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Blickwinkel

Teil 4

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Inhaltsverzeichnis

Chapter 20 Merlin

»Guten Morgen, Merlin«, begrüßte Andreas den Teenager am späten Vormittag, »Wir wünschen dir ein gutes neues Jahr.« Wir? »Erlin«, mischte Cedric unter dem Küchentisch plötzlich mit. »Guten Morgen ihr beiden und euch ebenfalls ein gutes neues Jahr.« Andreas grinste Merlin an. »Ist spät geworden?« »Notgedrungen. Eric und ich sind gelaufen. Sein Fahrrad hatte einen Platten. Er kommt es später abholen.« »Hm, ich habe noch Flickzeug in der Garage. Dort könnt ihr den Reifen reparieren, wenn ihr wollt. Doch jetzt frühstücke erst einmal.« Dann wandte er sich seinem Sohn zu: »Was meinst du, Cedric, sollen wir mal mit den Hunden vor die Tür?« »Dada?« »Genau, und etwas toben im Schnee.« Der keine Mann krabbelte unter dem Tisch hervor und juchzte vor Vergnügen. »Salvatore war heute Nacht schon mal raus zum Pieseln.« »Kommt vor. Wahrscheinlich hat er einfach nur die Gelegenheit genutzt.« »Sag mal Andreas, streifen die Hunde nachts durchs Haus?« Andreas hob Cedric vom Boden auf: »Klar. Sie haben einen anderen Schlafrhythmus als wir Menschen. Aus Erfahrung weiss ich, dass Salvatore immer auch seinen Schlafplatz wechselt. Hier hat er auch mehr Möglichkeiten als in unserer kleinen Wohnung in London. Daher haben wir im ganzen Haus auch diverse Hundebetten.« Mit Cedric auf dem Arm ging er hoch, um seinen Sohn für den Ausflug in den Schnee umzuziehen.

Als die Hunde mitbekamen, dass es raus gehen würde, sammelten sie sich im Porch. »Tiger, wir gehen jetzt mit den Hunden etwas raus. Willst du mit?«, fragte Andreas. »Wenn ich das Haus für mich habe, setzte ich mich an den Flügel. Wie lange werdet ihr unterwegs sein?« »Ich dachte, einmal bis zum Spielplatz und dann über den Hauptweg zurück. So etwa eine Stunde.« »Gut, dann gehe ich mit den Hunden am späten Nachmittag raus.« Dann tastete er sich zu Cedric. Gab ihm einen Kuss auf der Stirn. »Habt viel Spaß und pass mir auf deinen Baba auf.« »Abba?« »Ich glaube auch, dass unser Sohn alles im Blick haben wird. By the way: Es liegen etwa 40 cm Schnee. Die Einfahrt räume ich später.« »Gut, dann lasst mal die Hunde nicht zu lange warten. Ach Andreas, eventuell musst du Leons Hinterteil reinigen.« »Das kenn ich ja schon von Max, kein Problem.« Damit zog die Bande los. Carsten ging in die Küche um sich vor der Arbeit noch einen Kaffee zu gönnen. »Morgen Carsten«, begrüßte Merlin ihn. »Morgen. Dir ein erfolgreiches neues Jahr. War die Party gut?« »Und wie. Gute Livemusik, ein tolles Buffet und gute Unterhaltung«, gab Merlin Auskunft. Dann duckste er etwas herum: »Carsten, ich habe Eric kennengelernt. Der Sohn vom Constable Smith. Er war zwar bei der Beschädigung des Spielplatzes dabei, hat aber nicht wirklich mitgemacht. Ich glaube ihm.« »Wissen wir. Mr Smith hat uns gegenüber einen Verdacht geäussert. Andreas schlug vor, dass er bei den Unternehmen den Schaden abarbeitet.« Merlin schmunzelte: »Das macht er auch. Drei Monate lang. Sein Vater wird ihm wohl auf die Finger gucken. Seid ihr denn nicht böse auf ihn?« Carsten setzt sich mit seiner Tasse Kaffee zu ihm. »Zunächst schon, doch Andreas meinte, dass hier in der Gegend ein Ruf wichtiger ist, gerade für Jugendliche. Dem stimme ich zu und letztendlich ist der Schaden ja bereits beglichen. Hast du eine Ahnung wie es weitergehen wird?« »Eric erzählte mir, dass sein Vater die Sprühdose ins Polizeilabor gegeben hat. Vielleicht kommt die Polizei so weiter. Jedenfalls versucht er, seinen Sohn da herauszuhalten. Im Übrigen kommt Eric heute sein Rad abholen. Nach der Party hatte er eine Panne. Andreas meinte, dass er es hier auch reparieren könne. Ich hatte es ihm auch vorgeschlagen.« »Ich denke schon.« Carsten hörte unterschwellig Freude heraus. »Magst du ihn als Freund?« Merlin stutze: »Wie kommst du darauf?« »Du sagtest vorhin, dass du ihm glaubst, obwohl ihr euch gerade da mal ein paar Stunden kanntet.« »Sagen wir einmal so, wenn er keine weiteren Leichen im Keller hat, dann würde ich mich wirklich freuen. Einen guten Freund hatte ich schon lange nicht mehr. Dann scheint er auch in den Naturwissenschaften fit zu sein. Ein wenig Hilfe beim Lernstoff von Gleichaltrigen könnte ich schon gebrauchen. Nicht, dass ich eure Unterstützung nicht zu schätzen wisse, doch ich denke, er weiß, worauf es bei den Prüfungen ankommt.« »Hey, du denkst praktisch. Dann wird er wahrscheinlich öfters hier sein. Bitte respektiert unseren privaten Bereich. Okay?« »Also keine Poolparty?«, scherzte der Jugendliche. »Richtig geraten. Lass uns Eric erst einmal kennenlernen. Dann können wir immer noch weitersehen. So, ich gehe jetzt mal ein paar Etüden spielen.«

Merlin frühstückte gemütlich weiter. Vor dem Fenster sah er die Hunde den Schnee aufwirbeln. Anscheinend hatten sie ihre Revierinspektion und da muss in allen Bereichen alles in Ordnung sein. Ein wenig später betrat Cedric mit seinem Papa den Schauplatz. Was der Jugendliche aus seiner Position sah, sah Andreas ebenfalls nach dem Rechten, während Cedric im Tuch wild gestikulierte. Von einer Statue nahm Andreas etwas Schnee und reichte diesen seinem Sohn. Dieser untersuchte das kalte weiße Zeug und ließ es fallen. Dann gingen sie weiter. »Guten Morgen, Merlin«, begrüßte ihn Edward, »Dir ein gutes neues Jahr.« »Das wünsche ich dir und deiner Familie auch. Es ist noch Kaffee und Tee da.« Edward setzte sich zu ihm und schenkte sich Kaffee ein. »Wo sind die anderen?« »Andreas, Cedric und die Hunde sind Gassi. Carsten in seinem Arbeitszimmer und spielt Klavier. Ich muss sagen, dass er sehr diszipliniert ist.« »Das muss ein Musiker seiner Klasse auch sein. Ansonsten wäre er sicher nicht so erfolgreich. Hast du dir etwas für dieses Jahr vorgenommen?«, fragte Edward, während er sich ein Toast machte. »Mein wichtigstes Anliegen ist der Schulabschluss. Nur mit einem wirklich guten Zeugnis steht mir ein Studium der Tiermedizin offen. Ich habe mir die Informationen zu den Aufnahmebedingungen schon mal besorgt. Die Studienplätze in Edinburgh sind begrenzt.« »Ich und meine Familie sind überzeugt, dass du das Zeug zu einem guten Veterinär hast. Das wird schon werden und wir stehen hinter dir. Mein Vater sah dir bei der Jahresuntersuchung der Schafe zu und meint, dass alle Handgriffe bei dir sitzen.« »Freut mich«, dann grinste er, »euer Widder ist schon eine Herausforderung für Tierärzte.« »Da gebe ich dir recht. Der Bock schützt seine Ladies mit Nachdruck. Mit dem neuen Herdenschutzhund ist die Herde draußen sicher«, antwortete er ihm. »Edward, Dr. Miller hat wohl mit Andreas und Carsten gesprochen. Es geht um einen Briard aus dem Tierheim. Das Tier hat eine Augenkrankheit und zog sich zurück.« »Das ist ein Schutz- und Arbeitshund?«, war sich Edward nicht ganz sicher. »Genau. Ich habe mich über die Rasse informiert. Die Rasse wurde früher mal in den Pyrenäen eingesetzt und schreckt auch nicht vor Raubtieren zurück. Als Arbeitshund braucht er jedoch einen Bezug und da würde ich dich bitten, sein Herrchen zu werden. Du kennst dich ja mit solchen Hunden aus«, berichtete Merlin weiter. »Nun, bei meiner Arbeit auf dem Anwesen könnte ich einen Begleiter benötigen. Glaubst du, er wird zu unseren Tieren hier passen?« »Das wissen wir erst, wenn sich die Tiere kennenlernen. Da aber Carsten bereits seine Zustimmung gegeben hat, wird es wohl keine Probleme geben. Mit Charaid sicher auch nicht, da der Kater bereits mit Hunden vertraut ist.« »Was ist mit der Krankheit?«, interessierte sich Edward, neugierig geworden. »Nun, Dr. Miller ist optimistisch und meinte, dass seine Sehfähigkeit rund 70% betragen wird. Den Verlust kann er sehr gut mit seinen anderen Sinnen kompensieren«, berichtete der Jugendliche von den Ergebnissen der Untersuchungen. »Nun, eine Herde beschützen muss er nicht und für meinen Aufgabenbereich sind Geruch und Gehör wichtiger. Du hast mich überzeugt. Nur, was machen wir mit ihm an meinem freien Tag?« »Da nehme ich ihn mit zur Praxis. Dr. Miller wird ihn noch eine ganze Zeit weiter behandeln und ich denke, so lernt er auch andere Tiere akzeptieren«, machte Merlin eine klare Ansage. »Wann kann ich den Briard kennenlernen?« »Noch ist er im Tierheim.« »Dann besuche ich ihn einfach und wir können uns schon mal beschnuppern«, zwinkerte Edward seinem Gegenüber zu. »Wie war die Party gestern?« »Ich bin kein großer Partygänger. Doch ich bin zufrieden, Anschluss gefunden zu haben. Zum Jahreswechsel gab es für jeden ein Glas Sekt und wir haben uns das Feuerwerk angesehen. Den Rückweg haben Eric Smith und ich gemeinsam bewältigt. By the way: Eric kommt heute noch, um sein Rad abzuholen. Er hatte eine Panne und wir haben unsere Räder getauscht.« »In der Garage haben wir noch Flickzeug und das passende Werkzeug für eine Reparatur. Falls er das Rad reparieren will.« »Das schlug auch Andreas vor. Eric wohnt auf der anderen Seite der Stadt. Ist schon ein weiter Weg von uns aus.«

Nach dem Frühstück räumten sie gemeinsam die Küche auf. Die Thermoskanne mit dem Tee nahm Edward mit. »Arbeitest du heute?«, fragte Merlin. »Ein wenig. Ich mache mir eine Liste mit den anstehenden Tätigkeiten. Das Gut will verwaltet werden und in diesem Jahr stehen einige größere Vorhaben an. Zum Beispiel werden die Hills den Park ansehen, um die anstehenden Frühjahrsarbeiten zu planen. Da sollte ich schon wissen, wann die Arbeiten durchgeführt werden. Weiter wird der Spielplatz fertiggestellt. Die Frauengruppe braucht Informationen, wann genau die Eröffnung sein wird. Im Laufe des Jahres gibt es wieder eine Baustelle: Die Lodge. Das Haupthaus soll vom Baulärm verschont bleiben und Carsten soll auf seinen Spaziergängen sicher sein. Nicht, dass irgendwelche Gruben und Löcher ungesichert sind. Die Liste wird lang.« »Und ich dachte, du schiebst hier eine ruhige Kugel.« Edward verzog sein Gesicht: »Während meines Studiums habe ich gelernt, dass eine gute Vorbereitung und Organisation mir viel Arbeit erspart. Ich denke, das ist bei Dr. Miller auch nicht anders.« Merlin dachte kurz nach. »Oh ja. Diese Woche haben wir noch geschlossen, doch Sabrina will mit mir eine Inventur machen. Ich glaube es kommen auch einige Techniker, um die technischen Geräte zu warten.« »Siehst du. Meine Familie braucht mich diese Woche auch nicht. Sam kontrolliert unsere Weiden. Papa und Mama haben genug mit der Melk- und Kühlanlage zu tun. Da steht eine Generalreinigung an. Da wäre ich ihnen nur im Weg. Also nutze ich diese Zeit für meine Arbeiten hier.« Mit diesen Worten verließ Edward die Küche.

Merlin sah die leeren Fressnäpfe, also nahm er sich ihrer an und reinigte sie. Die Wassernäpfe füllte er mit frischem Wasser auf. Anschließend ging er in der Porch, um die Katzentoilette einer gründlichen Reinigung zu unterziehen.

Eric meldete sich am frühen Nachmittag an. Der Junge fuhr mit dem Rad die letzten Meter über den bereits geräumten Weg. Wobei links und rechts davon sich der Schnee türmte. Am Portal erwarteten ihn Andreas und die beiden Hunde. Leonardo ging auf ihn zu und ließ sich streicheln, während Salvatore ihn misstrauisch beobachtete. »Hallo, Du musst Eric sein, Merlin erwartet dich bereits«, begrüßte er den Jugendlichen. »Hallo Sir. Sie haben recht, ich wollte nur die Räder tauschen.« »Komm herein, ich habe vorgeschlagen, dein Rad gleich hier zu reparieren. Dann kannst du später bequem zurückfahren. Ein kaputtes Rad durch die Gegend zu schieben, ist bei dem Schnee kein Vergnügen. Doch komm erst einmal herein, meine Familie möchte dich auch kennenlernen«, lud er Eric ein. Im Salon grinste Eric ungewollt. Carsten saß mit Cedric auf dem Boden und spielte mit Bauklötzen. »Carsten, ich möchte dir Eric vorstellen«, begann er. »Hallo Eric. Sorry, Cedric ist gerade in seinem Element, daher belasse ich es bei einem verbalen Gruß.« »Ich sehe, wie beschäftigt Sie sind.« »Merlin ist oben auf seinem Zimmer. Geh einfach die Treppe hoch in den zweiten Flur. Rechts herum und dann die letzte Tür links. Schatz, unser kleiner Architekt benötig Nachschub …« Eric sah Andreas nur kopfschüttelnd an. Dieser zuckte mit den Schultern und begab sich zu den Spielenden.

Eric ging zu Merlin, wobei ihn Salvatore begleitete. Er sah sich im Treppenhaus um und stellte fest, dass es zwar schlicht, doch sehr einladend wirkte. In der zweiten Etage ging er zur besagten Tür und klopfte an. Nach Aufforderung betrat er Merlins Reich. Der Bewohner saß an seinem Computer und schrieb etwas. »Hallo Eric, ich habe dich nicht kommen gehört und Salvatore hast du gleich mitgebracht«, begrüßte er den Besucher. »Salvatore scheint mich zu beobachten. Die ganze Zeit ist er bei mir und lässt mich nicht aus den Augen.« »Wahrscheinlich hat er dich am Geruch wiedererkannt. Er war bei mir, als ich die Schäden am Spielplatz entdeckte«, mutmaßte Merlin. »Das ist doch Monate her.« »Schon, doch Gerüche wecken Erinnerungen. Das ist bei Tieren nicht anders als bei uns Menschen. Setzt dich, ich schreibe gerade einen Aufsatz für Gwenda. Die Lady will in zwei Wochen die Arbeit mit mir besprechen. Da kann ich mir keine Fehler erlauben, da ist sie wirklich streng.« »Kenn ich aus meiner Schulzeit. Für die Schüler eine echte Herausforderung. Doch so im Nachhinein würde ich sagen, dass es wichtig ist. Du wirst später in deinem Beruf Berichte und ähnliches schreiben, da macht sich eine gute Ausdrucksweise bezahlt. Oder findest du es gut, wenn jeder Satz mit den gleichen Worten beginnt und du andauernd über grammatikalische Fehler stolperst?« »Bestimmt nicht, ich war im Englischunterricht sogar ganz gut.« »Sag einmal«, begann Eric, »wie gehst du bei schriftlichen Arbeiten vor? Schreibst du alles am PC?« »Nein, erst schreibe ich mir verschiedene Punkte auf. Zum Beispiel Pro und Kontra zu dem Thema, sammle Argumente und so weiter. Anschließend mache ich einen Rohentwurf und verbinde die Punkte zu einem Ganzen. Das mache ich alles handschriftlich. Meine Entwürfe strotzen meist noch von Fehlern, vor allem inhaltlich. Am Computer wird zuletzt der Feinschliff gemacht. Gute Programme der Textverarbeitung helfen mir dabei. Warum willst du das wissen?« »Bei den Abschlussprüfungen hast du keinen PC und die Zeit ist begrenzt. Für meine Englischprüfung wurden vier Stunden angesetzt. Also muss man effizient arbeiten. Deine Sammlung an Argumenten sollte nicht länger als 15 Minuten dauern. Den Rohentwurf musst du im Kopf machen, denn du benötigst gute drei Stunden für eine saubere handschriftliche Ausarbeitung. Zuletzt lese dir die Arbeit durch, ändern würde ich daran nichts. Das sieht einfach unsauber aus. Jedoch kannst du unter dem Text noch einen Kommentar schreiben, wenn dir daran etwas aufgefallen ist. So weiß der Lehrer, dass du deine Arbeit auch selbstkritisch betrachtet hast. Das gab bei mir einige Pluspunkte.« »Ich werde es mir merken.« Dann wandte sich Merlin dem Computer zu und schrieb einige Zeilen. Eric sah, dass Merlin bereits das Zehnfinger-System anwandte. »Deine Gastgeber sind echt cool.« »Warum?«, fragte Merlin, ohne sich vom Bildschirm abzuwenden. »Die beiden spielen mit ihrem Sohn auf dem Boden.« »Wenn sie mit den Bauklötzen spielen, geht das auf dem Boden im Salon am besten. Cedric ist noch zu klein, um an einem Tisch zu spielen. Das ist hier einfach normal. So, die erste Fassung ist fertig. Sollen wir jetzt dein Rad reparieren?«

Merlin zog sich eine Jacke über und gemeinsam gingen sie hinunter. »Andreas, Carsten, wir gehen das Rad reparieren«, informierte Merlin die gesellige Runde. »Macht nur. Das Werkzeug liegt links im Schrank unter der Werkbank. Anschließend kommt doch bitte zu uns«, lud Andreas sie ein. »Eric, hast du überhaupt Zeit?«, fragte Carsten auch sofort nach. »Ja, Sir. Papa weiss, wo ich bin und gab mir vor, spätestens zum zehn zuhause zu sein.« »Gut und das ›Sir‹ ist bei uns nicht nötig. Lass dir das von Merlin erklären«, antwortete Carsten.

Obwohl die Garage nicht geheizt wurde, war es doch relativ warm. Eric hatte das kaputte Rad schnell demontiert und beide machten sich daran, klassisch den Schlauch zu flicken. »Bei euch geht es wirklich locker zu«, bemerkte Eric. »Andreas und Carsten halten nicht viel von den steifen Umgangsformen, wenn es nicht gerade der Umstand verlangt. Das haben sie wohl von ihren Familien übernommen. Wir nennen uns alle beim Vornamen«, begann Merlin mit der Erklärung. »Meinen Erzeuger musste ich immer mit ›Sir‹ ansprechen. Die Atmosphäre wirkte immer angespannt. Ganz im Gegensatz ist es hier immer locker. Selbst wenn ich etwas verbockt habe. Dann wird offen darüber gesprochen und damit ist dann die Sache vom Tisch. Die Unwahrheit sagen bringt nichts. Die Hunde sind wahre Lügendetektoren und durchschauen dich sehr schnell.« »Woran liegt das?«, wollte Eric dann doch wissen. »Dr. Miller hat es mir erklärt: Hunde und Katzen haben einen sehr feinen Geruchssinn. Dein Körper produziert Pheromone beim Lügen, die dich verraten. Makrosmaten, also Lebewesen mit ausgeprägten Geruchsfähigkeiten, nehmen bereits wenige Moleküle dieser Botenstoffe wahr …« »Halt!«, unterbrach Eric den Redefluss. »Schon verstanden. Gibst du mir mal den Kleber?« Merlin gab ihm das Gewünschte. Dann hieß es warten. »Also, ich würde sagen, du bist intelligent. Solche Zusammenhänge verstehen und widerzugeben ist nicht jedermanns Sache. Zumal ich annehme, dass Dr. Miller es dir nur einmal gesagt hat. Wie gut soll dein Abschluss werden?« »So gut, damit ich ohne Probleme Tiermedizin studieren kann. Denn ich möchte ein guter Tierarzt werden.« »Okay. Papa meinte, dass ich in den kommenden Monaten wenig Zeit haben werde, doch wenn er hört, dass ich dir Nachhilfe geben möchte, lässt er mit sich reden. Du brauchst die Naturwissenschaften und einen gewissen Grundwortschatz in Latein. Das sind alles Fächer, die ich recht gut kann. Aber ich sage dir, dass es nicht einfach sein wird.« »Herausforderung scheue ich nicht«, wirkte Merlin selbstbewusst. »Gut. Ich werde mit Papa reden und dich anrufen. Gibst du mir deine Nummer?« Merlin zögerte nicht, neben seiner Handynummer gab er ihm auch seine Mailadresse. Eric sah sich ein wenig in der Garage um. »Gehören die Autos den beiden?« »Ja, noch. Ein Geländewagen wird demnächst nach Deutschland überführt. Der zweite Geländewagen ist das Firmenfahrzeug von Andreas. Die Limousine ist für besondere Anlässe. Geschäftsessen, Konzerte und so weiter und wenn beide Hunde dabei sind. Darin ist eine luxuriöse Transportbox eingebaut.«

Dann begutachteten beide den reparierten Schlauch. Eric schlug vor, diesen erst einmal zu testen. Nach wenigen Minuten waren sich beide einig, dass die kleine ›Operation‹ geglückt sei. Während der Besitzer das Rad wieder komplettierte, räumte Merlin das Werkzeug weg. »Andreas und Carsten sind nicht pingelig, was Ordnung betrifft. Aber es ist einfach die Notwendigkeit, dass nichts herumliegt, worüber Carsten stolpern könnte.« »Klar. Er sieht ja die Hindernisse nicht. Sag mal, der dunkle Hund ist mir nicht wohlgesonnen?« »Salvatore? Er ist etwas vorsichtiger als Leonardo, doch wenn du seine Sympathie gewinnst, hast du einen Freund fürs Leben. So, wie sieht es aus?« »Alles Okay, fast wie neu.« »Dann komm mit herein. Unsere Gastgeber sind gespannt auf meinen neuen Freund.« Eric sah ihn einfach nur an: Freund?! Sagte Merlin das wirklich? »Du siehst mich als Freund, obwohl du weißt was ich angestellt habe?« »Ja! Ich glaube dir, dass du im richtigen Moment die Kurve gekriegt hast. Das ist für mich ausschlaggebend.« Merlin wurde durch ein kleines ›Miao‹ unterbrochen. »Charaid!? Wie siehst du denn aus?«, empfing Merlin seinen Kater, dessen Fell recht feucht und wild wirkte. Da der Kater um seine Beine strich, hob er ihn einfach auf und nahm ihn auf den Arm. Jetzt fühlte Merlin auch, wie kalt sich der Stubentiger anfühlte. »Komm, gehen wir ins Haus, dort ist es warm und du kannst dein Fell pflegen.«

Im Salon wurden die beiden schon erwartet. Andreas’ Großeltern beschäftigten sich mit Lesen und Spielen. Während weitere Personen um Paul sich locker unterhielten. Merlin grinste etwas, Andreas und Carsten beschäftigten sich mit Cedric auf dem Boden und knuddelten den kleinen Mann. »Hallo zusammen, darf ich euch Eric vorstellen? Eric, das ist Andreas’ und Carstens Familie, samt Gasthunden.« Andrea sah auf und entdeckte den Kater auf Merlins Arm. »Sag mal, hast du Charaid versucht zu baden?« Merlin verstand die Anspielung: »Nein, mein Kater schlägt ein wenig aus dem Verhalten der Felis catus. Er war wohl draußen, sein Revier checken. Bei dem vielen Schnee bleibt es wohl nicht aus, dass er nass wird. Aber er liebt es, sich gleich auf meinem Bett sein Fell neu zu sortieren«, konterte er gekonnt. Wie auf Stichwort wand sich der Kater aus dem Arm und sprang hinunter. Sein erster Weg ging zu den Hunden. Eric wunderte sich etwas, wie entspannt die Tiere miteinander umgingen. Leon schnupperte kurz an der Katze und brummte etwas. Dann stieg Charaid in eine freie Kudde und widmete sich der Fellpflege. »Anscheinend fühlt sich Charaid auch bei den Hunden wohl«, kommentierte Stefano die Situation. Merlin zuckte lediglich mit den Schultern. Zwischenzeitlich hatten sich die beiden Papas aufgerappelt. Cedric krabbelte zu seinem Teddy und mit ihm unter den Flügel. Kurz darauf gesellten sich Leonardo und Salvatore zu ihm. »Setzt euch, wollt ihr etwas trinken?«, bot Carsten an. »Ich hätte gern einen Softdrink«, meldete sich Merlin. »Dem schließe ich mich an«, füge Eric hinzu. Andreas holte die Getränke und für Carsten und sich einen Saft. »Das Rad ist wieder in Ordnung?«, begann Carsten einen Small Talk. Eric bestätigte die Frage. Andreas servierte die Getränke und setzte sich zu Carsten. Es begann eine interessante Unterhaltung. Carsten stellte schnell fest, das Constable Smith seinen Sohn wirklich gut kannte. Eric war ein sehr angenehmer Zeitgenosse, der die Courage hatte, sich eine eigene Meinung zu bilden. Wenn Merlin ihn als einen Freund gewinnen würde, hätte er den nächsten Schritt in seinem Leben getan, um Anschluss zu finden. Merlins Gast empfand die beiden jungen Männer alles andere als uninteressant. Zunächst war ihm nicht wohl bei der Sache, zwei schwulen Männern gegenüberzusitzen. Doch schnell stellte er fest, dass beide normal wirkten. Als dann Cedric zu ihnen kam, nahm ihn Carsten auf seinen Schoß und Eric sah, wie wohl sich der kleine Mann bei ihm fühlte. Dann kamen auch die beiden Bodyguards zu ihnen. Leonardo blieb bei seinem Herrchen und legte sich dort zu seinen Füßen ab. Salvatore kam zu Merlin und holte sich seine Streicheleinheit ab. Danach ging er zu Eric hinüber. Der Jugendliche ließ sich nicht lange bitten und kraulte den Hund zwischen seinen Ohren. »Mir scheint das Eis zwischen euch beiden ist gebrochen«, meinte Merlin schlicht. Auch Andreas sah, wie Salvatore sich bei Eric wohlfühlte. Dann hatte der Hund genug und verzog sich zu seiner Familie in die Kudde.

»Tut mir leid, diese Runde unterbrechen zu müssen, doch Cedric möchte sich etwas lang machen«, umschrieb Carsten charmant die Situation, dass sein Sohn bei ihm eingenickt ist. »Also Eric, du bist herzlich zum Dinner eingeladen.« Dann stand Carsten auf und ging mit dem schlafenden Jungen davon, begleitet wurden sie von Leonardo. Der Gast wunderte sich, wie sicher er sich bewegte. Dass Carsten blind war, war in der Gemeinde kein Geheimnis. Doch es ist ein Unterschied, davon zu hören oder es selbst zu sehen.

»Eric, wenn du magst, kann ich dir schon mal zeigen, wo ich im Schulstoff stehe«, unterbrach Merlin seine Gedanken. »Ja, natürlich. Dann kann ich schon mal etwas zusammensuchen.« Eric folgte Merlin auf sein Zimmer. »Sag mal, Merlin, bist du sicher, dass Mr von Feldbach blind ist?« »Ja, warum fragst du?« »Na, er bewegt sich so selbstsicher. Ich dachte, blinde Menschen ertasten sich ihren Weg.« »Das tut er auch, doch hier im Haus hat er andere Möglichkeiten. Leonardo begleitet ihn oft, wenn er Cedric auf dem Arm hat. Er achtet darauf, dass sein Herrchen über kein Hindernis stolpert. Dazu bewegt er sich seitlich an seinen Beinen. Die Richtung gibt er im Haus dadurch vor, an welcher Seite er sich bewegt: rechts oder links. Draußen hat Leonardo dieses typische Geschirr für Blindenhunde an. Da ist es etwas einfacher, weil er Carsten ja damit führt. Nicht zuletzt hat Carsten auch einen Blindenstock. Damit kann er sich auch ohne den Hund sicher fortbewegen. Er hat auch ein phänomenales Gedächtnis, er kann dir allein an der Umgebung sagen, wo er sich befindet. Wenn er mit den Hunden Gassi geht, dürfen sie sich auspowern, während er immer weiß, wo sie sich befinden.« »Wie macht er das?«, wurde Eric neugierig, mehr davon zu erfahren. »Er unterscheidet die Hunde an ihren Stimmen, sagte er mir mal. Da er von Geburt an blind ist, hört er sehr gut und kann damit wohl auch die Entfernung und Richtung bestimmen.« Merlin suchte sich seine Unterlagen zusammen. »Du hast mir ja etwas vom Haus gezeigt. Sind Andreas und Carsten Millionäre?« »Nun, dass sie wohlhabend sind, sieht man dem Haus schon an. Doch ich weiß, dass beide dafür auch hart arbeiten. Wenn Andreas ein Landschaftsprojekt begleitet, arbeitet er oft vom Frühstück bis zum Dinner. Carsten steht dem in nichts nach. Für ein Konzert in Edinburgh hat er tagelang acht Stunden am Flügel gesessen. Daneben ist er Lehrer am Royal College of Music in London. Also einen geregelten Tagesablauf haben sie eigentlich nicht«, berichtete Merlin und fuhr fort: »Hier sind meine Aufzeichnungen, Aufgaben und das, was mir Gwenda zusammengestellt hat.« Eric nahm sich die Aufzeichnungen und sah diese durch. Hin und wieder murmelte er etwas. Merlin sah ihm interessiert zu. Nach einer gefühlten Ewigkeit schien Eric zu einem Ergebnis zu kommen: »Gwenda hat dir wirklich einen guten Lehrplan erstellt. Es beinhaltet alle Fächer, die für einen Abschluss nötig sind. Bei mir legten die Lehrer den Schwerpunkt bei den Naturwissenschaften.« »Hat das einen besonderen Grund?«, fragte Merlin skeptisch. »Denk doch mal logisch! Was benötigt man für Chemie, Physik und Biologie?« »Na, das Verständnis und die Grundlagen für die Materie.« Eric grinste: »Fast. Das Wichtigste in den Fächern sind Formeln und diese werden in der Regel mit Hilfe der Mathematik bearbeitet. Damit testen die Lehrer eigentlich dein logisches Wissen. Ob du selbständig denken, dir eine Meinung bilden kannst, wird mit Fächern wie Literatur, Gesellschaftskunde und so weiter geprüft. Meiner Ansicht nach ist es immer gut, auch die aktuellen politischen Ereignisse zu verfolgen. Das trainiert vor allem deine Auffassungsgabe. Also lese Zeitungsartikel aufmerksam und mache dir gegebenenfalls Notizen dazu. So etwas sehen Lehrer gern und bringt dir Sympathie ein. In meiner mündlichen Prüfung wollte ein Lehrer wirklich meine Ansicht zu den Bemühungen Großbritanniens, aus der EU auszutreten, erfahren.« »Wie stehst du denn dazu?« »Ehrlich? Es war ein Fehler. Der Binnenmarkt mag zwar in manchen Dingen wirklich kompliziert sein. Doch gerade unsere mittelständischen Unternehmen profitierten enorm von den vereinfachten Zollverfahren. Das hat sich geändert und so mancher wird das Parlament zum Teufel wünschen. So, nun zu dir. Du willst also Tiermedizin studieren. Wo?« »Ich denke, an der University of Edinburgh. Dann würde ich auch gern ein Studienjahr im Ausland absolvieren. Andrea arbeitet mit der Heriot-Watt-University in Forschungsprojekten zusammen«, wusste Merlin zu erzählen. Eric nickte lediglich. Merlin hatte wirklich sehr konkrete Vorstellung zu seiner Zukunft.

Ihre traute Zweisamkeit wurde durch ein ›Miau‹ unterbrochen. Der Gast war das Ziel des Katers. Mit einem eleganten Sprung landete der Stubentiger auf Erics Schoß. Dort rollte er sich ein und ließ sich streicheln. »Die Tiere scheinen dich zu mögen«, stellte Merlin fest. »Ich mag Tiere, doch da Mama und Papa arbeiten, haben wir uns erst einmal gegen ein Haustier entschieden. Man muss auch Zeit für sie haben.« »Du hast doch Zeit. Also, wenn ihr euch für ein Tier entscheiden solltet, macht doch einen Besuch im Tierheim. Dort warten viele treue Seelen auf ihr eigenes Rudel.« »Woher weißt du das?« »Dr. Miller und ich machen dort regelmäßig kostenlose Untersuchungen. Also, der Doktor macht die Untersuchungen und ich helfe ihm dabei. Anschließend machen wir einen Rundgang, um uns alle Insassen anzusehen. Es ist wirklich nicht schön mit anzusehen, dass einige Tiere die Hoffnung auf ein neues Zuhause aufgegeben haben. Im vergangenen Jahr konnte ich die Hills davon überzeugen, dort mal auszuhelfen. Nun haben sie gleich drei Hunde bei sich aufgenommen.« Charaid hatte wohl genug Streicheleinheiten erhalten. Erst schaute er zu Eric hoch, um dann geschickt auf den Boden zu springen. Typisch für ihn, sich erst einmal zu dehnen und zu strecken. »Mir scheint, ich sollte mich um sein Futter kümmern. Da kann Carsten energisch sein, damit ich es auch mache. Aber er hilft mir dabei, wenn ich Fragen habe.«

Merlin stand auf und Eric folgte ihm hinunter in die Küche. Dann ging er zum Kühlschrank und holte diverse Zutaten heraus. Eric sah ihm bewundernd zu: »Kein Dosenfutter?« »Nein. Charaid mag frisches Futter und ich weiß, was er bekommt. Ihm bekommt es jedenfalls und ergänzt sein natürliches Fressverhalten.« Merlin pürierte die Futterbestandteile und füllte diese anschließend in den Napf. Danach machte er alles sauber und Eric stellte die Dosen zurück in den Kühlschrank.

»Merlin, Eric, ihr habt das Futter für Charaid bereits fertig, was wollt ihr zum Dinner?«, fragte Andreas. »Etwas Einfaches wie Nudeln oder so. Eric?«, gab Merlin die Frage weiter. »Gestern gab es schon ein reichhaltiges Büfett auf der Party. Ich schließe mich Merlin an.«

»Gut. Ich mache uns einen Nudelsalat. Nonno schlug Pizza vor. Wir essen dann in drei Stunden. Carsten geht gleich mit unserer Meute Gassi. Wenn ihr mögt, könnt ihr ihn begleiten.«

Die Jugendlichen begleiteten Carsten und Cedric auf der Runde. Eric achtete diesmal darauf, wie Carsten mit den Tieren umging. Bis auf einen großen Golden Retriever wuselten die anderen Hunde durch die Gegend. Jagten sich und tobten im Schnee. Manchmal rief Carsten einen Namen. »Salvatore war mir ein wenig zu weit von der Gruppe entfernt«, erklärte er Eric. »Ansonsten hält Leon hier seine Familie unter Räson.« »Wie kommst du darauf?« »Er brummt öfters und warnend. Hast du das nicht gehört?«, wunderte sich Carsten etwas, da es schon ein lautes Brummen war. »Nein. Ist das typisch für Hunde?« »Ob es bei Hunden typisch ist, da musst du Paul oder Andrea fragen. Jedenfalls macht es Leon bei seinen Welpen, wenn diese zu wild werden«, beantwortete Carsten Erics Frage. »Leon good Papa«, kommentierte Cedric dazu. »Siehst du, selbst unser Sohn hat eine eindeutige Meinung zu unserem Rudel.«

Die Runde endete nach einer Stunde im Porch. »Carsten, ich und Eric kümmern uns um die Hunde. Ich denke, für Cedric wird es langsam zu warm in seinen dicken Sachen«, schlug Merlin vor und Eric schluckte. »Danke. Wenn du Leonardo noch seine Pfoten prüfst. Er hat da eine kleine Wunde zwischen den Zehen. Im Schränkchen steht eine Salbe, reibe ihm doch die Stelle damit ein«, bat Carsten den Jungen. Danach ging er seinen Sohn umziehen.

Im Porch machten sie sich an die Hunde. Leon benötigte kaum Aufmerksamkeit. Sein Fell war schnell trocken. Merlin kümmerte sich um die kleine Gina, während sich Eric Salvatores annahm. »Wenn du fertig bist, dann kontrolliere doch seine Beißerchen. Manchmal setzt sich ein Stückchen Rinde zwischen seinen Zähnen ab.« Eric sah den Hund zweifelnd an. Kurz zeigte Merlin bei Gina, wie man das Gebiss eines Hundes kontrolliert. »Wirklich, Salvatore hat schon imposante Beißerchen«, war Eric noch misstrauisch. »Die braucht er auch, wenn er Fleisch zerreißen muss. Nur keine Scheu, der Hund unterscheidet schon Futter von deinen Extremitäten.« Eric machte es Merlin nach und der Labrador half ihm dabei. Tatsächlich entdeckte er zwischen den Zähnen ein kleines Stücken Holz. Vorsichtig entfernte er es. Anscheinend war es dem Hund bereits lästig und er leckte Eric zum Dank die Hand. »Siehst du. Ist doch ganz einfach. Salvatore ist sicher froh. Gibst du mir einmal den kleinen Titel aus dem Schrank?«, bat Merlin seinen Freund. »Was ist das?«, wurde dieser neugierig. »Eine einfach Salbe zur Wundheilung. Andrea hat sie angefertigt. Neben den pflanzlichen Wirkstoffen ist da etwas Zitrone beigemischt. Das Aroma verhindert, dass Leonardo sich die Stelle leckt. Hunde mögen weder den Duft noch den Geschmack.« »Muss ein Tierarzt so etwas wissen?«, interessierte es Eric. »Ich habe Andrea bei der Zubereitung zugesehen. Dabei erklärte sie mir, dass sich für einen Tierarzt dieses Wissen lohnt. Es spart einmal teure Medikamente, wenn es eine Alternative gibt und zweitens vertragen es die Tiere oft besser. Ein drittes Argument ist in der Landwirtschaft nicht unbedeutend: Manche Medikamente schließen eine humane Lebensmittelverwertung aus. Das gilt vor allem, wenn es die Milchwirtschaft betrifft. Ja, ich denke, Pharmakologie ist ein sehr wichtiger Bestandteil in der Tiermedizin.« »Das ist gut. Dann stelle ich dir ein paar Aufgaben der organischen Chemie zusammen. Laut deinen Aufzeichnungen hat dir Gwenda die Grundlagen der Chemie bereits gut vermittelt.« »Ist das für die Pharmakologie wichtig?«, fragte Merlin sofort nach, während er das nasse Handtuch über eine Leine hing. »Nicht direkt. Die Pharmakologie beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen Wirkstoffen und Lebewesen. Die organische Chemie hilft dir dabei, den Aufbau diverser Kohlenstoffverbindungen zu verstehen. Kohlenstoff ist nun einmal ein Grundbaustein in der Natur. Daneben gibt es noch die Biochemie. Diese Disziplin der Chemie wird sowohl in der Chemie als auch in der Biologie behandelt. Doch dazu sollten die Grundkenntnisse in der Chemie dir geläufig sein«, wurde Eric ausführlich. »Da gebe ich deinem Freund recht«, befürwortete Paul die Aussage. »Wer die Wechselwirkung der Elemente in der Chemie beherrscht, hat es in der Pharmakologie einfacher. Braucht ihr noch lange? Ich wollte euch zum Abendessen holen.« »Nein, wir sind hier fertig. Leonardos Pfote habe ich bereits behandelt.«

Im Esszimmer war bereits alles vorbereitet. Die Jugendlichen setzten sich. Eric erlebte zum ersten Mal, wie die Familie gesittet chaotisch ihr Dinner zu sich nahm. Trotz der vielen Personen, die sich miteinander unterhielten, wirkte die ganze Atmosphäre entspannt. »Eric, ich habe deine Eltern informiert, dass du heute bei uns isst. Deine Mutter war davon angetan«, meinte Carsten schlicht. »Oh, dass meine Mutter davon angetan ist, bedeutet für Papa, dass sie heute ins Restaurant gehen. Papa steht zwar gerne am Herd, doch die Festtage haben es in sich«, plauderte Eric munter drauf los. Bei einigen Ladies am Tisch zeichnete sich ein verstehendes Lächeln ab.

»So wie ich es mitbekommen habe«, begann Carsten, »willst du Merlin beim Schulstoff helfen?« »Ja. In den naturwissenschaftlichen Fächern hatte ich nie Probleme und für meinen Highschool-Abschluss wurde ich sogar ausgezeichnet. Mit meinen Aufzeichnungen weiß ich, worau die Lehrer in Prüfungen ihr Augenmerk legen. Ein guter Grundbaustein, Merlin durch die Prüfungen zu manövrieren.« »Wenn dem so ist, Merlin, unsere Bibliothek steht euch offen«, machte Andreas eine Offerte. »Neben unseren alten Schulbüchern haben wir ausreichend wissenschaftliche Literatur. Seht euch einfach um, was ihr davon gebrauchen könnt.« Dann wandte er sich seinem Sohn zu, der scheinbar satt war.


Kurz nach zehn traf Eric bei sich zuhause ein. Als er sein Rad in die Garage stellte, stand sein Vater plötzlich hinter ihm. »Sorry, Papa, es ist spät geworden«, entschuldigte er sich. »Nur keine Sorge. Solange sind wir auch noch nicht zurück. Mama meinte, dass wir etwas zu streng waren, daher sind wir uns einig, es nicht ganz so genau mit dem Zeitlimit zu nehmen. Lediglich das Alkoholverbot bleibt bestehen. Komm rein, wir sind noch im Wohnzimmer. »Na Junge, wie war es bei Merlin?«, fragte seine Mutter auch sofort nach. »Cool. Wusstet ihr, dass Merlin seinen Highschool-Abschluss machen will?« »Ben erzählte es mir mal, ist das wichtig?« »Ich möchte ihm dabei helfen. Solange bin ich ja noch nicht aus der Materie heraus. Gerade was die Prüfungen betrifft.« Der Constable sah seine Frau an. »Wir unterstützen dich dabei. Christian schlug vor, deine Ausgangssperre etwas zu lockern. Wenn es also mal später werden sollte, ruf einfach an. Noch etwas, lade Merlin mal zum Dinner ein. Wir möchten ihn auch mal persönlich kennenlernen.« Eric grinste seine Mama an: »Das werdet ihr, ich möchte jetzt aber ins Bett. Morgen beginnt mein Praktikum in der Schmiede.« »Gute Nacht, Eric«, wünschte ihm seine Mutter. »Ich werde dich rechtzeitig wecken und dorthin bringen. Mit dem Rad ist es bei dem Schnee kein Vergnügen. Sweet dreams«, machte der Constable seinem Sohn einen Vorschlag. »Danke, Papa. Gute Nacht.«

Merlin ließ den Abend gemütlich mit den Gästen ausklingen. Gegen Mitternacht zogen sich alle zurück. Lediglich Carsten und Andreas gingen kurz mit den Hunden raus. Als Merlin sich im Bett lang machte, dachte er noch lange an diesen besonderen Neujahrstag. Das Jahr begann mehr als positiv und Eric als Freund gewonnen zu haben, befriedigte ihn.

Der Wecker beendete seine Nacht zeitig. In der Küche waren nur Andreas, Carsten und Edward. Sie schienen sich über einige Aufgaben zu unterhalten. »Morgen, Merlin. So früh auf den Beinen?«, fragte Andreas. »Ja. Sabrina und ich beginnen heute mit einer Inventur in der Praxis. Gerade was die Medikamente und Instrumente betrifft. Könnte den ganzen Tag dauern.« Carsten nickte wissend. »Ein lästige, aber notwendige Aufgabe. Nur heute?« »Nein, die ganze Woche, meinte Sabrina. Es werden wohl auch Techniker erwartet, um die Geräte zu warten. Gerade das Röntgengerät muss wegen der Strahlung geprüft werden.«

Die Inventur gestaltete sich sehr umfangreich und bedurfte der restlichen Woche. Neben Sabrina war auch der Doktor anwesend. Dr. Miller machte die Nachbestellung der Medikamente, dann war auch ein IT-Fachmann anwesend, der die ganze Praxissoftware auf den aktuellen Stand brachte. Etwas verwundert war Merlin, als Techniker das Röntgengerät demontierten. Er fragte Sabrina, ob das Gerät nicht mehr gebraucht würde. »Ein Röntgengerät ist unverzichtbar. Dr. Miller hat sich für eine moderne Version entschieden. Wir werden noch eine spezielle Unterweisung bekommen. Die Bilder sind sofort auf jedem PC abrufbar und erspart uns die chemische Entwicklung der Folien. Keine harte Chemie mehr zu verwenden, hat seine Vorteile. Vor allem werden Lagerkapazitäten frei«, beantwortete die Assistentin die Frage. »Das Gerät kostet doch sicher ein Vermögen?« »Umsonst gibt es diese Dinger nicht. So, wie ich den Doktor verstanden habe, rentiert sich diese Investition bereits nach einem Jahr und es ist zu dem mobilen Röntgengerät kompatibel. Stell dir vor, eine Software für zwei Geräte. Das kommt der Diagnose und der Beratung der Patienten zugute.« Die Argumentation hatte etwas für sich und leuchtete Merlin ein.

Abends sah sich Merlin die Aufgaben von Eric an. Dieser hatte sie ihm einige Tage später gemailt. Wo er Schwierigkeiten hatte, chattete er mit Eric oder sie trafen sich nach ihren Jobs. Dabei riet ihm sein neuer Freund, manchmal von der Aufgabe Abstand zu nehmen. »Merlin, hin und wieder kommt es vor, dass der Lösungsweg direkt vor deinen Augen liegt, du siehst ihn nur nicht. Dann lege die Aufgabe beiseite und beschäftige dich mit etwas anderem, was deinen Geist befreit. Du wirst sehen, dass anschließend dich die Erleuchtung trifft und die Lösung im Handumdrehen erfolgt.«

In so einem Fall passte Merlin auf Cedric auf und spielte mit ihm oder er nahm seine Gitarre. Carsten hatte ihm gestattet, dazu sein Studio zu benutzen. Merlin hatte dort seine Ruhe und konnte dann gut abschalten. Die Musik half ihm, sich bei den diversen Übungsstücken oder Songs auf das Wesentliche zu konzentrieren. »Das war gut«, bemerkte Carsten öfters, wenn er den Jugendlichen im Studio antraf. »Dein Vater hat mir auch so manchen Tipp gegeben. Er hätte genauso gut Lehrer werden können.« »Ich weiß. Was meinst du, wie oft er Studenten im praktischen Jahr Untersuchungsmethoden beibringen muss. Es ist immer noch ein großer Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Einmal war es so katastrophal, dass er mit der Universität Kontakt aufnahm und zukünftig vor dem Praktikum eine akribische Untersuchungsprüfung der Studenten verlangte. Dabei handelt es sich um alle Tiere, welche in einer normalen Tierarztpraxis zu erwarten sind.« »Das wären welche? Hund, Katze und Maus?«

»Diese, außerdem Hof- und Nutztiere, Reptilien, Vögel und Spinnen. Papa hat auch Vogelspinnen unter seinen Patienten. Wenn ein angehender Veterinär nicht weiß, wie er eine solche Spinne handhabt, kann es schnell gefährlich werden.« »Hast du Angst, solche Tiere in die Hand zu nehmen?«, fragte Merlin nach. »Zunächst schon, doch Paul hat mir die Angst genommen. Ganz behutsam setzte er mir eine Mexikanische Rotknie-Spinne auf die Hand. Das haarige Modell fühlte sich sehr angenehm an und es kitzelte etwas. Dann erklärte er mir, wie ich das Tier anfassen muss, damit es keinen Schaden nimmt. Auch wenn es eine Ausnahme war, solche Erfahrungen helfen mir, jegliches Leben behutsam zu behandeln.« Merlin zog seinen imaginären Hut. »Aber bevor wir ganz vom Thema kommen, deine a-Saite solltest du nachstimmen. Sie klingt nicht harmonisch zu den anderen.« Merlin stutzte erst und dann grinste er. »Das musste jetzt kommen. Ich habe mich schon gewundert warum manche Akkorde nicht richtig klingen.« »Vielleicht ist das ein Grund, warum Paul kein Musiklehrer geworden ist: Ihm fehlt das absolute Gehör. Wir haben auch ein Messinstrument, das dir die richtigen Frequenzen anzeigt. Es ist praktisch, um letztendlich dein Empfinden zu bestätigen.« »Ich werde es mir merken. Was anderes, benötigst du das Studio?«, fragte Merlin nach dem Grund. »Nein, ich suchte dich. Ich möchte mit dem Hund raus und Cedric schläft noch. Edward und Andreas sind noch unterwegs. Wie sieht es aus?« »Dann mache ich halt Pause und passe auf den kleinen Mann auf. Wirst du lange unterwegs sein?« »Ich gehe zum Fleischer, Andreas wird mich dort abholen. Ich schätze, gut eineinhalb Stunden.«

Merlin legte sein Instrument behutsam zur Seite und folgte Carsten. »Kann ich das Babyphon mit in die Bibliothek nehmen?« »Natürlich, Cedric ist oben in seinem Zimmer, falls er sich meldet. Suchst du etwas Bestimmtes?« »Eric gab mir eine Aufgabe in Mathematik und ich komme nicht auf die Lösung.« »Mathematikbücher stehen links von der Tür im Regal. Viel Erfolg.«

Carsten war gerade mit Leonardo an der Pforte, als ihm Eric entgegenkam. »Hallo Carsten, ist Merlin da?« »Ja, erwartet er dich denn?«, fragte Carsten nach. »Nein, aber ich habe ihm eine Aufgabe gestellt, die er eigentlich noch nicht lösen kann. Er sollte eigentlich eine Differentialaufgabe lösen, dabei habe ich außer Acht gelassen, dass er noch keine Winkelfunktionen differenzieren kann. Das wäre als nächstes dran gewesen.« »Du kannst ihm natürlich den Lösungsweg verraten, doch lass ihn diesen selbst herausfinden. Wenn er die Prinzipien der Ableitungen verstanden hat, wird er sicher auch die Lösung für die Winkelfunktionen finden. Er ist in der Bibliothek.« Danach trennten sich ihre Wege.

Eric nutzte die elektrische Klingel und wenig später öffnete ihm Merlin. »Hi. Ich habe die Lösung noch nicht, falls du deswegen gekommen bist. Aber ich habe in der Bibliothek eine Formelsammlung der Mathematik gefunden. Da sollte die Ableitung der Sinusfunktion beschrieben sein.« »Also ich möchte mich erst einmal dafür entschuldigen, da habe ich nicht aufgepasst.« »Quatsch. Ich sagte doch bereits, vor Herausforderungen schrecke ich nicht zurück. Ich komme schon noch auf die Lösung. Komm rein. By the way, ich passe auf meinen kleinen Bruder auf.« »Du nennst Cedric deinen kleinen Bruder?«, wunderte sich Eric. »Naja, irgendwie ist er doch ein Bruder für mich. Nicht im biologischen Sinn, doch emotional sehe ich mich eben als seinen großen Bruder. Genug geschwätzt, hier werde ich die Lösung nicht finden«, machte Merlin dem Small Talk ein Ende.

An einem bequemen Stehpult hatte Merlin das Formelbuch aufgeschlagen und daneben seinen Schreibblock. Eric ließ seinen Freund erst einmal machen und sah sich interessiert um. Hin und wieder entnahm er einen Titel, las den Covertext und stellte es an seinen Platz zurück. Bei der klassischen Literatur sah er einige Autoren, welche er nur vom Namen her kannte: Goethe, Schiller, Mann, Zola und weiter internationale Schriftsteller. Er stellte fest, das Carsten und Andreas einen erlesenen Geschmack hatten. »Kann das richtig sein?«, unterbrach Merlin seine Gedanken. »Die Ableitung von einer Sinusfunktion gibt einen negativen Cosinus?« Eric ging zu ihm hinüber und sah sich seine Aufzeichnungen dazu an. »Alle Achtung, Merlin. Es stimmt. Die Herleitung hast du verstanden. Prinzipiell ergibt eine Sinusfunktion immer einen negativen Cosinus und umgekehrt. Lediglich ist deine Lösung noch nicht richtig. Den Term der Funktion musst du ebenfalls differenzieren. Mein Mathematiklehrer sagte immer: Sieh dir eine Winkelfunktion immer erst aus der Ferne an. Daraus entwickelst du die Ableitung, ohne auf das Argument einzugehen. Dann nimmst du dir eine Lupe und differenzierst das Argument. Diese Vorgehensweise erspart dir Zeit, weil es zur Routine wird. Wenn du darin Übung hast, kannst du bei der Prüfung ruhig auf ein Tabellenwerk zurückgreifen, gerade wenn die Argumente der Funktion komplex sind.« »Sind solche Tabellen denn erlaubt?«, wurde Merlin skeptisch. »Bei meiner Prüfung wurde eine entsprechende Vorlage ausgegeben, da der Term selbst eine logarithmische Winkelfunktion beinhaltete. Du hast einfach keine Zeit für eine ausführliche Herleitung. Etwas anderes ist es in Physik. Da wirst du für die Lösung diese herleiten müssen, sie sind dafür aber weniger kompliziert«, erklärte Eric ausführlich, »so, genug geplaudert. Differenziere jetzt noch das Argument und wenn du damit fertig bist, gehen wir hoch. Dann bringe ich dir heute noch die restlichen Winkelfunktionen bei.«


Mr und Mrs Smith sahen eine Verwandlung bei ihrem Sohn. Anscheinend taten ihm seine neuen Aufgaben gut und gewährten ihm mehr Freiraum. Daneben bemerkten sie, dass Eric sich scheinbar auch um seine berufliche Zukunft kümmerte. Zwar würde er nicht ihren Vorstellungen nachkommen, aber das hatten schon Andreas und Carsten dem Constable bereits prophezeit. Gelegentlich besuchte der Polizist die Schmiedemeisterin auf seinen Patrouillen. »Christian«, empfing sie ihn. »Wie macht sich mein Sohnemann?«, war eine häufiger gestellte Frage. »Eric hat eine schnelle Auffassungsgabe und wirklich handwerkliches Geschick«, sprach sie begeistert von ihrem Praktikanten. »Sieh dir einmal diesen Bronzeguss an. Er hat alles Wesentliche des Kunstwerks herausgearbeitet. Die beiden Cattles wirken natürlich. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann schlummert in deinem Sohn ein wahrer Meister der darstellenden Kunst.« »Du meinst, wir sollten diese Richtung fördern?«, interessierte sich der Constable. »Ich würde euch raten, darüber gründlich nachzudenken, und wartet ab, wie er die anderen Praktika absolviert. Ich kann mir gut vorstellen, dass er später einmal diese drei Berufszweige in der Kunst vereinigt«, lautete die Auskunft der Schmiedemeisterin. »Als Eric diesen Auftrag von mir übernahm, hat er sich die Statue nach dem Guss gute zwei Stunden angesehen. Wir alle haben uns gefragt, warum er sich die Zeit nahm. Dann hat er damit begonnen, die Konturen zu säubern, den Grat abgeschmirgelt und zuletzt polierte er einige Stellen. Mir schien es so, als ob er genau wusste, wie die Bronze wirken soll.« Dann besah sich der Constable die Skulptur noch einmal genauer an. Mary hatte seiner Meinung nach vollkommen recht. Die beiden Rinder, Mutter mit Kalb, sahen natürlich aus. »Mary, was würde diese Skulptur mich kosten?«, war sein Resultat nach der Betrachtung. »Material, Arbeit und dass es wirklich ein Kunstobjekt ist, würde auf dem Markt einen Wert von gut £1000 erreichen. Bei einer Auktion vielleicht noch mehr. Da dein Sohn die meiste Arbeit gemacht hat, nur das Material: £250«, schätze gekonnt Mary. »Christian, ich habe die Gussform, da kann ich noch einige Bronzen gießen. Selbst wenn diese nicht so werden wie die von Eric.«

Constable Smith brauchte nicht lange zu überlegen. Sein Kollege staunte nicht schlecht, als er die Bronze in den Kofferraum des Polizeiwagen stellte. »Für ein Hochzeitsgeschenk etwas außergewöhnlich«, bemerkte dieser. »Quatsch. Mein Hochzeitstag ist im Herbst. Das hat mein Junge gemacht. Hast du nie die Kunstwerke deiner Kinder bewundert und zuhause präsentiert? Auf unserem Kaminsims ist noch Platz«, sprach der stolze Vater.

Am Abend zierten zwei Cattle den Kamin der Familie Smith. »Wow,«, bewunderte Mrs Smith die Bronze, »die sehen aber wirklich echt aus.« »Finde ich auch, Spatz, und sie machen sich wirklich gut unter dem Wappen. So als ob sie ein Ensemble bilden.« »Ich hoffe, dass unser Haushaltsgeld jetzt nicht gekürzt wird. Das Kunstwerk war doch sicher teuer.« »Mary wollte dafür £250, wobei sie wohl ihrer Meinung nach einen vierstelligen Betrag erzielen könnte. Das Besondere daran ist, dass Eric sie so gestaltet hat. Also aus einem Guss die Feinheiten herausarbeitete.« Mrs Smith ging zum Kamin, rückte die Bronze etwas hin und her. »Christian, wenn Eric dieses Handwerk erlernen will oder Kunst studieren möchte, dann sollten wir ihn unterstützen. Meinen Segen hat er«, schloss sie ihre Betrachtung ab. »Mary riet mir, darüber nachzudenken und abzuwarten, wie er die anderen Praktika absolviert. Aber im Grundsatz stimme ich dir zu, fördern wir unseren Sohn. Wo ist er eigentlich?« »Er ist bei Merlin und will mit ihm Mathematik lernen. Es könnte später werden«, informierte sie ihren Mann. »Nun denn. Es ist Freitag und morgen kann er ausschlafen. Was hältst du davon, heute ins Kino zu gehen? Machen wir uns einen schönen Abend zu zweit.«

Zur Bestätigung gab sie ihrem Christian einen innigen Kuss.


Während Merlin konzentriert verschiedene Differentialgleichungen löste, beschäftigte sich Eric mit dessen Computer. Immer wieder stellte er fest, wie gut Merlins PC ausgestattet war. Von einigen Programmen hatte er noch nie etwas gehört, zumal diese auch nicht gerade alltäglich auf einem Rechner waren. »Suchst du etwas Bestimmtes?«, fragte ihn Merlin zwischendurch. »Ja. Ich habe auf meinem Computer ein Mathematikprogramm, das Lösungen auch graphisch darstellen kann.« »Du kannst es mal mit der Grafik-Applikation versuchen. Ich habe damit schon mal einfache Formeln dargestellt.« Dann konzentrierte er sich weiter auf seine Aufgabe. Eric rief die Applikation auf und siehe da, es war genau das, was er benötigte. Nach einer halben Stunde war sein Schüler mit den Berechnungen fertig. »Hier, kannst du mal prüfen, ob ich alles richtig habe?«, brachte sich Merlin wieder in Erinnerung. »Klar, zeig mal her«, forderte Eric ihn auf. Kurz darauf meldete sich Cedric via Babyphon. »Ich sehe mal nach, was der Junge hat.« Merlin stand auf und verließ das Zimmer. Einige Minuten später kam er mit Cedric auf dem Arm zurück. »Guck mal, Eric kontrolliert meine Hausaufgaben«, beschrieb er Cedric die Situation. »Was hatte dein Bruder?« »Ausgeschlafen und ihm war langweilig. Wenn du nichts dagegen hast, können wir etwas spielen«, forderte er seinen Freund auf. »Gleich. Deine Lösungswege sind soweit ganz richtig. Kleinere Fehler habe ich gekennzeichnet, da solltest du dich noch einmal mit beschäftigen. Damit du mal siehst, dass es keine nutzlose Rechnerei ist, habe ich hier eine Graphik. Die rote Linie stellt die Ausgangssituation dar, während die blaue die Ableitung davon ist.« Merlin sah auf dem Monitor ein Koordinatensystem und die beiden Linien, welche je eine Kurve bildeten. »Anstelle von ›x‹ habe ich die Zeit gewählt, also wird die Formel nach der Zeit differenziert. Mit einem Start- und Endwert kommt Folgendes dabei heraus.« Eric drückte eine Taste und die Kurven begannen, wie eine Welle zu laufen. Selbst Cedric sah neugierig zu dem Bild. »Die Aufgabe war ein Beispiel aus der Physik und ist Bestandteil einer komplexeren Wellengleichung. Damit beschäftigen wir uns, wenn wir auch die Integralrechnung behandeln. Verstehst du jetzt, warum ich dir mal sagte, dass die Mathematik in den Naturwissenschaften wichtig ist?« »Ja. Doch jetzt beschäftigen wir uns drei mal mit der statischen Physik und bauen Türme. Was meinst du, Cedric?« Der Junge war damit nicht ganz einverstanden: »Erlin, Kako?« »Was will er?«, fragte Eric nach. »Er möchte Kakao trinken«, übersetzte Merlin. »Den könnte ich auch vertragen«, schloss sich Eric dem Jungen an.

In der Küche bereitete Merlin frischen Kakao zu. Diesen füllte er gleich in drei Tassen. Die Kindertasse stellte er vor Cedric ab. Geschickt nahm der Junge seine Tasse und nahm einen kleinen Schluck. Eric probierte ebenfalls. Der Geschmack war ihm neu: »Aussergewöhnlich, ist das ein Geheimrezept?« »Nein, Cedric bekommt seinen Kakao immer mit Schaf- und Kuhmilch. Er verträgt es besser und ich muss sagen, er ist wirklich bekömmlich.«

Ihr Dreisamkeit wurde von den beiden Hausherren unterbrochen. »Hi Baba, hi Abba. Hi Dada«, begrüßte Cedric die Eintretenden. »Hallo ihr Drei. Tea… sorry, Kakao-Time?«, fragte Andreas das Ensemble. »Letzteres. Euer Sohn hatte ausgeschlafen und will seine Batterien laden, bevor es Aktion gibt. Wenn ihr mögt, es ist noch welcher da.«

Dieser Einladung konnten die beiden Väter sich nicht entgehen lassen. Während Andreas weitere Gedecke und Cookies auf den Tisch stellte, räumte Carsten die Einkäufe in den Kühlschrank. Eric wunderte sich, wie viel er in den Kühlschrank legte. Merlin bemerkte den Blick: »Eric, das alles ist für die Tiere. Damit kommen wir circa zwei Wochen aus. Leonardo und Salvatore bringen zusammen 60 Kg auf die Waage, sie sind beide sehr aktiv und - wenn ich die Stoffwechselbilanz in Biologie richtig verstanden habe - benötigen sie entsprechende Nahrung.« Sowohl Andreas als auch Carsten zogen bei der Antwort ihre Augenbrauen hoch. Merlin hat seine Aufgaben gemacht. Aus den Augenwinkel sah Andreas, wie sich Cedric ein Keks schnappte und munter vor sich hin krümelte. »Wenn ihr noch weiter lernen wollt, lassen Andreas und ich uns von dem kleinen Mann beschäftigen.« »Nein, für heute war es genug. Ich würde aber gern noch weiter Gitarre spielen üben«, meinte Merlin. »Oh, da würde ich dir gern einmal zuhören«, ging Eric darauf ein. »Das Studio steht dir offen.«

»Seit wann spielst du Gitarre?«, fragte Eric interessiert. »Ein dreiviertel Jahr. Auch wenn es manchmal nur stupide Etüden sind, mir macht es Spaß. In den letzten Wochen habe ich von Paul viel gelernt. Gerade was so einige Feinheiten in der Grifftechnik betrifft. Das will alles geübt werden«, beantwortete Merlin die Frage, während er sein Instrument stimmte. Dann blätterte er in seinen Noten und begann zu spielen. Eric sah, dass sein Freund bereits einige Notizen in die Noten geschrieben hatte. »Die Notizen betreffen meine Spezifikationen der Akkordgriffe. Paul hat lange, schlanke Finger und er greift diesen Akkord etwas anders als ich.« Dann widmete er sich dem Song. Eric gefiel, was er hörte. Sein Freund konnte wirklich gut spielen. Unbewusst begann er, mit der Hand schlagend den Rhythmus zu begleiten. »Versuche doch mal, mit beiden Händen zu begleiten. Mit der einen Hand schlägst du betont jede erste Note. Die andere jede zweite und vierte Note, jedoch doppelt so schnell«, forderte Merlin ihn auf. Es dauerte etwas, bis Eric das System drauf hatte. Merlin spielte währenddessen unbeirrt seinen Part. Das Zusammenspiel unterstrich die Melodie und den Sound.

Unbemerkt von den Musikern im Studio, betrat Carsten mit Cedric auf den Arm den Vorraum. »Abba, Erlin bing bing?« »Gut beobachtet. Merlin spielt Gitarre und Eric begleitet ihn mit einem Beat. Was meinst du, gefällt es dir?«, fragte er ihn. Der Junge guckte ins Studio. Was Carsten nicht sah, er steckte einen Arm zu den Jugendlichen aus. »Da. Erlin good«, fiel sein Kommentar positiv aus. »Du bist ja ein wahrer Musiker. Eric schein auch den Blues im Blut zu haben. Sein Rhythmus passt dazu.« Dann drückte er auf einen Schalter. Eric und Merlin erschraken ein wenig, als plötzlich Carstens Stimme ertönte: »Jungs das war super. Eric, du könntest einmal Folgendes probieren. Dazu kannst du die Bongos benutzen. Mit der einen Hand jede erste und dritte Note im Vier-Viertel-Takt: Clap-Pause-Clap-Pause. Die andere Hand beginnt um eine achtel Pause verzögert: Pause-Clap-Clap-Clap-Pause-Clap-Clap-Clap.« Eric nahm die Bongos und probierte den Vorschlag aus. »Gut so?«, fragte er nach. »Ein wenig schneller, doch das System hast du drauf. Merlin, Eric gibt dir jetzt vier Takte vor, dann setzt du ein und begleitest ihn mit dem Song.«

Cedric guckte währenddessen interessiert zu. Eric übte noch einmal das System und dann nickte er Merlin zu. Nach vier Takten setzte die Gitarre mit dem Song ein. Für beide Teenager war es eine neue Erfahrung, wie der Song sich nun anderes anhörte. Als nach einiger Zeit Merlin ins Straucheln kam, hörten sie auf. Beide lachten. »Wow. So habe ich dieses Blues noch nicht gehört«, meinte Merlin anschließend. Carsten betrat das Studio. »Erlin bing bing. Ik bum bum mach«, lautete die fachliche Expertise von Cedric. »Du hast den Song ja überwiegend ohne rhythmische Begleitung gespielt. Die Bongos setzten andere Akzente, daher klingt es anders. Wenn ihr weiter daran übt, wird es immer besser. Ihr könnt auch mal damit experimentieren.« Dann wandte er sich Cedric zu: »Komm, Andreas wartet auf uns.« »Baba spielen?« »Natürlich.«

»Ist Carsten immer so?«, fragte Eric Merlin. »Nicht immer, nur als Musiker. Letztendlich fordert er jeden dazu auf, mit der Musik zu spielen. Du hast es ja selbst gehört, ein leicht veränderter Rhythmus und schon wird etwas Neues daraus.« Nachdenklich sah er Eric an: »Hast du keine Lust, regelmäßiger Musik zu machen?« »Ich weiß nicht«, zögerte er mit seiner Antwort, »in der siebten Klasse meinte mein Lehrer, ich sei unmusikalisch, weil ich beim Singen nie den richtigen Ton traf.« Merlin rechnete kurz nach. »Da müsstest du gerade im Stimmbruch gewesen sein. Kein Wunder. Wenn ich Carsten als Dozent fragen würde, wird er mir wohl sagen, dass während dieser Zeit Singen kontraproduktiv ist. Damit ruiniert man sich nur die Stimme. Davon abgesehen, du scheinst gut zu trommeln. Den Rhythmus hast du schnell drauf gehabt. Ich kann mir dich sehr gut als Schlagzeuger vorstellen.« »Wie dem auch sei. Möchtest du noch was lernen?«, beendete er das Thema. »Nicht wirklich, morgen ist auch noch ein Tag und ehrlich, heute war es anstrengend.«

»Kein Problem. Komm doch morgen zu mir, dann lernen dich meine Eltern kennen und ich soll dich ja auch mal zum Dinner einladen«, schlug Eric vor. »Gut, sagen wir nach dem Lunch. Am Vormittag habe ich meine Hausaufgaben zu erledigen: Wäsche waschen, Zimmer aufräumen und solches Zeug.« Eric stellte die Bongos beiseite, während Merlin seine Gitarre verstaute. Nachdem sie das Studio verlassen hatten, löschte Merlin das Licht.

Im Salon waren Andreas und Carsten dabei, Spielzeug beiseitezuräumen. Cedric lag schlummernd auf der Couch. »Hat Cedric euch nicht auch müde gespielt?«, fragte Merlin schmunzelnd. Andreas stutzte. »Natürlich hat er das. Doch mein Tiger meinte, dass wir aufräumen sollten, sonst hättest du es machen müssen. Unser Sohn hat den ihm zur Verfügung gestellten Raum optimal ausgenutzt«, konterte Andreas ebenfalls grinsend. »Stimmt, Merlin«, pflichtete Eric Andreas bei, »wolltest du morgen nicht die Hausarbeit erledigen?« »So war das nicht gemeint.« »Wie dann?«, fragte ihn Carsten. »Ehm, ich meinte mein Zimmer …« »Wenn du morgen schon dabei bist, Cedrics Zimmer müsste auch …«, forderte ihn Andreas heraus. »Menno … ihr seid echt fies«, gab Merlin klein bei. »Quatsch«, schlichtete Carsten die Situation, »Mrs Sánchez reinigt sein Zimmer dreimal die Woche. Für Cedrics Spielzeug sind seine Eltern verantwortlich, solange er es nicht selbst kann. Jedoch halten wir dich nicht davon ab, wenn du es freiwillig tust.«

»Carsten, links von dir, zwei Meter, liegen noch drei Klötze«, forderte Andreas seinen Partner auf. »Willst du noch mit uns essen, Eric?«, lud Andreas den Besuch ein. »Nein, ich hole mir unterwegs Fish’n Chips. Ich habe Mama gesagt, das es später werden könnte. Sie werden nicht mit dem Dinner auf mich warten.« »Andreas, ich schließe mich Eric an. Anschließend gehe ich zu Ben. Macht euch einen ruhigen Abend.« Gesagt, getan. Die Jugendlichen zogen mit ihren Rädern los.

Ben war vom Besuch der beiden Jugendlichen überrascht. »Jungs, was möchtet ihr trinken?«, fragte er nach. »Eigentlich würde ich gern ein dunkles Lager haben …«, begann Merlin, »da ich aber mit dem Rad unterwegs bin, einen Fruchtcocktail?« Ben schüttelte bei der Ansage nur mit dem Kopf. Eric überlegte einen Augenblick: »Ich würde ja gern eine Whisky-Cola bestellen …« Ben sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »… dann würde Constable Smith dir aber die Lizenz entziehen und ich bekäme vier Wochen Hausarrest. Obendrein muss ich noch fahren. Ich schließe mich Merlin an. Mach mir doch bitte einen Bananen-Kirsch-Saft.« Der Wirt nahm die Bestellung wohlwollend entgegen. Bereits wenige Minuten später stand die Bestellung vor den Jungs. »Ihr seid mir schon welche«, bemerkte Ben, »Gwenda hat euch die Cocktails zubereitet. Ich hoffe, sie sind nach euren Wünschen.« Beide nahmen ihre Gläser und stießen symbolisch an: »Auf die Differenzialrechnung!«, brachte Merlin einen Toast. »Auf die Mathematik!«, erwiderte Eric. Dann nahmen beide ihren ersten Schluck. »Merlin, es tut gut, einmal ohne die Erwachsenen etwas zu unternehmen.« »Dem stimme ich zu. Nach den Feiertagen haben auch meine Gastgeber einen ruhigen Abend verdient. Andreas und Carsten standen oft genug an den Töpfen, um für das leibliche Wohl aller zu sorgen. Daneben haben sie auch die ganzen anderen Verpflichtungen gestemmt, die als Eltern anfallen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als Cedric bei uns einzog, wie beide so manche sehr kurze Nacht hatten.« »Wie geht es eigentlich jetzt weiter? Ich meine Spielplatz, Orgel und so.« Merlin dachte einen Moment nach: »Der Spielplatz wird wohl im Februar fertiggestellt sein. Die Eröffnung soll ja im März sein, wenn der Anger gesperrt wird. Bei der Orgel haben sie ein Benefizkonzert geplant. Das wird ebenfalls im März sein. Die Orgelbaufirma beginnt mit der Renovierung im Februar und benötigt - laut Carsten - gute vier Wochen. Nancy soll bei dem Konzert die Orgel spielen«, wusste Merlin zu berichten. Dann nahm er einen weiteren Schluck vom erfrischenden Frucht-Cocktail. »Dazu werden Nancy und die Familie für eine Woche in London sein. Gemeinsame Proben mit dem Orchester und so weiter.«

»Nancy hat Mut und Courage, sich dem zu stellen. Ob ihre Eltern das erlauben? Sie ist ja ein gutes Jahr jünger als ich.« »Keine Bange. Carsten hat bereits alles in die Wege geleitet und organisiert. Mut hat Nancy wirklich. Sie hat sich Mr Johnson konsequent in den Weg gestellt und für den Erhalt des Instruments gekämpft. In Cedric, Andreas, Carsten und deren Familie hat sie starke Partner gefunden. Ich habe Nancy auf der Orgel spielen gehört. Obwohl das Instrument in einem schlechten Zustand war.« Eric sah ihn verwundert an. »Bist du Kirchgänger?« Merlin schüttelte seinen Kopf. »Nein. Du weisst doch, das ich eine Zeit lang auf der Straße gelebt habe. Hier habe ich sogar ein halbes Jahr im verlassenen Manor gewohnt. Einmal bin ich vor einem Unwetter in die Kirche geflüchtet. Im Beichtstuhl bin ich wohl eingeschlafen und wurde durch Nancy an der Orgel geweckt. Sie hat lange gespielt und ich durfte die ganze Zeit zuhören. Nancy hat die Defizite des Instruments immer gut umschifft. Es fühlte und hörte sich gut an.« Eric sah erschrocken seine Freund an. Diese Episode in seinem Leben hatte er vollkommen verdrängt. »Sorry, dass ich dich daran erinnerte.« »Da gibt es nichts, was du entschuldigen musst. Auch wenn es hart war, es gehört zu mir wie mein linkes Bein oder ein anderes Körperteil«, erwiderte Merlin. Aus seinem Augenwinkel sah er Gwenda hinter dem Tresen. Ihr winkte er kurz zu. »Na Jungs«, meinte sie, als sie zu deren Tisch kam, »schmecken euch meine Kreationen?« »Ja, kannst du mir einmal das Rezept geben?«, fragte Merlin. »Klar, dauert nur etwas. Ich habe eine ganze Sammlung an solchen Fruchtcocktail-Rezepten. Ihr könnt ja in einer Woche selbst weitere probieren. Ich habe Ben davon überzeugen können, eine Party für die Jugendlichen zu machen. Alle Getränke zum halben Preis und ein kostenloses Knabber - Buffet. Interessiert?« Die beiden brauchten sich nur anzusehen und nickten zustimmend.


Mary bat Eric am Ende des Monats zu einem persönlichen Gespräch. »Dein Praktikum bei mir hast du absolviert. Sei dir gewiss, du hast unser aller Respekt. Meine Angestellten sind sogar traurig. Nicht nur, weil du guten Tee zubereiten kannst, vor allem, weil du ihnen immer zur Hand gegangen bist. Arbeit scheust du nicht. Charles unterbreitete mir einen Vorschlag der Kolleginnen und Kollegen: Für deine Arbeit sollst du entlohnt werden. Wir haben zusammengelegt und hier ist dein Cheque. Falls du dich für eine Ausbildung der Schmiedekunst entscheiden solltest, bei uns ist ein Ausbildungsplatz frei.« »Darf ich Dir eine Frage stellen? Wie lange würde eine Ausbildung dauern?«, wollte Eric wissen. »Du bist nicht auf den Kopf gefallen, hast einen überdurchschnittlichen Schulabschluss. Mit diesen Voraussetzungen zwei Jahre. Im ersten halben Jahr würdest du weitere Grundfertigkeiten erlernen. Anschließend kommt als Schwerpunkt die künstlerische Gestaltung. Ich glaube, in dir steckt eher ein Künstler als ein Hufschmied. Alles andere, wie zum Beispiel die Metallurgie, die Bearbeitung von Metall und Legierungen und das Anfertigen von Bronzen und Gießformen, lernst du nebenbei. In der Berufsschule wird das alles in der Theorie behandelt.« Die Schmiedemeisterin sah den Jugendlichen nachdenklich an. »Eric, überlege es dir gründlich, und wenn du weitere Fragen hast, komm vorbei.« Damit entließ sie ihren Praktikanten.

Merlin war überrascht, als Eric ihn in der Praxis aufsuchte. »Hi Eric«, begrüßte er ihn, »ich muss noch die Instrumente in den Sterilisator legen.« Dann drehte er sich zu seinem Freund um: »Hatten wir heute eine Lektion?« »Nein. Mein Praktikum in der Schmiede ist vorbei. Kommende Woche bin ich dann bei den Hills. Da habe ich auch etwas mehr Zeit, weil ich dann nicht mehr so weit fahren brauche.« »Merlin, bist du schon fertig?«, rief Sabrina vom Empfang. »Gleich, liegt noch etwas an?« »Nein, danach kannst du ins Wochenende gehen«, informierte die Assistentin des Tierarztes. Merlin legte die gereinigten Instrumente in den Sterilisator und schaltete das Gerät ein. »Wie lange dauert das?«, fragte Eric nach. »Mit allem acht Stunden. Wie gesagt, die Skalpelle, Scheren und das alles müssen steril sein.«

Sabrina wünschte den Jugendlichen ein gutes Wochenende. »Was machen wir?« Eric sah Merlin an: »Jetzt gehen wir zu Ben auf einen Softdrink. Hin und wieder ist es gut, von der ganzen Lernerei abzuschalten. Morgen beschäftigen wir uns mit der englischen Literatur und abends ist ja die Party.«

Im Pub bereitete Ben gerade den Tresen vor. „Hallo Jungs, ihr seid früh dran. Möchtet ihr etwas trinken?“, begrüßte er seine jugendlichen Gäste. „Wenn du welche hast, zwei Cola bitte“, antwortete Eric stellvertretend für beide. Kurz darauf stellte Ben zwei Gläser vor ihnen ab. „Gwenda möchte noch mit dir sprechen, Merlin. Sie ist gerade mit Wolf unterwegs.“ „Wir sind ja hier“, bestätigte Merlin die Nachricht.

»Merlin, Mary gab mir einen Cheque über £2000. Ich würde es gerne für ein Studium anlegen. Was meinst du?«, begann Eric mit seinem Anliegen. »Wir können Andreas und Carsten fragen. Mich sollte es wundern, wenn sie sich damit nicht auskennen würden. Angenommen, du würdest bei den anderen Praktika genauso abschneiden, dann würde es vielleicht für ein Jahr reichen«, dachte Merlin spekulativ laut nach. »Meine Eltern haben sicher auch vorgesorgt. Aber recht hast du, Studieren kostet viel in unserem Land.« Ihre Unterhaltung wurde erst durch Wolf und dann auch Gwenda unterbrochen. »Gwenda Darling?«, rief Ben seine Frau. »Kannst du mal das dunkle Lager zapfen? Ich habe gerade ein neues Fass angestochen.« Die Wirtin ging hinter den Tresen und zog den entsprechenden Hebel. Erst zischte es und dann floss die dunkle Flüssigkeit in ein Glas. »Alles in Ordnung. Du kannst hochkommen.« Jetzt wandte sie sich den beiden Jugendlichen zu. »Hallo ihr beiden. Merlin, gut, dass du hier bist. Ich möchte mit dir etwas besprechen.« »Eric kann ruhig dabei sein. Magst du mit uns etwas trinken? Draußen ist es doch noch recht kalt.«

Wenig später setzte sich Gwenda zu den Jungs und stellte eine Tasse Tee vor sich ab. »Merlin, ich habe mit deinem Sozialbetreuer gesprochen. Eigentlich wollte er wissen, wie es um deine Erfolge steht. Er schlug vor, dass du deinen Abschluss offiziell in einer Highschool machen solltest. Wie stehst du dazu?«, machte es Gwenda kurz. »Wie soll das gehen?«, fragte der Angesprochene nach. »Das Jugendamt würde dich ab März in einer Schule in Inverness anmelden. Als Grund wird ein Umzug herhalten müssen. Vom reinen Lernstoff bist du jetzt schon dem Lehrplan etwas voraus. Die Schule selbst ist halbstaatlich, die Gebühren zahlt Schottland für dich.« Bevor Merlin antworten konnte, mischte Eric sich ein. »Die Idee ist gut. Merlin, du brauchst einen offiziellen Abschluss, damit du studieren kannst. In meinem letzten halben Jahr wurden wir auf die Prüfungen vorbereitet. Alle relevanten Themen wurden intensiv wiederholt, die Organisation der Abschlussarbeiten wird vorgestellt und du lernst auch die Lehrer kennen. Ich kann dir nur dazu raten.« Merlin sah unschlüssig aus. »Ich werde ein paar Nächte darüber schlafen und mal mit Dr. Miller sprechen.« Eric wollte etwas sagen, doch Gwenda gab ihm mit einem Blick zu verstehen, zu schweigen. »Das ist eine gute Idee. Es geht um deine Zukunft. Das bricht man nicht übers Knie.« Dann trank sie ihren Tee aus. »Merlin, Eric. Wolf benötigt seine Ration und Ben sein Abendbrot. Darum werde ich mich jetzt kümmern. Sehen wir uns morgen zur Party?« Beide Jugendlichen nickten synchron. »Madadh-allaidh! Seo!«, lautete das Kommando auf Gälisch, und der Hund folgte ihr.

Merlin traf eine Stunde später bei sich zuhause ein. Im Porch kamen ihm die Hunde entgegen und er ließ sie in den Garten. Als er die Treppe hinaufging, hörte er Carsten in seinem Arbeitszimmer Klavierspielen. Er bewunderte seine Disziplin, da er sich auch nicht von anderen Dingen ablenken ließ. In seinem Zimmer schaltete er seinen Computer ein und zog sich fürs Haus um. Im Bad schnupperte er an seiner Wäsche. Er beschloss, diese erst zu waschen, da noch der Geruch der Praxis an ihr haftete. Im Waschraum lief die Maschine mit der Tierwäsche. Er selbst belud eine der freien Maschinen mit seinen Klamotten. »Merlin, es wäre besser, wenn du deine Wäsche vorher ein wenig sortierst«, sprach Andreas ihn an. »Die kleinen Waschlabel helfen dir dabei.« Merlin sah ihn fragend an. Andreas nahm seinen Wäschekorb und zeigte ihm, was er meinte. »Einmal ist die Farbe wichtig: Weiße und helle Sachen kannst du getrost zusammen waschen. Separat bunte Wäsche. Weiter achte auf die Temperaturangaben. Wir haben uns ein kleines System angewöhnt. Hier in diesen Körben sammeln wir unsere benutzen Sachen.« Andreas sortierte seine Wäsche gekonnt in verschiedene Körbe. »Eine Waschmaschine ist dann effizient, wenn sie immer gut beladen wird. Spart Energie, Wasser und Waschmittel.« »Ich verstehe. Was ist mit der Temperatur?« »Die heutigen Waschmittel sind so gut, dass auch bei 30°C die Sachen sauber werden. Lediglich stark verschmutzte Wäsche, wie meine Arbeitskleidung, wasche ich bei den empfohlenen Temperaturen. Eine Ausnahme haben wir bei Cedrics Windeln gemacht. Da habe ich einiges ausprobiert und das beste Ergebnis war bei 60°C und Vorwäsche, damit sie wieder sauber werden. By the way, Vorwaschen kannst du bei der normalen Wäsche getrost außer acht lassen.« »Nun, so viel zu waschen habe ich eigentlich nicht.« »Dann werfe sie zu unseren und später trennen wir sie wieder. Oder ist es dir peinlich, wenn wir oder Mrs Sánchez deine Unterwäsche waschen?« Merlin schüttelte mit seinem Kopf. »Dann sortiere einfach die Sachen ein und gut ist.«

»Was ist mit der Tierwäsche?« »Die waschen wir regelmäßig, da Hund und Katze einiges ins Haus schleppen und die Decken schnell unangenehm riechen. Die wird auch immer bei 60°C gewaschen, damit Parasiten und solches Getier keine Chance haben.« Andreas’ Wäschekorb war inzwischen leer. Prüfend sah er in die vorsortierten Wäsche. »Hast du noch Buntwäsche? Die Menge ist für eine Ladung ausreichend.« Merlin gab ihm noch drei T-Shirts. Dann dauerte es auch nicht lange und eine Maschine tat ihre Arbeit. »Merlin, ich habe noch etwas im Gewächshaus zu tun. Würdest du bitte auf Cedric achten? Noch schläft er in seinem Tagesbett im Salon.« »Kein Thema. Eric empfahl mir, mich heute von den Büchern fernzuhalten«, grinste Merlin.

Im Salon war es ruhig und ein prüfender Blick ins Kinderbett überzeugte den Jugendlichen davon, dass der kleine Mann zufrieden schlief.

Mit der Fernbedienung schaltete er die Musikanlage ein. Die Musik hatte eine wohltuende Wirkung. Merlin räumte einige Spielzeuge zusammen, die wohl benutzt wurden. Möglich, dass er später mit Cedric diese noch gebrauchen würde. Wo er schon mal aktiv war, richtete er auch die Kudden ein wenig her. Sowohl die Hunde als auch sein Kater hatten ihre Decken darin ein wenig zerwühlt. »Abba?«, fragte eine sehr junge Stimme. Merlin ging zu Cedric: »Hallo Cedric. Du möchtest einen Kakao haben?« »Hi Erlin. Da.« Merlin hob den Jungen aus seinem Bett und ging mit ihm in die Küche. »Carsten spielt noch Klavier und Andreas ist mit den Hunden im Garten«, sprach er, »wenn du mir dabei hilfst, machen wir jetzt gemeinsam dein Getränk.« Cedric verstand ihn nicht, doch als Merlin die Utensilien auf den Herd stellte und Milch aus dem Kühlschrank holte, freute er sich. Dann kommentierte er die Tätigkeiten, die er sah. Als die Milch heiß genug war, tat er den Kakao dazu. Rührte eine Weile um und füllte den Kakao in Cedrics Tasse. »Schmeckt sicher etwas anderes. Ist eben ein Merlin-Kakao.« »Erlin Kako?«, fragte der kleine Mann nach. Dann trank er einen kleinen Schluck. »Erlin Kako good«, beurteilte Cedric das Getränk. »Du auch?« Merlin tat ihm den Gefallen und schenkte sich auch eine Tasse ein. Gemeinsam genossen sie das Kindergetränk. Merlin musste zugeben, dass Cedric durchaus recht hatte. Eine weitere Betrachtung wurde durch die Frage unterbrochen, wo denn der Teddy sei. »Ich glaube, er ist auch gerade aufgewacht. Ich sehe mal nach ihm«, schlug der Jugendliche vor. Wenig später kam er mit dem Stoffbären zurück. »Ich denke, dein Teddy möchte auch etwas von deinem Kakao haben.« »Teddy? Auch Kako haben«, bestätigte er. Merlin bewunderte, wie liebevoll sich Cedric um seinen Teddy kümmerte.

»Ich höre, ihr macht gerade eine Pause«, machte sich Carsten bemerkbar. »Darf ich mich euch anschließen?« »Abba, du auch Kako?«, lud Cedric seinen Papa ein. Carsten holte sich ein Gedeck und Merlin schenkte ihm ein. »Hm, das ist ein leckerer Kakao, den Merlin zubereitet hat«, verwickelte Carsten seinen Sohn in einen Dialog. Merlin hörte den beiden einfach nur zu. Wie Carsten aus dem Gebrabbel das richtige interpretieren konnte, war ihm ein Rätsel. Doch Cedric wirkte zufrieden.

»Sag mal, Carsten, was hast du die ganze Zeit gespielt?«, fragte Merlin zwischendurch. »Edvard Grieg, sein Klavierkonzert. Es gehört zum Programm der USA-Konzertreihe. Bis zum Herbst werde ich mich auch damit beschäftigen. Es sind insgesamt fünf Konzerte in New York, Chicago, Boston und Seattle. Neben Grieg, Haydn und Beethoven gibt es das Klavierkonzert von DvoÅ™ák. Eine interessante Mischung und vor allem recht anspruchsvoll für Orchester und Pianist. In Seattle ist es ein Konzertabend um den Komponisten Edvard Grieg. Das Klavierkonzert spiele ich nicht häufig und es bedarf einer guten Vorbereitung.« Merlin verstand sofort, was Carsten meinte. Bei dem Programm war ein dreiviertel Jahr nicht wirklich ein langer Zeitraum. Zumal sein Gegenüber auch noch andere Verpflichtungen hatte. Eine war die des Familienvaters, der er jetzt nachkam.

»Merlin, ich übernehme jetzt wieder«, dann unterbrach er sich, »wie steht es um den Briard?«

»Edward hat ihn bereits im Tierheim besucht. Er findet den Hund interessant und anscheinend ist er auch das richtige Herrchen. Dr. Miller meinte, dass der Hund bei Edward auftaut und aus sich herauskommt. Hast du eine Ahnung, wie eure Hunde reagieren werden, wenn er hier einzieht?«

Carsten fand diese Frage mehr als interessant. Er musste ein wenig nachdenken. »Leonardo und Salvatore gehen auf andere Hunde zu. Dann entscheidet die Sympathie zwischen den Tieren. Da unsere Hunde recht gut sozialisiert sind, habe ich keine Bedenken. Er wird ja auch einige Zeit hier im Haus leben. Mir stellt sich eher die Frage, wie der Hund auf uns Menschen reagiert?«, stellte er eine bedeutende Frage in den Raum.

Cedric hatte scheinbar genug Kakao: »Abba Dada gucken?« »Du meinst, wir sollen uns dein Bilderbuch ansehen? Natürlich«, antworte sein Papa. Dann nahm er seinen Sohn aus dem Stuhl. »Geht ruhig in den Salon, ich räume hier auf, viel ist es ja nicht.« Dann wandte er sich Cedric zu: »Danke für deine Gesellschaft. Der Kakao tat mir richtig gut.« Cedric sah ihn an und lächelte.

Als Andreas die Hunde wieder ins Haus scheuchte, sah er durch das Fenster, wie Carsten mit Cedric im Salon das Bilderbuch durchblätterten. So wie es aussah, hatten die beiden dabei sehr viel Spaß. Cedric strich immer wieder mit seinen Händen über die Bilder.

Im Porch prüfte er kurz den Status der Hunde, bevor sie ins Haus durften. In der Küche war Merlin dabei, die Spülmaschine zu bestücken. »Hatte Cedric seinen Nachmittagskakao?«, erschreckte er den Jugendlichen. »Ja. Er war mit meinen Service sogar zufrieden. Ich habe schon lange keinen Kakao mehr getrunken. Schon gar nicht einen mit Schafmilch.« »Interessanter Geschmack, doch du kannst ruhig auch reine Kuhmilch verwenden. Ich weiß zwar nicht, was Cedric hatte, doch er verträgt wieder jede Milch. Hast du denn noch eine Tasse für mich?«

Merlin nickte ihm zu. Wenig später trank Andreas ebenfalls eine Tasse heißen Kakao. »Cedric lässt sich gerade von Carsten eine Geschichte erfinden«, meinte Merlin. »Ich sah die beiden im Salon im Bilderbuch blättern. Ich weiß nicht, wie mein Tiger das immer schafft, doch er hat einen unendlichen Vorrat an Geschichten.« Dabei sah Andreas verträumt drein. »Stimmt, und Cedric ist jedesmal mit Eifer dabei. Sie haben das Buch doch sicher schon ein dutzendmal durchgeblättert.« »Bestimmt, doch vergiss nicht, mit jedem Tag macht Cedric neue Erfahrungen. Er entdeckt dann auch immer Neues in den Bildern.« Dann wechselte Andreas das Thema: »Was hast du jetzt vor?« »Ich nehme ein Bad und lasse den Abend ruhig ausklingen.«

Den folgende Morgen begann Merlin mit einem ausführlichen Spaziergang nach dem Frühstück. Im Park traf er auf Ben und Wolf. »Madainn mhath Ben. Suas cho tràth?«, begrüßte Merlin ihn. »Madainn mhath. Ja. Meine Gwenny hat uns vor die Tür gesetzt. Heute ist Hausputz angesagt und sie meinte, wir ständen ihr nur im Weg. Bist du allein unterwegs?«, antwortete ihm der Wirt. Während Merlin Wolf den Kopf kraulte. »Ja. Carsten und Andreas sind auf dem Markt einkaufen. Edward ist schon bei seiner Familie. Er und sein Bruder sind die Sommerweiden kontrollieren. Sam hatte einige reparaturbedürftige Zäune und Mauern entdeckt und zu zweit geht es schneller.« Dann sah er nachdenklich aus: »Sag mal, steht bei Wolf nicht seine Routineuntersuchung an?« Ben wirkte erstaunt, hatte Merlin wirklich ein so gutes Gedächtnis? »Gwenda hat einen Termin bei George. Unser Hund soll mal wieder durchgecheckt werden. Er ist jetzt gute acht Jahre. Sag mal, weißst du so etwas auswendig?«, wollte Ben dann doch wissen. »Quatsch. Sabrina und ich haben Anfang des Jahres das Archiv durchforstet. Wegen der Kontrolltermine bei den Farmern. Da ist mir auch Wolfs Akte untergekommen. Aber danke für dein Kompliment. Der Job beim Tierarzt trainiert meine grauen Zellen. Du kennst doch auch die beiden Terrier der Stones?« »Klar, die kann außer der Familie keiner unterscheiden.« »Ich schon«, meinte Merlin stolz, »Fix und Fox haben unterschiedlich gefärbte Blessen. Foxs ist ein wenig gelblich, während die von Fix weiss ist. Es ist nur eine kleine Nuance, doch ausreichend, sie zu unterscheiden.« »Alle Achtung. Sag einmal«, wechselte der Wirt das Thema, »wie steht es um den Wanderweg?« »Victor hat Entwarnung gegeben und er kann wieder genutzt werden«, gab Merlin Auskunft. »Danke, dann gehen Wolf und ich jetzt über den Weg zurück. Du kommst doch zur Party heute Abend?« »Natürlich. Beannachd leat!«, wünschte Merlin und verließ die beiden.

Eric traf gegen zehn Uhr zum gemeinsamen Lernen ein. »Morgen, Merlin«, begrüßte er seinen Freund. »Sag einmal, haben Carsten und Andreas etwas der romantischen englischen Literatur?«, fragte er sofort nach. »Da können wir mal in die Bibliothek gehen.«

Wenig später stöberten sie in der Bibliothek. Eric fand einige Bücher über Percy Bysshe Shelley. »Fangen wir an: Was weißt du alles über die romantische Epoche?«, forderte er Merlin auf. Merlin dachte nach, dann spulte er sein Wissen dazu herunter. »Alle Achtung, in Geschichte bist du gut. Zur englischen Literatur dieser Epoche gibt es jedoch Unterschiede zur kontinentalen. Prägend für diese Epoche sind Mary W. Shelley, ihr Ehemann Percy Bysshe Shelley und Lord Byron. Mary verkörperte dabei eher das ›Schreckliche‹ mit ihrem Roman Frankenstein, Lord Byron war der traditionelle Romantiker und Dichter. Jetzt kommen wir zu Percy Bysshe. Er vertrat der Epoche entsprechend den politischen Teil. In seinen Werken zeichnet er zwar immer das Ideal des ›Schönen und Vergänglichen‹, doch bei genauer Analyse seiner Werke wirst du schnell das gesellschaftskritische Weltbild der damaligen Politik erkennen. Zum Beispiel setzte er sich für die Konfliktlösung zwischen dem katholischen Irland und protestantischen Nordirland ein.« In seinem Freund erkannte Merlin einen intellektuellen Geist. Mehr Weitsicht als in seiner Altersgruppe typisch. »Komm, gehen wir hoch und beschäftigen wir uns mit einigen seiner Werke. In der Englischprüfung wird so etwas immer abgefragt«, forderte Eric Merlin auf.

Carsten und Andreas hörten bis zum Mittag nichts von ihrem Dauergast. Erst zum Lunch kamen die Jugendlichen herunter, um ihre Batterien zu laden. Carsten hatte einige Sandwiches vorbereitet, während Andreas sich um eine warme Mahlzeit für Cedric kümmerte. »Setzt euch zu uns«, lud Andreas die beiden ein. »Danke. Was möchtet ihr trinken? Eric?«, fragte Merlin unverbindlich. »Ich hätte gern einen Fruchtsaft«, bat Eric. »Wenn du schon dabei bist, ich nehme eine Apfelsaft-Schorle«, antwortete ihm Carsten. Merlin ging und erfüllte die beiden Wünsche. »Andreas?« »Machst du mir ein Radler?« Merlin wusste nicht, was Andreas damit meinte. »Radler ist ein Mixgetränk aus hellem Lager und Mineralwasser oder einem Fruchtsprudel. Ich bevorzuge Zitronensprudel, halb und halb.« Merlin machte sich dran, auch diesen Wunsch zu erfüllen. Andreas fand sein Getränk sehr erfrischend, zumal Merlin auch eine Zitronenscheibe beifügte. Während alle ihren Hunger stillten, gab es interessante Themen. Besonders Eric interessierte sich für Anlagemöglichkeiten seines Lohns. Sowohl Andreas als auch Carsten kannten sich mit einigen Investitionsmöglichkeiten aus, doch letztendlich empfahlen sie Eric, mit seinen Eltern zu einer Bank zu gehen. »Nicht, dass deine Eltern dir auf die Finger gucken. Es geht darum, dass sie einfach mehr Erfahrung mit Banken haben. Sie wissen, dass diese Institute hinter deinem Geld her sind wie der Finanzminister persönlich«, erklärte Carsten den Grund. »Das hätte ich eh gemacht. Mit dem Constable verscherzt man es sich nicht und Mama hat einen siebten Sinn, wenn es ums Kleingedruckte in Verträgen geht«, pflichtete Eric bei.

Nach dem Lunch zogen sich die Jugendliche wieder zurück. »Merlin hat in Eric einen wirklich guten Freund gefunden«, meinte Carsten bei Aufräumen der Küche. »Mich sollte es nicht wundern, wenn es mehr als nur eine Freundschaft ist. Merlin hat immer so einen verträumten Gesichtsausdruck, wenn Eric erwähnt wird«, orakelte Andreas. »Bringst du unseren Sohn in sein Bett? Er fällt gleich aus seinem Stuhl.« Carsten nahm sich des Kindes an und legte ihn zusammen mit seinem Teddy in sein Tagesbett. »Sweet dreams«, flüsterte er ihm zu. Einige Minuten später ging er mit den Hunden raus.

Andreas schnappte sich das Babyphon und ging in sein Büro. Dort widmete er sich der Gestaltung rund um den altenTeich und dem Burn.

Nach eineinhalb Stunden legte Eric das Buch über Shelley beiseite. »Merlin, Schluss für heute«, verkündete er. »Es wird Zeit für die Party. Ich würde gern noch etwas Warmes zu mir nehmen.«

»Hm, Carsten hatte gestern einen Eintopf gemacht, davon sollte noch etwas übrig sein«, schlug Merlin vor. »Klingt vernünftig. Haben Andreas und Carsten nichts dagegen?«, wunderte sich Eric. »Nein. Eintöpfen und Suppen machen beide immer für zwei Tage. Wenn man den ganzen Tag draußen ist, dann ist eine warme Suppe oder so ideal, um sich wieder aufzuwärmen.«

In der Küche machten sie sich ans Werk und wenig später rührte Eric in einem Topf. Als Andreas hinzukam, meinte er schlicht, dass es gut sei. »Wie sehen denn die Parties bei Ben aus?«, fragte er neugierig. »Das ist verschieden. Manche sind Mottoparties, zum Beispiel zu Halloween. Da wird auch das beste Kostüm prämiert«, begann Eric, »Daneben macht er auch Themenparties. Die letzte stand unter dem Thema ›Alba agus a cinnidhean!‹. Alle waren in typischem Outfit gekommen: Kilt, Tartan und so weiter. Es gab Live-Folk, gepaart mit moderner Musik.« Eric wurde verlegen: »Ich kann euch sagen, im Kilt Rad zu fahren ist wirklich ›erfrischend‹!« Sowohl Andreas als auch Merlin mussten bei der Vorstellung grinsen. »So, wie ich Gwenda verstanden habe, ist es heute einfach nur eine Party. Ben sponsert die Getränke zur Hälfte und Knabbersachen. Gwenda mixt alkoholfreie Cocktails. Sie hat Merlin versprochen, ihm einige Rezepte dazu zu überlassen.«

»Klingt abwechslungsreich. Wird es spät werden?« »Ben und Gwenda machen meist um eins Schluss. Das ist vor allem den Jüngeren geschuldet«, wusste Eric, »Papa und seine Kollegen wissen über solche Events Bescheid. Einige Eltern organisieren ein Elterntaxi, damit auch alle wieder sicher nach Hause kommen.« »Nutzen einige Besucher der Party den günstigen Preis aus?«, lautete die logische Frage von Andreas. »Da passen Ben und Gwenda auf«, begann Eric, »Wenn jemand meint, sich besaufen zu müssen, weist sie Ben ganz schnell in ihre Schranken. Und glaube mir, mit dem Wirt ist in solchen Fällen nicht zu spaßen.«

Andreas malte sich in Gedanken aus, was das wohl bedeuten würden. Dann besann er sich auf die warme Mahlzeit: »Wie schmeckt dir der Eintopf?« »Wirklich gut und den hat Carsten zubereitet?«, hakte Eric nach. »Klar. Während unser Studienzeit in London haben wir oft gemeinsam gekocht. Carsten hat mir sogar einige Kniffe beim Würzen beigebracht. Sieh dich hier mal um. Allein, was wir an Kräutern und Gewürzen haben, findest du in keiner durchschnittlichen Küche. Mein Onkel versorgt uns immer mit diversen Gewürzen aus dem Orient. Meine Großeltern mit den mediterranen. In unserem Gewächshaus habe ich unzählige Kräuter und essbare Pflanzen. Wenn wir auf dem Markt sind, machen wir immer auch einen Abstecher zum Gemüsestand. Carsten entdeckt dort immer wieder neue Zutaten. In diesem Eintopf hat er Salbei beigemischt, er gibt dem Gericht eine leicht herbe Note.« »Interessant«, mischte sich Merlin ein, »das muss ich mir merken.« »Nun, merken muss du dir das nicht. Sieh mal dort, bei unseren Rezepten steht ein Buch über die gebräuchlichen Kräuter, Heilpflanzen und deren Verwendung. Ich glaube, in unserer Bibliothek haben wir ebenfalls Bücher dazu. Eines steht bei dem Fachwissen über Tiermedizin.« Merlin sah Andreas erstaunt an: »Ich denke ,ich sollte doch mal öfters dort stöbern.«

Eric schob seinen leeren Teller beiseite: »So, genug geschwätzt. Merlin, es wird Zeit für die Party.«

Im Pub war bereits einiges los. Vor allem die jüngeren Jahrgänge mischten die Räumlichkeiten auf. Als Ben Merlin und Eric sah, band er diese kurzentschlossen beim Service ein. »Merlin, würdest du bitte einmal die leeren Gläser einsammeln? Eric, hier ist ein Schutz, du spülst!«, grinste er auffordernd. Beide Teenager ergaben sich ihrem Schicksal und bald schon waren sie damit beschäftigt, für etwas Ordnung zu sorgen. »Keine Panik, Eric«, meinte Ben beim Einschenken von Limos und Softdrinks, »für die Unter-15-Jährigen ist die Party um 9 vorbei. Dann wird es etwas ruhiger und ihr könnte euch unter die Älteren mischen.« »Nun, zwischen diesen Zwergen wären wir Riesen aufgefallen.« Dann sah er sich die sogenannten Zwerge an. »Aber sie wissen, wie man sich vergnügt und Spaß hat. Hast du noch Knabberzeug? Merlin kann dann schon mal die Schalen auffüllen.«

Merlin nahm eine um die andere leere Schale mit, um sie von Gwenda wieder auffüllen zu lassen. »Entschuldigt, das wir euch so einbinden. Wir haben nicht mit so vielen Kindern gerechnet«, wirkte die Wirtin verlegen. Merlin winkte ab: »Schon gut, wir gönnen ihnen den Spaß.« »Später haben wir noch eine Überraschung für euch. Ben hat eine Live-Band aufgetrieben. So, und nun lasse unsere Gäste nicht länger auf das ungesunde Zeug warten.«

Die Band hatte ein wirklich abwechslungsreiches Program für diesen Gig. Die Party wurde zu einem riesigen Erfolg. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen feierten ausgelassen. In ruhigeren Momenten wurde zur Musik von der Konserve getanzt. Selbst Eric und Merlin ließen sich dazu hinreißen, einige Moves auszuprobieren. Es wurde spät, als gegen zwei Uhr eine Polizeistreife nach dem Rechten sah, verließen nach und nach die Gäste diese außergewöhnliche Party. Ben schloss den Pub eine Stunde später. Lediglich Merlin und Eric halfen noch beim groben Aufräumen.

Zwischendurch hatte Eric seine Eltern informiert, dass es sehr spät werden könnte. »Keine Sorge, Eric«, meinte seine Mutter, »nur solltest du uns nicht wecken.« Eric überkam eine Idee: »Mama, wenn ihr erlaubt, übernachte ich bei Merlin. Dann habt ihr viel Zeit für euch beide.«

Diesem Vorschlag konnte Mrs Smith einiges abgewinnen. »Dein Vater nickt zustimmend. Viel Spaß bei der Party.«

Bevor Gwenda die beiden vor die Tür setzte, gab sie Merlin eine Sammlung an Cocktail-Rezepten. »… viel Vergnügen beim Ausprobieren. Sweet dreams!«

Am Manor stellten beide ihre Räder in die Garage. Dann gingen sie durch den Porch ins Haus. Nachdem Merlin die Alarmanlage wieder aktiviert hatte, gingen sie hoch. Auf dem Treppenansatz kam ihnen Charaid entgegen. »Wohin will dein Kater jetzt noch?«, fragte Eric erstaunt. »Vermutlich nach draußen. Er ist ein Jäger der Nacht«, lautete die schlichte Antwort. »Warte einen Augenblick, ich möchte noch nach Cedric sehen. Manchmal strampelt er sich frei.« Eric wartete einige Minuten auf Merlin. »Alles in Ordnung. Der kleine Mann schläft friedlich neben seinem Teddy.«

Im Zimmer bot Merlin seinem Freund an, das Bad zuerst zu nutzen. »In dem kleinen Schränkchen sind noch Zahnbürsten. Frische Handtücher liegen im Regal.« »Danke!« Keine fünf Minuten später wechselten sie. Als Merlin ins Bad verschwand, sah Eric, dass auf dem Bett ein frischer Schlafanzug lag. »Ich dachte mir, dass du eventuell nicht unbedingt in Unterwäsche schlafen willst«, klang es aus dem Bad. Eric bedankte sich und verschwand wenig später ins Bett. Merlin hatte sich bereits im Bad umgezogen. »Stört es dich, wenn ich das Fenster etwas öffne?« »Nein, ich schlafe auch lieber bei frischer Luft. Obendrein ist dein Bett echt kuschelig warm.« Wenig später machte Merlin das Licht aus. »War ein schöner und anstrengender Tag«, flüsterte er in die Dunkelheit.

Over the mountains

And over the waves,

Under the fountains

And under the graves;

Under floods that are deepest,

Which Neptune obey;

Over rocks that are steepest

Love will find out the way.

 

Where there is no place

For the glow-worm to lie;

Where there is no space

For receipt of a fly;

Where the midge dares not venture

Lest herself fast she lay;

If love come, he will enter

And soon find out his way.

 

You may esteem him

A child for his might;

Or you may deem him

A coward from his flight;

But if she whom love doth honour

Be conceal'd from the day,

Set a thousand guards upon her,

Love will find out the way.

 

Some think to lose him

By having him confined;

And some do suppose him,

Poor thing, to be blind;

But if ne'er so close ye wall him,

Do the best that you may,

Blind love, if so ye call him,

Will find out his way.

 

You may train the eagle

To stoop to your fist;

Or you may inveigle

The phoenix of the east;

The lioness, ye may move her

To give o'er her prey

But you ‘ll ne'er stop a lover

He will find out his way.

 

If the earth it should part him

He would gallop it o'er;

If the seas should o'erthwart him,

He would swim to the shore;

Should his Love become a swallow,

Through the air to stray,

Love will lend wings to follow,

And will find out the way.

