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Quartett

Teil 69 - Abschied

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75. Abschied

“Diggi, und was is dann passiert?”

Emil und FX waren von ihrem Floating-Experiment im Salzbergwerk zurückgekehrt und waren zuversichtlich, dass sie Bens Idee mit der Synchronisation ihrer Energiesignaturen erfolgreich umgesetzt hatten. Die Chefin des Club of Rome hatte organisiert, dass eines der größten Salzbergwerke der Welt für die beiden komplett geräumt wurde, und sowohl der Schattenjäger als auch einer der Zweiundvierzig eine Reise zu sich selbst und eine Harmonisierung ihrer Energieflüsse erproben konnten.

Nun saßen die sechs Freunde wieder Zuhause in der Universität und genossen das sonnige Wochenende auf einem der vier Burgtürme, die bei kristallklarer Sicht eine herrliche Aussicht über das gesamte Umland boten. Neugierig waren natürlich alle, was bei dieser außergewöhnlichen Expedition herausgekommen war, aber da es Ben wie üblich nicht aushalten konnte, überließen es die anderen ihm, die bohrendsten Fragen zu stellen.

“Naja, Ben, ich weiß auch nicht so recht, was genau passiert ist. Ich weiß nur, dass FX mich auf eine sehr geniale Erfahrung mitgenommen hat und ich meinem Körper sehr viel näher gekommen bin, als ich jemals war.”

“Jo, Diggi, aber was genau ist denn passiert? Gab es plötzlich irgendein Blaues Licht? Ich hab irgendwo mal so was abgefahrenes gelesen, dass es so was gibt. Mit Energie und blauem Licht und Explosionen und Kurzschlüssen und so. Erzähl doch mal, was da genau passiert ist beim Floaten. Und woher wisst Ihr denn, dass es erfolgreich war?”

„Naja, es ist schon ein geiles Gefühl. Wenn Die äußeren Umstände nicht wären, dass das ganze Universum kollabiert, nur weil FX und ich uns einen Kuss geben, dann würd ich schon gern nochmal da einfahren – und zwar mit Euch allen! Also dieses floaten an sich, im körperwarmen Wasser in der Dunkelheit schweben, nicht spüren, wo oben und unten ist, vorne und hinten vergessen. Also ich würde sagen, dass ich noch nie so entspannt war, wie da unten in dem Berg. Es ist stockdunkel, es ist unglaublich leise. Man findet zu sich.“

„Diggi, aber das kann doch nich alles gewesen sein. Irgendwas muss doch passiert sein zwischen Euch!“

„Och Ben, ich weiß es doch auch nicht. Man vergisst total die Zeit. Ich kann nicht einmal sagen, ob wir in dem knietiefen Salzwasser überhaupt irgendwohin getrieben sind oder nicht. Naja, müssen wir eigentlich schon, denn irgendwann haben wir uns durch Zufall berührt.“

„Aha! Und dann, Diggi? Hats gefunkt? Geblitzt?“

„Nein, natürlich nicht. Du liest zu viele schwule Geschichten, Ben! Aber anscheinend die guten. Aber irgendetwas ist in dem Moment schon passiert zwischen uns. Es hat zwar weder gefunkt noch etwas anderes spektakuläres, aber dennoch hatte ich das Gefühl, dass sich in diesem Moment der Berührung etwas verändert! Ich hatte den Eindruck, dass sich unsere Zehen wie Magnete angezogen haben. Dann waren wir angedockt. Und nach einer Weile, ich weiß es nicht mehr, ob es Sekunden, Minuten oder gar eine Stunde war, haben wir uns wieder entfernt.“

„Diggi, das aber langweilig.“

„Ben! Was soll ich sagen? Es war wie es war. Ich will nicht sagen, dass nichts passiert ist, aber ich kann Dir leider auch nicht sagen, was genau da zwischen uns abgelaufen ist. Unangenehm ist es nicht. Ich habe auch kein schlechtes Gefühl. Aber ob es unser Problem jetzt gelöst hat? Weiß nicht.“

“Um ehrlich zu sein”, FX fuhr sich etwas verlegen durch seine Dreads und strich sich einige aus dem Gesicht, “wir werden es nicht wissen, bevor wir es nicht ausprobieren. Ja, es fühlte sich gut an. Aber auf das Gefühl alleine möchte ich mich nicht verlassen. Und mal ehrlich: Weder vorher noch hinterher fühle ich mich anders. Ich weiß nur, dass da tief unten unter der Erde etwas passiert ist mit und zwischen uns. Ob und wie lange es anhält … Keine Ahnung! Daher gibt's nur eine Möglichkeit: The test of the pudding is the eating.

