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Quartett
Teil 67 - Schatten
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Informationen
- Story: Quartett
- Autor: ratte-rizzo
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Science Fiction, Fantasy und Mystery
73. Schatten
“Normalerweise würden wir direkt in die Zentrale hinein portalieren, aber wenn man Fremde mitbringt, löst das so ziemlich alle Alarme aus, die wir haben. Und bei Dir, FX bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, was überhaupt passieren wird.”
Die vier Freunde und die beiden Schattenjäger hatten sich in der Wohnung von Emil und Paul eingefunden. Nach langen Diskussionen, die zu keinerlei Ergebnis geführt hatten, wie sie mit dem Kontakt zwischen den Zweiundvierzig und den Schattenjägern verbleiben sollten, entschied man sich schließlich für einen vor-Ort-Termin bei Emils Sippe.
Außerdem sollte zwischen den beiden Gruppen ein direkter Austausch an Informationen stattfinden. Die Zweiundvierzig und deren Club waren mittlerweile alle komplett informiert, ausgewählte Personen hatten Emil als Erstkontakt bereits kennengelernt. Daher erachteten Emil und FX es als sinnvoll, dass nun auch die wichtigsten Schattenjäger einen Kontakt mit einem der Zweiundvierzig haben sollten.
Sowohl Emil als auch FX waren sich nicht sicher, welche Vorteile es am Ende bringen sollte, aber immerhin waren sie sich einig, dass es nicht schaden könnte, einfach mehr Informationen zu erlangen, wie die Schattenjäger und ihre Energien genau funktionierten.
Vor Allem gab es da ja auch noch das Protokoll für den ersten Kontakt sowohl bei den Schattenjägern, als auch bei den Zweiundvierzig. Dieses musste vor Urzeiten für den Fall etabliert worden sein, dass es irgendwann wieder zu einem Kontakt kommen könnte. Leider aber war dieses Protokoll in großen Teilen sehr vage gehalten und es sah auch nicht vor, was nach diesem ersten Kontakt zu tun und insbesondere zu lassen wäre. Daher brachte sie diese Information auch nicht sonderlich weiter. Aber immerhin schien es früher schon einmal einen Kontakt gegeben zu haben. Es erschien allen Beteiligten durchaus sinnvoll, diesen großen Kontakt wieder herzustellen.
Wobei FX mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass es nicht zwingend ein ‘früher’ gewesen sein musste, sondern dass dieser Kontakt auch erst in der Zukunft hätte stattgefunden haben können, die Korrektur der Schattenjäger andererseits bereits lange in der Vergangenheit angesetzt haben könnte. Ben hatte bei dieser Ausführung sogleich abgewunken und sich die Hände an die Schläfen gepresst. Anscheinend verursachten derlei komplexer temporale Verflechtungen bei ihm Kopfschmerzen. Zugegebenermaßen waren Verkettungen in der Zeitleiste immer etwas verwirrend und manchmal schwer nachzuvollziehen, auch wenn das für FX ganz normaler Alltag war.
Außerdem war FX total neugierig auf diese andere Gemeinschaft und wollte unbedingt in diese noch unbekannte Welt der Schattenjäger eintauchen. Wollte mehr Menschen von ihnen kennenlernen, herausbekommen, wie sie lebten und was deren Hauptaufgabe war. Er brannte darauf zu erfahren, wie sie organisiert waren und welche Methoden und Werkzeuge zur Wahrung der Menschheit sie ihrerseits zur Verfügung hatten. Aber natürlich würde er diese Neugierde auf ungefiltertes Insiderwissen nie offen zugeben.
“Außerdem glaube ich, dass es für Dich viel spektakulärer ist, wenn wir erstmal außerhalb unserer Zentrale aufschlagen. Du kannst es bestimmt kaum erwarten, einen Blick hinter die Kulissen unserer Welt zu werfen, oder?”
