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Ein Winterlied

Teil 3 - Versagt!?

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Informationen

Vorwort der Redaktion

Liebe Leser,

die folgende Geschichte befasst sich unter anderem mit der Thematik Suizid. Dies ist ein sensibles Thema, das Nickstories.de nicht unkommentiert lassen kann und will. Deshalb haben wir uns entschieden diese Geschichten generell mit einem Vorwort zu versehen.

Für uns ist dieses Thema in Stories kein Tabu, aber wir wollen deutlich machen, dass Selbstmord mit Sicherheit kein Weg ist, um ein Problem zu lösen. Jeder, der sich in einer scheinbar aussichtslosen Lage befindet, sollte wissen, dass er Hilfe finden kann.

Wenn du jemanden kennst, der über diesen Schritt nachdenkt oder ihn geäußert hat, solltest du das nicht auf die leichte Schulter nehmen und versuchen mit dieser Person zu reden. Erst dann wird deutlich, wie ernst die Lage wirklich ist.

Wenn du über Selbstmord nachdenkst, bitten wir dich, Kontakt mit einer Hilfseinrichtung aufzunehmen, bevor du etwas tust, das für deine Freunde und deine Familie ein unwiederbringlicher Verlust sein wird.

Informationen und Notrufnummern findest du z.B. unter: www.telefonseelsorge.de

-3: Versagt!?-

Alain rannte durch die Straßen, in denen sich die Menschen drängten, um noch die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Beinahe hätte er eine Frau umgerannt, die versuchte gleichzeitig ihre drei kleinen Kinder zu beruhigen, die rumquengelten und schrieen, und das zugefrorene Autoschloss zu öffnen, ohne ihre Einkaufstüten und den Braten fallen zu lassen. Alains Hand war schon halb in ihrer Tasche verschwunden, als er sah, dass die Frau den Tränen nahe war. Er überlegte es sich anders und lief, nicht mehr ganz so schnell wie zuvor, weiter.

So unauffällig wie möglich betrat er das Kaufhaus, bemüht seine Klamotten unter einem langen, mottenzerfressenen Schal zu verbergen. Da dieser ihm, selbst viermal um den Hals gewickelt noch bis weit über die Knie reichte, war das nicht so schwer. Trotzdem traf ihn der ein oder andere misstrauische Blick von gestressten Müttern, abfällige Blicke von den Männern und er zog die Aufmerksamkeit vieler vorfreudig aufgeregter Kinder auf sich, die zum Teil kichernd auf ihn zeigten, aber einige warfen ihm auch mitleidige Blicke zu.

Mit gesenktem Blick eilte er auf die überfüllte Kaufhalle zu. Im Vorübergehen warf er noch einen Blick in eines der weihnachtlich geschmückten Schaufenster und betrachtete sein Spiegelbild.

Er erschrak, als er sah wie furchtbar er aussah. Seit seinem „Date“ mit dem Friseur hatte er sich nicht mehr gekämmt, sich aber auch keine Filzlocken machen lassen, wie er irgendwann in Erwägung gezogen hatte, nachdem ihm einer seiner Freier wegen seiner ungepflegten Mähne die Bezahlung verweigert hatte.

Seine Sachen hatte er nicht mehr gewechselt seit er bei Caspar gewesen war und sein Gesicht... Er wandte rasch den Blick ab.

Seine eingefallenen Wangen sahen, wegen seiner ungesunden Blässe, noch viel schlimmer aus, als es eigentlich war; die Augen stachen pechschwarz aus dem feinen Gesicht hervor. Ohne diverse hässliche Prellungen, und mit 40 Pfund mehr auf den Rippen hätte er richtig hübsch sein können, das wusste er.

Langsam drehte er seine linke Hand so, dass er die Pulsader und eine weitere dünne, fast unsichtbare Narbe sah. Vorsichtig, fast liebevoll strich er mit einem Finger darüber und führte diesen dann an die aufgerissenen und verschorften Lippen, in der Hoffnung das Kupfer seines Blutes schmecken zu können. Tränen rannen über seine Wangen, brannten in den Aufschürfungen, als er an die Nacht im November zurück dachte.

>>>Ich trete aus dem Haus und renne einfach los, als wäre die ganze Hölle hinter mir her. Teils hoffe, teils fürchte ich, Caspar könnte mir folgen. Der Mann hatte mich nur geschockt angesehen, als ich sein Zimmer verließ.

Ich weiß nicht, wie lange ich renne, bis ich irgendwo schluchzend wie ein kleines Mädchen zusammenbreche und mich immer und immer wieder übergebe. Mühsam schleppe ich mich weiter, bis ich einige Seitenstraßen weiter ein Abriss-Haus finde. Noch immer weinend und von krampfhaften Schluchzern geschüttelt, lasse ich mich an der kalten Wand der „Eingangshalle“ herabsinken und greife nach dem Messer, das ich Caspar gestohlen habe und ziehe es mir, ohne darüber nachzudenken was ich tue oder zu zögern, über das Handgelenk. Heißes Blut rinnt über meine Hände, Schmerz explodiert in meinem Arm und durchdringt meinen Körper. In einer Mischung aus Agonie und perfektem Glück schreie ich, bis meine Stimme bricht und ich das Bewusstsein verliere.<<<

Ohne sein Zutun hatten ihn seine Schritte durch den Supermarkt getragen bis zu dem Regal mit den Spirituosen. Mit geübtem Handgriff nahm er eine Flasche Stroh-80 und verbarg sie unauffällig unter seinem Schal ehe er sich in eine vollere Abteilung zurückzog. Während er, zwischen riesigen Stapeln mit Plastespielzeug hockend, den Hochprozentigen in eine leere Wasserflasche füllte, die er aus einer schäbigen, geklauten Sport-Umhängetasche hervorzauberte (seine eigene hatte er bei seinem Unfall im November verloren), schweiften seine Gedanken wieder ab.

>>>Am nächsten Morgen erwache ich. Am nächsten Morgen? Nach meinem Zeitgefühl muss ich lange weit weg gewesen sein. Weg... dann fällt mir langsam wieder das Messer ein, das Bild des ersten fallenden Tropfens brennt sich in mein Gedächtnis. Wie betäubt starre ich auf meinen Unterarm. Eine dicke Schicht getrockneten Blutes verbirgt die Wunde vor meinem Blick, doch ein wild pochender Schmerz überzeugt mich davon, dass Gott mich hasst.

Aber ich habe auch nicht den Mut, den Schorf abzukratzen. Auch andere Schmerzen erinnern mich daran, dass mein Körper noch andere Bedürfnisse hat. Ich komme kaum auf die Füße; mein ganzer Körper scheint nur noch aus Schmerz zu bestehen. Und doch mache ich einen Schritt nach dem anderen, bis ich eine U-Bahnstation erreiche. Nach fast zwei Stunden erreiche ich eine Station, an der ich sicher weiß, dass ich umsteigen muss. Es ist heller Tag und die Pendler, die auf dem Weg zur Arbeit sind, starren mich entsetzt an, ehe sie sich umdrehen und so tun, als hätten sie mich nicht gesehen.<<<

Unauffällig und gekonnt brachte er seine Beute an der Kassiererin vorbei, die ihn anstarrte, die Hand über dem Alarm-Knopf, bereit, die Polizei zu rufen, um diese suspekte Gestalt festnehmen zu lassen, sollte der Diebstahlschutz aufheulen, doch nichts passierte, als Alain sich zwischen den anstehenden und zum Teil, der fröhlichen Zeit unangemessen, böse fluchenden, Menschen hindurchschlängelte und wieder in die Freiheit der Einkaufspassage flüchtete.


