zur Desktop-Ansicht wechseln. zur mobilen Ansicht wechseln.

Quartett

Teil 70 - Kuss

Lesemodus deaktivieren (?)

Informationen

76. Kuss

“Raumzeitkoordinaten prüfen.”

“142 Millionen Jahre ante Christum, Kreide-Zeit, null Grad Nord, null Grad Ost.”

“Raumzeit-Koordinaten bestätigt. Ziel erreicht.”

Die kleine Truppe von insgesamt 84 Menschen tauchte in einer Savanne des Dino-Zeitalters auf. Neben FX und Emil waren nur wenige bekannte Gesichter unter den Zeitreisenden: Johannes und Eggsy standen zusammen mit den restlichen Zweiundvierzig, während Paul bei der Gruppe der Schattenjägern stand.

Ihre Mission war so klar wie gleichzeitig diffus. Während FX und Emil erneut einen intensiven und erotischen Körperkontakt haben sollten, war die Aufgabe der anderen, aufzupassen, dass es keinen erneuten Energetischen Kurzschluss gab, der die Raumzeit empfindlich erschüttern würde. Die verbleibende Truppe war sich zuvor einig geworden, dass sie das Liebespärchen im Zweifelsfalle sogar neutralisieren müssten, sollte es wieder zu einem Kurzschluss kommen und es keine andere Art gäbe, diesen vorzeitig zu unterbinden. Die Größe der Gruppe war durch die Zweiundvierzig vorgegeben, da sich beide Parteien auf gleiche „Kampfstärke“ geeinigt hatten.

Vor deren Abreise in die Vergangenheit gab es jedoch zwischen Emil und Paul noch einen erbitterten Streit. Denn Emil wollte partout nicht, dass sein Partner Paul ebenfalls zu diesem Himmelfahrtskommando gehörte. Denn die Ultima Ratio war schließlich die Tötung der beiden Protagonisten und Emil wollte seinem Mann diese Bürde nicht auferlegen. Paul hingegen argumentierte, wenn jemand seinen Geliebten umbringen sollte, er es bitte selber machen wollen würde. Auch das sei die Aufgabe eines Kriegers. Offensichtlich hatte sich Paul am Ende durchgesetzt mit der schlichten Begründung, dass er aller Wahrscheinlichkeit Emil ohnehin nicht den entscheidenden Todesstoß versetzen würde, da schließlich noch viele andere im gleichen Exekutionskommando waren.

Die Gruppe stand urplötzlich in einem Meer aus bunten Blüten, von denen die kleinsten so groß wie Teller waren. Eine Unmenge an Tiere stob auseinander. Es war eine bunte Mischung aller möglichen Geschöpfe. Groß wie Mäuse oder auch wie Pferde. Enttäuschenderweise waren jedoch keine größeren Tiere zu sehen; die Dinosaurier hatten wohl schon zuvor das Weite gesucht. Zwar qualmten am Horizont eine Hand voll Vulkane, aber dennoch war die Luft ungewöhnlich klar. Eine betörende Mischung aus der Süße der Blüten dnd dem Schwefel der Vulkane lag in der Luft.

“Emil. FX. Viel Erfolg und habt Spaß! Und ach ja, FX, steck nen Gruß von mir mit rein. Ich wusste, Du hast einen exzellenten …”

“Emil, alles okay?”

Natürlich wusste FX ganz genau, dass auch Jo total auf Emil abfuhr. Nur zu genau kannte er seinen Geschmack, denn die beiden waren eine schier unendlich lange Zeit zusammen gewesen, bevor sich ihre Wege einvernehmlich wieder trennten. Aber da Jo gerade vor allem auf die Äußerlichkeiten bei Emil achtete, entging ihm, dass dieser innerlich gerade erheblich zu kämpfen hatte.

Ein Blick in die Runde bestätigte FX‘ Verdacht, dass Emil nicht der einzige mit Problemen war, sondern dass sich alle Schattenjäger hier sehr unwohl fühlten.

