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Und wenn ich mal groß bin...

Teil 1 - ... dann will ich schwul sein

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Und wenn ich mal groß bin, dann will ich schwul sein. Ja, ich glaube der Satz trifft es, oder besser gesagt, der Satz hat schon getroffen. Oder noch besser gesagt, er ist eingeschlagen als ich ihn nicht etwa gedacht, wie ich eigentlich meinte, sondern vielmehr wirklich ausgesprochen hatte.

Ich glaube das war das erste Mal in meinem Leben, dass man mich so richtig wahrgenommen hat. Nein, ich war bis dahin nicht etwa unsichtbar, aber ich war einer von den Leuten, die einfach zur großen grauen Masse gehören, in ihr aufgehen, in ihr untertauchen und letztlich von ihr verschluckt werden. Im Grunde genommen ist das ja auch kein Wunder, denn diese Redensart kommt schließlich nicht von irgendwoher, sondern hat einen wahren Kern.

Und warum sollte man auch nicht zu dieser Sorte Mensch gehören? Es ist eben einfacher nicht aufzufallen, sich anzupassen und so weder auf die eine, noch die andere Art und Weise herauszustechen. Natürlich geht man damit das Risiko ein oder besser gesagt, man nimmt billigend in Kauf, dass man selbst als Person nicht wirklich entdeckt wird, sondern vielmehr beliebig austauschbar erscheint, aber es kostet einen weniger. Weniger Anstrengung, weniger Zeit, einfach weniger von allem.

Jeder wird in seinem Leben schon einmal einem Mitläufer begegnet sein, ihn für seine nichtssagende Art und Weise verurteilt oder milde belächelt, vielleicht sogar bedauert haben. Oder letztlich selbst einmal genau so ein Mensch gewesen, vielleicht auch immer noch zu sein.

Ja, auch ich war genau so und in der einen oder anderen Minute hadere ich mit mir, weil ich dieses Geschenk von mir gestoßen habe und mehr oder weniger ins Rampenlicht der sozialen Interaktion getreten bin. Es ist eben einfacher, wenngleich auch sehr anstrengend, solch ein Mensch zu sein.

Einfacher? Ja, genau. Denn man ist einfach nur da. Man muss nichts tun und kann einfach genießen. Alles um einen herum passiert und man kann einfach teilhaben. Dabei sein, ohne selbst etwas zu geben. Nehmen, ohne selbst Opfer zu bringen. Und doch ist gerade das auch ein Fluch. Verflucht, untätig zu sein, nicht um seiner selbst Willen erwartet, sondern letzten Endes nur aufgrund der Gewohnheit geduldet zu werden.

Für die seltenen eigenen Beiträge zwar im ersten Moment mit Anerkennung belohnt, doch letztlich nur milde belächelt, da stets und immer die Frage im Raum steht, wessen Worte man da gerade wohl haarklein und ohne eigenes Nachdenken wiedergegeben hat.

Und keiner erkennt dabei, dass auch jener, der eigentlich nie etwas sagt oder nur selten die Stimme erhebt, letztlich doch so viel zu geben, ja zu sagen hätte. Mag es daran liegen, dass er sich einfach nicht traut, oder daran, dass er es schlicht und ergreifend nicht vermag, da er sich seiner selbst nicht bewusst ist. Oder aber, dass er es schließlich irgendwann aufgegeben hat, sich in sich selbst zurückgezogen und die Position des lethargischen, antriebslosen Zuschauers für sich akzeptiert und verinnerlicht hat. Letztlich wird er seinem Begehren aufgrund dieser oder anderer Gründe keinen Ausdruck verleihen und sich eingestehen, dass er nie um seiner selbst Willen geachtet, ja zumindest beachtet werden wird.

Diese Menschen, gleich Variablen, auf den ersten Blick unterschiedlich, auf den zweiten, siebten und zehnten Blick doch gleich, sind es, die jeder zu übersehen sucht. Denn nur wenn man sich ein wenig Zeit nimmt und sie in Ruhe betrachtet, kann man erkennen, dass sie im Grunde doch voneinander verschiedene und vor allem eigenständig denkende Menschen sind.

