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Along the Way

Teil 5

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Sean

Am 27. Februar weckte Patricia mich kurz nach Mitternacht, weil die Wehen eingesetzt hatten. Ihre Tasche stand schon bereit und wir machten uns auf den Weg ins Krankenhaus, wohl wissend, dass wir noch jede Menge Zeit hatten. Dort nahm sie ein Bad und notierte die Abstände zwischen den Kontraktionen. Unser Arzt war auch schon da und ging noch Mittagessen. Um Zwei gingen wir in den Kreißsaal, wo Patricia ein Schmerzmittel bekam. Dann ging es eigentlich ganz schnell. Innerhalb von zwei Stunden war das Baby da. Ein Mädchen. Sie war perfekt. Wir tauften sie Madeleine. Ich nannte sie Maddy, was Patricia gar nicht passte. Die Beiden blieben zwei Tage im Krankenhaus während ich in der neuen Wohnung noch die letzten Vorbereitungen traf. Die frisch gebackenen Großeltern konnten es natürlich kaum erwarten die Kleine kennenzulernen und standen alsbald vor der Tür. Ich merkte meinem Vater an, dass er enttäuscht war, schon wieder keinen Enkelsohn bekommen zu haben.


Jordan

Am dritten März war es soweit. Ich brachte Josh zu Janet und fuhr los. Nikki war im OP, weil ein Kaiserschnitt gemacht wurde. Die Ärzte sagten, das sei nur eine Vorsichtsmaßnahme, trotzdem war ich total nervös. Nach zwei Stunden holten mich die Ärzte rein.

"Mrs. Cooper ist im Aufwachraum. Das Baby wird gerade gebadet. Hier entlang."

"Ist alles in Ordnung?"

"Ja, alles ist nach Plan verlaufen. Hier wären wir. Das ist ihre Tochter."

Die Kleine wurde gerade in ein gelbes Frottiertuch gewickelt. Ich konnte gar nichts sagen. Die Pflegerin legte sie mir in den Arm.

"Mrs. Cooper hat gesagt, sie hätten schon Namen ausgesucht."

"Ja. Du bist ein Mädchen, also heißt du Gwen. Gwen Bonanno. Willkommen auf der Welt, es gibt so viel zu sehen und zu hören. Ich war der, der dir immer Led Zeppelin vorgespielt hat, weißt du noch?"

Ihr fielen die Augen zu. Gebadet werden war wohl ziemlich anstrengend. Wir setzten uns in einen Schaukelstuhl und ich schaute ihr über eine Stunde lang einfach nur begeistert beim schlafen zu und war einfach nur total verliebt in meine kleine, perfekte Tochter.

"Mr. Bonanno? Mrs. Cooper würde gerne mit ihnen sprechen, aber ohne die Kleine."

"Oh, okay. Ich verabschiede mich nur noch kurz."

"Hey, wie geht's dir?"

Ich konnte ihr gerade einfach nicht mehr böse sein. Sie hatte mir gerade Gwen geschenkt.

"Geschlaucht. Hör mal, ich werde weggehen. Ich will nur, dass du gut auf unsere Kinder aufpasst. Und ich muss dir noch was sagen."

"Ja?"

"Damals, 98, als wir miteinander geschlafen haben …"

"Ich erinnere mich."

"Damals bin ich auch schwanger geworden."

"Das ist nicht dein Ernst!"

"Ich weiß, ich krieg das mit der Verhütung einfach nicht auf die Reihe."

"Hast du das Kind bekommen?"

"Ja. Es kam süchtig zur Welt. Ich hab es weggegeben. Ich hab Vater unbekannt angegeben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du es bist."

"Wo ist das Kind?"

"Das weiß ich nicht. Ich hab es in Phoenix bekommen, am 14. Dezember 98. Kannst du bitte schauen, ob es dem Kind gut geht? Ob es eine gute Familie gefunden hat, du weißt schon."

"Okay."

"Und gib Josh einen Kuss von mir. Und meinen Eltern."

"Und dem Baby?"

"Ja und dem Baby."

"Willst du wissen ob Junge oder Mädchen?"

"Nein, besser nicht. Es tut mir leid, ich hab es diesmal endgültig versaut, aber ich wusste immer, dass du es schaffen wirst. Pass auf unsere Kinder auf, ja?"

"Das mach ich. Ich bin dir so dankbar, dass ich sie habe. Bitte versprich mir, dass du dir Mühe gibst und sie dich irgendwann wiedersehen."

"Das kann ich wirklich nicht versprechen. Geh schon, lass das Baby nicht so lange allein."

"Wir sehen uns, Nikki."

"Vielleicht."

Gwen sollte über Nacht noch in der Klinik bleiben und die Schwester schickte mich nach Hause, um noch ein letztes Mal durchzuschlafen. Am nächsten Vormittag fuhr ich zusammen mit Josh zur Klinik. Er wollte sich von seiner Mutter verabschieden, aber die war gegen ärztlichen Rat bereits gegangen.

"Tut mir leid, Kleiner. Aber sie hat gestern zu mir gesagt, dass ich gut auf dich aufpassen soll. Sie hat dich nicht einfach zurückgelassen, sondern dafür gesorgt, dass sich jemand um dich kümmert. Wir sind jetzt eine Familie. Du, ich und deine kleine Schwester. Willst du sie kennenlernen?"

"Klar."

Er setzte sich auf den Schaukelstuhl und ich legte ihm die Kleine auf den Schoß.

"Das ist Gwen."

"Heißt sie auch Cooper?"

"Nein, sie heißt Bonanno, so wie ich."

"Dann will ich auch Bonanno heißen."

"Das kannst du dir ja noch überlegen und dann kann ich schauen, ob wir das hinbekommen."

Die Schwester knipste eifrig Fotos.

"Dr. Snow möchte sie noch kurz sprechen."

"Gut, könnten sie kurz bei den Beiden bleiben?"

"Natürlich."

"Ah, Mr. Bonanno, Glückwunsch zu ihrer Tochter.”

"Dankeschön."

"Mrs. Cooper hat mich gebeten, ihnen diese beiden notariell beglaubigten Schriftstücke zu geben. In dem hier verzichtet sie auf jeden Anspruch auf ihr Neugeborenes und wünscht, dass sie das alleinige Sorgerecht bekommen. Und das hier ist im Endeffekt das Gleiche für ihren Sohn."

"Sie tritt ihre Rechte an Josh ab? Steht da was von ihren Eltern?"

"Sie meint, ihre Eltern seien zu alt und sie wären schon seit seinem ersten Lebensjahr eine Vaterfigur für ihn. Sie schlägt vor, dass sie ihn adoptieren."

"Geht das denn so einfach?"

"Generell schon, wenn die Großeltern, die momentan das Sorgerecht haben, dem zustimmen."

"Davon geh ich schon aus."

"Dann sollte nichts dagegensprechen. Aber lassen sie sich erst Mal ein wenig Zeit, bis sie sich mit dem Baby eingewöhnt haben."

"Alles Klar, dann Danke für alles und auf Wiedersehen."

"Auf Wiedersehen, ach und würden sie vielleicht diese CD für meine Tochter signieren?"

Er hielt mir unser Album entgegen.

Die ersten Nächte waren wirklich anstrengend. Alle zwei Stunden schrie Gwen nach irgendwas. Aber nach einer Woche hatte ich den Bogen raus und konnte sogar mal vier Stunden am Stück schlafen. Josh konnte unten zum Glück ungestört schlafen. Morgens packte ich ihm Pausenbrot ein und schickte ihn zum Bus, gegen Zwei kam er nach Hause und wir aßen zu Mittag. Dann machte er fast ganz von allein die Hausaufgaben und wir gingen eine Runde mit Gwen spazieren. Dann schlief die Kleine zwei Stunden und ich konnte ein bisschen an meinen Songs basteln. Routine war plötzlich gut.

Ich rief Scott an, er kam vorbei und schaute sich die Papiere durch.

"Das sieht gut aus. Hast du schon mit den Großeltern gesprochen?"

"Nein, die kommen morgen Abend zum Essen."

"Gut, wenn du das getan hast, können wir den Adoptionsantrag einreichen."

"Kann Josh dann meinen Nachnamen bekommen? Das will er unbedingt."

"Klar, das müssen wir nur extra beantragen. Und Gwens Geburtsurkunde ist auch in Ordnung. Das Sorgerechtszeug ist mit einem Brief geklärt. So, aber jetzt genug mit dem Papierkram, zeig mir deine Kleine endlich!"

Sie wurde gerade munter und gähnte vor sich hin.

"Sie hat deinen Mund, das sieht man schon."

"Findest du? Die Nase ist jedenfalls eindeutig Nikkis."

"Ich bin gespannt, ob ihre Augen später auch ihre Farbe ändern können, so wie deine."

Wir hatten einen Moment, aber den ließ ich verpuffen.

"Wie geht's den Jungs?"

"Ach, ganz gut. Das Publikum muss sich erst an die zwei Neuen gewöhnen, sie haben es nicht leicht."

"Das kann ich mir vorstellen. Hör mal, da gibt es noch was, wobei ich deine Hilfe bräuchte."

"Schieß los."

"Nikki hat mir kürzlich eröffnet, dass sie Ende 98 ein Kind bekommen hat."

"Ernsthaft? Die Frau ist wohl sehr fruchtbar."

"Mittlerweile frag ich mich, ob sie es nicht absichtlich macht, um sich weniger allein zu fühlen oder so. Jedenfalls wäre es möglich, dass ich der Vater bin. Wir hatten damals einen One Night Stand."

"Oh und was ist aus dem Kind geworden?"

"Das weiß sie nicht. Sie weiß nur, dass sie es am 14. Dezember 98 in Phoenix bekommen hat und dass es bei der Geburt durch ihren Konsum süchtig war."

"Das ist ja schrecklich."

"Allerdings. Sie hat mich gebeten nach dem Kind zu suchen und sicherzustellen, dass es ihm gut geht."

"Und das willst du machen?"

"Ja, aus der Ferne wenigstens. Ich meine, das Kind ist jetzt über vier Jahre alt. Vermutlich wurde es adoptiert und hat es gut. Ich will nur sicher gehen."

"Also ohne nach Phoenix zu fahren, wirst du nichts rausbekommen."

"Das hab ich mir gedacht. Meine Mum lebt ja dort, ich will ihr Gwen sowieso vorstellen."

"Ich kann dir dann schon ein paar Tipps geben."

"Danke."

"Hast du einen Babysitter? Dann könntest du dir endlich den Neuen anhören."

"Ich will die Kleine noch nicht allein lassen. In ein paar Wochen vielleicht."

"Du bist ja richtig mütterlich."

"Vorsicht, ja?"

Am nächsten Abend, während Josh seine Wände noch bunter machte, zeigte ich Neid und Elle die Schriftstücke und erzählte ihnen, was ihre Tochter gesagt hatte.

"Mit so was haben wir schon gerechnet. Wir sind froh, dass du so gut klar kommst und wir haben schon mit unserem Anwalt gesprochen. Er hat uns versichert, dass wir, wenn du Josh adoptierst und etwas schief geht, trotzdem noch das Recht haben, ihn zu uns zu holen, weil wir seine nächsten Angehörigen sind. Wenn Josh das also auch will, haben wir nichts dagegen."

Somit stellte Scott für mich den Antrag und wir warteten. Er hatte mich schon gewarnt, dass so was durchaus mal ein Jahr dauern konnte.


Sean

Im ersten Monat waren wir Drei ganz auf uns gestellt. Jeder musste in der Nacht zwei Mal raus, um zu füttern oder zu wickeln. Aber langsam gewöhnte ich mich daran. Mit dem kleinen Wurm war ansonsten noch nicht so viel anzufangen, aber Patricia legte sie immer fleißig um, damit ihr Kopf keine Dellen bekam und drehte sie auf den Bauch, um das Kopfheben zu üben. Wir spielten ihr Musik vor und hatten ein Mobile über die Wiege gehängt, um ihre Wahrnehmung zu schulen und das verknüpfen von Synapsen zu fördern.

Dann fing das Semester wieder an und ich merkte, dass es mir schwer fiel, die Kleine den ganzen Tag nicht zu sehen. Unsere Freunde fragten, wie es uns bisher so ginge und wir zeigten stolz die ersten Fotos her. Die Nanny war gut und die Kleine wuchs und wuchs. Ich konnte kaum glauben, wie schnell sie Fortschritte machte, bald selbst ihren Kopf hob und sich auf die Unterarme stützte.


Jordan

Ende März drängt Janet mich, doch mal aus zu gehen, sie kam mit den Beiden ja gut klar und konnte mich im Notfall auf dem Handy erreichen. Vor zwei Monaten erst war ich von der Tour nach Hause gekommen, aber es kam mir trotzdem so vor, als wäre ich seit Jahren nicht mehr ausgegangen. Summerskin spielten in einem Laden, in dem ich selbst schon oft aufgetreten war, aber trotzdem war es total anders mit der Meute reinzukommen und im Publikum zu stehen. Ich kam schon vor Acht hin, trotzdem standen die Leute am Eingang Schlange. Ich stellte mich einfach hinten an und genoss die aufgeregte Stimmung. Nach zehn Minuten hatte sich immer noch nichts bewegt. Die Leute um mich herum wunderten sich schon.

"Was ist denn da vorne los?"

"Einlass ist halt erst um Acht."

"Ach so."

Die Mädels vor mir unterhielten sich wieder über total uninteressante Sachen. Hinter mir stand eine Horde angetrunkener College-Typen. Das geschah also, bevor wir auf die Bühne gingen. Endlich wurden wir wie Vieh eingelassen. Ich drängelte mich nach vorne durch. Es gab sogar eine Absperrung vor der Bühne. Was sollte das denn? Ich entdeckte Scott, natürlich vor der Absperrung seitlich neben der Bühne. In der Menge gelang es mir nicht, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Security-Menschen schauten mit betont versteinerter Miene in die Menge. Auch ihre Aufmerksamkeit erlangte ich nicht, zumindest nicht, bevor ich über die Absperrung kletterte. Meine fünf Minuten Ruhm waren offensichtlich vorbei, denn sie erkannten mich nicht.

"Und wo meinst du, dass du hingehst?"

"Ich gehöre zu ihm.", erklärte ich auf Scott deutend"

"So? Und wer ist das deiner Meinung nach?"

"Scott Douglas, ein Agent."

"Na schön."

Der Koloss schaute mir zweifelnd hinterher, bis mich Scott freudig mit einer Umarmung begrüßte.

"Du hast es geschafft!"

"Wohl ist mir nicht dabei, am liebsten würde ich alle fünf Minuten daheim anrufen."

"Entspann dich. Willst du was trinken?"

"Ich muss noch fahren."

"Eine Zigarette?"

"Ich hab aufgehört."

"Oh Mann, das wird ein spaßiger Abend."

"Wer hatte eigentlich die Idee, diese Absperrung da hinzustellen? Da ist man ja immer zwei Meter von den Leuten weg."

"Naja, es sind ständig irgendwelche auf die Bühne geklettert."

"Na und? Das war doch schon immer so. Man lässt sie kurz ins Mikro singen, gibt ihnen einen Kuss auf die Wange und dann sind sie wieder weg."

"Die Fans waren in letzter Zeit eben frustriert darüber, dass ihnen zwei neue Gesichter vorgesetzt wurden. Und das hat einer am Equipment ausgelassen."

"Krass. Naja, verübeln kann ich das niemandem. Die Leute standen ewig da draußen und wurden wie Vieh behandelt."

"So läuft das eben."

"Sind die Jungs schon hinten?"

"Ja, es sollte bald losgehen."

Der neue Sänger hatte irgendwie einen ganz anderen Stil als ich. Er war offensichtlich eher ein Kreischer. Auch seine Interaktion mit den Leuten vor der Bühne ließ zu wünschen übrig, was aber natürlich auch an der Absperrung lag. Ich fand ihn echt gar nicht toll, Scott meinte aber, ich würde übertreiben und sei vermutlich eifersüchtig. Als er aber tatsächlich anfing, meinen ersten Song zu verunstalten, platzte mir der Kragen und ich fragte Scott, ob das nicht geistiger Diebstahl und Körperverletzung obendrein sei. Er lachte und erklärte mir, dass der Song lizenzrechtlich Summerskin gehöre, aber ich gern mal zur Bühne gehen sollte, um zu sehen, ob die Jungs mich hoch ließen. Mickey zog mich rauf und der Sänger überließ mir zähneknirschend das Mikro. Mann, hatte ich das vermisst. Aber kaum war ich wieder unten, vermisste ich nur noch meine Gwen.

Nachher schwatzte ich noch ein Weilchen mit den Jungs, zeigte ihnen Babyfotos und so weiter und dann machte ich mich wieder auf den Heimweg, wo Janet Gwen gerade die Flasche gab.

"Danke, ich mach weiter."

"Und, war's schön?"

"Ja, aber es war irgendwie nicht mehr das Gleiche."

"Warst du auf der Bühne?"

"Ja, für einen Song."

"Welchen?"

"Den Sean-Song, du weißt schon."

"Mh-hm. Willst du noch drüber reden?"

"Nein nein, geh ruhig, du schaust ganz schön müde aus."

"Josh war bis Elf auf. Und kaum war er im Bett hat Gwen sich gemeldet."

"Ich weiß, die Zwei haben manchmal echt schlechtes Timing."

"Also dann, Gute Nacht."

"Gute Nacht und Danke."

Joshs 10. Geburtstag feierten wir am Strand mit Grillen und Gitarrenmusik.

Anfang Mai quartierten sich Joshs Großeltern bei uns ein und ich packte Gwen ins Auto und fuhr nach Phoenix, unter dem Vorwand, meine Mutter überraschen zu wollen. Zuvor hatte ich mit Scott einen Plan ausgearbeitet, wo ich anfangen würde zu suchen. Gwen schlief im Auto die meiste Zeit, aber ein paar Stunden vor Phoenix musste ich sie wickeln. Die nächste Ausfahrt war Quartzsite. So ein Zufall. Ich machte mir einen Spaß daraus, vor dem gleichen Diner zu parken wie Vince und ich vor … fast fünf Jahren, konnte das stimmen?

