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Lonely is the Night

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Vorwort

Hallo liebe Leser,

wie immer ein paar Zeilen vorneweg zu dieser Geschichte. Meine erste Story Jason ist seit gut einem Jahr fertig, Little Lies gerade mal zur Hälfte, aber eins haben beide Storys gemeinsam: einen Teil der Personen. Während in Jason eben dieser und Richie Masters die Hauptfiguren sind, spielen sie in Little Lies nur Nebenrollen. Es gibt da jedoch noch jemanden, der nicht von Anfang an dabei ist, aber später in Jason eine wichtige Rolle übernimmt, ebenso in Little Lies. Außerdem treffen sich die Charaktere zwischendurch in Little Lies und in Thomas' Story NetEscape, auch hier spielt dieser jemand eine nicht ganz unwichtige Rolle. Er möchte Euch hier seine Geschichte erzählen.

Genug der Vorrede ... viel Spaß!

Rick

 

Mr. Jennings sah sich genervt in der Klasse um. »Und, wer von euch kann mir jetzt sagen, wie viele Einwohner Deutschland hat?« Er schaute über die Klasse hinweg, aber es meldete sich keiner ... es war die sechste Stunde und wir alle waren müde. »Mr. Collins, was ist mit Ihnen?« Natürlich hatte es wieder mich erwischt ... ich hatte den Kopf absolut nicht mehr für irgendwelche sinnlosen Zahlen frei. Deutsch als Fremdsprache reichte mir schon aus, aber was sollte ich mich mit irgendwelchen Statistiken herumschlagen? Ich überlegte eine Weile, bis Mr. Jennings schließlich sagte: »Vielleicht solltest du dich ein bisschen beeilen - mit jeder Minute werden es mehr.«

Die meisten aus der Klasse grinsten wenigstens, nur Davey musste mal wieder einen dummen Spruch loslassen: »Collins wird aber bestimmt nichts dazu beitragen, so wie der momentan drauf ist.« »Nö, wieso auch? Ich denke auch hin und wieder noch mal an andere Dinge als Volksvermehrung.« feuerte ich zurück - ziemlich schwach, zugegeben.

Ich ging gar nicht weiter auf den Satz ein, von Davey war ich solche Sprüche gewöhnt ... und nicht nur ich. Er ging jedem aus unserer Klasse mit seinen Kommentaren auf die Nerven. Sie waren einfach an der Tagesordnung und keiner kümmerte sich sonderlich darum. Früher war Davey zwar immer ein bisschen der Außenseiter gewesen, er gehörte nie wirklich mit dazu, aber diese abstoßende Art und Weise hatte er sich erst in den letzten paar Jahren angewöhnt. Sehr zum Leidwesen unserer Lehrer ... die waren nämlich schon ein paar Mal drauf und dran gewesen, ihn von der Schule zu werfen. Warum sie es nicht getan hatten? Ich wusste es nicht ...

Dass es zwischen uns so knallte, war noch nicht lange der Fall, erst ungefähr seit Beginn der elften Klasse. Seine Kommentare waren nicht nur dämlich, sondern manchmal sogar sehr verletzend ... insbesondere wenn es um meinen Vater ging. Ich hatte meinen Vater bisher nur auf ein paar Fotos gesehen, kannte seinen Vornamen und wusste, dass er in Deutschland lebte, aber ich hatte keinen Kontakt zu ihm. Mum hatte mir nie etwas über ihn erzählt; das, was ich über ihn wusste, hatte ich von meiner Oma erfahren. Eins hatte sie mir jedoch immer gesagt: dass Dad und ich keinen Kontakt hatten, lag nicht an ihm, sondern daran, dass Mum das nicht wollte. Das seltsamste, was Grandma mir zu dem Thema erzählt hatte, war: »Wenn du deinen Dad irgendwann mal wirklich brauchst, dann wird er für dich da sein.«

Die meisten Leute aus meiner Klasse kannten die Geschichte, aber Davey war der Einzige, der meinte, das Thema immer wieder anschneiden zu müssen. Eigentlich war es seltsam, dass wir beide uns nicht verstanden. Wir waren beide die Außenseiter in der Klasse, er - mittlerweile - aufgrund seiner Art und ich, weil ich schon immer ein Einzelgänger gewesen war. Ich hatte immer gedacht, dass ich keine Freunde brauchen würde, aber langsam merkte selbst ich, dass das utopisch war und ich so nicht weiterkommen würde. Ich fing an, vorsichtig Kontakte zu anderen Klassenkameraden zu knüpfen. Zwar nicht besonders viele, aber es reichte immerhin, um mal zusammen ins Schwimmbad zu fahren oder sich nachmittags in irgendeinem Café zu treffen.

Mr. Jennings' Frage war mittlerweile beantwortet, die Stunde war vorbei und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Grandma wartete schon mit dem Essen auf mich. »Na, mein Junge, wie war's heute in der Schule?« Ich winkte ab. »Wie immer, nicht wahnsinnig interessant, aber auch nicht tödlich langweilig.« Wir setzten uns an den Tisch. »Deine Mum hat vorhin angerufen, sie braucht noch ein bisschen länger im Büro heute und wird wohl erst so gegen neun da sein.«

Ich schüttelte den Kopf. »Auf einen Freitag? Na ja, wenn sie meint ...« Grandma zuckte mit den Schultern. »Ich versteh' es ja auch nicht. Hast du wenigstens heute Abend noch etwas vor?« »Nein, bisher noch nicht. Ich will nur nachher noch mal in die Stadt nach einer CD schauen.« »Okay, aber erst machst du die Schulaufgaben. Schließlich hast du in ein paar Wochen die Prüfungen.« Ich grinste. »Ja, Grandma, versprochen.«

Um halb vier hatte ich alles erledigt und machte mich auf den Weg in die Stadt ... na ja, soweit man das Stadtzentrum von Scarborough allen Ernstes als solches bezeichnen konnte. Die Stadt war im Laufe der Zeit einfach gewachsen, und dementsprechend war das, was in London oder in Edinburgh das Zentrum war, ziemlich weitläufig verteilt. Aber zum Glück gab es Busse, mit denen man überall hinkam.

Ich ging zu dem CD-Laden, in dem ich immer einkaufte, und schlenderte anschließend noch ein bisschen durch die Straßen. Ich war ziemlich in Gedanken versunken, als ich um eine Ecke bog und plötzlich mit jemandem zusammenstieß. »Oh ... äh, Entschuldigung.« stammelte ich, bis ich schließlich sah, wen ich da gerade umgerannt hatte. Zwei blaue Augen blitzten mich wütend an. »Das war ja klar, dass du Idiot nicht aufpassen konntest.«

Ich verzog das Gesicht zu einem sarkastischen Grinsen. »Ja, Davey, ich freue mich auch, dich hier zu treffen. Vor allem, nachdem wir uns so lange nicht mehr gesehen haben, ich hatte schon richtig Sehnsucht nach dir.« Für einige Sekunden wurde sein Blick unsicher, fing sich dann aber wieder. »Collins, laber' mich nicht dicht und hau' einfach ab, okay?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Das ist das erste Mal, dass wir uns außerhalb der Schule sehen, und ich will endlich wissen, warum du dich immer wie das größte Arschloch auf Erden verhältst. Keiner von uns hat dir was getan, aber du benimmst dich als wärst du King Louis persönlich.« Er sah mich verächtlich an und spuckte dann einmal aus, haarscharf an mir vorbei.

Diese Kleinigkeit reichte aus, und meine ganze Wut auf ihn, die sich im Laufe der Zeit angestaut hatte, entlud sich schlagartig. Bis gerade eben hatte ich noch eine hervorragende Laune gehabt, und jetzt kam dieser Spinner daher und versuchte mir den Tag zu verderben. Noch bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, hatte ich ihn am Arm gepackt und ihn so dicht zu mir herangezogen, dass sich unsere Nasen fast berührten.

»Und das, mein Freund, machst du noch ein einziges Mal, und dann kannst du deine Zähne von der Straße aufsammeln. Klar?« sagte ich leise und - hoffte ich wenigstens - möglichst drohend. Das wirkte. Davey war knapp drei Zoll kleiner als ich und wesentlich schmächtiger - wenn ich es darauf angelegt hätte, dann hätte ich ihn jederzeit zusammenschlagen können. Aber das wollte ich überhaupt nicht, es ging mir jetzt nur darum, dass er wusste, dass für mich irgendwann eine Grenze erreicht war. Und das hatte er offensichtlich kapiert.

Er versuchte, sich aus meinem Griff zu entziehen, schaffte es aber nicht. »Okay, Collins, was willst du?« Ich hob die Augenbrauen an. »Zuerst mal, Nick reicht - schließlich kennen wir uns nicht erst seit gestern. Und zweitens, was ich will habe ich dir gerade schon gesagt.« Er überlegte eine Weile, und schließlich, als ich nicht damit rechnete, entwand er sich mir mit einer blitzschnellen Bewegung.

»Musst du eigentlich immer gleich brutal werden?« fragte er dann, allerdings - gemessen an dem Ton, den er vorher angeschlagen hatte, fast zurückhaltend. »Du hast mich noch nie brutal erlebt. Und ich bin auch nicht scharf drauf, dir das vorzuführen.« Offensichtlich überlegte er, was er machen sollte, und war sich nicht ganz schlüssig. Dann fragte er nochmal: »Was willst du von mir, Nick?« »Einfach nur mit dir reden. Ist das zu viel verlangt?«

Er sah mich abfällig an. »Und was soll das bringen?« Ich zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich auch nicht. Schlimmstenfalls war es verschenkte Zeit. Und bestenfalls wird eine Freundschaft fürs Leben daraus«, fügte ich grinsend hinzu. »Das glaubst du doch selbst nicht? Mich will doch eh' keiner zum Freund«, warf er zweifelnd ein. »Das werden wir dann sehen. Jetzt komm, gehen wir 'rüber ins Bistro an der Ecke.«

Widerstrebend kam er mit, und wir suchten uns ein ruhiges Plätzchen. Davey war immer noch skeptisch. Ich hatte jetzt allerdings ein kleines Problem: Zu dem Gespräch hatte ich ihn überreden können, aber ich wusste nicht, wie ich weitermachen sollte. Eine Weile starrten wir uns schweigend an, unsere Cokes kamen, wir diskutierten diese Runde und drei weitere Gläser über alle möglichen Themen, um erst mal einen Gesprächseinstieg zu finden. Dabei fiel mir auf, dass wir eine ganze Menge gemeinsam hatten, auch wenn das keiner von uns zugegeben hätte. Dann kam ich wieder auf unser ursprüngliches Thema zurück.

»Was sollte zum Beispiel der Spruch heute Morgen bei Jennings in der Stunde?« »Vielleicht wollte ich dich einfach nur provozieren?« Ich hob die Augenbrauen. »Du versuchst immer alle zu provozieren, bei jeder Gelegenheit. Außerdem müsstest du mittlerweile kapiert haben, dass du damit bei mir nicht all zu weit kommst.« Er lächelte kurz, wurde aber gleich wieder ernst. »Stimmt - meistens nimmst du überhaupt keine Notiz von mir.« »Na, woran das wohl liegt. Du reißt ständig blöde Sprüche, wir haben von dir einfach nur die Schnauze voll.« »Die anderen sind mir egal, Nick. Aber ...« Er brach den Satz ab und starrte in sein Colaglas.

»Aber was? Junge, jetzt sag' mir doch endlich, was mit dir los ist.« Am liebsten hätte ich ihn gepackt und mal kräftig durchgeschüttelt. Aber ein Blick in seine Augen verriet mir, dass ich das besser bleiben lassen sollte - er sah nämlich so aus, als ob er jeden Moment aufspringen und aus dem Laden stürmen würde. »Nick, ich habe noch nie jemanden zum Reden gehabt, und ich weiß nicht, ob du dafür der Richtige bist.« »Warum nicht?« »Nenn' mir einen vernünftigen Grund dafür.« »Nenn' du mir einen vernünftigen Grund dagegen.«

Der fiel im offensichtlich nicht ein. »Ich kenne dich kaum«, sagte er dann. »Ich dich auch nicht. Davey, wir sind seit elfeinhalb Jahren Klassenkameraden, wohnen nur ein paar Blocks auseinander. In den ersten zehn Jahren haben wir uns ignoriert und in den letzten anderthalb nur gezofft, wenn wir überhaupt mal miteinander gesprochen haben, was schon fast Seltenheitswert hatte.« Oh Mann, dieser Blick ... ganz spontan fügte ich hinzu: »Ich weiß nicht warum ... aber ich mag dich.«

Er riss die Augen auf und starrte mich an. »Ist ... ist das dein Ernst?«, fragte er dann. Ich hatte ihn schon oft beobachtet, aber eines sah ich jetzt zum ersten Mal: In seinen Augen blitzte Hoffnung auf. Ich nickte. »Ja, das war mein voller Ernst.« Ich sah förmlich, wie sein Puls und sein Blutdruck in die Höhe schossen. Feine Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, und er wurde ziemlich nervös, das sah man ihm an.