Natürlich ist es einfach und oft auch notwendig Menschen in Kategorien einzusortieren und sie dementsprechend zu behandeln. Notwendig einfach deshalb, weil auch das eigene Selbst, das Individuum an sich, nur in einem begrenzten Maße Energie aufbringen kann, um sich auf Andere einzulassen. Sie kennen, ja vielleicht sogar lieben oder eben hassen zu lernen und so auf die eine oder andere Art einem anderen Menschen Raum im eigenen Leben und Denken einzuräumen. Denn letztlich hat auch ein Herz, so groß und unendlich gütig es auch erscheinen mag, nur begrenzt Platz für Menschen, mit denen man sich freuen kann oder deren Leid man teilt.

Und vielleicht sogar für den einen Menschen, dem man sein Innerstes ungeschützt von Mauern, Wällen und anderen Schutzmechanismen offenbaren möchte. Dem man geben möchte, was nicht erwartet noch gefordert wird und von dem man sich das Gleiche erhofft, auch wenn man es nicht verlangt.

Tja zu eben jener großen grauen Masse habe ich gehört, wobei die Betonung auf habe liegt. Denn inzwischen ist alles ja ein wenig anders. Es hat mich nie wirklich gestört, einfach als einer von vielen betrachtet zu werden. Es gab ja auch nicht wirklich etwas, was mich irgendwie ausgezeichnet hätte, etwas, durch das ich aufgefallen, was mich gegenüber anderen ausgezeichnet hätte.

Und trotzdem, irgendetwas hat immer gefehlt. Beschreiben konnte ich es nie wirklich, aber ich wusste einfach, dass etwas nicht ganz perfekt war. Wobei, von Perfektion zu sprechen schon ziemlich waghalsig ist für jemanden wie mich, aber irgendwie schweife ich ab.

Im Grunde weiß ich nicht, ob ich mich freuen soll, aus der großen grauen Masse hervorgetreten zu sein und der Unbekannten einen Namen gegeben zu haben, oder ob ich mich dafür hassen soll, diesen Schritt getan zu haben. Zumal es schon erschreckend ist, was ein Moment des Kontrollverlusts zur Folge haben kann. Ein Augenblick, in dem man nicht bedenkt, was die Folgen des eigenen Handels sein könnten. Ein Moment, in dem man einfach das tut, was sich richtig anfühlt.

Die Motive mögen zwar gut und in diesem Augenblick prägend gewesen sein, doch zuletzt entscheidet doch deine Umwelt ob und inwieweit deine Handlung, deine Tat, dieser eine unbedacht ausgesprochene Satz als akzeptabel hingenommen oder aber als unverständlich, ja vielleicht sogar als verwerflich, abgestempelt oder verurteilt wird.

Eigentlich hätte ich es vorher wissen müssen, dass mein Umfeld so reagiert. Meine Güte, die Menschen kennen mich zwar nicht wirklich oder genauer gesagt, sie kennen nur die Rolle, die ich immer verkörpert habe. Aber auf der anderen Seite habe ich mich selbst doch immer für einen recht guten Beobachter gehalten, jemanden der seinem Gesprächspartner eigentlich immer zuhört und eben deswegen hätte ich es vorher wissen müssen. Vielleicht habe ich es vorher gewusst, nun eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher. Aber es ist halt immer so eine Sache mit dem Vertrauen in die eigenen Beobachtungen beziehungsweise mit dem Vertrauen in andere Menschen. Schließlich bin ich sicher nicht der Einzige, der nur eine Rolle spielt, irgendein Klischee erfüllt, denn auch das machen viele Menschen, um ... ja wieso eigentlich?

