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Regenbogenfamilie

Kapitel 14 - Abflug nach Mallorca

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Informationen

 

Wir sitzen hier im Wartebereich am Flughafen Franz-Josef Strauß im Norden von München und warten auf den Aufruf unseres Fliegers nach Mallorca. Vor etwas mehr als einer Stunde hatte uns vier mein Schwiegersohn Christoph hier im Terminal zwei abgeliefert.

Jetzt könnt ihr es doch schon fast ahnen, wer hier auf den Flieger wartet. Klar, hier sitzen Peter, Thomas, Philipp und Marcus.

Und das Ganze spielt sich inzwischen fast zweieinhalb Jahre später ab als der letzte Teil der bisherigen Geschichte rund um meinen fünfzigsten Geburtstag. In der Zwischenzeit ist aber außer der Geburt meiner Enkelin Katharina nichts großartig Erwäh­nenswertes geschehen. Alles lief wie bisher in geordneten Bahnen ab. Dass Thomas' Mutter um­g­­­e­zogen ist und ganz in der Nähe von uns wohnt, habe ich euch ja noch be­richtet.

Ihr seid euch inzwischen sicher, dass wir in den wohlverdienten Jahresurlaub fliegen wollen, aber weit gefehlt, es gibt andere Gründe, warum man im späten Frühjahr nach Mallorca fliegt. Das ist schon etwas komplizierter mit unserem überhastet gebuchten Flug auf die Urlauberinsel. Wir haben noch etwas Zeit, bis unser Flug aufgerufen wird, also werde ich euch die Sache kurz erklären.

Vor zwei Tagen erhielt ich am Nachmittag einen Anruf von meiner Mutter, die mich darüber informierte, dass mein Vater am Morgen ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie erklärte mir, dass es ihm sehr schlecht gehe und es sicher besser wäre, wenn ich kurzfristig zu ihr nach Mallorca fliegen könnte. Natürlich habe ich ihr sofort zugesagt und ihr versprochen, dass ich so schnell wie möglich zu ihr nach Mallorca komme.

Ursprünglich wollte ich allein auf die Insel fliegen, aber mein Thomas meinte spontan, dass er mit mir gemeinsam die Reise antreten werde, in so einer Situation ließe er mich doch nicht allein fliegen. Er überzeugt mich so lange mit seinen verschiedenen Argumenten, dass ich am Ende nicht mehr ablehnen konnte.

Bei der Suche im Internet nach kurzfristig buchbaren Flügen kam uns dann mein Sohn Philipp in die Quere, der spontan entschied, dass er und sein Marcus ebenfalls mit uns mitfliegen würden, sie wollten mich und Groß­mutter in diesen schweren Stunden nicht allein lassen. Da sie zurzeit Semesterferien haben, sah ich kein so großes Problem darin, die beiden iden mitfliegen zu lassen.

Beinahe wäre daraus ein größerer Familienausflug geworden, denn auch Thomas‘ Mutter wollte sich kurzfristig uns anschließen und mit uns nach Mallorca fliegen, nachdem wir angekündigt hatten, dass wir zu meinen Eltern auf die Insel fliegen, weil es meinem Vater nicht so gut ginge. Auch meine Tochter wollte zusammen mit ihren beiden Kindern sich uns anschließen. Meine Tochter konnte ich glücklicherweise schnell davon überzeugen, dass es besser sei, wenn sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Rosenheim bliebe.

Bei Thomas' Mutter Elisabeth war das schon etwas schwieriger, sie konnte nur mit dem Argument, dass ihre beiden Urenkel gelegentlich beauf­sichtigt werden müssten, von der Mitreise zurückgehalten werden. Sie könnte dann auch Martina und Christoph behilflich sein, wenn es Probleme zu lösen gäbe.

Für mich und Thomas war es auch kein allzu großes Problem kurz­fristig Urlaub zu bekommen, wobei unser Chef Johannes Graf nur meinte, dass wir mög­lichst bald wieder zurückkommen sollten.

Für unsere beiden Youngster, Marcus und Philipp, war es dagegen problemlos möglich, mit uns mitzu­kommen, die beiden hatten derzeit keine großen Verpflichtungen und konnten sich solche spontane Ent­scheidungen leisten.

So sitzen wir jetzt hier und warten auf unser Flugzeug.

Inzwischen schweifen meine Gedanken komplett weg vom Flug und hin zu meinem Vater und meiner Kindheit. Gut, er hatte zwar nie viel Zeit für uns Kinder, aber wenn es Probleme gab, konnten wir uns immer auf ihn verlassen. Er war ursprünglich in einer Großstadt aufgewachsen, aber nach der Heirat mit meiner Mutter sind beide aufs Land ge­zogen, dort hat er dann auch die Gutsverwaltung nach und nach von seinem Schwiegervater übernommen und das Gut in den folgenden Jahren weiter ausgebaut.

Wir Kinder, mein Bruder Dieter, meine Schwester Gerlind und ich, sind auf dem Gutshof zur Welt gekommen und dort aufgewachsen. Von meinen beiden Geschwistern wollte keiner den Gutshof übernehmen, aber auch ich hatte mich wegen meiner Ausbildung und der beruflichen Verpflichtungen dagegen entschieden. So hatte mein Vater, als er ins Rentenalter kam, den Gutshof langfristig verpachtet und ist mit Mutter aus gesundheitlichen Gründen nach Mallorca ausgewandert.

Dort lebten sie jetzt schon rund fünfzehn Jahre, wir sind fast jedes Jahr mindestens einmal nach Mallorca geflogen und haben dort unseren drei- oder vierwöchigen Urlaub verbracht. Die Finca, die Vater damals gekauft hatte, war groß genug und so war es kein Problem, dort mit der Familie Urlaub zu machen. In den ersten Jahren bin ich noch mit Thomas und den Kindern zusammen dort hingeflogen, inzwischen verbringt zumindest meine Tochter mit ihrem Mann und den beiden Kindern ohne uns dort Urlaub. Im vergangenen Spätsommer waren Thomas und ich zum letzten Mal auf der Insel gewesen.

Im Spätfrühling, meistens so um Pfingsten herum, waren die beiden dann jedes Jahr wieder hier zu Besuch in Deutschland bei ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln gewesen. Sie sind häufig ein paar Tage länger geblieben und waren auch bei unserer Schwester mit ihren drei Kindern, die seit ihrer Heirat im Norden Deutschlands, genauer gesagt in Hannover, lebt. Hin und wieder war Vater für ein bis fünf Tage allein in Deutschland, wenn er geschäftlich etwas zu erledigen hatte. Fast immer bei ihren Besuchen in Deutschland haben sie im alten Gutshaus übernachtet.

In diesem Jahr wird mein Vater achtzig und wir hatten uns schon vor einiger Zeit überlegt, wie wir das mit der Feier zu seinem runden Geburtstag machen wollten, alle nach Mallorca und dort feiern oder hier in Deutschland wieder eine große Feier zu veranstalten, so wie anlässlich seines siebzigsten Geburtstags.