Ich hatte Gwen in ihrem Tragetuch vor meinen Bauch geschnallt und ging rein.

Nichts hatte sich verändert. Ich meinte sogar, einige der Kunden wiederzuerkennen. Und da war Gladis. Wasserstoffblond und Kaugummi kauend.

"Hey Süßer, ja wer ist das denn? Oh, bist du hübsch. Aber du stinkst."

"Deshalb sind wir hier. Kann ich sie irgendwo wickeln?"

"Klar, allerdings musst du dafür ins Damenklo, wo ist denn deine Mama, meine Kleine?"

"Wir sind allein unterwegs."

"Oh, das nenn ich mal einen Mann. Na dann geh einfach rein, ich sorg dafür, dass keine Kundin reinkommt. Kann ich dir etwas zu Essen anbieten?"

"Gibt es Apfelkuchen?"

"Den Besten im Staat! Ich mach ihn dir warm, dann hast du was, auf das du dich freuen kannst, während du die Kleine entstinkerst."

Sie hatte mich offensichtlich nicht erkannt, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Als wir wieder raus kamen, stellte sie mir sofort den lauwarmen Kuchen auf den Tisch und goss Kaffee ein.

"Lass ihn dir schmecken. Lässt du die Kleine da drin? Ist das nicht heiß?"

"Doch, aber wenn ich sie raus hole, brüllt sie wie am Spieß."

"Oh je, ich hab mal gelesen, dass so was daher kommt, wenn zum Beispiel die Mama nicht da ist."

Ich bemerkte das Fragezeichen am Ende. Sie war neugierig.

"Gladis, setzt dich doch einen Moment zu mir."

Sie schaute mich verdutzt an, bis ich auf ihr Namensschild zeigte, dann setzte sie sich.

"Gwens Mum ist weg. Sie wollte kein Baby."

"Oh nein, wie schrecklich. Und was machst du jetzt?"

"Ich ziehe sie allein groß, zumindest bis ich wieder jemanden gefunden habe."

"Damit solltest du dich beeilen. Ein kleines Mädchen braucht doch eine Mama."

"Gladis, ich bin schwul. Ich war vor fünf Jahren schon mal hier, mit meinem damaligen Freund. Du hast uns quasi rausgeworfen."

"Nein, du bist das? Du kamst mir gleich so bekannt vor."

"Warum hast du das damals gemacht? Du warst erst noch so freundlich zu uns und plötzlich mussten wir gehen."

"Ihr wart aber auch unvernünftig. Ihr habt ganz offen Händchen gehalten, was habt ihr denn erwartet? Wäre ich nicht gewesen, dann hätten euch die Jungs rausgeprügelt. Das hier ist ein kleines Nest, hier geht so was nicht. Ich hab oft an euch Beide gedacht und was ihr für einen Eindruck von mir bekommen haben müsst, aber es ging nicht anders. Verstehst du?"

"Ich denke schon. Also darf ich diesmal aufessen?"

"Natürlich. Also, erzähl mir, wie es euch in L.A. ergangen ist. Ist dein Freund ein großer Künstler geworden?"

"Er ist nach sieben Monaten nach New York und verdient spitzen mäßig an seinen Bildern. Man kann wohl sagen, er hat es geschafft."

"Und was hast du gemacht?"

"Musik. Meine Band war auch ziemlich erfolgreich."

"Kenne eich was von euch?"

Ich summte ihr die erste Single vor.

"Ja, das kenn ich aus dem Radio. Respekt. Um Geld musst du dir wohl keine Sorgen mehr machen, was?"

"Erst mal nicht, nein."

"Und wie bist du zu der Kleinen gekommen?"

"Durch meine Ex-Freundin."

"Also bist du doch nicht ganz s-c-h-w-u-l, was? Das freut die Frauenwelt. Pass gut auf die Kleine auf, sie ist ein Goldstück. Ich muss wieder an die Arbeit."

"Okay und Gladis?"

"Ja?"

"Danke für den Kuchen."

"Gerne. Lass dich mal wieder sehen, wenn du in der Gegend bist."

Ich packte Gwen wieder ins Auto und machte mich an die letzten 100 Meilen bis Glendale. Am Sonntag, den 4. Mai 2003 passierte ich um 16:56 Uhr nach über vier Jahren wieder das City Limit von Glendale, Arizona, zusammen mit meiner zwei Monate alten Tochter. Um kurz nach fünf fuhr ich in die Auffahrt. Ich schnallte mir Gwen wieder auf den Bauch, ging zur Tür und klingelte. Kurze Schritte stürmten heran und ein kleines Mädchen machte mir auf. Ihre Haare hatten genau die gleiche Farbe wie meine und sie war Mum wie aus dem Gesicht geschnitten. Wusste sie überhaupt von mir? Ich hatte sie das letzte Mal gesehen, als sie ein Jahr alt war.

"Hallo, sind deine Eltern da?"

"Muuuuuum, Daaaaaaad!"

Mum kam zur Tür und blieb wie angewurzelt stehen.

"Überraschung. Alles Gute nachträglich."

Klaus kam dazu und sah fast genauso geschockt aus.

"Jordan."

"Hallo Klaus."

Gwen regte sich und ich folgte den Blicken der Beiden nach unten.

"Ich hab in Phoenix zu tun, deshalb wollte ich euch besuchen und euch eure Enkelin vorstellen. Das ist Gwen."

Ich hob sie heraus und drehte sie ihnen zu.

"Oh mein Gott, ist das dein Ernst? Ich bin gerade 41 geworden und soll Großmutter sein? Komm rein."

"Danke."

"Setz dich. Leg sie auf die Couch. Schwitzt du nicht mit dem Ding?"

"Doch, ziemlich sogar, aber wenn ich sie jetzt hinlege, brüllt sie."

"Gib sie mir. Lass sie mich mal ansehen. Oh mein Gott, sie sieht aus wie Laura damals, findest du nicht?"

"Wie ich?"

"Ja, Schatz. Wie du, als du noch ein Baby warst. Jordan, wer ist die Mutter?"

"Nikki. Aber sie ist weg. Sie hat es nicht geschafft, clean zu bleiben. Josh lebt auch bei mir. Ich habe eine Wohnung in Venice Beach. Die, in der ich damals mit Vince gewohnt habe. Du hast also meine Adresse."

"Du lebst allein mit den beiden Kindern?"

"Nikkis Eltern sind nach L.A. gezogen und unterstützen mich. Sie sind jetzt gerade auch bei Josh. Und ich hab ja immer noch Janet und Joe aus dem Laden. Wir kommen wirklich gut zurecht."

"Aber du bist noch so jung."

"Als du in meinem Alter warst, war ich genau so alt wie Josh. Und du warst auch allein. Ich komm klar, wirklich."

"Ist es finanziell nicht schwierig?"

"Machst du Witze? Summerskin hat ein Album und zwei Singles rausgebracht, die sich gut verkauft haben, ganz zu schweigen von den Konzerten. Und ich schreibe Songs für Andere und mache Werbefotos und so Zeug. Ich hab die Wohnung gekauft, Mum, ich bin finanziell total abgesichert."

"Wirklich? Das wusste ich nicht. Ich hab dich im Fernsehen gesehen. Ich hab es damals aufgenommen und mir das Video immer wieder angeschaut."

"Mum, ich hab es wirklich geschafft. Ich liebe meine Tochter und ich werde nie wieder irgendwelche Drogen anrühren. Ich hoffe, dass du das irgendwann glauben kannst. Ich stand jetzt mal auf der anderen Seite und ich weiß, wie du dich gefühlt haben musst. Ich hab Nikki dafür gehasst, dass sie nicht stärker war. Ich bin da raus. Ich muss mich um Josh und Gwen kümmern."

"Du hast also in Phoenix zu tun? Bleibst du länger?"

"Ein paar Wochen vermutlich."

"Wo schlaft ihr?"

"Vinces Mum hat mir angeboten, dass wir bei ihnen bleiben können."

"Bleibst du zum Essen?"

"Sehr gern."

Als Laura nach dem Essen in ihrem Zimmer spielte und Gwen schlief, redeten wir. Ich erzählte die letzten vier Jahre in Kurzfassung. Klaus erzählte, dass seine Mutter vor zwei Jahren gestorben sei. Ich wollte nach Sean fragen, ließ es dann aber doch. Stattdessen fragte ich, was Laura wusste.

"Sie weiß, dass sie einen großen Bruder hat, der in L.A. lebt. Sie kennt auch deinen Namen, aber scheinbar hat sie heute noch nicht den Schluss gezogen, dass du das bist. Wenn du uns in ein paar Tagen wieder besuchen kommst, wird sie es wissen."

"Gut, ich sollte dann langsam los."

"Okay, kommt bald wieder vorbei, ja? Fahr vorsichtig und grüß Christine von uns."

Um halb Zehn parkte ich vor dem Haus von Christine und John. Am Telefon hatte ich ihr schon erzählt, warum ich in die Stadt kam, sie hatte sich sofort bereit erklärt, während meiner Behördengänge auf Gwen aufzupassen. Sie hatte mittlerweile zehn eigene Enkel und freute sich immer, wenn sie Kinder um sich hatte. Die Beiden begrüßten mich herzlich und rissen mir Gwen fast aus den Händen. Ich räumte nur noch das Nötigste aus dem Auto, legte Gwen neben mein Bett in die Wiege, die Christine für ihre Enkel hatte, und schlief erst mal ein paar Stunden wie ein Stein, bis es Zeit war, Gwen zu füttern und zu wickeln.

Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich schweren Herzens von der Kleinen und fuhr zum ersten Krankenhaus. Am Spätnachmittag kam ich zum Arizona State Hospital, nachdem ich noch nirgendwo Glück gehabt hatte.

"Entschuldigung? Wo geht es zum Archiv?"

"Mit dem Lift ganz nach unten, ich bin mir aber nicht sicher, ob noch jemand da ist."

"Danke."

Es war noch jemand da. Ein alter Mann, der gerade etwas sortierte.

"Guten Tag, ich hoffe sie können mir helfen. Ich suche die Geburtsunterlagen von einer Geburt am 14. Dezember 98. Die Mutter ist Nikki Cooper."

"Ich sehe mal nach."

Zehn Minuten später kam er tatsächlich mit einer verstaubten Aktenmappe zurück.

"Hier hab ich sie. Darf ich fragen, wer sie sind?"

"Der Vater. Ich habe gerade erst von dem Kind erfahren. Ich nehme an, jemand vom Jugendamt hat sich dem Kind angenommen. Aber bevor ich zu denen gehe, brauch ich das Geburtskrankenhaus, das Geschlecht und möglichst noch den Namen vom Jugendbeamten."

"Verstehe. Also, das Mädchen wurde hier geboren. Um acht Uhr Abends. Oh."

"Was denn?"

"Hier steht, das Baby wurde sofort in die Kinderklinik gebracht, nach Glendale. Weiter steht hier nichts Interessantes. Sie müssen wohl dort hin."

"Okay, danke für ihre Hilfe."

Ich hatte also noch eine Tochter.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Glendale in die Kinderklinik. Ich ging direkt zum Archiv, wo eine rundliche, gut gelaunte Frau um die 50 gerade Kaffee machte.

"Guten Morgen! Was kann ich für sie tun?"

"Ich bin auf der Suche nach Patientenunterlagen vom 14. oder 15. Dezember 98.

"Und sie sind wer?"

"Jordan Bonanno. Ich bin der biologische Vater."

"Einen Moment bitte."

Es dauerte wieder die üblichen zehn Minuten.

"Hier hab ich die Akte. Aber da steht Eltern unbekannt."

"Was? Die im State hatten den Namen der Mutter in den Akten."

"Vielleicht wollte sie das so, ist das möglich?"

"Ja."

"Also, das Baby war hier vier Wochen. Zur Entgiftung. Die Mutter war wohl drogensüchtig. Eine Schande. Natürlich wurde das Jugendamt eingeschaltet und hat sich nach der Entlassung am elften Januar um den Verbleib gekümmert. Das arme Ding war hier alleine über Weihnachten und Neujahr. Wo waren sie?"

Mit Vince bei unseren Familien. Verdammt. Warum hatte Nikki mir nichts gesagt?

"Ich wusste nichts von dem Baby, ich hab es erst vor kurzem erfahren. Weihnachten 98 war ich nicht weit von hier. Ich wünschte, ich hätte davon gewusst. Das arme kleine Mädchen ..."

"Sie wurde Marie getauft, ich weiß nicht, wer ihr den Namen ausgesucht hat."

"Marie. Ein schöner Name. Steht da der Name des Jugendbeamten?"

"Goldstein. Ich kenne sie, sie ist mittlerweile in Pension."

"Dankeschön."

Ich fuhr zum Jugendamt und musste ewig warten. Nach fast drei Stunden (die Mittagspause nicht mitgerechnet) hatte eine junge Sachbearbeiterin für mich Zeit. Ich schilderte ihr den Fall.

"Das könnte schwierig werden. Mrs. Goldstein ist hier nicht mehr beschäftigt. Ihre Dateien sind in keinem PC, sie hat sich immer geweigert. Wir haben die Daten aus den letzten beiden Jahren mittlerweile auf PC übertragen, aber die 25 Jahre davor hat sie nach ihrem eigenen System gearbeitet. Ich mache mich gerne auf die Suche, aber das kann gut und gerne eine Woche dauern, oder länger. Sie sehen ja, wir haben viel zu tun."

"Kann man diese Mrs. Goldstein nicht direkt fragen?"

"Nein, ich befürchte das geht nicht. Sie ist nicht ganz freiwillig in Pension gegangen, mit ihren 68 Jahren. Wir haben uns nicht gerade im Guten getrennt."

"Und wenn ich sie anrufe?"

"Wie stellen sie sich das vor, ich kann doch nicht einfach ihre Nummer rausgeben. Ich befürchte, sie müssen warten, Mr. Bonanno. Sie haben sich über vier Jahre Zeit gelassen, da kommt es wohl auf eine Woche nicht mehr an."

Ich merkte, dass das ihre letzte Antwort sein würde. Was für eine Zeitverschwendung. Ich fuhr zurück zu Gwen und meinte zu erkennen, dass sie sich freute, mich wiederzusehen. Ich erzählte Christine und John von diesem frustrierenden Ergebnis. Und dabei fiel mir wieder ein, was die Frau im Kinderklinik-Archiv gesagt hatte.

"Goldstein. Ich kenne sie, sie ist mittlerweile in Pension."

Vielleicht konnte sie mir weiterhelfen. Ich beschloss, am nächsten Vormittag noch mal bei ihr vorbeizufahren und rief auch gleich bei Mum an, ob sie vielleicht mit Gwen und mir Mittagessen wollte.

Um halb Zehn stand ich wieder auf dem Klinikparkplatz und schnallte mir die Kleine vor die Brust. Die Sonne prallte schon recht stark vom Himmel. Ich ging zum Archiv, wo tatsächlich die gleiche Frau saß und Kaffee machte.

"Ah, sie sind es wieder! Kein Glück gehabt? Ja wen haben sie denn dabei?"

"Das ist meine Tochter Gwen."

"Oh, lassen sie mal sehen. Ist die putzig. Wo ist denn deine Mami?"

"Wenn wir das wüssten. Sie hat die gleiche Mami wie Marie."

"Oh. Und sie ziehen sie alleine groß?"

"Ja, sie und meinen zehnjährigen Stiefsohn."

"Diese Frau hat drei Kinder in die Welt gesetzt und ist auf und davon?"

"Sieht so aus. Ich hatte beim Jugendamt leider kein Glück. Die Sachbearbeiterin dort meinte, sie müsste die Akte mindestens eine Woche lang suchen und hätte viel zu tun. Sie wollte mir aber auch keine Nummer von Mrs. Goldstein geben. Deshalb bin ich wieder hier. Sie erwähnten gestern, dass sie sie kennen."

"Ja und ich weiß auch, dass ihr Ablagesystem eine Katastrophe war. Sie hatte ja nie vor, in Pension zu gehen, also war das kein Problem, solange sie sich zurecht fand. Dann räumten die einfach ihren Schreibtisch leer. Jetzt kennt sich dort keiner mehr aus. Ich hab ihr schon gesagt, dass sie für Fälle wie ihren unbedingt im Telefonbuch stehen muss. Ich geb ihnen ihre Nummer. Sie wohnt übrigens nicht weit von hier."

Ich rief sie gleich vom Handy aus an und bat sie, vorbeikommen zu dürfen. Sie gab mir tatsächlich ihre Adresse und zehn Minuten später stand ich vor einem kleinen, von blühenden Sträuchern überwucherten Häuschen. Eine ältere Frau saß in einem Schaukelstuhl auf der Veranda und rauchte Pfeife. Ich setzte Gwen in ihren Beutel, wie Christine die Brusttragetasche nannte und ging auf sie zu. Schon von Weitem begrüßte sie mich.

"Mr. Bonanno, nehme ich an? Guten Tag."

"Ich wünsche ihnen auch einen guten Tag."

"Setzen sie sich. Oh, sie sind nicht allein."

"Nein, das ist meine Tochter Gwen."

"Darf ich ihnen Eistee anbieten?"

"Gern."

"Ist das nicht heiß?"

"Doch, aber wenn ich sie raus nehme, weint sie."

"Ein Känguru-Kind, davon sind mir schon einige untergekommen. Wie alt ist sie?"

"Zwei Monate."

"Sie sollten sie bald auch einfach mal auf den Bauch legen, damit sie lernt, sich auf die Arme zu stützen."

"Ich weiß, aber wenn sie doch immer weint."

"Streicheln sie ihr den Nacken, das hilf. Aber sie sind bestimmt nicht hier, um über erste Krabbelübungen zu sprechen."

"Nein, ich suche meine ältere Tochter. Sie wurde hier in Phoenix geboren, am 14. Dezember 98. Danach kam sie in die Kinderklinik hier in Glendale. Sie musste entgiftet werden, ihre Mum hatte Drogen genommen. Sie haben sie am elften Januar 99 von dort abgeholt. In den Akten stand "Eltern unbekannt", aber ich bin der Vater und Nikki Cooper ist der Name der Mutter. Das Baby wurde Marie genannt. Ich weiß nicht von wem."

