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Lucien

Teil 7

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Nachdem Mario wieder in München angekommen war, hatte er seine Fortbildung gemacht und sich wieder sehr gut in der Firma von Karl Geiger integriert. Stefan besuchte ihn in letzter Zeit immer häufiger an den Wochenenden in München, um sich auf den Einzug bei Mario vorzubereiten. Luc hatte ihn bislang immer begleitet. Es würde also so werden, dass Stefan seine ambulante Therapie in der Schweiz beendete und nach dem Schuljahr wieder nach München gehen würde.

Für Luc und Stefan waren diese Wochen der Entscheidung nicht einfach, aber mit Hilfe der gesamten Familie lernten beide Jungs, dass es auch eine Zukunft geben würde, wenn sie nicht ständig zusammen sein könnten.

Dieser Teil 7 beginnt etwa zwei Wochen vor den großen Ferien.

Marc: Mick und Lukas kommen von der Hochzeitsreise zurück

Heute sollten meine großen Jungs von ihrer Amerikareise zurückkommen, und da ihr neues Semester erst nach den Ferien beginnen würde, wollten sie ihre restlichen Ferien bei uns verbringen. Für mich eine große Freude, denn im letzten halben Jahr hatte ich die beiden viel zu selten gesehen.

Sabine wollte ebenfalls mit zum Flughafen kommen. Leif und Luc waren in der Schule. Für beide würde es ein gutes Zeugnis geben. Die für mich größte Veränderung bei den beiden war ihr Umgang miteinander. Leif hatte für sich einige Dinge geklärt und sich deutlich positiv entwickelt. Wir hatten nur noch selten gravierende Meinungsverschiedenheiten. Leif war mittlerweile für Luc ein guter Ratgeber geworden. Sie respektierten sich und das hatte in unsere Familie viel Ruhe gebracht.

Lucs Beziehung zu Stefan hatte sich auch weiter positiv entwickelt. Stefan hatte große Fortschritte durch die Therapie gemacht. Seine Angstzustände waren fast verschwunden. Manchmal hatte ich den Eindruck, Stefan war der Führer geworden. Für ihn waren viele Dinge nicht mehr schwierig, zumindest ging er sie offensiv an. Luc hingegen war immer der Denker. Er musste alles vorher sicher geplant und vorbereitet haben, bevor er etwas tat. Das war manchmal sehr lustig und führte auch hin und wieder zu Spannungen. Nichts Gravierendes, aber manchmal mussten Sabine oder ich dann doch schon mal schlichten.

Stefan hatte auch einige Freunde im Internat gefunden und war dort mittlerweile offen geoutet. Luc war sein Freund und alle wussten es. Es gab nur selten Probleme oder Anfeindungen.

Leif ist in die Schülervertretung vom Internat gewählt worden und hat dort begonnen, Mick nachzueifern.

Jetzt saß ich mit Sabine in ihrem Cadillac CTS und wir waren kurz vor dem Flughafen. Bis zur Landung hatten wir allerdings noch ein bisschen Zeit.

„Sag mal, Schatz, wollen wir nicht vielleicht irgendwo eine schöne Tasse Tee trinken? Wir liegen gut in der Zeit und im Flughafen möchte ich das nur ungern machen.“

Sie schaute kurz von der Straße zu mir herüber und lächelte.

„Ein guter Gedanke. Hast du schon eine Idee, wo?“

„Ja, es gibt hier ein ganz tolles Teehaus mit unglaublich vielen seltenen Teesorten. Warte mal kurz, ich gebe die Adresse in das Navi ein.“

Wenige Augenblicke später hatte ich das Navigationssystem aktiviert und es lotste Sabine sicher zum Ziel. Es war ein schönes altes Haus aus der Gründerzeit mit einem kleinen Café im Erdgeschoss. Ich hatte es bereits bei einer meiner letzten Fahrten zum Flughafen mit Stefan und Luc kennengelernt.

Wir saßen an einem kleinen Tisch und die Eigentümerin brachte uns die Teekarte. Es gab wirklich eine Karte nur für Tee. Ich hatte mir allerdings angewöhnt, mich von ihr beraten zu lassen. Sabine war das erste Mal hier und entsprechend sah sie mich ratlos an.

„Sag mal, hast du eine Ahnung von diesen vielen Sorten? Ich kenne mich damit überhaupt nicht aus. Ich würde gerne etwas fruchtiges, anregendes trinken.“

„Kein Problem, die gute Dame wird dir sicher etwas Schönes empfehlen können.“

In diesem Moment kam die Besitzerin zurück an unseren Tisch und ich erklärte ihr unsere Wünsche. Sie beriet Sabine sehr freundlich und dazu bestellten wir jeder ein Stück Kuchen.

Dieses Café war einfach toll. So etwas hatte ich noch nirgends sonst gesehen. Ich fühlte mich jedes Mal sehr wohl und meine Energien konnte ich dort recht schnell wieder aufladen. Das führte zum Schluss dazu, dass mir Sabine die Autoschlüssel gab und ich bis zum Flughafen fuhr.

Pünktlich standen wir im Ankunftsterminal und warteten auf unsere Jungs. Ich schaute auf die große Tafel und musste feststellen, der Flug hatte Verspätung. Eine halbe Stunde. Wir beschlossen deshalb, aus der Halle wieder herauszugehen und auf die Aussichtsplattform zu gehen. Das Wetter war freundlich und warm. Somit genossen wir die Wartezeit und hingen unseren Gedanken nach.

Vor einiger Zeit hatten wir beim Fliegen auch ein unschönes Erlebnis gehabt. Diese Gedanken kamen für einen Moment in meinen Kopf und ich zuckte ein wenig zusammen. Sabine schien das sofort bemerkt zu haben. Sie legte mir ihre Hände von hinten auf meine Schultern und ein warmes, schönes Gefühl breitete sich bei mir aus. Sie flüsterte mir etwas Liebevolles ins Ohr und schon waren die schlimmen Gedanken verschwunden. Ich lächelte wieder.

„Sag mal, der Flugunfall neulich scheint immer noch nicht so richtig verarbeitet zu sein, oder?“

„Manchmal kommen eben diese Momente einfach wieder hoch, aber es ist alles in Ordnung. Du bemerkst aber auch alles.“

Das löste sowohl bei mir als auch bei ihr ein Lächeln aus. Manchmal kam mir der Gedanke, ich sollte diese Frau vielleicht doch noch heiraten. Eigentlich wollte ich das ja niemals wieder tun. Mal sehen, was die Zukunft bringen würde.

Wir standen an der Brüstung zum Flugfeld und schauten den Maschinen zu. Ich war schon so viel in meinem Leben geflogen, dennoch faszinierte es mich immer wieder, wie diese schweren Flugzeuge so spielend leicht abheben konnten.

Sabine holte mich aus meinen Gedanken und führte mich wieder in die Halle zurück. Unsere Jungs müssten jetzt jeden Moment landen. Wir schauten erneut auf die große Tafel und so war es auch. Ein grüner Punkt hinter dem Flug zeigte an, dass die Maschine bereits gelandet war.

In mir kam wirklich so etwas wie freudige Erwartung auf. Ich hatte meine Jungs jetzt etliche Wochen nicht mehr gesehen. Die Traube von Menschen am Gepäckband wurde kleiner und da standen sie. Wir gingen zügigen Schrittes auf sie zu, und als sie uns bemerkten, umarmten sie uns beide sehr herzlich.

„Hi Papa, Hallo Mama!“, kam von beiden nahezu synchron.

Sie sahen braungebrannt und gut erholt aus. Mick hatte deutlich ein paar Kilo zugelegt. Das stand ihm sehr gut. Er hatte in den Wochen vor der Hochzeit sehr viel zu tun gehabt und entsprechend wenig gegessen. Es beruhigte mich sehr zu sehen, wie er sich erholt hatte. Die beiden waren in bester Stimmung und ich konnte die silbernen Ringe an ihren Händen sehen. Es war schon ein tolles Gefühl für mich, dass auch Lukas wieder ein so lebensfroher junger Mann geworden war.

Nachdem alle Gepäckstücke beisammen waren, verlud ich alles auf einem Gepäckwagen und wir machten uns auf den Weg zum Auto. Die beiden sprühten förmlich und erzählten die ganze Zeit von den Dingen, die sie erlebt hatten. Erst als wir bereits auf der Autobahn waren, wurde es ruhiger im Auto. Jetzt schien doch langsam die Müdigkeit durchzukommen. Ich drehte die Musik ganz leise und ließ die beiden Jungs schlafen. Bis zur Ankunft an unserem Haus schliefen sie durch. Sabine weckte sie behutsam, während ich bereits das Gepäck ins Haus beförderte. Leif und Luc waren noch nicht zurück, Stefan hätte eigentlich schon da sein können, aber er hatte mir geschrieben, dass er mit Luc gemeinsam kommen würde. Die großen Jungs freuten sich sehr, dass sie nun endlich mal etwas Zeit haben würden, um mit den anderen wieder etwas gemeinsam machen zu können. In den nächsten Wochen stand noch ein großes Highlight an. Die 24h auf der Nordschleife, es sollte diesmal besser laufen, als beim letzten Versuch. Hoffentlich!

Luc und Stefan wären in dieser Zeit schon in München und sie würden von dort anreisen. Jetzt stand aber erst einmal Wiedersehen feiern an. Heute Abend hatten wir alle Freunde zum Grillen eingeladen. Es würde also im Garten recht voll werden.

Luc: Wiedersehen mit Mick und Lukas

Meine Aufregung und Vorfreude war groß. Heute kamen Mick und Lukas aus Amerika zurück. Außerdem wollte mich mein Schatz gleich von der Schule abholen. Nico und ich verließen gemeinsam unsere Klasse.

„Hey Luc, wann geht das heute Abend bei euch eigentlich los?“

„Ich glaube um sieben. Morgen ist ja Wochenende. Denke, es wird lustig werden. Kommt Tim auch?“

„Klar und wenn ich das richtig verstanden habe, ist Manuel auch da. Aber verrate das noch nicht. Das soll eine Überraschung werden.“

Wir hatten mittlerweile den Ausgang erreicht und bewegten uns zu unseren Rädern. Ich hatte Ausschau gehalten nach Stef, aber ihn noch nicht gefunden.

„Geht klar, und was machst du heute noch?“

„Ich muss noch Hausaufgaben für Montag machen. Am Wochenende habe ich dafür keine Zeit. Ich will mit Tommy zelten fahren.“

„Cool, wo wollt ihr denn hin?“

„Tommy hat da einen kleinen See gefunden, der ist nur fünfzehn Kilometer von hier weg. Da wollen wir eine Nacht campen. Das Wetter soll ja schön werden.“

„Klasse, ich kann Stef ja mal fragen, ob er Lust hat, euch zu besuchen. Wir haben beide jetzt ein Pedelec und damit ist das ja keine Entfernung.“

Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir. „Was willst du mich fragen?“

Ich drehte mich um und fiel meinem Freund um den Hals. „Stef, toll, dass du mich abholst.“

Wir gaben uns einen Kuss und Stef begrüßte auch Nico. Ich erklärte ihm kurz, worum es ging und er war gar nicht abgeneigt. Nico wollte Tommy fragen, ob er damit einverstanden war und mir dann heute Abend Bescheid geben. Da wir alle auf der Grillparty bei uns sein würden, wollten wir das dort besprechen.

Stef und ich machten uns gemeinsam auf den Weg zu uns nach Hause. Das Wochenende war er wie immer bei uns und er hatte mittlerweile auch ein paar Sachen bei uns liegen. Somit brauchte er nicht mehr extra Sachen einzupacken.

Wir fuhren durch den Park nebeneinander und ich war doch ein wenig aufgeregt. Mick und Lukas hatte ich jetzt zwei Monate nicht mehr gesehen.

„Na Luc, freust du dich auf Mick und Lukas?“

„Klar, ich bin sogar ein bisschen aufgeregt. Was ist mit dir?“

„Ich freu mich auch, insbesondere auch auf heute Abend und bin sehr gespannt, was sie zu erzählen haben. Ich war ja noch nie in Amerika.“

Komisch, mir fiel gerade auf, dass wir uns noch nie über Urlaub im Ausland unterhalten hatten.

„Ich war mit Papa schon einmal dort. Allerdings als kleiner Junge war ich mit meinen Großeltern auch einmal in New York. Das war, bevor ich krank wurde.“

Die Fahrt über sprachen wir noch viel über unsere Pläne in den großen Ferien. Das Thema Ausland hatte Stef schnell gewechselt. Ich hatte das Gefühl, es war ihm unangenehm, dass er noch nie weiter weg war. In München würden wir mal darüber sprechen. Ich hätte Lust mit ihm einen Urlaub zu verbringen, irgendwo weit weg. Papa hatte immer gute Kontakte in allen Teilen der Welt.

Zu Hause angekommen, stellten wir die Räder in den Keller und gingen die Treppe nach oben. Wir hörten mehrere Stimmen aus dem Erdgeschoss. Also waren Mick und Lukas wohl bei uns unten. Wir betraten das Wohnzimmer, wo alle fünf saßen. Leif war auch schon da. Ich lief auf Mick und Lukas zu und umarmte beide zur Begrüßung. Meine Freude war sehr groß, die beiden gesund und munter wiederzusehen.

Stef blieb ein wenig abseits stehen. Lukas hingegen ging auf ihn zu und umarmte ihn zur Begrüßung genauso herzlich wie mich. Mick tat es ihm gleich und innerhalb weniger Minuten saßen wir in einer regen Unterhaltung im Wohnzimmer. Sie berichteten von ihren Erlebnissen in Amerika und dass es in manchen Orten doch besser gewesen war, nicht als schwules Paar aufzutreten. Das stimmte mich sehr nachdenklich.

Das Wiedersehen war so spannend und aufregend, dass ich ganz vergaß, dass ich noch nichts gegessen hatte. Mein Magenknurren erinnerte mich daran.

„Ich will ja ungern unterbrechen, aber ich habe Hunger. Mama, wie sieht das mit Mittagessen aus?“

Mama schaute mich an und lachte.

„Ich dachte schon, ihr seid krank. Wir haben uns gedacht, da es heute Abend ja viele schöne Sachen gibt, sollte es heute Mittag nur was Kleines geben. Wollt ihr euch vielleicht was bestellen oder eben schnell vom Imbiss was holen?“

Jetzt meldete sich Mick zu Wort.

„Cool, endlich mal wieder europäisches Junkfood. Los, ich bin dabei. Lasst uns was holen.“

Es brach allgemeines Gelächter aus. Papa gab mir Geld und ich sollte für alle die Bestellung aufnehmen. Wir wollten vom Imbiss im Ort etwas holen. Das war ein Grieche. Also gab es Gyros in mehreren Variationen. Als ich alle Wünsche notiert hatte, nahm ich das Telefon und gab die Bestellung auf.

Papa fragte dann:

„Stefan, möchtest du mitfahren oder hier warten?“

„Ich bleibe lieber hier, dann kann ich mich mit Lukas noch etwas unterhalten.“

„Gut, Mick, du fährst und Luc hat das Geld. Also bis gleich dann.“

Er warf Mick seinen Autoschlüssel zu und Mick schaute ein wenig verdutzt.

„Ist was?“, fragte Papa noch einmal nach.

Mick schüttelte den Kopf und gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Wir liefen die Treppe hinunter in die Garage und dann meinte Mick zu mir:

„Seit wann gibt Papa freiwillig seinen Ferrari heraus?“

Ich musste lachen.

„Also das macht er schon seit einiger Zeit. Er hat ihn sogar Mario mal für einen ganzen Tag gegeben.“

Mick schüttelte den Kopf. „Dass ich das noch erleben darf.“

Er öffnete das Auto und wir stiegen ein. Sobald wir aus der Garage waren, öffnete Mick das Verdeck. Er ließ den Achtzylinder aufbrüllen und ab ging es. Ich bekam sofort ein Grinsen in das Gesicht und Mick ging es genauso.

„Na, Luc. Stefan sieht gut aus. Er hat sich wohl hier richtig gut erholt, oder?“

„Ja, manchmal habe ich sogar das Gefühl, es geht ihm zu gut. Er ist so viel selbstbewusster geworden und ich bin froh, ihn als Freund zu haben.“

„Das merkt man sofort. Als ich ihn vorhin gesehen habe, musste ich zweimal hinsehen, ob er es wirklich ist. Kein Vergleich zu dem Treffen damals in München. Sag mal, seid ihr mittlerweile überall als Paar geoutet?“

„Ja, eigentlich schon. Wir binden es nicht jedem auf die Nase, aber aus dem Freundeskreis und in der Schule wissen es alle.“

Mick nickte anerkennend und parkte vor dem Imbiss. Einige Jugendliche, die vor dem Imbiss standen, schauten Mick ziemlich neidisch an. Kein Wunder, welcher Zwanzigjährige würde mit solch einem Geschoss schon durch die Gegend fahren können. Wir holten die Sachen und ich bezahlte. Der Rückweg war schnell erledigt und ich hatte jetzt auch richtig Hunger. Wir wurden bereits erwartet. Während des Essens sprachen wir noch über den Abend und was noch vorzubereiten wäre. Stef und ich hatten uns entschieden den Grill anzufeuern und die erste Zeit zu grillen. Mick und Lukas würden uns ablösen.

Nachdem alle organisatorischen Dinge geregelt waren, fragte uns Mama, ob wir vielleicht Lust hätten, ihr bei der Zubereitung einiger Salate zu helfen. Ich war immer gerne in der Küche, Stef hingegen hatte immer Sorge, er würde dort versagen. Seine Mutter hatte ihm das immer wieder eingeredet, er wäre dazu nicht zu gebrauchen. Seit er seine Therapie begonnen hatte, hatten wir bereits mehrfach gemeinsam kleinere Gerichte gekocht. Und das recht erfolgreich. Somit war für mich klar, wir würden Mama helfen. Stef nickte auch sofort, allerdings war für mich viel erstaunlicher, dass Leif uns ebenfalls helfen wollte. Mama staunte genauso wie wir.

Die nächste Stunde wurde sehr kurzweilig und kreativ. Leif hatte immer wieder neue Ideen beim Abschmecken der Saucen gehabt. Einige waren sehr abenteuerlich und andere aber auch sehr gut. Somit entstanden einige schöne Salate. Für mich war dieses gemeinsame Erlebnis mit Leif sehr aufbauend. Auch als Stef mich immer wieder zwischendurch zärtlich küsste oder mir etwas zum Probieren in den Mund schob, blieb Leif lustig und machte auch den ein oder anderen Spaß mit. Einmal meinte er sogar, Stef sollte ihn auch einmal so verwöhnen. Wir schauten uns fragend an, aber Stef blieb absolut cool und machte es genauso wie bei mir. Inklusive des obligatorischen Kusses. Mir blieb in diesem Moment fast das Herz stehen, denn eigentlich hätte ich jetzt erwartet, dass Leif tobend aus der Küche laufen würde, aber er lachte sich halb tot und fand das niedlich und meinte zu Stef:

„Also damit habe ich jetzt nicht gerechnet, dass du das wirklich tun würdest, Respekt.“

Stef grinste ihn an und ich war sprachlos. Es war toll, dass sich Leif wirklich verändert hatte. Aber auch Stef war viel lockerer geworden in den letzten Wochen.