 

There is no striving

To cross his intent;

There is no contriving

His plots to prevent;

But if once the message greet him

That his True Love doth stay,

If Death should come and meet him

Love will find out the way!‹

('The Great Adventurer’ by Percy Bysshe Shelley 1792 - 1822)

… zitierte Merlin leise vor sich hin und Eric hörte fasziniert zu. Nachdem es eine Weile ruhig blieb, meinte er: »Wow Merlin, das hast du dir alles heute merken können?« »Ja, ist doch nichts Besonderes.« »Nichts Besonderes?«, fragte er noch einmal nach. »Zugegeben, das habe ich erst in den letzten Monaten gelernt. Regelmäßig überprüfe ich die Medikamente in der Praxis, Sabrina und Dr. Miller fragen immer mal nach, von welchen Medikamenten Nachbestellungen gemacht werden müssen.« Eric wunderte sich: »Werden die Medikamente nicht in der EDV erfasst?« »Zumindest die für eine Behandlung verwendet werden. Das gilt aber nicht für diejenigen, welchen das Verfallsdatum bevorsteht. Diese werden anders verwendet. Also merke ich mir die Vorräte der gängigsten Medikamente.« »Ich verstehe, und das trainiert dein Gedächtnis.«

»Eric, ich finde den Text einfach schön. Was ich mag, merke ich mir eben. So einfach ist das …«, antwortete Merlin. Dann hörte er regelmäßige Atemzüge. Seine Gedanken ließen den Tag noch einmal Revue passieren. Das Lernen war anstrengend, doch Eric war ein angenehmer Mentor. Dann die Party bei Ben. Gwenda und Ben haben wirklich alles für eine gelungene Teenagerparty aufgeboten. Zur Party kamen die Jugendlichen aus der Region. Es wurde getrunken, getanzt und überall fanden sich Grüppchen, die sich unterhielten. Merlins Tanzkünste waren dürftig und selbst da gab ihm Eric wie selbstverständlich etwas Nachhilfe. Erst war er sich unsicher, zwei Jungen tanzten miteinander. Doch als er sich umsah, entdeckte er mehrere Paare. Anscheinend war es hier nicht ungewöhnlich, sich gegenseitig Tanzunterricht zu geben. Dennoch war er überrascht, als Eric ihn zuletzt noch zu einem Tanz aufforderte. Merlin gestand sich ein, dass er im Bauch ein angenehmes Gefühl spürte. Als die Musik sich dem Ende zuneigte, wollte er Eric festhalten. Was war mit ihm los? Über diese Grübelei schlief er ein.

Salvatore tapste über die Galerie und schob mit seiner Nase die Tür zu Cedrics Zimmer auf. Im abgedunkelten Zimmer des Jungen wechselte er sich mit Leonardo ab. Dieser verschwand in Richtung seines Herrchens. Unterwegs schlich Charaid an ihm vorbei. Kurz schnuffelte der große Hund an dem kleinen Kater und dieser begrüßte ihn mit Schubsen an dessen Nase. Dann trennten sich ihre Wege. Der Kater wollte zu seinem Schlafplatz. Bei Merlin sprang er aufs Bett und weckte damit den Jugendlichen. »Morgen, Charaid«, murmelte er schlaftrunken. Dann bewegte er sich etwas und wunderte sich, dass er festgehalten wurde. Langsam öffnete er seine Augen und musste grinsen. Eric hatte seine Position geändert und einen Arm über ihn gelegt. Dieses Arrangement gefiel Merlin. Ihm war schlagartig klar geworden, was er wollte. Nur stand die Frage an, ob Eric auch so fühlte oder ihn einfach verwechselte. Sein Gast bewegte sich etwas. »Was war das?«, murmelte er. »Charaid ist von seinem Streifzug zurück. Er putzt sich gerade und so wie ich ihn kennenlernen durfte, rollt er sich gleich ein. Stört er dich?«, flüsterte Merlin zurück. »Nein. Er hat ältere Rechte, hier zu sein. Es ist ungewohnt für mich.« Eric blinzelte erst mit dem einen Augen und dann mit dem anderen. Langsam kehrten seine Lebensgeister zurück. Er sah das Arrangement. Ganz langsam wurde ihm bewusst, was er da tat. Die Erkenntnis weckte ihn wie ein Eimer Wasser, welcher über ihn ausgeschüttet wurde.

»Oh, sorry!«, stammelte er. »Wofür?«, lautete Merlins Antwort und Eric zog blitzschnell seinen Arm von ihm herunter. »Ehm … ich wollte dir nicht zu nahe kommen.« »Bist du nicht. Etwas überraschend, doch wenn du keine Kontrolle über dich hast, was im Schlaf eigentlich immer der Fall ist, gibt es nichts zu entschuldigen. Ich empfand es nicht als unangenehm, wenn du darauf hinaus wolltest«, gestand Merlin. Eric lächelte ihn an.

Charaid hatte seine Prozedur beendet und sah sich orientierend um. Auf seinen Samtpfoten schlich er sich zwischen die beiden und machte sich lang. Merlin streichelte sein Köpfchen. »Wenn du magst, darfst du ihn streicheln. Er mag dich«, meinte Merlin und dachte bei sich: ich dich auch. Eric stützte sich ab und mit der freien Hand kraulte er den schlanken Körper des Katers. Charaid schnurrte vernehmlich.

Beim Streicheln berührten sich immer wieder die Hände der Jugendlichen. Jedesmal spürte Merlin ein faszinierendes Kribbeln im Bauch. »Er hat lange Tasthaare«, stellte Eric fest. »Dr. Miller erklärte mir, dass sie sehr wichtig für Katzen sind. Die Vibrissen, so der Fachausdruck, gehören zum Sinnessystem der Tiere. Katzen haben sehr viele davon. An der Schnauze, an den Augen, selbst an den Pfoten besitzen sie welche. Damit erkunden sie ihre Umgebung, wenn die Sicht zum Beispiel eingeschränkt ist. Eine Katze ist echt ein Wunder der Evolution.« Eric staunte wieder einmal über das spezielle Wissen Merlins. In seinem Freund erkannte er einen sehr potentiellen guten zukünftigen Tierarzt. Charaid hatte genug und zog sich in seine Wohnhöhle zurück. »Alle Achtung, wie schnell er sein Schlafplatz erklommen hat.« »Sportlich ist der kleine Kater. Sein Kratzbaum ist schon ein imposantes Möbel. Der Schlafplatz ganz oben ist sein Lieblingsplatz, wenn er von seinen Streifzügen zurückkommt. Obwohl es einige Zeit brauchte, bis er diese auf dem Kratzbaum in Anspruch nahm.« »Warum?«, wollte Eric wissen. »Charaid wurde angefahren und trug einen Trümmerbruch seines Hinterbeins davon. Dr. Miller hatte einiges zu tun, um diesen wieder zu richten. Als der Gips später abgenommen wurde, stellte sich heraus, dass dieses Bein etwas kürzer ist. Der Kater muss dieses Handicap kompensieren und die Koordination dauerte einige Zeit. Jetzt ist er ein wahrer Kletterkünstler. Lust aufzustehen?«, wechselte Merlin das Thema. Eric wurde daraufhin verlegen. Merlin ahnte, was Sache ist: Morning Wood!

»Du kannst ruhig noch etwas liegen bleiben.«

»Wie spät haben wir eigentlich?« »Kurz nach halb acht.

»Echt früh für ein Sonntag«, bemerkte Eric, »normal lassen mich meine Eltern ausschlafen. »Bist du denn nicht ausgeschlafen?«, blinzelte Merlin verschmitzt. »Für mich ist es normal. Ich lasse es sonntags ruhiger angehen, doch das Futter für Charaid macht sich nicht von selbst. Du kannst dich ruhig noch einmal umdrehen. Frühstück steht als Büfett bereit.« Merlin stand auf. »Nein, ich helfe dir«, machte Eric klar.

Wenig später gingen sie die Treppe hinunter. Am letzten Absatz schob Merlin die Kindersicherung beiseite. »Zum Schutz für Cedric. Mein kleiner Bruder krabbelt hier gern mal entlang, da soll er nicht die Treppe herunterfallen«, erklärte Merlin. Nachdem sie das kleine Hindernis passiert hatten, schloss sich das Gatter selbsttätig. »Ist ein wahrer Komfort zum Schutz. Was ist mit den Tieren?« »Die Hunde können es mit ihrer Schnauze ebenfalls beiseite schieben. Charaid ist sportlich genug, um drumherum zu klettern.« Wie auf ein Stichwort demonstrierte Leonardo es und lief an den Jugendlichen vorbei. »Was hat Leonardo?« »Er will in den Garten. Salvatore wird ihm bestimmt gleich folgen.«

In der Küche machte Merlin die Tür zum Garten hin auf. Kurz darauf stoben beide Hunde hinaus.

Merlin schob die Tür etwas zu. »Was machen wir zuerst?«, fragte Merlins Freund. »Du kannst schon mal Wasser für Tee aufsetzten. Tee steht in dem Apothekerschrank links von dir. Ich mache erst einmal das Futter für die Tiere. Wenn du schon dabei bist, wechsle doch bitte das Wasser in den Näpfen.« »Bei dir kommen die Tiere sicher nicht zu kurz.« »Sicher nicht. Wer sich für ein Tier entscheidet, soll sich bewusst sein, auch Zeit für sie zu haben. Dabei ist die Ernährung nur ein kleiner Bestandteil. Als Charaid noch seinen Gips hatte, schmiegte er sich oft nachts an mich und ließ sich von mir wärmen. Hast du einmal das Vertrauen gewonnen, sind sie treue Seelen. Charaid ist sicher keine typische Hauskatze. Er mag seine Freiheit und kann sich sehr gut allein beschäftigen. Zumindest nutzt er nur selten sein Spielzeug.« Während Merlin sprach, pürierte er die Ration des Katers. Anschließend füllte er den Napf auf und mischte einige kleingeschnittene Fleischstückchen darunter.

»Guten Morgen!«, machte sich Andreas bemerkbar. Wie ertappte Sünder erschraken die Jugendlichen, was bei Andreas ein Schmunzeln hervorrief. »Mann, Andreas, du machst Charaid auf seinen Samtpfoten echt Konkurrenz«, bemerkte Merlin trocken. »Wie war denn die Party?«, fragte Andreas unbeirrt die beiden. »Super. Ben hat sogar eine Band organisiert. Schluss war dann um drei«, antwortete Eric begeistert. Andreas sah ihn fragend an: »Und dann seid ihr schon wieder auf den Beinen?« »Der Kater hat uns geweckt und dieser will nachher sein Futter haben. Das ist für mich Grund genug.« Andreas schüttelte nur mit seinem Kopf. Das hätte Carsten auch gemacht, wenn er die Frühstücksration der Hunde zubereitet hätte. »Wie dem auch sei. Trinkt ihr nur Tee oder auch Kaffee?«, hakte er nach. Tee war für die Teenager ausreichend. Für sich und Carsten setzte er eine Maschine Kaffee an. Dann bereiteten sie gemeinsam das Frühstück vor. »Schläft Carsten heute länger?«, wollte Eric wissen. »Nein, er ist bei Cedric. Baden, pflegen und anziehen. Dabei bestimmt der Junge das Tempo.« Dann sah er in den Garten, wo zwei Hunde ausgiebig tobten. Andreas ging in den Porch. Kurz rief er die Namen der Hunde, die wenig später vor ihm standen. Mit geübtem Blick stellte er ihren Status fest und ließ sie passieren.

Eric sah zwei Vierbeiner zu ihren Wassernäpfen laufen und ihren Durst stillten. »Da wirst du gleich noch einmal nachfüllen müssen«, bemerkte Merlin schlicht. »Ist ja nicht tragisch. Sie sind aber echt gesittet, kaum Pfützen um deren Näpfe«, stellte Eric fest. »Ich denke, sie mögen es einfach nicht, wenn sie später mit nassen Pfoten in ihre Kudden steigen. Aber recht hast du, sie sind beide gut erzogen. Denn ihre Rationen landen bis auf den letzten Krümel in ihren Mägen. Das liegt wohl auch an ihrem Vater Leon. Ich sah, wie er seine kleine Gina gängelte, als sie mit ihrem Futter spielte. Carsten sagte bereits, dass ihre Hunde gut sozialisiert sind. Man muss ihnen einfach den Freiraum, voneinander zu lernen, geben.« Merlin sah sich um. Eric hatte die Wassernäpfe bereits aufgefüllt. »Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Anderen, dann können wir frühstücken.« »Zwei sind bereits da«, betrat Carsten mit Cedric auf dem Arm die Küche. »Hi Erlin, Hi Ik«, begrüßte er die Jungs. »Guten Morgen, Cedric. Hast du gut geschlafen?«, verwickelte Merlin den kleinen Mann in ein Gespräch. Eric sah dem Jungen an, wie er nachdachte. »Da!«, lautete die kurze Antwort. »Was meinte er?«, fragte Eric leise. »Ja«, beantwortete Carsten die Frage, »noch hat er Schwierigkeiten mit dem ›J‹. Doch für sein Alter ist er sehr kommunikativ. Versucht viel nachzusprechen. Wichtig ist daher, deutlich mit ihm zu reden. Habe ich nicht recht, Cedric?«, wandte er sich mit den letzten Worten an seinen Sohn. »Abba, Kako ham?«, war das momentane Interesse des Jungen. Amüsiert schüttelte der Papa mit dem Kopf. »Klar. Zu deinem Frühstück gibt es auch warmen Kakao.«

Während Carsten seinen Sohn in seinen Stuhl platzierte, kam auch Andreas hinzu. »Schatz, darf ich unseren Helden übernehmen? Dann kannst du das Futter der Hunde zubereiten.« »Natürlich. Der Held möchte Kakao zu seinem Frühstück«, informierte er kurz. »Baba, Kako?« Andreas ging zu ihm. Gab ihm einen Kuss auf die Stirn und strich ihm sanft über den Kopf.

Carsten bereitete die Rationen der Tiere zu. Einige Minuten später stellte er die Näpfe auf ihren Platz. Gerade wollte er das Kommando für die Hunde geben, als Cedric ihm diese wichtige Aufgabe abnahm: »Eonado, Satore, Dada mmh!« »Das war gut, Cedric. Leonardo und Salvatore haben mächtig Hunger«, bestätigte Carsten ihn. Etwas geräuschvoll machten sich die Tiere über ihre Rationen her. Eric bewunderte die beiden jungen Männer. Da hatte sich Cedric zwei tolle Papas ausgesucht.

Das Frühstück verlief entspannt. »Habt ihr heute etwas Spezielles vor?«, fragte Carsten die Jugendlichen. »Meine Eltern schlafen sicher noch. Ich habe mit ihnen ausgemacht, spätestens zum Lunch zurück zu sein.« »Ich möchte später noch etwas lesen. Wir haben uns gestern mit Shelley beschäftigt.« »Englische Romantik«, kommentierte Carsten. »Von dem Autor haben wir einiges in der Bibliothek stehen. Einmal ›The Poetical Works of Percy Bysshe Shelley‹ in einer Neuauflage von 1894, von Richard Herne Shepherd. Jedoch würde ich dir ›The Major Works. Including poetry, prose and drama‹ von Zachary Leader und Michael O'Neill, herausgegeben in Oxford 2009, empfehlen. Es liest sich etwas leichter.« »Wenn du dich mehr mit der Romantik in Europa beschäftigen willst, da haben wir entsprechende Literatur aus Frankreich, Italien, Spanien und Tschechien zum Vergleich zur Englischen Romantik«, fuhr Andreas fort.

»Habt ihr die alle gelesen?«, wunderte sich Eric über die Auswahl. »Natürlich. In unseren Berufen ist diese Epoche stark vertreten. Da sollte man schon wissen, was Sache ist«, wurde die Frage beantwortet. »Danke für den Tipp. Eric, wäre es sinnvoll, einen Aufsatz zu diesem Thema zu schreiben?« »Ich denke schon. Ist eine gute Übung in der literarischen Erörterung und Diskussion«, bestätigte der Angesprochene.

Andreas schenkte Cedric auf Wunsch noch einen Kakao ein. Nachdem er diesen ausgetrunken hatte, wollte der Junge seinem Bewegungsdrang nachkommen. Andreas setzte seinen Sohn auf den Boden ab, wo Cedric sofort begann, alles in Reichweite zu erforschen.

»Wo ist Edward eigentlich?«, wunderte sich Merlin über dessen Abwesenheit. »Er ist bei seiner Familie. Zumindest informierte er uns gestern Abend noch.« »Merlin, Edward hat auch ein privates Leben. Er muss sich nicht rechtfertigen. Bei dir ist es noch etwas anders, da du noch nach dem Gesetz minderjährig bist und wir eine Verantwortung übernommen haben.« »Sorry, Carsten. Da habt ihr recht. Eigentlich wollte ich wissen, wie es um den Briard steht.« »Warum fragst du uns nicht? Clòimh wird in der kommenden Woche bei uns einziehen. Die Formalitäten sind erledigt«, gab Carsten weiter Auskunft. »Montag Nachmittag lernen unsere Hunde das neue Familienmitglied kennen. Mrs Sánchez am Dienstag. Wir lassen es langsam angehen, um den Hund nicht zu überfordern.«

Andreas sah sich um. »Genug geplaudert. Carsten, wann willst du mit den Hunden raus?« »Wenn ihr erlaubt, gehe ich mit ihnen Gassi«, bot Merlin an. »Du kannst uns begleiten. Ich brauche Bewegung an der frischen Luft und Cedric seinen Spaziergang. Sagen wir, in einer halben Stunde?«

»Heute gehen wir wieder durch den Park«, entschied Carsten an einer Abzweigung. »Wird aber eine längere Runde als üblich«, meinte Merlin. »Wir haben Zeit und Cedric kann im Tuch schlafen, wenn ihm danach ist. Da ich diesen Weg länger nicht gegangen bin, würde ich dich bitten, mich auf eventuelle Hindernisse aufmerksam zu machen.« »Natürlich. Was ist mit den Hunden?«, fragte Merlin vorsichtshalber nach. »Leonardo und Salvatore bleiben in der Nähe, sollen aber ruhig im Dickicht stöbern dürfen.« Carsten nahm seinen Stock und ertastete sich den Weg. Eric sah ihm interessiert zu. Zwischendurch stellte er immer wieder Fragen zur Orientierung. Carsten fand die Neugier nicht unangenehm. Das Gegenteil war der Fall. Die Fragen waren intelligent. Hin und wieder forderte er Eric auf, mit geschlossenen Augen ihre Umgebung zu beschreiben. So lernte der Jugendliche noch etwas zu Orientierung dazu.

Nach zwei Stunden trafen sie wieder am Manor ein. Den Spaziergängern kam es nicht so lange vor. Im Porch kam ihnen Andreas entgegen: »Das war eine lange Runde.« »Wir sind durch den Park gegangen.« »Gab es etwas auffälliges?«, hakte Andreas nach. »Nicht wirklich, doch Victor wird einiges zu tun haben. Teilweise muss der Weg ausgebessert werden«, berichtete Carsten. »Victor wird in den nächsten Tagen dort eine Bestandsaufnahme machen. Ich denke, ab März ist dort alles wieder in Ordnung.« Dann nahm er sich Cedrics an, während Carsten sich um ihre Hunde kümmerte. Auf dem Arm seines Babas begann der Junge von dem Ausflug zu erzählen. Eric sah das ehrliche Interesse Andreas’ an dem, was sein Sohn alles so von sich gab. »Komm, gehen wir hoch und spielen etwas«, schlug Merlin vor. Carsten schüttelte lediglich mit dem Kopf, dann wandte er sich seinen Vierbeinern zu.

»Was möchtest du spielen?«, fragte Merlin seinen Freund. »Ich habe da eine Idee für ein Online-Game. Wir können dabei etwas lernen und es macht Spaß.« Merlin fuhr seinen Computer hoch und überließ ihn dann Eric. »Es ist eine Online-Adaption von Trivial Pursuit. Die Fragen sind aus diversen Kategorien. Wir nehmen uns jetzt als Einstieg Geschichte vor. Bei falschen Antworten musst du eine Aufgabe lösen. Für richtige Antworten gibt es Punkte. Nach 10 Punkten wird das Level schwieriger.« »Warum Geschichte?«, fragte Merlin nach. »Es trainiert dein Wissen über diverse Epochen. Es ist nicht unbedingt prüfungsrelevant, doch wie heißt es so schön: Wissen ist Macht …«, grinste Eric.

Gegen Mittag zog Eric ab. Merlin ging in die Bibliothek und suchte sich die Empfehlung von Carsten heraus. Der Covertext versprach nicht zu viel. Mitten in der Lektüre suchte Charaid ihn auf. Der Kater sprang einfach zu dem Jungen in den Sessel und rollte sich auf dessen Schoß ein. Andreas fand die beiden so auf, als er Merlin zum Lunch einlud.

»Carsten, deine Empfehlung ist genial. Ich bekomme eine ganz neue Sichtweise auf diese Literatur und Epoche«, war Merlin begeistert. »Danke. Liest du in der Bibliothek?« »Ja. Es ist zwar dort etwas kühler, aber es kommt mir entgegen. Was ist mit Cedric? Hat er kein Hunger?«, wunderte er sich über dessen Abwesenheit. »Er hält bereits seine Siesta. Gegessen hat er bereits vor einer Stunde. Wir haben viel gespielt und jetzt erlaubt er seinen Dads ebenfalls, ihre Akkus zu laden«, beschrieb Andreas ihren Status. »Wo wir gerade so gemütlich beisammen sind: Kommendes Wochenende sind wir in Berlin, beim Neujahrsempfang des britischen Botschafters«, überraschte Carsten. Merlin sah beide abwechselnd an. »Wirklich?« »Wirklich! Die Frau des Botschafters besteht auf unsere Anwesenheit. Wir fliegen bereits am Freitag und kommen am Montag zurück.« »Also um das Haus braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Eine Party wird nicht stattfinden, weil ich lernen muss. Darf ich Eric einladen, hier zu übernachten?« »Natürlich. Ihr habt ja einen Aufpasser: Clòimh. Edward weiß Bescheid und nutzt die Abwesenheit unserer Hunde, um seinen Hund an seine neue Aufgabe heranzuführen«, fügte Andreas trocken hinzu.

Am folgenden Samstag erschien Eric bereits zeitig. Vor dem Haus stoppte er, weil ein großer Hund ihm den Weg versperrte und ihn anbellte. »Clòimh, aus! Eric ist ein Freund der Familie.«, hörte Eric Edward am Portal sagen. Der Briard drehte sich um und sah sein Herrchen an. »Das hast du gut gemacht.« Dabei tätschelte er dem Hund den Kopf. »Eric, komm bitte her«, forderte er den Jugendlichen auf. Eric tat ihm den Gefallen. »Keine Angst. Darf ich dir unseren Zuwachs vorstellen?« »Beißt er?«, fragte dieser vorsichtshalber nach. »Nein.« Langsam ging der Junge auf den Hund zu. Dann streckte er seine Hand flach aus. Clòimh verstand die Geste und nachdem er die Hand beschüffelt hatte, leckte er diese ab. »Hallo Clòimh«, begrüßte Eric den Hund und wenig später kraulte er den Kopf des Hundes. »Er ist sehr wachsam, Edward. Ich habe ihn nicht einmal kommen sehen.« »Das ist seine Aufgabe: Das Anwesen zu schützen. Schnell ist er und durch sein dunkles Fell auch recht gut getarnt. Du willst zu Merlin? Er ist noch auf seinem Zimmer.« Dann wandte er sich dem Hund zu: »Komm, gehen wir dein Revier inspizieren.«

Den Vormittag verbrachten die Jugendlichen mit intensivem Lernen. Zum Lunch hatte Edward etwas vorbereitet und lud beide dazu ein. »Du hast dich heute rar gemacht«, bemerkte Merlin. »Ich war mit Clòimh unterwegs, Nasenarbeit in seinem neuen Revier. Jetzt chillt er im Salon«, beantwortete der Verwalter die Bemerkung. »Ich kenne den Hund ja einige Zeit und ich gestehe, ihr bildet ein gutes Team. Er hat sich gegenüber seinem Verhalten im Tierheim wirklich positiv entwickelt. Ich sah ihn diese Woche auf Cedric aufpassen, selbst als sich der Junge zu ihm legte, blieb er gelassen.« »Ich habe mich lange mit George, Dr. Miller, unterhalten. Vom Verhalten war er der Ansicht, dass der Briard einfach unterfordert war. Clòimh ist intelligent - wenn ich es einmal so ausdrücken darf. Den Bereich rund ums Haus bis hin zur Lodge kennt er bereits auswendig. Er hat seine Punkte zur Orientierung und merkt, wenn sich etwas verändert hat.« »Ich war ja nicht dabei, wie haben denn Leonardo und Salvatore auf ihn reagiert?«, fragte Eric nach. »Cool. Sie haben sich kurz beschnüffelt und dann wurde zum Spiel aufgefordert. Clòimh ist ja allein vom Erscheinungsbild größer und kräftiger, doch zusammen wirkten sie wie Welpen. Zuletzt gab es das obligatorische Bad im Teich. Also, wasserscheu ist er jedenfalls nicht und wirkte auf mich glücklich.« »Dann hatte Carsten wohl den richtigen Riecher, als Dr. Miller ihm den Vorschlag unterbreitete«, meinte Merlin. »Von dem jungen Mann kann so mancher Hundebesitzer noch viel lernen. Er sieht sie ja nicht und dennoch liest er Tiere wie andere einen Zeitungsartikel«, sinnierte Edward. »Wie schmecken euch meine Kochkünste?«, wechselte er das Thema. »Gut, du passt in diesen Haushalt. Kulinarisch habe ich hier echt die Welt«, machte Eric ihm ein Kompliment. »Danke.«

Nach dem Lunch gingen Merlin und Eric raus. Merlin meinte, die Bewegung und die frische Luft täten ihnen gut. »Wohin gehen wir?« »Nirgendwo hin, wir machen einfach eine große Runde am Spielplatz vorbei, hinüber zur Lodge und dann durch den Garten wieder zurück. Dann kann ich dir einmal die Nordseite des Hauses zeigen, wo sich die Einflugschlitze der Fledermäuse befinden.« »Echt? Hier gibt es Fledermäuse?«, war Eric erstaunt. »Eine ganz Kolonie. Sie leben unter dem Dach in einem separaten Raum. Im Sommer sah ich sie in der Dämmerung ausfliegen. Es sind elegante Segler und absolut zielgenau.« »Was fressen die denn oder sind es kleine Vampire?«, wurde Eric neugierig. »Insekten, wie Nachtfalter und vor allem die lästigen Mücken. Das mit den Blutsauern kannst du ruhig vergessen. Es gibt nur wenige Arten, die sich auch mal einen roten Drink gönnen, doch diese hier sind harmlos … zumindest für uns Warmblüter. Unsere sind recht klein, kaum größer als Cedrics Hand.« »Hast du schon mal eine in der Hand gehabt?« »Einmal hat sich eine in mein Zimmer verflogen.« »Was hast du gemacht?«, wurde Eric neugierig. »Ich habe mir einen Schuhkarton geschnappt, ausgepolstert und sie hineingesetzt. Die Tiere sind eben nachtaktiv. Abends habe ich sie dann wieder ausgesetzt. Seitdem gab es keinen Vorfall mehr.«

Als sie an der Stelle des Hauses waren, zeigte Merlin Eric die Öffnungen in der Mauer. Eric musste sehr genau hinsehen, um diese zu erkennen. »Die sind aber gut getarnt. Ich kann sie so gerade ausmachen. Wie finden die Tiere diese wieder?« »Fledermäuse haben einen ausgeprägten Orientierungssinn. Mit ihrem Ultraschall tasten sie die Wand ab und wo die Reflexion ausbleibt, ist der Eingang.« Merlin sah Eric nachdenklich an. »Warte mal. Testest du mich gerade? Das ist doch reine Physik.« »Auf den Kopf gefallen bist du nicht«, grinste ihn der Angesprochen an. »Es war wirklich ein Test. Ich weiß, dass Fledermäuse mit ihren Ohren ›sehen‹ und sie geben ein wunderbares Beispiel in angewandter Physik. Merlin, es tut immer gut, das theoretisch Gelernte in der Praxis zu erleben. Die Natur bietet dir hier unzählig viele Beispiele, wenn du nur genau hinsiehst«, erklärte er weiter. »Schon gut. Ich habe verstanden. Wir sollten uns langsam wieder der Theorie zuwenden.« »Wie lange waren wir denn unterwegs?« »Carsten könnte es jetzt genauer beantworten, doch ich schätze eine Stunde, plus minus«, beantwortete Merlin die Frage. »Hast du keine Uhr?« »In der Schmiede ist es einfach unpraktisch und störend bei der harten Arbeit. Ich habe ja ein Handy, das ist vollkommen ausreichend.«

Langsam gingen sie ums Haus, vorbei an der Terrasse. »Sag mal, diese Marmorstatuen, sind das Abbildungen von Göttern?« »Ja. Griechische und römische. Die hat Zio Jihan modelliert, mit den Charakteren von Familienmitgliedern. Wenn du dir die Muse nimmst sie länger zu betrachten, wirst du es erkennen. Andreas hat sie so platziert und sie geben diesem Garten ein Touch Glamour und Verspieltheit. Charaid liegt im Sommer oft auf Athene und döst vor sich hin.« Dabei zeigte er auf die Figur mit dem Schild und Speer. »Leonardos Lieblingsplatz ist neben dem Pan.« Eric sah sich um. »Der ganze Garten wirkt eher wie eine große Spielwiese als ein repräsentativer Garten«, bemerkte er. »Er ist beides. Je nachdem, wie du ihn betrittst, es ist eine Frage der Perspektive. Jedenfalls fühlen sich alle hier wohl.« »Von der Aussicht hat Carsten aber nicht viel.« »Das ist für ihn auch nicht maßgeblich. Dennoch unterstützt er Andreas bei der Gestaltung. Er hat kreative Ideen und scheut auch nicht, mit anzupacken. Vielleicht ist seine Blindheit ein Vorteil, denn er weiß sehr viel über Perspektiven, die er ja nicht sieht. Er erklärte mir, warum die Figuren gerade so besser zur Geltung kommen. Kontrast und Dimensionen sind wichtige Aspekte bei der Platzierung«, erläuterte Merlin. »Das habe ich schon bei Mary gelernt. Ein und dieselben Zaunelemente wirken bei einem Manor anders als bei einem Reihenhaus. Ich durfte einen Bronzeguss bearbeiten und habe mir das Stück lange von allen Seiten betrachtet. Mary ließ mir freie Hand und jetzt steht diese Bronze bei uns auf dem Kamin. Mom entdeckt immer wieder etwas Neues an dem Ensemble, obwohl es nicht verändert wurde. Lediglich rückt sie die Cattles mal ein paar Zentimeter ins rechte Licht.« Eric machte eine Pause. »Wo wir schon dabei sind: Machen wir gleich Physik und beschäftigen uns mit der Wellenlehre?« »Wie mein Mentor bestimmt«, wurde Merlin frech. Nachdem sie ums Haus zum Eingangsportal bogen, blieb Merlin plötzlich stehen.

»Scheisse …« Eric sah vor dem Eingang einen Mann stehen, das Manor betrachten. »Was ist, wer ist das das?« »Mein Vater …«, stammelte Merlin. Der Mann hatte die beiden Jugendliche ebenfalls entdeckt und ging auf sie zu. »Hier versteckst du dich also vor mir«, sprach er Merlin abschätzend an. Eric bemerkte eine leichte Unsicherheit im Verhalten seines Freundes. Daher übernahm er die Initiative: »Guten Tag, Sir. Wer sind Sie?«, blieb er nüchtern, jedoch freundlich. »Das geht dich nichts an. Merlin, du kommst jetzt mit mir«, antwortete Merlins Vater barsch.

Der Angesprochene sammelte sich: »Erstens ist es unhöflich, meinen Freund so abschätzig zu behandeln, da er eine einfache, berechtigte Frage stellte. Zweitens habe ich nicht die Absicht, mitzukommen. Es hat dich in den vergangenen Jahren auch nicht interessiert, wo ich war«, lautete die Antwort und er sprach mit einer festen Stimme. »Weiter hast du hier nichts zu suchen. Es ist Privatbesitz und die Einfahrt ist verschlossen.« »Ich bin über den Nebenweg gegangen …« »Da stehen Hinweise zum Privatweg. Wieso kannst du dich nicht daran halten, während es alle anderen tun?«, entgegnete ihm Merlin berechtigt. »Das ist unwichtig …«, wurde der Mann schroff. »Nein!«, mischte sich nun auch Eric ein. »Die Hinweise stellen eindeutig dar, dass es sich dabei um eine Grenze zum Grundstück handelt. Die Benutzung des Weges ist dem Eigentümer vorbehalten und dient nicht dem Publikumsverkehr.« »Halte dein vorlautes Maul, sonst …«, drohte er Eric. »… sonst schlägst du zu, wie du mich verprügelt hast?«, antwortete Merlin hart. »Zieh einfach Leine und versaufe deinen Verstand. Wie konnte es Mom nur solange mit dir aushalten? Du hast sie ins Grab gebracht und dich nicht einmal um ihr Andenken gekümmert. Mir hast du nichts mehr zu sagen und ich bleibe hier. Hier habe ich Freunde und eine Familie.« »Ich bin deine Familie und du hast mir zu gehorchen. Noch bist du minderjährig. Ich bin dein Vater. Ich bringe dir schon Gehorsam und Disziplin bei.« »Ich habe hier gelernt ,was Disziplin ist, und das ganz ohne Gewalt. Hier muss ich nicht den Haushalt führen und mich ständig ums Essen kümmern …«, blieb Merlin konsequent. »Ich habe mich erkundigt. Die ›feinen‹ Herren sind pervers und verführen Jungen wie dich. Die wollen nur deinen Arsch …« »Blödsinn und dummes Gerede. Die Besitzer sind weltoffen, haben mich als Gast und Freund aufgenommen. Sie respektieren meine Privatsphäre. Sie unterstützen mich, meinen eigenen Weg zu gehen. Sie fördern meine Ausbildung und helfen mir, wenn es Schwierigkeiten gibt. Sie vertrauen mir, ohne etwas dafür zu verlangen. Sie behandeln mich als Mensch … und nicht, wie du, als persönlicher Sklave. Hast du mal darüber nachgedacht, wie es ist, vier Stunden vor der Schule aufstehen zu müssen, um einen Haushalt zu organisieren? Oder im Supermarkt jeden einzelnen Penny dutzendemal umdrehen, bevor man ihn ausgeben kann, um Lebensmittel zu kaufen?«, entgegnete Merlin mit einer immer festeren Stimme. Eric war über die Antwort seines Freundes erstaunt. Dann bemerkte er eine Bewegung. Ein riesiges Wollknäuel kam um die Ecke, was Merlins Vater aus seiner Position nicht sehen konnte. Obwohl er Clòimh erst wenige Stunden kannte, wusste er, dass der Hund seine ›Herde‹ und das Territorium verteidigen würde. »Ich würde Ihnen anraten, Sir, Merlin ernst zu nehmen. Gehen Sie einfach! Mit Clòimh ist nicht zu spaßen«, warnte er. Just in dem Moment bellte der Hund laut. Und stellte sich dem Mann in den Weg. Selbst Merlin war über die Reaktion des sonst friedlichen Hundes überrascht. Er hatte den Hund schon öfters bellen gehört, doch dieses Mal war es ein grollendes Bellen. Allgemein hörte der Hund auf die Bewohner, doch da war er seiner Aufgabe entbunden. Jetzt blieb ihm nur der Versuch, den Hund zu beruhigen. »Clòimh, seo! Aig do chasan!«, rief er dem Hund zu. In der Hoffnung, dass der Hund ihm gehorchen würde. »Was?!«, stammelte der Mann. Clòimh bellte weiter, doch er lief direkt zu Merlin. Positionierte sich zwischen den Jungen. Jetzt hörte selbst Eric die Nuancen in der Stimme Clòimhs. Was vor wenigen Augenblicken ein drohendes Bellen war, wurde durch eine knurrende Variante zu einem mehr als warnenden Bellen.

»Merlin, Eric! Was ist hier los?«, fragte Edward, der seinem Hund gefolgt war. In diesem Augenblick verstummte auch Clòimh, blieb aber weiter wachsam. »Und wer sind Sie?«, wollte er weiter wissen.

»Das ist mein Vater, der gekommen ist, um mich hier wegzuholen«, beantworte Merlin die Fragen auf gälisch. Er wusste, dass sein Vater kein Scots verstand. Edward sah den Mann abschätzend an. »Sind Sie der Besitzer dieser Töle?«, wurde Merlins Vater ausfallend. Edward wurde sauer, doch blieb souverän und zeigte Gelassenheit. »Natürlich hört der Hund auf mich. Doch Clòimh gehört nicht mir, sondern sich selbst. So wie ich Merlin verstanden habe, sind Sie hier eine unerwünschte Person. Daher würde ich Sie bitten, das Anwesend umgehend zu verlassen, bevor ich vom Recht Gebrauch mache und Sie wegen Hausfriedensbruch anzeige«, machte er unmissverständlich klar. »Das können Sie nicht. Sie sind nicht der Eigentümer«, wurde der unerwünschte Gast barsch. »Natürlich kann ich. In Vertretung der Hausherren obliegt mir die Pflicht, die Interessen der Eigentümer zu wahren.« Während Edward sprach, holte er sein Telefon hervor und begann, eine Nummer zu wählen. Diese Aktion bewegte nun Merlins Vater, den Rückzug anzutreten.

»Und noch etwas. Andreas und Carsten haben ebenfalls mit Problemen zu kämpfen, nur jammern sie nicht darüber wie du. Denn Jammern ändert nichts. Sie setzten sich zusammen und finden Lösungen«, rief Merlin seinem Vater hinterher. Auf dem gleichen Weg, wie er gekommen war, verließ er die Gruppe wieder. Der Hund lief ihm noch einige Meter hinterher, bis Edward ihn zu sich rief. Der Verwalter schüttelte nur mit seinem Kopf. Dann lobte er Clòimh für seine Wachsamkeit. Der Hund entspannte sich sichtlich und Merlin kraulte ihm liebevoll die Flanke. »Danke, Clòimh«, meinte er lediglich. »Komm, gehen wir ins Haus«, schlug Eric vor. Edward konnte dem Vorschlag nur zustimmen und so machten sie sich auf.

Im Haus servierte Edward allen einen heißen Tee und gab dem Hund einen Knochen zur Belohnung. Schweigend genossen sie das wärmende Getränk.

»Merlin, alles in Ordnung?«, fragte Edward besorgt. »Ja«, antwortete Merlin. Doch Edward spürte, dass der Junge innerlich aufgewühlt war. Er wollte jedoch nicht neugierig erscheinen. »Ich gebe zu, von dem Recht nur das zu kennen, was in meinem Verantwortungsbereich vonnöten ist. Ich empfehle dir, dich ausführlich mit deinem Sozialbetreuer darüber zu unterhalten. Er kann dir nicht nur alles genau erklären, sondern wird dir auch juristischen Beistand besorgen, falls es zu Streitigkeiten kommen sollte.« Merlin sah in traurig an und nickte.

»Hat er dich wirklich geschlagen?«, fragte Eric nach einem Detail. Merlin nickte ihm stumm zu. Eric verstand und legte ihm einen Arm auf die Schultern. Edward lächelte über diese Geste. Dann fand er deutliche Worte: »Jungs, wir leben in der Gegenwart und Zukunft, nicht in der Vergangenheit. Andreas und Carsten haben dieses Haus aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und es hat sich zu einem Ort der Freude, Freunde und Familie entwickelt. Also blasen wir Trübsal oder genießen unsere Gemeinschaft?« Edward ernte zwei zaghafte Lächeln.

»Ach Merlin, er versteht wirklich kein Gälisch?« »Nein, Mom konnte es und hat es mir beigebracht. Liegt wohl an ihrer Herkunft aus den Lowlands. Ich bin stolz darauf, es gibt das Gefühl, dann bei ihr zu sein«, seufzte Merlin. »Wir müssen heute nicht mehr lernen«, meinte Eric. »Quatsch, jetzt erst recht! Akustik ist wichtig und ich lasse mich jetzt nicht durch das Geschehene herunterziehen. Du selbst hast mir einmal gesagt, dass Wissen Macht ist. Los, ich will die Grundlagen wissen, wie die Fledermäuse sich orientieren.«

Edward, als letzter in der Küche, räumte auf. »Weisst du, Clòimh, wir sind schon ein bunter Haufen«, sprach er mit dem Hund. Dieser blinzelte nur und beschäftigte sich weiter mit seinem Knochen.

»Merlin, die Grundlagen der Wellenlehre hat Gwenda dir bereits vermittelt. Wir beschäftigen uns jetzt mit der Berechnung. Dazu wenden wir die Differential- und Integralrechnung an.« »Bevor wir jetzt in die Materie einsteigen, gibt es auch Besonderheiten der Wellenlehre?« »Das Licht. Es kann sowohl als Welle als auch als Teilchen aufzutreten. Doch das geht bereits über den Prüfungsstoff hinaus. Wenn es dich interessiert, ist da noch die Quantenmechanik, doch mit diesen Bereich wirst du erst im Studium konfrontiert. Wenn du aber die Grundlagen beherrschst, dann wirst du in beiden Bereichen keine Schwierigkeiten haben.« »Woher weißt du sowas?«, fragte Merlin berechtigt. »Ich beschäftige mich ein wenig mit der Astronomie. Da kommt man unweigerlich mit der Materie in Berührung«, klang die Antwort entschuldigend. Merlin grinste Eric nur an. Dann begannen sie mit dem Unterricht.

Charaid holte sie aus der Betrachtung der Physik. Der Kater protestierte lautstark über den ausbleibenden Service seines Futters. Eric brachte es auf den Punkt: »Ich glaube, dein kleiner Freund hat Hunger.« Merlin ging auf ihn zu, sah ihn an und breitete seine Arme einladend aus. Ein Wimpernschlag später und der Kater schnurrte in seinen Armen. »Charaid, du hast recht, es ist Zeit für deine Ration.« Zu Eric gewandt: »Jetzt machen wir Schluß. Es wird Zeit fürs Dinner und dann überlegen wir uns, wie wir den restlichen Abend verbringen.

In der Küche stand Edward am Herd und rührte in diverse Töpfe. »Gut, dass du kommst. Kannst du das Futter für Clòimh zubereiten? Ich habe gerade alle Hände voll mit dem Dinner zu tun.« »Ich muss auch die Ration für Charaid machen. Wenn ich schon dabei bin. Kann dir Eric helfen?«, spannte er seinen Freund ein. »Klar, zum Dinner soll es auch Salat geben. Du kannst schon mal das Grünzeug waschen.« Eric gab sich seinem Schicksal hin. »Wie üppig soll die Ration für den Hund ausfallen?«, fragte Merlin Edward. »Heute Morgen hatte er gute 500g, den Knochen am Nachmittag …«, überlegte er laut. »Dann sollten 300g ausreichend sein«, beendete Merlin den Satz. Aus der Schublade nahm er das Buch mit den Rezepten für die Tiere. »Ich denke, eine Portion Fleisch reicht aus«, bemerkte der Verwalter. »Wenn ich etwas von Carsten gelernt habe, dann, dass die Tiere genauso Abwechslung lieben wie wir Menschen. Obendrein ist es seine letzte Mahlzeit für heute, die soll ihm auch nicht schwer im Magen liegen. Neben tierischen Proteinen benötigt er Ballaststoffe«, erklärte er den Grund seines Handelns. Dann schien er fündig geworden zu sein und bereitete die Ration für Clòimh zu. Als er beide Näpfe auf den Boden stellte, machte sich Charaid sofort darüber her, während der Hund auf das Kommando wartete. »Edward, der Hund wartet«, forderte Merlin ihn auf. Das Kommando kam prompt und Eric sah, wie der Briard kurzen Prozess mit seinem Menü machte. »Warum hast du ihm nicht das Kommando gegeben?«, fragte er Merlin. »Edward ist sein Herrchen und Clòimh soll auf ihn hören. Obendrein wird es für jeden anderen schwierig werden, ihn mit ungesundem oder gefährlichem Zeug zu füttern.« »Da stimme ich ihm zu«, mischte sich Edward in den Dialog ein. »Papa hat immer die Hunde auf den Weiden versorgt, von Sam oder mir nahmen sie nichts an. Obwohl wir ihnen bekannt waren.« »Ich verstehe, Clòimh ist hier der Wachhund und du bist sein Alphatier«, resümierte Eric. »Genau. Aber wie du selbst erlebt hast, Clòimh hört auch auf Merlin, zumindest wenn es seine Aufgabe betrifft. So, wie weit bist du mit dem Salat, können wir essen?«, wechselte Edward das Thema. Eric stellte den angerichteten Salat auf den Tisch. »Ja!«, bestätigte er.

»Ohne Cedric ist es still im Haus«, bemerkte Eric. »Stimmt. Der Junge ist ein kleiner Wirbelwind. Keine umherliegenden Bauklötze und anderes Spielzeug. Vor allem fehlen seine Kommentare, wenn er etwas Neues entdeckt oder Fragen hat«, bestätigte Edward. »Wobei, seine Fragen verstehen wirklich nur Andreas und Carsten. Es bleibt wohl ihr Geheimnis, wie sie das immer machen. Es macht aber immer Spaß, sich mit ihm zu beschäftigen. Unbändige Neugier und seine Eigenschaft, immer allem auf den Grund gehen zu wollen«, sinnierte Merlin aus Erfahrung mit seinem kleinen Bruder. »Wie dem auch sei, Jungs. Was habt ihr heute noch vor? Ich würde gern mit dem Hund in den Pub gehen. Ich möchte, dass er auch andere Hunde kennenlernt«, machte Edward einen Vorschlag. Eric sah Merlin an. »Also eigentlich spricht nichts dagegen, auch in den Pub zu gehen«, stieg Eric auf den Vorschlag ein. Merlin grinste seine Gegenüber nur an. »Dann geht es heute in den Pub. Wolf wird sicher auch deinen Hund kennenlernen wollen. Immerhin gehen Gwenda und Ben öfters mit ihm durch den Park.«

Im Pub war bereits einiges los. Gerade die Farmer nutzen den Abend, um von ihren Arbeiten und Pflichten abzuschalten. Als Ben Clòimh sah, wurde er etwas nervös. Der Briard war eine gute Handbreit größer als Wolf. »Hi Ben«, begrüßte Edward den Wirt. »Hi Ed, glaubst du, es war eine gute Idee, den Hund mitzubringen?« »Ja. Clòimh braucht Bewegung und soll auch langsam andere Hunde kennenlernen. Immerhin muss er lernen, Wolf in seinem Revier zu akzeptieren, wenn ihr dort spazieren geht.« Ben zuckte nur mit den Schultern. Dann kam sein Hund auch schon um die Ecke. Merlin sah den Tieren zu. Erst standen sie sich abschätzend gegenüber, dann drehte Clòimh seine Kopf zu Edward. Dieser nickte seinem Hund bestätigend zu. Der Briard machte in einem Bogen einen Schritt auf Wolf zu. Der Schäferhund entspannte sich, ging auf Clòimh zu und dann beschnüffelten sie sich gegenseitig. Zuletzt zeigte Wolf dem Gasthund eine Wasserschale und gemeinsam tranken sie daraus. Zufrieden mit dem Verhalten seines Hundes, wandte er sich der Bestellung zu: »Für mich ein dunkles Lager. Jungs was wollt ihr, ich lade euch ein.« Eric bestellte sich ein kleines Helles und Merlin einen Ananas-Bananen Saft. Als Ben die Getränke servierte, bemerkte er, dass Edward seinen Hund bereits gut kannte. »Es war nicht einfach, Ben. Ich habe ihn oft im Tierheim besucht, mich mit ihm beschäftigt und mit seinen Pflegern gesprochen. Er ist ein Arbeitshund und braucht geistige Beschäftigung. Die hat er auf dem Anwesen und zum Ausgleich Kontakte zu Artgenossen. Wolf ist euer Wachhund und von ihm kann er lernen, ›Freunde‹ in seinem Revier zu akzeptieren. Morgen wird er auf die Hunde von den Hills treffen. Die sind sein Kaliber und ebenfalls Wachhunde«, erklärte Edward dem Wirt. Ben nickte verstehend.

»Du hast die Hills eingeladen? Warum?«, fragte Merlin erstaunt. »Doch sicher nicht nur wegen der Tiere.« »Nein. Victor rief mich an, um die Arbeiten im Park zu besprechen. Die kommenden vier Wochen sind entscheidend, was noch alles vor der Brutzeit gemacht werden soll.« »Schaffen denn Victor und Andrew das alles?«, mischte Eric mit. »Sicher nicht alles, Eric. Das sind nur die Arbeiten im Park. Die Arbeiten rund um den Burn werden später erfolgen. Dafür hat Andreas bereits um eine Genehmigung angefragt.« »Er ist aber echt pingelig in diesen Dingen«, stellte Eric fest. »Einmal gibt es diese Gesetzte nicht umsonst. Zweitens, Andreas ist Landschaftsarchitekt und hat einen guten Ruf in Sachen Naturschutz. Ihm vertrauen die Leute und so etwas setzt keiner leichtfertig aufs Spiel.« Das Argument überzeugte auch Eric und er überdachte seine Ansicht zur ›Pingeligkeit‹.

»Edward, ich habe da ein kleines Anliegen«, tastete sich Merlin langsam vor. »Raus mit der Sprache!«, entgegnete im der Verwalter neugierig. »Ich weiß, dass Carsten und Andreas eventuell Ponys neben den Schafen etablieren möchten. In der Praxis hörte ich davon, dass eine Tierschutzorganisation eine Bleibe für Pferde sucht. Glaubst du, dass die beiden sich auch mit einem solchen Gedanken anfreunden können?«, rückte Merlin heraus. »Rein theoretisch, Merlin, ist das Gelände rund um den Bach groß genug. Carsten sprach davon, einen festen Unterstand errichten zu lassen, damit die Tiere eine trockene und warme Unterkunft haben. Als ich mit Papa darüber sprach, meinte er sofort, dass deren Areal groß ausfallen sollte. Andrea schlug maximal fünf Ponys vor. Pferde sind um einiges größer und schwerer, daher würde sich die Anzahl reduzieren. Ich werde es bei unserem Meeting ansprechen, jedoch kann ich für nichts garantieren. Warum willst du das denn wissen?« Merlin duckste erst etwas herum, dann überwand er sich: »Es geht um vier Tiere aus schlechter Haltung. So wie ich es verstanden habe. Zurzeit werden sie in der Nachbargrafschaft medizinisch betreut und aufgepäppelt. Die Organisation sucht einen Ort, wo sie ganz Pferd sein dürfen und das nachholen, worauf sie jahrelang verzichten mussten.« Edward nahm sein Glas und leerte es, nachdem Merlin endete. »Also unter solchen Umständen, kann ich mir vorstellen, dass sie nicht kategorisch dagegen sind. Es gilt aber auch, alle Umstände zu berücksichtigen. Sie werden wohl Paul und Andrea um Rat fragen. Falls, ich betone es ausdrücklich, falls sie sich positiv entscheiden, dann braucht es jemanden, der sich um die Tiere kümmert. Weißt du was? Besorge doch alle Informationen, die du bekommen kannst.« Merlin nickte ihm zustimmend zu. Dann bestellte er sich noch einen Fruchtsaft. Eric hatte da einen Vorschlag: »Captain Sánchez!« »Was ist mit ihm?«, fragte Edward nach. »Mr Sánchez hat in seinem Regiment mit Pferden zu tun gehabt, sagte er mir mal. Die Tiere müssen ja nicht rund um die Uhr betreut werden, da sie ja draußen leben sollen. Er könnte sich um die Tiere kümmern«, erklärte Eric. Sowohl Edward als auch Merlin dachten einen Moment darüber nach. »Ich werde mal mit dem Captain sprechen«, antwortete Edward anschließend.

»Sag mal Eric, darfst du wieder Bier trinken?«, fragte Edward vorsichtshalber nach. »Ja. Papa und Mama haben es mir erlaubt unter der Bedingung, es nicht zu übertreiben. Ben passt da schon auf und ich gestehe, die Zeit der Abstinenz tat wirklich gut. Es ist auch ein gutes Training, wenn ich meinen Führerschein habe. Constable Smith hat keine Skrupel, jemandem die Lizenz abzunehmen, wenn der Alk-Test positiv ausfällt …« Dieses Statement sorgte für Heiterkeit am Tisch. »Alternativ macht Gwenda wirklich fruchtige Cocktails ohne Alkohol. Mit dem kleinen Nebeneffekt, dass sie echte Muntermacher sind.« Merlin konnte Eric in diesem Punkt nur bestätigen. Dann sah Edward nach seinem Hund. Clòimh hatte sich neben dem Tisch abgelegt. »Ich glaube, der Hund hat genug. Was meint ihr?« Merlin und Eric sahen gleichzeitig auf die Uhr. Synchron nickten sie zustimmend.

Edward bezahlte die Getränke und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück.

Clòimh begleitete die drei ohne Leine an Edwards Seite. »Edward, ist es nicht noch zu früh, den Hund ohne Leine laufen zu lassen?«, bemerkte Merlin. »Nein. Während ich ihn im Tierheim besuchte, haben wir im Freigelände geübt. Da habe ich ihn auch bereits an dieses Brustgeschirr gewöhnt. Für den Fall, dass ich ihn mal zurückhalten muss. Doch auch ohne Leine fühlt er sich an meiner Seite sicher. Er lässt sich auch nicht provozieren. Radfahrer, Fußgänger oder andere plötzlich auftretende Geräusche lassen ihn kalt. Es ändert sich erst, wenn wir in seinem Revier sind. Clòimh bemerkt sehr schnell kleinste Veränderungen. Das sah ich heute, als wir ungebetenen Besuch hatten. Wir waren im Arbeitszimmer, als der Hund unruhig wurde und zu knurren begann. Als ich dann nachsehen ging, lief der Hund bereits zum Porch und hinaus. Ich hörte ihn schon bellen, als ich gerade das Haus verließ. Den Rest kennt ihr ja.« »Es ist doch auch seine Aufgabe, das Anwesen, sein Revier, zu verteidigen«, vervollständigte Eric die Aussage.

An der Pforte bestätigte der Hund sein Verhalten. Gerade schloss sich das kleine Tor hinter ihnen, da lief Clòimh zur Lodge und hob sein Hinterbein an einem einsamen Baum. Danach lief er mit seiner Nase am Boden weiter. »Es ist alles in Ordnung«, bestätigte Edward ihn. Langsam näherten sie sich dem Manor.

Eric bewunderte, wie alles ins rechte Licht gerückt wurde. Das gelbliche Licht der Leuchten hob alles Wesentliche des Hauses hervor, ohne kitschig zu wirken. Das Haus hatte so einen besonderen Charme.

»Ich habe ja nicht soviel Ahnung von dem Beruf eines Landschaftsgärtners«, meinte Eric, »doch gehört all dieses Wissen um Perspektiven, die Möglichkeiten der modernen Technik und das Arrangieren zu dem Beruf dazu?« »Das musst du Andreas selbst fragen. Ich finde jedoch, er ist mehr als nur ein studierter Gärtner«, entgegnete ihm Edward. »Ich habe seine Dissertation gelesen. Mehr aus Neugier. Darin machte er unter anderem eine Analyse zum Wandel repräsentativer Parkanlagen seit George IV …« »Mr Zahradník hat einen Doktortitel?«, war Eric erstaunt. »Warum trägt er diesen nicht?« »Glaubst du, der ›Dr.‹ vor seinem Namen würde an der Sache etwas ändern? Er überzeugt mit seinen Arbeiten die Menschen. Wer nur auf den Titel einer Person achtet, lässt sich leicht blenden«, lautete die schlichte Antwort Edwards. »Bleibt die Beleuchtung die ganze Nacht an? Das ist doch Energieverschwendung.« »Nein, spätestens um Mitternacht erlischt alles. Die Herren wollen, dass auch die Natur zur Ruhe kommt. Ich mache gleich alles manuell aus. Oder erwartet ihr noch weiteren Besuch?«, scherzte er. »Clòimh, hier!«, rief der Verwalter seinem Hund zu. Im Salon lief Clòimh zu den Kudden und streckte alle viere von sich. »Mögt ihr noch etwas trinken?«, fragte Merlin. »Für mich noch einen Whisky«, antwortete Edward. »Du auch, Eric?« »Nein. Ich habe bereits einen leichten Schwips. Hast du auch einen Fruchtsaft?«, lehnte der Jugendliche dankend ab. »Ich mache dir einen. Dauert nur etwas.«

Merlin öffnete die Bar und schenkte in einem entsprechenden Glas zwei Fingerbreit die goldene Flüssigkeit für Edward ein. Dann ging er in die Küche und bereitete zwei Fruchtsäfte zu.

Im Salon servierte er seinem Freund: »Bitte Eric, Kirsch- mit einem Schuss Zitronensaft.«

»Ich möchte mich für den Vorfall heute Nachmittag entschuldigen«, begann Merlin. »Stopp!«, unterbrach Edward, »Du musst dich für nichts entschuldigen. Es gibt aus dem Dorf nur eine Handvoll Leute, die ungefragt bis zum Haus kommen dürfen. Doch sie sind so höflich und melden ihren Besuch an. Alle anderen benötigen einen Termin oder werden eingeladen. Warum glaubst du, ist die offizielle Zufahrt versperrt? Sicher nicht, um die Schönheit des Tores zu repräsentieren.« Eric lachte auf: »Obwohl es eines der schönsten Tore der Grafschaft ist. Ich habe bei Mary die Entwürfe zum Tor gesehen. Die Formgebung ähnelt dem Original, jedoch haben alle Verstrebungen einen Kern aus Titan, der einem Autoaufprall standhält. Das gesamte Tor ist dabei um die Hälfte leichter im Vergleich zu einem aus Eisen.« »Das auch, danke Eric. Das Tor ist geschlossen, um die Privatsphäre der Bewohner zu schützen. Es ist einfach eine Frage des Respekts und der Etikette. Davon hat die Person heute Nachmittag wohl noch nichts gehört.«

»Nein. ›Etikette ist nur etwas für Snobs‹, seine Worte. Wie dem auch sei, ich fühle mich hier einfach wohl«, beendete Merlin das Thema. »Jungs, ich mache jetzt meine letzte Runde mit dem Hund und dann ist hier Schluss. Morgen ist auch noch ein Tag«, sprach Edward und leerte sein Glas. »Clòimh, Gassi!«

Eric und Merlin räumten den Salon noch etwas auf und verzogen sich. »War ein anstrengender und interessanter Tag«, meinte Eric in die Dunkelheit von Merlins Zimmer. »Ja,«, antworte Merlin leise, »jedoch hätte ich auf diese Begegnung heute verzichten können.« »Mag sein, doch ich meine dein Wissen über Fledermäuse. Das ist angewandte Physik in der Natur. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die kleinen Flugsäuger sich jemals Gedanken dazu gemacht haben, wie sie sich in der Dunkelheit orientieren.« Merlin lachte leise: »Ein Batman als Lehrer sähe sicher auch seltsam aus. Oder kannst du dir Gwenda mit spitzen Ohren vorstellen?« Eric lachte bei der Vorstellung und konnte sich nicht beruhigen. Merlin erinnerte sich an den Vorfall, als Cedric einen Schluckauf hatte. Carsten sagte ihm, er solle den Jungen ablenken. Merlin tastete sich vor und begann, Eric zu kitzeln. Das wiederum veranlasste das Opfer, sich mit Händen und Füßen zu wehren. Die kleine Balgerei endete darin, dass Eric auf Merlin zu sitzen kam. Dann revanchierte er sich und kitzelte Merlin, bis dieser um Gnade bettelte.

Der enge Körperkontakt blieb nicht ohne Folgen, welche Eric an seinem Hinterteil spürte. Spontan beugte er sich zu Merlin hinunter und gab ihm einen Kuss. Merlin war angenehm überrascht und strich sanft über Erics Gesicht.

Chapter 21 Berlin

Am Berliner Flughafen stand bereits ein Wagen für die junge Familie bereit. Mr Jefferson empfing die drei plus Vierbeiner in der VIP-Lounge. »Hallo und euch allen ein gutes Neues Jahr. Die Frau des Botschafters hat mich für euren Aufenthalt als euren Chauffeur vorgesehen. Eine Aufgabe, die ich nur zu gern erfülle. Gegenüber dem letzten Mal fahren wir mit einem etwas unauffälligeren Wagen.« Als Andreas den Wagen sah, schüttelte er nur belustigt mit dem Kopf. Ein Bentley in Leipzig war schon auffällig, doch der SUV von Aston Martin, mit getönten Scheiben, war nicht weniger auffällig auf Berliner Straßen.

»Wohin darf ich euch fahren?«, lautete die erste Frage, nachdem alles verstaut war. »Wir haben eine Suite in einem Hotel in Grunewald«, antwortete ihm Andreas und gab ihm die Adresse. »Ich kenne das Hotel. Aber ich glaube kaum, dass ich dort noch ein Zimmer bekommen würde. Zur Zeit ist in Berlin viel los.« Andreas holte sein Mobile hervor und wählte eine Nummer in London.

Vor dem Hotel kam das Auto zum Stehen. Mr Jefferson stieg aus und öffnete galant die Türen. Andreas, Cedric und Carsten stiegen aus. Im Anschluss öffnete er die Hecktür, um zwei Hunde aussteigen zu lassen. Eiligen Schrittes kam ein Portier, um das Gepäck ins Hotel zu tragen. Im Hotel wurden sie bereits erwartet. »Mr von Feldbach, Mr Zahradník, es ist alles vorbereitet. Mr Jefferson, wir haben neben der Suite ein Zimmer für Sie vorgesehen. Es ist alles vorhanden«, empfing sie der Concierge. Dann geleitete ein Page sie auf ihre Zimmer. »Sagen Sie der Küche, dass wir hier unser Dinner zu uns nehmen. Drei Erwachsene, ein Baby und zwei Hunde.« Andreas gab dem Pagen sein Trinkgeld.

Nach dem Abendessen saßen die Erwachsenen noch etwas beisammen. »Wie habt ihr das so schnell mit dem Zimmer gemacht?«, wurde Mr Jefferson neugierig. »Charles, ein guter Bekannter aus unserem Londoner Stammhotel, unterhält gute Kontakte. Ich sagte ihm, dass wir in Berlin einen Chauffeur ihrer Majestät zugewiesen bekamen. Er fragte nur nach dem Hotel. Ein kleiner Gefallen und er machte es möglich. Er war auch so freundlich, für unsere speziellen Bedürfnisse zu sorgen.« Ihr persönlicher Chauffeur sah überrascht zu den beiden jungen Männern. Das erklärte alles, ihre offene Art jedem Menschen gegenüber brachte sie auf ihrem Weg weiter.

»Mr Jefferson, ich habe da noch eine Frage«, begann Carsten, »es ist ein offizieller Empfang des Commonwealth of Nations. Wie steht es um das Andenken an HRH Elizabeth II.?«

»Warum willst du das wissen?« »Nun, ich bin Dozent am Royal College of Music, damit ein Angestellter des Königshauses«, erklärte sich Carsten. »Also nötig ist es nicht, doch würde es bei allen einen guten Eindruck hinterlassen. Ich besorge euch entsprechende Anstecknadeln fürs Revers.«

Der offizielle Teil des Empfangs wirkte recht steif. Das lag vor allem an den vielen Würdenträgern und Politikern. Dagegen wurde die Teatime familiär. Die Frau des Botschafters interessierte sich für die Menschen, was sie für alle sympathisch machte. Bewundernd empfand sie, wie sich beide Papas um ihre ›Familie‹ kümmerten. »Wie ich erfuhr, Carsten, wird die Verhandlung des Attentäters im März sein. Können wir da noch etwas für Sie tun?«, sprach sie ein Thema an. »Nein, das Tribunal hat alle Informationen. Das Urteil ist reine Formsache. Lediglich das Strafmaß muss noch festgestellt werden. Selbst der cleverste Verteidiger wird ihm da nicht mehr heraushelfen können. Meine Eltern wurden als Zeugen geladen. Somit können wir das Kapitel abschließen«, beantwortete Carsten die Frage.

Dann begann die Frau des Botschafters ein neues Thema: »Haben Sie in Deutschland keine Konzerte in diesem Jahr?« »Nein, internationale Konzerte gebe ich im Herbst in den USA. In Großbritannien eventuell kurzfristige Auftritte, die keine lange Vorbereitungen benötigen und ein Benefizkonzert für unsere Kirchenorgel. Ansonsten konzentriere ich mich auf meine Lehrtätigkeit. Das Kollegium hat damit begonnen, einige strukturelle Änderungen bei der Ausbildung zu etablieren.« »Hat das einen besonderen Grund?«, hakte der Botschafter nach. »Ausschlaggebend war das begrenzte Budget. Damit die Ausbildung nicht wegen mangelnder Finanzierung leiden muss, hat das Kollegium sich zusammengesetzt und Vorschläge ausgearbeitet. Mein Beitrag war eine Ringvorlesung über drei Trimester. Damit spare ich ein Drittel Vorlesungszeit ein, die ich dann bei der individuellen Ausbildung investieren kann. Im Bereich der theoretischen Wissensvermittlung möchten weitere Dozenten diese Idee verwenden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Qualität der Ausbildung wird verbessert ohne die Studiengebühren anheben zu müssen«, führte Carsten weiter aus, mit dem Wissen, dass solche Themen allgemein bekannt sind. »Und Sie, Andreas?« »Zur Zeit habe ich privat ein größeres Projekt. Die Gemeinde hat sich für eine Sanierung der Hauptverkehrsstrasse entschieden und dort werde ich ab dem Herbst die Gestaltung drum herum betreuen. Der Beruf des Landschaftsarchitekt ist vom Jahreszyklus abhängig«, blieb Andreas informativ neutral. »Dürfte ich Sie fragen, ob ich ihnen einen Auftrag zur Umgestaltung des Botschaftsgeländes anbieten darf?«, wurde der Botschafter geschäftlich. »Die jetzige Parkanlage hat mit den Jahren gelitten und wirkt weniger repräsentativ.« »Sicher dürfen Sie, Herr Botschafter. Kann aber bis zu einem halben Jahr dauern.« »Nun, das ist kein Problem. Wissen Sie was, ich lasse ihnen eine offizielle Anfrage mit allen Informationen, wie meine Frau und ich uns den Park vorstellen, zukommen. Wenn Ihnen der Auftrag zusagt, kontaktieren Sie uns.« »So können wir es handhaben«, bestätigte Andreas. Dann wurde ihnen ein besonderer Gast vorgestellt: Der Bischof ihrer Diözese. Anders als von kirchlichen Würdenträgern erwartet, war der Bischof weltoffen und liberal. Andreas entdeckte einen humorvollen Mann in ihm. Diesen Charakterzug merkte sich auch Carsten. In einer kleinen Unterhaltung entschuldige sich der Bischof für die Probleme mit dem Organisten.

»Herr Bischof, Sie sind sicher nicht für das Verhalten von Mr Johnson verantwortlich. Soweit ich informiert bin«, sprach Carsten weiter, »wuchs er in einem religiösen Haushalt auf. Ist Demut nicht eine der wichtigsten Eigenschaften in den Religionen? Wenn er das nicht gelernt haben sollte, ist bei der Vermittlung Ihres Glaubens etwas schief gelaufen.« »Sie haben Recht. Dennoch habe ich mich zu entschuldigen, immerhin habe ich mich von Mr Johnson blenden lassen. Erst die Anfrage der Kriminalbeamten zu seinem Alibi hat mich wachgerüttelt. Mittlerweile habe ich mich über Mr Johnson erkundigt. Wussten Sie, dass er zwei uneheliche Kinder hat und mit den Unterhaltszahlungen im Rückstand steht?« »Dass er Kinder hat: Ja. Zweites geht mich, gelinde gesagt, nichts an. Wenn Sie jedoch als sein Arbeitgeber in diesem Punkt aktiv werden: Ich würde mich darüber nicht beschweren, dass seinen Kindern eine gesicherte Zukunft gewährleistet wird.« Andreas sah, dass der Bischof noch etwas sagen wollte, sich aber dann dagegen entschied.

Der Abend wurde dann wieder im Hotel beendet. Cedric war den ganzen Tag eher ruhig gesinnt. Andreas vermutete in seinem Verhalten, dass viel Ungewohntes auf ihn einstürmte. Zwischen den viele Roben und Anzügen des Nachmittags fühlte er sich einfach nicht wohl. Daher war auch keiner der Papas überrascht, dass er seinen Bewegungsdrang im Hotel nachholte. Mit den Hunden tobte er in der Suite und dann noch mit seinen Papas. Sein eigenes Bett suchte er mit Hilfe seines Baba nach einem frühen Dinner auf.

»Tut mir leid, Carsten, dass wir hier nicht viel anderes unternommen haben«, entschuldigte sich Andreas später am Abend. »Da gibt es nichts zu entschuldigen. Wir haben doch etwas unternommen, vielleicht nicht das, was wir uns vorgestellt haben. Doch der Spielplatz gestern war schon ein Erlebnis für Cedric. Dann der Spaziergang entlang der Havel mit den Hunden. Unser Sohn war mit allem zufrieden, das war doch für ein Wochenende genug Erfolg. Es muss doch nicht immer eine Besichtigungstour werden. Obendrein werden die Sehenswürdigkeiten sicher nicht nächste Woche abgebaut werden. Also genug Gründe, immer auch mal nach Berlin und Brandenburg zu fahren, wenn Cedric älter ist«, entgegnete Carsten zuversichtlich. Andreas kuschelte sich zufrieden an ihn. »Ja, du hast recht. Berlin wird noch ein paar Jahre existieren. Was hältst du von dem Bischof? Glaubst du, er wird zur Einweihung der Orgel kommen?«

»Ja, in dem kurzen Gespräch deutete er an, sich selbst ein Bild von der Gemeinde zu machen. Ich glaube, dass er sich jetzt mehr um die kleinen Gemeinden in seinem Verantwortungsbereich kümmert. Patrick steht ja noch recht gut da, auch in finanzieller Hinsicht. Das gilt sicher nicht für alle Kirchen in seiner Diözese. Weiter habe ich mir überlegt, sich etwas für die Studenten des College einfallen zu lassen. Ich werde noch mit einigen Dozenten sprechen, ob wir daraus nicht einen Teil der Prüfungen machen können. Selbstständig etwas zu kreieren ist immer noch etwas anderes, als einer Vorgabe zu folgen.« »Deine Ideen haben immer etwas. Das durfte ich bereits öfters erfahren. Du forderst ihre Talente sehr individuell«, bestätigte ihn Andreas. »Ist das nicht Sinn und Zweck eines guten Dozenten?« »Tiefstapler«, meinte Andreas und verschloss den Mund seines vorwitzigen Partners mit einem leidenschaftlichen Kuss. Anschließend entnahm Andreas der Bar eine Flasche Rotwein. Dann machten sie es sich gemütlich.

Den Rückflug am Montag nutzten beide Papas, sich mit ihrem Sohn zu beschäftigen. Wie Carsten es schaffte, zwei Hunde mit in die Businessclass nehmen zu dürfen, blieb sein Geheimnis. Jedenfalls war Andreas ganz froh, da Cedric sich auch immer wieder nach seinen Hunden umsah. Von Edinburgh fuhren sie mit ihrer Limousine nach Hause, jedoch nicht ohne unterwegs eine Pause einzulegen, um Cedric mit den Hunden etwas toben zu lassen. Den weiteren Rückweg verschlief Cedric. »Hast du heute keine Vorlesung, Schatz?« »Nein. Drei Dozenten haben sich mir angeschlossen und machen Ringvorlesungen. Dabei konzentrieren wir uns auf drei Tage die Woche. Der Montag ist jetzt den Orchesterproben gewidmet. Da die Musiker alle an diesem Tag keine Vorlesungen haben. Meine Tage sind Mittwoch bis Freitagmittag. Vormittags die Vorlesungen und nachmittags die individuellen Klavier- und Übungsstunden. Gerade die Studenten, die ihre Studiengebühren selbst finanzieren müssen, profitieren davon. Du bleibst ja heute auch deinem Büro fern.« »Meine Aufträge sind alle up to date, wie es so schön heißt. Ich muss die Arbeiten der engagierten Gartenbaubetriebe nicht ständig beaufsichtigen.«

Zuhause war es ruhig. Andreas sah auf das Memoboard in der Küche. »Schatz, Edward ist mit den Hills im Park«, rief Andreas Carsten zu. »Okay, und was ist mit Mrs Sánchez?« »Sie lässt sich heute entschuldigen. Irgendeine Familienangelegenheit.« Carsten kam zu ihm in die Küche: »Nicht tragisch, sie hat ja alles ganz gut im Griff und organisiert ihre Tage recht effizient. Ich habe gerade Cedric in sein Tagesbett gelegt. Der schlummert friedlich vor sich hin.« Dann überlegte er einen Moment: »Machst du uns einen Tee? Etwas Warmes wäre jetzt nicht übel.« »Kommt gleich.«

Wenig später saßen sie am Tisch und tranken Tee. Andreas sah, wie Carsten seine Tasse umklammerte und seine Hände daran wärmte. »Sag mal, fühlst du dich nicht gut?«, klang er besorgt. »Mch fröstelt, Schatz, und ›gut‹ wäre übertrieben.«, antwortete ihm Carsten. Andreas stand auf und legte seine Hand auf Carstens Stirn. Diese glühte förmlich. »Vergiss alles, was du heute machen wolltest, du gehörst ins Bett.« »Ach Quatsch. Es geht schon …« Sein Protest war vergebens. Andreas blieb hart. »Nein! Und ich will kein ›aber‹ hören. Ich kann mich noch gut an die Grippe erinnern, die du im Internat hattest. Das soll sich nicht wiederholen. Du legst dich jetzt hin und ich messe deine Temperatur …« »Okay, ich lege mich hin. Erlaubst du mir die Couch im Wohnzimmer?«, gab Carsten klein bei. Er wusste, dass es sinnlos war, gegen Andreas’ Rat zu handeln. »Salon ist in Ordnung, solange deine Temperatur nur leicht erhöht ausfällt. Bei Fieber hole ich Dr. Peters und dann entscheiden wir, ob du nicht doch besser im Bett aufgehoben bist«, schlug Andreas einen Kompromiss vor.

Dr. Peters war über Andreas’ Anruf erstaunt. Die beiden gehörten sicher nicht zu den Patienten, die ihn leichtfertig zu einem Hausbesuch riefen. Seine Diagnose war eine ordentliche Erkältung. »Carsten,«, begann der Arzt, »es war gut, mich zu rufen. Ich verordne dir jetzt eine Woche Ruhe, dann sollte es wieder gut sein. Von Medikamenten rate ich noch ab. Geben wir der Natur eine Chance.« »Was ist mit unserem Sohn?«, hakte Andreas vorsichtshalber nach. »Es ist nichts Ansteckendes. Nur nicht übertreiben, Carsten braucht Ruhe.« Nicht nur Carsten wirkte erleichtert. Andreas konnte sich sogar ein Schmunzeln abringen. »Das ist mal wieder typisch für dich. Da gehst du täglich bei Wind und Wetter mit den Hunden raus und es passiert nichts. Zwei Stunden im Flugzeug … muss ich weiter sprechen?« »Nein«, vervollständigte sein Tiger die Frage. »Da muss ich Carsten in Schutz nehmen,«, meinte der Arzt, »in Flugzeugen wird die Luft oft umgewälzt und ist nicht nur trocken, sondern auch angereichert mit Bakterien. Da kommt es schon vor, dass sich dort jemand etwas holt. Aber Gassi gehen ist mein Stichwort: Das solltest du ruhig weiter machen. Die frische Luft wird dir gut tun.« Dr. Peters packte seine Sachen zusammen. »Falls es bis Mitte der Woche nicht besser werden sollte, komm in meine Praxis. Dann verschreibe ich dir etwas. Ich verabschiede mich, dir gute Besserung.«

Andreas begleitete den Arzt zur Tür. »Was sind wir dir schuldig?«, fragte Andreas nach der Rechnung. »Lass mal. Gegen Erkältungen gibt es noch immer sehr effektive Hausmittel«, erwähnte Dr. Peters beiläufig. »Danke. Da werde ich meine Großeltern um Rat fragen.«

Als Andreas wieder den Salon betrat, schlief Carsten. Ein Blick zu den Kudden und sein Verdacht bestätigte sich. Beide Hunde relaxten friedlich, wobei Salvatore das Kinderbett im Auge behielt. Leise schloss er die Tür und ging in sein Arbeitszimmer. Zuerst griff er nach dem Telefon und wählte die Nummer seiner Nonna. »Hallo Andreas!«, meldete sich seine Großmutter. Auf italienisch erklärte Andreas die Situation. »Oh, da gibt es einiges. Bisnonna machte uns bei Husten immer Salbeitee mit Honig, mit einem Thymianaufguss ging sie gegen Schnupfen vor. Wichtig ist vor allem viel trinken. Es klingt zwar seltsam, doch Wadenwickel helfen noch immer bei Fieber. Ich würde dir raten, Carstens Symptome zu beobachten. Gegen die meisten Symptome gibt es auch ein Heilkraut.« »Was ist, wenn Carsten abends nicht einschlafen kann?« Nonna lachte bei der Frage. »Dann soll er etwas warmen Alkohol trinken. Gabriele machte mir immer ein kleines Glas erwärmtes Bier. Es klingt wirklich abscheulich, doch es wirkte bei mir.« Andreas bedankte sich und richtete Grüße der Familie aus. Nachdem er das Telefonat beendet hatte, widmete er sich seiner Aufgaben.

Carsten erholte sich recht schnell. Sein Assistent im College übernahm die Vorlesungen. Die persönlichen Klavierstunden der Studenten fielen dagegen aus. Carsten war zwar nicht gerade glücklich darüber, doch ändern konnte er an diesem Umstand nichts. Seine Studenten wussten nur zu genau, was ihr Professor von ihnen erwartete und nahmen die Gelegenheit wahr, an ihren Aufgaben zu arbeiten. In der darauffolgenden Woche wurden ihre Lektionen um so intensiver.

Am Freitagmittag entschied Carsten, mit dem Zug von Edinburgh nach Hause zu fahren. Leonardo sollte auch immer wieder mal in öffentlichen Verkehrsmittenl trainieren. Der Zug benötigte für die Strecke eine gute Stunde. Carsten gönnte sich vom Bordservice einen Apfelsaft und für seinen Hund ein stilles Wasser. Während der Fahrt selbst reflektierte er die drei Tage am College. Seine Studenten hatten seine Abwesenheit gut genutzt. Er lächelte bei der Erinnerung, am ersten Tag dutzende von Studienarbeiten auf seinem Schreibtisch vorgefunden zu haben. Dabei musste er sonst seine Aufgabenstellungen immer wieder bei den Studenten in Erinnerung rufen.

»Mr von Feldbach, wir erreichen ihre Station in zehn Minuten«, informierte der Schaffner den Fahrgast über sein Ziel. Carsten bedankte sich und bereitete das Aussteigen vor. Am Bahnhof nahm er sich ein Taxi und ließ sich nach Hause chauffieren.

Merlin und Eric hatten ihr Lernziel für den Tag erreicht und genossen in der Küche Tee. »Ist ruhig im Haus«, bemerkte Eric. »Heute Morgen sprach Andreas davon, nach Glasgow zu seinem Projekt fahren zu wollen. Das dauert meist den ganzen Tag. Carsten ist sicher noch in London und da passen Mrs Sánchez und Edward oder ich auf Cedric auf.« Wie auf ein Stichwort entdeckte Edward Merlin beim Tee. Er bat die Jungs, sich mit Cedric zu beschäftigen, da er selbst noch etwas in der Stadt erledigen müsse. Die Teenager sagten sofort zu. Im Spielzimmer gab es für den Jungen immer etwas Neues zu entdecken. Zu dritt bauten sie mit Bauklötzen Türme und seltsam aussehende bunte Häuser. Sie merkten gar nicht, wie Carsten nach Hause kam. Erst als Leonardo sich ihnen anschloss, beendeten sie ihr Treiben. »Hallo Carsten, wie war es im College?«, fragte Merlin interessiert den Dozenten. »Anstrengend und erfolgreich. Ist halt nicht immer einfach, die Vielfältigkeit von Musik zu vermitteln. Seid ihr allein?«, beantwortete Carsten die Frage. »Bis vor einer Stunde. Edward ist mit Clòimh unterwegs, er meinte, wir benötigen neues Gas für den Herd.« »Oh, gut, dass er daran gedacht hat.« »Ist Andreas noch nicht zurück?« »Er ist eben erst in Glasgow losgefahren. Was habt ihr denn gespielt?« »Wir haben mit Bauklötzen gespielt und noch liegen die Dinger im Zimmer herum.« »Danke, dann räumen wir halt später etwas auf. Ach, dein Telefon hat sich eben bemerkbar gemacht«, informierte Carsten.

Merlin holte sich sein Smartphone und sah auf das Display. »Oh, Dr. Miller hat angerufen. Entschuldigt bitte.« Merlin rief den Arzt an. Wenig später kam er zurück. »Carsten, Dr. Miller benötigt meine Hilfe beim Fohlen eines Ponys. Er ist auf dem Pferdehof im Nachbardorf. »Ich rufe Papa an, er kann dich fahren«, bot Eric an, »ist es dringend?« »Scheint so, eine Steißgeburt.«

Am Pferdehof staunte der Tierarzt nicht schlecht, als ein Polizeiwagen vorfuhr. Dann gab er bereits Anweisungen an seinen Assistenten. Merlin zögerte nicht lange und machte professionell seine Arbeit. »Also das Fohlen liegt falsch in der Gebärmutter. Ich versuche es zu drehen und dann müssen wir hoffen, dass alles gut geht.« »Eric, kannst du mir warmes Wasser und Seife holen?«, wies der Tierarzt den Jugendlichen an. Wenig später wusch sich der Arzt gründlich und dann wurde dem Jungen übel. Er stürmte aus dem Stall und den Geräuschen nach düngte er Pflanzen.

Dr. Miller schaffte es, das Tier zu drehen, doch diese Aktion erforderte viel Kraft des Pferdes. Für die Wehen reichte es nicht mehr. Daher beschloss der Tierarzt, es klassisch mit einem Seil zu versuchen. »Christian, komm, wir brauchen deine Hilfe. Du nimmst das Seil und ziehst daran, wenn ich es dir sage.« »Ja!«, bestätigte der Constable. »Merlin, du massierst das Tier und unterstützt die Wehen. Ich koordiniere eure Tätigkeiten und achte auf die Stute.« Es dauerte eine gute Stunde, bis die Geburt geschafft war. Die Stute war am Ende ihrer Kräfte. Ohne eine weitere Anweisung holte Merlin aus dem Wagen des Tierarztes mehrere Beutel mit Infusionsflüssigkeiten. Dr. Miller legte dem Tier einen Butterfly und schloss die Infusion an. Merlin rieb in dieser Zeit das Fohlen mit Stroh ab. Das Fohlen brauchte etwas, bis es den ersten Versuch startete, aufzustehen. Auf wackeligen Beinen stand das Tier wenig später. »Eigentlich braucht das Fohlen etwas Stutenmilch. Kann es bei der Mutter trinken?«, fragte Merlin den Arzt. »Noch liegt die Stute, doch wir können es versuchen, ob es auch in dieser Position geht.« Behutsam führte Dr. Miller das kleine Pony zu seiner Mutter. Instinktiv suchte es die Zitze und begann etwas zu trinken. Diese Aktion beruhigte die Anwesenden. »Merlin, hol doch mal den Besitzer, wir brauchen eine Wärmelampe und für die Stute eine Decke. Ich schließe jetzt die zweite Infusion an. Der Kreislauf stabilisiert sich langsam.«

Nach einer weiteren halben Stunde war alles in der Box eingerichtet. Das Fohlen lag unter der Lampe und die Stute selbst hatte sich etwas erholt. Als sie dann endlich wieder allein stehen konnte, entfernte der Tierarzt die Infusion. »Das war eine gute Arbeit. Beide Tiere sind auf gutem Weg, sich zu erholen«, begutachtete er die Situation. »Unsere Arbeit ist getan. Ich gebe jetzt noch Anweisungen an den Besitzer zur weiteren Pflege. Merlin, morgen machen wir eine Kontrolle, kannst du eine halbe Stunde früher aufstehen?« »Klar, ist ja nicht das erste Mal, dass meine Nacht kürzer ausfällt«, blieb der Junge optimistisch. Danach sammelte er die benötigten Sachen zusammen. Gemeinsam gingen sie zum Tearoom hinüber. Eric saß mit bleichem Gesicht bei einer Tasse Tee. Die Betreiber des Pferdehofs luden alle auf einen heißen Tee ein. Der Arzt nutzte die Gelegenheit, letzte Anweisungen zur Pflege des Patienten zu geben. Mr Smith ging zu seinem Sohn: »Es ist nicht jedermanns Sache, mir wurden auch die Beine weich in deinem Alter. Das gibt sich mit der Zeit.« Eric sah seinen Vater dankbar an. »Was wird dein Vorgesetzter sagen, dass du uns mit dem Dienstwagen gefahren hast?«, fragte er nach einem kleinen Detail. »Er weiß Bescheid und dass es sich um einen tierischen Notfall handelte. Weißt du, wir leben nicht in der Stadt und auf dem Land laufen die Dinge halt etwas anders. Doch wir sollten langsam zurück. Dein zweites Praktikum ist herum. Was sagten die Palmers zu deiner Arbeit?« »Sie sind wohl mehr als zufrieden mit mir. Dann überreichte Mrs Palmer mir einen Cheque über 1,500 Pfund.« Mr Smith zog bewundernd seine Brauen hoch. »So war es eigentlich nicht gedacht, doch ich freue mich für dich. Was willst du mit dem Geld anfangen?« »Ich möchte es für ein eventuelles Studium anlegen.« Sein Vater nickte leicht. Dann folgte er einer Eingebung: »Die Idee finde ich gut. Pass mal auf, deine Mutter und ich haben bereits etwas für dich angespart. Wenn du bei Victor ebenfalls einen guten Eindruck hinterlässt, verdoppeln wir fürs Studium. Versprochen.« Eric starrte seinen Papa an. Als Constable musste er streng sein, doch als sein Vater konnte er auch fünf gerade sein lassen. »Papa ich weiß, dass es euch lieber wäre, wenn ich Medizin oder Jura studieren würde …«

Der Constable fuhr an den Straßenrand: »Eric, ein junger Mann sagte mir einmal sinngemäß, dass Kindern der Berufswunsch der Eltern egal ist. Sicher haben wir unsere Vorstellungen, doch was deine Mutter und ich für dich wirklich wünschen, ist, dass du in deinem späteren Beruf aufgehst. Sieh dir doch mal Mr Zahradník oder Mr von Feldbach an. Beide sind in ihren Berufen erfolgreich und das gewissermassen als Künstler. Wir möchten nur, dass du glücklich bist. Ob als Mediziner, Jurist oder Schauspieler, ist vollkommen egal. Wir, deine Eltern, stehen hinter dir.«

Eric sah seinen Vater nur einen Moment an und umarmte ihn spontan. »Danke«, flüsterte er leise.

Dr. Miller fuhr Merlin nach Hause. »Das war wirklich eine gute Arbeit vorhin«, lobte er den Jugendlichen. »Danke, Doktor. Wie stehen denn die Chancen, dass beide durchkommen? Ich meine, das Fohlen ist ein wenig größer als Charaid und hatte einen schweren Weg zu gehen.« »Gut. Die Geburt war für beide nicht einfach, doch aus Erfahrung: Sehr gute Chancen. Ich habe dem Besitzer gesagt, dass beide jetzt absolute Ruhe benötigen. Die Stute bekommt ein Stärkungsmittel ins Futter gemischt und soll jetzt viel trinken. Morgen sehen wir dann weiter«, blieb der Tierarzt optimistisch. »Was hast du auf dem Herzen?«, fragte er Merlin direkt, denn er spürte, dass der Junge etwas hatte. »Der Schulbesuch ab März. Ich werde fünf Monate nicht da sein.« »Nun, Merlin, das war abzusehen. Wenn du mir versprichst, die Prüfung nicht zu verhauen, werde ich es verschmerzen können. Du hast in den letzten Monaten hart dafür gearbeitet und ich bin davon überzeugt, dass du mal ein guter Veterinär wirst. Ich habe in jüngeren Vergangenheit mit einigen der Farmern gesprochen. Sie mögen dich und wie du dich für die Tiere einsetzt. Sie haben beschlossen, einen kleinen Fond für dich einzurichten, damit du dir auch das Studium finanziell leisten kannst. In den Semesterferien bist du mir immer als angehender Kollege willkommen.« Merlin war überrascht, was der Arzt im Hintergrund so alles für ihn getan hatte. »Ach, und noch etwas. Sabrina hat einige deiner Innovationen in die Software übernehmen lassen. Darunter auch einen neuen Fragenkatalog zur Anamnese des Patienten. Ich war wirklich erstaunt, wie du mit harmlosen Fragen mehr über den Halter beziehungsweise die Halterin des Tieres erfahren hast. Das kommt mir bei der Untersuchung zugute.« »Das kostet doch sicher viel?« Dr. Miller nickte: »Natürlich ist es nicht kostenlos. Doch schon jetzt überwiegen die Vorteile zugunsten der Tiere und der Diagnostik. Teure Untersuchungen werden reduziert, weil sie nicht notwendig sind.« Der Arzt steuerte den Wagen auf die Einfahrt des Manors. »Wie geht es denn Charaid?« »Der Kater fühlt sich wohl. Seit Andreas die Katzenklappe im Porch eingebaut hat, ist er nachts öfters draußen. Nach dem Frühstück zieht er sich zurück und ich sehe ihn den ganzen Tag nicht. Edward sah ihn einmal eine Ratte erfolgreich jagen.« »Hätte ich dem kleinen Kerl damals nicht zugetraut. Doch mich freut seine Entwicklung zu einem guten Hauskater.« Merlin lachte: »Also Kater trifft vollkommen zu, doch eine richtige Hauskatze ist er nicht. Er hält sich oft draußen auf und scheut sich auch vor Kälte und Nässe nicht. Andreas meinte scherzhaft, dass er auf Freiersfüßen unterwegs ist. Aber davon ist bisher nichts zu sehen. Lediglich schleppt er mir keine Mäuse mehr an.« »Wärst du denn traurig, wenn es so wäre?« »Jetzt nicht mehr. Ich sehe ja, wie glücklich er ist. Er kommt gerne zum Schlafen zu mir und ich glaube, dass es immer so sein wird.« Der Arzt hielt direkt vor dem Haus und Merlin stieg aus. »Morgen um sieben hole ich dich ab. Dann machen wir die Visite auf dem Reiterhof«, verabschiedete er sich von seinem Assistenten.

Merlin sah dem davonfahrenden Wagen einen Moment hinterher. Danach ging er ins Haus, direkt zur Küche. Dort saßen Edward und Andreas bei einer Tasse Kaffee und waren in ein Gespräch vertieft. Sie bemerkten den Jungen erst, als er sich bemerkbar machte. »Hallo Merlin, heute keine Lektionen?«, wunderte sich Edward ein wenig. »Nein, Eric meinte, ein wenig relaxen täte meinem Gehirn auch ganz gut. Aber es wäre eh ausgefallen …« Der Junge erzählte von dem Einsatz beim Reiterhof und dass die Jungs den Abend eigentlich ganz anders verbringen wollten.

»Dann lade Eric morgen zum Abendessen ein und dann gibt es deinen berüchtigten Sheppards-Pie morgen zum Dinner«, schlug Edward vor. Merlin konnte dem Vorschlag etwas abgewinnen. Dann roch er an seiner Kleidung. Der Geruch von Stall und Schweiß haftete ihm noch an, was Andreas schmunzelnd bemerkte. »Ich kümmere mich um unser Abendessen, dann hast du Zeit, dich frisch zu machen. Deine schmutzige Wäsche kannst du runterbringen, ich möchte später eh noch eine Maschine Wäsche waschen.« Merlin sah Andreas dankbar an. Dann verschwand er auf sein Zimmer.

Edward und Andreas bereiteten gemeinsam das Dinner zu. Während Carsten mit Cedric und den Hunden noch Gassi waren. Beim Abendessen in geselliger Runde erzählte Merlin von den Neuigkeiten aus der Praxis. Dann kam Carsten auf Merlins Vorschlag zurück: »Wir haben uns mit Paul und Andrea unterhalten. Paul war von deiner Idee angetan, den Pferden zu helfen. Edward hat mit Captain Sanchez gesprochen. Er erklärte sich bereit, regelmäßig nach den Tieren zu sehen. Somit wäre dieser Punkt erledigt.« »Edward und sein Vater haben eine größere Weide für sie eingezäunt. Dort ist alles vorhanden, was Pferde in ihrer natürlichen Umgebung benötigen. Ausreichend Nahrung, schattige Plätze in einem kleineren Wald und freier Zugang zum Burn, damit sie auch genug Wasser zur Verfügung haben. Daneben auch eine Sandfläche zum Wälzen«, führte Andreas weiter aus. »Wenn es soweit ist, von unserer Seite hast du grünes Licht.« »Wann habt ihr das alles organisiert?«, fragte Merlin verwundert. »Als wir davon erfuhren. Andrea ist in unserer Familie die Pferdeexpertin schlechthin. Sie hat Andreas genaue Vorschläge unterbreitet, wie das Gelände als natürlicher Lebensraum gestaltet werden müsste. Einige Farmer haben den Hills bei der Umsetzung geholfen. Somit ging es auch sehr schnell vonstatten.« »Gut, dann sage ich der Tierschutzorganisation zu«, machte Merlin ein Statement. »Ab nächsten Monat drücke ich die Schulbank. Gwenda hat mir den offiziellen Lehrplan der Schule gegeben. Damit habe ich schon mal einen Leitfaden, was mich dort erwartet.« »Wie kommst du nach Inverness?«, fragte Carsten nach. »Es gibt einen Linienbus mit Halt unweit der Highschool. Den nehme ich. Das Jugendamt übernimmt die Fahrtkosten.« »Der Staat fördert dich. Warum macht Schottland das?« »Mein Sozialbetreuer hatte da seine Hand im Spiel. Sein Argument war ausschlaggebend, dass jeder Jugendliche mit einer positiven Entwicklung letztendlich den Staat weniger kostet.« Dann wurde Merlin nachdenklich: »Ehrlich, vor einem Jahr hätte ich nicht damit gerechnet, dass ich soweit komme.« »Manchmal braucht es eben eine helfende Hand, um Fuß zu fassen«, begann Carsten und Andreas fuhr fort: »Salvatore lag mit seinem Instinkt vollkommen richtig. Jetzt verstehst du sicher auch unsere Aussage, dass wir unseren Hunden vertrauen.« Merlin nickte zustimmend. Dann meinte er schlicht, dass Cedric wohl lieber sein Bett aufsuchen möchte. Carsten stimmte der Beobachtung zu. Geschickt nahm er seinen Sohn aus seinem Stuhl und jeder wünschte Cedric ›Sweet dreams‹.

Andreas und Carsten wollten ihren Abend gemütlich im Salon ausklingen lassen. Edward ging noch ins Pub und Merlin war froh, sich lang machen zu dürfen. Die Nacht würde ja zeitig vorbei sein.

»Sag mal, Schatz, was haben wir für das Areal bezahlt?« »Der Kaufpreis war 75,000 Pfund«, beantwortete Andreas die Frage gewissenhaft. »Ist das jetzt viel oder wenig?«, fragte Carsten nach, der von Grundstückspreisen nun keinen blassen Schimmer hat. »Lass es mich so sagen: Es ist ein angemessener Preis. Ein Teil wird verpachtet. Damit haben wir schon mal eine Einnahmequelle. Edward hat entsprechende Weiden abgesteckt. Wir können insgesamt drei Weiden parallel verpachten. Für den Bereich, wo der Biberteich entstehen soll, zäunen wir ein Areal für die Tiere ein. Das ist vor allem entlang des Bachs. Für die Naherholung sollte es das gewesen sein und wir haben zu unserem Grundstück ein gutes Stück Pufferzone hinzugewonnen. Selbst mit dem neuen Areal für die Pferde.« »Ich vertraue deiner Erfahrung und bin stolz auf deinen Geschäftssinn«, dabei kuschelte Carsten sich an ihn. »Danke. Da ich heute ja wenig Zeit für Cedric hatte, wie war er so?«, fragte Andreas ernsthaft. »Er machte nicht den Eindruck, uns heute vermisst zu haben. Merlin und Eric haben Edward abgelöst. Die drei haben wohl einige Zeit mit Bauklötze gespielt. Dann kam der Zwischenfall mit dem Pony und ich habe mich um unseren Sohn gekümmert. Erst haben wir Kakao gekocht und Kekse gegessen. Danach wollte der Junge etwas schlafen, kurz bevor du zurück kamst, wachte er auf und dann beschäftigte er unsere Hunde. In der Zwischenzeit habe ich sein Zimmer etwas aufgeräumt. War nicht gerade einfach, ich bin wohl ein duzendmal auf diese Klötze getreten. Ich denke, ich habe wohl die meisten gefunden. Den Rest kennst du ja. Lediglich auf der letzten Gassirunde war er heute etwas still«, berichtete Carsten. »Nun, beim Dinner war er ja auch ruhiger als sonst. Vermutlich hat er heute Mittag wenig geschlafen.« Carsten nickte zustimmend. Dann wechselte er das Thema zu Andreas’ Tag in Glasgow. »Das Projekt,«, begann Andreas, »gestaltet sich positiv. Meine Gärtnereien liegen im Zeitplan der Baubehörde. Heute gab es eine Besprechung zur Gestaltung der Straßenbegrünung. Für den ersten Bauabschnitt wurden die Pflanzen bestellt.« »Was ist mit möglichen Nachtfrösten?« »Wir haben das ausgiebig diskutiert. Alle Gärtnermeister haben die Erfahrung machen dürfen, dass in Glasgow die Gefahr von Nachtfrösten sehr gering ist. Falls es wider Erwarten doch zu Frostschäden kommt, übernehmen die Gärtnereien die Kosten für den Ersatz. Das war ausnahmsweise eine einstimmige Entscheidung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Pflanzen oft eine frostige Periode gut überstehen. Darum mache ich mir eigentlich weniger Gedanken.« »Worüber machst du dir denn Gedanken?« »Es läuft bisher alles zu reibungslos. Ich habe in all den Jahren als Gärtner und Landschaftsarchitekt noch keine Großbaustelle erlebt, in der es keine gravierenden Probleme gab. Ich habe die Befürchtung, da kommt noch ein dickes Ding auf mich zu.« »Jetzt male nicht den Beelzebub an die Wand«, machte ihm Carsten Mut. »Trotzdem.« Andreas schenkte jedem noch ein Glas Wein ein.

»Tiger, ich habe darüber nachgedacht, mein kleines Büro in London dicht zu machen. Arthur und Luthais haben angeboten, mir stattdessen einen Raum in ihrem Studio zu überlassen.« Carsten dachte über das Gehörte nach. So ganz aus der Luft gegriffen war das Argument nicht. Die Immobilienpreise der Metropole hatten es in sich. »Eine sinnvolle Entscheidung. Was ist mit deiner Assistentin?« »Das habe ich bereits geklärt. Sie zieht mit ins Studio und wird dort die Korrespondenz wie gehabt erledigen. Da ich nicht ständig in London bin, halten wir per Videokonferenz Kontakt. Weiter hat mir Luthais angeboten, kontinuierlich mit mir zusammenarbeiten zu wollen. Er meinte, lieber ein Landschaftsarchitekt, mit dem er positive Erfahrungen gemacht hat, als viele, bei denen das Ergebnis ungewiss ist. Bei unserem letzten Treffen berichtete er vom Notting Hill Projekt. Der Auftraggeber musste bereits nachinvestiveren, weil die Grünanlage sehr pflegeintensiv wurde. Ich hatte es prophezeit. Jetzt habe ich von Arthur noch eine Anfrage. Er bat mich, unser Haus als Referenz in sein Portfolio aufnehmen zu dürfen, als Beispiel für eine gelungene Architektur und Landschaftsgestaltung. Wie stehst du dazu?« »Warum nicht? Ich habe nichts dagegen, die beiden verstehen ihr Handwerk und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Werbung ist doch das Alpha und Omega in euren Branchen. Lediglich die Adresse soll nicht publik werden«, gab Carsten sein Einverständnis. »Es wird als viktorianisches Manor in Schottland angegeben. Dann sage ich zu. Danke.«

Ihre Unterhaltung wurde durch einige Laute aus dem Babyphon unterbrochen. Andreas stand auf uns sah nach ihrem Sohn. Der kleine Mann war unzufrieden, weil er seinen Teddy verloren hatte. Als sein Papa ihn wieder zu ihm legte, wurde Cedric ruhig und schlief zufrieden weiter.

Andreas schüttelte schmunzelnd seinen Kopf. Wie einfach war es doch, seinen Sohn glücklich zu machen. Beim Hinausgehen folgte ihm Salvatore. »Du willst noch in den Garten, mein Freund? Ich denke, deine Kumpel wollen auch noch mal ihr Bein heben.« Ihm schien, als ob sein Hund ihn angrinsen würde. Im Salon war Carsten dabei, Leonardo zu kraulen. »Schatz, ich lasse die Meute noch in den Garten. Dann sollte es für heute auch gut gewesen sein.« »Trifft sich gut, Salvatore hat gerade seinen Schützling verlassen, um wohl noch mal sein Bein zu heben. Geh du mit der Bande raus und ich räume hier ein wenig auf. Dann können wir uns auch schlafen legen … falls wir dazu kommen«, scherzte Andreas.

Keine Viertelstunde später waren die Hunde zufrieden und zogen sich auf ihre Schlafplätze zurück. Carsten prüfte noch die Türen und schaltete die Alarmanlage ein. Auf halbem Weg zum Salon kam ihm Andreas entgegen. »So, ich bin fertig. Unsere Meute auch?« »Ja. Sie haben sich bereits zurückgezogen. Die Türen sind verschlossen und die Alarmanlage ist eingeschaltet. Was ich dich noch fragen wollte, die Außenbeleuchtung, ist sie noch immer sensibel eingestellt?« »Nein. Ich habe festgestellt, dass die Bewegungsmelder bereits auf Charaid reagierten, das ist für die nachtaktiven Tiere einfach kontraproduktiv. Daher hatte ich nach Weihnachten die Sensoren wieder unsensibler eingestellt, damit sie auf Tiere gar nicht mehr reagiert.« Carsten nickt zustimmend. Ihnen war wichtig, dass auch die Natur ihre Ruhe bekam. Danach hakte sich Carsten bei Andreas ein und gemeinsam gingen sie schlafen … wenn auch nicht sofort.

Chapter 22

Im College bereitete Carsten seine Vorlesung in Musikhistorie vor. An seinem Laptop machte er sich diverse Anmerkungen, die ihm halfen, den eigentlichen Faden nicht zu verlieren. Im Zyklus waren diverse Musikstile des 20. Jahrhunderts in Amerika das Thema. Ein leichtes Schmunzeln konnte er sich nicht verkneifen, als er den Punkt der Prohibition notierte. Dann folgten einige Beispiele aus den Kategorien und deren prägende Musiker. Seine Vorlesung gestaltete er lebhaft, abwechslungsreich und vor allem offen für die Fragen seiner Studentinnen und Studenten. Seine Tätigkeit wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Etwas überrascht war er, als nach Aufforderung seine Mutter sein Office betrat. »Mama!? Was machst du hier und ist Papa auch da?« »Hallo Carsten«, begrüßte Luise ihren Sohn. Dann sah sie sich in dem Arbeitszimmer um. Die Einrichtung war eine gelungene Mischung aus konservativen (dunkelgrüne Chippendale-Ledergarnitur), modernen (Regale, Schreibtisch, Musikanlage, Keyboard) und funktionalen (Tresen mit Kaffeemaschine, Wasserkocher und kleinem Kühlschrank) Stilen. Selbst die Ecke für Leonardo war dem angepasst. An sich sah der Raum freundlich und einladend aus. »Hallo Junge. Nein, dein Vater ist zu Hause geblieben«, antwortete sie etwas zögernd. Carsten kannte seine Eltern gut genug, um aus diesem einen Satz herauszuhören, dass der heimatliche Haussegen schief hing. »Setzt dich doch. Magst du einen Kaffee mit mir trinken und erzählen, was vorgefallen ist?«, schlug er vor. »Gerne. Wieso kommst du darauf, dass etwas vorgefallen ist?«, hakte sie nach. Während Carsten zwei Gedecke und eine Schale mit Keksen auf den Couchtisch und eine Thermoskanne dazustellte. »Mama, ich durfte euch beide in den letzten drei Jahrzehnten kennenlernen. Immer wenn Du und Papa getrennte Wege geht, hattet ihr eine heftige Meinungsdifferenz. Also rede nicht um den heißen Brei und erzähl.«

»Also, dein Vater hat den Vorschlag gemacht, unsere Wohnung Andrea zu überlassen. Was bedeutet, dass wir in die dritte Etage ziehen sollen.« »Ist doch an sich ein sehr vernünftiger Vorschlag«, meinte Carsten. »Du nicht auch noch. Aber wir müssen dann die ganze Etage umgestalten. Eure Kinderzimmer würden dann wegfallen. Ich habe dann auch keine Küche mehr.« Carsten nahm nachdenklich einen Schluck Kaffee und anschließend einen Keks. Die Argumente waren nicht von der Hand zu weisen. Andersherum: Andrea und Stefano erwarteten Zuwachs. Ihm stellte sich eine Frage: »Was genau hat denn Papa zu deinen Einwänden gesagt?« »Er sieht es alles nicht so gravierend. Eine eigene Küche würden wir nicht benötigen und dein Zimmer steht ja überwiegend leer. Dann ist da noch unser Garten. Den würden ja dann Andrea und Stefano übernehmen.« »Sei einmal ehrlich, Mutti. In der dritten Etage habt ihr alles, was eine moderne Wohnung bietet: Ein Schlafzimmer, Wohnzimmer, Gästezimmer, nicht zuletzt ein komfortables Bad. Ich hätte keine Einwände, wenn wir bei Besuchen ins Gästezimmer einquartiert werden. Was die Küche betrifft, so kannst du sicher die Küche im Erdgeschoss weiter nutzen und was den Garten betrifft, so ist meine Schwester eine gute Ärztin, aber sie hat keinen grünen Daumen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie in der Erde herumbuddelt. Dann werdet ihr bald Großeltern und da sollte doch deine zukünftige Enkelin oder dein Enkel bei den Eltern sein. Die zweite Etage bietet doch genug Räume, die dazu notwendig sind.« »Was wird mit unserer Bibliothek?« »Die werden Andrea und Stefano erhalten. Dort ist doch alles, was die beiden für ihre Berufe benötigen, und da meine Ecke frei ist, gibt es sicher auch keinen Platzmangel. Papa hat dir den Vorschlag sicher nicht unüberlegt unterbreitet. Wenn ich selbst einen Vorschlag dazu machen dürfte: Andreas Zimmer kann euer Schlafzimmer werden, es hat einen direkten Zugang zum Bad. In Ercans Zimmer machst du dir dein Büro. Es hat die nötige Ruhe. Mein Zimmer ist als Wohnzimmer ideal. Andreas fand die Aussicht immer beruhigend. Da hast du auch ein Blick von oben auf deinen Garten. Was die Küche betrifft, so war sie immer das Familienzentrum bei uns. Warum sollte Andrea das ändern wollen?« Luise dachte über das eben Gehörte nach. Carsten schlug da eine Saite an, an die sie noch gar nicht gedacht hatte. Sicher, Andrea und ihre Familie brauchten mehr Platz. Das bot eindeutig die zweite Etage. Selbst das Spielzimmer würde dort erhalten bleiben. Die Bibliothek nutzen die beiden schon intensiv. Stefano hatte dort bereits seine Literatur eingestellt. Andrea bediente sich gern bei der Fachliteratur ihres Vaters. Der Gedanke, ihre Tochter im Garten werkeln zu sehen, ließ sie verhalten lächeln. Ihr Sohn hatte vollkommen recht. Außer dass sie und Paul die Etage wechselten, gab es keine Veränderungen. Die Vorstellung, den Ausblick aus Carstens Zimmer zu genießen, hatte etwas für sich. »Junge, du hast meine Argumentation in der Luft zerfetzt. Ich denke, ich sollte mich bei deinem Vater entschuldigen.« »Mama, denke doch erst einmal in Ruhe darüber beim Shoppen nach. Ich habe lediglich eine andere Perspektive, eine pragmatische, auf euer Problem. Ihr solltet noch einmal ganz nüchtern darüber sprechen und vielleicht findet ihr noch einen weiteren Kompromiss. Entschuldigen solltest du dich nicht. Es ist nicht Papas Art, mit der Tür ins Haus zu fallen, er hat dich damit einfach überrumpelt. Dafür darf er ruhig etwas leiden«, schmunzelte Carsten seine Mutter an. Aus Gewohnheit ertastete er die Zeit auf seiner Uhr. »Wolltest du nicht einmal meiner Vorlesung beiwohnen? Dann lade ich dich jetzt dazu ein. Ich muss nämlich langsam los.«

Vorlesungssäle sahen irgendwie alle ähnlich aus. Luise kannte genug davon und der im College machte da keine Ausnahme. Einige der anwesenden Studenten blickten sich nach der unbekannten Lady um. Dann betrat Carsten durch einen Seiteneingang den Ort. Geführt von Leonardo, am Pult entfernte er das Geschirr und der Hund suchte sich eine Stelle zum Relaxen. Luise war das Outfit ihres Jungen nicht unbekannt: Sportjackett, dazu passendes Hemd, wobei Carsten den oberen Knopf offen hatte, und dunkle Jeans. Einen Lachanfall musste sie sich verkneifen, als sie seine rosa-roten Sneaker sah. Ein kurzer Blick zur Seite zeigte ihr, dass solche Farbtupfer wohl nicht ungewöhnlich waren. Keiner der Studenten grinste.

»Meine Damen und Herren«, begann Carsten, »heute haben wir eine Gasthörerin: Frau Professor Dr. von Feldbach, meiner Mutter. Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen: Meine Mutter ist glücklich verheiratet. Wer trotz dieser Warnung meint, mit der attraktiven Frau flirten zu müssen, darf sich nicht wundern, wenn mein Vater denjenigen mit einem Blasrohr sediert. Als Veterinär hat er sehr gute Erfahrung im Umgang mit diesem medizinischen Instrument.« Luise grinste bei dieser kleinen Vorstellung und sie sah, wie einige der männlichen Studenten blass um die Nase wurden.

Dann wurde ihr Sohn ernst und begann mit der eigentlichen Vorlesung. Luise staunte nicht schlecht, wie gespannt die Studenten den Ausführungen ihres Professors lauschten. Ihr Sohn setzte auch diverse Medien ein: Beamer und HiFi-Anlage steuerte er von seinem Laptop. Die meisten Studenten machten sich klassisch Notizen. Einige nutzen dafür bereits ihre Laptops.