"Ich erinnere mich. Der Fall ging mir ziemlich nahe. Und sie sind sicher, dass sie der Vater sind?"

"So sicher wie man sein kann. Nikki hat mir das kürzlich gesagt, ich wusste nicht, dass sie damals schwanger geworden war. Sie war einfach verschwunden."

"Verstehe. Und was wollen sie jetzt?"

"Ich will sicher gehen, dass das Kind gut aufgehoben ist. Wissen sie, wo sie ist?"

"Ja."

"Geht es ihr gut? Können sie mir etwas über sie erzählen?"

"Sie kümmern sich alleine um Gwen?"

"Ja."

"Diese Nikki ist auch ihre Mutter?"

"Ja."

"Sie hatte damals schon einen Mutterpass, also hat sie noch ein Kind."

"Josh, er ist schon zehn und lebt auch bei mir. Können sie sich an alle ihre Fälle so gut erinnern?"

"Nein, nur an die besonders tragischen."

Langsam bekam ich Angst.

"Was ist aus Marie geworden? Wer hat ihr denn den Namen gegeben?"

"Ich, nach dem County. Sie hatte nicht einmal einen Nachnamen. Es wurde zufällig einer aus einer Liste ausgewählt."

"Warum hat sie denn nicht den ihrer Adoptiveltern bekommen?"

"Sie wurde bisher nicht adoptiert."

"Warum nicht? Die Leute reißen sich doch um Babys."

"Nicht um Babys mit Leberschaden. Sie brauchte lange eine spezielle, sehr teure Diät. Ich habe sie damals in einer Pflegefamilie untergebracht, die Erfahrung damit hatte."

"Kam das von den Drogen?"

"Natürlich. Haben sie damals auch Drogen genommen?"

"Ja, aber ich bin Anfang 2000 in eine Klinik gegangen und seit dem hab ich nichts mehr angerührt."

"Und jetzt leben sie allein mit zwei Kindern?"

"Ich bin ein guter Vater."

"Gut. Das glaube ich ihnen."

"Ist sie noch in dieser Pflegefamilie?"

"Nein, nach einem Jahr hatten sich ihre Leberwerte normalisiert. Ich brauchte den Platz für ein anderes Kind. Sie kam zu einer anderen Familie, nur übergangsweise, bis sich jemand gefunden hatte, der sie langfristig aufnehmen wollte. Mit eineinhalb kam sie in ihre dritte Pflegefamilie, eine die sich die Adoption überlegte. Dann bekamen die nach einem Jahr überraschend selbst ein Kind. Marie war fast drei, in dem Alter schwinden die Chancen auf eine Adoption rapide. Sie hat ein Jahr in einem Heim verbracht, im September kam sie in einen Kindergarten und ich fand wieder eine Pflegefamilie für sie, dort gibt es aber schon drei größere, eigene Kinder und ein anderes Pflegekind. Zum Jahresbeginn wurde ich pensioniert, aber ich nehme an, dass sie immer noch dort ist."

"So habe ich mir das nicht vorgestellt."

"Ich mir auch nicht, aber manchmal läuft es eben so, ohne dass man was dagegen tun kann."

"Aber wenn das so weiter geht, dass sie von einer Familie in die nächste kommt, ich meine, was das mit ihrer Psyche machen muss. Wenn ich doch nur früher von ihr gewusst hätte."

"Was hätten sie dann getan?"

"Ich … weiß nicht. Meine Eltern hätten sie nehmen können. Meine Schwester ist nur ein Jahr älter als sie."

"Nun, jetzt wissen sie von ihr, was tun sie jetzt?"

"Was kann ich denn tun? Kann ich mich allein um drei Kinder kümmern? Würde ich sie überhaupt bekommen, mit meiner Vergangenheit?"

"Das kann ich ihnen beides nicht beantworten. Sie sollten erst Mal darüber nachdenken, ob sie vielleicht Besuchsrecht haben wollen."

"Ich lebe in L.A."

"Nun, sie müssen sich das alles überlegen. Ich schreibe ihnen alles Wichtige auf, auch den Namen der Kollegin, die den Fall übernommen hat."

Ich fuhr zu Mum und erzählte ihr die ganze Geschichte. Sie war natürlich geschockt.

"Jordan, du kannst dich nicht auch noch um sie kümmern, vermutlich würdest du sie nicht mal bekommen."

"Aber ich kann sie doch auch nicht der Fürsorge überlassen."

"Nein, das kannst du wohl nicht. Ich bin gleich zurück."

Sie rief Klaus an, der eine viertel Stunde später nach Hause kam. Zusammen erzählten wir ihm das Ganze nochmal.

"Carol, ich weiß, was du denkst und ich denke das Gleiche."

"Und was denkt ihr Beide?"

"Wir könnten sie nehmen. Laura würde nicht ohne Geschwister aufwachsen, dein Zimmer ist frei, finanziell packen wir das locker und die Kleine wäre bei ihrer Familie. Ich denke, wir sollten sie zumindest mal kennenlernen."

Ich rief sofort beim Jugendamt an. Sie wollten mit den Pflegeeltern einen Termin vereinbaren.

Am Donnerstag war es soweit. Zuvor hatten wir Laura erklärt, dass wir ein Mädchen kennenlernen wollten, das mit uns verwandt war. Mittlerweile hatte sie mich auch schon mit Fragen gelöchert, wo ich war und wie wir Geschwister sein konnten, wo ich doch schon Papa war und sie noch ein Kind.

Im Jugendamt gab es einen Raum speziell für solche Begegnungen, mit jeder Menge Spielzeug. Laura machte sich gleich mal über das Puppenhaus her. Wir setzten uns auf die Plastikstühle und warteten. Klaus hatte mir Gwen abgenommen, ich war so nervös, wie noch nie zuvor. Meine Hände waren eiskalt und zitterten. Mum nahm sie und wärmte sie.

"Ganz ruhig, mein Schatz. Wovor hast du denn Angst? Wir werden uns ein bisschen beschnuppern, Laura und sie werden Puppen spielen und wir alle werden uns auf Anhieb in sie verlieben."

Die Tür ging auf und die Frau vom Jugendamt kam mit einem kleinen Mädchen herein. Laura stürmte sofort auf sie zu.

"Hallo, ich bin Laura und wer bist du?"

"Marie."

"Willst du mit mir spielen?"

Sie nickte und schon waren die Beiden wieder beim Puppenhaus. Ich stand auf und stellte mich der Pflegemutter vor.

"Ja, ich sehe die Ähnlichkeit. Vor Allem von der Seite."

Ich wusste, was sie meinte. Laura und sie sahen aus wie Schwestern.

Auch Mum und Klaus stellten sich vor und ich nahm Gwen wieder.

"Ich habe Marie gesagt, dass sie Leute treffen wird, die sie vielleicht zu sich holen wollen, das kennt sie schon. Ich hab ihr aber noch nicht gesagt, wer sie sind."

Mum ging zu den Beiden und spielte mit. Sie schien gleich einen Zugang zu Marie zu finden. Nach einer Weile kam Marie herüber und wollte sich Gwen genauer ansehen, dann baute sie mit Klaus ein Puzzle. Es war schön, ihnen dabei zuzusehen. Zwischendurch ging ich Gwen wickeln. Nach zwei Stunden verabschiedeten wir uns schweren Herzens, was vor allem Laura überhaupt nicht gefiel. Wir machten für das Wochenende ein Treffen im Park aus. Danach waren Mum, Klaus und Laura sich einig, dass Marie bei ihnen wohnen sollte.

Ich fuhr nochmal zu Mrs. Goldstein, um ihr davon zu erzählen und ihr fiel offensichtlich ein Stein vom Herzen. Sie riet mir allerdings, Marie erst mal noch nicht zu sagen, dass ich ihr Vater war, da sie dann sicher fragen würde, warum sie nicht mit zu mir konnte und das noch nicht verstehen würde. Ich konnte also nichts weiter tun, da Klaus sich um die Anträge kümmerte und das Ganze eigentlich nichts mehr mit mir zu tun hatte. Nach nur zehn Tagen packte ich Gwen wieder ins Auto und fuhr zurück. Mum versprach, mich über alles auf dem Laufenden zu halten und sagte, ich solle bald wieder vorbeischauen, mit Gwen und auch Josh.

Zu Hause erzählte ich alles Ned und Elly, die froh waren, dass wir diese Lösung gefunden hatten. Sie boten an, jeder Zeit wieder auf Josh aufzupassen und natürlich auch auf Gwen, aber sie wussten ja, dass ich sie ungern alleine ließe.

Ich rief Scott an und wollte ihm eigentlich am Telefon alles erzählen, aber er überredete mich, mit ihm essen zu gehen. Janet war wie immer gern bereit Babysitter zu spielen. Ich traf ihn in einem Restaurant, nicht weit von seiner Wohnung und erzählte ihm, wie alles mit Marie gelaufen war. Er war zuversichtlich, dass Mum und Klaus keine Probleme haben würden, die Kleine zu sich zu holen. Er riet mir allerdings, einen Vaterschaftstest zu machen, denn den könnte das Gericht sowieso verlangen, da Nikki nicht auffindbar war. Das ginge per Post und sei nicht weiter kompliziert. Falls ich, wie wir ja annahmen, der Vater war, würde der Test alles beschleunigen, falls doch nicht, dann könnten die Beiden Marie auch auf dem herkömmlichen Weg adoptieren und müssten keine Verzögerungen in Kauf nehmen, weil alle Anträge umgeschrieben werden müssten. Danach ließ ich mich breitschlagen, noch mit zu ihm zu kommen, ganz unverbindlich selbstverständlich.

Als ich kurz vor Mitternacht nach Hause kam, schliefen die Kinder und Janet guckte fern.

Sie grinste wissend.

"Sieh an, Jordan, ihr wart aber lange essen."

"Ja, tut mir leid …"

"War es denn schön?"

"Oh ja."

"Gut. Meinst du, ihr kommt wieder zusammen?"

"Nein, das glaube ich nicht. Dafür hätte ich gerade überhaupt keine Zeit. Das wäre viel zu kompliziert."

"Naja, nur ,essen gehen' hat ja auch was für sich. So, ich schleppe mich jetzt mal nach unten, hier gab es keine besonderen Vorkommnisse."

"Gut, danke dir. Ich lade dich bald zum Essen ein."

"Uuuuuh yeah."

Sie zwinkerte mir zu und verschwand.

Wir machten einen Vaterschaftstest per Post und fanden ein paar Wochen später heraus, dass Marie mit einer Wahrscheinlichkeit von 99.99999% meine Tochter sei. Ich dachte an diesen seltsamen Abend vor fünf Jahren zurück, an dem sie gezeugt worden war. Am liebsten hätte ich Sean angerufen und ihm von der Frucht meines Seitensprungs mit Nikki erzählt. Was für ein absurder Gedanke. Jetzt war er verheiratet und ich war Vater. Das hatten wir damals nicht kommen sehen. Damals hatte ich mir wirklich eingebildet, für immer mit ihm zusammen zu bleiben, dabei waren wir noch so jung.

Ab und an bekam ich von Scott immer noch Aufträge zugeschachert, zum Beispiel Jingles für Autowerbung schreiben. Im Juli fuhr ich mit beiden Kindern meine Eltern besuchen, Marie hatte sich mittlerweile gut bei ihnen eingelebt und nannte sie sogar Mum und Dad. Josh wusste nicht Bescheid, wer sie wirklich war, das wollte ich ihm irgendwann erklären. Wir blieben zwei Wochen und besuchten auch Christine, die ihrerseits Besuch von Vince und Collin hatte. Josh lernte endlich den Sonnen-Maler kennen und ich konnte Gwen vorzeigen.

Abends bei Mum in meinem alten Zimmer, das Marie für uns freigemacht hatte, hatte Josh einige Fragen dazu, wie es möglich war, dass Vince und Collin verheiratet seien. Irgendwie war ich auf die Frage überhaupt nicht vorbereitet gewesen, da es für mich mittlerweile total selbstverständlich war und ich auch davon ausgegangen war, dass Josh sich an Sean und mich in L.A. erinnern konnte, aber das hatte er damals wohl noch nicht begriffen. Ich stammelte erst mal vor mich hin.

"Hast du denn noch nie zwei Männer zusammen gesehen? In L.A. gibt es viele."

"Ich glaube nicht. Ich dachte, Männer können nur Frauen heiraten."

"Man kann einen Antrag bei den Behörden stellen und wenn man lange genug wartet, kann man auch einen Mann heiraten. Man sollte ja immer den heiraten, den man liebt und manche Männer verlieben sich eben in andere Männer. Das kommt nicht so oft vor, aber es ist ganz normal."

"Das heiß schwul sein, oder?"

"Genau, dann hast du ja doch schon mal davon gehört."

"Ja, in der Schule, aber da ist das ein Schimpfwort."

"Das sollte aber kein Schimpfwort sein, oder was meinst du?"

"Keine Ahnung. Ich benutze es ja auch nicht, nur ein paar Andere."

"Weißt du, man sucht sich nicht aus, in wen man sich verliebt und wenn es zufällig ein Mann ist, dann ist das okay und wenn jemand anderem das nicht gefällt, dann soll er selbst sich eben in eine Frau verlieben und der Rest geht ihn nichts an. Vince und Collin sind nette Menschen, darauf kommt es an und nicht darauf, in wen sie sich verlieben, finde ich."

"Finde ich auch."

"Okay, hast du noch Fragen dazu?"

"Erst mal nicht."

"Gut, dann schlaf jetzt. Ich geh und rede noch mit meiner Mum und Klaus."

"Deine Mum ist noch ziemlich jung für eine Großmutter."

"Sag ihr das mal, dann freut sie sich. Und jetzt schlaf gut."

Puh, ich redete gleich mit Mum und Klaus darüber, ob sie meinten, dass das so okay war, oder ob ich noch etwas hinzufügen hätte sollen, zum Beispiel dass ich auch schon in Männer verliebt gewesen sei. Sie meinten, ich hätte ihm das Ganze gut erklärt und hätte ja noch Zeit für den Rest, wenn Anlass dazu bestand.

Im August fuhr Josh für drei Wochen mit ein paar Freunden aus der Schule in ein schweineteueres Baseball-Camp. Ich war also mit Gwen alleine und fragte mich, was wir machen könnten, das uns beiden Spaß machte. Joe meinte, ich solle doch in eine Krabbelgruppe gehen, es gab ein Kinderzentrum in der Nähe, wo solche Gruppen angeboten wurden. Naja, anschauen konnten wir uns das ja mal.


Sean

Als endlich wieder Ferien waren, war Maddy fünf Monate alt und drehte sich schon alleine vom Bauch auf den Rücken. Es war Zeit für eine Krabbelgruppe, zu der ich einmal die Woche mit ihr ging, Patricia ging an einem anderen Tag mit ihr zur Mutter-Kind-Gruppe. Ich war der einzige Vater dort, woran ich mich erst mal gewöhnen musste. Dann, Mitte August, flogen wir für zwei Wochen zu meinen Eltern. Die Beiden verwöhnten Maddy nach Strich und Faden. Mein Vater nahm sich sogar die Zeit, sie im Wagen durch die Gegend zu schieben und schenkte ihr einen ganzen Koffer voller Spielsachen, deren Hersteller versprach, sie würden die frühkindliche Entwicklung fördern. Patricia musste nach den Ferien eine Prüfung wiederholen und lernte wie verrückt, während ich Zeit fand, ausgiebig zu kochen und mich mit der Kleinen beschäftigte. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mal zu Carol und Klaus rüber zu gehen, um ihnen Maddy vorzustellen und das kleine Mädchen kennenzulernen das jetzt scheinbar bei ihnen lebte, aber bis ich mich tatsächlich dazu durchgerungen hatte, sah ich sie ihre Sachen ins Auto packen und wegfahren, wahrscheinlich zu Klaus' Eltern. Nach zwei Wochen flogen wir dann wieder zurück. Ich hatte mich total daran gewöhnt, Maddy immer um mich zu haben und da Patricia sowieso nichts anderes tat als lernen, kümmerte ich mich eben fast allein um sie.


Jordan

Ich kam mir als einziger Mann ziemlich blöd vor. Es gab einige alleinerziehende Mütter, die mich sofort fragten, ob ich Single sei. Ich sagte wahrheitsgemäß ja, was sich als Fehler herausstellte, denn plötzlich wollten sie alle mit Gwen und mir in den Park oder mich auch für die anderen Gruppen, unter anderem die Mutter-Kind-Gruppe, begeistern. Leider waren sie alle älter und wirkten irgendwie verzweifelt. Ich merkte an, dass ich es seltsam fand, nicht mehr Väter hier vorzufinden, woraufhin ich einen "Die Frauen sind wohl doch noch nicht so emanzipiert wie man meint"-Vortrag bekam und sofort bereute, davon angefangen zu haben.

"Es gibt aber noch einen anderen Vater. Er ist gerade nicht in der Stadt, aber nächste Woche ist er bestimmt wieder da."

Ich bezweifelte insgeheim, dass ich nächste Woche wieder da sein würde, heuchelte aber Interesse.

"Ist er auch allein erziehend?"

"Nein nein. Seine Frau und er wechseln sich ab. Sie studieren Beide noch."

"Das stell ich mir sehr schwierig vor, mit einem Baby."

"Ja, aber die Beiden bekommen das so gut auf die Reihe. Und du hast wirklich niemanden? Du gehst auch mit niemandem aus? Ich frage nur, weil morgen Abend der Vater-Mutter-Tag ist. Da gibt es lauter Übungen die man zu Zweit mit dem Kind machen kann. Gwen scheint so viel Spaß zu haben. Ihr solltet wirklich kommen."

"Hm, na ja, mir fällt schon jemand ein, den ich fragen könnte."

Und das Anbagger-Problem wäre damit auch gelöst, also rief ich Scott gleich nach der Gruppe an.

"Scott Douglas."

"Hey, darf ich dich um was bitten?"

"Wenn du dafür wieder mit mir Essen gehst."

"Deal."

"Und? Worauf hab ich mich eingelassen?"

"Auf eine Krabbelgruppe mit mir und Gwen."