Müde kämpfte er sich aus dem Vorlesesaal heraus. Für heute hatte er Schluss und dafür war er auch sehr dankbar. Die letzten zwei Vorlesungen lang hatte er wirklich überhaupt nichts mehr mitgekriegt – was allerdings auch nicht viel zu bedeuten hatte, seit jenem einen Tag im November, der sein Leben so gründlich durcheinander gebracht hatte...

Pausenlos musste er an die schwarzhaarige, schlanke Gestalt denken, die wie ein Schatten immer wieder durch seine Gedanken und Träume huschte und ihn nie wieder verlassen zu wollen schien. Selbst seine Mutter machte sich langsam Sorgen um ihn, ganz zu schweigen von Jake, der zwar verstand, dass Caspar, unter all den Erinnerungen langsam wahnsinnig werdend, das Haus ihrer WG nicht mehr hatte ertragen können und deshalb ausgezogen war, jedoch nicht, dass sich Caspar noch immer zurückzog und einfach nicht mehr auf den Pfad der Besserung zurückfinden wollte.

Aber was sollte er denn tun? Glaubte sein Kumpel etwa, er ließe sich freiwillig jede Nacht von Alpträumen, abwechselnd mit seinem Vater und Alain in der Hauptrolle, heimsuchen?

Er wusste selbst nicht zu sagen, was es war, das ihn nicht mehr losließ, was ihn immer wieder – selbst am helllichten Tag - einen schwarzäugigen Junge mit aufgeschlitzten Pulsadern auf dem Boden liegen sehen ließ.

Am liebsten hätte er sich sein Gehirn rausgerissen, aber alles was er tat, war nur, immer öfter zum Kampfsporttraining zu gehen, um sich so sehr auszupowern bis er am Ende zu erschöpft war um noch zu träumen – obwohl er wusste, dass es vergebens war.

Mit gesenktem Kopf, um seinen stumpfen Blick und die tiefen Augenringe zu verbergen, trat er ins Freie, sog die kalte Dezemberluft erst tief in sich auf, als er in einer abgeschiedenen Ecke des Campus stand, in der er nicht beobachtet werden konnte, ohne selbst unbeobachtet zu bleiben.

„Guten Tag?“, fragte plötzlich eine weibliche Stimme, die ihm sonderbar bekannt vorkam und ihn erschöpft aufsehen ließ.

Er blinzelte ungläubig. „_Sie_?“

Die Frau, die seinerzeit Rocco angefahren hatte, nickte verlegen und versuchte sich noch etwas mehr hinter einer schäbigen, abgewetzten Tasche zu verstecken, die ganz und gar nicht zu ihrem fast _zu_ gepflegten Äußeren passen wollte.

Erschrocken riss er die Augen auf. „Woher haben Sie die?“

„Sie lag ein paar Meter weiter auf der Straße... Ich hoffe, es geht dem Jungen wieder gut?“, lächelte sie schüchtern.

Er nickte schwach. Was hätte er auch sagen sollen? Dass er es nicht wusste und das Schlimmste befürchtete, aber das Beste hoffte??

„Ich dachte mir, Sie könnten sie ihm geben“, sagte die kleine, zierliche Brünette und gab ihm die Tasche, die er ganz automatisch annahm.

„Natürlich“, log er. „Vielen Dank.“

„Aber nicht doch“, lächelte sie schon etwas mutiger und irgendwie weckte dieser erwartungsvolle Blick in ihm die Befürchtung, dass sie jetzt erwartete, mit ihm in Kontakt zu bleiben...

Andererseits war er gerade wirklich erschöpft, konnte einen Kaffee gut gebrauchen und wer wusste schon, ob sie ihn nicht vielleicht von einem durchdringend schwarzen Augenpaar ablenken konnte, das Tag und Nacht durch seine Gehirnwindungen geisterte? Nett schien sie ja zu sein, wenn auch ganz und gar nicht sein Typ...

„Darf ich Sie vielleicht auf einen Kaffee einladen?“, fragte er also, innerlich achselzuckend. Ein Versuch konnte ja nicht schaden...

„Gern“, strahlte sie. „Wie wäre es mit dem Houghtaling Mousse Cafe in der Broome Street, was meinen Sie?“

Er zuckte mit den Schultern und stieß sich von der Wand ab, um ihr zu folgen. „Ist in Ordnung.“

Während sie in die lange Einkaufsstraße einbogen, ließ er sich von dem recht einseitigen Gespräch berieseln, doch die Frau schien es gar nicht zu stören, dass er nur etwas sagte, wenn er musste, und auch dann nur sehr knapp antwortete.

Dafür schien seine Rechnung tatsächlich aufzugehen, denn das langsam penetrant werdende Gerede zerstreute ihn tatsächlich, wenn auch nicht auf die angenehmste Art und Weise, wenn man bedachte, wie schamlos die junge Frau das Gedränge in der Straße ausnutzte, um sich an Caspars durchtrainierten Körper zu schmiegen, als würde er sie beschützen.

Zumindest, bis er Rocco plötzlich keine fünf Meter weiter in der Menschenmenge auftauchen und wieder verschwinden sah, während jener ihn gar nicht bemerkt zu haben schien.

Erschrocken fuhr er auf, blickte sich hektisch um, doch er fand die - vermisste(?) Gestalt nicht wieder und sank wieder in sich zusammen, während er die Frau mit einer durchscheinenden Lüge abspeiste, die sie achselzuckend zur Kenntnis nahm und dann weiterredete wie zuvor.

Als sie schließlich im Café saßen, bestellte er sich zuerst das stärkste koffeinhaltige Getränk, das er auf der Karte finden konnte und betete zu Gott, dass es ihm helfen würde, sich nicht ständig einzubilden den Kleinen zu sehen.


Für einen kurzen Augenblick hatte Alain das Gefühl, angestarrt zu werden. Suchend sah er sich um, ohne jemanden zu sehen, der ihm auch nur mehr als einen ebenso mitleidigen oder herablassenden wie kurzen Blick zuwarf. Wütende Flüche wurden hinter ihm laut als er, rückwärts gehend, einem weihnachtlich gestimmten Mann auf die Füße trat und ihn anrempelte. Dieser hob sofort die Hand und verpasste dem streunenden Jungen eine saftige Backpfeife, dass dieser glaubte, Glocken klingen zu hören.

Doch dieser Schlag riss ihn auch wieder in die Wirklichkeit zurück und fröstelnd eilte er weiter, um noch rechtzeitig auf Arbeit zu erscheinen.

Er wusste, dass sein „Herr“ ihn wieder anschreien würde, wenn er sah, in welchem Zustand sich der Junge befand, doch mit den paar Scheinen, die er im Monat von ihm bekam, gewährte ihm dieser nur einen festen Schlafplatz in einer Bauruine; und es reichte weder für neue Anziehsachen, noch für genug zu essen, geschweige denn für das Geld, das sein Vater von ihm forderte.

Mit gesenktem Kopf eilte er durch die Menge, bis er aus den Augenwinkeln heraus etwas sah und erstarrte.

War das nicht Caspar, der dort Arm in Arm mit der jungen Frau durch die Nebenstraße ging? Und die Frau trug seine Tasche über der Schulter.