Offensichtlich riss er sich sehr zusammen, als er weitersprach. »Nick ... ich ... versprich' mir bitte eins, egal was passiert, behalte alles, worüber wir reden, für dich, okay?« Ich atmete tief durch und hielt ihm dann meine Hand hin. »Versprochen.« Er ergriff meine Hand, schüttelte sie und hielt sie eine oder zwei Sekunden länger fest, als es nötig gewesen wäre. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als hätte er noch etwas anderes sagen wollen, aber das tat er nicht.

Eine Weile saßen wir schweigend am Tisch, starrten abwechselnd uns und die mittlerweile leeren Gläser an. »Davey, was hältst du davon, wenn wir morgen mal irgendwas zusammen unternehmen? Vielleicht können wir dann besser weiterreden?« Wenn man das Ganze als Spiel bezeichnen konnte, dann spielte ich jetzt auf Risiko. Zum ersten Mal hatte ich ihn so weit gehabt, dass wir uns normal unterhalten konnten. Wer wusste, ob das am nächsten Tag immer noch so sein würde? Aber er nickte nur. »Okay, was?« »Gehen wir schwimmen?«, schlug ich vor. »Gut. Wann und wo treffen wir uns?« »Ich hol' dich um zwei Uhr zuhause ab.«

Wir zahlten unsere Getränke und gingen dann langsam in das Viertel, in dem wir beide lebten. Auf dem Weg dorthin kam uns ein etwa vierzehnjähriger Junge auf einem Fahrrad entgegen, den ich auch schon ein paar Mal in unserem Viertel gesehen hatte. »Davey, wo warst du denn? Dad hat sich schon Sorgen um dich gemacht.« Davey winkte ab. »Ich war noch mit einem Klassenkameraden eine Cola trinken. Nick, das ist mein Bruder Tom. Tom, das ist Nick.« »Hi, Nick.« »Hi, Tom.« Ich hasste es, anderen Leuten vorgestellt zu werden. Unter Erwachsenen wäre jetzt wahrscheinlich noch die Floskel gefolgt »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.« Aber die blieb zum Glück aus.

Schließlich standen wir vor dem Eingang zu unserem Haus. »Okay, dann bis morgen, Nick.« »Bis morgen, Davey. Und ich hoffe, es bleibt dabei.« Er nickte nur und ging dann die letzten Meter bis zu seinem Haus. Ich sah ihm und Tom noch eine Weile nach und ging schließlich auch 'rein.

Mum saß im Wohnzimmer über einigen Unterlagen. Als ich hereinkam, blickte sie auf. »Hallo, mein Schatz. Wo hast du dich denn noch herumgetrieben?« Ich legte meinen Schlüssel weg, zog die Jacke aus und ließ mich dann in einen Sessel fallen. »Ich war noch mit einem Klassenkameraden eine Cola trinken. Davey, ich hatte dir schon von ihm erzählt.« Sie sah mich überrascht an. »Davey? Aus der Williams Lane?« Ich nickte. »Ja, genau der.« »Habt Ihr nicht ständig Streit?« »Hm ... ich hab' so den leisen Verdacht, als wenn das der Vergangenheit angehören würde.«

Sie klappte ihre Bücher zu, nahm sich ihren Martini und setzte sich dann zu mir. »Na komm, jetzt erzähl' schon.« Ich nahm einen Schluck aus ihrem Glas - was mir einen nicht ganz ernst gemeinten bösen Blick einbrachte - und grinste dann. »Mum, lass' bitte mal, wenn du zuhause bist, die Psychologin in der Praxis, okay?« Ich erzählte ihr in ein paar Sätzen, was passiert war. Schließlich lächelte sie. »Und du bist dir wirklich sicher, dass du nicht in meine Fußstapfen treten willst?«, fragte sie. Ich nickte. »Ja, auf jeden Fall. Sei' mir bitte nicht böse, aber ich bin hundemüde und gehe ins Bett, okay?« Sie gab mir einen Gutenacht-Kuss, und dann ging ich hoch.

Als ich im Bett war, dachte ich noch ein bisschen nach. Zum einen über das Gespräch mit Davey ... ich hatte so einen leisen Verdacht, was er mir erzählen wollte, und ich hoffte, dass ich mit meiner Vermutung nicht daneben lag. Zum anderen dachte ich an meinen Vater, der für mich nicht viel mehr als ein Name und ein Gesicht war. Seit der Begegnung mit Tom - und seinem Hinweis »Dad macht sich schon Sorgen um Dich.« - geisterte mir das wieder durch den Kopf. Wann würde ich endlich mal den Satz zu hören bekommen, Dad hat sich Sorgen um dich gemacht? Mit diesem Gedanken schlief ich ein.

Am Nächsten morgen wachte ich schon relativ früh auf ... wenn man neun Uhr als früh bezeichnen konnte. Normalerweise nutzte ich den Samstag zum Ausschlafen, aber heute war mir nicht so richtig danach. Ich duschte in aller Ruhe, rasierte mich, zog mich an und ging dann nach unten. Mum saß bereits am Frühstückstisch und blickte überrascht auf, als ich hereinkam.

»Guten Morgen, mein Schatz. Bist du aus dem Bett gefallen?« Ich grinste. »Nein, aber lass' mich doch auch mal ein bisschen was vom Tag haben.« Ich setzte mich hin und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein. Die Brötchen waren sogar noch warm. Mum legte die Zeitung beiseite und sah mich dann fragend an. »Oder bist du aufgeregt, weil du heute dein erstes Date hast?«

Ich hätte mich fast an meinem Kaffee verschluckt und schaffte es gerade noch, die Tasse rechtzeitig abzustellen. »Mum, das ist kein Date«, versuchte ich klarzustellen. Aber bei meiner Mutter ... keine Chance. Sie war Psychologin und arbeitete viel mit Jugendlichen, und ich war so ziemlich der Letzte, der ihr etwas vormachen konnte. »Und wenn es doch eins wäre?«, fragte ich dann leise.

»Nick, glaubst du etwa allen Ernstes, dass ich noch nie über diese Möglichkeit nachgedacht hätte?«, fragte sie dann ruhig. »Ich weiß es nicht, Mum.« »Wenn es wirklich so ist, dann mach' dir keine Sorgen, zumindest nicht meinetwegen. Ich habe schon genügend Jungs in deinem Alter gesehen, die mit ihren Eltern jede Menge Probleme hatte, weil die Eltern nicht akzeptieren konnten, dass ihr Sohn schwul ist.« Schwul ... sie gebrauchte das Wort wie jedes andere auch, und ich hatte bisher selbst in Gedanken immer einen weiten Bogen darum gemacht.

Bevor ich noch etwas sagen konnte, fuhr sie jedoch fort: »Nick, vor ein paar Jahren hatte ich mal wieder so einen Fall, das kommt häufiger vor, als du denkst. In diesem Fall konnte ich ihm nicht helfen. Der Junge hat sich vor einen Zug geworfen, weil seine Eltern ihm das Leben zur Hölle gemacht haben. Damals habe ich mir geschworen, dass ich es nie so weit kommen lassen würde.« Ich sah sie ziemlich sprachlos an - ich musste erst mal verdauen, was ich da gerade gehört hatte. »Ist das wirklich passiert?«, fragte ich dann flüsternd. Sie nickte stumm.

»Wie alt war dieser Junge damals?« »Sechzehn, so alt wie du jetzt.« Die nächste Frage traute ich mich kaum zu stellen. »Und warum konntest du ihm nicht helfen?« Sie trank einen Schluck Kaffee und dachte dann einen Moment nach. »Wir hatten schon einige Sitzungen gehabt, und ich hatte eigentlich das Gefühl, dass er zu diesem Zeitpunkt so weit war, sich selbst akzeptieren zu können. Seine Eltern wussten zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts, er hatte aber unheimliche Angst davor gehabt, weil sein Vater sich immer wieder aufgeregt hat, wenn das Thema im Fernsehen oder in der Zeitung angesprochen wurde. Dann kamen solche Sachen wie 'Die Homos gehören doch alle kastriert' und so. Dieser Junge war aber davon ausgegangen, dass sein Vater das anders sehen würde, wenn er wüsste, dass sein eigener Sohn auch dazugehört.

Er hatte seinen Eltern vor unserem Termin einen Brief geschrieben und ihnen gesagt, was los war. Wir hatten kaum mit der Sitzung angefangen, da kam sein Vater 'rein und hat ihn aus meinem Büro gezerrt, ihn dabei wild beschimpft und mich gleich mit - was ich seinem Sohn denn eingeredet hätte und so weiter. Ich habe nur gesehen, wie er dem Jungen auf dem Weg zum Wagen zweimal eine 'runtergehauen hat - diese Schmerzensschreie vergesse ich bis heute nicht. Ich habe daraufhin die Polizei gerufen und direkt zum Haus seiner Eltern geschickt.

Doch es war zu spät: als sein Vater den Wagen vor dem Haus geparkt, ist er aus dem Wagen gesprungen und weggerannt. Den Rest kann ich nur vermuten. Die Polizisten kamen in dem Moment an, in dem er wegrannte. Sie sind mit dem Streifenwagen hinterher und hatten ihn am Bahnübergang hinter dem Yorkshire Crescent fast eingeholt, als die Schranken heruntergingen. Ich nehme an, er hat den Zug gesehen und dann beschlossen, dass das wohl der einzige Ausweg wäre. Die Polizisten haben noch versucht, ihn vom Bahnübergang herunterzuholen. Die Eltern kamen hinterher. Er wurde vor ihren Augen von dem Zug erfasst.«

Ich stand auf und umarmte meine Mutter. »Danke, dass du nicht so bist, Mum.« Sie umarmte mich fest. »Nick, du bist mein einziges Kind, und ich würde niemals zulassen, dass dir etwas passiert.« Einen Moment lang standen wir einfach nur so da, bis wir uns schließlich wieder voneinander lösten. »Hey, wenn das mit Davey wirklich was werden sollte, kannst du ihn auch gern mal mit herbringen.« Ich lächelte - mir fiel beim besten Willen nichts weiter dazu ein.

Aber eine Frage beschäftigte mich doch. »Wie würde mein Dad reagieren, wenn er davon erfahren würde? Ich weiß ja nicht mal, ob er noch mehr Kinder hat.« Mum zündete sich eine Zigarette an und blies dann den Rauch langsam aus. »Ich denke, dein Dad würde das ganze genauso sehen wie ich.« Schweigen. Schließlich fragte ich: »Warum erzählst du mir nicht mehr über ihn?« Sie seufzte. »Okay. Ich werde dir etwas von ihm erzählen, aber nur unter einer Bedingung: frag' mich nie wieder nach ihm, okay?«

»Hasst du ihn?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, im Gegenteil. Ich denke, ich bin immer noch ein bisschen in ihn verliebt.« »Ich werde dich nie wieder nach ihm Fragen, wenn du mir dann auch etwas versprichst«, schlug ich vor. »Und was?« »Spätestens, wenn ich achtzehn werde, möchte ich versuchen, ihn zu finden. Sag' mir dann wenigstens seinen Namen und wenn du hast auch seine letzte Adresse, okay? Und bitte verbiete mir das nicht.«

Sie nickte langsam. »Einverstanden.« Sie stand auf, ging ins Arbeitszimmer und kam ein paar Minuten später wieder, mit einem Block und einem Briefumschlag. Dann schob sie mir die Zeitung ‘rüber. »So, du kannst dich mal mit dem Sportteil beschäftigen, ich muss kurz was notieren. Und nicht 'rüberschielen.« Der Tonfall ließ keinen Widerspruch zu, und so blätterte ich die Zeitung durch. Besonders interessante Dinge standen nicht darin.

Schließlich war Mum fertig. Sie faltete den Bogen zusammen und steckte ihn in den Umschlag, den sie zuklebte. »So, hier habe ich dir seinen Namen und seine Adresse aufgeschrieben. Ich werde diesen Umschlag aufbewahren, an deinem 18. Geburtstag werde ich ihn dir geben. Okay?« Ich nickte. »Okay.«

Sie schenkte Kaffee nach und fing dann an, zu erzählen. »Dein Dad und ich haben uns 1964 auf der High School in Los Angeles kennengelernt. Wir waren ein paar Jahre zusammen, es war eine wunderschöne Zeit. Doch dann stimmte die Chemie irgendwann nicht mehr, und wir beschlossen uns zu trennen. Es lag mit Sicherheit auch daran, dass wir beide angefangen hatten zu studieren. Ich lernte Jörg kennen, der auch in L.A. studierte, und in unserem jugendlichen Leichtsinn beschlossen wir, im Sommer der Liebe zu heiraten. Wir gingen zurück in seine Heimatstadt, nach Hamburg. Die Ehe hielt nicht allzu lange, und 1972 wurden wir wieder geschieden.