“Leute, entspannt Euch bitte, so gut es geht! Das Klima hier in der Dino-Zeit ist alles andere als das Klima unseres Anthropozän! Die Atmosphäre der Kreide-Zeit ist um ein Vielfaches dichter als Millionen Jahre später. Außerdem haben wir in dieser Epoche einen Sauerstoff-Anteil von über 30% und vier Mal so viel Kohlendioxid wie wir es gewohnt sind. Euch fällt deshalb gerade das Atmen unglaublich schwer, und es fühlt sich an, als würdet Ihr durch ein kleines Löchlein Sirup einsaugen.”

Mit ein wenig Sorge blickte er der Reihe nach die Schattenjäger an, die sich fast allesamt den Hals hielten, in der Hoffnung, dass diese Geste das Atmen erleichtern würde. Die Zweiundvierzig hingegen kannten diese Epoche, wurde ein Besuch bei den Dinosauriern doch hin und wieder durch die Zeitreisenden als Urlaubssafari genutzt.

“Euer Körper wird sich bald an diese Atmosphäre gewöhnen. Keine Sorge, auch wenn es sich anders anfühlt, es ist nicht weiter schlimm und geht gleich vorbei. Durch die hohe Dichte der Atmosphäre und dem viel höheren Sauerstoffanteil werdet Ihr bald merken, dass Ihr hier deutlich mehr Energie zur Verfügung habt als in unserer Zeit. Das ist hier wie quasi ein Trainingslager für Euren Kreislauf. Das ist auch der Grund, warum Pflanzen und Tiere hier so viel größer sind als wir es kennen: Es gibt hier deutlich mehr zu verstoffwechseln!”

“Eine kleine Vorwarnung wäre durchaus angemessen gewesen, mein Lieber!”

Während ihm der Schweiß in kleinen Rinnsalen die Stirn herunter rann, hing sein T-Shirt nur noch in Fetzen an seinem Körper. In der Mitte seiner Brust leuchtete eine Rune bronzefarben auf und Emil hielt noch seine Stele in der Hand, die er offensichtlich gerade genutzt hatte.

“Die Luft-Rune ermöglicht es uns normalerweise, für begrenzte Zeit unter Wasser atmen zu können. Und offensichtlich funktioniert sie auch ganz hervorragend bei den Dinosauriern. Wie könnt Ihr das nur aushalten?”

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt Emil an FX vorbei zu einem seiner Leute, hob dessen Oberteil und zeichnete ihm mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit und dennoch großer Präzision ein paar wilde Schnörkel auf die Brust eines seiner Begleiter. Seine Stele hinterließ dort, wo sie die Haut des Schattenjägers berührte, ein dunkles bronzefarbenes Glimmen. Aber kaum dass das Symbol fertig war, erstrahlte es für ein paar Augenblicke im gleichen hellen Leuchten, wie auf seiner eigenen Brust. Mit einem erleichternden und zugleich nicht enden wollenden tiefen Atemzug bedankte sich der Kollege bei ihm und schritt seinerseits zu anderen Kämpfern hinüber, die diese Rune ebenfalls noch nicht auf ihrer Haut trugen.

“Ich kann mich an diesen Runen-Zauber irgendwie noch nicht so ganz gewöhnen. Es ist immer wieder überraschend.”

“Naja, so schwierig ist es nicht. Es ist nur viel, was man sich merken muss. Die Anzahl der Runen ist endlich, sie sind niedergeschrieben in unseren heiligen Schriften. Theoretisch muss man die Rune und ihre Wirkung also nur auswendig kennen. Und man muss natürlich auch so viel Erfahrung und Energie besitzen, dass man sie auch zeichnen kann.”

“Theoretisch kann jeder also jede Rune an jedem anbringen?”

“Theoretisch schon.”

“Wahnsinn. Es ist so anders als bei uns und doch so gleich. Aber das soll jetzt nicht Thema sein, auch wenn ich gerne noch viel mehr erfahren würde. Wir sind aus einem anderen Grund hier. Entschuldigt bitte noch einmal, dass ich Euch nicht vorgewarnt habe. Der hohe Sauerstoff-Partialdruck ermöglicht es, dass trotz der dichteren und schwerer atembaren Luft mehr Sauerstoff ins Blut gelangt. Und das ermöglicht halt deutlich größere Lebewesen. Die Dinosaurier. Aber genug des Bio-Unterrichts.”

“Wie lange werden wir brauchen?”