Papa, Mick und Lukas waren dabei, im Garten Tische und Bänke aufzustellen und die kleine Theke, die wir uns von Tims Eltern geliehen hatten, aufzubauen. Papa hatte auch ein kleines Fass Bier besorgt. Natürlich war es deutsches Bier. Darauf hatte Papa bestanden. Ich hatte noch nicht viele Erfahrungen mit Alkohol gemacht und konnte mir deshalb einen Unterschied zwischen deutschem Bier und hiesigem Bier nicht wirklich vorstellen.

Unsere Vorbereitungen waren abgeschlossen. Es war noch etwas Zeit und ich wollte noch unter die Dusche gehen, bevor unsere Gäste kamen. Stef und ich gingen also in mein Zimmer und ich zog mich schnell aus, um unter die Dusche zu gehen.

„Meinst du, ich könnte auch noch schnell duschen?“, fragte mich Stef, als ich die Badezimmertür schon in der Hand hatte. Verwundert schaute ich ihn an.

„Natürlich, du hast doch Sachen in meinem Schrank liegen. Ich beeile mich, dann reicht die Zeit auch noch für dich. Oder ..., wir können auch zusammen duschen, wenn du magst.“

Ich hatte es ohne Hintergedanken gesagt, ich wollte einfach nur Zeit sparen, allerdings hatte Stef dabei andere Gedanken und entsprechend lustig wurde das Ganze. Wir seiften uns gegenseitig den Rücken ein. Das blieb natürlich nicht ganz ohne Reaktionen bestimmter Regionen. Es war mir mittlerweile egal. Wir hatten keine Scheu mehr voreinander. ….. Entsprechend schön verlief diese ganze Aktion. Es war einfach toll, wie Stef sich verändert hatte. Er war nicht mehr der ängstliche Junge, er ließ seinen Gefühlen freien Lauf und wir kamen nach einigen Minuten gut gelaunt, entspannt und befriedigt wieder in mein Zimmer.

Wortlos kleideten wir uns an, und nachdem wir fertig angezogen waren, stellte sich Stef hinter mich, legte mir seine warmen Hände um die Hüfte und flüsterte mir ins Ohr:

„Weißt du, das war wunderschön. Ich möchte das mit dir gerne noch einmal erleben.“

Ich drehte mich zu ihm um und erwiderte mit einem Kuss:

„Ich nicht.“ Dabei zuckte er entsetzt zurück. „Ich möchte es nicht nur noch einmal erleben, sondern gerne häufiger.“

Danach begann er mich zu kitzeln und nannte einige Begriffe, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Es war zu lustig.

Als wir endlich fertig waren, hatten wir nur noch zehn Minuten bis zum offiziellen Beginn unserer kleinen Grillparty. Wie wir bemerkten, waren Tim und Nico bereits da. Tommy würde sicherlich auch schon da sein. Wir konnten ihn aber erst ein paar Minuten später begrüßen. Papa bat uns, den Grill schon einmal anzufeuern. Es würde ja etwas dauern, bis das Fleisch aufgelegt werden konnte.

Also machten Stef und ich uns auf den Weg zum Grill. Ich schüttete die Holzkohle in den Grill und verteilte sie gleichmäßig. In der Mitte hatte ich ein kleines Häufchen gemacht. Ich nahm den flüssigen Grillanzünder und verteilte die Flüssigkeit gleichmäßig über das Material. Stef hatte schon das Feuerzeug in der Hand und wollte anzünden.

„Warte noch, die Flüssigkeit muss noch einen Moment in die Kohle einziehen. Sonst brennt nur der Anzünder und die Kohle bekommt nicht genug Temperatur.“

„Oh, schon wieder was gelernt. Danke, großer Meister des Grills.“

Dabei lachte er mich befreit an, gab mir einen Kuss und zündete anschließend den Grill an. Die Flammen züngelten erst klein und dann immer größer über die gesamte Grillfläche. Ich schaute mich im Garten um und war doch etwas erstaunt, wie viele Gäste wohl kommen würden. Denn es standen einige Tische und Bänke auf der Terrasse.

Mick brachte uns noch einen Tisch an den Grill. Auf dem wollten wir die verschiedenen Sachen zum Grillen ablegen.

„Na, ihr zwei, brennt das Feuer mittlerweile?“

„Jo, der Hüter des Feuers hat es entfacht“, meinte ich dann zu ihm. Er musste lachen und bat mich, mit rein zu gehen, um schon ein paar Sachen auf den Tisch zu stellen. Im Haus begegneten mir Tim, Benny und Marcel. Benny und Marcel hatte ich noch nicht gesehen und entsprechend freudig begrüßten sie mich.

„Hey, Lucien. Wo hast du denn deine bessere Hälfte gelassen? Sonst sieht man euch doch nur immer im Doppelpack.“

„Er ist der Hüter des Feuers. Wir kümmern uns zu Beginn um den Grill und das Grillgut.“

„Oh, dann sind wir ja gut versorgt. Ihr werdet schon dafür sorgen, dass euch nicht kalt wird. Würden wir ja auch nicht.“

Wir lachten uns alle halb tot über diese Anspielung. Heute konnte ich gut darüber lachen, vor einem halben Jahr wäre ich vermutlich in Panik geraten.

Es wurde immer voller bei uns und Stef und ich hatten schon die erste Lage Fleisch aufgelegt. Die Hitze war gut und entsprechend häufig mussten wir das Fleisch wenden. Tims Eltern waren mittlerweile auch da und Tims Vater hatte uns auch schon mal für einen Moment abgelöst. Plötzlich kam etwas Unruhe auf. Ich war gerade dabei, für Stef und mich etwas zu trinken zu holen.

Da konnte ich den Grund erkennen. Manuel, Tims Freund, war auch zu uns gekommen. Das war allerdings eine echte Überraschung. Und damit das Ganze noch richtig rund wurde, war seine Mutter auch dabei. Es waren wirklich alle Freunde gekommen, die sich über die Jahre so angesammelt hatten.

Einige Zeit später standen wir mit Mick und Lukas am Grill. Sie wollten uns ablösen, damit wir auch in Ruhe etwas essen konnten. Plötzlich kam Leif mit einem Tablett voller Biergläser zu uns. Das Grillen hatte uns richtig durstig werden lassen und ich wollte endlich mal das deutsche Bier probieren. Also nahmen wir jeder ein Glas und es schmeckte echt lecker. Stef hatte schon drei Glas getrunken und ich zwei, als Papa vorbei kam.

„Na, ihr beiden. Danke fürs Grillen, aber jetzt ist es mit dem Bier mal gut. Ich möchte euch bitten, nicht mehr zu trinken.“

Stef war das sichtlich unangenehm, hier fiel er wieder in das alte Verhalten zurück. Er hatte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Er wollte sich schon entschuldigen und wurde auch richtig rot. Papa reagierte aber wie erwartet sehr ruhig.

„Lass gut sein, Stefan. Es ist doch alles gut. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, dass du mal probierst. Aber jetzt ist eben auch genug. Also, du musst dich nicht rechtfertigen. Lass es einfach so stehen. Trink in Ruhe aus und danach steigt ihr wieder auf alkoholfreie Sachen um, ok?“

Ich übernahm jetzt besser die Situation und antwortete für uns.

„Geht klar, Papa. Aber das deutsche Bier schmeckt wirklich nicht schlecht. Es ist nicht so bitter.“

Papa grinste mich an und wuschelte mir durch die Haare. Dabei flüsterte er mir noch etwas ins Ohr:

„Beruhige deinen Stefan wieder, er soll nicht in Panik verfallen. Es ist alles gut.“

Ich wartete einen Moment bis Papa wieder weg war, dann nahm ich Stef an die Hand und wir gingen ein paar Schritte in den Garten.

„Stef, was ist denn los? Warum bist du so in Panik?“

Er schaute mich mit großen Augen an.

„Ich habe deinen Vater enttäuscht. Ich hätte kein Bier trinken sollen. Luc, es tut mir leid.“

„So ein Blödsinn. Du hast doch gehört, was er gesagt hat. Mach daraus jetzt kein Drama. Es ist alles gut.“

Ich nahm ihn in die Arme und versuchte ihn zu beruhigen, als plötzlich Leif zu uns kam. Er sah, dass es Stef nicht so besonders gut ging.

„Hier seid ihr beiden. Ich habe euch schon gesucht. Ich wollte mal ein Lob loswerden. Das Fleisch war toll gegrillt.“

Er stand nun direkt bei uns und ich hatte schon angesetzt, dass er uns bitte in Ruhe lassen sollte, als er fragte:

„Ich wollte mir was zu trinken holen, soll ich euch etwas mitbringen? Zwei Cola vielleicht?“

Was war das? War das Leif? Er hatte von sich aus gefragt, ob er uns etwas mitbringen könnte. Ich nickte wortlos und er zwinkerte mir zu, als er sich umdrehte. Ich war verwirrt. Wenige Minuten später kam er mit drei Gläsern Cola zurück und gab uns jedem ein Glas. Stef hatte sich beruhigt und somit standen wir nun gemeinsam im Garten.

„Na Stefan, wie kommst du mit der Therapie klar? Hast du für dich schon viel erreicht? Papa hatte mir nicht viel sagen wollen. Er meinte, ich sollte dich selber fragen.“

Stef war zuerst noch sehr zurückhaltend, aber nach einigen Minuten hatte es Leif geschafft, seine Verkrampfung aufzulösen. Das hatte zur Folge, dass Leif eine Zeit lang bei uns blieb und wir viel Spaß miteinander hatten. Irgendwann bekamen wir noch einmal etwas Hunger und stellten uns am Grill an. Dort trafen wir auf Tim, Manuel, Benny, Marcel und das Grillduo Mick und Lukas.

„Hey, Mick wir haben wieder Hunger, hast du noch ein Stück Fleisch fertig?“, fragte ich.

„Klar für euch immer, was ist mit dir Stefan? Rind, Lamm oder Schwein?`“

Die anderen redeten alle sehr angeregt über irgendetwas. Ich konnte nicht so genau verstehen, um was es ging.

„Schwein und Lamm, bitte.“

In diesem Moment tropfte eine größere Menge Fett in die Glut und es gab eine Stichflamme mit einer großen Qualmwolke. Mick drehte sich für einen Moment vom Grill weg und die anderen lachten.

Mick gab uns dann das Fleisch und wir suchten uns einen Platz zum Essen. Vorher hatten wir unsere Teller noch mit Salaten aufgefüllt. Wir hatten gerade angefangen zu essen, als sich auch Leif wieder zu uns setzte. Ich fand das schön, dass er endlich begann, Stef zu akzeptieren und sich auch zu kümmern. Er hatte zwar in letzter Zeit schon häufiger mit Stef gesprochen, aber immer nur sehr kurz und belanglos. Immerhin hatte er aufgehört, uns immer wieder zu provozieren.

Leif begann das Gespräch fortzuführen, was wir begonnen hatten und Stef erzählte ihm viel. Sehr viel, wie ich fand. Leif hörte sehr aufmerksam zu und gab keinen einzigen dummen Kommentar ab. Im Gegenteil, er fing ebenfalls an, von sich zu erzählen. Wie er das damals erlebt hatte, als Lukas einfach in unsere Familie kam. Er hatte ihn als Konkurrenten gesehen. Papa war damals ja noch viel unterwegs gewesen, und als er dann endlich aufgehört hatte, Rennen zu fahren, tauchte ich auch noch auf und nahm seinen Papa in Anspruch. …..

Dieses Gespräch, während wir aßen, war für mich ein neues Erlebnis. Stef hatte Vertrauen zu Leif gefunden und wir redeten noch über eine Stunde miteinander. Plötzlich kam eine weitere Person an unseren Tisch und stellte fünf Cola ab. Wir schauten hoch und ich erschrak für einen Moment. Papa und Benny standen am Tisch und setzten sich zu uns.

„Na ihr drei, alles in Ordnung bei euch? Ihr sitzt schon recht lange hier zusammen.“

Ich wollte antworten, aber Leif war schneller.

„Ja Papa, alles bestens. Wir haben uns sehr angenehm und interessiert unterhalten. Hi, Benny. Was macht die Schule? Wie geht’s dir eigentlich?“

Ich begann, mich immer mehr über Leif zu wundern, allerdings ging es Papa wohl auch nicht anders. Er schaute Leif genauso fragend an, wie Stef und ich.

„Es geht mir momentan richtig gut. Marcel ist immer für mich da, auch wenn es mir mal nicht so gut geht und die Erinnerungen wieder hochkommen. Stefan, entschuldige bitte, aber Marc hat mir erzählt, was du erlebt hast. Ich wollte dir anbieten, dass wir uns gerne mal über diese Erfahrungen unterhalten. Ich habe auch einige Sachen mit meinen Eltern durchgemacht, insbesondere mit meiner Mutter. Sie wird noch sehr lange im Gefängnis sitzen.“

Ich konnte so etwas wie Bewunderung bei Stefan erkennen. Allerdings war das auch eine tolle Geste von Benny. Stef bedankte sich für das Angebot und stellte eine Frage, die ich sehr kritisch fand.

„Was ist mit deinem Vater? Hat er dich nicht schützen können vor deiner Mutter?“

Leif wollte schon eingreifen, aber Benny blieb sehr ruhig.

„Nein, damals konnte er mich nicht schützen, aber lass uns darüber an einem anderen Tag sprechen. Ich bin mit meinem Vater übrigens wieder im Reinen. Wir verstehen uns heute sehr gut. Er hilft mir auch, wo er kann. Übrigens kommt er mich am nächsten Wochenende besuchen und bleibt hier ein paar Tage. Ich fahre dann mit Marcel in den Ferien zu ihm nach Hause.“

„Cool, das freut mich. Wo wohnt denn dein Vater?“

„Er wohnt in Deutschland. Mittlerweile ist er auch umgezogen und wohnt nicht mehr im gleichen Ort wie damals. Es ist in der Nähe von Frankfurt.“

Der Abend verlief sehr angenehm und ich hatte von Leif ein neues Bild bekommen. An diesem Abend fing ich ernsthaft an, mir über ihn Gedanken zu machen. Gegen ein Uhr gingen die letzten Gäste und wir räumten noch die restlichen Lebensmittel weg. Alles andere, meinte Papa, sollten wir erst am nächsten Tag machen.

Als ich mit Stef in meinem Zimmer verschwunden war und die Tür geschlossen hatte, umarmte mich Stef, gab mir einen Kuss und sagte:

„Das war ein wunderschöner Abend, Leif war heute richtig nett. Hoffentlich bleibt das auch mal so eine Zeit.“

„Ja, das stimmt. Ich habe mich auch gewundert. Wie geht es dir jetzt? Benny hatte dir ja auch ein Gespräch angeboten.“

„Das fand ich total nett. Ich glaube auch, dass ich das machen möchte. Würdest du mich da begleiten, wenn ich mich mit ihm treffe?“

Diese klare Aussage freute mich sehr. Vor ein paar Wochen wäre dieses Angebot vermutlich in einer Panikattacke geendet. Natürlich würde ich ihn begleiten. Wir redeten noch ein paar Minuten während wir duschten. Ich brauchte noch ein paar Minuten länger in der Dusche. Als ich auch ins Bett krabbeln wollte, schlief Stef schon tief und fest mit einem Lächeln im Gesicht. Ich legte mich neben ihn und schlief auch sehr schnell ein.

Marc: Positive Veränderungen

Sabine und ich hatten uns noch länger über unsere Kinder unterhalten. Uns war insbesondere Leif aufgefallen. Er hatte sich fast den ganzen Abend mit Stefan und Luc beschäftigt. Es schien sogar so, dass sie sich gut verstanden hatten. Das freute mich sehr, denn Leif war nicht immer so freundlich Stefan gegenüber. Beim Frühstück wollte ich mal mit Stefan sprechen, wie er das empfunden hatte. Leif würde bestimmt wieder bis mittags schlafen.

„Schatz, haben wir noch Brötchen von gestern zum Aufbacken oder soll ich eben zum Bäcker fahren und frische Brötchen holen.“

Sabine stand im Bad unter der Dusche und rief zurück:

„Schau einfach mal nach. Ich glaube aber, du musst frische vom Bäcker holen.“

Ich verließ das Schlafzimmer Richtung Küche. Erstaunlicherweise hörte ich von dort bereits Geräusche. Es war kurz nach neun Uhr morgens, wer sollte da schon wach sein? Ich öffnete die Küchentür und mich traf fast der Schlag. Leif stand in der Küche, der Tisch im Esszimmer war bereits gedeckt und sowohl Kaffee als auch Tee waren in Vorbereitung. Sogar zwei große Tüten Brötchen lagen auf der Arbeitsplatte. Leif war gerade dabei, Aufschnitt, Marmelade und Honig auf ein Tablett zu legen. Ich war sprachlos und besorgt. Was musste er angestellt haben, damit er so etwas tun würde? Mein Gesicht schien entsprechend besorgt auszusehen, denn Leif grinste mich frech an.

„Morgen Papa, gut geschlafen? Nein, frag nicht. Ich habe nichts angestellt. Ich wollte mit euch gemütlich frühstücken und dann vielleicht mit Luc und Stefan mit dem Rad etwas unternehmen.“

„Ähh ja. Guten Morgen mein Sohn. Du warst schon beim Bäcker? Außerdem hast du hier schon alles vorbereitet. Bist du krank, wenn du schon nichts angestellt hast. Sind Luc und Stefan auch schon wach?“

„Ja, sie müssten jeden Moment kommen. Mick und Lukas sind auch schon wach. Also alle anwesend zum Frühstück.“

„Wow, ich bin echt begeistert. Hoffentlich kommt jetzt nicht doch noch eine böse Überraschung.“

Leif fing an zu lachen und ich konnte auch nicht anders, ich musste auch lachen.

Einer nach dem anderen trudelte bei uns im Esszimmer ein und um halb zehn waren wir komplett. Sabine war genauso verblüfft, wie Luc, Stefan und die beiden Großen. Keiner hatte damit gerechnet, dass ausgerechnet Leif das Frühstück vorbereiten würde. Vor allem freiwillig.

Wir saßen bereits einige Zeit am Tisch und waren bereits so gut wie fertig. Ich hatte mir die Zeitung genommen und Mick und Lukas erzählten noch etwas aus Amerika. Plötzlich meldete sich Luc.

„Liegt heute etwas an? Stef und ich würden gerne Nico und Tommy besuchen. Die sind am Wochenende zum Zelten gefahren.“

„Wo ist das denn? Und wie kommt ihr dahin?“, wollte Sabine wissen. Ich legte meine Zeitung beiseite und schaute die Jungs an.

