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Quartett

Teil 71 - Einbruch

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

 

Das 8. Semester und damit auch das Studium ist beendet und wird mit einer großen feierlichen Zeremonie gewürdigt. Lediglich ein Einbruch bewahrt die Freunde vor dem Sicheren Tod aus Langeweile während des offiziellen Teils.

77. Einbruch

Es war ein unglaublich aufregender Tag. Zwar hatten sie ihn schon vier Mal miterlebt, aber diesen Herbst sollten sie die Hauptpersonen der gigantischen Verabschiedungszeremonie ihrer Eliteuniversität werden. Die Ehrung und Verabschiedung des letzten Jahrgangs erfolgte stets zusammen mit der Begrüßung des ersten Jahrgangs. Und wie es sich für eine Universität ihres Ranges gehört, hatte auch der gesamte angetretene Jahrgang das Studium erfolgreich beendet.

“Diggi, ich hab ja all die Jahre gedacht, dass es voll albern is, wenn man hier so aufm Präsentierteller steht …”

Mit einem breiten Grinsen, welches seine Zahnspange in der Sonne glitzern ließ, betrachtete sich Ben von oben herab selbst und dann seine Freunde. Ihr gesamter Jahrgang stand in der Mitte des Innenhofs aufgereiht, und jeder war in einer dunkelblauen weiten Robe aus glänzendem Samt gehüllt. Jeder hatte einen Doktorhut auf und sie alle starrten sich mehr oder weniger ungläubig an.

Tatsächlich waren in der Zwischenzeit acht Semester mehr oder weniger an ihnen vorbeigeflogen und nun standen sie selbst dort, wo sie all die Jahre von den Rängen aus hingestarrt hatten. Nun waren sie also bereit, ins Arbeitsleben entlassen zu werden, alles zu wissen, was einem die höchste Bildungseinrichtung vermitteln kann.

Bereit dafür fühlten sie sich dennoch nicht. Viel zu schnell war die Zeit vergangen. Viel zu wenig hatten sie an Wissen und Können aufsaugen können. Viel zu viel war in ihrem Leben sonst noch passiert. Und jetzt sollte alles vorbei sein? So richtig glauben konnte das keiner der Freunde. Sollten sie mit dem heutigen Abend ihre Alma Mater für immer verlassen? Es kam ihnen so falsch vor und noch nie hatten sie sich so unsicher gefühlt, wie jetzt.

“Irgendwie würde ich aber schon noch ein bisschen Zeit anhängen wollen.”

Auch Michel stand die Unsicherheit ins Gesicht geschrieben, wo er doch sonst immer so selbstsicher auftrat.

“Ich weiß ja nicht, ob das wirklich des Pudels Kern ist. Willst Du etwa so enden wie Nico? Der hat’s ja nicht geschafft mit seinem Abschluss und was nicht sein darf, passiert halt nicht. Und jetzt darf er hier nachsitzen als wissenschaftlicher Dummdödel!”

Es war nun schon fast vier Jahre her, aber immer wieder, wenn Henne den Namen seines Kidnappers aussprach, schnürte sich sein Hals kurz zu. Aber dennoch scheute er sich nicht, an dieses Martyrium zu denken, sondern holte es sich immer wieder mal bewusst zurück vor Augen, um es nicht zu vergessen.

“Diggi, wie machst Du das eigentlich immer, dass selbst die längsten Sachen an Dir zu kurz aussehen?”

Vorwurfsvoll blickte Ben zu FX, dessen Robe zwar die längste im Sortiment, jedoch immer noch um etliche Hand breit zu kurz war. Der so angesprochene zuckte wortlos mit den Schultern und versuchte mit einer Hand den Doktorhut auf seinen Dreads zu platzieren, was ihm nicht gelingen wollte.

“Meine Fresse, das kann man ja nicht mit ansehen. Setz Dich hin, FX, ich mache das für Dich!”

Henne zog FX an der Robe, dass dieser sich auf seinen Platz setzen sollte, damit er ihm endlich den Hut standesgemäß aufs Haupt drücken konnte, in der Hoffnung, dass dieser dort auch während der Zeremonie halten würde.