Noch war keine endgültige Entscheidung gefallen, sicher wäre es für uns einfacher, wenn die beiden zur Geburtstagsfeier nach Deutsch­land kämen, ansons­ten müssten alle Gäste nach Mallorca fliegen und letzt­endlich dort auch irgendwo untergebracht werden. Alle, also meine Familie, meine Geschwister mit allen Enkeln und Urenkeln. Alle zusam­men, das wären schon einmal weit über dreißig Leute, Geschwister, Freunde und Bekannte meiner Eltern noch nicht mal mit eingerechnet.

Plötzlich werde ich aus meinen ganzen Überlegungen heraus­gerissen und Thomas meinte zu mir, unser Flug sei jetzt aufgerufen und wir sollten so langsam an Bord gehen, nicht dass das Flugzeug am Ende ohne uns starten würde. Dabei schaut er mich intensiv an und fügt dann noch hinzu: „Einen Cent für jeden deiner Ge­danken und ich bin ein reicher Mann, so oft wie du manch­mal geistig abwesend bist und in irgendwelche Gedanken ver­sunken bist.“

Ich erhebe mich schwerfällig von meinem Platz und folge ihm sowie Philipp und Marcus in Richtung unseres Flugzeugs. Ich sollte definitiv besser auf­passen, dass ich nachher, wenn wir in der Luft sind, mich nicht gleich wieder in meinen Gedanken verliere, sonst könnte Thomas doch noch Recht be­­­hal­ten mit seiner Aussage, er wäre dann ein reicher Mann.

Im Flugzeug überlasse ich Thomas, großzügig wie ich nun manches Mal bin, den Fensterplatz, mein Sohn sitzt mit seinem Freund in der Reihe vor uns, so dass die beiden auch einen Fensterplatz haben, ansonsten hätten wir noch Plätze bekommen können, die dann aber durch den Mittelgang getrennt wären, und das wollten wir wiederum nicht.

Bei der Sicherheitsunterweisung bin ich mit meinen Gedanken schon wieder ganz woanders, aber was soll es, da hat sich seit Jahren nichts geändert, was einem da von einem der Flugbegleiterin oder dem Flugbegleiter erzählt wird.

Um nicht wieder sofort abwesend zu wirken, beginne ich lieber mit Thomas ein Gespräch, das sich aber auch hauptsächlich nur um ein Thema dreht. Was erwartet uns in Mallorca, kommen wir überhaupt noch recht­zeitig auf der Insel an, was werden wir unternehmen, wenn wirklich der Ernstfall, also das Ab­leben meines alten Herrn, eintreten sollte. Wir können uns zwar reichlich Gedanken darübermachen, aber letztendlich müssen wir abwarten, während des Fluges kann uns auch keiner mit aktuellen Infor­mationen versorgen.

Mit Mutter hatten wir vereinbart, dass wir uns am Flughafen einen Leih­wagen holen und zuerst zu ihr zur Finca raus­fahren würden und später, im Laufe des Nachmittages, den ersten Besuch im Krankenhaus bei meinem Vater machen würden. So könnten wir uns auf alle Fälle vorher noch frisch­machen von der Reise. Nur gut, dass der Flug nur insgesamt etwas mehr als zwei Stunden dauert, inzwischen hatte ich doch hin und wieder so meine Probleme, vor allem mit Lang­streckenflügen.

Der Flug selbst verlief gänzlich ruhig und auch bei der Landung gab es keinerlei Probleme. Danach standen wir noch eine gefühlte Ewigkeit am Förderband der Gepäckausgabe. Als wir dann endlich alle Koffer und Taschen hatten, machten wir uns auf den Weg zur Autover­mietung.

Plötzlich hörten wir eine Durchsage: „Der Passagier Peter Maurer, soeben aus München kommend gelandet, möchte bitte zur Information kom­men.“ Ich schaute Thomas an und meinte nur kurz zu ihm: „Muss das genau jetzt sein.“ Natürlich kam dann die Ansage auch noch in Englisch und Spanisch.

Wir schauten uns um, wo denn die Information sei, zu der wir kommen sollten, und folgten dann der Ausschilderung, um zu unserem Ziel zu gelangen. Schon kurz bevor wir die Information erreichten, konnte ich meine Mutter in der Nähe des Informationsschalters entdecken, sie war also diejenige, die uns hatte ausrufen lassen.

Kaum am Schalter angekommen, stand sie auch schon neben mir, ich konnte nicht mal mehr der jungen Dame erklären, dass sie mich nicht weiter auszurufen bräuchte, da fing meine Mutter schon an zu erklären: „Du musst jetzt sofort mit mir ins Krankenhaus zu deinem Vater fahren, der behandelnde Arzt möchte dich dringend sprechen. Das kann auch nicht aufge­schoben werden bis zu deinem geplanten Besuch heute Nachmittag. Er macht heute nur noch bis Mittag seinen Dienst im Krankenhaus und danach hat er ein paar freie Tage vor sich. Er erwartet uns schon, da ich ihm angekündigt und erklärt habe, dass ich dich direkt vom Flughafen abholen werde und mit dir direkt ins Krankenhaus komme.“

Ich schaute meine Mutter entsetzt an und sagte zu ihr: „Geht es Vater schon so schlecht, dass das nicht bis heute Nachmittag warten kann?“

„Nein“, sagte sie und sprach weiter: „wie gesagt, er ist dann in den nächsten Tagen nicht im Dienst und die anderen Ärzte sprechen nicht so gut deutsch wie er, er hat immerhin in Deutschland sein Medizinstudium absolviert.“

Da stand ich nun und überlegte, wie das Ganze am besten zu managen sei. Ich fragte Thomas, ob es für ihn ein Problem sei, wenn er mit den beiden Jungs und dem Gepäck direkt zur Finca fahren würden und ich mit Mutter erst mal ins Krankenhaus, zu dem dringenden Gespräch mit dem behandelnden deutschsprechenden Arzt. Er meinte dann nur, dass das sicher kein Prob­lem sein sollte, er bräuchte nur die Schlüssel zur Finca, sonst würden sie vor verschlossenen Türen stehen.

Zu Mutter sagte ich dann: „Okay, wir beide fahren also zuerst ins Krankenhaus und erst später raus zu euch auf die Finca. Ich muss jedoch vorher noch die Formalitäten mit dem Leihwagen erledigen, ich habe ihn auf meinen Namen angemietet und bevor Thomas dort deswegen Probleme be­kommt, sollte ich das vorher persönlich mit der Autovermietung abklären.“

Also wieder auf den Weg in Richtung Autovermietung, natürlich diesmal mit Mutter im Schlepptau. Am Schalter der Auto­ver­mietung nannte ich kurz meinen Namen und meinte, dass ich vorläufig für etwa acht bis zehn Tage einen Leihwagen angemietet hätte. Da ich jetzt mit meiner Mutter sofort ins Krankenhaus fahren würde, wird der Wagen von meinem Lebensgefährten Thomas oder meinem Sohn Philipp gefahren werden.