Nun, vielleicht um ihrem Umfeld zu genügen, den an sie gerichteten Ansprüchen gerecht zu werden oder vielleicht einfach nur, um nicht noch mehr als sowieso schon anzuecken und in letzter Instanz vielleicht vollkommen ausgegrenzt zu werden.

Aber vielleicht sollte ich einfach mal erzählen, wie sich das alles zugetragen hat.


Es gibt Tage, Tage an denen man eigentlich besser im Bett bleiben sollte. Wenn einem schon morgens, bevor man überhaupt daran gedacht hat das Bein aus dem Bett zu heben und sich irgendwie durch das abgedunkelte, kalte Zimmer zu quälen, um schnellstmöglich das Fenster zu schließen, bewusst ist, dass der eben beginnende Tag nichts wirklich Gutes bringen wird. Warum? Gute Frage. Vielleicht ist es Intuition, vielleicht Eingebung, möglicherweise ist es aber auch einfach nur Ernüchterung, denn was soll den neuen von den vielen schon vorangegangenen Tagen unterscheiden? Egal.

Genau so ein Morgen war es und wider besseres Wissen bin ich auch an diesem aufgestanden und habe mich schnellstmöglich in Richtung Fenster bewegt. Wenn ich nicht so eine Frostbeule wäre, hätte ich mich über das laue Lüftchen, welches in meinem Zimmer herrschte, sicherlich gefreut und wäre, mental erfrischt, dazu übergangen den Tag mit ein paar sportlichen Übungen zu beginnen. Da ich jedoch eine unglaubliche Frostbeule bin, reichte es bei mir, wie so oft, nur zu ein paar leise gemurmelten Flüchen und schnellem Schlurfen in Richtung Badezimmer. Es ist jeden Morgen das gleiche Spiel, nun gut es gibt schon einen Unterschied. Wenn es gerade mal nicht arktisch kalt draußen ist, dann wache ich früh meist schweißgebadet auf, weil ich mich wieder hoffnungslos in meiner Bettdecke verheddert habe. Aber zumindest die Morgenhygiene gleicht sich jeden Tag.

Eine Viertelstunde später stand ich dann wieder in meinem Zimmer. Die erste Qual, das Aufstehen, lag hinter mir, dafür erwartete mich allerdings schon der nächste Horror in Person meines Kleiderschrankes. Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass mir Klamotten eigentlich nie wirklich wichtig waren. Das Kriterium, welches sie unbedingt erfüllen mussten, war, dass sie mindestens eine, besser noch zwei Nummern zu groß waren. Tja mir gefiel es eben so. Die Sachen sind dann einfach bequemer und man konnte damit einfach mehr verstecken. Das Problem daran ist inzwischen aber Folgendes. Seit einiger Zeit hab ich mich ein wenig verändert. Vielleicht nicht äußerlich, doch auf jeden Fall innerlich, aber dazu sage ich eventuell später noch etwas mehr. Auf jeden Fall stand ich nun, wie jeden Morgen in den letzten Wochen, vor meinem Schrank und verwünschte mich für meinen Klamottengeschmack. Am liebsten hätte ich die Hälfte meiner Klamotten sofort dem Feuer als Opfergabe dargeboten und die andere Hälfte nur noch für Arbeiten im Keller, Garten oder für Spaziergänge im Wald benutzt. Aber woher neue Sachen nehmen, wenn nicht stehlen. Und wie erklären, warum mir, dem es eigentlich sein Leben lang egal war, was er an hatte, dessen einzige, von Haus aus vorgegebene Richtlinie war, dass man halbwegs ordentlich nach außen hin auftrat, plötzlich wichtig war, welche Klamotten im Schrank hingen.

Ja, mit zu großen Klamotten macht man definitiv nicht wirklich etwas her, zumal, wenn man so ein halbes Klappergestell ist, wie ich eines bin. Aber nun gut, ändern konnte ich an der Situation in dem Moment sowieso nichts und deshalb schnappte ich mir das, was mir noch am meisten zusagte. Nachdem ich dann auch noch meine wie immer kreuz und quer im Zimmer verteilten Schulsachen zusammengerafft und in meinen Rucksack gestopft hatte, fand ich mich in der Küche ein.