Ich blieb noch eine Zeitlang in Hamburg und war abends mit ein paar Kolleginnen unterwegs gewesen, als ich deinen Dad plötzlich in einer Kneipe wiedertraf. Wir beide trauten unseren Augen nicht. Er war zu diesem Zeitpunkt auch schon verheiratet und hatte einen Sohn. Der Haussegen zwischen ihm und seiner Frau hing jedoch so schief, dass er erst einmal ausgezogen war. Tja, und wie es die Gefühle und der Geist des Weines so wollten, flammte unsere alte Liebe wieder auf. Wir verbrachten ein paar Tage zusammen, und schließlich ließen wir unseren Gefühlen völlig freien Lauf. Am nächsten Tag wurde uns beiden erst klar, was überhaupt passiert war.

Dann bekam dein Dad einen Anruf von seiner Frau - sie war wieder schwanger. Für ihn brach eine Welt zusammen, weil er nicht wusste, wie es für ihn nun weitergehen sollte. Ich habe ihn damals ermuntert, zu seiner Frau zurückzukehren, weil ich noch nicht wusste, dass ich dich bereits in mir trug.« »Hast du es ihm später gesagt?« fragte ich. In diesem Moment hatte ich panische Angst, dass er keine Ahnung davon hatte, dass es mich gab. Mum nickte. »Ja, er weiß von dir. Ich wollte damals, dass du hier in England zur Welt kommst. Nick, du bist mein Wunschkind und dein Vater der Mann, der immer der Vater meines Kindes sein sollte.«

»Wie hat er reagiert?« »Er wollte dich kennen lernen, ihr habt euch auch einmal gesehen, aber da warst du noch ziemlich klein. Dass ihr keinen Kontakt habt, lag einfach an mir - ich wollte seine Familie nicht zerstören. Ich kenne Catherine, wir waren auf der High School in einer Klasse. Ich denke, die beiden sind immer noch glücklich. Und dein Dad hat mich immer unterstützt, wenn Not am Mann war. Wenn ich keinen Job hatte, war er derjenige, der uns beide über Wasser gehalten hat.«

»Und warum habt Ihr mittlerweile keinen Kontakt mehr?« Ich verstand meine Mutter nicht. Offensichtlich war mein Vater genau der Mann, den ich mir immer vorgestellt hatte. »Ich denke, es war einfach mein verletzter Stolz. Ich hatte die Gelegenheit, mir hier die Praxis aufzubauen, und damit war ich in jeder Hinsicht unabhängig von ihm. Ich wollte einfach nicht auf ihn angewiesen sein. Und ich wollte auch nicht, dass du auf ihn angewiesen bist.«

Hätte sie mich gefragt, ob ich das verstehen konnte, hätte ich ehrlicherweise mit »Nein.« antworten müssen. Zum Glück stellte sie mir diese Frage jedoch nicht, und ich beschloss, nicht weiter nachzuhaken. »Wann wollt Ihr euch treffen?«, fragte Mum mich nach einer Weile. »So gegen zwei, ich hole ihn ab.« »Okay. Ich muss gleich noch mal ins Büro, da ist in den letzten Tagen ziemlich viel liegengeblieben. Grandma müsste aber auch gleich hier sein.«

Seit ich mich erinnern konnte, half Grandma uns, wo sie nur konnte. Sie war 73, aber noch ziemlich rüstig, und sie hatte den Laden einfach im Griff. Normalerweise verbrachte ich gern die Zeit mit ihr, aber jetzt brauchte ich erst mal ein wenig Ruhe, um über all das nachdenken zu können, was Mum mir erzählt hatte ... ich hatte schon ein paar Mal darüber nachgedacht, dass ich vielleicht schwul war, aber den Gedanken immer ziemlich schnell wieder beiseite geschoben. Während ich auf meinem Bett lag, überlegte ich krampfhaft, was dafür und was dagegen sprach - wenn man eine Psychologin zur Mutter hat, fängt man im Laufe der Zeit wohl automatisch an, alles zu analysieren.

Jungs. Mädchen. Jungs. In unserer Klasse waren mehr Jungen als Mädchen, aber ich konnte mich nicht erinnern, schon mal mit jemandem geflirtet oder auch nur daran gedacht zu haben. Der Gedanke erschien mir einfach absurd ... und bisher hatte ich es immer gut darauf schieben können, dass ich sowieso keinen Kontakt mit den anderen haben wollte. Aber wenn ich es mir so richtig überlegte ... ich sah mich in meinem Zimmer um. Jede Menge Poster an den Wänden ... Ewan McGregor in »Trainspotting«, Jason James Richter in »Free Willy« - ich konnte mich noch zu gut erinnern, dass ich bei dem Film Rotz und Wasser geheult hatte -, Elijah Wood in »Flipper«, einige Poster von den Backstreet Boys und Hanson ... aber keine Mädchen oder Frauen darunter.

Und dann Davey. Was hatte ich gestern zu ihm gesagt? »Ich mag dich.« Das traf es ziemlich genau ... seit einiger Zeit verspürte ich ein leichtes, warmes Kribbeln im Bauch, wenn ich an ihn dachte. Manchmal sah ich ihn auf dem Schulhof stehen, weit abseits von allen anderen, den Blick in die Ferne gerichtet. Ein paar Mal hatte ich den Impuls verspürt, zu ihm zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen, aber meistens hatte sich kurz danach wieder irgendetwas ergeben, was diesen Impuls zunichtegemacht hatte. Und jetzt war ich froh, dass wir gestern Nachmittag so unverhofft übereinander gestolpert waren.

Über diesen Gedanken schlief ich ein, bis Grandma mich schließlich von unten rief: »Nick, bist du nicht um zwei Uhr verabredet?« Ich schreckte hoch - es war zwanzig vor zwei. In aller Eile packte ich meine Schwimmsachen zusammen und machte mich, nachdem ich mich von Grandma verabschiedet hatte, auf den Weg zu Davey. Er stand bereits an der Ecke und wartete auf mich. Als er mich sah, lächelte er schüchtern. »Hallo, Nick.«

Es war das erste Mal, dass ich dieses Lächeln zu sehen bekam und keine Grimasse oder Maske. Dieses Lächeln prägte sich mir ein. Wieder war er da, dieser Impuls, ihn in den Arm zu nehmen, aber ich riss mich zusammen. Davey stieg auf sein Fahrrad, und gemeinsam fuhren wir die Strecke zum Schwimmbad.

Der Parkplatz war überraschend leer. »Hm, ist heute geschlossen? Sonst ist hier am Wochenende doch immer mehr los.« Ich nickte und sah mich um. An der Eingangstür hing ein Plakat - mit einem Hinweise auf das Stadtfest. Natürlich, das fand an diesem Wochenende statt, deswegen war kein Mensch hier. Da ich mir nie etwas aus solchen Veranstaltungen gemacht hatte, war mir das gar nicht aufgefallen.

Wir bezahlten, zogen uns um und trafen uns ein paar Minuten später unter der Dusche wieder. Ich ertappte mich dabei, wie ich Davey ein paar Mal, als ich mich unbeobachtet glaubte, von oben bis unten musterte. Er war eigentlich ziemlich gut gebaut, ein bisschen mager, aber er brauchte sich nicht zu verstecken. Langsam ließ ich meinen Blick von oben nach unten und zurück über seinen Körper wandern, und als ich wieder bei seinem Gesicht angekommen war, sah ich ihm direkt in die Augen. Ich spürte, dass ich rot wurde. Keiner von uns sagte etwas, statt dessen gingen wir schweigend ins Wasser und zogen ein paar Bahnen.

Auch das Schwimmbad war ziemlich leer. Der Bademeister lag ziemlich gelangweilt in einem Liegestuhl, schaute hin und wieder in die Runde, ob alles in Ordnung war, aber er würdigte uns keines besonderen Blickes. Wir veranstalteten für uns ein kleines Wettschwimmen und -tauchen, und nach einer Weile hatten wir völlig vergessen, was vorher unter der Dusche passiert war. Ich genoss den Anblick von Daveys Körper, der durchs Wasser glitt. Mir war, als hätte mir das Gespräch am Morgen mit meiner Mutter ganz neue Türen geöffnet.

»Einmal quer durchs Becken, ohne Luft zu holen, immer unter Wasser?« schlug Davey schließlich vor, als er mal wieder neben mir angekommen war. Ich nickte. »Okay, los.« Wir holten beide tief Luft und tauchten ab. Ich war - wie auch die Male zuvor - gut zwei Sekunden schneller als Davey, aber als ich jetzt angekommen war, tauchte er nicht hinter mir auf. Ich sah mich suchend um - was nicht ganz so einfach war, weil meine Augen vom Chlorwasser brannten - und spürte plötzlich eine Hand an meinem Rücken. Noch ehe ich mich versah, spürte ich, wie mir jemand meine Badehose auszog. Einige Sekunden später tauchte Davey hinter mir auf - mit einem gewissen Abstand. Er grinste. »Vermisst du etwas?«

Ich grinste zurück. »Ja, noch.« Ohne eine Antwort abzuwarten tauchte ich ab, und da ich direkt am Beckenrand gestanden hatte, konnte ich mich abstoßen. Doch Davey hatte damit gerechnet - als ich wieder auftauchte, war er schon weit ausgewichen. Er grinste immer noch. »Ich geb' sie dir wieder, aber nur gegen Lösegeld.« Warum nicht? »Okay, ich lad' dich auf 'ne Cola ein. Einverstanden?« »Okay. Fang!« Im nächsten Moment hatte ich meine Badehose im Gesicht, aber der Wurf war nicht bösartig gemeint oder so. Davey kringelte sich vor Lachen, als er mein Gesicht sah.

Ich streifte meine Badehose wieder über. »Na komm, dann lass' uns zusehen, dass wir loskommen. Wer weiß, wie lange die Läden heute aufhaben.« Er nickte und schwamm dann in einem großen Bogen an mir vorbei - offensichtlich befürchtete er, ich könnte mich für seine kleine Attacke revanchieren. Ich habe es nicht getan, und ich denke, das war auch ganz gut so.

Als wir uns gerade unter die Dusche gestellt hatten, stellte Davey fest, dass er den Schlüssel zu seinem Schließfach verloren hatte. »Ich bin gleich wieder da«, rief er mir zu. »Soll ich dir suchen helfen?« »Nein, ich glaube, ich weiß, wo er liegt.« Und tatsächlich, gerade als ich mit dem Duschen fertig war, kam er wieder herein und hielt das gesuchte Objekt wie eine Trophäe in der Hand. »Okay, bis gleich«, grinste ich und verschwand in Richtung Kabinen.

Langsam wurde es voller - ich meinte mich zu erinnern, in der Eingangshalle irgendetwas von Seniorenschwimmen gesehen zu haben. Na ja, vor all den anderen Herren wollte ich mich doch nicht umziehen, und so schnappte ich mir die letzte freie Kabine. Gerade als ich mit dem Abtrocknen fertig war, hörte ich Daveys Stimme. »Nick, bist du hier irgendwo?« Ich öffnete die Kabinentür und winkte mit meiner Badehose. Er drängelte sich an zwei anderen Badegästen vorbei und kam dann mit in die Kabine. »Puh, hier hat man doch etwas mehr Ruhe.«

Er zog seine Badehose aus und begann auch damit, sich abzutrocknen, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Einige Sekunden starrte ich ihn einfach nur an, dann drehte ich mich um und begann, mich anzuziehen. Als ich zwischendurch aus den Augenwinkeln zu ihm herübersah, meine ich ein Grinsen auf seinem Gesicht zu sehen, aber er sagte nichts. Ich überlegte eine Weile, ob ich etwas sagen sollte, aber schließlich zog ich mich schweigend an. Als wir draußen standen, wehte uns ein ziemlich kalter Wind entgegen. »Hast du was dagegen, wenn wir die Cola bei mir trinken?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, überhaupt nicht.«

Zu meiner Überraschung war Mum zuhause, als wir ankamen. Ich stellte die beiden einander vor - das übliche Geplänkel, wenn man einen Schulfreund mit nach Hause bringt. Mum ließ sich nichts von unserem Gespräch anmerken, sie begrüßte Davey herzlich, drückte mir dann eine Colaflasche und zwei Gläser in die Hand und schickte uns nach oben. Davey sah sich erst einmal in meinem Zimmer um, während er seine Jacke ablegte. »Du scheinst ein Faible für Jungs zu haben, oder?« Ich groß unsere Gläser voll - in der Hoffnung, dass er nicht bemerkte, wie sehr meine Hand zitterte.

»Du wirst lachen, aber die Frage habe ich mir heute Morgen auch schon gestellt. Ich denke schon, ja.« Ich gab ihm sein Glas und wollte gerade einen Schluck aus meinem nehmen, als er mich davon abhielt. »Stop! Du weißt, was es heißt, wenn man nicht anstößt und sich dabei in die Augen sieht?« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, klär' mich auf?« Er grinste noch breiter. »Sieben Jahre schlechter Sex.« »Na dann ... auf dass es gut gehen möge.« Wir stießen an, schauten uns dabei in die Augen - eine Sekunde länger als nötig - und leerten dann beide unsere Gläser in einem Zug.