Langsam kehrte Ruhe ein in die quirlige Menge der Robenträger. Anscheinend ging es nicht nur den vier Freunden so in dieser Situation, sondern auch ihre Kommilitonen waren angesichts ihres letzten Tages an der Universität ähnlich aufgeregt.

Es folgte das, was keiner der Anwesenden mochte, unabhängig vom Semester, was aber jeder jedes Jahr über sich ergehen lassen musste. Das Rektorat, angefangen durch den Präsidenten der Universität, gefolgt von den Dekanen der einzelnen Fakultäten hielt eine Rede als Rückblick auf das vergangene Jahr und einen Ausblick auf das zukünftige.

Leider gelang es aber nur sehr wenigen Rednern, die Zuschauer an sich zu binden oder gar mit einem wohl platzierten Scherz ihre Aufmerksamkeit vollends auf sich zu ziehen. Vielmehr glitten die meisten der Absolventen eher früher als später in einen Tagtraum über und ließen ihre Blicke ziellos durch den Innenhof der alten Burg schweifen. Diesem ehrwürdigen Gemäuer würden sie am Ende des Tages Lebewohl sagen müssen, soviel stand fest.

Nicht anders erging es den vier Freunden, die schon zur Mitte der ersten Rede geistig nahezu komplett abgeschaltet hatten.

Es war aber Michel, der urplötzlich seine Augen weit aufriss und nur durch ein gezieltes Zuhalten seines Mundes einen Aufschrei verhindern konnte. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er an Henne vorbei zu seinem übernächsten Nachbarn FX. Dieser hob nur seinen Zeigefinger an seine geschlossenen Lippen und verschwand spurlos. Zwischen Henne und Ben verblieb ein leerer Stuhl.

Es war einer der seltenen Momente Michels, die ihn eiskalt erwischten. Durch langes und intensives Üben hatte er seine Präkognitionen sehr präzise unter Kontrolle und konnte erstaunlich gut Einfluss auf sie nehmen und entscheiden, welche zukünftigen Ereignisse er erleben wollte.

Doch dieses Mal kam es vollkommen unerwartet. FX hatte es zwar prophezeit, dass es passieren würde, aber man kann sich nicht auf das Unerwartete vorbereiten, wenn man nicht weiß, wann, wieso und weshalb.

Ein paar Sekunden bevor es passierte, hatte er gesehen, dass FX verschwinden würde. Eigentlich hatte Michel seine vorausschauenden Fähigkeiten gut im Griff, aber manchmal überwältigte ihn sein Können doch mehr als unerwartet. Diese intrinsischen Präkognitionen mochte er gar nicht, aber glücklicherweise betraf sie in der Regel nur ihn selbst und seine Freunde. Alle anderen Ereignisse vermochte er gut zu filtern. Wobei er zugeben musste, dass diese nicht filterbaren Einblicke in die Zukunft ihm schon das eine oder andere Mal das Leben gerettet hatten. Heute war es jedoch nicht lebensbedrohlich, betraf aber immerhin einen seiner Freunde und war einmal mehr sehr unerwartet.

Während Michel noch vor Überraschung ganz perplex auf den gleich verschwindenden FX blickte, legte dieser seinen Zeigefinger auf die Lippen um ihm verständlich zu machen, dass er möglichst wenig Aufsehen um sein Verschwinden machen und ebenfalls dafür zu sorgen sollte, dass die anderen beiden ebenfalls die Ruhe bewahrten.

Durch die Vorhersehung hatte er die Schrecksekunde bereits hinter sich, so dass er seinen beiden verbleibenden Freunden ihrerseits den Mund zu halten konnte, als FX dann tatsächlich aus ihren Reihen verschwand. FX’ Plan ging auf: Ben und Henne, zwischen denen der soeben verschwundene FX gerade noch gesessen hatte, wurden von Michel sogleich beruhigt.