„Das ist nicht so weit. Es gibt da einen kleinen See mit einem kleinen Campingplatz. Wir würden mit den Rädern fahren. Außerdem würden wir gern dort die Nacht zelten.“

„Was heißt nicht so weit weg? Ich möchte schon genau wissen, wo das ist.“

„Mama, das sind ungefähr fünfzehn Kilometer von hier.“

Ich wusste jetzt, um welchen See es sich handeln würde. Dort war ich mit Benny einmal gewesen. Wirklich eine schöne Gegend dort. Der Campingplatz allerdings wurde überwiegend von Dauercampern und damit eher älteren Leuten benutzt.

„Ihr wisst aber, dass dieser Campingplatz von vielen älteren Leuten benutzt wird. Da müsst ihr euch entsprechend rücksichtsvoll benehmen. Sonst bekommt ihr sofort Ärger.“

„Ja, das hat mir Tommy schon gesagt, aber wir wollen eh nur etwas ausspannen. Ich finde, wir haben in letzter Zeit viel tun müssen und möchten mal nur zusammen ausspannen.“

„Ihr fahrt gemeinsam dorthin?“, wollte ich wissen.

„Nein“, erwiderte Stefan, „die beiden sind schon heute Morgen aufgebrochen. Wir würden erst nach dem Mittagessen losfahren und dann morgen zurückkommen.“

Ich schaute Sabine an. Ich wusste genau, dass sie immer noch so ihre Probleme hatte, Luc allein Dinge ausprobieren zu lassen. Ich nickte ihr zu. Sie sollte das entscheiden.

„Also gut. Einverstanden. Aber ihr nehmt ein Handy mit und meldet euch bitte, wenn ihr angekommen seid.“

Die beiden strahlten. Damit hatte vor allem Luc nicht gerechnet, dass seine Mutter ihn so einfach fahren lassen würde.

Die Jungs machten sich sofort aus der Küche und bereiteten ihre Rucksäcke vor. Schlafsack, Zelt und alles, was sie so brauchten. Ich war sehr gespannt, ob sie das auf ihren Rädern verstaut bekamen und hatte mit ihnen vereinbart, dass ich sie noch einmal sprechen möchte, bevor sie losfuhren.

Die anderen drei Jungs saßen noch mit uns am Tisch und insbesondere Leif verwirrte mich immer mehr. Er las Zeitung, ließ sich viel Zeit beim Frühstück und unterhielt sich mit Mick und Lukas. Er erzählte aus der Schule, dass alle Noten schon feststehen würden und sein Zeugnis dieses Jahr recht ordentlich wäre. Ich folgte immer mit einem Ohr dem Gespräch, hielt mich aber heraus. Ich war stiller Beobachter.

Irgendwann legte Leif die Zeitung an die Seite und wandte sich an Mick:

„Wie lange bleibt ihr eigentlich jetzt hier?“

Mick schluckte den Kaffee hinunter.

„Also, das Semester beginnt erst in vier Wochen wieder. Wir fahren aber schon eine Woche früher nach Deutschland. Wir müssen noch ein paar Dinge vorbereiten. An dem Wochenende vom Rennen sind wir schon in Deutschland und reisen von dort an.“

„Dann haben wir ja mal jetzt ein bisschen Zeit, was zu unternehmen. In der Schule passiert nicht mehr viel. Gott sei Dank sind bald Ferien.“

Sabine musste lachen und ich schaute über meine Zeitung herüber.

„Was habt ihr heute so vor? Ich muss gleich noch etwas abholen. Möchte jemand mitkommen?“

Leif überlegte und meinte:

„Klar, warum nicht. Ich möchte mich nur nachher noch mit Chrissi treffen.“

„Wer ist denn Chrissi?“, fragte Lukas.

Ich war genauso neugierig. Diesen Namen hatte ich zuvor noch nicht gehört.

„Das ist jemand aus meiner Klasse und ist noch relativ neu hier. Ich soll ihr ein wenig den Einstieg erleichtern.“

„Finde ich gut. Wann wolltest du dich mit ihr wo treffen?“

„So gegen zwei Uhr am Internat. Wir wollen von dort einmal mit dem Bus in die Stadt fahren, damit sie weiß, wie das am besten geht.“

Ich stimmte diesem Plan zu und bat aber noch Lukas, kurz mit nach draußen zu kommen. Ich wollte heute den alten Jaguar E-Type aus der Restaurierung abholen. Die Lackierung und die Technik des alten Zwölfzylinders hatte ich machen lassen. Die Karosse selbst hatte ich mit meinen Mechanikern aufgearbeitet. Sabine wusste noch nichts von ihrem Glück. Es war bis heute mein Geheimnis. Mein Ziel war, dass alle Familienmitglieder einen eigenen Oldtimer bekommen sollten. Ich hatte ja meine Cobra und den alten Caddie. Luc baute sich in München den Camaro auf und Sabine bekam heute ihren E-Type. Mick und Lukas würden nach dem Studium einen Oldtimer bekommen. Dann hatten sie mehr Zeit, sich zu kümmern.

Stefan betrat die Küche und wollte, dass ich mir die Räder ansah. Das machte ich immer, bevor ich meine Kinder auf eine längere Fahrt ließ. Ich stand vom Tisch auf und ging mit ihm nach draußen. Luc stand schon fertig ausgerüstet neben seinem Fahrrad.

„Sehr schön, Luc. Ich freue mich, dass du deinen Helm aufhast. Dann macht euch mal ein schönes Wochenende und wenn was ist, ruft bitte an.“

„Klar, Papa. Wir passen schon auf.“

Damit schickte ich die beiden auf die Reise. Sie fuhren winkend vom Hof. Ich freute mich darüber, dass Luc Spaß an solchen Aktionen hatte. Leif war das immer zu anstrengend bzw. „uncool“.

Ich ging direkt in die Garage und öffnete das große Tor. Licht und frische Luft strömte in die große Garage. Ich beschloss, das Tor offen zu lassen bis wir zurück waren. Die Sonne schien und es wurde spürbar wärmer. Ich entschied mich für den Caddie. Nach einem kurzen Moment sprang der große Achtzylinder an und brabbelte vor sich hin. Er lief noch sehr unrund. Ich hatte ihn in letzter Zeit zu wenig bewegt. Jetzt im Sommer sollte sich das ändern. Ich stellte den Straßenkreuzer auf den Hof und ließ den Motor laufen. Nachdem ich Lukas und Leif geholt hatte, fuhren wir mit offenem Verdeck vom Hof.

Lukas hatte sich relativ schnell an den großen Wagen gewöhnt, so konnte ich mich mit Leif ein wenig unterhalten. Er berichtete mir von den Entwicklungen aus dem Internat und warum Chrissi jetzt noch vor den Ferien ins Internat gekommen war. Ich hatte den Eindruck, Leif hatte sich verändert. Er war nicht mehr der oberflächliche Junge, der immer nur an seinen eigenen Spaß dachte. Seine Rolle in der Schülervertretung war ihm gut bekommen. Er ging auch auf viel weniger Partys. Sein Alkoholkonsum war merklich weniger geworden. Hoffentlich waren das keine Anzeichen für Probleme. Bislang sah das aber nicht danach aus. Er schien zufrieden zu sein.

Während ich Lukas immer mal wieder einen Hinweis gab, wo er lang fahren sollte, fragte mich Leif plötzlich:

„Papa, darf ich in den Ferien eigentlich auch mal allein wegfahren? Ich hätte Lust, mal ins Ausland zu fahren. Nur mit ein paar Freunden.“

„Grundsätzlich habe ich damit keine Probleme. Was hast du dir denn so vorgestellt? Mit wem und wohin?“

„Wir sind so vier bis fünf Leute aus unserer Klasse. Matthes Eltern haben in Portugal an der Algarve ein Ferienhaus. Da könnten wir für zehn Tage sehr günstig wohnen.“

„Ok, bis wann muss das entschieden sein?“

„Im Laufe der kommenden Woche. Die Eltern von ihm wollen wissen, ob sie das Haus für uns freihalten müssen, oder ob sie es vermieten können.“

„Bereite das mal vor und dann erklärst du uns bitte genau, wer mitfährt und was ihr bezahlen müsst und wie ihr hinkommen wollt. Ich möchte schon wissen, ob du dir Gedanken gemacht hast.“

Er nickte und gab sich damit zufrieden. Erstaunlich, ich hatte jetzt erwartet, dass er mit mir diskutieren würde. Auch Lukas schien sich zu wundern. Er schaute mich fragend an und zog eine Augenbraue hoch. Ich musste schmunzeln. Wir waren mittlerweile am Ziel angekommen. Eine kleine Werkstatt, in der sich zwei Leute auf alte englische Autos spezialisiert hatten. Draußen standen alte Austin Healeys, MGs und Jaguar. Sogar ein alter Bentley Blower stand auf dem Hof. Was für ein Monster von Auto. Dieses Auto hatte in den dreißiger Jahren die 24h von Le Mans gewonnen.

Lukas hatte den Caddie abgestellt, wollte das Dach schließen, als ich ihn in seinem Tun unterbrach.

„Lass mal ruhig offen. Hier passiert nichts. Dann ist es gleich nicht so heiß.“

Er nickte und schloss lediglich die Türen ab. Wir gingen durch eine kleine Tür und kamen in eine Werkstatthalle. Dort waren zwei Hebebühnen und jede Menge alter Autos. Unser E-Type stand bereits direkt vor dem Tor und wartete auf uns. Einer der beiden Männer kam zu uns und wir begrüßten uns. Marcel war ebenfalls ein Autoverrückter wie ich. Er hatte einen Meisterbrief und hatte bei Daimler Benz gelernt. Vor fünf Jahren hatte er sich selbständig gemacht. Er öffnete das Tor und die Wärme strömte in die Halle. Schnell startete er den Motor des Jaguars und rollte aus der Halle. Er ließ den Motor laufen und schloss das Tor wieder. Wenige Minuten später standen wir um das Cabrio und ich ließ mir erklären, was sie alles am Motor und Getriebe machen mussten. Allerdings war der Wagen jetzt in einen besseren Zustand, als er damals vom Band lief. Auf Motor, Getriebe und die Bremsanlage bekam ich ein Jahr Garantie. Ich unterschrieb die Rechnung und bezahlte mit meiner Kreditkarte.

Nachdem ich mich von ihnen verabschiedet hatte, ging ich nach draußen zu den Jungs. Lukas hatte bereits im Caddie Platz genommen und Leif stand vor dem Jaguar.

„Na, du willst dir die Jungfernfahrt wohl nicht entgehen lassen?“

Leif lachte befreit auf. Dieses Lachen hatte ich früher bei ihm so gemocht. Es war lange nicht mehr zu hören gewesen.

„Naja, ich habe immer nur etwas über dieses Auto gelesen. Wenn ich denn jetzt damit fahren kann, will ich das auch genießen.“

„Guter Gedanke, ich freue mich auch darauf. Heute darf ich ja auch noch einmal, ohne fragen zu müssen, damit fahren.“

Ich schickte Lukas schon mal auf den Heimweg. Ich wollte eine ausgiebige Probefahrt mit Leif machen. Leif stieg auf der Beifahrerseite ein, und als ich die Fahrertür zuzog, hörte ich ein sattes Geräusch. Das war noch richtiges Blech. Innen hatte es einen grandiosen Duft von Leder und Patina. Ich schob den Automatikwählhebel auf D und wir rollten fast geräuschlos vom Hof. Diesem Zwölfzylinder wurde nachgesagt, der laufruhigste Motor der Welt zu sein. Man konnte ein Glas Wasser auf dem laufenden Motor abstellen, ohne dass es durch die Vibration herabfiel.

Ich sah leider auch, dass der Tank nicht gefüllt war. Also mussten wir zuerst einmal tanken fahren. Ich steuerte eine kleine Tankstelle an und stieg aus. Der Jaguar hatte eine weitere Besonderheit. Er hatte zwei 60 Liter Tanks. Er konnte sowohl von rechts, als auch von links betankt werden. Ich nahm also zwei Zapfpistolen und steckte jeweils eine in den Tankeinfüllstutzen. Dieser Vorgang löste bei den anderen Autofahrern ein größeres Interesse aus. Ich stand mit Leif hinter dem Wagen, als ein Junge mit dem Fahrrad an die Tankstelle kam. Er schaute sich den Jaguar sehr genau an und sprach mich dann freundlich an.

„Entschuldigen Sie, darf ich von dem Auto ein paar Bilder machen. Ich liebe diese alten Autos.“

„Natürlich, wenn du mir sagst, wie du heißt.“

„Oh, ja, sorry. Ich heiße Niklas Störmer. Sie sind Herr Steevens, oder?“

Ich musste schmunzeln. Nachdem er Fotos gemacht hatte und mich noch um ein Autogramm gebeten hatte, waren auch die Tanks voll. Ich bat Leif die Zapfpistolen herauszunehmen und ging in den Kassenraum, um zu bezahlen.

Einige Minuten später cruisten wir über die Landstraße und ich genoss diesen satten Klang des Zwölfenders. Die Automatik schaltete butterweich und alle Anzeigen waren im grünen Bereich. Jetzt wollte ich doch mal testen, ob der Motor thermisch auch in Ordnung war, wenn ich etwas flotter fahren würde. Also einmal den Kickdown betätigt und die Raubkatze machte ihrem Namen alle Ehre. Der Motor grollte auf und das Auto flog nach vorne. Jetzt wurde deutlich, dass dieses Auto zu seiner Zeit eines der stärksten und schnellsten Straßenautos war. Alle Anzeigen blieben im grünen Bereich. Der Motor schien kerngesund zu sein.

Leifs Haare wehten durch den Fahrtwind wirr umher. Ich bekam richtig gute Laune und wir hatten unseren Spaß. Wir kamen an einer kleinen Eisdiele vorbei. Ich schaute zu Leif und fragte:

„Na, auch Lust auf ein schönes Eis?“

„Klar, immer doch.“

Also wendete ich und stoppte den Wagen direkt vor der Eisdiele. Wir stiegen aus der Katze und stellten uns in der kleinen Schlange an. Die überwiegend junge Kundschaft schaute sich den Wagen neugierig an. Aber niemand kam auf die Idee, mit seinem Eis in den Innenraum zu schauen. Ich bestellte mir eine Waffel mit drei Kugeln und Leif ebenfalls. Wir lehnten uns nebeneinander an die Motorhaube.

„Na, mein Sohn. So kann man es aushalten, oder?“

„Auf jeden Fall, aber sag mal, weiß Mama eigentlich von diesem Schmuckstück? Sie hat nie etwas davon erwähnt.“

„Nein, sie weiß noch nicht, dass sie heute ihren Traumwagen bekommt. Es wird eine Überraschung. Ich möchte dir jetzt auch mal etwas sagen. Ich habe mir zum Ziel gemacht, dass jeder von uns in der Familie einen Oldtimer bekommt. Luc hat ja seinen Camaro bekommen und ich meine Cobra und den Caddie. Mama jetzt diese Raubkatze. Mick und Lukas bekommen ihren, wenn sie mit dem Studium fertig sind und sie Zeit haben, sich auch darum zu kümmern. Hast du eigentlich auch einen Oldtimer, der dir gefallen würde?“

Leif schaute mich einen Moment überrascht an, überlegte kurz und antwortete dann:

„Ja, einen Traum habe ich schon, aber der ist doch ein wenig unrealistisch und vor allem unpraktisch. Ich finde den alten Ferrari Daytona Spider einfach nur geil.“

„Ja, das ist sicher eines der schönsten Autos auf der Welt. Aber, wie du sehr richtig sagtest, er ist nicht alltagstauglich und auch ein wenig teuer. Hast du vielleicht noch einen anderen alten Wagen im Kopf?“

„Papa, du könntest es dir aber doch leisten, wenn du wolltest, oder?“

Ich wunderte mich nun doch etwas. Leif hatte sich noch nie um unsere Finanzen Gedanken gemacht. Sicherlich wäre es überhaupt kein Problem, mir diesen Traum zu erfüllen. Ich konnte mir eigentlich alles leisten, was mit Geld zu bezahlen gewesen wäre. Ich wollte es aber nicht. Der Daytona würde mir sicher gefallen, aber ich hatte einfach zu wenig Zeit, ihn auch zu fahren. Für Leif sicher das falsche Auto. Und - zu schwierig zu fahren.

„Hm, ich möchte eigentlich nicht groß darüber sprechen, aber ja, wir können uns eigentlich nahezu alles leisten. Ich will das aber gar nicht und du solltest auch nicht anfangen, darüber nachzudenken.“

„Ist schon klar, ich wollte es eigentlich auch nur mal wissen. In der Klasse wurde früher häufiger darüber spekuliert, wer sich was leisten könnte. Ich fand das aber immer schlimm.“

„Ja, kann ich mir gut vorstellen. Aber noch einmal gefragt, hättest du einen Wunsch für ein altes Auto?“

„Naja, ganz ehrlich ich habe schon einen Wunsch, aber ich fürchte, du wirst mich auslachen.“

„So ein Blödsinn. Jeder hat eigene Ideen und Vorlieben. Sag doch einfach mal. Das heißt ja nicht, dass du morgen dann den Traum vor der Tür stehen hast.“

„Einen Karman Ghia als Cabrio. Aber den runden Karman bitte.“

Ich musste wirklich laut lachen. Klar, das war ein sehr schönes Auto. Es war außerdem ein Meilenstein im Autobau der sechziger Jahre. Allerdings hatte es maximal 50 PS und war eigentlich ein Käfer.

Leif wurde jetzt doch ärgerlich, ich bemühte mich, ihn zu beruhigen.

„Leif, sorry. Ich wollte mich nicht lustig machen, aber dieses Auto ist sehr unsicher. Es hat miserable Bremsen und das fällt aus.“

„Aber es ist sehr schön, und kein besonders teures Auto, es gibt viele Ersatzteile.“

„Also gut, das stimmt. Ich werde mal darüber nachdenken.“

Ich hatte spontan eine Idee bekommen, darüber wollte ich aber noch nicht reden. Das musste ich erst noch genauer recherchieren. Wir hatten unser Eis aufgegessen und waren mittlerweile wieder unterwegs.

„Papa, kann ich dich mal was fragen?“

Wir standen gerade an einer Ampel und ich schaute meinen Sohn an. Ich konnte sofort erkennen, dass er sich über etwas Gedanken machte.