Immer wieder fragte Carsten nach, ob jemand dazu Anmerkungen oder Fragen hat. Also band er die Studenten aktiv in seinen Vortrag mit ein und fädelte entsprechende Anfragen in seine Vorlesung ein. Musikgeschichte wurde so lebendig vermittelt. Ihre Gedanken wurden durch eine Aufgabenstellung unterbrochen. »Die Ersttrimester schreiben mir ein Essay über die Differenzen der Musikentwicklung zwischen den Südstaaten und den Nordstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Zweit- und Dritttrimester eine Abhandlung über die Entwicklung des Jazz. Da erwarte ich von Ihnen unter anderem einen Vergleich zwischen den Stilen des New Orleans-, Dixieland- und Chicagoer Jazz. Ihr Abgabetermin ist in drei Wochen. Für alle Studenten, für die meine Vorlesungsreihe dieses Trimester endet, erwarte ich einen Aufsatz über die gemeinsamen stilistischen Elemente aller Epochen der Musikgeschichte, beginnend im Mittelalter. Ihr Abgabetermin ist Ende dieses Trimesters, da noch weitere Elemente abgehandelt werden.« Luise sah auf die Uhr und wunderte sich, dass bereits 90 Minuten vergangen waren. Als Dozent machte ihr Sohn eine sehr gute Figur und nutzte das gesamte ihm zur Verfügung stehende Potential der Rhetorik. Die Studenten sahen es wohl genauso und honorierten ihren Professor mit überzeugendem Klopfen auf den Tischplatten. Vor allem wunderte sie sich, dass keiner der Studierenden über die Aufgabenstellung klagte. Langsam nahm der Geräuschpegel zu und die Anwesenden verließen den Saal. Zurück blieben Luise und Carsten, der dabei war, seine Sachen zu verstauen. »Sag einmal, Junge«, begann Luise, »warum protestierte keiner deiner Studenten über seine Aufgaben?« »Mit jedem Trimester werden meine Aufgaben umfangreicher. Bei der Aufgabenstellung bekommt jeder mit, was ich zum Bestehen dieses Fachs erwarte«, führte Carsten aus. »Sieh mal,Mama, Musiker können sich nicht immer ihr Repertoire aussuchen. Was dem einen sein Lieblingsstück ist, ist dem anderen ein Graus. Meine Studenten lernen so, sich mit allem auseinanderzusetzen. Das ist schließlich deren Arbeit als Musiker.« Luise verstand, worauf Carsten hinauswollte. »Wo hast du das gelernt? Als Pianist hast du doch die Wahl.« »Du weisst doch, dass ich ein halbes Jahr beim Berliner Symphonischen Orchester dirigieren lernte. Wo viele Menschen gemeinsam für Unterhaltung sorgen, heißt es immer, einen Kompromiss zu machen. Während Sir Simon auf die klassische autoritäre Methode setzte, habe ich auf demokratische Weise meine Ziele erreicht. Zum Beispiel mochte das Orchester Stravinskys Kompositionen nicht. Es war ihnen einfach zu ›modern‹. Mein Vorschlag war seinerzeit, die Feuervogel-Suite von Stravinsky einzustudieren und aus ihrem Repertoire durften sie sich ein weiteres Stück aussuchen. Das Orchester wählte von Edvard Grieg ›Aus Holbergs Zeit – Suite im alten Stil‹. Eigentlich ein krasser Gegensatz. Die Aufführung selbst war ein überzeugender Erfolg unter meiner Leitung. Das Orchester wurde durch viele positive Kritiken gelobt, weil es gewagt hatte, in einem Konzert zwei verschiedene Stilrichtungen zu kombinieren. Das überzeugte auch die Hardliner des Orchesters. Ich bereite indirekt meine Studentinnen und Studenten darauf vor. Es wird ihnen später sicher nicht schwer fallen, sich auf Unbekanntes einzulassen.«

»Wow! Dafür, dass du noch ein junger Dozent bist, ist das echt weise gedacht«, lobte Luise ihren Sohn. »Darf ich dich zum Lunch einladen?«, bot Luise an. »Sorry. Einmal macht mir Andreas immer eine leckere Lunchbox fürs College, zweitens habe ich bereits in einer halben Stunde Klavierunterricht zu geben«, verneinte Carsten die Einladung. »Das ist lieb von Andreas. Dann gehe ich halt allein zum Lunch.« »Du kannst ruhig mit den Studenten in der Kantine des College essen. Die Auswahl an Speisen ist recht ordentlich.« »Eine gute Idee. Mal sehen, ob ich, deiner Idee folgend, mit dem Orchester mal auftreten darf. Bei einigen der Musiker bin ich ja nach dieser Veranstaltung bekannt.« Carsten stimmte ihr zu, dann gab er Leonardo ein Zeichen und ihre Wege trennten sich.

In der Mensa war gut Betrieb. Zwischen den Studenten sah sie immer auch Dozenten dort essen. Am Tresen stellte sie sich ein kleines Menü zusammen und stellte an der Kasse fest, dass es durchaus günstig war. Mit ihrem Tablett sah sie sich suchend nach einem freien Platz um. Einige Studentinnen schienen sie wiederzuerkennen und winkten ihr. Luise machte sich zu ihnen auf. Am Tisch wurde sie freundlich empfangen. »Frau Dr. von Feldbach, hat Sie unser Professor allein gelassen?«, sprach sie eine junge Musikerin frech an. »Mein Sohn hat gleich andere Verpflichtungen, da bot er mir an, meinen Hunger hier zu stillen. Doch zuvor: Auf den Titel verzichte ich.« Diese Aussage machte sie gleich sympathischer. »Darf ich Sie fragen, ob Sie auch studierte Musikerin sind?«, wurde eine Jugendliche neugierig. »Nein. Ich habe Anthropologie studiert und darin auch promoviert. Dennoch spiele ich Violine und, nach Carsten, sogar sehr gut für eine Hobbymusikerin. Zu Weihnachten habe ich meiner Familie die ›Schottische Fantasie‹ vorgespielt. Begleitet hat mich von einer CD das junge Orchester der Mailänder Scala. Dafür habe ich sogar noch einmal Violinunterricht genommen. Mein Sohn beurteilte meine Darbietung als vielversprechend. In seinem Studio habe ich mich dann an das erste Violinkonzert in G-Dur von Bruch gewagt.« »Mit welchem Orchester, oder hat unser Professor Sie begleitet?« Luise lächelte. Carstens Studenten trauten ihm eine Menge zu. Luise probierte eine andere Taktik aus. »Kennen Sie die Bibliothek meines Sohnes?«, fragte sie in die Runde. Allgemeines Kopfschütteln. »In seinem Haus hat er eine eigene Sammlung an musikalischen Aufnahmen. Dabei handelt es sich um Mitschnitte aus allen Bereichen. Für das Violinkonzert hat er eine Auswahl von mehreren Orchestern. Er suchte mir spontan ein Orchester aus, das meinen Ansprüchen gerecht wurde. In seinem Studio kann er Soloinstrumente auf Aufnahmen ausblenden, so dass ich mich auf mein eigenes Spiel konzentrieren konnte.« Die Studenten hingen förmlich an ihren Lippen. Luise zeigte ihnen eine neue Seite ihres Dozenten. »Wir machten eine Aufnahme und was soll ich sagen, Carsten schlug mir vor, es auch mal live zu probieren, darunter war auch das College-Orchester«, beendete sie ihre kleine Exkursion. Dann widmete sie sich erst einmal ihrem Lunch. »Mrs von Feldbach, kennt ihr Sohn alle Stücke auf den CDs? Das sind doch hunderte verschiedene Werke.« »Oh, ja. Er kennt nicht nur seine Sammlung, sondern auch die Unterschiede der Orchester und ihre Interpretationen. Als Pianist hat er sich das Recht erarbeitet, unter anderem seine Orchester auswählen zu können. Wenn er sich für eine Komposition interessiert, analysiert er das Werk und sucht danach ein passendes Orchester.« »Das muss doch schwer sein?« »Nicht für Carsten. Er liebt die Musik, seit er selbst Klavierspielen gelernt hat. Viele sagen, weil er blind ist, hat er sich diese Fähigkeit angeeignet. Doch als seine Mutter und auch als Dozentin an der Universität weiß ich, dass es eine Gabe ist.« Dieser eine Satz wirkte. »Ich hätte da noch eine Frage zu den Vorlesungen meines Sohnes. Ihre Aufgaben sind ja doch sehr umfangreich. Verlangt er da nicht sehr viel von Ihnen?«, interessierte sich Luise. »Im Prinzip nein. Er baut uns kontinuierlich auf. Sie haben es ja selbst gehört. Neue Studenten bekommen einfache Aufgaben und Übungen. Dafür haben sie weniger Zeit. Für die älteren Jahrgänge sind diese Arbeiten zwar komplexer, dafür haben sie auch bis zu vier Monate Zeit. Bevor sie fragen, bei den Aufsätzen, Essays und Abhandlungen erwartet er entsprechende saubere Ausführungen. Wer ihm mit drei Seiten ankommt oder eine schlechte Ausdrucksweise verwendet, wird kaum die Prüfungen bestehen. Dafür steht er jedem mit Rat zur Seite. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass er sich auch im Journalismus auskennt.« »Ja, als er zur Schule ging, war er Chefredakteur einer Schülerzeitung. Dort hat er das Handwerkszeug eines Journalisten erlernt. In Sprachen bekam er von seinem Partner Unterstützung. Wussten Sie, dass beide gerne ins Globe gehen, um sich die Stücke von Shakespeare anzuhören? Sie mögen die alte Sprache und Ausdrucksweise. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung als Professorin, dass eine gute Ausdrucksweise jedem Tore und Türen öffnet. Daher legt Ihr Dozent so viel Wert auf die stilistische Ausarbeitung. Tragen Sie ihm das nicht nach, er bereitet Sie auf eine hoffentlich zufriedenstellende Karriere vor.« »Das sehen wir genauso. Ihr Sohn ist ein Dozent, der von uns viel verlangt und wir wissen das zu schätzen.« Unwillkürlich musste ein Student lächeln, weil er sich an das Statement seines Professors erinnerte. »Mrs von Feldbach, stimmt es, was Ihr Sohn vorhin sagte? Ich meine das mit Ihrem Mann?« »Also Paul ist nicht eifersüchtig und sein Blasrohr wendet er nur bei Tieren an. Er ist sehr gut im Umgang mit dieser schonenden Betäubungsmethode. Dagegen kennt meine Tochter keine Skrupel und ist bei weitem die bessere Schützin. Vor ihr müssen Sie sich in Acht nehmen«, antwortete Luise im Plauderton. »Beantwortet das Ihre Frage?«, meinte sie anschließend trocken. Der Student nickte stumm, während seine Kommilitoninnen und Kommilitonen vor sich hin grinsten. »Wirklich«, begann Luise, »in meiner Familie wird die Ehre hoch gehalten, ohne zu übertreiben. Als heimliches unheimliches Oberhaupt kenne ich das und aus der Entwicklung des Menschen die Konfliktbewältigung unserer Spezies. Es geht immer darum, den Kern einer Meinungsdifferenz nicht aus den Augen zu verlieren. Da setzten mein Mann und ich auch gegenüber unserer Sippe Grenzen und stellen uns vor unsere Kinder. Einige meiner Cousinen und Cousins meinten, Carsten wegen seines Lebensstils angreifen zu müssen. Da haben wir sie kurzerhand als Personae non gratae aus unserem Haus verbannt. Andersherum haben wir unseren Kindern gelehrt, die Würde eines Menschen zu achten. Wer sich nicht daran hält, wird eine Seite von ihren Eltern erleben, dass ihnen Hören und Sehen vergeht. Dass wir nie so weit gehen brauchten, liegt wohl daran, dass wir alles richtig gemacht haben. Paul, also mein Mann, hat mal jedes unserer Kinder mit Lebewesen aus dem Tierreich verglichen. Unser Jüngster ist wie ein Falke. Er beobachtet aus einer entfernten Perspektive und hat er einen Schwachpunkt erkannt, nutzt er diesen, um sein Opfer lahmzulegen. Andrea dagegen handelt wie eine Raubkatze. Beobachten und aus einer Deckung heraus agieren. Carsten ist das gefährlichste Tier. Er handelt wie eine Spinne. Er webt ein unsichtbares Netz aus Informationen. Seine Sinne sind so fein entwickelt, dass er sehr effizient arbeiten kann. Wer sich darin verfängt, entkommt ihm nicht mehr. Das musste in der Vergangenheit eine seiner Mitschülerinnen erfahren, dass ihr letztendlich keine Wahl blieb, als ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Doch wo wir bereits bei dem Thema sind: Wie denken sie darüber, dass ein schwuler Dozent an einem so renommierten College lehrt?« »Zu Beginn war es ein wenig seltsam, gerade weil viele Dozenten sehr konservativ und traditionell eingestellt sind. Da Professor von Feldbach kein Geheimnis daraus machte, nahm er ihnen wörtlich den Wind aus den Segeln. Seine Offenheit und Innovationen werden von vielen sehr positiv aufgenommen«, begann ein Student, »selbst wenn es unbequem für einige ist. Die Idee mit einer Ringvorlesung bietet uns Studenten die Möglichkeit, eine verhauene Prüfung zeitnah zu wiederholen, da sie jedes Trimester angeboten wird. Wer für ihn ins Schwärmen kommt, weiss, dass sie oder er auf Granit beißt. Wir kennen alle seine Gatten Mr Zahradník, ein sehr sympathischer Mann. Erfolgreicher Landschaftsarchitekt und hat für das College bereits einige Aufträge übernommen. Ihren Sohn, Cedric, haben wir noch nicht kennenlernen dürfen. Seit der Adoption unterscheiden sie sich nicht von anderen Familien. Für Cedric brach er auch schon mal eine Vorlesung ab. Das ist ein Statement, welches diese Institution noch nie erlebt hatte.«

Für Luise war diese Unterhaltung interessant geworden. Carsten hatte nicht nur frischen Wind in diese Mauern gebracht, sondern seine Studenten sahen zu ihm auf. »Mein Junge ist aber kein Heiliger«, fiel ihr Resümee aus. »Nein, sicher nicht. Allein die Diskussion mit dem Hausmeister wegen den Hinterlassenschaften seines Hunde zeigte uns, dass er auch mit Problemen zu kämpfen hat.«

So langsam leerte sich die Mensa. Auch die gesellige Runde begann sich aufzulösen. Luise saß noch bei einem Kaffee und dachte über die vergangene halbe Stunde nach. Lediglich zwei Studenten leisteten ihr noch Gesellschaft. »Mrs von Feldbach. Um noch einmal auf Ihren Vorschlag zurückzukommen«, begann die Studentin, »es klingt verlockend, mit Ihnen etwas auf die Beine zu stellen. Wenn Sie möchten, können wir mit unserem Professor und Orchesterleiter sprechen, um ein Konzert mit Ihnen auf die Beine zu stellen. Sie spielen Violine, wie Sie sagten. Da gibt es sicher Werke, die interessant sind.« »Ja, das klingt vernünftig. Darf ich Ihnen meine Karte geben?« Die Studentin nickte zustimmend. »Wir müssen jetzt los. Es war interessant, Sie kennenlernen zu dürfen.« »Das Vergnügen liegt ganz auf meiner Seite. Viel Erfolg bei ihren Studien«, wünschte Luise ihnen zum Abschied. Nachdem sie ihr Tablett weggeräumt hatte, machte sie sich auf den Weg, Carstens Vorschlag in die Tat umzusetzen: Shoppen gehen.

Die Metropole Englands lud quasi dazu ein.

Carsten beendete die letzte Lektion. Im Großen und Ganzen war er zufrieden mit seinen Studentinnen und Studenten. Er schloss den Flügel und fuhr seinen Laptop herunter. »Komm, Leonardo, Feierabend. Zuhause wartet ein kleiner Gentleman auf uns.« Der Hund erhob sich und dehnte erst einmal gekonnt seine Muskeln. Am Ausgang des Studios gesellte er sich an Carstens Seite. Vor dem College wartete bereits das bestellte Taxi. »City Airport bitte« , gab Carsten das Ziel bekannt. Eine Stunde später checkten sie ein. »Mr von Feldbach. Ihr Flug hat heute eine viertel Stunde Verspätung.« »In Ordnung. Sagen Sie, ist der Flug ausgebucht?« »Nein. Ich habe Ihnen und Leonardo bereits zwei Plätze reserviert. Möchten Sie auf dem Flug Tee oder Kaffee?«, fragte die Angestellte zuvorkommend. »Heute bitte einen Kaffee, informieren Sie doch bitte die Crew. Wir warten in der Lounge.« »Ich lasse Sie abholen, wenn die Maschine gelandet ist. Ich wünsche Ihnen beiden einen angenehmen Flug.«

Eineinhalb Stunden später landete die kleine Linienmaschine in Edinburgh. Edward wartete bereits auf sie. »Danke, Edward, wie war dein Tag?«, fragte ihn Carsten. »Routine. Heute waren die Zoologen wegen der Fledermäuse da. Dort ist alles in Ordnung und die Kolonie entwickelt sich prächtig. Eine Reinigung ist noch nicht nötig. Das Labor hat uns die Ergebnisse der Analyse der Kläranlage gesandt. Dort ist alles im grünen Bereich. Ansonsten, wie gesagt, Routine«, berichtete Edward ihm. »Gut. Wie macht sich Clòimh?« »Der Hund geht in seiner neuen Aufgabe vollkommen auf. Wir sind heute bis zu dem Bereich gegangen, wo früher wohl mal die Wirtschaftsgebäude standen. Dort hat er sich mit seiner Nase ausgetobt. Ich sage dir, wasserscheu ist der Kerl sicher nicht. Nach dem Spaziergang habe ich eine gute halbe Stunde benötigt, um den ganzen Schlamm aus seinem Fell zu spülen. Er passt zu euren Hunden und Flausen hat er auch im Kopf.« Carsten lachte. »Dann ist ja alles in Ordnung. So etwas würde mein Vater als ›artgerechte‹ Haltung interpretieren«, kommentierte Carsten. »Du kennst ja den Abschnitt. Ich habe da mir unbekannte Fußabdrücke entdeckt.« »Kannst du sie mir einmal beschreiben?« »Der Ballen bildet fast einen Halbkreis und davon stehen vier kleiner Ovale ab. Geschätzt ca. 14’’ bis 17’’! Was meinst du?« »Das ist einfach, es handelt sich um einen Luchs. Da solltest du mit Clòimh vorsichtiger sein. Als Raubkatze gehört der Luchs nicht gerade zu seinen Freunden. Doch du bringst mich da auf eine Idee. Kannst du uns drei bis vier Wildtierkameras besorgen? Dann hänge sie doch dort einmal auf. Es wäre wirklich interessant zu wissen, wer sich da nachts so alles herumtreibt. Andreas möchte dort Biber ansiedeln, daher wäre es auch von Vorteil zu wissen, mit was er dort zu rechnen hat«, bat Carsten seinen Verwalter. »Natürlich. Eine glänzende Idee und die Fotos werden sicher ganz interessant sein. Wo hast du Spurenlesen gelernt, du siehst sie ja nicht.« »Das habe ich meinen Eltern zu verdanken. Papa hat von vielen beheimateten Tieren ihre Trittsiegel, so das Fachwort, angefertigt. Ich kann sie zwar nicht sehen, doch ertasten. Mama hat mich dann immer wieder dazu abgefragt. Beide sind der Ansicht, dass Spurenlesen keine verschwendete Zeit ist. Es hilft uns, im Naturschutz aktiv zu sein. Der Luchs steht bei uns in Europa auf der Liste gefährdeter Tiere. Ihn zu schützen, ist daher sehr wichtig. Hin zu wieder reißt diese Gattung Rehe, doch die Natur versorgt dann das Tier mehrere Tage mit Nahrung.« »Also ein großer Schaden ist es sicher nicht. Wie war dein Tag am College?«, interessierte sich Edward. »Also von Routine kann keine Rede sein. Heute war Luise da. Ich kann es nicht wirklich glauben, doch meine Eltern hatte eine heftige Meinungsverschiedenheit. Papa schlug vor, ihre jetzige Wohnung Andrea und Stefano zu überlassen und die ehemaligen Kinderzimmer zu ihrer kleinen Wohnung umzugestalten.« »Ist doch vernünftig. Ich meine, wozu benötigen die beiden eine große Wohnung?« »Ich denke, Mama störte es, die Kinderzimmer im Haus aufzugeben. Bedeutet es doch letztendlich, dass wir alle unsere eigenen Wege gehen und uns endgültig abgenabelt haben«, fasste Carsten seine Gedanken zusammen. »Hast du ihre Befürchtungen ins rechte Licht gerückt? Cedric, Andreas und du habt doch ein wirklich gutes Verhältnis zu ihnen. Ich habe selten eine Familie gesehen wo es so harmonisch zugeht.« »Ich denke schon. Jedoch muss Luise es auch von sich aus wollen. Daher habe ich ihr empfohlen, bei einer Shoppingtour über alles in Ruhe nachzudenken. Wird wahrscheinlich nicht gerade billig, doch so, wie ich meine Mutter kenne, findet sie Gefallen an den Gedanken. Wir sind ja nicht aus der Welt und sie ist uns allen jederzeit willkommen.«

Edward lenkte ihren Wagen vom Motorway. »Klar, und sie hat ja genug mit ihren Enkelkindern zu tun.« Carsten lachte. »Du hast vollkommen recht. Wenn meine zukünftige Nichte oder Neffe genauso neugierig wie Cedric ist, haben meine Eltern nicht genug Hände, um sie zu bändigen. Das werden in Zukunft sicher interessante Familientreffen.« Sein Chauffeur grinste bei der Vorstellung.

Andreas saß im Salon an seinem Flügel und spielte Cedric etwas vor, als Carsten hinzu kam. Der kleine Mann lenkte sein Interesse Leonardo zu. Der Hund ging auf seinen kleinen Schützling zu und überzeugte sich, dass es ihm gut ging. Dann lernten seine Väter etwas Neues von ihrem Sohn. Er streichelte Leonardo und meinte darauf: »Dada buh buh?« Leonardo schien ihn zu verstehen. Leckte dem Jungen seine streichelnde Hand und zog sich in seine Kudde zurück. Andreas sah das zufriedene Gesicht seines Sohnes. Carsten vernahm ein zufriedenes Brabbeln. »Hallo Tiger. Unser Sohn überrascht mich immer wieder«, drückte er seine Gefühle aus. »So sehe ich es auch. Leonardo sieht etwas müde aus und Cedric nimmt darauf Rücksicht. Fürs Toben finden sie sicher noch genug Zeit. Die anderen Hunde sind draußen und Cedric ist mit allem zufrieden. Er spielte die ganze Zeit mit seinem Teddy, während ich ihm etwas vorspielte«, berichtete Andreas. »Wie war dein Tag?«, fragte Carsten und setzte sich zu Andreas auf die Klavierbank. Dieser küsste seinen Liebhaber mit Leidenschaft, bevor er antwortete. »So la la. Ich habe einige kleinere Aufträge bearbeitet. Nichts Besonderes, es war wohl mehr Beschäftigungstherapie, die ich mir da geleistet habe. Jedenfalls gefällt es den Kunden. In Glasgow ruhen die Arbeiten seit zwei Wochen. Es gab sehr viel Regen und die Böden sind einfach zu nass, als dass einer der Gärtner etwas Sinnvolles hätte machen können. Daher habe ich ihnen geraten, sich um die Pflanzen zu kümmern. Du weißt schon, die kräftigsten selektieren, nach Krankheitsbefall sehen und für die Pflanzaktion alles vorbereiten. Bei Wiederaufnahme der Arbeiten muss es schnell gehen.« Nebenbei spielte er etwas vor sich hin. Carsten nahm sich die Freiheit heraus und begleitete Andreas dabei. »Heute Vormittag hat sich Mrs Sánchez um Cedric gekümmert, als ich für zwei Stunden außer Haus musste. Anscheinend hat er sie ganz schön beschäftigt.« »Ja, er hält die Lady ganz schön auf Trab.« »Nach seinem Mittagsschlaf sind wir dann gemeinsam mit dem Hund raus. Seitdem beschäftigen wir uns hier im Haus. Wie war es in London?« »Im College war alles normal. Obwohl Luise zu Besuch war. Sie und Papa hatten einen Streit wegen ihres Hauses. Papa möchte gerne in den dritten Stock ziehen, eine kleine Wohnung. Mama war nicht ganz seiner Meinung.« »Ist doch eher praktisch gedacht. Eure Räume stehen doch überwiegend leer und eine kleinere Wohnung ist pflegeleichter. Denkst du nicht auch?« »Klar, ich habe ihr geraten, mal darüber nachzudenken. Vor allem meinte sie, auf ihre Küche und den Garten verzichten zu müssen.« »Das ist doch Quatsch. Gartenarbeit ist nicht Andreas Ding und die Küche ist das Familienzentrum schlechthin. Da ist genug Platz für zwei Familien. Ich befürchte, Andrea ist ganz froh, hin und wieder nicht selbst kochen zu müssen.« »Du kennst meine Schwester wirklich gut. Denn ich habe Mama sinngemäß das Gleiche gesagt. Ich denke, wenn sie ihr Konto heute etwas geplündert hat, wird sie zu dem selben Ergebnis kommen. Was anderes, was wird es zum Abendbrot geben?«, meinte Carsten, als er Hunger verspürte. »Ich dachte an Toast Hawaii, Salat und für Cedric ein Mus aus Gemüse, als Nachtisch noch ein Apfel-Bananen-Kompott.« Carsten unterbrach sein Spiel und tastete nach der Zeit. »Gut, ich mache mich etwas frisch und dann bereite ich die Rationen zu. Vielleicht will Cedric mir dabei helfen?« »Glaube ich weniger. Er macht gerade ein Nickerchen bei Leonardo. Lassen wir ihn, er hat heute wenig geschlafen«, beurteilte Andreas die Situation.

Nach dem einfachen Dinner wurde gemeinsam etwas gespielt und später las Carsten Cedric eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Den Abend ließen sie im Salon ausklingen, nachdem sich auch Edward und Merlin zurückgezogen hatten. Carsten ließ die Hunde noch einmal in den Garten, bevor sie selbst ins Bett gingen.

Am nächsten Morgen stand Carsten gegen sechs Uhr auf. Andreas drehte sich noch einmal im Bett um. Carsten war der Ansicht, dass sein Gatte ruhig ausschlafen sollte. Nachdem er in der Küche die Tür zum Garten geöffnet hatte, liefen gleich drei Hunde hinaus. Nach einem ersten Kaffee ging er zu Cedric. Doch in dessen Zimmer war es ruhig und eine kurze Kontrolle bestätigte dem Papa, dass sein Sohn ebenfalls noch im Reich der Träume war. Seine beiden Männer brauchten wohl diese Phase. Daher entschied er, sich um das Frühstück zu kümmern.

Edward war der erste, der ihm Gesellschaft leistete. »Morgen, Carsten, die Hunde sind noch im Garten?« »Ja, wenn sie genug haben, werden sie sich schon melden. Meine beiden Männer schlafen noch. Was steht bei dir heute an?« »Ich fahre zu meinem Vater, um nach seiner Meinung zu den Boreray-Schafen zu fragen. Ich denke, er hat genug Erfahrung mit Schafen im Allgemeinen. Sag mal, hast du schon Kaffee für mich?« »Bediene dich. Ich muss sowieso noch mal frischen kochen. Wenn heute sonst nichts für dich ansteht, kannst du dir frei nehmen.« »Vielleicht heute Nachmittag. Wegen des Geländes wird heute ein Vermessungsingenieur kommen und die Grenzsteine kontrollieren. Ich begleite ihn und mache schon mal ein paar Notizen zu den möglichen Weideflächen. Andreas wird sicher auch gerne wissen wollen, wieviel Fläche für die Renaturierung des Burns zur Verfügung steht.« »Natürlich, er braucht ja diese Daten. Wenn ihr schon da seid, versuche doch mal herauszubekommen, wie groß der alte Mühlteich dort war. Der Geodät sollte doch auch Unterlagen zu dem Areal haben. Dann kann mein Vater schon mal nachforschen, ob es genügend Platz für die Biber ist. Ansonsten wird Andreas noch mal nachbessern.«

»Warum macht ihr das? Ich meine, lohnt sich der ganze Aufwand, um die Wege vor Überschwemmungen zu schützen?« Eine berechtigte Frage von Edward, wie Carsten fand. »Andreas hat eine interessante Philosophie dazu. Er möchte Landschaften mit allen möglich ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gestalten. Die Natur selbst ist sein größtes Werkzeug. Ja, der Aufwand ist allemal berechtigt, weil wir der Natur mehr Platz in unser aller Leben einräumen. Es wird sich für uns alle positiv entwickeln und nicht nur vor Überschwemmungen schützen«, antwortete ihm Carsten. »Da hat er recht«, machte sich Andreas bemerkbar, »die beste Landschaftsgärtnerin ist die Natur selbst.« Dann begrüßte er seinen Tiger mit einem Guten-Morgen Kuss. Ein Blick zur Gartentür ließ ihn lächeln. »Carsten, ich denke, unsere Hunde wollen wieder ins Haus. Doch zuvor sollten sie getrocknet werden. Sie haben wohl ein Bad im Teich genommen.« Der Angesprochene schüttelte nur mit dem Kopf und ging zum Porch.

In der Küche schenkte sich Andreas eine Tasse Kaffee ein. Bevor er jedoch den Aufguss genießen konnte, machte sich Cedric via Babyphon bemerkbar. »Da hat wohl jemand Ansprüche auf seinen Papa. Der Kaffee wird wohl kalt werden«, scherzte Edward. »Mit Milch ist auch ein kalter Kaffee genießbar. Dagegen ist der Junge ungenießbar, wenn er zu lange auf seinen Service warten muss. Da kann es passieren, dass er sich selbst auf den Weg macht.« »Cedric hat euch gut im Griff«, meinte Edward grinsend. »Noch, er kann sich ja nicht selbst baden und braucht noch Hilfe beim Anziehen. Sobald er es selbst kann, reduzieren wir auch den Service. Da sind Carsten und ich uns einig, selbst wenn Cedric protestiert.«

Cedric krabbelte bereits in seinem Bett herum, als Andreas sein Zimmer betrat: »Guten Morgen, Cedric. Hast du einen schönen Traum gehabt?« Der kleine Junge wandte sich der Stimme zu und lächelte. Andreas nahm seinen Sohn aus dem Bett und begann mit der Morgenroutine. Beim morgendlichen Bad freute dieser sich über das spritzende Wasser, wenn er ganz wild mit seinen Händen gestikulierte. Zum Leidwesen seines Papas, dessen Kleidung immer feuchter wurde. Nachdem Cedric sein Tagesoutfit anhatte, zog sich Andreas noch einmal um und gemeinsam gingen sie, um zu frühstücken. Dort waren bereits alle Hausbewohner versammelt und begrüßten den kleinen Mann. Edward sah Andreas amüsiert an: »Sag mal, hattest du vorhin nicht ein anderes Sweatshirt an?« -»Ja. Unser Sohn hatte seine Freude am Planschen im Wasser, da bleibt es nicht aus, dass die Umgebung ebenfalls etwas feuchter wird. Ich werde sein Bad nachher noch aufräumen. Den Rest wird Mrs Sánchez erledigen. Bisher konnten wir sie nicht davon überzeugen, darauf zu verzichten.« »Ja, in ihren Augen machen wir es nicht gründlich genug«, fügte Carsten grinsend hinzu. »Naja, sie macht eigentlich alle Bäder sauber, wenn sie hier ist«, meinte Merlin wissend. »Wie dem auch sei. Merlin, unsere Hunde benötigen ihre regelmäßigen Untersuchungen. Könntest du für kommende Woche einen Termin machen?«, brachte Carsten seinen Wunsch vor. »Passt dir Mittwoch Vormittag? Dann informiere ich Sabrina.« »Klingt gut. Andreas?« »Passt. Dann kommen wir mit der ganzen Bande. Edward, hat Clòimh nicht auch seine Kontrolle?« »Selbstverständlich, Merlin nimmt ihn ja mittwochs immer mit zur Praxis. Andreas, das Wasseramt hat die Analyse abgeschlossen. Einige Werte sind zwar gestiegen, doch wie ich es dem Bericht entnahm, lag es an der kalten Witterung.« »Stimmt, einige Mikroorganismen haben bei kalten Temperaturen einen geringeren Stoffwechsel. Bei solchen Kläranlagen ein natürlicher Prozess. Dann haben wir jetzt alle Betriebsgenehmigungen fürs kommende Jahr.« Andreas sah drei Hundenasen an der Tür. »Carsten, ich glaube, unsere Hunde wollen ihr Frühstück.« »Steht schon bereit.« Carsten stand auf und stellte vier Näpfe auf ihren Platz und gab das entsprechende Kommando. Die Hunde machten sich über ihr Fressen her.

Nach dem Frühstück führten Cedric und Carsten die Hunde Gassi. Unterwegs schlief der Junge ein. Zuhause legte ihn Carsten sanft in sein Bett. Danach ging er in sein Arbeitszimmer und machte sich an seine Arbeit. Dass Mrs Sánchez im Haus war, nahm er nicht einmal wahr. Konzentriert erarbeitete er sich das Klavierkonzert von Tchaikovsky.

Andreas war bei den Hills, um über die Renaturierung und die anstehenden Landschaftsarbeiten zu sprechen. Es war ein angenehmes Treffen, da Victor mit seiner Erfahrung half, viele Fehler zu vermeiden. »Andreas, wenn wir schon dabei sind, mit einem Bagger das Bachbett zu säubern, sollten wir prüfen, wie tief das ursprüngliche Bett gewesen ist. Möglicherweise benötigen wir zusätzliches Material zur Uferbefestigung.« »Können wir so machen. Laut den geologischen Karten ist vom Mühlteich bis hinter die Problemzone ein Gefälle von 16 Yards. Danach scheint alles in Ordnung zu sein. Für die beiden Bögen im Verlauf nehmen wir entsprechende Felsen, damit das Ufer nicht ausgespült wird. Ein paar nutzen wir für kleinere Wasserläufe, damit wir Sauerstoff ins Wasser bekommen«, bestätigte Andreas fachmännisch die Aktion. »Nicht nur das, es wird sich auch gut als Laichplätze machen. Mal sehen ob wir bald wieder Fische im Burn haben«, fügte Andrew hinzu. »Wenn das ökologische Gleichgewicht hergestellt ist, ist alles möglich. Doch jetzt zu dem größeren Teil der Aktion: Der alte Mühlteich«, wechselte Andreas das Thema. Victor räusperte sich: »Ich habe mal mit der älteren Bevölkerung gesprochen und bin dabei auf ein altes Gemälde gestoßen. Der Besitzer erlaubte mir, ein Foto davon zu machen. Ist sicher nicht das beste, aber es zeigt in etwa die Dimensionen.« Er legte einen DIN-A4-Abzug auf den Tisch. Andreas nahm das Foto und betrachtete es. Dann kam seine plastische Vorstellung zum Vorschein und er erkannte in etwa, was er zu erwarten hatte. »Ist ein schöner großer Teich. Darf ich mir das Foto ausleihen?« Victor nickte zustimmend. »Passt einmal auf: Hier«, er deutete eine Linie auf dem Foto an, »Hier pflanzen wir zur Abgrenzung eine dichte Hecke aus verschiedenen Sträuchern. Damit grenzen wir den Teich vom restlichen Bereich ab und eine mögliche Biberfamilie hat ihre Ruhe. Diese Fläche überlassen wir anschließend der Natur. Andrew, damit die Nager auch ungehindert in ihre Burg gelangen, benötigen wir eine Tiefe von mindestens 2.5 Yards. Besser wären 3.5 Yards.« »Das stellt kein Problem dar«, antwortete ihm Andrew, »Ich habe einen kleinen Schwimmbagger angefragt. Damit können wir die Tiefe herstellen. Zum Ufer hin lassen wir es an dieser Seite langsam abflachen.« Dabei zeigte er auf die Uferseite, welche durch die spätere Hecke abgetrennt werden sollte. »Wo jetzt noch der befestigte Uferstreifen ist, lassen wir es steiler. Die Mauer tragen wir zur Mitte hin um ein Drittel ab. Damit lassen wir das Wasser in den Bach abfließen. Wenn Biber dort einen Damm bauen, ist da immer noch der Hauptabfluss, ohne dass die Uferbefestigung Schaden nimmt.« »Dein Vorschlag hat etwas«, stimmte Andreas Andrew zu. »Die beiden restlichen Seiten lassen wir so. Diese Flächen nutzen wir als Überschwemmungspuffer. Damit sollten wir in Zukunft Ruhe vor Überflutungen haben. Weil wir frühestens damit im Frühjahr beginnen können, habe ich bei der Behörde um eine entsprechende Genehmigung gebeten. Dabei müssen wir immer noch auf brütende Vögel und sonstige Tiere Rücksicht nehmen. Carsten würde mir in den Allerwertesten treten, wenn wir auch nur ein benutztes Nest zerstören.« Dieser Spruch brachte die Anwesenden zum Lachen. Carsten schien in Sachen Naturschutz eine klare Linie zu haben. »Darum kann ich mich kümmern«, versprach Victor.

»Jetzt habe ich noch einen Punkt, wo ihr sicher besser Bescheid wisst. Wie sieht der Park generell aus?« »Wir haben in den letzten Wochen den Bestand in Augenschein genommen. Unwetterschäden gibt es kaum. Ein paar Rückschnitte sollen wir am Wegesrand machen. Ansonsten ist dort alles in einem guten Zustand.« »Gut. Macht ihr die Rückschnitte und dann beginnen auch schon die Arbeiten am Bach und Teich«, fasste Andreas das Ergebnis zusammen. »Im Februar machen Cedric, Andreas und ich uns rar, da wir längere Zeit in London sind.« »Macht euch schöne Tage, wir kümmern uns um alles. Auch dass der Spielsand auf dem Spielplatz verteilt wird.« »Gut. Wie steht es um euren Nachwuchs?«, interessierte sich Andreas. »Mutti, schlug vor, dass wir einen Auszubildenden einstellen. Dein Auftrag zur Landschaftspflege rentiert sich und wir haben bereits neue Aufträge erhalten. Papa lehrt die Pflanzenaufzucht und die Hege der Baumschule. Ich übernehme die Ausbildung der Garten- und Landschaftspflege. Damit sind wir bereits gut aufgestellt.« Andreas lächelte, wie sich herausstellte, benötigten die Hills lediglich den Großauftrag eines namhaften Landschaftsarchitekten. Das sprach sich herum und war gute Werbung. Andreas verabschiedete sich und fuhr nach Hause.

Edward begleitete den Ingenieur zu den einzelnen Grenzsteinen. Dort hielt Edward immer die Messlatten. So ging es zügig voran. Zwischen den Messungen unterhielten sie sich über das Areal. Dabei erfuhr der Verwalter so einiges über das ehemalige Bauland der Gemeinde. Vor allem, als der Ingenieur feststellte, dass einige der Grenzsteine verlegt worden waren: »Das ist ein beliebtes Spiel. Es werden mehrere Parzellen neu eingeteilt, um später mehr daran zu verdienen.« »Sie korrigieren das?« »Das ist mein Job. Schottland bezahlt mich dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Keiner will übers Ohr gehauen werden.« »Mr von Feldbach bat mich um den Gefallen, mehr über die Größe des alten Mühlteichs zu erfahren. Mr Zahradník will den Bereich renaturieren und benötig entsprechende Daten.« »Kein Problem. Das Archiv hat die geologische Karte des Rutherford-Anwesens seit der Schenkung durch die Queen. Ich kann sie Ihnen zumailen. Immerhin haben Sie mir heute sehr geholfen und ich habe viel Zeit gespart«, machte er einen Vorschlag. Das Angebot nahm Edward gerne an. »Ihr Hund ist brav, bleibt immer in ihrer Nähe.«, erwähnte der Ingenieur beiläufig. »Dass Clòimh bei mir bleibt, liegt daran, dass ich ihm Sicherheit gebe. Er sieht nicht mehr wie ein junger Hund. Diesen Verlust kompensiert er mit seiner feinen Nase und seinem Gehör. Seine Aufgabe wird der Schutz dieses Areals sein, dafür trainieren wir. Obendrein ist er gern in der Natur«, beschrieb Edward seinen Charakter. Nach zwei Stunden hatten sie es geschafft. Der Ingenieur verabschiedete sich und fuhr davon.

Mrs Sánchez hörte Carsten Klavier spielen, wusste jedoch, ihn nicht zu stören. Daher ging sie ihren Aufgaben nach. Das Bad von Cedric wischte sie nach dem Aufräumen gründlich durch. Hin und wieder sah sie nach Cedric und ließ sich von ihm bespaßen. Zum Lunch machte sie ihm einen Kartoffel-Karotten-Brei nach Andreas' Rezept. Sie selbst aß ein Sandwich. Nach der Mahlzeit legte sie den Jungen in sein Tagesbett.

Wie immer machte sie nach dem Lunch einen Tee. Sie schreckte etwas auf, als Edward sie ansprach: »Mrs Sánchez, haben sie einen Tee für mich?« »Bediene dich, Edward, wo warst du heute?« Edward erzählte von dem Vermessungsingenieur und was sie alles erlebt hatten.

»Dann gibt es tatsächlich eine aktuelle Karte von dem Anwesen, mit allen Details?«, fragte Mrs Sánchez interessiert. »Anscheinend schon. Nur sind diese Karten im Archiv, der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Jedenfalls will mir der Ingenieur einen entsprechenden Kartenausschnitt des alten Wirtschaftsbereich zumailen.« Edward sah sich um und vermisste seinen Hund. »Ich denke, Clòimh ist relaxen.« Nach dem erfrischenden Tee ging Edward in den Salon. Clòimh lag in einer Kudde und döste friedlich vor sich hin.

Carsten nahm wahr, das sich die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete. Leonardo suchte sicher seine Gesellschaft. Nach dem obligatorischen leichten Anschubsen hörte er einen weiteren Besucher: »Abba bum bum?«, fragte Cedric. »Oh, Cedric. Ja, ich habe Klavier gespielt. Doch jetzt habe ich Zeit für dich. Du bist dir der Ehre bewusst, dass du mich stören darfst?«, meinte der Papa zuversichtlich. »Abba?« Carsten stand auf und ging auf die junge Stimme zu. Dann nahm er seine Sohn in die Arme. »Wenn ich hier im Arbeitszimmer an einem Konzert arbeite, dann dürfen mich die Hunde besuchen. Alle anderen wissen, dass ich mich konzentriere und nicht gestört werden möchte. Da du es aber nicht wissen kannst, mache ich bei dir eine Ausnahme«, erklärte er, wohl wissend, dass Cedric es nicht zuordnen konnte. Dennoch war es ihm wichtig, seinen Sohn ernst zu nehmen und erklärte es ihm. »Wo du schon einmal hier bist: Was verschafft mir deinen Besuch, langweilst du dich?« »Abba spielen?« Carsten nickte ihm zustimmend zu. Gemeinsam gingen sie zu seinem Flügel, wo Carsten erst den Tastenläufer auf die Tastatur legte und dann die Abdeckung schloss. Cedric sah ihm dabei interessiert zu. Im Salon spielten sie anschließend auf dem Boden mit Bällen und Bauklötzen, dabei babbelte Cedric munter vor sich hin. Carsten interpretierte darin, dass der Junge von seinem Tag erzählte. Irgendwann wollte Cedric nicht mehr spielen und sein Papa nahm es zum Anlass, ihm etwas vorzulesen. Dabei schlief Cedric ein. Carsten legte sich ebenfalls hin und nahm Cedric zu sich. So fand sie auch Andreas vor. Lächelnd nahm er eine Decke und deckte seine beiden Gentlemen behutsam zu. Carstens Augen blinzelten etwas. »Ich wecke euch in einer Stunde«, flüsterte er. Carsten murmelte etwas und zog Cedric ein wenig zu sich.

Andreas nahm sich der Hunde an und ging mit ihnen raus. Im Garten wuselte dann auch Clòimh herum. Gemeinsam gingen sie einmal ums Haus. Andreas achtete weniger auf die Vierbeiner, als dass er sich ihren kleinen Nutzgarten ansah. Er machte sich Gedanken, wann er Zeit finden würde, diesen für die Saison vorzubereiten. Ansonsten war er mit allem anderen zufrieden. Ein Abstecher in sein Gewächshaus stellte ihn zufrieden. Die Kräuter sahen alle gesund aus und die neuen Blumen waren bald soweit, um ausgesetzt zu werden. Salvatore schien ihn zu vermissen und tapste in Begleitung ins Gewächshaus. »Ihr habt mich gefunden«, bemerkte er, »was meint ihr, sollen wir für Cedric ein eigenes kleines Beet anlegen?« Die Tiere guckten ihn verständnislos an. Dennoch erschrak Andreas. »Eine schöne Idee«, antwortete Edward stattdessen. »Nur wo willst du es anlegen?« »An der Terrasse. Dort fehlt noch ein bunter Tupfer, der von drei Seiten einsehbar ist. Doch was machst du hier?« »Ich mache meinen Kontrollgang, bevor ich nachher zu meiner Familie fahre. Ich möchte Papa fragen, was bei der Haltung von Schafen zu beachten ist. Gerade wenn diese das ganze Jahr im Freien leben. Carsten meinte heute Morgen, dass ich mir frei nehmen könnte.« »Das geht in Ordnung. By the way, Carsten und ich sind mit deiner Arbeit zufrieden. Wenn du etwas hast, sag es einfach«, bot Andreas an. »Das höre ich gern. Ich hätte da auch etwas: Die Lodge.« »Also wenn du Wünsche dazu hast, Arthur wird das berücksichtigen. Lediglich das Erscheinungsbild, die Fassade, darf nicht verändert werden. Angepasst wird nach den Plänen deine Garage. Sie passt sich in das Erscheinungsbild ein. Den Vorgarten gestalte ich, hinter dem Haus ist dein Refugium.« Edward grinste: »Willst du mich aus dem Haus haben?« »Nein, sicher nicht. Der Umbau wird ca. ein halbes Jahr in Anspruch nehmen. Dann ist es Zeit, den Vorgarten anzulegen, bevor es Winter wird. Ansonsten müsste ich bis zum Frühjahr warten. Reicht dir die Erklärung?« »Klar. Ach, ich war heute mit einem Landvermesser unterwegs, er will mir einen Kartenausschnitt zum Wirtschaftsbereich zumailen.« »Das ist hervorragend. Mir fehlen einfach gesicherte Daten zum Umfang des Geländes.« Andreas wandte sich seinen Hunden zu. Dann drehte er sich noch einmal um: »Lass deine Eltern nicht zu lange warten«, verabschiedete er sich von seinem Verwalter. Danach ging er zurück ins Haus.

Mrs Sánchez saß in der Küche bei ihrem obligatorischen letzten Tee. »Andreas«, begrüßte sie ihn. »Mrs Sánchez, haben sie noch einen kräftigen Tee für mich?« Ein Kopfnicken reichte aus und Andreas schenkte sich eine Tasse ein. »Ich bin für heute fertig. Lediglich sollten sie noch einige Zutaten für Cedric besorgen. Die Milch geht aus, es sind keine Eier und kein Grieß mehr da. Machen Sie ihm doch mal zum Frühstück Pfannkuchen anstelle des Toastbrots.« Der Hausherr nahm ihre Empfehlung zur Kenntnis: »Es fehlen auch einige Zutaten für die Tiere. Danke, dass Sie mich daran erinnern.« Mrs Sánchez leerte ihre Tasse, stellte die Utensilien in die Spülmaschine und verabschiedete sich. Andreas nahm sich einen Block und schrieb sich einen Einkaufszettel. »Was machst du?«, wurde er unterbrochen. Andreas sah auf und sah Carsten mit Cedric auf dem Arm in der Tür. »Du bist schon wieder wach? Ich schreibe einen Einkaufszettel. Wir müssen noch ein paar Dinge in der Gemeinde besorgen.« »Cedric hatte bereits ausgeschlafen und weckte mich, indem er auf mir herumkrabbelte. Gut, wenn wir noch einkaufen müssen, kann ich auch gleich die Zutaten für die Tiere besorgen. Sonst hätte ich es morgen machen müssen.« »Baba, mil?«, fragte ihr Sohn dazwischen. Andreas wollte sich daran machen, wurde aber von Carsten abgelöst. Wenig später stand eine Kindertasse mit Kakao vor Cedric. Mehr oder weniger geräuschvoll genoss der kleine Mann sein Getränk. »Wir benötigen mehr Milch«, sprach Andreas einen wichtigen Punkt an. »Welcher Art, Schaf-, Kuh-, Ziegenmilch?« »Ich denke, einen Liter Schafmilch mehr sollte für Cedric reichen. Mrs Sánchez benutzt für ihren Tee nur Kuhmilch. Soll ich bei Edwards Familie anrufen?«, fragte Andreas nach. »Wäre wohl das Beste. Für morgen zwei Liter mehr und dann ab kommender Woche zu jeder Lieferung.«

Andreas zog seinen Sohn um und dann fuhren sie in die Stadt. Im Supermarkt besorgten sie sich einige Dinge, wie die Pflegeartikel für Cedric. Danach gingen sie zum Fleischer. Mit Clòimh gab es einen guten Esser mehr. Daher gingen die Vorräte schneller zuneige. Carsten wählte die Zutaten aus und bezahlte mit seiner Karte. Einer kleinen Eingebung folgend, besorgte Andreas noch Blumen zur Dekoration bei einem Marktstand. Anscheinend fand Cedric seine Auswahl schön. Die bunten Blumen inspirierten ihn, darauf los zu reden. Carsten entnahm seiner Stimme eine Nuance der Freude, weil er melodisch brabbelte. »Mir scheint, unser Sohn mag deine Blumen. Er singt förmlich vor sich hin.« »Seine Mimik sagt das Gleiche. Ich habe vor, ihm ein eigenes kleines Blumenbeet an der Terrasse einzurichten. Du hast doch nichts dagegen?« »Iwo, deine Ideen haben immer etwas Philosophisches. Unser Junge mag die Natur, das sollten wir auch fördern.« »Das ist gut, denn du wirst mit ihm die Blumen pflanzen. Einen Protest kannst du dir sparen. Cedric wird dir schon zeigen, wo er was haben möchte. Selbst wenn es chaotisch aussehen sollte, es ist euer gemeinsames Werk.« »Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich in der Erde buddle. Kannst du dich noch an das Beet bei uns im Londoner Garten erinnern?« Andreas dachte schmunzelnd daran: Samstagvormittag. Sie hatten bei schönem Wetter begonnen, in ihrem Garten eine neue Rabatte anzulegen. Max half tatkräftig mit, indem sie in der Erde Löcher buddelte. Carsten nutze diese zum Teil, um Blumenzwiebeln zu setzten. Max fand es wohl nicht ganz so toll und buddelte die Zwiebeln wieder aus. Damit ihr Herrchen, nicht noch einmal dort Blumen pflanzt, sprang sie ihn einfach an und dann balgten sie im Dreck. Dabei hatten beide den Spaß ihres Lebens … und sahen entsprechend dreckig aus. »Klar kann ich das. Euer Beet sah später wirklich schön, bunt und chaotisch aus. So als habe die Natur es selbst kreiert. Obendrein hast du echt niedlich mit all dem Dreck ausgesehen.« Carsten knuffte erst seinen Andreas und dann gab er ihm einen innigen Kuss.


Luise tobte sich in der City aus. Sie stöberte in unzähligen Geschäften und fand wirklich nette Dinge. Wie durch Zufall, stand sie plötzlich vor Harrods. Dort wollte sie sich einfach nur umsehen. In der Eingangshalle wurde sie von einem freundlichen Mann empfangen. Dieser stellte sich schnell als Servicemitarbeiter heraus, dessen Aufgabe es war, den Kunden zu helfen. »Ich möchte mich einfach nur etwas umsehen«, antwortete sie freundlich. Dann fiel ihr ein, dass es Zeit für eine kleine Pause war: »Haben Sie auch einen Tearoom?« »Selbstverständlich, in der obersten Etage. Mit einem schönen Blick auf den Hyde Park. Die Aufzüge befinden sich dort auf der linken Seite«, dabei wies er in die entsprechende Richtung. Luise bedankte sich. Wenig später saß sie an einem Fenster im Tearoom. Vor sich einen exzellenten Kaffee und einige Scones. Sie dachte an die Gespräche im College. Carsten hatte wirklich recht. Sein Zimmer verstaubte langsam und immer wenn sie dort staubsaugte, sah sie aus dem Fenster auf ihren Garten. So manches Mal hatte sie dort gute Ideen für ihr kleines grünes Paradies. Es könnte wirklich ein gemütliches Wohnzimmer werden. Mit den anderen Räumen auf der Galerie würde es wirklich eine schöne kleine Wohnung werden. Abseits gelegen von Andreas Familie und doch mittendrin. Paul hatte mit seinem Vorstoß nur etwas in Gang gesetzt, was letztendlich unausweichlich war.

Dann das Gespräch mit den Studenten. Gegenüber ihren eigenen Studenten an der Uni waren diese neugierig, aufgeschlossen und hatten einen gewissen Humor. Sie würde sich freuen, wenn das mit dem Orchester klappen würde.

Nach einer halben Stunde ging sie wieder. Dieses Mal schlenderte sie von Etage zu Etage. In der Damenabteilung erwarb sie ein schönes Kleid und eine alltagstaugliche Garderobe. Als Entschuldigung für Paul besorgte sie ein kleines Geschenk, von dem sie wusste, dass es ihm gefallen würde. Zuletzt sah sie sich in der Schmuckabteilung um. Beim Herrenschmuck ließ sie sich einige schöne Ringe zeigen. Ihr Augenmerk fiel auf zwei Ringe mit unterschiedlichen Edelsteinen. Ein schönes Geschenk für ihre Söhne. Obwohl die Schmuckstücke fast wie Zwillinge erschienen, machten sich der blaue und der grüne Brillant sehr gut darauf. Vor allem weil sie Andreas’ und Carstens Augenfarbe nahekamen. Kurzerhand erwarb sie die Ringe. Das brachte sie auf eine Idee und sie sah sich weiter um. Ihre Kreditkarte wurde arg strapaziert, doch Luise war mit sich und der Welt zufrieden. Dann klingelte ihr Mobilephone. »Hallo Paul. Wo ich bin? Bei Harrods natürlich, ich war einkaufen und habe mir alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen.« Sie machte eine Pause und hörte ihrem Gatten zu. »Selbstverständlich hat Carsten meine Gedanken zurechtgerückt und ich gestehe, seine Argumentation hat mich überzeugt. Du hast vollkommen recht, lass uns daheim darüber sprechen … Wann ich zurückkomme? Ich habe für morgen Vormittag ein Ticket. Holst du mich bitte am Flughafen ab?« Wieder hörte sie ihrem Mann zu. »Danke. Ich liebe dich!«, dann wurde die Verbindung beendet.

Von einem Taxi ließ sie sich ins Hotel bringen. Ein Page half ihr, die vielen Taschen auf ihr Zimmer zu bringen. Nach dieser Tour legte sie ihre Füße hoch und überlegte sich, wie sie den Abend beenden könnte. Erst einmal benötigte sie etwas für ihren Magen: »Charles, was empfiehlt die Küche heute?«, fragte sie den Oberkellner am Telefon. »Mrs von Feldbach, für Sie würde ich ein leichtes Dinner zusammenstellen: Eine Tomatensuppe zur Vorspeise, gefolgt von ›Toad in the Hole‹ und zum Abschluss ein Blueberry Pie.« Luise stimmte ihm zu. »Ich habe noch nie eine Kröte im Loch gegessen. Sagen Sie, Charles, kennen Sie zufällig ein kleines Kino mit Stil und gutem Programm?« »Da empfehle ich Ihnen das Rio Cinema. Es ist gemütlich und heute zeigt es den Klassiker ›Casablanca‹. In der Bar können Sie sich zuvor oder danach noch etwas entspannen. Meine Frau geht regelmäßig dorthin. Sie mag das Ambiente.« »Danke, genau danach steht mir der Sinn. Teilen Sie dem Concierge mit, mir ein Ticket zu reservieren.« »Wie Sie wünschen.«

Luise gönnte sich eine erfrischende Dusche. Dann genoss sie ihren Abend in der englischen Metropole. Nach dem Film setzte sich Luise in die Bar und bestellte sich einen fruchtigen Cocktail. Etwas später wurde sie von einer Dame angesprochen: »Entschuldigen Sie, ist hier noch ein Platz frei?« »Setzen Sie sich. Waren Sie auch in ›Casablanca‹?«, fragte sie Luise. »Ja, Charly, mein Mann, brachte mich heute auf die Idee. Er ist Oberkellner im Three golden Stars, heute wird es später.« »Oh, Charles ist ihr Gatte. Ich bin Gast in dem Hotel. Ihr Mann empfahl mir dieses Ambiente.« »Der alte Charmeur, er ist der unheimliche Concierge des Hotels. Die Gäste fragen ihn oft um Rat. Aber als Oberkellner ist er phänomenal. Er hat einen sehr feinen Gaumen und steht gerne am Herd. Sie sollten mal sein Yorkshire Pudding probieren. Ein Gedicht, sage ich Ihnen …« Luise sah die Begeisterung in ihren Augen. »Dann stehen Sie hinter ihrem Mann?« »Ja. Er liebt seinen Beruf, denn er ist absolut nicht alltäglich. Da braucht er einfach jemanden, der hinter ihm steht. Am liebsten sind ihm die Stammgäste des Hotels. Dafür lernt er gern auch Neues hinzu. In drei Wochen kommen seine besonderen Gäste. Ein blinder Pianist und ein sehr aussergewöhnlicher Landschaftsarchitekt. Beide sind wahre Gourmets. Dafür hat er von seinem Vorgänger James eine besondere Serviertechnik gelernt. Mr von Feldbach benötigt lediglich eine genaue Beschreibung. Er trainierte diese Technik mit mir zu Hause. Ich musste mir die Augen verbinden und nach dem Servieren sollte ich ihm sagen, ob ich mich zurechtfinden würde. Jetzt haben wir beide daraus gelernt. Er hat diese Technik perfektioniert und ich weiß, wie ich mich verhalte, wenn ein sehbehinderter Mensch mich zum Beispiel nach dem Weg fragt.« Luise nickte ihr verstehend zu. »Carsten, Mr von Feldbach, ist mein Sohn und hat dieses Hotel eigentlich über meinen Mann und mich kennengelernt. Wir haben London oft beruflich besucht und benötigten einfach eine Unterkunft, die sich um alles kümmert, um uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Carsten und Andreas haben das Hotel bei ihrem ersten Besuch kennengelernt. Damals wurde er zu den Proms eingeladen und das ›Three golden Stars‹ bot ihm alles, was er für die Vorbereitung benötigte. Es wurden sehr angenehme zwei Wochen Urlaub daraus.« »Das war, als James noch der Oberkellner war? Ansonsten hätte es mir Charly sicher erzählt. James war noch ein Kellner der alten Schule und doch war er dem Neuen aufgeschlossen. Ich glaube, Charly sagte mal, dass zwei Gäste eine einfache Pizza bestellten …« »Das ist typisch für Andreas. Sie sollten wissen, dass er kochen bei seinem Großvater gelernt hat. Ich glaube, er testet Restaurants mit einfachen Gerichten.« »James richtete damals der Küche diesen Wunsch aus und der Chefkoch war rasend. Ein Sternekoch sollte eine Pizza backen. Ihm wurde sehr schnell der Wind aus den Segeln genommen, weil der Gast ihm sagte, dass gerade ein Sternekoch sich an einfachen Gerichten messen kann. Das schien gesessen zu haben.« »Oh ja. Wenn Andreas oder sein Nonno eine Pizza backen, dann ist das Lyrik für den Gaumen. Hätte Andreas Koch gelernt, hätte er wohl einige Sterne verliehen bekommen«, schwärmte Luise für ihren Schwiegersohn. Ihr Gegenüber staunte etwas: »Ist er denn kein Koch?« »Nein, er ist mittlerweile ein namhafter Landschaftsgärtner. Er hat einige internationale Parks gestaltet. Darin ist er wirklich ein Meister. Kochen ist sein zweites Hobby.« »Sein erstes, wenn ich fragen darf?« »Seine Familie! Er liebt seine beiden Männer, seine Eltern und Großeltern«, antwortete Luise ihr. Dabei schwang tiefer Respekt in ihrer Stimme mit. »Es ist schön, wie Sie von Ihrer Familie sprechen. Meine Tochter meidet uns. Sie glaubt, wir seien konservativ und würden ihren Lebensstil nicht akzeptieren. Dabei haben wir nichts gegen ihre Partnerin.« »Charles mag doch meine beiden Söhne, wenn sie in London sind. Sie steigen doch immer in seinem Hotel ab und sie halten sich sicher nicht zurück.« »Marian glaubt, das sei nur Fassade, weil Ihr Sohn berühmt ist. Und mein Mann verpflichtet ist, freundlich zu ihm zu sein.« »Das ist purer Quatsch. Entschuldigen Sie, Carsten legt keinen großen Wert auf seinen Bekanntheitsgrad. Er liebt das Leben in allen seinen Facetten. Wichtig ist ihm, dass keiner Mitleid mit ihm hat, weil er blind ist. Sobald jemand diese Schwelle überschreitet, kann er unangenehm werden. Er hat einen siebten Sinn für so etwas. Falls also Charles nur eine Maske ihm gegenüber tragen würde, hätte er dem ganz schnell ein Ende bereitet. Das ist aber nicht geschehen, weil Ihr Mann ihn als Mensch respektiert und akzeptiert, wie er ist. Ihre Tochter, mit Verlaub, ist blinder als Carsten. Sie sieht den wahren Mensch in ihrem Vater nicht. Charles ist ein weltoffener Mann und ich habe schon viele Oberkellner getroffen. Viele von ihnen haben Vorurteile, daher steigen wir dort auch nicht mehr ab.« Luise nippte von ihrem Cocktail. »Wissen Sie was, Carsten und Andreas sind im Februar für einige Tage hier. Machen Sie doch ein unverbindliches Treffen im Hotel und dann werden meine Söhne ihrer Tochter schon den Unsinn austreiben. Ich frage ihn einfach mal.« »Es wäre schön, wenn das klappen würde. Es würde uns das Leben wirklich erleichtern. Ich gebe Ihnen mal meine Telefonnummer, dann sehen wir weiter.« Luise notierte sich die Nummer auf einer Serviette. Dann wechselte das Thema und sie unterhielten sich über den Film.

Chapter 23

Während Carsten mit den Hunden die letzte Gassirunde absolvierte, beschäftigte sich Andreas nach dem Abendessen mit seinem Sohn. Cedric hatte seine bunten Bauklötze zu seinem momentanen Lieblingsspielzeug auserkoren. Der kleine Mann baute an einem kuriosen Turm. Andreas sah, dass sich langsam der Schwerpunkt des Gebildes verlagerte, bis der Turm umfiel. Cedric wunderte sich und begann zu weinen. Andreas tröstete ihn und meinte schlicht, dass es Schlimmeres geben würde. Er räumte das Chaos ein wenig zur Seite und gemeinsam begannen sie von neuem. Geschickt korrigierte er einige kleine Fehler beim Bauen. Das Resultat war ein schöner bunter Turm. Bis eine ungeschickte Berührung seines Sohnes den Turm wieder zu Fall brachte. Erst guckte der Junge verwundert und dann begann er zu giggeln. Andreas nahm die Gelegenheit wahr und kitzelte ihn. Doch langsam wurde der Junge müde. Daher entschied er, ihn langsam ins Bett zu bringen. »Ich glaube, du hast heute schwer gearbeitet. Was meinst du, soll ich dich ins Bett bringen?«, fragte er ihn nach einiger Zeit. Cedric gähnte. Das war wohl seine Zustimmung. Also nahm er Cedric auf den Arm und die allabendliche Routine begann. Als er Cedric ins Bett legte, babbelte dieser noch etwas. Andreas interpretierte darin, dass die Klötze noch herumlagen. »Ich erzähle dir jetzt noch eine Geschichte und dabei räume ich etwas auf. Einverstanden?« Cedric verstand nur Bahnhof, doch als er sah, wie Andreas die Klötze aufsammelte, hörte er nur auf die Stimme. Viel brauchte sein Papa nicht zu erzählen und als er zu dem Bett sah, schlief Cedric bereits. Leise sammelte er schnell noch das restliche Spielzeug auf und packte es in einen Korb. Dann schob sich bereits eine neugierige Hundenase durch die Tür. »Dein Schützling schläft bereits«, meinte er zu Salvatore. Der Hund sah kurz auf, holte sich eine Streicheleinheit von seinem Herrchen und zog sich in eine Kudde zurück. Als Andreas das Licht löschte, schlief auch der Hund bereits.

Im Salon hatte es sich Carsten gemütlich gemacht. Er telefonierte gerade mit seinem Vater und Andreas holte aus der Küche noch einen Rosé und gesellte sich zu seinem Mann. »Gern geschehen, Papa. Manchmal sieht Mama halt den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich bin zufrieden, dass ihr darüber noch mal in aller Ruhe sprechen wollt.« Dann lauschte er seinem Vater. »Nein, Andreas hat deinen Enkel ins Bett gebracht und ehrlich, bei mir ist auch die Luft raus. Heute war einfach viel im College los.« Andreas kuschelte sich ein wenig an Carsten. »Nein, Papa. Es war mein letzter Tag im College für diese Woche. Morgen übe ich an einem Klavierkonzert.« Andreas hörte leise, wie Paul sich verabschiedete. »Gute Nacht, Papa, von uns beiden. Grüß Andrea und Stefano von uns.« Dann legte Carsten auf. Andreas reichte ihm sein Glas. »Ich schließe mich dir an. Heute war viel los und ich bin ebenfalls fix und alle. Hören wir noch die Nachrichten? Dazu bin ich heute noch nicht gekommen.« »Mach nur. Im Kollegium sprach jemand von einer aufkeimenden Epidemie. Darüber sollten wir mehr erfahren«, antwortete ihm Carsten. Mit der Fernbedienung schaltete Andreas den Fernseher ein. Lange brauchten sie nicht auf das aktuelle Thema zu warten. Es schien doch ernster zu sein, als es der erste Eindruck vermuten ließ. Vor allem traf es mal wieder die Farmer. »Paul wird wohl demnächst wieder viel zu tun haben. Wenn in seinem Bezirk diese Seuche auftritt.« »Das wird wohl alle Tierärzte treffen. Morgen sprechen wir mal bei Dr. Miller vor. Es kann sein, dass wir Merlin den Rücken freihalten müssen. Ich habe schon mal eine solche Virusepedemie miterlebt. Paul hatte damals Glück, dass die Familie hinter ihm stand. Wir haben alles getan, damit er in den wenigen freien Momenten zur Ruhe kommen konnte.« »Ist das immer so?«, wurde Andreas neugierig. »Leider ja. Sobald nur der Verdacht eines Symptoms auftrat, musste es schnell gehen. Selbst mitten in der Nacht. So konnten Paul und sein Team den Züchtern einiges ersparen.« »Was ist mit Andrea? Ist eine Seuche nicht gefährlich für das Baby?« »Ja. Ich denke, Andrea wird von sich aus die Sprechstunde in der Praxis übernehmen. Sie wird kein Risiko eingehen wollen.« »Das denke ich auch. Als studierte Tierärztin sollte sie die Gefahren auch kennen. Was ist mit unseren Tieren?« »Eigentlich sollten unsere Hunde davor sicher sein, doch das fragen wir am besten morgen Dr. Miller. Selbst als Sohn eines Tierarztes weiß ich darüber nur wenig.« »Nun, aus dem Biologieunterricht weiß ich, dass Viren sich schnell genetisch verändern.« »Du warst schon immer ein aufmerksamer Schüler. Das waren noch Zeiten im Internat. Ein wenig vermisse ich unsere Clique«, erinnerte sich Carsten an eine vergangene Zeit. »Wir können sie mal fragen, uns hier oben zu besuchen. Es gibt sicher schon einiges zu erzählen, gerade Ralph hat doch diese maritime Studie. Das würde mich schon interessieren, gerade wegen dieser immensen Verschmutzung der Meere.« Carsten unterdrückte ein Gähnen: »Eine gute Idee. Wir schicken ihnen eine Einladung und sehen, was daraus wird.« Andreas leerte sein Glas. »So machen wir das. Doch nun bringe ich auch dich ins Bett. Du kannst ja kaum noch deine Augen offen halten.« Ohne Protest und dankbar nahm Carsten den Vorschlag an. Kurz vor ihrem Schlafzimmer hörten sie ihren Sohn. »Andreas, geh schon vor, ich sehe nach, was Cedric hat.« »Aber du bist doch fertig?« »Das glückliche Schicksal, Eltern sein zu dürfen. Für den Nachwuchs mobilisiere ich gerne meine Reserven«, gab Carsten zu. Dann trennten sich ihre Wege. Im Kinderzimmer schnupperte er schon, was Sache ist. Kein Wunder, dass Cedric unzufrieden war.

Andreas kam gerade aus dem Bad und hörte Carsten im Babyphon. Er sang mit sanfter Stimme ihr Wiegenlied. Anscheinend hatte Cedric ein Problem gehabt und Carsten beruhigte ihn. Langsam wurde die Stimme leiser. Dann hörte er, wie sich Carsten bei Salvatore für die kleine Unterbrechung entschuldigte. Es dauerte nicht lange, da lag Carsten kuschelnd bei Andreas. Erst wollte dieser wissen, was ihr Sohn hatte, doch dann entschied er sich anders und entspannte sich in zwei starke Arme.

Leonardo weckte sie am nächsten Morgen zeitiger als üblich. Carsten stand auf und ließ die Meute in den Garten. Andreas kam ein wenig später nach: »Morgen, Schatz. Was ist denn mit den Hunden los?« »Nichts besonderes. Guten Morgen Tiger, ausgeschlafen?« »In deinen Armen wie in Morpheus Armen«, flirtete Andreas. Carsten ging auf ihn zu und gab seinem Andreas einen leidenschaftlichen Gutenmorgenkuss. Danach bereiteten sie ihr Frühstück vor. »Andreas, Leonardo und Salvatore sind jetzt sechs Jahre alt. Es wird Zeit, an einen Nachfolger für Leonardo zu denken.« »Ist das nicht ein wenig früh?«, fragte Andreas erstaunt. »Nein. Ich würde ihn gerne in drei, vier Jahren in Rente schicken. Die Ausbildung zu einem Blindenführhund dauert nun einmal zwei Jahre.« Andreas verstand, worauf Carsten hinauswollte. Zwei Jahre für die Ausbildung und dann ein Jahr für die Auswahl des passenden Hundes. Das war wirklich kein langer Zeitraum. »Glaubst du, Leonardo wird noch einmal eine Hündin decken?«, fragte Andreas nach und schenkte zwei Tassen Kaffee ein. »Ich dachte da eher an Gina. Sie wäre so in sechs bis neun Monaten für ihre erste Schwangerschaft soweit. Doch das möchte ich erst mit Andrea besprechen. Die Welpen der Familie von Arco waren immer etwas Besonderes. Alternativ werde ich heute Dr. Miller um seinen Rat fragen, wenn ich eh schon da bin.« »Guten Morgen, ihr beiden«, begrüßte Edward beim Eintreten. »Guten Morgen Edward. Wie war es bei deiner Familie?«, fragte Carsten. »Gut. Ich bat sie um die Milch und ab nächste Woche bringen sie uns zwei Liter die Woche mehr. Zumindest stand es so auf dem Küchenboard.« »Oh, das ist nett«, antwortete Andreas. »Ich habe es als Erinnerung aufgeschrieben.« »Mama freut sich. Ich habe Papa um seinen Rat gefragt. Nach dem Dinner haben Papa, Sam und ich uns die Fläche auf der Karte angesehen und eine Einteilung möglicher Weiden gemacht. Für das in Frage kommende Gelände könnten wir fünf Weideflächen einteilen. Zwischen den Weiden und dem Anwesen bliebe ein schmaler Streifen ungenutzt«, fasste Edward zusammen. »Warum bleibt es übrig?«, wollte Andreas wissen. »Der Boden ist für eine Weidefläche ungeeignet. Einige Stellen sind zu steinig, andere dagegen zu weich. Zumindest für schwere Tiere wie Cattles.« »Schafe würde er tragen? Ich hätte da eine Idee für eine Streuobstwiese. Den Bäumen würde der Boden zugute kommen. Dazwischen können dann unsere Schafe grasen.« Sowohl Edward als auch Carsten hörten erstaunt diesem Vorschlag zu. Andreas konnte schon vor dem Frühstück sehr kreativ sein. »Das könnte funktionieren. Behalten wir deine Idee im Kopf. Doch jetzt sollten wir uns um den Rest der Familie kümmern«, unterbrach Carsten die Kreativität: »Ich gehe mal die Hunde hereinholen.« »Ich bereite uns das Frühstück vor. Cedric darf noch etwas schlafen«, warf Andreas ein. Carsten nickte zustimmend.

»Die Rationen der Tiere habe ich bereits fertig, wir können frühstücken«, schlug Andreas vor. Carsten gab noch das Kommando für die Fressorgie der Hunde und dann widmeten sie sich der ersten Mahlzeit. »Kommt Mrs Sánchez heute?«, fragte Edward vorsichtshalber nach. »Nein, erst am Montag wieder. Hast du einen besonderen Grund?« »Oben der Technikraum ist recht staubig. Da sollte mal wieder gereinigt werden. Ich würde es ja selbst machen …« »… doch für die gute Seele wäre es nicht gründlich genug«, vervollständigte Andreas den Satz. »Schreib es auf ihre To-do-Liste auf dem Board. Mrs Sánchez wird es dann nächste Woche erledigen«, bestimmte Carsten zuversichtlich.

Nach dem Frühstück weckte Carsten seinen Sohn. Ganz begeistert war dieser von der Unterbrechung nicht, doch nach dem Bad war er munter genug, um seinem Papa von seinen Träumen zu erzählen. Carsten schmunzelte bei dem, wie Cedric es ausdrückte. Nicht dass er es verstanden hätte, doch das war auch nicht nötig. Ihm war wichtig, dass sein Sohn lebhaft sprach und dabei auch seinen Spaß hatte. Da machte es ihm nichts aus, dass die morgendliche Routine länger dauerte. »Abba, mmh?«, fragte der Junge plötzlich. »Ja, jetzt gibt es dein leckeres Frühstück. Dein Papa hat schon etwas für dich vorbereitet«, antwortete Carsten. »Kako?« »Natürlich gibt es auch Kakao für dich. Jetzt gehen wir schnell hinunter, damit dein Kakao nicht kalt wird.« Der Papa nahm Cedric auf den Arm und gingen in die Küche. Dort hatte Andreas für ihren Sohn ein Gemüse-Obst-Kompott zubereitet und dazu frischen Kakao gekocht. Carsten setzte Cedric in seinen Stuhl und Andreas begann ihn zu füttern. Während der Junge genüsslich mampfte, guckte er sich interessiert um. Typisch für ihn, babbelte er dabei munter zwischen zwei Löffel Brei: »Baba, Dada wo?«, und spuckte etwas Kompott aus. Andreas wischte den Sabber mit einer Servierte weg. »Die Hunde haben schon gefrühstückt und ruhen sich jetzt etwas aus. Carsten wird später mit dir Gassi gehen. Dann kannst du dich selbst davon überzeugen, dass es ihnen auch gut geht.« »Ach werde ich das?«, fragte Carsten scherzend. »Klar. Ich räume etwas die Küche auf und mache das Bad des Jungen sauber.« Dann wandte er sich Cedric zu: »Was meinst du über unsere Arbeitsteilung?« Erst guckte er seinen Baba verständnislos an, meinte dann aber recht bestimmend: »Dada spielen!« Sowohl Carsten als auch Andreas nahmen es als seine Zustimmung zu dem Plan.

Während Carsten seine Sohn für einen Spaziergang vorbereitet, begann Andreas, die Küche aufzuräumen. Bevor er jedoch das Bad wieder ordentlich herrichten konnte, klingelte das Telefon. »Zahradník!«, meldete er sich. »Guten Morgen Andreas.« »Hallo Arthur. Was gibt es?«, fragte Andreas gleich. »Einmal hat die Baubehörde die Pläne genehmigt. Luthais und ich sind am Wochenende in eurer Gegend, wenn es noch Wünsche gibt, können wir darüber sprechen. Dann können wir in zwei Wochen mit dem Entkernen der Lodge beginnen«, gab der Architekt seinen Grund preis. »Klingt super. Ja, kommt doch am Samstag vorbei, ich werde Edward bitten, dazu zu kommen. Falls er noch etwas hat, könnt ihr darüber sprechen. Warum seid ihr überhaupt hier, ein neues Projekt?« »Nein. Luthais meinte, dass wir uns mal ein verlängertes Wochenende in Schottland gönnen sollten. Seit dem Herbst hatten wir genug zu tun und kaum mal ein Wochenende frei. Wir nehmen uns jetzt die Freiheit, eine Woche Urlaub zu machen, heraus.« »Klingt vernünftig. Also Samstag Vormittag zum Brunch?«, lud Andreas seinen Architekten ein. Dieser stimmte nach einer kurzen Rücksprache mit seinem Statiker zu. Dann legte Andreas auf und widmete sich dem Kinderbad. Gerade hatte er den Boden gewischt, als das Telefon ein weiteres Mal klingelte. »Also irgendwann ziehe ich den Stecker. Das Dingen geht mir heute gehörig auf die Nerven«, meinte er zu sich selbst. »Zahradník!« »Hallo Andreas,«, grüßte der Ortsvorsteher ihn, »Kann ich heute mal zu euch kommen? Ich habe da ein paar Fragen zu unserer Dorfstraße und der Gestaltung.« »Sagen wir heute Nachmittag? Ich bin gerade bei der Hausarbeit und Carsten ist noch unterwegs.« »Wenn es früher nicht geht, ich verschiebe einen Termin und komme gegen 15 Uhr«, bestätigte Mr Gilles. Damit wurde auch dieses Gespräch beendet.

Mr Gilles wurde von Carsten empfangen und geleitete ihn in Andreas’ Arbeitsraum. »John, was liegt an?«, kam dieser direkt zum Thema. »Ihr wisst ja, dass die Straße um einige Yards verlegt wird. Damit ist der alte Anger als Grünfläche passé. Die Regionalverwaltung hat zwar als Bauherr das Sagen bei der Straßensanierung, das trifft aber nicht bei der Gestaltung der Begrünung zu. Laut den Bauplänen sieht das alles sehr steril und vor allem weniger einladend aus«, umschrieb er sein Problem. »Ich weiß, ich habe den Auftrag vom ursprünglichen Landschaftsgärtner übernommen und betreue die Maßnahmen im Herbst. Die Begrünung ist mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bereits ausgereizt. Was hast du dir denn eigentlich vorgestellt?«, ging Andreas auf das Problem ein. »Also der Ortsrat meinte, dass wir einen vernünftigen Ausgleich zum alten Anger benötigten. Immerhin war das unsere Festwiese.« »Nun, laut der Zeichnung nimmt die Straße nur ein Sechstel des Angers in Anspruch. Damit kann man arbeiten. Zum Gemeindehaus die Fläche erweitern, indem man einen einfachen Fußweg dorthin gestaltet. Oder muss man unbedingt mit einem Auto vor die alte Schule fahren können?« »Nein. Es gibt auf der hinteren Seite den alten Lieferantenweg. Den müssen wir eh pflegen, da er zum primären Brandschutz gehört.« Andreas und Carsten nickten. Dann fuhr Andreas fort: »Zur Straße hin eine dichte Hecke. Da der Spielplatz wegfällt, könnte man die Festwiese wieder herstellen. Das wäre eine Option, um der Gemeinde die Örtlichkeit zu erhalten. Der Verlauf der alten Straße wird bereits renaturiert. Da würden sich einige grüne Nischen mit Sitzplätzen gut machen. Wie ist das Verkehrsaufkommen an sich?« »Die letzte Zählung ist jetzt auch wieder fünf Jahre her, doch statistisch durchschnittlich weniger als tausend Fahrzeuge pro Tag. Warum willst du das wissen?«, fragte John nach. »Ganz einfach, wer will schon neben einem Motorway sitzen und frische Luft tanken? Aber hier sind solche Sitzgelegenheiten sinnvoll. Vielleicht erlaubt die Gemeinde eine bewirtschaftete Fläche zum Verweilen? Dort sind Bäume angebracht, als Schattenspender und natürlicher Lärmschutz.« »Klingt nicht schlecht. Was glaubst du, wie hoch die Investition sein müsste?« Andreas sah seinen Nachbarn fragend an: »Also, bisher waren das nur Ratschläge. Laute Überlegungen. Zusätzlich zu dem vorhandenen Budget eine fünfstellige Summe und ca. einen Monat zusätzliche Bauarbeiten. Ich schlage dir vor, das im Gemeinderat zu besprechen.« Sein Gegenüber sah diesen Vorschlag skeptisch: »Die Gemeindekasse wurde bereits arg strapaziert, ich glaube nicht, dass der Rat sich für eine Investition in dieser Höhe entscheidet.« Die ganze Zeit hörte Carsten dem Gespräch zu. Ihm war klar, dass Andreas solche Kostenabschätzung aus Erfahrung machte. Nicht auf den Penny genau, doch es kam im ersten Schritt immer auf die Größenordnung an. Eine Kalkulation machte er ja immer erst bei der Planung. »Nun, John. Es gibt natürlich mehrere Möglichkeiten. Die erste wäre, mit der Bezirksverwaltung zu sprechen. Da könnte man über Varianten verhandeln, dazu eine Eigeninitiative unter Anleitung. Da liegt das größte Einsparpotential. Hier bietet sich auch an, alte Materialien wiederzuverwenden. Zum Beispiel die alten Gehwegplatten für den Fußweg zum Gemeindehaus oder die Sitzgelegenheiten. Es werden ja auch Pflanzen, Sträucher und Bäume entfernt. Diese professionell mit Ballen ausgraben und später wieder einpflanzen. Das alles senkt die Ausgaben. Wenn du diese Argumentation bei der Gemeindeversammlung verwendest, wird der Widerstand schon geringer sein.« »Zuletzt bietet sich auch an, die Bewohner mit einzuspannen. Hat den Vorteil, die Akzeptanz bei der Bevölkerung zu steigern«, brachte sich Carsten in das Gespräch ein. »Wie lange wird diese Maßnahme eigentlich dauern und wie wird der Verkehr umgeleitet?«

»Die Bauarbeiten dauern bis Ende des Sommers. Der Verkehr wird einspurig über die alte Straße geregelt. Sobald die neue Straße fertig ist, das wird zu Beginn des Sommers sein, wird die alte Strecke zurückgebaut.« »Also insgesamt ein dreiviertel Jahr. Das ist ausreichend Zeit, noch einmal eine Alternative zu präsentieren. Ansonsten wird wohl erst einmal der Standard das Bild prägen«, schloss Carsten ab. »Ich spreche in der nächsten Ratsversammlung das Thema an und mal sehen, wie es sich entwickeln wird. Danke, ihr beiden.« Andreas übergab ihm die Pläne und begleitete den Gast hinaus. Carsten selbst blieb noch etwas in Andreas’ Büro. »Ein Penny für deine Gedanken!«, meldete sich Andreas zurück. »Ich wusste nicht, dass du die Leitung der Begrünung hast.« »Das kam eher zufällig zustande. Die Regionalverwaltung hat sich von ihrem Landschaftsgärtner getrennt und benötigte einen Ersatz. Die Grafschaft hat bei mir angefragt, ob ich dieses Projekt nicht übernehmen könnte. Ist zwar keine Herausforderung, aber die Provision stimmt«, antwortete ihm Andreas. »Warum macht John so ein Aufhebens um den Platz und die Straße? Die ganze Planung liegt doch sicher schon Jahre zurück.« »Eine sehr interessante Frage. Du hast recht mit der Vermutung, dass die Planung schon lange abgeschlossen ist. Auf dem Plan stand das Datum der Genehmigung von vor drei Jahren. Danach schließt sich die ganze Organisation des Projekts an. Da sind drei Jahre bis zur Realisierung schon ein kurzer Zeitraum. Also, die Gestaltung der Grünanlage sollte der Gemeinde bestens bekannt sein. Ich kann nur vermuten, dass John mich und meine Philosophie zum Landschaftsbau mit einbeziehen will. Oder, dass sich die Planung durch Wünsche der Bevölkerung verändert hat. Der Platz ist nicht gerade das geographische Zentrum. Der alte Anger hatte einen gewissen Charme, durch die neue Straße wird er nicht mehr herzustellen sein. Da braucht es neue Impulse. Für den Fall, dass die Gemeinde eine neue Ausschreibung für die Grünanlage macht, würde ich mich darum auch bewerben. Potential für eine Festwiese hat es allemal, wenn auch etwas kleiner als zuvor. Das kann aber dadurch kompensiert werden, indem der ganze Bereich, samt der Straße, richtig in Szene gesetzt wird.« »Was denkst du, wie viel die Gemeinde dafür ausgeben will?« »Also fünfstellig wird es allemal. Wenn aber die Bevölkerung sich daran beteiligt, hält es sich in Grenzen. Obendrein wird die Gestaltung individuell. So etwas findest du dann in keiner anderen Gemeinde.« »Planst du das dann alles mit ein?«, fragte Carsten interessiert. »Ja. Ich habe schon Erfahrung in privaten Gärten damit gemacht. Da haben die Eigentümer mitgearbeitet und so die Ausgaben erheblich gesenkt. Oft wird auch gewünscht, die alten Materialien wieder zu verwenden. Da bekommt so eine grüne Insel einen individuellen Charakter. Zurück zum Anger: Ich würde sogar einen Brunnen mit einplanen. Sowohl optisch als auch durch das Rauschen von Wasser lockert es den Bereich auf.« »Deine Ideen sind immer etwas Besonderes. Doch jetzt sollten wir uns mal um unsere Familie kümmern«, schloss Carsten das Thema ab. »Du meinst Cedric beschäftigen?« »Eher umgekehrt, unser Sohn beschäftigt uns. Zur Zeit mag er seine Bauklötze und kann sich damit lange beschäftigen …« »Klar, und wir räumen später auf.« »Was soll’s? Ich denke, wir haben als Kinder ebenfalls diese Arbeit unseren Eltern überlassen. So schließt sich der Kreis, denn jetzt sind wir dran.«

Im Wohnzimmer lag Cedric noch kuschelnd bei den Hunden. Er brabbelte munter vor sich hin und es schien, als ob die Vierbeiner ihm zuhörten. Beim Eintreten blickten Salvatore und Leonardo auf und weckten das Interesse des Jungen. »Baba! Abba!«, bestätigte er seine Erkenntnis. »Dada wee?« Andreas sah sich die beiden Hunde an und nickte mit dem Kopf. »Wir lassen sie in den Garten. Da können sie sich auch austoben. Hast du Lust, mit deinen Papas zu spielen?« »Da!«

Die drei spielten lange. Zwischendurch ließ Carsten die Hunde wieder ins Haus. Die Aktivität forderte ihren Tribut und Cedric wurde müde. Während Andreas ihn in sein Tagesbett legte, begann Carsten, die Spielwiese etwas aufzuräumen. Andreas sah sich um, ganz so chaotisch fand er es eigentlich nicht: »Weisst du was, Tiger, räumen wir nicht alles weg. Später können wir ruhig noch weitere Türme und Häuser bauen. Lass uns einen Kaffee trinken und überlegen, was wir zum Abendessen machen«, meinte Andreas schlicht. »Großen Appetit habe ich eigentlich nicht. Etwas Leichtes, Spaghetti?« »Dazu eine Tomaten-Mango-Sauce, etwas Salat und für Cedric noch einen Grießbrei zum Nachtisch. Ja, das klingt gut und geht recht schnell. Was machen unsere Dauergäste?« »Edward wollte zu seiner Familie und Merlin ist sicher noch bei Eric, für die Prüfung lernen. Sag mal, was hältst du von dem Teenager?«, fragte Carsten abschließend. »Er ist ganz Okay und Merlin tut ihm scheinbar gut. Ich traf die Smiths auf dem Wochenmarkt und sie erzählten etwas von einer Verwandlung. Neben den unfreiwilligen Praktika sieht er es wohl als seine Aufgabe, Merlin durch den Schulstoff zu manövrieren. Ich empfinde ihn als einen sympathischen Teenager. Warum möchtest du das wissen?«, fragte Andreas nach. »Ich habe mit Mrs Baker telefoniert, weil ich ihre fachliche Meinung benötigte. Dabei fiel Erics Name. Im Verlauf des Gesprächs wollte sie von mir wissen, wie die Chancen für ein Studium der darstellenden Kunst stehen. Ich antwortete ihr, dass die Chancen generell recht günstig sind, vor allem weil es noch freie Stipendienplätze gibt. Ich empfinde, dass solches generelles Wissen zu meinen Aufgaben als Dozent gehört. Ich berate ja auch im Vorfeld Interessenten. Anscheinend hat Mary Eric ein Studium in dieser Richtung empfohlen.« »Interessant. Vielleicht sollte er sich mal mit Jihan unterhalten, er ist vom Fach und kennt sicher gute Adressen.« »Können wir machen. Wie lange brauchst du für das Dinner? Ich würde mit den Hunden raus gehen.« »Nicht länger als eine Stunde. Soll ich die Rationen auch schon machen?« »Nein, ich gehe nur eine kleine Runde und dann mache ich das Futter. Du sollst ja nicht nur arbeiten, trink noch einen Kaffee für mich mit«, lächelte Carsten charmant.

Cedric liebte seinen Nachtisch und Carsten half ihm dabei, diesen zu löffeln. Anscheinend war der Junge nicht gewillt, noch länger aufzubleiben. Andreas brachte ihn zu Bett, während Carsten mit Merlin die Küche aufräumte. »Carsten, kann Eric dieses Wochenende hier übernachten? Morgen möchten wir noch einmal den Stoff durchgehen und am Sonntag machen wir eine gemeinsame Radtour.« »Sollen wir ein Gästezimmer vorbereiten?«, lautete eine schlichte Frage als Zustimmung. »Wie war es heute beim Doktor?«, folgte eine weitere Frage. »Entspannend. Sabrina hat die EDV gequält und die fälligen Rechnungen geschrieben. Ich habe mich um den Vorrat der Medikamente gekümmert. Dr. Miller überprüfte die Instrumente und seinen Arztkoffer. Zuletzt haben wir seinen Wagen gründlich gereinigt. Mann, in seinem Kofferraum konnte ich die letzten vierzehn Tage nachvollziehen. War das bei Paul auch so?« »Papa? Nein, er hat den Wagen jede Woche von innen reinigen müssen. Da hatte Mama ein Auge drauf. Ich denke, er mochte es auch immer aufgeräumt. Immerhin hat der Wagen gute fünfzehn Jahre zuverlässig seinen Dienst verrichtet. Andrea wird den Jeep aus Gewohnheit pfleglich behandeln. Ist auch notwendig, weil die Ausstattung bei weitem umfangreicher ist.« Andreas kam von Cedric wieder: »Unser Sohn ist im Reich der Träume. Sag mal, Carsten, wie kommst du mit dem Konzert voran?« »Zur Zeit eher schlecht als recht. Tchaikovsky hat ein paar interessante Raffinessen komponiert. Da braucht es noch einige Stunden Arbeit. Dafür hat das Orchester bereits zugesagt, es im kommenden Jahr in ihr Programm aufzunehmen.« »Das ist aber noch lange hin«, wunderte sich Merlin. »Eigentlich nicht. Solche internationalen Konzerte bedürfen einiges an Vorbereitung. Das Orchester muss auch noch mit mir Proben abhalten, damit es ein Erfolg wird. Mein Agent wird entsprechende Zeiten und Treffen vereinbaren. Das geht nun einmal nur mit entsprechender Organisation. Nebenbei habe ich dieses Jahr auch noch andere Konzerte und meine Lehrtätigkeit am College«, klärte Carsten den Jugendlichen auf. »Was hast du heute noch vor?«, fragte Andreas nach. »Ich werde mich gleich noch mit Chemie beschäftigen. Vielleicht noch eine Stunde und dann fällt bei mir der Hammer. Ich will morgen ausgeruht sein, wird ein Lernmarathon werden. Eric und ich wollen danach noch zu Ben. Uns unter das Volk mischen.« »Seid nicht so laut, wenn ihr kommt«, grinste Andreas Merlin an. Carsten wurde einen Moment still. »Wenn ihr morgen hier seid, würde es euch etwas ausmachen, auf die Hunde aufzupassen?« »Nein, Clòimh wird sich freuen, wenn er mit seinen Kumpel abhängen darf. Edward ist morgen unterwegs und bat mich bereits, auf seinen Hund aufzupassen. Da machen zwei weitere Gesellen nichts aus«, stimmte Merlin zu: »Außerdem können wir ja nicht ununterbrochen lernen. Da ist es ganz gut, in den Pausen mit Bewegung und Ablenkung den Geist wieder frei zu bekommen.« »Was hast du vor, Tiger?« »Ich denke, wir sollten mit Cedric mal zu einem Spiel- und Freizeitpark fahren. Was meinst du?« »Die Idee hat etwas. Machen wir daraus einen Familientag und unsere Vierbeiner haben einen Tag Urlaub von ihren Zweibeinern.«

Merlin verabschiedete sich und zog sich in sein Zimmer zurück. Andreas holte zwei Gläser und eine Flasche Wein aus der Küche. Im Salon machten sie es sich gemütlich und während Carsten in einem Buch las, sah Andreas fern. Dabei kuschelte er sich bei Carsten ein. Nach einiger Zeit spürte dieser, wie Andreas sich an ihn lehnte. Vorsichtig legte er sein Buch zur Seite und kraulte Andreas durch sein Haar. Unter dieser Behandlung schnurrte Andreas wie ein kleines Kätzchen. Sanft gab Carsten ihm einen Kuss auf die Stirn. »Ich denke, wir sollten Schluss für heute machen. Es war ein anstrengender Tag.« Andreas nickte lediglich. Es dauerte wirklich nicht lange und Andreas schlief friedlich in seinem Bett. Dieses Mal war es Carsten, der sich nach dem Kontrollgang ankuschelte.

Am folgenden Morgen wartete bereits ein fertiges Frühstück auf die Hausherren. Merlin freute sich über die gelungene Überraschung für Andreas und Carsten. »Ich habe auch schon Kakao für Cedric und ein Gemüsekompott zubereitet. Alles andere überlasse ich euch. Macht euch einen schönen Start.« »Was ist mit dir?« »Ich habe bereits gefrühstückt und gehe mit Clòimh Gassi.«

Andreas und Carsten bedankten sich bei ihm.

»Es ist lieb von ihm, uns zu überraschen. Mal sehen, ob unser kleiner Mann das genauso sieht?«, resümierte Carsten. Andreas ging zum Kinderzimmer und holte Cedric. Der Junge war von dem Brei begeistert und der Kakao war schnell getrunken. Er wollte sogar noch mehr von allem. »Also, unser Sohn ist ebenfalls von Merlins Service überzeugt. Soviel hat er lange nicht mehr gefrühstückt.« »Da stimme ich dir zu, könnte beim Ausflug zu einem Problem werden«, gab Andreas zu bedenken. »Bisher hat er uns immer rechtzeitig gewarnt, dennoch, nehmen wir einfach eine Ersatzgarnitur mit«, wurde Carsten pragmatisch. »Wenn wir schon dabei sind, was hältst du von einem Picknick zum Lunch? Hatten wir schon lange nicht mehr.« »Gut, ihr beiden geht mit unseren Hunden Gassi und ich bereite uns etwas vor. Deal?« Carsten stimmte ihm zu. Mit Cedric wurde die Runde zu einem Vergnügen. Während Andreas ein leckeres Picknick vorbereitete. Zwei Stunden später fuhren sie los. Cedric wunderte sich ein wenig, weil seine ›Dadas‹ nicht dabei waren. Carsten erklärte ihm, dass Merlin auf Leonardo und Salvatore aufpassen würde und die Hunde heute mal allein sein dürften. Dann spielten sie ein wenig mit dem Teddy im Auto und das lenkte den Jungen ab. »Wir sind gleich da«, informierte Andreas.

Das Spiel- und Freizeitzentrum versprach nicht zu viel. Für alle Altersgruppen war etwas dabei. Cedric fand den Ballpool interessant. Mit seinen Papas spielte er lange darin. Dann wurde er müde und Andreas legte ihn in sein mobiles Bettchen. »Du, Tiger, ich habe da eine kleine Snackbar gesehen. Wie wäre es, wenn wir unsere ›Batterien‹ laden?« »Das wäre wirklich gut. Cedric ist heute sehr aktiv.« Andreas ging los und besorgte Sandwiches und Erfrischungsgetränke. Wenig später saßen die beiden auf einer Parkbank und luden ihre Akkus auf. Hin und wieder sah Andreas nach Cedric, der friedlich schlief. »Was werden wir als nächstes machen?«, fragte Carsten. Andreas holte das Prospekt des Freizeitgeländes hervor. »Hm, da wäre ein Streichelzoo, eine Riesenrutsche, Sandkasten …«, begann er vorzulesen. »Wir probieren den Zoo. Tiere sind immer gut. Falls Cedric anderer Meinung ist, dann die Rutsche und den Sandkasten.« Andreas fand die Reihenfolge angemessen. Dann suchte er eine geeignete Stelle für ihr Picknick auf dem Plan. »Dein Vorschlag hat was. Dann sind wir zum Lunch an einem kleinen Park. Auf dem Plan sind dort auch Flächen für ein Picknick eingezeichnet.« Carsten nickte zustimmend. Nach der kleinen Pause nahm Carsten die Tasche mit dem schlafenden Cedric an sich und ließ sich von Andreas führen.


Merlin bereitete in seinem Zimmer alles für’s Lernen vor. Er hatte sich mit Eric um 10 Uhr verabredet. Pünktlich meldete sich sein Lehrer durch ein Klingeln am Tor. »Merlin, ich bin es. Lässt du mich rein?«, sprach er in die Gegensprechanlage. »Sofort, Eric.« Dann ertönte bereits der Summer und der Jugendliche trat durch die Pforte. Am Haupteingang erwartete ihn Merlin samt drei Hunden. »Eine kleine Änderung in unserem Vorhaben: Wir sind heute auch Hundesitter.« »Ist nicht weiter schlimm. Paps sagt immer, in den Pausen soll man sich bewegen. Dann gehen wir etwas mit ihnen raus.« Merlin nickte zustimmend. Dann begannen die Nachhilfestunden. Eric war zum Lunch ganz zufrieden mit seinem Schüler. In Chemie hatte Merlin keine Probleme, war sogar im Lernstoff etwas dem offiziellen Lernplan voraus. »Also, mit Chemie sind wir durch. Alle Aufgaben hast du souverän gelöst. Ich schlage vor, wir machen eine Pause und widmen uns nach dem Lunch Englischer Literatur der Gegenwart. Diese zu interpretieren, ist oft nicht einfach und wird hin und wieder in der mündlichen Prüfung abgefragt.« Eric sah Merlin seine Stirn runzeln. »Es klingt schlimmer als es ist, doch das nehmen wir uns nach der Pause vor. Jetzt resetten wir unseren Geist«, bestimmte Eric. Zuerst ging es mit den Hunden Gassi. Anschließend machten sie sich in der Küche Sandwiches. »Was magst du trinken? Kaffee, Tee …?«, fragte Merlin. »Hast du auch Cola?«, brachte Eric eine weitere Variante ins Spiel.

Während sie aßen, sprachen sie über die abendlichen Aktivitäten. »Alles schön und gut, doch wir haben noch einiges bis dahin zu erledigen«, beendete Eric die Pause. »Räumen wir kurz auf und dann können wir loslegen.«

In der Bibliothek fand Eric die passende Literatur. »Mann, die haben wirklich eine gut sortierte Büchersammlung. Haben die das alles gelesen?«, bemerkte Eric. »Ich denke schon. Also, der Fernseher ist nicht oft an. Beide lieben es, abends noch zu lesen.« »Was ist mit den Büchern in der Vitrine?« »Das sind Abiturauszeichnungen ihrer Schule. Zwar nur Faksimile, doch echte Handarbeiten. Ich glaube, diese Werke sind wahre Schätze in ihrer Sammlung.« Dann zeigte Merlin ihm Bücher von Carsten. »Sind etwas größer und umfangreicher, doch das bleibt bei Braille nicht aus.« »Lesen sie denn nicht am Computer und lässt Carsten sich die Texte nicht vorlesen?« »Selten, er liebt es, Literatur in den Händen zu halten. Glaub mir, ich bekomme einen ganz anderen Zugang zu den Geschichten und Texten, wenn ich sie in den Händen halte. King Lear am PC zu lesen strengt an und ich werde schnell müde dabei. Das Buch selbst habe ich in drei Tagen gelesen und sogar verstanden, worum es ging. Gwenda war von meiner Zusammenfassung angetan.« »Gut. Dann machen wir weiter«, grinste Eric Merlin an. Konzentriert gingen sie ans Werk. Zwischendurch machten sie weitere kleine Pausen. Die Vierbeiner gaben immer den passenden Zeitpunkt vor.

»Sag mal, Merlin«, begann Eric, »können die Hunde die Uhr lesen? Immer wenn es Zeit für eine Pause ist, kommen sie angeschlichen.« »Bestimmt nicht, ich denke, es ist ihr Instinkt. Bei Leonardo scheint es schon Gewohnheit zu sein. Carsten achtet immer darauf, dass sein Hund sich nicht länger als eine Stunde konzentrieren muss. Dr. Miller erklärte es mir: Tiere hören viel besser auf ihre innere Uhr als wir Menschen. In der Evolution hat sich diese Zeitspanne als optimal erwiesen. Davon gibt es zwar Ausnahmen, wie das Faultier, Koala und weitere Spezies. Raubtiere wie Wölfe, Großkatzen ect. konzentrieren sich bei der Jagd ca. 45 Minuten plus-minus und machen dann eine Pause. Egal, ob die Jagd erfolgreich war oder nicht. Du kannst das auch bei Herdentieren beobachten.« Darüber dachte sein Freund nach. »Komm, lass uns in den Garten gehen und etwas spielen. Ein Freund meinte einmal zu mir, dass Bewegung den Geist befreit.« Drei Hunde jagten einem Diskus hinterher und brachten diesen immer zu den Teenager zurück. Als nach zehn Minuten Salvatore in den Teich sprang, beendete Merlin die Unterbrechung. »Musst du jetzt den Hund noch trockenreiben?« »Nein, es ist warm und so wie die Bande aussieht, relaxen sie noch etwas im Garten.« »Keine Angst, dass sie weglaufen?« »Nein. Sie streifen vielleicht durch ihr Revier, doch sie verlassen nicht das Grundstück. Falls sie ins Haus möchten, Salvatore zieht dann an der alten Klingel.« »Clever. Hat ihm das jemand beigebracht?« »Ich glaube nicht. Da sie auch Türen öffnen können, haben sie es einfach mal ausprobiert und weil es erfolgreich war, haben sie es sich gemerkt.« »Klingt plausibel. Vorschlag: Wie machen jetzt noch eine Lektion und dann soll es genug für heute gewesen sein.« »Okay. Sollen wir vorher noch etwas essen, bevor wir zu Ben gehen?« »Eine Kleinigkeit wäre angebracht«, wünschte sich Eric. Dann lernten sie englische Literatur. Als sich Charaid bemerkbar machte, wunderten sie sich, dass es Zeit für einen Imbiss wurde. »Carsten hat diese Woche Erbsensuppe gemacht. Die können wir aufwärmen und dazu etwas Toast. Geht schnell.« Eric stimmte dem Vorschlag zu. Während er in der Küche den Tisch deckte, machte Merlin die Rationen für die Tiere. Zwischendurch sah er nach der Suppe und rührte diese um. Eric sah ihn dabei, wie Merlin nach einem Rezept die Zutaten für die Hunde aus dem Kühlschrank holte. »Ihr habt ein Kochbuch für die Futterrationen? Ich dachte, es ist immer das Gleiche?« »Nein, keiner will die Hunde mästen und es soll auch abwechslungsreich sein. Carsten hat die meiste Erfahrung damit und über die Jahre hat er verschiedene Rezepte aufgeschrieben. Heute sind es überwiegend Ballaststoffe und Kohlenhydrate. Carsten bat heute morgen noch darum. Nur der Kater bekommt seine Portion püriertes Fleisch. Sieh mal nach dem Topf. Die Suppe sollte heiß genug sein. Ach Eric, tut mir leid, dass es mit dem Shepard Pie diese Woche nichts wurde.« Eric nahm den Topf vom Herd und stellte diesen auf einen steinernen Untersetzter auf dem Tisch. »Holen wir nach. Bryan hatte mich am folgenden Tag zu Schwerstarbeit verdonnert. Wir bekamen eine Lieferung Rohmaterial geliefert. Ich bin abends nur noch ins Bett gefallen.« Merlin verteilte die Näpfe. Das Geräusch lockte die Hunde an. Dann gab er das Kommando. Bis auf Charaid machten drei Hunde kurzen Prozess mit ihrem Futter. Am Tisch ging es gesitteter zu. Eric fand die Erbsensuppe lecker und konnte nicht glauben, dass Carsten diese zubereitet hat.

Aber das wurde schnell zur Nebensache: »Am Anger geht es ganz schön her«, begann Eric, »Papa rechnet, wegen der Baustellenampel, mit einigen Problemen.« »Ganz so schlimm wird es wohl nicht werden. Ich bin etwas traurig, weil durch die neue Straße der Charme des Angers leidet«, meinte Merlin. Eric stimmte ihm zu. Es wurde still am Tisch. Plötzlich wurden die Hunde unruhig und Clòimh bellte sogar. »Was haben denn die Tiere?«, fragte Eric. »Sieht so aus, als ob die Familie zurück ist.«

Leonardo und Salvatore begrüßten ihren kleinen Schützling am Haupteingang. »Dada!«, hörten sie Cedric erfreut rufen. Wenig später betraten sie die Küche. »Hallo Carsten. Wo ist Cedric?« »Hallo ihr beiden. Andreas ist mit ihm hoch, um seine wärmende Kleidung auszuziehen. Ich dachte, ihr seid schon unterwegs.« »Gleich. Wir haben uns noch mit der Erbsensuppe eine kleine Grundlage geschaffen«, informierte Merlin. »Habt ihr noch etwas für uns übrig gelassen? Es geht ein frischer Wind und etwas Warmes täte uns allen gut«, hakte der Angesprochene nach. Beide Jugendlichen bestätigten ihn synchron.

Eine halbe Stunde später verabschiedeten sie sich. »Schatz, ich habe den Tisch gedeckt und den Topf mit der Suppe auf dem Herd stehen. Glaubst du, Cedric mag auch etwas davon haben?« »Klar, dazu noch ein Buttertoast und er ist glücklich. Merlin sagte vorhin noch, dass unsere Hunde bereits gefüttert wurden.« »Ist gut, dann gehe ich später mit ihnen noch einmal ums Haus. Können wir essen?«, fragte er nach. »Ja, ich hole unseren Sohn, er kuschelt ein wenig bei den Vierbeinern.«

Cedric war froh, dass er noch ein wenig Warmes zu essen bekam. Dazu einen fruchtigen Tee. »Es war wirklich ein schöner Tag. Ich hätte nicht gedacht, dass Cedric so eine Ausdauer an den Tag legen würde. Der Ballpool und das gemeinsame Rutschen mit uns hat er genossen.« »Und wie, ich habe ein paar Fotos gemacht, wie ihr beiden die große Rutschbahn heruntergekommen seid. Seine Augen leuchteten förmlich wie kleine Sterne vor Freude.« »Seine Freude konnte ich fühlen. Mir hat es gefallen, wie wir drei dann zusammen die kleine Siesta gehalten haben. Du, ich und der kleine Mann zwischen uns.« Carsten nahm noch einen Teller Erbsensuppe. »Danke für das lecker Picknick.« »Ich habe mir auch viel Mühe damit gemacht. Cedric war ganz erstaunt, mit uns auf dem Boden zu essen. Seinen Brei hat er gern gegessen. Die Kekse ordentlich zerkrümelt und beim Tee konnte ich gar nicht so schnell nachfüllen.« Carsten bestätigte ihn mit einem liebevollen Lächeln. »Übrigens, was wirst du mit den Fotos machen?« »Ich werde sie ausdrucken und dann in sein Fotoalbum kleben. Er wird sicher einmal gern darin blättern. Schreibst du den Tag in seinem Tagebuch auf?« »Selbstverständlich. Es sind Erinnerungen, wie er seinen Weg ins Leben mit uns ging. So hat er von seinen beiden Vätern etwas.«

Der Tag im Freizeitzentrum zollte bei Cedric seinen Tribut. Andreas machte ihn fürs Bett fertig. Kaum lag der Junge im Bett, schlief er sofort ein. Andreas legte den Teddybären zu ihm und deckte ihn zu. »Sweet dreams, Cedric«, wünschte er seinem kleinen Mann. Salvatore schien auch einen ruhigen Platz zu suchen und schob seine neugierige Nase durch die Tür. »Na, dann pass mal auf deinen Schützling auf. Carsten wird wohl später mit euch Gassi gehen.« Dann verließ der Papa das Zimmer.

»So, die Küche habe ich schon aufgeräumt«, empfing ihn Carsten, »wenn du erlaubst, gehe ich mich frischmachen.« »Mach nur. Wann gehst du Gassi?« »Es ist noch zeitig, lassen wir den Tieren noch Zeit zum Verdauen. In zwei Stunden sollte genau richtig sein, dann sind sie alle bis morgen früh ruhig. Was machst du jetzt?« »Ich gehe kurz meine Korrespondenz durch und danach würde ich gern wieder bei dir eine Klavierstunde nehmen.«

Wie sie es vorhatten, machten sie sich einen gemütlichen Abend. Während Carsten mit den Hunden eine letzte Runde drehte, machte Andreas einen kurzen Abstecher bei Cedric, bevor er dann im Salon noch eine Flasche Wein öffnete und zwei Gläser dazustellte. Die Geräusche im Porch ließen ihn aufhorchen. Carsten sprach mit den Vierbeinern, während er sie wieder trocken rubbelte. »Brauchst du Hilfe?«, fragte Andreas neugierig. »Kannst du Clòimh seine Augentropfen geben?«, bat Carsten. Andreas fackelte nicht lange und träufelte dem Hund die Medizin in die Augen. Danach verschloss er die Tür. »Ich habe für uns im Salon noch eine Flasche Rotwein. Lassen wir den Tag beschwipst ausklingen.« Carsten ahnte, wohin das noch führen würde.