“Keine Ahnung, Paul. Ich hab das hier auch noch nie gemacht. Ich hatte mit Deinem Mann nur ein Mal Sex unter der Dusche. Wir haben es sehr genossen und uns Zeit gelassen. Ich denke, hier wird es etwas angespannter ablaufen. Wie schnell wir das schaffen … Weiß nicht. Sex auf Kommando ist nicht so meins. Wieso fragst Du?”

“Die Runen halten nicht ewig. Und nur um Dich zu beruhigen: Ich hab das auch noch nie gemacht.”

“Keine Sorge. Wie schon gesagt: Der menschliche Körper gewöhnt sich relativ schnell an dieses Klima hier. Allerdings sollten wir hier auch nicht ewig bleiben, denn es bestehe auch die Gefahr einer Sauerstoffvergiftung. Wir sollten daher einfach mal anfangen.”

Schnell bildete sich aus der gemischten Gruppe zwei homogenere Teilgruppen. Die einen waren mit riesigen Schwertern und anderen schweren Kampfgerät bis an die Zähne bewaffnet, während die andere Hälfte im direkten Vergleich gutbürgerlicher nicht aussehen konnte. Da Eggsy und Johannes während dieser Zeitreise die Reiseleiter waren und entsprechend gewitzt ihre Gäste begleitet hatten, übernahmen sie nun die Koordination, um alle aufzustellen. Sie bildeten einen großen Kreis um die beiden herum, immer abwechselnd einen Schattenjäger und einen der Zweiundvierzig. FX und Emil befanden sich nun auf dem Präsentierteller.

“Es ist schon etwas anders als unter der Dusche, nicht wahr?”

“Geringfügig.”

Der Kreis, in dem die beiden standen, war zwar mit knapp fünfzig Metern Durchmesser relativ groß und bot einen halbwegs ausreichenden Abstand zwischen den Beiden und ihren Beobachtern außen herum, dennoch war den beiden Freunden alles andere als wohl zu mute.

“Meinst Du, das klappt auch angezogen?”

“Ich habe keinen expliziten Klamottenfetisch, weshalb es mir eigentlich egal ist, ob der sexy Kerl mir gegenüber angezogen, halbnackt oder im Adamskostüm vor mir steht. Aber zumindest in der Hose sollte ein Bisschen Freiheit sein, oder?”

Emil riss die letzten Fetzen seines T-Shirt herunter und ließ zur Aufmunterung von FX etwas seine Muskeln spielen. Natürlich wusste er, dass ihm das sehr gefällt. Gleichzeitig machte er einen Schritt auf FX zu, der ihn um mehr als eine Kopfgröße überragte, jedoch andererseits geradezu dürr war. Mit einer geschmeidigen Handbewegung riss Emil das T-Shirt von FX herunter, um gleich danach mit seiner Zunge dessen Brustwarze zu liebkosen.

“Entschuldige, Emil, aber ich kann irgendwie nicht, wenn jemand zuschaut. Und ‘jemand’ ist hier geringfügig untertrieben.”

Leider blieb die von Emil erhoffte Wirkung aus. Allerdings musste auch er zugeben, dass ihn die Lust nicht gerade überkam, sondern er aus einer Mischung aus Verunsicherung wegen der vielen Zuschauer und Hoffnung auf eine geile Nummer eine ziemlich professionelle Show hingelegt hatte. Aber es war halt nur eine Show, gespielt und nicht gefühlt. Er wollte allen zum Einen eine große Show bieten und gleichzeitig mit dem Mann herummachen, den er so anziehend fand. Und zum Anderen wollte er unbedingt allen beweisen, dass sie mit ihrer Theorie der Phasensynchronisation ihrer Energieflüsse Recht und Erfolg hatten. Aber auch Emil waren die vielen gespannt wartenden Zuschauer irgendwie unbehaglich.

Laut räuspernd sorgte FX für noch mehr Aufmerksamkeit, die sich nun ungeteilt auf ihn richtete. Er hob die Hand und ließ den Zeigefinger in der Luft kreisen. Er bat um etwas mehr Diskretion und darum, dass alle bitte nach Außen schauen mochten.

