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Quartett
Teil 68 - Tank
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Informationen
- Story: Quartett
- Autor: ratte-rizzo
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Science Fiction, Fantasy und Mystery
74. Tank
“Du scheinst nicht recht voran zu kommen. Irgendwie machst Du einen total frustrierten Eindruck auf mich.”
Henne spürte eine große Welle der Resignation von FX ausströmen. Wenn er nicht in den letzten Tagen so viel mit Paul geübt hätte, dann würde ihn so viel Frustration und Traurigkeit jetzt ebenfalls erheblich runterziehen. Aber dank des unermüdlichen Trainings mit seinem Empathie-Mentor hatte er deutliche Fortschritte machen können. Paul hatte ganz gezielt seine Emotionen aktiviert und deaktiviert und so die Menge an Emotionen, die er für Henne ausstrahlte, gut dosiert. Henne seinerseits hatte an seinem Schutz- und Filtermechanismus gearbeitet, so dass er jetzt ziemlich gut steuern konnte, ob und wie viel Gefühle anderer er an sich heranlassen wollte. So gesehen war Hennes Empathie-Training sehr erfolgreich gewesen. Wenn er nicht allzu ausgelaugt war, konnte er sogar die gleichzeitige Anwesenheit von Paul und Emil aushalten, ohne dass diese sich zurücknehmen mussten.
Innerlich zuckte FX zusammen, als er so offen von Henne auf seinen Zustand angesprochen wurde. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er seine emotionale Schutzhülle derart hatte fallen lassen, weshalb er jetzt reflexartig eine volle Kehrtwende vollzog und seine gesamten Emotionen hinter einer soliden Brandmauer versteckte.
Das wiederum kam so plötzlich, dass Henne vor Schreck zusammenzuckte, weil er solch eine Aktion weder kannte noch erwartet hatte. Im gleichen Moment tat es FX leid, dass er so heftig reagiert hatte. Wohl dosiert, aber nicht ruckartig, ließ er seine Emotionen wieder durch die Schutzmauer hindurch, so dass Henne ihn wieder spüren konnte. Gleichzeitig nahm er Henne mental in den Arm und entschuldigte sich bei ihm, dass er so ruppig und unbedacht gehandelt hatte.
Zu dritt saßen sie im Innenhof der Burg auf einer Decke und genossen ihre Freizeit. Michel war mit Emil und Paul im Fitnessstudio zum Trainieren.
“Diggi, es kann doch nich sein, dass es für das Problemchen keine Lösung gibt.”
“Also Ben, wenn wir von einem Kurzschluss in der gesamten Raumzeit sprechen, dann ist das wohl eher kein ProblemCHEN, oder?”
“Jo, Henne, ich mein ja man nur. Aber Diggi, es gibt doch immer für alles eine Lösung.”
“Ja, die gibt es auch und ich bin mir erstens sicher, dass sie funktioniert und dass sie zweitens schon mindestens einmal angewendet wurde!”
“FX, nichts für Ungut, aber selbst wenn Du, beziehungsweise Ihr, diese triviale Lösung des Verbannens und Vergessens angewendet haben solltet, dann war sie nicht sonderlich erfolgreich, sonst wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.”
“Recht hast Du, Henne, aber wenn man das nur alle paar tausend Jahre machen muss, dann ist das den Aufwand und den Konsequenzen durchaus wert. Ich hab das schon mit unserem Club durchgesprochen.”
“Diggi, ich möchte die Zeit mit den beiden Süßen nich vergessen.”
“Ich auch nicht”, seufzte FX, “aber manchmal gehts halt nicht anders.”
“Ja, aber was, wenn Ihr Euch in Eintausend Jahren wieder trefft, Sex habt und dann implodiert hier alles?”
“Kalkulierbares Restrisiko.”
“Unfug, Diggi, reiner Unfug!”
“Ben, ich bin für jede andere Idee sehr dankbar. Aber ich hab einfach keine. Niemand hat eine. Die Zweiundvierzig nicht. Die Schattenjägern auch nicht. Wir sind schlichtweg leer.”