Merlin und Eric kamen nach Mitternacht zurück. »Du Eric, wir sollten leise sein«, erinnerte Merlin seinen Freund an Andreas’ Worte. Eric nickte verstehend. Bei ihm war es ebenfalls so, doch oft bemerkte sein Dad ihn zurückkommen. Die Räder stellten sie in die Garage. »Wow, das Tor schließt sich aber leise«, flüsterte Eric. Merlin grinste nur. Dann öffnete er mit seinem Schlüssel die Tür zum Porch. Clòimh erwarte sie bereits und schnuffelte kurz. Als er die beiden Jugendlichen erkannte, zog er sich zurück. »Also ein Einbrecher hat hier wenig Chancen, unbemerkt herein zu kommen.« »Stimmt, doch das ist seine Aufgabe in diesem Rudel. Wir können uns darauf verlassen, dass er Alarm schlägt, sobald ihm etwas nicht geheuer ist.« Nachdem die Alarmanlage wieder aktiviert war, ›schlichen‹ die beiden zu Merlins Zimmer. Leider ohne großen Erfolg. Auf dem Weg dorthin liefen ihnen erst Leonardo und dann noch Salvatore über den Weg. Im Zimmer selbst lag Charaid noch eingerollt auf Merlins Bett. Als das Licht aufflammte, blinzelte er kurz, reckte sich und sprang herunter. »Jetzt haben wir ihn wohl gestört«, bemerkte Eric. »Ach nein. Jetzt wird es Zeit für ihn, auf die Jagd zu gehen. Wundere dich nicht, wenn morgen früh eine Maus vor dem Bett liegt.« »Ist doch ekelhaft«, schüttelte sich Eric. »Findest du? Es ist seine Art zu signalisieren, dass er mich mag. Aber nun zu dir. Carsten hat angeboten, das Gästezimmer neben meinem Bad herrichten zu lassen. Du kannst direkt durchs Bad dorthin.« »Ach nein, letztes Mal haben wir auch in deinem Bett geschlafen. Hat den Vorteil, dass wir uns noch etwas unterhalten können«, wiegelte Eric den Vorschlag ab. Nachdem sich beide hingelegt hatten, sprachen sie noch ein wenig über den Abend. Dann hörte Eric gleichmäßige Atemgeräusche neben sich. Erst lächelte er und dann beugte er sich zu seinem Bettnachbarn hinüber und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Merlin hatte es ihm angetan, gestand er sich ein. In der ganzen Zeit, wo sie zusammen waren, lernte er seinen Freund immer besser kennen. Trotz dass er einige Zeit auf der Straße gelebt hatte, hatte er sich seinen Optimismus bewahrt. Mehr noch, Merlin blieb selbst in schwierigen Situationen ruhig und überlegend. Eine Eigenschaft, die ihm in seiner Berufswahl sicher zugutekommen würde. Auch die körperlichen Attribute sprachen für seinen Freund. Athletische Figur ohne übertriebene Muskelpakete. Vor allem fand er dessen Gesicht süß …

»Andreas? Wie spät haben wir es? Mir scheint, wir haben lange geschlafen«, murmelte Carsten zu seinem Schatz. Der Angesprochene öffnete mühsam seine Augen und sah auf die Uhr neben dem Bett. »Verschlafen haben wir nicht. Es ist kurz vor acht. Mir scheint, unsere Bande hat uns heute den Schlaf gegönnt. Willst du sie raus lassen?«, fasste Andreas sich kurz. »Besser wäre es. Dann kann ich auch gleich das Frühstück vorbereiten.« Carsten robbte dicht an Andreas heran und bedeckte seinen Nacken mit kleinen Küssen. Als der Liebkoste sich umdrehte, endete das Liebesspiel in einem sehr leidenschaftlichen Kuss. »Ich liebe dich, Schatz«, flüsterte Carsten zärtlich. »Ich liebe dich auch …«, erwiderte Andreas, »… doch nun bin ich unromantisch: Die Hunde warten nicht ewig auf ihren Service und Cedric schläft auch nicht bis Mittag.« Carsten stutzte einen Moment: »Du hast recht, du bist unromantisch. Doch deine Argumente haben etwas für sich. Ich ziehe mir schnell was über und du kannst dich schon mal frisch machen.« »Jawohl Chef!«, meinte Andreas scherzhaft. Als Carsten aufstand, sah Andreas, dass ihre Aktivitäten nicht ohne Folgen geblieben waren. Carsten war noch immer ein sehr attraktiver Mann und der Meinung war auch Andreas’ kleiner Freund. Erst als ein Morgenmantel die natürliche Schönheit seines Gatten verdeckte, besann er sich seiner Aufgaben. Schnell stand auch er auf und warf sich ebenfalls einen Morgenmantel über. »Ich sehe erst nach unserem Jungen. Nicht, dass er aus Übermut sein Zimmer auf den Kopf stellt.« »Ehrlich, du traust unserem Sohn eine Menge zu. Sein Zimmer ist recht groß«, war Carsten etwas skeptisch. »Ich übertreibe nicht. Cedric hat irgendwo einen Fusionsreaktor und bezieht daraus enorme Energie. Das reicht für unser halbes Haus«, antwortete Andreas scherzend.

Im Kinderzimmer war alles ruhig. Im gedämpften Licht sah Andreas ihren Sohn auf dem Rücken liegen und seinen Teddy umarmen. Ein Lächeln zierte sein Gesicht. Der Papa war zufrieden. Bevor er sich umwandte, schnupperte er kurz. Er mochte das feine Aroma des Babys. Dann verließ er leise seinen Sohn, es war alles in Ordnung.

Carsten ging direkt zum Porch und deaktivierte die Alarmanlage. Kaum dass er den Hinterausgang öffnete, stürmten gleich drei Hunde hinaus. »Ihr hattet es wohl nötig. Dann tobt euch schon mal aus«, sprach er zu ihnen. Danach ging er in die Küche. Die Rationen waren schnell zubereitet. Anschließend setzte er den ersten Kaffee an. »Guten Morgen, Carsten«, begrüßte ihn Edward. »Guten Morgen. Wolltest du nicht bei deinen Eltern bleiben?«, fragte Carsten in Erinnerung an das Vorhaben von Edward. »Eigentlich schon, doch Papa hat sich erkältet und soll das Bett hüten. Mama ist sich nicht sicher, ob es sich dabei doch um eine Grippe handelt. Sie schickte mich weg, weil sie nicht möchte, dass ich mich oder über mich jemand anderen ansteckt. Ich hätte es auch von mir aus angeboten, da Papa wirklich Ruhe benötigt«, erklärte Edward die Änderung. »Wenn es ihm heute Morgen nicht besser geht, will Mama Dr. Peters hinzuziehen.« »Nun, mit einer Grippe ist auch nicht zu spaßen, da stimme ich deiner Mutter zu.« »Wie dem auch sei, ich habe mit Sam über die Weideflächen gesprochen. Er ist der Ansicht, dass man die zur Verfügung stehende Fläche in unterschiedliche Größen einteilen sollte …« »Halt, Edward. Lass uns erst einmal frühstücken und dabei können wir darüber reden. Andreas ist auch schon auf und es wird ihn sicher interessieren«, unterbrach Carsten den Redefluss seines Verwalters. Dieser stimmte ihm zu. »Etwas anderes, Carsten, Papa prophezeit für dieses Wochenende ein Unwetter. Ich stimme ihm zu, das Barometer ist gefallen und im Wetterbericht sprach man bereits davon«, wechselte Edward das Thema. »Wenn dem so ist, würde es dir etwas ausmachen, nach dem Rechten zu sehen?«, bat ihn Carsten. »Das hätte ich sowieso gemacht.« »Was hättest du gemacht? Guten Morgen, Edward«, grüßte Andreas. »Nachsehen, ob alles wetterfest ist. Es scheint heute eine stürmische Nacht zu werden«, antwortete ihm Edward. »Wo ist Cedric, hat er keinen Hunger?«

»Er schläft noch. Der Spielpark war wohl doch etwas viel für ihn.« Edward sah sich um. Dann erblickte er das Babyphon. Die grüne Leuchte signalisierte, dass es eingeschaltet war. »Eigentlich brauchen wir das Teil nicht. Salvatore reagiert viel empfindlicher bei dem Jungen«, kommentierte Andreas, als er den suchenden Blick Edwards sah. »Tiger, hast du schon eine Tasse Kaffee für mich?« »Bediene dich. Ich habe den Toaster gerade erst bestückt.« »Darum kümmere ich mich gleich, vor der Tür sitzen drei neugierige Kerle und warten wohl auf ihr Frühstück.«

Keine zehn Minuten später gaben Carsten und Edward bereits das Kommando zur Raubtierfütterung. »Waren sie nicht im Teich?«, fragte Edward nach. »Nein, sie hatten wohl keine Lust zu baden. Wahrscheinlich waren sie einfach zu hungrig. Edward, ich habe Clòimh bereits seine Augentropfen gegeben.« »Gut zu wissen. Wieso habt ihr heute ein Gedeck mehr? Erwartet ihr Besuch?« »Eric hat hier übernachtet. Er und Merlin wollen heute eine Radtour machen«, informierte Andreas. Dann trank er den ersten Schluck Kaffee. Gerade als er seine Tasse absetzten wollte, spitze Salvatore seine Schlappohren: »Ich glaube, unser kleiner Held ist wach.« »Was?«, fragte Edward. »Ich sagte dir doch, der Hund reagiert sensibler als das Babyphon. Sieh mal, die Leuchtanzeige flackert bereits.« Edward blickte zu dem Gerät und zwei kleine rote Dioden blinkten auf, dann folgte aus dem Lautsprecher ein undefiniertes Rauschen. Der Verwalter schüttelte nur mit dem Kopf. Salvatore verließ noch vor Andreas die Küche. Wie erwartet sah Andreas den Labrador vor dem Kinderbett sitzen. »Guten Morgen, Cedric. Ausgeschlafen?«, begrüßte er ihn. Anstelle einer Antwort wedelte das Baby mit seinen Armen. Diese Aufforderung war eindeutig. Andreas hob ihn aus dem Bett und gab ihm einen Kuss. Als er etwas später die Windel entfernte, war diese sauber und trocken. »Du machst dich. Danke«, lobte er Cedric.

Merlin und Eric betraten die Küche gleichzeitig mit Cedric und Andreas. »Guten Morgen zusammen. Kann ich noch helfen?«, bot Merlin an. »Setzt euch, ist alles vorbereitet.« Dann begrüßte Carsten seinen Sohn mit einem Kuss. Anschließend setzte er ihn in seinen Kinderstuhl. »Was möchtest du denn haben?«, fragte Carsten ihn. »Kako!«, meldete Cedric seinen Wunsch an. Wenig später stand vor ihm seine Tasse und Cedric freute sich. Andreas übernahm die Fütterung des Jungen. Abwechselnd etwas Brei, Kakao und zwischendurch brabbelte Cedric vor sich hin. Die großen Jungs hörten ihm eine Weile gespannt zu.

»Merlin, wir sollten für die Tour ein paar Sandwiches mitnehmen«, meinte Eric. »Könnt ihr machen«, begann Andreas, »ich würde euch empfehlen, noch etwas zum Grillen mitzunehmen. So könnt ihr zwischendurch ein ordentliches Lunch machen.« Merlin sah Eric an, synchron schüttelten sie ihre Köpfe: »Ich habe uns zum Lunch ein Zwischenziel gesetzt. Dort nehmen wir unser Lunch ein. Zum Grillen ist es wahrscheinlich doch noch zu kalt.« Edward nickte verständnisvoll, er wusste, wie schnell sich das Wetter ändern konnte. Dann fiel ihm die Warnung seines Vaters ein: »Ihr solltet jedoch heute Abend zeitig wieder Zuhause sein, es zieht ein Unwetter auf.« »Unsere Route führt uns im Kreis. Wenn nichts dazwischen kommt, sollten wir spätestens um sechs wieder hier sein«, sprach Eric, »By the way: So ganz stimmt es nicht, dass wir heute keine Lektionen haben. Wir machen einen kleinen Exkurs in die Geschichte Schottlands und etwas Geologie.« »Genau, mal etwas andere Nachhilfe. Vielleicht kann ich Eric auch etwas beibringen«, schmunzelte Merlin.

Das Gespräch wurde durch die Torklingel unterbrochen. »Wer kann das sein um diese Zeit?«, fragte Carsten. »Es sind wahrscheinlich Arthur und Luthais. Ich habe sie für dieses Wochenende eingeladen«, erklärte Andreas sein kleines Versäumnis auf. Dann stand er auf und öffnete das Tor. Am Portal empfingen er und Clòimh den Architekten und seinen Statiker. »Hallo ihr beiden, wir sind noch beim Frühstück.« Der Hund schnupperte neugierig an beiden Gästen. Als er die Situation für ungefährlich hielt, verzog er sich. »Was war denn das gerade?«, fragte Luthais. »Das war Clòimh, unser Wachhund. Er lernt noch. Es ist seine Art, Besucher zu beurteilen, weil er nicht mehr so gut sehen kann. Ihr seid ihm willkommen.« Dann führte er die Gäste in die Küche. »Guten Morgen«, begrüßte sie Carsten, »schon gefrühstückt?«

Andreas stellte weitere Gedecke auf den Tisch. Der Besuch nahm Platz und dann genossen sie das einfache Breakfast. Wenig später verabschiedeten sich Merlin und Eric von der geselligen Runde.

»So, Cedric scheint auch genug zu haben«, beurteilte Carsten die Lage neben ihm. Dann nahm er den Jungen aus dem Stuhl und setzte ihn auf den Boden. Arthur sah interessiert zu, wie der kleine Mann auf allen Vieren die Küche erkundete. »Keine Angst, dass ihm etwas passiert?«, lautete auch seine Frage. »Nein, weil er zwei Beschützer hat und sich hier bereits gut auskennt.« Kaum ausgesprochen, tapsten Leonardo und Salvatore an und gesellten sich zu Cedric.

»Edward, wie ist das nun mit den Weiden?«, nahm Carsten das Thema auf. »Ja, also Sam meinte, dass es sinnvoll sei, die Fläche in verschiedene Größen einzuteilen. Dabei wäre die kleinste Fläche ca. 200 mal 200 Fuß. Ausreichend für eine Herde Schafe, eine Woche zu grasen.« Andreas hörte aufmerksam zu. »Von wieviel Weiden sprechen wir eigentlich?« »Das Areal bietet sich für etwa acht Weideflächen an. Einige davon eignen sich für eine Herde Rinder. Sam schlug vor, für euch für Schafe und Ponys oder Pferde zwei Weiden zu reservieren. Beide Flächen liegen nebeneinander und sind zusammen 5 ha groß, genug, um die Tiere das ganze Jahr zu versorgen.« Carsten dachte über das Gehörte nach. Das war bei weitem mehr, als es den ersten Anschein hatte. »Wie sieht es denn rund um den neuen Teich aus?«, wollte Andreas wissen. »Ich habe lange mit Papa und Sam diskutiert. Den ganzen Bereich um den Teich würden wir den möglichen Bibern überlassen. Eine der beiden reservierten Flächen schließt sich dem an. Darunter auch der Bachverlauf nach dem Teich. Der Wanderweg teilt beide Weideflächen voneinander. Man kann dann auch die Tiere voneinander trennen.« »Das alles scheint gut durchdacht zu sein. Wie steht es um den kleinen Bereich, wo eventuell eine Streuobstwiese entstehen soll?« »Da hat Mama einen Vorschlag gemacht. Wenn ihr nicht darauf bedacht seid, alles Obst zu ernten, dann wird die Ecke Teil der Weidefläche zum Teich hin. Die Schafe werden rund um die Bäume die Wiese kurz halten und zur Belohnung gibt es im Herbst das übriggebliebene Fallobst. Zu dem Unterstand haben wir ebenfalls ein Idee. Das Resultat ist ein sechsseitiger Unterstand mit einem windabseitigen Eingang. Sam hat eine Skizze angefertigt«, berichtete Edward von dem Vorabend. »Darf ich die mal sehen?«, bat Luthais den Verwalter. Dieser nickte zustimmend und holte die Zeichnung. Mit gekonntem Blick sah sich der Statiker die Skizze an. »Ein sinnvoller Entwurf. Statisch sollten in den Wänden einige Balken zur Stabilisation eingearbeitet werden und die Zwischenräume eignen sich für eine Dämmung aus natürlichen Materialien wie Baum- oder Schafwolle. Hat den Vorteil, dass es dort nicht zieht. Unter dem Dach lohnt sich, auch einige Nistmöglichkeiten anzubringen. Vögel sind ideale Schädlingsbekämpfer.«

Zwischendurch schenkte Andreas auf Wunsch Kaffee oder Tee nach. Luthais machte währenddessen einige Notizen in der Skizze. »Luthais, du bist doch Statiker. Könntest du den Unterstand mal auf Stabilität prüfen?«, fragte Edward an. »Mach ich gern. Ist für einen guten Zweck.«

Jetzt wechselte Andreas das Thema: »Edward, Arthur und Luthais sind noch aus einem anderen Grund hier. Die Genehmigungen für die Lodge sind durch.« »Genau. Also die Baugenehmigung betrifft hauptsächlich das äußere Erscheinungsbild der Lodge und der Garage. Alle Änderungen im Innern können nachgereicht werden«, informierte Arthur. »Wir haben die Baupläne im Wagen, Andreas meinte, dass du eventuell noch Wünsche hast.« »Ich schlage vor, ihr geht dazu in mein Arbeitszimmer. Dort habt ihr mehr Platz. Tiger, kümmerst du dich um unseren Sohn?«, schlug Andreas vor. »Klar, wenn ich mich vorher anziehen darf?«, scherzte Carsten keck.

Eine halbe Stunde später breitete Luthais die Baupläne auf dem Reißbrett aus. Edward sah sich die Zeichnung an und begann, von seinen kleinen Änderungen zu erzählen. Andreas ließ die drei allein. Carsten krabbelte mit Cedric um die Wette im Salon herum. Andreas konnte sich der magischen Wirkung, wieder ein Kind zu sein, nicht verwehren und schloss sich dem Wettkampf an. Die drei hatten dabei sehr viel Spaß. Nach einer Weile lagen sie zusammen und beide Papas knuddelten ihren Sohn. Cedric lachte viel und fand es schön. »Tiger, ich bringe unseren kleinen Helden mal ins Bett. Er sieht mir müde aus und war bisher noch nie so lange nach dem Frühstück wach.« »Gut. Danach bereiten wir mal die Gästezimmer des Besuchs vor. Willst du eigentlich nicht wissen, was die drei zu besprechen haben?«, meinte Carsten nachdenklich. »Nein. Es betrifft Edward privates Leben. In diesem Fall sind wir lediglich die Sponsoren unseres Verwalters«, scherzte er zurück. »Wie du meinst. Dann sollten wir uns Gedanken über unseren London-Aufenthalt in zwei Wochen machen.« »Gut. Wirst du dort viel zu tun haben?« »Neben meinen Vorlesungen wird fast täglich geprobt. Es sind junge Musiker und die Stücke sind schon anspruchsvoll. Für Nancy gibt es daneben auch noch Orgelunterricht. Es ist ihre Premiere.« »Reden wir später, Cedric fallen die Augen zu.«

Carsten rief die Hunde zu sich. Es war Zeit für eine erste Gassirunde. Die Zimmer waren vorbereitet und Andreas räumte die Reste des Frühstücks weg. »Carsten, kann ich euch begleiten?«, fragte Luthais, »Heute hatte ich noch nicht so viel Bewegung und ich würde mich gern ein wenig umsehen.« »Kein Thema. Da Cedric noch schläft, machen wir eine kleine Runde. Die Hunde vermissen ihr kleines Herrchen und sind nicht konzentriert bei der Sache.«

»Andreas, wir sind fertig«, kam Arthur in die Küche. »Schön. Ich trinke gerade noch Kaffee, magst du auch?« Arthur nickte zustimmend. »Hatte Edward noch viele Wünsche?«, fragte er beim Einschenken nach. »Die Raumaufteilung wird im Erdgeschoss etwas verändert. Seine Vorschläge sind leicht umzusetzen und bedürfen nicht einmal einer erneuten Genehmigung. Hast du noch etwas dazu auf dem Herzen?« »Lediglich dass alle Installationen auf den heutigen Standard gebracht werden«, war Andreas auf die technische Sicherheit bedacht. »Das hätten wir ohnehin machen müssen. Die elektrischen Leitungen hätten dem heutigen Bedarf nicht standgehalten.« Andreas nickte zufrieden. »Wie gefällt euch eigentlich euer Werk nach einem Jahr?« »Es hat sich gut entwickelt. Auch deine kleinen Änderungen wirken sich auf das Erscheinungsbild positiv aus. Die Tanne vor dem Portal gibt dem Ganzen ein Hauch viktorianisches Flair. Edward sagte etwas davon, ihr würdet euer Anwesen vergrößern?« »Ja. Carsten und ich haben uns entschieden, das alte Gelände des Guts zu kaufen und entsprechend zu nutzen. Bei aller Liebe, das alles kostet einiges an Unterhalt und mit der gewerblichen Nutzung können wir die Ausgaben kompensieren. Wenn du magst, zeige ich dir später alles.« »Das Angebot nehme ich gerne an, doch jetzt würde ich mich gern etwas frisch mach.« »Komm, ich zeige dir, wo wir euch untergebracht haben.«

Am Spielplatz staunte Luthais nicht schlecht über die Vielfalt an Spielgeräten. »Alle Achtung, da ist für jeden etwas dabei. Kletterwände anstelle dieser üblichen Stahlgestelle?« »Andreas findet, dass es sinnvoller sei, um die Motorik und Koordination zu fördern. Unser Steinmetz hat sich da einiges einfallen lassen, um den Ansprüchen kleiner Menschen gerecht zu werden. Die Rutsche hat Mrs Baker gebaut. Sie ist ganz anspruchsvoll, da diese nicht wie üblich nur gerade verläuft. Kleine Wellen und eine leichte Kurve, erklärte Mrs Baker mir.« »Ich sehe, ihr habt auch ein Musikinstrument integriert.« »Das ist mein bescheidener Beitrag. Eineinhalb Oktaven reichen aus, um einige einfache Melodien zu spielen. Fördert das harmonische Empfinden. Soweit ich weiß, fehlt nur noch der Spielsand. Der bald geliefert wird. Darum kümmert sich unser Gärtner. Die Eröffnung findet dann im März statt. Dazu hat die Gemeinde ein kleines Fest vorbereitet.« »Darf ich dich fragen, was diese Anlage gekostet hat?« »Darfst du. Die Gemeinde und die Regionalverwaltung investierten insgesamt £ 300,000. Das Klangspiel habe ich gespendet und die Pflegekosten übernimmt die Gemeinde.« »Ein recht kostengünstiger Spielplatz. Darf ich eure Idee für uns als Inspiration für potentielle Kunden verwenden?« »Es kommt den Kindern zugute, klar. Sag einmal, Andreas verlegt sein Büro zu euch? Möchtet ihr jetzt enger zusammenarbeiten?« »Arthur und ich haben darüber gesprochen und die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen. Wichtigster Aspekt: einen guten Landschaftsarchitekten im Team zu haben. Andreas weiß sehr gut, was wir bei den Projekten erwarten, ohne die individuellen Wünsche der Kunden zu vernachlässigen. Seine Assistentin haben wir bereits eingestellt und sie war einverstanden, auch unsere Korrespondenz zu übernehmen.« Carsten lauschte einen Augenblick: »Clòimh, bei Fuß!« Der Hund hatte sich etwas entfernt und Carsten rief ihn zurück.

»Das freut mich. Sie ist eine fähige Mitarbeiterin und mit täte es leid, wenn sie deswegen ihre Stellung verloren hätte. Wir sollten langsam zurück.« »Nein«, begann Luthais und lachte, »dass sie fähig ist, hat sie schon bewiesen. In ihrer ersten Arbeitswoche hat sie unsere Ablage neu organisiert und obendrein alle Akten, Portfolios, Baupläne ect. in einer Datenbank erfasst. Wenn ich eine bestimmte Unterlage suche, brauche ich nicht mehr stundenlang im Archiv suchen. Eine kurze Abfrage der EDV und ich weiß, wo sie zu finden ist. Dann hat sie uns darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Software dringend ein Update benötigt. Gerade in puncto Sicherheit hatten wir einige Mankos.« »Ja, Layla kennt sich damit sogar sehr gut aus. Bei Andreas war es ihre Innovation, den Internetauftritt so sicher wie möglich zu gestalten. Nicht, dass wir so etwas vernachlässigt hätten, doch sie hat ihm damit sehr viel Arbeit abgenommen. Salvatore, hier!« Luthais sah sich zu dem Hund um: »Du hast eure Hunde gut im Griff. Woher wusstest du, dass er abseits gewesen ist?« »Seine Stimme fehlte im Rudel. Wenn ich sie nicht ständig an der Leine halten will, bleibt mir nichts anderes übrig, als auf ihre charakteristischen Laute zu achten. Ihr habt keine Haustiere?« »Arthur hat ein großzügiges Aquarium in seiner Wohnung. Für sein Duzend Fische hat er 750 Liter vorgesehen. Insgesamt ein sehr schönes Ensemble. Nach anstrengenden Tagen sitzt er stundenlang davor und sieht den Fischen einfach nur zu. Er sagt immer, dass er sich dabei sehr gut entspannen kann.« »Aquaristen sind schon ein besonderer Menschenschlag. Leider sind nicht alle bereit, in eine artgerechte Haltung zu investieren. Ein Goldfisch im Zwei-Liter-Glas ist Tierquälerei. Papa hat in seiner Praxis dem dann schnell ein Ende bereitet.« »Kann ich verstehen. Arthur legt sehr viel Wert darauf, dass es seinen Fischen immer gut geht. Selbst beim Futter nimmt er nicht irgendetwas.« »Er scheint mir da sehr sensibel.« »Ich weiß nicht, ob er bei Tieren sensibel ist. Ich denke, er lässt sich von den Fischen inspirieren. Jedenfalls hat er nach solchen Sessions wirklich gute Ideen.« Carsten grinste: »So ist es nun einmal, die Natur ist ein idealer Baumeister. Einige Milliarden Jahre Evolution haben es in sich. Wir sind gleich zuhause. Andreas und ich haben euch Gästezimmer vorbereitet. Spielt ihr eigentlich gerne mit Bauklötze?« »Warum?« »Cedric mag zurzeit dieses Spielzeug und baut Türme und solche Sachen.« »Ist zwar schon eine Weile her, aber eine willkommene Herausforderung«, antwortete Luthais amüsiert.


Ihre erste Station war ein unscheinbarer Hügel in der Landschaft. Eric stellte sein Rad ab: »Merlin, hier sind die Überreste einer Grabanlage.« »Wo?«, fragte dieser auch sofort nach.« »Dieser Hügel ist ein rituelles Hügelgrab aus der Bronzezeit. Die Wissenschaftler sind sich noch nicht ganz einig, welchem Volksstamm es zugesprochen werden soll. Jedenfalls gehört es mit seinem Alter bereits zur ersten Besiedlung Schottlands. Es ist eine der besterhaltenen Anlagen aus dieser Epoche. Im Gegensatz zu den Hügelgräbern der Britischen Inseln wurden hier sowohl Holz als auch Megalith verwendet.« »Woher weiß man, wie es aufgebaut wurde? Ich sehe keinen Eingang oder so etwas.« »Die Archäologen haben nach ihren Grabungen den Eingang wieder verschlossen. Das Grab wird einem Stammesfürst zugesprochen, dafür sprechen die verwendeten Materialien und Grabbeigaben. Im Museum für Frühgeschichte in Edinburgh haben sie ein entsprechendes Modell und Grabbeigaben ausgestellt.« Eric machte eine Pause. Während Merlin sich den Hügel genauer ansah. »Wir sind ja hier, um etwas zu lernen: Was weißt du alles über die Bronzezeit?«, forderte Eric ihn heraus. Merlin stutzte erst, doch dann fasste er sein Wissen zu dieser Epoche zusammen. Eric war von dem kleinen Vortrag überzeugt. Nach einer halben Stunde ging es weiter zur nächsten Station: Einer Wikinger-Siedlung. Im Gegensatz zur allgemeinen Vorstellung zu den Wikingern sahen die Jugendlichen sich einem recht sozial strukturierten Dorf gegenüber. Die dort beschäftigten Archäologen freuten sich über die Neugier der beiden. Selbst Eric lernte in der folgenden Stunde sehr viel über ihre ›wilden‹ Vorfahren, die gar nicht so wild daherkamen.

Merlin nutzte die Gelegenheit und machte viele Fotos. »Warum die Fotos?« »Einmal als Erinnerung an diese Tour. Zweitens könnte ich sie mal für ein Referat nutzen. Wer weiß, was mir in der Schule noch bevorsteht.« »Also, die Bronzezeit wird in den meisten Schulen bereits Ende der Primeschool abgehandelt. Von daher sollte dieses Kapitel keine Rolle mehr spielen.« »Stimmt, doch laut dem Stoffplan von Gwenda wird diese Epoche noch einmal in Sozialkunde angeschnitten. Da sind eigene Studien von Vorteil. Wohin geht es jetzt?« »Jetzt besuchen wir einen Bekannten von Mary. Dort nehmen wir unser Lunch ein.«

Mit dieser rätselhaften Bemerkung fuhren sie weiter. Nach eineinhalb Stunden erreichten sie ihr Ziel: Eine Burg. Merlin wurde etwas skeptisch: »Das sieht mir hier sehr privat aus. Was, wenn wir erwischt werden?« »Das wäre sogar ganz gut. Mary hat den Besitzer über unseren Besuch informiert. Es gehört dem Clan der Mac Coinnich und wir sind eingeladen. Freu dich auf eine besondere Geschichtsstunde. Der Clanchief persönlich erzählt uns über die Geschichte der schottischen Clan ab dem 11. Jahrhundert«, informierte Eric. »Wie hat Mary das geschafft? Ich meine, das Familienoberhaupt nimmt sich Zeit für ein paar Teenager?« »Sie kennt ihn persönlich und hat für den Clan bereits Auftragsarbeiten gemacht. Dafür - so sagte mir Ben - hat sie Preise im Schmiede- und Kunsthandwerk gewonnen. So etwas vergisst ein Chief nicht.« Wenig später fuhren sie vor das Burgtor. Dort wartete bereits ein Angestellter, um sie in Empfang zu nehmen. Dieser lächelte die Radfahrer an und führte sie in den Thronsaal. Kaum waren die beiden allein, trat ein älterer Mann im typischen Tartan den Saal. Als schottische Jugendliche war es ihnen nicht fremd, Männern im Kilt gegenüberzustehen. Dann wurden sie traditionell in Scots begrüßt. Der Chief war angenehm überrascht, dass Eric und Merlin diese Sprache beherrschten. Im Thronsaal zeigte er ihnen das geschmiedete Wappen mit Stolz. »Mrs Baker hat dieses Schild angefertigt. Es beinhaltet alles, für was unser Clan steht.« Dann sah er sich seinen Besuch genauer an und lachte: »Ihr seht hungrig aus. Zeit fürs Lunch. Meine Frau hat ein kleines typisches Menü vorbereitet.« Damit gingen sie ins Speisezimmer. Es war reichlich gedeckt und alle Speisen entsprachen der Küche Schottlands.

Nach dem Essen nahm sich der Chief Zeit und erzählte viel von der Geschichte seiner Familie und wie sie zu den anderen Clans standen. Nicht nur Merlin hörte ihm aufmerksam zu. Selbst die Fragen der Jugendlichen beantwortete er ausführlich. Zwischendurch versorgte die Hausherrin sie mit Erfrischungen. Den Nachmittag beendete der Chief mit einigen Anekdoten. Dann hieß es für Merlin und Eric, den Heimweg anzutreten. »Wow, Eric. Das war wirklich lebendiger Geschichtsunterricht. Ob in den Schulen ebenfalls solche Ausflüge gemacht werden?« »Während meiner Schulzeit sind wir ins Museum. Aber der Lehrer war so monoton, dass wir Mühe hatten, nicht einzuschlafen. Ich habe heute noch viel über unsere Heimat gelernt.« »Ich auch. Sag einmal, wie lange benötigen wir bis nach Hause?« »Knapp zwei Stunden, wenn wir uns beeilen, vielleicht eineinhalb Stunden. Warum?« »Guck mal zum Himmel, ein Cumulonimbus, das Wetter schlägt langsam um. Wir sollten uns beeilen, wenn wir nicht durchnässt ankommen wollen.« Das Argument hatte etwas für sich und beide Radfahrer traten in ihre Pedale. Als die ersten Regentropfen fielen, waren sie noch gut fünf Kilometer vom Ziel entfernt. Der Regen nahm an Stärke zu, so dass sie das Manor bereits gut durchnässt erreichten. »Komm rein, wir rufen deinen Paps an und er holt dich dann ab«, schlug Merlin vor. Eric hatte nichts dagegen einzuwenden. Weitere fünf Minuten durch den Regen und er wäre davongeschwommen.

»Puh, das war knapp«, meinte er im Porch. »Das kannst du laut sagen. Es braut sich wirklich was zusammen. Pass mal auf, du gehst schon mal hoch und legst dich trocken. Ich sehe mal nach, wo ich die anderen finde. Gassi gehen selbst die Hunde bei diesem Wetter nicht.« »Merlin, ich habe keine trockene Sachen mit.« »Guck mal in meinem Schrank, da sollte sich etwas für dich finden.«

Im Salon saßen die Erwachsenen auf diverse Sitzgelegenheiten. Cedric saß unter dem Flügel und spielte mit seinem Holzhund und dem Teddy. »Hallo zusammen, wir haben es gerade so geschafft. Es regnet bereits Cats and Dogs.« »Hallo Merlin, wir haben davon noch nichts mitbekommen. Wie war euer Ausflug?«, antwortete ihm Andreas. »Später, beim Dinner. Eric ist auch noch da. Können wir unsere nassen Sachen aufhängen?« »Ihr könnt sie auch waschen. Damit hättet ihr zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Heute würden sie ohnehin nicht vollkommen trocknen«, schlug Carsten vor. »Ich frage Eric. Würdet ihr Constable Smith anrufen, dass er Eric später abholen kommt?« »Machen wir. Ist nach dem Dinner recht?« Merlin nickte Andreas bestätigend zu. Dann sah er zu, selbst aus den nassen Klamotten zu kommen. Bevor er den Salon verlassen konnte, hörte er Cedric noch fragen: »Abba, Erlin padsch?« »Nicht direkt. Merlin ist durch den Regen gefahren und dabei wurde er nass. Er zieht sich jetzt um und vielleicht spielt er später noch mit dir«, antwortete ihm Carsten. »Da!«, lautete Cedrics Antwort und er widmete sich wieder seinen Spielzeugen.

In Merlins Zimmer stand Eric vor dem geöffneten Schrank. Sein neuer Freund hatte wirklich eine umfangreiche Garderobe. Spontan suchte er sich etwas heraus und zog sich aus. Seine nassen Sachen deponierte er im Bad. Im Adamskostüm kam er zurück. »Also verstecken musst du dich nicht«, erschrak ihn Merlin. »Oh, sorry. Ich dachte mir, bevor ich hier alles unter Wasser setzte, ziehe ich mich im Bad aus.« »Schon Okay, Mrs S. wird es dir danken. Ich sehe, du hast dir meine Lieblingssachen herausgesucht.« »Du hast schon eine ausgewählte Garderobe. Das weißt du?«, bemerkte Eric. »Klar. Die Grundausstattung schenkten mir Carsten und Andreas, nachdem ich zusagte, bei ihnen zu wohnen. Vieles habe ich mir dann im Secondhand gekauft. Andreas findet, ich habe einen guten Geschmack. Die Sachen dort gehören dazu. Nur die Unterwäsche ist neu. Irgendwo habe ich auch eine Grenze, was die Wiederverwertung betrifft.« Dabei schmunzelte er: »Nu zieh dir etwas über, bevor dein Vater dich hier so sieht … nicht, dass er auf dumme Gedanken kommt.« Eric zog sich nachdenklich wieder an. »Vielleicht wäre das gar nicht mal so falsch. Dann hätte ich es hinter mir. Du Merlin … ich mag dich …«, stammelte er vor sich hin. »Du meinst, du bist schwul?«, laute die Frage von Merlin ehrlich. »Ich denke schon. Weißt du, ich habe schon des Öfteren von Dir geträumt und heute … als du mich geweckt hast …« »Du meinst, als Charaid uns geweckt hat?« »Dein Kater uns geweckt hat … Ich hatte eine Megalatte!« Merlin grinste Eric an. Dann ging er auf seinen halbnackten Freund zu. Zog ihn zu sich und gab ihm einen vorsichtigen Kuss. »Eric, ich mag dich auch«, gestand er leise. Dann grinste er frech: »und ich hatte ebenfalls ein großes Zelt in der Short.« Eric grinste daraufhin ebenfalls, wuschelte Merlin durch die Haare und zog ihn für einen intensiven Kuss zu sich.


»Luthais erzählte mir, dass du ein Aquarium pflegst?«, wandte sich Carsten an Arthur. »Ja, ist aber nichts Besonderes«, wiegelte der Architekt ab. »Also 750 Liter finde ich schon besonders.« »Mehr als eine dreiviertel Tonne ist schon etwas heavy, im wahrsten Sinne des Wortes. Hast du darin einen Delphin?« »Nein. Es ist ein Meerwasseraquarium und darin habe ich mir ein kleines Riff gezogen. Ein paar Grundeln, Riffbarsche und Zwergkaiserfische.« Carsten hörte den Enthusiasmus heraus. So ein Aquarium bedurfte seines Wissens nach intensiver Pflege. Jetzt verstand er auch, was Luthais meinte, dass dieses Hobby Arthur inspirierte. »Also ich gebe zu, es ist ein intensives und kostspieliges Hobby. Ich gönne mir ja sonst nichts«, scherzte Arthur. »Dagegen frönt Luthais sein rasantes Hobby auf dem Motorrad.« »Dann passt du perfekt zu Luise. Ihr kann es auch nicht schnell genug gehen. Nur dass sie auf flotte Flitzer abfährt«, zwinkerte Andreas den beiden zu. Luthais räusperte sich: »Schnell ist meine Emma sicher nicht. Das Motorrad ist ein Oldtimer aus den Siebzigern. Höchstgeschwindigkeit 90 mph. Vollkommen ausreichend für meine Touren. Ich genieße es einfach, wenn mir der Wind um die Nase weht.« Dabei leuchteten seine Augen. »Dann ist da die ganze Pflege. Emma sieht man ihr Alter nicht wirklich an. Ich hatte schon eine Anfrage von einem Technikmuseum. Das wird dann wohl irgendwann mal ihr Altersheim.« »Andreas hat recht, Du und Luise passen perfekt zusammen. Mama kann immer noch Autos reparieren. Solange sie nicht mit Elektronik vollgestopft sind.« »Das ist das Schöne an meinem Motorrad: Der Motor funktioniert, ganz ohne Mikrochip und Computer, sehr zuverlässig.«

»Habt ihr noch andere Hobbys?«, fragte dann Edward nach. »Kochen!«, kam es wie aus einem Mund. »Trifft sich gut«, meinte Andreas und Carsten wusste, worauf sein Mann hinauswollte. »Ich lade euch ein, mit uns das Dinner zu kochen. Habt ihr einen bestimmten Wunsch?«, fragte er einladen. »Wisst ihr was, Luthais und ich kochen für euch, wenn wir uns in eurer Küche austoben dürfen.« Andreas sah nur kurz zu Carsten, der mit seinen Schultern zuckte. »Einverstanden. Wir lassen uns überraschen.« »Okay. Nur für Cedric müsstet ihr sorgen. Da haben wir keine Erfahrung.«

»Machen wir.«

Nach dem Dinner versorgte Andreas Cedric. Der kleine Mann war einfach müde und nickte immer wieder ein. Daher entschied er, ihn ins Bett zu bringen. Carsten zog sich seinen Regenmantel an. »Glaubst du, die Hunde wollen raus?«, fragte ihn Luthais. »Von wollen ist keine Rede, sie müssen raus, um sich zu erleichtern. Da lasse ich ihnen keine Wahl. Ich war vorhin kurz auf der Terrasse, der Regen hat etwas nachgelassen, wenn auch der Wind zugenommen hat. Jetzt ist die beste Möglichkeit, eine Runde durch den Garten zu gehen, Luthais.« »Warte, ich komme mit«, bot sich Edward an. »Immerhin bin ich Clòimhs Herrchen. Da heißt es, mit gutem Beispiel voranzugehen.« Die Gassigänger waren gerade mal eine viertel Stunde im Garten, dann begann es wieder stärker zu regnen. Im Porch empfing sie Andreas, der sich auch sofort um Salvatore kümmerte. Trotz des kurzen Ausflugs waren mehrere Handtücher nötig, um alle Vierbein wieder in den salonfähigen Zustand zu bringen. Zum Schluss nahm er die feuchten Tücher mit, um sie zu waschen. Eine Maschine lief bereits, also hatte Merlin Carstens Vorschlag wohl aufgenommen. Im Salon saßen die Gäste bei einem Whisky. »Arthur, hier haben wir eine wirklich schöne Perle der viktorianischen Zeit wieder aufleben lassen«, sinnierte Luthais vor sich hin. »Nicht nur das, Carsten und Andreas sind auch die richtigen Besitzer. Sie würdigen das Haus. Trotz der ganzen technischen Innovation erhalten sie den alten Charakter. Hast du dir mal das Anwesen angesehen?« »Ja. Als wir die Baustelle verließen, sah alles noch recht trostlos aus und jetzt grünt und blüht es an jeder Ecke. Die Statuen im Garten geben dem allem Charme. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich darauf gewettet, dass es hier schon immer so ausgesehen hat. Mit Andreas in unserem Team überzeugen wir mit unseren Projekten die Kunden.« »Ach, werden wir das?«, mischte dieser plötzlich mit. »Klar werden wir das. Auch wenn wir eigentlich abschalten wollten. Arthur und ich möchten uns ein größeres Projekt angeln: Die Universität Oxford möchte einen Teil ihres Campus restaurieren. Teil der Ausschreibung ist der umgebende Park. Dieser soll auf der einen Seite erhalten bleiben, aber auch neu strukturiert werden. Keine leichte Aufgabe für Landschaftsarchitekten.« »Klar ist das nicht einfach, aber ich scheue keine Herausforderungen. Seht euch doch hier um. Dreiviertel der Gartenarchitektur habe ich erhalten und mit Pflanzen neues Leben eingehaucht. Die Zufahrt habe ich neu gestaltet und ins 21. Jahrhundert gebracht. So habe ich es auch an der Lodge vorgesehen. Also, wenn ihr euch für den Campus bewerben wollt, benötige ich einige Fotos vom Bestand und eine Karte der Anlage. Damit kann ich einige Entwürfe erstellen. Den Feinschliff mache ich dann, wenn ich die Anlage in Augenschein genommen habe.« Arthur schenkte ein weiteres Glas Whisky ein und sie stießen darauf an.

»Wo sind eigentlich die Hunde hin, schlafen sie nicht hier?«, sah Luthais nach den leeren Kudden. »Unsere beiden sind bei Cedric. Es wird eine unruhige Nacht und sie geben ihm Ruhe. Clòimh sucht seine Ruhe bei Edward. Es ist also alles in Ordnung«, erklärte Andreas. Das Gespräch wurde durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Carsten nahm das Gespräch entgegen. »Rutherford Hall! … Oh, guten Abend Constable, Eric ist bei Merlin … Es wird also etwas später, werde ich ausrichten«, bestätigte er. Dann war das Gespräch beendet. Carsten ging hoch. Er klopfte an Merlins Zimmertür. »Herein!«, wurde er aufgefordert. »Ist mein Vater da?«, fragte Eric. »Nein, er rief eben an, ich soll dir ausrichten, dass es später wird. Anscheinend gibt es eine überflutete Straße und die Polizei richtet gerade die Umleitung ein«, informierte er. »Oh, wird es sehr spät?« »Er meinte, eine Stunde vielleicht.« »Gut. Carsten, wir haben aus der Bibliothek ein paar Bücher ausgeliehen. Habt ihr alle Bücher gelesen?« »Also die meisten Titel. Für die normalen Bücher benötige ich eine Lesehilfe, daher haben wir diese auch in Braille. Dann gibt es dort auch spezielle Literatur. Landschaftsarchitektur, Gartenbau, Pflanzenkunde ect., was Andreas betrifft. Ich habe viel über die Themen der Musik, Partituren, Noten. Lehrbücher und alles, was wir während des Studiums benötigten. Von meinen Eltern haben wir Bücher über Tierhaltung, allgemeine Tiermedizin, Anthropologie, Archäologie und entsprechende Nachschlagewerke. Andreas und ich lesen gern. Aber das wird dir Merlin wohl bereits gesagt haben. Eine Bibliothek ist dazu da, benutzt zu werden, stellt sie einfach an ihre Plätzen zurück, wenn ihr damit fertig seid.« Mit diesen Worten schloss Carsten das Thema ab und hinter sich die Tür.

»Also Andreas«, begann Arthur, »Cedric ist wirklich sieben Monate alt?« »Ja, warum?« »Als wir mit den Bauklötzen gespielt haben, wirkte er sehr aufmerksam. Seine Bewegungen sind koordiniert. Ist das in dem Alter üblich?« »Was die Koordination betrifft, so lernt er noch. Recht hast du, er ist seinem Alter etwas voraus. Das bestätigte uns sein Arzt. Vor allem ist er sehr neugierig und will allem auf den Grund gehen. Sorry, aber ich habe euch drei auch beim Spielen etwas beobachtet. Hast du nicht bemerkt, wie Cedric reagierte, als du ihm geschickt die richtigen Bauklötze untergejubelt hast, damit der Turm nicht umfiel?« »Jedenfalls hat er nicht protestiert«, erinnerte sich der Architekt. »Das macht er recht selten. Doch er war sehr aufmerksam bei der Sache und ihm gefiel das Ergebnis. Er hat heute etwas zur Stabilität gelernt. Morgen wird es es selbst ausprobieren. Vielleicht noch nicht so ausgefeilt wie ein studierter Häuslebauer, doch seine Türme werden sicherer.« »Glaubst du?« »Ich weiß es. Seine Entwicklung ist ein wahres Wunder der Natur«, sprach Andreas voller Stolz. Luthais dachte über den Nachmittag nach. Klar, neben dem Spiel mit Bauklötzen begeisterte sich der Junge für Ballspiele aller Art. In ruhigen Momenten konnte sich Cedric mit einem Holzhund und seinem Teddy beschäftigen. Luthais verstand nichts von dem, was der Junge von sich gab. Doch es schien ihm immer so, als ob Cedric sein Erlebtes von sich gab. Carsten bekam den letzten Dialog noch mit, als er sich zu ihnen gesellte. »Wir geben unserem Sohn den Freiraum, seine Erfahrungen machen zu dürfen. Was ihn interessiert, fördern wir spielerisch. Dabei vergessen wir aber nicht, ihm seine Grenzen zu zeigen. Selbst wenn es uns schwerfällt.« »Eine ungewöhnliche Einstellung«, resümierte Luthais. »Was Carsten sagen will: Unsere Philosophie zum ›Erziehen‹ ist auch nicht gerade üblich, weil wir als Eltern unseren Sohn in sein Leben begleiten.« »Cedric bestimmt die Richtung nach seinen Interessen. Selbst wenn wir ahnen, dass es ihm weh tun könnte. Wir haben uns bewusst gegen ein Laufgestell entschieden, er darf sich frei bewegen. Lediglich die Treppen sind für ihn noch tabu. Salvatore und Leonardo haben ein Auge auf ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, wann es sinnvoll ist, den Jungen vor einer Gefahr zu schützen.« Arthur unterdrückte ein Gähnen. »Leute, für uns war es ein langer Tag. Entschuldigt ihr uns, wenn wir uns zurückziehen?«, nahm Luthais den Faden auf. »Keineswegs«, meinten Andreas und Carsten gleichzeitig. »Morgen ist auch noch ein Tag und ihr wolltet ja abschalten«, fügte Carsten hinzu. Luthais und Arthur wünschten ihnen eine gute Nacht.

Mr Smith holte Eric kurz nach 11 Uhr ab. Andreas erschrak im ersten Moment, als er die Tür öffnete. Eine schwarze Gestalt stand vor ihm. Es war wohl die professionelle Regenausstattung der Polizei. »Sorry, es hat doch etwas länger gedauert. Einige Autofahrer waren uneinsichtig und meinten, mit ihrem Geländewagen würde ihnen nichts passieren. Die Feuerwehr musste dann doch einen dieser Idioten retten. Ich hoffe, du kommst nicht auf solche Ideen.« »Keine Bange, während des Fahrsicherheitstrainings lernte ich, solche Gefahrenstellen zu vermeiden. Das geringste Risiko, mit meinem Geländewagen irgendwo stecken zu bleiben, ist, erst gar nicht in die Situation zu kommen. Die Straßensperren macht ihr sicher nicht aus Spaß bei dem Sauwetter. Komm kurz herein. Eric ist bei Merlin und wer weiß, was sie den ganzen Abend da oben machen.« Mr Smith zog sich seinen Regenmantel aus und folgte Andreas in den Salon. »Hallo Carsten, ganz schön ungemütlich da draußen«, grüßte der Constable. »Hallo. Ja, ich weiß. Der Wind hat ganz schön zugelegt. Sollen wir Eric Bescheid geben?« »Einen Moment noch. Ich möchte euch etwas fragen, also eigentlich ist es die Frage meiner Frau. Seit einigen Wochen gibt Eric ja Nachhilfe, kann es sein, dass die beiden etwas mehr als nur ›gute‹ Freunde sind?«, wirkte die Frage etwas verlegen. »Also sie glaubt, Eric ist schwul? Ändert es denn etwas, wenn dem so ist?«, wurde Andreas ernst. »Es wäre uns egal. Eric ist unser Baby und wird es immer sein. Während der Pubertät hatte er einige Erfahrungen sammeln können. Mit beiderlei Geschlecht. Dann wechselten seine Freundinnen alle paar Wochen. Im vergangenen Jahr war der Spuk vorbei, keine Freundin für einige Monate. Meine Gattin beobachtete, wie er sich abkapselte und sich dann den falschen Freunden anschloss. Wie das endete, wisst ihr ja.« »Angenommen (!)«, begann Carsten, »es wäre so, dann solltet ihr warten, bis er von sich aus auf euch zukommt. Es ist ein schwerer Schritt, sich vor der Familie zu outen. Wenn es dann soweit ist, nehmt es ernst, aber macht kein Drama daraus. Zeigt ihm, dass ihr hinter ihm steht«, wurde Andreas pragmatisch. Der Constable nickte verstehend. »Danke, ihr beiden, doch jetzt wird es langsam Zeit«, machte der Constable dem Thema ein Ende. »Papa, da bist du ja. War es sehr schlimm? Carsten sagte, dass du später kommen würdest«, begrüßte Eric seinen Papa. »Sorry, aber das Unwetter sorgte für Verkehrschaos. Wo ist Merlin?« »Es ist dein Job und kam in der Vergangenheit schon öfters vor. Merlin macht sich bettfertig, die Radtour hat ihn geschafft. Können wir?«

Mr Smith stand auf und wuselte Eric durchs Haar. »Ja!«, bestätigte er. Andreas begleitete beide zur Tür. Langsam ging er in den Salon zurück. »Welch eine Entwicklung bei den Jungs. Ob Merlin jetzt weiß, was er will?«, erinnerte sich Andreas an ein Gespräch. »Ehrlich, Schatz, es geht mich nichts an und ich bin nicht neugierig. Es ist sein Weg und so wie ich den Jungen kennenlernen durfte, geht er diesen sehr souverän.« »Oh weiser Mann, wirst du das auch einmal bei Cedric sagen?« »Bis dahin haben wir sicher noch viel Zeit, um darüber nachzudenken. Doch nun sollten wir auch Schluss für heute machen.«

Obligatorisch sahen beide Papas noch einmal nach ihrem Sohn, um dann selbst ihr Bett zu durchwühlen. Mitten in der Nacht holte ein weinender Cedric seine Papas aus dem Schlaf. Andreas ging zu ihm. Als er das Licht im Zimmer einschaltete, wurde der Junge etwas ruhiger. Der Papa ging direkt zu ihm: »Ich bin bei dir, Cedric.« Dabei nahm er seinen Sohn aus dem Bett. Der Regen peitschte gegen die Fensterscheiben und machte Lärm. Liebevoll wischte er die Tränen ab. »Du hast vollkommen recht, draußen ist es wirklich ungemütlich. Da kannst du auch nicht in Ruhe schlafen. Gehen wir zu mir und zwischen deinen Papas bist du sicher.« Gemeinsam setzten sie den Plan um. In seinem Schlafzimmer hatte Carsten bereits alles hergerichtet, so dass Andreas das Baby einfach nur zwischen sie legen musste. Behutsam deckte Carsten Cedric zu und Andreas gab ihm seinen Teddy. Der Junge lächelte etwas, gähnte und schlief friedlich ein. »Das war abzusehen«, flüsterte Carsten. »Ja, doch nun ist alles gut.« Dann löschte Andreas das Licht und Ruhe kehrte ein. Mitten in der Nacht kamen auch die beiden Hunde dazu und schliefen in den Kudden. Anscheinend wollten sie ebenfalls bei ihrer Familie sein.

»Abba?«, fragte eine neugierige Stimmen nach Carstens Status am Morgen. »Ja?«, antwortete eine müde Stimme ihm. Etwas unbeholfen versuchte ein kleiner Junge, auf seinen Papa zu klettern. Carsten half ihm etwas und schwups lag Cedric auf seiner Brust.

»Wie schön, meine beiden Liebsten kuscheln«, beurteilte Andreas die Situation. »Du darfst mitmachen«, lud Carsten ihn ein. »Baba!«, freute sich Cedric. Daraufhin wurde aus dem gemütlichen Kuscheln ein Zerwühlen der Bettwäsche. Erst als beide Hunde sich bemerkbar machten, beendete Cedric das Spiel. »Dada wee!«, bestimmte er. »Das hast du recht. Unsere Hunde möchten in den Garten und heute hilfst du mir dabei, damit ich auch alles richtig mache«, bemerkte Andreas dazu. Wenig später öffneten sie die Küchentür und die Hunde liefen in den Garten. Andreas machte mit Cedric auf dem Arm einige Schritte auf die Terrasse. Sein geübter Blick sagte ihm, dass soweit alles in Ordnung war. Sein Garten hatte das Unwetter der vergangenen Stunden gut weggesteckt. »Alles in Ordnung, Schatz?«, fragte hinter ihm Carsten. »Ja, soweit ich sehe, ist lediglich der Teich vollgelaufen. Aber dazu ist er da. Ich werde nachher Andrew informieren, dass er sich den Park ansehen soll.« »Baba? Dada padsch?« »Wenn sie mögen, dürfen sie in den Teich springen. Das überlassen wir beiden ihnen. Bist du nicht auch meiner Meinung?« Eine Antwort erwartete Andreas nicht. Er sah lediglich, wie sein Sohn scheinbar nachdachte. »Abba, mil?«, entschied er spontan für ein wichtigeres Anliegen. »Klar, ich mache dir einen Kakao und Andreas sicher ein leckeres Frühstück.«

So nach und nach erschienen alle Bewohner zum Brunch. »Morgen«, grüßte Edward, »das war eine unruhige Nacht. Clòimh ist wohl öfters durchs Haus gelaufen, weil er etwas gehört hat. Ich gehe nachher bis zur Lodge und sehe nach, ob dort alles in Ordnung ist. Obendrein wird die Bewegung nicht nur dem Hund gut tun«, meinte der Verwalter schelmisch. »Also hier ist soweit nichts passiert. Lediglich hat der Teich im Garten an Volumen zugenommen. Doch dazu habe ich ihn auch angelegt.« »Arthur, sag mal, habt ihr beiden heute etwas spezielles vor?« »Luthais schlug vor, uns die Gegend anzusehen. Eventuel l… Merlin, gibt es hier eine Gelegenheit, zu reiten?« »Im Nachbardorf gibt es einen Reiterhof. Ihr könnt euch dort Pferde mieten. Es gibt einige Routen, die speziell zum Ausreiten geeignet sind. Die Betreiber haben dabei an alles gedacht. Jede Route hat Stationen, wo die Tiere pausieren können. Anschließend müsst ihr euch um das Pferd kümmern: Abreiben, striegeln und so weiter. Die Boxen werden von Helfern gereinigt, frisches Futter und Wasser bereitgestellt. Wenn euch danach ist, im eigenen Restaurant gibt es eine bodenständige Küche«, machte Merlin Werbung für den Hof. »Was meinst du?«, fragte Arthur Luthais. »Warum nicht … selbst wenn mir heute Abend der Hintern weh tun würde. Klingt nach Fun.« »Abba mehr Kako!«, verlangte Cedric. Carsten tastete sich nach der Tasse und füllte diese nach. Cedric lächelte ihn dankbar an. Dann bemerkte der Junge, dass sein Papa ihn nicht ansah. Mit seiner kleinen Hand berührte er Carsten und streichelte ihn. »Danke, Cedric.« Dann besann sich der Junge auf sein Getränk. »Merlin, was steht heute in Sachen Lektionen an?«, interessierte sich Andreas. »Nichts. Eric war gestern mit meinem Wissen zufrieden. Besonders interessant war der Besuch bei den Mac Coinnich. Heimatkunde hört sich immer trocken an. Doch der Clanchief machte es lebhaft. Er erzählte uns, wie die Clans gegen die Engländer in den Unabhängigkeitskriegen kämpften. Dabei verschwieg er nicht die negativen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Clans. Aber gegenüber den englischen Gepflogenheiten in der Thronfolge waren die Clans fortschrittlicher. So konnten uneheliche Kinder und Frauen durchaus Anspruch auf den Titel des Clanchiefs haben. Somit auch auf den schottischen Thronsitz. Was ich gestern erst so richtig begriffen habe, als geborener Schotte bin ich stolz auf meine Nationalität. Wir sind streitlustig, bodenständig, haben Humor und für mich das Wichtigste: Unser Herz sitzt auf dem rechten Fleck.« Andreas grinste hinterhältig. »Dann sehen wir dich jetzt öfters im Kilt und Tartan?« Alle Augen waren auf den Jugendlichen mit einem roten Gesicht gerichtet. »Nun, ganz ausschließen würde ich es nicht. Doch bleibe ich lieber bei Shirt und Jeans.«

Cedric wurde hibbelig auf seinem Platz. Carsten schloss daraus, dass es Zeit für ihn war, seinem Bewegungsdrang nachzukommen. Als er seinen Sohn auf den Boden absetzte, fing dieser sofort an herumzukrabbeln. Andreas schenkte Carsten eine weitere Tasse Kaffee ein. »Tiger, ich gehe gleich in den Fitnessraum. Würdest du dich um Cedric kümmern?« »Klar. Seine Routine steht noch an und dann sollte ich auch unsere Hunde ausführen. Da brauche ich einen Fachmann, der ein Auge auf die Bande hat. Edward, würdest du mal am Spielplatz nach dem Rechten sehen?« »Das hatte ich eh vor. Clòimh würde sich nicht mit einem kurzen Gang bis zur Lodge zufrieden geben.« »Sicher nicht«, stimmte ihm Carsten zu. »Abba? Cedic padsch?«, mischte sich Cedric in die Unterhaltung ein. »Ja, warum eigentlich nicht eine Runde im Pool planschen. Das ist eine gute Idee. Komm, machen wir uns für den Pool fertig.«

Auf dem Hometrainer hörte Andreas seine beiden Männer im Wasser ihren Spaß haben. Wie sein Gatte schien sein Sohn das Wasser zu lieben. Dann wurde es still. Nach wenigen Minuten ging er nachsehen. Am Pool bot sich ihm ein süßes Bild: Carsten lag auf einer Liege und wie so oft lag Cedric auf seiner Brust. Die kleinen Ärmchen baumelten links und rechts herunter. Sein Sohn sabberte ein wenig im Schlaf. Andreas sah sich um und nahm ein großes Badetuch. Damit deckte er beide ab. »Die Hunde müssen noch etwas warten«, flüsterte Carsten. »Dann gehe ich halt mit ihnen jetzt raus und ihr beiden macht die späte Runde«, lautete die Antwort genauso leise.

Andreas ging aufmerksam durch den Park. Was er sah, stellte ihn zufrieden. Das Unwetter hatte zwar einiges angerichtet, jedoch gab es nichts Gravierendes. Andrew und Victor würden wohl eine Woche benötigen, um den Weg von Blättern und Ästen zu befreien. Sei’s drum. Die Frühjahrsarbeiten hatten noch nicht begonnen.

Auf dem Rückweg traf er Edward. »Also am Spielplatz ist alles in Ordnung. Ein paar Blätter und Zweige, aber keine Pfütze.« »So hatte ich es auch im Entwurf vorgesehen. Dann hat unser kleines Spielparadies die natürliche Feuerprobe überstanden.« »Wie sieht es im Park aus?«, fragte Edward. »Es gibt einiges für Victor zu tun, vor allem die Wege reinigen. Ansonsten hatte ich mit Schlimmerem gerechnet.« Andreas sah sich nach seinen Hunden um: »Salvatore, hier!« Hatte sein Hund sich wieder in die Büsche aufgemacht. Dagegen lief Leonardo ihnen etwas voraus. »Obwohl sie Brüder sind, sind ihre Charaktere so unterschiedlich, wie sie nur sein können«, bemerkte Andreas zu dem Verhalten. »Als sie zu uns kamen, hatte ich erst Bedenken. Doch uns tun sie auf ihre Weise gut. Salvatore fordert mich immer wieder heraus, so als ob er in mir seinen Schüler sieht, dem er Lektionen erteilt. Leonardo - und ich habe echt keine Ahnung, wie Carsten es immer macht - ergänzt in seinem Verhalten das Leben von ihm. Selbst Musik mag der Hund, auch wenn er es nicht so zeigt wie Max. Er genießt es einfach.« »Hast du Leonardo dabei beobachtet?« »Da brauchte ich nichts beobachten. In unserer Londoner Wohnung schlich er sich immer unter das Klavier und entspannte dort. Ich glaube, zwischen ihm und Carsten herrscht musikalische Harmonie. Wie dem auch sei, hier leben die beiden richtig auf.«

Chapter 24

Carsten beendete seine Vorlesung. »Ladies und Gentlemen, ich möchte noch eine Gastvorlesung ankündigen: Mr Garrett wird einen Workshop anbieten und wie Sie wissen, ist bei mir diese Veranstaltung prüfungsrelevant.« Einen Augenblick herrschte absolute Ruhe in dem Raum. »Professor, was können wir denn von einem Violinisten lernen?«, fragte eine Studentin. Carsten lächelte, er hatte mit einer solchen Frage gerechnet: »Die Violine ist ein sehr gutes Beispiel, um Ihnen zu zeigen, wie auf modernen Instrumenten Musik von Jahrhunderten ins Heute übertragen werden kann. Hand aufs Herz, wer von Ihnen nennt ein Instrument, auf dem Händel, Mozart, Beethoven, Vivaldi und so weiter spielten, sein eigen? Selbst wenn Sie auf einem solchen Instrument spielen dürfen, heißt es noch lange nicht, dass es zu den heutigen Instrumenten eines Orchesters passt. Die Komposition wird anders klingen, weil der Sound des Ensembles anders klingt. Obendrein ist es auch ganz gut, über den Tellerrand des eigenen Instrumentes hinauszusehen. Denn wenn Sie verstehen, wie eine - in diesem Fall - Violine gespielt wird, wird es für Sie einfacher sein, Ihre Spieltechnik des eigenen Instruments darin zu integrieren. Ist ihre Frage damit hinreichend beantwortet?« »Ja, Professor!« Nachdenklich verließen die jungen Musiker den Vorlesungssaal.

Eine Woche später saßen viele Studenten im Vorlesungssaal und warteten auf Mr Garrett. Auf einem Pult lag ein halbes Dutzend Violinen. Doch von dem Gastdozenten war nichts zu sehen. Erst als etwas Unruhe aufkam, klangen erste Töne einer Violine vom Seiteneingang. Carsten hörte sehr genau hin und ließ sich auf die Melodie ein: La Campanella aus dem Opus 7 von Niccolò Paganini. Es klang anders, als er es kannte, David hatte eine besondere Art, seinen Workshop zu beginnen.

»Guten Morgen Ladies und Gentlemen«, begrüßte er die Anwesenden, nachdem er sein Spiel beendet hatte. »Carsten, Ihr Professor, bat mich vor einem halben Jahr, mit Ihnen ein wenig über die Interpretation von alten Werken zu plaudern.« Die Studenten mussten verhalten lachen. »Doch bevor ich Sie heute mit dieser Thematik konfrontiere, erst einmal etwas Grundlegendes: Ich bin glücklich verheiratet. Also macht euch keine Hoffnungen, liebe Studentinnen.« Ein Seufzen erfüllte den Raum, doch Carsten wusste, dass solche Schwärmereien sehr ablenkend sein konnten. David hatte damit klar Position bezogen.

Dann ging der Dozent zu dem Tisch hinüber und sah sich die Instrumente an. Es waren Instrumente der vergangenen 400 Jahre vertreten. Das modernste Instrument war wohl eine E-Violine. Eine Stradivari aus dem 18. Jh das älteste. David nahm ein um das andere Instrument und spielte immer die gleiche keine Etüde. Ob die Studenten ebenfalls die kleinen Unterschiede hörten? Damit hatte Mr Garrett das Thema seiner Vorlesung vorgestellt. Carsten machte sich während des Vortrags einige Notizen auf seinem Laptop. David machte seine Sache gut. Gerade war er dabei, die verschiedenen Instrumente charakterlich zu beschreiben. Dabei merkte Carsten, wie sein Bekannter die Instrumente mit Leidenschaft beschrieb. Fast so, als habe jede Violine eine eigenständige Seele. Den Vormittag verbrachte David damit, den Studenten die Feinheiten bei der Instrumentenwahl zu erläutern. Dabei ließ er auch die Philosophie der Geigenbauer mit einfließen. Zum Lunch wurde der Gastdozent vom Kollegium eingeladen. Dabei erläuterte David den Dozenten, wie er mit den Studenten am Nachmittag das Theoretische in die Praxis umsetzten will. »Nun, Mr Garrett, der Vorlesungssaal ist dafür zu klein und hat nicht die richtige Akustik«, begann der Prinzipal, »daher würde ich vorschlagen, dass Sie unseren großen Orchestersaal nutzen. Ich habe unseren Hauswart gebeten, diesen entsprechend vorzubereiten.« David war über das Angebot überrascht. Immerhin war er selbst einmal an dem renommierten College eingeschrieben, bevor er nach New York wechselte. »Dürfte ich den Orchesterleiter fragen, ob die ›vier Jahreszeiten‹ von Antonio Vivaldi dem Orchester präsent ist?« »Ja.« »Gut. Zwar sagte Mr von Feldbach, dass den Studenten die alten Werke langweilig vorkommen, doch dem kann ich aus Erfahrung widersprechen.« Einige Professoren sahen sich erstaunt an. Mr Alden brachte es auf den Punkt: »Hat unser geschätzter Kollege es so ausgedrückt? Normal nimmt er kein Blatt vor den Mund und verwendet eine bildreiche Sprache. Ich denke, er würde Ausdrucksweisen wie ›aus dem Halse … oder aus den Ohren heraushängen‹ verwenden. Es ist nicht respektlos, sondern schlägt eine gute Brücke zu den jungen Menschen. So begeistert er die angehenden Musiker, auch mal etwas anderes auszuprobieren. Eigene Ideen zu entwickeln, mit der Musik spielerisch umzugehen. Sie müssen einmal dabei sein, wenn er im Probenraum eine neue Spieltechnik auf dem Klavier vermittelt. Seine Studenten sind konzentriert bei der Sache, ihre Augen leuchten und er erweitert ihren Horizont. Mr Thomson, einer seiner Kursteilnehmer, ist ein leidenschaftlicher Pianist und hat das Talent, ein guter Komponist zu werden.« »Es hört sich alles positiv an. Carsten hat ein gutes Einfühlungsvermögen und ich staune immer wieder über seinen analytischen Verstand«, meinte Mr Garrett. »Da haben Sie recht. Unser geschätzter Kollege hat so manchen Professor während seines Studiums hier mit seinem Wissen überrascht.«, wusste der Prinzipal zu berichten und fuhr fort: »Im zweiten Jahr lässt er seine Studenten kleine Stücke komponieren. Er hört diese nur einmal und analysiert diese in der Besprechung, bringt sogar Beispiele aus entsprechenden Stilrichtungen. Mr von Feldbach für unser College zu gewinnen, brachte frischen Wind in die ehrwürdigen Hallen. Seine Vorschläge und Ideen sind zwar ungewohnt für das traditionslastige Bildungssystem in unserem Land, doch letztendlich gehen sie auf und sind effektiv.«

David sah sich um und konnte Carsten nicht entdecken. Nach dem Essen ging es zurück zum Workshop. Den Nachmittag brachte Mr Garrett den Studenten einige Variationen bei, wie die Kompositionen des guten alten Vivaldi ins 21. Jh überführt werden konnten. Darunter auch die Interpretation auf einer E-Violine mit einem modernen Beat. Carsten kam am späteren Nachmittag hinzu. Er selbst lernte noch einiges über diverse Interpretationen im Zusammenspiel mit einem Orchester.

Nachdem der Gastdozent seinen Workshop beendet hatte, begleitete ihn Carsten in sein Arbeitszimmer. »Darf ich dir etwas anbieten?«, fragte Carsten seinen Bekannten. »Ich hörte, du hast einen besonderen Single-Malt.« »Da spricht der Genießer in dir. Kommt sofort. Was ist dein Eindruck vom Workshop und unseren Studenten?« David dachte über die Frage nach. Carsten würde eine solche Frage sicher nicht ohne Grund stellen. Dann servierte sein Gastgeber zwei Gläser. Mr Garrett nahm eines und nippte daran. Der Whisky hatte Charakter, genauso wie sein Gastgeber. »Die Studenten haben eine gute Auffassungsgabe. Auch wenn sie andere Instrumente spielen, so zeigte keiner Langeweile. Es war eine gute Idee von dir. Wie bist du auf mich gekommen?« »Andreas und ich mögen deine Konzerte. Wir waren seinerzeit unter den Zuschauern im Hyde Park, als du die Zigeunerweisen von Pablo de Sarasate spieltest. Andreas fragte mich damals, wie du es schaffst, ein altes Stück so modern zu präsentieren. Daran habe ich mich erinnert. Meine Mutter spielt gern Violine und ich weiß, was dieses Instrument zu leisten vermag. Ich habe eins und eins zusammengezählt und wusste, wer und wie den Studenten frischen Wind in die Interpretation bringen konnte: Nämlich du. Hat es dir denn Spaß gemacht?« »Die Vorbereitungen waren ein hartes Stück Arbeit und ja, es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich denke, wenn ich damals einen Professor gehabt hätte, der wie du die Seele der Musik vermittelt, dann wäre ich wohl nicht nach New York gegangen.« »Genug der Komplimente«, machte Carsten dem ein Ende, »wie sieht dein Aufenthalt hier in London aus?« »Übermorgen gebe ich ein Konzert zusammen mit dem London Symphony Orchestra. Kommst du?« »Nein, morgen nach den Vorlesungen geht mein Flug zurück zu meiner Familie. Wir hören uns die Liveübertragung an. Andreas freut sich schon darauf.« David wirkte nicht enttäuscht auf Carsten. »Aber wenn du auf ein kleines Abenteuer aus bist, ich kenne da ein kleines irisches Pub. Gutes Guinness und noch bessere Musik.« Mr Garrett grinste, das könnte wirklich noch ein interessanter Abend werden.

Andreas brachte Cedric zu Bett. Carsten blieb in London und mit ihm Leonardo. Cedric fragte zwar immer mal nach seinem ›Abba‹, doch schien Andreas, dass sein Sohn ihn nicht wirklich vermisste. Vernünftig antwortete er ihm dann auch, dass sein Papa in einer großen Stadt ist und sicher an ihm dachte. Am Nachmittag hatten sie noch gemeinsam einen Videochat gehabt, damit Cedric sich auch davon überzeugen konnte. Jedenfalls reichte ein Schlaflied und Cedric schlief friedlich in seinem Bett, bewacht von seinem persönlichen Bodyguard. Er selbst fand es auch ganz gut, da es in Zukunft ja öfters vorkommen würde, dass einer seiner Väter auch mal eine Nacht außer Haus blieb.

Mit Merlin, Eric und Edward hatten sie ein einfaches Abendessen gehabt. Die Zeit am Abend nutzte er, sich die Unterlagen der Ausschreibung in Oxford anzusehen. Arthur und Luthais hatten mit der Ausschreibung auch konkrete Vorstellung zur Landschaftsgestaltung gemacht. Es war ein lukratives Geschäft und diese Chance wollte er sich nicht entgehen lassen. Sehr spät ließ er die Hunde noch einmal in den Garten und machte sich danach auf ins Bett.

Zum Frühstück hatten sich die restlichen Hausbewohner, außer Cedric, eingefunden. Mrs Sánchez würde am Vormittag die oberste Etage reinigen. Edward sprach sich dafür aus, mit Andreas den Park anzusehen. Sein Arbeitgeber war von dem Vorschlag angetan, dass sein Verwalter sich auch darum kümmerte. »Eine gute Idee, dann haben unsere Hunde auch gleich ihren Auslauf. Sagen wir, in zwei Stunden? Erst muss ich noch Cedric versorgen.« »Mach nur, Andrew hat mir eine Liste mit dem benötigten Material gegeben. Ich mache dann die Bestellungen für die Brücke. Meinst du, Bryan kann uns entsprechende Steine liefern?« »Zumindest kennt er Händler, die liefern können. Wahrscheinlich müssen die Steine auch noch entsprechend bearbeitet werden. Im Arbeitszimmer habe ich einen Entwurf. Mein alter Professor empfahl mir, den Weg um vierzig Fuß zu verlegen. Dort ist das Ufer des Burn schmaler und der Grund steiniger.« »Das kannst du mir gleich zeigen. Vergiss die Gummistiefel nicht«, schmunzelte Edward. »Merlin, wie sieht es in der Praxis aus?«, fragte Andreas den Dauergast. »Also, an Terminen haben wir lediglich eine kleine OP einer Geschwulst. Ansonsten nur Laufkundschaft. Anfang nächsten Monats geht es dann wieder zur Schule. Gwenda, Eric, mein Sozialbetreuer und ich haben lange darüber diskutiert und es ist die beste Lösung für mich. Die Schulgebühren werden vom Staat übernommen. Dann ist auch alles wirklich in trockenen Tüchern und ich kann ein College besuchen.« »Was wird Dr. Miller sagen?«, wollte jetzt auch Edward wissen. »Der nimmt es gelassen und hat für ein Jahr einen Studenten aus Edinburgh. Die Uni trat an den Doktor mit einer entsprechenden Bitte heran.« Merlin sah auf die Uhr und schnappte sich noch einen Toast: »Ich muss los, Sabrina will mir heute etwas in der EDV erklären«, verabschiedete er sich.

»Andreas, ich denke, es hat sich gelohnt, Merlin bei euch aufzunehmen. Ich weiß, dass euch der Junge einige Investitionen gekostet hat, doch schon jetzt zahlt es sich aus.« »Das war ganz in unserem Sinne. Du wirst es nicht glauben, doch aus meinem Schuljahrgang haben etwas mehr als die Hälfte etwas aus ihrem Leben gemacht. Dabei lag der Notendurchschnitt zum Abitur über dem Landesdurchschnitt. Es kommt eben darauf an, ob jemand in diesem Start auch seine Chancen sieht. Zu Merlin: Als ich vor einem Jahr den Jungen da in der Kuhle liegen gesehen habe, wusste ich, dass etwas unternommen werden musste. In dieser Entscheidung vertraute mir Carsten zu 100 Prozent. Die erste Zeit war sicher nicht leicht, doch Dr. Miller hatte da wohl die Initialzündung gegeben.« »Ich weiß, selbst bei den Farmern ist Merlin ein gern gesehener Besucher«, Edward trank von seinem Tee, »Wie steht es um seine Vergangenheit?« Andreas sah sein Gegenüber einen Moment fragend an, dann wusste er, worauf sein Verwalter hinaus wollte: »Ehrlich, das geht nur den Jungen etwas an. Wenn er darüber sprechen möchte, findet er bei uns offene Ohren und wenn es Probleme geben sollte, hat er in uns starke Verbündete …« Andreas wurde durch ein Geräusch aus dem Babyphon unterbrochen. »Da ist wohl jemand aufgewacht.« Kopfschüttelnd ging Andreas zu seinem Sohn. Es dauerte keine halbe Stunde und Edward begrüßte den kleinen Jungen. Andreas stellte ihm sein Frühstück hin. Dann untersuchte Cedric seinen Löffel und matschte etwas in seinem Brei. Gelassen sah Andreas ihm zu. Dann siegte wohl sein Hunger und er begann zu essen. »Er macht seine Sache wirklich gut. Ich denke nicht, dass ich das in seinem Alter schon konnte.« »Also da stimme ich dir zu. Doch unser Sohn ist gewillt, selbstständig zu werden.« »Vermisst er Carsten nicht?« »Natürlich vermisst er ihn, er fragt auch nach seinem ›Abba‹. Doch wir haben darüber gesprochen, es einmal zu probieren. Immerhin wird Cedric auch immer wieder auf einen von uns verzichten. Wir wechseln uns ab und wenn unser Sohn verstanden hat, dass wir auch immer wiederkommen, machen wir den nächsten Schritt und lassen ihn mal bei euch allein. Carsten und ich sind im Herbst für zwei Wochen in den Staaten. Nur wissen wir noch nicht, ob wir ihn mitnehmen können. Das Problem sind die Einreisebestimmungen der USA. Carstens Agent sucht bereits die Bedingungen heraus, die Cedric erfüllen muss. Falls es nicht geht, wird unsere Familie in Milano ihn für die Zeit zu sich nehmen. Darauf bereiten wir ihn langsam vor.« »Da bin ich mal gespannt, wie es ausgehen wird«, meinte Edward nachdenklich. »So, ich mache meinen Kontrollgang.« Edward stand auf und räumte sein Geschirr weg. Andreas lenkte seine Aufmerksamkeit Cedric zu. Seinen obligatorischen Buttertoast krümelte er vor sich hin. Cedric wechselte zu seinem Kakao und beendete sein Frühstück. »Baba? …«, fragte er und dann folgte ein längeres Gebrabbel. Dennoch verstand Andreas seinen Sohn und hob ihn aus dem Stuhl. Cedric wollte sich bewegen und krabbelte in der Küche herum. Andreas begann den Tisch abzuräumen. »Guten Morgen ihr beiden«, grüßte Mrs Sánchez. »Hi Oma«, meinte Cedric kurz. »Guten Morgen Mrs Sánchez, was steht heute an?« »Wie immer das Kinderzimmer und dann das Dachgeschoss. Zuletzt der Fitnessbereich.« »Ist gut, halten Sie die Stellung. Edward und wir beide gehen nachher über das Anwesen, könnte länger dauern.«

Im Park wuselten die Hunde durch das Dickicht, während ihre Menschen sich aufmerksam umsahen. »Hier muß Victor Hand anlegen. Die Eiche hat den Winter nicht überstanden und sollte gefällt werden.« Dabei deute Andreas auf einen der Bäume. Edward machte sich eine Notiz und dann ging es schon weiter. Am Burn machten sie noch einmal Halt. Dort zeigte Andreas seinem Verwalter die vorgesehenen Änderungen zum Weg. »Das sollte für die Hills kein Problem sein. Was soll dann mit dem alten Weg passieren?« »Ich denke, eine kleine Mauer aus Stein sollte ausreichend sein. Dahinter legen wir einige Sträucher an und überlassen das Gelände sich selbst. Passt architektonisch ganz gut.«

Auch dazu machte sich Edward einige Notizen für Victor und Andrew. Cedric hatte sich die ganze Zeit ruhig verhalten. Andreas sah, wie der kleine Junge eine etwas unbequeme Position einnahm. Vorsichtig griff er ins Tuch und rückte Cedric zurecht. Zuletzt strich er ihm übers Gesicht. Einen winzigen Moment hielt er inne. »Edward, Cedric glüht förmlich. Beeilen wir uns.« Dann griff er in seine Jackentasche und holte sein Mobilphone heraus. Er drückte eine Kurzwahltaste: »Mrs Sánchez, gehen Sie bitte in unser Bad. Im Spiegelschrank neben der Tür finden Sie in der obersten Schublade eine kleine Mappe. Bringen Sie diese und den Wagenschlüssel direkt zur Garage, wir sind auf dem Weg dorthin, wir müssen zum Krankenhaus.« Wenige Augenblicke später suchte er sich die Nummer vom Krankenhaus heraus. Dort meldete er sich an und erklärte kurz den Grund. »Edward, kannst du uns nach Inverness fahren? Wir nehmen die Limousine. Danach holst du Carsten vom Airport ab und bringst ihn zum Krankenhaus. Ich rufe ihn an.« Sein Verwalter nickte lediglich. Dann hörte er bereits, wie Andreas mit Carsten sprach: »Gut, Edward holt dich ab. In eineinhalb Stunden, sagtest du? Okay.«

Mrs Sánchez überreichte die kleine Mappe, die Wagenschlüssel und ein Kühlpad. Dann fuhr der Wagen geschwind davon. Andreas saß mit Cedric auf der Rückbank. Obwohl der Junge noch schlief, sah er, wie bleich seine Haut war.

An der Notaufnahme wurden sie bereits erwartet. Ein Kinderarzt nahm Cedric entgegen und begann mit der Untersuchung. Die Temperatur lag bereits über 40°C. Andreas hatte Angst um seinen Sohn. »Mr Zahradník, nach den ersten Untersuchungen hat Ihr Sohn eine Virusinfektion. Ich habe etwas Blut abgenommen und das Labor untersucht, um welchen Typ Virus es sich handelt. Jetzt werden wir Cedric erst einmal in einen Brutkasten legen und ihn langsam herunterkühlen. Solange wir nichts Genaueres wissen, ist das die beste Möglichkeit.« »Kann ich in seiner Nähe bleiben?« »Wir richten ein Zimmer für Sie her.«

Carsten wurde durch sein Smartphone bei der Vorbereitung zur Vorlesung unterbrochen. »Andreas, was ist los?« Aufmerksam hörte er zu. »Gut, in eineinhalb Stunden bin ich in Edinburgh. Edward holt mich ab?« Dann lauschte er kurz und sagte: »Ja, in eineinhalb Stunden.« Das Gespräch wurde beendet. Dann wählte er die Nummer seines Assistenten: »Kannst du meine Vorlesung gleich übernehmen? Mein Sohn ist ernsthaft krank und musste ins Krankenhaus. Danke.« Anschließend wählte er die Nummer vom Hotel und bestellte den Chauffeur für sofort. Keine halbe Stunde später stand er am Check-in-Schalter seiner Airline. Die Maschine landete bereits eine Stunde später in Schottland. Leonardo bemerkte Edward und führte sein Herrchen direkt zu ihm. »Carsten, Cedric ist im Moment stabil, Andreas rief vor zehn Minuten an. Dein Sohn hat eine Virusinfektion. Noch steht nicht fest, um welches Virus es sich handelt. Ich soll dich direkt nach Inverness bringen.« Obwohl Carsten innerlich aufgewühlt war, blieb er äußerlich ruhig. Edward steuerte den Wagen zum Motorway. »Andreas hat sicher schon einige Anweisungen gegeben. Am Telefon sagte er mir, dass Cedric eventuell einige Tage im Hospital bleiben muss. Würdest du uns ein paar Sachen zusammenpacken, Waschzeug und so weiter?« »Ich habe auf dem Hinweg bereits mit Mrs Sánchez telefoniert, sie packt für euch einige Taschen. Für Cedric speziell eine mit seinen Lieblingssachen, dem Teddy und etwas Spielzeug. Was ist mit den Hunden?« »Wenn es so ernst ist, bleiben sie zuhause. Beschäftigt sie, du weißt, worauf es ankommt. Wir informieren dich, wenn sie ihren Schützling besuchen dürfen.« Edward bestätigte lediglich. Dann bog er auf den Parkplatz des Krankenhaus ein. Carsten ging kurz zum Heck und wuselte Leonardo durchs Fell: »Bleib! Edward bringt dich nach Hause.« Dann schloss er wieder die Tür, nahm seine Tasche und verabschiedete sich von seinem Chauffeur. An der Rezeption meldete er sich an und ein Pfleger begleitete ihn zu seiner Familie.

»Gut, dass du da bist. Cedric hat hohes Fieber. Sein Arzt kam vor einer Viertelstunde mit dem Ergebnis der Blutuntersuchung. Es ist ein Grippevirus und das hat ihn voll erwischt. Sein Immunsystem ist damit überfordert. Er wird im Brutkasten unter keimreduzierten Bedingungen bei konstanter Temperatur bleiben, bis seine Temperatur wieder normal ist. Der Arzt hat uns ein Zimmer zugewiesen. Leider übernimmt unsere Versicherung diese Kosten nicht.« »Letzteres ist kein Grund, Cedric braucht uns beide an seiner Seite. Für ihn würde ich meinen Flügel verkaufen. Was macht unser Sohn gerade?« »Er schläft, trotz der Verkabelung. Er sieht so verletzlich aus. Tiger, ich mache mir große Sorgen um ihn.« Carsten trat auf Andreas zu, nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich. »Sorgen mache ich mir auch. Doch ich fühle auch, dass Cedric ein kleiner Kämpfer ist. Kopf hoch, es wird schon wieder.« »Du hast recht. Danke für deine Worte. Willst du seine Hand halten?« »Geht das denn unter den Bedingungen?« »Wir müssen unsere desinfizieren und dann durch die seitliche Schleuse. So wie damals.« Andreas löste sich von ihm und reichte ihm das Mittel. Wenig später streichelte Carsten über den Kopf seines Sohnes. Die Berührung schien auszureichen und Cedric lächelte etwas. Dann schob Andreas seine Hand durch eine andere Schleuse und schwupp, hielt sich Cedric an seinem Finger fest. »Jetzt heißt es Geduld haben«, flüsterte Andreas.

Nach zwei Stunden galt es, Cedric frisch zu machen. Beide Papas wurden gebeten, das Zimmer zu verlassen. Vor der Tür holten beide ihre Telefone heraus. Andreas wählte die Nummer seiner Nonni, während Carsten seine Eltern anrief. »Hallo Papa. Cedric ist ernsthaft krank und im Krankenhaus, wir sind bei ihm. Sei doch bitte so lieb und informiere die Familie. Ich melde mich heute Abend, um euch auf dem Laufenden zu halten. Andreas telefoniert gerade mit seinem Nonno … Nein …« Andreas sah zu Carsten und er schien Paul zuzuhören. »Danke Papa, werde ich Andreas sagen und eure Wünsche teile ich Cedric mit.« Dann beendete er das Gespräch, fast gleichzeitig mit Andreas. »Manchmal können Familien anstrengend sein«, meinten beide gleichzeitig. »Wollten unsere Nonni gleich ins nächste Flugzeug steigen?«, fragte Carsten. »Ja, und deiner Reaktion nach wohl auch unsere Eltern?« »Nur Luise, Paul bremste sie sofort aus. Es sei nicht sinnvoll, da wir ja nicht zuhause sind.« »Wie machen wir es heute Nacht? Ich habe nichts mit«, bemerkte Andreas. »Darum kümmern sich Edward und Mrs Sánchez. Edward bringt uns später unsere Sachen und auch etwas für Cedric …« Carsten wurde durch den Arzt unterbrochen, der gerade das Zimmer verließ. »Es ist alles in Ordnung. Entschuldigen Sie, dass wir Sie aus dem Zimmer geworfen haben, aber Cedric bekam einen Schlauch durch die Nase zur Ernährung. Trotz der Infusion muss seine Verdauung beschäftigt bleiben. Danke, Mr Zahradník, dass Sie seine Unterlagen mitgebracht haben. Damit konnten wir die Infusion gut seinem Bedarf anpassen. Was bekommt ihr Sohn zu essen?« Andreas sah sich in der Pflicht, Cedrics übliches Menü aufzuzählen: »… sein Milchbrei besteht zur Hälfte aus Schaf- und Ziegenmilch, etwas Rohrzucker und ein Klecks pürierte Früchte. Gleiches gilt für seine Milchgetränke …« »Eine sehr abwechslungsreiche Kost. Ich werde unserer Küche genaue Anweisungen geben. Jetzt schläft Ihr Sohn. Im Übrigen, er verlangt nach Ihnen. Er murmelte immer etwas von ›Dada‹.« Carsten musste trotz der ernsten Situation lächeln: »Damit sind wir leider nicht gemeint. Er möchte zu unseren Hunden. ›Dada‹ ist sein Begriff für die Tiere. Wir nehmen es als gutes Zeichen.« Der Arzt schüttelte nur seinen Kopf. Dann durften die Papas wieder zu ihrem Sohn. Carsten setzte sich wieder zu seinem Sohn. »Andreas, wir sollten uns abwechseln. Ruh dich etwas aus.«

Edward klopfte an die Zimmertür und weckte Andreas. »Ja bitte!«, forderte Carsten den Besucher auf, einzutreten. Edward war ein wenig erschrocken, als er den kleinen Mann so verkabelt in dem Kasten sah. »Oh! Carsten, ich bringe euch eure und Cedrics Sachen. Mrs Sánchez hat das Nötigste eingepackt. Wie geht es dem Jungen?« »Er ist stabil und hat leider noch hohes Fieber. Wir wissen jetzt, dass es eine Grippe ist, daher würde ich euch bitten, auf entsprechende Symptome zu achten«, blieb Carsten sachlich. »Noch schläft er viel, anscheinend ist das wohl das Beste. Richtet euch darauf ein, dass es einige Tage dauern könnte.«

»Hallo Edward, ich schließe mich Carsten an. Lasst zuhause alles normal aussehen. Mrs Sánchez möge bitte die Gästezimmer etwas herrichten, falls die Familie wider Erwarten kommen sollte.« »Kenne ich von meinen Großeltern auch.« Andreas lächelte ihn dankbar an. »Es wäre aber sicher nicht verkehrt, wenn einer von euch sich hin und wieder blicken lässt.« »Das werden wir sehen, warten wir die nächsten Stunden ab«, entschied Andreas. Edward stellte die Taschen ab und verabschiedete sich. Eine Gruppe Kinderpfleger betrat den Raum: »Meine Herren, es wird wieder Zeit, Ihren Sohn frisch zu machen. Dazu werden wir auch sein Bett frisch beziehen. Wären Sie so freundlich, draußen zu warten?«, wurden die Väter unmissverständlich aufgefordert. Die Gelegenheit nutzend, besorgten sie sich etwas zu essen. Sandwiches mussten für beide als Dinner reichen. Dazu wählten sie eine Kanne Tee und Kaffee für die Nacht. Die Pfleger waren noch im Zimmer, Cedric machte es ihnen nicht einfach. In seinem Bett kam er einfach nicht richtig zur Ruhe. Ihm fehlte etwas. Einer Eingebung folgend bat Andreas Carsten, sein T-Shirt auszuziehen. Dieses legte er neben Cedric in den Kasten, dazu den mitgebrachten Teddybären. Es wirkte. Das Baby kuschelte sich an das Shirt und schlief wieder ein. »Die Pheromone wirken«, meinte er, »deinen persönlichen Duft solltest du dir patentieren lassen. Jetzt schläft unser Sohn und sieht sehr zufrieden dabei aus. Komm, lass uns etwas essen und dann sollten wir uns auch ausruhen.«

Im Manor war es außergewöhnlich still. Mrs Sánchez hatte noch ein kleines Abendessen vorbereitet. Doch bevor Merlin und Edward sich an den Tisch setzten, galt es, die Hunde zu versorgen. »Merlin, weißt du genau, was heute auf deren Speiseplan steht?«, fragte Edward. »Andreas meinte einmal, dass in der Schublade Carstens Buch zum Barfen liegt. Ich glaube, gestern war Rohkost dran, dann sollte es heute wieder Fleisch geben. Sieh doch einmal nach, Carsten hat auch die Wochentage dazugeschrieben.« Edward nahm sich das Buch zur Hand und wenig später machte er die Rationen für die Hunde. Merlin stellte gerade den Napf für Charaid auf den Boden. Wenig später stellte Edward die Näpfe der Hunde dazu. Dann gab er ein entsprechendes Kommando. Die Hunde machten sich lustlos über ihr Fressen her. »Sieht so aus, als ob die Bande ihre Herren vermisst«, stellte Merlin den Status fest. »Hast du eine Ahnung, wie lange Cedric im Krankenhaus bleiben muss?« »Nur ein paar Tage. Erst muss sein Fieber weg. Da fällt mir ein, Andreas meinte, wir sollten auf Grippesymptome achten. Irgendwoher muss Cedric ja die Infektion haben.« »Mache ich. Aber warum hat das den Jungen aus den Socken gehauen?«, fragte Merlin interessiert nach. »Mrs Sánchez sagte mir, dass das Immunsystem von Cedric erst noch im Aufbau ist. Mit Bakterien kommt er seit seiner Geburt in Berührung, sein Abwehrsystem wird darauf trainiert. Dagegen sind Viren heimtückischer, sie wirken erst, wenn sie sich vermehrt haben. Bei Cedric war es dann einfach zu viel. Das Immunsystem reagiert physisch mit Fieber. Babies können bis zu einem bestimmten Alter nicht schwitzen, dann wird es gefährlich, weil die Körpertemperatur schnell einen kritischen Punkt erreicht. In der Klinik haben die Ärzte die Möglichkeit, die Temperatur über einen Brutkasten zu beeinflussen. Das Immunsystem kann sich mit dem Virus auseinandersetzen, ohne dass Cedric Schaden nimmt.« »Wie senken sie denn das Fieber?« »Wie bei uns, über den Flüssigkeitshaushalt. Wir trinken instinktiv viel, Cedric kann es noch nicht so steuern. Daher bekommt er eine Infusion.«

Damit beide sich ablenken konnten, sprach Merlin Edward auf den Vormittag an. »Da sagst du etwas. Andreas hat recht genaue Vorstellungen, was aus dem Gelände einmal werden soll. Morgen fahre ich zu den Hills und richte ihnen Andreas’ Anweisungen aus. Anschließend besuche ich meine Familie. Andreas will einen Zaun errichten lassen, Vater und Sam haben gerade etwas Zeit. Da bietet es sich an, ihre Erfahrung zu nutzen. Dann soll noch der Unterstand gebaut werden.« »Den baust du selbst?«, wundert sich Merlin. »Nein, ich beauftrage einen Schreiner. Luthais hat Sams Skizze mit entsprechenden Details versehen. Geht schneller und wird sicher einige Jahrzehnte halten«, scherzte Edward. »Im Ernst. Ich habe hier genug zu tun. Kannst du morgen früh die Hunde rauslassen?« »Mehr noch, ich nehme sie mit zur Praxis. Der Doktor wird es verstehen und dann kann er auch einen Check durchführen.« »Gut, Clòimh bleibt bei mir und wird sicher mit unserem Herdenschutzhund Erfahrungen austauschen.«

Zwei Tage später durfte Cedric die Klinik wieder verlassen. »Mr Zahradník, Mr von Feldbach«, begann der Arzt, »das Fieber ist zwar weg, dennoch möchte ich, dass Sie morgen Dr. Peters aufsuchen. Ich habe alle Befunde bereits an ihn gemailt. Cedric ist stabil, was aber nicht bedeutet, dass er die Grippe schon überstanden hat. Bei Erwachsenen dauert eine solche Infektion zwei bis drei Wochen. Bei Babys kann es schon mal bis zu fünf Wochen dauern. Messen Sie morgens und abends seine Temperatur und wenn diese wieder über 39°C ist, gehen Sie sofort zum Arzt. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Junge viel trinkt und ausreichend Ruhe bekommt. Dr. Peters wird mit Ihnen dann die weitere Behandlung besprechen. Ich gebe Ihnen für heute sicherheitshalber noch ein Zäpfchen mit. Ein fiebersenkendes Mittel, speziell für Cedric. Das war es von meiner Seite aus.« Damit entließ der Kinderarzt seinen Patienten.

Zuhause begrüßten die Hunde den kleinen Mann zurückhaltend. Dennoch war Cedric erfreut, seine Dadas wiederzusehen. Andreas sah sich in der Pflicht, den kleinen Mann auf sein Zimmer zu bringen: »Carsten, gehst du Gassi, dann können sie danach bei Cedric bleiben, so sie auch wollen.« »Das hatte ich auch vor. Sie sind etwas quengelig. Danach werden sie wohl abwechselnd bei unserem Sohn Wache halten.« Er drehte sich um und rief die Meute zusammen.

Als Cedric in seinem Bett lag, schlief er auch sofort ein. »Haben uns Sorgen gemacht«, flüsterte Andreas zu ihm, »jetzt erhole dich. Später hole ich dich zum Dinner.« Danach schloss er leise die Tür.

In der Küche war Carsten bereits dabei, die Rationen zuzubereiten. »Das war eine kurze Runde«, stellte Andreas fest. »Leonardo und Salvatore waren nicht bei der Sache. Später scheuche ich sie dann raus. Da wird kein Weg dran vorbei gehen. Wie macht sich unser kleiner Patient?« »Er schläft. Links auf seiner Wickelkommode habe ich eine Flasche mit seinem Lieblingstee im Wärmer hingestellt.« »Gut zu wissen. Was wirst du ihm zum Dinner machen?« »Ich dachte an einen flüssigen Fruchtbrei. Wir füttern ihn mit der Flasche. Ich befürchte, unsere Nächte werden wieder etwas kürzer ausfallen.« Carsten unterbrach seine Tätigkeit und ging auf Andreas zu. Nahm ihn in den Arm: »Ein geringer Preis, wenn Cedric wieder gesund werden soll.«

Nach zwei Wochen waren beide Papas mit ihrem Sprössling zufrieden. Dr. Peters gab grünes Licht, dass die Grippe überstanden war. »Wisst ihr, woher er das Virus hat? Denn mir sind hier in der Praxis keine Fälle bekannt.« »Nein. Das bleibt wohl sein Geheimnis.« »Jedenfalls wird ihm dieses Virus jetzt nicht mehr aus den Socken hauen. Seine Blutwerte sind wieder normal und eine spezielle Untersuchung wies entsprechende Antikörper nach«, informierte der Arzt. Dann übergab er Kopien für Cedrics Unterlagen. »Die nächste reguläre Untersuchung ist in sechs Monaten.« Carsten hatte da noch eine Frage: »Darf Cedric reisen? Nächste Woche sind wir für einige Tage in London.« »Natürlich, es spricht nichts dagegen. Viel Vergnügen in der City!«, beendete der Arzt den Besuch.


In London bekam Nancy auf dem Campus einen eigenen Raum bei den Studenten zur Verfügung gestellt. Ihre erste Begegnung mit den Musikern fand im Orchestersaal statt. Neben den Musikern waren auch einige Dozenten anwesend. Carsten räusperte sich kurz, um Aufmerksamkeit zu erlangen: »Ladys und Gentlemen, bitte. Ich möchte euch Nancy, die Organistin für dieses Konzert und Event, vorstellen. Sie wird diese Woche täglich mit euch an den Konzertstücken üben. Daneben wird mein Kollege Professor Dr. Alden ihr Lektionen im Orgelspiel geben. Ich möchte nun Nancy bitten, sich mit der Orgel vertraut zu machen.«

Sein Kollege zeigte der Jugendlichen das Instrument. Gegenüber der Kirchenorgel war diese Orgel mit weit mehr ausgestattet. »Also Nancy, Carsten hat mir bereits etwas zu deiner Orgel berichtet. Ich habe mich mit der Spezifikation vertraut gemacht und dieses Instrument entsprechend vorbereitet. Wie du siehst, hat unsere College-Orgel vier Manuale und ein Pedal. Die Traktatur und Registrierung wird pneumatisch gesteuert. Sie ist leichtgängiger als die mechanische, benötigt aber einen Bruchteil länger. Ich werde dir bei unseren Lektionen die entsprechenden Handhabung verschiedener Registrierungen zeigen. Da wir uns ja speziell für das Konzert auf deine Orgel konzentrieren wollen, spielst du auf den Manualen II und III. Hast du noch Fragen?« Nancy schüttelte lediglich ihren Kopf. Dann schaltete der Dozent das Instrument ein. »Carsten sagte bereits, dass du talentiert bist. Dann würde ich dich jetzt einmal bitten, etwas zu spielen.« Nancy sah sich das Instrument genauer an. Die Bezeichnung der Registrierung kam ihr bekannt vor. Einer Eingebung folgend, machte sie ihre Registrierung. Dann testete sie das Pedal. Das Instrument hatte einen weichen, tiefen Sound. Aus einem Gefühl heraus änderte sie ihre Registrierung für das Pedal. Jetzt hörte es sich wie ihre Orgel an. Gleiches machte sie mit den Manualen. Nach fünf Minuten war sie zufrieden. Der Dozent sah ihr bewundernd zu, wie sie selbstbewusst mit dem Instrument umging.

Alle Anwesenden kannten die Nervosität, vor Menschen zu spielen, die sich mit Musik auskannten. Jeder Fehler wurde gnadenlos registriert, doch Nancy schien es nichts auszumachen. Dann begann sie mit ihrer eigenen Etüde. Es war schwer für einige Studenten, ernst zu bleiben, als die Themen bekannter Videospiele erklangen. Nach der Darbietung meinte der Professor lediglich, dass es sicher nicht langweilig werden würde. Dann begann die erste gemeinsame Probe. Carsten wunderte sich etwas, wie konzentriert alle Musiker waren. Anscheinend hat die kleine Darbietung von Nancy ihren Ehrgeiz geweckt.

Andreas hatte eine Verabredung mit dem Architekten an ihrem ehemaligen Londoner Wohnsitz. Cedric schlief friedlich im Tuch und Salvatore hatte ein wachsames Auge auf seinen Schützling. »Hallo Arthur. Heute ohne deinen Statiker unterwegs?«, begrüßte Andreas Mr Brown. »Luthais ist in Oxford, er holt die Unterlagen ab und sorgt für weitere Informationen. Doch nun zu diesem Projekt.« Andreas hörte seinem Architekten aufmerksam zu. Nach einer halben Stunde beendete er die Besichtigung. Andreas konnte zufrieden mit allem sein. Einmal war das Erdgeschoss nun barrierefrei - wie es im Bürokratenjargon hieß. Dann wurde die Energieeffizienz noch einmal verbessert. Damit würde das Energielabel um ein weiteres Plus verbessert. Es stand lediglich noch eine Generalabnahme durch die Baubehörde an, damit es auch vermietet werden konnte. Letzteres würden Arthur und Luthais selbst begleiten, damit konnten sie offene Fragen beantworten. »Also, durch den warmen Winter sind wir bereits zwei Monate früher fertig geworden. Nach der Abnahme kann dein Onkel es vermieten, wart ihr da schon aktiv?« »Nein. Es ist Zio Jihans Eigentum und er hat zu entscheiden. Carsten und ich sind lediglich die Verwalter. So, wie ich ihn kenne, wird er auf die Bestätigung warten und dann geht es normal sehr schnell.« Der Architekt nickte verstehend. »Ich habe da aber noch eine andere Sache«, begann Andreas, »wie steht es um unsere Lodge?« »Sobald das Wetter es zulässt, legen wir los. Ich rechne mit allem ein halbes Jahr für Sanierung und Umbau. Innerhalb des Hauses stellt die Sanierung kein Problem dar. Wie ihr wünscht, werden alle Installationen erneuert. Auch die neue Raumeinteilung stellt statisch kein Problem dar. Die Fassade ist im Stil des Haupthauses gehalten. Wegen des Denkmalschutzes wird die Garage etwas nach hinten versetzt. Deswegen wird die Gartenfläche etwas kleiner ausfallen.« »Dann erweitern wir die Grünfläche entsprechend im Verhältnis der bebauten Fläche. Das harmonische Empfinden soll gewahrt bleiben.« »Du kennst dich mit der Thematik des Goldenen Verhältnisses aus?«, fragte der Architekt ungläubig. »Natürlich. Das sogar im wortwörtlichen Sinn. Die Natur strebt in ihrer Architektur dieses Verhältnis und das der Fibonacci-Folge an. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie Carsten mich mit diesen komplexen Zusammenhänge im Internat genervt hat.« »Carsten kennt sich auch damit aus?« »Klar, was meinst du, wie man die Harmonielehre mathematisch erfasst. Das Gehör arbeitet nach diesen Gesetzmäßigkeiten und das bereits, bevor wir Menschen die Mathematik erfunden haben. Ich bin jedenfalls ganz froh, dass Carsten mich damit gepiesackt hat, mir kommt dieses Wissen bei der Planung im Landschaftsbau entgegen.« Cedric hatte wohl im Tuch ausgeschlafen und machte sich bemerkbar. Andreas nahm es zum Anlass, den Termin bald zu beenden. »Gut, Arthur, ich werde Zio Jihan über den Termin der Fertigstellung seines Hauses hier informieren. Bei uns auf dem Anwesen können die Bauarbeiten an der Lodge eigentlich beginnen. Das Wetter ist nicht der entscheidende Faktor.« »Wenn du es wünscht, beginnen wir in der kommenden Woche.« Andreas hatte ein wenig Mühe, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, Cedric lenkte ihn durch seinen enormen Bewegungsdrang immer wieder ab. »Ich denke, wir sollten alles Weitere vor Ort besprechen. Dein Sohn ist ganz schön quengelig«, schmunzelte Arthur bei der Situation. »So machen wir es, Arthur. Ich sollte mich jetzt wirklich um Cedric kümmern.« Andreas rief Salvatore zu sich und verabschiedete sich vom Architekten. An ihrem Wagen wartete der Chauffeur. Andreas holte eine vorbereitete Flasche Milch aus einer Tasche und gab sie Cedric. Dieser nuckelte zufrieden vor sich hin. Andreas sah auf seine Uhr, bis zum Lunch mit Carsten hatte er noch ausreichend Zeit. Daher entschied er sich für einen Spaziergang. »Calvin, wir gehen jetzt ein wenig spazieren. Warten Sie bitte hier. Eine Straße weiter gibt es einen Tearoom mit ausgezeichneten Sandwiches.« »Sehr wohl, Mr Zahradník.«

Cedric gewann neue Eindrücke und mit dem Hund an ihrer Seite wurde es auch nicht langweilig. Einige der ehemaligen Nachbarn erkannten ihn und so wurde sie immer auch in Small Talks verwickelt. Anscheinend hatten sie als Studenten einen recht zufriedenstellenden Eindruck hinterlassen. Das Londoner Wetter war ihnen wohlgesonnen, daher durfte Cedric mit Salvatore auf einer kleinen Grünfläche toben. Die paar grünen Flecken auf seinem Strampler machten ihm nichts aus.

Das Lunch nahmen sie gemeinsam in einem kleinen Restaurant in der Nähe des College ein. Beim Frühstück im Hotel hatten sie darüber gesprochen, gerade weil Carsten die Chance nutzen wollte, mit einigen Kollegen in lockerer Atmosphäre zu sprechen. Dass Cedric, Andreas und die beiden Hunde dabei waren, tat dem keinen Abbruch. Carsten legte auch immer Wert auf seine Meinung. »Also Carsten, Nancy hat wirklich Talent, mit dem Instrument wortwörtlich zu spielen. Ich bin mal gespannt, wie sie auf ihrer Orgel spielt.«, begann Mr Alden, der Orgellehrer. »Was ich bisher gehört habe, und dabei möchte ich erwähnen, dass die Orgel in keinem guten Zustand war, zelebriert sie Musik auf dem Instrument. Du hast ja ihre eigene Etüde gehört.« Sein Kollege sah ihn erstaunt an. »Das war eine Etüde?« »Sagte sie mir zumindest. Dabei legte sie ihr Augenmerk auf Registrierung und Spieltechnik im Pedal. Warum erstaunt dich das?« »Weil das eine sehr intelligente Kombination in der mechanischen Traktatur ist.« Andreas sah Carsten nachdenken. »Da unsere Orgel hier pneumatisch ist, wie wirst du es weiter handhaben?«, wollte Carsten erfahren. »Also Ihre persönlichen Lektionen mache ich an einem mechanischen Instrument. Sie hat einen kräftigen Anschlag, den soll sie sich erhalten. Dann hat sie noch ungenutztes Potential in der Dynamik. Weiter habe ich mir das Klavierkonzert mit deinen Arrangements angesehen. Ein ungewöhnlicher Ansatz.« »Nancy schlug ein weiteres orchestrales Werk vor. Das Klavierkonzert passt von der Thematik am besten«, erzählte Carsten. »Darf ich deine Arrangements verändern?« Andreas sah in den Augen des Professors seine Begeisterung. »Klar, ich habe mit Registrierung und Dynamik einer Orgel nicht deine Erfahrung. Außerdem, da Nancy es spielen wird, wäre es nett, ihre Meinung dazu zu berücksichtigen. Sie kennt die Stärken und Schwächen ihres Instruments. Dann habe ich noch einen Aufgabe für unsere Studenten.« Carsten wandte sich seinem Kollegen, dem Leiter des Orchesters, zu: »Dem Ort würdig, sollen sie sich etwas zur Ouvertüre einfallen lassen. Geben wir den zukünftigen Musikern mehr Spielraum.« »Sie haben recht, Carsten, die Studenten haben im vergangenen Jahr einiges geleistet, überlassen wir ihnen den Spaß.« »Machen Sie das auch zur Prüfung?«, stellte Andreas die Frage. »Das entscheiden wir nach der letzten Probe vor Ort. Carsten hat ihnen im vergangen Jahr einiges Wissen an Komposition und Musikhistorie vermittelt. Mal sehen, was sie davon umsetzen«, meinte der Professor nachdenklich.

Dann galt es, sich auf den Lunch zu besinnen. Cedric bekam von beiden Papas seinen Brei und Nachtisch. Obwohl für die Kollegen noch ungewohnt, bewunderten sie die Selbstverständlichkeit, wie zwei Väter sich um ihren Sohn in einem öffentlichen Restaurant kümmerten. Nicht nur, dass sie Cedric beim Essen halfen, sondern sie unterhielten sich auch dabei mit ihm.