Gesprochen wurde bei uns am frühen Morgen eher selten ein Wort, wofür ich meiner Mutter auch ziemlich dankbar war. Es war ja auch schon schlimm genug, dass ich mich mitten in der Nacht durch die Kälte an einen Ort quälen musste, an dem ich nicht wirklich sein wollte. Aber ich wollte ja eigentlich etwas über meine Mutter sagen. Nun, im Grunde ist sie, wohl so wie jede Mutter, eben einfach mütterlich. Mehr muss man dazu ja eigentlich nicht sagen und doch ist es mir irgendwie wichtig, zu erwähnen, dass sie die einzige Person in meinem Leben ist, der ich es Recht machen möchte. Warum das so ist? Ich weiß es, um ehrlich zu sein, nicht. Vielleicht einfach, weil sie meine Mutter ist, vielleicht auch, weil sie sich selbst immer zurückstellt und nie eine Gegenleistung erwartet. Letztlich ist es egal, denn es ist einfach so wie es ist.

Sie stand auch an diesem Morgen wie eh und je in unserer Küche. Mein Frühstück lag wie immer bereit und während ich mich noch einmal kurz vor unseren Fernseher verkrümelte, führte ich es schnell seiner Bestimmung zu. Gleich darauf musste ich auch schon los, denn irgendwie schienen die Uhren am Morgen vor dem Unterrichtsbeginn schneller zu laufen, als nach dem ersten Stundenklingeln. Ab da zog sich die Zeit meist zäh wie ein Kaugummi und ließ den sehnlichst erwarteten Nachmittag meist in schier unerreichbare Ferne weichen.

Gemeinsam mit dem Klingeln war ich wie immer im Klassenzimmer, glücklicherweise noch vor meiner Biologielehrerin. Denn wenn diese etwas neben vorlauten Schülern, sich im Unterricht unterhaltenden Schülern, unaufmerksamen Schülern oder Schülern, die sich außerhalb des Unterrichts unglaublicher Weise einfach wie Kinder benahmen, hasste, dann waren das Schüler, die zu spät zu ihrem Unterricht kamen.

Kurz nach mir betrat sie dann auch schon das Zimmer und nicht einmal eine Minute nachdem sie den Kurs begrüßt und mit ihrem Unterricht angefangen hatte, hagelte es auch schon die erste Ermahnung in meine Richtung. Natürlich war sie nicht an mich gerichtet, denn ich hatte meinen Tisch für mich alleine, sondern vielmehr an die beiden hinter mir. Es ist schon ziemlich erstaunlich, wie es die zwei in steter Regelmäßigkeit schafften, sich ihren Unmut zuzuziehen und dennoch ihre guten Noten zu halten, aber das würde wohl auch immer ihr Geheimnis bleiben, denn danach zu fragen kam mir nicht in den Sinn. Abgesehen von dieser und einigen weiteren Ermahnungen an den einen oder anderen Schüler, geschah in dieser Stunde allerdings nicht viel Weltbewegendes.

Auch die zweite Biologiestunde brachte, außer ein paar Notizen im Hefter und einigen kurzen Vorträgen unserer engagierten Biolehrerin, nicht viel Neues. Danach hieß es dann das Zimmer wechseln, denn jetzt stand Englisch auf meinem Plan.

Diese Stunden bildeten eine sehr schöne Abwechslung, denn hier gab es immer etwas Interessantes. Zum einen lag das wohl an unserem bunt zusammengemischten Englischkurs, zum anderen wahrscheinlich auch an unserer Lehrerin. Eben jene war, bevor wir in die Sekundarstufe 2 wechselten, meine Klassenlehrerin und hatte mich natürlich nur von meiner besten Seite kennen gelernt. Dementsprechend schockierend muss die letzte Zeit für sie gewesen sein, denn mit Beginn des elften Schuljahres hatte ich eine neue Banknachbarin, was für meine Verhältnisse schon ziemlich außergewöhnlich war, da ich normalerweise entweder einen männlichen oder aber gar keinen Banknachbarn hatte. Dazu kam noch, dass meine Banknachbarin, jedenfalls meiner Meinung nach, zu den wirklich gut aussehenden Frauen unseres Jahrgangs gehörte.