Johannes war mehr als nur betrübt, hatte er sich doch einen Soft-Porno mit Dinosauriern im Hintergrund erhofft. Aber dennoch war er der Erste, der die Zeichen von FX richtig deutete und umsetzte. Mit einem innerlichen Seufzen drehte er sich um und blickte frustriert in die weite Ferne der Savanne und musterte fasziniert das nicht enden wollende Blumenmeer. Verdutzt begann er zu Grübeln. Irgendetwas fehlte hier ganz eindeutig, doch wusste er nicht, was es sein sollte. Er war nicht oft in dieser Epoche, zumal es hier ja nicht besonders viel zu tun gab, aber hin und wieder verschlug es ihn in seinem Urlaub hier her, um einfach mal richtig abschalten zu können und Früchte zu essen, die es später nicht mehr geben würde.

Die Schattenjäger rechts und links von ihm drehten sich nach kurzem Zögern ebenfalls um und wenige Augenblicke später blickten alle in dem riesigen Kreis aus Menschen nach außen. Alleine waren Emil und FX zwar immer noch nicht, aber zumindest hatten sie nun etwas mehr Diskretion.

“Zumindest fühlt es sich schon etwas besser an. Und diese unglaublich hohe Blumenwiese hier tut ihr übriges!”

Emil nickte und zog FX nach unten. Nun waren sie fast komplett in einem Meer aus riesigen bunten Blüten verschwunden. Diese fremden farbenprächtigen Pflanzen ließen die beiden sehr schnell vergessen, dass sie umrundet waren von einem kleinen Heer aus Freunden, deren Aufgabe es jedoch war, sie zu eliminieren, sollte ihr Versuch einer erneuten zärtlichen Annäherung wieder in einem energetischen Fiasko enden.

Der Boden unter ihnen war weich, sehr weich und lud quasi zum Hinlegen und Kuscheln ein. Emil legte sich mit freiem Oberkörper rücklings in die längst ausgestorbenen Pflanzenpracht und forderte FX mit einem kessen Augenzwinkern auf, sich zu ihm zu legen.

Natürlich ließ FX sich nicht ein zweites Mal bitten, denn jetzt war wirklich der Moment gekommen. Sowohl der Moment, ein weiteres Mal intensive Zärtlichkeiten mit Emil auszutauschen, als auch der Moment, dies in einem Land zu tun, was es so schon lange nicht mehr gab. Wer konnte schon behaupten, Sex in Gegenwart von Dinosauriern gehabt zu haben, auch wenn sie gerade nicht in Sichtweite waren.

Emil hatte sich, damit er den Kopf etwas erhöht ablegen konnte, FX’ Gipsarm geschnappt und ihn als Kopfkissen missbraucht. Er war zwar hart, aber dennoch nicht unbequem und angenehm warm. FX hingegen streichelte mit seinem freien linken Arm zärtlich die Brust von Emil und fuhr vorsichtig mit dem Zeigefinger die eine oder andere Rune ab.

“Keine Sorge, Du kannst sie nicht mit dem Finger aktivieren. Das geht nur mit der Stele. Wobei …”

“... wobei Du mir vermutlich alles Mögliche und Unmögliche zutrauen würdest, stimmts?”

Mit einem etwas sorgenvollen Nicken schnappte sich Emil sicherheitshalber die linke Hand von FX und führte sie vorsichtig zu seinem Mund. So küsste er die Finger zärtlich einen nach dem anderen. Nachdem er jeden einzelnen geliebkost hatte, fuhr er auf dem Handrücken fort und arbeitete sich mit unzähligen Küssen langsam den Arm hinauf, bis er am Hals von FX angekommen war.

Vorsichtig strich er die Dreads zur Seite, die widerspenstig immer wieder zurückfielen, ganz als wollten sie verhindern, dass Emil sein Vorhaben zu Ende brachte. Doch arbeitete sich Emil beharrlich durch die Zöpfe von FX bis er den weichen Hals seines Freundes mit seinen samtenen Lippen berührte. Emils Kopf war bedeckt von den dunkelbraunen Dreads und sein weißblondes Haar mischte sich faszinierend damit.

Zaghaft wanderte Emil mit unzähligen kleinen und größeren Küssen vom Hals hinauf zur Wange und dort weiter zur Nase. Einen letzten Kuss gab er FX auf dessen Nasenspitze, bevor er sich, wie ein Klippenspringer, auf den Mund hinunter stürzte.