Und wie als hätte sein Körper nur darauf gewartet, dass er sich wieder daran erinnerte, begannen seine Hände zu zittern. Obwohl er wusste, dass es nicht gegen die Entzugserscheinungen helfen würde, zog er seine „Wasser“-Flasche aus der Sporttasche und nahm vorsichtig einen Schluck und ging, mit brennender Kehle in die Gasse, in der er Caspar und seine Freundin schon längst wieder aus den Augen verloren hatte. Eigentlich trank er das Zeug nie pur, sondern streckte es meist mit der billigen Apfelschorle von Walmarkt, doch jetzt nahm er noch einen weiteren großen Schluck und spürte gleich, wie ihm warm wurde.

Fast wäre er an dem Café vorbei gelaufen, in dem die Beiden saßen.

Ihm blieb fast das Herz stehen, als Caspar unter dem Tisch, so dass seine Freundin es nicht sehen konnte, die Tasche öffnete und ein paar der Tütchen mit eindeutigem, weißen Inhalt hervorzog. Auch seine Spritze nahm er raus und schloss seine Faust so fest darum, dass seine Knöchel weiß wurden.

Alain nahm noch einen dritten Schluck und betrat das Café. Caspars Pupillen weiteten sich, als er Alain auftauchen sah. Sein Gesicht verlor alle Farbe.

In dem Moment bereute Alain seine Unbedachtheit auch schon wieder. Er fühlte sich so dreckig und wollte nicht, dass ihn Caspar an diesem Tiefpunkt sah.

Unbewusst hatte er versucht, sich etwas von dem Dreck einer Großstadt von der Wange zu wischen. Als es ihm auffiel, nahm er die Hand sofort runter und strich, um seine, nicht nur von der eisigen Kälte, zitternden Finger abzulenken geistesabwesend über die frische, schmale Narbe an seinem Handgelenk.

„Gib mir meine Tasche!“ Er spürte selber, dass seine Stimme ihm nicht mehr gehorchte. Mehr zu sagen traute er sich nicht, da er fürchtete, Caspar könnte aus seinem heiseren Krächzen mehr herauslesen, als nur die Tatsache, dass er eine furchtbare Lungenentzündung hatte.

Die Frau unterbrach den Augenblick des unbehaglichen Schweigens, indem sie sich fröhlich-beschwingt aus ihrem Sessel erhob, ihre Cappuccino-Tasse auf den runden Marmortisch stellte und Alain einfach umarmte:

„Hallo! Erinnerst du dich noch an mich? Ich bin ja sooo froh, dich mal wieder zu sehen!“ Ihr Redeschwall verunsicherte ihn.

„Entschuldigen Sie! Ich glaube nicht, dass wir uns schon mal begeg...“ mitten im Satz brach er ab, als ein Bild in seinem Kopf auftauchte: das Gesicht der Frau, panisch verzerrt, wie sie verkrampft versuchte noch rechtzeitig abzubremsen; die blockierenden Reifen, die, vom Schwung der Fahrt, nach vorne gerissen über das Eis auf ihn zuschlingerten;

Die Fremde sah ihn besorgt an: „Geht´s dir nicht gut? Du bist so blass.“ Alain schüttelte den Kopf.

„Nein. Alles OK!“, log er und versuchte sie beim Sprechen nicht direkt anzusprechen, damit sie seine Alkoholfahne nicht roch.

Sein Blick richtete sich wieder auf Caspar, der ihn mit einer Mischung aus Erleichterung und Entsetzen ansah.

Er streckte die Hand nach der Tasche aus, die noch immer auf Caspars Schoß lag, als sich von hinten ein Arm um seine Schultern legte, wie zufällig so, dass er ihn sofort würgen konnte, sollte Alain auf die Idee kommen, sich gegen ihn zu wehren.

Er wurde mit einer Geste an den starken Körper hinter sich gedrückt, die für Außenstehende freundschaftlich scheinen mochte, und Alain senkte den Kopf, damit Caspar nicht die nackte Angst in seinen Augen sehen konnte.

„Guten Abend, Vater!“ sagte er mit erstickter Stimme. Er drückte ein Messer in Alains Kreuz und raunte ihm, Caspar zulächelnd, eine Warnung zu. Laut sagte er:

„Komm mit ...“, er stockte und schien schnell zu überlegen „Komm mit, Felicien. Meine Freunde warten schon auf uns.“

Alain konnte nicht verhindern, dass seine Hände und Knie begannen zu zittern. Hilfesuchend warf er Caspar einen Blick zu, ehe er den drohenden Druck des Messers in seinem Rücken spürte.


Während die junge Frau, die sich unter dem Namen Vivien vorgestellt hatte, munter Selbstgespräche führte, glitt Caspar mit seiner Hand unauffällig in Roccos Tasche und tastete vorsichtig darin herum, bis er fand, was er gesucht hatte.

Also hatte er damals Recht gehabt... Er brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, was in den kleinen Plastiktütchen war, die er in diesem Moment in der Hand barg, ebenso wenig wie er eine Erklärung dafür brauchte, wozu Rocco eine Spritze mit sich herumtrug...

Seine Hände begannen unkontrolliert zu zittern und er stopfte das Zeug eilig wieder zurück und stellte die Tasse in seiner Rechten hastig wieder auf den Tisch, bevor „Vivien“ etwas bemerken konnte.

Und in diesem Moment sah er ihn, und dieses Mal hatte er nicht die leisesten Zweifel, dass diese _Erscheinung_ Realität war. Aber so mitgenommen und krank wie der Kleine aussah, wäre er am liebsten auf der Stelle auf die Knie gefallen, um sämtliche höheren Mächte dieser Welt anzuflehen, dass es nur eine weitere Halluzination sei. Und obwohl er im Moment weißer als die Wand hinter sich sein musste, war er doch so unendlich froh, dass ihn diese rabenschwarzen Augen noch immer so durchdringend und stolz ansahen und nicht mitsamt ihres Besitzers gebrochen in irgendeiner schmutzigen Gasse lagen, in die sich noch nicht einmal der wildeste Hund verirrte.

Rocco rieb sich über die schmutzige Wange, zog seine Finger jedoch hastig zurück als er sah, dass Caspar ihn bemerkt hatte und strich über sein Handgelenk.

Erschrocken hielt Caspar die Luft an, als er die frische Narbe einer Wunde entdeckt hatte, die sich sehr tief in die schneeweiße Haut gegraben haben musste.

/Nein... das kann nicht.../

Der Schwarzhaarige unterbrach ihn in seinen Gedankengängen und forderte mit rauer Stimme seine Tasche zurück. Sofort bemerkte Caspar das unterschwellige Rasseln in der heißeren Stimme, die er als weichfließend und einschmeichelnd in Erinnerung behalten hatte. Dieser Junge war ernsthaft erkältet und würde bald mit einer ausgewachsenen Bronchitis zu kämpfen haben, wenn er nicht behandelt wurde und ins Warme kam - doch der Medizinstudent bezweifelte, dass sein „Vater“ ihm irgendwelche Medikamente von der Apotheke besorgen würde!

Der Blonde starrte den schwarzhaarigen Geist vor sich einfach nur erleichtert und erschrocken zugleich an, war nicht fähig auch nur ein Wort zu sagen. Und dieses eine Mal war er doch froh, dass „Vivien“ da war, die unbekümmert das Eis brach und Rocco ungezwungen umarmte.