Den beiden Schattenjägern entging das Verschwinden von FX ebenfalls nicht, zu sehr war ihre Aufmerksamkeit auf ihre neuen Freunde gerichtet. Jedoch ließen sie sich nichts anmerken, auch wenn sie innerlich mehr als überrascht waren. Und die Kommilitonen um sie herum waren ohnehin durch das eintönige Gebrabbel der Redner in einem Tagtraum abgedriftet, weshalb schlussendlich niemand, der es nicht hätte mitbekommen sollen, davon Notiz nahm, dass plötzlich jemand aus den eigenen Reihen verschwunden war.


“Was zum Henker hat sie sich denn jetzt schon wieder dabei gedacht? Wo zum Geier hat sie uns denn jetzt wieder hinbestellt?”

“Das ist jetzt nicht Dein Ernst, FX, oder?”

“Eggsy, entspann Dich! Natürlich weiß FX, wo wir sind – hoffe ich doch!”

“Ach Jo, nun gönn mir das doch wenigstens ein einziges Mal, meinen Meister ein bisschen zu foppen. Wobei mir hier gar nicht so nach spaßen zu Mute ist. Es ist an Gruseligkeit nur schwer zu überbieten!”

Die drei Besten der Zweiundvierzig waren wieder in einen U-Bahnhof zitiert worden. Die Chefin des Clubs konnte ihr Faible für unterirdische Verkehrsbauwerke nicht verheimlichen. Und in der Regel hatte sie auch ein sehr glückliches Händchen bei der Auswahl und zeigte ihren Leuten spannende und imposante Einrichtungen.

“Beim Thema Gruseligkeit gebe ich Dir allerdings Recht. Wir sind 1988 in Ostberlin in einem Geisterbahnhof.”

Johannes ließ seinen Blick schweifen und eine Gänsehaut aus Unbehagen stieg langsam seinem Rücken empor, als eine U-Bahn aus dem Westen kommend in Schrittgeschwindigkeit durch den fast dunklen Bahnhof fuhr, ohne anzuhalten. Die Blicke der Passagiere glichen denen der Besucher eines Zoos, während sie den leeren Bahnsteig nach Menschen absuchten. Nur wenige sahen die im Schatten stehenden Grenzbeamten, die mit der Durchfahrt ihr Gewehr vorsichtig erhoben, um mögliche Flüchtlinge aus dem Osten beim Aufspringen auf die Bahn in den freien Westen noch zu erwischen. Aber auch dieser Zug fuhr ohne Zwischenfälle durch den Bahnhof, waren doch die meisten Eingänge hier hinunter ohnehin zugemauert und die wenigen verbliebenen mehrfach gesichert.

Den Bahnfahrern verborgen blieben die messerscharfen und spitzen Konstruktionen zwischen den Gleisen. Sollte es tatsächlich ein Mensch bis hier her geschafft haben, eine rettende Bahn jedoch noch auf sich warten ließ, würde eine Flucht zu Fuß mit einem Sprung vom Bahnsteig mehr als abrupt enden. Wenn ihn nicht vorher die Grenzpolizei vor dem Tod im Gleis bewahrt und ihn stattdessen nach Sandhausen weggesperrt hätte.

Auch FX war der Hals fast zugeschnürt und ein beklemmendes Gefühl ließ ihn trocken schlucken. Nur zu froh war er, dass die DDR-Polizisten die drei nicht sehen konnten. Das hätte mit Sicherheit eine Menge Aufsehen erregt und ihnen zu zweifelhafter Berühmtheit verholfen.

Der Statusbericht der Chefin fiel denkbar knapp aus, zumal die Drei ohnehin schon wussten, worum es ging. Die extreme Seltenheit dieses Ereignisses jedoch bedurfte ein kurzes persönliches Treffen, noch dazu an einem solch denkwürdigen Ort.

Obwohl sie an diesem Ort nichts zu befürchten hatten, waren sie mehr als erleichtert diesen Geisterbahnhof schnell wieder verlassen zu können. In Anbetracht der Tatsache entschieden sie einvernehmlich, dass FX die Führung bei der Lösung des Problems übernehmen sollte. Immerhin war er mit der Persona Non Grata vertraut und sie stammte aus seinem direkten Umfeld.