Kaum waren alle Formalitäten geklärt, schleppte mich meine Mutter auch schon davon, ich rief noch kurz zu Thomas: „Ihr schafft das schon, den Weg dorthin kennt ihr doch.“

Kaum hatten wir das Flug­hafengebäude vollständig verlassen, rief sie auch schon nach einem Taxi. Ich schaute meine Mutter an und fragte sie: „Und wo ist euer Wagen?“

Sie erklärte mir: „Der steht zu Hause in der Garage, du weißt doch, dass ich hier in Mallorca nicht so gerne mit dem Auto herumfahre“, kam es von ihr ganz trocken.

„Warum konntest du uns das nicht früher sagen, dann hätten wir mit Thomas oder Philipp ausmachen können, dass sie uns später vom Krankenhaus abholen und wir uns die Taxifahrt raus zur Finca ersparen können.“ Wir saßen kaum im Taxi auf dem Weg zum Krankenhaus, versuchte ich Thomas über mein Smartphone zu erreichen, um mit ihm über das Abholen vom Krankenhaus zu sprechen.

Er sagte, sie seien gerade dabei, den Mietwagen zu beladen, er würde den Weg ins Krankenhaus noch nicht kennen, aber Philipp würde uns dann abholen, wir sollten nur rechtzeitig genug anrufen, damit wir nicht so lange vor dem Krankenhaus warten müssten. Ich sagte ihm vorsichtshalber noch, dass Papas Wagen in der Garage stehe und sie doch bitte den Platz davor frei lassen sollten, dann könne Philipp auch Opas Auto benutzen und bräuchte nicht mit dem Mietwagen zum Krankenhaus zu fahren. Philipp wisse auch, wo die Schlüssel und die Papiere für den Wagen deponiert seien bei meinen Eltern.

Endlich waren wir am Krankenhaus angekommen, Mutter bezahlte den Taxifahrer und wir stiegen aus dem Fahrzeug aus. Schon hatte mich meine Mutter wieder am Ärmel gepackt und zog mich hinter ihr her. Ich hatte nicht einmal eine Chance mich zu orientieren, sie stoppte in ihren Tempo erst wieder, als sie vor der Tür zum Krankenzimmer meines Vaters angekommen war. Sie öffnete die Tür und schob mich ins Zimmer.

Das Einzige, was sie dann zu mir sagte, war: „Ich gehe jetzt ins Schwestern­zimmer und gebe dort Bescheid, dass wir hier sind und der Arzt mit uns reden kann. Außerdem besorge ich dir erst noch einen Kaffee aus der Cafeteria.“

Und schon war sie wieder verschwunden und hatte hinter sich die Türe geschlossen. Ich blickte mich erst einmal vorsichtig im Raum um und was ich zu sehen bekam, zerstörte jede Hoffnung in mir, dass es doch nicht so schlecht um meinen Vater stehen würde. Er hing mit verschiedenen Schläuchen und Kabeln an diversen Apparaten, die wohl alle seine lebenswichtigen Funk­tionen über­wachten und möglicherweise sogar unterstützten.

Langsam näherte ich mich dem Krankenbett und stellte dabei fest, dass mein Vater im Moment wohl bei Bewusstsein ist, er lächelte mich sofort an und deutete, ich solle doch näherkommen. Ich schnappte mir einen Stuhl und setzte mich direkt neben ihn ans Krankenbett.

Mit schwacher Stimme fragte er mich, wo denn Gerlinde sei, ich antwortete, sie sei kurz Kaffee holen gegangen und wolle seinem Arzt Bescheid geben, dass ich nun hier bei ihm im Krankenhaus sei. Ich nahm seine Hand und hatte auch die ersten Tränen in den Augen.

Plötzlich sprach Vater wieder mit mir: „Ich weiß inzwischen sicher, dass ich nicht mehr auf die Beine komme und mein letztes Stündchen wohl so langsam geschlagen hat. Ich habe nur zwei Wünsche an dich, zum einen quält mich nicht zu lange mit den Maschinen, ich will in Würde sterben können und nicht wochen- oder monatelang künstlich von diesen Monstern mit Gewalt an einem menschenunwürdigen Leben gehalten zu werden.“

Ich sah meinem Vater lange in die Augen und konnte erst mal nur mit meinem Kopf nicken, bevor ich ihm mit zittriger Stimme das Ver­sprechen gab, dass sowohl ich als auch Mutter ihm diesen Wunsch erfüllen werden.

Dann sprach er wieder weiter: “Der zweite Wunsch ist eigentlich mehr eine große Bitte an dich, kümmere dich um Gerlinde, ich glaube kaum, dass sie nach meinem Tod noch länger hier auf Mallorca bleiben will.“

Ich sah ihn an und fragte ihn: „Bist du dir da so sicher, dass sie nicht dauerhaft hierbleiben will?“

Nach einer längeren Pause meinte er dann: „Ja, sie hat mich in den letzten Monaten schon mehrfach gedrängt, endlich wieder nach Deutschland zurückzukehren. Ich selbst habe mir auch schon darüber Gedanken gemacht und ich wollte das Ganze bei unserem nächsten Aufenthalt in der Heimat in Angriff nehmen. Leider komme ich jetzt nicht mehr dazu, du musst das für mich nach meinem Tod erledigen.“

„Okay Vater, ich verspreche dir, wenn Mutter zurück in die alte Heimat will, dann werde ich mich um alles kümmern“, und drückte die Hand meines Vaters.

Nach einer längeren Pause fing Vater wieder zu sprechen an: „Da ist noch etwas, was du dringend wissen solltest, der Pächter unseres Gutshofes hat seinen Pachtvertrag zum Ende des Jahres gekündigt, beziehungs­weise nicht mehr weiter verlängert, auch das wird eine deiner Aufgabe sein, dort für geord­nete Verhältnisse zu sorgen, immerhin wohnst du am wenigsten weit weg vom Gutshof. Deine beiden Geschwister wären mit dieser Aufgabe sowieso nur überfordert.“

Jetzt war ich es, der belämmert aus der Wäsche schaute, solche Worte hatte ich nie zuvor von meinem Vater gehört und im Übrigen war ich eher der Meinung, dass er seinen miss­ratenen, schwulen Sohn weni­ger dafür geeignet sehen würde. Ich dachte lange nach, bevor ich wieder etwas zu ihm sagte.

„Gut, ich werde auch diese Aufgabe übernehmen, aber ich werde nichts ohne meine beiden Geschwister entscheiden, sie sollen auf alle Fälle bei allen Ent­scheidungen, die einen neuen Pächter betreffen, mit dabei sein. Auch Mutter sollte über alles, was mit dem Gutshof zu tun hat, informiert sein und von ihr auch mitentschieden werden.“

Ich saß immer noch ruhig neben ihm und versuchte meine Gedanken zu sortieren, da war doch einiges, was so plötzlich über mich her­ein­gebrochen war. Ich wurde durch ein Klopfen an der Tür aus meinen Gedanken gerissen. Die Tür öffnet sich und der Arzt, von dem meine Mutter gesprochen hatte, betrat den Raum. Er stellte sich mir als Doktor Juan Ramirez vor.