Davey stellte sein Glas auf den Schreibtisch und ließ sich dann auf mein Bett fallen. »Mann, bin ich erledigt.« Ich grinste. »Klar, so wie du vor mir getürmt bist, kein Wunder.« In diesem Moment klopfte es an der Tür. »Herein!« Mum, wer auch sonst. »Jungs, ich wollte euch nur kurz Bescheid sagen, dass ich noch mal ins Büro fahre. Grandma hat heute ihren Bridge-Abend, also passt auf das Haus auf, okay?« Ich nickte. »Machen wir. Und arbeite nicht zu viel.« Sie winkte ab. »Nicht mehr als sonst, versprochen.« Keine weiteren Fragen.

Davey grinste, als Mum verschwunden war. »Sturmfreie Bude, sozusagen?« Ich nickte. »Ja, scheint so.« »Na ja, es muss ja nicht gleich eine Party werden.« »Nein, ich denke, das würde Mum mir auch übel nehmen.« Ich zögerte einen Moment und legte mich dann neben Davey aufs Bett. »Du hast mich vorhin übrigens auch ganz schön geschafft«, sagte ich dann. »Ach komm, du bist besser trainiert als ich, also hätte es eigentlich kein Problem für dich sein sollen, mich einzuholen. Oder meintest du nicht die kleine Jagd im Wasser?« Sein Blick sagte alles ... alles und nichts.

Ich fing an zu schwitzen. Irgendwie wusste ich gerade absolut nicht, was ich machen sollte. Darum brachte ich das Gespräch auf ein völlig anderes Thema. »Davey, lass' uns noch mal kurz auf unser Gespräch von gestern kommen. Können wir in Zukunft einfach normal miteinander umgehen, auch in der Schule?« Er atmete ein paar Mal tief durch, bis er dann langsam und mit sorgfältig gewählten Worten anfing zu sprechen.

»Nick ... vielleicht erinnerst du dich, dass ich sir gestern gesagt habe, ich würde dir vielleicht etwas anvertrauen. Ich denke, jetzt ist der richtige Moment dafür gekommen, und dann wird auch deine Frage beantwortet sein, warum ich dir gegenüber vielleicht noch abweisender war als den anderen gegenüber. Nur, versprich' mir bitte eines: Egal ob du mit der Antwort einverstanden bist oder nicht, sag' es niemandem, okay?« Ich nickte. »Okay, ich verspreche es dir.« »Willst Du wirklich eine Antwort? Noch kannst du zurück.« ... und wenn nicht, würde sich gleich etwas zwischen uns verändern. Er sagte es nicht, aber ich spürte es. Die Worte hingen unausgesprochen zwischen uns. »Ja, ich will eine Antwort.«

Bis zu diesem Moment war Davey die Ruhe selbst gewesen, aber jetzt wurde er langsam nervös, das sah ich ihm deutlich an. Sein Gesicht wurde blasser, und seine Hände zitterten ein wenig. Er holte Luft, als wenn er etwas sagen wollte, schwieg dann aber doch. Ich ließ ihm die Zeit. Ich hatte eine Ahnung, was als Nächstes passieren würde, und wenn ich damit recht hatte, dann mussten wir beide uns völlig sicher sein, was wir wollten.

Sekunden vergingen. Aus den Sekunden wurden Minuten. Schließlich drehte Davey sich zu mir um. »Bitte verzeih' mir, wenn es die falsche Antwort war.« flüsterte er. Dann beugte er sich zu mir herüber ... und küsste mich sanft auf die Lippen. Für eine Sekunde blieb mein Herz stehen, dann entspannte ich mich völlig. Ab diesem Moment wusste ich, dass es richtig war. Ich legte meinen Arm um seine Schulter und erwiderte den Kuss ebenso sanft.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Kuss dauerte - er erschien mir endlos. Schließlich lösten wir uns voneinander, Davey setzte sich hin und wendete sich von mir ab. Seine Schultern zitterten, und er sagte leise: »Nick, ich liebe dich.« Dann brach er in Tränen aus. Ich ließ ihn einen Moment gewähren - was aber auch daran lag, dass ich selbst unsicher war, wie ich mich jetzt verhalten sollte.

Dann stand ich auf, kniete mich vor ihn hin, nahm seine Hand und sah ihm in die Augen. Er versuchte, seine Hand zu befreien, aber ich hielt sie fest. »Und deswegen so lange Streit ...«, sagte ich leise. Er sah mich mit feuchten Augen an. »Was hätte ich denn machen sollen?«, fragte er dann schniefend. »Ich weiß es nicht, aber vielleicht war es im Endeffekt ganz gut so, wie es gelaufen ist.« Ich stand auf und zog ihn mit hoch. Wir sahen uns in die Augen. Dann nahm ich ihn ohne ein weiteres Wort in die Arme. Ich spürte, wie er sich fallenließ ...


In den nächsten Wochen gingen mit uns beiden spürbare Veränderungen vor sich. Besonders Davey war das anzumerken - einerseits wurde er ruhiger, andererseits lebte er sichtlich auf. Er war nie ein schlechter Schüler gewesen, aber seine mündlichen Noten hatte er sich meistens mit seinen unpassenden Kommentaren versaut. Anfangs nahmen unsere Lehrer ihn nur zögerlich dran, wenn er sich meldete, aber das Gerücht machte offensichtlich schnell die Runde.

Auch unsere Klassenkameraden nahmen den »neuen« Davey zunächst mit gemischten Gefühlen auf. Viele glaubten nicht daran, dass diese Veränderung lange anhalten würde. Ich schaffte es, einige Leute zu überreden, ihm wenigstens eine Chance zu geben. Ich erzählte von unserem ersten Gespräch, davon, dass man mit ihm reden konnte, wenn man wollte. Aber das wir beide mehr als nur Freunde waren, wusste zu diesem Zeitpunkt keiner aus der Schule. Was heißt keiner aus der Schule? Es wusste keiner außer Mum, die natürlich ziemlich schnell gemerkt hatte, was los war.

Sie nahm Davey bei uns auf, als wäre er nicht mein Freund, sondern mein Bruder - er verbrachte viel Zeit bei uns, und die beiden verstanden sich auf Anhieb blendend. Ich schäumte fast über vor Glück. Wir lernten zusammen für unsere Prüfungen, gingen ins Kino, ins Schwimmbad, unternahmen viel mit unseren anderen Klassenkameraden, die sich schließlich doch dazu aufraffen konnten, Davey und mich in ihren Kreis aufzunehmen, kurz: Wir verbrachten fast jede freie Minute zusammen.

Und ganz langsam kamen wir uns auch körperlich näher. Während der ersten Wochen war es ganz bewusst bei Umarmungen und Küssen geblieben, aber keiner von uns war weitergegangen. Eines Abends lagen wir gemeinsam in meinem Bett und schauten uns »Beautiful Thing« an, den ersten englischen Coming-Out-Film für Jugendliche, der nach einigem Hin und Her endlich im Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Auch das ist einer der Momente, die ich nie vergessen werde. Der Film war vorbei, der Fernseher aus, und wir lagen im Dunkeln. »Nick?« »Ja?« »Hast du so eine Rückenmassage schon mal erlebt?« Er spielte auf eine Szene aus dem Film an - wer ihn gesehen hat, der weiß, welche ich meine. »Nein, bisher noch nicht.« Wir schwiegen. Schließlich schlug er vor: »Was hältst du davon, das mal auszuprobieren?« »Warum nicht?« Statt einer weiteren Antwort fasste er mich sanft an der Schulter, drehte mich auf den Bauch und streifte mein T-Shirt nach oben.

Seine Hände glitten über meinen Rücken, waren überall gleichzeitig, berührten jede Stelle - bis zu diesem Moment hatte ich nicht gewusst, dass der Rücken so empfindsam sein konnte. Schließlich drehte ich mich um, zog ihm ebenfalls sein T-Shirt aus und schloss ihn in die Arme. Es war das erste Mal, dass wir so unmittelbaren Hautkontakt hatten. Seine Haut war warm, weich, nur seine Brustwarzen waren etwas rauer als der Rest. Wir blieben so liegen und schliefen schließlich ein.

Der Duft von frischen Brötchen weckte uns am nächsten Morgen. Wir kamen nach unten, Mum und Grandma saßen bereits am Frühstückstisch. Mum lächelte. »Das nächste Mal solltet Ihr vielleicht doch eine Bettdecke dazunehmen, sonst hab' ich bald zwei kranke Jungs hier liegen.« Wir beide erröteten leicht, Grandma lachte. »Na komm schon, Sarah, ich glaube nicht, dass du früher darauf geachtet hast - vergiss' nicht, dass du auch mal jung warst.« Mum zog eine Augenbraue hoch, überlegte kurz und ließ sie wieder sinken. »Okay, Du hast ja recht.«

Nach dem Frühstück gingen wir 'rüber zu Daveys Haus. Auch ich war bei Daveys Eltern jederzeit willkommen, allerdings wussten sie noch nichts davon, wie wir wirklich zueinander standen. Darum schliefen wir auch meistens, wenn wir zusammen waren, bei mir - wir wollten unangenehme Überraschungen vermeiden. »Hallo Jungs, na, schaut ihr auch mal wieder vorbei?« »Klar doch, Jane, wir wollten mal schauen, ob du noch ohne uns zurechtkommst.« Daveys Eltern hatten mir beide nach ein paar Tagen das »Du« angeboten, und dabei war es seither geblieben.

»Davey, schau' doch gleich mal kurz bei Tom vorbei, er wollte irgendwas wegen seines Chemieprojekts wissen.« Davey und Tom waren beide leidenschaftliche Bastler was Chemie anging - ich hatte dagegen keinen blassen Schimmer davon, mein Bereich war eher die Elektronik. »Ich schau' mal, was der Kleine wieder zusammengebraut hat.« »Nick, du kannst gern auf eine Tasse Kaffee bei mir bleiben.« bot Jane mir an. Ich nickte. »Immer gern.«

Davey ging zu Tom - ich konnte hier wie gesagt sowieso nichts machen und verstand von allem nur Bahnhof - und Jane und ich setzten uns an den Küchentisch. »Nick, seit ihr zwei befreundet seid, ist Davey wie ausgewechselt - was hast du nur mit ihm angestellt, was wir nicht versucht hätten?« fragte sie dann. Ihr Ton war halb Spaß, halb Ernst. Ich versuchte mir ihre Situation vorzustellen ... sie und Paul hatten jahrelang alles versucht, und jetzt kam ich plötzlich und alles wurde anders. Das musste ein seltsames Gefühl sein - dabei hatte ich von Davey mindestens genauso profitiert wie er von mir, wenn man das so bezeichnen konnte.

Ich schluckte. »Was soll ich dir jetzt dazu sagen, Jane? Was willst du hören?« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es beim besten Willen nicht.« Bevor wir das Gespräch fortsetzen konnten, öffnete sich die Tür und Paul kam gähnend herein. »Guten Morgen, zusammen.« Paul arbeitete beim Scotland Yard, seit ein paar Wochen war er im Hafen von Kingston-upon-Hull stationiert. Zusätzlich zu seinem ziemlich anstrengenden Job bedeutete das auch noch jeweils eine Stunde Autofahrt für ihn.

Jane stand auf und begrüßte ihren Mann. »Du siehst müde aus, was war los?« Paul setzte sich, warf einen Blick auf meine noch nicht angerührte Kaffeetasse und fragte dann: »Darf ich?« Ich grinste und schob ihm die Tasse 'rüber. »Klar.« Er leerte sie in einem Zug - zum Glück war der Kaffee schon abgekühlt. Jane stellte mir eine frische Tasse hin und schenkte dann noch einmal nach.

In diesem Moment kamen auch Davey und Tom in die Küche. »Guten Morgen, Dad.« »Guten Morgen, Jungs.« Als alle wieder auf ihren Plätzen saßen, fragte Jane noch einmal: »Was war denn los?« Paul schüttelte den Kopf. »Wenn ich Euch das erzähle, glaubt Ihr mir das sowieso nicht. Aber ich tu's trotzdem. Nur, ihr wisst ja: bitte zu niemandem ein Wort. Das ist diesmal besonders wichtig.« Wir alle nickten.

«Heute Morgen um sieben kam die Fähre aus Rotterdam im Hafen an. Bei der Passkontrolle stieß ich auf einen Anwalt aus Hamburg, der in letzter Zeit ziemlich auf in England ist, und ihr wisst ja, dass wir dann routinemäßig etwas genauere Kontrollen durchführen. Diesmal war er in Begleitung eines Jungen - etwas jünger als ihr beide, Jungs.« Er machte kurz Pause, um einen Schluck Kaffee zu trinken, und erzählte dann weiter.

»Diese Junge war definitiv nicht sein Sohn, und nachdem ich mir die deutschen Fahndungslisten angesehen hatte, fiel mir auf, dass der Junge als vermisst gemeldet war. Ich versuchte diesen Anwalt zur Rede zu stellen, aber er sagte mir nur, ich sollte bitte eine Telefonnummer in London anrufen, dort würde dann alles Weitere geklärt werden. Tja, und das habe ich dann getan.« »Und wer war dran?« fragte Tom aufgeregt. Paul nannte den Namen eines ziemlich hohen Regierungsbeamten, der direkt unter dem Premierminister angesiedelt war.