Aber etwas stimmte nicht. Er wusste, Rocco war alles andere als gesund, aber das war es nicht... viel eher, wie sich Rocco verhielt... Schon als sie sich das erste Mal begegnet waren, hatte er zeitweise das Gefühl gehabt, dass jener seine wahren Gefühle verbarg und eine starke Unsicherheit zu überspielen versuchte. Doch was konnte ihn an Caspar schon verunsichern? Er war doch ohnehin nur einer von vielen Kunden, wenn vielleicht auch der einzige, der je mehr oder weniger unfreiwillig mit ihm geschlafen hatte...

Der Schwarzäugige streckte die Hand nach ihm – falsch, nach der Tasche! – aus, doch plötzlich erstarrte er, als sich ein kräftiger Arm um den Jungen schloss. Es sollte wohl eine freundlich wirkende Geste sein und Vivien schien das auch zu schlucken, doch Caspar war lange genug Kampfsportler um zu sehen, wie sich Rocco krampfartig verspannte. Vor Angst.

Dann hörte er wie durch dichten Nebel das Wort „Vater“ dringen, wurde sich eines an ihn adressierten, einfach nur _falschen_ Lächelns bewusst und plötzlich wurde ihm entsetzlich übel...

Er erstarrte selbst, wusste nicht was zu tun war, doch als Rocco ihn zum ersten Mal, wenn auch nicht mit Worten, um Beistand bat, tauchte wie aus dem Nichts eine körperlose Hand auf und legte einen Schalter in Caspar um.

„Aber, aber... haben Sie etwa vergessen, dass Felicien diese Nacht bei mir verbringen sollte? Wir hatten es bereits vor einem Monat ausgemacht, erinnerst du dich... _Felice_? Er hatte sich so sehr gefreut, sie wollen ihren _Sohn_ doch nicht enttäuschen?“

Er ließ sich nicht von Vivien ablenken, der es reichlich spanisch vorkommen musste, Rocco plötzlich mit Felicien betitelt zu hören, und er versuchte einen berechnenden Blick aufzulegen, tat alles was ihm im Moment einfiel um wie ein gut zahlender „Kunde“ auszusehen und gleichzeitig bei den anderen Gästen des Cafés nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Denn selbst ein Blinder hätte bemerkt, dass hier etwas nicht stimmte...


„Es tut mir leid!“, sagte Anthony mit einer kalten, schneidenden Stimme die man, obwohl er sehr leise gesprochen hatte, bis in den letzten Winkel des Cafés hören konnte. „Mein Sohn wird heute Abend nicht bei Ihnen bleiben können, damit sie ihre perversen Träume für ein paar lausige Scheine zur Wahrheit werden lassen!“

Fast alle Gesichter waren ihm zugewandt, und einen winzigen Moment spielte Alain mit dem Gedanken, jetzt um Hilfe zu schreien, doch dann sah er ein, dass ihm keiner helfen würde. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als die Spitze des Messers durch seinen Pullover drang und seine Haut ritzte. Er zwang sich, ruhig zu atmen und hob den Blick erst wieder, als er sich sicher war, dass seine Maske perfekt saß und die Angst nicht darunter hervorschimmern konnte. Er warf Caspar einen kalten Blick zu und trat dann, gefolgt von Anthony, aus dem Café zurück in die kalte Winterluft.

Kaum waren sie draußen, zerrte er Alain mit sich, bis sie in eine der dunkleren Gassen kamen, in die sich keiner nach Einbruch der Dunkelheit allein oder auch nur mit zwei oder drei Freunden hinein traute. Dort stieß er ihn brutal gegen die bröckelnde Fassade, sodass Alain ein paar Putzstückchen in den Nacken rieselten.

Das Gesicht seines Vaters kam ihm so nahe, dass er den Atem des Mannes feucht und warm über seine geschlossenen Augen streifen spürte. Die Hand, die sich in seine Schulter gekrallt hatte, löste sich. Alain wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Er zuckte zusammen, als sein Vater mit ihm sprach, und war unfähig, auch nur einen Funken des Trotzes und Widerstandes aufzubringen, der ihn sonst vor jedem geschützt hatte.

„Du weißt, was passiert, wenn du auf dumme Gedanken kommst!?“ Die Worte trafen ihn mit einem Schwall üblen Mundgeruches. Den Würgreiz unterdrückend nickte er nur, versuchte den Kopf ein wenig zur Seite zu drehen, aber sofort krallte Anthony seine in schwarzen Lederhandschuhen steckenden Finger in die weichen Stellen schräg hinter seinen Ohren und zwang Alain, ihn beinahe erwürgend, die Augen zu öffnen und ihn anzusehen. Fast eine Minute standen die Beiden da und starrten einander an, bis Anthony ihn plötzlich losließ und ihm mit einer befehlenden Geste zu verstehen gab, dass er ihm folgen sollte.

Wie betäubt stapfte er hinter seinem Vater her, durch den, hier in der Gasse fast 30 cm hoch liegenden, Schnee. Er wusste, was passieren würde. Es war ein altes Spiel. Und trotzdem...

/Warum kann ich mich nicht daran gewöhnen und mich damit abfinden?/

Emotionslos starrte er auf das Garagentor, dass Anthony öffnete.

Wie immer standen sie alle in einer Reihe hinten an der Wand.

Cameron, Morris, Freddy, Henry, Jim, Lennard, Noah-Leander, Fitch René und Sydney. Sie ähnelten sich in gewisser Weise alle: Alle waren sie groß, breitschultrig, gefährlich, intelligent und, was wahrscheinlich am schlimmsten an ihnen war, sie waren seinem Vater treu ergeben.

Fitch trat sofort breit grinsend auf Alain zu. Dieser rührte sich nicht; ließ den Mann, bewegungslos, gewähren, als er sanft über seinen Nacken strich.

„Zieh dich aus!“, befahl Anthony kalt.

Alain wusste, was von ihm erwartet wurde, und doch regte sich nun endlich der vermisste Trotz in ihm. Ohne auch nur eine einzige, unnötige Bewegung zu machen, ließ er seinen Pullover einfach zu Boden fallen. Als Anthony dann einen halben Schritt zurück trat und ausholte, um ihn zu schlagen, sprang Alain vor und stürzte sich auf seinen Vater.

Anthony hob zur Abwehr die Hand vors Gesicht, in der er noch immer das Messer hielt. Alain spürte die Klinge über seine Rippen schrammen, gefolgt von einem Schwall heißen Blutes, ehe ihn zwei paar Hände packten, zurück zerrten und zu Boden drückten. Ein anderer setzte sich auf seine ohnehin schmerzende Brust und schlug auf ihn ein.

/Bitte, Vater, gib ihnen den Befehl, mich zu töten!/ dachte er, doch Anthony dachte gar nicht daran.

„Los, Freunde, nehmt ihn euch!“

Er spürte noch, wie er auf den Bauch gedreht wurde und ihm irgendjemand die Hose vom Leib riss. Hände, die gierig über seinen nackten Körper fuhren; einer drängte seine Beine auseinander; ein anderer zwang ihn, den Mund zu öffnen.

Dann fiel er endlich hinab in die gnädige Schwärze der Bewusstlosigkeit.


„Das... Was zum Teufel bildet sich dieser Arsch eigentlich ein?? Als ob der sich je um das Wohl seines _Sohns_ gekümmert hätte!!“, rief er aufgebracht, konnte sich trotz Viviens gutgemeinter Versuche nicht wieder beruhigen.