Die Röte schoss FX unmittelbar in den Kopf und es war ihm furchtbar peinlich, so ertappt worden zu sein. Aber Emil hatte den Nagel schlichtweg auf den Kopf getroffen. Verlegen wandte sich FX ab und verdeckte sein Gesicht so gut es ging mit der Hand, damit man seinen hochroten Kopf nicht sah, was natürlich vollkommen vergebens war.
“Und Paul? Du bleibst hier bei uns?”
Michel wollte etwas vom Thema ablenken, damit der arme FX wieder aus der Schusslinie geriet, wofür dieser sehr dankbar war.
“Ja, im Sinne des Protokolls für den Ersten Kontakt obliegt es alleine Emil, FX in Empfang zu nehmen, weshalb ich hierbleiben werde. Wir sind zwar nur sehr ungerne getrennt voneinander, aber einer muss ja hierbleiben und auf Euch aufpassen.”
“Diggi, wir sind doch keine Kin…”
“Beeeheen, er hat einen Scherz gemacht!”
“Oh.”
Nun war es an Ben rot anzulaufen, weil er den Witz von Paul nicht verstanden hatte. Aber Paul entschärfte die Situation sogleich, indem er Ben einfach nur in den Arm nahm und den kleinen Skaterboy fest drückte. Ben seinerseits ließ das nur zu gerne über sich ergehen, genoss er es doch, von diesen muskulösen Armen umschlungen und festgehalten zu werden. Leider währte dieses kleine Intermezzo viel zu kurz, wie er bedauernd feststellen musste.
Das Portal, was sich gerade hinter ihnen schloss, war winzig im Vergleich zu dem Antipoden-Portal, das FX im Innenhof der Universität gesehen hatte. Dieses hier war vom Durchmesser gerade ausreichend, dass Emil hindurch gehen konnte. Er, FX, musste sich dagegen schon bücken, um nicht mit dem Kopf gegen den oberen Rand zu stoßen. Wobei er sich auch nicht sicher war, ob man sich daran überhaupt hätte stoßen können. Allerdings wollte FX auch nicht Emil danach fragen, weil ihm diese Frage zu unwichtig vorkam.
Vor einem Augenblick waren sie noch im Zimmer in der Universität und Emil hatte mit seiner Stele und einer komplexen Bewegung das Portal geöffnet. Ben wusste es natürlich besser, durfte er Emils Stele ja schon einmal benutzen. Dennoch konnte er sich einen Kommentar über Zauberer und sprechenden Hüte nicht verkneifen und musste sich im Gegenzug dafür anhören, dass dieser „Zauberstab“ kein solcher war, sondern eben eine Stele. Außerdem gäbe es keine Zauberer, diese seien nur ein alberner Unsinn einer transphoben Autorin.
Sie schritten durch das Portal und tauchten an einem Strand wieder auf. Reflexartig sah sich FX um, um die Lage zu sondieren. Es war ein schöner Sommertag und der Strand voller Badegästen, gleichwohl nahm niemand von ihnen Notiz. Fragend zog er die Schultern hoch und blickte Emil an.
“Eigentlich ist es verdammt auffällig, so zu reisen, da hast Du recht. Aber als Schattenjäger hat man den Vorteil, dass man sich auch unsichtbar machen kann – zumindest gegenüber normalen Menschen. Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, ob das bei Dir auch funktionieren würde, aber anscheinend haben wir Glück gehabt. Die Rune der Unsichtbarkeit funktioniert offensichtlich auch bei Temporalen Fängern. Willkommen in Alicante!”
Die Schattenjäger hatten diesen mittelgroßen Ort am spanischen Mittelmeer als ihre Europa-Zentrale auserkoren. Anscheinend war dieser Ort groß genug, um die nötige Infrastruktur zu bieten, die eine Zentrale braucht, aber nicht zu groß, als dass sich zu viele Schattenjäger hier gleichzeitig aufhalten konnten. Diese würden schließlich an anderen Orten der Erde fehlen. Emil erwähnte weiterhin, dass es auf allen Kontinenten solche Zentralen gab. Ferner natürlich noch ein weit verzweigtes Netzwerk an kleineren Ablegern.