Zuerst warf er einen Blick auf meinen Vater und stellte fest, dass er momentan wohl wach und bei vollen Bewusstsein ist, dann fragte er mich leise: „Hat ihr Vater schon mit ihnen ge­sprochen?“ Ich nickte und erzählte ihm kurz, was er mir bisher alles mitgeteilt hatte.

„Dann hat er zumindest alles Wichtige schon mit ihnen direkt besprochen, was er mir persönlich aufge­tragen hatte.“ Ich warf einen fragenden Blick zu meinem Vater, der nickte jedoch nur kurz.

Ich wandte mich wieder zum Doktor und fragte ihn nun: „Wo ist denn meine Mutter, die wollte doch nur kurz Bescheid geben, dass wir im Krankenhaus angekommen sind, und danach noch einen Kaffee für mich besorgen.“

„Die ist derzeit noch in der Cafeteria, ich hatte sie gebeten, erst in etwa zehn bis fünfzehn Minuten wieder zu kommen, ich wollte zuerst allein mit ihnen sprechen, vor allem wollte ich Sie, sofern nötig, von den wichtigsten Wünschen ihres Vaters in Kenntnis setzen. Ich hatte ihm das bereits gestern Nach­mittag versprochen, wenn er nicht mehr in der Lage dazu sein sollte, das selbst zu übernehmen. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt aber sehr sicher, dass er Ihnen alles Wichtige noch selbst erzählen kann.“

Ich wollte dann von ihm wissen, wie es den jetzt weiter­gehen würde. Er erklärte mir, dass es derzeit noch keine Notwen­digkeit gäbe, weiter Maßnahmen zu ergreifen, da die Medikamente, die sie ihm geben, einen schmerz­freien Zustand ermöglichen. In wenigen Tagen könne es aber sein, dass die Medi­kamente nicht mehr die notwendige Wirkung zeigen könnten und dann wäre es an der Zeit, seinen geäußerten Wünschen, auch dem Wunsch nach unnötig lebensverlängernden Maßnahmen, zu entsprechen.

Ich fragte Dr. Ramirez noch, ob denn meine Mutter wüsste, dass er unnötige lebens­verlängernde Maßnahmen abgelehnt habe, denn sonst müsse ich ihr das ja auch erklären. Der Arzt erklärte mir, dass dies die beiden wohl schon vor längerer Zeit entschieden hatten und dass sie sich in dieser Frage einig seien, beide wollen keine unnötige Quälerei. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, dass mein Vater mit seinem Kopf nickte.

Ich wollte mich schon vom Doktor verabschieden und ihm ein paar schöne frei Tage wünschen, als er mir noch erklärte, dass er zwar die nächsten Tage frei habe, aber wenn es meinem Vater schlechter gehen würde, habe er die Anweisung an die Mitarbeiter im Krankenhaus gegeben, dass er so­fort informiert werden will.

Danach gab er mir noch einmal die Hand und verließ das Kran­kenzimmer und ließ mich allein bei meinem Vater zurück. Ich setzte mich wieder ans Krankenbett und nahm die Hand meines Vaters wieder in meine. Ich sah meinem Vater in die Augen und meinte: „Danke, dass du so viel Vertrauen in mich setzt, ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen.“ Er nickte kurz und ich saß einfach da und ließ mir noch mal alles durch den Kopf gehen. Irgendwann bemerkte ich, dass er wohl doch wieder eingeschlafen ist, nur sein regel­mäßiges Atmen und die Maschinen zeigte mir, dass es noch nicht sein Ende war.

Wieder klopfte es, diesmal trat Mutter in den Raum. Sie sah mich an und fragte mich, ob Vater schlafen würde, was ich ihr nickend bestätigte. Sie drückte mir einen großen Becher mit Kaffee in die Hand und ich nahm erst mal einen kräftigen Schluck, nachdem ich feststellte, dass der Kaffee nicht mehr zu heiß war, sondern gerade die richtige Temperatur hatte.

Danach erzählte ich ihr, dass Vater vorher wach gewesen sei und kurz mit mir gesprochen habe, bevor der Arzt ins Zimmer gekommen sei. Sie meinte dann nur: „Dann hat er dir sicher erklärt, dass wir unnötige lebens­verlängernde Maßnahmen ablehnen, und das gilt nicht nur für deinen Vater, sondern auch für mich.“

Wir saßen beide noch einige Minuten am Krankenbett von Vater, bis ich mich aufraffte und zu Mutter sagte: „Ich glaube, wir sollten wohl so langsam aufbrechen und zu euch nach Hause zur Finca fahren, wir werden auf alle Fälle später am Nachmittag nochmal hierher ins Krankenhaus mit den drei anderen zurückkehren.“

Da Mutter nur nickte, verließ ich das Krankenzimmer und rief Thomas an, dass wir jetzt abgeholt werden könnten. Er sagte mir, dass Philipp wohl so in zwanzig Minuten am Krankenhaus eintreffen und uns abholen würde. Nach­dem ich das Gespräch mit Thomas beendet hatte, kehrte ich ins Kranken­zimmer zurück und stellte fest, dass Vater immer noch schlief. Ich sagte Mutter, dass wir in gut einer viertel Stunde von Philipp vor dem Krankenhaus abgeholt würden.

Ich drückte Vater noch einmal kurz die Hand und verließ das Kranken­zimmer in der Hoffnung, dass meine Mutter sich nur noch kurz von ihm verabschiedet und mir dann ebenfalls folgt. Nach wenigen Minuten stand sie neben mir und meinte: „So, wir können jetzt los, er schläft immer noch, aber wir kommen ja später noch mal zu ihm ins Krankenhaus.“

Gemeinsam verließen wir das Krankenhaus und warteten auf dem Parkplatz auf die Ankunft von Philipp. Der ließ auch nicht lange auf sich warten und so saßen wir schon wenige Minuten später in Vaters Auto und Philipp brachte uns sicher zur Finca.

Auf der Fahrt zur Finca wurde kaum gesprochen, ich wollte von Philipp eigentlich nur wissen, ob in der Finca alles klar sei. Er meinte nur, die Vorräte seien wohl etwas knapp, zumindest was Obst und Gemüse und Milch angehen würde, aber an­sonsten sei alles okay. Ich fragte, dann noch, ob wir gleich noch zum Einkaufen gehen sollten, aber er meinte dann, dass er das später mit seinem Marcus erledigen würde.