»Wie ging's dann weiter?« fragte ich. »Ich wollte trotzdem wissen, was genau los war, und Westermann hat mir alles erzählt.« Das war das erste Mal, dass ich auf den Namen 'Westermann' stieß, zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich ihn irgendwann mal persönlich kennen lernen würde. »Dieser Junge ist von seinen Eltern regelmäßig misshandelt worden, beim letzten Mal ging das so weit, dass er einen Schädelbasisbruch hatte. Nachdem er sich davon erholt hatte, ist er zuhause abgehauen und Westermann direkt in die Arme gelaufen. Nachdem klar war, dass den Eltern sowieso egal war, was mit dem Jungen passiert, aber die deutschen Behörden nicht reagierten, hat er die Sache selbst in die Hand genommen und für den Jungen Pflegeeltern in Edinburgh gefunden. Und da wird er ihn wohl jetzt gerade abliefern.«

Wir alle verstanden die Welt nicht mehr. Davey fiel nur eine Frage ein: »Warum haben diese Eltern den Jungen so misshandelt?« Paul schnaubte. »Weil der Junge schwul war.« Davey und ich sahen uns an und wurden beide weiß wie die Wand. Jane bemerkte das, sagte aber nichts. Paul brummelte vor sich hin. »Oh Mann, solche Eltern gehören in den Knast.« Davey schluckte. »Dad, du hast von Schwulen aber auch keine besonders hohe Meinung.« Paul sah ihn über den Rand seiner Brille hinweg an. »Davey, dass ich mit schwulen Männern ein Problem habe, ist eine Sache - jeder nach seinem Gutdünken, mein Fall ist es jedenfalls nicht. Aber egal ob schwul oder nicht, es gibt keinen Grund ein Kind krankenhausreif zu prügeln!«

In Pauls Augen sah ich blanke Wut - wie immer, wenn er mit Verbrechen zu tun hatte, bei denen Kinder die Opfer waren. Davey dachte jedoch gerade in eine völlig andere Richtung. »Dann habe ich ja nichts zu befürchten«, war sein einziger Kommentar dazu. Paul fiel die Kaffeetasse aus der Hand, zum Glück war sie leer und landete auf dem Tisch. »Wieso hast du nichts zu befürchten? Davey, weder Mum noch ich haben euch auch nur ein einziges Mal geschlagen, das weißt du!« Davey nickte, aber Jane ergriff das Wort.

»Paul, ich glaube, die Jungs ...« - sie betonte das Wort - »... wollen uns etwas anderes sagen.« Paul dachte kurz nach, schluckte und fragte dann: »Ihr beide ... du und Nick ... ihr seid ... ein Paar?« Wir nickten. »Puh.« Paul lehnte sich zurück. Minutenlang herrschte Schweigen, dann stand er schließlich auf und ging aus dem Zimmer. Auch Tom stand auf. »Ich lass' euch wohl besser mal allein.« sagte er dann und verließ ebenfalls den Raum.

Jane spielte mit der Kaffeetasse und wartete ebenfalls, bevor sie etwas sagte. »Das erklärt eine ganze Menge«, sagte sie. »Mum, wie wird Dad damit umgehen?«, fragte Davey sie schließlich. »Ich weiß es nicht. Ich werde gleich mal mit ihm reden, aber ich denke, er braucht erst mal Zeit. Davey, es ist ein Unterschied, ob man damit immer nur am Rande zu tun hatte oder ob man plötzlich selbst damit konfrontiert wird. Wir sind nie auf die Idee gekommen, dass du ... na ja, dass du dich in einen Jungen verlieben könntest.«

Wie auf Kommando rückten wir beide zusammen, ich legte Davey meinen Arm um die Schultern - er sollte einfach spüren, dass ich bei ihm war. »Aber ihr seid glücklich, oder?«, fragte Jane schließlich. Wir nickten. »Ja, absolut.« Sie lächelte. »Das ist das Wichtigste. Jungs, auch ich werde mich erst mal daran gewöhnen müssen ... für uns ist das alles andere als einfach. Aber wir kennen Nick ja mittlerweile auch ganz gut. Ich ... ich denke, wir werden uns schon daran gewöhnen. Aber lasst uns noch ein bisschen Zeit, okay?« Wir nickten. »Und wenn Ihr irgendwas wissen wollt, fragt uns einfach.« fügte ich hinzu.

Wir beschlossen, mit Tom zu reden. Er war in seinem Zimmer und berechnete irgendeine Formel. »Dürfen wir 'reinkommen?«, fragte Davey. Tom nickte. »Klar doch.« Davey setzte sich zu Tom aufs Bett, ich blieb in der Tür stehen. Eine Weile schwiegen wir alle, schließlich fragte Davey: »Und?« Tom sah ihn unsicher an. »Und was?« Davey lächelte vorsichtig. »Und, was sagst du dazu?« Tom zuckte mit den Schultern. »Das ist das erste Mal, dass ich mit Schwulen zu tun habe ... ich hoffe, ihr seid mit nicht böse deswegen?« Davey schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Hey, und auch für dich gilt: Wenn du irgend etwas wissen willst, dann kannst du uns beide jederzeit fragen, okay?« Tom nickte.

»Weiß es eigentlich sonst noch jemand?«, fragte er dann. Davey schüttelte den Kopf. »Nein, nur Mum und Dad und Nicks Mum und Grandma.« Tom nickte. »Okay.« Er zögerte einen Moment, dann umarmte er Davey. »Hey, aber du bist trotzdem für mich da, wenn ich dich brauche, oder?« »Klar doch, schließlich bist du mein kleiner Bruder.« Tom lächelte - und mir fiel mal wieder auf, wie ähnlich die beiden sich sahen.


Einige Tage später waren Davey und ich zusammen in der Stadt unterwegs. Wir hatten uns mal ein bisschen umgeschaut und waren in ein Internet-Café gegangen, um mal zu sehen, ob es hier in Scarborough so etwas wie einen schwulen Buchladen gab. Tatsache, wir hatten Glück, der Laden war etwas außerhalb des Zentrums in einer Seitenstraße. Um ehrlich zu sein: Wir mussten all unseren Mut zusammennehmen, als wir hineingingen, aber schließlich schafften wir es.

Der Laden war von innen total gemütlich, es gab meterhohe Bücherregale und ein paar Zeitschriftenauslagen. Wir schauten uns etwas um und wurden schließlich von jemandem angesprochen. »Hi Jungs, kann ich euch helfen?« Davey nickte. »Ja ... wir suchen ein Buch für meine Eltern.« Der Typ grinste uns an. »Ah ... frisch geoutet und jetzt wollt Ihr das Ganze möglichst schonend euren Erzeugern beibringen?« Davey schüttelte den Kopf. »Nein, sie wissen es schon, aber mein Vater hat ein bisschen Probleme damit.«

»Ah, alles klar. Dann kommt mal mit ... hier war doch ... ja, hier ist es. Das Buch ist klasse, ganz neu erschienen und verkauft sich wie verrückt.« Ein klassischer Elternratgeber. Davey blätterte das Buch kurz durch. »Super, das ist genau das, was ich suche. Habt ihr noch mehr davon?« »Klar doch.« Der Verkäufer zeigte auf ein Regal um die Ecke. »Drei Reihen voll, schaut Euch einfach mal um.«

Wir bedankten uns und gingen dann zum besagten Regal. Davey schaute sich noch ein paar Bücher an, und irgendwie schaffte er es, dass am Ende des Regals zwei Bücher herausfielen. Ich ging kurz 'rüber um sie aufzuheben, aber als ich mich herunterbeugte, sah ich eine andere Hand, die schneller war. Ich sah hoch und mich traf fast der Schlag ...

»Hi Nick, hi Davey. Na, das erklärt natürlich einiges.« Davey lies vor Schreck die Bücher fallen, die er sich ausgesucht hatte. »Mr. Stebbins!« Unser Englischlehrer bis zum letzten Jahr. Er grinste freundlich. »Richtig erkannt. Na, was macht ihr beide hier?« »Wir ... äh ... wir wollten ...«, stotterte ich, und Davey hatte den rettenden Einfall. »Wir schreiben ein Referat für Mr. Jennings.« Das war unser Sozialkundelehrer - zugegeben, die Idee war nicht schlecht.

Mr. Stebbins grinste noch breiter. »Aha. Aber was hat dieser Laden hier mit der politischen Lage in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg zu tun?« Doch keine gute Idee - natürlich kannte er den Lehrplan. »Hey, ihr braucht euch nicht zu verstecken - stellt euch vor, es gibt noch mehr Schwule in dieser Stadt.« Davey, der gerade seine Bücher eingesammelt hatte, ließ sie noch einmal fallen. »Sie etwa auch?« Stebbins nickte. »Ja, sonst wäre ich ja wohl kaum hier. Aber was haltet ihr davon, wenn wir das in Ruhe besprechen? Wir laden euch auf eine Coke ein.«

»Wer ist 'wir'?«, fragte ich. »Mein Freund und ich.« Hinter ihm tauchte ein Typ auf, der ungefähr in seinem Alter war - also Ende zwanzig. Er lächelte uns freundlich an. »Hallo.« Stebbins stellte uns vor. »Jack, das sind Nick und Davey, die beiden waren letztes Jahr in meinem Englischkurs. Jungs, das ist Jack, mein Freund.« Wir schüttelten uns die Hände ... wobei Davey und ich unsere Überraschung kaum verbergen konnten.

Wir gingen an die Kasse und bezahlten unsere Bücher - Davey hatte drei Stück für seine Eltern ausgesucht und dafür fast sein ganzes Taschengeld geopfert - und dann verließen wir zu viert den Laden. Der Kassierer hatte ihm noch einen Pin in die Hand gedrückt, eine Regenbogenflagge - das internationale Symbol der Schwulenbewegung, die Mr. Stebbins uns später erklärte. Davey befestigte den Pin sofort an seiner Jacke - die trug er sowieso nur, wenn wir zusammen unterwegs waren.

»Hier um die Ecke ist ein nettes Café mit überwiegend schwulem Publikum, habt ihr Lust dahin zu gehen oder bevorzugt ihr neutralen Boden?« Da wir beide bisher noch nie in einem schwulen Café waren nahmen wir den Vorschlag gern an, und ein paar Minuten später saßen wir zusammen um einen Tisch im »Gaylight«. »Dass ihr zwei das Gesprächsthema des Monats seid, ist euch beiden klar, nehme ich an?«, fragte Mr. Stebbins. Ich schüttelte den Kopf. »Nein, wieso?«

»Weil es zum Beispiel in eurer Klasse viel ruhiger geworden ist. Ich nehme an, ihr zwei seid seit ungefähr drei Monaten zusammen?« Wir nickten. Er lächelte. »Dann hat Mr. Jennings mit seiner Vermutung doch richtig gelegen.« Davey wurde blass. »In der Schule weiß jemand was davon?« »Keine Sorge, Jennings weiß über Jack und mich Bescheid und er hat mich irgendwann mal gefragt, ob ich mir das bei euch Zweien auch vorstellen könnte.«

»Und, konnten Sie?«, fragte ich. Er grinste. »Um ehrlich zu sein, nein - ich hatte euch ja ein paar Mal zusammen im Unterricht erlebt und ich war schon überrascht, dass Ihr es mal schafft, zwei Stunden im selben Raum zu sein, ohne aufeinander loszugehen.« Davey grinste, wieder ganz der Alte. »Och, wenn wir aufeinander losgehen, dann nicht um uns zu streiten.« Jack, der bis dahin gar nichts gesagt hatte und gerade einen Schluck Coke trinken wollte, konnte sich gerade noch beherrschen. »John, nun hör' Dir die zwei an - noch grün hinter den Ohren aber frech wie Oskar.« Stebbins lachte. »Das ist eben die Jugend von heute.«

Dann hielt er mir die Hand hin. »Es sind eh' bald Prüfungen, und wir haben im Unterricht nichts mehr miteinander zu tun - ich heiße John.« Also waren wir ab sofort per Du. »Aber für die Schule gilt das nicht, oder?«, fragte Davey. John zuckte mit den Schultern. »Das überlasse ich euch. Wie gesagt, ich unterrichte euch nicht mehr und habe auch mit den Prüfungen für euren Jahrgang nichts zu tun, also hätte ich da kein Problem mit. Aber einige Kollegen vielleicht.« Dann fügte er hinzu: »Aber spätestens auf dem Abschlussball gilt das dann auch, wenn andere dabei sind.« Der Abschlussball ... das waren noch knapp sechs Wochen. In drei Wochen waren die schriftlichen Prüfungen, zwei Wochen später die mündlichen, und dann wurde einen Tag lang gefeiert.