Alle hatten das klitzekleine Beben bemerkt. Niemand hatte etwas unnatürliches gesehen, aber jeder hatte es deutlich gespürt. Nicht so sehr mit dem Körper, viel mehr im Inneren, im Kopf oder aber im Gefühl. Sowohl die Schattenjäger registrierten die kleine Schwankung im Energiefluss der Raumzeit, als auch die Zweiundvierzig, die genau dieselbe Signatur wieder erkannten wie damals, als Emil und FX unter der Dusche Sex hatten.

Das Experiment war gescheitert. Die beiden lagen im Gras und küssten sich, und es ging sogleich wieder los. Es würde vermutlich nur wenig Zeit vergehen, bis die beiden zum Höhepunkt kommen würden und sich erneut ein gigantischer Kurzschluss durch die Raumzeit ausbreiten würde.

Genau aus diesem Grunde hatten die Zweiundvierzig eine Zeit und einen Ort gewählt, an dem das Epizentrum solch eines Kurzschlusses möglichst wenig Schaden anrichten konnte. Wenn sich die Welle der Nullizifierung von hier aus durch Raum und Zeit in alle Dimensionen ausbreiten würde, dann würde sie überexponentiell abklingen und zu Zeiten höherer Zivilisationen vermutlich keinen bis nur geringen Schaden anrichten.

So der Plan.

Allerdings war damit die Ursache des Kurzschlusses noch lange nicht beseitigt. Und genau das war die Aufgabe der verbleibenden Schattenjäger und der verbleibenden temporalen Wächter. Ihre Aufgabe würde es sein, dafür zu sorgen, dass so etwas kein drittes Mal passieren würde. Ihre Aufgabe war es, sowohl Emil als auch FX endgültig auszulöschen und danach sämtliche Bänder, die es zwischen den beiden Gruppen gab, zu kappen. Die Sicherheit der gesamten Raumzeit stand ganz offensichtlich auf dem Spiel, wenn diese beiden so verschiedenen Gruppen näher aufeinander trafen.

Lange hatten verschiedene Gremien darüber debattiert; sowohl bei den Zweiundvierzig als auch bei den Schattenjägern, in gemischten Gruppen oder auch getrennt. Jedoch kamen alle immer wieder auf den gleichen Nenner: Sollte sich dieses Problem nicht lösen lassen, so musste es zukünftig ein für alle Mal unterbunden werden.

Auch waren sich beide Völker darin einig, dass aller Wahrscheinlichkeit nach so etwas schon einmal in der Vergangenheit oder Zukunft passiert war und dass es deswegen nur vage Hinweise auf die jeweils andere Gruppe gab, obwohl sich ihre Wege hätten schon viel früher kreuzen müssen.

Ihr grauenhafter, jedoch alternativloser Plan sah vor, dass die Schattenjäger FX und die verbleibenden Zweiundvierzig wiederum Emil liquidieren sollten, wenn das finale Experiment der beiden nicht glücken sollte.

Ohnehin hatten FX und Emil sehr dafür kämpfen müssen, überhaupt eine zweite Chance zu bekommen und die Möglichkeit zu haben, das Problem schon im Ansatz lösen zu können. Eigentlich hatte ihnen auch niemand geglaubt, dass sie auch nur im Geringsten eine Chance hatten, diesen multidimensionalen Kurzschluss zu verhindern. Aber vermutlich wollte man den beiden jungen Menschen noch eine letzte Chance auf etwas Sex nicht verwehren.

Nachdem ein jeder den Mikro-Kurzschluss bereits gespürt hatte, ging ein Zucken durch alle im Kreis stehenden Menschen. Jeder griff nach seinen Waffen und sie waren alle zum Sprung bereit, um sich umzudrehen und den Feind der gesamten Menschheit, der aber auch gleichzeitig ihr innigster Freund war, auszulöschen.