Nach dem sättigenden Mahl gähnte Cedric immer öfter. Andreas legte ihn in sein mobiles Bett neben sich. »Was meint Mr Brown zum Haus?«, fragte Carsten zu Andreas’ Termin am Vormittag. »Es wird zeitiger einzugsfertig sein. Zio wird entscheiden, ab wann es vermietet wird, wenn alle baurechtlichen Abnahmen vorliegen. Arthur und Luthais haben wirklich eine schöne Bleibe für Studenten geschaffen. Cedric war etwas gelangweilt, weil zwei Erwachsene sich, aus seiner Sicht, über etwas Belangloses unterhalten haben«, grinste Andreas. »Daher haben wir dann gemeinsam eine Runde durch unser altes Viertel gemacht. Das fand unser Sohn dann schon interessanter. Gerade weil Salvatore dann auch aktiv dabei war.« »Ist er denn sonst nicht aktiv?«, fragte Carstens Kollege. »Sowohl Salvatore als auch Leonardo halten sich etwas im Hintergrund, wenn sie uns bei Terminen begleiten. Dafür wird anschließend ausgiebig getobt. Diesen Unterschied hat Cedric noch nicht erkannt«, erklärte Andreas. »Was interessieren einen Jungen schon baurechtliche Dinge«, zwinkerte der Musiker. »Richtig. Carsten, nächste Woche beginnen die Renovierungsarbeiten an der Lodge. Dann sollte es zum Sommer ebenfalls bezugsfertig sein«, informierte Andreas weiter. »Dann wird es wohl Mitte des Jahres ruhiger im Haus.« »Also, wenn Edward auch anschließend zum Breakfast ins Haus kommen will, ich halte ihn nicht davon ab. Den Informationsaustausch am frühen Morgen finde ich immer interessant.« »Warten wir ab, wie Edward es mag. So, was haltet ihr von einem guten Mocca?«, wechselte er das Thema zurück zum Lunch. Andreas war der erste, der dem Vorschlag zustimmte. Außer ihm und Carsten wollte keiner der Dozenten noch ein abschließendes Getränk. Die Runde löste sich auf. »Hast du heute noch Verpflichtungen im College?« »Nein. Erst morgen Vormittag halte ich meine Kurse und am Nachmittag bin ich bei der Probe zu den Konzerten. Wird ein arbeitsreicher Tag für mich. Ob meine beiden Männer mich entbehren können?« »Ich kann nur für mich sprechen: Ich denke schon. Cedric nur, wenn du dich heute mit ihm beschäftigst.« Carsten bezahlte. Den Nachmittag verbrachten sie gemeinsam mit Spielen und Toben. In den Pausen, wo Cedric sich zum Schlafen zurückzog, unterhielten sich seine Papas über die anstehenden Termine.

»Nun, du hast ja mitbekommen, dass der Stein zum Event ins Rollen gekommen ist. Du kennst die Kirche, wie willst du sie dekorieren? Die Gemeinde braucht das Geld für die Orgel«, begann Carsten mit dem dringendsten Anliegen. »Morgen gehe ich mit Cedric zu einem bekannten Floristen. Er liefert unter anderem die Dekoration für die Konzerte in der Royal Albert Hall. Von ihm erfahre ich sicher noch einige gute Tipps.« »Was ist mit Cedric? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm so etwas lange gefällt«, wandte Carsten berechtigt ein. »Keine Bange, Maverick hat eine Tochter in seinem Alter. Ich denke, Cedric wird sich sehr gut amüsieren«, entgegnete ihm Andreas. Carsten schüttelte belustigt den Kopf. »Ist unser Sohn nicht noch ein wenig jung, um verkuppelt zu werden?« Ein herumliegendes Couchkissen fand ein wenig später sein Ziel: Carstens Kopf. Es entwickelte sich ein kleines Gerangel, wie unter Teenager. Andreas gewann und lag wenig später auf Carsten. Dessen heißer Atem strich ihm übers Gesicht. Sein Aroma machte ihn wuschig und Andreas ließ sich zu einem leidenschaftlichen Kuss hinreißen. Carstens Reaktion spürte er in seinen Lenden. Andreas begann seinen Tiger langsam zu entkleiden und auch Carsten blieb nicht untätig. Zwei nackte Oberkörper tauschen bei der ersten Berührung Energie aus. Langsam begann Carsten den Gürtel von Andreas’ Hose zu öffnen. Erotik knisterte in der Luft. Ihr Atem wurde schwerer … »Abba? Baba?«, unterbrach eine sehr junge Stimme. Andreas und Carsten hielten einen Moment inne, dann lachten sie laut los. Andreas brachte es auf den Punkt: »So etwas musste jetzt passieren.«

Andreas half Carsten beim Aufstehen, dieser ging direkt zu seinem Sohn und holte ihn aus dem Bett. Die nackte, warme Brust wirkte einladend und Cedric kuschelte sich daran. »Dann mach es dir einmal bequem.« Andreas hatte sich bereits wieder angezogen. Als Carsten sich aufmachte, ging er zu Cedrics Utensilien und holte eine handwarme Flasche mit seiner Milch hervor. Diese übergab er wenig später Carsten, der seinen Sohn auf dem Arm fütterte. So langsam wurden die Lebensgeister des Jungen geweckt und nach dem obligatorischen Rülpser wollte er hinaus.

»Weißt du was? Wir gehen zu dem kleinen Park, dann haben wir eine größere Runde mit den Hunden und können dort noch gemeinsam Frisbee spielen. Das Dinner lassen wir uns aufs Zimmer bringen«, schlug Andreas vor. Carsten stimmte der Idee zu. Während Andreas Cedric für den Ausflug anzog, machte sich auch Carsten fertig. Im Schlafzimmer der Suite telefonierte er mit der Küche und orderte für sie das Dinner. »Nein, zum Frühstück kommen wir in den Speisesaal. Lediglich sollten Sie Nahrung für unseren Sohn bereithalten«, erläuterte er.

Zurück im Tageszimmer, empfing ihn eine ausgehbereite Familie. Andreas trug Cedric und Carsten übernahm die Hunde. Im Park kamen Cedric und die Hunde auf ihre Kosten und das Spiel mit dem Frisbee dauerte lange. Manchmal wunderten sich die Papas, woher ihr Sohn die Energie nahm. Nach gut zwei Stunden trafen sie wieder in ihrem Hotel ein. Der Concierge empfing sie mit der Nachricht, dass ihr Dinner abrufbereit sei. »Sagen wir, in einer Stunde können Sie servieren. Jedoch benötigen wir für Cedric einen Gemüsebrei und einen Vanillepudding. Bekommt der Koch das hin?«, fragte Andreas an. »In fünfzehn Minuten, wäre es ihnen recht?« »Natürlich«, antwortete Andreas ihm. »Sie wissen, dass Ihre Familie unseren Chefkoch immer auf die Probe stellt. Er sagt immer, dass ihnen solche Gäste am liebsten sind. Er wird das kleine Dinner für Ihren Sohn frisch zubereiten und servieren. Haben Sie weitere Wünsche?«, fragte der Concierge freundlich. »Ja, Mr Taylor möge sich morgen nach dem Breakfast für uns bereithalten. Wir benötigen den Chauffeur wohl den ganzen Tag.« »Selbstverständlich, ich werde es notieren. Mr von Feldbach, da wartet eine junge Dame im Foyer auf sie.«

»Nancy?«, fragte Andreas erstaunt, als er die Jugendliche sah. »Hallo, entschuldigt, dass ich euch so spät noch aufsuche.« Carsten blieb ganz der professionelle Dozent und lud Nancy auf ihr Zimmer ein. Dort musste die junge Lady etwas warten, da Cedric erst umgezogen wurde. Im Tagesraum sah sie sich um. Anscheinend hatten die beiden das Hotel informiert oder der Name ›von Feldbach‹ war ihren geläufig, denn es stand ein schöner Salonflügel im Raum. Ihre Betrachtung wurde durch ein Klopfen unterbrochen. »Carsten, das Dinner für unseren Sohn ist angerichtet«, rief Andreas wenig später. »Ist gut, unser kleiner Mann ist hungrig. Wenn es dem Besuch nichts ausmacht, können wir reden, während Cedric isst.« »Nein«, beeilte sich der Gast zu antworten. Während Cedric zu seinem zweiten Papa wechselte, der ihn mit einem frischen Kompott versorgte, wandte sich Carsten Nancy zu. »Was führt dich zu uns?«, fragte er dann auch. »Heute Nachmittag hat Mr Alden mir die Orgel für die Lektionen gezeigt. Mann, das Ding ist echt mächtig und es ist sehr wertvoll. Ich glaube, das war keine so gute Idee mit dem Unterricht«, machte sich das Mädchen ihrem Herzen Luft. Carsten verstand, was sie meinte. »Nun, Mr Alden ist nicht nur ein Dozent. Er ist einer der besten Organisten im Raum London. Es gibt wohl kaum eine Orgel in London, die er nicht einmal gespielt hat. Manchmal wird er gerufen, wenn Instrumente defekt sind. Seine Meinung wird respektiert. Wenn also mein verehrter Kollege dir diese Orgel zur Verfügung stellt, um dich zu unterrichten, dann kannst du guten Gewissens darauf spielen. Mir gegenüber sagte er, dass diese Orgel deinem Instrument ähnlich ist. Mechanische Traktatur und vor allem möchte er dir deinen Anschlag erhalten. Das geht auf dem Institutsinstrument nicht, da dieses ja pneumatisch ist.« Nancy nickte verstehend. »Weiter hat er mich gebeten, mehr von dir zu erzählen. Ihr hattet ja noch nicht so viele Begegnungen.« »Warum will er mehr über mich wissen?«, fragte sie. »Er macht sich immer ein charakterliches Bild von seinen Studenten. Du hast ihn heute mit deiner privaten Etüde sehr überrascht. Er meinte, dass es eine interessante Kombination ist, um Registrierung und Spieltechnik zu trainieren. Dann auch, dass Du Humor und Mut hast. In Kirchen Musik von Videospielen zu spielen, traut sich nicht jeder zu.« »Naja, Orgeln stehen nun mal oft an solchen Orten herum. Meine Eltern würden sicher nicht ihr Wohnzimmer für ein solches Instrument opfern.« Andreas musste bei der Bemerkung lachen. Nancy nahm das Selbstverständlichste realistisch wahr: Dass Orgeln nur Musikinstrumente sind, auf denen man nach seinem Geschmack musizieren kann. Ihm fiel die Bemerkung von Patrick ein, dass Nancy auch bei den andächtigen Momenten ein wenig Humor mit einfließen ließ, ohne anstoßend zu wirken.

»Nancy, ich habe sicher nicht das Wissen von Berufsmusikern, doch was Carsten sagte, stimmt. Die Symphonie ist nicht ohne und da wäre es nicht sinnvoll, auf einem Instrument zu proben, das eine ganz andere Technik verwendet als bei uns in der Kirche.« Andreas sah die Erleichterung in ihrem Gesicht. Sie hatte die Notwendigkeit begriffen, auf einem alten und wertvollen Instrument zu üben.

Cedric unterbrach ihre Konversation mit einem gepflegten Rülpser. Selbst Nancy schmunzelte bei dem Geräusch. »Gut, dann möchte ich mich verabschieden. Die Studenten auf dem Campus haben mich zum Essen eingeladen.« »Ich hätte da noch etwas«, begann Carsten seiner Idee folgend, »macht euch doch einmal zu einer Ouvertüre Gedanken, um das Konzert in einer kleinen Kirche der Highlands einzuleiten. Ich lasse mich gern überraschen. Dann wird der Bischof zum Konzert anwesend sein. Kennst du ihn?« »Ja, er lud meine Schulklasse vor Jahren zu sich ein. Er wirkte nicht abgehoben, sondern spielte sogar in seinem Garten mit einigen von uns Fußball. Darf ich mich für ihn etwas einfallen lassen? Wir haben da noch eine kleine Rechnung offen«, bemerkte sie humorvoll. »Mach nur, wir vertrauen dir. Und nun, dein Dinner wartet auf dich«, schloß Carsten den Besuch endgültig ab.

Eine halbe Stunde später brachten beide Papas ihren Sohn zu Bett. Die Hunde hatten es sich in ihren Hundebetten daneben bequem gemacht. Carsten und Andreas ließen sich ihr Dinner in gemütlicher Zweisamkeit schmecken. »Danke für deine Worte an Nancy.« »Gern geschehen. Ich habe mir die Orgelsymphonie angehört. Das ist wirklich ein mächtiges Werk und Saint-Saëns hat die Orgel darin wirklich gut integriert. Der Wechsel zwischen den ruhigen Parts zum Gegensatz der pompösen Stellen macht für mich das Werk interessant. Vor allem gefällt mir die Stelle zu Beginn des Finalsatzes. Der zweite Satz endet relativ leise und dann ertönt die Orgel im Tutti! Allein das erzeugt bei mir schon eine Gänsehaut. Doch dann der Wechsel zum Flügel. Ich kann mir keinen krasseren Gegensatz zweier Tasteninstrumente vorstellen.« Carsten lächelte bei der Beschreibung. Er selbst mochte genau diesen Punkt der Komposition als Pianist. Der vierhändigen Part war nicht überaus mächtig, doch rückte er den Flügel direkt nach den Orgel in den Mittelpunkt, um wenige Takte später das Zepter an die Königin der Instrument weiterzureichen. Bei der Probe am Vormittag harmonierten sein Student Mr Thomson und er an den Tasten auf Anhieb. Das spürte jeder einzelne Musiker in dem Moment. Sein Kollege, der Orchesterleiter, meinte anschließend bei einer Pause, dass es ein grandiosen Konzert werden wird, weil einfach alle mit Leidenschaft dieses Konzert zu einem Erfolg verhelfen möchten.

»Darf ich dich fragen, welche Version du dir angehört hast?«, fragte Carsten nach. »Nicht nur gehört, ich habe mir eine Version angesehen, die bei den Proms aufgeführt wurde: Orchestre de Radio France unter ihrem Dirigenten Myung-Whun Chung. Eine Interpretation, die mein Herz berührt hat. Ich hoffe, unsere Interpretation wird es auch schaffen.« »Sie wird es, Schatz. Nancy hat bereits mit ihrem Spiel allen Studenten gezeigt, wie wichtig ihr das kleine Juwel in unserer Kirche ist. Weiter habe ich vor unserer Abreise noch mit dem Orgelbauer in Glasgow telefoniert. Er wird die Orgel mit modernem Know-how und nach den Originalplänen von Father Smith restaurieren.« »Was bedeutet das?« »Es werden einige Features hinzugefügt, die seinerzeit beim Umzug von Irland nach Schottland verloren gingen. Es sind vor allem Pfeifen, die aus Metall gefertigt wurden. Welche genau es sind und in welchem Register sie angelegt werden, kann ich nicht sagen, weil ich echt keine Ahnung davon habe. Ich glaube, es wird auch für Nancy eine Überraschung. Weiter hat Patrick mit ihm gesprochen, er möchte in dem Notenpult ein Display einbauen lassen. Es hat den Vorteil, dass eine Partitur dort virtuell angezeigt wird und das Umblättern der Seiten entfällt.« »Was ist mit Mr Johnson?« »Glaubst du allen Ernstes, er wird sich deswegen beschweren? Er ist Organist und wenn ihm seine Berufung am Herzen liegt, kann er auf dem Instrument zeigen, was er kann. Ansonsten habe ich bereits meinen Freund, den Kirchenmusikdirektor, informiert. Er will ihm ein wenig auf die Finger gucken. Unter anderem auch, wie er das Instrument in Zukunft pflegt. Falls Mr Johnson in alte Verhaltensmuster zurückkehrt, so wird ihn der Bischof persönlich in eine Gemeinde mit einem Harmonium versetzten.« »Weißt du, Tiger, noch immer spannst du ein Netz mit sehr feinen Fäden im Hintergrund. Wer sich darin verfängt, muss unweigerlich etwas aus seinem Verhalten lernen oder hat es in seiner Zukunft schwer. Weißt du, was aus Melanie wurde?«, erinnerte sich Andreas an ein anderes Spinnennetz. »Och, die backt mittlerweile sehr kleine Brötchen im wörtlichen Sinn. Sie ist Chris mal über den Weg gelaufen. Da hatte sie gerade drei Kids und ihren zweiten Mann. Ich dachte ja, sie würde in Richtung Musik etwas machen.« »Hat sie nicht studiert?« »Nein. So schlecht war sie eigentlich nicht, ich hätte es ihr zugetraut …« Andreas vervollständigte den Satz: »Sie war zu faul.« »Genau das. Ihr zweiter Mann ist Bäckermeister und er hat sie gut im Griff«, wusste Carsten zu berichten. »Naja. Jeder ist seines Glückes Schmied, würde Nonna jetzt sagen.« Carsten grinste, denn genau so würden ihre Großeltern reagieren. Immer irgendwelche weisen Sprüche zum Besten geben. So langsam konnte Carsten seine Müdigkeit nicht verbergen. »Komm, lass uns ins Bett gehen. Morgen wird es ein anstrengender Tag«, pflichtete Andreas ihm bei. »Lässt du noch abräumen? Dann bestelle doch mal in der Küche für unsere Hunde Vollwertkost ohne Fleisch.« Andreas griff zum Telefon und wählte den Zimmerservice, während Carsten sich schon mal ins Bad begab.

»Der Roomservice hat abgeräumt und die Küche hat deinen Wunsch entgegengenommen«, informierte Andreas, als er das Bad betrat. »Cedric schlummert lächelnd in seinem Bett. Der kleine Mann macht sich. Kein Windelwechsel in den letzen beiden Nächten.« »Eine sehr vorteilhafte Begebenheit für seine Papas, doch verlassen würde ich mich noch nicht dauernd darauf.« »Stimmt, Tiger. Es ist auch noch zu früh. Nachts scheint er mit seinen Windeln noch zufrieden zu sein.«

Carsten verließ das Bad, um kurz nach seinem Sohn zu sehen. Cedric murmelte etwas, als er sanft über seinen Kopf strich. Dann beugte er sich zu seinen Hunden hinunter. Leonardo und Salvatore lagen zusammen in einer Kudde. Eine kleine Berührung ließ Leonardo kurz mit den Pfoten zucken. Doch er schlief ruhig weiter. Andreas war bereits im Bett, als Carsten sich zu ihm legte. »Alles okay.« Andreas nahm Carsten in den Arm und strich ihm sanft über die Brust. Daraufhin kehrte Ruhe ein.

Am folgenden Vormittag betrat Andreas den Blumenladen in Begleitung von Cedric und Salvatore. »Hallo Andreas, ich wusste nicht, dass du in der City bist«, begrüßte Maverick ihn. »Heute mit gleich zwei Bodyguards?«

»Hallo Maverick. Salvatore kennst du bereits und er ist eigentlich der Bodyguard von Cedric, meinem Sohn«, korrigierte Andreas charmant. Cedric sah sich aufmerksam um und babbelte munter vor sich hin. »Was führt dich zu mir, brauchst du wieder Tipps?«

»Du hast es erfasst. Für ein Konzert in einer Kirche benötige ich entsprechende Dekoration«, erklärte er. »Dann lass uns mal nach hinten in mein Büro gehen.« Im Büro erwartete ihn seine Gattin hinter ihrem Schreibtisch. In ihrem Sichtbereich war eine größere Krabbelecke für ihr Baby eingerichtet. »Hallo Andreas. Dein Sohn ist ja wirklich süß. Wenn er mag, darf er sich in der Spielecke vergnügen, unsere Tochter schläft gerade«, empfing sie Andreas herzlich. Dieser Einladung wollte sich Cedric nicht entgehen lassen. Mit seinen Ärmchen deutete er zu der Ecke, wo auch einige Bälle lagen. »Darf Salvatore ihn begleiten?«, fragte Andreas. »Natürlich. Spielen sie denn auch zusammen?« »Ein wenig mit dem Ball. Aber nicht wild.« Andreas nahm seinen Sohn aus dem Tuch und setzte ihn auf dem weichen Teppich ab. Einen Augenblick später waren er und der Hund mit ihrem Ballschubsen beschäftigt.

»Also dann beschreibe mir doch einmal eure Location«, wurde Andreas aufgefordert. »Besser, ich habe Photos dabei.« Andreas übergab ein halbes Dutzend A4-Bilder. Maverick sah sie sich alle durch. Hin und wieder murmelte er etwas in seinen nicht vorhandenen Bart. Dann ging er sich einen Tee holen. Seine Gattin servierte Andreas einen Kaffee. »Weißt du, was getragen wird?«, lautete die nächste Frage. »Genau weiß ich es nicht. Das Orchester des Royal College of Musik spielt.« »Dann wohl eher klassisch dunkel. Gut.« »Ich muss erwähnen, das es für eine Spendenaktion einer restaurierten Orgel ist«, fügte Andreas noch bei. »Also ich würde zu einer lieblich duftenden und hellen Dekoration raten. Den Bereich um das Orchester etwas farblich abgesetzt. Rund um die Orgel würde ich die nationalen Farben Schottlands verwenden: Blau, Gelb und Rosa für die Flower of Scotland. Die Kirche ist recht gut geschnitten, daher versuche symmetrisch zu arbeiten. Nicht zu viel an den Besucherplätzen.« Dabei zeichnete er auf einem der Fotos einige Punkte ein und schrieb entsprechende Hinweise dazu. »Hast du einen Floristen vor Ort?«

»Ich arbeite mit der Gärtnerei Hill & Son zusammen. Victor hat gute Geschäftsverbindungen und kann mir sicher alles besorgen. Weißt du was, warum sollst du außen vor bleiben. Ich plane die Platzierung der Dekoration und ihr wählt mir die Blumen und Pflanzen dazu aus.« »So kenn ich dich, du lässt deine Partner nicht hängen.« Ihre Unterhaltung wurde durch Cedric unterbrochen: »Baba mil?« »Klar bekommst du deine Bananen-Vanille-Milch. Ich habe sie doch extra für dich heute Morgen in der Küche zubereitet.« Andreas holte aus der Tasche eine gewärmte Flasche mit dem Shake. Cedric krabbelte zu seinem Papa und wurde dann auf seinem Schoß versorgt. »Wow, wie alt ist Cedric?«, fragte Maverick zu der Leistung. »Sieben Monate. Krabbeln kann er seit guten zehn Wochen. Mittlerweile ist er recht zügig unterwegs.« »Wie habt ihr das denn geschafft?« »Wir gar nicht. Cedric hat einen starken Willen und seine Vorbilder sind wohl unsere Hunde. Sie beschäftigen ihn und auf ihre Weise fordern sie ihn dadurch. Dafür darf er auch Salvatore und Leonardo als Kopfkissen für ein Nickerchen verwenden.« Zwischenzeitlich hatte sein Sohn den Flascheninhalt quasi inhaliert. Andreas legte sich ein Tuch über die Schulter und hob Cedric an. Dann ertönte ein gekonntes Bäuerchen. Das brachte bei allen Anwesenden ein Schmunzeln ins Gesicht. »Baba buh buh?« »Klar, komm, im Tuch schläft es sich besser«, bestätigte ihn Andreas. Geschickt wurde der Junge im Tragetuch verstaut. Noch bevor sein Papa die Flasche wieder verstauen konnte, schlief der Junge friedlich. »Wie geht es Carsten?«, fragte die Frau des Floristen. »Es geht ihm gut. Heute ist er den ganzen Tag im College. Am Vormittag hält er seine Kurse. Der Nachmittag ist von den Konzertproben geprägt. Da er selbst als Pianist mit dem Orchester auftritt.« Maverick beendete das Gespräch und begleitete Andreas hinaus. Vor dem Geschäft stand ihr Chauffeur und half Andreas, Cedric in sein mobiles Bett zu legen. »Mr Taylor, fahren Sie uns zur Royal Albert Hall«, gab Andreas das neue Ziel bekannt.

In seinem Office im College machte Carsten sich eine Tasse Tee und nahm sich die Unterlagen zu den Einzelkursen vor. An diesem Vormittag hatte er lediglich drei Einheiten eingeplant, da der Nachmittag für die Konzertprobe reserviert war. Ein leises Klopfen unterbrach seine Tätigkeit. »Ja bitte!«, forderte Carsten den Besucher auf, einzutreten. »Professor, haben Sie einen Moment Zeit?«, fragte Mr Thomson. »Kommen Sie herein, was kann ich für Sie tun?« »Ich habe einige Probleme bei dem vierhändigen Part der Orgelsymphonie. Obwohl ich regelmäßig daran übe, komme ich dabei ins Straucheln, weil ich das Tempo nicht halten kann.« »Ich verstehe, können Sie heute auf Ihren Lunch verzichten und stattdessen um 12:30 Uhr in den Übungsraum kommen? Da können wir gemeinsam an dem Problem arbeiten.« »Danke. Muss ich etwas mitbringen?« »Die Paganini-Etüden von Franz Liszt. Sie eignen sich dafür am besten. Darf ich Sie fragen, wie weit Sie sich mit dem Thema Fugen und Toccata auseinandergesetzt haben?« Der Student grinste verlegen: »Bach ist keine einfache Kost. Doch ich denke, die grundlegenden Prinzipien verstanden zu haben. Jetzt heißt es für mich, entsprechende Stücke zu üben.« »Ich habe die Thematik auch nicht in einem Jahr gelernt«, gestand Carsten ein, »doch es lohnt sich. Neben den entsprechenden Übungsstücken komponieren Sie ihre eigene Fuge. So bekommen Sie nicht nur ein Feeling für diese Gattung, sondern erkennen, wo Ihre eigenen Schwächen und Stärken in der Spieltechnik liegen.«

Im Übungsraum entließ Carsten den letzten Studenten. Wie gewohnt machte er sich Notizen auf seinem Laptop. Er hatte noch eine gute Viertelstunde und nutzte die Zeit, um sich Bewegung zu verschaffen. Ein kleiner Ausflug in den Campusgarten tat ihm gut. Mr Thomson war pünktlich. »Was ich Ihnen zeigen möchte, ist eine Technik von Rachmaninow. Sie kennen ja sein Klavierkonzert. Um die schnellen Parts zu üben, eignen sich am besten die Paganini-Etüden von Franz Liszt. Jetzt spielen Sie sich warm«, forderte Carsten seinen Studenten auf. Mr Thomson begann mit einfachen Fingerübungen. »Die Kunst der Fingerfertigkeit von Carl Czerny. Interessant«, meinte Carsten beiläufig. »Sie haben das Werk nach den wenigen Takten erkannt?« »Klar, ich nutze sie ja selbst. Oder glauben Sie, ich spiele aus dem Stegreif die großen Werke? Rücken Sie mal etwas zur Seite, dann wärmen wir uns gemeinsam auf.«

Nach fünf Minuten brachen sie ab. Dann begann Carsten, seinem Studenten die Technik für das Konzert zu lehren. »Manchmal liegt die Kunst des schnellen Spiels in der Ruhe der Finger. Franz Liszt verfeinerte diese Methodik in seinen Etüden. Vladimir Horowitz ließ diese Methode in sein Spiel mit der flachen Hand einfließen. Er hatte keine Probleme mit den schnellen Stücken. Jetzt wenden wir diese Spieltechnik auf unser Konzert an.« Eine halbe Stunde probten sie konzentriert an den wenigen Takten ihres Parts. Der letzte Durchgang hörte sich für beide zufriedenstellend an. »Danke Professor, dass Sie sich Zeit für mich und mein Problem genommen haben.« »Nichts zu danken, Mr Thomson, denn es ist meine Aufgabe, Wissen zu vermitteln. Obendrein möchte ich unserem Konzert zu einem Erfolg verhelfen«, antwortete Carsten professionell mit einem Augenzwinkern. »Jetzt ziehen Sie los und essen noch etwas. In einer Stunde beginnen die Proben«, entließ Carsten seinen Studenten. Er selbst packte seine Sachen und schloss den Flügel. »Komm Leonardo, ich denke, es wird eine weitere lange Probe werden. Daher möchte ich, dass du den Nachmittag mit Salvatore und Cedric verbringst.«

Andreas war über den Anruf erstaunt. Carsten erklärte ihm den Grund und dass er Leonardo die lange Probe nicht antun möchte. »Natürlich holen wir Leonardo ab. Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?« »Nur dass die Hunde ausgiebig toben sollten. Leonardo hatte heute kaum ausreichende Bewegung. Wie wäre es mit dem kleinen Agility-Park? Cedric wird sich dort bestimmt auch amüsieren. Tut mir leid, dass unsere gemeinsame Zeit heute zu kurz kommt«, entschuldigte sich Carsten bei ihm. »Das holen wir nach. Keine Bange, in diesen Dingen habe ich ein Gedächtnis wie ein Elefant«, schmunzelte es aus dem Telefon.

Die Probe dauerte lange und Andreas befürchtete schon, Carsten hätte sich wieder einmal in London verlaufen. Als sich gegen acht die Tür zur Suite öffnete, wurde Carsten mit einem lauten »Abba!« begrüßt. Andreas sah die Müdigkeit in seinem Gesicht, doch für Cedric schien er noch genug Energie aufzubringen. Er hob seinen Sohn hoch und knuddelte ihn. Das Juchzen und Lachen des kleinen Mannes schien auch positiv auf seine Papas zu wirken. Andreas ging auf die beiden zu, nahm Carsten Cedric ab und verteilte großzügig Küsse. »Zieh dir etwas anderes an und mach es dir gemütlich. Vielleicht sollten wir noch ein wenig spielen, bevor Cedric ins Bett will.« Carsten hauchte Andreas ein leises Danke ins Ohr. Dann ging er ins Schlafzimmer und erschien wenig später in legerem Outfit. Aus der Zimmerbar nahm er sich einen Fruchtsaft und gesellte sich zu seiner Familie. Cedric wechselte wieder zu Carsten und begann munter vor sich hin zu reden. Es entstand eine lebhafte Konversation zwischen den beiden. Wobei Carsten sicher nicht alles verstand. Doch ihm war die Zeit mit seinem Sohn wichtig. Irgendwann wurde der Redeschwall leiser und dann spürte Carsten, wie sein Sohn sich an ihn lehnte. Behutsam standen er und Andreas auf. Andreas führte sie ins Bad, wo Cedric für die Nacht vorbereitet wurde. Als er dann in seinem Bett lag, dauerte es doch noch ein Wiegenlied, bis er schlief. Damit der Junge ruhig schlafen konnte, lehnte Andreas die Tür an. So konnten sie hören, wenn er unruhig werden würde.

»Tiger, du siehst müde aus. War die Probe so anstrengend?«, stellte Andreas fest. »Und wie. Zumal wir ja gleich an zwei verschiedenen Konzerten proben. Ich kann verstehen, dass nach Stunden die Konzentration schwindet. Aber insgesamt sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Die Orgelsymphonie braucht vielleicht noch eine Probe für die Feinheiten. Dann ist ja noch die Probe bei uns in Schottland. Das Arrangement zum Klavierkonzert braucht mehr Zeit. Wobei Nancy noch einige Änderungen eingebracht hat. Doch es übertrifft meine Erwartungen. Die Uraufführung allein wird schon wie ein Magnet wirken. Ich befürchte, dass es zu zwei Konzerten reichen wird. Doch nun, was habe ich heute mit meiner Familie verpasst?« Andreas nahm seinen Tiger in der Arm. »Also während Mr Taylor Leonardo abgeholt hatte, hat Cedric eine kleine Siesta gehalten. Danach sind wir zu einem Agility-Park gefahren. Dein Sohn ist auf seine Kosten gekommen, indem er mit den Hunden den Parcours absolviert hat. Anschließend spielten sie noch etwas mit dem Seil.« Carsten grinste bei der Beschreibung. In den sieben Monaten hatte ihr Sohn wirklich eine Kondition erworben, die bei einem Erwachsenen für drei Marathonläufe ausreichen würde. Carsten war auf diese Leistung stolz und es schien, dass sie als Eltern alles richtig machten. »Da habe ich heute viel verpasst.« »Hast du und kannst es morgen nachholen. Denn ich muss morgen nach Glasgow. Es gibt einige Schwierigkeiten in dem Projekt. Ich fliege direkt nach Glasgow und werde dort von Edward abgeholt.« Carsten überlegte nicht lange. »Dann ist Cedric morgen bei mir. Was ist mit Salvatore?« »Den nehme ich mit. Er hat sich heute sehr mit unserem Sohn beschäftigt und benötigt eine Pause, um neue Eindrücke zu gewinnen.« Die Antwort klang entschieden. Da würde Carsten auch nicht hineinreden. Andreas kannte seinen Hund besser als er und wenn es in Glasgow Probleme gab, lag es auf der Hand, dass der Projektleiter zur Stelle sein musste. »Vormittags habe ich keine festen Termine, lediglich Sprechstunde. Nachmittags sind zwar die Proben, doch es sollte auch mit einer Vertretung gehen. Mr Alden möchte sich auf das Zusammenspiel zwischen Orgel und Orchester konzentrieren. Da hapert es an manchen Stellen.« »Woran liegt das?«, wurde Andreas doch neugierig. »So professionell Nancy auch wirkt, ist es doch etwas anderes, mit einem Orchester zu spielen. Sie kann sich noch nicht so richtig in den gesamten Klangkörper hineinführen.« »Weißt du, Carsten, du sollst dich noch einmal mit ihr unterhalten. Du bist Dozent und hast eine besondere Gabe, das Wesentliche der Musik zu vermitteln. Du kennst aus eigener Erfahrung, wie es ist, mit einem Orchester zusammenzuarbeiten. Erzähle ihr von deinen Proben mit einem Orchester. Mich sollte es wundern, wenn sie danach nicht ein Teil des Ganzen wird«, schlug Andreas selbstbewusst vor. »Das sollte ich tun«, dachte Carsten laut nach, »du kannst mich doch besser einschätzen als ich mich selbst.« »Sollte das jetzt ein Kompliment sein?«, wurde Andreas keck. »Ja!« Dann schloss Carsten Andreas’ Mund mit einem sinnlichen Kuss. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete Andreas seine Augen und erblickte beide Hunde vor sich. Sowohl Salvatore als auch Leonardo schienen ob der vorgefundenen Situation zu grinsen. »Du, Tiger, wir haben zwei vorwitzige Beobachter. Ich denke, ich gehe mit ihnen noch vor dem Dinner Gassi.« »Gute Idee, dann springe ich schnell unter die Dusche und mache mich frisch. Hast du etwas bestellt?«, fragte Carsten nach. »Mache ich, wenn ich runter gehe. Leicht, herzhaft oder wonach steht dir der Sinn?« »Etwas, was nicht schwer im Magen liegt. Ich glaube nicht, dass ich heute noch große Action benötige. Was ist mit dir?« »Cedrics Aktivitäten fordern ebenfalls ihren Tribut: Also eine Bouillon, Filet Wellington mit Maroni - Duxellesfarce und zum Dessert ein Gooseberry Fool.« »Das soll ein leichtes Dinner sein?«, fragte Carsten skeptisch. »Lass dich überraschen«, dann wandte sich Andreas den beiden Wartenden zu: »Salvatore, Leonardo, Gassi!«

An der Rezeption machte Andreas Halt und bestellte ihr Dinner. Dazu noch zwei Rationen vegetarische Kost für die Hunde. »Ich fliege morgen zeitig nach Glasgow und komme erst gegen Abend zurück. Sagen Sie dem Küchenchef, dass er für Cedric die Speisen und Getränke nach meinem Rezept und meiner Reihenfolge zubereiten soll.« »Sehr wohl, Mr Zahradník. Wird Mr von Feldbach etwas davon mitnehmen?« »Zwei Flaschen mit Fruchtmilch. Zum Lunch wird er hier sein«, bestimmte Andreas kurzerhand. Dann ging er mit seinen Begleitern Gassi.

Carsten zog sich seinen Bademantel aus, nachdem er die Wassertemperatur eingestellt hatte. Gerade wollte er sich unter den Wasserstrahl stellen, als sein Sohn sich bemerkbar machte. Kurzerhand stellte er das Wasser wieder ab und zog sich seinen Mantel über. Im Schlafzimmer ging er direkt zu dem Kinderbett. »Was hast du, Cedric?«, fragte er liebevoll. Seine Hand tastete nach dem Baby. Kaum berührte er seinen Sohn, hielt dieser sich an seinem Finger fest. Mit seiner freien Hand hob er ihn aus dem Bett und drückte ihn sanft an seine Brust. Was sein Sohn hatte, wusste er nicht zu sagen, doch die Nähe tat Cedric einfach gut. Carsten wiegte das kleine Bündel in seinem Arm. Sang sanft ein Wiegenlied. Es wirkte. Cedric wurde ruhiger und entspannte sich. Den Finger seines Papas ließ er los. Fünf Minuten wartete Carsten und legte Cedric wieder in sein Bett. Dann legte er ihm seinen Teddy und den kleinen Holzhund dazu. Zuletzt deckte er ihn behutsam zu. »Sweet dreams, Cedric.«

Unter der Dusche dachte er noch darüber nach, doch zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kam er nicht. Er musste unbedingt mit Andreas darüber sprechen. Das Wasser weckte noch einmal seine Lebensgeister. Als er dann wieder die Suite betrat, war Andreas noch unterwegs. Anscheinend brauchten die Hunde doch etwas mehr Auslauf. Die Ruhe nutzte er, um sich an der Bar einen Wein einzuschenken. Dann setzte er sich in den Ledersessel. Im kam das Gespräch in den Sinn, welches er zuvor mit Andreas geführt hatte. So unrecht hatte sein Schatz nicht. Er hatte Erfahrung mit Orchestern, das halbe Jahr mit dem Berliner Symphonischen Orchester hatte ihn einiges über die verschiedenen Instrumente und die Besonderheiten der Musiker gelehrt. Dann seine erste Probe in London mit dem London Symphony Orchestra. Da war er nervös und überspielte dies mit seiner offenen Art und seinem Können an den Tasten. Das alles galt nicht für Nancy. Sie war an ihrem Instrument talentiert und sein Kollege förderte sie darin. Ein leichtes Schmunzeln überkam ihm. Nach dieser Woche würde sie die Gemeinde sicher an der Orgel überraschen.

»Du bist schon fertig?«, unterbrach Andreas seine Gedanken. »Ja, wie lange seid ihr denn unterwegs gewesen?« »Eine gute halbe Stunde. Wir sind zu dem kleinen Park und da haben sich die Hunde ausgetobt. Anschließend haben wir noch eine kleine Duschorgie machen müssen.« »Davon hast du nichts gesagt!«, wunderte sich Carsten. »Du hast ja nicht gefragt. Ist das Dinner noch nicht serviert worden? Es sollte doch doch fertig sein.« Just in dem Moment klopfte es. Der Zimmerservice servierte ihr Abendessen und die Rationen der Hunde. »Der Chef de Cuisine entschuldigt die Verspätung«, richtete der Kellner aus. »Ist kein Weltuntergang. Es kommt genau zum passenden Zeitpunkt«, nahm Andreas die Entschuldigung entgegen. Der Kellner verneigte sich etwas und verließ die Suite. Carsten nahm die beiden Näpfe entgegen und positionierte diese für die Vierbeiner. Dann genossen sie ein wirklich großartiges Menü. Eine halbe Stunde später ließen sie abräumen und setzten sich noch etwas in die Ledergarnitur. Andreas schenkte sich ebenfalls einen Wein ein. Carsten erzählte von der kleinen Unterbrechung durch ihren Sohn. »Du hast wirklich keine Idee, was er hatte?«, fragte Andreas noch einmal nach. Carsten schüttelte seinen Kopf. »Ich kann nur vermuten, dass er etwas Unangenehmes geträumt hat. An deiner Brust hat er sich ja auch schnell wieder beruhigt«, orakelte Andreas. Carsten zuckte leicht mit seinen Schultern. Dann konnte er ein Gähnen nicht mehr unterdrücken. Gemeinsam räumten sie noch die Gläser beiseite und zogen sich anschließend zurück.

Chapter 25

Die Nacht war für die Väter zeitig vorbei. Andreas verabschiedete sich mit einem zärtlichen Kuss vom noch schlafenden Cedric und seinem Mann. Mr Taylor brachte ihn und Salvatore zum City-Airport. »Calvin, bitte halten Sie sich für Cedric und Carsten bereit«, gab Andreas letzte Anweisungen. Dann wurde sein Flug aufgerufen und die Wege trennten sich am Check-In-Schalter.

Carsten hielt sich in ihrer Suite auf. Er bewunderte Andreas, wie sehr er alles für seine Familie organisiert hatte. Selbst an das Frühstück hatte er gedacht. Als Cedric sich bemerkbar machte, ging er zu ihm und begrüßte ihn: »Guten Morgen, Cedric.« »Abba!«, erwiderte er leicht verschlafen. Carsten nahm seinen Sohn aus seinem Bett und drückte ihn leicht. Cedric schlang seine kleinen Ärmchen um seinen Hals. »Möchtest du dich etwas frisch machen?«, flüsterte Carsten ihm ins Ohr. »Baba?« »Dein Papa ist nicht da. Er und Salvatore sind heute arbeiten. Da wirst mit mir und Leonardo vorliebnehmen müssen. Wir hoffen, du bist einverstanden«, meinte er sehr ernst. Auch wenn er sich bewusst war, dass sein Sohn den Zusammenhang nicht erkennen würde. »Weißt du was, ich befreie dich von der Windel und dann frühstücken wir.« Im Bad wurde Cedric in der Badewanne munter. Mit der Ente hantierte er im Wasser, während sein Papa ihn gekonnt wusch. Nachdem Cedric sein Tagesoutfit an hatte, hieß es gemeinsam frühstücken. Für Cedric stand ein Früchtekompott bereit. Carsten hatte etwas probiert, da hatte Andreas sehr genaue Anweisungen an den Koch gegeben. Einen Unterschied zu ihrem Brei konnte er nicht herausschmecken. Cedric genoss sein Frühstück. Zwischendurch erlaubte der kleine Mann, dass auch Carsten nicht verhungerte. Wobei Carsten sich mit Toast und Kaffee zufrieden gab. Anschließend war etwas Toben angesagt. Der Roomservice grinste nur beim Abräumen, wie Carsten und Cedric sich auf dem Boden vergnügten. »Sir, die Küche hat für den jungen Herrn noch zwei Flaschen für unterwegs vorbereitet. Zum Lunch erwarten wir Sie wieder zurück«, informierte er Carsten zum Abschluss. Dieser bestätigte diese Anweisung. »Teilen Sie bitte Mr Taylor mit, dass er uns am College abholt«, war seine letzte Bitte, bevor der Service das Zimmer wieder verließ.

Mit Cedric im Tuch und geführt von Leonardo, kamen sie eine Stunde später in seinem Büro am College an. Schon am Tag ihrer Ankunft hatten Andreas und er für Cedric eine Spielecke eingerichtet. Dort vergnügte sein Sohn sich mit seinem Spielzeug. Hin und wieder mischte auch Leonardo mit. Richtig konzentrieren konnte sich Carsten nicht, die Geräuschkulisse war nicht ohne. Dennoch schaffte er es, die Portfolios seiner Studenten auf den neuesten Stand zu bringen. Dann meinte Cedric, etwas schlafen zu wollen. Carsten legte ihn in sein mobiles Bett und Leonardo legte sich neben der Tasche. Als Carsten einmal kurz das Zimmer verließ, reichte ein leises Kommando, damit der Hund relaxt bei Cedric blieb. Als er zurückkam, wartete Nancy vor seiner Tür. »Komm herein, falls es dir nichts ausmacht, dass Cedric mich heute bei der Arbeit unterstützt«, lud Carsten sie ein. »Nein«, meinte sie schlicht. »Einen Tee?« »Nein, lieber einen Softdrink.« »Kommt sofort.« Carsten wandte sich dem kleinen Kühlschrank zu und entnahm dort das entsprechende Getränk. Dann schenkte er sich einen Kaffee ein. Beides stellte er auf einen kleinen Tisch bei seiner Sitzgelegenheit. Sein Gast setzte sich und stumm tranken sie ihre Getränke. Carsten hatte Geduld und als Dozent wusste er, dass Warten sich lohnt, wenn es Probleme gab. »Mr von Feldbach, ich glaube, ich bin noch nicht bereit für ein Konzert«, begann Nancy nach einer Weile. »Diese Frage steht eigentlich Cedric zu, doch warum glaubst du das?« »Nun, Mr Alden meinte nach der Probe zu mir, dass ich mich nicht in das Orchester einfühlen würde.« »Nun, das ist auch nicht einfach. Immerhin spielst du die Königin der Instrumente, die ohne weiteres ein Orchester ersetzen könnte. Doch glaube mir, so schwer ist das nicht. Als ich noch selbst die Schulbank drückte, habe ich jede Gelegenheit genutzt, mit anderen Instrumentengruppen zusammenzuarbeiten. Allein durch meine Anwesenheit habe ich schon viel gelernt. Dann habe ich den Vorteil, blind zu sein, dadurch habe ich unbewusst immer mein Gehör trainiert. Ich höre also, wo etwas symbolisch ›knirscht‹. Aber das ist nicht der wesentliche Punkt. Ich möchte dich fragen, was du empfindest, wenn du das Konzert hörst?« Nancy überlegte eine Weile. »Ich habe mir das Konzert immer wieder von der CD angehört. Allein, um es mir geläufig zu machen, doch was ich fühle? Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.« Carsten war mit der Antwort nicht wirklich zufrieden. Er hatte auf mehr gehofft. »Wenn du deine spezielle Etüde spielst oder in der Kirche den Gesang begleitest, geht das auch emotionslos?« »Nein, meine Etüde erfüllt ja auch einen Zweck. Seit ich sie mir zusammengestellt habe, spüre ich, wie das Zusammenspiel zwischen Spielen und Registrierung besser funktioniert. Es erfüllt mich mit Zufriedenheit. Die Lieder im Gottesdienst sind nicht sehr schwierig. Aber es bedar, sich auf die Gemeinde einzustellen. Ich merke sehr schnell, wie die Besucher drauf sind: Müde, fröhlich, besorgt und so weiter. Da kann ich nicht einfach nach den Noten spielen, sondern muss mich der Dynamik anpassen, sonst wird es katastrophal. Ich glaube, Patrick kennt das auch, seine Predigten variiert er je nach Stimmung. Damit müde Kirchenbesucher in Schwung kommen, mische ich auch immer etwas Anregendes dazu. Mal deute ich einen Walzer an oder registriere die Orgel im Intro mit einem hellen Klang. Bisher hat es immer gewirkt, auch wenn ich Patrick damit manchmal in schwierigen Situationen bringe. Einmal hatte er es schwer, ernst zu bleiben, weil ich ein Kinderlied andeutete.« Carsten hörte ihr aufmerksam zu. Jetzt wusste er, wie er ihr helfen konnte. »Ich würde gern das Konzert an Mr Johnson abgeben«, endete sie. »Nancy, Angst zu haben, weil man sich mit etwas Unbekanntem auseinandersetzen muss, ist völlig normal. Du hast den ersten Schritt getan und dich deiner Angst gestellt.« »Das hilft mir aber jetzt nicht viel«, gab sie etwas resigniert zur Antwort. »Das vielleicht nicht, doch ich weiß, dass du die richtige Organistin für dieses Konzert bist. Das Orchester ist für dich der unbekannte Faktor. Doch ist es wirklich unbekannt? Im Grunde stellt ein Orchester nichts anderes dar als die vier Gesangsstimmen: Sopran, Alt, Tenor und Bass. Stell dir das Orchester wie deine Kirchenbesucher vor. Wie sie klingen und auf das Motiv im Konzert antworten. Du hast es eben selbst gesagt, du kannst dich emotional auf die anderen Instrumente einstellen. Nur in der Kirche heißen sie Gemeinde.« »Das ist jetzt nicht dein Ernst?«, meinte Nancy schlicht. Carsten grinste über diese kleine Änderung in der Anrede. »Doch, ich meine es ganz ernst. Ich habe Musikhistorie studiert und kenne die Entwicklung von der menschlichen Stimme zu den heutigen Instrumenten. Nancy! Andreas, ich, Mr Alden, Patrick und wahrscheinlich auch Cedric glauben an dich und deinen Fähigkeiten. Als Dozent kann ich dir nur sagen: Für diese Konzerte bist du genau die Richtige«, machte Carsten ihr Mut. Einige Minuten war es still im Büro. »Abba! Mil?«, klang es aus der Kinderecke. Carsten stand auf und ging zu seinem Sohn. »Na klar bekommst du deine Milch. Andreas hat vorgesorgt und dir eine leckere Vanille-Mango-Milch machen lassen«, meinte er, als er Cedric auf dem Arm hatte. Neugierig sah er sich um und entdeckte Nancy. »Hi«, meinte er lediglich, um sich dann auf die Flasche zu konzentrieren. Nancy sah Carsten zu, wie er Cedric fütterte. »Cedric inhaliert ja förmlich den Inhalt«, resümierte sie. Carsten nickte ihr zustimmend zu. »Er hat heute morgen schon viel gespielt und mit Leonardo Action gehabt. Diese Energie muss ja ersetzt werden, um seinen Papa noch zu fordern«, erwiderte er schelmisch und fügte hinzu: »Sonst wäre es für mich als Vater auch zu einfach.« Nancy lachte. Das Geräusch weckte nun doch Cedrics Interesse an dem Mädchen. Friedlich nuckelnd und mit großen braunen Augen beobachtete er sie. Als dann Leonardo sich Nancy zuwandte, wurde er etwas hibbelig auf dem Arm. Der Nuckel flutschte aus seinem Mund und er babbelte drauf los: »Dada! …« Dabei spuckte er etwas Milch aus. Sein Vater nahm es gelassen. Abschätzend wog er den restlichen Inhalt. Cedric hatte etwas mehr als die Hälfte konsumiert. So ganz beiläufig ertönte ein kleines Bäuerchen. Für Carsten ein Zeichen, dass es vorerst genug war. Jetzt war es Zeit für die nächste Aktion. »Cedric, möchtest du dich ein wenig mit unserem Gast beschäftigen?«, fragte er deshalb auch. Es war einfach seine Art, Cedric zu fragen, selbst wenn dieser die Frage nicht einzuordnen wusste. Nancy nahm ihm die Entscheidung und Carsten Cedric ab. »Ich habe eine Zeitlang als Babysitter gejobbt«, informierte sie Carsten. Dann beschäftigte sie sich mit Cedric. Lachen, Quietschen, Brabbeln erfüllte den Raum. Dann wollte Cedric wieder in seine Ecke. »Du kannst ihn einfach auf den Boden setzten. Er krabbelt dann schon selbst hin.« Wie Carsten es sagte, passierte es auch. In Begleitung von Leonardo machte er sich auf zu seinen Spielzeugen. Dort beschäftigte er sich mit diversen Bauklötze. Hin und wieder wurde es lauter, wenn etwas nicht so funktionierte, wie Cedric sich das anscheinend gedacht hatte. »Ich nehme an, Sie sind heute nicht bei der Probe?« »Nein. Meine Kollegen möchten an einigen Feinheiten arbeiten. Cedric hat ältere Ansprüche, sich von mir beschäftigen zu lassen. Er geht bei uns vor. Mr Thomson und meine Vertretung sind zwei gute Pianisten. Sag einmal, wie gut kennst du dich mit Fugen und Toccaten aus?« Nancy stutzte bei der Frage: »Das Handwerkszeug von Organisten. Also die große Toccata in d-Moll von Bach ist noch zu schwer für mich, doch Max Reger hat einige leichte Fugen und Toccaten komponiert. Die spiele ich zu besonderen Anlässen. Warum?« »Mr Thomson beschäftigt sich gerade kompositorisch damit, da wären einige Beispiele sicher nicht das Verkehrteste.« »Ich müsste mal Mr Alden fragen, ob er entsprechende Noten hat. Ich kann mir vorstellen, dass es noch eine Lektion dazu gibt. Einfach sind diese Werke nicht zu registrieren.« Nancy sah auf die Uhr. »Ich muss jetzt los, meine nächste Lektion steht in einer halben Stunde an. Bye«, verabschiedete sie sich.

Zwanzig Minuten später fand sie sich in der Kirche ein, wo Mr Alden ihr Orgelunterricht gab. Da der Professor noch nicht anwesend war, bat sie den Kantor, sie zu dem Instrument zu lassen. Der Kirchenmusiker hatte keine Einwände und öffnete den Zugang. »Miss, benötigen sie etwas?«, fragte er zuvorkommend. »Haben Sie die Transkription von Max Reger zu Bachs Toccata BWV 910?«, fragte sie höflich. »Einen Augenblick.« Der Kantor verschwand, um wenige Momente später mit dem entsprechenden Werk wieder aufzutauchen. »Der Organist hat ein paar Anweisungen zur Registrierung notiert, doch ich finde die Vorgaben des Komponisten schöner.« Nancy sah sich die Notizen an. »Ich würde sie gern einmal ausprobieren. Die Orgel, auf der ich normal spiele, hat diese Register nicht.« Nachdem sie das Instrument eingeschaltet hatte, ging sie die Registrierung durch. Der Kantor sah ihr interessiert zu. Dann begann sie, das Stück zu spielen. Der Kantor war so freundlich, die Seiten der Partitur umzulegen. Nachdem der letzte Ton verklungen war, machte sich auch Mr Alden bemerkbar. »Gratulation. Das war wirklich gekonnt. Max Reger ist kein einfacher Komponist und diese Transkription hat es in sich. Wo Sie schon mal dabei sind, Bach hatte die Toccata für ein Cembalo geschrieben. Man kann sehr schön den Charakter des Instruments mit folgender Registrierung darstellen …« Der Dozent änderte die Registrierung im Manual. Dann forderte er seine Schülerin auf, das Stück zu wiederholen. Nancy war erstaunt, wie verändert das Stück auf einmal auf einem so mächtigen Instrument klang. Eigentlich wollte Mr Alden mit ihr spieltechnisch die Konzertstücke durchgehen. Doch die Lektion in der speziellen Registrierung zog er einfach vor. Am Nachmittag hätte er noch ausreichend Gelegenheit bei den Orchesterproben.

»Abba?«, meinte Cedric plötzlich. »Ich bin da, was hast du auf dem Herzen?« Es dauerte, bis Carsten verstand, was sein Sohn eigentlich wollte. Ihm war langweilig und er wollte an die frische Luft. Carsten nahm ihn an sich und zog ihn für einen Spaziergang an. Im College war es ein bekanntes Bild, dass Carsten sich von Leonardo führen ließ. Das neue Element war ein Kind im Tuch, welches er trug. Mit wenigen Kommandos lenkte er seinen Hund zum Campuspark. Leonardo schien den Weg zu kennen und blieb souverän, selbst als eine Gruppe Studenten ihnen entgegenkam. Gelassen steuerte er seine Männer etwas zur Seite. Cedric fand es sehr aufregend: So viele junge Menschen auf einmal und jeder schien ihn zu grüßen. Carsten empfand es erfrischend. Dass er schwul und verheiratet war, war auf dem Campus kein Geheimnis. Von der Adoption wussten seine Studenten bereits, bevor er die erste Vorlesung nach dem zweiten Trimester hielt. Es gab viele Glückwünsche. Jetzt lernten die Studenten seinen Sohn kennen und der Charme des Kindes wickelte alle schnell um seine kleinen Finger. Einige konservativ-traditionell eingestellte Mitmenschen rümpften zwar ihre Nase, doch keiner äußerte sich negativ. Vielleicht wollte man es sich auch nicht mit einem außergewöhnlichen Kollegen und Dozenten verscherzen.

Cedric wurde lebhaft in seinem Tuch und Carsten musste ihn hin und wieder zurechtrücken. Im Garten wurde er dann ruhiger. Die Frühjahrssonne gab ihr Bestes und bescherte ihnen einen warmen, sonnigen Tag. Carsten entschied sich, Cedric auf dem Grün mehr Freiraum zu geben. Leonardo würde schon achtgeben, dass sein Sohn keinen Marathon krabbeln würde. Die Freiheit nutzt Cedric, um seinem Bewegungsdrang nachzukommen. Dem Geräusch nach, tobte er ausgelassen mit dem Hund. Carsten freute sich für seinen Sohn, wie dieser Spaß hatte. Plötzlich quiekte Cedric und Leonardo fiepst laut. »Abba! Dada!«, schrie sein Sohn. Carsten orientierte sich an seinem Sohn und ging zügig zu ihm hin. »Abba. Leonardo aua«, weinte Cedric laut genug. Carsten ging in die Hocke und fühlte seinen Sohn und hörte Leonardo winselte. Vorsichtig tatstete er nach seinem Hund. Leonardo stand auf und humpelte etwas. »Abba?«, lautete die nächste Frage. »Ich weiß es noch nicht. Darf ich Leonardo erst einmal etwas untersuchen?« Carsten nahm den Hund zu sich und tastete ihn ab, wie er es im Erste-Hilfe-Kurs gelernt hatte. Als er dessen linken Vorderlauf in die Hand nahm, jaulte Leonardo auf. »Abba? Dada good?«, weinte Cedric. »Das kann ich dir nicht genau sagen. Das muss sich ein Doktor ansehen«, blieb er trotz der Situation ruhig. Dann holte er sein Mobile hervor und wählte erst die Nummer von ihrem Chauffeur: »Mr Taylor, können Sie uns am College abholen? … In zehn Minuten am Portal! Danke«, lautete das kurze Telefonat. Danach wählte er die Nummer ihres Tierarztes in London. »Mrs Henderson, können wir vorbeikommen? Leonardo hat sich etwas getan«, informierte er kurz und knapp. »Gut, in einer halben Stunde sind wir da.« Dann wandte er sich seinem Sohn zu. Er nahm ihn auf den Arm und tröstete ihn. Langsam beruhigte er sich. Leonardo nahm er ans Geschirr und ließ sich von ihm trotz des Handicaps führen. Er spürte, wie der Hund Schmerzen hatte und seine Pfote schonte.

Kaum am Portal, machte ihr Chauffeur auf sich aufmerksam. Während Mr Taylor half, Cedric in seine Liegeschale zu verstauen, hob Carsten Leonardo in den Wagen. »Wir müssen zu Dr. Henderson, hier ist ihre Adresse.«

Es dauerte eine gute Viertelstunde und sie trafen an der Praxis ein. Eine Assistentin half ihnen, Leonardo direkt ins Sprechzimmer zu bringen und auf den Untersuchungstisch zu heben. »Mr von Feldbach, was ist denn passiert?«, begrüßte die Ärztin die Gruppe. Kurz schilderte Carsten, was er gehört hatte. Dann begann schon die Untersuchung. Nach dem Abtasten wurde der Vorderlauf geröntgt. Leonardo ließ alles geduldig über sich ergehen. Dann kam die erlösende Entwarnung: »Es ist nichts gebrochen. Ihr Hund hat sich die Pfote verstaucht und das Fußgelenk überdehnt. Jetzt bekommt er ein Schmerzmittel und ich werde die Pfote entsprechend verbinden. In drei Tagen sollte alles wieder in Ordnung sein. Doch sollte er nicht übermäßig viel laufen«, lautete die fachliche Diagnose. Als die Ärztin dem Hund eine Spritze gab, weinte Cedric. Carsten redete ihm beruhigend zu. Als dann die Pfote verbunden wurde, hatte Carsten einiges zu tun, ihn zu besänftigen.

»Wie heißt ihr Sohn?« »Cedric.« Dann wandte sich die Ärztin dem Junge zu: »Cedric, es ist nicht schlimm, doch ich brauche jetzt deine Hilfe. Kannst du Leonardo streicheln? Dann freut er sich.« Carsten stellte sich neben den Untersuchungstisch und setzte Cedric direkt neben Leonardo. Dann streichelte der Junge Leonardo. Davon abgelenkt, hob der Hund seinen Kopf und leckte die streichelnde Hand. Cedric redete vor sich hin. Verstehen konnte es keiner, doch Carsten vernahm eine aufmunternde Stimme. Nach der Behandlung beglich Carsten die Rechnung mit seiner Kreditkarte. Dann ging es direkt zu ihrem Hotel. Dieses Mal entschied sich Carsten für den Fahrstuhl, auch wenn Leonardo es nicht mochte. Doch schien der Hund mit dieser Entscheidung einverstanden zu sein. In ihrer Suite suchte Leonardo auch sofort seine Kudde auf und streckte alle Viere viere von sich. Carsten zog Cedric um. »Abba?«, fragte er einfach nur. Carsten interpretierte in dieses einzige Wort seine Antwort: »Leonardo geht es soweit gut. Er ruht sich jetzt von dem kleinen Abenteuer aus.« Dann nahm er seinen Sohn auf den Arm: »Cedric, du bist nicht Schuld. So etwas passiert manchmal. Wichtig ist, dass ihr beide beim Toben Spaß gehabt habt.« Die warme, beruhigende Stimme überzeugte Cedric. Er drehte sich zu seinem Papa und schlag seine kleinen Ärmchen um seinen Hals. Die kleinen Tränen wischte Carsten sanft weg.

Damit der Junge abgelenkt wurde, schlug Carsten ihm vor, etwas zu spielen. Auf dem Boden ihrer Suite spielten sie mit Bauklötze, bis Cedric sich an Carsten lehne und einschlief. Ganz behutsam nahm er seinen Sohn und legte ihn in sein Bett. Seinen Teddy und den Holzhund dazu. Zuletzt nahm er die Decke und legte sie locker über den schlafenden Jungen. In dem Tagesraum rief er den Zimmerservice an und bestellte sich eine Kanne Kaffee. Dann dachte er über das Geschehene nach. Leonardo hatte schon öfters kleinere Blessuren davongetragen. Darunter schlimmeres als eine verstauchte Pfote. Die Reaktion von Cedric fand er interessant. Hatte sein Sohn wirklich die Situation richtig eingeschätzt oder war er einfach nur erschrocken? Letzteres würde zumindest sein Verhalten erklären. Dass er traurig war, konnte er sehr gut nachvollziehen. Diese Erfahrung hätte er über kurz oder lang eh gemacht. Jetzt brauchte er eine gute Idee, wie es weitergehen sollte. Seine Mutter wüßte sicher einen Rat. Kurzerhand griff er zum Telefon.

»Hallo Mama. Wie geht es euch?«, lautete seine erste Frage. »Hallo Junge, gut. Paul und ich haben ausführlich über den Wohnungswechsel gesprochen. Ihr hattet recht. Es ist eine gute Idee. Doch wie geht es euch? Was macht mein Enkel?«, schallte es fröhlich aus dem Hörer. »Er schläft gerade, aber er hat heute erlebt, wie sich Leonardo verletzt hat. Nichts Schlimmes, doch es hat Cedric mitgenommen. Was würdest du mir raten, um ihn wieder aufzubauen?« »Binde ihn in die Pflege mit ein, wenn es Leonardo zulässt, sollen die beiden ruhig etwas knuddeln. So lernt er spielerisch, mit dem Erlebten umzugehen und dass seine Pflege dem Hund gut tut«, meinte Luise ernst. »Du hast ähnliche Erfahrungen gemacht, als Wusel starb. Paul und du habt gemeinsam sein Grab im Garten ausgehoben. Dann hast du Wusel dort hineingelegt und dazu seinen Spielknochen. Paul und du seid dann jeden Tag hingegangen und als die ersten Blumen blühten, meintest du, ›dass es Wusel jetzt schön hat‹. Der ganze Prozess half dir letztendlich, mit deiner Traurigkeit umzugehen«, erzählte Luise aus Carstens Vergangenheit. »Danke, Mama. By the way: Andreas ist heute in Glasgow. Irgendwelche Probleme lösen.« »Dein Angetrauter hat dich heute abserviert? Mein Schwiegersohn macht sich. Hin und wieder brauchst du das: Neue Herausforderungen!«, lachte Luise durchs Telefon. Carsten wusste nicht, was er davon halten sollte. Seine Mama zog ihn auf. »Danke auch«, meinte er nicht ganz ernst. »Wo ist Papa?« »Der ist mit den Hunden raus. Der Arzt sagte ihm, dass er sich mehr ruhige Bewegung antun sollte. Daher geht er jetzt regelmäßig mit ihnen Gassi. Zwei Mal die Woche nimmt Ercan ihn mit zur Therapie ins Krankenhaus«, berichtete Luise ihm. »Bleibt er der Praxis fern?«, fragte Carsten, wohl wissend, dass sein Vater leidenschaftlicher Tierarzt ist. »Er übernimmt nachmittags die Sprechstunde der Großtiere mit dem Studenten der Tiermedizin, der die Schwangerschaftsvertretung übernehmen wird. Andrea bat ihn, ihm genau auf die Finger zu sehen.« »Das hätte Papa sowieso getan. Dafür liegt ihm das Wohl der Tiere zu sehr am Herzen. Nicht zuletzt wird er wie immer einen Abschlussbericht für die Universität verfassen«, blieb Carsten sachlich. »Du kennst deinen Vater wirklich gut«, sinnierte seine Mama. »Ich glaube, das ist die Erfahrung mit anderen Studenten«, antwortete ihr Carsten. Dann wurde er durch ein Geräusch aus dem Nebenzimmer aufmerksam. »Mama, ich glaube, Cedric ist wieder wach.« »Machen wir Schluss, Leon kommt gerade ins Wohnzimmer, dein Vater wird sicher sein Mittagessen haben wollen. Tschüß, liebe Grüße an Andreas und einen Kuss für Cedric.« Die Verbindung wurde beendet.

Carsten ging ins Nebenzimmer zu Cedrics Bett. Eigentlich wollte er nach seinem Sohn tasten, doch schwupp, hatte eine kleine Hand sich seinen Finger gekrallt. »Na du, ausgeschlafen?«, fragte er, als er Cedric aus dem Bett hob. »Da«, schallte es bestimmt. Dann nahm er Cedric auf den Arm und knuddelte ihn mit der freien Hand und gab ihm im Auftrag seiner Mutter den Kuss. Sein Sohn giggelte fröhlich vor sich hin.

»Dada?«, fragte er in einer kleinen Pause. Carsten tat ihm den Gefallen und ging mit ihm zu den Kudden. Leonardo lag noch immer darin, doch schien es ihm besser zu gehen. Als er die beiden auf sich zukommen sah, richtete er sich etwas auf. Carsten wuselte ihm den Kopf zwischen seinen Ohren. Dann spürte er die kleine Hand von Cedric, der es ihm gleich tat. Cedric redete vor sich hin. Carsten hörte die unterschiedlichen Nuancen in der Stimme: Freude und Bedauern wechselten mit Zuversicht. So interpretierte es wohl auch sein Hund, denn nach wenigen Augenblicken leckte er die kleine streichelnde Hand. Langsam tastete sich Carsten zu dem verbundenen Vorderlauf. Leonardo gab ihm seine Pfote in die Hand. Carsten spürte, wie es seinen Hund anstrengte. Daher beließ er es bei einer Kontrolle, dass der Verband noch richtig fest saß. Als der Hund sich erheben wollte, legte er einfach seine Hand auf dessen Schädel. Für Leonardo eine dankbare Geste, denn es bedeutete, dass er liegen bleiben durfte. »Und ist alles gut, Cedric?«, fragte er seinen Sohn. »Da, Abba«, lautete seine Antwort mit Bestimmtheit. »Gut. Leonardo darf sich weiter ausruhen, wir lassen die Tür offen, so hört er dich und macht sich keine Sorgen. Einverstanden?« Diese Frage war einfach obligatorisch, so band er seinen Sohn bereits in die Pflege mit ein. Cedric guckte einen Moment zwischen seinem Papa und dem Hund hin und her. Seinen Entschluss tat er mit einer Umarmung kund. Carsten stand auf und ging in ihren Tagesraum. Er setzte Cedric bei der Sitzgarnitur auf den Boden ab und gab ihm sein Spielzeug. Anscheinend entdeckte sein Sohn gerade, wie schön es ist, mit einem kleinen Hammer auf verschiedenen Sachen herumzuschlagen. Die Geräusche animierten ihn, etwas mehr Rhythmus in sein Tun zu bringen. Wobei Carsten lange darüber nachdachte, welches System sein Sohn anwendete. Letztendlich entschied er sich für das Chaos-System. Jedenfalls hatte Cedric viel Spaß dabei und wurde auch lauter.

In einem stillen Moment tastete er nach der Zeit. Es wurde langsam Zeit für Cedrics Lunch. Daher griff er zum Telefon und wählte den Zimmerservice. »Mr von Feldbach, die Küche hat bereits die Speisen vorbereitet. Wir servieren in wenigen Minuten«, lautete die Bestätigung. Carsten legte zufrieden auf. Bereits nach fünf Minuten klopfte es. Cedric nahm das Geräusch auf und integrierte es in seine Tätigkeit. »Herein!«, forderte Carsten auf. Der Service deckte den Tisch ein und informierte Carsten über die Speisen. »Mr Zahradník hatte gestern bereits vorbestellt und genaue Anweisungen gegeben. Für Ihren Sohn gibt es ein Schafsmilchgetränk und dazu ein Gemüsekompott. Für Sie ein Roastbeef à point, Beilagen und Applepie. Eine Empfehlung des Chefkochs. Möchten Sie dazu Wein oder ein kleines Lager?« »Ein kleines Glas Rotwein.« Der Kellner servierte wie gewünscht und verabschiedete sich.

Die Aktion um sich herum veranlasste Cedric, seine Bedürfnisse anzumelden: »Mil?« »Du hast es erfasst, Cedric. Jetzt bekommst du deinen Lunch.« Cedric ließ seinen Hammer fallen und krabbelte zu seinem Papa. Gemeinsam gingen sie zu dem Tisch. Carsten setzte Cedric in seinen Stuhl. Noch während er seinem Sohn einen Latz umlegte, versuchte Cedric, seine Flasche zu greifen. Doch diese stand etwas weit weg. Carsten rückte die Flasche etwas näher zu seinem Sohn. Erfreut griff er danach und mit etwas Hilfe fand der Nuckel seinen Mund. Genüßlich nuckelte er seinen Drink. Bereits wenige Schlucke später setzte er wieder ab. Carsten tastete nach dem Kompott. Diesen rückte er in bequeme Reichweite von Cedric. Der Junge nahm seinen kleinen Löffel und begann munter zu mampfen. Carsten rückte sich seinen Lunch zurecht und begann ebenfalls zu essen. Der Koch hatte gut gewählt. Das Roastbeef war genau richtig. Den Applepie teilten sie sich. Dann hieß es für Cedric, erst einmal eine Siesta zu halten. Dieses Mal verzichtete Carsten darauf, ihn ins Bett zu legen. Stattdessen machten sie es sich auf der Couch bequem.


Andreas wurde am Airport Glasgow bereits erwartet. Edward hatte seinen Geländewagen und die nötigen Unterlagen mitgebracht. »Hallo Andreas«, begrüßte er ihn und knuddelte Salvatore. »Hallo Edward, sorry, dass ich dich bemühen musste.« »Quatsch. Es ist die beste Lösung. Ansonsten hättest du viel Zeit verloren. Wohin musst du zuerst?«, wurde Edward pragmatisch. »Direkt zum Bauleiter, noch weiß ich nicht genau, was Sache ist«, erwiderte Andreas. »Du fährst, dann kann ich mir schon mal die Pläne auf dem Tablet ansehen.« Am Wagen sprang Salvatore auf seinen Platz und wenig später fuhren sie in Richtung Baustelle.

»Guten Morgen, Andreas«, wurden sie vom Bauleiter in seinem Container begrüßt. »Guten Morgen, Stephen, ich bin aus deiner Mail nicht ganz schlau geworden, wo genau liegt das Problem?«, fragte Andreas direkt. »Es ist die Kanalisation im Bauabschnitt II. Wir haben in der Vorbereitung alles mit einer Videokamera kontrolliert, doch jetzt stellte sich heraus, dass einige Abschnitte marode sind. Diese müssen komplett erneuert werden und werfen uns rund vier Wochen zurück.« Dabei zeigte er auf einem Plan die betreffenden Stellen. Andreas nahm sein Tablet zur Hand und suchte sich die Abschnitte heraus. Dann sah er sich seinen Plan an und in welcher Phase seine Gärtner waren. Ein Monat war entscheidend, welche Pflanzen noch rechtzeitig gepflanzt werden konnten. Obendrein mussten die Arbeiten ausgesetzt werden, was für die beteiligten Gärtnereien zusätzliche Kosten bedeutete. »Vier Wochen, bist du dir sicher?«, fragte er nach. »Ja. Die schweren Baumaschinen sind vor Ort und ich habe das Material bereits bestellt. Es wird rechtzeitig da sein.« »Wie sieht es in dem Bauabschnitt I aus? Sind da bereits alle Maßnahmen abgeschlossen?«, wollte er wissen. »Die Aufräumarbeiten haben bereits begonnen. Ansonsten sind nur noch Kleinigkeiten zu erledigen. Dabei handelt es sich vor allem um Installationen in den Häusern und Wohnungen. Keine Außenarbeiten mehr. Warum willst du das wissen?«, wunderte sich der Bauleiter über das Interesse. »Ich kann die Gärtnereien nicht vier Wochen unbeschäftigt lassen. Daher ziehe ich die Arbeiten in dem Bauabschnitt I vor. Ich werde mit den Gärtnern sprechen, wie wir mit dem Bauabschnitt II umgehen sollen.« Dann wandte er sich noch einmal dem großen Plan des Bauleiters zu. »Wenn du da schon tief in der Erde buddelst, kannst du mir Erdproben zukommen lassen? Und zwar von diesen Stellen.« Dabei zeigte er auf verschieden Punkte. »Dort sollen Bäume gepflanzt werden und wenn ich weiß, mit welchen Parametern ich dort zu rechnen habe, werden die Bäume halt vier Wochen später gesetzt. Da braucht du dann nicht alles zuzuschütten. Das muss dann aber alles recht zügig geschehen«, entschied Andreas. »Das ist kein Problem. Ich werde den Vorarbeiter entsprechend briefen.« Wenige Augenblicke später: »Danke, Andreas. Dich habe ich von Beginn an für dieses Projekt favorisiert. Auf dich kann ich mich verlassen.« Der Angesprochene nahm das Kompliment erfreut entgegen.

Anschließend galt es, die Gärtnereien zu unterrichten. Während Edward sie durch Glasgow chauffierte, telefonierte Andreas mit den entsprechenden Gärtnermeistern. Sie einigten sich alle auf einen Treffpunkt im Bauabschnitt I. Andreas war der erste, der die Örtlichkeit erreichte. Stephen hatte recht, von Baumaschinen war nichts mehr zusehen. Dann fiel ihm ein, die Baumschule zu unterrichten, entsprechende Pflanzen später zu liefern. Diesen Anruf machte er sofort und erhielt einen positiven Bescheid. »Andreas, ich bin ja nicht so oft in Glasgow, doch ihr habt hier eine wirklich ansprechende Wohnsiedlung geschaffen. Nicht diese typischen Betonklötze im sozialen Wohnungsbau«, beschrieb Edward seinen ersten Eindruck. »Stimmt. Die Stadt hat sich an die vorhandene Bausubstanz im weitreichenden Viertel orientiert. Dabei wurde auf die Naherholung sehr viel Wert gelegt. Die Grünanlagen der einzelnen Bauabschnitte bilden kleine Inseln, welche miteinander durch begrünte Wege verbunden sind. Mein Konzept hat den Vorteil, dass zukünftige Bau- und Sanierungsarbeiten der Infrastruktur die Grünanlagen kaum betreffen«, erklärte Andreas ihm. Edward bewunderte den Weitblick von Andreas.

So nach und nach trafen auch die beteiligten Gärtner ein. »Hallo Andreas, was sollen wir alle hier?«, wurde er öfters gefragt. »Guten Morgen zusammen. Der Bauleiter braucht im Anschnitt II vier Wochen länger. Eigentlich sollte George mit seinen Gärtnern entlang der Straße die Bepflanzung beginnen, das können wir nun abhaken. Ich habe mich entschieden, stattdessen dieses Viertel bereits fertigzustellen. Das geht nur, wenn wir alle zusammenarbeiten. Charles, du vervollständigst mit deinen Mitarbeitern wie geplant die Grünanlagen um die Häuser. Albert und George, ihr beiden kümmert euch um den Stadtteilpark. Sprecht euch ab. Zur Schlüsselübergabe möchte ich der Stadt ein fertiges Viertel präsentieren. Wenn Stephen grünes Licht gibt, machen wir uns gemeinsam daran, die vier Wochen wettzumachen. Was meint ihr?« Die drei Verantwortlichen der Gärtnereien diskutierten einige Minuten. Dann wandte sich Albert Andreas zu: »Also wir sind mit der Änderung einverstanden. Keiner von uns kann sich einen Leerlauf im Betrieb leisten. Doch wenn die Bäume einen Monat später gepflanzt werden, könnte es in einem trockenen Sommer zusätzliche Pflege kosten.« »Ich weiß, so ist das nun einmal im Gartenbau. Aber ich versuche, durch Bodenanalysen die Pflanzerde entsprechend anzupassen, um die Pflanzen weniger Stress auszusetzen. Vielleicht kann ich dadurch das Wachstum etwas fördern. Zumindest ist es eine machbare Option«, blieb Andreas optimistisch. Die Gärtner mit ihren Erfahrungen zollten ihm dafür Respekt. Ihr Arbeitgeber auf Zeit ließ keine Chance aus, für sie selbst dieses Projekt zu einem Erfolg zu führen.

»Andreas«, wandte sich George an ihn: »Danke, dass du für uns eine Lösung gefunden hast.« »George, das ist meine Aufgabe und so liebe ich meinen Job. Wenn ich etwas in die Hand nehme, dann darf keiner meiner Partner zu kurz kommen. Außerdem gebe ich euch die Möglichkeit, für euren Beruf und eure Gärtnereien Werbung zu machen. Andersherum lerne ich von euch. Deine Gärtnerei habe ich wegen deiner Erfahrung in der Baumchirurgie gewählt. Du wirst für einen sehr gemischten Bestand verantwortlich sein und glaube mir, die Stadt wird nicht ständig für Ersatz sorgen. So, ich möchte noch mit euch allen sprechen.« George sammelte seine Kollegen noch einmal ein. »Wenn ihr euch einig seid, dann beginnt die Arbeiten so früh wie möglich. Sonst wird es knapp«, mahnte der Landschaftsarchitekt. Danach verabschiedet er sich. Als er im Wagen saß, sah er im Rückspiegel, wie sich seine Gärtner aufmachten, sich die einzelnen Bereiche anzusehen. »So, das wäre erst einmal erledigt«, meinte er zu Edward. »Jetzt gilt es, ein wenig mit Salvatore zu spielen.« Sein Verwalter grinste: »Ich habe da auch den richtigen Ort für ihn: Wasser, viel Grün und keiner stört sich daran, wenn Hunde dort Löcher buddeln.« »Danke. Wo ist Clòimh?« »Er ist heute bei Merlin. Ansonsten fühlt er sich wohl. Dr. Miller ist jedenfalls mit der Entwicklung zufrieden. Er scheint sein Rudel und seine Aufgabe gefunden zu haben. Ich mag ihn an meiner Seite. Selbst Mrs Sánchez findet ihn charmant. Lediglich der Briefträger ist ihm nicht geheuer. Doch wie heißt es so schön: Hunde, die bellen, beißen nicht?«, beschrieb Edward den Vierbeiner. Andreas nickte ihm bestätigend zu: »Verlassen würde ich mich darauf aber nicht. Es kommt darauf an, wie er bellt. Es ist eine Warnung, die man beachten sollte. Clòimh ist nun mal ein Schutzhund und so ein Hund warnt nie ohne Grund. Frage den Boten mal, ob er Zeit hat, unseren Briard näher kennenzulernen. Uns wäre es lieber, sie wären sich sympathisch, falls es doch mal zu einer direkten Begegnung kommt.« »Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Die Hunde sind ja öfters im Garten. Woher weisst du das?« Andreas lachte: »Erfahrung mit unseren Hunden und viele Gespräche mit unseren persönlichen Tierärzten. Andrea und Paul sind ja auch für den Amtstierarzt tätig. Da kommt es vor, dass sie auffällige Hunde nach Vorfällen begutachten müssen.« Edward wirkte plötzlich traurig: »Mussten sie auch Tiere einschläfern?« »Paul musste von Amts wegen einen beschlagnahmten Hund einschläfern. Jedoch nur unter der Bedingung, dass der Besitzer keine Tiere mehr halten durfte. Meist ist es nämlich ein falscher Umgang mit dem Hund«, antwortete ihm Andreas. »Dann bin ich froh, dass meine Familie sich damit auskennt. Ohne die Herdenschutzhunde ist es schwer, eine Schafzucht artgerecht zu betreiben.« Zwischenzeitlich hatten sie ihr Ziel erreicht und Salvatore tobte nach Herzenslust mit den beiden Erwachsenen. Andreas staunte, wie sein Hund energisch in einem Loch buddelte. »Ob er mit der Maus Freundschaft schließen will?«, fragte Edward scherzhaft. »Vielleicht, aber ich habe noch nicht erlebt, dass er ein so großes Loch buddelte. Sieh dir mal die Erde hinter ihm an. Fast schon ein Maulwurfshügel.« Salvatore hatte anscheinend sein Ziel erreicht und wandte sich mit dreckigen Pfoten und sandiger Schnauze seinem Herren zu. »Egal was es war, er sieht zufrieden und glücklich aus«, begutachtete Andreas seinen Begleiter auf vier Pfoten. »Komm, ich lade dich auf einen Lunch ein. Mein Flug geht erst am Nachmittag.«

Edward fuhr zu einem kleinen Gasthof. »Ich kenne die Wirtin, ihr macht es nichts aus, wenn Hunde dabei sind. Platz ist dort jedenfalls genug.« Andreas war von dem Ambiente angetan. Edward bestellte ihren Lunch. Nichts besonderes, solide schottische Küche. Dazu gönnte Andreas sich ein kleines Lager. Für Salvatore gab es neben Wasser einen Knochen zur Beschäftigung. »Ich habe mit Arthur gesprochen. Deine Garage muss etwas anders platziert werden. Daher habe ich beschlossen, die Fläche deines Gartens anders zuzuschneiden. Nächste Woche sollen die Arbeiten beginnen«, unterrichtete Andreas seinen Verwalter. Diese Ankündigung überraschte Edward. »Danke, ich werde es mir merken. Nur, wie machen wir es mit dem Zugang?« »Während der Bauarbeiten kann das Tor tagsüber geöffnet bleiben. Ich denke, die Videoüberwachung reicht aus. Nachts wird es geschlossen«, ließ Andreas verlauten. »Ich nehme an, Clòimh wird dich regelmäßig dorthin begleitet«, vermutete Andreas. »Klar, es betrifft ja sein Revier. Ich werde ihn langsam an seine neue Aufgabe heranführen.« »Wirst du sein Futter frisch zubereiten?« »Ja. Das habe ich von euch gelernt. Salvatore, Leonardo und Charaid sehen einfach gesund und glücklich aus.« »Gut, die Kosten für Futter und Medikamente übernehmen wir. Clòimh gehört zur Familie«, machte Andreas klar. Dann galt es, sich dem Lunch zuzuwenden. Dabei sprachen sie über das Projekt in Glasgow. »Kommt es häufig vor, dass bei einem Projekt Komplikationen auftreten?« »Das ist in der Regel der Normalfall. Je größer das Projekt ist, umso vielfältiger sind die Variablen, die darauf Einfluss nehmen. Hier sind es marode Kanalrohre. Ansonsten ist der wichtigste Faktor das Wetter. Ein Park in Frankreich hatte in den letzten Jahren mit langen Trockenperioden zu kämpfen. Da reichte ein Unwetter, um erheblichen Schaden anzurichten.« Andreas nahm einen Schluck von seinem Bier. »Was wurde aus dem Park?«, interessierte sich Edward. »Der wurde wieder hergestellt. Die Stadt investierte, auf Druck der Bevölkerung, 150,000 Euro. Daneben wurde eine effiziente Bewässerung eingerichtet, damit wirken wir der Trockenheit entgegen«, berichtete Andreas. »Da kann ich von Glück sprechen, dass bei uns das Wetter kontinuierlicher ist. Wobei mein Vater schon erwähnte, dass die letzten Jahre feuchter geworden sind.« »Nicht nur das. Ich habe mir die Wetteraufzeichnungen der vergangenen 50 Jahre angesehen. Dabei stellte ich fest, dass es öfters kältere und schneereichere Winter gab. Davon ausgenommen waren fünf aufeinander folgende Jahre, die durch sehr warme Winter geprägt waren. Dieser Winter tendierte wieder zum Durchschnitt der Aufzeichnungen.« »Wie dem auch sei. Wie geht es weiter?«, fragte Edward. »Einmal könnte es passieren, dass ich diese Woche Bodenproben erhalte. Bitte stelle diese dann in meinem Labor in den Kühlschrank. Salvatore und ich fliegen um 16 Uhr. Wenn du magst, genieße den Aufenthalt hier. Du würdest eh nach Feierabend erst wieder zurück sein«, meinte Andreas schlicht. »Danke. Ich werde mal nach einer Einrichtung sehen. Eigentlich nur inspirieren lassen, da ich noch nicht weiß, wie die Dimensionen in der Lodge sind. Mir gefällt eure Küche«, gab der Verwalter offen zu. »Ich kann dir die Adresse unseres Innenarchitekten geben. Er hat uns wirklich gut beraten und unsere Wünsche sehr gut umsetzen lassen«, schlug Andreas ihm vor. »Es ist eine Überlegung wert.« Dann rief er die Kellnerin und jeder bestellte für sich noch einen Nachtisch und Kaffee. Neben dem Tisch gab es ein knirschendes Geräusch. Andreas sah nach seinem Hund. Salvatore hatte ganze Arbeit geleistet und den Knochen geteilt. »Ich hätte es nicht gedacht«, begann Edward, »so kräftig sieht sein Kiefer eigentlich nicht aus.« »Es täuscht, für Labrador-Retriever sehen unsere beiden echt schlank aus, nicht so typisch kräftig. Aber sie haben Power. Ihr Spielseil wird schon mal auf eine harte Probe gestellt, wenn beide darum balgen. Keiner will nachgeben und sie ziehen sich gegenseitig daran weg. Einen Knochen zu zerteilen ist für beide kein Problem und pflegt ihre Zähne.« »Wird Clòimh mit ihnen Probleme bekommen? Du weißt, dass er im Tierheim gemobbt wurde.« »Nein, Salvatore und Leonardo haben ihn bereits ins Rudel integriert. Sie werden voneinander lernen, weil jeder Hund andere Erfahrungen gemacht hat.« »Du kennst dich gut aus«, bemerkte Edward. »Kunststück. Seit ich Carsten kenne, habe ich bereits sechs Hunde kennenlernen dürfen. Arco war ein Riese, aber sehr sanftmütig. Max war eine überlegende Retrieverhündin, sanft, aber auch energisch. Bei Salvatore und Leonardo überwiegt der Spieltrieb. Sie sind zurückhaltend. Salvatore kann, wie seine Schwester Max, energisch sein, wenn jemand etwas gegen sein Rudel im Schilde führt. Leonardo beschützt Carsten. Ist von allen unseren Hunden der dominanteste. Leon vereint alle Charaktereigenschaften, nimmt immer die Rolle des Vermittlers ein, wenn es um seine Welpen geht. Ein vorbildlicher Hundepapa. Gina, sein kleines Hundemädchen, ist mutig, fordert ihre Brüder und ihren Papa heraus. Das alles macht diese Hundefamilie für uns besonders. Wir vermenschlichen sie nicht, respektieren sie mit ihren Eigenschaften als Familienmitglieder. Carsten ist bei uns der ultimative Rudelführer. Das sah ich daran, wie Wolf und Clòimh reagierten.« Edward sah auf die Uhr. »Wir sollten uns langsam auf den Weg machen.«

Am Flughafen Glasgow trennten sich ihre Wege. »Danke, Salvatore«, bedankte sich Andreas bei seinem Hund, »du hast heute wieder bewiesen, wie cool du bist. Jetzt geht es zurück zur Familie. Da kannst du Leonardo und Cedric von deinen neuen Eindrücke berichten.« Der Hund sah sein Herrchen schmunzelnd an.

Carsten hatte den Nachmittag überwiegend mit seinem Sohn verbracht: Spielen, Geschichten erzählen und vorlesen. In den Pausen, wo Cedric schlief, spielte er Klavier. Dann wurde es eigentlich Zeit für Leonardos Gassigehen. Wegen seines Handicaps musste der Hotelgarten ausreichend sein. Er griff zum Telefon und bestellte sich die Hundebetreuerin. Als diese die Suit betrat, wurde sie von Carsten gebrieft. »Mr von Feldbach, das ist einfach zu bewerkstelligen. Für wie lange ist das der Fall?« »Michelle, erst einmal für drei Tage, jeweils drei mal am Tag. Der erste Gang wäre um acht Uhr morgens, morgen ist dann noch unser zweiter Hund dabei. Dann noch einmal mittags und abends. Nutzen Sie bitte den Fahrstuhl. Leonardo mag es nicht besonders, doch Treppensteigen belastet seine Pfote nur unnötig.« »Gut, wie lange darf es dauern?«, lautete eine wichtige Frage.»Ich weiß nicht, wie sehr es ihn anstrengt. Beobachten Sie ihn einfach, wenn er seine Geschäfte erledigt hat und damit zufrieden wirkt, kommen Sie wieder hinauf. Jedoch nicht länger als 15 Minuten.« Die Hundesitterin bestätigte die Vorgaben. Dann nahm sie Sie Leonardo mit auf eine erste Runde. Damit es Leonardo etwas leichter hat, nutze sie das Brustgeschirr, um dem Hund von seinem Gewicht zu entlasten.

Kurze Zeit darauf meldete sich Andreas mit der Info, wieder auf dem Rückflug zu sein. Carsten hatte eine Idee. Kurzentschlossen griff er wieder zum Telefon: »Mr Taylor, würden Sie uns in einer Stunde zum City-Airport bringen? Danke.« Daraufhin wählte er die Nummer vom Floristen: »Hallo Maverick, ich brauche ein schönes Gebinde für Andreas. Machen Sie etwas daraus, es darf ruhig üppig ausfallen. Können Sie es in unser Hotelzimmer liefern lassen?« Carsten hörte dem Floristen aufmerksam zu. »Ich sage der Rezeption Bescheid, damit Sie in unser Zimmer können …. Warum? Weil ich den Mann liebe und er sehr viel für seine Familie macht, um uns zu unterstützen. Danke, Maverick.«

Cedric freute sich, als sein Papa ihn für einen Ausflug umzog. Wunderte sich aber, dass sie ohne Leonardo mit einem Auto wegfuhren. »Abba? Dada?«, war eine wiederholte Frage. »Leonardo wartet im Hotel auf uns. Er darf sich noch von unserem Abenteuer heute morgen ausruhen. Du wirst ihn bald wiedersehen und dich selbst überzeugen. Jetzt holen wir Andreas und Salvatore ab. Dann darfst du mit Salvatore toben«, wiederholte Carsten öfter geduldig. Mr Taylor war es gewohnt, die Gespräche im Wagen zu ignorieren. Doch Cedric legte eine Beharrlichkeit an den Tag, dass es ihm schwer fiel, nicht auch etwas zu grinsen. Dagegen bewunderte er Carsten, dass er die Nerven behielt und ruhig blieb.

Am Airport wunderte sich Andreas, dass Leonardo fehlte. Carsten unterrichtete ihn von dem Vorfall und was ihr Tierarzt sagte. »Und unser Sohn vermisst ihn nicht?«, fragte er neugierig nach. »Natürlich vermisst er ihn und hat sicher schon zwanzigmal nach ihm gefragt. Ich hoffe, Salvatore lenkt ihn ein wenig davon ab.« »Es sieht ganz danach aus. Geh doch bitte mal in die Hocke, damit er ihn streicheln kann.« Carsten tat, worum Andreas ihn bat. Salvatore stellte sich in Position und kleine Hände streichelten ihn. Nach wenigen Minuten hatte Cedric genug. Zum Abschluss leckte Salvatore den kleinen Mann durchs Gesicht. Cedric freute sich. Mr Taylor räusperte sich. Es wurde Zeit, um zum Hotel zurückzukehren. Der Berufsverkehr zog die Rückkehr in die Länge. Nach einer Dreiviertelstunde wurde Mr Taylor entlassen. Die Familie wünsche ihm einen schönen Abend zu haben. »Dinieren wir heute im Restaurant?«, wollte Andreas wissen. »Können wir machen, ich habe die Küche bereits verständigt, dass die Rationen für die Tiere später auf der Suite serviert werden.« Dann übergab er Cedric an Andreas. »So, dann erzähl mir doch einmal, was du heute so alles erlebt hast?«, forderte er seinen Sohn auf. Anscheinend hatte ihn Cedric verstanden, er begann, munter darauf los zu babbeln. Selbst Andreas hörte an seiner Stimme die verschiedenen Emotionen heraus. Es wurde ein interessanter Dialog. Als sie die Suite betraten, sah Andreas viele Blumen. »Wow, hast du das arrangiert?« »Nein, das war Maverick. Es ist unser kleines Dankeschön an meinen Partner, der sehr viel für seine Männer unternimmt.« Selbst Cedric verstumme für einen Moment. Mitten zwischen den Blumen hatte sich Leonardo ein ruhiges Plätzchen gesucht. Als Cedric ihn entdeckte, wurde er wieder lebhaft. Andreas setzte ihn auf dem Boden ab. So schnell er konnte, kabelte er in Richtung des Hundes. Salvatore ging zu seinem Bruder, schnuffelte an dem Verband und brummte etwas. Dann ließen sich beide Vierbeiner darauf ein, mit Cedric zu kuscheln. Andreas beschrieb Carsten die Situation und sie entschieden sich, die drei machen zu lassen. Andreas nahm die Gelegenheit und bedankte sich bei Carsten für die gelungene Überraschung mit einem leidenschaftlichen Kuss.

Carsten ging anschließend zur Bar und holte auf Wunsch zwei Fruchtsäfte. Andreas sah im Flaschenwärmer noch eine Flasche mit Tee. Also war für Cedric gesorgt. Dann sah er sich die drei auf dem Boden an. Es war ruhiger geworden und Zeit, Cedric von seiner Außenkleidung zu befreien. Im Schlafzimmer zog er seinen Sohn fürs Haus um. Dann durfte er wieder mit seinen Hunden spielen.

»Wie war es in Glasgow?«, holte ihn Carsten aus der Betrachtung seines Sohnes. »Nicht einfach, es gibt Bauprobleme im Sektor II und wirft meinen ursprünglichen Plan um vier Wochen zurück. Ein Gespräch mit den Gärtnern erlaubt uns, die Zeit anders zu nutzen. Optimistisch rechne ich mit einer Verzögerung von einer Woche. Besser kann ich es nicht managen«, berichtete Andreas kurz und knapp. »Du machst Witze? Eine Woche im Frühjahr ist etwas anderes als vier Wochen oder noch länger. Bis April, so hast du es mir im Studium einmal erklärt, ist eine ideale Zeit, um Gehölze im Frühjahr zu pflanzen. Klar wirft es andere Arbeiten zurück, aber ich nehme an, die Gärtnereien sind froh, keinen Leerlauf von einem Monat überwinden zu müssen.« »Das war ein überzeugendes Argument, warum alle drei meinem neuen Plan zugestimmt haben. Wir lassen das erste Wohnviertel fertigstellen, so dass Glasgow zur Schlüsselübergabe damit glänzen kann. Es ist auch eine gute Werbung für die Gärtnereien. In Zukunft werden sie sich ja auch öfters absprechen müssen, wenn sie dieses lukrative Geschäft nicht verlieren wollen«, dachte Andreas laut darüber nach. »Wie läuft es bei uns zu Hause? Hat Edward nichts gesagt?« »Nicht viel. Ich habe ihm die Übernahme der Futterkosten zugesagt. Der Hund ist Teil unserer Familie.« Carsten zog bewundernd die Augenbrauen hoch: »Das hätte ich auch vorgeschlagen. Wird er wie wir frisches Futter zubereiten?« »Ja. Er nimmt unsere Philosophie zur artgerechten Ernährung an. Der Briard ist fremden Menschen gegenüber argwöhnisch. Da wir oft Gäste haben, muss er lernen, sie im Revier zu tolerieren. Daher wird er regelmäßig mit ihm zur Baustelle gehen. Bauarbeiter sind schon mal ein gutes Training. Ich bat Edward, auch unseren Briefträger zu bitten, mal etwas mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Anscheinend bellt er ihn jedesmal an«, wirkte Andreas bestimmt. »Eine gesunde Einstellung, ähnliches hätte ich ihm auch gesagt. Doch nun heißt es etwas spielen. Bauklötze und ein Hammer sind bei Cedric gerade die favorisierten Gegenstände«, grinste Carsten seinen Liebsten an. Diese Gelegenheit wollte sich Andreas nicht entgehen lassen. Die Hunde hatten sich zurückgezogen und Cedric hatte schon einige Klötze auf dem Boden verteilt.

Im Restaurant hatte Charly alles für sie vorbereitet. Cedric saß in einem bequemen Kinderstuhl und löffelte sein Gemüsekompott. Hin und wieder halfen ihm seine Papas, wenn sie es für nötig hielten. Dann wurde auch regelmäßig sein Mund abgewischt. Natürlich ging auch mal etwas daneben und kleckerte auf die Tischdecke. Das schien einem älteren Paar etwas unangenehm zu sein und es winkte dem Oberkellner. Dieser wunderte sich, da er andere Kleinkinder gesehen hatte, die bei weitem mehr auf dem Tisch verteilten. »Dieser kleine Herr ist unser Gast und für sein junges Alter recht sauber. Ich habe Gäste erlebt, bei denen jeder ihr Menü von der Tischdecke ablesen konnte. Soll ich Ihren Tisch neu eindecken lassen?«, gab er zur Antwort und beendete die unsägliche Diskussion höflich konsequent. Andreas bekam noch einige Fetzen des Gesprächs mit und konnte sich nur schwer ein Grinsen verkneifen. Solche Art Gespräche hatte er im Ristorante seines Nonno selbst oft genug erlebt. Den Abschluss machte für alle eine Vanille-Creme. Zufrieden kehrten sie auf ihre Suite zurück. Während sich Carsten um den müden Cedric kümmerte, ließ Andreas die Rationen der Hunde servieren. Als sein Sohn endlich in seinem Bett schlief, hatten die Hunde bereits den Inhalt ihre Näpfe inhaliert. Den Abend ließen die beiden Väter gemütlich ausklingen.

Chapter 26

Am Freitag war die letzte Probe der Konzerte in London. Dazu wurden das College als Publikum eingeladen. Unter den Zuhörern waren auch Andreas und Cedric. Beide achteten auf die Hunde. Diese vorletzte Probe umfasste das ganze Event. Zum ersten Mal hörten die Dozenten, was sich die Studenten zur Ouvertüre hatten einfallen lassen. Carsten hatte mit etwas Einfachem gerechnet, doch die Studenten präsentierten aus dem Zyklus der Planeten von Gustav Holst den Part des Jupiter. Arrangiert hatten sie es für Orgel und Orchester. Allein das nahmen die anwesenden Dozenten positiv zur Kenntnis. Dann folgte die Orgelsymphonie. Andreas war begeistert. Diese Musiker brauchten sich nicht hinter einem Berufsorchester verstecken. Interessant war dann das Klavierkonzert. Carstens Idee, die Orgel zu integrieren, machte daraus ein besonderes Erlebnis. Die Arbeit an den Konzerten hatte sich für alle gelohnt.

Nach dem Konzert nahm Carsten Andreas kurz beiseite: »Haben meine Männer noch etwas Zeit? Einige Dozenten und der Prinzipal möchten noch eine kurze Besprechung dazu abhalten.« »Es ist noch zeitig, dein Sohn gibt dir die Freiheit. Es waren schöne Konzerte, mich sollte es wundern, wenn das Benefizkonzert danebengehen würde. Wir gehen in dein Büro, etwas spielen.«

Die Besprechung dauerte nicht lange und Carsten holte seine Familie ab. Dann gingen sie gemeinsam zurück zum Hotel. »Was ergab die Besprechung?«, regte Andreas das Gespräch an. »Sowohl der Prinzipal als auch die beteiligten Kollegen sind sich einig, jedem Studenten dafür Pluspunkte zu geben. Hinzu gibt es nach dem Event noch ein Festessen zu Ostern. Die jungen Menschen haben es sich redlich verdient. Weiter wird der Prinz, als Schirmherr des College, von diesem Konzert unterrichtet, der Prinzipal möchte den Vorstand um ein weiteres Stipendium bitten. Für das gesamte College wirkt es sich jetzt schon positiv aus. Wenn dann noch die Kritiken bei uns hervorragend ausfallen, haben wir unser Ziel als Lehrkörper mehr als erreicht.« »Was ist mit Nancy?« »Mr Alden hat ihr eine Bewerbung fürs College ans Herz gelegt. Das muss jetzt unter uns bleiben: Das Stipendium soll sie erhalten, wenn sie bei uns lernen will«, gab Carsten ein kleines Detail der Besprechung preis.

Cedric war während des Rückflugs am folgenden Tag sehr aktiv. Dabei hatten seine Väter dafür gesorgt, dass er die Hunde immer im Blick hatte. In Edinburgh wurden sie von Edward und Merlin samt Clòimh erwartet. In der Ankunftshalle gab es eine Gruppe sich mehr oder weniger laut beschnüffelnde Hunde. Anscheinend hatte ihr neues Familienmitglied sein restliches Rudel vermisst. Edward war der Ansicht, dass der Hund ruhig solche Gegebenheiten erleben sollte, da sie öfters unterwegs sein werden. Am Familienwagen stiegen die Hunde gesittet in den Fond des Wagens. Carsten half Leonardo ein wenig, wegen seiner Pfote. Als er die die Transportbox schloss, lagen alle bereits dicht an dicht und chillten. Die Familie setzte sich auf die Rückbank, während Edward sie chauffierte. »Was ist mit Leonardo? Er schont seine rechte Pfote«, gab Merlin seine Beobachtung bekannt. »Er hat sich beim Toben mit unserem Sohn verletzt. Nichts Gravierendes, den Verband haben wir heute Morgen abgenommen. Jetzt muss er sich wieder daran gewöhnen, sein Bein zu belasten. Morgen sollte alles wieder normal sein«, fasste Carsten zusammen. »Du bist ein guter Beobachter. Paul hätte seine Freude daran. So etwas nimmt nicht jeder Student sofort wahr.« »Du willst mich auf den Arm nehmen.« »Nein, sicher nicht. Mit so etwas spaßt Carsten nicht. Ich habe es selbst in den Ferien bei Paul erlebt. Wir waren zu dritt bei einem Landwirt, die Patientin war eine Vollblutstute. Der angehende Veterinär sollte eine erste Diagnose abgeben. Das Pferd wurde auf dem Hof herumgeführt. In einem stillen Moment fragte Paul mich, was ich davon hielte. Ich sagte ihm, dass die Stute am Hinterlauf lahme. Es war immer nur ein winziges Zögern beim Aufsetzen des Hufs. Der Student hatte es nicht erkannt. Er glaubte, die unrunden Bewegungen beim Laufen lägen am Becken. Paul erklärte ihm ausführlich, warum es nicht am Becken liegen könne, sondern ein verklemmter Nerv im Wirbelkanal sei. Dann tastete er das Pferd ab. Es war ein Schulterwirbel mit einer Blockade. Gemeinsam renkten sie den Wirbel wieder in die richtige Position.« »Dann war Paul sauer auf den Studenten?« »Nein, so etwas lernt man ja nur in der Praxis. Die Pflegeanweisung des Studenten war dann schon richtig: Reitverbot für zwei Wochen. Das Pferd sollte unter seinesgleichen auf der Koppel sein, damit es seinem natürlichen Bewegungsdrang nachkommen konnte. Also auch das Wälzen auf dem Boden. Paul war an sich damit zufrieden. Beobachten ist eine der wichtigsten Untersuchungsmethoden zur Diagnostik. Daher ist es meinem Tiger sehr ernst damit.« Dann widmete er sich seinem Sohn. Er sah, wie Merlin über das Gehörte nachdachte. Vielleicht würden Andrea und Paul Merlin mal unter ihre Fittiche nehmen. Potential hatte der Junge.

Zuhause wurden sie von Mrs Sánchez empfangen. Die gute Seele freute sich, alle wieder zu sehen und servierte ihre berüchtigten Scones zur Teatime. Als Gentleman widmete sich Cedric seiner ›Oma‹ und beschäftigte sie. »Ich wusste nicht, wann ihr genau wiederkommt, daher haben wir für euch bereits ein Dinner vorbereitet«, meinte sie in einer kleinen Pause. »Das ist echt lieb von euch. Gab es irgendwelche Vorkommnisse, die unser Konzert betreffen?«, fragte Carsten. »Ich habe Patrick auf dem Markt getroffen. Die Restaurierung kommt gut voran. Diese Woche haben sie die neue Windlade und das Gebläse eingebaut. Patrick meinte, in zwei Wochen sei es überstanden. Mr Johnson begleitet die Gottesdienste auf einer elektrischen Orgel. Neuerdings engagiert er sich mehr in der Gemeinde. Der Kirchenchor probt an einem mehrstimmigen Choral. Das kommt in der Gemeinde gut an. Ich denke, im letzten halben Jahr hat er mehr Erfahrungen sammeln dürfen als in den Jahren davor.« »Was ist mit seinem Glockenspiel?«, erinnerte sich Carsten an dessen Hobby. »Ich glaube, er studiert ein neues Stück ein. Es klingt irgendwie moderner als früher«, plauderte Mrs Sánchez locker weiter. »Nun, bis zum Gemeindefest sind noch ein paar Wochen hin. Jetzt gilt es, sich auf das Konzert zu konzentrieren. Dann liegen wir im Zeitrahmen. Die Generalprobe findet am Samstag Vormittag statt und das Konzert ist dann am Abend. Der Nachmittag geht wohl für die Dekoration drauf. Was meinst du, Andreas?« »Ich habe Viktor bereits einen Entwurf gemailt. Maverick liefert die wichtigsten Blumen und Gestecke. Die Dekoration machen wir bereits nach dem Gottesdienst am Freitag. Damit findet die Probe schon in der geschmückten Kirche statt. Patrick lässt den Gottesdienst am Samstag ausfallen. Es gibt eine kleine Andacht im Gemeindezentrum«, wusste Andreas über den weiteren Verlauf.


Eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben fuhr die Hauptstraße entlang. Das Kennzeichen ließ erste Gerüchte aufkommen: Was ließ ein so elegantes Auto mit italienischem Kennzeichen durch die Gemeinde fahren? Einige Passanten wunderten sich, als das Auto vor dem Haus des Organisten hielt. Zwei in dunkle Anzüge gekleidete Personen stiegen aus und sahen sich aufmerksam um. Einer von ihnen ging zur hinteren Wagentür. Aus dem Wagen stieg ein sehr elegant gekleideter Mittfünfziger. Neben einem maßgeschneiderten Anzug und einem hellen Seidenschal trug er einen Hut, den auch Humphrey Bogart in seinen Gangster-Verfilmungen hätte gut aussehen lassen. In Begleitung der beiden Bodyguards ging er zielstrebig auf die Haustür zu und ließ seine Begleitung klopfen.

Einige neugierige Nachbarn drehten bereits ihre Köpfe zu diesem seltsamen Auftritt. Mr Johnson öffnete die Tür und sah sich drei fremden Männern gegenüber. »Sie wünschen?«, fragte der Organist. »Signor Johnson?«, wollte die Begleitung wissen, anstelle die Frage zu beantworten. »Ja, und wer sind Sie?« »Es wäre unhöflich«, begann der ältere Mann, »sich nicht vorzustellen: Don Greco. Dürfen wir eintreten?« Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, traten die drei Besucher durch die Tür. Die Besucher sahen sich aufmerksam um. Der Eingangsbereich sah sehr geschmackvoll eingerichtet aus. »Mr Johnson«, sprach der Don mit einer ruhigen, doch sehr betonten Stimme mit einem leichten Akzent, »wie mir zugetragen wurde, haben Sie sich gegenüber meiner Familie ungebührlich verhalten und unfreundliche Worte geäußert. Sie wurden gewarnt, sich nicht mit meiner Familie anzulegen …« Der Musiker unterbrach ihn schroff: »Was wollen Sie? Mir in meinem Haus drohen?« Don Greco ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hob lediglich seine Augenbrauen: »Wer spricht hier von drohen? Sie wurden bereits zweimal gewarnt und dennoch waren Sie respektlos.« Einer der beiden Bodyguards ging einen Schritt auf das Familienoberhaupt zu und flüsterte ihm etwas auf italienisch ins Ohr. »Ist gut, Clemenzo.« Darauf machte er eine künstliche Pause. »Mr Johnson, mir wurde zugetragen, dass sie ihre Verpflichtungen ihren Kindern gegenüber vernachlässigt haben.« Der Angesprochene sah erschrocken aus. Sein Geheimnis war keines mehr. »Ich rate Ihnen, dieser Pflicht schnellstens nachzukommen und die ausstehenden Unterhaltszahlungen zu begleichen. Die Familie behält Sie im Auge. Kommt mir nur der Verdacht zu Ohren, dass Sie wieder im Rückstand sind und ihre eigene Familie vernachlässigen …«, wieder eine kleine Sprechpause, »… dann werde ich mich persönlich um die Angelegenheit kümmern. Dann aber nicht unter vier Augen.« Don Greco wandte sich seinem Bodyguard zu: »Clemenzo, ich glaube, wir haben den Bischof lange genug warten lassen. Hier ist alles erledigt.« Der Besucher grüßte nur kurz den sprachlosen Organisten. Seine Bodyguards öffneten die Tür und begleiteten den Don zu seinem Wagen. Der Chauffeur öffnete die Wagentür und ließ seinen Arbeitgeber einsteigen. Kurz darauf fuhr die Limousine zügig davon.

»Mirco, das war eine bühnenreife Vorstellung. Du hast den Don überzeugend gespielt. Ich glaub,e diese Botschaft ist angekommen«, meinte einer der Bodyguards grinsend. »Alex, das wäre ohne euch nicht so beeindruckend hinübergekommen. James, wie bist du an die Kennzeichen gekommen und warum ausgerechnet Neapel?«, fragte Mirco seinen Kollegen am Steuer. »Ich habe ein wenig recherchiert. Die neapolitanische Familie hat in Aberdeen einige Aktivitäten in der Tourismusbranche getätigt, damit gibt es einen Bezug zu Schottland. Falls dieser Zeitgenosse selbst recherchiert. Ich habe einen Bekannten beim MI6 um authentische Kennzeichen gebeten. Luigi ist in Neapel geboren, kennt die Camorra und ihre Methoden. Rachid hat mir diesen Wagen aus unserem Fundus überlassen. Damit werde ich mich immer auch mal in der Gemeinde blicken lassen. Bryan bat mich, in Sachen Unterhaltszahlungen am Ball zu bleiben. Er meinte, seine Dummheit soll er selbst ausbaden, nicht seine Kinder.« »Also arm ist er sicher nicht. Die Einrichtung hat schätzungsweise mehrere tausend Pfund gekostet, dabei war es nur der Flur. Ich möchte nicht wissen, wie die anderen Räume aussehen«, mischte sich nun auch der zweite Bodyguard ins Gespräch ein. »Die kleine Kommode stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Das Bild darüber ist ein Originalgemälde von Thomas Gainsborough. Alles gut in Szene gesetzt. Es macht sich bezahlt, das Bryan mich für sechs Monate ins Betrugsdezernat zur Fortbildung versetzt hat.« »Unsere Chefs wissen die Talente ihrer Beamten zu fördern.« »Wohin fahren wir eigentlich?« »Zum Bischof, Rachid bat mich, einen persönlichen Brief zu überbringen«, beantwortete James die Frage.