»Weiß von ihnen ... entschuldige, von euch ... sonst noch jemand Bescheid?«, fragte ich. Er schüttelte den Kopf. »Einige Kollegen, mit denen ich auch privat Kontakt habe, aber das kam überwiegend daher, dass Dr. Fry irgendwann mal danach gefragt hat, als ein Schüler damit zu ihm kam.« Dr. Fry war unser Vertrauenslehrer. »Seitdem schickt er die Jungs immer gleich zu mir«, fügte er grinsend hinzu. Davey rutschte etwas auf seinem Stuhl hin und her. »Gibt es in unserem Jahrgang noch mehr Schwule?«, fragte er dann. John nickte. »Ja, zwei - die beiden sind im Übrigen schon seit anderthalb Jahren zusammen. Aber jetzt erwartet nicht, dass ich Euch Namen nenne, das ist Dienstgeheimnis.« Wir nickten - klar, das wollten wir umgekehrt auch nicht. »Aber: Die beiden wollen auf dem Abschlussball offiziell zusammen auftauchen, dann werdet ihr es erfahren.«

Davey und ich sahen uns fragend an - wir beide dachten an zwei Dinge gleichzeitig. Zum einen überlegten wir, wer die zwei wohl sein könnten, und zum anderen spielten wir mit dem Gedanken, uns dort auch als Paar blicken zu lassen. Eine Idee, die uns schon allein deswegen reizvoll erschien, weil wir nicht wirklich damit rechneten, dass jemand aus unserer Klasse ein Problem damit haben könnte. Wir hatten irgendwann mal im Sozialkundeunterricht über das Thema Schwule gesprochen, und es hatte kaum blöde Sprüche gegeben, auch im Nachhinein nicht. Wir saßen noch eine Stunde mit John und Jack zusammen, bis wir schließlich wieder aufbrachen. Dieser Tag war für uns ziemlich ereignisreich gewesen, denn damit hatten wir beim besten Willen nicht gerechnet ...


Noch einmal sechs Wochen waren vergangen, wir hatten die Prüfungen hinter uns und die Abschlusszeugnisse in der Tasche. Wir hatten beide mit einem Durchschnitt von unter 2 bestanden und waren entsprechend stolz auf uns - Davey hatte ziemlich viel für die Prüfungen gelernt, und unsere Lehrer waren regelrecht begeistert. Jetzt standen wir bei mir im Zimmer und kümmerten uns um das Outfit für den heutigen Abend. Zum Abschlussball waren auch die Eltern mit eingeladen, und sowohl Mum als auch die Williams wollten mitkommen. Tom wollte die Nacht bei einem Freund verbringen.

Mum hatte Jane und Paul vor einigen Wochen kennengelernt, die drei verstanden sich hervorragend - was Davey und mich natürlich um so mehr freute. Mum und Jane waren vor zwei Tagen mit uns einkaufen gegangen und hatten uns für den Abschlussball neu eingekleidet. Davey trug eine helle Bundfaltenhose, ein blaues Hemd, einen roten Blazer und dazu passende schwarze Lackschuhe ... »Falls Ihr mal tanzen wollt«, hatte Jane lächelnd hinzugefügt. Ich hatte mich für einen cremefarbenen Anzug entschieden, dazu ein schwarzes Hemd und eine blaue Seidenkrawatte. Unsere Mütter waren begeistert.

Jetzt saßen die Eltern unten in der Küche, während wir oben mit den Krawatten kämpften. Irgendwann klopfte es an der Tür, und Paul grinste uns an. »Na Jungs, braucht ihr Hilfe mit dem Kulturstrick?« Davey nickte. »Kannst du eine Krawatte binden?« Paul nickte. »Hey, ich bin Polizist und die Krawatte gehört mit zur Uniform.« Paul und Jane hatten sich sehr über die Bücher gefreut und sich anschließend noch mal einen Abend mit uns zusammengesetzt, und seitdem war Paul wieder ganz der Alte und freute sich mit uns. Von mir wurde fast nur noch als »der zukünftige Schwiegersohn« gesprochen.

»Welchen Knoten wollt ihr - einfach, amerikanisch oder Windsor?« Davey grinste. »Dad, wir wollen einfach die Krawatten tragen. Von mir aus mach' einen Seemannsknoten 'rein, Hauptsache das Ding sitzt.« Er warf einen Blick auf Daveys Krawatte. »Deine ist dünn, da geht ein doppelter Windsor. Moment.« Mit wenigen Handgriffen hatte er die Krawatte gebunden, sie saß perfekt. Er wandte sich mir zu. »Hm ... Seide. Schönes Ding, aber leider ist der Stoff ziemlich dick. Okay, nehmen wir den amerikanischen Knoten.« Auch hier brauchte er nur ein paar Handgriffe, und noch bevor Davey und ich überhaupt zum Staunen gekommen waren, saßen die Krawatten perfekt.

Paul grinste. »Na also. Okay, dann zeigt euch mal Euren Müttern, die sind bestimmt neugierig.« Wir hatten bisher nur die Einzelteile anprobiert, aber in voller Montur hatte uns noch niemand gesehen. Bevor wir aus dem Zimmer gingen, sagte Paul: »Zwei Dinge noch: erstens, Vorsicht mit den Schuhen - ihr seid die glatten Sohlen nicht gewöhnt. Wenn man da nicht aufpasst, liegt ihr schneller auf der Nase, als ihr es mitbekommt.« Die Erfahrung hatte Davey bereits beim Einkaufen gemacht - da hatte er sich nämlich der Länge nach aufs Parkett des Geschäfts gelegt.

»Und zweitens: wenn ihr den Raum betretet, grundsätzlich die beiden obersten Knöpfe des Sakkos geschlossen tragen und erst öffnen, wenn ihr euch hinsetzt. Das gilt insbesondere, wenn ihr jemandem vorgestellt werdet.« Auch Mum und Jane hatten und schon eine Reihe von 'Manieren' aufgezählt, die zu diesem Outfit einfach dazugehörten - wie sie meinten. Davey stöhnte. »Und das sollen wir alles behalten?« Paul klopfte ihm auf die Schulter. »Das wird schon.«

Als wir in der Küche waren, breitete sich Begeisterung aus. »Wow! Jungs, einige Mädels werden heute Abend bedauern, dass ihr vergeben seid«, lachte Jane. Ich zuckte mit den Schultern. »Na ja, vielleicht liegt ja zum Trost ein Tanz drin.« »Äh ... Moment mal«, unterbrach Davey. »Mum, Sarah - wer von uns beiden muss eigentlich wen zum Tanzen auffordern?«, fragte er dann. Das war die Frage, auf die keiner eine Antwort parat hatte. Wir einigten uns schließlich darauf, dass wir das ganz spontan entscheiden würden.


Zwei Stunden später war es endlich soweit. Wir stiegen aus den Autos - wir beide waren in Mums Toyota mitgefahren - und betraten den Saal. Es war noch nicht viel los, aber das hatten unsere Lehrer uns von vornherein gesagt. Die meisten kamen mit mindestens einer Stunde Verspätung. An der Tür wurden wir von unserem Schulleiter und den Klassenlehrern der Abschlussklassen begrüßt. »Guten Abend, die Herrschaften. Treten Sie näher, heute darf gefeiert werden.« Unser Schulleiter gab sich heute von seiner betont lockeren Seite.

Die Eltern hielten einen kurzen Smalltalk mit den Lehrern, ich sah unterdessen, wie John uns aus einer Ecke zuwinkte. Davey und ich gingen 'rüber. »Hallo John.« »Hallo Jungs. Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen A-Level.« Er umarmte jeden von uns kurz. Davey grinste. »Danke. Wo ist Jack?« »Der muss noch arbeiten, er kommt später. Ich sag' euch dann Bescheid. Ach ja, ich habe noch eine kleine Überraschung für euch. Ihr werdet nicht damit rechnen und ihr müsst auch nicht mitmachen, aber vielleicht macht euch das einiges etwas leichter.«

Wir waren gespannt ... aber zunächst wurden wir auf die Folter gespannt. Nach und nach trafen eine ganze Menge Klassenkameraden ein, viele mit Freund oder Freundin. Einige unserer Klassenkameraden grinsten, als sie uns zusammen sahen, aber wir ahnten zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Und das Pärchen, von dem John bei unserem ersten Treffen gesprochen hatte, konnten wir zu unserem Bedauern nicht ausmachen. Wir beide hielten uns unterdessen zurück, erst als wir am Tisch saßen, nahm Davey unauffällig meine Hand. Das Licht wurde heruntergedimmt, und schließlich stand unser Schulleiter auf der Bühne. Er hatte eine kleine Rede vorbereitet.

»Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern. Heute ist es nun so weit - sie alle haben Ihre Prüfungen bestanden, und ich hoffe, dass wir alle unser Möglichstes getan haben, damit Sie gut vorbereitet ins Leben entlassen werden können. In diesem Jahrgang gab es einige Höhen und Tiefen, vieles konnte durch die Zusammenarbeit der Gemeinschaft zum Positiven gewendet werden. Wahrscheinlich werden Sie jetzt denken, dass ich das jedes Jahr sage, aber ich versichere Ihnen, dass das nicht der Fall ist. Sie waren ohne Frage einer der besten Jahrgänge, die wir in den letzten Jahren entlassen durften, und das meine ich nicht nur im Hinblick auf Ihre Abschlussnoten. Jetzt möchte Mr. Stebbins noch einige Worte an Sie richten.«

Der obligatorische Beifall brandete auf, und ich denke, im Nachhinein hatte sich unser Direktor mit dieser Ansprache doch noch ein paar Freunde gemacht. Als es wieder ruhiger wurde, fing John mit seiner Rede an. »So, Leute, ich lasse jetzt mal die Förmlichkeiten weg, die letzten sechs Jahre sind wir ohne das 'Sie' auch ganz gut ausgekommen. Einige von euch wissen jetzt, was kommt, weil wir sie im Vorfeld einweihen mussten, einfach um mal zu schauen, wie die Stimmung denn im allgemeinen so bei bestimmten Themen ist. Die vier, die es wirklich betrifft, wissen noch nichts von ihrem Glück - na ja, eigentlich irgendwie schon - und ich hoffe, die anderen haben die Klappe gehalten.«

Gelächter aus der Menge war die Antwort - die Laune war einfach gut. »Ihr erinnert euch, dass wir im Jahrgang ein paar Leute hatten, die nicht besonders gut miteinander ausgekommen sind, und zufälligerweise hat sich das bei einigen aus demselben Grund geändert. Dass sie euch davon nichts gesagt hatten, hatte nichts mit Misstrauen euch gegenüber zu tun, sondern war eine reine Vorsichtsmaßnahme - und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, sie werden auch eine gehörige Portion Angst gehabt haben. Nachdem wir uns aber mittlerweile ziemlich sicher sind, dass diese Angst unbegründet ist, denke ich, es ist die Zeit gekommen, dass sie euch an ihrem jungen Glück teilhaben lassen.«

Sowohl Davey als auch mich beschlich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Er meinte doch wohl nicht etwa uns? Aber es war ziemlich offensichtlich, dass das der Fall war. Von links tippte mir Jeff, unser Klassensprecher, auf die Schulter. »Na, ich denke mal, dann haben Chris und ich richtig gelegen mit unserer Vermutung«, sagte er. Ich drehte mich um und sah, dass Chris seinen Arm um Jeffs Schultern gelegt hatte. Mir klappte die Kinnlade herunter. »Ihr beide auch?« Die beiden nickten. »Ja, klar doch.«

John sprach weiter. »Ich denke, diese vier werden ziemlich nervös sein, wobei das nur bei Zweien der Fall zu sein scheint, wenn ich mich hier so umsehe. Wenn ihr möchtet, könnt ihr jetzt - in welcher Kombination auch immer - auf die Bühne kommen, dann spart ihr euch vielleicht nachher eine ganze Menge Fragen.« Nach ein paar Sekunden standen Jeff und Chris auf und gingen auf die Bühne zu. Applaus brandete auf, Pfiffe drangen durch den Saal. Davey und ich sahen uns an, und ohne ein weiteres Wort erhoben wir uns ebenfalls.

Dreißig Sekunden später standen wir, geblendet vom Scheinwerferlicht, auf der Bühne neben John. Der Applaus dröhnte noch in unseren Ohren, und ich musste mich an Davey festhalten, weil meine Kniee plötzlich weich wurden. Ich warf einen Blick in die Ecke der Eltern - dort war es deutlich ruhiger, aber Mum, Paul und Jane lächelten uns aufmunternd zu. In den Reihen der Schüler wechselten - wie ich zu meinem Erstaunen feststellte - einige Geldscheine die Besitzer. John grinste, er hatte es natürlich auch gesehen. »Sehe ich das richtig, dass es hier einige Wetten gab?« Das Gelächter war Antwort genug - nicht hämisch, sondern einfach begeistert.