„Schieß los.“

„Nun, ich bin ja seit einiger Zeit in der Schülervertretung und habe dort einiges gelernt. Ich habe gemerkt, dass es doch nicht so einfach ist, auch als Lehrer. Ich habe da aber auch jemanden kennengelernt, der neu an unsere Schule gekommen ist. Du hast vorhin schon von ihr gehört.“

„Chrissie?“

„Genau, sie heißt eigentlich Christine, aber sie möchte Chrissi genannt werden. Sie ist total locker und ich finde sie richtig nett. Leider musste sie noch vor den Ferien hierher kommen, weil sich ihre Eltern getrennt haben. Sie spielt extrem gut Tennis und ist sehr sportlich. Ich mag sie einfach.“

„Ja, und? Was möchtest du jetzt fragen?“

„Ich würde sie gerne einmal einladen. Ich finde, sie braucht Freunde, die sich jetzt um sie kümmern. Ich würde damit anfangen. Ich fand es damals ganz schlimm, als ich neu hier war. Niemand kümmerte sich wirklich um mich und ich musste alles allein machen, bis ich die ersten Freunde hatte.“

„Leif, was ist das für eine Frage? Lade sie doch einfach ein. Das war doch noch nie ein Problem.“

„Schon, aber jetzt ist Stefan auch oft bei uns und ich wollte nicht noch mehr Unruhe in unser Haus bringen.“

„Unsinn, lade sie ein. Und wenn sie gut im Sport ist, umso besser. Verabrede dich mit ihr auf dem Tennisplatz. Also ich finde gut, wenn du dich um sie kümmern möchtest. Allerdings habe ich so das Gefühl, du magst sie auch.“

Leif wurde ein wenig verlegen, das war doch ein seltenes Schauspiel. Sonst immer einen lockeren Spruch auf Lager und jetzt bekam er kaum einen Satz heraus.

„Hm, ja. Ich finde sie nett. Vielleicht ergibt sich ja mal eine richtige Freundschaft und nicht immer nur diese oberflächlichen Sachen. Ich möchte auch jemandem richtig vertrauen können.“

Das waren ganz neue Töne von meinem Leif. Ich freute mich jedenfalls und gab ihm Rückendeckung. Er sollte sie einfach mal mitbringen und kennenlernen. Dann würde man weitersehen.

Dann rollten wir in unsere Einfahrt und ich stellte den Motor ab und öffnete die lange Motorhaube, um alle Betriebsstoffe zu überprüfen. Leif ging schon einmal ins Haus, um nach Sabine zu schauen. Ich stand noch vornübergebeugt und schaute in den Motorraum, als ich Sabine entzückt rufen hörte.

„Wow, ein E-Type. Mein Traumauto. Schatz, wo hast du denn den hergeholt?“

Ich drehte mich um und sie umarmte mich.

„Na, Schatz, also gefällt dir das Auto?“

„Was für eine Frage, ich hatte schon immer den Traum, einmal einen E-Type fahren zu dürfen. Wo hast du dir den geliehen? Ich wusste gar nicht, dass man hier so etwas leihen kann.“

„Ähm, ja. Also leihen ging auch nicht so wirklich. Ich habe jemanden gefragt, der ihn besessen hat.“

Leif bekam sein Grinsen kaum unter Kontrolle. Sabine hatte noch keine Ahnung, dass das ab sofort ihr Auto war.

„Toll, und jetzt machen wir eine Ausfahrt damit? Ich würde so gerne einmal damit fahren.“

Ich überlegte einen Moment und gab ihr einfach die Schlüssel und die Papiere. Sie schaute mich an und stutzte.

„Du lässt mich wirklich damit fahren? Wahnsinn, weißt du eigentlich, dass du mir damit einen Kindheitstraum erfüllst?“

Ich nickte, schloss die Motorhaube und ging zur Beifahrertür. Sabine war bereits eingestiegen und saß vollkommen gebannt hinter dem großen Holzlenkrad. Sie schaute über die Instrumente und strahlte.

„Eigentlich müsstest du mir ja auch erst alles erklären, aber nur für eine Ausfahrt ist das wohl nicht nötig.“

„Ähm, Schatz. Schau doch bitte einmal in die Papiere. Da steht eine Information, die könnte für dich wichtig sein.“

Sie nahm den KFZ-Schein und schaute darauf. Sie schaute noch einmal und wieder zu mir. Jetzt schien sie langsam zu begreifen, dass ich den Jaguar nicht nur geliehen hatte.

„Du bist verrückt, weißt du das?“

„Ja, manchmal schon. Was ist? Freust du dich? Es ist dein Auto.“

Jetzt war auch ihre sonst so unerschütterliche Ruhe vorbei. Sie fiel mir um den Hals und wir küssten uns. Anschließend starteten wir zu einer ausgedehnten Probefahrt. Sabine strahlte und lachte, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen hatte. Nach einer Stunde waren wir wieder zu Hause angekommen und erst jetzt hatte sie es wirklich begriffen. Der Jaguar war ihr Auto.

Luc: Ein Wochenende im Zelt

Stef und ich waren schon eine halbe Stunde unterwegs und bislang waren wir nur auf Straßen und Radwegen unterwegs. Entsprechend nervig waren die Autos. Wir hatten auch keine Lust, an der Straße eine Rast zu machen. Allerdings ging es ab jetzt durch einen Wald und wir bogen in einen Waldweg ein. Wenige hundert Meter weiter war von den Autos nichts mehr zu hören, die Vögel zwitscherten und die Bäume rauschten im Wind. Durch die Blätter war es sehr angenehm zu fahren. Immer legte sich kühler Schatten über den Weg. Als wir an eine Lichtung mit einer Weggabelung kamen, meinte Stef:

„Was meinst du, machen wir hier eine kleine Pause. Dort ist auch eine Bank.“

„Ja, das ist eine gute Idee. Wir haben ja Zeit und hier ist es wirklich sehr schön.“

Wir stellten die Räder an einem Baum ab und setzten uns auf die Bank. Die Rucksäcke stellten wir an die Seite und jeder holte sich eine Flasche Wasser aus seinem Rucksack. Herrlich, so ein kühles, frisches Wasser. Wir hatten auch den Vorteil, dass wir keine Lebensmittel mitnehmen mussten. Das hatten Nicos Eltern organisiert. Sie hatten für uns gleich mit eingekauft. Somit brauchten wir nur unser kleines Zelt, Schlafsack und Badesachen mitzunehmen.

„Ich freue mich richtig. Weißt du eigentlich, dass das für mich das erste Mal ist, im Zelt zu schlafen. Das wird bestimmt lustig.“

„Oh ja, lustig wird das bestimmt, vor allem mit den beiden. Nico hat immer irgendwelchen Blödsinn im Kopf.“

Wir mussten beide lachen und ich gab meinem Freund einen Kuss. Nach wenigen Minuten beschlossen wir, wieder aufzubrechen. Sonst würde noch mehr Zeit des Tages verloren gehen. Es war auch nicht mehr weit. Uns begegneten immer wieder andere Radfahrer oder Wanderer. Der Wind war nicht sonderlich stark, aber kräftig genug, um für eine kühlende Brise zu sorgen. Die restliche Strecke bewältigten wir recht zügig und kamen gut gelaunt am Campingplatz an. Wir mussten uns vorne anmelden und unseren Platz bezahlen, dann durften wir mit den Rädern auf den Platz. Jetzt mussten wir nur noch die beiden finden. Ich entschloss mich, Nico mit dem Handy anzurufen, damit wir uns treffen konnten. Das klappte auch hervorragend und nach fünf Minuten waren wir an ihrem Platz angekommen. Wir begrüßten uns und Tommy hatte schon den Grill angeworfen. Schnell hatten wir unser kleines Zelt aufgebaut und die Sachen verstaut. Ohne die Fahrradklamotten war es richtig angenehm. Kurze Hose und T-Shirt war genau die richtige Bekleidung.

Nico hatte Würstchen und Steaks aus der Kühlbox geholt und gab sie Tommy, der sie sogleich auf den Grill legte.

„Was wollt ihr eigentlich essen? Würstchen oder Steak?“, fragte Nico.

„Ich mag beides und du, Stef?“

„Auch beides, wenn ich irgendwas helfen kann, sagt Bescheid.“

„Nein danke, ist nicht nötig. Wir haben ja auch nicht so viel zu tun. Nico kannst du schon mal ein paar Pappteller hinstellen.“

Wir standen alle um den Grill und ich legte meinen Arm um Stef und wir genossen diese Situation. Hier brauchten wir uns nicht zu verstecken. Auch Nico und Tommy schmusten immer wieder miteinander. Das Fleisch war wirklich sehr lecker und nachdem wir reichlich gegessen hatten, schlug Tommy vor, uns den Platz zu zeigen. Es gab noch ein Feld für Beachvolleyball und Tischtennisplatten. Natürlich auch noch den kleinen See mit dem Badebereich. Nach einer halben Stunde hatten wir alles gesehen und Nico wollte ins Wasser. Ich hatte noch das Essen im Magen und wollte noch warten. Allerdings gingen wir mit ans Wasser und Stef und ich legten uns in die Wiese am Wasser. Zwischendurch war ich mit Stef mit den Füßen durchs Wasser gelaufen. Dieser Platz war wirklich wunderschön, allerdings waren wir doch recht allein, was Leute in unserem Alter betraf. Die meisten waren schon eher Richtung Rentenalter. Mir gefiel das, so war es sehr ruhig und wir konnten auch mal richtig ausspannen.

Es war bereits Nachmittag geworden, als mir einfiel, ich wollte ja zu Hause anrufen, wenn wir angekommen waren. Das holte ich doch besser schnell nach. Mama würde sonst wieder einen riesen Aufstand machen. Als ich mich meldete, war sie zwar erleichtert, aber die obligatorische Ermahnung blieb nicht aus. Tommy stand plötzlich neben mir und bekam das Ende des Telefonats noch mit. Er grinste mich an, als ich das Telefon wieder in die Tasche steckte.

„Na, hat die oberste Heeresleitung wieder gemeckert, weil du dich zu spät gemeldet hast?“

„Jop, manchmal ist es schon nervig. Aber andererseits unterstützen mich meine Eltern auch überall. Da lässt sich das schon noch gut aushalten.“

Jetzt mussten wir lachen und Tommy nahm mich wieder mit ans Wasser. Stef lag immer noch auf dem Handtuch auf der Wiese und Nico tobte im Wasser herum. Er war eine echte Wasserratte. Glücklicherweise hatten wir noch eine andere Gruppe Jungs getroffen, die mit ihren Großeltern am Wochenende hier waren. Sie waren etwas jünger als wir, aber sehr nett.

Es wurde langsam kühler und wir hatten uns mit den anderen vier zum Beachvolleyball bewegt. Sie hatten auch einen Ball dabei, somit tobten wir dort eine ganze Zeit mit ihnen herum. Stef wurde immer lockerer und freier. Er hatte keine Berührungsängste zu den anderen Jungs. Ich genoss diese Stunden. Es war einfach herrlich, allein auf einem Campingplatz und die besten Freunde um sich zu haben. Das Volleyball spielen machte hungrig. Jens, einer der anderen Jungs fragte uns, ob wir nicht Lust hätten, mit zu seinen Großeltern zu kommen. Sie hatten einen Wohnwagen und würden genug zu grillen haben. Stef war das erst unangenehm, aber Nico sagte sofort zu. Wir wurden eigentlich gar nicht gefragt. Jens war zwölf und seine Freunde auch alle zwischen zwölf und dreizehn. Wir wollten uns noch schnell im Wasser etwas erfrischen, frische Sachen anziehen und dann mit zu Jens gehen.

Wenige Minuten später waren wir vier auf dem Weg zum Wohnwagen von Jens Großeltern. Der Zeltplatz war ein wenig abseits von den Wohnwagen gelegen, so hatten wir doch ein paar Minuten zu gehen. Überall standen sehr gepflegte Parzellen mit Wohnwagen. Ich konnte schon erkennen, dass hier überwiegend ältere Leute lebten. Als wir an dem beschriebenen Wohnwagen ankamen, warteten die anderen Jungs schon auf uns. Wir wurden freudig begrüßt und Jens stellte uns seinen Großeltern vor. Das waren sehr nette und offene Leute. Ich schätzte ihn so auf Anfang sechzig und sie war vermutlich noch etwas jünger. Sie begrüßten uns sehr freundlich und herzlich. Ich stellte meine Freunde und mich kurz vor, dann fragte Stef, ob er noch etwas helfen könnte. Der Großvater schaute ihn freundlich an und erwiderte:

„Wenn du möchtest, kannst du für einen Moment den Grill übernehmen. Dann kann ich gerade noch mit Jens etwas zu trinken holen.“

Stef nickte und übernahm die Grillzange und ich stellte mich mit ihm an den Grill. Nico und Tommy deckten mit den anderen und der Großmutter den großen Campingtisch. Es war alles ein wenig eng, aber ich mochte das unkomplizierte Leben auf dem Campingplatz. Vielleicht würde Papa ja auch einmal mit uns so ein Wochenende machen. Warum eigentlich nicht?

Stef wendete regelmäßig das Fleisch und die Würstchen, immer wieder flammte mit lautem Zischen das Feuer auf. Fett tropfte in die Glut und so entstand ein herrliches Aroma in der Luft. Ich bekam richtig Hunger. Dabei stand ich ganz eng, halb hinter meinem Freund. Jens Freunde schauten ab und zu herüber. Plötzlich rief einer der anderen Jungs:

„Lucien, passt du eigentlich auf den Grill auf oder auf Stefan, dass er das richtig macht?“

Gelächter kam auf, eigentlich ein lustiger Spruch. Ich fand ihn sogar richtig gut. Dennoch wusste ich nicht so recht, wie ich darauf antworten sollte. Auch Nico und Tommy schauten sehr gespannt zu uns. Stef überraschte mich mit einer sehr schlagfertigen Antwort:

„Nun, seid doch froh, dass er auf mich aufpasst. Schließlich wollt ihr ja auch was zu essen haben, oder nicht?“

Puh, Stef hatte sehr clever geantwortet und ich ging doch ein wenig mehr auf Abstand zu meinem Freund. Ich wollte uns keinen Stress einhandeln. Wer weiß, wie die Großeltern damit umgegangen wären.

Stefs Grillkünste waren wirklich gut, denn das Fleisch wurde zügig fertig und als Jens mit seinem Großvater zurückkam, war bereits alles fertig gegrillt und stand auf einer Warmhalteplatte. Wir sollten jetzt alle Platz nehmen und dieser Aufforderung folgten wir gerne. Mein Appetit war entsprechend groß. Allerdings waren sowohl das Fleisch, als auch der Kartoffelsalat ganz hervorragend. Beim Essen erzählten wir den Großeltern, wo wir herkamen und was wir so machten. Jens lebte eigentlich bei seinen Eltern, aber an den Wochenenden war er fast immer bei seinen Großeltern auf dem Campingplatz. Sie hatten ein sehr enges Verhältnis zueinander. Das fand ich ganz toll. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile und zum Schluss wurden wir von Jens auch gebeten, ihn doch noch einmal am Wochenende zu besuchen. Das würden wir sicher gerne machen. Uns hatte das sehr gut gefallen und es wurde bereits dunkel, als mich der Großvater fragte:

„Lucien, bleibt ihr eigentlich über Nacht? Oder fahrt ihr jetzt noch im Dunkeln wieder nach Hause?“

„Nein, wir haben drüben auf dem Zeltplatz unsere Zelte stehen. Wir fahren erst morgen wieder zurück.“

„Dann ist ja gut. Ich wäre schon in Sorge, wenn ihr jetzt noch zurückfahren wolltet.“

„Nein, das wäre uns zu gefährlich, da hätten auch meine Eltern nicht mitgemacht.“

Die anderen warteten schon auf dem Weg, als sie bemerkten, dass ich noch mit dem Großvater sprach.

„Luc, kommst du. Wir wollen los“, rief Tommy schon.

Ich verabschiedete mich von Jens Großeltern und bedankte mich noch einmal für den netten Abend und dann machten wir uns auf den Weg zu unserem Zeltplatz. Wir redeten erst nur belangloses Zeug, bis Stef plötzlich fragte:

„Ist euch bei Jens etwas aufgefallen?“

Wir wunderten uns und sofort hatte Stef unsere ganze Aufmerksamkeit. Nico schien zu überlegen und auch Tommy hatte die Frage völlig anders verstanden. Denn er meinte scherzhaft:

„Nur, dass er richtig süß aussieht, wenn er nicht so jung wäre …“

Darauf bekam er von Nico sofort einen kräftigen Stoß in die Rippen und Tommy schrie kurz auf.

Ich bemerkte aber bei Stef eine ungewöhnliche Ernsthaftigkeit. Er reagierte überhaupt nicht auf diese Albernheiten. Er hatte nach dieser albernen Reaktion von Tommy sofort das Thema gewechselt und wollte nicht mehr darauf eingehen. Ich hatte sofort bemerkt, dass er eine Beobachtung gemacht hatte. Wir kamen an unseren Zelten an und setzten uns noch für einen Moment an den See. Nico und Tommy wollten noch duschen gehen und waren bereits in Richtung Badehaus gegangen.

Stef und ich saßen nebeneinander am Wasser und ich hatte meinen Arm um ihn gelegt. Für einen Moment saßen wir still am Wasser und schauten auf den See.

„Du hast bei Jens etwas beobachtet. Was ist dir aufgefallen?“

Stef holte tief Luft und ich spürte, er hatte eine wichtige Beobachtung gemacht.

„Schatz, ich weiß nicht, ob ich Recht habe, aber ich glaube, dass es Jens zu Hause nicht so gut geht, wie es den Anschein hat. So ausgelassen wie heute ist er sonst nie gewesen. Das hat mir seine Großmutter erzählt, als ich am Grill stand. Sie hat sich tierisch gefreut, dass ihr Enkel heute so lustig war.“

Ich überlegte einen Moment, konnte mir aber keine ungewöhnliche Situation vorstellen, wo mir etwas hätte auffallen können. Ich wusste aber, Stef hatte noch mehr gesehen. Er wollte vorhin nicht mehr darüber reden.

„Du hast aber noch mehr gesehen. Willst du mir davon erzählen? Oder erinnert dich das an etwas?“

„Du kennst mich sehr gut. Ja, ich habe etwas beobachtet. Ist dir aufgefallen, dass Jens im Wasser immer sein T-Shirt anbehalten hat? Erst habe ich darüber gar nicht nachgedacht, aber vorhin beim Essen ist mir der Gedanke erneut gekommen. Er hat sich im Wohnwagen ein anderes Shirt angezogen. Wir würden das einfach draußen machen, aber früher habe ich das genauso gemacht. Niemand sollte meine Blutergüsse sehen. Ich weiß nicht, ob ich Recht habe, aber du hast mir gezeigt, dass man hinsehen soll.“

Mir blieb fast die Luft weg. Ich musste nachdenken und es stimmte alles, was Stef beschrieben hatte.

„Du hast schon Recht, auch, dass die Großeltern seine besondere Fröhlichkeit erwähnten, macht mich nachdenklich. Was meinst du, sollten wir jetzt tun?“

In diesem Moment kamen Nico und Tommy von den Duschen zurück. Sie wunderten sich, dass wir immer noch am See saßen.

„Hey, hier seid ihr also. Wir haben euch schon gesucht.“

„Ach Tommy, lass sie doch. Es ist doch wirklich schön hier. Hier kann man ungestört kuscheln und reden. Dürfen wir uns noch einen Moment zu euch setzen oder wollt ihr lieber allein bleiben?“

Ich schaute meinen Freund an und er nickte. Also bot ich den beiden an, sich zu uns zu setzen. Ich war immer noch ein wenig verärgert über die Reaktion vorhin. Stef hingegen hatte für sich eine Entscheidung getroffen. Er sprach Tommy direkt auf seinen dummen Spruch vorhin an. Er erklärte beiden seine Beobachtungen und was er dabei fühlen würde. Als er fertig war, herrschte für einen Moment völlige Stille. Nur die Grillen und die Vögel waren neben dem leisen Plätschern des Wassers zu hören.