„Gehen wir“, sagte er dennoch in diesem Moment mit vor letalem Zorn zusammengebissenen Zähnen, sodass seine Kiefer hörbar knirschten. Plötzlich ekelten ihn all diese Menschen an, die ihn nur tatenlos begafften, obwohl mehr als nur offensichtlich war, dass Roccos sogenannter „Vater“ – schon bei dem Gedanken daran schnaubte er wütend – dem Kleinen weniger als „nichts Gutes“ tun würde...

Mit wutverdunkelten Augen klatschte er das Geld für ihre Getränke auf den Tisch und stapfte dann erbittert aus dem Café, das passenderweise den Namen „Zum Feigen Spießer“ oder etwas dergleichen hätte tragen müssen.

Doch sobald ihm die Kälte und auch einige kleine Schneeflocken entgegenschlugen, wich plötzlich alle Wut von ihm, verkehrte sich in eine alles umfassende Kraftlosigkeit. Wo sollte er den Schwarzhaarigen jetzt bitte suchen?

Einmal ganz davon abgesehen, dass er sich darüber bewusst war, dass er allein gar nichts ausrichten konnte und Vivien ihm ja nun wohl auch keine große Hilfe in einer Schlägerei sein würde. Vermutlich würde er im Moment dadurch sogar Roccos Leben gefährden, denn er glaubte nicht, dass sein _Vater_ ihn umbringen würde – schließlich war er ja eine Einnahmequelle und mit hilflos geballten Fäusten wurde Caspar bewusst, dass der nicht allzu große, aber sichtbar bis auf den letzten Muskel durchtrainierte dunkelblonde Mann mit den berechnend-eiskalten grauen Augen und einigen Narben vermutlich noch ganz andere Dinge als Geld von dem Jüngeren verlangte.

Er spürte eine kleine, leichte Frauenhand, die sich zaghaft auf seinen linken Unterarm legte, als er sich die Lippe blutig biss, nur um jetzt nicht vor Wut und Verzweiflung zu heulen und brauchte einen Moment bis er irritiert Viviens Gesicht eingeordnet hatte.

Der Blonde hatte angenommen, dass sie sich wie alle anderen nun von ihm abwandte, doch sie schob ihn nur schweigend etwas von dem Café fort, bis er von sich aus weiterging und instinktiv den Weg zu seiner Wohnung nahm, dabei ohne es zu merken in gedankenleeres Brüten versank, ohne Vivien noch weiter wahrzunehmen, die ihm nur stumm folgte.

Erst als er aufgeschlossen hatte und sie hinter ihm eintrat, bemerkte er sie wieder, zuckte dann aber nur die Achseln und ließ sie herein. Sollte sie doch machen was sie wollte. Wenn sie sich unbedingt von ihm anschweigen lassen wollte – bitte sehr! Denn feststand, dass er jetzt nicht reden wollte, mit _niemandem_ - nicht einmal seiner Mutter oder Jake! – außer... Rocco.

Doch sie sagte auch nichts, verschwand ohne ein Wort in der Küche, während Caspar sich auf seine Couch schmiss, und machte starken schwarzen Kaffee für sie beide.

Nach knapp zehn Minuten kam sie wieder herein, stellte die Tassen ab und tippte ihn vorsichtig an, bevor sie immer noch stillschweigend ihren Kaffee trank.

„Danke“, sagte Caspar nun endlich leise und erntete sogar ein leichtes Lächeln von der jungen Frau neben ihn, was ihn jetzt doch wirklich sehr erstaunte. Okay, er hatte ja gemerkt, dass Vivien ein Auge auf ihn geworfen zu haben schien, aber trotzdem...

Dann, nach einer geraumen Weile, wagte sie schließlich zu fragen: „Möchtest du darüber reden, Caspar? Du wirst es vielleicht kaum glauben, aber ich kann auch sehr gut zuhören...“

Und plötzlich war Caspar alles egal und ohne darüber nachzudenken begann er der Blauäugigen alles zu erzählen, begann bei dem schicksalsschweren Freitagabend im November und endete erst nach etwa einer Stunde bei dem gerade erst Geschehenen.

„Jetzt verstehe ich...“, sprach die zierliche Frau, die tatsächlich die ganze Zeit aufmerksam lauschend geschwiegen hatte, leise, schüttelte dann seufzend den Kopf. „Aber wenn du mich fragst, Caspar, dann hast du dich in den Kleinen verliebt...“

Der Blonde starrte sie geschockt an, schüttelte vehement den Kopf, rief gleichzeitig aufgebracht, ohne sagen zu können weshalb: „Niemals! Er ist viel zu jung für mich! Ein paar Jahre mehr und ich könnte sein Vater sein! Und überhaupt: Woher willst du das wissen?“

Vivien lachte leise und hielt ihn mit einer beruhigenden Geste zurück als er sofort wieder aufbrausen wollte, da er sich doch leicht verarscht vorkam, als er ihr Lachen hörte. „So etwas nennt man weibliche Intuition – und glaub mir, bis auf das Wort selbst, ist das keine bloße Erfindung, die gibt es sogar wirklich! Ist evolutionsbedingt...“

/Frauen sind unheimlich.../, dachte er unbehaglich und blieb ihr eine Antwort schuldig, da er nicht wusste, was er darauf erwidern sollte. Vielleicht, weil er spürte, dass ihre Worte doch nicht gänzlich falsch sein konnten.

Vivien indessen schien auch gar keine Erwiderung zu erwarten, seufzte nur leise auf, bevor sie leicht gequält lachte: „Das ist doch mal wieder typisch. Die guten Typen sind alle tot, stockschwul und/oder wenigstens im Geiste schon fest vergeben...“

„Ach komm, du bist doch ne super Frau, dir steigen die Kerle doch bestimmt reihenweise nach. Aber wenn du auf der Suche bist... wenn ich es mir recht überlege wärest du genau der Typ meines Kumpels Jake und ich denke er könnte sich auch für dich interessieren“, entgegnete Caspar und meinte das durchaus ernst. Nie hätte er gedacht, dass sich die zierliche Frau doch noch als so sympathisch herausstellen würde. Aber wie hieß es so schön: ‚In der Not zeigen sich die wahren Freunde.’

Seine neue Freundin indes lachte über seinen Vorschlag, wie sie überhaupt ziemlich viel zu lachen schien: „Und ich dachte immer, wir Frauen wären die schlimmeren Kuppler... Aber wenn du mir versprichst, dass dein Jake sich _wirklich_ für mich interessieren könnte und nicht in Wahrheit auch bloß ein verkappter Schwuler ist, der nur zu seiner Geburt von seinen konservativen Eltern Hetero getauft wurde, könnte ich mir das ganze noch einmal überlegen...“

Er lächelte leicht und nickte, dann breitete sich wieder Stille über ihnen aus, da er nichts mehr zu sagen wusste.

„Und... was willst du jetzt tun... wegen Rocco?“, fragte Vivien schließlich vorsichtig, sah ihn aber umso ernster an.

Caspar jedoch konnte nur hilflos mit den Schultern zucken. „Ich weiß es nicht...“, gestand er verzweifelt.


Als er erwachte spürte er, noch ehe er die Augen öffnete, dass er wieder allein sein musste. Außerdem war ihm kalt. Er stemmte sich auf Arme und Knie hoch und betrachtete eine Weile einfach nur, gebannt von den Farben, die rote Eispfütze in dem frischen, und noch immer vom Himmel schwebenden, weißen Schnee. Dann sah er nachdenklich an sich herab.

/Der Schnitt wird nicht von selbst zuheilen./, dachte er.