Frustriert warf FX seinen halb aufgegessenen Apfel einmal quer über die Wiese, um ihn danach verstohlen wieder wie mit einem Jojo per Telekinese zurück zu holen. Vorsichtig blickte er in alle Richtungen, aber anscheinend hatte niemand seine unvorsichtige Aktion bemerkt.
“Es kann doch nicht so schwierig sein, Diggi. Unterm Strich ist das doch alles nur eine Frage von Energie, deren Flüssen und vielleicht noch einer Phasenverschiebung, weil ihr ja ohnehin so unterschiedliche Typen seid.”
Verwundert starrten FX und Henne ihren Freund an, der nun seinerseits genüsslich in einen Apfel biss, und es sogleich bereute, als sich erst die Brackets seiner Zahnspange darin verfingen und dann gleich zwei von ihnen mit einem leisen Knacken abbrachen.
“Och nö, wasn das nu wieder fürn Mist?”
“Ben, wie machst Du das denn nur immer?”
Henne und FX sprachen zwar den gleichen Satz der Verwunderung aus, meinten jedoch vollkommen unterschiedliche Aspekte.
Während Henne sich wieder einmal köstlich über Ben und seine Zahnspange amüsierte, schaute er belustigt zu, wie er die beiden abgebrochenen kleinen Metallplatten vorsichtig wieder ausspuckte, gefolgt von vier Gummibändern. Die verbleibenden beiden Gummis pulte Ben sogleich aus seinem Mund, wobei der sich größte Mühe gab, dass seine Freunde nicht in seinen offenen und noch halb mit Apfel gefüllten Mund starren mussten. Viel Erfolg hatte er dabei jedoch nicht, weshalb Henne ihm freundschaftlich zur Hand ging und mit seinen kleinen geschickten Fingern Ben im Nu von den verbleibenden Quälgeistern befreite. Er schüttelte den Kopf und blickte Ben tief in die Augen. Dieser zuckte nur mit den Schultern.
“Wie lange hast Du diese Schneeketten schon? Und wie lange brauchst Du sie noch? Wann gewöhnt Du Tollpatsch Dich endlich daran? Dein Silberlächeln ist so bezaubernd, aber Du schaffst es irgendwie immer wieder, wie ein Elefant im Porzellanladen alles kaputt zu machen!”
“Danke, Diggi, aber ich glaub, ich muss morgen zum Kieferorthopäden. Das ja blöde! Is mir ja schon ewig nich mehr passiert!”
“Ach Ben, ohne Dich wäre das Leben echt langweilig. Darf ich Dir auch Mal in Deinem Mund herumfummeln wie Henne? Dann sparst Du Dir den Tagesausflug hier aus der Pampa in die Stadt.”
“Diggi, aber nich wieder alles zubinden! Das war nich schön!”
“Ich fands süß!”
“Ich auch!”
“Wer ist hier süß?”
Die drei Anderen waren offensichtlich mit dem Sport fertig und schlenderten gerade über die Wiese.
“Ben war süß mit seinem Silberlächeln neulich, mit seiner Diät-Spange!”
“Blödmann!”
“Da muss ich Henne aber Recht geben, ich fand sein Silberlächeln auch ganz bezaubernd. Nur beim Blasen war er etwas passiv.”
“Ihr hattet Sex?”
Vier von sechs Köpfen wussten nicht, wen sie zuerst anschauen sollten: Ben oder Michel. So war es fast wie bei einem Tennisspiel, dass die Köpfe zwischen den beiden Freunden ständig hin und her flogen.
“Ja, hatten wir. Wieso nicht, Paul? Hätten wir das anmelden müssen?”
“Naja, ich weiß nicht so recht, wie ich mir das vorstellen soll. Der eine kann nicht blasen, weil sein Mund verschlossen war. Dem anderen kann man keinen Blasen, weil sein Schwanz verschlossen ist. Ich finde das irgendwie etwas einseitig, oder? Da hat doch nur einer Spaß beim Sex.”