„Scheiße“, entfuhr es plötzlich Nico.

„Wie dumm war ich vorhin bloß? Ich hätte doch nie gedacht, dass du so eine Sache meinen würdest. Ich muss wohl mehr nachdenken, bevor ich reagiere. Stefan, es tut mir sehr leid. Verzeihst du mir das?“

Stef bekam ein Lächeln in sein Gesicht und er entspannte sich wieder. Was für eine Veränderung mein Freund in den letzten Wochen durchlaufen hatte. Stef erklärte jetzt auch den beiden seine Beobachtungen und was für Gedanken er hatte. Tommy und Nico hörten schweigend zu und als Stef geendet hatte, meinte Nico nur:

„Was machen wir jetzt? Wenn Stefan recht hat, müssen wir etwas unternehmen. Vielleicht will uns Jens ja auch etwas mitteilen. Was meinst du, sollen wir jetzt machen, Luc?“

„Stef, was hätte dir damals geholfen? Hättest du dir gewünscht, deine Freunde hätten dich direkt angesprochen oder hättest du es damals abgestritten aus Angst?“

Ich wunderte mich über mich selbst. Vor drei Wochen hätte ich niemals mit meinem Freund so ein Gespräch geführt. Ich hätte viel zu viel Angst vor seiner Reaktion gehabt. Heute war Stef ein anderer Mensch. Er schaute mich aus seinen wachen und lebendigen Augen an und antwortete:

„Nein, ich hätte gelogen. Weil ich Angst vor meinen Eltern hatte. Ich glaube, wir müssen anders vorgehen. Ich habe auch eine Idee, aber ich weiß nicht, ob es richtig ist.“

Er berichtete seine Idee und ich persönlich fand das sehr gut. Wir wollten am nächsten Morgen bei Jens vorbei gehen und ihn fragen, ob er mit uns an den See kommt. Dort würden wir geschickt versuchen, einen Blick auf seinen Oberkörper zu bekommen. Damit waren alle einverstanden und in Anbetracht der Uhrzeit beschlossen wir, jetzt ins Zelt zu gehen und uns hinzulegen.

Es war immer noch recht warm im Zelt und so kuschelten wir uns eng in einen offenen Schlafsack. Leise sprachen wir noch über den gemeinsamen Tag. Dabei genoss ich die Nähe zu meinem Freund. Ich hätte gern noch mehr mit ihm gemacht, aber wir entschieden uns, das auf zu Hause zu verschieben und so schliefen wir bald eng umschlungen ein.

Wir wachten schon recht früh auf. Die Sonne schien und das Zelt hatte sich schnell erwärmt. Ich öffnete den Reißverschluss vom Eingang und frische Luft strömte in unser kleines Zelt. Über dem See lag noch eine leichte Dunstwolke vom Morgentau. Ich drehte mich um und gab meinem Freund erst einmal einen Guten-Morgen-Kuss. Daraus entwickelte sich schnell eine kleine Balgerei und das Resultat war, dass nebenan Tommy und Nico auch erwachten.

Wir standen bald alle mit Handtüchern und Duschzeug in der Hand vor unseren Zelten. Nico schien noch nicht so ganz wach zu sein und wurde Opfer einer Kitzelattacke von Stef. Das war für mich doch sehr verwunderlich. Vor kurzer Zeit wäre so etwas unvorstellbar gewesen. Ich freute mich über meinen Freund und auch Tommy schien sich zu freuen, denn er hatte ein schadenfrohes Lachen im Gesicht.

„Na, wenn die Herren Kinder es haben, können wir gehen?“, meinte ich dann belustigt.

Bevor Stef auch mich mit dem Kitzeln überfallen konnte, hatte ich aber bereits drei Schritte in Richtung Badehaus gemacht.

Das Duschen ging schnell und wir waren nach einer Viertelstunde wieder an unseren Zelten. Zum Frühstück gab es Obst und Brote. Heute Mittag wollten wir noch einmal den Grill anwerfen und dann nach Hause fahren. Als wir in der Sonne vor unseren Zelten saßen, kam mir der Gedanke von gestern wieder in den Sinn.

„Was meint ihr, sollen wir schon mal bei Jens vorbei oder ist es noch zu früh?“

„Lasst uns noch etwas warten, außerdem bin ich auch noch nicht ganz wach.“

Das war wieder typisch Tommy. Er war ein Morgenmuffel. Stef nahm das als Anlass, uns erst einmal zum See zu schleifen. Wir schwammen eine kleine Runde und danach war auch Tommy wach. Die Sonne stand schon so hoch, dass wir uns nur ein paar Minuten in die Sonne legen mussten, um wieder zu trocknen. Außerdem nutzten wir diese Situation, um noch ein wenig zu schmusen. Allerdings spürte ich bei Stef eine aufkommende Unruhe.

„Was ist los? Warum wirst du so unruhig?“, fragte ich ihn.

Er wurde nachdenklich.

„Ach weißt du, ich hoffe sehr, dass ich mich geirrt habe und bei Jens alles in Ordnung ist. Aber was ist, wenn ich Recht habe. Was machen wir dann?“

Es kamen die Dinge wieder hoch, als ich Stef kennengelernt hatte. Umso entschlossener war ich, Jens dann auch zu unterstützen.

„Wir werden es genauso machen, wie bei dir. Ich bin fest entschlossen, nicht wegzuschauen.“

Tommy wurde sehr ruhig und meinte nachdenklich: „Hoffentlich irren wir uns und es ist alles in Ordnung.“

„Ja, hoffentlich ist alles in Ordnung. Ich denke aber, wir sollten es herausfinden. Lasst uns gehen. Vielleicht kommt er ja mit.“

Somit standen wir auf und marschierten alle vier zum Wohnwagen von Jens Großeltern. Als wir um die Ecke bogen und auf den Wohnwagen zu kamen, saßen die drei in der Sonne und frühstückten. Wir wurden freundlich begrüßt. Jens war sichtlich erstaunt, aber auch froh, dass wir ihn besuchen kamen. Seine Freunde von gestern hatten sich noch nicht sehen lassen. Wir wurden gefragt, ob wir gut geschlafen hatten und dann stellte ich die entscheidende Frage:

„Hast du Lust, mit uns zum See zu kommen? Wir sind nur noch bis heute Mittag hier. Wir müssen dann wieder zurückfahren.“

Er schaute uns ein wenig überrascht an, fragte seine Großeltern, die aber sichtlich erfreut waren, dass ihr Enkel hier neue Freunde gefunden hatte. Somit holte er schnell seine Sachen aus dem Wohnwagen und kam direkt mit uns mit. Auf dem Weg zum Wasser alberten wir herum und Jens war sehr gelöst. Ein typisch zwölfjähriger Junge. Wir hatten nur unsere Turnschuhe und Boxershorts an und er hatte wie gestern noch ein T-Shirt an. Bevor wir zum See gingen, kamen wir am Beachvolleyball vorbei. Jens überredete uns, erst noch ein Match zu spielen. Wir spielten drei Sätze und hatten auch sehr viel Spaß, aber Jens behielt, trotz der schwülen Wärme sein Shirt an. Wir wollten ihn aber auch nicht bedrängen. Er machte einen sehr fröhlichen Eindruck, er lachte mit uns und alberte herum. Wir hatten viel Spaß. Bald kam auch noch einer seiner Freunde vorbei und wir waren nun zu sechst. Ich war schon ziemlich kaputt und schlug vor, uns erst einmal im Wasser abzukühlen. Der Weg war nicht weit und wenige Minuten später waren wir älteren bereits im Wasser. Jens blieb mit seinem Freund am Ufer. Ich entschloss mich jetzt, zu ihm zu gehen.

„Hey, wollt ihr nicht mit ins Wasser kommen? Es ist so schön erfrischend. Zieh einfach dein Shirt aus und komm mit.“

Jens schaute mich von unten an und ich konnte seine Unsicherheit spüren. Sein Freund schien es zu ahnen, was meine Absicht war.

„Lucien, kannst du dich einen Moment zu uns setzen?“

Ich konnte bei Jens im Gesicht pure Angst erkennen. Er wollte bereits aufstehen und weglaufen, aber sein Freund hielt ihn am Boden. Als ich mich zu ihnen gesetzt hatte, begann Heiko mir etwas zu erzählen. Er berichtete mir von einem schlimmen Unfall, bei dem Jens schwere Verbrennungen, davon getragen hatte. Seine Brust sei mit Narben übersät und er schäme sich dafür. Tränen standen Jens in den Augen, als Heiko seine Erklärungen beendet hatte. Ich war tief betroffen.

„Wann ist das denn passiert? Wie alt warst du, als das passiert ist?“

Jens holte Luft und antwortete leise:

„Erst vier, es war ein Unfall. Meine Mutter hatte nicht aufgepasst und heute schäme ich mich dafür. In meiner Klasse machen sich einige darüber lustig. Ich wollte euch nicht abschrecken und es ist mir peinlich.“

„Mensch Jens, das tut mir wirklich leid, aber weißt du, wir haben einen ganz anderen Verdacht gehabt. Stef, mein Freund, hatte gestern den Verdacht, dass du vielleicht misshandelt worden bist und deshalb deinen Oberkörper nicht zeigen möchtest. Wir haben uns Sorgen gemacht. Darf ich die anderen zu uns holen? Ich verspreche dir, niemand von uns wird sich über dich lustig machen oder einen blöden Kommentar abgeben.“

Er nickte mir zu. Heiko nahm ihn in den Arm, denn Jens schien sehr verängstigt zu sein. Ich stand also auf und ging wieder zum Wasser zu meinen Freunden, die mich bereits fragend ansahen.

„Leute, kommt bitte mit. Wir sollten da etwas klären. Jens hat mir die Geschichte erzählt. Aber er soll es euch selbst erzählen.“

Alle drei waren sofort aus dem Wasser und folgten mir zu Heiko und Jens. Wir setzten uns in einen Kreis und Jens begann ihnen das zu erzählen, was ich zuvor gehört hatte. Als er fertig war, schaute er uns erwartungsvoll an. Nico war der Erste, der aussprach, was wir alle gedacht hatten.

„Das kann ja wohl nicht sein, du wirst für diese Folgen auch noch gehänselt? Boah, ich würde ausrasten, wenn ich das mitbekommen würde. Die würden ihr blaues Wunder erleben. Ich könnte kotzen.“

Tommy holte Luft und meinte:

„Ich verstehe deine Angst, aber ich glaube, du musst hier mit uns keine Angst haben. Ich finde es schade, dass du Angst haben musst, deinen Körper zu zeigen, wie er ist. Ich würde mich freuen, wenn du uns vertraust und deinen Körper nicht mehr vor uns versteckst. Vielleicht können wir dir sogar helfen.“

Jens begann zu lächeln und ganz leise hörten wir ein:

„Danke, ich freu mich, euch kennengelernt zu haben.“

Anschließend zog er sein Shirt aus und wir konnten die Narben sehen. Es sah wirklich immer noch sehr schlimm aus und wir konnten uns vorstellen, was für Schmerzen er gehabt haben musste und vielleicht noch hatte. Ich wollte mehr von ihm wissen.

„Wenn du magst, erzähle uns mehr von diesem Unfall und den Folgen. Hast du eigentlich heute immer noch Schmerzen oder ist alles verheilt?“

Er berichtete uns sehr ausführlich über seine Erfahrungen und Arztbesuche, die Operationen mit Hauttransplantationen und den folgenden Reha-Maßnahmen. Eine lange Leidensgeschichte und ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie er gelitten hatte. Und zu allem Überfluss kamen dann noch die Hänseleien seiner Klassenkameraden hinzu. Wir hörten schweigend zu, und als er fertig war, spürte ich, wir hatten hier zwei neue Freunde gefunden.

„Lucien, warum kümmert ihr euch um mich? Ich bin doch viel jünger als ihr und es ist doch bestimmt uncool, mit einem Zwölfjährigen gesehen zu werden.“

Das war die Steilvorlage für Stef, der schon die ganze Zeit unruhig neben mir gesessen hatte. Er fuhr Jens dazwischen:

„Nun ist aber genug. So ein Blödsinn. Es spielt für uns keine Rolle, wie alt du bist. Wichtig ist, dass du zu uns passt, wir uns verstehen. Damit du verstehst, warum wir so aufmerksam hingeschaut haben, möchte ich euch etwas erzählen. Wenn ich damals nicht auf Lucien getroffen wäre, würde ich heute sehr wahrscheinlich nicht mehr leben.“

Nach diesem Satz hielt ich die Luft an. Wollte Stef wirklich ihnen seine ganze Geschichte erzählen? Er wollte und er tat es. Er erzählte ihnen alles. Alles, was er damals erleiden musste und wie glücklich er heute ist, mit uns als seinen Freunden und dem Anschluss an eine neue Familie. Über eine dreiviertel Stunde berichtete Stef von seiner Lebensgeschichte. Als er fertig war, herrschte eine gespenstische Stille. Ein Nachsatz war ihm noch wichtig.

„Das ist der Grund gewesen, warum ich bei dir so misstrauisch gewesen bin. Ich bin sehr froh, dass es bei dir eine andere, wenn auch ebenfalls nicht schöne Ursache gibt.“

Nach diesem Satz sackte Stef erschöpft zusammen. Ich legte ihm meinen Arm um die Schulter und wir gingen ein paar Schritte von den anderen weg. Ich streichelte ihm den Rücken und gab ihm einen Kuss. Es war mir egal, ob Jens und Heiko es mitbekommen würden. Wenn wir Freunde werden sollten, dann würden sie es eh erfahren. Ich war sehr stolz auf meinen Freund. Er hatte seine Erfahrungen genutzt, einem anderen zu helfen. Für mich ein Wendepunkt. Er würde damit beginnen, anders mit dem Leben umgehen zu können. Ich hatte jedenfalls die Hoffnung, dass es sein würde. Ich bemerkte allerdings durch meine Gedanken nicht, dass sich Jens zu uns gestellt hatte. Ich zuckte ein wenig zusammen, als er uns ansprach:

„Stefan, danke für deine Hilfe. Ich weiß dein Vertrauen zu schätzen. Ich würde gerne euer Freund sein.“

Stef schaute ihn an und umarmte ihn einfach. Ich tat es ihm gleich, somit dürfte klar sein, dass wir Freunde sein würden.

„Jens, da ist noch etwas, was ihr wissen solltet.“

Jetzt schaute er uns mit einem Lächeln ins Gesicht und auch die anderen waren zu uns gekommen. Bevor ich weitersprechen konnte, meinte Jens:

„Ich weiß, ihr seid schwul, oder?“

Tommy staunte und auch Nico bekam große Augen. Ich konnte es kaum glauben, da standen zwei zwölfjährige Jungs und erklärten uns ganz trocken, dass sie es geahnt hatten, aber damit überhaupt keine Probleme hätten. Das war für uns das Startsignal, endlich ins Wasser zu stürmen. Der Vormittag war damit sehr schnell vorbei und wir gingen zurück zu unseren Zelten. Tommy zündete den Grill an und wir luden unsere beiden neuen Freunde zum Essen ein. Sie wollten ihren Eltern und Großeltern aber Bescheid sagen. Somit saßen wir für einige Zeit allein an unseren Zelten und Nico brachte es auf den Punkt:

„Ist doch komisch, dass uns die beiden zeigen, wie man mit Homosexualität umgehen kann. Das schaffen nicht einmal viele Erwachsene. Ich mag sie beide. Was meint ihr?“

Wir waren uns sehr schnell einig, dass wir neue Freunde hatten und wir uns mit ihnen die Adressen austauschen wollten. Da hörten wir sie auch schon zurückkommen. Sie hatten einen Korb mitgebracht, in dem einige leckere Sachen waren. Die sollten wir ebenfalls auf den Grill legen, meinten Jens Großeltern. Das taten wir auch und es wurde ein lustiges Mittagessen. Zum Abschluss tauschten wir noch unsere Adressen und Telefonnummern aus. Dabei stellten wir fest, dass Jens gar nicht so weit von uns entfernt wohnte. Wir machten aus, dass wir morgen telefonieren würden.

Tommy löschte den Grill mit reichlich Wasser aus dem See und wir packten unsere Sachen zusammen. Es wurde Zeit unser gemeinsames Zeltwochenende zu beenden. Eine dreiviertel Stunde später saßen wir auf unseren Rädern und fuhren gemeinsam nach Hause. Ich hatte noch bei meinen Eltern angerufen und gemeldet, dass alles in Ordnung war und wir jetzt auf dem Heimweg wären.

Marc: Planungen für die Ferien

Ich saß in meinem Büro und war gerade dabei die Planungen für unser Rennen auf der Nordschleife zu planen, als es klopfte. Leif stand in meiner Tür und neben ihm stand ein wirklich hübsch aussehendes Mädchen. Kurze, dunkelblonde Haare und sehr sportlich gekleidet.

„Hallo Leif, wen hast du denn da mitgebracht?“

„Hi Papa, darf ich vorstellen, das ist Chrissi.“

Hui, da hatte sich mein Sohn aber ein toll aussehendes Mädchen ausgesucht. Ich stand auf, ging ihr entgegen und begrüßte sie mit einem Handschlag.

„Hallo Chrissi, ich bin Leifs Vater.“

„Guten Tag, Herr Steevens, ich freue mich Sie kennenzulernen.“

„Naja, es wurde ja auch mal Zeit. Wie lange kennt ihr euch jetzt schon? Ein paar Wochen doch sicherlich, oder?“

Sie wurde ein wenig verlegen, nickte aber.

„Na, Leif, ich denke, du zeigst ihr mal unser Haus. Wenn was sein sollte, ich habe hier noch ein wenig zu tun. Und bitte, Stefan ist bei Luc zu Besuch.“

Ich zwinkerte Leif zu und er nickte verstehend. Anschließend verließen sie mein Büro wieder. Ich setzte mich an den Schreibtisch und plötzlich kamen mir Gedanken, die mich für einige Minuten von meinem eigentlichen Vorhaben abhalten sollten.

Heute hatte es hier Ferien gegeben und Lucs Freund war zu uns gekommen. Er hatte das Schuljahr noch sehr ordentlich abgeschlossen. Das war eine enorme Leistung in Anbetracht der Umstände. Überhaupt hatte sich Stefan toll entwickelt. Die Entscheidung, das Schuljahr hier zu beenden, war absolut richtig gewesen. Seine Therapie hatte ihm viele positive Dinge beschert. Er war sehr selbstbewusst geworden und hatte nur noch sehr selten Albträume. Für Luc war diese Beziehung ebenfalls ein großer Gewinn. Sie waren ein richtiges Paar geworden. Luc kümmerte sich, so gut er konnte, eigenständig um seinen Freund. In den letzten Wochen konnte ich immer mehr zum Beobachter oder Ratgeber werden. Das gab mir ein sehr gutes Gefühl. Auch Sabine schien begriffen zu haben, dass ihr Sohn nicht mehr der kleine Junge war. Für unsere Beziehung hatte das auch einen positiven Nebeneffekt, denn wir konnten viel mehr für uns tun und auch ohne die Kinder mal ein Wochenende wegfahren.