“Und wohin müssen wir jetzt? Ich meine, es ist zwar schön hier, aber am Strand werdet Ihr Eure Zelte vermutlich nicht aufgeschlagen haben. Dafür herrscht hier doch ein bisschen zu viel Trubel. Tarragona wäre da naheliegender gewesen, wenn es unbedingt der Strand sein sollte.”
“Nein, wir sind nicht am Strand, aber wir haben einen genialen Ausblick darauf.”
Emil wies auf einen Tafelberg direkt oberhalb des Strandes, der fast wie künstlich dort hingesetzt erschien, jedoch schon immer da gewesen sein musste. Der gesamte Ort mit seiner historischen Altstadt war rund um diesen Berg entstanden. Die Menschen siedelten sich mit Vorliebe im Schutz des Berges an. Einige wenige steile Treppen waren in den Felsen gemeißelt worden und führten den Berg hinauf, der wie ein Zuckerhut über der Stadt zu thronen schien. Und oben auf dem Plateau erkannte man die kläglichen Überreste einer Festung.
“Dieser Berg dominiert den Ort schon gewaltig! Irgendwie beeindruckend und traurig zugleich.”
“Nun ja, wir können nicht nur Menschen unsichtbar machen.”
Erneut wedelte Emil mit seiner Stele und mit einem Flimmern wie das einer Fata Morgana in der Wüste erschien auf dem Tafelberg eine riesige gotische Kathedrale. Unzählige Türme und Zinnen schmückten das Bauwerk und die langen Fenster versprachen von innen ein ganz besonderes Farbenspiel.
“Nun, das ist in der Tat angemessen.”
Nur mit Mühe konnte FX seine Sprachlosigkeit überwinden und konterte trocken aber mit einem Augenzwinkern.
Obwohl diese Kathedrale mit ihrer filigranen und gen Himmel strebenden Bauweise so zerbrechlich und empfindlich aussah, war sie dennoch eine Festung. FX erkannte unzählige sichtbare und unsichtbare Sicherheitsvorkehrungen. Er war sich daher sicher, dass es noch viel mehr Dinge gab, die seinen Augen im Moment verborgen blieben. Denn er konnte sie spüren, auch wenn sie gerade unsichtbar waren.
Kaum, dass sie die Sicherheitsschleusen und Kontrollen passiert hatten, standen sie im Hauptschiff der Kathedrale, die so gar nichts Sakrales mehr hatte, sondern einer Kommandozentrale glich. Die bunten Kirchenfenster konkurrierten mit unzähligen riesigen Monitoren, die ihrerseits allerhand farbig aufbereitete Informationen feilboten.
An diesem Ort schien alles zusammenzulaufen und jeder dachte sofort, dass es sich hierbei um das Hauptquartier handeln könnte. Um möglichst viele Eindrücke in sich aufzusaugen, ließ FX seinem Geist freien Lauf und öffnete sich all den Eindrücke ohne sie zu filtern. Das Sortieren und Katalogisieren der Informationen würde er zu einem späteren Zeitpunkt machen, denn er war sich sicher, dass er früher oder später darüber berichten musste. Aber erst einmal speicherte er alles einfach nur in seinen Gedächtnispalast.
Die Chefin mit ihrem Hang zu U-Bahnhöfen könnte sich von diesem Pomp durchaus eine Scheibe abschneiden. Natürlich gab es auch beeindruckende Bahnhöfe, aber FX war der Meinung, dass es viel mehr atemberaubende Kathedralen gab als Bahnhöfe. Vielleicht sollte er der Chefin einen neuen Treffpunkt für seinen nächsten Einlauf vorschlagen.