“Ich sehe schon, ich kann mich für Deine Lektion beim Kampfsport-Training eben mit einer Lektion in Sachen Sex revanchieren, denn Sex, mein lieber Paul, fängt im Kopf an, nicht zwischen den Beinen!”
“Nichts lieber, als das! Von Dir lassen ich mir gern eine Lektion erteilen!”
Paul war bereits aufgesprungen und wollte seinerseits Michel mit sich ziehen um in einem der Zimmer zu verschwinden, als er von FX aufgehalten wurde. Ihm gelang es im letzten Moment, den Schattenjäger am Knöchel zu fassen und ihn mit einem kleinen Ruck wieder zu Boden zu reißen. Natürlich wusste Paul, was FX vor hatte und dass er nichts Böses im Schilde führte, also spielte er mit und ließ sich gekonnt fallen und fing sich mit einer kleinen Rolle ab.
“Nicht so schnell, Du umtriebiges Wesen! Ich brauche Euch hier noch für einen Augenblick, denn unser lieber Ben hatte einen genialen Einfall, der uns vielleicht wirklich den Arsch retten könnte.”
“Den Arsch retten? Ich wollte Paul doch gerade zeigen, dass man auch ohne Blasen und Ficken geilen Sex haben kann.”
“Michel, was ist denn los mit Dir? So rattig kenn ich Dich gar nicht!”
“Hej, wann hat man schon mal die Chance, mit so einem sexy Kerl ins Bett zu steigen?”
“Jederzeit! Du hast nur nie gefragt.”
“Oh.”
“Diggi, können wir vielleicht mal wieder etwas ernster werden? Meine Zahnspange ist kaputt, FX wollte sie gerade reparieren und außerdem hatte ich gerade noch einen genialen Gedanken!”
“Ja, stimmt, was war das noch gleich, Ben?”
“Weiß nich …”
Beschämt blickte Ben zu Boden, denn er wusste überhaupt nicht, was FX vorhin gemeint haben könnte. Dennoch fand er es cool, dass er anscheinend gerade eine große Hilfe gewesen sein musste, bei was auch immer.
Ben setzte sein bestes Lächeln auf, was er bieten konnte, um FX seine kaputte Spange mit den beiden fehlenden Brackets zu präsentieren. Freudig wartete er drauf, dass sein Freund sie mit Zauberhand wieder reparieren würde, denn die Fahrt zum Kieferorthopäden in der nächsten Großstadt dauerte mehrere Stunden. Leider bot die Universität dafür keinen Service an. Das war eine der wenigen Dinge, die in dieser Elite-Universität keine Rolle spielte, denn wer hier herkam, hatte in aller Regel perfekte Zähne.
Mittlerweile standen die von Ben ebenfalls in Reih und Glied, aber er fand seine Spange irgendwie cool, auch wenn er das vor den anderen nie zugeben würde. Und außerdem fühlte er sich ohne sie irgendwie nackt, weshalb er kurzerhand beschlossen hatte, sie nicht entfernen und durch eine unsichtbare Installation ersetzen zu lassen, wie es eigentlich üblich war. Auch wenn ihn die Spange hin und wieder zur Weißglut trieb.
Er war noch so sehr in seinen Gedanken verloren, dass er gar nicht bemerkte, dass FX schon lange fertig war, und die beiden abgebrochenen Teile längst wieder sicher fixiert waren. Nun war sein Lächeln wieder perfekt und er fühlte sich komplett. Ben freute sich und ließ sich entspannt ins weiche Gras zurückfallen.
