine Familie. Und Max will das nicht. Noch nicht.“

Geduldig hört sie mir zu. Am Ende sagt sie:

„Weiß du, David, ich sehe schon, dass du deinen Freund sehr liebst. Aber vielleicht solltest du doch mal überlegen, ob eure Lebensentwürfe nicht zu verschieden sind. In so einer wichtigen Frage wie dem Kinderkriegen sollte man sich schon einig sein ...“

Ich bin etwas sauer auf sie, weil sie mich nicht zu verstehen scheint. Aber gleichzeitig ist da auch dieser Stachel der Wahrheit. Dieses Piksen verdränge ich aber ganz ganz schnell wieder.

Ich bin froh, als ich Max endlich wieder in die Arme schließen kann. Es ist fast Mitternacht, als er die Wohnungstür aufsperrt und er fällt relativ platt ins Bett. Am nächsten Morgen ist er schon weg, bevor ich aufstehe. Seltsam.

Ich sehe ihn erst nach meiner Schicht wieder. Da ist er allerdings schon im Bett. Am Freitag Morgen ist er schon wieder weg. Irgendwas ist da seltsam!

Mittags bekomme ich eine SMS von ihm.

„Bist du zuhause?“

„Ja, warum?“, antworte ich.

„Ich komme in einer halben Stunde heim.“

„Was ist los??“

Er antwortet nicht. Deshalb versuche ich, ihn anzurufen, aber er nimmt nicht ab. Ich bekomme Panik. Ist was mit seiner Mutter? Was kann bloß passiert sein?!

Ich verbringe die nächste halbe Stunde mit Grübeln. Alle möglichen Schrecklichkeiten gehen mir durch den Kopf. Als ich schließlich höre wie Max die Wohnungstür aufsperrt, bin ich schon ein totales Nervenbündel:

„Was ist los?? Ist was mit deiner Mutter?“

Er schüttelt den Kopf.

„Geht es meinen Eltern gut?“

„Ja, natürlich.“

„Klara? Paul? Nun sag doch!!“

„David, allen geht es gut. Darum geht es nicht.“

Ich bin etwas erleichtert und lasse mich auf's Bett plumpsen.

„Maaaaaax, erschreck mich doch nicht so! Also, was ist dann los?“

Er setzt sich neben mich und zögert. Ich lege ihm die Hand auf den Oberschenkel:

„Du kannst mit mir über alles reden, Liebling.“

Erst weicht er meinem Blick aus, dann scheint er Mut zu fassen und sagt:

„David, ich hab mich in einen anderen verliebt.“

Ich lache los:

„Klar, nein, jetzt ernsthaft. Was ist los?“

Aber sein Blick bleibt ernst. Kein Zeichen eines blöden Scherzes ist darin zu erkennen.

„Max?“, frage ich und meine Stimme bebt vor Angst. „Ist das wirklich wahr?“

„Ja. Es geht schon seit einer Weile. Seit Weihnachten.“

„Du betrügst mich seit drei Monaten?!“, frage ich fassungslos.

„Ja.“

Ich bin für kurze Zeit sprachlos. Meine Gedanken rasen, mein Herz pocht bin zum Hals. Dann sage ich:

„Ich weiß nicht, ob ich dir das je verzeihen kann, Max. Wie soll ich dir je wieder vertrauen, wenn du es schaffst, so etwas vor mir zu verheimlichen?“

„Ich erzähle dir das nicht, um unsere Beziehung zu retten. Ich sage es dir, weil ich unsere Beziehung aufgegeben habe. Ich will mit dem anderen zusammen sein.“

Jetzt bricht in meinem Kopf vollständiges Chaos aus.

„Aber … es lief doch besser in letzter Zeit“, stammle ich verzweifelt.