Danach dachte ich wieder an das Gespräch, das ich vorher mit meinem Vater und dem Doktor geführt hatte. Ich war mir über die Konsequenzen immer noch nicht so ganz im Klaren. Ich denke, es ist besser, wenn ich das Ganze jetzt erst einmal mit Thomas in aller Ruhe bespreche, letztendlich muss ja auch er das Ganze verstehen und not­falls danach handeln. Wenigstens Philipp unterhielt sich mit seiner Großmutter während der Fahrt, während ich schweigsam auf der Rückbank im Wagen saß und mir bereits diverse Szenarien durch den Kopf laufen ließ, wie es in Zukunft ablaufen könnte.

Wir waren kaum angekommen, als schon Thomas und Marcus neben dem Auto standen und Mutter beim Aussteigen halfen. Ich blickte kurz zu Thomas und er verstand sofort, dass ich dringend mit ihm sprechen wollte. Er reagierte auch sofort und fragte mich: „Ich könnte noch Hilfe gebrauchen beim Auspacken unserer Koffer.“

Zu Philipp und Marcus gewandt sagte er: „Ihr beiden könntet in der Zwischen­zeit schon einmal einkaufen gehen, braucht ihr Geld oder könnt ihr es auslegen? Marcus hat schon einen Einkaufszettel geschrieben und eingesteckt.“

Während Mutter, Thomas und ich bereits auf dem Weg ins Haus waren, setzten sich die beiden ins Auto und fuhren sofort los zum Einkaufen. Mutter meinte nur, sie würde sich jetzt gerne ein Stündchen hinlegen, es sei für sie doch etwas anstrengender gewesen, als sie gedacht hätte.

Sie verschwand in Richtung ihres Schlafzimmers im Erdgeschoss und ich folgte Thomas nach oben in unsere Räumlichkeiten. Dort stellte ich jedoch fest, dass nichts mehr zum Aufräumen im Zimmer lag, Thomas hatte das zwischenzeitlich längst alles erledigt.

Ich setzte mich also erst mal auf den Zweisitzer, der auf der rechten Seite des Raumes stand. Thomas platzierte sich neben mich und fragte: „Was ist los, irgendetwas stimmt da nicht. Ich kenne dich einfach zu gut, als dass mir das nicht sofort auffallen würde.“

Ich sammelte kurz meine Gedanken und erzählte ihm alles, was sich seit unserer Trennung am Flughafen zugetragen hatte. Die Fahrt zum Krankenhaus, mein Gespräch mit Vater und dem behandelnden Arzt und die Fahrt zur Finca. Danach herrschte erst mal Schweigen zwischen uns beiden. Jetzt war er derjenige, der sich erst alles durch den Kopf gehen lassen musste.

Das Erste, was ich dann von ihm hörte, war: „Peter, das, was deine El­tern beschlossen haben, mit dem ihn Würde ver­sterben, ohne un­nö­tig lebensverlängernde Maßnahmen, das soll auch für mich gelten.“

Jetzt war ich derjenige, der ihn verwundert anschaute. Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dieser Reaktion von ihm. Da ich jedoch nichts dazu sagte, setzte er fort: „Das war einfach mein erster Gedanke, der mir eben durch den Kopf gegangen ist.“

Wieder schwiegen wir uns an, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, bis Thomas endlich sagte: „Und wie geht es jetzt erst einmal weiter. Ich denke, wir sollten Kaffee trinken beziehungsweise alles her­richten, bis die beiden Jungs vom Einkaufen da sind und dann alles mit den Jungs und Großmutter besprechen. Außerdem wollten wir doch noch alle gemeinsam am Nachmittag zu Vater ins Krankenhaus fahren.“

Wir standen auf und gingen beide nach unten in Richtung Küche. Unten war alles noch ruhig, Mutter schlief wohl noch und die beiden waren bisher noch nicht wieder vom Einkauf zurückgekommen. Thomas setzte den Kaffee auf und als die Kaffeemaschine ihren Dienst verrichtete, gingen wir beide ins Esszimmer, um den Tisch zu decken.

Ich fragte Thomas: „Ist außer Kaffee auch was zum Essen, Kuchen oder Kleingebäck im Haus?“ Thomas antwortete mir: „Nein, aber Marcus hat auf seinem Einkaufszettel notiert, dass sie etwas für den Kaffeetisch besorgen sollten.“

Während wir nun den Tisch eindeckten, hörten wir draußen ein Auto vorfahren und kurze Zeit später auch schon die beiden Jungs, die mit den Einkäufen ins Haus kamen. Wir gingen zurück in die Küche, wo die beiden bereits damit beschäftigt waren, die Lebensmittel in die Lagerschränke und den Kühlschrank zu verstauen.

Ich schnappte mir die Tüte mit den Kleinteilen, die die beiden bei einem Bäcker besorgt hatten, und verteilte sie auf die Kuchen­platte, die ich aus einem der Schränke geholt hatte, und trug sie ins Esszimmer. Zurück in der Küche stellte ich fest, dass in­zwischen alles Weitere in den Schränken verstaut war.

„Ich denke, wir sollten Großmutter aufwecken zum Kaffee“, sagte ich in die Runde. Philipp machte sich sofort auf den Weg und wir anderen schnappten uns den Kaffee und gingen bereits ins Esszimmer. Wir setzten uns an den Tisch und warteten noch auf Philipp und seine Großmutter.

Nach kurzer Zeit tauchten die beiden im Esszimmer auf und setzten sich zu uns an den Tisch. Marcus schenkte allen eine Tasse Kaffee ein. Wir waren alle mit Kaffee und Kleingebäck beschäftigt, so dass es erst mal ruhig blieb.

„Oma, wann wollen wir ins Krankenhaus fahren?“, fragte Philipp. Ich melde mich zu Wort und meinte: „Ich denke, wir sollten euch beiden zuerst alles Wichtige erklären, Thomas habe ich in der Zwischenzeit schon in Kenntnis gesetzt, während ihr beim Einkaufen gewesen seid.“

So erzählte ich im großen Kreis, was am späten Vormittag im Krankenhaus gelaufen war, mein Gespräch mit Großvater und seine Aus­führungen zum Thema Ablehnung unnötiger lebens­ver­längern­der Maßnahmen. Während meinen Erläuterungen nickte Großmutter gelegentlich mit dem Kopf, um sie zu bestätigen.

Als ich fertig war mit meinen Erklärungen, schauten mich Philipp und Marcus an und ich merkte sofort, dass die beiden das wohl doch nicht so richtig verstanden hatten. Ich überlegte kurz, wie ich das den Jungs verständlich erklären könnte. Nach kurzem Nachdenken glaubte ich einen Weg gefunden zu haben, um ihnen das zu erklären.

„Stellt euch mal vor, ihr hättet einen schweren Verkehrsunfall und im Krankenhaus würde man alle möglichen lebensver­längernden Maß­nahmen einleiten, wie künstliche Beatmung, Herz-Kreislauf­maschine und weiteres, in diesem Falle könntet ihr noch jahrelang mit den Maschinen dahinvegetieren. Ihr hättet wahrscheinlich nichts davon, weil ihr im Koma seid, aber man würde euch künstlich am Leben er­halten.