Zusätzlich ließ sich FX allerdings auch Prokura bezüglich möglicher Hilfe oder Beistand durch seine Freunde erteilen. Wenn nicht an solch einem denkwürdigen Tag, wie der Abschlussfeier der Universität, wann hätten seine Zöglinge ihr Können sonst unter Beweis stellen sollen. Und wenn es nicht so weit kommen sollte, so würde er immerhin dafür sorgen, dass sie an einer mehr als diffizilen Mission direkt teilhaben konnten, so sie es denn überhaupt wollten.


Es war schwierig, möglichst wenig Aufsehen zu erregen und gleichzeitig Michel auszufragen, was gerade passiert war. Michel seinerseits wusste allerdings auch nichts weiter zu berichten, als das Offensichtliche, nämlich dass ihr Freund FX plötzlich und ohne Vorwarnung verschwunden war. Das einzige, was Michel noch beruhigender Weise dazu beisteuern konnte war, dass für ihren Freund keine Gefahr drohte.

Immerhin war FX’ Verschwinden nicht weiter bemerkt worden. Hier und da fiel die Lücke in den sonst komplett besetzten Sitzreihen natürlich auf, andersherum machte niemand einen Hehl daraus, dass diese Veranstaltung bisher unglaublich langweilig war und jeder nur nach einer Ausrede suchte, um sich - sei es auch nur für ein paar Minuten - zu verdrücken.

“Oh Mist! Festhalten, Junx, wir sind auch gleich weg!”

Da war sie wieder, eine dieser intrinsischen Präkognitionen, die Michel oder seine Freunde direkt betraf und die sich ihm wie üblich aus heiterem Himmel aufdrängte. Und er sah es jetzt glasklar vor sich, dass sie drei hier in wenigen Augenblicken ebenfalls verschwinden würden, und mitten in den vollen Sitzreihen plötzlich vier leere Stühle stehen würden. Allerdings hatte er keine Ahnung, wo sie wieder auftauchen würden. Aber genau wie bei FX wusste er, dass auch ihnen keine Gefahr drohte und dass sie FX gleich wieder sehen würden.

Allen war klar, dass ihr Verschwinden gleich eine gehörige Menge an Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. Dass sich so viele Menschen gleichzeitig in Luft auflösen, ließ sich schlecht verheimlichen und so konnte Michel die aufgeregten Diskussionen in den eigenen Reihen in der Zukunft sehen. Erstaunlicherweise war es ihm egal.

“Diggi, was …”

Ben war der erste, der wieder Worte finden konnte, auch wenn sie nicht besonders aussagekräftig waren. Aber das war ja typisch für Ben.

“Hej, FX, hier bist Du also!”

Michel zeigte sich sehr erleichtert. Zwar war er sich sicher, dass FX nach dessen Verschwinden nichts passieren würde, das hatte ihm ja seine Vision suggeriert, dennoch war er froh, dass er nun Gewissheit hatte, dass es seinem Freund wirklich gut ging.

“Ich seh schon, Du genießt hier auf dem Turm die Aussicht auf das bunte Treiben im Innenhof. Wobei, so bunt ist das gar nicht, wenn alle die gleiche Robe an und einen Hut aufhaben. Aber schaut von hier oben trotzdem irgendwie ganz lustig aus.”

Henne blickte interessiert von Turm hinunter in den Innenhof und versuchte einzelne Kommilitonen in der Menge auszumachen. Aber aus der Ferne sahen sie alle gleich und uniformiert aus. Dabei waren sie die vier Jahre zuvor alles andere als gleich. Vielmehr gab es einige Mitstudierende, die er ganz gern mochte, mit denen er sich auch hin und wieder gerne umgeben hatte. Und dann gab es wiederum andere, die er mied, sei es, weil sie sehr laut, einfach nur unsympathisch oder aber farblos waren.

“Wie genial, Diggi, man sieht sogar sehr eindeutig unsere freien Plätze! Und da drüben fehlen auch noch zwei. Haben da nicht Paul und …”

“Emil, alles okay mir Dir?”