Er fand nach einigem Suchen ein mottenzerfressenes Bettlaken, das er mit einer scharfen Glasscherbe zerschnitt und sich unbeholfen um die Brust wickelte. Dann stand er schwerfällig auf, suchte seine, zum Glück unbeschädigten, Sachen zusammen und zog sich an. Er spürte gar nichts, außer der Kälte, doch auch die wurde immer erträglicher, obwohl seine blaugefrorenen Finger in seinem Verstand etwas aufschreien ließen und ihm sagten, dass er sich ein warmes Kino suchen sollte, in dem er die Nacht verbringen konnte. Er schüttelte den Kopf und stapfte, etwas unsicher und trotzdem hoch aufgerichtet, zu seinem Arbeitsplatz.

Der Abend war ruhig. Eine Frau, Mitte dreißig, sprach ihn an, kaum dass er sich seinen Platz zwischen den anderen Nutten gesucht hatte. Unter Stottern und häufigem Erröten brachte sie schließlich hervor, dass sie ihrem Mann zu Weihnachten gerne eine Freude machen wollte, und ihn, wie sie nach drei Anläufen beschämt flüsterte, gerne einmal oral befriedigen wollte, sie das aber noch nie gemacht habe. Sie bezahlte Alain für eine Stunde und folgte ihm in eine düstere Seitengasse. Zielsicher schlängelte der Junge sich zwischen Mülleimern und Pappkartons hindurch, vorbei an anderen Huren, die ihm, nebenbei laut und gekünstelt stöhnend, schräge Blicke zuwarfen. Jede wusste, dass der Junge sich für das für eine ganze Nacht verkaufte, was sie pro Stunde verlangten. Sie verachteten ihn und zeigten das auch deutlich. Die junge Frau drängte sich eng an Alains kühle Haut und fragte ihn leise, um die anderen Pärchen, die sie erschrocken und ängstlich beobachtete, nicht zu stören, über Namen, Herkunft und Familie aus.

Alain war nicht bei der Sache und hatte schon nach wenigen Augenblicken die Lügen wieder vergessen, die er ihr erzählt hatte. Nur an den Namen erinnerte er sich noch: Karun. Er hatte ein erstaunlich gutes Namensgedächtnis und begann sich langsam zu fragen, wie ihm dieser Ausrutscher vor etwas über einem Monat passieren konnte.

Ganz am Ende der Gasse, wo das Licht der Laternen nicht mehr hinfiel, sagte er seiner Kundin, sie solle einen Moment warten, und zog sich dann kurz hinter einen Pappkarton zurück und holte seine kleine, verbeulte Blechdose hervor.

Wahllos nahm er drei der Tabletten heraus und schluckte sie hastig, ehe er zu ihr zurückkam.

Es war unheimlich, wie ausgestorben diese am Tage überfüllte Stadt in der Nacht war. Er hatte noch zwei weitere Freier „versorgt“ und es ging auf Morgen zu, als er sich, am Ende seiner Kraft, auf den Weg nach Hause machte.

Außer ihm hastete noch eine weitere Gestalt auf der anderen Straßenseite in die entgegengesetzte Richtung durch den zertrampelten und braunen Schnee, der sich langsam wieder unter einer Decke neu fallendem zu verbergen begann.

Als der Mann fast vorbei war, erkannte Alain ihn.

„Jake“, rief er. „Warte!“ tatsächlich drehte sich der Student um und sah dem Jungen ungläubig entgegen, der auf ihn zustolperte.

„Nathanael?“, fragte er. „Mein Gott, Junge! Du wirst erfrieren.“

Alain hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen als ihm ein heiseres „Ich brauche Hilfe.“ herausrutschte.

Jake starrte entsetzt auf sein dünnes Hemd, das von dem durch den provisorischen Verband gesickerten Blut ebenfalls rot und nass im Licht einer Straßenlaterne schimmerte, und nickte langsam.

„Caspars Mutter wohnt hier gleich um die Ecke“, bemerkte er trocken.

Alain senkte den Blick. „Ich brauche nur eine Nadel und etwas Garn.“ nuschelte er, doch Jake zog ihn schon mit sich, bis sie vor der Tür der alten Dame standen.

„Aber sie wird doch noch schlafen!“ protestierte der Junge, als Jake zweimal kurz hintereinander die Klingel drückte, doch er irrte sich. Fast sofort erschien das Gesicht, das dem Caspars so sehr ähnelte, in einem der Fenster und nachdem sie Jake erkannt und ihm kurz zugewinkt hatte, öffnete sie auch gleich die Tür.


Virginia Blackwell, von Beruf Krankenschwester und Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohnes, sah kopfschüttelnd auf die mitleiderregende schmale Gestalt vor sich.

Es war ein hübscher Junge mit nachtschwarzem Haar und verblüffend rabenfederfarbenen Augen. Doch die schöne Gestalt konnte nicht das unterdrückte Zittern des Jugendlichen verbergen, was sie allerdings auch nicht weiter wunderte in Anbetracht dieser gefährlichen Wunde.

Mit gesenktem Kopf hatte Nathanael, wie Caspars Freund Jake ihn vorgestellt hatte, nur um eine Nadel und etwas festes Garn gebeten, doch Virginia, die sich denken konnte, was er damit vorhatte, schüttelte nur sanft den Kopf.

„Das ist keine gute Idee, Nathanael. Ich will nicht behaupten, du wärest schwach oder etwas dergleichen, aber es ist eine große Wunde, bei der es nicht mit zwei Stichen getan ist. Ein Stich nach dem anderen würde dich langsam aber sicher in den Wahnsinn treiben vor Schmerz.“ Sie seufzte leise. „Am liebsten würde ich dich ins Krankenhaus schaffen, aber ich glaube kaum, dass du freiwillig mitkommen würdest und zwingen kann ich dich ja nicht...“

Der junge Schwarzhaarige biss sich in die Lippe, um nichts zu antworten, doch gleichzeitig war sein Trotz erwacht und er starrte sie herausfordernd mit seinen schwarzen Augen an.

Einen Moment lang konnte sie nur den Kopf schütteln, dann sagte sie etwas leiser: „Lass mich das machen, ich bin Krankenschwester...“

Für einen Augenblick konnte sie Unglauben in seinem Gesicht lesen, bevor er zu seiner beherrschten, nichtsverratenden Miene zurückfand, und sie konnte ihr Mitleid nun nicht mehr ganz verbergen, als ihr klar wurde, dass es wohl nur sehr wenige Menschen in Nathanaels Leben gab, die sich je um ihn gekümmert hatten und einen Moment lang befürchtete sie, er könne auch ihr Mitleid mit sturem Trotz beantworten und sich weigern, doch dann nickte er schließlich leicht und senkte wieder den Blick.

~*~

Es ging rascher als erwartet. Nachdem sie alle Sachen, die sie brauchte, zurechtgelegt hatte und Jake unbehaglich zurück ins Wohnzimmer verschwunden war, hatte sie schnell und koordiniert die Wunde gesäubert und mit Antiseptikum behandelt und dann mit sicherer zielgerichteter Hand die Wunde genäht, das ganze anschließend sauber verbunden.

Eine Betäubung hatte der Junge abgelehnt und sie musste zugeben, dass es sie überraschte, den Schwarzäugigen zwar stark zitternd, aber immer noch bei vollem Bewusstsein vorzufinden. Abgesehen von einem einzigen Schmerzenschrei, den er schließlich nicht mehr hatte zurückhalten können, hatte er geschwiegen wie ein Grab.