"Oh Mann, das muss aber ein ganz besonderes Essen werden."

"Ich kann bei mir danach was kochen. Josh ist im Baseball-Camp. Dafür müsstest du aber noch was tun."

"Alles."

"Ich bin der einzige Vater in der Gruppe und werde ständig angegraben. Ich würde ja einfach nicht mehr hingehen, aber Gwen findet es offensichtlich toll dort."

"Ich soll also einfach meine Finger nicht von dir lassen können, damit die Ladies sehen, dass sie keine Chance haben? Nichts leichter als das. Ich hab das Gefühl, ich hab einen guten Deal gemacht."

"Wart es ab. Du weißt, wie schlecht ich koche."

"Nicht so schlecht wie du immer tust. Wer hat dir nur den Floh ins Ohr gesetzt, dass du nicht kochen kannst?"

"Mein Mutter, als ich ihre Küche fast in Brand gesetzt habe."

Am nächsten Tag tauchten wir also zusammen auf und alles lief nach Plan. Gwen hatte Spaß, Scott hatte Spaß und ich hatte mit Sicherheit beim nächsten Treffen meine Ruhe. Zu Hause gab Scott Gwen die Flasche, während ich Nudeln kochte und die Soße, die ich am Nachmittag schon vorbereitet hatte, aufwärmte. Danach wurde die Kleine wie üblich schläfrig und Scott forderte seinen Lohn ein.

Am Donnerstag in der Mutter-Kind-Gruppe, wo hauptsächlich Erfahrungen ausgetauscht wurden, während die Kleinen spielten, erfuhr ich viele interessante Tricks. Wie man Babies zum Gemüse-Essen brachte, zum Beispiel, aber auch Dinge, die ich überhaupt nicht wissen wollte, die die Wiederaufnahme der ehelichen Pflichten nach der Geburt betrafen. Nach der Gruppe fragten ein paar Mütter mich noch über Scott aus. Als sie nicht mehr auf Teufel komm raus baggerten, bemerkte ich, dass einige davon doch ganz okay waren. Wir verabredeten uns sogar fürs Wochenende im Park. Ja, ich konnte mir jetzt gut vorstellen, in der Gruppe zu bleiben.

Am Montag war ich einer der Ersten und machte gleich noch mit Mandy ab, anschließend in den Park zu gehen. Ich gab Gwen nochmal was zu trinken, während sich der Raum füllte, bis die üblichen 10 bis 15 Mütter mit Kind da waren. Der Schnuller fiel runter und hinter eine Spielzeugkiste. Während ich ihn suchte, meinte eine Mutter.

"Ah, Madeleine ist wieder da. Wie war es bei Oma und Opa?"

"Ganz toll. Sie hat sogar Kuchen mit Sahne bekommen."

Eine männliche Stimme, der andere Vater, na endlich. Ich hatte schon vermutet, die Frauen hätten ihn sich nur ausgedacht, um mich bei der Stange zu halten.

"Typisch Großeltern, also. Du hast übrigens männliche Verstärkung bekommen. Das ist Jordan, … ehm was suchst du denn?"

"Den Schnuller. Egal. Hallo, ich …"

Ich drehte mich um und schaute den neuen Vater an. Der Rest des Satzes blieb mir im Hals stecken. Mir wurde richtig heiß. Da stand Sean mit einem Baby auf dem Arm. Er starrte mich ungläubig an und bekam rote Flecken im Gesicht.

"Also, wie gesagt, Jordan-Sean, Sean-Jordan."

Aus Reflex sagte ich nochmal hallo und streckte ihm die Hand entgegen. Er grüßte auch und trat herüber, um sie zu schütteln. Seine Hand war warm und weich. Ich hätte sie auch blind sofort erkannt. Sean sah so erwachsen aus, vor allem seine Gesichtszüge waren markanter geworden. Seine Haare waren dunkelblonde Stoppeln. Und das Baby auf seinem Arm, warum hatte Mum nichts davon erzählt? Er setzte sich auf einen freien Stuhl. Das war die längste Stunde meines Lebens. Ich konnte nicht aufhören, ihn anzustarren und seine Tochter. Ich hörte Mandy ihn fragen, ob er nach der Stunde wie immer mit in den Park käme. Er bejahte und sie sagte, dass ich übrigens auch mitkäme. Er schaute sofort zu mir rüber. Ich zuckte entschuldigend die Schultern. Nach der Stunde schipperten wir also zu dem nahe gelegenen Park und setzten uns auf eine Bank, Mandy in der Mitte.

"Sean studiert Medizin."

"Ah, interessant."

"Jordan ist Musiker."

"Ja, so sieht er aus."

Ich hatte ein ganz normales schwarzen Shirt und Jeans an. Was sollte die Anspielung?

"Sean wechselt sich mit seiner Frau bei den Gruppen ab."

"Ja, so was hattet ihr erwähnt."

"Jordan ist alleinerziehend."

"Wie? Keine Frau an deiner Seite?"

"Zurzeit nicht, nein. Nicht mehr seit Nikki. Sie ist Gwens Mutter."

"Und wo ist sie jetzt?"

"Weiß ich nicht."

"Und du lebst alleine mit Gwen?"

"Mit ihr und Josh, ja."

"Das ist sein Stiefsohn."

"Er ist für ein paar Wochen in einem Baseball-Camp."

"Wo wohnst du?"

"Venice. Und du?"

"Beim Crenshaw Boulevard."

"Dann wohnen wir keine zehn Meilen auseinander."

"Sieht so aus."

"Wann ist Madeleine geboren?"

"Am 27. Februar. Gwen?"

"Am dritten März."

"Also am 03.03.03? Ist ja lustig."

"Die Beiden sind nur fünf Tage auseinander."

"Vier. 28, 1, 2, 3."

"Du hast recht."

Mandys Handy klingelte. Sie ging ein Stück weg, um zu telefonieren.

"Ich wusste nicht, dass du in der Gruppe bist. Ich wusste noch nicht mal, dass ihr ein Kind habt."

"Ich wusste auch nichts von Gwen."

"Hat meine Mum denn nichts erzählt?"

"Ich hab sie schon lange nicht mehr gesprochen. Unsere Eltern sind nicht mehr befreundet."

"Wieso nicht?"

"Kannst du dir das nicht denken?"

"Oh."

Mandy kam zurück und meinte, sie müsse jetzt los. Sean blieb sitzen, also blieb ich auch.

"Ich wollte dich so oft anrufen und mich dafür entschuldigen, was passiert ist."

"Ich dachte du weißt nicht mehr, was passiert ist?"

"Ich weiß das, was du mir erzählt hast und dafür will ich mich entschuldigen."

"Das brauchst du nicht. Mein Dad hat dich mies behandelt und du hast nur die Wahrheit gesagt."

"Kannst du mir sagen, was genau passiert ist?"

"Du hast mich um Hilfe gebeten, leider waren meine Eltern gerade zu Besuch und mein Dad hat sinngemäß gesagt, dass du dich zum Teufel scheren sollst und wir einem und an dieser Stelle hat er ziemlich krasse Ausdrücke benutzt, einem … wie dir nichts schulden. Du hast 'doch' gesagt, er hat noch eins drauf gesetzt, dich beschimpft und dich dazu gedrängt, zu sagen, wie du darauf kommst."

Er redete nicht weiter.

"Was war weiter?"

"Du hast gesagt, dass du zum ficken schließlich gut genug warst und bist gegangen. Ich konnte sehen, dass du wirklich verletzt davon warst, was er gesagt hat, aber ich war so wütend auf dich. Ich hab viel darüber nachgedacht. Es war eigentlich nicht deine Schuld. Jordan, ich hoffe, dass du nicht wirklich so denkst."

"Ich geb doch nichts drauf, was dein Vater sagt. Ich weiß, was wir damals hatten."

Da saßen wir also nun auf einer Parkbank mit einem Meter Abstand zwischen uns und je einem Kinderwagen neben uns. Und jetzt? Sean fragte sich offensichtlich das Gleiche, denn er sagte erst mal auch nichts mehr. Dann:

"Smalltalk fände ich unpassend, aber gleich mit den wichtigen Dingen anfangen, widerstrebt mir auch irgendwie."

"Naja, also wie ist es denn mit der Gruppe am Donnerstag? Da geht wohl Patricia hin, oder?"

"Normalerweise ja."

"Dann sollten Gwen und ich uns da besser nicht sehen lassen."

"Ich wollte mir die Gruppe eh mal anschauen. Dann geh ich diesmal einfach mit Maddy hin. Patricia wird nichts dagegen haben, sie mag die Gruppen eh nicht so gern. Warum grinst du?"

"Maddy und Paddy."

"Wenn sie das hören würde, würde dir Patricia den Kopf abbeißen."

"Sie 'hasst Abkürzungen', ich erinnere mich."

Mein Handy klingelte. Scott war dran.

"Ich hab vergessen, dir Bescheid zu sagen, am Freitag geb ich eine kleine Party. Es kommen ein paar Leute, die für dich interessant sein könnten. Musikkritiker, andere Agenten, Summerskin. Du schaust doch vorbei, oder?"

"Klar, es ist dein Geburtstag."

"Das ist nebensächlich. Ich bin aus dem Alter raus, wo ich feiere, ein Jahr älter zu werden. Was machst du gerade?"

"Ich bin mit Gwen im Park."

"Ich könnte nachher vorbei schauen."

"Nein, heute lieber nicht, aber danke."

"Okay, wie du willst. Dann sehen wir uns spätestens Freitag. Jenna's Mum wird auch da sein, also … du weißt schon."

"Klar, ich bin nur ein Klient. Ich muss aufhören, Gwen ist hungrig."

"Okay, bis dann."

Ich packte mein Handy wieder weg und schaute nach Gwen, die friedlich schlief.

"Alles okay?"

"Klar. Manche Dinge scheinen sich nur einfach nie zu ändern."

"Willst du drüber reden?"

"Ich weiß nicht, ob du dafür der Richtige bist."

"Ich hör es mir einfach mal an."

"Das war Scott. Er ist … ich weiß auch nicht, was er ist. Wir waren eine Weile zusammen. Ich hab mit ihm Schluss gemacht, weil er seiner Familie nicht von uns erzählen wollte."

"Du hast recht, ich bin nicht der Richtige um darüber zu reden."

"Wie geht es Beth?"

"Sie hat die Männer mittlerweile anscheinend aufgegeben. Zumindest hat sie schon lange keinen mehr heim gebracht. Dad nervt sie damit, endlich eine Familie zu gründen. Er wünscht sich wohl endlich einen Enkelsohn."

"Und Josie?"

"Sie arbeitet und sagt ihr reicht ein Kind. Ich besuche sie manchmal in San Diego und treffe mich mit Milo."

"Meinem Milo?"

"Ja. Du solltest dich wirklich mal bei den Bonannos sehen lassen, meinst du nicht?"

"Vielleicht wenn Gwen ein bisschen älter ist. Momentan hab ich wirklich keinen Bock auf den Clan."

"Ich glaube, Milo wird bald heiraten."

"Krass, noch einer. Und was ist mit den Pärchen aus der Schule? Susi und Alex und so?"

"Sie sind noch zusammen, so viel ich weiß. Aber eine Hochzeitseinladung hab ich noch nicht bekommen. Emily hat geheiratet. Aber ich war nicht dort. Das wäre irgendwie seltsam gewesen."

"Allerdings. Ich war auf Vinces Hochzeit. Das war echt sehr seltsam."

"Summer hat mir damals erzählt, dass er heiraten wird. Ich konnte es gar nicht glauben. Und Summer. Die hat sich verändert, was?"

"Ich hab sie ewig nicht mehr gesehen, aber ihr Nick und sie sind ein Bilderbuch-Paar."

"Warum habt ihr euch nicht mehr gesehen? Ihr wart doch so gute Freunde."

"Keine Ahnung, echt. Wir wohnen zu weit auseinander und sie hat sich verändert, wie du selbst sagst. Andererseits hat Vince noch Kontakt zu ihr, obwohl er viel weiter weg wohnt. Vielleicht sollte ich sie mal anrufen."

"Du warst wohl nicht auf dem Klassentreffen im Juli, oder?"

"Davon wusste ich gar nichts."

"Fünf Jahre nach dem Abschluss und so. Ich hab es auch nicht hin geschafft. Ich hatte noch Prüfungen."

"Fünf Jahre. Kommt mir länger vor."

"Wirklich? Mir kommt es kürzer vor. Ich kann mich noch so gut an alles erinnern, was damals war. An das Praktikum in der Klinik und an …"

"An das Ende unserer Beziehung. Natürlich, daran kann ich mich auch gut erinnern. Du warst also gerade zu Hause? Hast du mit meiner Mum und Klaus geredet?"

"Nein, überhaupt nicht, warum?"

"Wegen dem kleinen Mädchen, das seit zwei Monaten bei ihnen wohnt."

"Meine Eltern haben davon erzählt, aber sie haben sie nicht danach gefragt. Klaus und Carol haben also ein Kind adoptiert?"

"Ja. Sie ist meine Tochter. Damals, vor fünf Jahren, als ich mit Nikki geschlafen habe, daraus ist sie entstanden."

"Was? Wusstest du das die ganze Zeit?"

"Nein, Nikki hat es mir erst nach Gwens Geburt gesagt. Die Kleine heißt Marie. Sie war die ganze Zeit in irgendwelchen Pflegefamilien."

"Das ist ein ganz schöner Brocken. Ich muss das erst mal verdauen. Du hast, während wir zusammen waren, nicht nur mit Nikki geschlafen, sondern auch noch ein Kind gezeugt. Krass. Irgendwie macht mich das wütend. Komisch, oder?"

"Bist du immer noch eifersüchtig?"

"Ach, sei still."

"Bist du glücklich mit Paddy?"

"Sie ist toll und wir sind eine Familie. Ich studiere wo ich wollte und was ich wollte, hab ein schönes Zuhause und eine bildhübsche Tochter. Was will man mehr? Und was machst du zum Geld verdienen?"

Irgendwie kam die Gegenfrage zu schnell, so als wolle er nicht über Patricia reden.

"Musik, was sonst? Ich schreibe Werbemusik und Songs und verkaufe sie. Davon können wir ganz gut leben und ich hab natürlich noch einige Rücklagen aus der Zeit mit Summerskin."

"Ich hab euer Album zu Hause. Es ist echt gut."

"Danke. Naja und wenn alle Stricke reißen, kann ich immer noch wieder im Plattenladen anfangen. Der ist gleich bei unserer Wohnung. Du musst dir die Gegend mal anschauen. Zehn Minuten zum Strand, tolle Leute in der Nachbarschaft und der bestsortierte Plattenladen in der Stadt."

"Mal sehen. Ich glaub ich sollte langsam los. Wenn Maddy aufwacht hat sie sicher Hunger."

"Gut. Also sehen wir uns vermutlich am Donnerstag."

"Ja, auf jeden Fall."

Wir standen Beide auf.

"Ich bin froh, dass wir uns getroffen haben."

"Ich auch."

Wie sollten wir uns verabschieden?

Gwen fing an zu weinen und rettete mich aus der seltsamen Situation. Ich nahm sie hoch und Sean gab ihr seinen Finger.

"Auf Wiedersehen, Gwen. Sie hat deinen Mund."

"Ja, das hab ich schon mal gehört."

"Also, bis Donnerstag."

"Ja, bis dann."

Ich machte mich kurz danach auch auf den Heimweg und fragte mich bald, ob das gerade tatsächlich passiert war. Ich hatte Sean getroffen. Ich hatte mit ihm gesprochen. Er war mir nicht mehr böse und er hatte eine Tochter in Gwens Alter. Zu Hause rief ich sofort Vince an.

"Jordan, du bist davon ja total mitgenommen! Jetzt komm erst mal runter. Und vor Allem darfst du eines nicht vergessen: Er ist verheiratet."

"Das weiß ich doch."

"Weißt du wirklich, was das bedeutet? Du kannst auf keinen Fall wieder was mit ihm anfangen."

"Das hab ich doch auch überhaupt nicht vor."

"Gut und warum bist du dann so durch den Wind?"

"Es geht schließlich um Sean."

"Ich glaube, da kommen Schwierigkeiten auf dich zu. Gehst du immer noch zu dieser Gruppe?"

"Nicht mehr seit Gwen auf der Welt ist. Dafür hätte ich überhaupt keine Zeit. Außerdem denk ich nicht im Entferntesten dran, wieder was zu nehmen. Das hat mich heute einfach kalt erwischt, das ist alles. Danke fürs zuhören."

"Kein Problem. Ruf mich jederzeit an, okay?"

"Du machst eine zu große Sache draus, echt."

"Dann bin ich froh. Bis dann."

"Bye."

In der Nacht hatte ich einen seltsamen Traum über Sean, auf der Bühne als Sänger von Summerskin. Er trug nur eine Jeans, war barfuß und sang einen Song den ich noch nie zuvor gehört hatte. Ich konnte mich beim Aufwachen nur noch an die Stimmung erinnern, die er mir vermittelte. So verletzlich aber so laut, doch wie aus weiter Entfernung. Ich holte eine Gitarre und versuchte, es nachzuspielen, aber ich konnte mich einfach nicht mehr erinnern. Gwen wachte auf und brachte mich auf andere Gedanken. Nachdem ich festgestellt hatte, dass ich eine kreative Blockade zu haben schien, nahm ich mir Musik mit und ging mit Gwen in den Park. Ich ertappte mich dabei, nach Sean Ausschau zu halten. Aber warum sollte er extra mit dem Auto hier her fahren, es gab bestimmt andere Parks in seiner Nähe. Von Weitem sah ich schon Mandy und nahm meine Ohrstöpsel raus.

"Ah, hallo Jordan. Was machst du denn an einem Dienstag hier?"

"Ich musste mal raus aus der Wohnung. Heute hab ich irgendwie keine guten Ideen."

"An was schreibst du denn gerade?"

"Verschiedenes. Zum Beispiel einen Jingle für die Radiowerbung für das neue Steakhouse vorne wo das Kino war. Ich hab dazu irgendwie gar keinen Bezug, ich esse nicht mal Fleisch."

"Hm, was hast du denn bisher?"