“Täuscht es, oder ist die Kathedrale innen größer als außen?”
“Nein, das täuscht. Wir können den Raum nicht beeinflussen, wie Du mit Deinem Auto. Aber das, was Du bisher gesehen hast, ist nur die Spitze des Eisbergs. Unsere Zentrale zieht sich durch den gesamten Berg und unterhöhlt auch einen Großteil der Stadt. Durch ein ausgeklügeltes System an Spiegeln können wir das Tageslicht in fast alle Ecken bringen, sodass man nicht den Eindruck hat, unter der Erde zu sein.”
“Faszinierend.”
“Komm, ich möchte Dir ein paar meiner Leute vorstellen.”
Erfreut stellte FX fest, dass mehr als die Hälfte des knappen Dutzends an Menschen, die ihm der Reihe nach vorgestellt wurde, Frauen waren. Es schien ähnlich wie bei den Zweiundvierzig zu sein, dass die Gleichberechtigung hier eher konträr zum Rest der Welt war. Neben der Leiterin der Europa-Zentrale gab es noch Sicherheitsbeauftragte, Analysten und Strategen. FX war sich sicher, dass sie alle wichtigen Aufgaben zu erledigen hatten. Und vermutlich deswegen verspürte er eine Wand der Abneigung und Skepsis seitens Ihrer Gastgeber. Sie alle hatten ihre Gefühle sehr gut maskiert, so wie es Emil und Paul für Henne getan hatten, um ihn bei seinem Lernprozess als Empathen nicht zu überfordern. Aber FX’ Fähigkeiten waren um ein Vielfaches ausgeprägter und stärker, als die von Henne, so dass er auch in der Lage war, die Maskierung durch die Runen teilweise zu enttarnen.
“Ich weiß, dass nicht alle über mein Anwesen hier erfreut sind”, FX entschloss sich für die Flucht nach vorne. Einerseits wollte er mit offenen Karten spielen, da die Existenz der gesamten Raumzeit auf dem Spiel stand, andererseits wollte er seinerseits auch eine kleine Kostprobe seines Könnens darbieten. “Aber die derzeitige Situation erfordert eine gewisse Kooperation zwischen uns.”
“Ganz im Gegenteil, wir sind höchst erfreut, Dich als Gast hier begrüßen zu dürfen.”
Die Chefin der Schattenjäger, die Dame des Hohen Rates, legte eine gehörige Portion falschen Charme in ihre Worte, auf die viele mit Sicherheit hereingefallen wären, weil sie mit Hilfe ihrer Fähigkeiten noch verstärkt wurden.
Wir beide wissen, dass das nicht ganz korrekt ist.
Er war sich nicht sicher, ob er die mentale Barriere der Schattenjäger überbrücken und seine Worte direkt in ihr Gehirn einpflanzen konnte, zumal es so viele Personen gleichzeitig waren. Ihr Abwehrmechanismus mochte auf die Menschen, mit denen sie es zu tun hatten, hervorragend abgestimmt sein, aber FX erkannte beim diskreten Abtasten ihrer Fähigkeiten schnell die Lücken in ihren Mauern. Blitzschnell und unmerklich drang er in ihre Gedanken ein, ohne sie zu lesen, was ihm unglaublich schwerfiel, denn er war unheimlich neugierig. Jedoch würde es das ohnehin angespannte Verhältnis noch nachhaltiger schädigen, als seine jetzige Aktion. So ließ er nur diesen einen Satz in all ihren Köpfen zurück, bevor er sich genauso schnell wieder zurückzog, wie er eingedrungen war. Gleichzeitig machte er einen Schritt rückwärts, kniete sich hin und streckte beide Arme in die Höhe, als Zeichen, dass er sich ergab.