Mit Sorge beobachtete Henne den schlanken großen Schattenjäger, der sonst einen so präsenten und mächtigen Eindruck machte, wie er jetzt vorn über gebeugt sich an einer Zinne abstützend würgende Geräusche von sich gab. Emil war schon immer blass bis kreidebleich im Gesicht, jedoch war jetzt das letzte Bisschen Farbe ganz aus seinem Gesicht gewichen und zurück blieb ein ungesund anzusehender Grünton.

“Henne, alles gut. Das ist normal bei Emil.” Beruhigend legte Paul seine Hand auf Emils Schulter. “Er wird einfach schnell reisekrank. Ich weiß gar nicht, wie aus ihm einer der besten Schattenjäger werden konnte. Wir haben Jahre gebraucht, bis er sich ans Portalieren gewöhnt hat. Anfangs war er nach der Benutzung eines Portals für fast einen ganzen Tag nicht zu gebrauchen. Da ist das hier noch ganz harmlos. Aber sein Körper kennt diese andere Art der Fortbewegung noch nicht. Ich denke, das geht gleich vorbei.”

Sechs junge Menschen fanden sich nach der Teleportation durch FX auf „ihrem“ der vier Burgtürme wieder und einige von ihnen blickten fasziniert in den Innenhof, wo auf der Verabschiedungszeremonie vermutlich das nächste langweilige Kapitel aufgeschlagen wurde.

“Wasn nu los, Diggi? Du haust doch sonst nicht so einfach ab. Noch dazu so mega auffällig!”

Zwar war Ben froh, aus der langweiligen Veranstaltung im Innenhof heraus geholt worden zu sein, jedoch wollte er jetzt schnellstmöglich wissen, zu welchem Thema diese Alternativveranstaltung nun stattfinden würde.

“Junx, entschuldigt bitte, dass das so holterdiepolter kam und alles andere als diskret. Aber für unauffällige Aktionen hab ich gerade zu wenig Kreativität, das werden wir im Nachhinein korrigieren. Wir springen zeitlich einfach wieder zurück, so dass nie ein leerer Stuhl vorhanden war. So verpassen wir auch keinen Teil der aufregenden Reden.”

“Komm zur Sache, FX, wenn wir schon keine Zeit haben.”

“Ob wir das mit den sterbenslangweiligen Reden nicht vielleicht doch überspringen können?”

“Naja, Zeit haben wir beliebig viel, das wisst Ihr ja. Nur sind unsere Möglichkeiten gerade etwas eingeschränkt, weil ...”

“FX! Fakten!”

“Ach ja, also, es gab einen unbefugten Zugang in die Universelle Vermittlung.”

Schweigen.

Unsicher blickten die Freunde sich an. Selbst Emil, der nach wie vor noch etwas mit seiner Reisekrankheit zu kämpfen hatte, schob sein eigenes Problem in den Hintergrund und fokussierte sich nun voll und ganz auf das neue Problem, welches FX gerade angerissen hatte. Langsam wich das Grün aus seinem Gesicht und seine normal blasse Haut kam allmählich zum Vorscheinen.

“Diggi, Du meinst irgendeiner is durch irgendeine Tür ins Weiß gekommen? Einfach so?”

“Jein. Oder ganz konkret auf Deine Frage: Nein. Es wurde definitiv keine Tür genommen und es war auch definitiv nicht ‘einfach so’. Man kann nicht so ohne weiteres in die Universelle Vermittlung treten.”

Gemeinsam mit FX als Zeitreisende hatten sie beliebig viel Zeit, konnte er doch jederzeit wieder mit allen zurückspringen, ohne dass sie das bis dahin erworbene Wissen vergessen würden. Daher nahm er sich die Zeit, ihnen zu erklären, wie die Zugänge zum Weiß funktionierten. Am anschaulichsten war das Weiß für Ben, der mit seiner Materieverschränkung in eine Welt hinein rutschte, die quasi parallel zur greifbaren Welt existierte. Mit seiner Verschränkung rutschte Ben lediglich in den Zwischenraum der sonst ziemlich leeren Atome.