„Fertig“, sagte sie leise. „Ich gebe dir ein wenig Schmerzmittel und Antiseptikum mit, dann müsste die Wunde schnell heilen – du hast nämlich gutes Fleisch und eine Menge Glück, mein Lieber... Das heißt jedoch nicht, dass du es dir leisten könntest, dein Glück noch weiter herauszufordern. Du wirst also wohl oder übel anstrengende Bewegungen meiden – und versuch nach Möglichkeit kein Wasser mit der Wunde in Berührung kommen zu lassen, weil es sonst sein könnte, dass-“

Jake klopfte leise an die angelehnte Tür, trat jedoch ein ohne auf eine Antwort gewartet zu haben. Er sah aus, als wäre ihm ein wenig unwohl, doch Virginia war sich ziemlich sicher, dass sein Unwohlsein nichts mehr mit Nathanaels Wunde zu tun hatte.

„Caspar ist am Telefon und möchte mit dir sprechen“, sagte er nur, während er dem Jüngeren mit festem Blick ins Gesicht sah, um sich von der Naht abzulenken. Und Caspars Mutter entging nicht, wie sich etwas im Blick des schönen Jungen änderte, als der Name ihres Sohnes fiel. Ohne es selbst zu bemerken runzelte sie leicht die Stirn, besah prüfend den wohl Sechzehnjährigen, der zwar deutlich kleiner als ihr Francis, jedoch auch immer noch wesentlich größer als sie war.

Und als hätte Nathanael dies ganz instinktiv gespürt, wandte er sich schnell ab und verließ den Raum um ans Telefon zu gehen.

Weder Jake noch sie selbst folgten ihm, um dem Jüngeren zu zeigen, wo sich das Telefon befand.

Stattdessen blickte sie fragend den besten Freund ihres Sohnes an, bekam jedoch nur ein hilfloses Schulterzucken zur Antwort.

„Er ist es, nicht wahr?“, verlangte sie mit gesenkter Stimme zu wissen. „Er ist der Grund, warum Caspar die letzten Wochen und Tage so niedergeschlagen und zerstreut war...“

Ein zustimmendes Augenschließen war die einzige Erwiderung, die sie auf ihre Frage erhalten sollte.

Unruhig tigerte Caspar in seinem Zimmer hin und her, ging im Kreis, versuchte es mit Däumchendrehen und langsam bis Einhundert zählen. Doch das einzige Ergebnis, das dabei herauskam, war, dass er sich wie ein Idiot fühlte.

Immer wieder sah er diesen ängstlichen, stechende Schmerzen in seiner Brust verursachenden Blick der zwei glänzendschwarzen Kohlestücke und wurde von ihnen verfolgt, wie von seinem eigenen Schatten.

Schließlich hielt er es nicht mehr aus und da Jake, der einzige Mensch – abgesehen von Vivien -, dem er sich in dieser Hinsicht anvertrauen konnte, nicht da war, veranlasste ihn seine Verzweiflung irgendwann, seine Mutter anzurufen. Er wusste, sie würde keine dummen Fragen stellen – sie war zwar manchmal sehr neugierig, aber wenn es darauf ankam, konnte er sich darauf verlassen, dass sie ihm zur Seite stand, ohne dass er mehr erzählen musste als er ertragen konnte.

Doch es war nicht Virginia Blackwell, die den Hörer nahm und nervös „Hier bei Blackwell“ antwortete.

„Jake?“, fragte Caspar überrascht in die Hörmuschel hinein. „Was tust du denn bei meiner Mutter?“

Sein bester Freund wollte gerade antworten, als Caspar durch das Telefon einen Schmerzensschrei vernahm.

„Jake!“, rief er alarmiert. „Was ist da los? Wer hat da geschrieen??“

Der junge Mann am anderen Ende der Leitung atmete tief und hörbar durch, erklärte dann leise: „Das war Nathanael...“

„WER?“ Verwirrt runzelte er die Stirn. Jake sprach den Namen sehr vorsichtig aus, als hätte er Angst vor Caspars Reaktion darauf, doch der Medizinstudent konnte sich nicht entsinnen, jemanden zu kennen, der diesen Engelsnamen trug.

„Rocco“, erklärte sein Kumpel leise.

Caspar schwieg. Nicht, dass er das wollte, aber in jenem Augenblick wurde seine Kehle von einer gnadenlosen Hand unbarmherzig zugedrückt.

„Ich habe ihn gefunden oder besser gesagt, ich habe ihn durch Zufall auf der Straße getroffen. Und zwar – reg dich jetzt _bitte_ nicht auf – mit einer großen Schnittwunde auf der Brust.“

„WAS?“, schrie er entsetzt und blass wie die Wand hinter ihm in den Hörer, trat Jakes Bitte mit Füßen.

„Es ist nicht so schlimm, wie es aussah. Er hat nur eine ganze Menge Blut verloren, aber ansonsten geht es ihm ganz gut.“, antwortete jener hastig. „Deine Mutter näht gerade die Wunde und-“, er brach einen Moment ab, erklärte dann ehrlich und zugleich irgendwie hilflos: „Ich weiß nicht, ob er will, dass du kommst... er hat zwar nach dir gefragt, wo du bist und wie es dir geht... ich weiß nicht... es ist alles ziemlich kompliziert... Aber vielleicht... vielleicht kann ich ihn dir ans Telefon holen?“

Der Blonde nickte mit noch immer zugeschnürter Kehle ängstlich, bevor er sich durch ein besorgtes „Caspar? Bist du noch dran?“ bewusst wurde, dass Jake sein Nicken kaum sehen konnte.

„Ja, bitte“, krächzte er. Dann hörte er wie der Hörer zur Seite gelegt wurde und sich leise Schritte vom Telefon entfernten.


Alain folgte der fremden Frau ins Haus. Sein erster Blick galt den Fenstern. Sie waren geschlossen, aber nicht _abgeschlossen_, wie er es in den letzten Monaten oft gesehen hatte.

Sie führte ihn in ihr Schlafzimmer, bedeutete ihm, sich auf den Stuhl vor der Spiegelkommode zu setzten, was er auch, fast zu seiner eigenen Überraschung, ohne zu zögern tat, und wühlte einige Minuten leise fluchend in einem Schrank, bis sie triumphierend eine riesige Wachsdecke zu Tage förderte. Etwas schief lächelnd breitete sie diese über ihr Bett:

„Tut mir leid, aber Blutflecken bekommt man so schwer wieder raus.“, fügte sie, offensichtlich verlegen hinzu.

Alain nickte nur schwach. Mrs. Blackwell kam auf ihn zu, die Arme einladend ausgebreitet und bat ihn, sich schon mal aufs Bett zu legen, während sie ihren Verbandskasten holen wollte und war schon halb zur Türe hinaus, als sie zu ihm zurücksah, wie er apathisch auf das Bett starrte. Unsicher kam sie zurück und half ihm, sich hinzulegen.

Alain fühlte sich in dem großen Bett nicht wohl. Da es mitten im Raum stand, konnte er nicht sehen, was hinter ihm war. Er konnte aus seiner Position heraus auch die Tür nicht sehen, und wer eintrat konnte ganze fünf Schritte gehen, ehe er ihn aus den Augenwinkeln erkennen konnte.