Seine Knie hatten noch nicht einmal den Boden berührt, da blickte er bereits einem Dutzend blitzender Klingen von Schwertern in die Augen. Einige zielten auf sein Herz, andere auf seinen Hals oder Kopf. FX war beeindruckt von der Schnelligkeit der Schattenjäger. Und nicht nur seine direkten Gegenüber waren in Alarmbereitschaft gegangen, sondern alle im Raum befindlichen Personen hatten ihn fest im Auge.
Lediglich Emil hatte sich nicht gerührt, sondern blickte jetzt erst langsam zu FX, der selbst kniend nur gut einen Kopf kleiner war als er.
“Also den ersten Preis für Diplomatie wirst Du mit dieser Aktion nicht gewinnen.”
Die monotone Stimme von Emil durchschnitt die angespannte Stille im Raum wie ein glühendes Messer die Butter.
“Das ist mir klar, aber ich weiß nicht, wie viel Zeit uns bleibt und ich wollte erstens ein Bisschen was von mir zeigen und zweitens habe ich so sehr viel mehr von Euch erfahren, als Ihr eigentlich preisgeben wolltet.”
“Du hättest tot sein können, noch bevor Du Deinen Satz zu Ende gesprochen hast!”
Ein Hauch von Emotionen schwangen in Emils Stimme mit, was gleichbedeutend damit war, dass er gerade emotional sehr angefasst war von dieser Aktion, denn Emil ließ sonst keine Art von Emotionen zu.
“Bin ich aber nicht, und das wusste ich schon vorher. Präkognition, Du erinnerst Dich?”
Emil nickte schweigend, betrachtete aber nach wie vor seinen Gast mit Argwohn.
“Ich würde mich entweder gerne hinsetzen oder aber aufstehen. Aber dieser Marmorfußboden ist nicht besonders freundlich zu meinen Knien.”
“Freundlichkeit nach solch einer Aktion zu erwarten ist ziemlich hoch gegriffen, meinst Du nicht?”
Die Dame meldete sich zu Wort, steckte ihr Schwert jedoch wieder zurück in die Scheide. Die übrigen Personen um ihn herum taten es ihr gleich, auch wenn alle mehr als angespannt blieben. Mit einem freundlichen Nicken stand FX wieder auf und blickte fragend in die Runde. Nachdem die Fronten nun geklärt waren, musste er abwarten, was als nächstes passieren würde.
Überrascht stellte FX fest, dass ihn plötzlich alle alleine ließen und selbst Emil sich von ihm abwand, um etwas abseits in kleiner Runde die nächsten Schritte zu diskutieren. Für ihn wäre es ein leichtes gewesen, diesem Gespräch zu folgen, jedoch verzichtete er angesichts der prekären Lage darauf, noch mehr Unruhe zu stiften.
FX war selbst erstaunt, dass seine Fähigkeiten in dieser Welt der Schattenjäger anscheinend genauso funktionierten wie zuhause. Erwartet hatte er das so nicht. Jedoch beschloss er zu seiner eigenen Sicherheit, sich nicht allzu sehr darauf zu verlassen. Es würde ihn nicht wundern, wenn die Leute hier noch andere Tricks als Schwerter und Runen zur Verfügung hatten. Er wollte das nicht unbedingt am eigenen Leibe testen.
Die Minuten vergingen und FX wurde langweilig. Während die Chefetage der Schattenjäger immer lauter diskutierte, jedoch nur Wortfetzen zu ihm hinüberdrangen, wusste er nicht, was er tun sollte. So entschied er sich für das naheliegendste und setzte sich im Schneidersitz mitten auf den Boden, weiterhin argwöhnisch beäugt von dem übrigen Personal in der Kathedrale. FX stützte seine Ellenbogen auf die Knie und sein Kinn wiederum auf die Hände. Der Winkel in seinem Gipsarm war ideal für diese Position und er konnte so prima entspannen.