Eric war sichtlich geschafft. Mr Palmer arbeite an zwei Skulpturen aus Sandstein. Der Jugendliche fand die Arbeit beim Steinmetz interessant, aber seine Hände sprachen eine andere Sprache. Der Staub von Steinen hatte die Wirkung von Schmirgelpapier: trockene Haut und feine Risse. Merlin gab ihm eine Handcreme zur Pflege, die er sich jeden Morgen und Abend einmassierte. Dennoch, der überraschende Effekt der wundsamen Heilung blieb aus.

»Eric, gibst du mir einmal das Zahneisen?«, sprach Mr Palmer ihn an. Der Angesprochene reichte seinem Chef das besagte Werkzeug. Dann widmete er sich seinem Objekt. Bryan hatte ihm in den ersten Wochen gezeigt, wie er mit den verschiedenen Meißeln und Eisen Verzierungen in Stein hauen konnte. Jetzt bearbeitete er den Sockel für eine Torverzierung. An sich eine interessante Arbeit, wie Eric fand. Mr Palmer hatte für einen Kunden zwei Skulpturen für steinerne Torpfosten angefertigt und er sollte die beiden Sockel verzieren. Eigentlich kannte er als solche Objekte Tiere wie Löwen, Bären oder überdimensionierte Vasen und ähnliche Gefäße. Doch Bryan arbeitete an einer Musiknote, die nach oben hin in einem Baum endet.

»Sag mal, Bryan, die beiden Löwen im Lager, waren die nicht mal an der Einfahrt zum Herrenhaus?«, fragte er drauflos. »Ja. Es gibt da so eine überlieferte Tradition. Wenn der Adelstitel in einer Region erlischt, wird an dessen Wohnsitz das Wappen, die Bezeichnung oder in diesem Fall sein Siegel entfernt. Mr Zahradník stiftete diese Figuren der Gemeinde.« Dann hielt er einen Augenblick inne. »An sich eine schöne Geste, finde ich«, fuhr Mr Palmer fort, »so bleibt der Bezug der Familie Rutherford in der Gemeinde präsent. Sie müssen noch gereinigt und restauriert werden, deswegen stehen sie bei mir im Lager.« »Dann ist jetzt die Einfahrt zum Manor ohne eine Verzierung?« »Noch, Mr Zahradník und Mr von Feldbach haben diese beide Objekte in Auftrag gegeben, um das Tor wieder zu vervollständigen. So bekommt Rutherford Hall ein neues Symbol und eine neue Bedeutung. Wie findest du es?« Eric sah sich die Objekte genauer an. Der eintönige Farbton passte zu der Bedeutung nicht recht. »Es sind wirklich interessante Skulpturen, doch ein bisschen Farbe würde sich sicher gut machen. Vielleicht die Note eher dunkel und die Krone dazu in einem angedeuteten Grün. Alternativ könnte man auch farblich die Edelmetalle Silber und Gold verwenden.« »Eine interessante Variante. Ich kenne die beiden Pfosten. Bei der Renovierung wurden vorhandene Farbpigmente wieder aufgefrischt. Der obere Saum ist mit einem viktorianischen Mosaik verziert. Dazu würde die farbliche Variante sehr gut passen. Du hast eine gute künstlerische Vorstellungskraft.« Dann sah er sich den Sockel an. »Obendrein hast du geschickte Hände. Die Verzierungen gefallen mir. Machen wir für heute Schluss. Soweit ich erfahren habe, hilfst du Merlin beim Lernen. Morgen beginnen wir etwas später. Komme gegen neun«, beschloss der Steinmetz den Tag.

Als Eric vor dem Tor des Manors stand, sah er sich die beiden Pfosten genauer an. Es war ihm vorher nicht aufgefallen, doch beide Säulen sahen kunstvoll aus. Oben waren die Mosaikarbeiten deutlich zu sehen. Ein dunkles Grün wechselte sich mit hellerem, bleichem Blau. Entlang beider Säulen waren mit moosgrüner Farbe Efeuranken aufgemalt. Mr Palmer hatte recht, die Objekte würden in den natürlichen Farben oben zur Geltung kommen. Dann drückte er die Klingel an der kleinen Pforte. »Ja?«, hörte er Merlins Stimme. »Ich bin es, Eric. Mr Palmer hat mir heute früher freigegeben.« »Warte, ich öffne dir.« Das Summen entriegelte den Durchgang. Wenig später stand er vor dem Portal. Merlin wartete bereits in der offenen Tür. »Komm herein. Mrs Sánchez ist bei ihrer Teepause und fährt dann nach Hause. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich auf Cedric aufpasse. Andreas und Carsten sind mit den Hunden unterwegs«, empfing Merlin seinen Freund. »Nein, der Junge ist doch knuffig. Ein Tee wäre jetzt nicht schlecht?«, lud er sich ein. »Komm rein, Mrs Sánchez wird sicher noch welchen haben und ich muss sagen, sie macht einen ausgezeichneten Tee.«

»Hallo Mrs S.«, grüsste Eric, »haben sie noch eine Tasse Tee für mich?« Die Angesprochen zog ihre Augenbrauen etwas in die Höhe. »Vorsicht, Mr S.!«, begann sie schmunzelnd, »Setzt euch, ich habe genug für uns alle. Vielleicht noch etwas Marmorkuchen? Ist noch etwas warm«, bot sie den Jungs an. Die kleine Runde wurde gemütlich. »Ich habe da etwas für deine zerschundenen Hände«, meinte Mrs Sánchez plötzlich zu Eric und reichte ihm aus ihrer Tasche eine Tube. »Die Handcreme hat schon meine Mutter benutzt und ich kann sie dir nur empfehlen. Einmal am Tag reibst du sie dir ein. Sie pflegt nicht nur, sondern unterstützt auch die Heilung.« »Ein altes Hausmittel?«, fragte Eric nach. »Wenn du es so bezeichnen willst: ja. Früher waren die chemischen Reinigungsmittel wirklich scharf und griffen die Haut an. Das hat sich zum Glück geändert.« »Haben Sie denn noch andere Tricks parat?«, fragte Eric weiter nach. Mrs Sánchez dachte einen Moment nach: »Ja, von meiner Mutter und meiner Oma habe ich noch so einige Tipps bekommen. Gerade was im Haushalt effektiv, nützlich und vor allem günstiger ist als die heutigen Mittelchen. Dann haben die Hausherren auch als Vorgabe gemacht, dass alles ohne harte Chemie sein muss. Im Januar habe ich zwei Teppiche reinigen lassen. Also wegen der Größe habe ich sie in eine Reinigung gegeben. Dort wurden sie schonend gewaschen und dann professionell aufgearbeitet. Kleine Reparaturen und so.« »Ach deswegen war der Läufer zum Porch weg«, erinnerte sich Merlin. »Und der unter dem Flügel von Carsten.« »Warum? Reicht es denn nicht, diese einfach staubzusaugen?« »Staubsaugen entfernt nur den losen, groben Dreck, aber Gerüche setzen sich in den Fasern fest. Der Läufer zum Porch roch einfach intensiv nach Hund. Das ist vorerst vorbei. Möglich, dass in einem halben Jahr wieder eine solche Behandlung ansteht. Der Teppich unter dem Flügel war einfach nur sehr schmutzig. Da komme ich auch mit dem Staubsauger nicht so gut hin«, gestand Mrs Sánchez. »Aber richtig schön sieht er nicht aus. Die Farben sind alle blass.« »Das stimmt, Merlin, doch er dient ja nicht der Optik, sondern erfüllt den Zweck, einmal das Parkett zu schonen und dann den Schall nach unten zu dämpfen. Das hat mir Carsten erklärt. Der Flügel im Salon steht auf kleine Pads, damit keine Abdrücke zurückbleiben.« Diese Erklärung leuchtete den Jugendlichen ein. Dann kam Eric auf das eigentliche Thema zurück: »Haben Sie mal die alten Tricks aufgeschrieben? Solches Wissen wird sicher auch in Zukunft wertvoll sein.« »Meinst du?«, fragte die Lady am Tisch nach. »Klar. Ich kenne ja nur das moderne Zeug. Mama nutzt hin und wieder Teppichschaum in meinem Zimmer und dann riecht es einige Tage unangenehm stechend«, führte Eric aus. »Ich denke mal darüber nach. Jungs, ich muss nach Hause, räumt ihr bitte alles wieder auf?«, klang die Bitte fragend. »Machen Sie nur, Mrs S. Wir kümmern uns darum. By the way: Ihr Kuchen schmeckt wie bei Oma.« Mrs Sánchez bedankte sich über das Kompliment, packte ihre Utensilien ein und machte sich auf.

»Du interessierst dich für alte Hausmittel?« »Klar, ich mache ja auch die Einkäufe für uns. Da sind dann auch die Reinigungsmittel dabei. Also, wenn ich dann mal die Inhaltsstoffe auf den Etiketten lese, wird mir übel. Einige sind voller Reizstoffe, die kennzeichnungspflichtig sind. Da lobe ich mir die alten Überlieferungen, die mit einfachen Mittelchen auskommen. Meist haben sie auch den Nebeneffekt, angenehm zu duften«, berichtete Eric. »Mit einfacher Zitronensäure kann man Wasserkocher schonend entkalken und so weiter. Und weil wir gerade dabei sind, heute gehen wir wieder die Chemieaufgaben durch.«

Nachdem sie die Küche soweit aufgeräumt hatten, ging es ins Merlins Reich. Dort breitete Merlin seine Aufgaben aus und dann wurde intensiv gelernt. Zwischendurch meldete sich Cedric via Babyphon und die Teenager nutzten diese Unterbrechung für eine kleine Pause.

In der Küche machte Merlin für den Jungen einen Kakao. »Sag mal, Eric, wie läuft es bei Mr Palmer?« »Also bisher bereue ich nicht, dass Papa mich zu dieser Maßnahme verdonnert hat. Bryan hat mir bereits viel beigebracht und ich wende physikalische Methoden an, welche ich zuvor nur aus der Theorie kannte. Ich gebe es nur ungern zu, doch du hast vollkommen recht behalten. Es ist ein großer Unterschied zwischen theoretischem Wissen und praktischer Anwendung. Dazu kommt grundlegendes künstlerisches Wissen. Heute sprachen wir über eure Torpfosten. Wusstest du, dass diese neue Objekte erhalten sollen?« »Ich habe nicht einmal gemerkt, dass da etwas fehlt. Was sind das für Objekte?« »Es sind Musiknoten, die in einer stilisierten Baumkrone enden.« »Also symbolisch die Berufe der beiden, und was ist das Besondere an diesen Dingern?«, fragte Merlin interessiert nach. »Einmal hat Mr Palmer diese als Bild und Spiegelbild gestaltet. Für den linken und rechten Pfosten. Dann meinte ich heute, dass diese vielleicht etwas farblos aussehen. Bryan fragte auch sofort nach, woran ich dachte. Ich meinte, entweder eine dunkle Note und eine grüne Krone oder eine silberne Note und goldene Krone. Da wusste ich aber noch nicht, wie die beiden Säulen aussehen. Jetzt plädiere ich für die erste Variante, da beide steinernen Pfosten bereits farbliche Akzente haben.« »Und wie soll das vonstattengehen? Ich meine, wie einen Sandstein farblich gestalten?« »Da habe ich auch keine Ahnung, doch ich werde das sicher bald erfahren«, meinte Eric. Dann sah er, wie Cedric etwas Kakao an seinem Platz verschmierte. »Werden Andreas und Carsten nicht sauer sein wegen der Schmiererei?« »Nein, die beiden nehmen es locker. Cedric soll ruhig allem auf den Grund gehen dürfen. Die kleine Pfütze kann man auch später bequem wegwischen. Weder Tisch noch seine kleine Ablage nehmen ihm das übel. Aber der kleine Mann hat seinen Spaß, darauf kommt es doch an. Wie sagest du mir einmal: Forschen soll auch Spaß machen.« Beide Teenager grinsten sich an. »Dann wird dein kleiner Schützling wohl mal einen Nobelpreis erhalten.« »Vielleicht, aber das hat noch Zeit.« Dabei löffelte er etwas Zucker in seinem Tee und rührte diesen um.

Plötzlich wuselte der Briard um sie herum. »Hallo Jungs, genug vom Lernen?«, begrüßte Edward die Runde. »Das war Cedrics Vorschlag. Er brauchte neue Energie und band uns mit ein. Was haben du und Clòimh heute nachmittag gemacht?«, fragte Merlin nach, während Eric den Hund streichelte. »Wir waren drüben auf dem Gelände jenseits des Burns. Clòimh soll sich ja auch dort zurechtfinden. Zuletzt waren wir dann noch in der Lodge. Es sieht etwas wild aus, doch die ersten neuen tragenden Wände stehen. Gegenüber der ursprünglichen Planung werden auf beiden Ebenen vier Räume sein und dann noch das Dachgeschoss ausgebaut. Dort wird dann mein Büro eingerichtet werden. Luthais fand die Idee ganz gut, weil ich dadurch ein kleines Familienhaus gestalte. Arthur hat dann schon mal die Garage abstecken lassen.« »Ist das wichtig?«, fragte Eric nach. »Für Andreas, der die Gartenfläche neu berechnen will. Hat irgendetwas mit harmonischen Verhältnissen zu tun. Dann kann auch das Fundament gegossen werden. Der Architekt will jetzt so viel wie möglich parallel machen.« Edward ging zum Schrank und entnahm eine Tasse. Dann setzte er sich an den Tisch und goss sich ebenfalls Tee ein. »Die Bauarbeiten gehen gut voran, möglich, dass alles in vier Monaten vorbei ist. Anscheinend gefällt es dem Hund, denn er hat sein Revier dort bereits markiert.« »Also wenn ihr noch lernen wollt, lasse ich mich von dem kleinen Gentleman beschäftigen.« Die Jugendlichen zogen sich dankend zurück. Es galt noch einige Hürden in Chemie zu nehmen und Eric stellte sich als guter Mentor heraus. Er ging mit Merlins Problemen behutsam um und erklärte das Wesentliche zur Lösung. Die restlichen Lücken schloss Gwenda als Pädagogin.


Die zwei Wochen vergingen wie im Flug. Carsten, Nancy, Patrick und Mr Johnson wurden vom Orgelbauer zur ersten Funktionsprobe der Orgel eingeladen. Der Meister seiner Zunft saß selbst am Spieltisch. Erst spielte er diverse Stücke, um die Register zu testen. Hin und wieder stimmte sein Gehilfe die Orgel nach. Das letzte Stück war die berühmte Toccata und Fuge von Bach. Dann spielte der Organist einige Choräle und wirkte auf Carsten durchaus zufrieden. Nancy hatte bei Mr Alden in London einiges gelernt. Ihr Stück stellte die Orgel auf eine harte Probe. Mr Alden hatte ihr erklärt, wie sie ein Instrument handhaben sollte, um es auf Herz und Nieren zu testen. Ganz überrascht war sie von den zwei neuen Registern. »Diese beiden Register hatte Father Smith ursprünglich eingebaut. Das Metall der Pfeifen wurde seinerzeit dann zweckentfremdet. Jetzt ist das Instrument wieder komplett. Ich glaube, die Fanfare gibt diesem Instrument ein besonderes Flair«, löste Carsten die Überraschung auf. »Was meinst du? Hilft es dir bei den Konzerten?« »Sicherlich, sie unterstützen einen klaren und hellen Klang in der Registrierung, gerade beim Tutti im letzten Satz«, bestätigte sie. Dann machte Patrick auf sich aufmerksam: »Das Display war meine Idee. Ich kenne einige Orgelpartituren und dass diese nicht nur sehr groß sein können, sondern auch recht umfangreich sind. Diese Innovation unterstützt auch bei großen Orgelwerken, den Überblick zu behalten.« »Danke, Patrick.« Dann trat der Orgelbauer in seiner Eigenschaft als solcher in Aktion. Sowohl Nancy als auch Mr Johnson erklärte er einige Details der neuen ›alten‹ Orgel. Vor allem, dass das neue Gebläse noch einmal extra schallisoliert wurde. Daher war von dem Motor lediglich die Vibration spürbar. Weiter wurde mit dem Musikdirektor eine zweijährige Wartung vereinbart. Dieser wollte sichergehen, dass in Zukunft eine kostspielige Reparatur ausbleiben würde.

»Nun, Nancy«, begann der Organist, »ich war in der Vergangenheit nicht wirklich kooperativ. Ich bitte um Entschuldigung.« Das Mädchen brauchte nicht lange zu überlegen: »Mir ist wichtig, dass dieser Diamant von Orgel in Zukunft mit Respekt behandelt wird und einmal im Jahr ein entsprechendes Konzert stattfinden wird.« Carsten zog seinen imaginären Hut vor soviel Courage. Dann setzte sie nach: »Das nächste größere Projekt werden dann der Glockenturm und die Glocken sein. Amabel und Hercules klingen leicht verstimmt. Ich wundere mich, dass Sie es nicht gehört haben.« Patrick lachte los. Nicht nur, dass die Jugendliche sich mit der Akustik des Gotteshauses auskannte, sondern auch einen feinen Sinn für Humor hatte. Mr Johnson nahm eine verlegene Gesichtsfarbe an. »Mr Johnson, ich würde mich gern noch etwas mit dem Instrument beschäftigen. Ich hoffe auf ihre Hilfe bei der Registrierung mancher Stücke«, forderte sie den Organisten heraus. Patrick sah ihn zustimmend nicken. In seinem Organisten steckte doch noch ein freundlicher Mann. »Darf ich mich verabschieden?«, wandte sich der Orgelbauer an den Pfarrer. »Meine Leute freuen sich auf ihren Feierabend und ihr Wochenende.« »Natürlich.«

Patrick geleitete ihn noch hinaus. Carsten folgte ihnen mit einigem Abstand. »Carsten, darf ich dich auf einen Kaffee einladen?«, lud Patrick ihn ein. Im Pfarrhaus machten sie es sich im Arbeitszimmer bequem. Der Kaffee duftete einladend. »Ich weiß, du magst deinen Kaffee kräftig; ich hoffe, deinen Ansprüchen gerecht zu werden.« »Danke, der Aufguss ist genau richtig. Patrick, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Morgen reisen die Musiker an. Das Konzert wird stattfinden.« »Ich freue mich schon drauf. Die Einladungen der wichtigsten Personen sind verschickt worden. Die Gemeinde hat die Vorbereitungen abgeschlossen. Viktor hat die Kirche besichtigt, um die Blumenarrangements richtig zu platzieren. Das machen er und Andrew dann heute Abend.« »Ich weiß, Andreas hilft ihm und die ganzen Blumen wurden bereits geliefert. Rechne mit dem Besuch des Bischofs und seines Stabes.« Patrick staunte: »Der Bischof wird kommen? Woher weißt du das?« »Ich traf ihn in Berlin beim Neujahrsempfang. Da sprach er davon, sich in Zukunft in seiner Diözese öfters blicken zu lassen. Ich glaube, diese Aktion hat ihn davon überzeugt, dass es nicht überall in seinem Sinne ist«, schlussfolgerte Carsten. »Schaden wird es jedenfalls nicht. Was glaubst du, wie viel gespendet wird?« »Also vom rein musikalischen würde ich sagen, es spielt die gesamten Kosten wieder ein. Da brauchen wir nicht einmal vorlegen. Soweit ich weiß, hat sogar die BBC Werbung für das Konzert in ihrem Kulturkanal gemacht. Die Kirche wird voll sein«, wirkte Carsten zuversichtlich. Dann kehrte einen Mom,ent Stille ein. »Wie macht sich Cedric? Ich hörte er besucht jetzt regelmäßiger die Babygruppe im Gemeindehaus.« »Das machen Andreas und ich gerne. Er hat da schon einige Bekanntschaften geschlossen. Peter von den MacFinns scheint ein Freund zu sein, denn mit ihm tauscht er jedesmal seinen Schnuller.« Patrick grinste. »Das ist ja wirklich süß. Peter ist etwas zurückhaltend, so eine Freundschaft fordert ihn heraus. Cedric tut ihm gut.« »Wir fördern seine Aktivitäten. Mit Leonardo hatte er in London eine unschöne Erfahrung machen müssen. Doch nun ist alles wieder gut. Erwachsen werden ist nicht immer rosig«, Carsten machte eine Pause. »Danke, Patrick, für den Kaffee, meine Männer warten auf mich.« »So charmant hat sich bisher noch keiner von mir verabschieden wollen. Da kann ich als Pfarrer nicht mithalten«, scherzte Patrick zurück.

Wenig später ging Carsten von Leonardo geführt zum Manor zurück. Auf den letzten Metern befreite er seinen Hund vom Geschirr. Leonardo nutze die Freiheit, um mit seiner Nase neue Eindrücke zu gewinnen. Am Haus lief Leonardo direkt in den Garten. Carsten folgte seinen Geräuschen. Auf dem Rasen saß Cedric und erzählte den Hunden etwas. »Abba!«, freute er sich, Carsten zu sehen und krabbelte schnell auf seinen Vater zu. Als Carsten ihn am Bein spürte, nahm er ihn hoch und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Erst dachte er, dass sein Sohn einfach in den Garten gekrabbelt sei, doch sein Outfit war an einen Ausflug ins Freie angepasst. »Was hast du denn den Hunden alles erzählt?«, wollte er dann wissen. »Dada spielen un…«, Cedric verlor sich darin, alles Erlebte des Vormittags seinen Hunden mitzuteilen. »Das hast du alles den Hunden erzählt? Dann bist du jetzt bestimmt durstig. Gehen wir nachsehen, was wir für dich haben.« »Da Abba«, bestätigte er Carsten. »Abba? Dada spielen da?« »Wir lassen die Tür zum Porch auf, überlassen wir ihnen den Garten. Leonardo wird seinen Freunden sicher auch erzählen wollen, was er heute schon erlebt hat«, gab der Papa zur Antwort. Cedric klammerte seine Arme um Carstens Hals. Ein sicheres Zeichen, dass er mit dem Vorschlag, ins Haus zu gehen, einverstanden war.

»Na, wie klingt die Orgel?«, fragte Andreas die Ankömmlinge. »Alles perfekt. Nancy und Mr Johnson sind zufrieden. Der Orgelbauer hat ganze Arbeit geleistet. Die neuen Register vervollständigen den Sound«, berichtete Carsten. »Als Probe spielte er Bachs bekannteste Toccata. Mr Johnson hat sich noch bei Nancy entschuldigt, weil er ihr das Leben schwer gemacht hat.« »Wie hat die junge Lady reagiert?«, wurde Andreas neugierig, während Carsten dabei war, für Cedric einen Kakao zu kochen. »Sie machte dem Organisten eindeutig klar, dass von nun an jedes Jahr in der Kirche ein Konzert stattfinden solle. Weiter erwartet sie seine Kooperation, wenn es ums Orgelspiel geht.« »Klare Worte an den Adressaten«, bestätigte Andreas. Carsten füllte den Kakao in eine Kindertasse um. Dann stellte er diese vor Cedric ab. Der Junge griff danach und begann zu trinken. »Wie geht es jetzt weiter? Wird die Gemeinde die Orgel vor dem Konzert hören?« »Mr Johnson wird die Gemeinde noch auf dem Ersatzinstrument begleiten. Ich glaube, er hat endlich begriffen, dass es ein besonderes Instrument ist und möchte die Gemeinde mit dem neuen Sound ebenfalls überraschen.« »Da sieh einmal an, welch eine Wandlung. Wer hätte das noch vor Monaten gedacht?« »Manche Menschen müssen wohl erst mit der Nase darauf gestoßen werden. Nach dem Konzert wird er wohl erkennen, dass Nancy ihm als Organistin ebenbürtig ist. Sie wird für das Konzert wirklich alle Register nutzen. Es wird eine grandiose Einweihung werden.« »Abba mehr Kako?« Carsten tastete nach der Tasse. Cedric schob diese etwas zu ihm hin. Wenig später hatte sein Papa sie wieder gefüllt. Dann setzte er sich zu seinen Männern. Für einen Moment blieb es still. Dann erinnerte sich der Junge an seine Hunde: »Baba Dada?«

Carsten lächelte seinen Sohn an. »Wenn du es erlaubst, dann hole ich mal die Meute herein.« Er stand auf und ging zum Porch. Die Hunde waren noch im Garten. Daher rief er nach ihnen. Wenige Augenblicke später trabte Clòimh als erster an, gefolgt von Leonardo und Salvatore. Kurz prüfte er den Status und ließ sie dann ins Haus. Den Tag ließen sie gemütlich ausklingen.

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Die Kirche füllte sich langsam. Bis zum Konzert dauerte es noch eine Stunde. Die Tickets waren schnell vergriffen und brachte schon ein gutes Drittel der Ausgaben. Für eine Übertragung des regionalen Senders schlug Patrick noch mal etwas heraus. Damit war die Hälfte der Ausgaben bereits gedeckt. Jetzt lag es an den Musikern, für weitere Spenden zu sorgen. Patrick wirkte etwas nervös. »Keep cool«, sprach ihn Carsten darauf an, »du solltest doch gewohnt sein, vor Menschen zu sprechen. Jetzt moderierst du eben ein kleines Konzert, statt den Menschen den Kopf von der Kanzel aus zu waschen.« Die kleine Ablenkung wirkte. »Jetzt bin ich nicht der bekannte Pianist, sondern ein einfaches Mitglied des Orchesters. Ich muss los.« »Warte, ich begleite dich zum Flügel. Dann kann ich mich schon mal umsehen.«

Mit dem Orchester betrat auch Carsten den Schauplatz. Patrick begleitete ihn bis zum Flügel, wo Carsten sich auf die lange Klavierbank setzte. Wenige Momente später setzte sich auch Mr Thomson neben ihn. Bei der Probe hatten sie verschiedene Szenarien getestet und entschieden, dass Nancy als letzte den Schauplatz betrat. Gegenüber dem dunkel gekleideten Orchester trug sie ein helles Kostüm. Andreas stieß seine Nonna an: »Wow, eine echte Lady. Sehr geschmackvoll gekleidet, ohne unnötigen Schnickschnack.« »Dafür, dass du schwul bist«, begann seine Großmutter, »hast du einen sehr guten Geschmack, was das Outfit betrifft.« Andreas glaubte, sich verhört zu haben und sah seine Nonna verwundert an. Erst als der erste Applaus abebbte, besann er sich, seine Oma nicht anzustarren.

Dann war Patricks Auftritt. Er begrüßte das Publikum und erklärte den Sinn des Konzertes. Gerade als er die Ouvertüre ankündigen wollte, erblickte er seinen Bischof. Einer Eingebung folgend begrüßte er seinen irdischen Chef und wies ihm seinen Platz im vorderen Teil der Kirche zu.

Von ihrem Platz aus sah Nancy den Bischof im Spiegel. Kurz blickte sie zum Orchester und begann zu schmunzeln. Die Musiker verstanden diesen kleinen Wink und begleiteten den Bischof musikalisch zu seinem Platz. In der Kirche lachten einige Gäste, weil das Orchester eine sehr bekannte Melodie spielte. Wem die Schauspielerin Margarethe Rutherford ein Begriff ist und ihre bekannteste Rolle als Miss Marple, erkannte die Suite der Titelmusik. Patricks Gesichtsfarbe wechselte erst zu einem tiefen Rot und danach wurde er bleich. Der Bischof schmunzelte ebenfalls ob dieser charmanten musikalischen Einlage. Als sein Vorgesetzter sich setzte, verstummte die Musik.

Danach kündigte Patrick die Ouvertüre zum konzertanten Abend an. Der Dirigent kam von links und Patrick ging nach rechts von der Bühne ab. Die Akteure sammelten sich und dann begann das Konzert mit Gustav Holsts ›Jupiter‹. Im Arrangement der Studenten begleitete die Orgel unterstützend das Orchester.

Andreas und Cedric saßen weiter hinten bei ihrer Familie. Dieses Event wollten sie sich nicht entgehen lassen. Es wurde in seiner Umgebung etwas gemurmelt, einige der Zuhörer kamen noch nicht in den Genuss, die restaurierte Orgel zu hören. Er schüttelte lächelnd den Kopf. Der große Showdown des Instruments würde noch folgen.

Patrick betrat nach einigen Minuten wieder das Podest und moderierte gekonnt das zweite Stück des Abends an. Nebenbei erwähnte er, um welche Orgel es sich handelte und wie diese ihren Weg in die Kirche gefunden hatte. Carsten war davon angetan, da hatte der Pfarrer einige Recherchen angestellt. Er fand es genau richtig, wie Patrick das Instrument in den Mittelpunkt rückte. Geschickt leitete er zum Ort des Geschehens zurück und überließ die Bühne wieder den Musikern.

Der Dirigent wandte sich dem Orchester zu und sammelte sich. Dann erklangen die ersten Töne der Orgelsymphonie. Als Dozent bewunderte Carsten die Studenten, wie konzentriert sie das Stück schon fast zelebrierten. Nach dem zweiten Satz zögerte der Dirigent etwas, um vor dem Finale die Anspannung des Publikums heraufzubeschwören. Dann kam der große Augenblick: Nancy setzte im Tutti die Orgel ins Rampenlicht. Die Kraft der Orgel überraschte die Zuhörer.

Andreas stellten sich die Nackenhaare auf. In London fand er es schon beeindruckend, mit welcher Intensität das Instrument erklang. Doch hier krönte Nancy die Orgel zur Königin der Instrumente. Dann folgte bereits der vierhändige Part. Aus den Augenwinkeln sah er, wie seine Großeltern sich leicht schüttelten. Anscheinend hatten sie ebenfalls mit einer Gänsehaut zu kämpfen. Die Symphonie neigte sich einem pompösen Ende zu. Der letzte Akkord verklang.

Der Dirigent legte seinen Stab auf sein Pult und nickte den Musikern zuversichtlich zu. Es begann ein stürmischer Applaus, den die kleine Kirche schon einige Jahrhunderte nicht erlebt hatte. Es gab einige Standing Ovations.

»Wow«, begann Nonno Andreas zuzuflüstern, »die Restaurierung hat sich gelohnt. Welche Kraft in dem Instrument steckt, obwohl sie doch recht zierlich aussieht.« »Du hast vollkommen recht. Jetzt zeigt es sich wieder einmal mehr, dass es sich lohnte, für den Erhalt dieses Instruments zu kämpfen. Diesen Sound hätte eine moderne Orgel hier bestimmt nicht erreicht.«

Nur langsam ebbte die Zustimmung des Publikums ab. Patrick benötige zwei Anläufe, um sich Gehör zu verschaffen. Da für das letzte Stück auf dem Podest der Flügel anders positioniert werden musste, lud er zu einer Pause ein. Im hinteren Teil waren einige Stellwände mit Informationen zur Orgel und den Restaurierungsarbeiten. Daneben stand die Spendenbox. Vor der Kirche gab es einige Pavillons, wo Getränke angeboten wurden. Cedic schlief warm eingepackt in seinem Tuch. Andreas rückte ihn ein wenig zurecht und sah in ein sehr zufrieden träumendes Gesicht. Er entschied sich, in der Kirche zu bleiben. Während sich das Publikum ein wenig verteilte.

Interessiert sah er zum Showplatz, wo Carsten dabei war, den Flügel zu stimmen. »Carsten hat es noch immer drauf«, sprach ihn eine bekannte Stimme an. »Chris? Was machst du hier?«, war Andreas erstaunt, seine alte Schulbekanntschaft anzutreffen. »Wir haben von diesem Konzert im Radio erfahren. Mein Mann meinte, dass es sich lohnen würde, ein verlängertes Wochenende daraus zu machen.« Dann sah sie das Baby bei Andreas. »War das Konzert eben nicht zu laut für das Baby?«, fragte sie ihn. »Cedric hat es verschlafen. Er mag Musik und träumt sicher davon. Das Tutti vorhin hat er nicht einmal bemerkt.« »Du scheinst ihn gut zu kennen. Bist du sein Babysitter?« Andreas zog seine Augenbrauen etwas hoch, dann klingelte es im Gehirn: »Ja und nein. Cedric ist unser Sohn. Carsten und ich haben ihn adoptiert. Nicht, dass du etwas falsches denkst: Keiner von uns beiden war schwanger.« Chris lachte. »Sag mal, bist du allein hier?«, wurde Andreas neugierig. »Nein, Marco und die Kinder sind raus, um etwas zu trinken. Sag einmal, das alles hier ist eine Spendenaktion?« »Ja. Im vergangenen Jahr haben Carsten und ich die Orgel gehört und sie war in keinem guten Zustand. Der Organist wollte eine neue Orgel, doch Carsten meinte, dass dieses Instrument nur aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden müsse. Es schepperte an manchen Ecken. Mein Tiger hat sich etwas ausgedacht und dann die ganze Familie mit eingespannt. Noch einige Kontakte spielen lassen und eine neue Orgel stand nicht mehr zur Debatte. Mit allem Drum und Dran hat die Restaurierung runde 30,000 Pfund gekostet. Selbst für eine reiche Gemeinde sind das keine Peanuts. Daher dieses Event heute Abend«, machte Andreas ein kurzes Statement. »Es hat sich wohl gelohnt. Die Symphonie hat Marco aus den Socken gehauen. Selbst die Orgel der Elbphilharmonie hat nicht diesen Sound.« »Du hast das Konzert in Hamburg gehört?« »Als Journalistin kann ich mir nicht immer meine Themen aussuchen. Ich war aus unserem Redaktionsteam die einzige mit entsprechendem Vorwissen. Das Konzert dort war ganz okay. Aber demgegenüber hat diese kleine Orgel das Wesentliche aus der Symphonie herausgeholt. Du, sag mal, die Organisti, ist das eine Schülerin von Carsten?« »Nein, Nancy hat hier immer die Orgel zur Vertretung gespielt. Aber ich kann mir sie als Konzertorganistin gut vorstellen. Bevor wir uns hier verplaudern, kommt doch morgen Nachmittag zu uns«, lud Andreas seine ehemalige Mitschülerin ein. »Geht nicht, wir haben vor, morgen nach Edinburgh zu fahren. Wir haben es den Kindern versprochen. Doch in den Schulferien haben wir vor, am Atlantik hier oben Urlaub zu machen. Florenz ist im Sommer einfach durch Touristen überlaufen.« Dann sah sie zur Bühne: »Weißt du was, lass uns im Sommer ein kleines Cliquentreffen machen. Habt ihr Platz für sieben, acht Personen?« »Kein Problem. Dein Vorschlag hat was«, meinte Andreas. Andreas gab ihr seine Visitenkarte: »So bleiben wir in Kontakt.« Chris nahm das kleine Kärtchen an sich. »Ich kontaktiere Britta, Ralph ist noch auf einer Forschungsreise. Das Konzert geht weiter. Wenn ich richtig informiert bin, gibt es jetzt das vierte Klavierkonzert von Saint-Saëns?«, wechselte sie zum Geschehen. »Richtig, jedoch so, wie du es noch nie gehört haben wirst«, machte Andreas sie neugierig. Langsam füllten sich die Plätze wieder. Patrick kündete das letzte Stück des Abends an. »In Zusammenarbeit mit den Musikern hören wir eine Bearbeitung des vierten Klavierkonzerts von Camille Saint-Saëns. Arrangiert für Orgel, Orchester und Klavier. Der bekannte Pianist Carsten von Feldbach wird von unserer Organistin Nancy Bakersfield und dem Orchester des Royal College of Musik begleitet. Wie wünschen Ihnen einen Hörgenuss dieser Premiere.«

Wieder wurde es in der schottischen Kirche still und die Musiker sammelten sich, bevor mit den Violinen das Konzert begann. Während Andreas das Klavierkonzert bereits kannte, war seine Familie davon angetan. Gerade das Wechselspiel zwischen den Instrumenten machte das Werk zu etwas Besonderem. So hatte es wohl noch keiner der Zuschauer gehört. Eine halbe Stunde später erklang bereits die Coda. Carsten stand auf und bedankte sich wie üblich bei den Musikern und applaudierte ihnen zu. Dann trat Nancy neben ihn und sie gratulierten sich. Patrick betrat mit einem Strauß Blumen die Bühne und übergab ihn Nancy. Währenddessen applaudierten die Zuhörer der gelungenen Aufführung. Dann wandte sich Nancy an Carsten und flüsterte ihm etwas zu. Carsten wunderte sich über ihr Ansinnen, war aber professionell genug, um sie gewähren zu lassen. Dann wandte er sich an das Publikum: »Sehr verehrtes Publikum. Wie ich gerade erfahren habe, werden ihnen das Orchester des Royal College of Music und die Organistin eine Bearbeitung des Concerto in F-Dur für 2 Hörner, Streicher und Continuo, RV 538 des Komponisten Antonio Vivaldi als Zugabe spielen.« Dann verließ er das Podium in Begleitung des Dirigenten. Eine Studentin stellte sich an das Dirigentenpult.

»Wusste du davon?«, fragte Carsten seinen Kollegen. »Nein. Ich weiß nicht mal, wann sie das noch geprobt haben. Ich lasse mich mal überraschen.« Gespannt warteten alle auf die Zugabe. Dann war es soweit, die Studenten präsentierten ihr Werk. Carsten, Mr Alden und der Dirigent waren von der Darbietung angetan. Anstelle eines ursprünglichen Cembalos spielte die Orgel die Basslinie, ohne zu mächtig zu wirken. Nach weiteren 15 Minuten wurde die Zugabe beendet. Die drei Dozenten beratschlagten sich kurz und kamen zu dem Ergebnis, dass die Studenten sich bereits den praktischen Teil ihrer Abschlussprüfung erarbeitet hatten. Patrick bedankte sich bei den Musikern für ihre Darbietungen. Dann wandte er sich ein letztes Mal für den Abend an das Publikum: »Verehrte Damen und Herren, liebe Gemeinde, wir alle hoffen, ihnen einen schönen Abend beschert zu haben. Der Zweck dieses konzertanten Events war es, für die restaurierte Orgel Spenden zu sammeln. Unser kleines Juwel hat mich davon überzeugt, dass sich die Mühen und der Aufwand gelohnt haben. Wenn auch Sie dieser Meinung sind, an dem Ausgang steht unsere Spendenbox.«

Nancy saß noch an ihrem Instrument und dachte ein wenig über den Abend nach. Klar, es war ein typischer Konzertabend mit viel klassischer Musik. Ein schelmisches Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. Zum Abschluss der Gottesdienste spielte sie immer noch etwas, wenn die Besucher die Kirche verließen. Einer spontanen Eingebung folgend stellte sie eine neue Registrierung ein. Im Manual I die beiden neuen Register und im Pedal die Basslinie. Gerade das 32’’-Register klang nun sanft, ohne scheppernde Geräusche. Dann legte sie los. Beginnend mit dem Motiv eines Videospiels, im Walzerrhythmus interpretiert. Das brachte ihr schon einige Aufmerksamkeit. Dann besann sie sich auf das, was sie gelernt hatte. Vom Walzer glitt sie ins Motiv der Kunst der Fuge. Dieser Übergang ließ Mr Alden aufhorchen. Er sah zur Orgel und dass die Organistin keinerlei Noten vor sich hatte: Sie spielte auswendig und das sehr überzeugend.

Der Darbietung geschuldet, leerte sich nach und nach leise die Kirche. Zurück blieben wenige Gäste. Die sich mit den Musikern und dem Pfarrer flüsternd unterhielten. Nancy spielte ihren Schlussakkord. Die Studenten applaudierten ihr. Dann sprach Mr Alden noch ausführlich mit Nancy über ihr Spiel und die Orgel.

»Mr von Feldbach«, wurde Carsten von seinem Studenten Mr Thomson angesprochen, »wussten Sie, dass Nancy die Fuge beherrscht?« »Ich habe es geahnt. Sie selbst sagte mir, dass dieser Kompositionsstil zum Handwerkszeug eines Organisten gehört. Was ich gerade eben gehört habe, hat mich aber wirklich überrascht. Selbst Bach oder Händel hätten ihre Freude daran gehabt. Warum fragen Sie?« »Nancy hat eben aus dem Stegreif gespielt. Dabei hat sie nicht einmal Musik studiert.« »Das Mädchen spielt schon Jahre Orgel. Fugen, Kontrapunkt und all das kommt gerade in der Kirchenmusik vor. Sie ist wortwörtlich damit aufgewachsen. Wenn Sie wieder in London sind, im kommenden Monat gibt es ein Konzert zweier talentierter Musiker: Miguel und Raphael. Sie habe ein Gespür füreinander und haben den Jazz’n Boogie auf ihren Instrumenten Klavier und Orgel perfektioniert. Es lohnt sich, das Konzert zu besuchen. Miguel war einmal mein Schüler und hat mir neben Humor auch Feinheiten beim Jazz- und Boogiespielen beigebracht.« »Ich werde es mir merken. Kommen Sie auch zum Pub?« »Nein, meine Familie wartet auf mich und Cedric würde mir etwas erzählen, wenn ich ihm keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen würde.« Mr Thomson lachte. Danach verabschiedete er sich und schloss sich den Musikern an.

Andreas stand mit dem schlafenden Cedric bei seiner Familie. »Wenn ihr schon nach Hause fahren wollt, draußen warten Edward und Mr Sánchez mit den Wagen. Luise, würdest du dich bitte um Cedric kümmern? Ich komme später mit Carsten nach«, bot er seiner Familie an. »Das machen wir gern.« Andreas übergab den schlafenden Jungen an seine ›Mutter‹. Dann nahm sie Andreas etwas beiseite: »Junge, wir alle haben dieses Konzert ja nur im Entwurf gehört. Diese Version hat uns umgehauen. Paul meinte, für den guten Zweck etwas beizutragen und so haben wir alle zusammengelegt und umgerechnet 1,000 Pfund gespendet.« »Danke, euch allen. Wir können später noch über das ganze Event hier sprechen.« Luise nickte zustimmend. Danach trennten sich ihre Wege. Andreas sah sich suchend nach Carsten um. Er stand bei einigen Studenten und sie schienen sich gut zu unterhalten.

»Danke Professor, es war ein schöner Abend für uns alle«, hörte Andreas eine Studentin sagen. »Diese Reise hat sich für uns alle gelohnt.« »Das haben wir Dozenten gemerkt. Was Sie alle heute geleistet haben, führt dazu, dass wir beschlossen haben, Ihnen allen die nächste praktische Abschlussprüfung zu erlassen. Jetzt genießen Sie noch ein schönes Wochenende. Wenn ich richtig informiert bin, fahren Sie erst am Montagmorgen wieder zurück?« »Ja, zwar zu einer unchristlichen Zeit für Studenten, doch während der Rückfahrt können wir noch etwas schlafen.« »Ich hätte da noch eine Frage zur Zugabe: Wer hatte die Idee dazu? Das Konzert von Vivaldi mit einer Orgel zu arrangieren, finde ich genial.« »Es war Frank, Mr Thomson, der den Vorschlag bereits am ersten Abend machte. Wir haben uns zusammengesetzt und so nahm der Vorschlag Gestalt an. Geprobt haben wir abends im College. Der Hauswart war so freundlich, uns gewähren zu lassen. Dafür sollen wir ihm einen guten Single Malt mitbringen«, lächelte sie verlegen. »Wenn ihr erlaubt, steuere ich das Lebenswasser dazu«, machte Carsten einen Vorschlag.

Die Musiker brachten ihre Instrumente in den wartenden Bus. Sie selbst wollten noch ein wenig ihren Erfolg im Pub feiern.

Aus den Augenwinkeln sah Andreas, wie sich der Bischof mit Patrick unterhielt. Dann gingen beide ins Pfarrhaus. »Patrick, das war ein wirklich gelungenes Konzert. Es passt einfach zu deiner Kirche und Gemeinde. Wirst Du jetzt öfters das Gotteshaus für solche Events nutzen?«, fragte der Bischof. »Die junge Organistin möchte mindestens einmal im Jahr ein Konzert. Ich glaube, nicht nur klassische Konzerte. Vielleicht lässt sich Mr Johnson dazu hinreißen, auch mal geistliche Konzerte zum Besten zu geben«, antwortete der Priester nachdenklich. »Ich hoffe, Nancy hat Sie durch ihre Musik nicht gekränkt.« Sein Vorgesetzter lachte herzhaft auf: »Nein, das Gegenteil ist der Fall. Du musst wissen, dass wir vor Jahren einmal bei einem Pub-Quiz in einem Team mitgeraten haben. Bei der letzten Aufgabe waren wir uns nicht einig. Es wurde die Filmmusik einer Metro-Goldwyn-Mayer-Produktion eingespielt und wir sollten den Komponisten nennen. Ron Goodwin, meinte Nancy spontan. Ich dagegen dachte an Ken Howard und Alan Blaikley. Die Musik stammte aus einer Miss-Marple-Verfilmung mit Margarethe Rutherford. Ich habe die falsche Antwort gegeben und so Nancy um den Sieg des Quiz gebracht. Diese kleine Spitze von ihr erinnerte mich daran, auch mal einem Teenager zu vertrauen. Nein, ich mag ihre humorvolle Art, auch wenn viele der heutigen Gäste sicher das faltige Gesicht einer Schauspielerin vor ihrem inneren Augen hatten.« Genau daran hatte auch Patrick gedacht und nicht an seinen Würdenträger.

»Tiger, das war ein wirklich schönes Konzert. Nancy hat wirklich gezeigt, dass sie schon eine Meisterin an ihrem Instrument ist. In der Symphonie war die Orgel präsent und zeigte Kraft. Beim Klavierkonzert zeigte sie mir den Umfang, den sie darstellen kann, ohne dominant zu wirken. Bei der Zugabe hielt sie sich im Hintergrund und machte sich als Continuo hervorragend. Dann unterstrich sie auch im Prospektiv den charakterlichen Charme dieser Kirche«, beurteilte Andreas das ganze Event des Abends. »Also was die Optik betrifft, verlasse ich mich ganz auf dein Urteil. Was den Klang und den Sound betrifft, gebe ich dir vollkommen recht. Unsere Gemeinde kann stolz auf die Orgel sein. Die Investition hat sich gelohnt und ich kann mir vorstellen, dass Patrick jetzt auch mehr Besucher in den Gottesdiensten haben wird«, bestätigte Carsten Andreas. »Gut, fahren wir nach Hause. Ich freue mich, dass es dir gefallen hat.« »Das hat es. Der Unterschied zu damals ist enorm. Dann hat es auch der ganzen Familie gefallen und sie spenden zusammen noch 1,000 Pfund. Was denkst du, wie viel gespendet wurde?« »Von der Darbietung her sollten schon an die 20,000 Pfund zusammenkommen. Also verstecken muss sich keiner der Musiker. Wenn jetzt einige Orchesteragenten zugegen waren, wird wohl der eine oder andere Student gute Chancen auf einen festen Platz im Orchester haben«, sinnierte Carsten. »Da wären nur die Ausgaben für die Dekoration. Maverick und die Hills haben meinen Entwurf sehr gut umgesetzt. Dafür möchten sie sicher Bares sehen. Es sind für die Blumen samt der Arbeit 1,000 Pfund angefallen.« »Für dieses Event ein fairer Aufwand. Wenn du nichts dagegen hast, übernehmen wir diese Kosten. Wie lange halten sich denn die Blumen?« »Die Kirche ist recht kühl. Aus Erfahrung würde ich auf zwei bis drei Wochen tippen. Warum?«, fragte Andreas nach. »Es lag so ein lieblicher Duft in der Kirche. Ein wenig erinnerte er mich an die Rosen bei Mama im Garten.« »Kein Wunder, es war anteilig diese Rosenart dabei. Nicht zu viele, aber genug, um dieses Aroma zu verströmen. Dann ging es ja auch um die Optik. Nicht zu viele Farben, dem Ort entsprechend dezente Farben. Einzig die Flower of Scotland stach durch ihr Rosarot durch«, führte er weiter aus. Carsten hakte sich bei seinem Mann ein. Er mochte es, wenn Andreas begeistert war. Selbst wenn er etwas beschrieb, was er nicht wahrnehmen konnte. Dafür liebte er seinen privaten Gärtner. Andreas führte sie zu ihrem Wagen. »Bevor ich es vergesse: Ich habe Chris getroffen.« »Hast du sie eingeladen?« »Ja, aber Marco und ihre Kinder wollen morgen nach Edinburgh. Sie meinte jedoch, ein Cliquentreffen im Sommer wäre eine Gelegenheit, uns hier zu besuchen.« »Das ist eine gute Idee. Ich freue mich auf unsere alte Clique«, stimmte Carsten sofort zu. Keine Viertelstunde später schloss sich das Garagentor. Gemeinsam gingen sie durch den Nebeneingang ins Haus.

Clòimh war der Erste, der ihnen entgegenkam. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass es sich um keine Fremden handelte, verzog er sich wieder. »Der Briard ist eine echte Bereicherung für unseren Haushalt«, meinte Andreas zufrieden. »Ja, das Trio hat sich in den vergangenen Wochen gemacht. Von Mobbing und aggressivem Verhalten habe ich bei ihm jedenfalls nichts bemerkt. Es ist gut, dass Edward sich seiner angenommen hat«, reflektierte Carsten die Situation mit dem neuen Mitglied.« Andres stimmt ihm zu: »Er mag auch Cedric. Ich weiß echt nicht, was der Junge ihm alles erzählt, doch schon in den ersten Tagen waren sie ein Herz und eine Seele.« »Favorisiert Cedric denn einen der Hunde?«, wollte Carsten wissen. »Nein. Er verbringt mit allen Tieren Zeit, je nachdem, wer gerade zur Verfügung steht. Er hat wohl Merlin dabei zugesehen, wie dieser dem Hund seine Augentropfen gab. Danach hat er mit Clòimh gekuschelt. Apropos Cedric: Ich habe Luise gebeten, sich um ihn zu kümmern. Er ist bereits in der Kirche eingeschlafen. Möglich, dass sie ihn bereits ins Bett gebracht hat.« »Dann gehen wir zu ihm, wenn wir schlafen gehen. Lassen wir ihn in Ruhe.«

Im Salon herrschte eine lebhafte Diskussion über den Abend. Andreas schmunzelte, als er eine Bemerkung seiner Nonna hörte: »Es war wie damals beim Live-Aid-Konzert. Mir standen meine Nackenhaare zu Berge, als die Orgel zum letzten Satz der Symphonie aufspielte. Carsten hin oder her, Nancy hat ihm heute die Show gestohlen …« »Da hast du vollkommen recht. Ich stand überhaupt nicht im Mittelpunkt. Es war doch ein Konzert, um Spenden für die Orgel einzusammeln«, blieb Carsten bescheiden. »Doch mich würde interessieren, warum dir die Haare zu Berge standen? Mit einem Rockkonzert hatte der Abend nicht viel gemein.« »Oh, es passte alles zusammen: Die Atmosphäre, die Dekoration, die Neugier der Besucher und nicht zuletzt der Ort. Allein das Prospektiv der Orgel macht schon etwas her. Ich sah es ja ja noch vor der Renovierung, es lag viel Staub darauf. Jetzt glänzen die Pfeifen, das Holz wurde gereinigt und wohl leicht geölt. Die Farben sahen frisch aus, selbst der feine goldene Rand kam zum Vorschein. Ich weiß nicht, warum so viele gegen Konzerte in Kirchen sind. Nicht jeder Ort hat einen Konzertsaal und da bieten sich die Kirchen doch geradezu an«, beantwortete Nonna Carstens Frage. »Dann haben wir alle wohl genau das Richtige getan. Ich möchte euch allen danken, dass ihr uns dabei geholfen habt, es möglich zu machen. Ohne eure Erfahrung und detektivische Informationsbeschaffung hätten wir es wohl nicht geschafft«, bedankte sich Carsten bei seiner Familie.

»Ehrlich, Junge: Es hat uns allen Spaß gemacht. Wenn ich an die vielen Weihnachten denke, war da schon ein wenig Routine im Spiel. Letztes Jahr war davon nichts zu spüren. Wir alle haben der Gemeinde ein symbolisches Geschenk gemacht, auch wenn es ein wenig später ankam«, brachte es Babi auf den Punkt. »Es war schön, mal im übertragenen Sinn in die Rolle des Weihnachtsmannes zu schlüpfen«, setzte DeÌŒda hinzu.

Andreas setzte sich zu Paul. »Ach, da fällt mir ein: Nonno, vor kurzem bekam Mr Johnson Besuch. Eine schwarze Limousine fuhr durch den Ort und erregte schon Aufmerksamkeit. Als dieser Wagen vor dem Haus des Organisten anhielt, schossen die ersten Gerüchte in den Himmel. Du hast doch damit nichts zu tun?« »Nein, ich hatte die Idee, doch James wurde mit der Ausführung betraut. Es gibt keine Verbindung zu deiner Familie«, beantwortete sein Großvater die Frage.

»Was meint ihr, zur Feier des Abends ein Schlückchen Sekt?«, schlug Babi vor. »Warum eigentlich nicht?«, bestätigte Carsten und ließ Taten sprechen. Kurz darauf stießen sie an.

»Sag mal, Andreas, habt ihr schon das Problem mit dem Wasser angegangen?«, griff Luise ein älteres Thema auf. »Die Arbeiten laufen bereits. Mein alter Professor für Wasserbau hat sich alles aus der Luft mit einer Drohne angesehen. Er meinte, dass mein Plan der richtige Ansatz ist: Den Burn freilegen und die Idee mit dem Biberteich fand er einfach genial. Ich liebe meinen ehemaligen Dozenten, er hat sich eine Gummihose angezogen und ist in den Bach gestiegen. Dann hat er die Fließgeschwindigkeit und das Volumen bestimmt. Sein Fazit fiel positiv aus. Aber damit der Weg in Zukunft passierbar bleibt, schlug er eine kleine Brücke bei der Passage vor. Der Weg würde dann auch in sehr niederschlagsreichen Jahren passierbar bleiben. Damit würde ich den Naherholungswert nicht nur erhalten, sondern auch attraktiver gestalten«, beschrieb Andreas die Situation. »Der Landschaft angepasst, wird die Brücke aus Stein gemauert werden. Andrew kümmert sich um die Umsetzung mit den entsprechenden Materialien. Victor wird sich mit einigen Mitarbeitern um den Rest kümmern. Wir sind uns einig, dass erst das Bachbett aufbereitet und dann zum Frühsommer den Biberteich umgesetzt wird. Paul, kennst du jemanden, der Biber auswildern möchte?« Der Angesprochene dachte nach. »Da kämen eigentlich nur zoologische Gärten in Frage. Ich höre mich mal um, versprechen kann ich dir nichts.« Andreas wirkte etwas enttäuscht, er hatte auf mehr gehofft. Doch er wusste, dass die Natur eigene Wege geht und sich kaum um die Anliegen der Menschen schert. »Wie dem auch sei. Wenn alles vorbereitet ist, müssen wir halt warten.« »Eine natürliche Besiedlung schließt du aus?«, fragte Luise nach. »Nicht vollständig, doch wie ich erfuhr, gab es hier seit Jahrzehnten keine Sichtungen von Biebern. Da diese Tiere unter Naturschutz stehen, bleibt nur der legale Weg.«

Paul legte seinen Arm um ihn: »Das wird schon, Junge.« Dabei drückte er ihn etwas an sich.

»Wo sind eigentlich Edward und Merlin?«, fragte Carsten. »Edward ist bei seiner Familie und Merlin hat sich schon zurückgezogen. Er informierte mich, dass er die Hunde in den Garten gelassen hat, aber auch nur, damit sie sich erleichtern konnten. Gefüttert hat er die Bande bereits«, antwortete DeÌŒda ihm. »Wenn das so ist, gehe ich später mit ihnen noch einmal raus. Ich weiß, es ist spät, doch gegen eine Kleinigkeit zu essen hätte ich nichts. Was ist mit dir, Schatz?« »Nur etwas Leichtes. Soll ich uns Sandwiches machen?«, fragte er in die gesellige Runde. »Ich habe eine viel bessere Idee«, begann Luise, »ihr geht mit den Hunden raus und wir zaubern ein kleines Supper. Gegen etwas Warmes hätte ich nichts einzuwenden.« Die beiden Hausherren konnten dem Vorschlag etwas abgewinnen, also machten sie sich ans Werk. Paul sah nur einen kleinen Moment zu seiner Gattin und holte sich ihre Bestätigung ein. Dann begleitete er seine Jungs auf die Runde. Während die restliche Familie sich um ein kleines Nachtmahl kümmerte.

Andreas sprach sich für eine kleine Runde ums Haus aus. Carsten stimmte ihm sofort zu. Anscheinend sahen es so auch die Hunde. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, die Gegend unsicher zu machen, blieben sie in der Nähe ihrer Menschen. »Andreas, um noch einmal auf das Thema Biber zurückzukommen: Mir schwebt da ein Zoo vor, der in den vergangenen Jahren gute Zuchterfolge hatte. Sie sind sicher nicht abgeneigt, einem Auswilderungsprojekt zuzustimmen. Doch es bedarf da einiger Faktoren einzuhalten, die wichtig für einen Erfolg sind. Einmal müssen die Tiere sich in einem gesunden und gut ernährten Zustand befinden. Also braucht es neben dem Material, woraus sie sich ihr Nest bauen, auch eine ausreichende Nahrungsquelle.« »Also, das Nahrungsangebot ist hier nicht das Problem«, begann Andreas. »Rund um den Teich gibt es genug Pflanzen aller Art. Dem Bereich droht eher die Verwaldung, daher wäre er dort auch ein willkommener Bewohner. Falls er das Wasser höher aufstaut, macht es nichts aus. Es gibt dort ausreichende Flächen, die überflutet werden können. Auf den alten Karten kann man sehr schön erkennen, wo einmal das Wasser gestanden hat. Dabei handelt es sich um schätzungsweise einen Radius von 2.5 Meilen. Wirtschaftliche Flächen sind davon nicht betroffen. So wie ich dich verstanden habe, würde es wohl bis zu eineinhalb Jahre dauern. Also nutzen wir die Zeit, um das kleine Areal für Biberherzen ideal vorzubereiten, damit sie sich auch wohlfühlen. Nebenbei lerne ich noch mehr über den Erhalt natürlicher Landschaften«, blieb Andreas optimistisch. Jetzt war Paul doch überrascht, wie sein Schwiegersohn die Lage realistisch einschätzte. Er selbst würde alle Hebel und Kontakte in Bewegung setzten, um diesem kleine Projekt zu einem Erfolg zu verhelfen. Carsten hörte den beiden zu und freute sich, dass sein Vater Andreas dabei tatkräftig unterstützte.

»Jungs, euer Briard macht sich sehr gut in der Gruppe«, beobachtete der Tierarzt die Entwicklung des Rudels. »Eigentlich ist Clòimh Edwards Hund. Er hat sein Rudel gefunden und fühlt sich wohl. Er sieht seine Aufgabe darin, uns zu beschützen«, begann Carsten, »er hat sich sicher bei eurer Ankunft davon überzeugt, dass ihr zu uns gehört.« »Das hat er. Als Salvatore und Leonardo uns begrüßten, wollte er gestreichelt werden. Wie steht es um sein Augenlicht?«, wurde der Tierarzt neugierig. »Dr. Miller konnte ein Fortschreiten der Krankheit verhindern. Er meinte einmal, dass sein Sehvermögen rund 80 % beträgt. Den Rest kompensiert er mit seiner Nase. Auch wenn er zwei Jahre älter als unsere Hunde ist, steckt in ihm noch ein neugieriger, junger Charakter. Nur wenn er bellt, sollte man genau hinhören.« »Beißt er denn?« »Nein, aber er stellt sich drohend der Person in den Weg. Nach dem Bellen beginnt er zu knurren. Wer dann nicht darauf reagiert, muss damit rechnen, von den Beinen geholt zu werden. Clòimh ist mit seiner Widerristhöhe von 26 Inches ein imposantes Exemplar seiner Art und wiegt gute 45 kg. Andreas bat Edward, unseren Briefträger mal Zeit mit dem Hund verbringen zu lassen. Noch ist der Postbote dem Hund nicht geheuer und wird entsprechend angebellt. Es fehlt aber die drohende Komponente, wie ich bereits heraushörte«, berichtete Carsten weiter. »Jetzt verstehe ich, warum man genau hinhören sollte. Wusstest du das?«, wandte sich Paul Andreas zu. »Na klar. Schon als Clòimh bei uns einzog, hörte ich unterschiedliche Nuancen in seinen Lauten. Salvatore und Leonardo haben ihm irgendwie vermittelt, dass es nicht nötig ist, laut zu sein. Zuletzt hat Carsten dann klar gemacht, dass er hier das Leittier ist. Damit war Ruhe im Rudel. Cedric hatte seine eigene Methode. Er krabbelte auf den Briard zu und streichelte ihn. Ich hatte erst einige Bedenken, doch Clòimh beschnüffelte ihn kurz und leckte ihn durchs Gesicht. Dann galt es, mit allen Hunden ordentlich zu toben und knuddeln.«

»Du hast in den letzten Jahren sehr viel gelernt und weißt, worauf es ankommt«, lobte Paul Andreas. Dieser lächelte verschmitzt: »Erfahrung mit vielen Hunden. Friedemann hatte ein ähnliches Verhalten als Wachhund. Nonno hat mir dann die Unterschiede erklärt, wobei Friedemann als letzte Warnung seine Zähne fletschte.« »Nicht gerade typisch für Mischlinge«, sinnierte Paul, »aber in vielen Sachen unterschied er sich in seinem Verhalten. Oh, wir sind ja schon wieder am Porch.« »Eben eine kleine Runde. Danke für deine aufmunternde Worte, Paul. Wenn du jetzt Clòimh trockenreibst, gib ihm auch seine Augentropfen. Sie stehen in dem kleinen Schränkchen«, teilte Andreas seinen Schwiegervater ein. Paul grinste lediglich und machte sich ans Werk. Routiniert träufelte er dem Hund zum Schluss die Tropfen in die Augen. Clòimh blinzelte kurz und schüttelte sich, dann schloss er sich seinen Hundekumpeln an und verschwand im Haus. »Wohin gehen sie jetzt?« »Salvatore geht zu Cedric. Leonardo und Clòimh suchen erst einmal den Salon auf. Nachts streift der Briard schon mal durchs Haus, macht seine Runde und zieht sich dann in den Salon zurück. Dort bleibt er auch, wenn Leonardo sich zu uns zurückzieht. Anscheinend mag er auch mal für sich allein bleiben. Mit Mrs Sánchez hat er keine Probleme. Sie hat ihm bereits bei ihrer ersten Begegnung klar gemacht, dass sie sich nicht einschüchtern lässt. Dann gab sie ihm einen Knochen und die Freundschaft wurde besiegelt. Morgens geht es gemeinsam in den Garten. Nach deren Frühstück wird eine runde relaxt und dann teilen sie sich auf. Edward nimmt Clòimh mit auf seine Runde über das Anwesen. An seinem freien Tag nimmt ihn Merlin mit zum Tierarzt. Dr. Miller macht dann eine kurze Untersuchung und danach lümmelt er sich bei den Patienten herum. Seltsamerweise bleibt er dort gelassen, von Aggressivität keine Spur, sagte Merlin«, berichtete Andreas weiter. »Kein untypisches Verhalten für einen Arbeitshund. Doch ich vermute eher, Clòimh nutzt diesen Tag als Ruhetag. Was ist denn seine Aufgabe bei Edward?«, wurde Paul neugierig. »Edward geht jeden Tag mit ihm in einen anderen Sektor unseres Anwesens. Dort soll er lernen, Veränderungen wahrzunehmen. Er muss lernen, mit den unterschiedlichsten Bewohnern dort klarzukommen. Da ist er immer noch im Training. Edward meint, dass es noch gut ein halbes Jahr dauern werde«, erklärte Andreas. Paul nickte zustimmend, er wusste, dass der Hund bisher kaum in seinen Eigenschaften gefordert wurde. »Aber ich fühle in seinem Verhalten«, mischte Carsten bei diesem Thema mit, »dass er diese Aufgabe liebt und auch geistig dabei ist. Da denke ich, ist ein Dreivierteljahr ein guter Zeitraum. Zumal er ja auch lernen muss, unsere Besucher zu akzeptieren. Edward geht mit ihm auch regelmäßig zur Lodge. Dort sind ja die Bauarbeiten in vollem Gang und damit auch immer unterschiedliche Bauarbeiter. Ich muss sagen, dass Edward seinen Hund recht gut kennt. Er merkt, wenn Clòimh überfordert wirkt und sorgt dafür, dass sein Vierbeiner zur Ruhe kommt.«

Während des Gesprächs nährten sie sich der Küche, wo das späte Abendessen angerichtet war. »Wir waren uns einig, hier zu essen«, wurden sie empfangen. »Ist eine gute Entscheidung. Carsten und ich essen abends auch hier. Der Diningroom ist ja schon recht groß für eine Handvoll Bewohner. Mit was überrascht ihr uns?« »Gabrielle hat eine einfach Bouillon gemacht und Veronika ein paar belegte Brote. Was möchtet ihr trinken?«, fragte Luise abschließend. »Ich nehme ein kleines Lager«, meinte Carsten. »Dem schließe ich mich an, teilen wir uns eine Flasche.« »Ah, meine Angetraute hat schon für mich ein Glas Rosé gewählt«, sah Paul das Arrangement neben Luise. Die älteste Generation entschied sich für einen Kräutertee. Andreas kannte diese Gewohnheit, da seine Großeltern ja auch noch Medikamente einnehmen mussten.

Die beiden Papas machten spät ihre Runde, als alle anderen sich schon zurückgezogen hatten. Zuletzt sahen sie noch nach ihrem Sohn. Carsten tastete nach der Bettdecke und richtete sie ein wenig zurecht. Andreas legte den Teddy seines Sohnes wieder neben ihn. Cedric hatte diesen mit seinen kleinen Füßen zur Seite geschoben. Leise machten sie sich davon. In ihrem Zimmer wurden sie vom schlafenden Leonardo erwartet.

»Du, Carsten, es war ein schönes Konzert«, kuschelte sich Andreas an seinen Partner. »Das war es, vor allem, weil die Familie sich dafür zwei Tage hierher auf den Weg gemacht hat. Für mich ist es das schönste Kompliment. Nicht nur für uns drei, sondern eine Ehrung für die ganze Gemeinde. Das war eine anstrengende Zeit und ohne die Erfahrung von DeÌŒda hätte es wohl noch länger gedauert.« »Dein Plan ist aufgegangen.« »Stopp! Es war vielleicht meine Idee, doch es war unser Plan. Unsere Nonni haben für Informationen gesorgt, ohne dabei aufzufallen. Ihre Expertisen und Betrachtungen zu den einzelnen Punkten haben vieles ins rechte Licht gerückt. Nicht zuletzt haben sie sich um Cedric gekümmert und uns damit wahnsinnig unterstützt«, dabei streichelte er Andreas zärtlich. »Stimmt, der kleine Mann hat sehr viel von ihnen gelernt. Trotzdem, es war ein schönes Konzert und nun halte deine Klappe, ich will schlafen.«

Carsten konnte nicht lange schlafen. Es war erst sieben Uhr durch und Leonardo machte ihm klar, dringend in den Garten zu müssen. Leise stand er auf und zog sich seinen Bademantel über. Dann ging es direkt zur Küche, wo er seine Hunde hinaus ließ. Diese Gelegenheit wollte sich keiner der Vierbeiner entgehen lassen. Da er selbst schon auf den Beinen war, kontrollierte er die Wassernäpfe. Danach machte er sich einen Kaffee. »Buongiorno«, grüßte Nonno ihn. »Buongiorno, Nonno. Hast du gut geschlafen?« »Ja, Antonia ist ebenfalls schon auf den Beinen. Sie möchte gerne heute den Gottesdienst besuchen. Nicht, dass wir regelmäßige Kirchgänger geworden sind, doch hin und wieder tut es uns einfach gut.« »Macht nur. Ich kenne jedoch die Zeiten nicht.« »Um neun heute. Antonia hat sich gestern informiert«, berichtete Nonno weiter und bediente sich an dem fertigen Kaffee. »Wir brunchen, Andreas lässt sich gern mal Zeit am Wochenende. Wenn du mir hilfst, bereiten wir es schon vor. Dann könnt ihr vor dem Kirchgang schon etwas essen. Zum Lunch gehen wir heute aus«, unterbreitet Carsten ihm einen Vorschlag. Andreas hat ein paar wirklich gute Adressen, genau richtig für uns Genießer.« Nonno sah durch die geschlossene Tür die Hunde toben. »Wie lange willst du die Bande draußen lassen?« »Noch etwas, ich bereite erst ihre Rationen vor. Doch jetzt heißt es erst einmal, in Ruhe meinen Kaffee zu genießen. Leonardo ist heute früh dran. Daher macht es nichts aus. Solange Cedric schläft, gibt es auch keinen Grund, ihn nicht seinen Spaß haben zu lassen. Wie läuft es in eurem Ristorante?«, wechselte Carsten das Thema. »Sehr gut. Raphael hat entschlossen, zwei Kisten von dem hellen Grappa zu kaufen. Für ganz besondere Gäste. Dann hat er einen neuen Küchenjungen eingestellt. Also Pizza backen ist wirklich nicht seine Stärke. Doch er hat einen feinen Gaumen. Aus meiner Sicht ein Kandidat für einen sehr guten Koch. Er macht ein wirklich gutes Frühstücksbüfett für das Hotel. Weiter macht sich der neue Pizzaofen bezahlt. Wir haben uns noch gar nicht für eure Hilfe bedankt. Allein hätten wir diese Investition nicht gestemmt.« »Wie Andreas bereits sagte: Das Ristorante ist auch unsere Familie. Wir haben gern geholfen.« Dann musste er unwillkürlich lächeln: »Cedric mag bereits mit uns Pudding kochen. Er war wirklich begeistert dabei, selbst wenn Andreas meinte, dass er einen schönen Hinterkopf hat.« Nonno lachte los. Er konnte sich lebhaft daran erinnern, als sie zu Weihnachten den Grießpudding gemeinsam gekocht hatten.

»Och, mein Mann trinkt schon wieder Kaffee«, begrüßte Nonna die beiden am Tisch, »Buongiorno, Carsten.« Dann ging sie auf Gabrielle zu und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Magst du auch Kaffee oder doch lieber Tee?«, fragte Carsten. »Erst einmal ein Glas Wasser, um meine Pillen zu schlucken. Dann ruhig mal einen Kaffee mit Milch.« Carsten stand auf und holte eine weitere Tasse aus dem Schrank. »Bambino, sag mal, die Tanne vor dem Portal, ist das der Weihnachtsbaum?«, erinnerte sie sich an eine kleine Veränderung. »Ja, den Vorschlag hatte Merlin gemacht und wir fanden die Idee ausgesprochen gut. Symbolisch ist es unser Stammbaum. Mitte Januar haben wir gemeinsam den Baum vom Salon dorthin verfrachtet. Ich muss sagen, das war gar nicht mal so einfach. Andreas hatte das Loch ausgehoben und dann wurde es schweißtreibend. Edward, Merlin und ich haben gemeinsam den Baum getragen und mein Schatz hat ihn dann ins rechte Licht gerückt. Einen ganzen Vormittag haben wir dafür benötigt. Zuletzt hat Andreas das Beet da herum gestaltet.« »Es macht sich und lässt euer Portal wirklich einladend aussehen. Da es ja eine Tanne ist, wird sie auch zu Weihnachten beleuchtet?«, lautete dann auch die nächste Frage. »Also ein elektrischer Anschluß ist jedenfalls vorhanden. Doch wir entscheiden es, wenn es soweit ist«, erklärte Carsten. Während er sprach, setzte sich Nonna zu ihnen und trank ihren Kaffee. »Jedenfalls gibt es eurem Eingang einen hübschen grünen Touch.« »Das finden wir auch. Besonders Cedric. Erst wusste er nicht, was sich verändert hat. Andreas sagte zu mir, dass er irritiert hinsah. Ich sollte nichts sagen. Zwei Tage später wurde er im Tuch hibbelig, als wir von einem Spaziergang zurückkamen. Ganz aufgeregt redete er vor sich hin und zeigte immer auf den Baum. Wir haben ihm den Gefallen getan und sind hingegangen. Vorsichtig hat er die Zweige berührt und war zufrieden mit unserer Arbeit.« »Dein Sohn hat ein Faible für die Natur.« Nonna nahm einen weiteren Schluck von ihrem Kaffee. »Sag einmal, hat Gabrielle dir gesagt, dass ich in die Kirche möchte?« »Ja. Soll euch Andreas fahren?« »Guten Morgen zusammen, nein, das kann auch Paul machen. Lassen wir Andreas schlafen«, mischte Luise mit, »warum nicht auch mal einen Gottesdienst besuchen. Wir schließen uns euch an, Antonia.« »Wenn dem so ist, nehmt die Familienkutsche. Was ist mit Babi und DeÌŒda?« »Sie möchten lieber bei ihrem Urenkel bleiben«, wusste Nonna. Carsten nickte lediglich: »Wenn ihr vorher noch etwas frühstücken wollt, solltet ihr euch ums Brunch kümmern. Ich mache jetzt mal die Rationen«, sprachs und stand auf. »Frech ist unser Bambino ja«, meinte Nonno nicht ernst, »also machen wir uns an die Arbeit.«

Als vier Rationen fertig auf der Anrichte standen, war auch der Frühstückstisch gedeckt. So nach und nach trafen auch die restlichen Gäste ein. Lediglich Andreas und Cedric schliefen noch. Carsten ließ die Hunde durch den Porch wieder ins Haus. Gemeinsam mit Luise rubbelte er den Hunden das feuchte Fell trocken. »Ich hätte nicht gedacht, dass euer Neuzugang so gelassen bleibt«, meinte Carstens Mama zwischendurch. »Ich denke, er mag die Aufmerksamkeit, davon hatte er früher wohl sehr wenig erhalten. Aber bei seinem Fell ist das schon eine Menge Arbeit.« »Solange er stillhält, ist das nicht so wild.« Carsten nickte zustimmend, er wusste, dass Gina manchmal ein wenig zappelig dabei wurde. Da brauchte es Zeit, bis sie wieder trocken war. »Merlin ist noch nicht auf, daher würde ich dich bitten, ihm seine Augentropfen zu geben. Die stehen dort im kleinen Schränkchen.« Luise entnahm die Augentropfen und dann wusste der Briard wohl, was anstand. Er positionierte sich zwischen den Beinen der Lady und hob etwas seinen Kopf. Luise wischte das lange Fell aus seinem Gesicht. Mit ihrem Daumen weitete sie gekonnt die Augen und träufelte vorsichtig das Medikament ins untere Lid. Ganz gelassen blieb der Hund nicht und zuckte etwas, doch dann war es überstanden. Luise wuschelte ihm liebevoll den Kopf. Clòimh schüttelte sich und folgte dann seinem Rudel ins Haus.

»Junge, euer kleiner Medizinschrank ist aber gut aufgeräumt«, bewunderte sie die Ordnung. »Das war Merlins Idee. So finde ich mich darin gut zurecht. Unten stehen die aktuellen Medikamente. Oben die alternativen haltbaren Heilmittel, dazwischen liegen die Verbände und was man zum Verbinden benötigt. Wenn ich mich nicht gewaltig irre, befindet sich auf der Ablage darüber ein Kragen.« »Ja, benötigt ihr den denn?« »Clòimh hatte ihn in der ersten Zeit noch um. Jetzt haben wir ihn für den Fall der Fälle. Seitlich vom Schrank finde ich einen Maulkorb. Der verstaubt aber bei uns, wir müssen ihn aber vorhalten, weil wir große Hunde haben. An der Wand hängen diverse Brustgeschirre. Wir möchten bei längeren Spaziergängen in die Gemeinde unsere Hunde sicher wissen.« Luise kannte diese Geschirre, mit Leine konnten sie den vierbeinigen Gesellen gut kontrollieren. Die luxuriösen ihrer Söhne waren noch etwas gepolstert und hatten am Rückenteil einen Griff. »Die Halsbänder tragen sie nur wegen der Marken.« Luise nahm ihren Sohn am Arm und gemeinsam gingen sie zu den anderen. An der Tür wandte sich Carsten ab: »Ich gehe mal zu Andreas und Cedric. Vielleicht sind sie schon wach und unser Sohn wartet auf seine morgendliche Routine. Genießt das Frühstück.«

Andreas schlief friedlich. Daher ging Carsten zum Kinderzimmer. »Abba!«, begrüßte Cedric seinen Papa. »Guten Morgen, Cedric. Hast du gut geschlafen?«, fragte er nach dem Wohlbefinden. »Ja! Nu padsch?« Carsten nahm seinen Jungen aus dem Bett und gab ihm einen Kuss: »Jetzt machen wir dich frisch für deine Nonni.« Im Bad planschte Cedric lautstark in seiner kleinen Wanne. Sein Papa hatte einiges zu tun, damit es zu keiner Überschwemmung kam. Vom Wickeltisch aus wählte er sein Tagesoutfit und dann war es geschafft. Cedric war bereit, sich seinen Großeltern zu stellen. »Abba? Baba wo?« »Dein Papa schläft noch. Meinst du, wir sollen ihn ausschlafen lassen?« Anstelle darauf zu antworten, meinte der Junge nur: »Dada.« Damit hatte Cedric entschieden und Andreas durfte noch etwas im Bett bleiben. In der Küche wurde dann sein Sohn mit vielen Küssen begrüßt. Paul übernahm seinen Enkel zum Frühstück. »Papa, neben seinen Brei bekommt Cedric etwas Toast mit Butter. Damit gibt er sich zum Tagesbeginn zufrieden«, informierte Carsten. »Abba, Dada mmh?«, wollte Cedric ein für ihn wichtiges Detail wissen. »Einen Augenblick, ich stelle die Näpfe auf den Boden und dann gibst du das Signal«, antwortete der Papa gewissenhaft. Als die vier Näpfe auf ihrem Platz standen, rief Cedric lediglich ›Dada? Dada mmh!‹. Salvatore war der erste, welcher die Küche betrat. Doch er wartete noch auf die beiden anderen, um anschließend geräuschvoll ihre Rationen zu verputzen. Der Junge nahm es zufrieden zur Kenntnis und widmete sich seinem eigenen Frühstück. Viel Hilfestellung brauchte Paul nicht zu geben. Sein Enkel konnte recht gut mit seinem kleinen Löffel umgehen.

»Schläft Andreas noch?«, fragte Babi Carsten. »Ja, letzte Woche hatte er einiges zu erledigen, gerade die Vorbereitungen der vergangenen zwei Tage haben seine Nächte kurz ausfallen lassen. Cedric und ich haben beschlossen, ihn heute ausschlafen zu lassen.« »Ist ja süß. Da hat also euer Sohn über Andreas entschieden.« »So ist es und ich finde es gut«, grinste Carsten. »Er denkt auch immer an die Hunde. Papa, waren Andrea und ich auch so?« »Nein, zumindest nicht in Cedrics Alter. Erst mit drei Jahren habt ihr viel Zeit mit unserem Hund verbracht. Manchmal habt ihr ihn gefüttert, aber nicht regelmäßig. Diese Verantwortung hast du erst mit Arco übernommen. Andrea etwas später, als sie mit dem Reiten begann. Ich glaube auch nicht, dass euer Sohn es schon bewusst macht. Es gehört zu seiner Routine, wie das morgendliche Bad.«

Carsten schüttelte seinen Kopf. Wie man den Wind aus den Segeln eines stolzen Vaters nahm, wusste Paul. Selbst wenn es ›nur‹ Routine war, er mochte es einfach, wie sein Sohn mit seiner kindlichen Ausdrucksweise nach den Hunden fragte. »So in Gedanken, Bambino?«, stellte Nonno Carstens Status fest. »Ich dachte gerade daran, wie glücklich Cedric ist, wenn er sich selbst davon überzeugt, dass es seinen Teddybären auf vier Pfoten gut geht. Es ist so eine Nuance der Zufriedenheit in seiner Stimme«, antwortete ihm Carsten. »Abba, Dada buh buh mach?«, mischte der Junge mit. »Wenn sie gegessen haben, dann ziehen sie sich gerne zurück, um ihr Essen zu verdauen. Mit vollem Bauch spielt es sich nicht gut.« »Good«, meinte Cedric schlicht. Dann reichte ihm Paul einen Toast, mit etwas Butter bestrichen. Der Junge biss erfreut in die Scheibe Brot, krümelte vor sich hin und hörte den Erwachsenen einfach zu. Hin und wieder versorgte ihn sein Großvater mit etwas warmem Kakao. Dann wollte er seine Freiheit. Luise nahm ihn aus dem Stuhl und setzte ihn auf den Boden. Dort krabbelte er herum, bis er ein Spielzeug der Hunde entdeckte. Den Gegenstand untersuchte er gewissenhaft. Seine Ergebnisse fasste er in seiner Sprache zusammen. Aus dem, was Carsten heraushörte, hatte er wahrscheinlich den Tennisball von Clòimh gefunden. Egal was es war, sein Sohn konnte sich gut damit beschäftigen. Dann wurde es Zeit und die Kirchgänger brachen auf. Carsten gab Paul den Autoschlüssel: »Fahrt vorsichtig.« »Natürlich. Was machst Du jetzt?« »Da ist ein munterer kleiner Mann, der wartet auf mich, um mich zu beschäftigen. So wie ich ihn kenne, wird er auch darauf pochen, mit den Hunden spazieren zu gehen. Ich denke, die nächsten Stunden hat mein Sohn für mich verplant«, scherzte der Papa. »Dann macht dein Sohn alles richtig. Eltern sollten für ihre Kinder da sein und Zeit haben«, wurde Paul ernst. »Das haben Ercan, Andrea und ich bereits von dir und Mama gelernt«, bestätigte Carsten seinen Vater. »Paul! Wo bleibst du denn?«, drängelte Luise. »Komme, geht doch schon vor«, antwortete der Vermisste. »Die Fernbedienung für die Garage und das Tor liegen in der Mittelkonsole. Jetzt kannst du das Tor vom Türpanel öffnen.« Danach scheuchte er seinen Vater zu den Wartenden.

Carsten ging zurück in die Küche. Er lauschte einen Augenblick und orientierte sich an dem Gebabbel seines Sohnes. Er hatte sich auf den Weg gemacht und saß nun unter dem Tisch. Carsten setzte sich vorsichtig, seitlich zum Tisch, hin. Dann schenkte er sich frischen Kaffee ein, machte sich einen Buttertoast und genoss die Ruhe, von den Geräuschen unter dem Tisch abgesehen.

»Guten Morgen Carsten«, begrüßte ihn DeÌŒda. »Hi DeÌŒda«, schallte es unter dem Tisch. »Guten Morgen, mein kleiner Prinz. Was hast du denn da?« »Balla!«, erklärte Cedric kurz, um sich weiter mit dem Gegenstand zu beschäftigen. »Dobré ráno Karel. Spal jsi dobÅ™e?«, erwiderte Carsten auf Tschechisch. Karel grinste: »Andreas kann es nicht lassen, dich weiter in unsere Sprache zu fordern. Wir haben beide sehr gut geschlafen und möchten nachher in den Pool«, machte ihn DeÌŒda mit ihrem Vorhaben vertraut. »Erstens: Ich mag es, wenn Andreas immer auch in seinen Muttersprachen mit mir spricht. So bleibe ich in Übung. Zweitens: Macht nur, der Pool wartet auf euch. Du müsstest nur die Umwälzpumpe umschalten.« »Machen wir«, bestätigte Karel, »sag einmal, seit wann habt ihr Tageszeitungen?« »Seit Anfang des Jahres. Andreas liest die Times, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die Alba-News hat Merlin abonniert. Eric, sein Freund, empfahl es ihm, anscheinend ist das auch ein gutes Training für die bevorstehende Abschlussprüfung. Ich lese deren Online-Ausgaben.« Dann zupfte es an seinem Bein. Carsten beugte sich hinunter und nahm Cedric auf den Arm. »Abba, Kako?«, bat Cedric seinen Vater. »Natürlich bekommst du einen Kakao.« Geschickt setzte er den Jungen in seinen Stuhl und servierte ihm sein Getränk. Zufrieden mit sich und der Welt schlürfte Cedric seinen Kakao. »Ihr habt ja schon Tee«, freute sich DeÌŒda. »Nonna hat ihn gemacht, nach einer Tasse Kaffee wollte sie zum Frühstück den Breakfast-Tee. Ich hoffe, er ist noch heiß.« »Wenn nicht, machen wir uns frischen. Wo ist Andreas?« »Der schläft noch. Nach den letzten Tagen schalten wir heute einen Gang runter. Ich hoffe, es macht euch nichts aus?«, fragte Carsten. »Nein, im Gegenteil. Schon Andreas’ Eltern haben die Sonntage für die Familie und zum Relaxen genutzt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass im Geschäftsleben solche Tage sehr wichtig sind.« Dann betrat Babi den Raum. »Hi Oma!«, machte Cedric darauf aufmerksam. »Guten Morgen, Cedric. Hast du gut geschlafen?«, fragte sie ihn. Der kleine Mann guckte erst nur und meinte dann einfach: »Ja!« Inzwischen hatte der Junge seine Tasse geleert. »Abba? Dada wee?«, fragte er seinen Papa. Carsten tastete nach seiner Uhr. »Gleich, ich ziehe mir etwas über und dann gehen wir mit den Hunden raus. Magst du noch einen Kakao haben?« »Opa Kako?«, antwortete er geschwind. DeÌŒda erfüllte ihm seinen Wunsch. Carsten ging, um sich umzuziehen. Im Schlafzimmer machte dann Andreas auf sich aufmerksam: »Guten Morgen, danke, dass ich ausschlafen durfte.« »Der Dank gebührt deinem Sohn. Doch er will gleich mit den Hunden raus. Daher ziehe ich mir jetzt schnell etwas über. Nonna, Nonno, Luise und Paul sind zum Gottesdienst und DeÌŒda und Babi wollen gleich etwas schwimmen. Frühstück steht in der Küche bereit.« »Wow, das sind sehr viele Informationen für meinen noch müden Geist«, beschwerte sich Andreas. Carsten ging auf das Bett zu, setzte sich zu seinem Schatz und gab ihm einen leidenschaftlichen Guten-Morgen-Kuss. Danach schien Andreas die vielen Informationen besser verarbeiten zu können. »Ich habe dich lieb«, bedankte er sich, »ich tue es nur ungern, doch Cedric wartet nicht gern, wenn es um seinen Spaß mit seiner Bande geht.« Verwundert schüttelte Carsten seinen Kopf. Doch Andreas hatte recht: Ihr Sohn liebte es, mit den Hunden Gassi zu gehen. Zügig zog er sich etwas an. In der Küche zog er seinen Sohn für draußen etwas über. Dann steckte er Cedric in das Tragetuch. »So, jetzt rufe doch mal die Hunde!«, forderte er seinen Sohn auf. »Dada wee!«, wurde der Junge laut und es wirkte. Auf dem Weg zum Porch gesellten sich die drei Vierbeiner zu ihnen. Als Carsten die Tür öffnete, liefen sie hinaus zu ihren Bäumen. Cedric kommentierte, was er sah und sie folgten den Hunden. Carsten schlug den Weg zum Spielplatz ein.

Andreas stand auf und machte sich Gedanken, wie er den Tag beginnen sollte. Dann zog er sich seine Badehose an und ging zum Pool. Schwimmen vor dem Frühstück schien ihm genau der richtige Start zu sein. Seine Großeltern waren noch nicht da, also schaltete er die Pumpe um und stieg ins Wasser. Das Element und die Bewegung taten ihm gut. »Guten Morgen«, schallte es vom Beckenrand. »Guten Morgen, Babi«, erwiderte er den Gruß. Dann stiegen DeÌŒda und Babi ins Wasser. Gemütlich schwammen alle einige Bahnen, bis Babi genug hatte. Sie stieg zuerst aus dem Wasser, dann folgten DeÌŒda und Andreas. Veronika reichte ihrem Gatten seinen Bademantel: »Junge, wir ziehen uns die nassen Sachen aus und kommen dann zum Frühstück.« »Ist gut. Mein Kompliment, ihr beide könnt wirklich gut schwimmen«, lobte Andreas seine Großeltern. Dann zog er sich ebenfalls seinen Morgenmantel über und schaltete die Umwälzpumpe um.

Aus der Küche hörte er Geräusche. Carsten konnte es noch nicht sein, da die erste Runde Gassi immer länger dauerte. Gerade wenn ihr Sohn dabei ist. »Guten Morgen, Merlin! Wir haben uns noch gar nicht für das Hundesitten gestern bedankt.« »Ist nicht nötig. Madainn mhath! Die Bande, und ich meine alle samt Charaid, haben die Zeit genossen. Clòimh hat seinen Kumpels die Baustelle gezeigt. Dafür ist die Runde länger ausgefallen, als ich es gedacht hatte«, blieb Merlin bescheiden. »Ich kenne das, Carsten sagt dann immer, es ist wie Urlaub für die Hunde, befreit von ihren eigentlichen Aufgaben dürfen sie einfach Hund sein.« Dann sah er die Teekanne: »Sag mal, ist da noch Tee drin?« »Nein, ich habe mir eben die letzte Tasse eingeschenkt. Soll ich noch frischen machen?« »Das wäre nett von Dir, meine Großeltern kommen gleich.« Der Jugendliche nickte lediglich und machte sich dran, frischen Tee aufzusetzen.

Im Schlafzimmer zog sich Andreas um. Es dauerte nicht lange und er erschien wieder in der Küche. Dann setzte er selbst noch frischen Kaffee auf. Als dieser durchgelaufen war, erschienen auch Babi und DeÌŒda. »Oh, ist ja schon alles vorbereitet«, freute sich DeÌŒda. »Ich glaube, das haben Nonna und Nonno vorbereitet. Carsten ist noch mit Cedric unterwegs«, meinte Andreas, »Ich denke, meine Jungs wollen einen Gang zurückschalten und sich einfach erholen. Bedient euch.«

Merlin stellte die Teekanne auf das Stövchen und setzte sich dazu.

»So, Cedric, jetzt sind wir wieder zu Hause. Bist du zufrieden?«, fragte Carsten, als sie wieder am Porch waren. »Ja. Dada no padsch.« »Da hast du recht und macht es uns etwas einfacher. Nur eine kurze Kontrolle und dann dürfen sie ins Haus. Du hilfst mir doch?«, meinte Carsten fragend. Im Porch stellte sich das Rudel auf und ihre Herrchen kontrollierten. Das heißt, Carsten kontrollierte die Tiere und Cedric strich ihnen über das Fell. Kurz darauf verschwanden die Vierbeiner. Carstens Weg ging zur Küche. »Baba!«, rief der Junge aus. Andreas ging auf seine Männer zu und nahm Carsten Cedric ab. Dann gab er seinem Sohn einen Schmatzer auf die Wange. »Bäh Baba«, beschwerte er sich und schmatzte Andreas ebenfalls einen feuchten Kuss auf die Wange. Dann pellte der Papa seinen Sohn aus den warmen Sachen. »Cedic Kako?«, fragte dieser nach der Prozedur. »Natürlich bekommst du einen Kakao. Ich mache ihn dir ganz frisch.«

Von seinem Platz aus wachte Cedric mit Argusaugen, was sein Baba da veranstaltete. Als Salvatore die Küche betrat, war dem Jungen sein Papa nicht mehr so wichtig. In seiner Sprache unterhielt er sich mit seinem Teddybär auf vier Pfoten. Andreas hörte ihm aufmerksam zu. Er mochte die kindliche Stimme und deren Melodie.

»Guten Morgen, Cedric. Hast du auch einen Kakao für mich?«, fragte Babi ihren Urenkel. »No!«, dabei schüttelte Cedric seinen Kopf. »Oh, das ist schade«, wirkte Babi enttäuscht. »Ich mache dir einen frischen«, bot Andreas an. Dann wandte er sich Cedric zu: »Cedric, das war nicht nett. Babi möchte ja nicht deinen Kakao haben, sonder möchte mit dir zusammen Kakao trinken.« Seine Stimme war freundlich, aber bestimmt. Cedric nahm eine ihm unbekannte Nuance wahr. Babi sah zwischen den beiden hin und her. In ihrer Brust schlugen plötzlich zwei Herzen. Einmal, dass Andreas ihrer Meinung nach zu streng zu seinem Sohn war. Andererseits hatte er aber genau die Mischung in dem einen Satz gewählt, um ihrem Urenkel den wesentlichen Punkt zu vermitteln: Teilen lernen. Als die Tasse mit dem Kakao vor ihr stand, lächelten beide wieder. »Komm, stoßen wir an und dann trinken wir einen sehr leckeren Kakao.« Skeptisch blickte der Junge dem Geschehen zu. Als seine Urgroßmutter ihre Tasse ganz leicht mit seiner zusammenstieß und dann selbst trank, machte er es ihr nach. »Dein Papa macht einen sehr guten Kakao. Da kann ich dich verstehen, dass du ihn selbst genießen willst. Wenn du fragst, machen er und Carsten dir immer frischen Kakao und wenn ich ihn frage, machen sie auch einen Kakao für mich. Es ist doch genug für alle vorhanden«, erkläre sie dem Jungen. Andreas sah Cedric das Gehörte verarbeiten. »Ja! Du auch Kako?«, bot er lächelnd an. »Gerne.« Daraufhin stießen sie mit ihren Tassen ein zweites Mal mal an.

Das gemeinsame Frühstück zog sich hin. Es entwickelten sich interessante Gespräche. DeÌŒda wollte von Merlin wissen, wie seine Woche gewesen war. Merlin dachte erst, es wäre aus reiner Höflichkeit. Doch schon bei der ersten Nachfrage merkte er, wie sehr es den alten Mann interessierte.

»Am Mittwoch wurde es ein langer Tag. Kurz vor Feierabend kam ein Frauchen mit ihrem Mops. Das Tier hatte sicher 2 kg Übergewicht und daher Atemschwierigkeiten.« »Was meinte der Doktor?« »Oh, das Frauchen musste eine lange Rede über sich ergehen lassen. Dann wurde dem Tier eine Diät verordnet: Jeden Tag dreimal 45 Minuten Gassi gehen. Dazu Schonkost, und zwar auf das Gramm genau. Weil die Besitzerin das Tier oft in einer Tasche trug und deswegen der Mops dem Bewegungsdrang nicht ausreichend nachkommen konnte, meinte der Arzt, dass " von nun an der Hund auf seinen eigen Pfoten laufen soll«, Merlin unterbrach sich, um etwas Tee zu trinken. »Das wird der Lady aber nicht gefallen. Solche Verhaltensmuster lassen sich nicht von heute auf morgen ändern. Ich bin froh, dass Friedemann, also der Hund von Nonno, seinen Garten hatte. Gabrielle mochte es, wenn sein Hund sich im feuchten Gras wälzte.« »Ob es der Lady gefällt oder nicht, ist Dr. Miller egal. Falls sie der Therapie nicht nachkommen würde, hätte er keine Skrupel, ihr den Hund wegzunehmen. Manchmal ist es besser, deutliche Worte zu wählen. Das verstehen die Menschen hier.«

In der Kirche waren nur wenige Plätze frei. Andreas’ und Carstens Familie folgten andächtig dem Gottesdienst. Der sonst recht fröhliche Patrick war nun ein Mann mit einer würdevollen Aura. Jetzt lernten Paul und Luise den Pfarrer in dem Bekannten ihrer Söhne kennen. Nonno rempelte schmunzelnd Paul an: »Nicht einnicken, Paul«, holte er seinen Banknachbarn aus den Gedanken. Dankbar lächelte Paul ihn an.

»Liebe Gemeinde, der Gemeindevorstand hat mir heute Morgen mitgeteilt, dass die Restaurierung unserer Orgel vollständig beglichen werden kann. Darüber hinaus wird ein Fond eingerichtet, der in Zukunft eine regelmäßige Wartung des Instruments gewährleistet.« Nonna sah sich etwas um und in den Gesichtern der Besucher machte sich Zufriedenheit breit. »Unsere kleine Kirche ist noch vom gestrigen Event geschmückt. Wenn ich mich so umsehe, hat diese Dekoration einen besonderen Charme. Der liebliche Duft von Rosen, die Farben Schottlands bei der Orgel, das dezente Weiß der vielen Buketts. An dieser Stelle möchte ich der Gärtnerei Hill & Son danken, die alles in kürzester Zeit so hübsch hergerichtet hat. Ich möchte gestehen, dass ich mich selbst davon habe inspirieren lassen und in meinem sonst so nüchternen Arbeitszimmer mit frischen Blumen farbliche Akzente setzte.« Einige Gemeindemitglieder lächelten, anscheinend kannten sie das Büro ihres Pfarrers. Dann beendete Patrick mit dem Segen und einem abschließenden Wort den Gottesdienst. Zum Auszug des Pfarrers spielte Nancy noch ein Kirchenlied. Nach der Strophe kehrte einen kleinen Moment Stille ein. Auf ihrem neuen Display lud sie sich eine Partitur, dann spielte sie auf. Einige Kirchenbesucher setzten sich wieder hin und hörten zu. Auch Nonna setzte sich wieder hin. Sie fand die Melodie interessant. »›Brave - Touch the Sky‹«, flüsterte ihr Luise zu, »der Soundtrack aus dem Film Merida - Legende der Highlands. Paul liebt Animationsfilme. Als unsere Jungs nach Schottland zogen, lud er mich zu dem Film ins Kino ein.« Nonna grinste: »Den Film sollten sich Gabrielle und ich mal ansehen.«

Nach dieser Darbietung schaltete Nancy schmunzelnd das Instrument aus und schloss die Abdeckung der Manuale. Die restlichen Besucher verließen nun die Kirche. Vor der Tür stand Patrick und verabschiedete sich von seiner Gemeinde. Dabei wurde er immer auch in kleine Gespräche verwickelt. Bei Andreas’ und Carstens Familie lächelte er. »Ich hoffe, euch hat der Gottesdienst gefallen?«, fragte er vorsichtig. »Ja«, antwortete Nonna für alle, »ich hatte befürchtet, du würdest diesen in Scots halten, doch mit der englischen Sprache sind wir bereits vertraut.« »In Gälisch halte ich nur den Gottesdienst zum Erntedankfest. Es ist eine Tradition, die bereits mein Vorvorgänger eingeführt hat. Die Menschen mögen es und ich finde, es ist auch unsere Hochachtung an die Farmer.« »Ist es ein Geheimnis, wie viel an Spenden eingenommen wurden?«, fragte Paul nach. »Nein. Der Kirchenvorstand hat gestern noch den Kassensturz gemacht. Nach Abzug aller Auslagen blieben 32,623.17 Pfund an Spenden übrig. Die Restaurierung bleibt mit 29,000 Pfund unter dem Kostenvoranschlag. Der Bischof fand unsere gemeinsame Initiative genial und hat für den Fond den Rest auf 4,000 Pfund aufgerundet.« »Ein guter Grundbetrag, um die Orgel regelmäßiger warten zu lassen«, stimmte ihm Paul zu. »Da hast du recht, er bleibt auch für andere Dinge unantastbar.« »Was steht denn als nächstes an?« »Die Glocken. Man mag es kaum glauben, doch Nancy hat uns darauf aufmerksam gemacht. Mr Johnson war dann mit einem Stimmgerät oben und musste feststellen, dass zwei der Glocken um einen viertel Ton abweichen. Im Juni wird ein Fachmann sich alles ansehen und die Ursache erkunden«, stimmte Patrick nachdenklich. »Aber wie die Expertise auch ausfallen wird, ein viertel Ton ist nicht die Welt. Big Ben klingt schon über 150 Jahre sehr verstimmt«, tat er schmunzelnd seine Meinung kund. Dann wurde es langsam Zeit, sich zu verabschieden. Paul ging zum Wagen und öffnete allen die Tür. Dann ging es bereits los.

An der Abfahrt zum Grundstück bat er Luise, die Fernbedienung aus der Konsole zu nehmen und das Tor zu öffnen. Als der Wagen sich langsam der Einfahrt näherte, öffnete sich das schmiedeeiserne Tor recht schnell. Kaum waren sie hindurch, begann es sich wieder zu schließen. »Ich dachte, das Tor bliebe tagsüber offen?«, wunderte sich Luise. »Vielleicht während der Werktage und nicht am Sonntag. Unsere junge Familie will wohl nicht gestört werden«, mutmaßte Paul. »Also«, begann Nonno, »ich unterstütze diese Maßnahme. Die Wochenenden gehören der Familie.«

»Paul, kannst du uns aussteigen lassen? Dann gehen Gabrielle und ich noch ein wenig und kommen über den Hintereingang ins Haus«, bat Nonna den Chauffeur. Paul brachte das Auto zum Stehen und ließ Andreas’ Großeltern aussteigen. »Ach, den Wagen benötigen wir heute noch. Cedric und seine Väter laden uns zum Lunch ein«, meinte Luise nebenbei.

Clòimh lief direkt auf das Auto zu und wedelte freudig mit seinem Schwanz. »Sieh einmal an, das Begrüßungskomitee«, kommentierte Luise beim Aussteigen. Kurz darauf stoben auch die beiden Labradore an. »Und zwar das ganze. Ob unsere Jungs im Garten sind?«, beurteilte Paul die Situation. Dann ging er auf das kleine Rudel zu und streichelte sie der Reihe nach. »Das habt ihr alle gut gemacht. Sind denn eure Herrchen auch im Garten?«, fragte er aufs Geratewohl. Als Antwort drehten sich die drei um und liefen zurück. »Komm, Männe, folgen wir ihnen. Es ist so gemütlich und viel Bewegung hatten wir heute auch noch nicht.« »Wer kann deiner Aufforderung schon widerstehen?«, flirtete er charmant. Arm in Arm gingen sie ums Haus. Dort saß der Rest der Familie auf der Terrasse bei Kaffee und Tee. Cedric krabbelte munter auf dem Rasen herum. Jetzt, wo die Hunde wieder bei ihm waren, spielten sie mit einem Ball.

»Oh, die Gläubigen sind wieder zurück«, grüßte Andreas die Ankömmlinge. »Wo habt ihr meine Nonni gelassen?« »Sie wollten ein Stück gehen und kommen sicher gleich nach. Habt ihr noch Kaffee für die ältere Generation?« »Bedient euch. Carsten hat vorhin frischen gekocht. Dann wollte Cedric etwas mit seinen Hunden spielen. Mir scheint, er kommt so langsam ins nächste Stadium. Neben krabbeln und sitzen versucht er auch immer öfters, seinen Popo zu heben.« »Euer Sohn lässt sich keine Zeit«, bewunderte Luise diese Beobachtung. »Ich glaube, das hat er sich von unserer Bande abgeguckt, wenn sie sich strecken und dehnen«, schlussfolgerte Andreas. »Zumindest ein guter Ansporn und es scheint zu wirken.« Dabei deutete Paul auf die Rasenfläche. Cedric war wieder einmal dabei, sich mit seinen Beinen abzustützen und stemmte sich mit seinen Ärmchen dagegen. Es sah lustig aus, aber er erreichte sein Ziel. Sein Hinterteil hob sich gen Himmel. Durch sein Beispiel machten es ihm die Hunde nach. Dann purzelte Cedric zur Seite und begann zu lachen. Das animierte auch die Hunde und es wurde viel geknuddelt. »Cedric hat viel Spaß«, bemerkte Luise. »Den soll er auch haben. Ich mag es, wenn er so ausgelassen spielt.« Dabei legte sich eine sehr verträumte Mine auf Carstens Gesicht. »Mag sein, Tiger, doch es wird Zeit, dass er sich etwas hinlegt. Er war den ganzen Vormittag auf seinen Beinen. Glaubst du, du schaffst es, ihn in sein Bett zu bringen?«, forderte Andreas ihn auf. »Ich denke schon. Cedric?«, rief er und stand auf. Carsten benötigte etwas Überredungskunst und ein Schlaflied, um seinen Sohn ins Reich der Träume zu begleiten. Dazu machten es sich auch die Hunde neben dem Bett bequem.

»So, jetzt haben wir etwas Ruhe vor dem kleinen Wirbelwind.« »Wie lange hält es denn an?«, fragte Luise. »Nicht länger als eine Stunden. Aber das passt ganz gut. Dann mag er zum Lunch etwas haben. Wo wir beim Lunch sind, wir laden euch alle ein. Das Hotel hier hat eine sehr gute Küche. Obendrein möchte ich den Studenten noch den versprochenen Whisky für den Hauswart geben«, beantworte Carsten ausführlich die Frage. »Welchen nimmst du?« »Ich kenne unseren Hauswart. Kein großartiger Genießer, ich denke, unser 18 Jahre alter Single-Malt erfüllt seinen Zweck. Darf ich dich fragen, wie du Edwards Garten zugeschnitten hast?« »Du weißt davon? Egal, die Garage nimmt ein sechstel der ursprünglichen Fläche weg. Anstelle des ursprünglichen Rechtecks hat es nun die Form eines Trapezes. Es sind etwa 35 Quadratyards, die hinzukommen.« Carstens Eltern konnten mit den Angaben nicht so recht etwas anfangen, was Andreas in ihren fragenden Gesichtern sah. »Es sind 30 Quadratmeter. Damit das harmonische Verhältnis der Gartenfläche wieder hergestellt ist. Edward wird sich dort richtig entspannen können. Egal in welche Richtung er sieht, es ist ein sogenanntes Goldenes Trapez mit einem Innenwinkel von 60°. Die ursprüngliche Fläche wurde durch die versetzte Garage zerschnitten und wir möchten, dass sich unser Verwalter dort wohl fühlt. Ich habe aus Spaß mal euren Garten vermessen. Der entspricht ebenfalls einem goldenen Verhältnis, nur ist es ein goldenes Rechteck«, erklärte Andreas im Plauderton. »Und ich habe mich immer gefragt, warum sich alle bei uns wohlfühlten. Paul meinte, es läge an meinen Arrangements«, stimmte Luise nachdenklich zu. »Es ist beides. Carsten sieht ja die harmonischen Verhältnisse nicht, für ihn sind die Beete und Rabatte der entscheiden Faktor. Ob nun bewusst oder unbewusst, es spielt keine Rolle. Du hast dein harmonisches Empfinden durch die Anordnung der Pflanzen passend in Szene gesetzt. Ich wende die Theorie bei der Landschaftsplanung an und glaube mir, mein Rechner hat einiges zu tun um die vielen Faktoren zu berücksichtigen. Da hat es mein Gefühl einfacher, weil ich Unstimmigkeiten einfach wahrnehme. Sag mal, Luise, hast du die Rosenstöcke bereits eingepflanzt?« »Wir haben es gemeinsam gemacht. Ich habe die warmen Temperaturen dafür genutzt und damit ein Spätfrost keinen Schaden anrichten kann, hat Paul sie rundherum mit Stroh abgedeckt. In der Garage hätten sie nicht lange ausgehalten.« »Du hast Erfahrung mit Rosen, falls es doch noch kälter wird, kannst du zusätzlich noch Erde anhäufeln. Das schützt vor allem vor dem Austrocknen«, gab Andreas eine alte Weisheit preis. Luise nickte ihm verstehend zu. Dann kamen auch Nonna und Nonno zu ihnen. Nachdem Andreas sie mit Tee versorgt hatte, informierten die Kirchenbesucher über den Erfolg der Spendenaktion. Alle wirkten zufrieden mit dem Ergebnis: »Da brauchen wir nicht einmal vorlegen«, begann Carsten, »ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass so etwas den Menschen gefällt.« »Vor allem nicht, dass sie dafür viel Geld locker gemacht haben. Jetzt steht bald das nächste Event der Gemeinde an: Die Eröffnung des neuen Spielplatzes.«

»Ist der denn jetzt fertiggestellt?«, fragte Babi. »Seit vergangene Woche ist er komplett und wurde auch technisch bereits abgenommen. Es haben auch schon einige Kinder darauf gespielt.« »Wie haben die Hunde reagiert?« »Unsere beiden nahmen es gelassen. Clòimh war erst etwas argwöhnisch. Edward ist dann auch mit ihm öfters hin, so dass der Hund sich davon überzeugen konnte, dass im Revier alles in Ordnung ist. Obendrein wissen die Kinder, dass hier ein großer Hund lebt. Auch wenn er jetzt gelassen bleibt. Die offizielle Übergabe an die Kinder ist übernächste Woche. Da hat die Frauengruppe alles organisiert. Ich stelle noch ein paar Entwurfkopien zur Verfügung, ansonsten haben wir nicht viel damit zu tun. Ist auch ganz gut, das Dorf soll sich darum kümmern. Edward macht zwar weiter seine Kontrollgänge, doch das ist nur um der Sicherheit willen.«

»Sag mal, Carsten, wie alt ist Leonardo jetzt?« »Sechs Jahre, gute zwei Jahre und er darf in Rente gehen«, beantwortete er gewissenhaft die Frage. »Vielleicht wird Gina für eine junge Nachfolgerin oder einen Nachfolger sorgen. Bisher mit ich mit Arcos Familie mehr als zufrieden«, stimmte er nachdenklich. Paul wusste, worauf es bei Begleithunden ankommt: »Ich werde Andrea informieren, falls unsere kleine Gina trächtig wird.« DeÌŒda dachte über das eben Gehörte nach: »Warum willst du Leonardo seiner Aufgabe entbinden?« »Weil einen Blinden zu führen für einen Hund anstrengend ist. Ich möchte, dass er auch noch etwas von seinem Leben hat. Als Alternative, falls Gina nicht trächtig wird, sind unsere beiden sicher einem Schäferstündchen mit einer Hundelady nicht abgeneigt«, schmunzelte Andreas wissend. Die Runde lachte bei der Aussage.