/Ich werde verrückt./ dachte er, leicht hysterisch. /Ich leide an Verfolgungswahn!/

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür wirklich leise, und Alain richtete sich panisch auf. Sein Herz raste und sein Atem ging schnell, als wäre er gerannt. Doch es war nur Caspars Mutter, die, in den Händen einen Verbands-Koffer und ein kleines braunes Täschchen, sowie zwei Wassergläser auf einem Tablett, zurückkam. Sie sah Alain blass und aufrecht im Bett sitzen, die Augen angstgeweitet auf die Tür gerichtet und stellte das Tablett so hastig ab, dass sie etwas Wasser verschüttete. Den Sanitätskasten ließ sie einfach fallen. Mit zwei Schritten stand sie neben Alain und nahm ihn, ohne zu fragen was er hätte, einfach in den Arm, drückte ihn an sich und wiegte ihn hin und her wie ein kleines Kind. Dann, als er nicht mehr so sehr zitterte, zog sie ihm sanft den Pullover über den Kopf.

„Ich heiße Virginia.“ erklärte sie ihm leise. „Und du?“

„Nathanael.“

Alain war Jake dankbar, dass er sich einmischte, da er sich nicht sicher war, ob er dieser Frau eine neue Lüge erzählen konnte (oder wollte?). Er hatte gar nicht bemerkt, dass Jake ebenfalls herein gekommen war. Virginia packte neben ihm ihr braunes Täschchen aus, in dem sich einige kleine Glasflaschen und eine Spritze befanden. Alain zog eine Augenbraue hoch und Virginia, seine Reaktion offensichtlich missverstehend, bemerkte nebenbei, sie würde ihre zerbrechlichen Materialien nie im Medizinschrank aufbewahren. Sie öffnete eine der Flaschen und wollte gerade die Spritze füllen, als Alain schwach den Kopf schüttelte, ohne den Blick von der spitzen Nadel zu lösen.

„Nein!“, er wusste nicht einmal, ob er das Wort geflüstert, geschrieen oder auch nur gedacht hatte. Virginia versuchte nicht ihn zu überzeugen. Sie bot ihm noch Tropfen und Schmerzpillen an, doch auch das lehnte er ab. Jake floh aus dem Zimmer und Virginia bat Alain leise sich einfach hinzulegen und sich etwas zu entspannen.

Sein Atem raste, als Virginias Hand sanft über seine nackte Brust streichelte, sein ganzer Körper verkrampfte sich, doch sie hörte nicht auf. Langsam wurde er ruhiger. Als er sich völlig beruhigt hatte und kurz vor dem Einschlafen stand, strich sie ohne Vorwarnung mit einem feuchten Lappen über die dreckverkrusteten Ränder der Wunde. In der ersten Sekunde spürte er gar nichts, doch dann, plötzlich begann es zu brennen. Er schloss die Augen und biss sich auf die Zunge, sich nur auf den Schmerz in seinem Mund konzentrierend. Seine Finger krallten sich in die Matratze unter ihm, als Virginia immer und immer wieder sein Fleisch mit der dünnen, desinfizierten Nadel durchdrang, Nerven durchstach.

/Sie hatte recht!/ stellte er in einem Anflug von hysterischer Heiterkeit fest. /Ich hätte das nicht selbst tun können./ durch den Schleier des Schmerzes hindurch, der sich über alle seine Sinne gelegt hatte, hörte er leise das Schrillen eines Telefons. Es riss ihn genau in dem Augenblick aus seiner Trance, als Virginia den letzten Stich setzte. Er bäumte sich auf. In seinem Hals schien etwas zu stecken. In Angst zu ersticken öffnete er den Mund. Der Druck in seiner Kehle löste sich in einem Schrei, der in seinen Ohren widerhallte.

Erschöpft lies er sich zurücksinken.

Virginia beendete ihre Arbeit so schnell es ging und Alain war dankbar dafür.

Jake trat ein und Alain sah, noch bevor er es aussprach, an Jakes Blick, was er ihm sagen wollte.

Er fiel mehr aus dem Bett, als dass er aufstand. Vor der Tür lehnte er sich erst mal gegen die Wand und kämpfte einen Schwindelanfall nieder. Erstaunt hörte er, wie Virginia und Jake über Caspar sprachen... und ihn! Er hatte den Blick der Frau gespürt, wie sie ihn taxierte. Er wollte gern wissen, zu welchem Ergebnis sie gekommen war, aber er hätte nie danach gefragt.

Das Telefon stand auf einer dunklen Kommode im Wohnzimmer. Alain nahm den Hörer, der neben dem Telefon lag, ließ sich an der Wand nach unten gleiten und lauschte eine Weile auf das Geräusch, das Caspars Atem verursachte.

„Was willst du?“, fragte er kalt. Er konnte hören, dass der junge Mann am anderen Ende der Strippe die Luft anhielt.

Als Caspar nach einer Ewigkeit, wie es Alain schien, endlich antwortete, klang seine Stimme rau und brüchig:

„Hi... wie geht's dir `Nathanael´?“

„Gut! Sehr gut sogar.“, antwortete er, „Wieso?“

Es war deutlich, dass Caspar sich unwohl fühlte:

„Wirklich alles in Ordnung?“, er zögerte eine Weile. „Jake hat mir gesagt, dass du verletzt bist...“

„Nicht wirklich.“, log Alain, „Nicht mehr als ein harmloser Kratzer!“

Fast glaubte er schon, er würde keine Antwort mehr bekommen, als Caspar fast zwei Minuten schwieg, und wollte auflegen, doch dieser meldete sich mit bitterer, erstickter Stimme wieder zu Wort.

„Was habe ich auch erwartet... Du hast ja gesagt, du würdest nie aufhören, mich anzulügen!“

Alain zuckte mit den Schultern. Fast panisch redete Caspar weiter, als wollte er Alain unbedingt am Telefon behalten; als hätte er Angst, Alain würde das nächste „Unglück“ passieren, sobald er auflegte.

„Ich hab noch deine Tasche. Wenn du willst, komme ich gleich rüber und bringe sie dir!“ Wieder hörte Alain diese, fast „dröhnende“ Stille, als Caspar wieder den Atem anhielt.

„Nein!“, die Kälte, die dieses Wort aus seinem Mund begleitete, erschreckte ihn selbst. „Ich kann dich nicht hindern her zu kommen, da es ja _deine_ Mutter ist, aber ich werde nicht mehr hier sein!“

„Oder Du sagst mir einfach einen anderen Treffpunkt...?“, Caspar flüsterte, sodass Alain Mühe hatte, ihn zu verstehen. „Ich geb dir dann einfach dein Zeugs zurück und geh dann wieder“, fügte er hastig hinzu, als Alain zu einer Antwort ansetzte.

Eine Weile starrte Alain einfach nur auf seine zitternden Finger. Dann sagte er, noch immer eisig, „Okay! Heute, 24°° Uhr, an meinem Arbeitsplatz.“ und legte auf.


Caspar fröstelte, als er auflegte. Diese _kalte_ Stimme... noch immer hallte sie in ihm, so eisig wie ein Winter in Sibirien, während er selbst sich so sonderbar hilflos fühlte, weil er schlicht und einfach _Angst_ um den anderen hatte. Wie konnte es nur sein, dass der andere so viel stärker schien als der blonde Student, obwohl er doch bedeutend jünger war?

Ja... ja, vielleicht hatte Vivien Recht und er hatte sich tatsächlich in die schwarzen Tiefen verliebt, die oft so kühl und unnahbar, aber ebenso unsicher und verletzlich sein konnten...

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