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Doorway to Auroria

Kapitel Sieben - Mord im Paradies und neue Herausforderungen

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Informationen

 

"Hast du Razon gesehen?"

Dulcis drehte sich um und sah einen besorgt blickenden Amatoris.

"Wieso, vermisst du ihn etwa?"

Amatoris seufzte. "Ja … nein … nicht so, wie du vielleicht denkst."
"Ach, was denke ich denn?", fragte Dulcis schnippisch.

Er lag zusammen mit anderen Elfen, Menschen und einem blauen Goblin auf einer Wiese aus Kissen und Fellen und tat sich an einem süßen Kuchen gütlich.

"Das ist nicht komisch - mir ist es ernst. Hast du ihn gesehen?" Amatoris funkelte seinen Gefährten ungeduldig an.

Ab diesem Zeitpunkt wusste Dulcis, dass Amatoris nicht scherzte. Normalerweise würde er ihn nun dafür ermahnen, welch ein 'böser Junge er sei' und mit Bestrafung drohen - ein Spiel, das sie schon seit vielen Jahren spielten. Nicht nur, dass Amatoris darauf abfuhr, Füße zu streicheln und Kitzelspiele zu veranstalten, er spielte auch gerne den Bestrafenden und Meister. Und Dulcis genoss die unterwürfige Rolle in ihrem Spiel. Aber dies war momentan kein Spiel - Amatoris war es ernst. Das konnte Dulcis an diesem ganz besonderen Funkeln in dessen Augen erkennen.

"Nun ja, ich habe ihn das letzte Mal mit Lateo gesehen", sagte Dulcis ernst. Er legte seinen Kuchenteller beiseite und erhob sich. "Das war vor vielleicht -" Er dachte kurz nach. "- vor einer halben Stunde. Wieso sorgt dich das? Bist du etwa -"

"Ich bin nicht eifersüchtig, wenn du das meinst", sagte Amatoris gereizt. "Ich habe nur so ein komisches Gefühl."

Die letzten beiden Worte, vor allem, wie er sie aussprach, versetzten Dulcis einen Schauder. Amatoris war für seine Fähigkeit, Gedanken und Gefühle anderer Wesen zu erahnen oder zu lesen bekannt. Wenn er aber von einem "komischen Gefühl" sprach, hieß dies meist nichts Gutes. Selten geschahen in Auroria schlimme Dinge; meist war eine Krankheit oder ein altersbedingter Todesfall das Schlimmste, was passieren konnte. Aber diesmal war es anders. Auch Dulcis konnte es spüren.

Dulcis legte seinen Arm um Amatoris‘ Schultern und zog ihn zur Seite.

"Werde bitte konkreter: Fühlst du, dass mit Razon etwas nicht stimmt?"
"Ich … ich weiß nicht", sagte Amatoris ernst. Er schlang seine Arme um seinen Oberkörper, als würde er frieren. "Zuerst wohliges Glück und Zufriedenheit, doch dann … diese seltsame Kälte. Und Verzweiflung."
"Ist es Razon?"

Amatoris blickte seinen Gefährten mit glasigen Augen an und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, als im Hintergrund jemand aufschrie.

Beide drehten sich nach der Quelle des Schreis um und sahen jemanden durch die Menge drängen und nach Dulcis rufen.

"Der Heiler Dulcis! Schnell, wo ist Dulcis?!"
Es war Laxus, der auf sie zugestürmt kam. Sein Gesicht glänzte vom Schweiß, seine Augen waren gerötet, sein Haar wirkte wirr, als wäre er einem heftigen Sturm entkommen.

"Schnell, vielleicht ist es noch nicht zu spät!", brüllte Laxus mit tränenerstickter Stimme.

Er packte Dulcis am Unterarm und zog ihn mit sich.

Dulcis riss sich los und folgte dem völlig aufgelösten Laxus, der immer wieder vor sich hinmurmelte. Seine Laute waren eine Mischung als Weinen, Flüstern und Fluchen.

"Vielleicht ist er schon tot … Oh bitte, lass' ihn nicht tot sein … Liegt einfach da und bewegt sich nicht mehr … Atmet nicht mehr …"
"Wer? Wer atmet nicht?", rief Dulcis aufgeregt, während er Laxus folgte.