Lucy, unsere Jahrgangssprecherin, betrat ebenfalls die Bühne und John übergab ihr das Mikro. »Das mit den Wetten war richtig, und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich verloren habe. Schade, Jungs, es war wohl Wunschdenken - aber ihr seit alle vier ziemlich süße Typen.« Lucy lächelte, aber ich glaubte, eine Spur des Bedauerns in ihren Augen zu erkennen. Sie hatte eine Zeit lang ziemlich deutlich ein Auge auf Chris geworfen, der nahm sie nun in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Schließlich sagte er: »Du weißt doch, alle gutaussehenden Männer sind entweder schwul oder verheiratet.«

Jeff protestierte. »Und wann nimmst du mich in den Arm?« Lucy nickte. »Mach ruhig, ich hab' mich an den Gedanken gewöhnt.« Sie wusste offensichtlich schon länger Bescheid. Statt noch etwas zu sagen, tauschten Jeff und Chris einen innigen Kuss. Davey sah mich an. »Tja, Kleiner, dann müssen wir wohl auch.« Noch bevor ich eine Chance hatte mich zu wehren, schloss Davey mich in seine Arme und küsste mich. Mir wurde heiß und kalt zugleich ... es war zwar nicht unser erster Kuss, aber mit Sicherheit einer der schönsten.

Der vorherige Beifall wurde jetzt nur noch dadurch übertroffen, dass sämtliche Schüler aufgestanden waren. Ich war überglücklich - Davey im Arm, unsere Leute wussten Bescheid, der ganze Tag, ich war einfach hin und weg. Während wir noch Arm in Arm standen, übernahm John noch einmal das Mikro. »So, Leute, und jetzt wird gefeiert. Der erste Tanz ist unseren vier Jungs hier gewidmet, aber auch ihr anderen dürft jetzt endlich mal zeigen, was ihr drauf habt.« Aus dem Hintergrund erklangen die ersten Töne von »Nights in white satin« von The Moody Blues, und es bildeten sich ziemlich schnell die ersten Paare auf der Tanzfläche. Auch Davey und ich gingen nach unten und begannen mit unserem ersten Tanz.

Zwischendurch klopften uns immer wieder Leute auf die Schulter, die uns gratulierten und alles Gute wünschten. Auch Lucy kam irgendwann vorbei. »Und wir hatten uns schon gewundert, warum ihr zwei euch auf einmal so gut verstanden habt.« Davey lächelte. »Tja, wo die Liebe hinfällt.« Insgesamt war dieser Abend schon bis dahin wunderbar gewesen, aber das Schönste stand uns beiden noch bevor.

Gegen vier Uhr morgens waren wir zuhause, beide noch völlig aufgedreht. Wir hatten einige Gläser Sekt getrunken, zusammen mit Cola eine ziemlich aufmunternde Mischung. Dass Davey an diesem Abend bei mir übernachten würde, stand schon seit ein paar Tagen fest. Als wir in mein Zimmer kamen, drehte er sich zu mir um und nahm mich in den Arm. »Hey, besser hätte es doch gar nicht laufen können, oder?« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, absolut nicht.« Eine Weile standen wir zusammen da, eng aneinander gekuschelt, und plötzlich spürte ich, wie er mir sanft über die Hose strich. Dort zeigte sich natürlich sofort die erste Reaktion.

»Nick ... wir sind jetzt seit fünf Monaten zusammen ... und ich will Dich endlich ganz.« flüsterte er mir ins Ohr. »Das beruht auf Gegenseitigkeit.« flüsterte ich zurück, während ich ihm langsam das Oberhemd aufknöpfte - manchmal waren die Dinger doch praktisch, man musste sich die Zeit einfach nehmen. Unsere Schuhe zogen wir so aus, die Krawatten waren auch schnell verschwunden, und schließlich standen wir uns in unseren Shorts gegenüber. Davey betrachtete mich von oben bis unten und sagte dann lächelnd: »Oh Mann, und so ein süßer Typ gehört mir ganz allein.«

Er zog mich langsam aufs Bett und streifte meine Shorts ab, ich tat bei ihm dasselbe - wir beide mussten ziemlich vorsichtig sein, weil die Gummibänder nicht endlos dehnbar waren, wie wir feststellten. Schließlich lagen wir nackt auf meinem Bett, es war das erste Mal, dass ich seinen völlig unbekleideten Körper berührte ... es wurde die schönste Nacht meines Lebens.


Am nächsten Morgen standen wir gegen elf Uhr auf. Ich hatte Kopfschmerzen, weil ich den Alkohol nicht gewöhnt war. Davey zwar auch nicht, aber er hatte auch etwas weniger getrunken als ich und war topfit. Ich beschloss, mich noch eine Stunde hinzulegen, und Davey wollte währenddessen mit Mum noch ein paar Besorgungen machen. Als ich wieder auf die Uhr schaute, waren zwei Stunden vergangen. Ich hatte eine Kopfschmerztablette genommen und noch etwas geschlafen, und jetzt ging es mir auch wieder richtig gut, besonders wenn ich an die letzte Nacht zurückdachte. Und ich freute mich jetzt schon darauf, dass uns noch viele solcher Nächte bevorstanden.

Als ich oben aus dem Fenster sah, bog Mums Toyota gerade um die Ecke. Davey sah mich und winkte mir zu. Ich ging nach unten, um die beiden zu begrüßen. Doch gerade, als ich die Haustür öffnen wollte, hörte ich das Quietschen von Bremsen, einen Knall und das Kreischen von zerreißendem Metall ... ab diesem Moment nahm ich alles nur noch im Zeitlupentempo wahr. Ich befürchtete das Schlimmste, und als ich die Tür geöffnet hatte, sah ich, dass ich recht gehabt hatte ...

Die Überreste von Mums Auto waren zur Hälfte unter einem LKW begraben, der auf der falschen Fahrspur stand. Die Front des Wagens war völlig zertrümmert. Ein Vorderrad des LKW stand genau auf dem, was wohl mal der Motor gewesen war ... von der Fahrerseite war so gut wie nichts mehr übrig ... ich rannte über die Straße auf den Wagen zu. Einige Nachbarn kamen hinzu, einer versuchte mich festzuhalten. »Nick, bleib' weg von dem Auto - schau' bitte nicht hin.« Ich riss mich los und stürzte zur Beifahrerseite.

Ich fand Davey blutüberströmt auf dem Sitz, eingequetscht in Metall und Glassplitter. Ich versuchte ihn aus dem Wagen zu ziehen, aber es war einfach zu viel dazwischen. Einige Momente - ich weiß nicht, es können Sekunden, Minuten oder Stunden gewesen sein - nahm mich ein Polizist beim Arm und zog mich vom Auto weg. Er übergab mich einem Sanitäter, und ich bemerkte dunkel, dass ich irgendeine Spritze bekam ...

Die Feuerwehr zerlegte den Wagen, und kaum lag Davey auf der Trage war ich wieder bei ihm. Er sah schlimm aus ... die Glassplitter hatten ihm das Gesicht, die Hände und auch den Oberkörper zerschnitten, er hatte nur ein T-Shirt angehabt. Sein Brustkorb war an einer Stelle seltsam eingedrückt. Plötzlich waren Paul und Jane bei mir, sie nahmen mich in den Arm und fuhren schließlich mit mir ins Krankenhaus. Wie umnebelt bekam ich irgendwann mit, dass Mum den Unfall nicht überlebt hatte. Davey war in der Notaufnahme und die Ärzte taten ihr Möglichstes.

Drei Stunden später, ich saß allein im Wartesaal. Die Tür ging auf, und Grandma kam mit Tom zusammen herein. »Nick! Was ist passiert?« Ich versuchte, den beiden zu erzählen, was auf der Straße geschehen war, aber ich war selbst kaum noch in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen geschweige denn zu reden. Schließlich öffnete sich die Tür noch einmal. Jane kam herein ... ich brauchte sie nur anzusehen und wusste Bescheid. »Ist Davey ... ist er gestorben?« Sie nickte nur. Das Letzte, woran ich mich erinnere ist, dass Tom in meine Arme fiel. Wir fingen an zu weinen, und ich wollte nicht mehr aufhören ...


Am übernächsten Tag war ich wieder in der Lage, meinen Namen zu nennen und anhand des Kalenders zu sagen, welchen Tag wir hatten. Als ich nach unten kam, stand Grandma schon in der Küche. »Guten Morgen, mein Kleiner.« Sie nahm mich in den Arm. Ich setzte mich lustlos an den Tisch und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein. »Nick, ich muss mal mit dir reden. Du erinnerst dich noch, dass Mum immer ein großes Geheimnis um deinen Vater gemacht hat?« Ich nickte - allein bei der Erinnerung an Mum schossen mir schon wieder die Tränen in die Augen.

»Ich habe ihn vorgestern Abend gleich angerufen, er ist hier in Scarborough und kommt später vorbei.« Ich sah sie fragend an. »Ist das dein Ernst?« Sie nickte. »Ja. Sie und dein Dad haben damals die Vereinbarung getroffen, dass er dich bei sich aufnimmt, wenn ihr je etwas passieren sollte. Er hat darauf bestanden, weil sie in allen anderen Punkten ihren Kopf durchsetzen wollte.« Ich schluckte. »Grandma, was ist er für ein Mensch?« »Als ich ihn damals kennengelernt habe, war er dir sehr ähnlich, und ich denke, mittlerweile ist er zwar älter und reifer geworden, aber eher der Typ, der sich nicht großartig verändert.«

Ich stocherte appetitlos in meinem Rührei. »Kannst du mir ein bisschen was über ihn erzählen?« Sie nickte und stand dann auf. »Moment mal.« Etwas später kam sie wieder und kramte in ihrer Handtasche, dann gab sie mir einige Fotos. »Hier, dein Dad, deine beiden Halbbrüder und deine Schwester.« Der jüngere der beiden Jungs war ungefähr in meinem Alter und sah mir recht ähnlich. Dad hatte sich gegenüber den letzten Fotos verändert, er trug keinen Bart mehr - okay, das Foto war wirklich alt gewesen - und sein Haar zeigte schon die ersten grauen Strähnen. »Wie alt sind sie?« fragte ich. Grandma überlegte. »Ripley müsste jetzt 44 sein, Julian ungefähr 20. Richard ist so alt wie du und Anne ein Jahr jünger als ihr beide.«

Ich weiß nicht warum, aber irgendwie ... ich fühlte mich seltsam. Jedenfalls wollte ich meinen Geschwistern erst mal nichts von Davey erzählen ... mir schossen schon wieder die Tränen in die Augen. Ich stand auf. »Ist es dir recht, wenn ich für ein paar Stunden zu Paul und Jane gehe?« Grandma nickte. »Ja, okay. Bis später.« In der Tür drehte ich mich noch einmal um. »Grandma, bitte erzähl' ihm nichts von Davey. Ich möchte nicht, dass er es weiß.« Sie sah mich traurig an. »Nick, ich bin mir sicher ...« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich will es einfach nicht.« Wieder mit Tränen in den Augen verließ ich das Haus.

Genau wie Grandma trugen Paul und Jane beide schwarze Kleidung. Jane nahm mich zur Begrüßung in den Arm. Wir setzten uns in die Küche ... die Küche, in der wir soviel gelacht hatten, in der Davey und ich seinen Eltern davon erzählt hatten, was bei uns wirklich los war. Wir sagten nicht viel ... es reichte uns einfach, dass wir zusammen waren und uns gegenseitig trösten konnten. Keiner von uns würde diesen Verlust so schnell überwinden. Bei dieser Gelegenheit sagten mir Jane und Paul, dass Davey am Montag beigesetzt werden sollte. Mums Beerdigung sollte schon morgen stattfinden.

Ich weiß, dass es sich ziemlich dämlich anhört, aber dass ich Davey nie mehr wiedersehen würde, berührte mich weitaus mehr als der Verlust von Mum. Davey war der erste Mensch gewesen, den ich auf diese Weise geliebt hatte - eine völlig andere Art der Liebe als zur eigenen Mutter. Mein erster Freund, der Boy, der meine Gefühle gehörig durcheinandergebracht hatte, mit dem ich fast alles in letzter Zeit erlebt hatte, und der Mensch, der mich bis dahin am meisten verändert hatte ... ich weiß nicht genau wie oft, aber jedenfalls spielte ich in dieser Zeit mehrfach mit dem Gedanken, ihm ganz einfach zu folgen. Einfach hinterher, und wir wäre bis in alle Ewigkeit zusammen ...

Was mich am Ende davon abhielt, war einfach nur das Gefühl, dass es sowieso nichts bringen würde. Und der Gedanke, dass damit außer mir niemandem geholfen wäre. Tom war seit dem Unfall ein paar Mal bei mir gewesen, wir hatten uns unterhalten, Erinnerungen an Davey ausgetauscht, und ich hatte das Gefühl, als bräuchte er mich. Vielleicht war es auch einfach dieses Gefühl, was mir vor einer größeren - und nicht wieder gutzumachenden - Dummheit bewahrte.

Irgendwann, so gegen halb vier, kehrte ich zurück in unser Haus. Aus dem Wohnzimmer hörte ich stimmen, und mir fiel wieder ein, dass ich ja heute meinen Vater kennen lernen sollte. Um ehrlich zu sein, in diesem Moment hatte ich Angst davor. Ich nahm all meinen Mut zusammen - viel war es nicht, aber es reichte - und betrat dann das Wohnzimmer. »Hallo zusammen.« Ich erkannte Dad sofort anhand der Fotos, die Grandma mir gezeigt hatte, und das Mädchen bei ihm musste wohl Anne sein.