Er musste kurz eingenickt sein, weil er die Hand von Emil auf seiner Schulter nicht hatte kommen spüren. Für FX selbst war es ein Zeichen, dass er sich hier wohl und sicher fühlte. Auch, wenn offensichtlich die Stimmung, die ihm hier entgegen schlug, eine andere war. Er wähnte sich nach wie vor unter Freunden, wo er nichts zu befürchten hatte. Allerdings wussten die Schattenjäger zu diesem Zeitpunkt anscheinend noch nichts davon.
“Wir haben von einem Tod über eine Verbannung bis hin zur Kooperation alle erdenklichen Alternativen besprochen.” Die Dame des Rates der Europazentrale wandte sich an FX, der mittlerweile wieder aufgestanden war und sie um mehr als zwei Kopflängen überragte. “Ich persönlich habe mich sehr für Deinen Tod stark gemacht, jedoch obliegt dem Protokoll nach die Entscheidungsgewalt in diesem Falle beim Erstkontakt, also Emil. Daher werden wir mit Dir und Euch kooperieren.”
“Vielen Dank, ich weiß sehr zu schätzen, dass Ihr dem Protokoll folgt.”
Mit einer leichten Verbeugung unterstrich FX seine Dankbarkeit.
“Freu Dich nicht zu früh, Du wirst hier sicherlich nicht mit einem roten Teppich oder Champagner empfangen.”
Emil erläuterte ihm knapp das Programm, was sie sich ausgedacht hatten. Neben einer Führung durch die wichtigsten Bereiche der Zentrale sollte es auch eine Demonstration der Kampftechniken inklusive der Nutzung von Runenkräften geben. FX war es jedoch strengstens untersagt, mit nicht auswählten Fremden zu kommunizieren und generell von irgendjemanden die Gedanken zu lesen.
Der erste Programmpunkt, die Demonstration von Kampf- und Runentechniken, erfolgte im Trainingsraum. Es schien, als nähme er die gesamte Grundfläche der Kathedrale ein und war ein Stockwerk unterhalb der Kommandozentrale. Emil hatte nicht zu viel versprochen, denn durch die hier installierten Kirchenfenster drang ebenfalls Sonnenlicht in den Keller, was die bunten Scheiben faszinierend funkeln ließ.
Doch für das Bewundern der Wandverkleidung blieb FX kaum Zeit, denn unmittelbar nachdem zwei Frauen und Emil die Mitte des Raumes betreten hatten, entbrach sofort ein eifriger und brutaler Schwertkampf zwischen den Dreien. Dabei waren es die Damen, die Emil pausenlos attackierten und dieser kaum Zeit und Kraft hatte sich gegen die unzähligen Angriffe zu wehren. Unzählige Male verletzten sie ihn an seinen Armen und am nackten Oberkörper. Sein Blut floss in vielen kleinen Rinnsalen herab, was ihn jedoch in keinster Weise in seiner Agilität und Effektivität einschränkte. Emil parierte nach wie vor geradezu perfekt die Angriffe und schaffte es sogar seinerseits, einige Gegenschläge exzellent zu platzieren. Erst, als er in einer kleinen Pfütze seines eigenen Blutes ausrutschte und das Gleichgewicht verlor, hatte er noch vor dem Aufprall auf dem Boden das Schwert der einen Kämpferin am Hals und das der Anderen in seinem Schritt.
Die Lage war aussichtslos für ihn, so viel war FX klar, und er spürte den Schmerz, den Emil gerade durch seine unzähligen Verletzungen durchmachte. Dennoch war da auch nach wie vor ein glühender Kern in ihm, der ganz offensichtlich nicht ans Aufgeben dachte. Geschmeidig wie eine Schlange wand er sich zur Seite, unter dem Schwert am Hals weg, was sogleich ins Leere stach, während er die andere Angreiferin mit einem gezielten Tritt ihrerseits aus dem Gleichgewicht brachte. In einer fließenden Bewegung sprang er auf, trat der noch stehenden Schattenjägerin vor die Brust, so dass sie atemlos zu Boden sank, während er sein Schwert mit großem Schwung in die Brust der anderen stach.