»Apropos Gina. Wie geht es Andrea?« »Deine Schwester macht sich. Stefano ist noch nervös und achtet, dass sie sich nicht übernimmt. Für die Vertretung suchen wir bereits einen Stellvertreter. Andrea und Christa denken darüber nach, diese Vertretung eventuell mit in die Praxis aufzunehmen, wenn er seine Feuerprobe besteht. Ansonsten macht Andrea eine Fortbildung in Chirurgie. Neue Techniken und Methoden haben den Vorteil, die Operationen für die Tiere schonender durchzuführen.« »Du erwähntest, dass sie einen weiteren Tierarzt einstellen wollen. Lohnt es sich denn?«, fragte Carsten nach. »Ja, das Veterinäramt schneidet die Bezirke im Laufe des Jahres neu zu, weil zwei Praxen im Sommer aufgegeben werden. Dadurch wird sich unser Verantwortungsgebiet vergrößern. Gerade bei den Großtieren kommt mehr Arbeit auf uns zu. Ich bin dann ja im Ruhestand und für Andrea wäre es mit Familie dann doch zuviel«, wußte Paul zu berichten. »Da Stefano die Buchführung macht, hat er bereits grünes Licht zu den Überlegungen gegeben. Die Praxis rentiert sich. Auch dank eurer Unterstützung.« »Das ist ja ganz in unserem Interesse.« »Wir haben noch ein kleines Anliegen«, begann Luise, »Paul und ich haben nun lange darüber diskutiert: Wir werden das Haus etwas umgestalten. Wir ziehen in den zweiten Stock.« »Meinen Segen habt ihr, mein altes Zimmer steht ja überwiegend leer und die junge Familie braucht mehr Platz.« »Nicht nur das. Der ganze Keller wird ebenfalls umgestaltet. Der Fitnessraum wird als Pflegestation für Haustiere umgestaltet. Der Stall im Garten bleibt den Hoftieren vorbehalten.« Andreas sah sich große Veränderungen gegenüber. In Carstens altem Zimmer hatten sie oft sehr intime Stunden gehabt. Doch es war abzusehen, das Haus wird jedenfalls ein Mehrgenerationen Haus bleiben.

»Wie geht es mit Merlin weiter?«, interessierte sich Nonna. »Auch da wird es bis zum Sommer einige Veränderungen geben. Gwenda und Merlin haben sich dazu entschlossen, dass er bis zu den diesjährigen Prüfungen noch einmal in die Highschool geht. Das Schulamt hat dem Vorschlag zugestimmt und ihn in Inverness eingeschrieben. Dann erhält er noch regulären Unterricht und kann dann dort auch seine Prüfungen ablegen. Dr. Miller wird seinen Assistenten sicher vermissen, doch uns gegenüber deutete er an, dass er in Merlin einen guten Nachfolger sieht.« »Wenn er möchte, darf er sich bei uns für ein praktisches Jahr bewerben. Sowohl Christa als auch Andrea möchten meine Innovation fortführen, jungen Studenten die Möglichkeit zu geben, praktische Erfahrungen zu sammeln. Merlin ist uns willkommen, zumal er bereits Erfahrung mit Tieren und demUmgang mit ihnen hat.« Andreas schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. »Dann steht dem jungen Mann wortwörtlich die Welt offen. Wo ist er eigentlich?«, wollte Andreas dann doch wissen. »Er hat sich seine Unterlagen geschnappt und ist zu Eric gefahren. Sie wollten sich heute mit Latein beschäftigen. Obendrein haben ihn die Smiths eingeladen. Ich glaube, der Constable ist mit der Entwicklung seines Sohnes sehr zufrieden.«


Am anderen Ende der kleinen Stadt öffnete Mrs Smith Merlin die Tür. »Hallo Merlin, Eric wartet bereits auf dich. Was ist denn heute dran?« »Guten Morgen, Mrs Smith. Das leidige Latein. Eric meinte, dass ich einen Grundwortschatz benötige und die Grammatik hilft mir sicher auch, Sprachen besser zu verstehen.« Die Lady lachte ihn an. »Dann komm mal herein. Hast du später Zeit und Lust, mit uns ein Lunch einzunehmen? Christian, mein Mann, hatte keine Lust, heute am Herd zu stehen und lädt uns ein.« »Gern, wir lernen bis zum Lunch und machen dann eine längere Pause.« »Gut, die ollen Römer warten auf dich«, grinste die Dame des Hauses Merlin an.

Da Merlin bisher diese Sprache nicht lernte, begann Eric behutsam mit den Grundlagen. Auch wenn sein Nachhilfeschüler nicht auf den Kopf gefallen war, so verlangte allein die Grammatik ein Höchstmaß an Konzentration. Daher war er ganz froh, dass Mr Smith sie zum Lunch holte.

Wie Mrs Smith bereits erwähnt hatte, lud sie das Familienoberhaupt zum Lunch ein. Während sie im Restaurant auf ihr Menü warteten, sprachen sie über Gott und die Welt. Die Smith’ waren darauf bedacht, das Thema Schule und Lernen mit keiner Silbe zu erwähnen.

»Merlin, Du bist doch öfters im Tierheim«, wechselte Mrs Smith wieder das Thema. »Zusammen mit Dr. Miller, um die Untersuchen zu machen. Fragen Sie aus einem besonderen Grund?« »Ich traf vor einigen Tagen Mrs Hill auf dem Wochenmarkt in Begleitung eines Hundes. Ich hatte ein wenig Angst, das Tier wirkte so kompakt.« »Das ist nur der äußere Schein. Gut, als Rotweiler-Schäferhund-Bastard bringt sie schon ein respekteinflößendes Erscheinungsbild mit. Doch die drei sind wirklich angenehme Haustiere. Die Hills kennen sich mit solchen Hunden bestens aus. Lucky war ja auch nicht gerade einfach zu handhaben. Möchten Sie auch ein Tier adoptieren?«, fragte Merlin. »Nun, wir haben darüber nachgedacht. Ich trete dieses Jahr ein wenig zurück und ehrlich, ich bin nicht die typische Hausfrau. Ich würde mich in den eigenen vier Wänden schnell langweilen.« »Darf ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten? Dann gehen Sie gemeinsam ins Tierheim und sehen Sie sich um. Nehmen Sie sich Zeit, eventuell verbringen Sie einige Zeit dort, um die Tiere besser kennenzulernen.« »Dir liegen die Tiere sehr am Herzen?«, fragte Mr Smith nach. »Liegt das nicht auf der Hand? Clòimh ist ebenfalls ein Tierheimhund, Dr. Miller wurde auf ihn aufmerksam, weil er sich zurückzog. Bei uns lebt er förmlich auf und sieht seine Aufgabe darin, uns alle zu beschützen.« Eric brachte es auf den Punkt: »Merlin, du macht die beste Werbung für diese Tiere. Ich denke, dein Vorschlag ist genau richtig für uns.« Zwischendurch wurde das Essen serviert. »Wie lief es beim Steinmetz?«, holte Erics Vater ein kleines Defizit nach. »Diese Woche haben wir die neuen Skulpturen des Manors fertigstellt. Bryan und seine Gehilfen haben sie auf den Pfosten des Rutherford-Anwesens montiert.« »Neue Skulpturen? Was wurde aus den beiden Löwen?«, fragte seine Mutter nach. »Andreas und Carsten haben diese der Gemeinde gestiftet, nachdem sie im vergangenen Jahr das Haus renovierten. Noch stehen sie in der Werkstatt, weil die letzten Jahrhunderte dem Stein arg zugesetzt haben. Die Palmers haben den Auftrag erhalten, diese für die Gemeinde zu reinigen und zu restaurieren. Das macht der Mitarbeiter, er hat das entsprechende Wissen.« Eric machte eine kleine Pause. »Danke, Papa.« »Wofür? Ich hatte einfach keine Lust heute etwas zu kochen«, antwortete er. »Für die Einladung auch. Aber ich meine die Praktika.«

Mr Smith sah seinen Sohn an: »Eric, wir sind deine Eltern und manchmal sehen wir unsere Aufgabe darin, zu moderieren. Mama und ich sahen, wie du nach dem Abschluss nicht wusstest, wohin dich dein Weg führen würde. Alle unsere Bemühungen, dich für etwas zu interessieren, schlugen fehl. Der Zwischenfall war für uns ein herber Rückschlag.« »Dein Vater und ich wussten einfach nicht weiter. Die Idee mit den Praktika stammte von Mr Zahradník. Er erinnerte deinen Vater auch daran, selbst einmal Unfug angestellt zu haben. Wir haben mit den drei Betrieben gesprochen und sie waren einverstanden. Du hast diese Chance genutzt.« »Ich weiß zwar noch immer nicht, was ich einmal beruflich machen möchte, doch eine Richtung habe ich bereits: Etwas Künstlerisches«, antwortete Eric selbstbewusst.

Im Hotel des Ortes nahmen Carstens und Andreas’ Familie ein internationales Lunch ein. Selbst Nonno war überrascht, mit was das Restaurant alles aufwarten konnte. Dann sah Andreas einen der Musiker. »Carsten, hast du den Whisky dabei? Ich sehe einen der Studenten.« Carsten holte die Flasche hervor und übergab sie. Andreas stand auf und ging auf den Studenten zu: »Hier, euer Single-Malt für den Hausmeister. Carsten war von eurer Ideenvielfalt überwältigt und steuert dieses Lebenswasser dazu bei. Es ist einer der besten Whiskys der Lowlands.« »Danke. Wir haben bereits nach einem gesucht. Im Supermarkt gab es nur die amerikanischen.« Andreas wusste, was gemeint war. »Kenne ich. Wir mögen den auch nicht. Dieser wird sicher ein gutes Verhältnis zum Hauswart garantieren.« Danach verabschiedete sich Andreas und kehrte zur Familie zurück. »Du hast den richtigen Riecher gehabt. Unser Supermarkt setzt wohl auf Importe.« »Ich denke, es ist eher der Preis. Der gute schottische und irische Whisky liegen Klassen darüber. Das können sich arme Studenten nicht leisten. Andreas, würdest du Cedric etwas helfen, ich habe den Überblick verloren«, bat Carsten. Andreas sah, was sein Liebster meinte. Der Junge matsche lustlos in seinem Essen herum. »Ich sehe schon, überspringen wir seinen Gang und lassen seinen Nachtisch servieren. So hat das alles keinen Sinn.« Andreas winkte dem Kellner und orderte eine Vanille-Schokocreme. »Sagen Sie dem Koch, dass er diesen mit einem Smiley verzieren soll. Dazu noch einen ungesüßten Fruchttee.« Der Ober nahm das Kindermenü an sich. »Glaubst du, Cedric ist bereits satt?«, fragte Luise. »Sicher nicht, aber es hat keinen Sinn, ihn zum Essen zu zwingen. Die Creme macht einiges wett. Zuhause können wir ihm noch etwas Frisches zubereiten«, beantwortete er die Frage. »Luise, unsere Jungs haben eine gesunde Einstellung zur Ernährung. Ehrlich, Cedric erinnert mich ein wenig an Ercan in seinem Alter. Da war er auch bei so manchem Essen skeptisch.« Luise lächelte bei der Erinnerung. Der Nachtisch war schon eher nach Cedrics Geschmack. Begeistert löffelte er seine Creme.

Nach dem Dessert wurde allen noch Mocca serviert. Andreas orderte die Rechnung, welche in einer kleinen Mappe gebracht wurde. Andreas legte seine Kreditkarte dazu: »Wie immer.«

Wenig später sah er sich den Beleg an und quittierte.

Den Nachmittag verbrachte Cedric, indem er seine Verwandtschaft zur Beschäftigung mit ihm aufforderte. Seine Großeltern nahmen sich gern dieser Aufgabe an.

Nach einiger Zeit sah Luise, wie schläfrig Cedric wirkte. Daher nahm sie ihren Enkel und brachte ihn ins Bett. »Paul, machst du uns einen Kaffee? Unser Heimatstern ist wirklich keine Konkurrenz zum Energievorrat von Cedric. Wenn er so weiter macht, ist in Zukunft wohl das Energieproblem der Menschheit gelöst.« »Du scherzt, Weib. Das reicht für unsere Galaxie. Klar mache ich uns frischen Kaffee. Wie wäre es mit ein paar Keksen dazu?« »Mach nur, Männe!«, flirtete Luise zurück. Auf der Terrasse machten sie es sich gemütlich. Carstens Eltern bewunderten den Ausblick in den Garten. Dieser sah wirklich perfekt gepflegt aus: gepflegter Rasen, in Form geschnittene Sträucher, Beete und Rabatte, in welcher bereits die ersten Blumen blühten … »Wann findet Andreas noch Zeit, hier alles so zu pflegen?«, machte Paul seinen Gedanken laut. »Er ist leidenschaftlicher Gärtner, da findet er immer Zeit für dieses Hobby. Eigentlich ist es gar nicht so schwer. Die meiste Arbeit fällt im Herbst an. Da werden die Beete für die kommende Saison vorbereitet. Den Rasen mäht er mit seinem kleinen Traktor, alle zwei bis drei Wochen. Dazwischen hin und wieder nach dem Rechten sehen. Als gelernter Gärtner organisiert er die Abläufe und ist dabei sehr effizient.« »Du sagst es, Liebling. Ich finde es einfach nur schön und er lädt zum Verweilen ein. Genauso wie bei uns Zuhause. Wenn andere Leute in den Urlaub fahren, sind sie Stunden unterwegs. Ich mache einen Schritt in unseren Garten und bin im Paradies. Dank Dir.« »Oh, ein schönes Kompliment«, wurde Luise verlegen. Dann genossen sie Kaffee und Kekse. Wenig später trafen die jungen Väter von einer Gassirunde wieder ein: »Ihr habt hier gedeckt?«, wunderte sich Andreas. »Es ist schön und hier zieht es nicht. Die Ecke bot sich einfach an.« »Was macht unser Sohn?«, fügte Carsten hinzu. »Er hält gerade eine kleine Pause. Ist eine Viertelstunde her, als ich ihn ins Bett brachte. Andreas, deine Großeltern haben sich ebenfalls hingelegt.« Der Angesprochene nickte lediglich. Er wusste, dass sich seine Nonni gern nach dem Mittagessen eine Siesta gönnten. »Habt ihr noch Kaffee für uns? Carsten, haben wir nicht noch Sandkuchen?« »Ich denke schon. Mrs Sánchez backt freitags gerne für uns.« Die beiden jungen Väter stellten weitere Gedecke und Kuchen auf den Tisch.

»Seht mal wen ich auf der Galerie getroffen habe«, kam DeÌŒda mit Cedric auf dem Arm in den Garten. »Baba!«, machte sich der Junge bemerkbar. »Kleiner Ausreißer?«, schmunzelte der Papa, als er Cedric übernahm »Magst du einen Kakao und etwas Kuchen haben?« »Da!« Gemeinsam gingen sie in die Küche, um für das Getränk zu sorgen.

»Das war nun bereits das zweite Mal, dass unser Sohn auf Wanderschaft war.« »Passieren kann ihm nichts. Er wurde von Clòimh begleitet und gab ihm die Richtung vor: Weg von der Treppe, auch wenn das Gitter geschlossen war.« »Danke, DeÌŒda, es beruhigt mich zu wissen, dass seine Bodyguards dann bei ihm sind«, war Carsten erleichtert. »Wie war es mit seiner Grippe? Nonna und Babi haben sich strikt geweigert, hierher zu kommen und wir fliegen nicht ohne die beiden.« Carsten dachte einen Moment nach, war es schon so lange her? »In den ersten 24 Stunden haben Andreas und ich abwechselnd bei ihm gesessen und seine Hand gehalten. Besser: Er hat unsere Finger gehalten. Dann kam die erleichternde Nachricht, dass seine Temperatur gefallen ist. Der Arzt meinte, dass sein Immunsystem bereits Antikörper gebildet hat.« »Also war die Inkubationsphase bereits abgeschlossen?«, sinnierte Paul. »Das meinte auch sein Kinderarzt. Die zwei zusätzlichen Tage waren zur Vorsicht. Immerhin lag seine Temperatur noch immer im kritischen Bereich. Zur Entlassung gab uns sein Arzt den Rat, ihn weiter zu beobachten. Dr. Peters hat uns dann am folgenden Tag noch einige fiebersenkenden Zäpfchen für ihn gegeben. Zu unserem Glück haben wir diese dann nicht benötigt. Dafür hat Cedric sehr viel getrunken und dann halfen ihm auch die Hunde.« Carsten lachte: »Wenige Stunden im Hospital und unser Sohn fragte nach seinen ›Dada‹. Jedenfalls hat er hier viel mit ihnen gekuschelt. Bevor wir dann nach London fuhren, gab uns Dr. Peters grünes Licht. Und bevor ich es vergesse, danke, dass ihr alle von einem Krankenbesuch Abstand gehalten habt.« »Leidige Erfahrung von Eltern. Es ist einfach unproduktiv, wenn Großeltern mit gutgemeinten Ratschlägen die Genesung behindern«, begann Luise verlegen. »Paul hat mich davon überzeugt, indem er mich an eine ähnliche Begebenheit mit meinen Schwiegereltern erinnerte.« »Die selbe Erfahrung haben wir auch gemacht. Nur haben unsere Ladies uns daran erinnert. Ist mir auch lieber, unserem Urenkel quirlig zu begegnen«, resümiere DeÌŒda bei einem Tee, »er hält einen jung.«

Paul dachte mit einem verträumten Blick an die Zeit, als Carsten und Andrea in dem Alter waren. Er selbst hatte einiges zu tun, wenn sie sich auf den Weg machten. Zu seinem Leidwesen auch immer in verschiedene Richtungen. »Es wird nicht mehr lange dauern und Cedric erkundet seine Welt auf zwei Beinen«, orakelte Luise beim Anblick ihres Gatten. »Deine ersten Stehversuche hast du in Cedrics Alter unternommen. Überall hast du Halt gesucht und damit Erfolge gehabt. Deine ersten Schritte hast du an meinen Händen versucht. Als Andrea dich so sah, hat sie der Ehrgeiz gepackt und machte es nach. Es dauerte nur wenige Tage und ihr seid gemeinsam einige kurze Strecken gelaufen. Aber nur stehen konntet ihr sehr gut. Andrea hat sich bei dir festgehalten und du gabst ihr die nötige Sicherheit.« »Unser Sohn wird das schon machen. Andreas und ich sind uns einig, ihn bei seinen Bemühungen zu unterstützen, haben aber nicht den Ehrgeiz, ihn dazu zu drängen. Dann sind da ja noch die Vierbeiner. Wie Andreas bereits sagte, er schaut sich viele Bewegungsabläufe bei ihnen ab. Als Animation ideal und falls er mal Halt sucht, werden sie sicher an seiner Seite sein.«


Bereits am frühen Morgen begannen zwei Wochen später die Vorbereitungen zur Einweihung des Spielplatzes. Die Frauengruppe hatte ganze Arbeit geleistet. Es gab Informationsmaterial zum Spielplatz und den beteiligten Firmen. In einem Pavillon standen Getränke und Verköstigungen für die Besucher. Für etwas Unterhaltung hatte der Ortsvorsteher eine mobile Musikanlage organisiert. Unter der Bedingung, dass Wünsche der Kinder und Jugendlichen berücksichtig werden.

Im Manor gab es ein letztes Meeting der Unternehmer. Für eventuelle Fragen und Werbung für die ungewöhnlichen Spielgeräte einigten sie sich auf eine gemeinsame Strategie. »Auch wenn es zu Beginn etwas schwierig war«, resümierte Bryan Palmer, »die richtigen Steine und Größen zu finden. Ich habe bereits Anfragen zu Kletterobelisken und -wänden aus Steinen. Ein interessanter Wirtschaftszweig.« »Das gilt auch für meinen Betrieb. Ich habe einen meiner Mitarbeiter auf einen Fortbildungskurs für Spiel- und Sportgeräte geschickt. Jetzt weiß ich auch, welche Vorschriften zu beachten sind«, berichtete Mary aus ihrer Werkstatt. »Also hat sich dieses Projekt für uns alle ausgezahlt?«, fragte Carsten in die gesellige Runde. »Allemal, Carsten. Ich kann dir auch sagen, dass der Spielplatz eurer Bekannten bereits fertiggestellt wurde. Rachid und Bryan haben wohl den Behörden mal kräftig auf deren Füße getreten.« »So soll es auch sein. Sichere Orte zum Spielen und eigene Erfahrungen sammeln«, meinte Andreas zuversichtlich. »Eric ist ja jetzt seit zwei Wochen bei uns im Betrieb«, meinte Victor, »Als der Sand geliefert wurde, hat er sich freiwillig daran beteiligt, diesen zu verteilen. Er wäre als Gärtner eine Bereicherung für unsere Zunft.« »Victor, er wäre in allen unseren Berufen eine Bereicherung. Für das Handwerkliche hat er ein Feeling, doch seine Gabe und sein Talent liegen in der Kunst. Meinen Bronzeguss hat er richtig in Szene gesetzt. Ich nehme an, Bryan hat ähnliche Erfahrung mit ihm gemacht?« »Ich kann Mary nur bestätigen. Euren neuen Torsiegeln hat er den richtigen dreidimensionalen Effekt verliehen. Selbst die Farben passen zu den Pfosten, so als ob es schon immer so gewesen ist.« Victor Hill nickte verstehend: »Jedenfalls hat er eine schnelle Auffassungsgabe und vielleicht vereint er ja unsere drei Berufungen in der Kunst. Wir sollten los, die offizielle Übergabe ist in zwei Stunden. Bitte nehmt euch der Fragen, besonders der Kinder und Jugendliche, an. Erklärt ihnen ruhig, warum ihr diese oder jenes gemacht habt«, trieb er mahnend die Unternehmer an.

Am besagten Ort war bereits viel los. Vor der Kletterwand hatte sich eine kleine Schlange gebildet und welch Wunder, Teenager halfen den kleineren Kindern beim Klettern. Auf dem Musikinstrument sprangen verschiedene Jungen und Mädchen herum und versuchten, gemeinsam eine Melodie zu spielen. Mr Gilles machte es sich einfach, auf lange Reden und großes Brimborium verzichtete er. Bei dem Tohuwabohu der Kinder und Jugendlichen wäre es einfach sinnlos gewesen. Für die Erwachsenen erläuterte er lediglich, dass sich die Gemeinde für den Platz verantwortlich fühlte. Die Eröffnung entpuppte sich als eine riesige Party und zum Lunch fuhr der Metzgermeister diverses Grillgut auf. Cedric und sein Freund Peter krabbelten im Sand und versuchten sich als Baumeister von Sandburgen.

»Andreas«, nahm sich Mr Gilles Zeit für den Landschaftsarchitekten, »der Ortsbeirat möchte gern diesen Spielplatz als Attraktion für Touristenkinder im Guide bewerben.« »Unseren Segen habt ihr, solange unser Grundstück von ungebetenen Besuchern verschont bleibt«, machte Andreas unmissverständlich klar. Damit gab sich der Ortsvorstand zufrieden.

Carsten gesellte sich zu seinem Sohn. »Abba, Dada wo?«, fragte er. »Leonardo, Salvatore und Clòimh sind zuhause bei Merlin. Sie relaxen sicher im Garten, damit sie später mit dir knuddeln können.« »Good!«, meinte er schlicht und konzentrierte sich auf das Spiel mit seinem Freund. Plötzlich begann einer der beiden zu weinen: »Abba …«, hörte Carsten zwischen dem Schluchzen. »Ich bin ja da«, wandte er sich Cedric zu. »Was ist denn passiert?« Diese Frage hätte er sich sparen können, denn aus dem, was sein Sohn von sich gab, verstand er keine Silbe. Daher nahm er Cedric auf den Arm und tröstete ihn. Langsam beruhigte er sich. »Sorry, Carsten, ich glaube, ich kenne den Grund«, meine Peters Mama. »Mein Sohn wollte sich den Sandhaufen von Cedric ansehen und hat diesen mit einer ungeschickten Bewegung zerstört.« »Nun, für uns großen Kinder wohl keine Tragödie, aber für die kleinen Herren ein Drama.« Dann wandte er sich Cedric zu: »Deswegen bist du traurig? Weil Peter deine Burg kaputt gemacht hat?«, wagte er einen Versuch. »Ja!«, schniefte sein Sohn. »Sollen wir sie wieder aufbauen?«, bot er seine Hilfe an. »Abba, Kakao?«, fragte er. »Ich denke, es gibt hier auch einen Kakao für dich. Glaubst du, Peter mag auch einen Kakao? Ich denke nicht, dass er dir wehtun wollte.« Peters Mutter sah, wie Cedric eine Schnute zog. Er kam zu einem Entschluss: »Ja …«, dann babbelte er wieder munter darauf los und es schien so, als ob er mit seinem Freund eine Diskussion führte. Die beiden Elternteile gingen mit ihren Kindern zu einem der Pavillons. »Zwei mal Kakao und - möchtest Du auch einen Tee?« »Gerne.« »Zwei Tee«, bestellte Carsten. »Carsten, sollen wir uns nicht setzten?«, fragte Peters Mutter. Kurzerhand nahm sie ihm die Entscheidung ab. Wenig später wurden die Getränke serviert. Während Peter seinen Kakao in der Flasche bekam, stand vor Cedric eine Kindertasse. Die Mutter sah, mit welcher Geschicklichkeit Cedric die Tasse nahm und daraus trank. Diese Leistung machte sie ein wenig neidisch. »Das war eben eine reife Leistung. Als Friedensstifter hättest du gute Chancen. Unsere Söhne sind wieder beste Freunde.« »Sollte es nicht auch so sein?«, fragte Carsten rhetorisch. »Nachher spielen sie wieder miteinander und gut ist.«

»Ach, hier seid ihr«, sprach Andreas die Runde an. Dann holte er sich ein Erfrischungsgetränk und setzte sich dazu. »Der Spielplatz scheint bei allen anzukommen«, meinte Andreas beiläufig und grinste, als Cedric wieder etwas Kakao auf dem Tisch verschmierte. »Du hast auch an alles gedacht, was ein kleines Herz erfreuen kann. Was ich so gehört habe, sind alle davon begeistert.« »Ist auch kein Wunder«, mischte sich Peters Mutter ein, »dieser Platz hebt sich meilenweit vom alten Spielplatz ab. Nicht nur die Spielgeräte, sondern das ganze Drumherum lädt zum Verweilen ein.« »Gut, dass es diesen alten Weg gibt, so können die Kids gefahrlos zum Spielplatz gelangen.« »Och, der Weg gehört zum Wanderweg über Ihr Anwesen. Meine Uroma erzählte, dass Lord Rutherford diesen immer nutze, wenn er mit dem Pferd unterwegs war.« »Nun, geritten wird dort nicht mehr und für uns ein Glücksfall«, meinte Carsten. Dann entschieden die beiden Jüngsten, dass ihre Pause vorbei sei. Wenig später sah man drei Erwachsene und zwei Kinder Sandburgen bauen.

Edward scheuchte die letzten Kinder am Abend mit freundlichen Worten nach Hause: »Morgen ist auch noch ein Tag, der Spielplatz bleibt euch erhalten.« Murrend, aber zufrieden machten sich die letzten Besucher auf. Edward sah sich noch kurz um und beschloss, am nächsten Morgen etwas aufzuräumen.

»Also das war ein gelungener Tag für die Kids. Glaubst du, es bleibt auch weiter so?«, fragte Carsten. »Ja!«, beantwortet Edward die Frage. »Alle Einrichtungen zur Verkehrsüberwachung, die Beleuchtung und weitere Innovationen sorgen dafür. Morgen früh werde ich dort noch etwas aufräumen und die Abfallkörbe leeren. Das übernimmt anschließend die Gemeinde.«

»Wie sieht es an der Lodge aus?«, fragte Andreas zu einem weiteren Projekt. »Die neuen Räume im Erdgeschoss sind im Rohbau fertig. Da waren die Bauarbeiter in den letzen Wochen sehr schnell. Im Obergeschoss beginnen die Bauarbeiten in den kommenden Tagen. Zuletzt ist dann das Dachgeschoss dran. Die neuen Hausanschlüsse wurden ebenfalls bereits fertiggestellt und an das Manor angeschlossen. Für die Fassade hat Mr Palmer die Stuckarbeiten und Simse geliefert. Zeitlich liegen wir im Plan. Bis Ende Juni sind die groben Arbeiten abgeschlossen. Dann beginnt die Rekonstruktion der Fassade, inklusive der Garage. Die Inneninstallationen sollten dann auch bald abgeschlossen sein. Ich habe euren Innenarchitekten konsultiert und er hat mir eine sehr gute Einrichtung zusammengestellt. Es wird also kein Standard werden. Meine Familie hat mir da finanzielle Unterstützung zugesagt. Die Möbel werden überwiegend regional hergestellt.« »Sag uns, wenn du Hilfe benötigst. Uns liegt daran, dass Du dich wohl fühlst«, bot ihm Carsten an. »Ich habe da schon ein Anliegen. Ich würde gern im hinteren Garten einige Beete mit Gemüse und Kräutern anlegen.« »Darum kümmern wir uns dann, wenn die Lodge fertiggestellt wurde. Du kannst dich ruhig bei uns bedienen. Cedric und ich werden deine Wünsche im Herbst erfüllen können. Den Vorgarten habe ich als typischen viktorianischen Bauerngarten gestaltet. Es passt einfach zum Erscheinungsbild.«

»Ich verlasse mich da ganz auf meinen persönlichen Landschaftsgärtner«, bemerkte Edward schmunzelnd. »Stopp!«, rief Carsten, »Andreas ist mein persönlicher Gärtner!« »Bist du etwa eifersüchtig?«, spielte Andreas auf die Aussage an. »Ehm …« »Ist ja süß …«, flirtete Andreas weiter. »Aber keine Bange. Mir ist als Mitbesitzer des Anwesens daran gelegen, das Erscheinungsbild zu bewahren. Dazu gehört auch der Eingangsbereich.«


Die Gerichtsverhandlung war mehr als eine Formalität. Alle beteiligten Zeugen wurden geladen. Zunächst wurde der Anschlag auf das Auto verhandelt. Lady Dorrian, die Vorsitzende Richterin und ihre beisitzenden Richter ließen keinen Zweifel aufkommen. Die Berichte der Polizei, der Feuerwehr und des Notarztes wurden durch die Aussagen bestätigt. Selbst eine Rekonstruktion des Unfalls belegte letztendlich den Verlauf. Rachid hatte daraufhin die Gegend absuchen und Beweismittel zur Täterschaft sicherstellen lassen. Die gefundenen Patronenhülsen konnten eindeutig Mr Cooper zugeordnet werden. Der Verteidiger zog alle Register, doch es brachte nichts. Die Jury befand den Bruder von Mr Johnson eines Mordanschlages für schuldig.

Etwas komplizierter war der Überfall auf Carsten. Der Anwalt des Angeklagten versuchte nachzuweisen, dass Carsten die Hunde auf ihn gehetzt habe. Es sah so aus, als würde er damit durchkommen. Die Wende brachte ein Gesprächsmitschnitt. Lewis, Rachids Sohn, hatte geistesgegenwärtig sein Mobilphon als Aufnahmegerät benutzt. Als es abgespielt wurde, sahen die Richter, wie der Verteidiger rot anlief. Mit keiner Silbe war von einem Angriffskommando zu hören. Seine Zeugenaussage wirkte schwerwiegend auf die Gegendarstellung des Täters. Der beisitzende Richter des House of Justice stellte dem Angeklagten noch einige Fragen. Selbst die Jury hörte in dessen Antworten einige Widersprüche heraus. Dennoch, die Geschworenen beratschlagten sich lange, um zu einem einstimmigen Ergebnis zu gelangen. Nachdem auch in diesem Punkt der Angeklagte für schuldig befunden wurde, vertagte die Richterin die Verhandlung zur Urteilsverkündung auf den folgenden Tag. Andreas fragte den Staatsanwalt, ob es ein übliches Vorgehen sei. »Nein, normalerweise wird das Strafmaß direkt nach dem Schuldspruch verkündet. Ich kann nur vermuten, dass sich das Tribunal beratschlagen wird. Mit seinem Vorstrafenregister wird es nicht einfach werden, die richtige Strafe zu finden. Es gilt dabei, auch historische Urteile zu berücksichtigen, damit es zu keinem Verfahrensfehler kommt. In Wales musste ein Täter freigesprochen werden, weil das Gericht ein Urteil aus dem Jahr 1812 nicht ausreichend würdigte«, erklärte der Jurist. »Ich kenne die drei Richter. Die beisitzenden Richter sind nicht einfach so ausgewählt worden. Beide sind von Berufungsgerichten. Es sind Vertreter des Crown Court und des Supreme Court of the United Kingdom. Der Richter vom Appellationsgericht hat unter anderem das historische Recht studiert. Fahren Sie nach Hause, wir treffen uns morgen.«

Am folgenden Vormittag erhoben sich alle Anwesenden, als die Richter den Saal betraten. Zuletzt erschien die Vorsitzende Richterin, Lady Dorrian. Nachdem sie sich etwas umständlich auf ihren Stuhl gesetzt hatte, eröffnete sie die Verhandlung zur Urteilsverkündung: »Angeklagter, erheben Sie sich. Nach ausgiebiger Beratung des Tribunals verkünde ich das Strafmaß. Der Angeklagte ist in beiden Fällen von der Jury schuldig gesprochen worden. Unter Berücksichtigung der vorhergehende Urteile in Schottland und dem Vereinigten Königreich. Der Tatsache, dass Mr Cooper sich auch in der Vergangenheit nicht durch Verurteilungen belehren ließ, verurteilt dieses Tribunal den Angeklagten zu einer lebenslangen Haft.« Erstes Raunen wurde vernehmbar. Daher sorgte die Richterin für Ruhe im Verhandlungssaal, indem sie mehrmals mit ihrem Holzhammer auf eine Unterlage klopfte. »Die Strafe wird nicht zur Bewährung ausgesetzt und ist in voller Gänze bis zu seinem natürlichen Tod abzusitzen. Des Weiteren wird er zu Schadensersatz verurteilt. Sein gesamtes Vermögen wird eingezogen.« Andreas sah, wie Mr Cooper bleich wurde. So langsam schien er zu begreifen, dass sein Leben verwirkt war. »Wegen der Schwere seiner Taten ist eine Revision ausgeschlossen und das Urteil endgültig. Eine Begnadigung durch Ihre Majestät ist nicht möglich. Dazu beruft sich das Tribunal auf ein Urteil aus dem Jahre 1776, wo eine Begnadigung durch das Königshaus eines zum Tode verurteilten Täters ausgeschlossen wird«, beendete die Vorsitzende den Urteilsspruch und das Verfahren mit einer Begründung. Danach erhoben sich alle Anwesenden wieder, damit die Richter den Saal verlassen konnten. Andreas’ und Carstens Familie nahmen das Urteil ohne weitere Gefühlsregung zur Kenntnis. Vor dem Gerichtsgebäude sammelten sie sich noch einmal: »Was habt ihr jetzt vor?«, fragte Andreas Luise und Paul. »Wir sehen uns hier in Edinburgh noch etwas um und dann fliegen wir heute Nachmittag zurück. Paul wird in der Praxis gebraucht. Grüßt mir unseren Enkel, wo ist er eigentlich?« »Mrs Sánchez und Edward sind bei ihm. Es wäre für ihn einfach nur langweilig geworden. Mit den beiden und den Hunden wird er genug beschäftigt sein. Macht euch noch ein paar gemütliche Stunden, wir möchten nun auch langsam nach Hause.« Carsten nickte zustimmend. Eine herzliche Umarmung und ihre Wege trennten sich.

»Wirklich, Tiger, das waren zwei anstrengende Tage«, meinte Andreas nach einer Weile im Auto. »Ja. Das Kapitel können wir hoffentlich schließen. Da ich diese Woche Urlaub habe, möchte ich die Zeit mit meiner Familie verbringen. Ab kommende Woche beginnen für mich die Prüfungsvorbereitungen des Trimesters. Der Prinzipal möchte zwei Prüfungsvorschläge der Musikhistorie haben.« »Ist ein wenig ungewöhnlich für eine Uni. Zumal ich mir nicht vorstellen kann, warum ein talentierter Musiker seine Berufung nicht ausüben darf, wenn er die Prüfung verhaut.« »Darum geht es eigentlich auch nicht. Sondern um deren Karriere. Wenn jemand sich damit zufriedengibt, bis zur Rente nur im Orchester zu spielen, gebe ich dir recht. Jedoch sieht es etwas anders aus, wenn der Musiker später mehr aus seinem Leben machen will. So wie ich zum Beispiel. Ein Dirigent sollte durchaus Kenntnisse in der Geschichte haben. Oder wenn sich meine Studenten um ein Lehramt bewerben. Da sind gute Ergebnisse durchaus von Vorteil.« Andreas dachte über das Gehörte nach. Was Carsten da von sich gab, hatte durchaus Hand und Fuß. Analog hatte er ja selbst etwas aus seinem Handwerk gemacht. Das bestandene Examen hatte sich bereits bei manchen Projekten bezahlt gemacht. Gerade sein Fachwissen über Public Gardens der verschiedenen Epochen hatte ihm so manchen guten Auftrag eingebracht. »Hast du mal darüber nachgedacht, Gastvorträge in deinem Bereich zu halten?«, unterbrach Carsten seine Gedanken. »Ja. Mehr noch: Was würdest du davon halten, wenn ich noch einige Kurse an einer Universität belege und mich an einem College bewerbe?«, überraschte Andreas seinen Tiger. »Ich befürworte deine Idee. Was wären denn das für Kurse?«, unterstütze Carsten ihn. »Pädagogik. Neben Fachwissen sollte ich auch genug über diverse Lehrmethoden Bescheid wissen«, beantworte Andreas die Frage. »Ist ein wirklich guter Plan. Auf unsere Unterstützung kannst du bauen.« »Unsere?«, fragte Andreas nach. »Klar, meine und Cedrics. Glaubst du denn, unser Sohn würde dir eine solche Chance nicht gönnen?« »Ihr seid lieb«, bedankte sich sein Chauffeur.

Den restlichen Tag beschäftigten sich beide Väter abwechseln mit ihrem Sohn. Zwischendurch durften sie auch in ihren Berufen arbeiten. Während Carsten schon mal einige Ideen zu den Prüfungen sammelte, las sich Andreas aufmerksam die Ausschreibung der Universität Oxford durch. Für die Gartenanlage stand ihm ein Fünftel des Budgets zur Verfügung. Damit musste er auf der einen Seite den Botanischen Garten erhalten, auf der anderen Seite die ganze Anlage ins 3. Jahrtausend überführen. Keine leichte Aufgabe und er hatte absolut keine Idee, wie er das bewerkstelligen sollte. Beherzt griff er zum Telefon und wählte die Nummer seiner Assistentin in London: »Hallo Layla. Ich habe gerade die Ausschreibung Oxford vor mir. Weißt du, ob Luthais Photos von der Gartenanlage gemacht hat?« »Hi Andreas. Ja, er hat einige Bilder vom betroffenen Abschnitt gemacht. Ich habe sie bereits auf unseren Server hochgeladen. Du kannst sie dort abrufen. Dazu habe ich eine Recherche zur Geschichte des Gartens gemacht«, beantwortet sie die Frage. Andreas lud sich die Bilder auf seinen Monitor. »Hm«, meinte er schlicht. »Chef?« »Sorry, Layla, ich meine die Bildausschnitte. Deinen Bericht lese ich später. Hat Luthais keine Luftaufnahmen gemacht?« »Nein, die Drohne hat nicht funktioniert. Deswegen will er kommende Woche noch einmal hin. Brauchst du sie dringend?«, fragte sie nach. »Nein, kommende Woche reicht mir. Hat Arthur gesagt, wann er die Bewerbung einreichen will?« »Nicht exakt. Er sprach davon, für das Projekt ca. acht bis zehn Wochen zu benötigen. Ist das wichtig?« »Für mich schon, da ich keinerlei Idee habe, wie ich diese Aufgabe angehen soll.« »Lass dich doch von Cedric Inspirieren. Dein Sohn hat bestimmt eine passende Idee.« Andreas hörte ihr Grinsen durchs Telefon. »Das ist ein guter Vorschlag«, ging er darauf ein, »mal sehen was er dazu meint.« »Chef, das war ein Scherz«, klang Layla erschrocken. »Ob Scherz oder nicht. Ich lasse mich gern von ungewöhnlichen Situationen inspirieren. Cedric wird sicher keine ausgefeilte Idee haben, meist ist es eine zufällige Begebenheit, die mich auf einen Ansatz bringt. Danke für den Tipp. Machst du heute noch lange?« »Arthur und Luthais sind heute länger unterwegs, ich darf zeitig Feierabend machen, da keine weiteren Termine anstehen.« »Dann genieße den Tag«, wünschte Andreas, »danke, Layla. Bye.«

Nachdem das Telefonat beendet war, bemühte Andreas seinen Drucker, um einige Photos auszudrucken. Währenddessen suchte er in einer Datenbank eine geologische Karte vom besagten Bereich in Oxford. »Schatz, brauchst du noch lange?«, fragte Carsten beim Betreten des Arbeitszimmers. »Nein. Warum?« »Cedric ist eben aufgewacht und möchte seinen Kakao haben. Da wäre es doch praktisch, gemeinsam eine Pause einzulegen.« »Mach uns schon mal einen Kaffee. Ich komme sofort. Ich denke, Cedric mag auch ein paar Kekse dazu«, meinte Andreas.

In der Küche machten sich Cedric und Carsten ans Werk. Also Carsten machte die Arbeit und sein Sohn sah ihm dabei zu. Seinem kleinen Holzhund erklärte er, was sein Papa da tat. Etwas später kam Andreas dazu und deckte den Tisch. Auf einen Teller legte er einige Kekse. Cedric konnte es kaum erwarten und griff sich einen davon. »So hungrig?«, lächelte Andreas ihn an. »Dann krümele mal vor dich hin.« Wenig später saßen die drei gemütlich am Küchentisch. Für Carsten und sich hatte Andreas noch ein Sandwich gemacht. »Du warst eben so beschäftigt. Probleme?«, fragte Carsten interessiert. »Die Ausschreibung in Oxford. Ein sehr schöner alter botanischer Garten. Da brauche ich nicht viel zu machen, doch das Geländer drumherum hat es nötig. Dieser ist wohl Ende der 1960er angelegt worden, weniger künstlerisch als mehr praktischer Natur. Die Wege sind teilweise mit Betonplatten ausgestattet, angelegte Begrenzungen der Rabatte und Hecken nicht wirklich gepflegt. Strenge Linienführung, die mit der Zeit ignoriert wurden: Trampelpfade zieren die jetzige Optik. Und ich habe keine Idee, wie ich da vorgehen soll.« Carsten verstand, was sein Mann meinte. Auf der einen Seite ein natürlich gewachsener Lehrgarten. Dem Stand der Zeit entsprechend geometrische Landschaftsarchitektur auf der anderen Seite. »Der Campus an sich, wie ist der architektonisch geprägt?«, fragte Carsten nach. »Nun, aus dem Studium weiß ich noch, dass in der Architektur der Brutalismus seinerzeit prägend war. Funktion und Konstruktion wurden sichtbar dargestellt. Ist das wichtig?« »Es wäre zumindest ein Anhaltspunkt. Falls Teile des Campus schon unter Denkmalschutz stehen.«

Andreas sah zu ihrem Sohn. Dieser war damit beschäftigt, zu beobachten, wie Kekskrümel in Kakaopfützen matschig wurden. Mit seinen kleinen Fingern untersuchte er das Phänomen, indem er auf die Krümmel drückte.

»Ich denke nicht, dass der betreffende Park unter Denkmalschutz steht. Aber das werde ich in der kommenden Woche erfahren. Arthur möchte seine Strategie besprechen«, informierte Andreas Carsten. »Dann sind wir beide in London. Was ist mit Cedric?« »Den nehmen wir mit. Ich denke, zwei Tage in London sind ausreichend, um die Details zu besprechen«, entschied Andreas kurzerhand. Carsten stimmte ihm kopfnickend zu.

Eine Woche später saß Andreas im Studio des Architekten. Es war ihm eine neue Erfahrung, wie Arthur und Luthais ein Projekt angingen. An einem Whiteboard hatte er sich einzelne Punkte notiert, welche im Team besprochen wurden. »Die Bausubstanz ist zwar alt, aber in einem guten Zustand«, war Luthais’ Beitrag zu den einzelnen Gebäuden. »Dagegen entspricht die Installation nicht mehr den heutigen Anforderungen. Für diesen Punkt der Sanierung würde ich insgesamt acht Wochen einplanen.« Andreas atmete hörbar ein. »Andreas, das ist eine erste Abschätzung«, begann er zu erklären, »in einem der Gebäude habe ich noch Bleirohre gesehen und ich vermute, bei der Entsorgung wurden Zementrohre verwendet. Da kann ich davon ausgehen, dass diese marode sind. Ähnlich sieht es bei der elektrischen Anlage aus: Schmelzsicherungen und zu geringe Leitungsquerschnitte. Da sind zwei Monate schon eng bemessen.« »Es sind insgesamt drei Gebäude, die renoviert werden sollen«, führte Arthur weiter aus, »laut den Unterlagen der Universität sollen diese auch energieeffizienter werden. In der Datenbank habe ich mir die Unterlagen des Architekten besorgt. Von außen ist da nicht viel zu machen. Die Isolierung erfolgt von innen. Mein einziger Vorteil sind die überhohen Räume, da fallen 8’’ weniger nicht auf. Zudem werden die Fenster mit Isolierglas versehen. Die Erdgeschosse werden eingeebnet, damit Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe ins Gebäude können.« »Da werden sicher Stufen entfernt. Aus meiner Sicht wäre es da von Vorteil, vor den Häusern den Erdboden aufzuschütten und entsprechend gärtnerisch zu gestalten«, fühlte sich Andreas bei diesem Punkt angesprochen. »Anstelle der alten Steinplatten würde ich auf optisch angepasste Porenbeton-Pflastersteine setzten. Diese haben den Vorteil, griffig zu sein und Wasser kann schnell versickern.« Arthur stand auf und notierte diesen Vorschlag auf dem Board. »Die Universität hat ein eigenes Blockheizkraftwerk. Daran werden die drei Gebäude angeschlossen. Dazu werden quer durch den neuen Park entsprechende Rohre verlegt. Andreas, plane das in deinem Entwurf mit ein. Die Gebäude selbst stehen nicht unter Denkmalschutz, daher wird auf sämtlichen Dächern Photovoltaik installiert. So ist mein Renovierungsvorschlag«, beendete Arthur seinen Teil.

»Also was den neuen Park betrifft, so gestalte ich diesen um. Der Weg zum Botanischen Garten wird so angelegt, dass der Übergang von neu zu alt kaum auffallen wird. Die streng geometrischen Linien löse ich zugunsten der Trampelpfade auf. Diese werden entsprechend gepflastert und den Vorschriften angepasst. Neben natürlichen Anlagen denke ich unter anderem an ein modernes Wasserspiel, Skulpturen oder kinetische Kunstobjekte. An den Hauptwegen sehe ich Alleebäume vor.« »Ist das nicht ein wenig viel?«, fragte Luthais nach. »Es hört sich nach viel an, doch verläuft es sich. Das Gelände ist gar nicht mal so klein. Obendrein ist laut Ausschreibung der Park zur Erholung gedacht. Die Bäume sind als Schattenspender und zur Steuerung der Winde gedacht. Laut der geologischen Karten und dem Bebauungsplan der Stadt liegen Park und Campus direkt an der Frischluftschneise zum Stadtzentrum. Ich passe lediglich die Bepflanzung dieser Vorgabe an.« Auf einem Stadtplan deutete er auf entsprechende Punkte. Arthur erkannte die Vorteile von Andreas' Ausführungen. Der Campus teilte den Luftstrom und die Bepflanzung würde diesen nach dem Universitätsgelände wieder vereinen. Ein weiterer Pluspunkt für ihre Bewerbung. »Alle Achtung, Andreas, an so etwas denken eigentlich nur Stadtplaner. Warum du?« »Das habe ich meinem Ausbilder zu verdanken. Er erklärte mir bei der Gartenarbeit den Sinn mancher Parkanlagen. Beim Studium alter Parkanlagen habe ich immer auch auf solche ›Nebensächlichkeiten‹ geachtet. Es macht sich bezahlt.« Bewundernd zog Luthais seine Augenbrauen hoch. Mit Andreas hatten sie nicht nur einen guten Landschaftsarchitekten im Team, sondern jemanden, der auch sein Handwerk verstand.

»Gut, von meiner Seite aus war es das. Machen wir uns ans Werk und arbeiten die Details aus. Luthais, ich benötige wegen der neuen Informationen die Berechnungen der Windlasten an den Häusern, vor allem an den Dächern. Lege einen Wind der Stärke 9 Bft den Berechnungen zugrunde. Möglicherweise müssen wir da noch nachbessern.« Arthur notierte auf dem Board diese Vorgabe für seinen Partner. »Das Bewerbungsende ist in sieben Wochen. Bis dahin brauchen wir neben den Plänen auch ein Ausstellungsmodell.« Andreas wandte sich an den Statiker: »Luthais, hast du die Luftbilder von dem Park?« »Layla wird sie heute noch hochladen. Daneben gibt es auch ein Video des Geländes. Die Universität hat ihre Zustimmung zur Verwendung gegeben.« »Gut, mit allem Drum und Dran benötige ich für zwei Entwürfe ca. drei bis vier Wochen. Dann können wir entscheiden, welcher am besten zu dem Projekt passt«, unterbreitete Andreas seinen Vorschlag. Arthur als Projektleiter stimmte dem zu. Aus Erfahrung wusste er, dass sich ein solcher Entwurf nicht aus den Ärmel schütteln lässt, selbst wenn Andreas schon eine Vorstellung dazu hatte.

Carsten und Cedric hatten den Vormittag am College verbracht. Der Dozent hatte lediglich seine Sprechstunde. Ansonsten keine weitern Termine. Sein Sohn beschäftigte sich mit seinem Spielzeug und den beiden Hunden. Dabei nutzte er seinen Bewegungsdrang vollkommen aus. Sein Papa hörte ihn mal hier und mal da in seinem Büro.

»Abba?«, fragte eine zarte Stimme. »Ja, was hast du auf dem Herzen?« »Abba Kakao?« »Na klar. Dein Papa hat noch warmen Kakao für dich.« Wenig später setzte Carsten seinen Sohn auf einen Stuhl an seinem Tisch und stellte vor ihm seine Kindertasse mit Kakao ab. »Ich bitte dich, heute mal auf dein Experiment zu verzichten.«, setzte er hinzu. Wohl wissend, dass es eine 50%-Chance gab, dass Cedric wirklich keinen Kakao auf seinem Tisch kippte. Geräuschvoll schlürfte sein Sohn sein Getränk. Was sein Papa nicht sah: Cedric beobachtete ihn. An seinem Laptop schrieb Carsten an den Prüfungsaufgaben. Das langweilte den kleinen Jungen. »Abba bum bum?« »Nein, Cedric. Ich schreibe für meine Studenten Prüfungsaufgaben. Willst du denn, dass ich Klavier spiele?« »Ja!« Carsten fand die Idee ganz gut. Daher setzte er sich an sein altes E-Piano und stimmte ein Kinderlied an. Überrascht war er, als sein Sohn versuchte, die Töne nachzumachen. Zwar traf er die Töne nicht genau, doch er hörte den Spaß, den Cedric dabei hatte.

Ihr Spiel wurde durch ein Klopfen unterbrochen. »Herein«, forderte Carsten auf. »Mr von Feldbach, Mr Zahradník bat mich, Sie abzuholen«, teilte der Chauffeur des Hotels mit. »Ist gut, wir kommen. Calvin, könnten sie Cedrics Tasche nehmen?«

Andreas wartete in der Lobby auf seine Bande. Salvatore entdeckte ihn zuerst und lenkte Leonardos Aufmerksamkeit auf ihn. Carsten wunderte sich über eine kleine Richtungsänderung, doch vertraute er seinem Hund. »Abba!«, wurde Cedric im Tuch hibbelig, »Baba da!« Damit hatte Carsten auch den Grund zu dem Verhalten. »Hallo ihr beiden, hattet ihr einen interessanten Vormittag?«, begrüßte er seine Familie. »Ich eher einen ruhigen, Cedric hatte seinen Spaß. Warum sind wir hier?« »Ich lade euch zum Lunch ein und danach gehen wir shoppen. Für die Hunde habe ich den Petservice engagiert. Einverstanden?« »Ja, unsere Vierbeiner benötigen eine Pause vom Betütteln. Cedric war heute sehr aktiv.«

Andreas hatte ein kinderfreundliches Restaurant auserkoren. Dort stillten sie ihren Hunger und nach dem Dessert zogen sie los. Andreas hatte seinen Sohn im Tragetuch, wo dieser erst eine kleine Siesta hielt.

»Wohin gehen wir?«, fragte Carsten neugierig. »Ich hatte als erstes an eine Kinderboutique gedacht. Unser Sohn hatte einen Wachstumsschub und einige seiner Strampler sind ihm bereits zu klein.« »Ist mir noch nicht aufgefallen. Sollen wir auch schon an seine Sommergarderobe denken?« »Eventuell. Für die heißen Sommermonate sollte er schon leichte Sachen haben. Mal abwarten, was die Boutique für ihn so vorhält.«

Es dauerte wirklich nicht lange und die Papas hatten eine kleine Auswahl an Strampelanzüge für ihn ausgesucht. Während Carsten eher auf das Praktische achtete, war Andreas für das Design zuständig. Selbst für einen längeren Aufenthalt in Italien hatten sie etwas für ihn besorgt. Danach waren die Erwachsenen dran. Das durfte aber nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, da der Junge etwas quengelig wurde. Zur Belohnung ging es in ein Spielzeuggeschäft. Dort suchten sie gemeinsam diverses Spielzeug aus. Cedric durfte sogar etwas spielen. Andreas stellte wieder einmal fest, mit welcher Lautstärke der kleine Mann seine Freude ausdrücken konnte. Dem Personal machte es scheinbar nichts aus. Jedenfalls suchten Carsten und Andreas einiges aus, was bei ihrem Sohn vor allem die Neugier wecken würde. Während Andreas an der Kasse den Einkauf bezahlte, beschäftigte Carsten seinen Sohn. Es war nicht einfach, ihn von den Spielsachen zu trennen. Beim Verlassen des Geschäfts protestierte Cedric und wollte partout wieder zurück. Er schrie, weinte wütend seinen Abba an. Wie Carsten da noch gelassen blieb, war sein Geheimnis. Ungeachtet seines Sohnes, unterbreitete er Andreas den Vorschlag, eine kleine Pause einzulegen: »Gibt es hier nicht irgendwo ein Café? Ich würde gern meine Männer auf einen Kaffee und Kakao einladen …«

Cedric verstummte, als er das Zauberwort ›Kakao‹ hörte. »Abba Kakao?«, fragte er auch sofort nach. »Ja, du musst doch neue Energie tanken«, antwortete er freundlich. Andreas schüttelte mit dem Kopf, wie Carsten es immer wieder schaffte, Cedric zu beruhigen und abzulenken.

Nach einem Aufenthalt in einem gemütlichen Tearoom schlenderte die drei an der Themse entlang. Cedric sah sich aufmerksam um und entdeckte viele unbekannte Dinge. Seine Aufmerksamkeit wurden auf ein großes Schiff gelenkt. »Carsten, bleib doch mal stehen und drehe dich zum Wasser. Cedric scheint sich für ein Ausflugsschiff zu interessieren«, bat Andreas.

Eine ganze Weile blieben sie am Ufer stehen und der Junge im Tuch babbelte vor sich hin. Andreas hörte viele Fragen daraus und versuchte sie entsprechend zu beantworten. Selbst Carsten hörte ihm aufmerksam zu. So detailgetreu hatte er eine Beschreibung noch nicht gehört. Ob das alles auch Cedric verstand, wusste er nicht. »… So, wir können weiter«, beendete Andreas seinen Vortrag. »Unser Sohn wirkt schläfrig.« Carsten wandte sich um und hielt sich an Andreas. »Das war gerade eine wirklich gute Beschreibung. Selbst ich habe gerade noch einiges Neues hinzugelernt. Woher kennst du dich damit aus?« »Während meiner Ausbildung bei der Royal Horticultural Society saßen mein Ausbilder und ich während der Pausen oft am Ufer der Themse. Er hat mir einiges zu den Schiffen erklärt, weil er selbst als junger Mann auf einem Ausflugsschiff gearbeitet hatte. Wie ich damals heraushörte, war es ein Knochenjob. Nichts von der Romantik der Seefahrer.« »Warum hat er aufgehört?«, interessierte sich Carsten für diese Episode. »Er hatte genug Geld und wollte einfach ein ruhigeres Leben. Er war ein Hobbygärtner und hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Auch wenn Schiffe technische Innovationen sind, so profitierte er von seiner Erfahrung in der Gartengestaltung. Gerade bei kleinen Anlagen, wo Platzmangel obligatorisch ist.« »Ich lerne immer wieder, dass in der Gartenkultur viele Aspekte aus anderen Berufen berücksichtig werden. Wer denkt schon bei Platzmangel an Schiffe?«, bestätigte Carsten. »Ich weiß zwar nicht, wie andere Landschaftsarchitekten arbeiten, doch meine Philosophie ist, immer auch Analogien aus anderen Bereichen hinzuzuziehen. Zio Jihan hat mir viel über Perspektiven bei Kunstobjekten beigebracht. Ich habe von Nonno die Dekoration von Pizzabelägen und Speisen gelernt. DeÌŒda erklärte mir viel über Dächer. Von meinen Eltern habe ich viel über die Beziehung zwischen den Pflanzen gelernt. Ich glaube, bei meiner Berufswahl vereine ich mehr Sparten aus anderen Bereichen als sonst in einem Beruf.« »Anthropologie? Tiermedizin?« »Luise zeigte mir an vielen Beispielen, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, wenn deren Umwelt harmonisch wirkt. Veterinärmedizin nicht direkt, doch Paul erklärte mir viel über artgerechte Gestaltung, damit sich Tiere wohl fühlen. Selbst aus deinem Bereich lerne ich noch immer dazu und verwende es. Ein Beispiel? Für einen Park in Northumberland hatte ich eine Skulptur vorgesehen. Meine Wahl fiel auf eine Adaption des Angle of the North. Der Künstler hatte die Flügel der metallnen Skulptur aus Röhren gestaltet. Je nachdem, wie der Wind einfiel, entstanden Töne. Gemeinsam hatten wir die Position verändert, bis ein harmonisches Klangbild entstand. Jetzt ist der Park ein Touristenmagnet, weil jeder diesen ›singenden‹ Engel sehen möchte.« »Du bist halt ein außergewöhnlicher Künstler in der Landschaftsgestaltung«, machte ihm Carsten ein Kompliment. Dafür erntete er einen Kuss.

Wenig später gingen sie weiter. »Sag mal, hast du Edward vorgeschlagen, Wildtierkameras aufzustellen? Er zeigte mir vergangene Woche einige Photos von Luchsen, Eulen, Wildkatzen und weiteren nachtaktiven Tieren«, erinnerte sich Andreas. »Ich hatte es vorgeschlagen, als Cedric krank war und Clòimh bei uns einzog. Ich dachte mir, dass es von Vorteil sein dürfte, wenn wir über die Aktivitäten der Nacht Bescheid wissen. Gerade wenn wir das mit den Bibern umsetzen. Obendrein ist so Edward vorgewarnt, wenn er mit seinem Hund über das Gelände streift«, beantwortete Carsten die Frage ausführlich. »Die Idee ist genial. Kann ich über diese Kameras verfügen?« »Klar doch. Es gibt sicher Bereiche, die für dich interessant sind, wo Edward nicht daran denkt.«

Cedric schien ausgeruht zu haben und machte sich bemerkbar. »Benötigen wir noch lange bis zum Hotel?«, fragte Carsten. »Zwei Straßen noch. Ich habe heute Mittag dem Concierge bereits Anweisung für unsere Rückkehr gegeben. Die Küche hält bereits eine kleine Mahlzeit für Cedric vor.«

Auf ihrem Zimmer warteten bereits zwei Vierbeiner sehnsüchtig auf einen kleinen Jungen. Cedric begrüßte seine Freunde mit einem einfachen ›Dada!‹, dann wurde ausgiebig geknuddelt. Währenddessen verließ der Petservice die Suite. Andreas holte aus der Bar zwei Fruchtsäfte. Dann griff er zum Telefon und fragte nach der vorbereiteten Mahlzeit. »Mr Zahradník, Charles hat für Sie ein Arrangement in unserem Tearoom vorbereitet«, informierte der Concierge. »Ist gut, wir kommen in wenigen Minuten.« »Ist was passiert?«, fragte Carsten nach. »Nein, Charles hat wohl etwas missverstanden und uns im Tearoom einen Tisch vorbereiten lassen.« »Gut, ich ziehe unseren Sohn mal seine Außenbekleidung aus. Wir nehmen die Hunde mit«, war Carsten mit der Änderung einverstanden.

Im besagten Bereich des Hotels führte sie ein Kellner zu deren Plätze. Charles hatte anscheinend genaue Anweisungen gegeben und anstelle des üblichen Tees Kaffee und Kakao vorbereitet. Dazu gab es für Cedric einige Kekse und eine Schüssel mit Wasser stand für die Hunde bereit.

Andreas schob Cedric seine Tasse mit Kakao zu. Der Junge wusste die Kindertasse zu handhaben. Dann trank er etwas. »Baba Kek?«, fragte er wenig später. Carsten reichte ihm einen Keks und sein Sohn kümmelte vor sich hin.

Andreas sah zwei junge Frauen den Tearoom betreten. Er schenkte ihnen weiter keine Beachtung, weil sein Sohn nach mehr Kakao verlangte.

»Entschuldigen Sie, sind Sie Mr von Feldbach?«, fragte eine der Frauen. »Ja, und mit wem haben wir das Vergnügen?«, beantwortete Carsten höflich. »Marian. Mein Vater ist in diesem Hotel der Oberkellner.« »Dürfen wir Sie zu einem Tee einladen?«, lud Carsten ein. »Darf ich Ihnen Andreas, meinen Partner und Cedric, unser Sohn vorstellen?« Während der kurzen Vorstellung winkte Andreas dem Kellner und orderte zwei weitere Gedecke.

Die Gäste nahmen Platz.

»Wie kommen wir zu der Ehre, Charles’ Familie kennenzulernen?«, wurde Andreas neugierig. »Meine Mutter hat das alles arrangiert, sie meinte, ich könnte heute etwas über meinen Vater erfahren. Doch ich möchte zuerst meine Begleiterin Julia vorstellen.«

Der Kellner brachte zwei weitere Gedecke und dazu kleine Sandwiches. Nicht nur Andreas hatte das Gefühl, dies alles hatte Charles vorgesehen. Die beiden Frauen entpuppten sich als angenehme Gesprächspartner. Bis dann ein Punkt erreicht war, wo aus einem Small-talk eine ernsthafte Unterhaltung wurde.

»Das Hotel ist das Stammhotel unserer Familie. Nicht nur weil der Komfort uns allen zusagt, sondern weil wir hier gern sind. Das liegt auch an Ihrem Vater«, meinte Carsten ernst. Andreas hörte ihm zu und versorgte Cedric mit einem weiteren Keks. »Ist denn mein Vater nicht aus beruflichen Gründen zuvorkommend?«, wunderte sich Marian. »Ich denke, nicht nur. Sehen Sie, wir steigen oft in Hotels ab und können aus Erfahrung sagen, dass in einigen der Service rein professionell ist. Hier sind wir jedoch gerngesehene Gäste. Was an der Atmosphäre des Personals liegt. Keiner stört sich daran, das wir ein Paar sind. Ihr Vater akzeptiere einfach, dass es auch andere Lebensmodelle gibt. Als er Cedric kennenlernte, war seine Freude ehrlich.« »Das kann ich nur bestätigen«, mischte sich Andreas in die Unterhaltung ein. »Ich konnte es in seinen Augen sehen.« »Weiter hat Charles, seit er die Stelle von seinem Vorgänger übernommen hat, viel gelernt. Gerade was der Service für mich als blinde Person betrifft. Er bedient uns oft persönlich, obwohl es eigentlich nicht seine Aufgabe als Oberkellner ist. Es liegt daran, weil er uns respektiert, wie wir sind. Ich brauche nicht mehr nachzufragen, wo ich beim Dinner die Speisen finde. Die Anordnung sagt er von sich aus. Wenn andere Gäste sich daran stören, dass uns Hunde begleiten, blockt er diese höflich, aber energisch ab. Ich gebe zu, wir wenden uns oft an ihn, wenn wir spezielle Wünsche haben. Er ermöglichte uns, einige Speisen für unseren Sohn selbst in der Küche zubereiten zu dürfen.« »Das Hotelmanagement möchte es sich nicht mit einer Berühmtheit wie Sie verscherzen«, wandte Marian berechtigt ein. »Wir mögen zwar bekannte Persönlichkeiten sein, doch gilt das nicht für unsere Familien. Unsere Großeltern sind einfache Menschen, doch werden alle hier zuvorkommend behandelt. Für ihren Vater sind wir alle Gäste und ich bekomme keine Extrabehandlung. Wenn ich nur den Verdacht habe, das ich bevorzugt werde, spreche ich das sofort an. Ich mag es schlichtweg nicht. Ich bin nicht ein besserer Mensch, nur weil ich Künstler bin. Ich steige hier regelmäßig ab und akzeptiere auch ein einfaches Zimmer. Lediglich wenn wir als Familie unterwegs sind, ordern wir eine Suite. Doch diese reservieren wir vorab, wie jeder andere Gast auch«, beendete Carsten seinen kleinen Vortrag. Andreas sah Marian nachdenken. »Papa akzeptiert Sie so, wie Sie sind?«, pickte sie sich den wesentlichen Punkt heraus. »Ja, schon vom ersten Tag an.« »Dann habe ich ihm wohl unrecht getan. Ich dachte, er würde mich ablehnen, weil ich eine Partnerin gewählt habe«, erklärte die junge Frau. »Der Beruf eines Oberkellners mag konservativ klingen, doch ihr Vater verkörpert eine sehr liberale Variante darin. Vielleicht macht das den Charme ihres Vaters aus?«, stellte Andreas seine Ansicht offen in den Raum. Cedric hatte anscheinend keinen weiteren Appetit mehr. »Abba? Dada spielen?«, fragte er. »Natürlich, Leonardo und Salvatore warten bereits. Gehen wir hoch.«

Diese Unterbrechung nahmen die Gäste wahr und verabschiedeten sich. In ihrer Suite entschieden die Hunde, dass Ballspielen angesagt war. Cedric war in seinem Element und juchzte vor Freude. Carsten und Andreas saßen auf der Couch und hörten dem Treiben zu. »Abba Balla!«, rief Cedric, als der Ball zu seinen Vätern rollte. Andreas fing ihn geschickt ab und rollte ihn zurück zur Gruppe. Als sei nichts gewesen, schubsten die Hunde den Ball immer wieder zu dem Jungen. Nach einiger Zeit wurde es im Zimmer ruhiger. Andreas sah sich um und stellte fest, dass Cedric sich kuschelnd an Salvatore gelehnt hatte. Leonardo wachte in einigem Abstand über sie. »Cedric hat sich ausgetobt.« »Sollen wir ihn in sein Bett legen?«, fragte Carsten. »Nein, er kuschelt mit den Hunden und sieht sehr zufrieden mit dem Arrangement aus. Lassen wir ihn in Ruhe seine Siesta halten.« »Eine Siesta könnte ich auch gebrauchen«, äußerte Carsten einen Wunsch. »Dann mache dich hier lang.« »Was ist mit dir?« »Ich setzte mich an den Sekretär und mache ein paar Skizzen zum Oxford-Projekt. An der Themse hatte ich eine Idee und möchte diese versuchen umzusetzen. Dabei wache ich wie Leonardo über meine Familie.« Ein Kuss und Carsten gab sich geschlagen. Wenig später schlief er bereits.

Wach wurde er durch ein Geräusch an seiner Seite. »Abba?«, fragte eine zarte Stimme direkt an sein Ohr. »Ja, Cedric?« Dann folgte ein längerer Kommentar und Carsten hörte ein Bedürfnis heraus. Während beide die Toilette aufsuchten, wunderte sich Carsten, dass es sehr ruhig in ihrer Suite war. Weder Andreas noch die Hunde waren da. Nachdem Cedric sein Geschäft erledigt hatte, hieß es erst einmal, für Ausgleich zu sorgen. Auf der Bar fand Carsten den Flaschenwärmer mit Inhalt. Cedric freute sich, etwas zu trinken zu bekommen. »Oh, ihr seid schon wieder auf?«, war Andreas erstaunt, als er die Suite betrat. »Klar, wir können ja nicht ewig schlafen.« »Immerhin aber eine gute Stunde. Ich war gerade mit den Hunden im Park. Nach dem Dinner sollte der Garten ausreichend sein.« »Danke Schatz.«

Am folgenden Tag trafen sie gegen Mittag wieder zuhause ein. Nur ein kleines Kommando und die Hunde stoben davon, um in ihrem Revier nach dem Rechten zu sehen. Andreas nahm Cedric an sich und gemeinsam gingen sie ins Haus. Mrs Sánchez war in der Küche bei einem Tee, als Cedric sie mit ›Oma‹ begrüßte. Andreas schüttelte grinsend seinen Kopf. »Hallo Cedric. Dich habe ich ja noch gar nicht erwartet, sonst hätte ich dir einen Kakao gekocht.« »Baba Kakao?«, fragte der Junge auch sofort nach. »Gleich, erst ziehen wir die warmen Sachen aus und dann koche ich dir einen leckeren Kakao.« »Mrs Sánchez, wären Sie so freundlich, für Carsten und mich frischen Tee zu machen?«, bat Andreas höflich. »Mach ich, Edward sollte auch bald von seiner Runde zurück sein.«

Wenig später schlürfte Cedric seinen Kakao, Edward, Andreas, Carsten und Mrs Sánchez tranken Tee. »Heute hat der Schreiner die ersten Pfosten für den Unterstand gesetzt. Er meinte, in drei Tagen sei er damit fertig. Inklusive der Dämmung.« »Ist gut. Wann sind die Weiden eingezäunt?«, fragte Andreas zu einem weiteren Vorhaben. »Papa meinte, in rund zwei Wochen sind eure Weiden bezugsfertig. Wann sollen denn die Schafe kommen?« »Nicht vor Juni. Wir und Dr. Miller haben uns bereits verständigt. Dann ziehen insgesamt vier Schafe und ein Widder ein. Dr. Miller hat uns diese fünf Tiere vermittelt. Sie stammen aus dem Bezirk Yorkshire und wurden aus verschiedenen Herden zusammengestellt.« »Dann haben wir noch etwas Zeit. Die Hills beginnen in der kommenden Woche mit den Arbeiten am Teich.« »Ja, ich habe mit Viktor telefoniert und habe ihn darum gebeten, den Bach zuerst fertigzustellen. Damit sich die Schafe in Ruhe eingewöhnen. Sie werden auf der Weide mit dem Unterstand untergebracht. Dazu wäre es sicher nicht verkehrt, nach Fertigstellung des Unterstandes dort zwei oder drei Kameras strategisch zu platzieren«, schlug Andreas vor. »Dann bedürfen wir noch Nachhilfe in der Schafhaltung«, erwähnte Carsten einen nicht unerheblichen Aspekt. »Also, als die Idee mit den Schafen aufkam«, begann Edward etwas verlegen, »hat Papa vorgeschlagen, euch dabei zu unterstützen. Boreray-Schafe sind robuste Tiere, weil sie das ganze Jahr draußen bleiben können. Es gehört nicht viel dazu, sie artgerecht zu halten. Das wichtigste habt ihr bereits in Angriff genommen: Einen Unterstand, falls sie doch mal einen trockenen, warmen Platz aufsuchen möchten, und eine mehr als ausreichend große Weidefläche. Sie müssen nicht geschoren werden, da sie ihre Wolle abwerfen. Dr. Miller wird sich zeitig melden, wenn die Routineuntersuchungen anstehen.«

Es wurde still am Tisch, jeder ging seinen Gedanken nach. Lediglich Cedric schien genug zu haben und verlangte mehr Freiheit. Andreas hob ihn aus seinem Kinderstuhl und setzte ihn auf dem Boden ab. Interessiert wie immer, krabbelte er durch die Küche. An einem Wassernapf machte er halt und patschte mit einer Hand hinein. »Cedric! Das ist das Trinkwasser für die Tiere. Bitte hör auf damit«, mahnte Andreas freundlich, aber bestimmt. »Baba, padsch Dada?«, fragte der Junge nach und unterbrach seine Tätigkeit. »Richtig, das ist Wasser für die Hunde. Es ist nicht sehr sinnvoll, dieses neben dem Napf zu verteilen«, bestätigte er die Frage ausführlich. Von Cedric kam darauf ein einfaches ›Oh‹. Carsten stand auf und ging in Richtung des Napfes. Mit einem Finger prüfte er den restlichen Inhalt. Davon angetan, machte es Cedric nach. »Mehr padsch?«, fragte er seinen Papa. »Ja, aber erst machen wir die kleine Pfütze weg.« Erst holte er sich einen Putzlappen und wischte rund um den Napf alles trocken. Der Junge sah es sich kurz an und dann spürte Carsten eine kleine Hand eine Ecke des Lappen hin- und herschieben. »Das hat du richtig gut gemacht. Jetzt füllen wir gemeinsam die Näpfe auf«, lobte Carsten seinen Sohn. Wenig später war der kleine Mann zufrieden, dass alle Trinknäpfe wieder gefüllt waren. »Magst du mit mir etwas spielen?« »Abba!«, beantwortete Cedric die Frage. Gemeinsam gingen sie in den Salon und Cedric wählte die Bauklötze.

»Ich bewundere euch beide. Nicht alle Eltern schaffen es so behutsam, ihre Kinder in eine bestimmte Richtung zu lenken. Ich hätte gewettet, nach deiner Mahnung würde der Junge erst recht planschen.« »Also Edward, es ist nicht immer einfach, die Geduld zu bewahren. Aber Carsten und ich haben die Erfahrung machen dürfen, dass unser Sohn eher auf ein ›Nein‹ reagiert, wenn wir auch einen Grund mitliefern. Gerade wenn die Hunde dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Wir wissen, dass er es sicher nicht versteht, doch wir geben ihm das Gefühl, ihn ernst zu nehmen. Das haben wir von unseren Familien gelernt oder geerbt: Respekt zu haben. Cedric ist ein kleiner Mensch. Wir begleiten ihn auf seinem Weg ins Leben, lassen ihn seine Erfahrungen machen und (noch) lenken wir ihn behutsam«, erklärte ihm Andreas ihre Philosophie. »Es wird sicher Zeiten geben, wo unser Sohn auf stur stellt. Argumenten nicht zugänglich ist, dann hoffe ich, Stahlseile als Nerven zu haben.« Unbewusst lächelte Andreas, als ihm die Begebenheit im Spielzeugladen einfiel. »Gestern hat uns Cedric vorgeführt, wie energisch er sein kann, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Seine Wut ließ er an Carsten aus, doch der blieb gelassen und lenkte ihn gekonnt ab. Ich muss zugeben, es tat mir weh, wie er Carsten anschrie. Aber daran wird kein Weg vorbeigehen, so etwas müssen wir aushalten und ihm immer wieder zeigen, wie sehr wir ihn lieben.« Edward lächelte aufmunternd. »Wenn es jemand schafft, dann ihr beide. Jetzt habe ich noch etwas auf dem Herzen. Merlin wird in diesem Jahr volljährig. Ich weiß, es ist etwas gewagt, doch wir sollten ihn dabei unterstützen, seinen Führerschein zu machen.« »Das ist eine gute Idee«, meinte Andreas spontan. »Leite für ihn alles in die Wege und rechne es über uns ab. Mrs Sánchez fährt wohl nicht gerne selbst Auto und einen Fahrer mehr können wir allemal gebrauchen. Außerdem muss er später als Tierarzt mobil sein, da ist ein Fahrrad wirklich ungeeignet.« Edward stutze: »Ihr habt schon einen seltsamen Humor. Ich werde mich darum kümmern.« Andreas nickte ihm zu. »So, ich sehe mal nach, was meine beiden Männer so treiben.«

Die beiden Männer waren dabei, munter Bauklötze im Salon zu verteilen. Cedric saß bei Carsten und der reichte ihm diverse Klötze. Manche davon begutachtete Cedric kurz und warf diese dann zur Seite. »Wow, das ist ein schöner Turm«, war seine ehrliche Meinung. »Da Baba?«, lautete die skeptische Antwort des kleinen Architekten. »Natürlich ist dein Turm schön und richtig bunt. Bist du denn mit deinem Gehilfen zufrieden?«, fragte er nach, nachdem wieder ein Bauklotz aussortiert wurde. »Ja, Abba good.« Dann folgte ein längeres Gebrabbel. »Na, ob ich ihm eine große Hilfe bin, wage ich zu bezweifeln«, meinte der Gehilfe augenzwinkernd. »Immerhin sortiert er jeden zweiten Klotz aus, den ich ihm reiche.« »Das machst du schon. Darf ich denn bei euch mitspielen?« Cedric war sofort begeistert, denn jetzt hatte er zwei Gehilfen. Der Turm nahm an Höhe zu und als Cedric nicht mehr an die Spitze gelangte, guckte er sein Gebilde nachdenklich an. Er redete vor sich hin und seine Melodie klang positiv. »Baba! Mao!«, lenkte Cedric seine Aufmerksamkeit auf einen weiteren Besucher. Der Kater ging auf die Gruppe zu, schlich schnuppernd um das Gebilde. Andreas sah noch, wie sein Sohn den Kater streicheln wollte und dabei den Turm umhaute. Erst guckte er verdutzt auf das Ruinenfeld, dann lachte er: »Putt!«, stellte er schlicht fest. Dann wandte er sich aus seiner Position und widmete sich dem schnurrenden Kater, indem er ihn einfach etwas streichelte.

»Ich hätte vorher noch ein Foto machen sollen. Der Turm konnte sich sehen lassen.« »Mach doch eines von der Ruine«, schlug Carsten vor. »Nein. Das Chaos würde sich im Familienalbum nicht gut machen. Luise würde uns einen chaotischen Salon vorwerfen. Was nun? Neu anfangen?« »Sag einmal,«, wurde Carsten neugierig, »was fandest du denn an dem Gebilde schön?« »Die Konstruktion und die Farben. Der Turm war zwar gerade mal 30 cm hoch, doch er sah mehr als stabil aus. Wenn ich mir die aussortierten Bauklötze so ansehe, hast du ihm auch immer wieder mal welche untergeschoben, die absolut nicht dazu gepasst hätten.« »Stimmt. Ich habe versucht herauszufinden, ob er runde und dreieckige Klötze ebenfalls benutzt. Bis auf einige Ausnahmen hat er diese einfach verworfen.« »Weiter hat er pyramidenförmig gebaut. Also nach oben hin tendenziell verjüngend. Dann die Farbauswahl. Ich habe keine Ahnung, ob Cedric das bewusst gemacht hat, doch es hatte etwas Ästhetisches. Die Ebenen hatten immer Farben, die komplementär zueinander waren. Blau und gelb, grün und rot. Dagegen waren die Schichten eher harmonisch gestaltet. Blau und rot, grün und gelb. Gut, es waren auch ›Fehler‹ darunter, aber gerade diese haben den Turm an sich künstlerisch wirken lassen.« »Danke für die Beschreibung. Ich denke, unser Sohn hat in den vergangenen Wochen viele Erfahrungen dazu gesammelt.« »Und er hat dazugelernt, was Arthur und Luthais ihm spielerisch beibrachten.« Dann sah er zu seinem Sprössling, wie er behutsam mit Charaid spielte. »Ich denke wir räumen hier etwas auf …«, begann Andreas. »Das kannst du machen. Ich gehe jetzt mit den Hunden raus«, konterte Carsten.

Merlin kam ihm im Porch entgegen. »Hi Carsten, Gassi?« »Ja. Die Bande hatte sich in den letzten Stunden ruhig verhalten. Jetzt ist erst etwas Aktion angesagt. Hattet ihr heute viel zu tun?« »Ja, darf ich euch begleiten?« »Nur zu!« Während die Hunde sich erleichterten, gingen die beiden in Richtung des Parks. »Dr. Miller wurde zu zwei Notfällen gerufen. Einmal ein Geschwulst bei einer Ziege entfernen. Mann, das Tier war nicht gerade zimperlich mit ihm. Doch ich sah, wie dankbar sie war, als die Geschwulst entfernt war. Die Ziege schien doch arge Schmerzen gehabt zu haben. Der zweite Fall war die Kastration eines Bullen. Es tat mit schon weh, als die Bällchen entfernt wurden. Doch es war nötig. Der Stier war wild und Dr. Miller erklärte mir, dass er zu sehr unter dem Einfluss einer Überproduktion von Testosteron stand.« »Stimmt. Papa hat auch so manchem Hengst auf diese Weise behandeln müssen. Ist denn die Zucht des Farmers gefährdet?« »Nein. Der Bulle hatte bereits seine Pflicht mehr als erfüllt. Es steht bereits ein Jungbulle zur Verfügung, der seine Aufgabe übernimmt und die Zucht mit neuem Blut ergänzt. Der Farmer wird nach der Abheilung der Wunde den Ochsen wieder zur Herde lassen. Er wird hoffentlich eine beruhigende Wirkung auf die Rinder ausüben. In der Praxis selbst blieb es heute ruhig. Interessant fand ich, wie ein Papagei betäubt wurde. Ich wusste nicht, dass Vögel nicht klassisch sediert werden können.« »Warum musste der Papagei betäubt werden?« »Er hatte einen Überschnabel und konnte sein Futter nicht mehr richtig aufnehmen. Wir haben mit einer Feile den Schnabel wieder in die richtige Form gebracht. Dr. Miller gab dem Besitzer den Rat, regelmäßig Äste und einen Wetzstein in die Voliere zu geben. Damit die Vögel auf natürliche Weise ihre Schnäbel pflegen. Bevor du protestierst, es sind zwei Paare in einer mehr als großzügigen Voliere untergebracht. Der Besitzer hat wohl die Tiere geerbt und bereits einige wieder in ihre natürlichen Umgebung auswildern lassen. Diese beiden Paare sind die ältesten Tiere und nicht mehr in der Lage, in Freiheit zu überleben.« »Kennst du den Besitzer?« »Ja, er hat dieses Hobby ungern übernommen. Er hasst es, Tiere in Gefangenschaft zu halten. Diese vier Papageien sind seine letzten Tiere. Für ihr Alter sehen sie sehr gepflegt aus und müssen zur Beschäftigung ihr Futter selbst suchen. Ich habe die Voliere gesehen. Abwechslungsreich gestaltet, Orte, wo die Papageien sich zurückziehen können. Für die Tiere investiert der Halter viel, nicht nur Zeit.« Carsten wusste, worauf Merlin anspielte. Er kannte Thomas’ Gärtner, der ebenfalls einen Papagei hielt. Soweit er wusste, war das Tier bereits über sechzig Jahre alt und in bester Form. »Salvatore, hier!«, rief Merlin dem Hund zu, der dabei war, ins Dickicht zu verschwinden. »Lass ihn ruhig machen. Salvatore entfernt sich nicht allzu weit vom Rudel.« »Schon verstanden, darum geht es auch nicht. In dem Gebüsch wohnt der Dachs und ich denke, die beiden sollten nicht unbedingt aufeinandertreffen.« »Du kennst dich hier aus?« »Edward, Clòimh und ich gehen hier öfters lang. Daher weiß, ich wo der Broc sein Zuhause hat. Eine halbe Meile weiter kann er tun und lassen, was er will. Edward hat mir auch gezeigt, wo die neuen Weiden entstehen sollen. Werden die Gatter immer geschlossen bleiben?« Carsten zog die Augenbrauen hoch, als er die Frage hörte. »Sobald eine Herde darauf ist, schon. Doch bei leeren Weiden können die Gatter geöffnet bleiben. Warum fragst du?« »Ich sah manchmal ein Reh beziehungsweise einen Hirsch im Park. Sie nutzen das Weideland ebenfalls als Futterquelle. Bei aller Liebe zur Evolution, doch Gatter können sie nicht öffnen und so viel fressen sie nun auch nicht.« »Deine Argumentation ehrt dich. Sag Edward Bescheid, dass bei unbenutzten Weiden die Tore geöffnet bleiben. Den Weg müssen die Tiere dann aber schon selbst finden.« Merlin grinste. Es sähe auch komisch aus, wenn irgendwelche Wegweiser für die Tiere aufgestellt würden, wenn sie diese dann auch noch lesen könnten. So langsam näherten sie sich dem ehemals überfluteten Teil des Weges. Merlin sah die neue Brücke, auch wenn diese noch gesperrt war. »Hier kehren wir um«, meinte Carsten, »der Weg sollte zumindest noch schlammig sein. Ich möchte nicht den Zorn von Mrs S. auf mich ziehen, wenn ich wieder kiloweise Dreck anschleppe.« Merlin bewunderte die Orientierungsfähigkeit von Carsten und stimmte sofort zu. Eine halbe Stunde später waren sie wieder am Haus. Im Porch wurden sie von Clòimh begrüßt, der anscheinend seine Hundekumpel bereits vermisst hatte. Carsten prüfte kurz den Status seiner beiden Gesellen und entließ sie. »Mach dich etwas frisch.« »Warum?« Carsten grinste Merlin an: »Du riechst nach Tierarztpraxis. Es dauert eh noch bis zum Dinner.«


»Christian?«, meinte sein Kollege neben ihm im Streifenwagen. »Fahren wir noch am Spielplatz vorbei?« »Können wir machen, dann kann die Nachtstreife eine kurze Runde fahren. Warum eigentlich?«, fragte der Constable seinen Kollegen. »Richard von der Verkehrsüberwachung hat mir heute eine Nachricht hinterlassen, dass seit einiger Zeit ein dunkler Pickup die Straße zum Spielplatz nutzt. Möglich, dass - und es ist nur ein vager Verdacht - es sich dabei um einen Pädophilen handelt.« »Richard ist unser Experte und würde so einen Verdacht nie unbegründet haben. Lust auf einen kleinen Spaziergang? Dann sehen wir uns die Gegend um den Spielplatz genauer an.« »Gut, Chef!« Die beiden Polizisten stiegen aus und leuchteten auf den Weg. »Hier, Christian. Reifenspuren passend zu einem Transporter.« Dabei leuchtete John mit seiner Taschenlampe auf den Boden. Die Beamten gingen der Spur nach bis kurz vor den Poller. »John, kannst du mal Fotos von den Abdrücken machen? Dann lassen wir diese mal durch den Computer laufen. Konnte Richard kein Kennzeichen ausmachen?« »Nur teilweise. Das vordere war unleserlich und vom hinteren nur zwei Ziffern.«

»Siehst du irgendwelche Fußabdrücke?«, fragte der Constable. »Nicht wirklich, es sind zu viele. Einige führen zum Wanderweg und andere in Richtung des Fußweges zum Spielplatz.« »Sehen wir uns den Spielplatz an und machen anschließend ein Memo für die Nachtschicht. Ich werde dem Chief berichten.

»Nein, Christian, gehen wir der Sache nach. Ich werde Richard bitten, an der Sache dran zu bleiben«, entschied der Chief Constable entschlossen auf der Wache, nachdem Christian ihm berichtete. »Es ist nicht auszuschließen, dass es sich um einen pädophilen Täter handelt. Oder aber jemand, der das nahe liegende Herrenhaus ausspionieren will. Gehen wir kein Risiko ein. Ich würde dich bitten, mal mit Mr Zahradník und Mr von Feldbach zu sprechen.« »Ja!« »Ach, noch etwas Privates. Die Idee mit dem Schulbesuch war ausgezeichnet. Wir konnten die Täter identifizieren. Wie ich hörte, war dein Sohn auch dabei und hat bereits seine Strafe erhalten.« »Ja, ich glaube ihm, dass er einen Rückzieher gemacht hat. Dumm war, dass er diese Farbe dabei hatte.« »Wirklich … Dummheiten haben wir doch alle in dem Alter gemacht, da schließe ich mich nicht aus. Da Eric bereits die Konsequenzen zu spüren bekommt, habe ich mit der Staatsanwaltschaft gesprochen. Die Jugendlichen bekommen ebenfalls eine Strafe, sie werden zu sozialer Arbeit verdonnert. Das Seniorenheim freut sich schon auf deren Unterstützung …« »Danke Sir.« »Gut, Du hast Feierabend«, entließ der Chief Constable seinen Untergebenen.

Andreas war über den Besuch des Constable erstaunt: »Hallo Christian, Eric ist heute nicht hier.«

»Ich weiß, ich bin aus einem anderen Grund hier. Mein Chief bat, mich euch über etwas zu informieren.« »Komm herein.«

Im Salon bot Carsten dem Besuch einen Platz an. »Also, mein Besuch hat folgenden Hintergrund: Die Verkehrsüberwachung hat seit einigen Tagen einen auffälligen Pickup auf dem ehemaligen Lieferantenweg aufgezeichnet. Der Chief meinte, es könne sich dabei um jemanden handeln, der euer Haus ausspionieren will«, machte es der Constable kurz. »Wir verstehen, für den Fall, dass bei uns eingebrochen werden soll. Nun, sich dem Haus unbemerkt zu nähern ist schon schwierig, da wir um das Haus verdeckte Bewegungssensoren haben. Bei Kleintieren schlägt es zwar nicht an, doch Clòimh löst die Beleuchtung bereits aus. Das Haus ist selbst alarmgesichert, wie du weißt, und mit eurem Revier verbunden«, erklärte Andreas. »Dann sind da unsere Tiere. Bei ungewöhnlichen Geräuschen reagiert selbst Charaid. Ganz zu schweigen von den Hunden«, ergänzte Carsten, da er wusste, dass der Constable es bereits selbst erlebt hatte.

»Mein Chef sagte, wir sollten kein Risiko eingehen und ich nehme stark an, er dachte dabei an den Überfall vor Weihnachten.« »Ich verstehe«, stimmte ihm Carsten zu. »Ich bin vorsichtig und werde in der nächsten Zeit jemanden bitten, mich bei den Gassirunden zu begleiten. Mehr kann ich nicht tun, ich möchte kein Gefangener irgendwelcher Art sein.« Dabei hörte Christian in seiner Stimme eine gewisse Traurigkeit heraus. »Mehr erwarte ich auch nicht. Ich weiß zwar nicht, ob ihr es schon wisst, doch die Gemeinde mag euch. Sie stehen hinter euch, auch die Hardliner, welche euren Lebensstil nicht verstehen.« Der Constable machte eine Pause. »Wo wir bei dem Thema sind. Ich finde, Eric und Merlin sind ein schönes Paar. Zwar hat er sich dazu noch nicht geäußert, doch meine Frau hat sie vor kurzem gemeinsam gesehen. Dabei haben sie sich wie jedes verliebte Paar an den Händen gehalten«, lächelte Christian verträumt.

»Abba?«, wurden sie fragend unterbrochen. Der Constable sah den Jungen langsam in den Salon krabbeln. »Ja, Cedric?«, antwortete der Angesprochene. »Mau buhbuh mach …« »Magst du mit mir eine Geschichte lesen? Charaid wird sicher später noch mit dir kuscheln wollen«, jubelte Carsten ihm einen Vorschlag unter. ›Ja‹, klang es bereits in seiner Nähe. Carsten stand auf und orientierte sich an den Geräuschen. Dann nahm er Cedric auf den Arm und ging mit ihm zu einer Sitzgelegenheit. »Sorry, Christian«, entschuldigte er sich noch beim Constable. »Schon gut. Ich sollte mich auch langsam auf den Weg machen.« Andreas brachte ihren Besuch noch zur Tür. Anschließend ging er wieder zu seinen Männern und hörte den beiden zu, wie sie eine Geschichte aus dem Bilderbuch erfanden. Cedric war in seinem Element und er sah, wie seine kleinen Hände auch immer wieder über die Bildbeschreibungen glitten. Nach einiger Zeit stand er auf. »Ich kümmere mich ums Dinner«, flüsterte er. Carsten nickte ihm kurz zu.

In der Küche war Merlin dabei, die Rationen für Charaid und Clòimh zu machen. »War etwas besonderes, weil Christian - ich meine, Erics Vater - hier war?« »Er informierte uns über einen Verdächtigen, der eventuell die Gegend ausspioniert. Er wurde von seinem Chef darum gebeten.« Merlin pürierte eine Zutat für seinen Kater im Mixer. »Du machst nicht alles klein?«, wunderte sich Andreas. »Nein, Charaid mag im Futter einige Happen festes Fleisch. Heute ist es der Fisch.« »Kannst du mir mal den Napf von Clòimh geben?« Andreas gab ihm den gewünschten Gegenstand. »Was ist heute für ihn dran?«, wurde Andreas neugierig. »Ich halte mich an Carstens Rezept. Laut seinen Aufzeichnungen gibt es heute Abend Vollwertkost. Obendrein reduziere ich seine Ration. Der Hund hat etwas zugenommen und ich will nicht, dass er dick wird.« »Gut. Sage nachher Carsten Bescheid, dann bekommen unsere beiden heute auch weniger.« »Ist das denn nötig?« »Carsten sagte mir mal, dass es in der Natur von Hunden vorkommt, mit weniger auszukommen. Außerdem, warum soll Clòimh zusehen, wie sich unsere beiden den Bauch vollschlagen? Da ist es besser, jedem weniger zu machen.« Merlin dachte darüber nach, während er den Napf des Hundes füllte. »Was wird es zum Dinner geben?« »Ich dachte, für uns, wo wir schon den Tieren eine Diät verordnen, Spaghetti mit einer einfachen Tomaten-Basilikum-Sauce zu machen, dazu einen Salat. Lediglich Cedric bekommt sein Kompott aus Kartoffeln und Karotten. Als Dessert mache ich uns eine einfache Vanillecreme. Einverstanden?« »Klingt lecker. Kann ich dir dabei helfen?« »Natürlich, zu zweit geht es schneller.« Andreas suchte sich die Zutaten zusammen und Merlin durfte den Salat waschen. »Was machen Cedric und Carsten?« »Sie erfinden eine Geschichte aus dem Bilderbuch. Ich muss gestehen, unser Sohn hat eine lebhafte Phantasie und sein Papa unterstützt ihn dabei. Ich glaube, es gab noch keine Geschichte, welche sich bei den beiden wiederholt hat. Es kommen immer neue Elemente und Erfahrungen von Cedric hinzu.« Merlin grinste, kannte er doch die Experimentierfreudigkeit des Jungen. Als er auf den Jungen aufpassen durfte, spielten sie mit den Bauklötzen. Irgendwann probierte Cedric, zwei Dreiecksprismen zu stapeln. Was ihm nicht so recht gelingen wollte. Erst dachte Merlin, wegen der Misserfolge würde Cedric aufgeben, doch irgendwie schienen die Fehlversuche den Jungen anzuspornen. Er drehte die Klötze und plötzlich hatte er eine kleine Pyramide aus zwei dieser Klötze und einem Quader gebildet. Gut, es war wahrscheinlich reiner Zufall, doch der Junge brabbelte belustigt über seine Leistung und wandte sich danach zufrieden seinem Teddy zu.

»Schatz, hast du etwas Leichtes für unseren Sohn?«, fragte Carsten in der Tür mit Cedric auf dem Arm. »Wir haben noch etwas Grießpudding im Kühlschrank. Den kann man kurz in der Mikrowelle erwärmen. Dazu ein Klecks Erdbeersauce?«, antwortet Andres den beiden. »Budding!«, begeisterte sich Cedric. Merlin stand auf und setzte den Vorschlag in die Tat um. Carsten setzte den Jungen in seinen Stuhl. Der Grießpudding war genau das Richtige für den kleinen Mann. Carsten brauchte nicht einmal beim Essen zu helfen. »Können wir euch beim Dinner noch helfen?«, bot Carsten ihre Unterstützung an. »Du könntest schon mal die Nudeln aufsetzen. Auf der linken, hinteren Herdplatte köchelt bereits Cedrics Abendessen. Das braucht noch etwa eine Viertelstunde.«

Es dauerte keine halbe Stunde und Andreas deckte den Tisch. Der Letzte am Tisch war Edward, der noch einen Kontrollgang zur Lodge gemacht hatte. »Spaghetti mit Tomatensauce, eines meiner Leibgerichte aus Kindheitstagen«, gab er preis. »Wohl nicht nur dein Leibgericht«, ging Merlin darauf ein. »Carsten, die Hunde bekommen heute etwas weniger. Clòimh hat etwas Übergewicht.«

»Danke für die Info. Jetzt zum Frühjahr dürfen sie ruhig etwas abspecken. Unsere Hunde haben auch das eine oder andere Gramm zuviel auf den Rippen. Machen wir Folgendes: Morgens bekommen alle ihre normale Ration und abends reduzieren wir. Nach zwei Wochen sollte es gut sein. Dann steht auch der Fellwechsel an.« »Clòimh auch?« »Ich denke schon, seine Unterwolle ist recht dicht, das ist in der warmen Zeit des Jahre unvorteilhaft«, mischte sich Edward ins Gespräch ein. »Jedenfalls war es bei allen Hirtenhunden der Familie der Fall. Mom hat sich sogar einen speziellen Staubsauger gekauft, der genug Power hatte, um damit fertig zu werden.« »Bei unseren Hunden ist das wegen des kurzen Fells kaum nennenswert. Zumindest hat sich Mrs Sánchez dazu nicht geäußert.« »Wie dem auch sei, ändern können wir diesen Prozess auch nicht. Edward, diese Wildtierkameras, wie funktionieren die eigentlich in der Nacht?« »Einmal haben sie diese Bewegungssensoren, wenn in deren Bereich sich etwas rührt, machen sie ein Photo. Dabei nutzen sie Infrarotlicht und sind lautlos, die moderne Technik macht es möglich. Eine der Kameras hat ein besonderes Feature: Sie reagiert auf Wärme. Also wenn sich die Temperatur um 15°C in dem Bereich der Sensoren ändert, macht sie ein Photo. Warum?«, schloss er die Beschreibung ab. Andreas ahnte, worauf Carsten hinaus wollte. »Christian informierte uns. Eine verdächtige Person treibt sich in der Gegend herum. Möglich, dass sie etwas ausspionieren will. Kannst du morgen zwei Kameras an unserem Zugang vom Wanderweg platzieren? Vielleicht haben wir Glück und können der Polizei so helfen.« »Steht ganz oben auf meiner To-Do-Liste.« »Abba spielen?«, machte sich Cedric bemerkbar. »Natürlich können wir spielen. Bist du denn schon satt oder magst du noch ein Dessert?«, ging Carsten darauf ein. Andreas holte die Vanillecreme und stellte sie vor den Jungen ab. Schwups, hatte er seinen Löffel in der Hand und begann den Nachtisch zu löffeln. »Sieht danach aus, als haben wir noch eine kleine Frist. An was hast du gedacht?« »Wir haben schon lange nicht mehr zusammen gespielt, wie wäre es mit einer Runde Pair? Aufräumen können wir hier später noch.« Die Idee fand allgemeine Zustimmung.

Wenig später saßen alle im Salon auf dem Boden und spielten Memory. Carsten und Cedric bildeten ein Team, wobei Andreas die aufgedeckten Karten beschrieb. Dieses Mal stand der Sieger erst nach einer halben Stunde fest und selbst Cedric freute sich für Merlin. Die Aktion forderte ihren Tribut und Carsten brachte seine Sohn ins Bett. Andreas sah auf die Uhr: »Räumen wir die Küche auf und machen uns dann einen gemütlichen Abend«, schlug er vor. Als Carsten von seinem kleinen Mann zurückkam, saßen alle im Salon und unterhielten sich. Edward dachte an die kleine Info beim Dinner: »Carsten, darf ich dich nachher zur letzten Runde begleiten? Als Herrchen von Clòimh muss ich ihm ein Vorbild sein.« »Gerne, dann machen wir eine längere Runde über das Grundstück und dein Hund kann sich markante Punkte in der Dunkelheit suchen.« »Ist das wichtig?« »Ob es wichtig ist? Ich weiß es nicht, doch alle meine Hunde haben sich immer auch Stellen gemerkt, welche sie in der Nacht zur Orientierung nutzen. Gerade wenn sie sich mehr auf ihren Geruchssinn verlassen müssen.« »Klingt logisch und für meinen Begleiter auch eine gute Trainingsmöglichkeit.« Andreas schenkte Carsten ein Glas Wein ein. Dann unterhielten sie sich über ihren vergangenen Tag. Edward hatte seine Buchführung aktualisiert und später noch einen Blick auf die Fortschritte am Burn gemacht. Andrew hatte den Weg über die Brücke abgesperrt. Als nächstes würde die Steinmauer am neuen Weg errichtet werden. Der Verwalter war mit den Fortschritten mehr als zufrieden. Sein nächster Kontrollgang galt dem neuen Unterstand. Auch hier waren die Zimmerleute fleißig gewesen. Die Konstruktion stand, samt einem Dach. Fehlten lediglich die Wände und die Isolierung. Auf der Zeichnung sah der Unterstand ›klein‹ aus, die Realität zeigte ein anderes Bild. Er bot Platz für gut 10 Ponys.

»Also von Routine war heute in der Praxis nichts zu spüren. Selbst Samantha musste mit anpacken. Sie hat vor allem die Röntgenbilder gemacht«, berichtete Merlin. »Der Doktor hatte zwei umfangreiche OPs machen müssen. Daneben drei Notfälle bei den Farmern. Die obligatorischen Untersuchungen bei den Farmern hat er kurzerhand auf kommende Woche verschoben.« »Warst du bei allen Einsätzen dabei?«, wurde Andreas neugierig. »Nur bei zweien. Bei einer Ziege wurde eine Kolik behandelt. Das Tier hatte zuviel vom Falschen gefressen. Ich habe sicher eine halbe Stunde eine Infusion gehalten, nachdem Dr. Miller ihr Rizinusöl einflößte. Die Infusionen waren, um die Krämpfe zu lösen und den Verdauungsapparat wieder gängig zu machen.« »Wart ihr erfolgreich?« »Sagen wir mal so, der Doktor war mit der Behandlung zufrieden. Der Halter sollte die Ziege in den Stall sperren und dafür sorgen, dass sie bis morgen nur Wasser bekommt. Kling zwar brutal, doch diese Tiere können sehr bockig reagieren, wenn sie auf Diät gesetzt werden. Im zweiten Fall hatte eine Kuh Milchfieber. Da reichte es aus, dem Tier mit eine Infusion wieder auf die Beine zu helfen. Dr. Miller gab mir eine genaue Anweisung, wie ich die Flüssigkeit wechseln soll. Insgesamt waren es sieben Beutel. Zum Schluss zog ich noch die Infusionsnadel und der Farmer brachte mich zur Praxis zurück. Der Tierarzt musst nämlich zu einem anderen Patienten. Ebenfalls eine Kuh, doch diese hatte wohl einen Fremdkörper verschluckt und drohte zu ersticken. Da musste der Farmer selbst assistieren.« Merlin nahm einen Schluck von seinem Whisky. »Letzteres ist meist eine blutige Angelegenheit, weil fast immer operiert werden muss«, pflichtet ihm Carsten bei. »Die beiden Operationen in der Praxis waren ebenfalls nicht schön. Einmal wurden mehrere Tumore entfernt. Die scheinen aber alle gutartig zu sein. Dann eine Beckenfraktur gerichtet. Die Katze hatte Lähmungserscheinungen und konnte sich nicht so recht auf den Beinen halten. Beide Tiere sind bis morgen in der Praxis. Ein Tierpfleger aus dem Tierheim ist heute Nacht bei ihnen.« »Mich würde der Versorgungsbereich des Doktors interessieren?«, fragte Andreas den Jugendlichen. »So genau weiß ich es nicht, doch ich schätze den Radius auf rund 50 Meilen.« »Ist ja schon recht groß für eine einzelne Tierarztpraxis.« »Es sind vor allem Farmer. Die Sprechstunde in der Praxis ist nur zu den Zeiten der Routineuntersuchungen gut besucht. Dann sind da nur noch die Patienten mit Terminen. Das sind so zehn die Woche. Die Praxis rentiert sich für einen Landtierarzt, sagte Sabrina einmal.«

Chapter 27

Bryan saß in seinem Büro an seinem Schreibtisch und arbeitete konzentriert an einer Optimierung ihrer Server. Unterbrochen wurde er durch ein Klopfen. »Herein!«, forderte er auf. Sein Kollege William stand mit einer Aktenmappe in der Tür. Dieser sah sich in dem Büro kopfschüttelnd um. Bryan hatte sein Budget optimal genutzt und neben dem neusten Computer und Server auch einen antiken Rechner. Richard wusste, dass dieser Computer aus den Anfangszeiten Bryans wichtigstes Sicherheitsinstrument war. Ganz ohne irgendeine Verbindung zum Netzwerk konnte er unbekannte Software testen. Falls Trojaner, Viren oder andere schädliche Programme den PC infizierten, konnte Bryan diese getrost analysieren und entsprechende Abwehrmaßnahmen programmieren. Selbst der einfache Prozessor hatte sich schon gegen so einigen Viren behauptet. »Was führt dich zu mir?«, fragte er und unterbrach seine Tätigkeit.

»Bryan«, wandte sich William nun an seinen Boss.»Du gabst mir den Auftrag, etwas über die biologischen Eltern von Cedric herauszufinden. Es gibt eine Übereinstimmung bei einem DNA-Test. In London wurde eine weibliche Leiche gefunden. Im Bericht des Pathologen wurde unter anderem eine nicht medizinische behandelte Geburt erwähnt. Ich bat den Pathologen, einen DNA-Abgleich mit dem von Cedric durchzuführen.« Bryan hörte seinem Kollegen aufmerksam zu. »Dieser fiel positiv aus und ich bat die Kollegen, mir eine Kopie der Akte zukommen zu lassen. Die Frau war Mitte zwanzig, ethnischer Herkunft, die jedoch nicht genauer bestimmt werden konnte. Der Mediziner vermutet arabischer Raum.« »Wie kommt er darauf?«, fragte sein Boss dazwischen. »Sie hatte wohl eine Art Talisman dabei, welcher mit arabischen Schriftzügen versehen war. Daher habe ich die Datenbank der Einwanderungsbehörde durchforstet, doch ohne großen Erfolg. Möglicherweise kam sie als illegale Einwanderin nach Großbritannien.« »Wie kam sie zu Tode?« »Eine unbehandelte Lungenentzündung. Sie wurde in einer Unterkunft in einem sozial schwierigen Randbezirk aufgefunden. Das war alles«, beendete Richard seinen Bericht. »Was wurde aus ihren persönlichen Gegenständen und diesem Talisman?« »Sie liegen noch unter richterlichem Verschluss bei der Polizei.« »Gute Arbeit, William«, lobte Bryan. Dann griff er zum Telefon und ließ sich mit dem zuständigen Richter verbinden. Ihm erklärte er die näheren Umstände und bat um die Freigabe der Sachen. »Danke, Lord Holborn, meine Mitarbeiter werden die Gegenstände morgen persönlich abholen.«

In der Asservatenkammer nahm William die Sachen in Empfang. Bryan sprach währenddessen mit dem Chief der Polizeistation. »Es ist ungewöhnlich, die persönlichen Gegenstände aufzubewahren.« »Eigentlich schon, da weder eine Straftat noch sonst etwas gegen das Opfer vorlag. Andererseits sind wir auf der Suche nach einer Schlepperbande, die seit Jahren Immigranten illegal ins Land schmuggeln. Der Bezirk ist ein idealer Ort. Daher habe ich diese Maßnahme angeordnet.« Dann griff er zu einer Akte auf seinem Tisch. »Sahra Abu Dight, so der Name des Opfers, war wahrscheinlich schon seit mehreren Jahren im Land. In Wales hatte sie einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, der noch bearbeitet wurde. Dann ist sie spurlos verschwunden und hier in London wieder aufgetaucht. Leider zu spät.« »Sie wissen nicht, über welche Wege diese Bande die Menschen schmuggelt? Wales, Nordirland, Schottland sind mögliche Routen. Ich werde die Küstenwache dort bitten, ihre Augen offen zu halten. Sie sollen Sie kontaktieren, wenn ihnen etwas Ungewöhnliches auffallen sollte.« »Damit wäre der Sonderkommission bereits geholfen«, war der Chief erfreut. »Was wurde aus dem Opfer?«, kam Bryan auf den Grund seines Besuchs zurück. »Sie wurde eingeäschert, nachdem der Richter die Leiche freigab. Das übliche Vorgehen, wenn keine Angehörigen aufzufinden sind.« Bryan hatte damit bereits gerechnet. Keine Gedenkstätte. Höflich verabschiedete er sich vom Chief.