Ich summte ihr die Melodie vor und wir probierten alle möglichen Wörter hin und her, kamen aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

"Das ist echt gar nicht so leicht. Aber du siehst heute auch aus, als wärst du mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden. Ich glaube du trägst sogar dein Shirt links. Ja, definitiv."

"Wunderbar. Schön, dann laufe ich eben so durch die Gegend."

"Warum drehst du es nicht einfach um?"

"Hier wo Kinder spielen? Werde ich da nicht gleich verhaftet oder so?"

"Schwachsinn, es guckt doch niemand. Mach schon."

Schnell zog ich es mir über den Kopf, stülpte es um und zog es wieder an. Wie immer in Filmen in solchen Situationen tauchte eine Mädchen-Softball-Mannschaft wie aus dem nichts auf und die Trainerin warf mir einen bösen Blick zu. Mandy prustete los. Die Karawane zog ein Stück weiter und machte auf der Rasenfläche Aufwärmübungen. Einige Eltern waren auch dabei und unterhielten sich.

"Wusste ich doch, dass so was passiert. Heute ist einfach nicht mein Tag. Ich hätte einfach im Bett bleiben sollen."

"Ist das nicht der Typ, mit dem du letzte Woche bei der Gruppe warst?"

Ich folgte ihrem Finger. Da in der Elternmeute stand tatsächlich Scott.

"Ja, das ist er."

"Willst du nicht rüber gehen?"

"Eigentlich sollte ich langsam los. Gwen sollte …"

"Sie schläft friedlich und du hast eine riesigen Tasche dabei, als hättest du vorgehabt, hier den ganzen Tag zu verbringen. Was ist los? Hat es zwischen euch nicht geklappt?"

"Doch. Aber vermutlich ist seine Tochter da irgendwo und deshalb kann ich nicht rüber gehen. Ich hab aber auch keinen Bock, hier zu sitzen und so zu tun, als würde ich ihn nicht kennen."

"Ich finde nicht, dass du gehen solltest. Du warst zuerst hier und ich hab außerdem keine Lust, hier alleine rumzusitzen. Oh, jetzt hat er uns gesehen. Na bitte, er kommt rüber."

"Na da bin ich aber gespannt."

"Jordan! Hallo. Was machst du denn hier?”

"Arbeiten natürlich. Mandy ist meine Muse."

"Ah, wir kennen uns aus der Krabbelgruppe. Hallo."

"Hi."

"Und, Jordan, was macht die Steakhouse-Sache?"

"Ich hab die Melodie, aber irgendwie hört sich jeder Text für mich nach fröhlichem Schlachten an."

"Am Montag soll es aufgenommen werden, also …"

"Ich weiß, ich halt mich ran. Und was machst du hier?"

"Ich schau mir natürlich das wichtigste Spiel der Saison an."

"Ist Jenna dabei?"

"Ja, sie ist da hinten irgendwo. Darf ich sie dir vorstellen? Sie steht total auf Summerskin, vor allem die alten Sachen, wie sie sagt."

"Klar, ich spiel mal wieder den Klienten."

"Der du ja auch nur noch bist. Du hast mit mir Schluss gemacht, schon vergessen?"

"Gehst du mit all deinen Klienten in eine Krabbelgruppe und anschließend mit nach Hause?"

"Müssen wir das jetzt breittreten?"

"Da gibt es nichts breitzutreten. Ab sofort bin ich nur noch ein Klient. Also, soll ich für deine Tochter einen Baseball signieren oder so?"

"Ich hasse deinen Sarkasmus. Du hättest auch einfach sagen können, dass du Jenna nicht kennenlernen willst."

"Ich will sie seit zwei Jahren kennenlernen."

"Daaaaaaad! Hast du mein Trinken?"

Ein rothaariges Mädchen kam rüber gejoggt. Sie sah älter aus als die meisten aus dem Team.

"Hier ist deine Flasche. Und schau wen ich zufällig getroffen hab."

"Jordan Bonanno, cool. Verdammt schade, dass du nicht mehr bei Summerskin bist. Warum hast du aufgehört?"

"Der Grund liegt da im Kinderwagen. Meine Tochter, Gwen."

Sie schaute neugierig in den Wagen.

"Süßes Kind. Falls du mal einen Babysitter brauchst, ich verdiene mir gern etwas dazu. Ich hab sogar extra so einen Kurs gemacht."

"Okay, vielleicht komm ich drauf zurück."

"Mann, wenn ich den Mädels in der Schule erzähle, dass ich dich getroffen hab. Die standen total auf dich. Dieser Neue, Greg, ist echt seltsam. Ich glaub ohne Dad's Hilfe bekämen die schon lang keine Gigs mehr. Und die neue Single hört sich an wie Bon Jovi, nur schlechter."

"Die ist doch noch gar nicht draußen."

"Dad hat sie mich schon mal hören lassen."

"Jenna ist mein bester Testhörer. Wenn sie was gut findet, verkauft es sich auf jeden Fall."

"Stehst du eigentlich echt auf Kerle, Jordan?"

Scott wurde bleich.

"Schatz, wie kommst du denn auf so was?"

"Es gab eben Gerüchte drüber."

"Ja stimmt, ich hatte schon öfter was mit Kerlen."

"Ah, aber Frauen magst du auch?"

"Ja."

"So bist du vermutlich auch zu deiner Tochter gekommen. Ist das deine Freundin?"

"Nein, das ist Mandy aus der Krabbelgruppe."

"Du gehst zu einer Krabbelgruppe? Wie niedlich."

"Danke, du hättest auch uncool sagen können."

"Stimmt. So, ich schau mal wieder zu den Anderen. Schaut ihr euch auch das Spiel an?"

"Wir überlegen es uns."

"Cool, also dann, vielleicht bis später."

Und schon joggte sie wieder zurück.

"Das lief doch gut."

"Findest du?! Warum musstest du ihr sagen, dass du schwul bist?"

"Hätte ich sie anlügen sollen? Ich glaub echt, du machst dir zu viel Stress. Die Kleine ist da doch ganz locker. Vermutlich fände sie das mit uns sogar cool."

"Ich glaub, ich kenn meine Tochter besser als du. Und außerdem gibt es ja schon lange kein uns mehr."

"Stimmt und jetzt weiß ich auch wieder, warum."

"Toll. Dann noch viel Spaß beim Rumzicken, ich geh zum Spiel."

"Ja, du bist echt ein ganzer Kerl. Geh und spiel weiter den Hetero. Sehr männlich."

"Das hast du noch nie verstanden, hm? Nicht jeder kann so wenig auf die Meinung Anderer geben, wie du. Mit diesen ständigen Vorwürfen vergraulst du am Ende jeden. Du hast scheinbar aus der Sache mit Sean damals nichts gelernt, hm?"

Erschrocken schaute ich zu Mandy, aber wie hätte sie drauf kommen sollen, dass es dabei um den verheirateten Sean aus der Krabbelgruppe ginge? Als ich nichts dazu sagte, legte er noch einen drauf.

"Wenn du nicht akzeptieren kannst, wie ich lebe, dann ist das dein Problem und du musst die Konsequenzen daraus ziehen. Überleg dir, ob du am Freitag kommst oder nicht."

"Was soll denn das jetzt heißen? Willst du etwa auch noch unsere geschäftliche Beziehung beenden?"

"Ich denke nicht, dass du dich dabei wohl fühlen würdest, weitere Aufträge von einem Menschen zu bekommen, der so überhaupt nicht nach deinen Vorstellungen lebt."

Ich stand von der Bank auf.

"Setzt du mir das Messer an die Brust?"

"Genau wie du mir damals."

"Das ist ja wohl total unprofessionell, du solltest echt Berufliches und Privates trennen können."

"Keine Lust. Hiermit beende ich beides."

"Das ist doch jetzt nicht dein Ernst."

"Doch, allerdings."

Darauf fiel mir echt nichts mehr ein. Oh bitte nicht. Da kam Sean.

"Hey Mandy! Jordan! Was machst du denn heute schon wieder hier?"

Er wandte sich an Scott.

"Hallo. Sean Wittmore."

"Sean Wittmore? Der Sean Wittmore?"

"Kennen wir uns?”

"Nein, aber wir haben einiges gemeinsam, vor allem dass Jordan uns für heuchlerische Feiglinge hält."

"Lass es gut sein, Scott."

"Oh, ist die Zeit der Ehrlichkeit schon vorbei? Na gut, dann gehe ich jetzt endlich zum Softballspiel meiner Tochter. Ich wünsch dir noch ein schönes Leben, Jordan."

Er rauschte davon.

"Was war das denn?"

"Das war Scott. Ex-Freund und Ex-Agent."

"Tut mir leid."

Sean legte mir die Hand auf die Schulter.

"Komm, setz dich erst mal."

Mandy tätschelte aufmunternd meinen Arm.

"Was mach ich denn jetzt? Er hat mir die meisten Aufträge verschafft. Ohne Agent kann ich einpacken."

"Es gibt bestimmt andere."

"Natürlich, aber die sind nicht scharf auf einen allein erziehenden Vater der irgendwann mal in einer Band war, die es gerade so schafft, einen Club vollzubekommen."

"Es findet sich schon was."

"Ich brauch erst mal einen Kaffee."

"Ich kann auf die Kleinen aufpassen, während ihr beide Kaffee besorgt."

"Bist du sicher, Mandy? Wir sind auch gleich wieder da."

"Klar. Geht schon."

Wir gingen den Weg entlang zu einem kleinen Kaffeestand in der Nähe vom Baseballplatz.

"Wie lange wart ihr zusammen?"

"Fast ein Jahr, bis Nikki zurückkam. Als Gwen geboren wurde und Nikki abgehauen ist, hat er mir mit dem ganzen Sorgerechtskram geholfen. Er ist eigentlich Anwalt für Familienrecht."

"Wow und jetzt ist er im Showbiz tätig? Dafür muss man sicher ein ganz schöner Hai sein."

"Ja, er hat so ein paar Taktiken, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen."

"Und was macht dir mehr aus? Dass du keinen Agenten mehr hast, oder dass er weg ist?"

"Das Schlimmste ist, dass ich meine Fehler aus der Vergangenheit wiederholt habe. Wir haben uns gestritten, weil er seiner Tochter einfach nicht die Wahrheit sagen wollte."

"Du hattest aber damals recht. Es war nicht fair, dich zu verheimlichen. Das war ziemlich erniedrigend."

"Aber es war doch nichts Persönliches. Wenn ich ein BWL-Student aus gutem Haus gewesen wäre, hättest du deinen Eltern trotzdem nichts von uns erzählt, oder?"

"Nein, das hätte ja nichts dran geändert, dass du das falsche Geschlecht hast."

"Ich bin froh, dass ich dich damals kennengelernt habe. Ansonsten hätte ich ganz schön viele Dinge verpasst. Seltsam, wie unterschiedlich wir uns entwickelt haben. Für dich war es nur eine Phase und für mich ein Anfang."

"Darf ich dir etwas anvertrauen?"

"Ja, sicher."

"Ich bin mir nicht sicher, ob es nur eine Phase war."

"Du meinst …?"

"Vergiss, dass ich was gesagt habe. Was rede ich eigentlich? Ich bin verheiratet. Tut mir leid."

"Okay, ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Kann ich dir irgendwie helfen oder so?"

"Wie denn? Willst du mit mir schlafen, um herauszufinden, ob ich vielleicht doch schwul bin? … Oh Mann, ich glaub's nicht, dass ich das jetzt echt gesagt habe. Wir sollten einfach schnell Kaffee holen und zurückgehen. Vergiss am besten alles, was ich heute von mir gegeben habe. Ich hätte nicht herkommen sollen, aber ich musste dich einfach sehen. Ich musste herausfinden, ob … verdammt, ich musste herausfinden, ob ich immer noch auf dich stehe. So, jetzt hab ich's gesagt.

Sag was. Irgendwas."

"Und?"

"Was und?"

"Und, hast du es herausgefunden?"

" … ja, hab ich …

Natürlich steh ich noch auf dich. Das wird sich wohl nie ändern. Ich fühle mich, als wäre ich wieder Siebzehn und du der neue Typ in der Klasse, der so ganz anders ist und ich weiß vom ersten Augenblick an, dass du mein Leben komplett auf den Kopf stellen wirst."

"Das darf aber nicht nochmal passieren."

"Glaubst du, dass ich das nicht weiß?"

"Und jetzt? Soll ich nicht mehr in die Gruppe gehen?"

"Doch! Natürlich! Wie gesagt: Vergiss einfach alles, was ich heute gesagt habe."

Wir kauften drei Kaffee und gingen schweigend wieder zurück. Was sollte ich davon nun halten? Ich konnte es einfach nur ignorieren. Wir setzten uns wieder zu Mandy, schlürften unseren Kaffee und schwatzten über belangloses Zeug. Was für ein seltsamer Tag das doch war.

Nach einer Stunde machte Mandy plötzlich ein seltsames Geräusch. Erstaunt schaute ich sie an und sie zeigte auf den Weg Richtung Stadium. Da kam Scott. Er schien auf uns zuzugehen. Tatsächlich, er kam rüber. Ich stand auf.

"Scott, was …?”

"Sag nichts, sonst verlässt mich der Mut. Es tut mir leid, wie ich dich vorher behandelt habe. Das war nicht richtig. Berufliches und Privates muss man trennen können. Natürlich bin ich weiter dein Agent, wenn du das noch willst."

"Sicher will ich das."

"Du bringst mich zwar manchmal um den Verstand, aber die Vorstellung, dich nochmal zu verlieren ist nicht auszuhalten."

"Wie meinst du das?"

Er legte mir die Hand in den Nacken und zog mich behutsam zu sich.

"Was sagst du? Probieren wir es nochmal zusammen?"

"Scott, ich kann gerade echt keine Achterbahn der Gefühle gebrauchen …"

"Ich weiß. Gib mir die Chance, dir zu zeigen, dass ich auch eine ganz normale, stabile Beziehung führen kann. Ein Monat auf Probe, komm schon. Du kannst davon doch nur profitieren."

"Mit deinem Anwalts-Gelaber kriegst du mich nicht, da musst du dir schon was Besseres einfallen lassen."

"Jordan, ich bin verrückt nach dir, seit unserer ersten Begegnung. Ich will mit dir zusammen sein, weil du der faszinierendste Mensch bist, der mir jemals begegnet ist. Bitte, gib mir noch eine Chance."

Ich befürchtete, er würde sich gleich auch noch hinknien, also küsste ich ihn endlich.

"Und wie stellen wir das jetzt an, mit dieser normalen, stabilen Beziehung?"

"Ganz einfach: Ich fahre jetzt zu meinem drei Uhr-Termin, dann zu meinem vier Uhr-Termin, dann ins Büro und gegen Sieben kommen ich zu dir und wir essen und schauen uns eine DVD an. Ich besitze nämlich eine Raubkopie von X-Men 2."

"Das habe ich nie gehört."

"Du lernst schnell. Also? Machen wir es so?"

"Ja, sehr gern."

"Gut, dann seh ich dich gegen Sieben."

Er küsste mich nochmal und machte sich auf den Weg. Als ich mich umdrehte, erschrak ich fast, weil ich überhaupt nicht mehr an Sean gedacht hatte. Mandy grinste mich breit an.

"Na also. Ende gut, alles gut."

"Das kam überraschend. Alles in Ordnung, Sean?"

Er starrte Löcher in die Luft.

"Was? Ja, klar. Ich hab nur …"

"Du musst nachsichtig mit ihm sein, Jordan. Wenn zwei Kerle sich küssen, dann erschreckt das wohl die meisten Männer."

Sean meinte nur:

"Jetzt könnte ich noch einen Kaffee vertragen."

"Dann geht doch nochmal einen holen."

Als wir ein Stück weg waren, entschuldigte ich mich.

"Nein, schon gut. Ich war einfach …"

"Überrascht? Ja, das war ich auch."

"Nein, ich war eifersüchtig. Ich ertrage es nicht, wenn ich sehe, wie du jemand Anderen küsst. Ich weiß, das ist blöd und total ungerechtfertigt. Ich versteh es ja selbst nicht, aber so empfand ich es nun mal. Tut mir leid."

"Sean, ich weiß schon wieder nicht, was ich dir sagen soll."

"Empfindest du noch was für mich?"

"Ich glaube wirklich nicht, dass ich darauf antworten sollte."

"Du hast recht. Tut mir leid, dass ich gefragt habe."

"Schon okay, lass uns einfach Kaffee holen."

Wenn ich ihm nur sagen hätte können, ich hätte keine Gefühle mehr für ihn. Aber das wäre eine große fette Lüge gewesen.

Um Drei verabschiedeten wir uns, ich ging nach Hause, versorgte Gwen, räumte ein bisschen auf, telefonierte mit Josh und bastelte an dem Steakhouse-Jingle, bis Scott kam. Er ging um Elf wieder und ich schlief alleine. Ich träumte wieder von Sean auf der Bühne. Aber beim Aufwachen konnte ich mich wieder nicht richtig an den Song erinnern.

Am nächsten Tag gingen wir wieder in den Park. Gegen Eins kam Sean.

"Du bist wieder da."

"Ja und du auch."

"Wo ist Mandy?"

"Keine Ahnung, vielleicht kommt sie noch."

"Jordan, ich …"

"Was denn?"

"Ich hab von dir geträumt."

Ich musste grinsen.

"Ich hab auch von dir geträumt. War es ein schöner Traum?"

"Am Anfang, ja. Aber dann nicht mehr. Am Ende war es ganz schrecklich. Ich bin aufgewacht und hatte echt Tränen auf der Wange."

"Ach Sean … Worum ging es denn genau?"

Er bekam wieder diese roten Flecken im Gesicht.

"Oh mein Gott, war es etwa ein schmutziger Traum? Aber warum war das am Ende schrecklich?"

"Weil wir erwischt wurden. Am Ende bist du gestorben. Es war so seltsam, waaaah, ich will einfach gar nicht mehr daran denken. Bring mich auf andere Gedanken."

"Wollen wir zum Plattenladen gehen? Musik bringt einen immer auf andere Gedanken."

"Gut, dann seh ich mal, wo du wohnst."