FX hielt den Atem an. So viel Brutalität hatte er dem Schattenjäger im Leben nicht zugetraut. Würde er jetzt seine eigene Kollegin auf dem Trainingsparkour umbringen. Doch Emils Schwert kam nur einen Millimeter über der Brust zum Stillstand. Als die andere Angreiferin wieder zu Atem kam und sich aufrichten wollte, zischte ein kleines Wurfmesser an ihrem Ohr vorbei und streifte es ein wenig. Ein Tropfen Blut bildete sich, fiel jedoch nicht zu Boden.
Beide Angreiferinnen wären tot, wenn es keine Übung gewesen wäre.
“Emil, Du blutest!”
“Ich weiß. Du wolltest sehen, was wir können. Das ist ein ganz normales Training gewesen. Und das war der erste physische Teil. Kommen wir jetzt zu den Runen.”
Emil zog seine Stele aus der eigens dafür vorhandenen Tasche am Oberschenkel und fuhr mit der kristallenen Spitze eine Rune auf seiner muskulösen Brust ab, die sogleich funkelnd golden aufleuchtete. Nur wenige Augenblicke später verschlossen sich seine Wunden und das Blut war verschwunden.
“Du erinnerst Dich an Deinen Gipsarm. Ich wollte dasselbe machen, und Deine Wunden heilen. Aber Du hast ja irgendwie sehr allergisch darauf reagiert. Bei uns funktioniert das, wie Du gerade gesehen hast. Bei Menschen ebenfalls. Es ist eine der wenigen Runen, die bei Menschen wirkt. Die meisten anderen Runen würden Menschen umbringen. Allerdings ist das Applizieren einer temporären Rune auch schmerzhaft, weshalb es sich nicht immer lohnt, Wunden mit der Kraft von Runen zu heilen.”
Diesmal malte Emil mit seiner Stele eine Rune auf den Boden. Etwa einen halben Meter groß war das kleine Kunstwerk, was er sich scheinbar mühelos aus dem Handgelenk schüttelte. Die Rune glimmte noch ein paar Sekunden glitzernd und golden nach, bevor sie verschwand.
Daraufhin deutete einer seiner Übungspartnerinnen an, dass sie auf ihn zukommen soll. Sie nahm Anlauf durch den gesamten Trainingsraum und kam mit hoher Geschwindigkeit auf Emil gerannt. Als sie an dem Platz, an dem er zuvor die Rune gezeichnet hatte, ankam, blieb sie wie angewurzelt stehen und kam nicht mehr vom Fleck. Als sei sie in einem durchsichtigen Käfig gefangen.
“Die Rune des Stillstands. Du kennst sie bereits. Das perfide ist, man kann sie von innen heraus nicht deaktivieren. Also kann auch ein Schattenjäger damit effektiv außer Gefecht gesetzt werden, auch wenn sie nicht ewig anhält, wie die Kraft aller Runen, wenn man sie nicht erneuert.”
Mit seiner Stele auf den Boden zeigend, deaktivierte er die Rune wieder. Erneut gab er seinen Partnerinnen ein Zeichen und sie begaben sich weit weg in die andere Ecke des Raums. Offensichtlich unterhielten sich beide nun im Flüsterton, wovon Emil und FX jedoch nichts verstehen konnten. Erst als Emil mit seiner Stele in die Luft wieder eine mystische Zeichnung hinterließ, wurde das Gespräch in der Ferne plötzlich glasklar hörbar.
“Du siehst, es gibt viele Arten von Runen. Auch welche, um Abläufe zu beschleunigen oder extrem zu verlangsamen. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt bei den Runenkräften. Allerdings ist die Anzahl der möglichen Runen endlich, aber dennoch nicht begrenzt. Manchmal gibt’s halt doch nichts, um ein Problem zu lösen. Andersherum können hochbegabte Schattenjäger aber auch Runen neu erfinden.”