Nun war es an FX, Bens Idee zu wiederholen, die seiner Meinung nach das Kurzschlussproblem zwischen den Zweiundvierzig und den Schattenjägern lösen könnte. Denn Ben hatte beiläufig etwas aus der Vorlesung wiederholt, war eigentlich ganz offensichtlich war: Die Phasenverschiebung der einzelnen Energiewellen. Seine Vermutung war nun, dass sich die Beteiligten nur synchronisieren müssten, damit ihre Energieströme kompatibel würden und harmonisch schwingen konnten. Zur Zeit, das hatten sie ja bereits eindrucksvoll bewiesen, waren ihre energetischen Wellen eher in entgegengesetzter Phase und löschten sich damit bei Berührung gegenseitig aus. Und mit ihnen die gesamte Energie der Raumzeit.
“Einfach nur synchronisieren …”
Emil wiederholte den essenziellen und gleichzeitig auch schwierigsten Teil von FX’ Monolog. Durch die gleichförmige, fast roboterhaften Stimme von ihm klang diese Aufgabe tatsächlich nüchtern und machbar.
“Die Frage ist nur, wie!”
“Es muss einen Weg geben, so viel ist klar, weil Ihr Schattenjäger die Energie für Eure Runen aus dem natürlichen Netzwerk der Energieflüsse bezieht, wie Ihr es genannt habt.”
“Die Ley-Linien, genau.”
“Richtig, das war der Name, der mir entfallen war. Und wir Zweiundvierzig wiederum sind mit dem Universum per Du und können es in gewissen Grenzen formen und biegen, so dass wir das erreichen, was wir wollen. Wir sind also auch ein Naturvolk, ähnlich wie Ihr.”
“Wir müssten beide Arbeitsweisen quasi nur synchronisieren.”
“Wir brauchen einen extrem ruhigen Ort, damit wir uns auf uns und unsere Energien konzentrieren können.”
“FX, wohin hast Du uns denn nun gebeamt?”
Gerade noch waren Emil und FX zusammen mit den anderen in der Universität und einen Augenblick später an einem unwirtlichen Ort. Auch hier war es weiß. Nahezu überall weiß. Aber nicht so unendlich wie im Weiß der Universellen Vermittlung. Ganz im Gegenteil. Dieser Raum sehr groß, aber dennoch war er ziemlich begrenzt. Das indirekte Licht glitzerte geheimnisvoll in den weißen Wänden bis hoch oben in die Kuppel.
Dieser Raum, sofern man das überhaupt so nennen konnte, schien mehr oder weniger eine Halbkugel zu sein. Sie waren ganz offensichtlich in einem Bergwerk, in einem Salzstock. Zu Emils Freude war es hier jedoch weder dunkel noch eng, sondern das genaue Gegenteil war der Fall. Sie schienen in einer riesigen Höhle zu sein, deren Decke zig Meter über ihnen der Schwerkraft und der Last des Gesteins darüber zu trotzen schien. Die glitzernden Wände vermittelten überhaupt keine Enge, sondern eine filigrane Leichtigkeit, wie man sie unter Tage kaum erwarten würde.
“Naja, technisch gesehen habe ich uns nicht gebeamt, sondern teleportiert. Beamen wird erst in etwa einem Jahrhundert erfunden.”
“Ich wäre Dir dennoch dankbar für einen generellen Überblick und weniger Details.”
Zwar fühlte sich Emil in der Anwesenheit von FX durchaus sicher, jedoch widersprach es seiner Denk- und Handlungsweise als Schattenjäger, sich in fremder Umgebung ohne Kenntnis der Lage zu bewegen. Zu groß waren in der Regel die Gefahren, die auf ihn lauerten.
“Entschuldige, Emil. Also, meinem Plan nach brauchen wir einen ruhigen Ort, wo wir uns ganz auf uns und unsere Energieformen konzentrieren können, damit wir sie synchronisieren. Unsere Chefin vom Club of Rome hat irgendwie ein Faible für unterirdische Bauwerke. Frag mich nicht, ist einfach so. Meistens treffen wir uns in pompösen U-Bahn Stationen. Aber sie mag auch andere abgefahrene Orte. Und sie hatte wohl noch einen Gefallen offen, weshalb wir uns jetzt in einem der größten Salzbergwerke im nördlichen Kanada befinden.”