Wir hängten uns die Taschen um und schoben los. Zehn Minuten später bogen wir in meine Straße.

"Da vorne rechts, das ist der Laden. Und schräg gegenüber ist das Haus in dem wir wohnen. Von der Straße aus sieht man es kaum, aber es sind vier Gebäude mit einem schönen Innenhof."

"Vielleicht können wir da nachher auch hin."

"Ja, klar."

Janet stand mitten in den Regalen. Ihre Haare waren durchzogen mit pinken Strähnen.

"Ah, Jordan! Rate wer jetzt offiziell anerkannte Piercerin ist?"

"Hast du den Wisch endlich bekommen?"

"Ja, er war heute in der Post. Ich hab das gleich mal mit einer neuen Haarfarbe gefeiert. Ich hab mein Zeug da, also wenn du willst mach ich deine Augenbraue gleich."

"Echt? Klar. Oh warte mal, erst mal die Vorstellung. Janet, das ist Sean."

"Ehm … Sean wie … der Sean?"

"Ja, ganz genau der."

Ihr blieb der Mund offen stehen.

"Oh mein Gott, ich glaub es nicht, dass ich dich mal kennenlerne. Das ist irgendwie, wie einen Romancharakter kennenlernen. Ich hab so viel von dir gehört, dass ich mir schon total das Bild von dir gemacht hatte."

"Ich hoffe die Realität enttäuscht dich nicht."

"Oh, ganz und gar nicht. Jordan hat nicht übertrieben."

"So, was ist jetzt mit meinem Piercing?"

"Ja klar, hol dir einen Stuhl, ich such mein Zeug zusammen."

Sie verschwand im Hinterzimmer.

"Du willst dir jetzt einfach so die Augenbraue durchlöchern lassen?"

"Ich hab nach de Klinik, wo ich alles Metall entfernen musste, nie mehr Geld dafür ausgeben wollen, aber jetzt ist es gratis, also: Klar."

"Und warum ist es gratis?"

"Weil sie eh noch üben muss."

"An dir? Du bist so irre!"

"Hey, ich glaub, so ein Piercing würde dir auch gut stehen. Und lockerere Klamotten, vielleicht ein kleines Tattoo."

"Du machst dich über mich lustig."

"Ja, aber du hättest dein Gesicht grade sehen sollen."

Ich hob einen Holzstuhl über den Tresen. Gwen war aufgewacht. Sean nahm sie sofort hoch.

"Sie sieht schon ziemlich aus wie Nikki."

"Ja, alleine die blonden Haare. Maddy kommt auch eher nach Patricia."

"Wenn man die Kleinen so sieht, würde man wahrscheinlich eher meinen, dass Maddy zu dir und Gwen zu mir gehört."

"Die Haarfarbe macht schon viel aus, ja."

Janet kam mit ihrem Koffer zurück.

"Also gut, setzt dich."

Sie hatte ihre professionelle Miene aufgesetzt. Das kannte ich schon vom Haare schneiden. Sie desinfizierte die Stelle und markierte sie mit einem Punkt.

"Da ist die alte Narbe. Okay so?"

"Ja."

Sean schaute besorgt drein.

"Ist das auch alles sterilisiert?"

"Natürlich. Willst du nicht da hinten warten? Du siehst aus als würde dir gleich schlecht werden."

"Ich studiere Medizin, ich glaub, ich kann das mit ansehen."

"Alles klar."

In einer Minute war alles geschehen. Sie gab mir einen Spiegel und etwas Eis.

"Hat das nicht total weh getan?"

"Es ging. Beim letzten Mal tat es um einiges mehr weh. Gut gemacht, Janet."

"Ich geb dir noch was zum desinfizieren mit."

Ich stand auf. Sean trat sofort herüber.

"Bleib doch noch sitzen, dir ist bestimmt schwindlig."

"Nein nein. Ich brauch jetzt Musik."

"Lass mich das mal sehen. Wieso macht man so was freiwillig?"

Er nahm mein Kinn wie ein Arzt und neigte meinen Kopf nach unten.

"Weil es gut aussieht. So und jetzt schwatze ich dir ein paar CDs auf."

Wir hatten so viel Spaß, hörten in ein paar CDs rein, fanden Songs, die wir zusammen gehört hatten, redeten über früher. Die Zeit verflog und die Kleinen wollten langsam essen.

"Kommt doch mit zu uns. Ich wette, du bist auch hungrig."

Wir ließen die Kinderwägen unten und stapften in den zweiten Stock. Ich sperrte die Tür auf und gab den Blick ins Wohnzimmer frei.

"Wow, hat Vince das gemalt?"

"Ja, ich hab hier damals schon mit ihm gewohnt. Zufällig hab ich letztes Jahr erfahren, dass die Wohnung wieder frei wird und sie gekauft."

"Gekauft? Krass. Du bist also mit der Musik reich geworden."

"Naja, ich muss mir zumindest erst mal keine Sorgen mehr um das Finanzielle machen. Warte, gib mir die Tasche. So und jetzt nimm mal kurz Gwen."

Er stand da in meinem Wohnzimmer, mit den Beiden auf dem Arm, das war wirklich ein Bild für die Götter. Am liebsten hätte ich ihn einfach in den Arm genommen. Ich breitete eine dicke Decke am Boden aus.

"So Gwen, Krabbel-Üb-Zeit."

Sean setzte Maddy daneben ab und ich legte noch ein paar Spielsachen hin.

"Willst du den Rest der Wohnung sehen?"

Sean bewunderte die Farbgestaltung in Joshs Zimmer. Der letzte Raum auf der Führung war mein Schlafzimmer, das ich schon fast auslassen wollte.

"Dein altes Bett."

Er setzte sich ans Fußende und wippte auf und ab. Oh Mann.

"Wir sollten hier raus gehen."

"Was denn? Wir werden es doch zusammen in einem Raum aushalten, in dem ein Bett steht."

"Nicht dieses Bett. Komm schon, Sean."

Er streckte mir die Hand entgegen, als solle ich ihm aufhelfen. Ich nahm sie, wusste aber sofort, dass das ein Fehler war. Ich zog ihn hoch und plötzlich standen wir dicht aneinander. Sein Gesicht war so nah, ich musste es einfach anfassen. Vorsichtig streichelte ich ihm über die frisch rasierte Wange. In seinen Augen sah ich eine Mischung aus Traurigkeit, Angst, aber auch Verlangen.

"Jordan, ich wünschte die Dinge lägen anders."

Ich trat einen Schritt zurück.

"Lass uns was zu essen machen."

"Warte. Komm her."

Er trat auf mich zu und nahm mich in den Arm. Mir wurde schwindlig. Unsere Wangen berührten sich, dann unsere Füße. Er hielt mich so fest, dass es schon fast weh tat. Seine Finger fuhren durch meine Haare. Unsere Hosenknöpfe klackerten aneinander. Es schien, als hätte er nicht vor, mich so bald wieder loszulassen. Meine Hände fuhren über seinen Rücken. Ich spürte seine Lippen auf meinem Nacken. Er ließ etwas lockerer und schaute mich an. Wir legten die Stirn aneinander.

"Sean …"

Er hielt mir einen Finger an die Lippen. Seine andere Hand hielt meine Taille umschlungen. Wir standen eine Weile so da und bewegten uns langsam um die eigene Achse, so als würden wir tanzen. Es sah aus, also würde er eine Entscheidung treffen und dann ließ er seine Hand sinken. Stattdessen spürte ich seine Lippen auf meinen. Der Raum verschwand noch bevor ich die Augen schloss. Mein Mund öffnete sich wie von selbst, wir küssten uns endlich wieder. Sean entspannte sich in meinen Armen. Ich fühlte mich so … ganz. Ich hatte Sean wieder bei mir. Ich küsste seine Wangen, seine Stirn, seinen Hals und Nacken. Er schmeckte so vertraut. Nach einer Weile schob er mich vorsichtig ein Stück weg.

"Wir müssen den Mädchen was zu essen machen. Komm."

Er nahm meine Hand und ging langsam Richtung Treppe. Ich war noch ganz benommen. In der Küche setzte er Wasser auf.

"Wo bewahrst du die Baby-Gläser auf?"

"Hier."

Ich gab ihm zwei Gläser die er ins Wasserbad stellte.

"Jordan, komm her, du bist ja total durch den Wind."

Das war ich wirklich. Wie konnte er mit nur einem Kuss wieder so viele Gefühle bei mir auslösen? Er nahm mich in den Arm. Das fühlte sich an wie Heimkommen.

"Was machst du bloß mit mir, Sean?"

Er lachte auf, aber als er mich wieder anschaute, hatte er feuchte Augen.

"Das fragst du mich? Ein Blick von dir und ich kann an nichts anderes mehr denken, als bei dir zu sein. Ich muss mit dir zusammen sein, Jordan, es geht nicht anders."

Sean war anscheinend selbst erschrocken davon, was er da sagte. Er wendete sich ab und rührte die Babynahrung um. Ich schmiegte mich an ihn.

"Wir müssen heute nichts entscheiden. Lass uns einfach zusammen sein, ja?"

Er nickte und rührte weiter.

Wir fütterten die Kleinen, ich wickelte Gwen und sie schlief dabei ein, also legte ich sie oben in ihre Wiege. Auch Maddy wurde gewickelt und krabbelte danach noch eine Weile herum, bis auch sie quengelig wurde. Sean legte sie zu Gwen ans andere Ende der Wiege.

"Bist du immer noch hungrig? Ich kann uns etwas machen.", fragte ich.

"Du? Ist das nicht mein Job?"

"Glaubst du, ich hab in den letzten fünf Jahren nichts dazu gelernt? Risotto?"

"Gerne."

"Du darfst Pilze putzen und den Tisch decken."

"Verdrehte Welt."

Ich machte Musik an und Sean summte schief mit.

"Tja, ich hab kochen gelernt, aber du kannst immer noch nicht singen."

"Pah, ob du echt kochen kannst, wird sich erst noch rausstellen. Nur für den Fall: Wo ist denn der Feuerlöscher?"

"Na warte, komm her!"

Wir waren so ausgelassen, küssten uns immer wieder, es war wie früher. Eine halbe Stunde später konnten wir essen.

"Verdammt, das ist gut. Tja, jetzt kann ich wohl überhaupt nicht mehr bei dir punkten."

"Deine Blowjobs sind die besten von allen."

Er verschluckte sich, ich bekam einen Lachanfall.

"Ernsthaft? Ich meine, du hast sicher einige andere bekommen, von viel … erfahreneren Leuten."

"Klar, viele."

"Angeber."

"Aber du hast das, was man nicht üben kann. Du reagierst auf mich, so als wüsstest du, was ich fühle."

"Okay … danke."

"Ich danke. Also … wie lang schläft Maddy nachmittags immer so?"

"Unterschiedlich, aber mit so viel Action wie heute bestimmt eineinhalb Stunden und länger."

"Dann hätten wir noch Zeit für ein Bad, wie früher … wenn du willst."

"Gute Idee."

Er hatte mit der Antwort nicht eine Sekunde gezögert. Während ich abräumte, ließ er schon mal Wasser ein. Ich schaute nochmal nach den Mädchen, die friedlich schliefen und ging zu ihm.

"Geht's dir gut?"

"Ja. Sehr gut. Hast du neue Tattoos?"

"Nein, alles beim alten."

"Lass mal sehen."

Ich zog mein Shirt über den Kopf.

"Dein Körper hat sich verändert. Ich muss mir das genauer anschauen."

Er kam rüber und fasste meine Sonne an der Schulter an, dann die am Bauchnabel. Seine Hände erforschten meine Brust, den Bauch und den Rücken. Er machte meine Hose auf und ließ sie nach unten rutschen. Ich stieg heraus.

"Dreh dich um, ich will die dritte Sonne sehen."

Er zog meine Unterhose aus und betrachtete das Tattoo auf meinem Hintern.

"Du bist immer noch wunderschön."

Er küsste meinen Nacken und stand dabei so dicht hinter mir, dass ich ihn bis runter zu den Knien überall spüren konnte. Ich drehte mich um und knöpfte sein Hemd auf. Sein schlanker Oberkörper kam zum Vorschein, noch genauso perfekt wie damals. Die Wanne war fast voll, also zog ich ihm auch gleich die Hose aus. Wir standen nackt voreinander.

"Du siehst aus wie damals. Ich liebe deinen Körper."

"Lass uns rein steigen."

Das heiße Wasser machte mir eine Gänsehaut. Wir alberten mit dem Schaum herum, küssten uns, hielten uns. Ich legte mich zu Sean, seine Beine links und rechts neben mir. Er legte seinen Arm um mich. Wir waren uns so nah, am liebsten hätte ich den Moment für immer festgehalten. Nach einer Weile trockneten wir uns ab und schauten wieder nach den Kleinen, die langsam munter wurden.

"Maddy und ich sollten langsam los."

"Ja, ich weiß."

"Wir sehen uns morgen um Zwei in der Gruppe und danach können wir wieder in den Park gehen und dann kochen, so wie heute."

"Danke für den tollen Tag."

Er küsste mich und fing an, seine Sachen zusammenzupacken. Kaum war er mit Maddy verschwunden, klingelte mein Handy. Scott.

"Ich dachte, ich könnte vielleicht vorbei kommen."

"Ich fühl mich nicht so gut, besser nicht."

"Oh, bist du krank? Ich kann mich ein bisschen um Gwen kümmern, damit du deine Ruhe hast."

"Das ist nett, aber wir kommen schon zurecht."

"Warum bist du so abweisend? Stimmt was nicht?"

"Nein, heute hab ich einfach keine Zeit."

"Du hast gesagt, du fühlst dich nicht gut."

"Das auch, ja."

"Du kommst mir komisch vor. Vince hat gesagt, falls du mir mal komisch vorkommst, soll ich zu dir fahren und herausfinden, was los ist."

"Oh bitte, jetzt mach mal nicht aus einer Mücke einen Elefanten. Denkst du echt dass ich wieder was nehmen würde?"

"Ich bin in einer viertel Stunde da."

"Nein, Scott!"

Klick.

"Gott, verdammt!"

Eine viertel Stunde später stand er da, als ich gerade für Gwen eine Banane zermanschte.

"Du hättest nicht kommen brauchen. Alles ist okay."

"Warum sollte ich dann nicht vorbei kommen?"

"Bitte lass es einfach gut sein."

"Du würdest mich nicht anlügen, deshalb sagst du gar nichts, stimmt's?

Erwartest du jemand Anderen?"

"Nein."

"Willst du nicht mit mir zusammen sein?"

"Das kann ich nicht so einfach beantworten. Eigentlich schon, …"

"Aber? Bist du in jemand Anderen verschossen?"

"Tut mir leid."

"Wer ist es diesmal? Oh, Mann, doch nicht etwa Sean? Es ist Sean, oder? Dein Blick sagt ja wohl alles! Jordan, worauf lässt du dich da ein?"

"Ich kann es nicht ändern."

"Er ist verheiratet und hat ein Kind! Willst du ihm das wirklich kaputt machen?"

"Ich mache nichts kaputt, er ist nicht glücklich! Die Initiative ging nicht von mir aus!"

Gwen weinte. Er nahm sie ganz selbstverständlich hoch und wippte sie auf und ab.

"Wann ist das passiert?"

"Heute. Er ist erst vor einer halben Stunde gegangen."

"Bist du okay?"

"Nein, überhaupt nicht."

"Dann ist es gut, dass ich gekommen bin. Wie kann ich dir helfen?"

"Dreh die Zeit zurück und verhindere, dass er heiratet."

"Was hat er denn gesagt?"

"Dass er mit mir zusammen sein will und dass er wünschte, die Dinge lägen anders."

"Und du willst das auch?"

"Natürlich. Es ist Sean."

"Du darfst dich nicht blind in etwas stürzen. Denk nach, welche Optionen du hast, sonst stehst du am Ende allein vor einem Scherbenhaufen. Und lass dir mit jeder Entscheidung Zeit. Ich gehe Gwen wickeln und du machst was Entspannendes. Spiel Gitarre oder so."

Er blieb bei uns bis Gwen wieder schlief. Dann ging er und ich legte mich schlafen.

Mitten in der Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Im Traum hatte ich Sean gerade dabei beobachtet, wie er sich auf der Bühne den Goldenen Schuss setzte. Sein verzerrtes Gesicht verfolgte mich bis die Sonne aufging und verhinderte, dass ich nochmal ein Auge zu machte. Der Vormittag war die Hölle. Gwen schrie die ganze Zeit ohne Grund, ich war hundemüde und dann war da noch das blöde Jingle, das ich schreiben musste. Um halb Zwei packte ich zusammen und ging zur Krabbelgruppe. Sean saß schon drin und sah aus, als hätte er ebenfalls nicht viel geschlafen.

"Hey." sagte er matt.

"Hallo. Du siehst müde aus."

"Ich hab schlecht geträumt."

"Tut mir leid."

"Hey ihr Zwei! Kommt ihr heute wieder mit in den Park?", fragte Mandy.

"Natürlich."

In der Stunde unterhielt ich mich hauptsächlich mit Mandy und schaute Gwen zu. Um Drei machten wir uns auf den Weg zu unserer Stamm-Bank.

"Was ist denn mit euch Beiden los?"

"Was meinst du?"

"Ihr seht aus, als hättet ihr die Nacht durchgefeiert."

"Maddy war quengelig"

"Und ich hab an dem Steakhouse-Jingle gefeilt."

"Wie läuft es mit Scott?"

Sean schaute betont weg.

"Ich weiß nicht, ich glaube ich will ihn lieber nur als Agenten und guten Freund. Alles andere ist zu verzwickt."

"Hattest du schon immer dieses Augenbrauen-Piercing?"

"Nein, erst seit gestern."

"Tut das weh?"

"Nicht sehr. Ich lasse mir heute noch das Ohr piercen."

"Ernsthaft? Kann ich zuschauen?"

"Klar. Ich geh nachher hin, wenn Gwen eingeschlafen ist.”

"Kommst du auch mit, Sean?”

"Ja. Ich war gestern auch schon dabei. War eine blutige Angelegenheit.”

"Ich überleg mir, ob ich mir die Zunge auch noch piercen lassen soll."