Auch Amatoris und andere Ebura folgten Laxus hinaus zum Außenbereich des Tempels.

"Lateo – er … er atmet nicht mehr!", keuchte Laxus und führte Dulcis zu jener Stelle bei den Säulen, wo ein regloser Lateo auf dem Boden lag.

Sofort ging Dulcis vor ihm in die Hocke und tastete sein Gesicht und den Brustkorb ab.

"Lateo? Lateo, kannst du mich hören?", fragte Dulcis ruhig, während er Lateos Augen kontrollierte, dann in den Mund und Rachen sah und schließlich den Kopf schüttelte.

"Nichts zu erkennen. Bringt mir Licht! Und Wasser!", rief Dulcis über seine Schulter hinter sich. Sofort setzten sich der Ork und seine beiden Gefährten in Bewegung und holten eine große Laterne in Form eines Eiskristalls und einen Krug Wasser aus dem Tempel.

"Er atmet nicht", sagte Dulcis ruhig.

"Hab' ich doch gesagt! Hab' ich doch gesagt!", kreischte Laxus mit seiner rauen Stimme und begann zu schluchzen. "Er ist tot! Lateo ist TOT!"
"Nein, noch nicht", sagte Dulcis mit ruhiger, beherrschter Stimme. Er legte seine Lippen auf Lateos Mund und begann, ihn zu beatmen - drei Atemstöße, dann Herzmassage, dann dasselbe wieder von vorne.

Um das Geschehen hatten sich dutzende von Ebura als Zuschauer versammelt, die mit Entsetzen dabei zusahen, wie Dulcis versuchte, Lateo wieder zu beleben.

"Bei Oberon - was ist hier …"

Als er Razons Stimme hörte, wirbelte Amatoris erschrocken herum, packte den Elfen am Oberarm und schüttelte ihn.

"Bist du in Ordnung? Geht es dir -"
"Was ist mit Lateo …", keuchte Razon erschrocken.

"Er ist tot!", hörte er Laxus immer wieder murmeln, keuchen und schreien.

Razon erstarrte zu Stein; sein Blick war an Lateos leblosen Körper wie festgefroren.

"Lateo …", flüsterte er kaum hörbar. Der Anblick war entsetzlich und löste bei Razon ein solch überwältigendes Gefühl der Übelkeit und Ohnmacht aus, dass er glaubte, sofort sterben zu müssen. Die honigfarbenen, wunderschönen Haare standen kreuz und quer von Lateos Kopf ab, als hätte ein wildes Tier vergeblich versucht, sie ihm auszureißen. Auf seiner Brust an der Stelle, wo das Herz lag, war eine rote Wunde zu sehen.

Dulcis war immer noch damit beschäftigt, Lateo wiederzubeleben, als der Ork den kreischenden und weinenden Laxus packte und mit den Worten "Du störst hier nur" in den Tempel trug.

Für einige Sekunden herrschte eisiges Schweigen und in jenen Sekunden sah Razon vor seinem inneren Augen, wie sein Leben hätte werden können, wenn Lateo noch da wäre; wenn er nicht leblos vor ihm auf dem kalten Boden liegen würde; wenn er ihn festgehalten und an sich gepresst hätte. Er hätte ihn nicht gehen lassen dürfen. Nicht anbrüllen dürfen. Nicht …

Dulcis legte sein Ohr über Lateos Gesicht und sagte leise: "Er … er atmet wieder!"

Razon und Amatoris traten aus der Menge zu Dulcis und dem am Boden liegenden Lateo.

"Sein Herz schlägt auch wieder!", rief Dulcis erleichtert.

"Lateo …", flüsterte Razon und berührte sanft Lateos Hand.

"Er ist noch ohne Bewusstsein, aber er lebt", stellte Dulcis fest. Er blickte zuerst Amatoris, dann Razon fragend an. "Was ist mit ihm nur geschehen?"

Razon wendete verschämt seinen Blick ab und schwieg.

"Vielleicht", begann Amatoris mit erhobener Stimme, "sollten wir Lateo in sein Schlaflager bringen."

