Stories
Stories, Gedichte und mehr
Quartett
Teil 66 - Wände
Der Lesemodus blendet die rechte Navigationsleiste aus und vergrößert die Story auf die gesamte Breite.
Die Schriftgröße wird dabei vergrößert.
Informationen
- Story: Quartett
- Autor: ratte-rizzo
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Science Fiction, Fantasy und Mystery
72. Wände
“Wenn Ihr so knapp an einer Katastrophe vorbei geschrammt seid …”
Es war der erste laue Abend des noch jungen Sommers, aber er machte bereits Lust auf mehr. Natürlich hatten die Freunde den Winter mit den Massen an Schnee genossen und unzählige Touren mit dem Schlitten gedreht oder Nachtwanderungen durch die verschneite Landschaft bei Vollmond unternommen. Auch die langen Abende bei Rotwein vor dem Kamin waren durchaus kuschelig gewesen, aber nun sehnte sich jeder nach dem Sommer, nach Wärme und Energie – und natürlich auch nach dem Anblick leicht bekleideter, gutaussehender Menschen!
So hatten sich die Freunde kurzerhand entschlossen, den Abend zu genießen. Sie saßen auf der Mauer der Verbindungsbrücke, die über den Burggraben führte, und ließen ihre Beine in die Tiefe baumeln. Das Wasser war noch kristallklar vom Winter, und alleine beim Anblick lief einem ein Schauer den Rücken hinunter. Baden mochte hier definitiv niemand. Zumindest nicht freiwillig. Selbstverständlich gehörte ein Bad im Burggraben zu diversen Mutproben oder verlorenen Wetten dazu. Aber dort hinein wagte man sich nur unter Zwang. Und schon gar nicht im Frühsommer. Wenn es ans Baden ging, dann führte kein Weg am nahe gelegenen Teich im Wald vorbei. Mit seinen unzähligen Lichtungen mit weichem Gras lud er definitiv zum Verweilen ein. Die Vier freuten sich bereits auf den Sommer und das Anbaden.
Henne grübelte immer noch über die Geschehnisse Tage zuvor, als Emil und FX mit ihrer sexuellen Eskapade der Welt einen multidimensionalen Kurzschluss verpasst hatten. In der Folgezeit war es auch nicht langweilig gewesen, insbesondere wegen des Ausflugs in Kais Zukunft. Aber trotzdem hatte Henne den Vorfall unter der Dusche immer noch nicht zu Ende gedacht und verstanden.
Seit Tagen schon ließ ihm das keine Ruhe und sein Kopfkino lief unaufhörlich. Fragen über Fragen schossen ihm durch den Kopf und je mehr er darüber nachdachte, umso besorgter wurde er. Irgendwie konnte er seine Befürchtung, dass alle in extremer Gefahr waren, nicht entkräften. Parallel dazu erwuchs in ihm die Erkenntnis, dass sich so etwas definitiv nie mehr wiederholen dürfe. Aber er war sich unschlüssig, wie man so etwas verhindern konnte. Er kannte sich schlichtweg zu wenig aus mit Ben und Michel, die zwar seine Freunde waren, aber so ganz anders, als er.
Schattenjäger. Temporale Wächter. Was würde als Nächstes kommen? Innerlich lief Henne ein Schauer über den Rücken und er starrte mit leerem Blick in die Ferne. Als er vor einigen Jahren an dieser Eliteuniversität aufgenommen wurde, dachte er, dass ihn ganz andere Dinge erwarten würde. Ein Haufen versnobter reicher Studenten, die nicht wussten, wohin mit ihrem Geld und die ihm und anderen Stipendiaten mit wenig Respekt begegneten. Nun, diese Menschen gab es hier auch, wie er feststellen musste. Glücklicherweise hielt sich deren Anzahl jedoch in Grenzen und man konnte diesen Leuten in der Regel gut ausweichen.
Stattdessen jedoch lernte er FX kennen, einen Menschen, der mehr Geheimnisse in sich trug, als er Antworten lieferte. Es hatte gefühlt ewig gedauert, bis sich FX halbwegs geöffnet hatte und er und seine Freunde etwas hinter seine Fassade blicken durften. Und was sich dort auftat, war schlicht verrückt und unglaublich. Und kaum, dass sie diese abgefahrenen Neuigkeiten verdaut hatten, tauchten auch schon wieder neue sonderbare Menschen mit anderen Fähigkeiten auf. Der einzige Trost in diesem Falle war, dass die Schattenjäger für FX und seine Gruppe der Zweiundvierzig genauso unbekannt und neu waren, wie für ihn. Ein schwacher Trost. Aber auch diese neue Welt war so geheimnisumwoben und faszinierend, dass Henne sein Studium am liebsten abgebrochen und sich dem Studium dieser Menschen gewidmet hätte.
Und als sei dies alles nicht genug, kristallisierte sich nun langsam heraus, dass diese beiden Welten irgendwie inkompatibel zu einander waren. Brachte man sie zu dicht zusammen, oder wortwörtlich in einander, so gab es einen energetischen Kurzschluss, der verheerende Folgen haben konnte.