Den letzten, aber entscheidenden Punkt machte unser gutes Verhältnis aus, denn obwohl wir auch davor schon zwei Jahre zusammen die Schulbank gedrückt hatten, hatten wir nicht wirklich viel miteinander zu tun gehabt. Umso erstaunlicher war es eigentlich, dass wir uns auf Anhieb so gut verstanden. Vielleicht lag es einfach daran, dass wir die einzigen aus unserer alten Klasse in diesem Kurs gewesen sind, vielleicht aber auch nur daran, dass ich einfach nie irgendwelche Andeutungen oder Annäherungsversuche gemacht habe.

Dabei fällt mir ein, das letzte Mal, das ich offensichtlich auf ein Mädchen zugegangen bin, war in der Grundschule und auf der anderen Seite wurde ich auch in der siebenten Klasse zum letzten Mal gefragt, ob ich denn mit einem Mädchen gehen wolle. Danach hat sich das Thema in der Schule für mich irgendwie erledigt gehabt, schließlich hatte ich auch genug andere Sorgen. Aber auch das gehört jetzt nicht wirklich hierher.

Eigentlich sind die möglichen Gründe und Ursachen so vielfältig wie die Grashalme einer Wiese. Wichtig ist letztlich nur, dass wir uns ohne Probleme gut verstanden und zum Leidwesen unserer Englischlehrerin, bei der ich dadurch im Laufe der Zeit meinen Bonus für gute Erziehung verlor, höchstens die Hälfte der Zeit bei der Sache waren, während wir uns in der anderen Hälfte über alles Mögliche unterhielten.

Genau zwischen diese beiden Stunden fiel bei uns die Frühstückspause, die ich seit Anfang der elften Klasse regelmäßig zusammen mit meinen Freunden auf dem Schulhof verbrachte. Warum wir uns auch im Winter nach draußen quälten lag einfach daran, dass wir zum einen zwei Raucher in unseren Reihen hatten, die ihrer Sucht nachgehen wollten und zum anderen daran, dass wir, bis auf wenige Kurse, einen ziemlich unterschiedlichen Stundenplan hatten und man sich so wenigstens regelmäßig sah und Neuigkeiten austauschen konnte.

So auch an diesem Vormittag. Wir waren relativ zeitig auf dem Hof, da unser Englischraum relativ günstig lag und wir deshalb einen kurzen Weg hatten. Die beiden Raucherinnen, die ein Zimmer weiter ebenfalls dem Englischunterricht beigewohnt hatten, waren dann auch umgehend dabei, ihrer Sucht zu frönen, während nach und nach der Rest eintraf. Insgesamt zählten wir acht Leute, wovon die Hälfte Pärchen bildete während der Rest entweder solo oder aber schulextern vergeben war. Unsere Themen glichen sich meist. Es ging entweder um die Ergebnisse der letzten Nacht, die nächste Verabredung auf dem Platz oder eben um das alltägliche Leiden Schule. Ab und an wurde der Themenkreis durch einen anstehenden oder gerade stattfindenden Geburtstag oder aber die damit im Zusammenhang stehende Feier aufgebrochen und erweitert.

Irgendwann innerhalb der ersten fünf Minuten hatte ich an diesem Morgen den Faden verloren und bekam auch nur am Rande mit, worüber sich der Rest unterhielt. Wie so oft in den letzten Tagen, hatte sich wieder dieser Gedanke in meinem Kopf eingenistet.