“Echt jetzt? Ihr wollt noch einmal in der Dusche rummachen, und einen weiteren Kurzschluss riskieren? Ihr wisst nicht genau, was in dem Salzstock passiert ist. Ihr wisst nicht, ob das, was vielleicht passierte, noch anhält. Und dennoch wollte Ihr jetzt ficken gehen?”

Michel mischte sich in die Unterhaltung ein, da er, genau wie alle anderen auch, erhebliche Bedenken hatte, was ein erneutes Techtelmechtel zwischen den beiden anging. Immerhin sind sie beim ersten Mal nur sehr knapp einer Katastrophe entgangen.

“Niemand hat über die Dusche gesprochen.” FX konnte sich ein schneeweißes breites Grinsen nicht verkneifen. “Und niemand hat über Analverkehr gesprochen. So weit sind wir neulich ja gar nicht gekommen. Ich bin immer gerne offen für neue Ideen, aber bisher hat niemand eine brauchbare Alternative als Test gefunden. Wir haben das ganze sehr ausführlich sowohl bei den Schattenjägern als auch den Zweiundvierzig durchdiskutiert. Wie gesagt, ohne Ergebnis.”

“Aber ist das nicht sehr gefährlich?”

Während FX auf einer der Zinnen des Turmes saß, war das Henne gar nicht geheuer und er saß auf dem Boden in der Mitte des Turms, möglichst weit weg von dem Rand, um ja nicht hinunter zu fallen.

“Ja, ist es, natürlich. Prinzipiell kann genau das gleiche passieren, wie beim ersten Mal. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sogar stärkere Auswirkungen hat, ist übrigens höher, weil wir jetzt, gewollt oder nicht, etwas Übung haben. Deswegen werden wir auch eine ganze Phalanx an Präventionsmaßnahmen schaffen.”

Der Plan, den FX seinen Freunden eröffnete, hatte eine lange Evolution hinter sich. Zunächst einmal hatten Schattenjäger und Zweiundvierzig eigenständig Ideen und Mitigationen entwickelt. Dann wurden diese Ergebnisse gemäß des Protokolls durch FX und Emil synchronisiert und miteinander verwoben. Schließlich wurde das daraus resultierende Endergebnis wieder beiden Parteien vorgestellt und nach kleinen Änderungen im Detail dann bilateral akzeptiert.

Das Gesamtkonzept setzte sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Da der Kurzschluss am Entstehungsort am ausgeprägtesten und andauerndsten war, sollte dieser Ort sowohl räumlich als auch zeitlich möglichst abseits liegen. Daher entschied man sich zeitlich für die Kreide-Zeit. Zu dieser Zeit war keinerlei menschliche Aktivität vorhanden, die Erde aber bereits bewohnbar. Außerdem bestand die Möglichkeit, einen Dinosaurier im echten Leben zu treffen.

Der Ort in dieser Epoche war relativ egal, in der Zukunft sollte er jedoch möglichst wenig bewohnt sein, um die zeitliche Komponente weiter zu entschärfen. Daher kamen entweder die Pole oder die Null-Koordinate in Frage. Da die Pole zur Zeit der Dinosaurier noch keine Land- oder Eismassen aufwiesen, entscheid man sich für den Ort mit null Grad Länge und null Grad Breite. Dieser Ort sollte Millionen Jahre später weit vor Afrika im Ozean liegen und lediglich mit einer Boje und einem Briefkasten markiert sein.

Zur Sicherheit sollten die Protagonisten Emil und FX jedoch nicht alleine dort sein, sondern der Plan sah vor, dass alle übrigen Zweiundvierzig sowie die gleiche Anzahl an Schattenjäger an diesem Ort in der Raumzeit stationiert sein sollten. Ihre Aufgabe war es, einen möglichen Kurzschluss so früh wie möglich bereits im Entstehen zu unterdrücken. Sei es, indem er kompensiert wurde oder aber im schlimmsten Falle durch eine Neutralisation von Emil und FX, wenn kein anderes Mittel zum Erfolg führen und die Auswirkungen sich als katastrophal herausstellen sollten.

“Neutralisation?”

Paul, der als Partner von Emil keine neutrale Sichtweise hatte, war nicht in die Entwicklung des Plans involviert, da er als befangen galt. Genau das, was Emil befürchtet hatte, trat nun ein. Paul würde den Plan, sobald er publik wurde, rigoros ablehnen.

Aber auch den übrigen Freunden klang nur dieses eine Wort im Kopf nach, als FX geendet hatte. Niemand wollte einen Teil ihrer polyamoren Beziehung verlieren, auch wenn sie im Gegensatz zu Paul dann immer noch jemanden an ihrer Seite hatten.