Es war Johannes, der sie alle, die Schattenjäger und die Zweiundvierzig zur Räson brachte. Diese kleine energetischen Vibration der Raumzeit, die sie alle gespürt hatten, der sollte bei Weitem noch nicht der Startimpuls für den finalen Schlag sein. Noch nicht. Dafür war die Welle aus Energie viel zu klein und unbedeutend. Selbst beim Sex mit normalen Menschen ging es mitunter heftiger zu, als das, was sie hier gerade zu spüren bekamen. Alle im Kreis waren gerade bis aufs Äußerste gespannt und hochsensibel für jedwede Irregularität.

So ganz hatte er nicht daran geglaubt, dass er diese vielen Menschen so einfach mit nur einem kurzen Gedanken zurückhalten konnte. Aber es war ihm dennoch gelungen. Sein eigener emotionaler innerer Impuls erreichte alle umstehenden gleichermaßen und forderte sie so zum Abwarten auf. Aber vermutlich war ohnehin niemand der hier Anwesenden darauf erpicht, zwei unschuldige Menschen beim Sex zu töten, weshalb sie sich sehr gerne davon abbringen ließen.


Doch ein jeder in dem Kreis und in dessen Mitte wusste, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht war. Zwar waren Emil und FX mittlerweile vom zärtlichen Küssen zu einem wilden Knutschen übergegangen und gerade dabei, sich auch den Rest ihrer Kleidung zu entledigen, jedoch war auch ihnen klar, dass sie gleich ganz großes Glück haben mussten, oder aber sie mit einem Orgasmus von dieser Welt gehen würden.

Während die Beiden in der Mitte des Kreises nun nackt wie Adam und Adam im Paradies Sex hatten und kurz vor dem Höhepunkt standen, machte sich die Anspannung im Kreis um sie herum immer breiter. Sie alle fühlten, wie sich erneut eine Blase um das Liebespaar herum bildete, eine Blase, die immer größer wurde und beim Platzen mit dem Orgasmus den verheerenden Kurzschluss in Raum und Zeit hinaus schießen würde. Auch wenn niemand der Wächter in den inneren Kreis blickte, so spürten sie doch alle die unglaubliche Energiemenge, die sich gerade dort aufstaute und die in wenigen Augenblicken zur Entladung kommen sollte.

Die Blase um die Beiden herum wurde größer und größer, wurde immer weiter mit Energie geladen und drohte sogleich zu zerbersten. Im Kreis waren nun alle sowohl seelisch wie körperlich bis aufs äußerste gespannt. Aber auch zwischen Emil und FX war die Spannung mehr als geladen. Sie beide waren nur Sekunden davon entfernt, sich zu entladen.

Ihre Zungen ineinander verschlungen kamen die beiden gleichzeitig zum Orgasmus und als hätten sie es abgesprochen, spritzten sie beide senkrecht nach oben, der Sonne entgegen.

Im Kreis um sie herum machte sich sogleich Verwirrung breit. Sie alle hatten die unglaubliche Energiemenge der Beiden gespürt und die stetig größer werdende Blase aus reiner Energie die mit dem Platzen das Epizentrum des Kurzschlusses in der Raumzeit bilden sollte.

Doch es kam ganz anders, als sie dachten, denn die Blase um die beiden Verliebten herum explodierte nicht in den erwarteten Kurzschluss, nein, mit dem Orgasmus von Emil und FX implodierte sie und verschwand. Es gab keinen Kurzschluss in der Raumzeit. Es herrschte lediglich die wundervolle Stille nach dem Sex und ein leichtes Schnaufen der ausgelaufenen Protagonisten.

Übrig blieb eine gehörige Portion Eiweiß, die FX und Emil gerade in die Wiese gesprüht hatten.

Mit einer Mischung aus Verwirrtheit und Erleichterung öffneten sie die Augen. Sie blickten abwechselnd in die Sonne und sich in die Augen, ließen ihre Blicke entlang der riesigen Blumen schweifen. Erschöpft ließen sie sich zurück ins weiche Gras fallen, wo sie kurz darauf Arm in Arm einschliefen.


“Hej, Ihr zwei Süßen, ich störe Euch ja nur sehr ungern. Eigentlich würde ich mich noch viel lieber zu Euch legen. Aber wenn Ihr noch einen Dino sehen wollt, dann solltet Ihr Euch zumindest mal aufrichten, idealerweise sogar etwas anziehen! Wie seht Ihr eigentlich aus? Total vollgekleckert!”