Es hatte schon vor Ewigkeiten angefangen. Genau kann ich es nicht mehr sagen. Aber es war schon in der fünften Klasse und es war einfach interessant, spannend, alles zusammen eben. Damals habe ich mir auch noch keine Sorgen gemacht, ja eigentlich nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet. Es war eben einfach so, wie es war und ich fand es gut. Wann genau ich dann angefangen habe, mir einen Kopf darüber zu machen, weiß ich nicht mehr. Der Gedanke war auch weiterhin da, doch irgendwie hatte ich selbst, oder besser gesagt mein Kopf, festgelegt, dass das einfach nicht sein durfte. So beschränkte sich der Gedanke dann nur noch auf die wenigen Minuten vor dem Einschlafen und wurde später dann auch noch von anderen Gedanken verfolgt, die über das Ganze ein Urteil sprachen.

Dadurch gelang es mir auf jeden Fall nie aufzufallen. Nicht einmal an die üblichen Sprüche, die jeder mal um die Ohren bekam, könnte ich mich erinnern, denn meines Wissens war ich nie Ziel solcher Aussagen. Und genau das ist wohl gleichzeitig Segen und Fluch dessen, der in der grauen Masse untertaucht und nie wirklich auffällt. Es fiel keinem auf, denn bevor jemand etwas merkte, war ich immer schon wieder mit etwas anderem beschäftigt. Und doch zerriss mich dieser innerliche Streit immer mehr. Irgendwie genügte es mir nicht mehr, nur da zu sein, nie etwas zu riskieren, nie aufzufallen.

Mit einem Mal war ich wieder im Gespräch und während ich mir die Gesichter um mich herum anschaute, erkannte ich, dass jeder von ihnen jemand war, ein Bild verkörperte, dass sie alle schon einmal etwas riskiert hatten, bis auf mich. Es war alles vertreten, der Musikbegeisterte, der Sportler, der Praktiker, der Clown, die Kluge, die mit dem eigenen Kopf, die, die immer nach dem streben würde, was sie wohl nicht erreichen konnte und ich. Das war es, genau in diesem Moment bemerkte ich den Unterschied. Ich konnte jeden von ihnen mit einem Wort beschreiben, je nach Stimmung wohl auch mit mehreren Wörtern. Doch bei mir selbst konnte ich das nicht. Das einzige, was ich hätte anbringen können, wäre meine stete Anwesenheit gewesen, oder aber eben der Stille, der Zurückhaltende, der, den man nach der Schulzeit schnell aus den Augen verloren hat.

Während mir dies bewusst wurde, bekam ich mit, worüber sich meine Freunde gerade unterhielten. Genauer gesagt hörte ich nur ein Wort und wurde sofort hellhörig.

Seit einiger Zeit hielt sich ein Gerücht an unserer Schule. Er hatte eine dieser Traumfrauen abbekommen, die es in jeder Schule gibt. Doch es hatte nicht gehalten. Irgendwann hatte jemand den Stein ins Rollen gebracht. Vielleicht war er auch mit einem anderen Jungen gesehen worden. Letztlich spielte das wie und warum keine Rolle. Das Gerücht bestand und wie es meist mit ungesichertem Halbwissen ist, verbreitet es sich schon innerhalb einer zwanzigminütigen Pause über einen kompletten Schulhof und innerhalb zweier Unterrichtsstunden durch einen kompletten Jahrgang, wenn nicht sogar die halbe Schule. Soeben war dieses Thema auch bei uns angekommen oder besser gesagt, eine unser beiden Raucherinnen hatte es zum Thema gemacht, obwohl ich selten erlebt hatte, das solcherlei Themen in unserem Kreis diskutiert wurden. Dementsprechend gering fiel auch die Resonanz auf ihre nicht mehr brandaktuelle Neuigkeit und die damit verbundene Frage aus. Genau diesen Moment suchte sich mein Kopf aus, um seinen eigenen Willen durchzusetzen.