Mit dem von Oma und Opa unterschriebenem Dokument erklären sie, dass sie dies nicht wünschen, sondern dass in diesem Falle einfach nichts von den Ärzten in dieser Richtung unternommen wird, damit ein Sterben in Würde möglich ist. Das hat auch nichts mit Tötung auf Verlangen oder unterlassene Hilfeleistung zu tun. Eventuell notwendige Medikamente zur Linderung der Schmerzen und zur Behandlung der Krankheit sind damit nicht gemeint.“

Beim Blick in die beiden Augenpaare merkte ich schon, dass meine Erklärung verbal verstanden wurden, aber trotzdem einiges bei ihnen im Un­klaren geblieben ist. Na ja, ich verstand, in dem Alter der beiden machte man sich noch keine Gedanken über solche Dinge. Ich fügte hinzu: „Ich sehe an euren Augen, dass ihr dies noch nicht so richtig einordnen könnt, solltet ihr Fragen dazu haben, so könnt ihr gerne mit mir und Thomas oder mit Oma und mit etwas Glück auch mit Opa über dieses Thema reden.“

Philipp wandte sich an Oma und fragte sie: „Seid ihr euch bei dieser Entscheidung sicher, dass sie richtig ist?“

Oma überlegte kurz und antwortete: „Ja, wir waren uns ganz sicher, als wir die Unterschrift unter diese Dokumente gesetzt haben. Stell dir einfach vor, du würdest deinen Opa nur noch im Krankenhaus besuchen können, an diverse Maschinen ange­schlossen, aber reden könntest du nicht mehr mit ihm. Es ist fast die gleiche Situation, wie wenn du an seinem Grab stehen würdest, nur mit dem Unterschied, du kannst ihn noch mit deinen Augen real vor dir sehen, mehr nicht.“

Marcus blickte Oma an und sagte: „Ich glaube, ich habe es jetzt ver­standen. Ich erinnere mich an meine Urgroßmutter, die vor einigen Jahren verstorben ist. Sie wurde auf Wunsch meines Vaters mehrere Monate lang von diversen Maschinen am Leben gehalten, ohne dass sich eine Verbesserung in ihrem Zustand ergab. Erst als ihm von den Ärzten erklärt wurde, dass seine Großmutter im Grunde genommen bereits tot sei und nur der Körper mit Hilfe der Maschinen noch beatmet und der Blutkreislauf in Gang gehalten wird, schaffte er es endlich loszulassen und seine Oma in Würde sterben zu lassen. Damals, als Kind, habe ich noch nicht so richtig verstanden, was da wirklich abgelaufen ist.“

Er unterbrach sich kurz, dachte wohl einen Moment über ver­schiedene Dinge nach, bevor er weiterredete: „Wenn ich mir das so richtig überlege und an meine eigene Kindheit zurückdenke, ich würde das auch nicht wollen, so lange Zeit an irgendwelchen Maschinen zu hängen, ohne konkrete Aussicht, in ein einigermaßen normales Leben zurückkehren zu kön­nen. Ich kann gut verstehen, dass sich Opa Walter und Oma Gerlinde dafür entschieden haben.“

Nachdem Marcus ausgeredet hatte, fing Philipp an: „Verstehe ich das richtig, du willst auch keine unnötigen lebensverlängernden Maß­nahmen, wenn du eines Tages in so eine Situation kommen würdest. Du bist ein Egoist, denkst du dabei überhaupt nicht an mich oder deine Eltern? Ich liebe dich und ich will dich nicht verlieren.“

Marcus konterte: „Philipp, in so einer Situation hast du mich kör­perlich schon längst verloren, ich liege doch nur noch in einem Bett, hänge an diversen Maschinen, die meine Körperfunk­tionen weiter in Gang halten, und das war es dann auch. Gut, du kannst mir Dinge erzählen, ob ich sie verstehe, sei dahingestellt, aber ich kann dir nicht antworten. Glaubst du nicht, es ist besser in dieser Situation loszulassen und mich in deinem Herzen zu behalten? Stell dir doch einfach einmal vor, deine Mutter würde heute noch an solchen Maschinen hängen, du könntest sie seit mehr als zehn Jahren täglich im Krankenhaus besuchen, würde das etwas ändern?“

Das waren harte Worte und am Tisch saß plötzlich ein sehr nachdenklicher Philipp, der das erstmal verdauen musste. Da keiner etwas ant­wortete, versuchte ich mir in Gedanken vorzustellen, was wäre, wenn Gabi heute irgendwo in einem Krankenhaus läge, ich sie die letzten Jahre täglich besuchen hätte können und ihr von den Fortschritten unserer Kinder berichten. Vorstellen konnte ich mir das, jedoch, wäre ich heute genauso glücklich oder wäre das auf Dauer nur eine Belastung für mich und meine Kinder gewesen. Eine Antwort auf diese Frage könnte ich nur geben, wenn ich wirklich in dieser Lage wäre.

Ich grübelte immer noch vor mich hin, als Philipp antwortete: „Marcus, aus dieser Sicht betrachtet verstehe ich jetzt, was du mir sagen willst. Vielleicht war es damals einfacher für mich loszulassen, ich war noch klein und wollte meine Mutter nicht mehr weiter leiden sehen. Ich sah jeden Tag, wie schwer ihr alles gefallen ist bei den Schmerzen, die sie hatte. Meine Mutter hat bis heute ihren festen Platz in meinem Herzen, den sie jetzt mit dir teilen darf. Meine Liebe gehört euch beiden.“

Großmutter meldete sich wieder und meinte: „Glaub mir, es ist nicht leicht jemanden loszulassen, den man geliebt hat, man will immer mit ihm zusammen sein. Ich habe das erlebt, wie schwer es Gabis Eltern gefallen ist, sich mit dieser Situation auseinan­der­zusetzen und loszulassen, sie war immerhin ihr Kind. Warum, glaubst du, haben sie sich deinem Vater gegenüber so verhalten? Es war immer der Tat­sache geschuldet, dass es sich dabei um ihre Tochter gehandelt hat.“

Sie sprach weiter und meinte: „Wir können uns jetzt auf den Weg ins Krankenhaus machen. Großvater wird jetzt sicher wieder wach sein und er wird sich freuen euch beide zu sehen. Ich habe ihm bisher nichts davon erzählt, dass ihr mit Peter und Thomas mit­kommt.“

Die beiden Jungs standen auf und räumten den Kaffeetisch ab. Sie brachten das Geschirr in die Küche und wenn ich das richtig hörte, wurde alles aufgeräumt und das schmutzige Geschirr in den Geschirr­spüler verbracht. Nach kurzer Zeit kehrten sie ins Esszimmer zurück und meinten, dass sie jetzt so weit wären und wir losfahren könnten.