“Faszinierend, in der Tat. Ich habe gerade verdammt viel gesehen und noch viel mehr gespürt!”
“Dann kommen wir zum letzten Programmpunkt: Dem Verlies. Da gibt es kein Tageslicht und in den Zellen funktioniert unsere Magie auch nicht, weil sie besonders abgeschirmt sind.”
Über immer schmaler und steiler werdende Treppen führte Emil seinen Freund immer tiefer hinab in den Felsen. Zunächst wurde es merklich kälter, dann wieder wärmer, ein Zeichen dafür, dass sie schon ziemlich tief im Berg waren.
Schließlich erreichten sie einen spärlich mit Fackeln beleuchteten Gang, von dem offensichtlich mehrere dunkle Zellen zu beiden Seiten abgingen. Aber die größte und eindrucksvollste Zelle erwartete FX am Ende des nicht enden wollenden Ganges, der sich schließlich zu einem großen halbkugelförmigen Raum erweiterte. Die hintere Hälfte des Raumes war durch eine Glasscheibe vom vorderen Bereich getrennt, wobei FX auch klar war, dass das kein herkömmliches Glas war.
“Wir Schattenjäger sind nur sehr ungern im Verlies und noch viel weniger gern in einer der Zellen, denn die Abwesenheit unserer Kraft fühlt sich für uns sehr unangenehm an. Kannst Du hier irgendetwas spüren? Möchtest Du in die große Zelle hinein?”
Stumm nickte FX, wobei er beide Fragen positiv beantwortete, auch wenn das nicht unbedingt klar war. Mit einem leichten Zögern betrat er schließlich die hintere Hälfte des Raumes, während Emil außerhalb der Zelle auf ihn wartete, was er ihm nicht übel nahm.
“Wenn es okay für Dich ist, würde ich die Tür gerne verriegeln. Hab keine Angst, ich lasse Dich auch gleich wieder raus.”
Erneut nickte FX, diesmal fast unmerklich.
Die Tür hinter ihm fiel ins Schloss. Zwar war es eine uralte und massive Holztür mit Beschlägen aus geschmiedetem Eisen, jedoch passte das Geräusch, was sie beim Schließen machte, eher zu einer Tür eines Reinraumes.
Erstaunlicherweise fiel es ihm leicht, sich hier zu entspannen. Er ließ sowohl seinen Blick als auch seine Gedanken schweifen und versuchte, alle möglichen Eindrücke und Energien dieses Raumes in sich aufzusaugen. Trotzdem war dieser Raum hier ziemlich unspektakulär. Er glänzte durch die Abwesenheit fast aller Energieformen, die er den ganzen Tag über gespürt hatte. Insofern konnte er Emil nur zustimmen, dieser Raum hier war ziemlich gut gegen die Energieform der Schattenjäger abgeschirmt.
Er überlegt, ob er probieren sollte aus diesem Gefängnis mit Hilfe seiner Tricks auszubrechen. Aber kaum, dass er diesen Gedanken angedacht hatte, verwarf er ihn schon wieder. Er konnte nicht einschätzen, was er hier verursachen würde, wenn er aktiv würde. Er befürchtete schlimmere Auswirkungen, als bei dem Kuss mit Emil.
“Könntest Du hier ausbrechen?”
Emil hatte die Tür wieder geöffnet.
“Ja, vermutlich. Ich habe mich aber nicht getraut, es zu probieren.”
“Das hätte ich an Deiner Stelle auch nicht. Nicht, nachdem was neulich zwischen uns passiert ist.”
Mit einem Nicken quittierte FX Emils Befürchtung.
“Ich glaube, ich habe genug Eindrücke gesammelt.”
“Meinst Du, dass Du eine Lösung gefunden hast?”
“Nein.”
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