Ich war gerade dabei mir vorzustellen, wie sie mich wohl anschauen würden, was ihre Worte wären, wenn ich es ihnen jetzt gerade hin ins Gesicht sagen würde, als ich mitbekam, das es um mich herum still geworden war. Erst langsam wurde mir klar, dass ich eben nicht nur gedacht, sondern nebenbei auch noch auf die Frage geantwortet hatte, während mein Kopf mich mit einem netten Gedankenkarussell ablenkte.


„Find ich gut.“

„Was findest du gut?“

„Das er auch schwul ist, wenn er es denn wirklich ist.“

„Wie, du findest das gut?“

„Auch?“

„Na ja, ich bin es jedenfalls.“


Ich hatte es wirklich ausgesprochen und sieben Augenpaare starrten mich an. Also tat ich das, was mir in dieser Situation das einzig Richtige erschien. Ich ging so ruhig ich konnte zurück in die Schule und ignorierte alles was auf meinem Weg sonst noch passierte.

Das war es im Groben. Den nächsten klaren Gedanken habe ich vor zehn Minuten fassen können. Wenigstens war ich schlau genug meinen Rucksack mitzunehmen, so kann ich wenigstens etwas essen, während ich hier im Park sitze und mir den Kopf zermartere, um herauszubekommen, was genau mich heute früh geritten hat, aufzustehen. Ihre Reaktionen waren eindeutig. Ich konnte es in ihren Augen lesen. Es war als ob ich meinen Mantel abgeworfen und sie mich zum ersten Mal richtig entdeckt hatten. Und das, was sie gesehen hatten, hatte ihnen nicht gefallen.

Es wird schwer werden und ich weiß nicht, ob ich es überhaupt angehen will. Aber irgendwie muss ich es angehen, wenn ich nicht aufgeben will. In die große graue Masse kann ich nicht zurück, ich will es im Grunde genommen auch gar nicht mehr. Wenn ich es mir Recht überlege, war und ist es auch immer noch gut. Und da ich den Weg nun einmal begonnen habe, sollte ich ihm wohl noch ein Stück weiter folgen.

Kennt ihr sie? Kennt ihr diese Tage, an denen man am besten im Bett liegen bleiben sollte? Diese Tage, an denen schon das Aufwachen eine Qual ist, da das Zimmer furchtbar kalt ist? Ich habe diese Tage auch gekannt. Letzte Woche war so ein Tag.

Heute ist es irgendwie anders. Das Fenster war über Nacht wieder einmal offen, aber irgendwie stört mich heute die Kälte nicht so sehr. Es könnte natürlich daran liegen, dass ich freiwillig aufgestanden bin. Nun gut, freiwillig ist vielleicht doch das falsche Wort. Ich musste zwangsläufig etwas eher aufstehen, schließlich dauert es morgens ein wenig und so eine schöne warme Dusche am frühen Morgen ist doch irgendwie Pflicht. Dafür geht der Rest dann auch ziemlich schnell, da ich das alles schon genau durchdacht habe.

Wir waren am Samstag verabredet, doch als ich am Freitag dann irgendwann nach Hause gegangen bin, wusste ich schon, dass ich nicht hingehen würde. Ich hatte sowieso genug zu erledigen. Meine Mutter würde sich zwar an den Kopf greifen und sich fragen, welcher Teufel mich reitet, aber das war nicht zu ändern. Ich wusste was ich wollte. Obwohl, das wusste ich eigentlich schon eine ganze Weile. Vielmehr wusste ich, dass ich es endlich umsetzen musste. Der erste Schritt war schnell getan und schon beim Abendessen wurde meine neue Frisur mit Verwunderung aufgenommen, hatte ich mich zuvor doch immer vor Friseurbesuchen gedrückt.