Nach wenigen Minuten saßen wir alle im Wagen und Marcus durfte uns ins Krankenhaus fahren. Vorne auf dem Beifahrersitz saß Großmutter, Thomas und ich hatten auf dem Rücksitz Platz genommen und Philipp in unsere Mitte genommen. Die Fahrt verlief anfangs ruhig, es wurde so gut wie nichts gesprochen.

Irgendwann raffte ich mich dann doch auf und fragte meine Mutter: „Habe ich das vorher im Krankenhaus bei Papa richtig verstanden, dass ihr wieder nach Deutschland zurückkehren wolltet?“

Wieder war es ruhig im Wagen, bis sie antwortete: „Ja, wir haben in den letzten Monaten mehrmals darüber gesprochen, dass es langsam an der Zeit sei in die Heimat zurückzukehren. Vater wollte das auch demnächst in die Wege leiten, aber jetzt ist seine schwere Erkrankung dazwischen­gekommen.“

Wieder wurde es ruhig im Wagen, bis sie weitersprach: „Wir wollten zum einen beide in der Heimat beerdigt werden und zum anderen hofften wir, wenn wir eines Tages Hilfe nötig hätten, dass ihr uns immer tatkräftig unterstützt hättet. Vater hat mir auch bereits erzählt, dass der der­zeitige Pächter seinen Vertrag zum Jahres­ende gekündigt hat. Auch das ist einer der Gründe, warum wir zurückwollten. Er meinte immer, vor Ort lasse sich das alles leichter lösen.“ Großmutter unterbrach ihre Ausführungen, während wir uns dem Krankenhaus näherten.

Dieses Mal war ich derjenige, der die Stille wieder unterbrach und erklärte: „Vater hat mir bei meinem Besuch heute Morgen kurz davon erzählt und mich gebeten, dass ich jetzt die Aufgabe der Neuver­pachtung übernehmen sollte. Ich habe ihm die Zu­sage gemacht, dass ich mich darum kümmern werde, aber immer nur in Abstimmung mit dir und meinen beiden Geschwistern.“

Meine Mutter drehte sich zu mir nach hinten, ich saß direkt hinter Marcus, und sah mich an: „Hat er wirklich schon heute Vormittag mit dir darüber gesprochen? Dann hat er mir aber bereits eine Menge Arbeit abge­nommen.“

Inzwischen waren wir am Krankenhaus angekommen und Marcus hatte den Wagen auf einem freien Parkplatz abgestellt. Wir stiegen aus und Thomas und ich nahmen meine Mutter in die Mitte, während die Jungs vor uns zum Eingang des Kranken­hauses vorausgingen.

„Ja, Mutter, er hat mit mir darüber gesprochen. Er hatte sogar seinem behandelnden Arzt das Versprechen abgenommen mit mir über diese Angelegenheit zu sprechen, wenn er selbst nicht mehr in der Lage sein sollte mir das zu sagen. Er hat mir auch erklärt, dass du auch ohne ihn nach Deutschland zurückkehren möchtest.“

Ruckartig blieb sie stehen und schaute mich an. Auch die anderen hatte das mitbekommen und blieben ebenfalls stehen. Da sie immer noch nichts sagte, ging ich auf sie zu, nahm ihre Hand und sagte zu ihr: „Mutter, was ist mit dir?“

Es dauerte eine Weile, bis sie endlich zu reden anfing: „Ja, wir wollten zusammen nach Deutschland zurückkehren. Wir hatten bereits be­schlossen mit euch darüber zu reden, wir wollten demnächst nach Deutschland reisen und dann alles in die Wege leiten.“ Sie schluchzte und sprach weiter: „Aber daraus wird wohl jetzt doch nichts mehr.“

Was sollte ich jetzt sagen oder sollte ich tun? Ich ging auf meine Mutter zu, nahm sie in den Arm und sagte zu ihr: „Noch ist es nicht so weit, wir sollten jetzt erst mal abwarten, wie es in den nächsten Tagen mit Papa weitergeht. Danach können wir immer noch entscheiden. Vielleicht schafft er es doch noch und ihr könnt beide zusammen nach Deutschland zurückkehren.“

Nachdem ich meine Mutter noch eine Weile im Arm gehalten hatte, beschlossen wir endlich ans Krankenbett von meinem Vater zu gehen. Wenige Minuten später betraten wir, jetzt immerhin zu fünft, das Krankenzimmer in der zweiten Etage des Krankenhauses. Philipp und Marcus voran, ich mit Thomas und meiner Mutter folgten ihnen.

Vater lag in seinem Bett, schien jedoch im Moment zu schlafen. Mutter setzte sich auf einem Stuhl neben dem Bett meines Vaters und nahm seine Hand in die ihre. Philipp und Marcus standen am Fenster und genossen die Aussicht, die sich ihnen bot. Thomas und ich blickten auf meinen Vater und meine Mutter.

Nach einigen Minuten schien mein Vater so langsam wieder aufzu­wachen. Es dauerte dann doch noch eine Weile, bis er zu Mutter sagte: „Schön, dass du da bist und dass Peter und die anderen mitgekommen sind.“

Mutter drückte seine Hand noch einmal fest und sagte dann zu ihm: „Walter, ich bin hier und ich habe noch Peter und Thomas sowie Philipp und Marcus dabei. Was mich aber mehr interessiert ist die Tatsache, wie es dir geht im Moment.“

„Im Moment geht es mir gut“, meinte er, „aber ich bin mir sicher, dass das nicht mehr lange so sein kann. Ich fühle mich bereits ziemlich verb­raucht und kraftlos.“

Ich meinte zu spüren, dass ich weinen wollte, aber es flossen keine Tränen in diesem Augenblick. Ebenso spürte ich in meinem Innersten, dass mein Vater wohl recht haben wird mit der Aussage, dass es mit ihm dem Ende entgegengehen werde.

In diesem Augenblick kamen die Erinnerungen wieder hoch an den Tag, als ich Gabi verloren habe. Ich versuchte mir einzureden, dass es doch ein großer Unterschied sei, ob man seine geliebte Ehefrau in ganz jungen Jahren verliert oder, wie jetzt hier, seinen Vater, der sein Leben gelebt hatte und der uns jetzt vielleicht verlassen würde. Aber gibt es wirklich einen so gravierenden Unterschied in solchen Situationen?