Bei dem Weiß war es ähnlich und doch ganz anders. Aber prinzipiell war auch dieser Raum überall, auch wenn es eine ganz andere Dimension war, in der weder Raum noch Zeit eine Gültigkeit besaßen. Wichtig war allerdings die Tatsache, dass man von jedem Ort und von jeder Zeit aus in die Universelle Vermittlung gelangen konnte, und entsprechend an jedem anderen Ort und zu jeder anderen Zeit diese auch wieder verlassen konnte.

Dass der Übergang in das Weiß und wieder zurück durch Türen erfolgen konnte, war dabei unwichtig und diente nur der Kosmetik. Die Zweiundvierzig waren auch nur Menschen und ihrem beschränkten Denken kommt ein Wechsel von zwei verschiedenen Orten mittels einer Tür einfach sehr entgegen und vermeidet gerade während der Eingewöhnung viel Verwirrung. Daher hat es sich etabliert, dass die Zweiundvierzig für den Zugang ins Weiß in der Regel eine Tür benutzten, auch wenn das gar nicht nötig war.

Fest stand jetzt aber auch, dass der Unbefugte sich ohne solch eine Tür Zugang in die Universelle Vermittlung verschafft hatte. Die ersten Untersuchungen von Johannes und Eggsy hatten zweifelsfrei ergeben, dass für diesen Übergang definitiv keine Tür verwendet wurde; keine, die versehentlich offen gelassen wurde und auch keine, die der Eindringling mutwillig geöffnet hätte.

Allerdings stand auch genauso fest, dass niemand wusste, wie dieser Mensch es geschafft hatte, sich Zugang ins Weiß zu beschaffen.

“Nun, da stehen wir jetzt also mit unseren Ermittlungen.”

Damit schloss FX seinen kleinen Vortrag über die Funktionsweise der Universellen Vermittlung und allen Informationen, die das Dreiergespann in den letzten Minuten herausgefunden hat.

“Da steh ich nun, ich armer Thor, und bin so schlau, als wie zuvor.”

“Ben?”

Unisono und voller Erstaunen über die literarischen Kompetenzen ihres Freundes starrten ihn fünf Leute an und wussten nicht weiter.

“Diggi was? Goethe, Faust. Erster Teil. Was glaubt Ihr denn, hab ich die letzten acht Semester gemacht? Ich bin nich nur aufm Skateboard.”

“Ben, Du überrascht mich immer wieder. Jedenfalls ist die Universelle Vermittlung nun über drei von fünf Protokollebenen abgeriegelt, bis wir erstens zweifelsfrei herausgefunden haben, wie der Typ da rein gekommen ist, ihn zweitens dort wieder extrahiert haben und drittens dann das vermutliche Leck gestopft haben.”

“Und drei von fünf Protokollebenen bedeutet was genau?”

Emil hatte die Auswirkungen seiner Reisekrankheit mittlerweile vollständig überwunden und war voll und ganz bei der Sache. Wie üblich hatten die Schattenjäger einen Sinn für’s Detail, weshalb ihm diese kleine Randbemerkung im Gedächtnis geblieben war.

Der Plan war, dass seine Freunde ihm bei der Lösung dieses Problems helfen sollten, so hatte er es mit der Chefin des Clubs sowie Eggsy und Johannes vereinbart. Und das schloss auch die Schattenjäger mit ein, da man nun eine tiefgreifende bilaterale Kooperation vereinbart hatte. Es bot sich also an, diesen ersten Zwischenfall als Präzedenzfall für zukünftige Zusammenarbeiten zu verwenden.

Für ein effektives Arbeiten mussten daher alle über die Funktionsweise der Universellen Vermittlung Bescheid wissen. Fast nahtlos fuhr FX daher in seinem Vortrag fort. Die erste Protokollebene war der Normalzustand des Weiß, so wie seine Freunde es bereits kennengelernt hatten. Der Zugang war allen Zweiundvierzig zu jeder Zeit und an jedem Ort gestattet, sei es über Türen oder mittels direktem Einstieg.

Die zweite Ebene sorgte für ein bisschen mehr Diskretion für die Umwelt, denn eine Verwendung von Türen, die das gleißende Weiß in die Standardwelt scheinen ließ, war dann unterbunden.