Während der Ork Lateo zu dessen Schlaflager brachte, das in einem prachtvoll eingerichteten Nebengebäude des Tempels lag, wichen Amatoris, Dulcis und Razon ihm nicht von der Seite. Dulcis versuchte immer wieder, Lateo zu wecken oder ihm etwas Wasser einzuflößen, doch der junge Ebura blieb ohne Bewusstsein.

"Was ist mit der Quelle?", hörte Razon mit einem Ohr Amatoris den Heiler Dulcis fragen, doch er schüttelte nur den Kopf.

"Das Beste ist, wenn wir ihn schlafen lassen", beschloss Dulcis. "Vielleicht erholt er sich aus eigener Kraft."
"Aber was ihm fehlt, kannst du nicht sagen?", fragte Amatoris ernst.

Dulcis schüttelte den Kopf.


Das Fest war vorbei und die Nacht so gut wie vorbei, als Razon zusammen mit Dulcis, Amatoris und Laxus alleine in der leeren und gespenstisch stillen Eingangshalle von Lateos Haus in einer Sitzgruppe aus Kissen und Fellen saß. Nunk hielt zusammen mit Araphel bei Lateo Krankenwache, während sich die vier Elfen berieten.

Laxus hatte sich inzwischen wieder beruhigt.

"Was hast du eigentlich da zu suchen gehabt?", fragte Amatoris gerade heraus und Laxus blickte erschrocken auf.

"Ich … nun ja, wieso denn nicht?" Er versuchte zu lächeln. "Es wurde schließlich gefeiert, oder nicht?"
"Aber du wurdest den ganzen Abend nicht gesehen", bohrte Amatoris weiter. "Bis du urplötzlich Lateo am Boden liegen findest. Seltsam, findest du nicht auch?"
"He, einen Moment mal!", keuchte Laxus empört auf. "Willst du damit sagen, dass ICH etwas damit zu tun hatte? Ich habe ihn schließlich gefunden und außerdem …"

Plötzlich begann er wieder zu schluchzen.

Amatoris kniff misstrauisch die Augen zusammen und schnaubte leise.

"Er hat recht", sagte Razon leise. "Wieso sollte er Lateo etwas antun und dann Dulcis rufen?"

Dulcis nickte. "Ja, außerdem werde ich aus dieser Verletzung nicht schlau, die Lateo widerfahren ist."
"Er war bewusstlos und hat nicht mehr geatmet", sagte Amatoris. "Vielleicht wurde er vergiftet oder hat aus Versehen etwas Giftiges gegessen oder getrunken?"

Dulcis schüttelte den Kopf. "Unmöglich. Hier in Auroria gibt es nichts Giftiges. Und wenn, dann hätten sich auch andere vergiftet, schließlich haben wir alle dasselbe gegessen und getrunken."
"Nicht alle von uns sind gleich", sagte Laxus und schniefte. "Was ist mit den Orks oder den Goblins? Die können sogar Aas und Verdorbenes noch mühelos vertragen?"

"Verdächtigst du Morkel oder Bronker, Lateo vergiftet zu haben?", rief Amatoris ungläubig. "Das ist Blödsinn. Nicht nur, weil niemand in Auroria einen Mord begehen würde, sondern weil wir ja jetzt ebenfalls scheintot am Boden liegen würden."
Laxus verschränkte die Arme. "War ja nur so ein Gedanke."
"Außerdem", fuhr Dulcis nachdenklich fort, "ist da noch diese seltsame Wunde auf Lateos Brust. Ich habe so etwas noch nie gesehen."

"Eine Verbrennung."

Alle blickten zu Razon, der tonlos und mit leerem Blick sprach.

"Es ist eine Verbrennung. Von einem Blitz oder Stromschlag."
"Woher …", begann Dulcis, aber Amatoris unterbrach ihn: "Du kennst das, weil du mit solchen Dingen zu tun hast? Du bist Techniker."
Razon nickte langsam. "Ich selbst habe Experimente mit Sonnenwinden und elektrischen Strahlen gemacht, um meine Flugmaschine zum Fliegen zu bringen. Ist die Strahlung zu hoch, kann man sich schon mal daran die Finger verbrennen. Und die Haare stehen dann auch zu Berge."