Auch von meiner zweiten Idee war meine Mutter mehr als überrascht, aber ich konnte sie zum Glück überzeugen und so saßen wir am nächsten Morgen im Zug und strebten der großen Stadt zu. Einige Stunden und viele erstaunte Blicke später waren wir wieder zurück und ich machte mich sogleich daran, meinen Kleiderschrank auszumisten. Den Abend verbrachte ich für mich allein, um nachzudenken, ja auch, um schon einmal alle möglichen schrecklichen Szenarien durchzugehen. Das gleiche Spiel trieb ich auch am Sonntag, bis ich irgendwann nach Mitternacht endlich einschlief.

Jetzt stehe ich vor meiner Schule. Von innen und von außen sozusagen generalüberholt und ich würde am liebsten sofort umdrehen oder mich in irgendeinem Loch verkriechen. Es tut gut, man selbst zu sein, es ist wirklich befreiend. Trotzdem bin ich nicht alleine auf dieser Welt. So oder so nimmt meine Umwelt Einfluss auf mich, reagiert auf mich, meine Worte, meine Taten und genau vor dieser Reaktion fürchte ich mich im Moment.

Es wäre schön gewesen, wenn sie anders reagiert hätten, mich irgendwie unterstützt, mir gesagt hätten, dass wir so oder so Freunde sind. Egal, sobald ich mein Abitur habe, bin ich hier weg und bis dahin werde ich das alles schon irgendwie überleben. Man kann das Ganze ja auch positiv sehen. Jetzt kennt jedenfalls jeder meinen Namen, auch wenn ich wohl gleich einen passenden Spitznamen dazu bekommen habe. Wenn sie es wollen kann ich sowieso nichts dagegen tun, sollen sie der Norm gerecht werden und sich zu einer grauen Masse vereinen, ihre Individualität verneinen und aufhören einen Gedanken zu durchdenken und gleich urteilen.


Tja und heute sitze ich hier. Es sind ein paar weniger geworden. Mit manchen habe ich echte Freundschaft geschlossen, manche habe ich aber auch aus meinem Leben ausgeschlossen und mit manchen habe ich das Verhältnis so beibehalten, wie es auch früher schon war. Der Musikliebhaber zum Beispiel. Wir haben nie viel miteinander geredet, aber ich denke, heute wie früher, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Von unseren ursprünglichen Pärchen ist inzwischen keines mehr intakt. Der Sportler ist nicht mehr so sportlich, aber er ist ja auch schon in festen Händen, da kann man ruhigen Gewissens etwas gemütlicher werden. Die mit dem eigenen Kopf ist auch noch da. Es gab einige Momente in denen wir uns wohl mit einem Lächeln auf dem Gesicht am liebsten gegenseitig den Schädel eingeschlagen hätten, aber wir sind gute Freunde geworden und sie lässt sich auch nicht vertreiben. Den Clown und den Praktiker gibt es auch noch. Wir sehen uns zwar eher selten, aber wir finden immer noch ein Thema über das wir uns unterhalten können. Sie sind immer noch, wie schon zu Schulzeiten, gut miteinander befreundet und haben sich, wenn mich nicht alles täuscht, für ihr restliches Leben aneinander gekettet. Die anderen beiden und auch viele andere damals bekannte Gesichter sind im Nebel verschwunden, was ich allerdings nur in seltenen Momenten bedauerlich finde. Dafür sind aber auch neue Gesichter dazugestoßen, die ich, um ehrlich zu sein, nicht missen will. Es könnten mehr sein, doch dann würde mir wohl die Zeit fehlen, ihre Eigenheiten zu erkennen, den Menschen hinter der Fassade zu entdecken, denn auch wenn es nur wenige sind, so ist es dennoch schwer, sie zu durchschauen.

Es gibt sie auch heute noch, die große, graue Masse, und es gibt Momente, in denen bin ich ein Teil von ihr. Manchmal gewollt, manchmal ungewollt, doch spätestens wenn ich mir meiner Umwelt bewusst werde, bin ich nicht mehr Teil der Masse und wenn meine Gedanken durch die Fenster der Straßenbahn dem Fluss folgen, dann lasse ich mich von ihr treiben, denn zu irgendeinem Ziel wird sie mich leiten.

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