Es stand in diesen Ferien eine große Veränderung an. Stefan würde nach München zurück gehen. Er sollte bei Mario einziehen und das machte beiden ein wenig zu schaffen. Luc würde die sechs Wochen bei Karl wohnen und arbeiten. Dadurch sollte es beiden ein wenig leichter fallen, sich mit der neuen Situation anzufreunden. Aber für Stefan war es ein weiterer Schritt zurück in das normale Leben.

Was war alles in den letzten Monaten passiert? Ich stellte mir die Frage, ob wir es richtig gemacht hatten. Mit einem klaren JA konnte ich das für mich beantworten. Das Ergebnis war überzeugend.

Somit widmete ich mich nun wieder der Organisation des großen Ereignisses, dem 24h Rennen auf der Nordschleife. Ich musste alle Lizenzen einreichen und insbesondere die von Mick und Lukas waren wichtig. Denn meine Superlizenz war immer noch gültig und auch Tom hatte sicherlich keine Probleme, die Anforderungen zu erfüllen. Ich war in ständigem Kontakt zu unserem Team. Somit schien alles perfekt zu laufen. Der große Vorteil war, ich musste mich ausschließlich um die Fitness meiner Jungs kümmern. Alles andere wurde vom Team organisiert. Lediglich um die Anfahrt hatte ich mich noch zu kümmern. Ich hatte entschieden, wir würden fliegen und uns vor Ort einen Mietwagen nehmen. Es würde dieses Jahr so sein, dass das Fahrerteam aus Tom, Mick, Lukas und mir bestehen würde. Mitkommen würden aber Leif, Stefan und Luc. Ebenfalls würden Mario und Manuel die Mechaniker unterstützen und Tim, Nico und Tommy wären auch dabei. Sabine wollte ich nicht überreden. Ich wusste, sie hatte eine ganz gewaltige Abneigung gegen diese Rennen. Ich war schon sehr froh darüber, dass sie uns ohne große Probleme erlaubte mitzufahren. Nach einigen Telefonaten mit Fluglinien hatte ich jetzt unsere Flüge gebucht und dem Team die Daten gegeben, damit sie das Hotel buchen konnten. Ich hatte extra darauf hingewiesen, dass Stefan und Luc, sowie Mick und Lukas ein Zimmer bekommen würden. Leif wäre vermutlich mit Mika zusammen und Tom und ich hatten ein Einzelzimmer. Es war alles vorbereitet und somit konnte ich den Computer herunterfahren und telefonierte noch kurz mit Tom, der mir alle Daten bestätigte. Damit war alles erledigt und das Rennen konnte kommen. Wir würden am Dienstag vor dem Rennen bereits anreisen und uns mit dem Team vorbereiten. Das wäre in zwei Wochen.

Morgen wäre für Stefan der letzte Tag in der Schweiz. Er sollte mit Luc nach München fahren und Luc dann ab der nächsten Woche bei Karl arbeiten. Sie hatten somit das Wochenende, um sich einzuleben. Stefan hatte gefragt, ob er sich von seinen Klassenkameraden mit einem Grillfest verabschieden könnte. Das war natürlich kein Problem und die beiden waren bereits voll in den Vorbereitungen dafür. Sabine hatte sich bereiterklärt, mit ihnen einkaufen zu fahren. Ich brauchte mich nicht groß um irgendetwas zu kümmern. Das hatten sie gut im Griff.

Ich verließ mein Büro und begab mich in den Garten. Benny hatte sich immer wieder dort mit neuen Ideen eingebracht und ich schaute nach den Blumen und Sträuchern. Überall lag ein Duft von verschiedensten Blüten in der Luft. Ich genoss es immer wieder, den Garten als einen Ort der Ruhe zu nutzen. Überraschenderweise kamen Leif und Chrissie jetzt auch hinzu und stellten sich zu mir.

„Papa, weißt du, wie viele Leute Stefan heute eingeladen hat?“

„Nein, das musst du ihn fragen. Ich denke, es werden schon so um die 20 sein. Es werden einige aus seiner Klasse kommen und allein wir sind ja schon acht.“

„Acht? Wieso acht?“

„Zähl doch mal durch, Sabine, Luc, Stefan, Mick, Lukas, und wir drei sind acht.“

Jetzt schaute mich Leif doch verwundert an.

„Was staunst du so? Ich gehe mal davon aus, dass du Chrissi auch dabei haben möchtest.“

Ich musste jetzt einfach lachen. Die Gesichter der beiden waren einfach zu schön. Wie zwei kleine Kinder, die bei etwas Verbotenem erwischt wurden. Ich konnte sogar ein leichtes Rotwerden bei Leif erkennen.

„Ähm ja, also wenn du nichts dagegen hättest, dass Chrissi bleiben darf …“

„Frag Stefan, es ist seine Feier und er hat die Gäste eingeladen, aber ich gehe davon aus, dass er keine Einwände hat. Außerdem wäre es eine gute Gelegenheit, Chrissi mit unseren Freunden bekannt zu machen.“

Jetzt wurde es Leif zu viel. Er war noch nicht so weit, dass er Chrissi als seine Freundin vorstellen wollte. Ich ließ es so stehen und war gespannt, wie sich das weiter entwickeln würde. Leif wollte Stefan fragen und damit verzogen sich die beiden wieder ins Haus.

Das Wetter war wirklich herrlich und bis heute Abend war noch genug Zeit, deshalb beschloss ich, mich in meine Motorradkleidung zu werfen und eine Runde zu fahren. Sabine war noch mit Stefan und Luc einkaufen, aber ich wollte sie eigentlich mitnehmen. Ich telefonierte kurz mit ihr und sie meinte, sie würde in einer Viertelstunde zurück sein. So lange wollte ich natürlich warten.

Als die drei mit den Einkäufen zurück waren, erschrak ich doch ein wenig. Das ganze Auto war mit Sachen voll. Ich half beim Ausladen und Luc bemerkte meinen staunenden Blick. Aber wir sagten beide nichts dazu. Stefan hatte wirklich alles organisiert und ich wollte mich nicht einmischen, allerdings stellte ich erstaunt und erfreut fest, dass es sehr wenig alkoholische Getränke gab. Er hatte lediglich ein Fass Bier im Auto gehabt. Keine Spirituosen. Das gefiel mir. Als wir alles ins Haus getragen hatten, fragte ich Stefan:

„Wie sieht das aus? Schafft ihr das jetzt allein, euch um die Sachen zu kümmern? Ich würde mit Sabine jetzt gerne eine Motorradrunde drehen.“

„Klar“, sagte Luc, „das bekommen wir hin. Ich denke, wenn ihr zurück seid, sind wir hier auch soweit fertig. Eigentlich sollt ihr heute nicht arbeiten. Das haben wir alles geplant und ihr könnt heute chillen bei der Feier.“

Das war so typisch für die beiden. Sie wollten nicht, dass wir für ihre Feier Arbeit haben würden. Nun gut, es hatte wenig Sinn, darüber mit ihnen zu diskutieren. Ich ließ es deshalb einfach so stehen, zwinkerte den beiden zu und machte mich mit Sabine auf, um uns umzuziehen.

Ich freute mich auf diese Ausfahrt. Wir hatten in der letzten Zeit nicht so oft Gelegenheit, gemeinsam eine Tour zu fahren.

Eine halbe Stunde später fuhren wir nebeneinander auf der Landstraße und ich genoss die Sonne und die schöne Landschaft. Die Bikes liefen perfekt und ich freute mich immer wieder, dass ich damals beide habe bauen lassen. Sie waren jeden Franken wert. Uns kamen auch einige Motorradfahrer entgegen und man grüßte jeden anderen Biker. In einem kleinen Ort kamen wir an eine Ampel und mussten warten. Wir standen nebeneinander und Sabine schaute zu mir herüber. Sie fragte mich:

„Was meinst du, sollen wir uns ein schönes Café suchen? Ich hätte Lust auf ein Eis.“

Ich nickte nur und lächelte. Die Ampel wurde grün und ich gab ihr zu verstehen, dass sie vorfahren sollte. Der Klang der Motoren reflektierte an den Häusern und wir fuhren wieder aus dem Ort heraus. Nach etwa zehn weiteren Kilometern bog Sabine in ein ganz kleines Dorf ab. Ich wusste nicht, warum sie dort hin wollte, aber ich folgte ihr. Wenige Minuten später stellten wir die Bikes vor einer ganz kleinen Eisdiele ab. Es standen vier Tische draußen, von denen drei mit Jugendlichen belegt waren. Neben unseren Bikes standen einige Motorroller. Dies schien ein bekannter Treff für Biker zu sein. Komisch, ich hatte davon noch nichts gehört. Ich legte meinen Helm und die Handschuhe auf den Sitz und öffnete die Motorradjacke. Nachdem wir unsere Jacken ausgezogen hatten, setzten wir uns an den freien Tisch und nahmen uns die auf dem Tisch liegenden Karten. Ein paar Augenblicke später kam eine junge Frau an unseren Tisch und fragte uns nach unseren Wünschen. Ich schaute Sabine an und wir waren uns sofort einig ohne zu sprechen.

„Bringen sie uns bitte einen schönen Eisbecher für zwei Personen. Irgendetwas mit Früchten und Sahne. Wir lassen uns da von ihnen überraschen“, sagte Sabine dann mit einem Lachen im Gesicht.

Die Bedienung ließ sich anstecken und meinte nur:

„Na, das ist mal eine Bestellung. Wir werden uns mal etwas einfallen lassen.“

Dann drehte sie sich von unserem Tisch weg und ging nach innen, um die Bestellung auf Italienisch weiterzugeben. Ich hatte verstanden, was sie gesagt hatte und musste lachen. Die Jugendlichen am Nebentisch schauten zu uns herüber und auch zu unseren Bikes. Die Jungs waren vielleicht so alt wie Leif. Sie aßen ihr Eis und unterhielten sich leise. Ich saß mit dem Rücken zu ihnen, aber Sabine konnte sie direkt beobachten.

„Schatz, ich glaube, unsere Bikes erregen ein wenig Aufsehen. Die Jungs schauen immer mehr herüber.“

„Naja, sie sind ja nun mal auch einzigartig. Lass sie ruhig schauen. Solange sie sich nicht einfach draufsetzen, ist es doch in Ordnung.“

Ich ließ mich nicht weiter von den Jugendlichen beeinflussen und genoss die Sonne und die Zweisamkeit mit Sabine. Sie hingegen hatte so ihre Schwierigkeiten, ruhig zu bleiben. Immer wieder schaute sie nervös zu den Jungs und unseren Bikes.

„Sabine, hör auf, die Jungs zu beobachten und bleib mal ruhig. Es wird schon keiner auf die Idee kommen, damit wegzufahren.“

Dabei musste ich einfach lachen, denn ich fand es einfach zu komisch. Ich war normalerweise derjenige, der immer im Mittelpunkt gestanden hatte und nun schien es so zu sein, dass unsere Motorräder mir den Rang abliefen und meine Freundin damit ein Problem hatte. Beide Maschinen waren mit einer elektronischen Diebstahlwarnanlage mit Wegfahrsperre gesichert. Über einen Transponder wurde die aktiviert. Noch während ich schmunzelnd Sabine beobachtete, kam unser Eisbecher. Ein wahres Kunstwerk.

Ein kleines Problem hatte Sabine noch, sie saß genau in der Sonne und hatte keine Sonnenbrille dabei. Das würde zu Problemen führen, denn sie bekam sehr schnell Kopfschmerzen. Also tauschten wir die Plätze und so konnte ich nun die Jungs beobachten und sie sich in Ruhe dem Eisbecher widmen. Also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Das Eis war ganz vorzüglich und wir hatten gut zu tun, den Becher auch aufzuessen. Eine interessante Beobachtung war, die Jungs schienen fasziniert von unseren Maschinen zu sein, trauten sich aber nicht, uns anzusprechen. Sie diskutierten über die Marke und ob ein Harley Motor oder nicht und sie schienen sich nicht einig zu sein. Vom Alter her waren sie so um die fünfzehn, sechzehn. Einer war noch jünger, vermutlich der kleine Bruder von einem der anderen Jungs.

Plötzlich klingelte mein Handy, ich ärgerte mich, dass ich es nicht auf lautlos gestellt hatte, aber holte es schnell aus der Tasche.

„Steevens“, meldete ich mich.

„Hallo Papa, sorry das ich störe, aber wir haben hier ein Problem.“

„Leif, was gibt’s denn?“

Sabine wurde sofort unruhig, als sie mitbekam, dass Leif mich angerufen hatte.

„Es geht um die Theke für heute Abend. Wir bekommen die Kühlung nicht zum Laufen. Stef ist schon völlig verzweifelt, weil es ja seine Party ist. Er hat Panik, dass es heute keine kalten Getränke gibt.“

Ich überlegte einen Moment und ging mit Leif alle möglichen Fehlerquellen durch. Dann entschied ich mich, Leif sollte beim Verleiher anrufen und darum bitten, einen Techniker oder einen anderen Kühler zu bekommen. Leif versprach mir, sich darum zu kümmern und ich bat ihn noch um etwas anderes.

„Leif, kümmer dich bitte auch um Stefan. Er soll sich nicht aufregen. Es wird alles klappen, und wenn die Kühlung eben nicht geht, dann fällt uns auch noch etwas ein. Also er soll sich beruhigen und wir kommen in einer halben Stunde zurück.“

Leif versprach mir, sich um Stefan zu kümmern. Damit legte ich mein Handy auf den Tisch und erzählte Sabine die Geschichte.

„Leif hat sich in den letzten Wochen sehr verändert. Zu seinem Vorteil, wie ich finde.“

Ich schaute erstaunt zu ihr herüber und nickte. Meine Gedanken schweiften zurück in die Zeit, bevor Luc nach München gefahren war. Eine anstrengende Zeit mit Leif. Immer wieder versuchte er auszubrechen und irgendetwas anzustellen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Heute war mir klargeworden, es war seine Art des Protestes gegen mich und meinen Status. Erst, als er für sich gespürt hatte, dass Freundschaft ein Gut ist, für das man auch etwas tun muss und sie nicht kaufen kann, von diesem Moment an veränderte er sich. Er hatte mir erzählt, wie sehr er Luc um seinen Freund beneiden würde. Das gab mir zu denken. Jetzt hatte ich die Hoffnung, dass er mit Chrissi vielleicht eine andere Art der Beziehung aufbauen könnte. Mal abwarten, aber die ersten Schritte ließen mich guter Hoffnung sein.

Sabine hatte bemerkt, dass ich mit meinen Gedanken ganz weit weg war und hatte bereits bezahlt.

„Sorry, Schatz. Ich habe gerade an die Zeit gedacht, bevor Stefan und Luc zusammengekommen sind. Du hast Recht, Leif macht eine Veränderung durch. Und ich finde auch, sehr zu seinem und unserem Vorteil.“

Ich stand auf und gab ihr einen Kuss. Anschließend gingen wir zu unseren Maschinen und die Jungs standen mit ihren Rollern immer noch neben unseren Bikes. Sie hatten sich alle eine Eiswaffel gekauft und waren mit sich beschäftigt. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass sie uns den Weg versperrt hatten.

„Sorry Jungs, könntet ihr uns ein wenig Platz machen. Es wäre doch schade, wenn eines der Fahrzeuge Schaden nehmen würde.“

Ich war gespannt, wie sie auf diese lockere Ansprache reagieren würden. Einer der Jungs drehte sich um und schien wirklich peinlich berührt zu sein. Er ging sofort zu seinem Roller und stellte ihn an die Seite.

„Entschuldigung. Das war keine Absicht, wir wollten eigentlich gar nicht so lange bleiben. Aber ihre Maschinen sind so cool. Da mussten wir uns das doch etwas genauer ansehen.“

Sabine wurde unruhig. Ihr war das unangenehm im Mittelpunkt zu stehen.

„Ist doch kein Problem, ich habe ja einen Mund und kann euch bitten etwas Platz zu machen.“

Dabei zwinkerte ich ihm zu. Er lachte. Seine Freunde hatten jetzt auch mitbekommen, dass wir in ein Gespräch kamen. So entwickelte sich noch ein sehr nettes Gespräch und sie fragten auch sehr höflich, ob sie ein paar Fotos mit den Bikes machen dürften. Ich gab ihnen die Erlaubnis, sich auf unseren Bikes zu fotografieren. Damit war der Bann gebrochen und wir redeten noch ein paar Minuten weiter, als ich bemerkte, dass einer der Jungs bei Luc in der Klasse war.

„Sag mal, bist du nicht der Jan? Du gehst doch mit Lucien in eine Klasse oder nicht?“

Er wurde fast verlegen, denn jetzt hatte er mich und Sabine erkannt.

„Oh, Herr Steevens und Frau Maergener, ich habe sie jetzt erst erkannt. Wie peinlich. Ja es stimmt, wir gehen in eine Klasse.“

„Ist doch nicht schlimm, Jan. Sag mal, bist du heute Abend auch eingeladen bei uns? Oder habt ihr noch was anderes vor?“

„Ja, ich bin auch eingeladen, aber meine Freunde gehen auf eine andere Schule. Und allein möchte ich nicht kommen. Ich würde gerne mit meinen Freunden zusammen was machen.“

„Wo ist das Problem? Ist das deine Clique hier?“

Er stutzte und seine Freunde waren plötzlich ganz still. Jan schaute mich irritiert an.

„Ja, das ist meine Clique. Wir sind viel mit den Mopeds unterwegs. Nur mein kleiner Bruder ist sonst nicht dabei. Aber ich habe es ihm versprochen, ihn mal mitzunehmen.“

Dabei legte er seinen Arm um den jüngsten der Gruppe. Jetzt konnte ich auch sofort die Ähnlichkeit erkennen.

„Dann seid ihr hiermit offiziell alle eingeladen. Wenn ihr möchtet.“

„Cool, ich darf meine Freunde mitbringen? Luc hatte gesagt, es würden sonst zu viele werden.“

„Ach Unsinn, kommt einfach vorbei. Es wird genug zu essen und zu trinken da sein. Platz ist auch genug, also kein Problem. Ich vermute, Luc wollte wieder nicht extra fragen. Also kommt einfach und sollte Luc euch nicht hereinlassen, sagst du mir Bescheid, Jan. Ok?“

Wir verabschiedeten uns und Sabine und ich fuhren gemütlich nach Hause.

Zu Hause erwartete uns das Chaos. Die Jungs hatten den Garten bereits komplett in Beschlag genommen und waren dabei, Tische und Bänke aufzustellen, den Grill betriebsbereit zu machen und die Theke zu befüllen.

Wir sagten nur kurz Bescheid, dass wir zurück seien und uns umziehen würden. Im Haus war auch bereits richtig was los. Mick und Lukas bereiteten Dinge für das Essen vor und was mich besonders freute, Benny und Marcel waren schon da. Ich begrüßte die beiden und dann gingen Sabine und ich duschen und uns umziehen.