"Interessant", sagte Dulcis nachdenklich.

"Ja, interessant", sagte auch Amatoris und beäugte Razon misstrauisch. "Du kennst dich also mit solchen Dingen aus."
Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Es brauchte einige Herzschläge lang, bis Razon begriff, worauf Amatoris anspielte.

"Ihr glaubt doch nicht, dass ich …"

"Das ist Unsinn", sagte Amatoris und seufzte. "Ich gebe zu, dass es irgendwie passen würde, aber es ist Unsinn, weil du bestimmt eine Maschine oder so etwas dazu bräuchtest, oder nicht?"

Razon starrte Amatoris entsetzt an. "Das spielt keine Rolle - alleine die Tatsache, dass du MIR zutrauen würdest, einen anderen Elfen töten zu wollen …"
"Du hast dich vom Rathausdach stürzen wollen und immer wieder uns Ebura wegen unserer Eigenart beschimpft", sagte Amatoris streng. "Außerdem betonst du immer wieder, dass du nicht zu uns gehören würdest. Woher wollen wir wissen, dass du so harmlos bist, wie du immer tust?"

Razon stockte der Atem. Er setzte dazu an, etwas zu sagen, als Dulcis ihm zuvor kam.

"Razon ist kein Mörder. Niemand ist ein Mörder, klar?", sagte er in überraschend strengem Ton. "Vielleicht war es ein Unfall, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie so etwas geschehen könnte."
"Nein", sagte Razon leise, aber mit fester Stimme. "Jemand wollte Lateo töten. Die Verbrennung liegt genau dort, wo Lateos Herz ist. Ich hätte keinen Grund, ihm etwas anzutun." Er blickte zu Amatoris. "Ganz im Gegenteil sogar."
"Du warst aber alleine mit ihm da draußen", gab Laxus zu bedenken. "Und du hast niemanden gesehen?"
Razon seufzte und schüttelte den Kopf. "Nein, ich …" Er schluckte Tränen. "Ich wollte alleine sein. Lateo ließ mich zurück und ging. Ich habe niemanden gesehen oder gehört."

Amatoris seufzte ebenfalls. "Entschuldige, Razon. Ich glaube auch nicht, dass du ein Mörder bist. Ich wollte dich nur testen."
Razon kam wieder in den Sinn, dass Amatoris Gedanken und Gefühle lesen konnte und verstand: Es war eine Art Lügen-Test, was der Ebura da gemacht hatte. Er nickte. "Ja, ist schon gut."

"Also", begann Laxus, "wenn du es nicht warst, es aber auch kein Unfall war, was oder wer war es dann?"
"Kommen wir doch mal zu dir", sagte Amatoris an Laxus gerichtet. "Wie und wann hast du Lateo gefunden?"

"Mir war langweilig, also beschloss ich, auf die Feier zu gehen. Ihr wisst ja, dass ich zu alt für Orgien bin, aber einen Becher Wein oder -"
"Komm' zur Sache", sagte Amatoris streng.

"Schon gut", sagte Laxus flapsig. "Ich kam von der Nordseite des Tempels durch den Palmenwald. Ich sah Licht und Musik und beschloss, den Hintereingang über die Terrasse zu nehmen und sah ihn da bei den Säulen liegen."

"Warum hast du geweint?", wollte Razon wissen und verschränkte die Arme. "Ich dachte, du kannst Lateo nicht ausstehen?"

Seine wiedergekehrte Selbstsicherheit und Flapsigkeit wich aus Laxus' Gesichtszügen wie die Farbe von einem Gemälde, das man mit Wasser besprüht hatte. Er kam ins Stocken und hatte sichtlich Mühe, die richtigen Worte zu finden. Er räusperte sich und sagte schließlich:
"Das ist nicht wahr, und das wisst ihr auch." Laxus atmete tief durch und seufzte. "Ich liebe Lateo, aber er will von mir nichts wissen."

"Und deshalb", fuhr Razon erbarmungslos fort, "erzählst du Lügen über ihn. Wie war das noch gleich? Dass er ein 'Schweinchen' wäre und so weiter?!"