"Ist das nicht teuer?"

"Eine Freundin von mir ist Piercerin, sie macht's umsonst, ich brauche nur den Stecker und den hab ich noch von früher."

"Ich hatte ein Bauchnabelpiercing, aber während der Schwangerschaft musste ich es raus nehmen"

"Schau dir Janet mal an, dann kannst du dir ja überlegen, ob du wieder eines willst. Dann können wir eigentlich auch gleich los, wenn Gwen weint, könnt ihr sie ja kurz vertrösten."

"Wow, das ist eine tolle Gegend. Da ist man ja gleich am Strand. Und die ganzen Läden hier. Und da wohnst du?"

"Ja und hier im Plattenladen hab ich lange gearbeitet."

Kim war da.

"Ah, du willst wohl Schmerzen erleiden, hm? Janet hat mir den Bauchnabel gepierct, jetzt kann ich mich nicht mehr bücken. Sie ist gerade hinten, eine Lieferung entgegennehmen."

"Ich schau mal hinter, ob ich was tragen kann."

Janet schleppte gerade eine Kiste zur Hintertür herein.

"Oh, hey, da bist du ja schon. Von denen stehen noch drei draußen, kannst du mal schauen?"

"Klar. Ich hab übrigens Mandy aus der Krabbel-Gruppe dabei und Sean. Also kein Wort darüber, dass Sean und ich uns kennen, ja?"

"Warum ist das ein Geheimnis?"

"Keine Ahnung, es ist eben eins.”

"Na gut, wie ihr meint.”

Ich ging die restlichen Kisten holen und fand Janet bereits mit Mandy über das Bauchnabelpiercing redend vor.

"Hey, ich bin aber zuerst dran.”

"Klar, du wirst noch mein bester Kunde, dich muss ich mir warm halten."

"Bitte zerlöchere Jordan nicht komplett, ja?"

"Noch das Zungenpiercing und dann muss er einen Monat pausieren, das hab ich ihm schon gesagt. Mit dem Piercing kann man eh eine Woche kaum essen oder knutschen. Aber danach … boah. Habt ihr schon mal jemanden mit Zungenpiercing geküsst?"

Beide nickten.

"Dann wisst ihr ja, wovon ich rede. Ich hab schon gesagt, wenn er das Zungenpiercing umsonst haben will, muss er es mir mit einem Kuss danken. Ich bin schon sehr gespannt, wie Jordan küsst. Aber jetzt erst mal zum Ohr. Hol dir mal den Stuhl, ich hol meinen Koffer."

Das durchstanzen des Knorpels tat besonders weh, das kannte ich schon. Als ich trotz Janets Warnung aufstehen wollte, wurde mir kurz schwindelig. Sean stand schon neben mir und ich stützte mich auf seine Schulter.

"Danke."

"Weil du auch so stur bist! Dann bleib doch noch eine paar Minuten sitzen.”

"Kann mal jemand U2 rein tun? Es geht schon wieder.”

"Vergiss es, du setzt dich jetzt nochmal hin. So."

Nach einem Song durfte ich dann endlich aufstehen.

"Na, wie steht's jetzt mit dem Zungenpiercing?"

"Ich brauch meine Zunge diese Woche noch.”

"Verstehe."

"Ich dachte mit Scott läuft nichts mehr?", fragte Mandy.

"Das stimmt.”

Ich zuckte geheimnisvoll mit der Augenbraue.

"Ich komme am Wochenende wegen dem Bauchnabelpiercing vorbei."

"Alles klar."

"Dann mach ich mich mal auf den Weg zu meinem Auto. Kommst du mit, Sean? Ich parke neben dir."

"Ich glaub, ich schau mich noch ein bisschen hier im Laden um.”

"Gut, dann sehen wir uns spätestens am Montag."

Als sie weg war und Janet im Hinterzimmer, kam Sean zu mir rüber.

"Jordan, ich hab heute Nacht kein Auge zugemacht. Was machen wir bloß?”

"Den Tag genießen.”

Er küsste mich, so wie ich es mir schon den ganzen Tag gewünscht hatte. Die Glocke an der Eingangstür klingelte und wir lösten uns voneinander. Da stand Mandy.


Sean

Ich wusste, dass diese Geheimniskrämerei nicht lange gut gehen würde, aber dass wir schon am Donnerstag von Mandy erwischt wurden, war echt blöd. Ich war unvorsichtig gewesen.

Ich musste schnell reagieren und Jordan da raushalten, denn er hatte nichts falsch gemacht.


Jordan

Sean blieb erstaunlich gelassen.

"Tut mir leid, dass wir dich da jetzt mit reinziehen."

"Aber Sean, was ist mit Patricia? Denk doch an Maddy!”

"Lass uns einen Kaffee trinken gehen. Ich komm nachher wieder, okay Jordan? Kann ich Maddy solange hier lassen?"

Ich war noch total baff, brachte aber ein "Okay …" heraus.

Sean

Mandy funkelte mich böse an.

"Komm, setzen wir uns in das Café da drüben."

Sie ging mit und wir setzten uns ans Fenster, der Kellner kam auch gleich. Ich bestellte etwas, Mandy wollte nichts.

"Erzählst du mir jetzt gleich, dass er dich überraschend geküsst hat und du das gar nicht wolltest?"

"Nein. Ich hab ihn geküsst und ich wollte es auch, mehr als sonst irgendwas."

"Was denkst du dir dabei? Warum riskierst du für so was deine Familie?"

"Weil er mich glücklich macht. Ich liebe ihn."

"Red keinen Schwachsinn, ihr habt euch gerade erst kennengelernt."

"Mandy, ich kenne Jordan schon lange, schon seit der High School. Wir haben uns in der Krabbelgruppe zufällig wiedergetroffen. Zwischen uns war viel vorgefallen, wir hatten uns aus den Augen verloren. Und plötzlich saß er da, mit seiner Tochter. Es ist alles so kompliziert und es tut mir leid, dass du so davon erfahren musstest. Ich weiß, du magst Patricia. Ich will sie damit nicht verletzten, ich will sie auch nicht anlügen. Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht, was ich machen soll."

"Verdammt, das ist doch offensichtlich! Du musst das beenden, bevor es zu spät ist."

"Ich kann nicht. Ich hab ihn gerade erst wiedergefunden."

"Sean, denk nach! Du wirst Patricia verlieren und was wird dann aus Maddy? Ihr studiert Beide! Keiner von euch kann sich alleine um sie kümmern. Wie wollt ihr das machen? Du musst zuerst an deine Tochter denken."

"Aber ich kann ihn nicht wieder verlieren."

"Wie stellst du dir das vor? Denk doch mal eine bisschen voraus! Wenn du auf Männer stehst, hättest du nicht heiraten und ein Kind in die Welt setzen sollen."

"Ich weiß. Aber ich liebe meine Tochter, ich muss einen Weg finden … aber nicht heute. Ich will einfach nicht mehr nachdenken, ich will einfach nur bei Jordan sein. Es tut mir leid, dass du da jetzt mit drin hängst."

"Ich werde Patricia nicht anlügen."

"Das musst du auch gar nicht. Sie wird nicht mehr zur Gruppe kommen."

"Klar, so kannst du Maddy als Vorwand nehmen, um noch mehr Zeit mit Jordan zu verbringen. Sean, du machst einen Fehler. Bitte, denk nach. Wie wird es weitergehen? Was wenn Patricia davon erfährt?"

"Dann wird sie die Trennung wollen. Und dann wird meine Familie davon erfahren und mein Studium nicht mehr unterstützen. Ich werde alles verlieren. Aber du verstehst nicht, wer Jordan für mich ist. Ich gehe jetzt, ich wollte es dir nur erklären."

"Ich hoffe du kommst wieder zur Vernunft bevor es zu spät ist."

Ich stand auf, legte Geld auf den Tisch und ging wortlos. Meine Hände zitterten. Ich konnte die schlimmen Gedanken in meinem Kopf nicht ausblenden. Patricia, die so enttäuscht von mir sein wird. Mein Vater, der mich für tot erklären wird, unsere Freunde, die natürlich auf Patricias Seite stehen werden und der Brief von der Uni, in dem mir mitgeteilt wird, dass ich leider nicht mehr weiter studieren kann, da ich die Gebühren nicht aufwenden konnte. Dazwischen immer wieder das Bild von meiner weinenden Tochter. Wie sollte ich ihr später erklären, dass ich nur mit ihrer Mutter zusammen war, um die Unterstützung meines Vaters nicht zu verlieren? Ich war selbst total erschrocken von diesem Gedanken. Ich hatte mir immer eingeredet, Patricia wirklich zu lieben. Ich wusste selbst nicht mehr, was ich wollte oder konnte, als ich zurück in den Laden kam.


Jordan

Während ich wartete und immer wieder nach Gwen und Maddy schaute, die schliefen, fing ich an Regale zu sortieren. Die Klingel über der Tür schellte. Ich hatte mit Sean gerechnet, aber da stand Vince mit einer riesigen Reisetasche. Ich musste wohl träumen.

"Was machst du denn hier?"

"Das ist ja eine nette Begrüßung."

"Ich freu mich, dich zu sehen."

Ich nahm ihm die Tasche von der Schulter, stellte sie auf den Boden und umarmte ihn.

"Warum hast du nicht Bescheid gesagt, dass du kommst?"

"Ich hab mich spontan dazu entschlossen. Scott hat mich gestern Nacht angerufen und mir von Sean erzählt."

Ich ließ ihn los.

"Was soll das werden? Die Verschwörung der Ex-Freunde oder was? Und was hast du jetzt vor?"

"Ich helfe dir dabei, die Sache zu beenden."

"Ich habe nicht vor, das zu beenden."

"Jordan, das ist wie mit den Drogen. Momentan fühlst du dich gut, aber bald wird es dir mies gehen. Du läufst Gefahr, daran zu zerbrechen und Sean auch. Er wird alles verlieren."

"Mich nicht."

"Was ist mit seinem Kind? Jordan, lass uns in die Wohnung gehen und darüber reden."

"Ich warte hier auf Sean."

"Oh. Dann ist das in dem zweiten Kinderwagen seine Kleine? Wie das Leben spielt, hm? Ich warte schon seit über zwei Jahren darauf und ihr …"

"Es wird bald klappen, Vince. Ganz bestimmt."

"Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Die Agenturen sagen, sie vermitteln gleichberechtigt an gleichgeschlechtliche Paare, aber alle Heteropaare, die wir über solche Agenturen kennengelernt haben, haben mittlerweile ein Baby. Mittlerweile haben wir Kontakt zu einer Agentur, die Babys aus Nord-Afrika vermittelt. Vielleicht haben wir da bessere Chancen, wegen meiner Familie. Darf ich Gwen hochnehmen?"

"Klar. Sie muss bald gewickelt werden, falls du schon mal üben willst."

"Netter Versuch."

Die Türklingel schellte wieder. Diesmal war es Sean. Er sah blass aus. Ich ging rüber und legte ihm den Arm um die Taille.

"Wie ist es gelaufen?"

"Sie versteht es nicht, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Vince! Was machst du denn hier?"

"Ich hab von euch Beiden erfahren und bin hergeflogen.", erklärte er, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.

"Entschuldige mal, aber was geht dich das denn an?"

"Mir liegt was an Jordan, also will ich verhindern, dass ihm wehgetan wird und das wird passieren, wenn er sich auf einen Familienvater einlässt."

Janet kam wieder aus dem Hinterzimmer.

"Häh? Wo kommst du denn jetzt her, Vince? Wow, schicke Frisur, so kurz im Vergleich zu früher."

"Hab ich schon seit zwei Jahren, aber Danke."

"Was führt dich in die Stadt?"

"Ehrlich gesagt, die Beiden hier."

"Ehm, hab ich was verpasst?"

"Ich weiß nicht. Hast du mitbekommen, dass Jordan was mit seinem, mittlerweile mit einer Frau verheirateten, Ex-Freund angefangen hat?"

"Ihr habt wieder was miteinander? Und du bist verheiratet? … Und das direkt vor meiner Nase. Ich hab wohl den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen."

"Mein Gott, jetzt fang du nicht auch noch an. Ihr seid meine besten Freunde! Ihr solltet euch für mich freuen!"

Sean hielt meine Hand, er klammerte sich an meinen Arm, er zitterte. Vince sah uns ernst an.

"Ich weiß, ihr liebt euch. Ich weiß, ihr gehört zusammen, das wusste ich auch schon, als wir zusammen waren, Jordan. Aber euer Timing ist so mies! Schaut eure Babys an, sie brauchen euch. Wenn ihr das jetzt durchzieht, dann wird folgendes passieren:

Erst werdet ihr euch heimlich treffen, was eure Nerven aufreiben wir, ihr werdet euch streiten, Jordan, du wirst es nicht lange aushalten, dass ihr euch nicht öffentlich zeigen könnt. Irgendwann und das ist nur eine Frage der Zeit, werdet ihr unvorsichtig sein oder es einfach nicht mehr aushalten, also wird deine Frau davon erfahren. Sie wird denken, sie sei die ganze Zeit nur dein Alibi gewesen und nicht nur traurig sondern vor allem wütend sein. Wenn ihr euch trennt, worauf sie vermutlich bestehen wird, dann werden deine Eltern den Grund erfahren. Glaubst du, sie werden dir dann noch einen Cent für die Ausbildung bezahlen? Sie werden ihre Enkelin unterstützen, die bei deiner Frau aufwachsen wird. Du wirst dir keine Wohnung leisten können, sondern bei Jordan einziehen, aber deine Frau wird darauf bestehen, dass die Kleine nicht bei euch in der Wohnung ist. Sie kann sogar vor Gericht gehen und Jordans ganze Geschichte gegen ihn verwenden. Dass ihr dann auch noch ein schwules Paar seid, wird nicht gerade hilfreich sein. Besuchsrecht an jedem zweiten Wochenende. Mehr Zeit wirst du eh nicht haben, denn du musst die ganze Woche in einem stinkenden Laden Burger braten, um irgendwie die Studiengebühren aufzutreiben, was natürlich nicht annähernd reichen wird, also wird Jordan etwas beisteuern müssen und bald wird auch sein Geld knapp werden, er kann aber nicht arbeiten gehen, weil er sich um Gwen kümmern muss. Und so weiter, es wird hässlich werden, das steht fest."

Keiner sagte etwas. Aber ich wusste, dass Vince nicht übertrieb. Sean hing an meinem Arm wie ein Kind. Seine Stimme zitterte.

"Was soll ich denn machen?"

"Geh nach Hause."

Er ließ meinen Arm los.

"Sean, was machst du?"

"Vince hat recht, ich sollte gehen. Ich muss erst auf eigenen Beinen stehen. Ich bin vom Geld meines Vaters abhängig und das weiß er auch. Ich muss jetzt gehen, es ist zu früh, Jordan …"

"Das ist doch nicht dein Ernst! Du kannst doch nicht einfach gehen und erwarten, dass ich auf dich warte."

"Nein, ich erwarte es nicht, ich hoffe es nur. Ich muss jetzt gehen."

Er nahm den Kinderwagen und ging zur Tür.

"Einfach so gibst du auf?"

"Jordan, bitte, versteh mich."

Ich wollte hinter ihm her, aber Vince hielt meine Hand fest.

"Mach es ihm nicht noch schwerer."

Gwen fing an zu weinen, Sean war schon außer Sichtweite. Ich nahm sie hoch.

"Sie braucht eine frische Windel."

"Lass uns hoch gehen."


Sean

Ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Jordan konnte es nicht verstehen, es brach mir das Herz. Kaum hatte ich Maddy ins Auto gepackt und mich auf den Fahrersitz gesetzt, fing ich an zu weinen. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis ich losfahren konnte. Patricia war, als ich heim kam, so mit lernen beschäftigt, dass sie davon nichts mitbekam.


Jordan

"Ich glaub's nicht! Die Wände sind noch so wie ich sie gestrichen habe! Hier riecht es sogar noch so wie damals. Bis auf diese neue Note die von Gwen ausgeht. Wo ist das Wickelzeug? Dann mach ich das."

"Kriegst du das hin?"

"Ich hab 10 Neffen und Nichten, glaubst du, ich hab noch nie eine Windel gewechselt?"

Er ging mit Gwen zum Wickeltisch, ich setzte mich auf die Couch. Sean war wieder weg, nach gerade mal vier Tagen. Wie lange würde sein Studium wohl noch dauern? Zwei Jahre? Drei Jahre? Und dann? Wann steht er denn wirklich auf eigenen Beinen? Wenn er einen Job als Assistenzarzt hat? Oder erst wenn er sich einen schicken Wagen leisten kann? Sollte ich jetzt jahrelang das Heimchen am Herd spielen, bis er anruft und mir mitteilt, dass er jetzt bereit ist? Warum hatte er nur so schnell aufgegeben? Wir hätten das schon irgendwie hinbekommen, wenn er nur wirklich gewollt hätte. Aber er kuschte ja ständig vor seinem Vater, das war nichts Neues. Nachdem ich anfangs einfach nur total überrumpelt von allem gewesen war, machte sich jetzt Wut in mir breit, die aber bald der Traurigkeit Platz machte. Vince kam und setzte die Kleine auf ihre Decke, dann setzte er sich zu mir und tröstete mich. Nach einer Weile fingen wir an, über unsere Zeit in dieser Wohnung zu reden, ich zeigte ihm das umgebaute Atelier und Joshs farbenfrohes Zimmer. Er war begeistert und wollte unbedingt am nächsten Morgen etwas für Gwen malen. Wir redeten auch über Summer und beschlossen kurzer Hand, sie anzurufen. Nachdem wir fast eine Stunde telefoniert hatten und uns vor lachen schon die Tränen in den Augen standen, beschloss Summer, im Herbst mal zu Besuch zu kommen, um Gwen und Josh kennenzulernen und bei Janet ein Gratis-Piercing abzustauben, was Nick nicht so gefiel. Vince und ich saßen noch ewig auf der Couch und redeten darüber, wie es wohl gewesen wäre, wenn er nicht nach New York gegangen wäre und meine Theorie war, dass er dann mittlerweile in einem Haus mit weißem Gartenzaun neben Will & Todd wohnen würde und fünf Hunde hätte.