Als wir wieder in den Garten kamen, lief mir Luc über den Weg.

„Luc, warte bitte mal kurz. Ich habe da eine Frage.“

Luc hatte zwei Kisten Wasser in der Hand, die er kurz abstellte und sich zu mir umdrehte.

„Was denn, Papa?“

„Du hast Jan aus deiner Klasse eingeladen, ist das richtig?“

„Äh, ja. Wieso?“

„Aber du hast ihm gesagt, er darf nur ohne seine Freunde kommen?“

„Woher weißt du das und wieso fragst du?“

„Nun, ich habe seine Freunde mit eingeladen. Also sie werden heute Abend auch kommen. Nur, dass du Bescheid weißt. Ich habe es ihnen erlaubt.“

Luc stutzte und schüttelte lachend den Kopf.

„Also, ich weiß zwar nicht wie und warum du die Clique kennst, aber ok. Ich dachte nur, es wird eh schon voll werden.“

„Warum fragst du uns nicht einfach? Noch haben deine Mutter und ich hier das Hausrecht.“

Ich zwinkerte ihm zu, damit er merkte, es war nicht so ernst gemeint.

„Ja, aber …“

„Nichts aber, du würdest doch auch nicht ohne deinen Stefan irgendwohin gehen.“

Damit war das für mich geklärt und Luc musste auch lachen und ging dann kopfschüttelnd wieder seinen Vorbereitungen nach. Die Zeit lief unaufhaltsam voran und ich konnte die steigende Nervosität bei Stefan und Luc erkennen. Was ich besonders schön fand, Mick und Lukas halfen, wo sie konnten und ließen aber Stefan und Luc das Kommando. Auch wenn sie den Überblick behielten. Einmal ging Lukas zu Stefan und wies ihn auf eine Sache hin, aber überließ es Stefan, die Entscheidung zu treffen.

Gegen sieben Uhr trudelten die ersten Gäste ein und was mir wirklich sehr gut gefiel, Stefan und Luc empfingen die Gäste und begrüßten sie am Eingang. Das hatte echt Stil. Ich war sehr überrascht, dass sie sich das so ausgedacht hatten.

Ich hatte mich mit Sabine an einen Tisch gesetzt und unterhielt mich gerade mit Tim. Plötzlich tauchten fünf Jungs in Motorradklamotten auf und Luc begrüßte sie auch genauso freundlich, wie alle anderen. Ich erkannte Jan und dann war klar, die anderen waren seine Freunde. Also hatte das ja auch geklappt.

Das Grillen und entsprechend das Essen war sehr gut. Ich musste schon sagen, die Jungs hatten sich wirklich Mühe gegeben und bislang alles hervorragend gemanagt. Ich stand mit Luc und Stefan an der Theke und wunderte mich ein wenig, Stefan hatte eine Cola, aber Luc trank Bier.

„Na, Stefan, wie geht es dir jetzt?“

„Ach Marc, eigentlich geht es mir gut, aber ich merke jetzt, dass die Zeit hier zu Ende geht und das macht mich einerseits traurig und andererseits freue ich mich auf den neuen Abschnitt.“

„Ja, das kann ich mir denken. Aber die Umstellung ist ja nicht so heftig. Luc ist ja die Ferien auch bei dir und damit kannst du dich etwas leichter dort einleben. Außerdem hast du mit Karl und Barbara so etwas wie Großeltern, die dir immer helfen werden.“

Ich nahm ihn jetzt in den Arm, weil ich spüren konnte, dass ihn das emotional sehr berührte.

„Hey, nicht weinen. Wir wollen doch heute Spaß haben. Und ich bin echt stolz auf dich. Was du hier alles bewegt hast, ist ganz gewaltig. Da können sehr viele Menschen sich eine Scheibe von abschneiden. Und jetzt gehst du wieder zu deinen Gästen und feierst mit ihnen.“

Die Feier wurde ein toller Erfolg, am späten Abend so gegen zehn, trafen sich Mick, Lukas, Tim, Benny und Marcel vor dem DJ Pult. Sie hatten eine Überraschung vorbereitet. Sie hatten für Luc und Stefan eine Monatskarte für ein Freizeitbad in München besorgt. Dazu bekamen sie noch ein Nahverkehrsticket für die Ferien. Ich fand, das war eine tolle Geste. Lustig wurde es, als Nico und Tommy die beiden auch nach vorne baten. Sie hatten ein kleines Päckchen für Stefan und Luc. Sie bestanden aber darauf, dass sie es direkt auspacken mussten. In dem Päckchen waren eine große Packung Kondome und noch ein paar andere Spielzeuge für das Schlafzimmer. Alle brachen in großes Gelächter und Jubel aus. Luc schien das recht entspannt zu sehen, während Stefan doch ziemlich peinlich berührt war. Allerdings legte sich das schnell wieder, denn Nico gelang es sehr gut, Stefan die Peinlichkeit zu nehmen.

Ich musste auch herzlich lachen. Andererseits war mir auch bewusst, Luc war der Kindheit entwachsen und jetzt ein ziemlich selbständiger Teenager geworden.

Leider bekam diese tolle Feier dann doch noch einen kleinen negativen Beigeschmack, denn gegen halb zwölf kam Mick zu mir.

„Du, Papa, ich glaube, wir müssen uns mal um Luc kümmern. Ich habe das Gefühl, er hat etwas zu viel Bier getrunken.“

„Ach, ist es also soweit. Ich hatte es schon vorhin geahnt. Wo ist er jetzt?“

„Stefan hat ihn in sein Zimmer gebracht und ist jetzt bei ihm. Ich glaube aber, du solltest mal nach ihnen sehen. Stefan regt sich ja immer so auf.“

Dabei mussten wir beide lachen. Ich bedankte mich bei Mick und ging, nach den beiden Jungs zu schauen. In ihrem Zimmer waren sie zwar nicht, aber ich konnte sie aus dem Bad hören. Die Geräusche waren eindeutig. Ich wollte da jetzt nicht hereinplatzen und wartete im Zimmer. Kurze Zeit später kam Stefan mit einer lebendigen Leiche aus dem Bad. Ich musste lachen. Stefan war das sehr peinlich, Luc hatte deutlich zu viel Alkohol getrunken und jetzt war ihm schlecht.

„Na, ihr beiden großen Krieger. Ich glaube Luc hat die Schlacht gegen den Alkohol verloren. Was ist passiert, Stefan?“

Er stützte Luc und legte ihn auf die Couch. Dort schlief Luc sofort ein. Stefan war das alles ungeheuer peinlich und er kämpfte mit den Tränen.

„Ich habe ihm schon vor zwei Stunden gesagt, er soll aufhören mit dem Bier. Er wollte aber unbedingt mit den anderen anstoßen. Irgendwann habe ich aufgegeben. Was sollte ich denn machen?“

Ich nahm ihn in den Arm und tröstete ihn.

„Ach, Stefan, irgendwann musste das mal passieren. Und du kannst da überhaupt nichts für. Es ist ganz allein seine Verantwortung. So, und jetzt holst du noch einen Eimer, machst etwas Wasser hinein und stellst ihm den vor die Couch. Danach gehst du wieder zu den anderen und lässt dir dieses schöne Fest nicht von der Dummheit deines Freundes kaputtmachen. Ich möchte nicht, dass er in seinem Bett schläft. Sonst fällt er vielleicht noch herunter in seinem Zustand.“

Er tat, was ich ihm gesagt hatte und als er mit dem Eimer wieder da war, nahm ich ihn in den Arm und wollte mit ihm zurück in den Garten gehen.

„Ich kann doch Luc jetzt nicht allein lassen. Ich habe gelesen, dass das gefährlich sein kann.“

„Stefan, wir beide gehen wieder zu den anderen und ich werde mich hier um Luc kümmern. Das ist nicht mehr deine Aufgabe. Ich passe auf deinen Freund schon auf. Keine Sorge. Morgen wird er sich sicher dafür schämen, aber jetzt lassen wir ihn schlafen und dann sehen wir weiter.“

Stefan ließ sich nur widerwillig aus dem Zimmer bewegen, aber ich bestand darauf. Somit waren wir etwa zehn Minuten später wieder bei den anderen Gästen. Ich bat Mick und Lukas, sich ein wenig um Stefan zu kümmern. Ich hatte noch zweimal bei Luc geschaut und er hatte sich noch einmal übergeben, aber schlief wieder tief und fest. Das würde bestimmt ein interessanter Morgen werden.

Stefan: Der Morgen danach

Diese Feier werde ich nie vergessen. Einerseits, weil mir meine Freunde hier sehr deutlich zu verstehen gegeben haben, dass sie mich vermissen werden und wir den Kontakt aufrecht erhalten werden, andererseits, weil sich mein Freund mit Alkohol so total abgeschossen hatte.

Zu meiner Überraschung hatte ich von Nico und Tommy die Zusage bekommen, dass sie mich in den Ferien in München besuchen werden. Das freute mich ungemein, zeigte es doch, dass ich ihnen schon etwas bedeute als Freund. So eine Erfahrung war toll. Bislang hatte ich noch nie solche Freunde, die sich wirklich für mich als Person interessiert hatten.

Als die letzten Gäste gegen zwei Uhr morgens gegangen waren, wollte ich in Lucs Zimmer gehen, aber Marc hatte mich gebeten, Luc doch besser allein schlafen zu lassen. Ich sollte mir das Elend nicht antun müssen. Ich verstand das eigentlich nicht, denn ich war doch sein Freund und wollte mich um ihn kümmern. Marc sah das aber anders und meinte, das wäre nicht meine Aufgabe, sondern Aufgabe der Eltern in dieser Situation. Also ließ ich mich überzeugen und schlief oben bei Mick und Lukas. Bevor ich allerdings nach oben ging, schaute ich noch einmal bei meinem Schatz vorbei. Der Anblick war nicht schön. Er hatte sich noch einmal übergeben und sah ziemlich fertig aus. Marc schickte mich nach oben. Er wollte nicht, dass ich mich darum kümmern würde. Ich hatte es zwar nicht verstanden, aber sehr schnell gemerkt, dass Marc nicht bereit war, mit mir darüber zu diskutieren. Ich ging also unverrichteter Dinge zu Mick und Lukas nach oben. Die Nacht verlief entsprechend unruhig. Ich musste immer wieder an Luc denken und er fehlte mir. Warum musste er nur so viel trinken?

Als ich am nächsten Morgen gegen zehn aufwachte, fühlte ich mich nicht so besonders. Erholsamer Schlaf war etwas anderes. Mein erster Gedanke war, wie würde es wohl Luc gehen? Ich stand aus dem Bett auf, nahm meine Sachen und ging nach unten. Ich wollte unter die Dusche gehen. In Lucs Zimmer angekommen, lag er immer noch tief schlafend auf dem Sofa. Ich ging leise ins Bad und unter die Dusche. Als ich aus der Dusche kam, saß Marc grinsend im Sessel. Ich erschrak ein wenig.

„Guten Morgen Stefan, hast du gut geschlafen?“

„Hmm, geht so. Habe mir Sorgen gemacht. Außerdem fühle ich mich nicht so besonders gut. Ich hätte doch besser aufpassen müssen.“

„Worauf aufpassen? Du machst dir doch wohl keine Vorwürfe?“

„Naja, schon. Ein bisschen. Ich hätte doch …“

Weiter kam ich nicht, denn Marc fuhr sofort dazwischen.

„Stopp. Stefan, Luc ist alt genug, um zu wissen, dass Alkohol kein Spielzeug ist. Es ist ganz allein seine Verantwortung. Wenn überhaupt, ist es unsere Verantwortung als Eltern. Aber es ist wirklich kein Drama. Er wird heute etwas zu leiden haben und das ist auch ganz gut so. Er wird sich das hoffentlich merken. Mach dir also keine Sorgen. Das kommt alles in Ordnung. Irgendwann musste das mal passieren.“

„Das sagst du so, ich fand das einfach unangenehm.“

„Das ist etwas anderes. Und genau das solltest du ihm ganz deutlich sagen. Es hat dir ein schlechtes Gefühl gemacht. Das hat aber mit der Handlung nichts zu tun. Also mach ihm deine Angst klar und dass es dir unangenehm war, ihn so besoffen ins Zimmer zu bringen.“

„Meinst du wirklich? Ich habe Angst, dass er dann sauer wird. Ich bin sein Freund und darf ich das dann so deutlich sagen?“

„Pass auf Stefan, du ziehst dich jetzt erst einmal richtig an, ich gehe in die Küche zu den anderen. Dann gibt es ein tolles Frühstück und wir unterhalten uns danach noch weiter darüber. Ist das ok für dich?“

„Ähm, ja, klar.“

Ein wenig mulmig war mir aber schon. Ich hatte einfach ein schlechtes Gewissen.

„Du musst dir keine Sorgen machen. Niemand ist dir böse. Im Gegenteil, Sabine und ich sind froh, dass du dich um ihn gekümmert hättest, wenn wir nicht da gewesen wären. Das gibt uns ein ganz wichtiges Gefühl der Sicherheit. Also zweifle nicht an dir. Du hast alles richtig gemacht.“

Damit stand er aus dem Sessel auf und verließ lächelnd das Zimmer. Ich zog mich sehr nachdenklich an und ging dann ebenfalls in die Küche. Ich musste allerdings doch noch einmal bei Luc schauen, ob er immer noch tief schlief. Er zeigte immer noch keine Regung.

„Guten Morgen Stefan“, begrüßte mich Sabine mit einem Lächeln.

„Hast du einigermaßen schlafen können?“

„Danke, es geht. Ich fühle mich halt nicht so besonders, nachdem Luc so abgestürzt ist. Aber ich glaube, Luc wird es vermutlich noch schlechter gehen, wenn er wach wird.“

Jetzt brachen beide, sowohl Marc als auch Sabine, in lautes Gelächter aus. Marc fand als Erster seine Stimme wieder.

„Hey, du hast ja sogar guten Humor. Das stimmt, er wird sicher einen weit weniger schönen Tag haben als du. Aber da muss er durch. Vielleicht lernt er etwas daraus.“

„Jetzt frühstücken wir aber erst einmal. Luc wird eh nicht viel essen wollen, wenn er wach wird.“

Der Tisch sah wirklich einladend aus. Beide hatten sich richtig Mühe gegeben. Ich musste allerdings immer wieder an Luc denken. Warum konnte ich das nicht verhindern. Glücklicherweise ließen mich die beiden aber in Ruhe frühstücken. Erst nach einer Dreiviertelstunde, Lukas und Mick waren mittlerweile auch zu uns gekommen, meinte Marc dann:

„Komm Stefan, lass uns mal schauen, ob wir Luc nicht wecken können.“

„Meinst du, das ist eine gute Idee? Er wird bestimmt nicht so begeistert sein.“

„Egal, wer saufen kann, kann auch aufstehen. Und du hörst jetzt sofort auf, dir Gedanken zu machen. Diese Erfahrung muss wohl leider jeder machen. Ich bin sehr froh, dass er das hier versucht hat und nicht vielleicht in München.“

Ich wunderte mich echt über diese Gelassenheit. Meine Eltern hätten mich vermutlich zusätzlich noch verprügelt, wenn mir das passiert wäre. Allerdings gab es mir ein gutes Gefühl. Ich wusste jetzt, dass ich mit Marc und Sabine sprechen konnte, sollte mir mal etwas danebengehen. Ein beruhigendes Gefühl. Ich stellte erneut fest, Luc hatte tolle Eltern.

Zusammen gingen wir in Lucs Zimmer, und bevor ich etwas tun konnte, hatte Marc bereits den Eimer in der Hand und war im Bad verschwunden. Ich sollte alle Fenster weit öffnen und dann versuchen Luc zu wecken. Ich fuhr die Rollos nach oben, öffnete alle Fenster und die Sonne schien in das Zimmer. Herrlich frische Luft strömte in das Zimmer und Marc kam aus dem Bad zurück.

„Ich bringe mal den Eimer weg. Was macht denn unser kleiner Säufer? Ist er schon wach?“

„Ich habe mich noch nicht getraut, ihn zu wecken.“

Jetzt musste Marc lachen und mir war das richtig unangenehm. Ich hatte noch nie so eine Situation.

„Los Stefan, du darfst ihn ruhig wecken. Ich bin mir sicher, es wird für ihn angenehmer sein, von dir geweckt zu werden als von mir.“

Dabei grinste er mich an und ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass Marc nicht sonderlich zimperlich sein würde. Also setzte ich mich auf die Sofakante und streichelte das blasse Gesicht meines Freundes. Ich nahm die Bettdecke zur Seite und bemerkte so gar nicht, dass Marc bereits das Zimmer verlassen hatte. Luc begann sich zu regen. Einige unverständliche Laute drangen aus seinem Mund und er öffnete erst ein Auge und dann schauten mich zwei sehr kleine Augen an.

„Guten Morgen Schatz, dein Papa hat gesagt, ich soll dich wecken.“

Er drehte sich auf den Rücken und fragte mit belegter Stimme:

„Wie spät ist es denn? Und was ist eigentlich passiert? Ich fühle mich nicht besonders gut.“

„Es ist gleich halb zwölf und du hast jetzt fast zehn Stunden geschlafen.“

Er sammelte seine Gedanken, und als ob er mich jetzt erst erkennen würde, reagierte er etwas panisch.

„Scheiße, Stef. Was ist passiert und warum hast du nicht bei mir geschlafen. Irgendwie fehlen mir ein paar Stunden. Ich geh mal aufs Klo. Bin gleich wieder da.“

Er wollte aufstehen, allerdings war das eindeutig schwieriger als vorgehabt. In dem Moment, wo er vom Sofa aufstand, torkelte er plötzlich und fiel mir in die Arme. Er stöhnte auf und ich erschrak etwas.

„Hey Luc, was ist denn los? Mach mal langsam. Soll ich deinen Papa holen?“

„Nein, bloß nicht. Dann kann ich mir sicher was anhören. Scheiße, so langsam kommen die Erinnerungen. Ich glaube, ich habe ziemlichen Mist gemacht. Boah, mein Kopf. Kannst du mich vielleicht mit aufs Klo bringen?“

Ich hatte ein wenig Angst und wusste nicht, ob alles in Ordnung war. Ich hatte keinerlei Erfahrungen mit so einer Situation. Ich legte meinen Arm um meinen Freund und brachte ihn zur Toilette.

„Kann ich dich wirklich allein lassen? Ich habe Angst, dass dir was passiert.“

Luc versuchte zu lächeln, aber es gelang nicht wirklich.

„Es geht schon, ich geh auch gleich mal duschen. Wenn ich nicht wieder komme, kannst du nach mir schauen.“

Ich nickte ein wenig besorgt, aber verließ das Bad. Im Zimmer stand Marc und grinste.

„Na, was macht unser Patient? Lebt er wieder?“

Ich bewunderte Marc für seine Gelassenheit. Mir war nicht besonders wohl bei dem Anblick, wie sich Luc ins Bad geschleppt hatte. Marc schien zu erkennen, wie meine Gefühlslage war.