Laxus blickte beschämt zu Boden. Wieder rollten Tränen über seine faltigen Wangen.

"Ich … ich war so enttäuscht … man sieht mir an, dass ich nicht mehr der Sexgott in Person bin. Ich gebe mich immer so selbstbewusst und frech, aber ich bin sehr …  schüchtern."

Amatoris grunzte; ein Geräusch das verriet, dass er sich gerade noch ein Lachen verkneifen konnte. Auch Razon erschien die Vorstellung, Laxus sei "schüchtern" absurd. Andererseits … gaben sich nicht meist die ängstlichsten Leute als die Stärksten und Größten? Spielte Laxus allen nur etwas vor?

"Ich weiß, das klingt albern", fuhr Laxus schnaubend fort, "aber … ich habe Angst vor … vor …" Er kämpfte mit den Worten, als stünde er in einer Kampfarena einer Horde Orks gegenüber. "… Sex", murmelte er kaum hörbar.

"Was?", rief Dulcis kichernd und auch Amatoris konnte sich sein Lachen nun nicht mehr verkneifen. Sogar aus Razon platzte Lachen hervor.

"Ja, ja, lacht nur!", zischte Laxus und verschränkte die Arme wie ein beleidigtes kleines Kind. "Aber es ist die Wahrheit."
"Und weil du Angst vor Sex hattest", begann Amatoris kichernd, "wärst du fast über Lateo hergefallen wie eine ausgehungerte Drachenechse über einen Feldhasen, oder was?"
"Lateo ist die Liebe meines Lebens", sagte Laxus trotzig. "Ihr jungen Grünschnäbel könnt das nicht verstehen, aber ich glaube an die Liebe auf den ersten Blick."
"Wenn du Angst vor Sex hast", begann Dulcis, "aber trotzdem ausgehungert bist, wieso suchst du dir dann nicht einen Gefährten? Fast alle in Auroria haben Spaß mit anderen, warum du nicht?"

"Ich glaube eben an die wahre Liebe und daran, auch nur mit der wahren Liebe das Schlaflager zu teilen."

Das klang für alle plausibel; nur nicht für Razon, doch er schwieg.

"Warum erzählst du dann Lügen über Lateo, wenn du ihn so sehr liebst?", wollte Amatoris nochmals wissen.

"Ich weiß es nicht", knurrte Laxus.

"Vielleicht", dachte Razon laut nach, "weil er Angst davor hatte, seine große Liebe könnte an jemand anderen verloren gehen. Oder es ist eine Art Rache oder Bestrafung dafür, dass er ihn ablehnte."
"Ja!", rief Laxus und lachte beinahe. "Ja, genau das ist es! Du hast es auf den Punkt gebracht, mein Junge."
Alle vier Elfen tauschten schweigend Blicke aus, bis sich Laxus und Dulcis schließlich erhoben. Dulcis wollte nach Lateo sehen und Laxus ging nach Hause. Razon und Amatoris waren alleine.

"Was meinst du?", fragte Amatoris Razon ernst.

"Was soll ich meinen?"
"Du kennst dich mit diesen Dingen doch aus. Mit elektrischen Strahlen und Maschinen und Technik. Braucht man wirklich eine große Maschine um jemanden so zu verletzen wie Lateo?"

Razon zuckte mit den Schultern. "Du bist von meiner Unschuld also wirklich überzeugt?"
"Die ganze Zeit über", sagte der Ebura. "Ich spüre doch, dass du Lateo magst. Welchen Grund hättest du, ihm so etwas anzutun?"

Razon nickte, kommentierte aber das '… dass du ihn magst' nicht. "Ich habe mich entschuldigt und mit ihm über … nun ja, über das Eburische unterhalten. Lateo ist ein richtig toller Elf und ich fühle mich wohl in seiner Nähe. Umso mehr schmerzt es mich, was mit ihm passiert ist."
"Könnte es ein Unfall gewesen sein?"

Razon schüttelte den Kopf. "Unwahrscheinlich."

"Dann war es also ein …" Amatoris hielt inne und Razon nickte.

"Ja, ein Mordversuch."