"Wie geht es den Beiden eigentlich?"

"Ich hab nicht mehr so wirklich viel Kontakt zu ihnen, aber es gibt glaub ich nichts spannendes Neues. Sie haben ein paar Hunde, mehr weiß ich nicht."

"Kein Baby?"

"Das haben sie aufgegeben. Todd ist mittlerweile über 45."

"Schade, ich glaub er wäre eine gute Mutter geworden."

"Haha. Hey, aber wenn du willst, könnten wir sie morgen mit Gwen besuchen."

"Klar, das wird bestimmt interessant."

Vince schlief in Joshs Zimmer. Seltsamerweise träumte ich diesmal von einem strahlenden Sean im Arzt-Kittel.

Am nächsten Morgen rief Vince bei Todd und Will an und wir verabredeten uns für den späten Nachmittag. Bald waren wir wieder in dem parallelen Universum mit den Klon-Häusern. Als wir klingelten, bellte drinnen eine Zwergen-Hundemeute. Todd begrüßte uns freudig, Will käme auch jeden Moment nach Hause, er arbeite zu viel. Hatte ich ein Déjà vu? Es gab sogar wieder Jambalaya. Will kam dann auch bald in einem neuen Sportwagen angekurvt. Die Beiden spielten mit Gwen und redeten in Baby-Sprache, während sie zwischendrin mit Vince und mir plauderten. Es war irgendwie ein skurriles Bild. Wir mussten uns bald nach dem Essen schon wieder verabschieden, da wir uns noch für Scotts Party fertig machen mussten. Janet würde mal wieder auf Gwen aufpassen. Ich war schon gespannt darauf, die Jungs wiederzusehen.

Um halb Neun standen Vince und ich vor der Tür, man hörte schon Gelächter und ein Fremder machte uns auf. Bestimmt 20 Leute standen in der Wohnung, mit Cocktails in den Händen, die Möbel waren verschwunden, es gab eine Bar. Wir scannten den Raum, fanden aber niemanden, den wir kannten.

"Hey. Ich bin Lydia. Scott ist gerade in der Küche. Und wer seid ihr?"

"Vince, ich …"

"Bist du Collin's Vince?"

"Ja, genau.”

"Wirklich? Wie geht's ihm? Ich bin Jenna's Mum. Wir hatten damals ein paar Kurse zusammen. Oh, Sorry, wer bist du nochmal?"

"Jordan, ich war früher bei Summerskin."

"Ach und ihr Beide kennt euch?"

"Klar, auf Vinces Hochzeit habe ich Scott damals kennengelernt."

"Ach, klar, so war das ja."

Ich wollte echt nicht mehr mit ihr reden, in solchen Situationen verplapperte ich mich immer, deshalb hasste ich es ja so, etwas verheimlichen zu müssen.

"Naja, ich schau dann mal, ob ich dem Geburtstagskind in der Küche was helfen kann." meinte ich um wegzukommen.

"Wir haben einen Cateringservice. Sieh lieber zu, dass du Scott aus der Küche bringst, bevor er die Profis so nervt, dass sie alles stehen und liegen lassen."

"Mann, er ist so ein Kontrollfreak."

"Ganz genau. Du kennst ihn wohl näher, hm?"

"Was? Nein, ich … wir haben lange zusammen gearbeitet. Also, ich schau mal."

Ich hasse es.

Scott kontrollierte in der Küche gerade, ob die Häppchen auch gleichmäßig auf dem Tablett verteilt waren.

"Scott, was machst du denn hier drinnen? Du solltest dich da draußen feiern lassen."

Die drei Leute vom Catering schauten mich dankbar an.

"Gleich, ich will nur noch …"

"Erst mal alles Liebe."

Ich umarmte ihn, verzichtete aber darauf, seine Wange zu küssen.

"Dank dir."

"So und jetzt lass uns raus gehen. Vince ist auch da, aber das weißt du ja vermutlich schon."

"Ja. Alles okay mit …"

"Ansichtssache. Vince hat seinen Auftrag jedenfalls erfüllt. Und jetzt holen wir uns Cocktails, komm schon."

Bald wurden dann auch die Häppchen gereicht und die Kellnerin dankte mir nochmal unauffällig. Der Raum füllte sich immer mehr und Scott stellte mir ein paar Leute aus der Werbebrache, einen Fotografen und einen Clubbesitzer vor. Alle gaben mir nach einem kurzen Gespräch ihre Karte. Gegen Elf war die Party auf ihrem Höhepunkt und Summerskin kamen nach ihrem Gig hinzu. Sofort waren sie der Mittelpunkt. Jeder wollte mal hallo sagen, seine Karte hergeben, Werbeverträge anpreisen. Scott kam rüber.

"Alles okay? Vermisst du das Ganze sehr?”

"Manchmal. Aber momentan bin ich froh, dass ich hier in Ruhe meinen Drink genießen und mit dir reden kann. Es tut mir leid, wie alles gelaufen ist."

"Ja, mir auch."

"Sind wir noch Geschäftspartner?"

"Natürlich."

"Und Freunde?"

"Immer."

"Aber du weißt, dass wir nicht mehr sein können?"

"Natürlich weiß ich das. Ich bin doch kein Masochist. Ich will nicht auf ewig die zweite Geige spielen."

Brian hatte sich scheinbar losreißen können und kam rüber. Er hatte sich ganz schön verändert. Seine Klamotten, seine Frisur, alles war so ... stilvoll. Früher war er immer in Sportkleidung rumgelaufen.

"Jordan! Schön dich zu sehen."

Sein ganzes Auftreten wirkte sehr Smalltalk-erprobt.

"Du siehst gut aus."

Flirtete er mit mir?

"Dankeschön, du auch."

"Wie geht es deiner Kleinen? Du musst sie uns mal zeigen."

"Klar, wenn es sich ergibt. Sie wächst und gedeiht. Jetzt ist sie bald ein halbes Jahr alt. Und dein Neffe?"

"Ein Jahr. Er hat mittlerweile eine kleine Schwester bekommen. Kev und Becca sind ganz stolz."

"Wahnsinn. Ich muss mich mal bei ihnen melden."

"Klar, da freuen sie sich bestimmt. So, ich muss noch mit ein paar Leuten reden, ich hoffe, du bist noch eine Weile da?"

"Klar, Janet passt auf Gwen auf, vermutlich schläft sie eh schon seit einer Stunde auf der Couch."

Später kamen auch Tobey, Mickey und der Gitarrist, der Kev ersetzt hatte, Tom, rüber, um Neuigkeiten auszutauschen und mich einzuladen, mal wieder für ein paar Songs zu ihnen zu stoßen. Greg vermied es, in meine Nähe zu kommen und er unterhielt sich auch nicht mit den anderen Jungs. Ich beschloss, Scott bei Gelegenheit mal danach zu fragen. Als Vince und ich uns kurz nach Mitternacht auf den Heimweg machten, verabschiedete ich mich noch von Brian.

"Melde dich bei Kev, ja? Und schau mal bei einem Gig vorbei, wir wären gern mal wieder mit dir auf der Bühne. Ruf mich einfach mal an. Ich geb dir meine neue Handynummer."

Er schrieb sie mir auf die Rückseite seiner Visitenkarte und verabschiedete sich mit einer Umarmung. Das fand ich sehr interessant. Vince grinste mich im Treppenhaus an.

"Ich wusste gar nicht, dass er schwul ist."

"Wir hatten mal was miteinander, im Sommer 99. Aber er hat immer betont, dass das nur die Drogen waren. Tja."

"Rufst du ihn an?"

"Ich weiß nicht. Das ist irgendwie seltsam. Aber auf einen Gig hätte ich auf jeden Fall Lust. Mal sehen."

Das restliche Wochenende tat Vince alles, um mich abzulenken, was ihm erstaunlich gut gelang. Wir fuhren mit Gwen durch die Gegend, trafen ein paar Leute von früher, gingen einkaufen, spazierten über den Walk of Fame und durch das alte Hollywood.

Am Montagmorgen flog er wieder zurück, um mit Collin dessen Geburtstag zu feiern. Natürlich ging ich nicht mehr zur Krabbelgruppe. Gegen Vier klingelte es.

"Mandy, was machst du denn hier?"

"Ich wollte mal nach dir sehen, weil du nicht in der Gruppe warst. Ich war im Laden. Janet hat mir erzählt, dass du und Sean es beendet habt."

"Ja, das haben wir."

"Kann ich dir helfen?"

"Nein. Ich will einfach nicht mehr dran denken."

"Okay. Kommst du mit runter? Janet pierct mir den Bauchnaben. Ich brauche jemanden zum Händchenhalten."

"Klar."

Mandy war ganz tapfer, deshalb lud ich sie danach noch auf einen Kaffee ein.

Am Donnerstag kam Josh aus seinem Camp zurück. Ich hatte den Eindruck, er war gut zwei Zentimeter gewachsen. Er hatte viele tolle Geschichten zu erzählen und war begeistert von dem neuen Wandgemälde eines Aquariums in Gwens Zimmer. Wir besuchten am Wochenende seine Großeltern, denen er auch ausgiebig von dem tollen Camp erzählte. Bald ging die Schule wieder los. Scott hatte immer mal wieder Jobs für mich, ich rief auch ein paar der Leute von seiner Party an und sollte gerne meine Unterlagen hinschicken. Das Leben ging auch nach Sean weiter, das tat es ja immer.


Sean

Eine Woche lang vergrub ich mich in Büchern, wie immer, wenn es mir schlecht ging. Dann musste ich mich aufraffen, denn mein vierwöchiges Praktikum in einer kleinen Privatklinik für innere Medizin begann. Arbeiten tat mir gut. Ich hörte auf die Stunden bis zu meinem Abschluss zu zählen, stattdessen half ich Menschen.


Jordan

Ende September rief mich Scott mal wieder an.

"Ich schau mir morgen eine neue Band an, alles College-Kids, noch recht jung, aber gut. Ich wüsste gerne deine Meinung. Hast du Zeit?"

"Ich frag Janet, ob sie Babysitten kann."

"Gut, ruf mich dann nachher an."

Ich sagte Josh Bescheid, dass ich kurz in den Laden schauen würde und ging mit Gwen runter.

"Ich kenne den Blick, du willst was."

"Scott hat angerufen. Er fragt, ob ich mir morgen Abend mit ihm eine neue Band anhören kann …"

"Na gut, morgen ist okay, aber am Samstag hab ich überhaupt gar keine Zeit, da hab ich nämlich ein Date."

"Oh, sieh an. Mit wem denn?"

"Er hat mich letzte Woche hier im Laden angesprochen."

"Soso und was sagt Joe dazu?"

"Das ist mir eigentlich egal. Falls du und Scott morgen übrigens, du weißt schon, falls ich über Nacht auf die Beiden aufpassen soll, ruf einfach kurz an, ich schlaf dann eh bis Gwen weint. Sonst weckst du mich immer auf, wenn du heim kommst und zwar immer dann, wenn ich was Schönes träume."

"Na gut, ich glaub zwar nicht dass ich und Scott … du weißt schon, aber danke für das Angebot. Dann ruf ich ihn gleich mal an."

Scott holte mich um halb Neun ab.

"Wann ist denn der Gig?"

"Geht gerade los. Mir ist es lieber, wenn die Bands vorher nicht wissen, dass ich da bin und bei den letzten paar Nummern zeigen die meistens erst ihr ganzes Können. Und man sieht auch gleich, ob es den Leuten gefällt."

"So, na gut. Wo spielen sie eigentlich?"

"Im Barbershop."

"Ist das nicht so ein Campus-Laden? Ziemlich klein.”

"Dafür füllen sie mit ihrem Programm eineinhalb Stunden. Für eine College-Band nicht schlecht, oder?"

"Das stimmt. Ich bin gespannt."

Als wir bei dem Laden ankamen, stand eine Menschentraube davor, offensichtlich war der Club voll. Scott ging zum Türsteher.

"Ist hier immer so viel los?"

"Nein, aber O-Scar, die Band die heute spielt, hat scheinbar auf dem Campus einiges an Werbung gemacht. Wir hatten nicht mit so vielen Leuten gerechnet, ich kann niemanden mehr reinlassen. Wir haben sogar den Eintritt erhöht, aber die Leute wollten trotzdem rein."

"Vielversprechend."

Scott zeigte seine Karte und wir konnten rein. Die Luft stand, es war viel zu heiß, die Leute standen dicht gedrängt, es war kein Durchkommen in Sichtweite zur Bühne.

"Der Sound ist gut. Wie viele eigene Nummer spielen die denn?"

"Ungefähr 30 Prozent."

"Das sind mindestens sechs, bei eineinhalb Stunden. Nicht schlecht, ich glaub die Jungs und Mädels sind echt schon ziemlich weit."

"Eine Sängerin und drei Typen. Auch optisch machen sie sich gut, bunt gemischt. Willst du was zu trinken?"

"Klar, wenn du dich zur Bar durchschlagen kannst. Ich bleibe genau hier bei der Säule."

Zwei Songs lang blieb Scott verschwunden, zwei gute, raffinierte Covers. Dann kam er mit Drinks zurück.

"Dankeschön. Musstest du dafür jemanden töten oder so?"

"Leicht war es nicht, aber wenn ich dich schon in diesen überfüllten Club mitschleppe, dann muss ich dir wenigstens einen Drink ausgeben. Oder zwei, oder drei."

"Versuchst du, mich abzufüllen?"

"Oh nein, das hier ist ein geschäftliches Treffen."

"Ah, deshalb auch keine Umarmung zur Begrüßung."

"Interessant, dass es dir aufgefallen ist. Das muss ein eigener Song sein, oder?"

"Ich kenn zumindest das Original nicht, falls es ein Cover ist."

Die Show dauerte noch eine dreiviertel Stunde, danach legte ein DJ auf und die meisten Leute suchten sich einen weniger überfüllten Laden.

"Die Jungs waren gut, oder?"

"Auf jeden Fall. Du solltest ihr Agent werden."

"Das seh ich auch so, mal schauen, ob wir jetzt nach vorne durchkommen. Halt dich an mir fest."

Wir schlängelten uns durch die tanzende Menge, bis wir neben der Bühne ein mit knapper Schuluniform bekleidetes Mädchen sahen.

"Das ist die Sängerin, Andy."

"Heiß."

"Hey Andy!"

"Oh, Scott, ich wusste nicht, dass du heute hier bist."

"Wir haben uns spontan dazu entschieden. Das ist mein Partner, Jordan Bonanno."

Seit wann war ich denn sein Partner und vor allem, welche Art Partner meinte er?

"Oh, ja klar, du warst bei Summerskin, schön dich kennenzulernen."

"Gleichfalls. Gute Show."

"Dankeschön."

"Also, wollen wir noch was zusammen trinken, irgendwo wo wir uns unterhalten können?"

"Klar, ich sammle die Jungs ein und wir treffen uns dann am Hinterausgang."

Sie sauste davon.

"Sie macht einen selbstbewussten Eindruck, findest du nicht?"

"Partner?"

"Das sind wir doch, oder? Ich würde gern öfter deine Meinung zu neuen Bands hören und vielleicht könntest du auch öfter mal welche für mich treffen. Du bist näher dran an der Szene, natürlich würdest du eine Provision bekommen für jede Vermittlung."

"Als so eine Art Scout?"

"Ja, genau."

"Kann ich darüber nachdenken?"

"Klar. So, komm, schauen wir mal wo der Hinterausgang ist."

Dort stand schon ein großer schwarzer Kerl, den Scott mir als den Drummer vorstellte. Bald kam Andy mit einem gutaussehenden Latino im Schlepptau an.

"Dann fehlt nur noch euer Gitarrist."

"Ja, er weiß Bescheid und kommt gleich nach in den Diner da drüben."

Alle Drei bestellten sich Burger und Milkshakes.

"Nach Gigs sind wir immer total ausgehungert. Du kennst das bestimmt, oder?"

"Naja, so was in der Richtung. Nach Gigs war ich auch immer … 'ausgehungert'."

Ich warf Scott einen Blick zu, denn er durfte das damals immer ausbaden.

"Also, was für Partner seid ihr Beide denn?"

"Jordan berät mich bei jungen Bands und Sängern."

"Achso, ich dachte schon ihr wärt zusammen."

Sie sah fast enttäuscht aus.

"Nein, wir sind nur Geschäftspartner, aber wir hatten unsere Zeit, damals als Jordan noch bei Summerskin war."

Ich war zwar überrascht von diesem Outing, aber das sah Scott mal wieder ähnlich. Wenn der Klient das hören wollte, sagte er es eben und diesmal war es ausnahmsweise die Wahrheit.

"Wusste ich's doch. Also, wie hat euch die Show gefallen?"

Ich überließ Scott das reden.

"Ihr seid gut, vor allem wenn man bedenkt, dass keiner von euch älter als 20 ist. Ich denke ich geb euch eine Chance. Wer weiß, aus euch könnte mit den richtigen Kontakten echt was werden."

"Wirklich? Cool!”

Die waren ihm echt dankbar, dabei war er total heiß auf sie und wusste, dass sie bald jemand Anderes wegschnappen würde. Junge Bands ließen sich toll vermarkten und waren für ihn eine wahre Goldgrube, gerade auch, weil sie so dankbar waren und nicht viel erwarteten.

"Für morgen um Zwei hat jemand abgesagt, wenn ihr wollt, könnt ihr den Termin haben, dann können wir das Schriftliche machen."

"Das ist ja toll, dass das so schnell funktioniert."

"Ja, ihr habt Glück, dass jemand abgesagt hat."

Samstags war er eigentlich gar nicht im Büro, er hatte wohl Angst, dass ihm jemand die O-Scar's vor der Nase wegschnappte.

"Na dann ist alles geklärt. Die Burger gehen auf mich, wir sehen uns morgen."

"Super! Dankeschön."

Wir standen auf, zahlten die Rechnung und wollten gerade raus gehen, als ein stark geschminkter Typ mit schwarzen Haaren und schwarzen Klamotten herein kam. Ich erkannte ihn sofort, obwohl er natürlich ein gutes Stück älter war als damals.

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