„Komm mal her. Ich glaube, du brauchst auch ein wenig Aufbauunterstützung.“

Ich ging zu ihm hin und er nahm mich einfach in den Arm. Er gab mir dieses Gefühl von Sicherheit und Verständnis. Ich ließ mich einfach fallen und ging mit ihm in den herrlichen Garten. Dort setzten wir uns auf seine Lieblingsbank. Er hatte immer noch seinen Arm um mich gelegt und begann mir etwas zu erklären.

„Schau mal Stefan, Luc hat zu viel getrunken. Er hat es so gewollt und muss jetzt die Folgen dafür tragen. Da er noch sehr jung ist und wenige Erfahrungen mit Alkohol hat, ist die Wirkung bereits sehr früh, sehr heftig eingetreten. Du denkst jetzt vielleicht, dass er Hilfe braucht. Ich kann dich beruhigen. Alles, was bis jetzt passiert ist, ist vollkommen normal. Diese Erfahrungen werden unangenehm sein, aber sie werden sehr lehrreich sein. Hoffentlich. Aber dafür ist Luc viel zu vernünftig, dass ich mir Sorgen machen sollte. Er wird vor allem den Spott seiner Brüder ertragen müssen, weil er bislang immer derjenige war, der sich über sie lustig gemacht hatte, wenn sie von einer Feier kamen. Also, ich freue mich sicherlich nicht, aber es ist eine wichtige Erfahrung. Außerdem hat er das hier gemacht, wo wir auf ihn aufpassen können. Weißt du, es ist viel schlimmer, wenn die Kinder so etwas heimlich austesten, weil sie Angst vor der Reaktion ihrer Eltern haben. Dann kann so eine Alkoholvergiftung schon sehr gefährlich sein. Sie kann auch im Extremfall tödlich sein. Davon ist Luc aber weit entfernt gewesen.“

Ich zuckte bei dem letzten Satz spürbar zusammen. Ein wenig Panik kam in mir hoch, aber Marc schien das sofort bemerkt zu haben.

„Keine Sorge, es ist eine leichte Alkoholvergiftung, der Körper reagiert ja auch mit einem eigenen Schutzmechanismus. Das Erbrechen ist da ganz wichtig. Schlimm wird es dann, wenn die Kids meinen, sie könnten dann weiter trinken. Dann kann es echt gefährlich werden. Und noch einmal für dich. Du hast gar nichts falsch gemacht. Im Gegenteil, du hast dich gekümmert und uns sofort informiert und nicht versucht, es allein zu regeln. Auch Mick hatte mich schon vorgewarnt. Ich hätte es vielleicht verhindern können, aber ich wollte es nicht. Wir hatten darüber gesprochen und er wusste ganz genau, was er tat. Jetzt hat er gespürt, dass der Körper eben nicht so ohne weiteres Alkohol verträgt. Also das, was wir jetzt tun können ist, mit ihm zu sprechen, wenn er wieder fit ist.“

In diesem Moment kam ein sichtlich gezeichneter Luc zu uns in den Garten. Er hatte sich angezogen und hatte noch nasse Haare von der Dusche. Er kam langsam auf uns zu und blieb vor uns stehen. Mir war es ein wenig unangenehm, denn eigentlich wäre das jetzt ein Gespräch zwischen Vater und Sohn und ich wollte schon aufstehen, aber Marc hielt mich einfach fest, sagte aber nichts. Er wollte, dass ich bleibe.

„Guten Morgen, mein Sohn, wie geht es dir jetzt?“

Luc schien nicht gerade in guter Verfassung zu sein, aber wusste wohl, dass jetzt ein Gespräch anstand.

„Nicht so toll, aber ich glaube, ich sollte mich nicht beschweren, oder?“

Marc nickte und lächelte.

„Komm setz dich zu deinem Freund. Du musst keine Angst haben. Aber wir sollten darüber sprechen, was passiert ist.“

Luc setzte sich neben mich und ich nahm seine Hand. Er wunderte sich, allerdings spürte ich sofort, dass er sich etwas entspannte.

Nachdem Marc im Wesentlichen das wiederholt hatte, was er zuvor mir erklärt hatte, spürte ich bei Luc eine Anspannung.

„Ähm, Papa und Stef, ich möchte sagen, dass es mir peinlich ist. Ich habe euch bestimmt enttäuscht und vor allem dich, Stef. Es tut mir sehr leid, dass ich so blöd war. Ich werde daraus etwas lernen. Das passiert mir nicht so schnell wieder.“

Marc schaute seinen Sohn an, umarmte ihn und stand auf:

„Ist schon gut, ich freue mich, dass du es so siehst. Diese Erfahrungen müsst ihr eben machen. Ich lasse euch dann jetzt mal allein. Wenn was ist, ich bin oben auf der Terrasse. Hast du schon was gegessen?“

Luc schüttelte den Kopf und Marc musste lachen.

„Ok, kann ich verstehen. Denk aber daran, wenigstens etwas zu trinken. Bis später, ihr zwei.“

Damit ließ er uns einfach auf der Bank sitzen. Ich war beeindruckt, so einen Vater hätte ich auch gerne.

Luc und ich saßen für einen langen Moment schweigend nebeneinander und ich hielt seine Hand. Mehr wollte ich nicht tun. Ich hatte keine Ahnung, ob er jetzt nicht vielleicht lieber Distanz hätte. Dann holte er tief Luft.

„Stef, es tut mir leid. Ich war ein Idiot. Damit habe ich unseren schönen Abend kaputt gemacht. Ich fühle mich so beschissen gerade. Ich habe es total unterschätzt und …“

Ihm standen die Tränen in den Augen. Es schien ihm wirklich sehr nahe zu gehen. Ich wäre vermutlich auch sehr beunruhigt gewesen, wenn mich Marc nicht schon aufgeklärt hätte.

„Shhh, es ist gut, Luc. Du musst mir nichts erklären. Warum sollst du nicht auch mal einen Fehler machen dürfen. Ich habe schon so viele Fehler gemacht, wo du mir geholfen hast.“

Er schaute mich an und dann umarmten wir uns nur noch wortlos. Erst nach einer ganzen Weile flüsterte er mir ein ganz leises „Danke“ ins Ohr. Dann gab er mir einen Kuss. Wir trennten uns wieder und ich sagte zu ihm:

„Du wirst wohl noch einiges aushalten müssen. Deine Brüder werden sich sicher freuen, dass dir das nun auch passiert ist.“

Er nickte und so langsam kehrte mein Luc zurück.

„Nun, wenn ich so blöd bin. Da werde ich das wohl aushalten müssen. Wir sind ja heute Nachmittag eh weg. Dann haben wir unsere Ruhe.“

Dafür hätte ich ihn knuddeln können. Es war ein gutes Zeichen, denn so langsam bekam sein Gesicht auch wieder etwas Farbe. Das Schlimmste schien überstanden.

Luc: Ankunft in München

Meine Lebensgeister waren wieder zurückgekehrt und jetzt waren wir auf dem Weg nach München. Diesmal hatten wir einiges an Sachen mitzunehmen. Die nächsten Wochen sollten für Stef ein Neustart werden. Er war sehr traurig, als wir nach München aufbrachen. Damit es für ihn nicht so dramatisch sein würde, hatte Papa ganz bewusst auf ein großes Abschiedsszenario verzichtet. Er hatte uns allein zum Flughafen gebracht und unsere Sachen bereits per Gepäckaufgabe auf die Reise geschickt. Somit hatten wir nur jeder einen Rucksack und eine große Reisetasche dabei.

Was Stefan nicht wusste: Alle seine Freunde hatten ihm ein kleines Andenken an die Zeit in der Schweiz gemacht. Es lag in seinem Gepäck. Außerdem würde er sicherlich häufiger zu Besuch kommen. Das hatte mir Papa auch bereits zugesagt.

Wir saßen also im Flieger nach München. Durch meinen blöden Absturz haben wir einen Flug später nehmen müssen. Darüber ärgerte ich mich immer noch tierisch. Stef saß neben mir und schlief. Er hatte eh noch Schlaf nachzuholen, denn seine Nacht war auch nicht erholsam gewesen. Es war mir sowas von peinlich und ich hatte mir ganz fest vorgenommen, mich bei Stef noch mit einer Aktion zu entschuldigen.

Dankbar war ich ihm dafür, dass er kein Wort der Häme verloren hatte. Er hat sich nur um mich gekümmert und ohne ein Wort der Kritik. Das war toll. Von meinen Eltern hatte ich eh noch eine deutliche Ansage bekommen. Allerdings war das für mich vollkommen in Ordnung, ich hatte Grenzen überschritten und das sollte so nicht wieder passieren. Mama hatte natürlich noch einen oben drauf gesetzt, indem sie mir aufgemalt hatte, wie so eine Aktion in München wohl ankommen würde. Typisch Mama. Als ob ich Lust hätte, so einen Schwachsinn noch einmal zu machen. Naja, egal. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Eine nette Flugbegleiterin kam an unseren Sitzen vorbei und ich nahm mir einen Kaffee. Stef ließ ich schlafen. Der Flug würde noch etwa zwanzig Minuten dauern, dann würde Stef wieder in Deutschland angekommen sein. Hoffentlich würde es hier für ihn jetzt einen besseren Lebensverlauf geben. Karl hatte mich gebeten ihn anzurufen, wenn wir gelandet sind. Mario würde uns abholen, denn heute würde ich eine Nacht bei Mario schlafen. Es war einfach praktischer, als noch quer durch die Stadt zu den Geigers zu fahren. Außerdem wollte ich diese letzte Nacht mit Stef genießen. Wer weiß, wann wir diese Gelegenheit wieder haben würden.

Innerlich stieg meine Anspannung, wie würden diese Wochen verlaufen und was würde vor allem am Ende dieser Zeit sein? Mir war klar, ich würde meinen Freund dann nicht mehr so oft sehen können. Allerdings musste ich das akzeptieren, denn gewusst habe ich das schon lange. Bisher gab es immer eine Lösung und es würde auch jetzt wieder eine Lösung geben. Unserer Beziehung würde es hoffentlich nicht schaden.

Gespannt war ich auf meinen Camaro. Wie würde er sich nach den sechs Wochen präsentieren? Und wie würde ich die sechs Wochen Arbeit bei Karl überstehen. Jetzt war es ja kein Praktikum, sondern reguläre Arbeit, die er mir auch mit gutem Geld bezahlen wollte. Also erwartete ich eine harte Zeit, aber ich freute mich auch darauf. Karl würde mich sicher hart fordern, wie alle in seiner Mannschaft, aber er war auch immer bereit, dann alles für seine Mitarbeiter zu tun.

Jetzt meldete sich der Kapitän und kündigte den beginnenden Landeanflug an. Also hieß das anschnallen. Und da Stef immer noch schlief, übernahm ich das bei ihm. Dabei wurde er wach und sah mich aus seinen tollen Augen an.

„Was ist los? Geht’s schon zur Landung?“

„Richtig, Kleiner. Es geht nach unten und wir sind gleich da.“

Ich setzte mich neben ihn und er legte seinen Kopf an meine Schulter. Ganz leise sagte er:

„Wie gut, dass du mich begleitest. Ich bin echt aufgeregt.“

Lächelnd antwortete ich ihm: „Das klappt schon. Du wirst sehen, alles wird gut gehen. Mario hat das bestimmt gut vorbereitet. Außerdem helfen Karl und Barbara sicher auch.“

Er nickte und in diesem Moment setzten wir bereits auf der Landepiste auf. Der Pilot verstand sein Handwerk, es war eine butterweiche Landung und das Flugzeug rollte an das Terminal und nach wenigen Minuten hatten wir die Maschine verlassen und waren auf dem Weg durch den Zoll. Wir hatten nichts anzumelden und wir wurden auch nicht kontrolliert. So standen wir in der Halle am Gepäckband und warteten auf unsere Taschen. Diesmal dauerte es etwas länger und Stef wurde schon ein wenig unruhig, aber dann kamen sie doch noch und wir nahmen unsere Taschen vom Band und marschierten in Richtung Ausgangshalle. Von Mario war noch nichts zu sehen.

„Ob er uns vergessen hat?“, fragte Stef etwas angespannt.

„Unsinn, ich hole mal mein Handy raus. Vielleicht hat er uns ja eine Nachricht geschrieben. Solltest du vielleicht auch mal machen.“

Dabei musste ich grinsen, denn er wurde sogar etwas rot dabei.

„Ok, ok, du hast ja Recht.“

Sowohl bei mir als auch bei ihm waren Nachrichten eingegangen. Ich hatte von meiner Familie eine Nachricht und auch von Nico eine erhalten. Ich sollte mich melden, wenn wir gut angekommen waren.

„Typisch, Mario kommt etwas später. Er schafft es nicht, weil er eine Umleitung fahren muss.“

„Na, da kann er doch nichts dafür. Sei nicht so aggressiv. Lass uns zum Ausgang gehen und dort warten. Es ist noch schön warm draußen.“

Wir marschierten vor die Halle und setzten uns auf eine Bank. Unsere Taschen hatten wir neben die Bank gestellt. Ich legte meinen Arm um meinen Freund und er schmiegte sich eng an mich.

„Sorry Luc, aber ich bin halt etwas angespannt. Du hast ja Recht, aber ich habe ein wenig Angst, dass das hier nicht so gut klappt.“

„Kann ich sogar verstehen. Du musst aber positiv denken. Es ist ein Neuanfang und dein Bruder wird dich unterstützen. Außerdem hast du mit Karl und Barbara so etwas wie Großeltern gefunden. Sie werden euch immer helfen, wenn es zu Problemen kommen sollte.“

Er kuschelte sich ganz eng an mich und ich konnte spüren, er traute sich nicht, mich hier in der Öffentlichkeit zu küssen. Ich wollte ihn auch nicht unter Druck setzen und ließ es so stehen. Plötzlich konnte ich Mario auf uns zu laufen sehen. Er winkte schon von weitem.

„Schau mal Stef, da kommt Mario.“

Stef schaute, und in dem Moment, wo er ihn erkannt hatte, sprang er auf und lief auf seinen Bruder zu. Freudig umarmten sie sich. Mario hob seinen kleinen Bruder hoch und drückte ihn ganz fest an sich. Danach kamen sie zu mir und Mario begrüßte mich genauso herzlich. Es war ein schönes Gefühl zu spüren, hier willkommen zu sein. Mario nahm Stefs Tasche und ich meine und dann machten wir uns auf den Weg zu seinem Auto. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle und wir erzählten kurz, wie die Reise verlaufen war und dass ich noch ein wenig ein Schlafdefizit hatte.

„Du und Schlafdefizit? Was ist passiert, hat Stef dich wieder um den Schlaf gebracht.“

Dabei lachte Mario richtig fies. Mir war es jetzt richtig peinlich, aber Stef schwieg. Er hätte jetzt ja ganz leicht berichten können, was passiert war. Ich wollte aber nicht, dass Mario seinem Bruder zu Unrecht etwas unterstellte.

„Nein, ganz bestimmt nicht. Wir hatten bei uns eine Abschlussfeier im Garten und ich habe mich nicht gerade vorbildlich verhalten.“

Mario schaute zu mir herüber, als er sein Auto parkte.

„Du? Du hast dich nicht vorbildlich verhalten? Das kann ich ja gar nicht glauben.“

„Mario, lass es doch einfach. Du musst nicht alles wissen“, fuhr Stef ein wenig bissig dazwischen.

Ich staunte genauso wie Mario über diese Reaktion.

„Lass gut sein Stef, ich habe kein Problem, es zu erzählen. Wenn ich schon den Mist gemacht habe, dann muss ich auch dazu stehen. Weißt du Mario, ich habe etwas zu viel Alkohol gehabt und bin abgestürzt. Es war diesmal anders. Ich habe Stef die Nacht gestohlen und die Feier kaputtgemacht.“

Wir waren mittlerweile vor Marios Wohnung angekommen und Mario öffnete lachend die Tür.

„Na, das ist ja was. Damit hatte ich ja nun gar nicht gerechnet, dass ausgerechnet du das als Erster ausprobierst. Ich hätte erwartet, dass Stef das tut.“

„Nein, ich war der Depp. Und ich glaube, Stef wird sich das gut überlegen, ob er auch so dumm sein will, wie ich.“

Stef wollte etwas dazu erwidern, aber ich gab ihm mit einem Blick zu verstehen, dass wir das Thema wechseln sollten.

„Komm Luc, lass uns die Taschen in mein Zimmer bringen. Hier im Flur ist zu wenig Platz.“

Also marschierten wir in sein neues Zimmer und machten es uns gemütlich. Ich stellte meine Tasche an die Seite, ich brauchte ja nur Waschzeug für die eine Nacht. Stef packte seine Tasche aus und verstaute alles in seinen Schränken. Die meisten seiner Sachen waren noch unterwegs. Sie würden vermutlich erst am Montag ankommen. Es klopfte und Mario kam herein.

„Habt ihr schon gegessen? Oder sollen wir nicht noch etwas Nahrung aufnehmen?“

„Das ist eine hervorragende Idee. Ich habe richtig Hunger, weil ich heute noch nicht viel gegessen habe.“

Jetzt musste auch Stef richtig lachen. Ich fand das gut, dass er jetzt wieder seinen Humor gefunden hatte.

„Bevor du deinen Magen füllst, solltest du noch bei Karl und Barbara anrufen. Das war so vereinbart.“

„Mann, wo habe ich heute meinen Kopf. Du hast Recht. Das mache ich mal schnell.“

Ich suchte in meinem Handy und wenige Augenblicke später hörte ich seine Stimme.

„Geiger“

„Hallo Karl, hier ist Luc.“

„Endlich Luc, warum rufst du so spät an? Wir hatten schon begonnen, uns Sorgen zu machen.“

„Sorry, aber der Tag ist etwas anders gelaufen, als geplant und wir sind jetzt erst gesund bei Mario angekommen. Alles andere erzähle ich euch dann morgen ausführlich.“

Karl war beruhigt und wir verabredeten uns für morgen um elf bei den Geigers zum Brunch. Ich sollte auch Mario und Stef mitbringen.

Mario führte uns im Anschluss an das Gespräch zum Griechen, um noch etwas zu essen und erst um halb zwölf waren wir vom Imbiss wieder zurück. Ich beschloss, direkt ins Bett zu gehen. Schließlich war ich einfach noch müde von den gestrigen Ereignissen. Stef und ich machten uns bettfertig und waren schnell in seinem Zimmer verschwunden. Ich war zu müde, um noch irgendwelche Dinge anzustellen und somit schliefen wir beide gemeinsam das erste Mal in München in seinem Bett ein.

Ein neuer Abschnitt in Stefs Leben hatte begonnen.

Nachwort

An dieser Stelle möchte ich einmal MoNo für seine tollen Korrekturarbeiten und seine immer guten Ideen bedanken. Es macht mir viel Freude mit Dir über die Story zu diskutieren.

Ebenfalls bedanken möchte ich mich bei den vielen Lesern, die mir ein Feedback geschrieben haben.

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