Die Salzmine, die FX ausgesucht hatte, lag viele Kilometer unter den US-Kanadischen Seen und beherbergte eine ganze Stadt. In verschiedenen Kavernen gab es dort Wohnhäuser, um die Pausen zu verbringen, eine Krankenstation, Werkstätten und Tankstellen sowie eigene Buslinien, um das hunderte von Kilometern umfassende System an Höhlen zu vernetzen.
Die Höhle, in der sie sich gerade befanden, hatte die Größe eines Fußballstadions. Das Ende war vom Eingang her fast nicht sichtbar, auch die Decke schien in schwindelerregender Höhe zu enden. Sie schienen vollkommen alleine hier zu sein und die Stille war angsteinflößend. Durch die gigantischen Abmessungen kamen sich die Beiden sehr verloren und klein vor. Ihre Worte hallten an den Wänden wider und es erklang ein dumpfes Echo.
“Und hier willst Du jetzt in Klausur gehen? Wir werden ordentlich ins Schwitzen kommen, es ist fürchterlich warm hier, wenn ich ehrlich sein soll.”
“Das ist durchaus beabsichtigt, Emil. Die Temperatur in der Erde nimmt mit steigender Tiefe durch den Druck des Massivs darüber kontinuierlich zu. Ich habe diesen Ort ausgesucht, weil wir hier erstens Ruhe und zweitens exakt 37 Grad haben.”
“Körpertemperatur.”
“Korrekt. Darf ich Dich bitten, Deine Kleidung abzulegen? Wir müssen dort vorne hin, in die Mitte der Halle.”
Beide legten ihre Kleidung ab und stapelten sie sorgfältig zusammengelegt auf einem kleinen Tisch an der Wand aus purem weißen Salz. Ihre Körper hätten unterschiedlicher nicht sein können. Emil, durchschnittlich groß aber überdurchschnittlich trainiert. In dem diffusen Licht vor weißem Hintergrund schien der blasse Emil mit seinem silbrig-weißen schulterlangen glatten Haar fast zu verschwinden. Um so markanter waren die tiefschwarzen Runen, die seinen gesamten Körper zierten. Es gab riesig große, die über den halben Rücken und die Flanken reichten, aber auch unscheinbar kleine filigrane Zeichen, wie an der Achillessehne.
Als Kontrast dazu war FX wie ein Strich in der Landschaft. Hochgewachsen wie ein Baum aber spindeldürr, als könnte er vom nächsten Windstoß umgeblasen werden. Seine langen Dreads wippten um seinen Kopf herum wie die Blätter einer Palme im Wind. Lediglich sein Gipsarm störte den Anblick und sorgte für eine gewisse Asymmetrie.
“Wollen wir jetzt planschen gehen, oder was?”
Mittlerweile hatten sie fast die Mitte der Halle erreicht. Überrascht stellte Emil fest, dass man hier ein großes rundes Loch gegraben und es mit Wasser gefüllt hatte. Hatte die Halle etwa die Dimension eines Fußballfeldes, so war das Loch in der Mitte etwa so groß, wie der Anstoßkreis. Es bot so ausreichend Platz für die zwei Badegäste tief unter der Erde.
“Jein. Täusch Dich nicht, das Wasser ist weniger als knietief. Also Deine Knie, nicht meine.”
“Klingt nicht nach lustigem Anbaden.”
“Es ist ohnehin Salzwasser, weil wir ja nun einmal in einem Salzbergwerk sind. Außerdem ist das eine gesättigte Lösung, sprich die Salzkonzentration im Wasser ist maximal, noch höher als im Toten Meer. Wir werden also einfach auf dem Wasser schwimmen. Aber sei vorsichtig, lass kein Wasser ins Auge kommen, das brennt extrem.”
“Kein Problem, da kann ich einfach mit meiner …”
Instinktiv griff Emil an sein Bein, um seine Stele zu zücken, stellte jedoch fest, dass er ins Leere griff. Er war nackt und hilflos in diesem Augenblick.