Die dritte Protokollebene war dann die erste eigentliche Verschlussebene. Ein Zugang war nur noch mit dreifacher Genehmigung möglich, weshalb in diesem Falle die Kerntruppe für die Lösung des Falles neben FX noch aus Eggsy und Jo bestand. Alleine konnte man einen Zugang von und ins Weiß nicht mehr eröffnen.

Weitaus restriktiver war die vorletzte Ebene, die einen Zugang auf generell nur drei Personen beschränkte, die auch noch alle gleichzeitig agieren mussten, wie eine Ebene zuvor.

“Fehlt nur noch die letzte Protokollebene.”

Natürlich hatten alle mitgezählt, aber Paul war es, der sich mit dem vorzeitigen Ende FX’ Vortrag nicht zufrieden stellen wollte und das aussprach, was alle anderen auch gedacht haben.

“Die fünfte Protokollebene”, FX konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken, “wurde und wird hoffentlich nie angewendet, denn sie beinhaltet die Nullifizierung der Universellen Vermittlung und ist ausschließlich dafür gedacht, im Falle einer Invasion oder ähnlichem unmittelbar alles auszulöschen, um eine multidimensionale Kontaminierung der Raumzeit zu verhindern. Ein jeder der Zweiundvierzig ist jederzeit und an jedem Ort in der Lage, diese Prozedur einzuleiten. Es gibt keinerlei Möglichkeiten, das Ganze rückgängig zu machen. Es gibt auch keinerlei Redundanz bezüglich der Sicherheit. Das Ganze ist definitiv die Ultima Ratio. Wir hätten danach keine Universelle Vermittlung mehr. Dafür wäre aber jeglicher illegale Zugriff auf die gesamte Raumzeit unterbunden.”

Mit einer solch scharfen Waffe hatte in dem Augenblick niemand gerechnet, zumal alle anderen Stufen der Eindämmung eher harmlos klangen, besonders jetzt im Vergleich zu der letzten Stufe. Die Nüchternheit, mit der FX die Vernichtung ihrer zentralen Mobilitätsplattform berichtet hatte, machte seinen Freunden beinahe noch mehr zu schaffen, als die Zerstörung an sich.

“Und damit wäre es dann das Ende aller Zeitreisen für Euch?”

Michel war der erste, der wieder ein paar Worte finden konnte und das Schweigen auf dem Burgturm zu unterbrechen.

“Jein. Es würde unser Leben deutlich erschweren. Wir Zweiundvierzig sind ja intrinsische Zeitreisende, wir können das ohne Hilfsmittel ‘einfach so’, wie wir auch atmen und gehen können. Wir brauchen das Weiß nicht zwingend, die Temporären Fänger können sich fluide in der Raumzeit bewegen. Aber wir sind ja nicht alleine. Wir haben ja noch die Temporalen Wächter, und die können ohne Hilfsmittel nicht in Raum und Zeit reisen. Die brauchen entweder das Weiß oder aber maschinelle Hilfe. Und letztere ist es ja, was die ganzen Probleme und Fransen verursacht und was wir hauptsächlich bekämpfen.”

“Klingt nach einer verzwickten Situation.”

“Naja, das Gute ist ja, dass die fünfte Protokollebene noch nie aktiviert wurde. Aber natürlich gibt es auch für diesen Fall einen Plan für danach. Der ist aber sehr zeit- und arbeitsintensiv. Wobei Zeit ja bekanntlich nicht das Problem ist. Aber das soll alles jetzt erstmal nicht unser Problem sein. Wir sind bei Stufe drei und das reicht auch vollkommen aus.”

“Und wie kommt man denn nun da rein, wenn man nicht einer von Euch ist und auch keine Tür nimmt?”

“Gar nicht.”

“Naja, anscheinend ja doch.”

“Und das ist es, was uns alle in den Wahnsinn treibt und unsere Köpfe rauchen lässt.”

“Sag mal, FX, wer ist denn eigentlich der Eindringling? Wisst Ihr das denn?”

“Nils.”

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