Nach weiteren schier endlosen Minuten brach Amatoris erneut das Schweigen. Razon hatte bei dem Ebura, obwohl er ihn nur wenige Tage kannte, das Gefühl, ihn ewig zu kennen und bereits alles zu erahnen oder zu wissen, was der Elf gerade dachte oder sagen wollte. Auch jede Gefühlsregung oder jeder Gesichtsausdruck von Amatoris kannte Razon, und es erschreckte ihn deshalb umso mehr, als er diese Mischung aus Angst und Hilflosigkeit in dem ansonsten so fröhlichen Gesicht sah.

"Das stellt alles auf den Kopf", sagte Amatoris tonlos. "Noch nie hat es hier in Auroria ein Verbrechen gegeben - es war ja auch nie nötig gewesen, etwas zu stehlen oder jemanden gar töten zu wollen. Wie auch, wenn jeder alles und jeden haben konnte."
"Tatsächlich?", gab Razon skeptisch zu bedenken. "Lateo wollte Laxus nicht - oder umgekehrt, je nachdem, wem man Glauben schenken mag."

Amatoris seufzte und es klang nach Verzweiflung und Ratlosigkeit. "Eifersucht? Unerwiderte Liebe? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen."
"Aber dass es jemand auf Lateos Leben abgesehen hat, ist nicht zu leugnen", sagte Razon und bemerkte in diesem Augenblick, wie ihm wieder übel wurde, denn ihm wurde bewusst, was er da gesagt hatte; ihm wurde schlagartig bewusst, was an diesem Abend geschehen war und was es vielleicht ausgelöst hatte.

"Das ist es ja!", rief Amatoris beinahe zornig. "Begreifst du denn nicht? Es werden sich Angst und Unsicherheit in Auroria breitmachen. Was, wenn unsere Welt doch nicht so perfekt und heilsam ist, wie sie es immer war?"
Razon nickte. "Ich verstehe, was du meinst. Die perfekte, heile Welt gibt es nun mal nicht, Amatoris. Jeder hat Fehler, niemand ist unfehlbar."

Amatoris faltete die Hände und presste sie gegen seinen Mund. "Du verstehst das nicht. Du begreifst nicht, was es noch für Folgen hat."
Razon war im ersten Augenblick tatsächlich ratlos, doch dann begriff er.

"Hier gibt es keine Polizei, keinen Richter …", flüsterte er erschrocken.

"Keine Rechtsprechung, keine Strafe", beendete Amatoris den Satz. "Jetzt hast du es begriffen, ja. Wer wird den Täter überführen können? Wer soll über ihn richten?"

"In Auroria hat man sich nie damit auseinandergesetzt, dass es vielleicht doch sinnvoll sein könnte, wenigstens so etwas wie eine Polizei oder einen Richter einzuführen? Und wenn es nur um das Schlichten von Konflikten geht?"

"NEIN!", zischte Amatoris zornig. "Schon vergessen? Hier gibt es keine Anführer, die etwas bestimmen oder beschließen. Wir … wir leben einfach …"
"Es scheint doch nicht so einfach zu sein", sagte Razon und erhob sich. "Vielleicht bin ich deshalb hier."
"Wie meinst du das?"

Razon rieb sich nachdenklich das bärtige Kinn. "Nun ja, ich war nie ein Polizist oder Rechtsprecher, aber ich kann Situationen gut einschätzen und analysieren. Ich werde diesen Fall aufklären."
Amatoris erhob sich ebenfalls und musterte seinen Gesprächspartner zweifelnd.

"Und wenn du den Täter gefunden hast, was soll dann aus ihm werden?"

"Wir machen es so, wie es die Menschen im Süden machen", sagte Razon nachdenklich und kramte in Gedanken nach einem Buch, das er einmal über die Menschen gelesen hatte. "Die lassen das Volk entscheiden, was mit Verbrechern geschehen soll. Sie beraten sich und fällen dann in einer Abstimmung ein Urteil."
Amatoris atmete gequält ein und aus und seufzte lange. "Also … ich weiß nicht …"
"Was mit dem Täter geschehen soll", schnitt Razon ihm das Wort ab, "werden wir sehen, wenn es soweit ist. Das Wichtigste ist erst einmal, dass er gefunden wird."