“Die brauchst Du hier nicht. Du brauchst nur Dich selbst. Wir werden jetzt floaten gehen und dabei Raum und Zeit vergessen. Das hier ist die XXL-Version eines Deprivationstanks.”
Sie stiegen in das warme Wasser. Es fühlte sich angenehm an. Fast schon etwas zähflüssig, wie warmer Honig. Und es war tatsächlich erstaunlich flach. Emil hatte seine Zweifel, dass er in diesem flachen Badewasser überhaupt schwimmen konnte. Seine Befürchtung war, dass er sofort mit dem Hintern auf Grund laufen würde. Doch FX bedeute ihn, dass er sich hinlegen sollte. Er folgte der freundlichen Bitte seines Freundes und ließ sich langsam rückwärts in das warme Wasser gleiten. Und tatsächlich, es trug ihn.
Er schwamm auf der Oberfläche, ohne auch nur einen Muskel zu bewegen. Es fühlte sich fast an, als wäre er schwerelos. Wie ein Hampelmännchen konnte er alle vier Extremitäten von sich strecken, ohne dass er einsank. Selbst sein Hintern schien wie von Zauberhand getragen und setzte nicht auf. So etwas hatte Emil noch nie erlebt. Dieses Gefühl der Schwerelosigkeit war tatsächlich einmalig. Mit nur kleinen Ruderbewegungen konnte er sich problemlos quer durch das Becken treiben lassen; es kostete ihn fast keinen Kraftaufwand.
“Und wenn Du jetzt noch Deinen Nacken entspannst, und Deinen Kopf etwas nach hinten fallen lässt, ist es perfekt. Deine Ohren werden vermutlich unter Wasser gehen, aber keine Angst, der Rest von Deinem Gesicht bleibt definitiv an der Luft.”
Erst jetzt stellte Emil fest, dass er sich noch gar nicht komplett entspannt hatte. Tatsächlich versuchte er noch die ganze Zeit, seinen Kopf aktiv über der Wasserlinie zu halten. Aber theoretisch sollte FX Recht haben. Wenn dieses Salzwasser seinen gesamten Körper so mühelos schwimmend hielt, warum nicht auch den Kopf.
Der erste Augenblick war komisch. Die Wasserline, die langsam von hinten her über die Ohren und dann an den Ansatz der Wangen lief, fühlte sich sehr spannend an. Wieder war da dieses ölige Gefühl, als sei das Wasser ein bisschen zähflüssiger als sonst. Die ohnehin schon leise Halle tief unter der Erde wurde noch leiser, als Emils Ohren unter Wasser gingen. Aber es war überhaupt kein unangenehmes Gefühl. Das Wasser hatte die Perfekte Körpertemperatur und es fühlte sich sehr angenehm an, wie es in die Ohren eindrang und ihn noch ein bisschen weiter in die Isolation aller Gefühle brachte.
“Ich werde mich jetzt auch hinlegen und dann werden wir beide uns durch das Wasser treiben lassen.” FX gab Emil ein Zeichen, dass er kurz den Kopf aus dem Wasser heben sollte, damit er ihn verstehen konnte. “Das Licht wird dann ganz langsam verlöschen und wir verbleiben alleine in der Dunkelheit. Ziel ist es, dass wir uns hier von allen fünf Sinnen abkoppeln und möglichst wenig äußeren Einflüssen ausgesetzt sind. Lass Deine Gedanke fließen. Ich bin mir sicher, irgendetwas wird passieren.”
Obwohl FX leiser sprach als sonst, klang es hier in der Stille viele Kilometer weit, als würde er die Worte laut herausrufen. Emil sparte sich eine Antwort, hatte er doch zu sehr Angst, dass seine Worte hier viel zu laut klingen würden. Er nickte unmerklich.