„Ganz ehrlich? Seit ein paar Wochen war mir eigentlich klar, was ich wollte. Aber ich wusste, dass ich es dir schulde, es noch einmal zu probieren, mit allem, was ich habe. Und ich hab es probiert, David. Aber ich bin einfach nicht mehr glücklich mit dir. Und ich glaube, du bist auch schon lange nicht mehr glücklich mit mir.“

„Er war mit auf Hawaii, oder? Ein Arbeitskollege?! Hast du deswegen all diese Überstunden gemacht?! Und mir hast du vorgemacht, du seist der engagierte Nachwuchswissenschaftler! Das ist ja echt widerwärtig!“

„Ich weiß, du siehst das jetzt nicht so, aber ich glaube, dass es die einzig richtige Entscheidung ist, unsere Beziehung zu beenden. Du wirst ohne mich auch glücklicher sein.“

„Oh, du tust das also alles für mich! Um mich glücklich zu machen! Du guter Samariter!!“

„Ja, für dich und für mich. Ich will auch wieder glücklich sein, David! Kannst du das nicht verstehen? Ich hab das alles nie so geplant. Ich wollte mich nicht schon mit 20 binden. Ich bin nicht wie du. Ich brauche Freiraum. Keine Wurzeln.“

„Ach und deshalb stürzt du dich gleich auf den nächsten Typen?!“

„Mit ihm ist es anders. Er ist wie ich. Er lebt für die Arbeit, braucht mich nicht, will mich aber. Ich fühle mich bei ihm verstanden. Und ich liebe das Gefühl, keine Erwartungen erfüllen zu müssen.“

„Ich habe Noah für dich aufgegeben. Weißt du eigentlich, wie viel er mir bedeutet hat?“, frage ich mit Tränen in den Augen.

„Ja. Und wahrscheinlich hättest du dich für ihn entscheiden sollen.“

Ich werde von einem Weinkrampf geschüttelt. Weil ich weiß, dass Max recht hat. Mit Noah wäre ich jetzt glücklich. Max konnte mich schon immer nur unglücklich machen. Wut steigt in mir auf:

„Du warst schon immer ein egoistisches Arschloch! Ich glaub es nicht, dass du mir das antust! Ich hab meine Familie für dich verlassen! Und all meine Freunde, um mit dir hier her zu kommen und in diesem Pappkarton zu hausen! Ich hab ALLES für dich aufgegeben!“

„Genau das ist das Problem, David. Du hast kein eigenes Leben, keine eigenen Ziele. Du erwartest von MIR, dass ich dich glücklich mache. Und mit dieser Anspruchshaltung hast du mich vertrieben.“

„Willst du MIR jetzt die Schuld in die Schuhe schieben?!“, schreie ich.

„Nein. Ich weiß nicht, wer schuld ist. Ich weiß nur, dass ich so nicht weitermachen kann. Ich bin noch zu jung für diese Art von Beziehung! Wir sind wie ein altes Ehepaar, haben uns kaum noch was zu sagen, streiten ständig. Wir haben nur noch vor dem Fernseher Sex! Und ganz ehrlich? Ich bin schon seit Monaten nicht mehr gekommen wenn du mich fickst. Es geht einfach zu schnell …“

Jetzt werde ich so richtig wütend! Ich schreie ihn an, dass er verschwinden soll. Das er der letzte Dreck ist, dass ich mit einem wie ihn ohnehin keine Zukunft planen will. Ich werfe ihm vor, dass er mich sogar soweit gebracht hat, dass ich Drogen genommen habe. Dass er mein Leben versaut hat, dass ich ohne ihn besser dran bin. Er hört sich alle Vorwürfe an, aber sie scheinen irgendwie an ihm abzuprallen. Dann sagt er völlig gefasst:

„Du kannst noch eine Woche hier bleiben. Bis nächsten Freitag muss du weg sein. Mach's gut, David.“

Er holt einen gepackten Koffer unter dem Bett hervor und geht. Und ich bleibe mutterseelenallein zurück. Schnell gehe ich zum Fenster und sehe einen athletischen Kerl an einem Cabrio lehnen. Max geht zu ihm, lässt sich von ihm in den Arm nehmen … und küssen! Ich weiß nicht, wie lange meine Schockstarre anhält. Max und der Kerl sind jedenfalls schon längst weggefahren, als ich mein Handy nehme und Jordan anrufe.

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