“Glaubt uns, wir haben uns diese Entscheidung bestimmt nicht leicht gemacht, aber es gab leider trotz aller Debatten keine bessere und sicherere Alternative. Und es ist ja auch nur die allerletzte Option. Es gibt ja vorher noch viele andere Möglichkeiten, den Kurzschluss zu verhindern. Außerdem ist es ohnehin der Plan, dass es zu keinem Kurzschluss mehr kommt, weil unser Floaten ja erfolgreich war!”

“Aber es besteht die Möglichkeit, dass man Euch tötet?”

“Kurz gesagt: Ja. Aber das ist Teil unserer täglichen Arbeit. Sowohl für die Schattenjäger als auch für die Zweiundvierzig. Für beide Gruppen gibt es immer ein gewisses Restrisiko, dass jemand am Abend nicht mehr heimkehrt.”

“Und wann?”

Hennes Stimme klang brüchig und dünn, denn er ahnte die Antwort genauso, wie alle anderen auch.

“Prinzipiell jederzeit. Wir können in der Zeit reisen und müssen es in diesem Falle auch. Daher ist es egal, wann wir starten, aber wir werden gleich aufbrechen, denn es macht die Sache nicht besser, wenn wir jetzt länger warten.”

“Diggi, und woher wissen wir, ob Ihr Erfolg hattet?”

“Also wenn alles glatt geht, wovon wir wirklich ausgehen, dann werden wir kurz nach unserem Verschwinden aus dem Hier und Jetzt auch schon wieder zurück sein. Die Zeit wird nicht reichen, um Pipi zu machen, wir werden zeitsynchron hierher zurückspringen.”

“Und falls …”

“Nun, in dem Falle ist es etwas komplexer. Die beiden Teams werden sich zunächst um die Eindämmung des Kurzschlusses kümmern. Oder besser gesagt um die Eindämmung der Auswirkungen und das Einweben der entstandenen Fransen. Irgendeine Auswirkung davon werdet Ihr vermutlich auch zu spüren bekommen, Ihr seid mittlerweile durch Eure Fähigkeiten sensibilisiert genug. Und später wird ein Repräsentant jedes Teams bei Euch erscheinen.”

“Eggsy oder Johannes.”

Hennes Worte waren fast nicht hörbar.

FX nickte.

„Alec, er hat das reinste Herz von allen, die ich je kannte und den größten Glauben an andere Leute und auf diese Art ist er besser als alle Schattenjäger.”

Emil nickte.

„Obwohl wir in diesem unwahrscheinlichen Fall weit in der Vergangenheit neutralisiert wurden, sind unsere Wurzeln in der Raumzeit dennoch im Hier und Jetzt. Deswegen wird auch ein Verschwinden von uns keine Kette an zeitlichen Korrekturen auslösen, wie Ihr das aus schlechten Filmen kennt. Wir werden einfach nicht mehr da sein.”

„Einfach!” Michels Stimme war nur ein schrilles Kreischen.

„Es wäre, als seien wir einfach gefallen. Es verschwinden keine Erinnerungen an uns. Aber, und das ist wichtig: Die Verbliebenen müssen das Protokoll re-initiieren. Die Wege der Schattenjägern und der Zweiundvierzig müssen wieder segregiert und die Erinnerungen radiert werden. Die Verbleibenden Zweiundvierzig …”

„Einundvierzig, Diggi.” Man merkte Ben deutlich den Kloß an, der tief in seinem Hals steckte.

„Nein, Zweiundvierzig. Es wird einen neuen geben in dem Moment, in dem ich nicht mehr bin. Dieser Mensch weiß noch nichts davon. Und auch wir wissen nicht, wer es werden würde. Da lässt sich das Universum leider nicht in die Karten schauen. Jedenfalls werden wir unser Wissen löschen und die Schattenjägern gleiches in ihrem Perimeter. ”

„Also werden wir Emil und Paul vergessen?” Henne hatte Tränen in den Augen und seine dünne Stimme zitterte.

„Neben mir würdet Ihr zwei Freunde verlieren, die Menschen an sich jedoch in Erinnerung behalten. Wir dachten, dass dies ein fairer Kompromiss wäre, wenn auch ein schmerzhafter. Gleiches würde umgekehrt auch für Emil gelten.”

„Ich stimme diesem Plan nach wie vor nicht zu!” Emil hatte all seine Gefühle beiseite gewischt und blickte entschlossen abwechselnd seinem Mann und FX in die Augen. „Aber ich muss akzeptieren, dass ich in dieser Show nur der Zuschauer bin, auch wenn es mir nicht schmeckt.”

Alle sechs nahmen sich zum Abschied gegenseitig in den Arm. Dann bildeten sie einen kleinen Kreis, in dessen Mitte Emil und FX standen.

Und dann waren sie weg.

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