»Es sind lediglich zwei Kisten ihrer Habseligkeiten. Ich habe die Gegenstände mit der Inventarliste verglichen, alles vorhanden. Wie ich dich kenne, interessierst du dich für den Talisman, hier ist er. Ich gestehe, eine sehr feine Goldschmiedearbeit.« William übergab Bryan eine Plastiktüte mit einem kleinen goldenen Amulett. Dieser besah sich das kleine Schmuckstück. »Ich möchte dich bitten, an der Sache dran zu bleiben. Nehme Kontakt mit dem MI6 auf, Abteilung Naher Osten. Verlange einen Mr Galloway. Er ist Experte für Kunstobjekte. Ich tippe, der Talisman ist aus dem 11. Jahrhundert, wenn nicht noch älter. Er kann dir sagen, wo genau der Anhänger gefertigt wurde.« »Wie kommst du darauf?« »Die Inschrift. Sie ist arabisch und weist einige charakteristische Besonderheiten im Schriftbild auf, die heute nicht mehr verwendet werden. Wenn es über Generationen von der Mutter an die Tochter übergeben wurde, dann ist es ein besonderes Erbstück. Weiter versuche herauszufinden, wo die Urne abgeblieben ist. Rachid wird dir eine entsprechende Vollmacht ausstellen.«

An einem kleinen Flughafen luden sie die beiden Kisten in ihren Jet. Bryan selbst flog die Maschine. »William, könntest du mir einen Kaffee machen?«, bat Bryan. Sein Kollege machte sich an die Arbeit und wenig später übergab er einen Becher mit der schwarzen Flüssigkeit und setzte sich auf den Copilotensitz. »Bryan, gibt es eine Chance, wieder in den Außendienst versetzt zu werden?«, hatte er ein Anliegen. »Nein, William. Nach deinem Unfall ist es ausgeschlossen. Rachid hat alles daran gesetzt, dich im Team zu behalten. Da blieb nur der Innendienst und ehrlich, du bist der Richtige für den Aufgabenbereich«, beantwortete sein Chef die Frage. »Ich fühle mich fit. Obendrein halten meine Kollegen ihren Kopf hin, wenn ich etwas verbocke.« Bryan korrigierte ihren Kurs und meldete sich bei der Flugüberwachung für den nächsten Sektor an. »Das ist nicht der springende Punkt. Das Team muss sich in gefährlichen Situationen auf dich verlassen können. Was ist, wenn du in einem entscheidenden Moment einen Schub deiner MS bekommst?«, blieb er sachlich. William schluckte. »Woher weißt du davon?« »Du trinkst deinen Tee manchmal mit der linken, statt wie üblich mit der rechten Hand. Dann sind deine Ergebnisse auf dem Schießstand schlechter geworden und das liegt nicht an der Waffe«, fasste sein Chef unbeirrt zusammen. »Warum wollt ihr mich dennoch behalten?« »Du kommst nicht selbst darauf?«, fragte Bryan. »Es sind deine geistigen Fähigkeiten. Du bist nicht nur effizient bei der theoretischen Analyse von Fällen, sondern versuchst dich auch immer an plausiblen Lösungen. Dein Vorteil sind nicht nur deine Intelligenz und Erfahrung, sondern vor allem nutzt du deine Phantasie. Rachid und ich haben so manchen Täter aufgrund deiner Theorie dingfest machen können. Genauso wie in diesem Fall. Glaubst du, Gino wäre auf die Idee gekommen, einen DNA-Test bei einer unbekannten Leiche zu veranlassen, nur weil im Bericht des Pathologen eine Geburt erwähnt wurde? Du denkst um zig Ecken und hast damit Erfolg. Dieses Wissen und dein analytischer Verstand sind für uns und das ganze Team sehr viel wert. Damit schützt du unser aller Leben in gefährlichen Situationen.« Bryan machte eine Pause. »Jetzt schnall dich an, wir landen in wenigen Minuten. Obendrein bekommst du das gleiche Gehalt wie die Kollegen im Außendienst. Das war mein bescheidener Beitrag.«

Am Hangar übergab Bryan die Schlüssel an einen Techniker. »Macht einen Check der Trimmung des Höhenruders. Die Maschine driftet leicht nach rechts«, gab er in Auftrag. Während sein Kollege die beiden Kisten in ihren Dienstwagen verstaute.

In seinem Büro sah Bryan die persönlichen Sachen durch. Das meiste aus den Kisten waren Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände. In einer kleinen Schatulle fand er einige Briefe und Fotos. Auf einer Fotografie war eine junge Frau zu sehen: »Eine schöne Frau.« »Was sagtest du?«, riss Rachid seinen Partner aus der Betrachtung. »Die Verstorbene war eine schöne Frau. Sieh hier das Foto.« Rachid nahm das Bild an sich und betrachtete es genau. Bryan hatte recht. »Cedric hat Ähnlichkeit mit ihr: Augen, Haare und die Gesichtsform entsprechen ihren Proportionen.« Dann gab er das Foto zurück. »Noch etwas Interessantes?« »Einige Schriftstücke. Briefe an ihre Familie. Bücher. Ein Wörterbuch, Grammatik und Romane. Dann ein älteres Märchenbuch arabischen Ursprungs, der Titel 'alf laila wa-laila’«, las Bryan den Titel laut vor. »Tausend Nächte und eine Nacht. Ein sehr schönes handschriftliches Exemplar. Was denkst du?« Rachid sah über das gesamte Sammelsurium hinweg: »Besorge uns eine stabile, stilvolle Truhe. Darin werden wir alle Gegenstände gereinigt hineinlegen. Inklusive der kleinen Schatulle und der Bücher, bis auf das Märchenbuch und diese Fotografie. Wir lassen diese entsprechend rahmen. So haben Carsten und Andreas eine Basis für Cedrics Vergangenheit. Wenn es an der Zeit ist, wo der Junge Fragen stellt, gibt es Antworten«, entschied Rachid. Bryan nickte zustimmend.

»Etwas anderes, eine Sonderkommission der Londoner Polizei sucht eine Gruppe, die Menschenhandel betreibt. Einige Seerouten scheinen hier im Norden zu enden. Wales, Schottland, Nordirland. Ich habe dem Chief vorgeschlagen, die Küstenwache darüber zu informieren«, berichtete Bryan weiter. »Das kann ich übernehmen. Ich glaube, eine Einheit der Marine patrouilliert ebenfalls in den Gewässern. Die können wir ebenfalls informieren. Mal sehen, ob wir uns nicht in London Freunde machen können.«

Einige Tage später meldeten sie sich bei Carsten und Andreas an. »Was verschafft uns die Ehre eures Besuchs?«, fragte Carsten schmunzelnd. »Carsten, du batest mich, etwas über Cedrics Mutter in Erfahrung zu bringen. Wir hatten in London Erfolg. Aber es sind keine guten Neuigkeiten«, kam Bryan sofort zum Thema. »Kommt herein und erzählt uns alles. Cedric ist gerade mit Merlin beschäftigt.«

In seinem Arbeitszimmer wählte Carsten die Nummer vom Gewächshaus, wo Andreas war: »Schatz, würdest du bitte zu mir ins Büro kommen? Bryan und Rachid sind da.«

Wenig später stieß Andreas zu ihnen. »Hallo. Was gibt es?« »In London wurde eine weibliche Leiche aufgefunden und alles spricht dafür, dass es sich dabei um Cedrics Mutter handelt. Neben einem positiven DNA-Test haben wir auch persönliche Gegenstände, welche keinen Zweifel aufkommen lassen …«, begann Bryan und schilderte den ganzen Vorgang. »Es tut uns für Cedric leid. Keine Erinnerungen?«, fragte Andreas nach. »Doch. Im Wagen haben wir eine Truhe mit ihren Habseligkeiten. Kleidungsstücke, Haushaltswaren und dergleichen. Daneben etwas Persönliches. Eine Fotografie, ein Talisman und ein Märchenbuch. Diese Gegenstände möchten wir euch geben, damit ihr einmal Antworten auf seine Fragen habt.« Rachid gab ihnen diese drei Gegenstände. Andreas sah sich den Talisman genauer an, was Bryan bemerkte. »Ich habe einen Kollegen gebeten, der mehr über das Schmuckstück herausgefunden hat: Es wurde im späten 9. Jahrhundert in Bagdad angefertigt. Es ist Gold von 23.6 Karat und von einem sehr begnadeten Juwelier angefertigt. Die arabischen Schriftzüge sind kalligraphische Kunstwerke und entsprechen den Schriften eines Ibn Muqla. Da es eine alte Schrift ist, lautet eine sinngemäße Übersetzung: Die Liebe Allahs wohnt in deinem Herzen. Das Märchenbuch ist eine handschriftliche Ausgabe von Tausendundeine Nacht. Dem Einband nach aus dem 18. Jahrhundert. Auch hier war ein Künstler am Werk. Neben der Schrift wurden viele Zeichnungen angefertigt. Der Titel wurde mit Goldfäden in den Einband gestickt. Trotz seines Alters ist das Buch in einem tadellosen Zustand«, schwärmte Bryan. »Zuletzt das Foto«, fuhr Rachid fort, »wir haben es rahmen lassen. Die Ähnlichkeiten sind unübersehbar.« Andreas betrachtete das Bild und stimmte Rachid zu. »Das Buch, das Foto und den Talisman bewahren wir im Kinderzimmer auf. Die Truhe stellen wir oben unters Dach zu unseren alten Sachen.« »Wir haben auch eine Urne mit ihrer Asche …«, begann Rachid. »Da machen wir auf unserem Grundstück eine Gedenkstätte«, unterbrachen ihn Andreas und Carsten gleichzeitig. »Sie gehört zur Familie und wir möchten, dass Cedric einen Ort hat, wo er ihr nah sein kann. Habt ihr irgendwelche Daten von ihr?« »Laut der Einwanderungsbehörde von Wales, dort hat Sahra Abu Dight einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, wurde sie 1998 geboren. Gefunden wurde sie im vergangenen Herbst. Das war alles, was wir in Erfahrung bringen konnten«, berichtete Bryan. »Das reicht vollkommen aus«, meinte Carsten, dann wandte er sich Andreas zu: »Würdest du Zio Jihan damit beauftragen, einen Gedenkstein für sie zu machen? Er möge die Inschrift des Talismans übernehmen.« »Natürlich. Das sind wir Cedric und seiner Mutter schuldig. Rachid, gibt es eine Möglichkeit, Sahra Abu Dight posthum einzubürgern?«, wandte er sich an seinen Bekannten. »Versprechen möchte ich nichts. Ich werde mit der Behörde in Wales sprechen, ob da was zu machen ist. Warum?« »Uns geht es nicht um irgendwelche Rechte, sondern einfach darum, dass sie nicht als illegale Person gilt«, wurde Carsten ernst, der die Absicht Andreas erkannte.

Andreas half, die Truhe ins Haus zu tragen. Dabei stellte er fest, dass diese Truhe handgefertigt war. Es waren schöne Schnitzereien, die allein den Deckel zierten. Die Griffe waren aus poliertem Messing und gaben dem Behältnis eine gewisse Verspieltheit. »Bryan hat diese Truhe anfertigen lassen. Er kennt den Möbelschreiner persönlich. Dabei hat er Wert auf eine authentische Darstellung aus Persien gelegt. Ich muss sagen, es ist wirklich ein Schmuckstück«, schwärmte Rachid. »Sie ist wirklich ein außergewöhnliches Möbelstück. Cedric wird sicher seine Freude daran haben, wenn er darin stöbert. Wohin müssen wir eigentlich?« »Bis unters Dach. Dort haben wir einen Raum, in dem wir selbst einige unserer alten Sachen untergebracht haben. Weder Carsten noch ich konnten uns davon trennen. Du magst es nicht glauben, doch hin und wieder gehen wir dorthin und schwelgen in Erinnerungen an unsere eigenen Kindheitstage. Ich habe dort einen Stofftiger, den meine Eltern mir zu meinem dritten Geburtstag geschenkt haben. Irgendwann wird Cedric ihn bekommen.« »Solche Dinge bewahren wir auch auf. Ich habe noch eine kleine Sammlung an Comic-Heften aus den 1970er-Jahren. Einen Sammlerwert haben sie nicht, dafür habe ich zu viel darin gelesen.«

Im besagten Raum sah es nicht gerade aufgeräumt aus. Vollgestopfte Regale, ein alter Kleiderschrank und viele Kisten. Doch Rachid erkannte ein System in der Beschriftung: Beginnend aus den Kindertagen, über Pubertät und Erwachsenwerden waren die Themen geordnet. Die Truhe von Cedric stellte den Beginn einer neuen Generation dar.

»So, das war es. Was habt ihr noch vor?«, fragte Andreas Rachid. »Wir haben noch einen Termin bei der Küstenwache. Es ist wahrscheinlich, dass Cedrics Mutter über eine Bande ins Land geschleust wurde. Dem wollen wir ein Ende bereiten. Bryan und eine Sonderkommission haben eine Strategie entwickelt und diese wollen wir mit dem Stab der Küstenwache besprechen.« »Sind denn flüchtende Menschen hier nicht willkommen?« »Auf legalem Weg schon. Großbritannien hält sich an die Menschenrechtskonventionen. Asylsuchende Menschen haben Rechte, die wir auch gewähren. Solche Banden beuten die Menschen nur aus und überlassen diese dann sich selbst. Wenn sie aufgegriffen werden, gibt es kaum Chancen und sie werden ausgewiesen. Für legal eingereiste Menschen gibt es viele Organisationen, die helfen, hier eine neue Existenz aufzubauen. In meinem Team habe ich einige Kolleginnen und Kollegen integriert und ich gestehe, sie sind eine Bereicherung mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen.« Andreas nickte zustimmend, auch wenn er sich nicht damit beschäftigte. Am Portal verabschiedeten sie sich und wünschen den beiden viel Erfolg.

»Guck mal, Cedric, Charaid macht dir einen Besuch«, lenkte Merlin beim Spielen die Aufmerksamkeit des Jungen auf den Kater. »Mao«, freute sich Cedric und krabbelte auf das Tier zu. Charaid ließ sich von kleinen Händen streicheln und Merlin stellte wieder einmal fest, wie vorsichtig der kleine Mann dabei war. Nachdem der Kater genug hatte, wollte Cedric einen Kakao haben und Merlin ging mit ihm in die Küche. Gemeinsam suchten sie sich die Zutaten für das Getränk zusammen und Cedric durfte bei der Zubereitung helfen. »Das macht ihr beiden sehr gut«, kommentierte Andreas die Aktion. »Ich dachte mir, Cedric lernt noch dazu. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ich lerne von ihm«, lächelte Merlin verschmitzt. »Kakao kochen kann er schon recht gut. Immerhin geht es um sein Getränk. Was gibt es Neues zum Schulbesuch?« »Soweit läuft alles ganz gut. Lediglich wird auf der Highschool eine Schuluniform getragen.« »Ist sicher nicht günstig für dich. Die musst du doch selbst bezahlen, oder irre ich mich?«, ging Andreas darauf ein. »Leider. Ich mag es zwar nicht, uniformiert herumzulaufen, doch es geht kein Weg daran vorbei.« »Dann besorge dir diese Kleidungsstücke und wir begleichen die Rechnung. Auf meinem Internat gab es auch offizielle Schulkleidung, wenn auch in moderner Form, aber sie gibt jedem ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl.« Dann grinste Andreas etwas diabolisch: »Wir freuen uns schon darauf, wenn Modenschau ist.« Merlin sah erschrocken auf. »Das ist nicht dein Ernst?« »Doch, deine Sponsoren wollen doch wissen, wofür sie Geld ausgeben. Obendrein solltest du schon wissen, wie sich die Kleidung trägt.« »Baba, mehr Kakao?«, unterbrach Cedric. Andreas füllte das Getränk nach. »Hier ist schon dein Kakao.« Sein Sohn wirkte zufrieden und trank. »Was habt ihr eigentlich gespielt?« »Zuerst haben wir mit einem Ball gespielt. Da hat er mir schon gezeigt, wie gut er ist. Anschließend hat er seinem Teddy wohl erzählt, was ich doch für ein schlechter Gegner bin. Clòimh besuchte uns kurz und da entdeckte er, wie schön es doch ist, mit einem kleinen Hammer auf diverse Gegenstände zu hauen. Also Carsten sollte sich als Musiker schon warm anziehen, wenn die beiden musizieren.« Dabei zwinkerte er Andreas verschwörerisch zu. »Zuletzt wollte er seinem Holzhund zeigen, wie gut er schon Häuser bauen kann. Unterbrochen wurde er von unserem kleinen Kater. Etwas streicheln und Cedric war zufrieden mit sich und der Welt. Als sich Charaid zurückzog, hatte der Junge Verständnis und war nicht enttäuscht.« »Im Umgang mit den Tieren scheint er eine gesunde Einstellung zu haben. Er weiß, dass sie auch ihre Ruhephasen benötigen«, bestätigte Andreas sein Verhalten. »Dann hat er nach einem Kakao verlangt. Wie es weiter geht, weißt du ja.« »Das war ein wirklich interessanter Vormittag für den Jungen. Dann wird es wohl bald Zeit für eine Siesta sein«, orakelte Andreas. Wie auf Stichwort meldete sein Sohn eine Pause an. Andreas nahm sich seiner an und brachte ihn in sein Tagesbett. Kaum streckte der Junge alle Viere von sich, schlief er auch schon. Ihm leisteten die Hunde Gesellschaft.

»Tiger, wann hast du vor, Gassi zu gehen?«, stellte er eine nicht unbedeutende Frage. »Noch ist es zeitig, in zwei Stunden vielleicht. Heute dürfen sie einen Gang zurückschalten und relaxen. Was macht Cedric?« »Der schläft. Ich habe ihn vorhin hingelegt. Die Hunde sind bei ihm. Wirst du ihn mitnehmen?« »Er war heute viel im Haus. Ich denke, einem Spaziergang wird er nicht abgeneigt sein. Wenn wir dann unterwegs sind, stellst du dann die persönlichen Gegenstände in seinem Zimmer auf?« »Nein, das machen wir jetzt sofort.« Gesagt, getan. Das Bild stellte er auf den Kaminsims auf, so dass seine Mutter zum Bett hinübersah. Den Talisman und das Buch legte Carsten in die oberste Schublade seiner Kommode. »Ich habe mit Zio Jihan telefoniert. Wir sollen ihm ein Bild des Anhängers schicken und er kümmert sich um den Rest. Er fand die Idee ansprechend und wirkte begeistert, dass wir das Andenken bewahren.« »Das kann ich mir gut vorstellen«, begann Andreas auf dem Weg zum Salon, »Zio Jihan ist nicht wirklich ein Onkel der Familie. Er selbst war ein Flüchtling und fand bei den Eltern meiner Nonna die Unterstützung, welche der Staat ihm versagte. Er wuchs quasi mit Nonna auf. Meine Mutter und ihr Bruder nannten ihn einfach immer Zio und so wurde es für uns zur Gewohnheit. In seinem Schaffen als Künstler lässt er viel aus dieser Zeit einfließen. Ich denke, er wird einen schlichten Gedenkstein aus dem Material ihrer Heimat kreieren.« »Dann bin ich mal gespannt.« »Jedenfalls wird Cedric einen Ort haben, an dem er ihr nah sein darf.«

Cedric war begeistert, als sein Papa mit ihm spazieren gehen wollte. Im Porch schlossen sich die Hunde an und da wusste der kleine Mann, was Sache ist. »Was meinst du, halten die Hunde eine Stunde durch?«, fragte er Cedric. Es dauerte etwas, bis der Junge ihm antwortete: »Dada, da! Abba du au?« »Mit dir an meiner Seite halte ich auch eine Stunde durch.«

Unterwegs erzählte Cedric, was er so sah. Zumindest interpretierte das der Papa aus dem, was er von seinem Sohn hörte. Da die Hunde im Rudel die Gegend erkundeten, ertastete sich Carsten mit seinem Stock den Weg. Cedric fand es ganz interessant. Plötzlich sah er einen Vogel hoch über sie fliegen und wollte partout wissen, was das für ein Tier ist. Carsten wusste nicht, was sein Bub mit ›No Dada da‹ meinte. »Hallo Carsten«, grüßte ihn Ben. »Hallo Ben. Kannst du mir einmal helfen? Cedric will etwas wissen und beschreibt es mit ›No Dada da‹, ich weiß absolut nicht, was er meint.« »Wenn ich ihn so sehe, zeigt er zum Himmel. Er könnte den Vogel meinen«, schlussfolgerte der Wirt. »Das meinst du, Cedric, den Vogel am Himmel?« »Da. No Dada da.« »Dann lass uns einmal herausfinden, was das für ein Vogel ist. Wenn du genau hinhörst, können wir den Vogel bestimmen.« Der Junge guckte seinen Papa an und schwieg. Carsten konzentrierte sich und blendete, so gut er es konnte, die Umgebungsgeräusche aus. Aus der Entfernung hörte er den Schrei eines Raubvogels. »Ah, das ist ein Bussard auf der Suche nach Beute. Hast du seinen Ruf auch gehört?« Ben sah den Jungen, wie er nachdachte. »Alle Achtung, Carsten. Woher kennst du den Schrei?« Carsten lächelte verlegen: »Wenn man einen Tierarzt zum Vater hat, bleibt so etwas nicht aus. Mit Paul habe ich so manche Stunde auf einem Hochsitz verbracht, nur damit ich lernte, die Vögel zu unterscheiden und zu identifizieren.« »Das ist keine vergeudete Zeit gewesen. Heutzutage lernen die Kids nur noch am Computer, anstelle in die Natur zu gehen. Ich denke, mein Enkel kennt sich mit den unterschiedlichen Vögeln nicht aus.« »Cedric ist gern hier draußen. Besonders, wenn die Hunde dabei sind. Bist du allein hier?«, fragte Carsten nach. »Nein, Wolf ist bei mir, obwohl er sich gerade mit eurem Briard balgt. Es sieht alles sehr friedlich aus.« »Clòimh scheint einiges nachzuholen, was Freundschaften betrifft. Davon hatte er in seinem vorherigen Leben scheinbar wenig gehabt«, pflichtete im Carsten bei. »Der Wanderweg ist zur Zeit wegen Bauarbeiten gesperrt. Andreas meinte, dass es wohl noch gute drei Wochen dauern wird, bis er der Öffentlichkeit wieder zugänglich ist.« »Soweit wollten wir auch nicht gehen. Gwenda hält gerade die Stellung im Pub. Es war einfach Zeit, Wolf mehr Freiraum zu geben.« »Wenn du magst, dann darfst du uns begleiten. Wie gehen eine große Runde an unserem Tor vorbei. Dann kannst du von dort aus zurück gehen.« »Der Vorschlag hat etwas für sich, so spare ich gut eine Viertelstunde ein und Wolf hat dann hoffentlich genug getobt.« Carsten fragte Ben, ob er ihn führen könne. Es war für den Wirt etwas ungewohnt, doch stimmte er zu. An der Pforte trennten sich ihre Wege und selbst die Hunde schienen genug gehabt zu haben. Leonardo gesellte sich zu seinem Herrchen, während Salvatore und Clòimh die Nachhut bildeten. Im Porch half Cedric Carsten bei der Kontrolle der Tiere, indem er sie streichelte. »Das hast du sehr gut gemacht«, lobte der Papa seinen Sohn. »Da Abba. Dada nun buh buh mach?«, fragte er nach. »Wenn sie wollen, dürfen sie jetzt ausruhen. Später, wenn du im Bett bist, lass ich sie noch einmal im Garten. Salvatore wird danach bei dir schlafen«, informierte Carsten Cedric. »Good«, bestätigte der kleine Mann, »Abba? Cedic Mil?« »Wir sehen mal nach. Möchtest du denn keinen Kakao?« »No. Mil.« Carsten ging mit Cedric auf dem Arm den Hunden hinterher. In der Küche war Andreas dabei, das Dinner vorzubereiten. »Schatz, unser Sohn möchte heute Milch.« Der Angesprochene sah die beiden einen Wimpernschlag an: »Gut. Während ihr die warmen Sachen auszieht, mache ich eine Tasse warme Milch.« »Was meinst du zu dem Vorschlag?«, fragte Carsten den Jungen. »Baba mach Mil?« »Ja, eine ganze Tasse nur für dich«, pflichtete Andreas ihm bei. Carsten beeilte sich, seinen Sohn und sich umzuziehen. Als sie dann wieder bei Andreas eintrafen, wartete eine warme Tasse Milch auf Cedric. Der Junge schien durstig zu sein. »Wie war denn eure Runde?«, interessierte sich Andreas. »No Dada da. Abba …« Andrea verstand rein gar nichts von dem, was Cedric von sich gab. Carsten sah sich bemüht, ihm das kleine Abenteuer zu erläutern. »Das alles hast du erlebt? Wow. Dann bist du jetzt bestimmt auch hungrig. Da habe ich etwas ganz Leckeres für dich zubereitet.«

Die kleine Schüssel mit dem Pudding war schnell geleert und den kleinen Mann zierte rund um den Mund ein Schokoladenbart. Behutsam wischte Andreas seinen Mund sauber. »Baba spielen Teddy?« Andreas nahm ihn aus dem Stuhl und sah sich um. »Wo ist denn dein Teddy?«, fragte er ihn. Cedric schien nachzudenken, was diese Frage zu bedeuten hatte. Carsten beantwortete stattdessen die Frage: »Im Salon hatte er ihn noch.« »Dann gehen wir nachsehen«, entschied Andreas. Der Teddy lag auf der Couch. Cedric sah ihn und meinte schlicht: »Teddy da!« und zeigte auf sein Kuscheltier. Wenige Minuten später beschäftigte sich der Junge mit dem Spielzeug. Sein Vater beobachtete ihn eine Weile und ging anschließend zurück in die Küche. »Du hattest recht, der Teddy lag auf der Couch. Jetzt ist er eine Weile beschäftigt.« »Ist er denn allein dort?«, fragte Carsten, wobei er dabei war, das Hundefutter zuzubereiten. »Nein, Leonardo und Salvatore chillen auch dort. Es kann ihm nichts passieren«, beruhigte Andreas ihn. »Was möchtest du heute zum Dinner?« »Ist es nicht noch ein wenig früh dafür?« »Kommt darauf an, für ein kaltes Essen schon, doch etwas Warmes braucht seine Zeit.« »Wie wäre es mit Pizza?«, schlug Carsten vor. »Eine gute Idee. Vegetarisch?« »Ich bin für alles offen. Könnte Cedric nicht auch eine eigene Pizza bekommen?« »Klar, ich mache ihm eine einfache Margherita, seinem Bedarf angepasst. Nonno hat mir das Wesentliche für Kinderpizza erklärt, gerade was die Gewürze betrifft.« »Dann nehme ich auch eine.« »Kinderpizza?«, wurde Andreas keck. »Margherita! Schatz«, schallte es ihm humorvoll entgegen. Andreas machte sich ans Werk.

Gerade hatte er den Teig fertig und stellte ihn zum Gehen warm, da schallte es lautstark aus dem Salon. Alarmiert gingen beide Väter nachsehen. Was Andreas sah, überraschte ihn. »Carsten, unserem Sohn geht es gut.« »Was hat er denn?«, wollte er besorgt wissen. »Seinen nächsten Schritt getan. Salvatore und Leonardo stehen seitlich von ihm und geben ihm Sicherheit. Cedric steht, noch auf wackeligen Beinen, zwischen ihnen und hält sich an den Hunden fest. Dieser Erfolg schien ihn selbst zu überraschen und er artikulierte ihn lautstark.« Andreas führte Carsten zu den dreien und dann lobten beide Papas Cedric für dessen Leistung. Andreas löste die Hunde ab und nahm ihren Sohn an seinen kleinen Händen. Andreas spürte, wie dem Jungen langsam die Kraft ausging und nahm ihn auf den Arm. Zur Belohnung gaben ihm beide Papas ein dicken Kuss. Andreas sah aus dem Augenwinkel, wie Freudentränen über Carstens Gesicht liefen. In diesem Augenblick wurde ihm wieder Bewusst auf was Carsten alles verzichten musste.

Das Dinner übertraf allen Erwartungen der Hausbewohner. Edward fühlte sich wie in ›Italien‹, wo er als Student einmal Urlaub gemacht hatte. Merlin hatte diese Erfahrung noch nicht machen können, doch die Pizza weckte sein Interesse an dem Kontinent. Für Cedric war die Pizza nicht größer als ein Toast, welche er bequem auch in die Hand nehmen konnte. Erst war der Junge argwöhnisch über ein so seltsames Brot. Dann siegte seine Neugier. Er biss ein kleines Stückchen vom Rand ab. Andreas sah ihn ein wenig nachdenklich kauen. Dann hellte sich sein kleines Gesicht auf. »Baba? Keks?«, fragte er nach. »Nein, es ist eine Pizza. Wo deine Nonni zuhause sind, da ist es ein typisches Gericht.« »Pissa?« »Genau. Wenn wir deine Nonni besuchen, macht Nonno sicher eine ganz leckere nur für dich«, versprach ihm Andreas. Cedric machte große Augen und wiederholte das Wort. Dann giggelte er etwas und aß begeistert weiter. Während der Junge sich seiner Pizza widmete, erzählte jeder von seinem Tag. Als die stolzen Väter von dem Erfolg ihres Sohnes berichteten, freuten sie sich. »Wir hoffen auf eure Unterstützung, wenn Cedric seine ersten Gehversuche probiert. Macht ihm Mut, wenn es mal nicht geht oder ihm seine Kondition ausgeht. Nehmt euch für ihn Zeit, selbst wenn andere Aufgaben zurückstehen müssen«, bat Carsten. »Ist doch selbstverständlich«, bestätigten Edward und Merlin gleichzeitig.

Die Küche räumten sie gemeinsam auf und nachdem beide Papas ihren Sohn zu Bett gebracht hatten, ließen sie den Abend bei einem Brettspiel im Salon ausklingen. Nachdem Andreas und Carsten ihre letzte Runde im Haus absolviert hatten, zogen sie sich auf ihr Zimmer zurück.

»Danke, Schatz«, sprach Carsten in die Dunkelheit. »Wofür?« »Ich fühlte deine Emotionen, du warst traurig, dass ich Cedrics Erfolg nicht sehen konnte. Sicher macht es mir etwas aus, doch es ändert nichts an der Tatsache, dass ich blind bin. Deswegen bin ich nicht weniger stolz auf die Leistung, die unser Sohn da vollbracht hat.« »Du hast es gespürt?« »Für eure Gefühle scheine ich einen siebten Sinn zu haben. Ja, ich habe deine Gefühle gespürt. Auch die von Cedric. Er wunderte sich über die neue Perspektive. Dabei weiß er noch nicht einmal, dass es ein entscheidender Fortschritt in seinem Leben war. Unser Leben wird nun wieder eine Wendung erfahren. In der ersten Zeit werden wir uns Sorgen machen, wenn er hinfällt, sich anstößt oder ihm die Kraft ausgeht, er wütend darüber ist und eine Pause machen muss, um neue Kraft zu sammeln. Wir werden ihn begleiten und Minischritte machen, nur damit er sich nicht verausgabt. Wenn er den Dreh heraus hat und sicher läuft, dann werden wir ihm so manches Mal hinterherlaufen. Ich habe das alles schon bei Ercan erlebt und bin glücklich, das auf meine Weise erlebt zu haben. Jetzt erlebe ich dieses Glück wieder und glaube mir, es erfüllt mich mit Zufriedenheit.« Andreas benötigte etwas, um das Gehörte zu verarbeiten. »Du stellst meine Perspektive immer wieder auf den Kopf.« Carsten freute sich über das versteckte Kompliment darin. Dann drehte er sich zu seinem Liebsten um. Es wurde mehr als nur ein leidenschaftlicher Kuss und eine kürzere Nacht.

Chapter 28

In den folgenden Tagen halfen Cedrics Väter ihm, sicher zu stehen. Sie nahmen ihn an die Hand oder stützen ihn einfach. Carsten animierte Cedric spielerisch aufzustehen. Dem Jungen gefiel es einfach, sich an seinem Papa hochzuangeln. Wenn Andreas und Carsten spürten, dass ihm die Kraft langsam ausging, nahmen sie ihn auf den Arm, gaben ihm einen Kuss oder knuddelten ihn. Oft hielt sich der Junge auch an den Hunden fest, die in etwa seiner Größe entsprachen. Es gab auch einige Änderungen in seinem Tagesablauf. Carsten hatte mit Andreas über den Wechsel zur großen Badewanne gesprochen. Mit einer rutschfesten Matte und einigen Handläufen, welche mit praktischen Saugern versehen waren, konnte Cedric nach Herzenslust seinem Bewegungsdrang nachkommen. Mrs Sánchez nahm es gelassen, wenn sie das Bad nach einer Planschsession reinigte. Auch unterbrach sie ihre Tätigkeit, wenn Cedric sich an ihre Schürze klammerte. Es dauerte kaum eine Woche, da sah Andreas seinen Sohn mit den Hunden auf dem Rasen spielen. Wie so oft nutzte Cedric die Gelegenheit und hielt sich an Leonardo fest, wenn er aufstand. Salvatore beobachtete einen Augenblick die beiden und sein Instinkt sagte ihm, dass der richtige Moment gekommen sei. Mit seiner Schnauze gab er dem Jungen einen kleinen Schubs in den Rücken. Cedric wunderte sich über den kleinen ›Bums‹ und verlor sein Gleichgewicht. Aus einem Impuls heraus machte er einen kleinen Schritt nach vorn. Begleitet von Leonardo und verhinderte somit, dass Cedric hinfiel. Diese positive Erfahrung animierte das Kind, sein zweites Beinchen ebenfalls nach vorn zu bewegen und stand wieder sicher. »Carsten, kommst du mal?«, rief Andreas. »Was gibt es?« »Unser Sohn hat soeben seinen ersten Schritt getan. Ich glaube, wir sollten zu ihm gehen und gemeinsam seinen Erfolg loben.« Kaum betraten die beiden die Terrasse, hörten sie ihren Sohn rufen: »Baba, Abba!«

Andreas führte seinen Tiger zu ihrem Sohn und sie blieben einen halben Meter vor ihm stehen und gingen in die Hocke. Cedric hatte der Ehrgeiz gepackt, mit den Hunden an beiden Seiten überwand er diese kurze Strecke und wurde mit offenen Armen empfangen. »Wow Cedric, das hast du wirklich gut gemacht«, lobten sie ihren kleinen Helden. Dann gaben sie ihm einen Kuss. »Cedric Kakao haben!«, meinte er lediglich. »Den machen wir dir. Damit du später weiter spielen kannst«, beantwortete Carsten den Wunsch. Carsten nahm ihn hoch und gemeinsam gingen sie ins Haus. Erst nach der dritten Tasse hatte der kleine Mann genug. »Abba?«, fragte er, »Buh buh machen?« »Du möchtest dich etwas hinlegen? Dann darfst du das auch.« Carsten nahm Cedric aus dem Stuhl und ging mit ihm in den Salon. Dort legte er ihn auf die Couch und deckte ihn zu. Wenig später vernahm Carsten gleichmäßige Atemgeräusche und tapsende Hundepfoten. »Danke für eure Hilfe. Ruht euch aus, Cedric will sicher noch mit euch toben«, flüsterte er ihnen zu. Dann verzogen sich die Hunde auf ihre Schlafplätze.

In der Küche räumte Andreas etwas auf. »Das war eine wirklich reife Leistung. Ob die Hunde wussten, dass Cedric soweit war?«, fragte er Carsten. »Ich denke schon. Cedric hat mit ihnen sehr viel Zeit verbracht und sie waren immer an seiner Seite.« »Dann hat Salvatore ihm nur den entscheidenden Impuls gegeben!« »Genau. Die Tiere haben sich auf ihren Instinkt verlassen und auch bemerkt, dass Cedric bereits sicher auf seinen Beinen steht«, vermutete Carsten in seiner Antwort. »Lust auf einen Kaffee?«, fragte Andreas. »Nein, wir haben doch diesen leckeren Kakao.« Andreas schüttelte nur seinen Kopf. Wenig später servierte er zwei Tassen heiße Schokolade mit einer Sahnehaube.

»Sag mal«, begann Carsten, »wie kommst du mit dem Oxford-Projekt voran?« Andreas sah Carsten erstaunt an. »Recht gut. Einen Entwurf habe ich bereits fertig. Diesen habe ich bereits Arthur gemailt, mit der Bitte, dass Layla entsprechende Modelle für den plastischen Entwurf besorgt. Ich weiß nicht, woher sie immer die Gegenstände bekommt, doch es sind die richtigen. Sehe ich in einem Entwurf einen Laubbaum, Nadelbaum oder Blumenbeet vor, hat sie die entsprechenden Miniaturen parat.« »Vielleicht hat sie in ihrem Bekanntenkreis jemanden, der sich für solche Miniaturen begeistern kann und sie selbst herstellt. Daneben gibt es sicher auch Geschäfte, die sich auf den Modellbau spezialisiert haben. Ich vermute auch, dass sie einen Vorrat an diesen Gegenständen hat. In deiner Sandkiste verwendest du deine Miniausgaben ja auch öfters für unterschiedliche Modellbauten.« Andreas lachte laut los: »Natürlich, warum bin ich nicht auf diesen Gedanken gekommen? Layla hat bestimmt eine eigene Ablage dafür eingerichtet und viel Platz benötigen diese Dinge ja nicht. Aber für einen weiteren Entwurf habe ich noch keine richtige Idee. Arthur möchte einen weiteren haben, damit wir bei der Bewerbung eine Alternative präsentieren können.« »Hast du dir das Gelände mal persönlich angesehen? Ich meine, nur Fotos und Aufnahmen einer Drohne haben nur eine begrenzte Dimension. Es fehlen deine Emotionen, wenn du dir selbst von der Anlage ein Bild machst«, erklärte sich Carsten. Sein Gegenüber dachte darüber nach und trank gedankenverloren seinen Kakao. Dann kam er zu einem Entschluss: »Hast du in den nächsten Tagen Termine?« »Nein, warum?« »Machen wir einen Familienausflug nach Oxford und besuchen die Örtlichkeit. Setzen wir deinen Vorschlag einfach in die Tat um.«

Schon am folgenden Tag wurden sie am London Oxford Airport bereits von einem Shuttle ihres Hotels erwartet. Der Chauffeur half beim Verstauen ihres Gepäcks und ließ seine Fahrgäste einsteigen. Im Hotel war ein geräumiges Zimmer für sie vorbereitet. Selbst ein Kinderbett für Cedric war aufgestellt worden und Wassernäpfe für die Hunde. Cedric empfand das alles als ein großes Abenteuer und war lebhaft dabei. Seine neuen Fähigkeiten kamen dabei nicht zu kurz. Er konnte mit Andreas’ oder Carstens Hilfe einige Schritte machen und überwand so einige Meter. Solche Erfolge belohnten die Väter mit vielen Zuwendungen und gemeinsamem Toben.

Im Restaurant bekamen sie einen etwas abgelegenen Tisch, wo auch beide Hunde ihre Rationen bekamen. Andreas hatte den Verdacht, dass Charles aus ihrem Stammhotel seine Finger mit im Spiel hatte. »Sag mal Carsten, hast du unser Hotel von diesem Abstecher informiert?« Carsten sah ihn kopfschüttelnd an: »Warum sollte ich das tun?« »Dieses Arrangement, unser Zimmer und alles wirkt wie im ›Three golden Stars‹«, beantworte Andreas die Frage. Dann wurde ihr Dinner serviert. Jetzt war auch Carsten über den Service verwundert. Er winkte dem Oberkellner: »Darf ich Sie fragen, woher sie unsere Gewohnheiten kennen?« »Der Concierge hat nach ihrer Anmeldung mit ihrem Stammhotel gesprochen. Er war bei Ihrem ersten Besuch in London dort Page. Sie haben wohl einen positiven Eindruck bei ihm hinterlassen«, wurde der Oberkellner ausführlich. »Ich danke ihnen.« Dann wandte er sich seiner Familie zu: »Schatz, wir haben wohl als Teenager alles richtig gemacht.« Andreas lächelte bei der Erinnerung und wurde in seinen Gedanken von Cedric unterbrochen: »Baba trinken?« Irritiert sah er zu der Kindertasse, die bereits leer war. Dann füllte er diese frisch auf. Zufrieden trank Cedric und wenig später widmete er sich seinem Kinderdinner. Weder Carsten noch Andreas brauchten ihn dabei unterstützen. Lediglich wischte Andreas ihm zwischendurch seinen Mund ab. »Also entweder hat der Concierge gründlich recherchiert oder der Koch ist Italiener. Mein Steak schmeckt mediterran mit einer leichten Schärfe.« »Ich vermute, er hat in Italien gelernt. Das Roastbeef ist à Point und die Sauce dazu ist bodenständige englische Küche. Dagegen sind meine Pommes Frites bereits leicht gewürzt. So etwas habe ich das letzte Mal in Brüssel gegessen, nach dem Konzert mit dem Belgian National Orchestra.« Andreas stibitze eine Kartoffelstange und konnte seinem Gatten nur zustimmen. Seinem Papa folgend, nahm sich auch Cedric eine der gelben Stangen und probierte. Andreas hatte keine Bedenken. »Sorry, Carsten, du hast zwei Pommes Frites weniger. Cedric scheinen sie ebenfalls zu schmecken und ja, sie sind nach einem kontinentalen Rezept gemacht.« Carsten lächelte etwas zu der Beichte, dann: »Ich werde sicher deswegen nicht verhungern. Was es wohl zum Nachtisch geben wird?«

Lange brauchten sie nicht zu warten und der Kellner servierte ihnen Eis. Für Cedric hatte der Koch daraus einen kleinen Wichtel kreiert. Nach dem Essen wünschte die Familie, den Chef de Cuisine zu sehen. Der Meister seiner Zunft trat an ihren Tisch. »Haben Sie etwas zu beanstanden?«, fragte er höflich nach. »Nein, es ist alles zu unserer Zufriedenheit. Das Dinner hat uns allen zugesagt. Dürfen wir Sie fragen,« begann Andreas, »wo sie ihre Künste gelernt haben?« Der Koch wunderte sich zunächst, doch die freundliche Art, wie die Frage gestellt wurde, überzeugte ihn. »Gelernt habe ich in Strasbourg. Anschließend habe ich mich in Europa umgesehen. In der Schweiz, in Belgien, Deutschland, Spanien, Portugal und Italien. Überall war ich mindestens für ein halbes Jahr und habe die kulinarischen Besonderheiten kennengelernt. Als Küchenchef habe ich mir zur Gewohnheit gemacht, meine Speisen international zu kreieren. Es sei denn, der Gast wünscht etwas anderes. Weiter habe ich mich dazu entschieden, meine Zutaten regional zu beziehen. Dem Trend entsprechend habe ich auch einen Commis de Cuisine mit bereits umfangreichem Wissen der veganen Küche in meinem Stab.« Dann schien es Carsten, der Koch würde etwas zögern. »Ich gestehe, dass ich mich bei meinem Kollegen in London informiert habe, als ich erfahren habe, wer in unserem Haus logieren wird. Daher habe ich für Sie speziell dieses Menü zusammengestellt. Selbst die Speisen des jungen Herrn sind nach seinen Empfehlungen zubereitet worden. Ich hoffe, Sie nehmen mir meine Initiative nicht übel.« Andreas zog lediglich seine Augenbrauen etwas hoch: »Bestimmt nicht. Wir bitten Sie lediglich darum, es nicht publik zu machen. Es entspricht nicht unserer Art von einer bevorzugten Behandlung, wenn unsere Namen fallen.« Erleichtert bestätigte der Chef de Cuisine Andreas’ Bitte. »Darf ich Sie fragen, was Sie zum Frühstück wünschen?« »Lediglich für unseren Sohn ein entsprechendes Kinderfrühstück mit Schafsmilch-Kakao und für unsere Hunde etwas Frischfutter. Wir selbst begnügen uns mit einem Frühstücks-Büfett«, gab Carsten Auskunft. Wohlwollend nahm der Koch die Bestellung entgegen und verabschiedete sich.

»Abba, Dadas buh buh machen?«, fragte Cedric seinen Papa. »Später, jetzt gehen wir kurz mit den Hunden Gassi.« »Good.« Andreas nahm sich ihres Sohnes an und Carsten der Hunde. Gemeinsam gingen sie eine Viertelstunde spazieren. Danach machte Andreas ihren Sohn bettfertig. Kaum streckte Cedric alle Viere von sich, schlief er auch schon. Beide Hunde gesellten sich zu seinem Bett und legten sich dort auf bequeme Hundedecken. Selbst die Väter bleiben nicht lange auf. »Morgen gehen wir zum Projektgelände«, flüsterte Andreas Carsten zu.

Auf dem Universitätsgelände entsprach der historische Lehrgarten Andreas’ Vorstellungen. Es war eine schöne Anlage und wurde mit viel Liebe gepflegt. Cedric zeigte ein reges Interesse an dieser grünen und bunten Welt. Andreas beantwortete ihm sehr viele Fragen und auch Carsten empfand diesen Garten als eine Oase der Ruhe mitten in der Stadt. Das Campusgelände war genau das Gegenteil dazu. Trotz dass Gärtner ihn zu pflegen versuchten, blieb es bei dem Versuch. Die Architektur der sechziger Jahre lud weder zum Verweilen ein noch wurde er als Grünanlage respektiert. Sowohl Andreas als auch Carsten spürten, dass selbst die Hunde sich da nicht wohlfühlten. »Also«, begann Andreas, »für einen zweiten Entwurf habe ich noch keine Inspiration. Es sieht noch trostloser aus als auf den Photos und dem Video.« »Ich stimme dir zu, es duftet hier noch nicht einmal nach Natur. Wenn ich Mamas Garten betrete, dann schlägt mir das ganze Bouquet der Natur entgegen. Thymian, Rosmarin und die Aromen des Kräutergartens wirken beruhigend. Die süßlichen Rosendüfte und die der anderen Rabatten laden zum Verweilen ein. Alles wird durch das harzige Aroma der Kiefer und des Tannenbaums abgerundet. Dann die ganzen Geräusche der Vögel und der anderen Tiere. Ich habe das Gefühl, hier besteht alles aus Beton. Lernen die Studenten nicht mehr in der Natur?«, schloss Carsten seine Empfindungen mit einer Frage ab. »Abba? Dadas no spielen?«, kommentierte Cedric das Verhalten der Hunde. Andreas kamen Erinnerungen beim Besuch von Luise und Paul. Arco und später auch Max und Leon wälzten sich immer auf den Rasen und Max tapste oft durch die Kräuter und roch anschließend entsprechend. Selbst bei ihnen zuhause liebten ihre Vierbeiner im Garten zu toben, selbst wenn anschließend mal Pfotenabdrücke in den Beeten erkennbar waren. Als Andreas ihren Garten gestaltete, hatte er auch einen natürlichen Bereich mit Pflanzen für die Tiere eingerichtet. Für einen flüchtigen Moment hatte er eine Idee: Die Anlage brauchte Farbe und eine robuste Fläche. »Carsten, kannst du deine Gedanken mal im Hinterkopf behalten?« »Kein Thema. Warum?« »Mir krabbelt da eine Idee für einen weiteren Entwurf im Kopf«, beantwortete Andreas die Frage. »Etwas Neues?« »Nicht grundlegend. Lediglich eine alternative Version meines ersten Entwurfs. Einige Elemente durch Blumenbeete ersetzten, wo die beiden Gärten aufeinander treffen. Quasi einen weichen Übergang zwischen beiden Anlagen. Abgerundet durch einige Nadelbäume anstelle der Laubbäume. Die Geräuschkulisse um einen modernen Springbrunnen erweitert und eine Liegefläche, die zum Picknicken und Ausruhen einlädt. Damit bekäme diesem Teil eine entsprechende Bedeutung zu.« »Klingt gut. Was ist mit den Häusern?« »Da bleibt es bei meinem ersten Entwurf. Viel Spielraum habe ich da auch nicht, da bestimmte Sicherheitsvorschriften eingehalten werden müssen: Barrierefreie Zugänge, Brandschutz und Rettungswege schränken eine umfangreiche Begrünung einfach ein. Etwas Grün, um die Häuser und die Hauptwege zu Alleen gestalten. Das passt am besten zur Architektur der sechziger Jahre.« »Sag mal, bei den Wegen bist du doch der verantwortliche Landschaftsgärtner, hast du da auch Orientierungshilfen vorgesehen?« »Selbstverständlich. Die Wege werden mit entsprechende Pflastersteinen versehen, die Orientierungshilfen habe ich darin integriert. Dazu entsprechende Hinweise in Braille und Symbolen. Selbst ohne Ortskenntnisse findet jeder sein Ziel. Arthur unterstützt diese Innovation, indem er in den Häusern diese weiterführt. Wir wollen die Selbständigkeit der Menschen fördern.« Carsten war angenehm überrascht über die Philosophie des Architekten. Dennoch spürte er auch, dass die Location weder Cedric noch den Hunden zusagte. »Komm, lass uns gehen. Ich sehe, dass Cedric sich hier nicht wohl fühlt. Gehen wir an der Cherwell entlang, dort sollten wir alle auf unsere Kosten kommen«, schlug Andreas seiner Familie vor. Eine Wiese am Fluss sagte dem Jungen schon mehr zu und er durfte dort mit den Hunden ausgiebig spielen. »Ich wundere mich ein wenig«, begann Carsten, »der Campus passt doch architektonisch nicht zur Universitätsstadt.« »Der Campus wurde Ende der fünfziger Jahre nötig, um günstigen Wohnraum zu schaffen. Er liegt abseits der Stadt und war wohl seinerzeit ein Schnäppchen für die Stadt. Arthur meinte, dass man architektonisch experimentieren konnte, da es keinen Bezug zum bekannten Stadtbild Oxfords gibt. Der Modernen entsprechend, wurden Baumaterial und Philosophie der Architektur angewandt. Der Lehrgarten dagegen wurde bereits im späten 17. Jahrhundert angelegt. Da galt es wahrscheinlich, ausreichend Fläche zum Expandieren zu haben. Ob es der Zufall war oder gewollt, konnte selbst Layla mit einer gründlichen Recherche nicht herausfinden, warum sich beide Bereiche da berühren. Für mich ist es jedenfalls ein Glücksfall und eine wirkliche Herausforderung. Selten bekomme ich eine Gelegenheit wie diese, eine Ära von mehr als 400 Jahren mit wenigen Yards zu verbinden.« »Das ist eine Eigenschaft, die ich an dir liebe. Wenn es einer schafft, dann du.«

Edward saß noch am Frühstückstisch, als Merlin verschlafen am Samstag die Küche betrat. »Morgen, Edward«, begrüßte der Jugendliche ihn müde. Edward sah ihn schmunzelnd an: »Ist gestern spät geworden?« »Ja. Die Lehrer in der Schule haben uns eine Menge Hausaufgaben aufgegeben. Gestern habe ich mich dann noch mit der modernen Literatur beschäftigt. Anscheinend ist das der diesjährige Schwerpunkt in den Prüfungen.« »Was glaubst du, wird in der Prüfung davon verlangt?«, interessierte sich der Verwalter und schenkte Merlin einen kräftigen Tee ein. Dankbar nahm der Teenager das Getränk an. »Da wir das Thema jetzt über zwei Wochen behandeln, liegt die Tendenz bei einer analytischen Erörterung der postmodernen Literatur.« Dann besann er sich auf die Veränderungen im Park. »Viktor, Andrew, Sam, Andreas und einige Helfer haben diese Woche den Bereich um die Brücke und den neuen Weg fertiggestellt«, berichtete Edward. »Der Burn ist bereits renaturiert. Kommende Woche geht es daran, den alten Weiher wieder herzustellen.« »Fließt denn schon Wasser durch den Bach?«, wurde Merlin neugierig. »Etwas mehr als zuvor. Richtig viel wird es wohl erst, wenn der Mühlteich freigelegt wurde. Andreas ist sogar ganz froh, so kann sich noch etwas Sediment absetzten und eine natürliche Grundlage bilden.« Merlin nahm sich ein Toast und begann zu frühstücken. »Was hast du heute vor?« »Etwas Hausarbeit und die Katzentoilette säubern. Das habe ich diese Woche etwas vernachlässigt.« »Also, ich schlage dir vor, es ruhig anzugehen. Das Katzenklo kann auch ich reinigen, ich muss sowieso meinen Wagen von innen säubern. Da hat sich diese Woche einiges an Dreck angesammelt und Clòimh steht mitten im Fellwechsel.« »Du kannst ihn auch trimmen. Hat den Vorteil, den Hund beim Fellwechsel zu unterstützen. Mit einer Fellbürste ist es einfacher, die losen Haare zu entfernen und es ist nebenbei eine Massage«, schlug Merlin vor. »Im großen Schrank sind die Trimmgeräte und alles, was dazugehört.« Edward sah seinen Hund in die Küche kommen: »Kannst du später hier aufräumen? Clòimh und ich gehen jetzt raus. Dein Vorschlag hat etwas. Mal sehen, ob mein Vierbeiner anschließend eine solche Prozedur über sich ergehen lässt.« Der Jugendliche nickte zustimmend: »Macht nur, ist ja nicht viel.«

Als Edward durch den Garten ging, musste Merlin grinsen. Clòimh schien erst ein Bad im Gartenteich genommen zu haben. Sein Fell hing nass an ihm herab und Edward hatte einiges zu tun, damit er ihn nicht in diesem Zustand ansprang. Dabei sah der Verwalter selbst amüsiert aus.

Sein Bad machte Merlin zuerst sauber. Dann ging es in seinem Zimmer weiter. Charaid sah neugierig aus seiner Wohnhöhle Merlin dabei zu. »Dein Schlafplatz kommt später dran«, kommentierte der Jugendliche den neugierigen Blick des Katers. Nachdem der Staubsauger wieder verstaut war, sortierte er seine schmutzige Wäsche. Die Menge an Buntwäsche war für eine Maschine ausreichend. Als die Waschmaschine ihre Arbeit tat, gönnte er sich eine Pause. Den Geräuschen nach zu urteilen, war Edward gerade dabei, Clòimh zu duschen. Wie alle Hunde des Haushalts war Edwards Hund nicht wasserscheu und sprang von sich aus gern auf den Waschplatz im Porch. Dennoch wollte Merlin sehen, ob Edward sich auch zum Trimmen durchringen konnte. »Oh, gut, dass du kommst. Kannst du mal das Trimmgerät holen und einschalten? Ich habe mit Papa telefoniert und er meinte, ich solle beobachten, wie Clòimh auf das Geräusch reagiert.« Merlin tat ihm den Gefallen. Als ein Summen den Raum erfüllte, sah sich der Hund lediglich zur Quelle um und stellte sich in Position. »Sieht danach aus«, begann Merlin, »dass dein Hund die Prozedur bereits kennt. Er wird es dir einfach machen.« Edward wirkte erleichtert.

Merlin überließ die beiden sich selbst. Er selbst ging zurück auf sein Zimmer, wo nun die Katzenmöbel gereinigt wurden. Charaid sah ihm interessiert dabei zu. Als sein Schlafplatz an der Reihe war, räumte er freiwillig den Platz und kugelte sich auf dem Bett ein. Carsten hatte bei der Beschaffung dieses Möbel geraten, auf wechselbare Inlays zu achten. Diese Einlagen konnten anschließend gewaschen werden und der Schlafplatz war sofort wieder bezugsfertig. Jedoch tat Charaid ihm diesen Gefallen nicht. »Dann halte deine Siesta halt auf meinem Bett!« Er selbst setzte sich an seine Schreibtisch, wo er sich den Hausaufgaben widmete. Edward holte ihn zum Lunch aus den Betrachtungen geometrischer Berechnungen. In der Küche standen einige leckere Sandwiches auf dem Tisch. »Was magst du dazu trinken?«, fragte er, nachdem Merlin den Raum betrat. »Einen Saft!«, antwortete ihm Merlin. »Ich gestehe, Clòimh blieb gelassen beim Trimmen. Nach dem Bürsten hatte ich schon einige Bündel Fell in den Händen. Das Scheren brachte dann sicher noch mal ein halbes Kilo auf die Waage.« »Ich sagte ja, es hilft ihm«, Merlin schmunzelte hinterhältig: »Erkennen wir denn Clòimh wieder?« »Sicher, nur sieht er jetzt um drei Jahre jünger aus.« Wie aufs Stichwort tapste der Hund in die Küche und bediente sich am Wasser. Merlin sah genauer hin. Das alte Fell wirkte grau-dunkelblond, jetzt sah es um einige Nuancen heller aus. Edward hatte auch die Haare vor seinen Augen gestutzt und Merlin sah die schönen braunen Augen des Hundes. Selbst die Rute wedelte, von einiger Last befreit, lustig hin und her. »Eine wirkliche Veränderung seines Erscheinungsbildes. Es gibt ihm einen jugendhaften Touch«, meinte der Jugendliche. »Das ist ein Nebeneffekt. Du darfst dich aber nicht täuschen lassen, er wiegt noch immer 45 kg. Mir kam es nach der Prozedur vor, als wirkte selbst der Hund zufrieden.« »Nun, beim Fellwechsel juckt es hin und wieder, nicht zu vergessen die vielen Knötchen, wenn das Fell beginnt, zu verfilzen«, wusste Merlin aus der Tierarztpraxis zu berichten. »Seine Tierpfleger im Heim haben mir angeraten, sein Fell regelmäßig zu pflegen, damit es eben nicht verfilzt. Warum haben Carsten und Andreas eigentlich eine so umfangreiche Ausstattung? Leonardo und Salvatore benötigen doch nur eine Bürste bei ihrem kurzen Fell.« »Carsten hatte vor ihnen einen Golden Retriever. Bei der Rasse ist eine regelmäßige Pflege das Alpha und Omega, damit sich das Tier wohlfühlt. Deren Fell ist recht fettig, damit das Wasser besser abperlt. Der Nachteil: es wirkt wärmeisolierend. Da braucht es eine gute Ausrüstung«, wusste Merlin zu erzählen.

»Was machst du als nächstes?« »Den Wagen reinigen. Die Katzentoilette habe ich bereits gemacht und neu befüllt. Oft scheint Charaid sie nicht zu benutzen.« »Nein. Anscheinend macht er seine Geschäfte lieber draußen. Ist mir auch ganz recht und spart Unmengen an Katzenstreu.« Merlin führte ein weiteres Sandwich seiner Bestimmung zu. »Eric wird später noch kommen. Ich brauche seine Hilfe bei der Erörterung«, informierte er Edward. »Gut zu wissen. Mal sehen, ob er Clòimh erkennt«, grinste der Verwalter.

Eric erkannte den Hund wieder und grüßte Edward, der in seinem Wagen staubsaugte. »Merlin erwartet dich bereits, geh durch den Porch.« Eric klopfte wenig später an Merlins Tür. »Komm rein«, antwortete Merlin. Eric betrat das Zimmer und sah Merlin konzentriert am Schreibtisch sitzen. »Wo ist das Problem?«, fragte er auch sofort. »Moderne Literatur. Für Gwenda habe ich eine Zusammenfassung von King Lear verfasst und fand es recht einfach. Aber die Postmoderne bereitet mir Schwierigkeiten«, machte es Merlin kurz. »Kein Wunder. Shakespeares Literatur ist eine gerade Line, die Geschichten, Theaterstücke und das alles durchzieht ein roter Faden. In der modernen Literatur gibt es auch einen Faden, jedoch hat er mehrere Enden und Anfänge. Je nachdem, worauf du dich bei der Lektüre konzentrierst, kommst du immer zu einem anderen Ergebnis. Typisch für die Postmoderne ist der Perspektivenwechsel innerhalb der Story. Mal betrachtet der Leser den Text aus einer Vogelperspektive und mal aus der Sichtweise eines Akteurs. Wichtig ist dabei, dass du dich auf den einmal eingeschlagenen Weg konzentrierst. Zweites wird dir weniger schwer fallen, da du dich in der Rolle eines Akteurs, wie in der alten Literatur, wiederfindest. Also lerne jetzt die Analyse und Erörterung der anderen Position.« »Du kennst dich damit aus?« »Ja. Und ich habe absolut keinen Schimmer, warum der Staat gerade dieser Literatur im Lehrplan eine so wichtige Rolle zuschreibt«, gestand Eric. Merlin dachte über diese Aussage nach. Er stellte sich die Frage, was die Differenzen zwischen den Stilen waren. Dann kam ihm eine Erleuchtung: »Ich hätte da eine Idee, Eric. Wir leben im Zeitalter der Sozialen Medien. Einer der wichtigsten Punkte dabei sind Nachrichten, Informationen und so weiter, die zu 50% aus Fakes bestehen. Die Postmoderne lehrt uns, eine Information aus verschiedenen Richtungen zu betrachten und deren Aussagewert zu beurteilen.« Sein Freund dachte über diese Idee gründlich nach. Dabei legte er sich auf das Bett und verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf. »Da ist etwas Wahres dran«, kam er zu einem Ergebnis. »Man muss in den Medien höllisch aufpassen. Gerade weil immer öfter durch künstliche Intelligenz Aussagen verfälscht werden. Doch wie wirst du das nun angehen? Die Grundlagen einer Erörterung kannst du auswendig. Da hat dir Gwenda eine gute Basis geschaffen«, kam Eric auf den Punkt seiner Anwesenheit zurück. »Du wirst wahrscheinlich einen vorgelegten Text analysieren müssen.« »Eine gute Frage. Bei der alten Literatur ist das ja nicht so schwierig. Doch davon ausgehend, dass du mir geraten hast, einen eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, lese ich den Text durch. Mache mir einige Punkte dazu und fasse anschließend diese zu einem Ganzen zusammen. Der Lehrer erwähnte, dass diese Prüfung sechs Stunden dauern würde. Eine sehr umfangreiche Prüfung. Wie war es bei Dir?« »Wir bekamen eine Kurzgeschichte und sollten den strukturellen Aufbau analysieren. Keine einfache Aufgabe, ich bin das Werk vom Ende aus angegangen. Mein Ergebnis war eine Parabel. Diese war in der Geschichte gut versteckt, weil sie nicht offensichtlich beschrieben wurde. Mein Lehrer meinte anschließend, dass ich einen ungewöhnlichen Ansatz verfolgte. Besonders lobenswert fand er meine Allegorie zu anderen Kurzgeschichten.« »Was soll ich tun?«, fragte Merlin. »Ich würde dir dazu raten, dich mit dieser Literatur intensiver auseinanderzusetzen. Lese mehrere Texte verschiedener Autoren. Es müssen nicht immer Romane sein. kurze Geschichten und Prosa. Das sollte dir ein fundiertes Wissen bringen.« Merlin drehte sich zu seinem Rechner um und gab in der Suchmaschine entsprechende Begriffe ein. Wenig später hatte er eine Auswahl entsprechender Literatur. »Okay. Das sollte für die nächsten vier Wochen reichen.« »Wie sieht es in den anderen Fächern aus?«, fragte Eric weiter. »Die Naturwissenschaften werden mir keine Probleme bereiten. Dank eurer Beharrlichkeit kann ich ruhigen Gewissens die Prüfungen angehen. In allen Fächern bin ich nicht nur dem Lehrplan voraus, sondern kann routiniert die Lösungen finden. Da kommt mir zugute, dass ich immer auch auf Analogien zwischen den Fächern zurückgreifen kann. Nicht zuletzt auch meine Erfahrung, welche ich bei Dr. Miller gemacht habe.« »Das ist gut. Ein breites Basiswissen und dieses anzuwenden ist das A und O im Studium. Hast du die Liste ausgedruckt?« »Klar, in Andreas’ Arbeitszimmer steht der Drucker für uns alle. Ich gehe auch in der Bibliothek nachsehen, ob dort nicht der eine oder andere Titel zu finden ist. Auch wenn es nicht prüfungsrelevant ist, habe ich noch einen Kurs in der angewandten EDV belegt. Also ein Netzwerk organisieren, Präsentationen erstellen, Tabellenkalkulation und Datenbanken entwickeln und pflegen.« »Ist das nicht ein wenig viel für die Zeit bis zu den Prüfungen?«, wunderte sich Eric. »Nicht wirklich. Der EDV-Lehrer macht einen lebhaften und anschaulichen Unterricht. An einfachen Beispielen zeigt er uns die Prinzipien der Vorgehensweise und im Studium kann ich sicher einiges davon gebrauchen«, antwortete ihm Merlin und legte sich neben seinen Freund. Beide gingen ihren Gedanken nach, bis Eric plötzlich bemerkte, dass Charaid nicht anwesend war: »Wo ist denn dein Kater?« »Jedenfalls nicht jagen, dazu ist es noch zu früh. Vielleicht ist er unten im Salon und chillt bei Clòimh.« »Ist das nicht ungewöhnlich für eine Katze und einen Hund?« »Klar, doch Leonardo und Salvatore haben ihn damals nach dem Unfall in ihr Rudel aufgenommen. Keine 24 Stunden und Charaid genoss ihre Zuwendungen. Sie haben ihn auch auf ihre Weise gepflegt. Ich sah Salvatore ihn einmal zur Toilette bringen. Irgendwie hat er den Hunden signalisiert, dass es ihm unangenehm gewesen wäre, im Salon seine Geschäfte zu verrichten. Es ist immer spannend, wenn sie sich begegnen. Die Hunde schnuppern an dem Kater und er leckt ihm mit spitzer Zunge die Nase. Bei dem Briard hat er sofort dieses Ritual angewendet und Clòimh leckte ihm über den Kopf. Ich habe nie gesehen, dass der Kater eine Abwehrhaltung eingenommen hat. Dabei sind seine Krallen und Zähne echt nicht ohne«, sprach Merlin mit einer bewundernden Stimme. »Was ist mit Tierärzten und Menschen allgemein? Immerhin war es wohl ein Mensch, der ihn angefahren hat.« »Im Untersuchungszimmer brauche ich nur die Tür zur Transportbox zu öffnen und er springt von sich aus auf den Tisch. Ansonsten entscheidet die Sympathie. Hier hat er ja eine positive Erfahrung mit uns Zweibeinern gemacht. Bei Cedric blieb er gelassen, als dieser ihn mal am Schweif erwischt hat. Bei Charaid machen Carsten und Andreas auch eine Ausnahme, wenn dieser sich in das Kinderbett schleicht.« »Was, die Hunde respektieren das?«, war Eric erstaunt. »Anscheinend schon. Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass sie auch nur auf die Couch oder in einen Sessel gesprungen sind. Ihre Schlafplätze sind nicht nur komfortabel, sondern unterstützen auch ihren Schlaf.« »Hunde schlafen doch immer auf der Seite oder dem Bauch«, meinte Eric selbstbewusst. »Hm«, machte Merlin, »Gina, die Hündin von Andrea, schläft auch gern mal auf den Rücken und streckt ihre angewinkelten Pfoten nach oben. Diese Position entlastet das Rückgrat und verhindert schmerzhafte Blockaden der Wirbel", erklärte ihm Merlin. Eric drehte sich zu seinem Freund um. Seine vorwitzige Hand streichelte dessen Bauch und Merlin schnurrte wie Charaid unter der Berührung. Schnurren? Charaid machte sich unter dem Bett bemerkbar. »Charaid ist unter dem Bett, wenn du es genau wissen willst …«, bemerkte Merlin auf eine frühere Frage. »Haha, da bin ich jetzt auch ganz allein drauf gekommen.« »Ich meine ja nur …«, weiter kam Merlin nicht, denn Eric verschloss seinen Mund mit einem Kuss.

»Ich denke, heute komme ich nicht mehr zum Lernen«, meinte Merlin, nachdem Eric von ihm ließ. »Wohl nicht«, stimmte ihm Eric grinsend zu. »Ich schlage vor, den Rest des Tages etwas anderes zu machen und morgen lernen wir zusammen«, fügte er an. »Deal!«, stimmte sein Freund ihm zu, »nur was sollen wir machen? Die Familie weilt in Oxford, Edward wird später sicher zu Ben gehen.« »Sturmfreie Bude? Wir könnten in den Pool gehen …«, bot Eric eine Alternative an. »Da müsste ich erst Carsten und Andreas um Erlaubnis bitten. Der Freizeitbereich ist deren privates Reich.« »Merkt doch keiner …« »Das vielleicht nicht, doch ich hätte ein schlechtes Gewissen, ihre Regeln zu brechen und das würden die Hunde bemerken.« Merlin stand auf und ging sein Smartphone holen. Er wählte die Nummer von Andreas. »Hi Merlin,«, klang es, nachdem die Verbindung stand, »was gibt es?« »Ich möchte euch fragen, ob Eric und ich den Pool benutzen dürfen?«, kam er direkt zu seinem Anliegen. »Ein Moment …«, bat Andreas. Im Hintergrund hörte er eine kleine Diskussion, dann: »Einverstanden. Carsten und ich geben grünes Licht. Jedoch keine Gläser, die kaputt gehen könnten. Du weißt, wie man die Pumpe umstellt?« »Edward hat es mir mal gezeigt. Danke.« »Gern geschehen, wir können nächste Tage noch einmal darüber sprechen. Jetzt will Cedric meine Aufmerksamkeit und lässt dich grüssen.« Das Telefonat wurde beendet. »Kein Glas in dem Bereich. Die beiden sind einverstanden«, informierte er. »Was ist mit Edward?« »Wenn er mag, darf er auch in den Pool. Nur die Tiere nicht, das Wasser ist für deren Fell schädlich. Hast du eine Badehose mit oder soll ich dir eine leihen?«, schloss er mit einer Frage ab. »Ich dachte, wir können nackt schwimmen.« »Wie du meinst. Doch gegen eine Imbiss hätte ich jetzt nichts. Der Abend ist doch noch jung.«

Eric war einverstanden und so machte sich Merlin in der Küche daran, sein berüchtigtes Shepard Pie zuzubereiten. Sein Freund staunte nicht schlecht, wie routiniert Merlin alles machte. »Eric, kannst du dich um einen Salat kümmern? Dann mache ich die Ration für Charaid.« Die Arbeitsteilung fand sein Freund fair. Der Auflauf war im Ofen und ein Salat war nie verkehrt. Immerhin hat er gelernt, dass die Tiere bei Merlin nie zu kurz kamen. Als Merlin die Ration in den Napf tat, war er mit dem Italienischen Salat fertig. Merlin begann den Tisch zu decken. Wie er sich bei seinen Gastgebern abgeschaut hatte, dekorierte er den Tisch auch etwas. »Das duftet hier aber gut«, machte sich Edward bemerkbar, »Shepard Pie?« »Ja, setzt dich zu uns. Es ist genug vorhanden«, lud Merlin ihn ein. Edward sagte nicht nein. »Hat Clòimh bereits sein Futter gehabt oder bekommt er später seine Ration?« »Die bekommt er heute später und auch weniger. Dr. Miller meinte bei seiner letzten Untersuchung, dass er ein wenig viel auf den Rippen hat. Daher gibt es diese Diät. Carsten hat in seinem Barfenbuch entsprechende Rezepte notiert.« Merlin holte den Auflauf aus dem Ofen und stellte diesen auf eine feuerfeste Unterlage auf den Tisch. »Bedient euch«, forderte er auf. »Wie wäre es mit einem Bier?«, fragte Edward. »Gerne.« Edward holte zwei Lager und teilte den Inhalt zwischen ihnen auf. »Was habt ihr heute noch vor?« »Wir dürfen den Pool benutzen. Carsten und Andreas sind einverstanden«, meinte Merlin. »Kannst du mir gleich noch einmal zeigen, wie das mit der Umwälzpumpe geht?« Edward nickte zustimmend. »Ich muss sagen, dein Rezept solltest du dir patentieren lassen. Selbst Andreas bekommt ihn nicht so hin«, lobte Edward das Gericht. »Nicht ganz«, wiegelte Merlin verlegen ab, »Carstens Cottage Pie schmeckt ähnlich, weil er anstelle des Cheddar einen Gruyère verwendet.« »Du kennst dich damit aus?«, wunderte sich Eric. »Erst seit ich die beiden kennengelernt habe. Andreas und Carsten kochen gerne. Ich wollte es erst nicht glauben, doch sie machen aus jedem Grundrezept etwas Besonderes. Mit Cedric hat sich die Anzahl der Variationen erheblich erhöht. Nonno, also Andreas' Großvater, hat mir erklärt, dass für Cedric einige Gewürze noch nicht gut sind. In einem der Kochbücher gibt es Notizen von Generationen für diverse Kindermenüs. Andreas hat ebenfalls einige Randbemerkungen für Cedric darin gemacht. Was die Käsesorten betrifft, hat Nonno mir einiges beigebracht. Der alte Mann erkennt allein am Geschmack, aus welcher Region Europas der Käse stammt. Doch ich schweife ab, der Gruyère française eignet sich für besondere Aufläufe mit seinem milden Aroma. Der, welchen Carsten verwendet, ist ein ausgereifter Käse und recht teuer. Da bleibe ich bei meinem Shepard Pie bei Cheddar«, beendete Merlin die kleine Exkursion. Edward nahm sich noch eine Portion. »Jedenfalls machst du einen ausgezeichneten.« Merlin wurde aus Verlegenheit leicht rosa im Gesicht. »Also, ihr beiden, es gelten immer noch die Hausregeln: Keine Poolparty«, erinnerte Edward die Jugendlichen.

Nach dem zeitigen Mahl verabschiedete sich Edward von den Jugendlichen, nachdem er Merlin die Technik noch einmal gezeigt hatte. Wolf erwartete seinen neuen Hundekumpel bereits und Gwenda ließ sie in ihrem Garten toben. »Ed, ein Lager?«, lud sie Clòimhs Herrchen ein. »Gerne. Sag mal, sind die beiden im Garten sicher?« »Ja. Mach dir keine Gedanken. Für die beiden ist es hier zu warm und dort haben sie alles, was ein Hundeherz begehrt: Platz, Wasser und Spielzeug«, antwortete Gwenda selbstbewusst. Dann mischte sich Edward unter die Gäste. An einem der Tische saß ein älterer Mann. Edward ging auf ihn zu, da er sich sicher war, dass dieser ihn beobachtete. »Ist hier noch Platz?«, lud er sich ein. Der Mann nickte nur. Jeder beschäftigte sich mit seinem Getränk. »Sind Sie Mr Moor, Verwalter im Herrenhaus?«, fragte er Edward plötzlich. »Ja. Hat ihre Frage einen besonderen Grund?« »Mein Name ist Menzies und gehöre zu einem Nebenzweig des Clan Mac Coinnich. Ich glaube, Merlin kennt bereits den Clanchief und dieser besuchte mich vor einigen Tagen. Er erinnerte uns an unsere Verantwortung gegenüber unserem Enkel Merlin«, ließ er die Katze aus dem Sack. Edward wirkte überrascht. Mr Menzies fuhr unbeirrt fort: »Meine Familie war seinerseit mit der Wahl des Ehemanns meiner Tochter nicht so recht einverstanden, doch gaben wir ihr unseren Segen. Als sie starb, haben wir den Kontakt zu unserem Enkel verloren. Sein Vater verbat uns, ihn zu besuchen. Er war nicht damit einverstanden, dass seine Mutter zu einer der einflussreichsten Familien Schottlands gehörte. Kurzum, der Chief informierte uns über einen Besuch zweier Jugendlicher. Merlin sieht seiner Mutter sehr ähnlich und er war über dessen Vergangenheit, dass er auf der Straße gelebt hat, nicht erfreut.« Edward räusperte sich. »Gut, Merlin wohnt im Herrenhaus und meistert sein Leben nun mit Bravour. Wollen Sie ihn jetzt zu sich nehmen?«, wurde Edward vorsichtig. »Nein, jedoch möchten wir ihn unterstützen. Wir haben gehört, dass er wieder die Schule besucht und einen Abschluss machen möchte. Weiter habe ich mich in der Gemeinde umgehört, Merlin will wohl Tiermedizin studieren. Unser Enkel wird bald volljährig und hat nach dem Recht unserer Familie Anspruch auf das Erbe seiner Mutter. Meine Frau, der Chief und ich haben lange darüber diskutiert. Der Clan der Mac Coinnich hat einer Finanzierung des Studium zugestimmt. Meine Familie unterstützt ihn, wenn er sich selbstständig machen will. Daneben vererbt ihm seine Mutter einen Betrag über 150,000 Pfund, der bisher durch Treuhänder verwaltet wurde. In ihrem Testament hat sie dafür gesorgt, dass ihr Mann darauf keinen Zugriff hat.« Edward hörte aufmerksam zu. Zwischendurch bestellte er für jeden ein Glas Whisky. Sein Gegenüber nahm dankbar an und bewunderte den erlesenen Geschmack des Lebenswassers. »Sie wissen, dass Merlin Gast der Familie Zahradník von Feldbach ist?« Mr Menzies nickte wissend. »Ich habe da einen Vorschlag zu machen, dazu müsste ich jedoch erst telefonieren.« Wieder ein zustimmendes Nicken. Edward stand auf und ging zu seinem Hund in den Garten. Dort holte er sein Mobilphone hervor und wählte Carstens Nummer. Obwohl die Zeit fortgeschritten war, hatte er seinen Arbeitgeber sofort am anderen Ende der Verbindung. Ihm erklärte er die Umstände und welchen Vorschlag er Merlins Großvater unterbreiten möchte. »Edward, das ist eine gute Idee und wir stimmen deinem Vorschlag zu. Such dir ein Gästezimmer aus. Eventuell kann er etwas länger bleiben und wir lernen ihn ebenfalls kennen.« »Ich werde ihn fragen. Danke, Carsten.« »Da gibt es nichts zu danken. Merlin braucht seine Wurzeln«, beendete Carsten das Gespräch.


»Mann, die haben aber echt einen luxuriösen Pool«, war Eric von der übergroßen Badewanne begeistert. »Ich verstehe, warum hier keine Party stattfinden soll.« »Für Carsten ist es ein Ort der Ruhe und Entspannung. Es ist eine Ehre, ihn benutzen zu dürfen. Das Privileg ist eigentlich der Familie vorbehalten«, informierte Merlin unbeeindruckt seinen Freund. »Kann ich verstehen. Ich hätte sicher auch so eine Regelung, wenn es mein Pool wäre. Es passt einfach alles zusammen. Die Liegen, die Ablage mit den Badetüchern, die Pflanzen und selbst Neptun wirkt, als ob er diese Oase beschützen würde. Was ist mit dem Wasser?« »Was soll damit sein?« »Hier riecht es nicht nach dem üblichen Chlor und doch ist das Wasser klar und blau«, stellte Eric nach etwas schnuppern fest. »So ganz genau weiß ich nicht, wie das mit der Technik läuft, da müsste ich Edward fragen. Doch das Wasser wird gefiltert und mit Ozon behandelt, damit sich keine unerwünschten Gäste einnisten. Dazu wird es permanent umgewälzt. Weiter gibt es hier auch ein effizientes Lüftungssystem.« »Und warum muss die Pumpe umgestellt werden?«, fragte Eric nach. Merlin schmunzelte: »Interessante Frage, die du eigentlich selbst beantworten kannst.« »Wieso?« »Was wird denn zur Desinfektion eingesetzt?«, forderte er seinen Freund zum Denken auf. »Ozon, ist eigentlich eine gute Alternative zum Chlor.« »Richtig, und was weißt du alles über das berüchtigte O3?« »Ein an sich gefährliches Gas. In hoher Konzentration führt es zu gesundheitlichen Schäden bei Lebewesen …« Bei Eric machte es ›klick‹ und der Penny fiel: »Die Pumpe wechselt von der Desinfizierung zur reinen Filtration, damit man seinen Spaß beim Schwimmen haben kann.« »Sagte ich doch, du kannst die Frage selbst beantworten. Der Raum, wo die Filtration und Desinfektion untergebracht ist, ist stets verschlossen und wird gut belüftet. Edward hat einen Schlüssel und setzt auch vorsichtshalber immer einen Atemschutz auf. Was die Farbe des Wassers betrifft, so ist es eine optische Täuschung, denn das Becken selbst ist mit blauen Kacheln ausgestattet. Das Wasser selbst ist durchsichtig und klar.« Zur Demonstration schöpfte Merlin eine Handvoll Wasser aus dem Pool und ließ es langsam zurückrieseln. Eric sah, dass es wirklich farblos war. Dann schubste er Merlin einfach ins Wasser. Pustend kam er wieder wieder hoch: »Das war fies!«, lachte aber und zog seine nassen Sachen aus. Wenig später sprang Eric ebenfalls nackt in den Pool und wurde schnell von Merlin untergetaucht. Eine kleine Balgerei fand zwischen ihnen statt, sie jagten sich durch das Wasser und hatten viel Spaß dabei. Nach einer Weile ging ihnen ihre Kondition aus. Eric schwamm zum Beckenrand und Merlin folgte ihm. »Wow, das strengt ganz schön an«, meinte Eric. »Und wie. Dabei sind wir sicher nicht die schlechtesten Sportler. Doch gegen Carsten hätten wir keine Chance. Wenn er einmal richtig loslegt, dann schwimmt er Meilen. Ich habe es selbst erlebt, wie er eine um die andere Bahn schwimmt und anschließend aus dem Wasser steigt, ohne schwer zu atmen. Andreas erzählte mir, dass er im Internat regelmässig schwamm. In einem Schwimmbad mit Olympiadimensionen. Dort hat Carsten in dreißig Minuten mehr als 50 Bahnen geschwommen. Das ist eine Leistung, die selbst für Profischwimmern eine Herausforderung ist.« »Hat Andreas auch gesagt, warum?«, wurde Eric neugierig. »Blinde Menschen haben nicht die große Auswahl an Ausdauersportarten, welche sie ohne fremde Hilfe betreiben können. Weiter sagte er, dass Carsten dabei auch die Muskeln trainiert, die für das Klavierspielen wichtig sind. Er sieht athletisch aus, das durfte ich bei einem Saunabesuch feststellen. Aber keine ausgeprägten Muskelpakete. Sein Auftreten ist eher geschmeidig, daneben haben sie auch im Fitnessraum ein Laufband, wo sie regelmäßig laufen. An Sportgeräten sind beide echt gut ausgestattet«, resümierte Merlin. »Nicht zu vergessen, dass sie regelmäßig mit den Hunden Gassi gehen«, fügte Eric an. »Jetzt kommt noch ein neues Element hinzu: Cedric hat seine ersten Schritte gemacht.« »Du nimmst mich auf den Arm? Wie alt ist er? Acht Monate?« »Etwas älter: Neun Monate, aber er will es einfach. Anscheinend haben Leonardo und Salvatore eine nicht unwesentliche Rolle dabei gespielt. Ihr Instinkt sagte ihnen wohl, dass der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Jedenfalls werden beide Väter ihrem Sohn hinterlaufen müssen«, grinste Merlin bei der Vorstellung frech. Eric sah sich seine Hände an, die langsam runzelig wirkten. »Ich gehe mal aus dem Wasser, bevor mir Schwimmhäute wachsen.« Merlin folgte ihm. Dann warf er seinem Freund ein Badetuch zu. »Warum ist es hier angenehm warm? Das kostet doch sicher viel?« »Eigentlich nicht. Das ganze Haus wird sehr effektiv geheizt. Warum all die Fragen?«, wunderte sich Merlin über seinen Freund. »Papa und Mama müssen tief in die Tasche greifen, damit wir es angenehm warm haben. Daher haben wir uns dazu entschieden, die Räume nach Bedarf zu heizen. Aber wir wissen, dass es das Problem nicht grundlegend löst.« »Sonnenkollektoren und Photovoltaik sind sinnvolle Alternativen oder Ergänzungen. Die Investitionen rentieren sich bei den Energiepreisen recht schnell. Selbst hier im Norden. Aber ich gebe dir recht, Andreas und Carsten heizen nicht übermäßig. Sie mögen es etwas kühler, hier ist es aus einem anderen Punkt noch warm: Die Physik, an den Naturgesetzen geht kein Weg vorbei. Taupunkt, Temperaturdifferenz zwischen Wasser und Raum, all das ist für ein gesundes Raumklima wichtig.« Eric bewunderte Merlin für dieses Wissen, das war angewandte und praxisnahe Physik. »Du hast wirklich viel gelernt.« Merlin bedankte sich artig bei seinem Freund und betrachtete Eric interessiert. Sein Freund konnte sich sehen lassen. Keine übertriebene Muskeln, etwas schlaksige Beine und Arme aber ansonsten gut proportionierter Körperbau. »Was? Wachsen mir irgendwelche Tentakel?«, bemerkte Eric den Blick amüsiert. »Nein, ich bewundere deine Anatomie. Etwas schlaksig, aber ansonsten nichts zu bemängeln«, war Merlin ehrlich. »Nun, die Schlaksigkeit habe ich von meinen Großeltern geerbt. Opa war auch ein Strich in der Landschaft. Aber das Äußere täuschte. Er war Farmer und war hart im Nehmen. Oma erzählte mir, dass er bei einer schweren Geburt bei einem Rind die ganze Nacht im Winter weilte. Er hat nicht mal einen Schnupfen davongetragen. Er war zäh.« »War? Woran ist er gestorben?« »Krebs. Die Medizin war noch nicht soweit und die einzige Therapie war Chemo und Bestrahlung. Das war dann letztendlich doch zu viel«, Merlin sah ihm an, dass es ihn mitgenommen haben muss. »Er hat aber tapfer gekämpft und starb zuhause.« »Sorry, ich wollte nicht in alte Wunden rühren. Du hast ihn geliebt.« Eric nickte nur, während eine Träne seine Wange herunterlief. »Neben seinem Äußeren hat er mir auch seine Intelligenz vermacht. Das ist sein bestes Erbe für mich gewesen.« Merlin nahm Eric in seine Arme und tröstete ihn. »Genug, getrauert«, meinte Eric plötzlich, »Opa hätte nicht gewollt, dass ich um ihn trauere. Ich solle mein Leben genießen, war sein wichtigster Ratschlag. Was machen wir jetzt?«, lenkte er ab. »Jetzt zieh dir einen Bademantel über und wir machen es uns im Salon bei ungesundem Zeug gemütlich. Ich glaube, heute kommt ›Titanic‹ im TV.« »Guter Vorschlag. Machst du uns Popcorn?«, ging Eric darauf ein. Merlin schaltete die Technik um und löschte das Licht hinter sich.


Mit Clòimh ging Edward ins Pub zurück. Der Hund beäugte den alten Mann und entschied, dass dieser wohl zum freundlichen Menschenschlag gehöre. Ohne Umschweife kam Edward zum Vorschlag: »Ich möchte Sie als Gast ins Herrenhaus einladen. Carsten und Andreas sind einverstanden. Ich denke, es gibt keine bessere Möglichkeit, sich in Ruhe mit Merlin zu unterhalten. Wenn es Ihre Zeit erlaubt, so würden sich Carsten und Andreas ebenfalls freuen, Sie kennenzulernen.« Edward sah Erstaunen im Gesicht seines Gegenübers. »Gerne würde ich meinen Aufenthalt dazu nutzen. Die Hausherren scheinen offene Menschen zu sein.« »Sie sind offen und unterstützen Merlin, wo immer sie können. Dazu gehört auch, seine Wurzeln zur Familie zu fördern.« Edward sah seinem Hund an, so langsam wieder nach Hause zu wollen. »Eine Frage habe ich noch, haben Sie etwas gegen Haustiere wie Hunde und Katzen? Clòimh hier und Charaid gehören mit zur Familie und leben im Haus.« Mr Menzies verneinte, wunderte sich aber über die Gälischen Namen der Tiere. »Wolle lässt ahnen, woher er seinen Namen hat, aber ›Freund‹?« »Charaid ist Merlins Kater und er hat ihn nach einem Unfall gepflegt. Wie er selbst sagte, ist ihm der kleine Kater ein ›Freund‹ geworden.« Nachdem Edward die Rechnung beglichen hatte, fuhr Mr Menzies sie zum Herrenhaus. Er wunderte sich etwas, als Edward sein Telefon hervorholte und damit das Tor zum Grundstück öffnete. Kaum waren sie hindurch, schloss es sich wieder. Vor dem Haus kam der Wagen zum Stehen. Edward half beim Gepäck und gemeinsam beraten sie das Haus. Clòimh lief direkt in den Salon. Edward und der Gast folgten ihm und waren überrascht, dass Merlin in den Armen eines anderen Jungen schlief. Der Hund weckte die Jugendlichen. Edward grinste über das Arrangement. »Ich denke, es wird Zeit, dass ihr ins Bett geht«, forderte er sie auf. »Doch zuvor: Merlin, dein Großvater …« Merlin rieb sich die Augen und lief auf seinen Opa zu. Stürmisch umarmte er ihn und begrüßte ihn, wie er es gewohnt war, auf Scots. »Groß bist du geworden und ich nehme an, der andere Junge ist dein Freund?« Es war eine Feststellung und Merlin wurde verlegen. Der alte Mann lachte: »Keine Panik, doch ich stimme Mr Moor zu, ihr gehört ins Bett. Morgen ist auch noch ein Tag, dann können wir reden.« Schweigend zogen sich beide Teenager zurück.

»Es ist zwar schon spät, doch wie wäre es mit einem Drink?«, fragte Edward höflich. »Gern, haben die Herren denn nichts einzuwenden?« »Wenn dem so wäre, hätte ich es nicht angeboten.« Edward ging zur Bar und schenkte zwei Gläser ein. Dann setzten sie sich hin und genossen die goldgelbe Flüssigkeit. »Bevor Sie fragen, wir haben nichts gegen Schwule. Es ist ganz allein Merlins Entscheidung, mit wem er glücklich ist. Etwas anderes, wo wir bei diesem edlen Wässerchen sind, ich heiße Kenneth. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass Sie sich alle beim Vornamen nennen.« »Ja, mit nur einer Ausnahme: Mrs Sánchez, unsere Raumpflegerin.« »Sie wissen nicht, ob ihr Gatte Captain Sánchez ist? Wir haben eine Zeit lang im gleichen Regiment gedient. Ein Haudegen der alten Schule.« »Ja, der Captain ist ihr Gatte. Ich heiße Edward und der Junge bei Merlin heißt Eric.« Kenneth sah sich im Salon um und empfand die Einrichtung einladend und angenehm. Er wunderte sich über die Anzahl der Hundeschlafplätze. »Neben Clòimh leben hier noch zwei weitere Hunde.« »Wo ist dein Hund?«, fragte der Gast nach dem fehlenden Hund. »Er macht seine Runde im Haus. Seine Aufgabe ist die des Wachhundes. Gleich mache ich noch seine Abendration und dann kehrt Ruhe ein. Ich zeige dir jetzt dein Zimmer«, informierte der Verwalter den Gast, nachdem die Gläser geleert waren. Dankbar nahm Merlins Großvater den Vorschlag an. Eine Stunde später löschte Edward das Licht im Haus und zog sich zurück.

Am folgenden Morgen weckte Charaid die Jugendlichen. Eric wusste, dass Merlin sich nicht mehr umdrehte, sondern aufstand, um für seine Katze zu sorgen. Dann fiel ihm der Vorabend ein. Sie hatten es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht und sich den Film angesehen. Obwohl er den Film bereits kannte, war es doch ein Erlebnis, diesen wie in einem Kino zu erleben. Ein exzellenter Raumklang unterstrich die spannenden und romantischen Szenen. Irgendwann kuschelte sich Merlin an ihn und schlief dabei ein. Geweckt wurden sie durch Edward und einen Besucher, der sich als Merlins Großvater vorstellte. Erst war es ihm peinlich, in einer eindeutigen Position ertappt worden zu sein, doch ein wohlwollender Kommentar entspannte die Situation. »Ist das wirklich dein Großvater?«, fragte er Merlin. »Ja. Ich habe ihn sicher schon fünf Jahre nicht mehr gesehen. Daher auch die stürmische Begrüßung beim Wiedersehen. Ich glaube, heute kommen wir nicht mehr zum Lernen«, beantwortete er die Frage mit einer Feststellung. »Ist nicht tragisch. Das können wir auch während der Woche nachholen. Die Familie ist wichtiger, zumal dein Großvater cool wirkt. Ich denke, es gibt genug Gesprächsstoff zwischen euch. Wie wäre es, wenn wir ein Frühstück vorbereiten?« »Das geht nur, wenn du mir dabei hilfst. Zuerst sind die Tiere dran. Opa mag zum Frühstück Pfannkuchen und Scottish Egg.« »Das kann ich machen, wenn du mir zeigst, wo ich die Zutaten finde«, bot sich Eric an.

In der Küche machten sie sich ans Werk. Neben der Ration für seinen Kater machte er auch eine Portion für Clòimh. Edward sagte ja, dass der Hund eine Diät halten sollte und daher machte Merlin ihm ein entsprechendes Futter. Der Hund war auch der erste Besucher in der Küche. Nachdem er sich am Wasser bedient hatte, ließ Eric ihn in den Garten. »Lass die Tür ruhig etwas auf. Frische Luft ist nie verkehrt.« Es dauerte doch eine gute Stunde und sie hatten ein ordentliches Frühstück vorbereitet. »Stell die Pfannkuchen in den Ofen, da bleiben sie warm.« »Die trocknen doch aus!«, warf Eric berechtigt ein. »Nur, wenn du ihn auch einschaltest. Mach einfach die Beleuchtung an und die Pancakes bleiben frisch und warm«, verriet Merlin einen Trick.

»Morgen Jungs«, machte sich Edward bemerkbar, »habt ihr Clòimh gesehen?« »Er ist noch draußen. Wir haben die Tür offen gelassen, damit er auch wieder ins Haus kann«, antwortete ihm Eric. Dann sah Edward sich um und lobte den Fleiß der Jugendlichen. »Seine Ration steht noch auf dem Tresen. Du sagtest Diätfutter, da habe ich eine entsprechende Portion vorbereitet.« »Danke Merlin. Ich könnte jetzt einen kräftigen Tee gebrauchen.« Anstelle einer Antwort schenkte ihm Eric ein. »Opa mag zum Frühstück ebenfalls einen guten Breakfast Tea. Da habe ich gleich eine ganze Kanne gemacht.« »Das hast du nicht vergessen, Merlin?«, machte sich nun auch der Gast bemerkbar. »Nein, zumal Mama in deine Fußstapfen getreten ist und sich selbst einen Tee machte, der so stark war, dass ein Löffel hätte drin stehen bleiben können. Guten Morgen Opa, ich möchte dir Eric vorstellen, meinen Freund«, machte er es kurz. »Das habe ich mir schon gedacht, Junge, so wie ihr auf der Couch gelümmelt habt.« Dabei lachte er herzerfrischend. »Du hast nichts dagegen?«, fragte er vorsichtig nach. »Nein, in unserer Familie bist du sicher nicht der erste schwule Mann. Mein Bruder hatte auch einen Partner und nun eine Moralpredigt: Bitte passt auf euch auf, ich möchte nicht noch einen geliebten Menschen an AIDS verlieren.«

Damit war für Kenneth das Thema beendet. Eric schenkte ihm Tee ein. Der alte Mann nahm einen Schluck und war mit dem Getränk mehr als zufrieden. »Ihr frühstückt in der Küche? Wenn ich das hier alles so sehe.« »Nur im kleinen Kreis. Im Dining Room verläuft es sich, da ist es hier gemütlicher und man muss nicht laut reden, um sich zu verständigen«, zwinkerte Merlin seinem Opa zu. Als Mr Menzies den Hund die Küche betreten sah, betrachtete er ihn genauer. »Gestern habe ich es nicht so bemerkt. Es ist ein schöner Briard. Sieht gepflegt aus.« »Merlin schlug vor, ihn zu trimmen, da er gerade im Fellwechsel steht. Ansonsten hat er längere Haare.« Edward stand auf und stellte den Hundenapf auf seinen Platz. Dann gab er das Kommando in Scots. Etwas geräuschvoll machte der Hund sich über sein Futter her. Merlin holte aus dem Ofen die Pfannkuchen und die vier genossen ein leckeres Frühstück. »Edward erwähnte einen Kater«, begann Kenneth mit einer interessanten Bemerkung. »Oh, Charaid liegt wahrscheinlich in seiner Schlafhöhle. Er streift nachts durch sein Revier und ruht sich morgens bei mir im Zimmer aus. Er ist ein guter Jäger und legt sich auch mit Ratten an«, schwärmte Merlin von den Fähigkeiten. »Dabei ist er nicht das größte Exemplar seiner Gattung«, fügte Eric an. »Ich habe gehört, dass du dich für Tiere interessierst und später einmal Medizin studieren möchtest.« »Dr. Miller, der hiesige Tierarzt, bot mir einen Job in seiner Praxis an. Dort habe ich erfahren dürfen, wie gut es sich anfühlt, Tieren zu helfen. Charaid wurde angefahren und sich selbst überlassen. Dr. Miller hat ihn behandelt und die Operation hat eine gute Stunde gedauert. Erst war ich über den Erfolg geschockt, als ich erfuhr, dass sein gebrochenes Bein etwas kürzer bleiben würde. Carsten erklärte mir, dass es dem Kater weniger ausmacht, da er diesen Verlust leicht kompensieren kann. Man sieht es ihm nicht an. Nur wer ihn abtastet, spürt die asymmetrisch ausgeprägten Muskeln seines Bewegungsapparates. Meiner Beharrlichkeit ist zu verdanken, das einen Cattle-Kalb mit gebrochenem Bein behandelt wurde. Jetzt ist das Kalb ein gut proportionierter Jungbulle …« »Ich habe davon im Journal der Farmer gelesen. Der Artikel hat bei unseren Farmern zu einem Umdenken in der üblichen Praxis des Schlachtens geführt. Ich wusste nicht, dass du dabei eine wichtige Rolle spieltest. Alle Achtung. Deine Mutter wäre stolz auf dich.« Merlin wurde einen Moment traurig bei dem Gedanken seiner Mutter. Sein Großvater spürte diese Emotion seines Enkels. »Deine Oma hat sich um ihr Grab gekümmert. Weil dein Vater dieses vernachlässigte.« »Ich weiß. Er hätte mir auch nie erlaubt, einem Tier zu helfen. Doch das hat ein Ende. Ich möchte Tierarzt werden, wenn ich auch noch nicht weiß, wie ich das alles finanzieren soll«, meinte Merlin selbstbewusst. »Wie bist du eigentlich darauf gekommen, mich hier zu suchen?« »Das warst du selbst. Mich hat vor einiger Zeit der Clanchief der Mac Coinnich besucht und von dieser Begebenheit erzählte. Deine Familie ist ein Zweig des Clans und der Chief hat uns an unsere Verpflichtung dir gegenüber erinnert. Was dein Studium betrifft, so hat der Clan Chief unmissverständlich gemacht, dass er für die Kosten eines Studiums aufkommen wird. Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Im übrigen soll ich dich von ihm grüßen und er lädt dich und Eric ein, ihn mal länger zu besuchen.« »Warum macht er das?«, fragte Merlin ungläubig. »Aus zwei Gründen: Einmal sprichst du unsere Sprache. Allein das hat ihn schon beeindruckt, weil ihr diese Tradition pflegt. Dann gibt es im Clan nicht so viele junge Menschen, die Tiermedizin studieren wollen. Dabei ist die Viehzucht einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in der Familie. Wie du siehst, reicht der Arm einer der einflussreichsten Clans Schottlands weit. Hinzu kommt das Erbe deiner Mutter. In weiser Voraussicht hat sie deinem Vater den Zugriff verwehrt, damit du dir einmal eine Existenz aufbauen kannst.« »Werde ich jetzt dem Clan dienen?« Kenneth lachte auf. »Wo denkst du hin? Selbst wenn die Wurzeln des Clans weit zurückreichen, so sind wir keine Barbaren mehr. Du bist nur dir selbst und deiner Zukunft verpflichtet.«

Edward und Eric hörten ihm nur zu und machten sich in ihren Gedanken entsprechende Notizen. Nach dem Frühstück verabschiedete sich Eric. »Merlin, ich habe noch zu tun. Würdest du bitte mit Clòimh Gassi gehen?«, bat Edward. »Klar, wie weit darf es gehen? Ich würde Opa gern mehr vom Anwesen zeigen.« »Ruhig zwei Stunden. Gestern hat er sich wenig bewegt. Er beschäftigt sich unterwegs schon.« »Was ist mit dem Dachs?«, fragte Merlin besorgt. »Keine Bange um deren Nachwuchs. Der Hund weiß, dass es zur Zeit gefährlich ist und bleibt dem Bau fern«, wusste Edward.

Mit seinem Opa ging Merlin zum neuen Gelände. Während die Zweibeiner die neue Brücke über den Bach nutzen, sprang Clòimh direkt ins Wasser. »Wasserscheu ist Wolle sicher nicht«, bemerkte sein Großvater. »Absolut nicht. Mit den anderen Hunden des Haushalts balgt er oft im Garten und deren Session endet oft im Teich. Während es bei den Labrador-Retrievern einfach ist, sie wieder salonfähig zu machen, benötigt man bei dem Briard schon zwei Badetücher.« »Warum habt ihr eigentlich einen Herdenschutzhund? Haben die Herren eine Herde?« »Nein, noch nicht und selbst dann wäre es nicht nötig. Nein, Clòimh ist ein Hund aus dem Tierheim. Seine Vorbesitzer waren mit ihm überfordert, weil sie ihm keine Aufgabe gaben. Im Tierheim hat er sich von den anderen Hunden zurückgezogen. Unter anderem, weil er eine Augenkrankheit hatte. Dr. Miller konnte ein Fortschreiten verhindern. Er legte Carsten und Andreas den Hund ans Herz. Nach Rücksprache ihrer Familie haben sie dann zugestimmt.« »Warum mit deren Familie?«, interessiert sich Merlins Begleitung. »Paul und Andrea, Carstens Vater und seine Schwester, sind Tierärzte. Sie empfahlen auch, den Briard als Wachhund einzusetzen. Damit es zu keinen Konflikten mit den anderen Tieren kommt. Edward ist sein Herrchen und trainiert ihn auf dem gesamten Anwesen. Dass der Hund diese Aufgabe ernst nimmt, durfte ich schon kennenlernen, als Vater hier unangemeldet auftauchte. Er kann sehr imposant bellen und knurren. Er stellte sich auch schützend vor Eric und mich.« »Folgt er denn deinen Ansagen? Ich weiß, dass solche Hunde eigentlich nur auf ihren Herrn hören.« »Er hört in jedem Fall auf Edward und Carsten. Ich habe es auf Scots versucht und er hat zumindest aufgehört zu bellen. Erst als Edward dazukam, entspannte er sich auch, blieb aber wachsam.« »Wieso hört er denn auch auf Carsten?«, wunderte sich Kenneth über das Verhalten. »Mr von Feldbach ist hier das ultimative Alphatier im Rudel. Er hat so etwas Besonderes in seiner Stimme, dass jeder Hund ihn als solches anerkennt. Vielleicht ist es auch seine Erfahrung im Umgang mit Tieren als blinder Mensch.« Sein Großvater nickte verstehend. Dann sah er sich um, was Merlin bemerkte. »Dieser Abschnitt des Anwesens ist alt und neu. Andreas und Carsten haben sich dazu entschlossen, das ehemalige Gelände zurückzukaufen. Für Carsten, damit es mehr Abstand zum Haus gibt. Andreas ist als Landschaftsarchitekt daran interessiert, den Park im Ganzen zu erhalten. Es ist mittlerweile ein kleines Naturreservat. Der Wanderweg wird seit seiner Instandsetzung wieder öfter benutzt. Als Bauland eignet es sich nicht, da es zu feucht ist und ein Trockenlegen nicht nur kostspielig ist, sondern der ganzen Region schadet. Vergangenen Winter wurde es sichtbar, da der Burn überflutet war und den Weg unpassierbar machte. Damit es nicht wieder passiert, wurde das Bachbett renaturiert und etwas vertieft. Die Brücke ist neu. Jetzt kann man den Weg auch bei Hochwasser nutzen.« Merlin sah sich nach dem Hund um. »Clòimh an seo, aig do chasan!«, rief er dem Hund zu, der schwanzwedelnd zu den Spaziergängern lief. »Das nächste Projekt ist ein alter Mühlteich. Er wird als solches nicht mehr genutzt und Andreas möchte daraus einen Biberteich machen. So, wie ich es verstanden habe, dient er gleichzeitig als Überschwemmungspuffer.« »Das kostet doch sicher viel.« »Stimmt, doch ich habe von beiden gelernt, dass Geld nicht alles ist. Es ist die Philosophie dahinter. Überlege mal, was eine Überschwemmung für Schäden anrichtet. Über die Jahre wahrscheinlich mehr als diese Investition. Daneben schaffen sie Lebensraum für wilde Tiere. Wann hast du das letzte Mal einen echten Biber gesehen? Ich jedenfalls kenne das Tier nur aus Büchern. Edward und seine Familie haben sich die neuen Flächen angesehen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es fruchtbares Weideland ist. Diese werden verpachtet und schon ist der Aufwand geringer. Daneben möchten sie auch eine Herde Boreray-Schafe etablieren, um das Areal vor der Verwaldung zu schützen. Andreas nutzt auch die natürliche Landschaftspflege. Seine Innovationen gehen auf und erhalten dieses Stückchen Paradies.« Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander. »Wie geht es Oma?« »Gut. Sie fährt noch jeden Tag zwei Meilen mit dem Rad. Ob Frauenverein, Lesegruppe, Supermarkt oder eine Freundin besuchen, sie findet immer einen Grund, mal eben aufs Rad zu steigen. Lediglich als so viel Schnee lag, ließ sie sich von mir fahren. Du musst uns mal wieder besuchen, sie würde sich freuen.« »Macht sie immer noch ihren berühmten Haggis?«, fragte Merlin seinen Großvater. »Manchmal. Sie sagte mir einmal, es muss der richtige Zeitpunkt sein und sie dazu Lust haben. Ansonsten würde es nur eine Katastrophe geben.« Mr Menzies machte eine kleine Pause: »Sie vermisst dich, Merlin … wir vermissen dich.« »Ich euch auch. Ich habe oft an euch gedacht, als ich obdachlos war. Gerade in den Momenten, wo ich nicht wusste, wie es weitergehen würde.« »Warum bist du nicht zu uns gekommen?« »Weil Vater mich dort zuerst gesucht hätte. Er hätte mich zurückgebracht und alles hätte von vorn begonnen. Darauf hatte ich keinen Bock. War er nicht bei euch?« »Nein, sonst hätten wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dich zu finden«, klang die Antwort traurig. »Er hat nicht einmal versucht, mich zu finden. Sei es drum. Ich habe Menschen gefunden, die mir geholfen haben, ohne etwas dafür zu erwarten«, war Melin zuversichtlich. »Wie wäre es in den Schulferien für einige Tage? Dann aber möchte ich Omas Haggis …. Eventuell auch ihr Rezept?«

Sein Großvater lachte. »Ich werde sie überzeugen.« Dann sah er sich die neue Weide an. »Eine ideale Schafwiese. Saftiges Gras und Kräuter. Das gibt gute Schafmilch und gesunde Tiere.« »Du kennst dich damit aus?« »Mein Vater, dein Urgroßvater, war Schafzüchter und hat mir sehr viel über die Weidehaltung von Schafen erklärt. Je besser das Verhältnis von Gras und diversen Wildkräutern ist, umso widerstandsfähiger werden die Tiere. Das gilt natürlich auch für Pferde, Ziegen, Cattle und Damwild. Wenn die Tiere etwas falsches gefressen haben oder zuviel, dann helfen sie sich selbst und grasen die richtigen Heilkräuter.« »Wie unsere Hunde und Charaid. Manchmal mischt Carsten ihnen frischen Pansen unter ihre Futter. Er sagte, dass das angedaute Grünfutter viele Vitamine und Wirkstoffe enthält. Dr Miller erklärte es mir dann aus tiermedizinischer Sicht. Erspart oft teure Medikamente. Auch wenn das Zeug stinkt.« Sein Opa nickte zustimmend. Er kannte den Geruch und auch die heilende Wirkung. Merlin rief den Hund zu sich. Danach gingen sie querfeldein zurück. »Opa, ich habe Carsten und Andreas vorgeschlagen, einige misshandelte Pferde zu übernehmen. Eine Organisation hat sie übernommen, da der Eigentümer sie unter schlechten Bedingungen hielt.« »Du hast ein Herz für solche Tiere. Ein guter Charakterzug. Wir sind zwar nur ein kleiner Zweig des Clans, doch arm sind wir nicht. Die Farm deines Urgroßvaters existiert noch, auch wenn die Schafhaltung nicht mehr der bedeutende Wirtschaftszweig für uns ist. Ich werde mal mit der Familie sprechen, ob wir nicht auch helfen können. Es gibt sicher ein Areal, welches wir für solche Tiere entbehren können. Deine Idee hat was und ich denke, dass der Clan uns dabei unterstützt.« »Das würdest du tun?«, fragte Merlin ungläubig. »Es ist einen Versuch wert und Pferde haben in den vielen Jahrhunderten eine große Rolle für uns gespielt. Es wird Zeit, dass wir den Tieren etwas zurückgeben. Sei es auch nur, das sie ihr Leben als Pferde genießen dürfen.«

Gute zwei Stunden später trafen sie wieder am Haus ein. Während des Rückweges sprachen die beiden über verschiedene Dinge und Merlin freute sich, mehr über seine Familie erfahren zu haben. Mr Menzies sah den Hund mit Freuden in den Teich springen. »Das musste jetzt sein«, war Merlins einziger Kommentar. »Hast du Lust auf Tee? Es ist recht warm und wir trinken diesen auf der Terrasse. So kann der Hund hier noch etwas toben und trocknen«, schlug er vor. Das Angebot war verlockend und sie setzten den Vorschlag in die Tat um. Etwas verwundert war der alte Mann, dass Merlin für drei Personen deckte. »Edward wird zu einem Tee nicht nein sagen.«

Der Besagte stieß etwas später zu ihnen und freute sich, dass Merlin an ihn gedacht hatte. Dann sah er sich nach seinem Hund um. Clòimh hatte anscheinend genug und chillte auf dem Rasen. Schmunzelnd sah er dem nassen Hund etwas zu. »Edward, was hast du alles gemacht?«, fragte Merlin ihn. »Reiner Verwaltungskram. Bilanz für die Steuererfassung des ersten Quartals. Da müssen die Bücher up to date sein. Ich bin froh, dass Carsten und Andreas auf eine monatliche Bilanz bestehen, so brauche ich nicht den ganzen Tag dafür. Jetzt kann ich beruhigt das Wochenende genießen. War Clòimh brav?«, fragte er und sah hinüber zu seinem Hund. »Was glaubst du? Bis auf eine Ermahnung hatte er genug für seine Nase. Das sollte für einige Stunden reichen. Sag mal, wie findest du die Weideflächen?« Edward war über diese Frage etwas erstaunt. »Wir haben diese ja eingezäunt und Papa sagte, dass die Wiesen sowohl als Grünfutter als auch als Heu ausgezeichnet sein. Eine gute Mischung diverser Kräuter und saftiges Gras. Daneben versorgt der Burn die Tiere auch mit frischem Wasser. Andreas und Carsten haben wirklich ein gutes wirtschaftliches Händchen. Die Investition wird sich schnell rentieren, selbst wenn ein Teil davon privat gebraucht wird. Die Idee mit einer Streuobstwiese gibt ihrem Bereich das gewisse Etwas vergangener Zeiten«, meinte er schlicht.

»Sagt einmal«, begann Merlins Opa, »kann es sein, dass hier nicht gejagt wird? Ich sah vorhin Spuren eines Luchs und hörte einen Fasan.« »Die Herren haben sich für ein ganzjähriges Jagdverbot entschieden. Das wurde von der Gemeinde und der Regionalverwaltung akzeptiert und amtlich bestätigt. Es hat vorwiegend den Grund, dass Carsten gefahrlos über ihr Anwesen gehen kann. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass sich hier auch geschützte Tiere etabliert haben. Luchse, Dachse, Igel und Wildkatzen. Drüben im naturbelassenen Teil des Parks gibt es einen kapitalen Hirsch. Die Population an Damwild hat einen gesunden Stand und verhindert dort eine Verwaldung.« »Was ist mit einer Überpopulation?«, wandte Mr Menzies berechtigt ein. »Da besteht keine Gefahr. Es gibt immer auch junge Hirsche, die eine neue Gruppe bilden und das Revier verlassen. Das Gleichgewicht bleibt gewahrt«, informierte Edward die beiden. Aus dem Augenwinkel sah er seinen Hund seine Ohren spitzen und dann lief Clòimh zum Eingang.

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