Nachdem sich FX ebenfalls ganz ins Wasser gelegt und sich sein Körper an diese faszinierende Schwerelosigkeit gewöhnt hatte, verlosch langsam das Licht in der Höhle. Zurück blieb ein pures Schwarz, was sich irgendwie nicht nur wie die Abwesenheit von Licht anfühlte, sondern es war eher so, als wären sämtliche Lichtphotonen aus dem Raum abgesaugt worden. Es war das genaue Gegenteil vom Weiß, das er sonst gewohnt war.
Emil wusste nicht, ob er die Augen offen oder geschlossen halten sollte. Es machte keinen Unterschied und so überließ er es seinem Körper, zu entscheiden, wie weit seine Lider geöffnet bleiben sollten. Jetzt, wo das Licht ausgeschaltet war, gab es keinerlei Orientierungspunkte mehr im Raum. Selbst ein Oben oder Unten war nur sehr schwer auszumachen. Luft und Wasser hatten dieselbe Temperatur, er konnte nicht einmal mehr spüren, bis wohin sein Körper ins Wasser eingetaucht war. Ein leichter Anflug von Panik breitete sich in ihm aus, weil diese Situation so untypisch war. Er kannte eine Art Schwerelosigkeit aus den Portalen, insbesondere aus dem Antipoden-Portal, als er im Iptus war. Jedoch gab es dort immer noch Licht und auch noch Vibrationen. Hier unten, mitten in der Erde, gab es rein gar nichts mehr.
Mitten in dieser Stille, Schwerelosigkeit und Entspannung jedoch, erschrak Emil. Nur mit Mühe konnte er ein Zusammenzucken verhindern was seinerseits FX erschreckt hätte. Aber dieser unbeschreibliche Moment des Seins wurde er von einem fürchterlich penetranten Stampfen und Wummern gestört. Irritiert wollte er die Augen öffnen, stellte aber fest, dass er sie schon geöffnet hatte. Es war immer noch dunkel. Das Dröhnen nahm kein Ende. Er war sich sicher, dass FX mehrfach erwähnt hatte, sie wären heute die einzigen Menschen in dem Salzbergwerk und dass alle Maschinen abgeschaltet waren.
Das Wummern und Rauschen wurde lauter und nervte ihn zusehends. Und es wurde schneller. Je mehr er sich darauf konzentrierte, desto schneller schien es zu werden. Emil konzentrierte sich nun genau auf den Rhythmus. Und tatsächlich, es wurde nun wieder langsamer. Was er hörte, waren nicht etwa Maschinen, die hier unter den großen Seen das Salz abbauten, nein, es war sein Herz und sein Blutstrom, den er so bewusst wahrnahm, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Als Schattenjäger war er es gewohnt, auf seinen Körper zu achten, auf ihn zu hören und ihn zu pflegen. Aber so intensiv hatte er sich selbst noch nie gespürt. Jetzt, wo er wusste, woher dieses Geräusch kam, tat es gut, es zu hören. Er lebte. Und schon bald verschwand es wieder aus seinem Fokus.
Doch noch immer sollte keine Ruhe einkehren in ihn und den Raum. Gerade hatte er festgestellt, dass er mit dem Zeh an den Rand des Beckens gestoßen war. Es war nicht fest und tat auch nicht weh. Es war sogar viel weniger, als eine Berührung. Es war fast wie ein Streicheln durch eine Wand aus Salz. Emils Gehirn lief auf Hochtouren, er überlegte, ob es sich mit einer ganz seichten Bewegung wieder vom Rand abstoßen sollte. Aber als er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte, musste er feststellen, dass es schon lange her war, dass er Kontakt mit dem Rand hatte und er schon wieder weiter weg gedriftet war.
Emil konnte nicht sagen, wie lange es gedauert hatte, aber er hatte den Eindruck, dass er alle Gedanken gedacht hatte, die er denken wollte und konnte. Er hatte den Eindruck, sein Kopf sei nun leer.
In seinem Kopf war es genauso Schwarz, wie in der gesamten Höhle.
In diesem Moment berührte sein Fuß und seine Hand die von FX.
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