Johannes hatte mit großer Erleichterung den Kreis aufgelöst und sich nach einer kleinen Entspannungspause dem Pärchen vorsichtig genähert.

“Es hat funktioniert.”

Die Freude stand FX sichtlich ins Gesicht geschrieben.

“Offensichtlich.”

Manchmal konnte er Emil für dessen Nüchternheit und seine monotone Stimmlage allerdings auch einfach nur einen Klapps auf den Hinterkopf geben. Aber alleine die Tatsache, dass Paul das in regelmäßigen Abständen schon übernahm, ließ ihn kurz innehalten. Schließlich entschied sich FX aber doch dazu, seinen Partner hier freundschaftlich zu maßregeln. Mit seinem Gipsarm klopfte er ihm vorsichtig an den Kopf.

“Autsch, Du Arsch!”

“Hej, vorsichtig, ich bin behindert!”

“Ja, im Kopf!”

“Emil, FX, Kinder, reißt Euch zusammen und schaut gefälligst nach oben! Dort am Himmel kreist schon seit einiger Zeit ein riesiger Flugsaurier und wirft einen Schatten hier auf die Erde, dass man denkt, es wird Nacht!”

Ihre Blicke folgten dem ausgestreckten Arm von Johannes, den es jedoch gar nicht bedurfte, denn weit über ihren Köpfen drehte eine riesige Flugechse geräuschlos ihre Kreise. Man sah einen tiefschwarzen Schatten über die Landschaft gleiten und dort, wo es dunkel wurde, stoben unzählige kleine Tiere aus dem Dickicht und flohen geradewegs vor der Dunkelheit.

Was diese kleinen und mittelgroßen Tiere jedoch nicht wussten oder sahen, war, dass sie genau in die Richtung einer kleinen Herde an Dinosaurier aufgescheucht wurden und nun ihrerseits in den sicheren Tod flüchteten.

“Sie arbeiten zusammen!”

Johannes flüsterte nur, so unglaublich fand er das tierische Schauspiel gerade.

“Nun”, die tonlose Stimme konnte nur von einer Person kommen, “nicht anders machen wir das ja auch. Ab jetzt.”

“Und bis in die Ewigkeit!”

Voller Zuversicht streckte FX seine Hand aus, um mit Emil stellvertretend für die gesamte Welt der Schattenjäger einen neuen Pakt zu schließen, der ihre Zusammenarbeit für die Zukunft besiegelte. Sie hatten ihre energetische Inkompatibilität beseitigt und sich und ihre Völker gegenseitig synchronisiert, so dass es zukünftig zu keinem Kurzschluss mehr in der Raumzeit kommen sollte.

„Ich hätte da noch eine Frage.”

„Es war klar, dass diese Frage von Dir kommt, Eggsy: Ja, unser Sex war geil! Sehr geil sogar!”

„Nein, FX, das wollte ich nicht wissen. Das hab ich schon vermutet, so wie das hier aussieht. Meine Frage ist vielmehr: Schön, dass es bei Euch geklappt hat. Aber was ist mit dem Rest? Müssen jetzt alle von uns ins Bergwerk zum Floaten? Und was ist mit den Schattenjägern. Die sind ja schon ein paar mehr, als wir.”

Stille breitete sich aus in der Kreide-Zeit. Selbst das Rascheln der Tiere im Dickicht der Blumen schien zu verstummen.

Paul trat heran, hatte er mit etwas Abstand doch Eggsys berechtigten Einwand gehört. Eigentlich wollte er seinem Mann noch etwas Ruhe nach dem Sex gönnen, gesellte sich nun aber zu der kleinen Gruppe, da die Stimmung nun ohnehin ruiniert war.

„Eggsy, ich hab keine Ahnung, wie Ihr funktioniert, aber von unserer Seite kann ich definitiv Entwarnung geben. Wir sind über unsere energetischen Ley-Linien miteinander verbunden und haben daher die neue synchronisierte Phase aufgenommen.”

Um seine Aussage zu unterstreichen, gab er Eggsy einen Kuss auf die Wange, der zumindest aus energetischer Sicht her folgenlos blieb.

Lesemodus deaktivieren (?)