Dad stand auf und räusperte sich. »Hallo, Nick.« Seine Stimme klang ziemlich belegt. Einen Moment lang standen wir uns gegenüber, dann gaben wir uns die Hand. »Hallo, Dad.« sagte ich mit rauer Stimme. Wir sahen uns lange an, bevor wir uns beide setzen. Auch Anne gab mir die Hand. »Hallo Nick, ich bin deine Schwester.« Ich lächelte. »Freut mich, euch kennenzulernen. Sind Julian und Richard auch mitgekommen?« Dad schüttelte den Kopf. »Nein, die beiden sind in Hamburg geblieben und renovieren gerade dein Zimmer.«

Das nannte man wohl mit der Tür ins Haus fallen. Ich blinzelte verwundert. »Mein Zimmer?« Dad nickte. »Ja, genau - das heißt, wenn du möchtest, dass es dein Zimmer wird.« Anne fügte hinzu: »Wir wissen ja nicht, was du in nächster Zeit vorhast, aber du bist bei uns herzlich willkommen.« Sie lächelte mir aufmunternd zu - und als ich einen Blick auf Dad warf, da wusste ich, wo sie das Lächeln her hatte. Grandma hielt mir wortlos eine Teetasse hin. Ich trank sie in einem Zug aus und stellte sie wieder auf den Tisch.

Hamburg ... ich hatte schon einige Fotos von der Stadt gesehen, sie gefiel mir. Mit der Schule war ich fertig, und hier in Scarborough würde mir wahrscheinlich die Decke auf den Kopf fallen. Wahrscheinlich hing es mit den Ereignissen und dem Chaos der letzten Tage zusammen, dass ich mich ziemlich schnell dafür entschied, dieses Angebot anzunehmen. Auf den ersten Blick machte mein Vater einen netten Eindruck, und so wie Mum und Grandma von ihm erzählt hatten, schien er auch ein netter Typ zu sein. Nur an meine Geschwister würde ich mich wohl erst gewöhnen müssen.

Blieb nur die Frage ... was wurde mit Tom, Paul und Jane? Die würde ich dann wohl nicht so schnell wiedersehen ... »Du musst dich nicht sofort entscheiden. Anne und ich bleiben ein paar Tage hier - wenn du möchtest, können wir uns auch erst mal ein bisschen kennen lernen - ich denke, wir haben viel nachzuholen. Außerdem brauchen die Jungs noch ein paar Tage, bis sie fertig sind.« fügte er lächelnd hinzu.

Wenigstens in diesem Punkt konnte ich klar sagen, dass ich das wollte. Ich hatte fast achtzehn Jahre darauf gewartet, meinen Vater kennenzulernen, und plötzlich saß er vor mir ... zudem schien er auch noch ganz okay zu sein, der einzige Lichtblick im ganzen Chaos der letzten Tage. Und vielleicht würde ich ihm ja doch eines Tages von Davey erzählen ...

Wir verbrachten den Rest des Tages zusammen. Dad und ich redeten fast den ganzen Nachmittag miteinander, jeder hatte unheimlich viele Fragen an den anderen. Dad hatte Humor, er konnte gut erzählen, kurzum: Er schien mir genau der Vater zu sein, den ich mir immer gewünscht hatte. Ich hoffte nur, dass das so blieb und nicht nur so war, weil wir uns gerade erst kennenlernten. Irgendwie dachte ich, viel mehr konnte nicht schiefgehen, und Dad schien meine einzige Chance zu sein. Also sagte ich ihm am Abend, dass ich mich entschieden hätte, mit ihm zu kommen.

Am nächsten Tag rief Dad in Hamburg an, um sich zu erkundigen wie weit Richard - nein, alle nannten ihn nur Richie, wie Anne mir verraten hatte - und Julian gekommen waren. Ich kam zufällig vorbei. »... Er freut sich übrigens, euch kennenzulernen.« Kurze Pause. »Moment mal ... er kommt gerade vorbei. Ich geb' ihn dir.« Mit diesen Worten drückte Dad mir den Telefonhörer in die Hand. »Hier, Richie für dich.« Ich schluckte - jetzt wurde es spannend.

»Nick Collins.« »Hi, Nick, ich bin Richie.« Die Stimme klang sympathisch, Richie sprach einwandfreies Englisch mit einem leichten amerikanischen Slang. »Mein ... mein neuer Stiefbruder?« fragte ich, immer noch ziemlich nervös. »Genau, einer der beiden jedenfalls, der jüngere. Freut mich, dich wenigstens schon mal so kennenzulernen«, erwiderte er. »Ja, mich auch.« Viel mehr fiel mir irgendwie nicht ein. »Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen, dass ich mitkomme?«, fragte ich dann. »Überhaupt nicht«, versicherte er mir. »Im Gegenteil. Wir freuen uns darauf. Mach' dir deswegen keine Sorgen.« Irgendwie hatte ich das Gefühl, als hätte er das exakt so gemeint, wie er es gesagt hatte. »Okay ... dann ... bis die Tage. Ich geb' dir Anne.« Sie stand gerade hinter mir und wollte mit Sicherheit auch mit ihrem Bruder sprechen.

Ich folgte Dad ins Wohnzimmer. »Was wissen die anderen eigentlich über mich?«, fragte ich. »Nicht besonders viel. Ich habe ihnen die ganze Geschichte vor ein paar Tagen erzählt, nachdem deine Grandma mich angerufen hat.« Er zündete sich eine Zigarette an, bevor er weitersprach - hm, daran würde ich mich gewöhnen müssen, Mum und ich rauchten beide nicht. »Sarah ... deine Mum ... hat dir ja wahrscheinlich erzählt, was damals zwischen uns los war, und wenn Julian, Richie und Anne vorher Bescheid gewusst hätten, dann hätten sie mit allen Mitteln versucht, dich kennenzulernen. Ich wusste nicht, ob deiner Mum das Recht gewesen wäre ... und jetzt ist es zu spät, sie danach zu fragen«, fügte er dann leise hinzu.

Ich nickte langsam. »Ja ... nicht nur bei Mum.« Die Erinnerung an Davey überwältigte mich wieder, ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Anstatt irgendetwas zu sagen, stand Dad auf und nahm mich in den Arm. »Nick, es tut mir sehr leid, dass wir uns unter diesen Umständen kennen lernen mussten. In Zukunft bin ich für dich da, das verspreche ich dir.« Bestimmt eine Stunde lang hielt er mich fest, und schließlich ging es mir wesentlich besser.


Anne hatte mir beim Packen geholfen, und am Samstagmorgen ging es schließlich los. Dad hatte einen kleinen Transporter organisiert, damit wir alles unterbringen konnten. Ich war ziemlich überrascht, als wir nach Newcastle zum Flughafen fuhren. »Die ganzen Sachen bekommen wir doch in einer Linienmaschine gar nicht mit?«, fragte ich. Dad lächelte. »Nein, in einer Linienmaschine nicht.« Statt dessen parkte er den Wagen vor einem etwas kleineren Flugzeug, einem LearJet, wie er mir später erklärte.

Ich war vollkommen erstaunt - ich hatte nicht gewusst, dass mein Vater ein eigenes Flugzeug hatte. Das gab mir Anlass zu vielen weiteren Fragen, und der Flug nach Hamburg wurde alles andere als langweilig. Um vierzehn Uhr nachmittags kamen wir an und etwas später war es soweit, ich sollte meine neue Familie kennen lernen - zumindest den Teil, den ich noch nicht kannte. Auf dem Rollfeld stand ein schwarzer Van und davor stand Julian - noch einmal war ich Grandma dankbar für die Fotos - mit einem anderen Jungen. Kaum war der Ausstieg der Maschine geöffnet, stürmte Anne hinaus und fiel ihm um den Hals, also war er offensichtlich ihr Freund.

Ich ging langsam auf Julian zu, der mich zunächst ziemlich erstaunt ansah. Dann gab er mir die Hand. »Hi, ich bin Julian. Willkommen in Hamburg.« Er lächelte freundlich. Das war also mein großer Bruder. Er und Dad unterhielten sich kurz, dann begannen wir mit dem Ausladen meiner Sachen. Jochen, der Pilot der Maschine, half mit, und so waren wir ziemlich schnell fertig.

Auf der Fahrt saß ich vorn neben Julian. Dad, Anne und ihr Freund hatten sich ein Taxi genommen, denn der Van war bis unters Dach vollgeladen - aber wir hatten alles unterbringen können. »Warum hast du mich vorhin eigentlich so erstaunt angesehen?«, fragte ich Julian während der Fahrt. Der grinste. »Ganz einfach, weil du unheimlich viel Ähnlichkeit mit Richie hast.« »Wirklich?« Das war mir auf den Fotos gar nicht so sehr aufgefallen. »Du wirst es ja gleich selbst sehen. Ich denke mal, die Jungs sind noch im Probenraum.«

»Die Jungs?« fragte ich. Er nickte. »Ja, Richie, ein Freund von uns und unsere Cousins sind gerade zu Besuch. Aber keine Sorge, wir beißen alle nicht.« Julian sollte recht behalten mit seiner Vermutung, die anderen waren tatsächlich im Probenraum zu finden ... ein Haus mit Probenraum. Na ja, Dad hatte mir zwischenzeitlich erzählt, dass er irgendwann ziemlich viel geerbt hatte, daher auch das Flugzeug und der Wagen. Und als ich das Haus sah ... wir wohnten in Scarborough nicht gerade in der ärmsten Ecke, aber dieses Haus übertraf schlicht und einfach alles.

Dad drückte unten auf einen Klingelknopf, und zwei Sekunden später leuchtete ein grünes Licht über der Tür auf. Er öffnete sie und schob mich hindurch. Einer der Jungs stellte seine Gitarre in die Ecke und kam dann auf mich zu - Julian hatte recht gehabt, er hatte wirklich Ähnlichkeit mit mir, also musste das Richie sein. Er gab mir die Hand. »Hi, ich bin Richie.« Ich versuchte ein Lächeln. »Freut mich, ich bin Nicholas ... na ja, Nick.«

Er zog mich etwas in den Raum und stellte mir dann die anderen vor. »Das hier ist Jason, hier drüben Bob, das ist Clint und der da hinter dem Keyboard ist Dave. Jungs, das ist Nick.« Alle kamen auf mich zu und begrüßten mich. Als ich Jason gegenüberstand, traute ich meinen Augen kaum ... ich hatte diesen Boy vor einiger Zeit schon mal gesehen, zuletzt heute Morgen in meinem Zimmer, als ich einige Poster abgenommen hatte. Ich war mir zwar nicht hundertprozentig sicher, aber ich beschloss, Richie später danach zu fragen. Und wenn ich es so richtig überlegte, kam mir auch Annes Freund ziemlich bekannt vor ... aber das konnte eigentlich nicht sein.

Ich beschloss doch, Jason zu fragen. »Kann es sein, dass ich dich schon mal irgendwo gesehen habe?« Jason lächelte. »Ja, kann angehen.« Ich überlegte. »Hm. Ich komm' im Moment nicht drauf, aber es fällt mir bestimmt noch wieder ein. Aber aus Scarborough kommst du nicht, oder?« Jason lachte. »Nein, ich komme gebürtig aus Medford, Oregon, USA.« »Natürlich!« Jetzt fiel es mir wieder ein. »Sorry, tut mir leid, dass ich dich nicht sofort erkannt habe«, stotterte ich. »Macht überhaupt nichts«, erwiderte Jason, immer noch lächelnd.

Mir war das Ganze ziemlich peinlich, und darum versuchte ich ein bisschen abzulenken. »Nett habt ihr's hier. Spielt ihr alle?«, fragte ich dann. Richie nickte. »Na ja ... einige versuchen es wenigstens«, antwortete er mit einem Seitenblick auf Jason. »Stimmt, Richie, aber du hast schon gut dazugelernt, kann man nicht anders sagen«, meinte der. Richie verpasste ihm einen freundschaftlichen Knuff in die Rippengegend, und die zwei balgten ein wenig herum.

»Friede?«, bot Richie ihm schließlich an. Jason grinste und gab ihm ... einen Kuss. »Okay, Friede.« Mir fiel förmlich die Kinnlade auf den Boden, und Bob hüstelte verhalten. Die beiden drehten sich mit leicht erröteten Köpfen zu mir um. Ich hatte ziemlich schnell die Fassung wiedergewonnen. »Lasst euch durch mich nicht stören«, sagte ich lächelnd. »Äh ... tja, wie du dir wahrscheinlich denken kannst ... wir beide sind zusammen«, versuchte Richie mir zu erklären.


Mit dieser Szene begann mein Leben in Hamburg. In diesem Moment war für mich klar, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Richie hat später aufgeschrieben, wie er und Jason sich kennengelernt und ihre erste Zeit zusammen verbracht haben, das war auch die Zeit, in der wir alle uns kennenlernten. Wenn ihr mögt, könnt Ihr gern dort weiterlesen ... ich habe jetzt den ganzen Abend geschrieben und bin einfach nur müde. Ach ja: Danke fürs Zuhören …

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