Ich war ganz in meine Gedanken versunken, dass ich nicht einmal mitbekommen hatte, dass Marcus und Philipp sowie meine Mutter das Krankenzimmer zwischenzeitlich verlassen hatten, aber auch nicht, was zwischenzeitlich gesprochen wurde. Thomas hatte mich wieder in den Arm genommen und mich fest an sich gedrückt. Er flüsterte mir ins Ohr: „Ich wüsste nur zu gerne, an was du gerade denkst, du warst wieder komplett abwesend in den letzten Minuten. Die beiden Jungs sind mit Oma nach unten in die Cafeteria, um für Opa ein paar Dinge zu besorgen.“

Ich schaute zu meinem Vater und sah ihm tief in die Augen. Plötzlich sagte er zu Thomas und mir: „Thomas, ich denke, dass dir Peter bereits alles erzählt hat, was wir beide heute Vormittag be­sprochen haben, und so wie ich dich inzwischen kenne, wirst du bei allem, was zu tun ist, ihm tatkräftig zur Seite stehen. Ich konnte es zwar anfangs nicht verstehen, wie es geschehen konnte, dass ihr beide euch ineinander verliebt habt, aber inzwischen ist mir klargeworden, dass ihr immer füreinander da sein werdet, egal in welche Situationen ihr auch kommen werdet. Das ist wie mit meiner geliebten Gerlinde, wir sind bisher immer fürein­ander da gewesen, vor allem in schwierigen Zeiten, und von denen gab es sicher einige in unserem Leben.“

Vater stockte mit dem Reden und so sagte Thomas zu ihm: „Keine Sorge, Walter, Peter und ich sind noch immer so verliebt wie damals und wir werden das gemeinsam schaffen, da bin ich mir sehr sicher.“ Er küsste mich in den Nacken und fuhr fort: „Ja, er hat mir inzwischen bereits alles erzählt. Es gibt jedoch etwas, was ich von dir noch gerne wissen möchte, hattest du jemals Zweifel an unserer Liebe?“

Mein Vater dachte einen Augenblick nach, bevor er ihm antwortete: „Wenn ich ehrlich sein soll, ja, ich habe anfangs an eurer Liebe gezweifelt. Peter war verheiratet gewesen und hatte mir zwei herrlich Enkelkinder geschenkt. Warum sollte er sich plötzlich von einem Hetero in einen Schwulen verwandelt haben. Erst im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass bei euch nicht der Sex das wichtigste im Leben ist, sondern die Tatsache, dass ihr euch gegenseitig für das Leben den nötigen Halt gebt. Da habe ich kapiert, dass nicht das Schwulsein das Ausschlaggebende ist, sondern das gegenseitige blinde Vertrauen in den anderen, so wie es bei Gerlinde und mir immer der Fall gewesen ist.“

Ich bemerkte, dass Thomas jetzt Tränen in den Augen hatte. Die Worte meines Vaters waren aber nicht nur für ihn, sondern auch für mich so etwas wie eine späte Offenbarung. Mein Vater sprach weiter: „Thomas, du bist inzwischen so etwas wie ein weiterer Sohn für mich geworden und ich will, dass ihr beide weiterhin zusammen glücklich seid. Auch bei Philipp wünsche ich mir, dass er mit seinem Marcus immer so glücklich ist, wie ihr beide es seid.“

Die letzten Worte hatten Philipp, Marcus und meine Mutter noch mitbekommen, sie kamen gerade von ihrer Einkaufstour für Opa zu­rück ins Krankenzimmer. Philipp schaute seinen Opa mit großen Augen an und antwortet: „Opa, ich kenne Marcus nun schon so lange und wir sind glücklich uns zu haben. Ich bin mir sicher, dass das auch immer so sein wird.“

Meine Mutter sagte dann nur: „Wir haben alles bekommen, was du so wolltest. Damit es für dich nicht zu anstrengend wird, du brauchst deine Ruhe zur Erholung, werden wir so langsam wieder aufbrechen, wir sehen uns dann morgen wieder. Wahr­scheinlich werden Peter und Thomas dich am Vormittag be­suchen und am Nachmittag komme ich dann mit den beiden Jungs. Damit ist dann auch gewährleistet, dass du besser mit jedem Einzelnen reden kannst.“

„Vor allem hat das für uns den Vorteil, dass entweder die beiden Jungs oder Thomas und Peter, während die einen bei dir im Krankenhaus sind, einkaufen oder sonstige Dinge am und im Haus erledigen können, wenn sie schon mal hier auf der Insel bei uns sind. Du weißt selbst, dass in letzter Zeit doch einiges liegen geblieben ist.“

Vater schaute sie an und sagte: „Da hast du sicher recht, aber sie sind auch hier, um sich ein paar Tage zu erholen und nicht um sich von dir oder mir durch die Gegend scheuchen zu lassen und alles, was in den letzten Monaten liegen geblieben ist, zu erledigen. Da findet sich sicher eine bessere Lösung“.

Ich sagte zu Vater: „Wir sind nicht nur hier, um Urlaub zu machen, zu­sammen werden wir während unseres Aufenthalts auch einige Dinge erledigen können, die in der Zwischenzeit liegen geblieben sind. Mach dir da keinen Kopf, wir werden unsere Anwesenheit auf der Insel dazu nutzen, sowohl ein wenig Urlaub zu machen, aber auch die notwendigen Arbeiten voran­zutreiben, soweit wir dazu kom­men.“

Es war ein Aufbruch aus dem Krankenhaus, bei dem man nicht wissen konnte, ob es bereits der letzte Besuch bei meinem Vater war oder ob noch viele weitere folgen können. Eins war mir auf alle Fälle klar, irgendwann kommt der Tag, an dem es der letzte Besuch am Krankenbett gewesen sein wird.

Wir verabschiedeten uns von meinem Vater und sagten ihm noch, dass wir in den nächsten Tagen nicht immer alle gleichzeitig ins Krankenhaus kommen, um ihn zu besuchen. Langsam und nach­denklich gingen wir zum Auto zurück. Auf dem Rückweg saß Mutter wieder vorne, diesmal jedoch bei Philipp, der uns über die teils kurvigen Straßen Mallorcas sicher zurück zur Finca brachte.

Zu Hause angekommen, gingen wir alle zusammen erst mal ins Wohnzimmer und setzten uns. Ich fragte Mama, was denn in der Zwischenzeit nicht erledigt wurde und was an vordringlichsten zu erledigen sei.

Sie überlegte kurz, bevor sie uns antwortete: „Der Garten dürfte an erster Stelle stehen, es muss der Rasen gemäht werden und auch die Beete sehen so aus, als würden sie eine pflegende Hand vertragen. Auch die Bäume und Sträucher brauchen teilweise einen Pflege­schnitt. Ich bin in den letzten Tagen auch zu nichts ge­kommen, ich war die meiste Zeit bei Walter im Krankenhaus. Im Haus selbst ist aktuell nichts zu tun, hier hatten wir immer die Handwerker, wenn es nötig war“, fuhr sie fort.

An diesem Abend geschah dann auch nicht mehr allzu viel. Nach dem Abendessen hatten sich die Jungs sofort auf ihr Zimmer zurück­gezogen, vermutlich wollten sie noch über die Diskussion von heute Mittag reden.

Wir saßen noch eine Weile im Wohnzimmer und unter­hielten uns mit meiner Mutter. Da wir am Morgen zeitig aufgestanden waren, wegen unseres Fluges, waren wir doch geschafft, so dass auch Thomas und ich uns früh zurückzogen und schlafen gingen.

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