Araphel und Nunk waren gegangen, als Razon mit Dulcis und Amatoris in Lateos Schlafzimmer vor dessen Bett stand.

"Ich übernehme die Nachtwache", sagte Razon ernst. "Ich kann sowieso nicht schlafen."
Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte Amatoris jetzt eine zweideutige Anmerkung gemacht, und er hätte damit sogar recht gehabt: Razon wollte mit Lateo alleine sein, wollte seine Gegenwart spüren, auch wenn er im Augenblick ohne Bewusstsein war. Stattdessen nickte der Ebura nur.

"Gut, einverstanden."

"Wenn er aufwacht", begann Dulcis an Razon gewandt, "dann versuche, ihm Wasser zu geben. Und seine Wunde muss gesäubert werden."
Er reichte Razon einen kleinen Tonkrug mit einer frisch duftenden Salbe.

"Ja, das ist kein Problem", sagte Razon tonlos.

Als die beiden Ebura gegangen waren, setzte sich Razon neben Lateos Bett und starrte eine ganze Weile auf den reglosen Körper. Lateo sah wirklich krank und schlecht aus. Razon wusste, was elektrische Strahlung einem Lebewesen antun konnte, aber dass es jemand geschafft hatte, mit Absicht damit jemandem zu schaden, hatte er bisher nur in Büchern gelesen.

Während er das feingeschnittene Gesicht des Elfen betrachtete, zwang sich Razon dazu, über den "Fall" nüchtern und logisch nachzudenken; hatte es etwas mit der Tatsache zu tun, dass die elektrische Strahlung in der Atmosphäre über Auroria so stark war? Hatte es etwas mit den Saturnringen zu tun? Und wer sollte Lateo schaden, ja, seinen Tod haben wollen? War Laxus wirklich unschuldig? Er hätte auch als Ablenkung den aufgewühlten Trauernden spielen können …

All diese Gedanken wurden jedoch immer schwächer und jene Gedanken und Bilder des Abends vor diesem "Vorfall" gewannen Überhand: Lateos Tanz, das Licht und Funkeln in seinen Augen, diese weichen Haare, die Umarmung, dieses Gefühl, das Razon dabei gehabt hatte …

Er streckte seine Hand aus und berührte Lateos Haare, die sich so fein und weich anfühlten wie feinste Seide. Seine Stirn fühlte sich fiebrig und trocken an, seine Wangen waren glatt und weich. Dieses Wesen war perfekt, als hätte es jemand in mühevoller Handarbeit erschaffen, um ihn, Razon, kennenzulernen. Vielleicht war es alles eine Illusion; ein Traum, während er erfroren in seiner Flugmaschine inmitten der Eiswüste lag. Die Käferseuche und seine Queste genauso vergessen wie …

Timeon, glaubst du, wir beide könnten mal durch die Lüfte fliegen wie Vögel?

"Das glaube ich nicht nur, ich weiß es sogar."
"Du bist mein bester Freund …"

Sein Herz schlug wieder schneller, doch diesmal empfand er keine Angst, keine Unsicherheit. Es war so, als stünde man mit verbundenen Augen vor einem tiefen Abgrund und hinter dir sagt jemand: 'Geh' ruhig weiter, du wirst zwar fallen, aber du wirst nicht tief fallen und dich nicht verletzen. Vertraue mir einfach!' In jener Gegend zwischen dem Herzen und dem Magen breitete sich ein eigenartiges Gefühl aus; es war eine Mischung aus Glück und Angst. So, als hätte man Angst vor diesem Abgrund, aber war zugleich auch neugierig darauf, wie es wohl sein würde, zu fallen. Sich fallen zu lassen …

Er beugte sich runter und strich abermals über Lateos Haare, spürte dieses Gefühl des Fallens; verspürte Angst, aber Neugier, so, wie er es als Techniker und Forscher kannte: jeden Tag eine neue Herausforderung. Manchmal war es klug, einmal mehr nachzudenken; manchmal musste man aber auch einfach etwas riskieren.

Razon dachte nicht darüber nach. Er schloss die Augen und berührte Lateos Lippen mit seinem Mund.

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