Das durfte doch alles nicht wahr sein. Henne war traurig. Er war traurig, weil anscheinend so liebe und nette Menschen wie die Schattenjäger und die Zweiundvierzig so inkompatible zu sein schienen. Irgendwie erahnte er, dass ein Zusammenleben dieser beiden Gruppen nicht möglich sein würde. Und genau diese Enttäuschung war es, die er gerade auch bei Emil und FX spürte. Eine bittere und tiefe Enttäuschung. Es schien, als sei ein Abschied sehr nahe, nur dass die beiden noch nicht wussten, wann sie mit diesem Abschied beginnen sollten.
“Wenn Ihr so knapp an einer Katastrophe vorbei geschrammt seid …”
Gedankenverloren wiederholte Henne seinen angefangenen Satz ein zweites Mal, wieder ohne ihn vollenden zu können, denn er wurde jäh von Ben unterbrochen.
“Diggi, wo wart Ihr denn nun von der Dusche aus? Wart Ihr im Weiß? Hat Johannes Euch mit der Materie verschränkt? Diggi, das war doch echt krass! Es war keine Verschränkung, das hätte anders ausgesehen. Diggi, aber Ihr seid auch durch keine Tür ins Weiß gegangen. Was war das also für ne Aktion?”
“Ben, entspann Dich doch etwas. Ja, Du hast diesen Tag nicht geredet, zumindest nicht besonders deutlich. Aber das musst Du jetzt auch nicht alles auf einmal nachholen, oder? Lass doch die beiden doch erstmal sortieren, und dann werden sie uns in Ruhe alles erzählen.”
Schmollend verschwand Ben von der Brücke und kam kurze Zeit später mit einem dreischichtigen Sandwich vom Kiosk zurück, das er genüsslich vor aller Augen verspeiste. Langsam kehrte Ruhe in die Runde ein und ein jeder ließ die Eindrücke noch einmal Revue passieren. Das gab Ben erneut die Chance, nach dem Phänomen mit Johannes in der Dusche zu fragen.
“Diggi, is das was, was nur Jo kann?”
“Nenn ihn nicht Jo, vor allem nicht, wenn er dabei ist.”
FX zwinkerte freundschaftlich, meinte seine Warnung aber mit vollem Ernst, denn Johannes reagierte ziemlich empfindlich darauf, wenn ihn jemand bei dem Spitznamen nannte, der ausschließlich für FX reserviert war.
“Tschuldige, Diggi, soll nich wieder vorkommen! Also? Was is nu?”
“Ben, Du scheinst ja förmlich drauf zu brennen, wie die Drei das gemacht haben. Findest Du die Sache mit dem Kurzschluss nicht viel spannender beziehungsweise besorgniserregender?”
Michel seinerseits hatte sich ebenfalls Gedanken zu dieser Beinahe-Katastrophe gemacht, war daraus aber ebenfalls nicht schlau geworden. Immerhin machte er sich nicht so viele Sorgen, wie es Henne tat; vermutlich, weil er nicht die angespannten Gefühle der beiden Involvierten spürte, weil er kein Empath war.
“Also, Diggi, natürlich macht mir der Kurzschluss auch irgendwie Angst. Aber den werden die Beiden hoffentlich nicht noch einmal reproduzieren. Aber die Nummer mit dem durch die Wand gehen würde ich schon gern nochmal sehen!”
“Ist ja gut, Ben, es ist viel unspektakulärer, als Du denkst. Wir haben schlichtweg einen Ausflug in die Universelle Vermittlung gemacht.”
“Diggi, ohne Tür?”
“Offensichtlich.”
Henne klang etwas genervt, wobei der das nur sehr gut spielte.
“Ich dachte, man muss dafür immer eine Tür finden, Diggi, damit man aus einer der zigmilliarden Türen im Weiß wieder rauskommt.”
“Nein, man braucht keine Tür. Wobei Du schon recht hast, mit Tür find ich es auch wesentlich sexier! Deswegen schaffe ich mir im Zweifelsfalle einfach eine Tür, wenn keine da ist und wenn die Zeit dafür ausreicht. Hast Du ja am Brunnen neulich gesehen. Es geht aber auch ohne, wenn es dringend ist. Außerdem hat uns Jo mit rüber genommen, der steht nicht so auf Schleifchen und Blumen.”
“Schaffen?”
Der Ausdruck der Verwunderung über dieses einzelne Wort war allen drei Freunden ins Gesicht geschrieben und als hätten sie es geübt, kam die Frage unisono von allen gleichzeitig.
“Also, um die Spannung etwas weiter aufzubauen …”
Ben stöhnte übertrieben laut und künstlich, hielt sich aber mit Mühe mit weiteren Kommentaren zurück.
“... Die Universelle Vermittlung ist, wie Ihr ja wisst, eine Art Paralleluniversum. Es existiert an jedem Ort und zu jeder Zeit. Sie ist immer und überall da. Sie ist immer gleich. Man kann von jedem Punkt aus der Raumzeit hinüber wechseln ins Weiß. Von jedem, weshalb man halt auch keine explizite Tür braucht, weil es nicht nur diskrete Verbindungspunkte gibt. Die Universelle Vermittlung ist kontinuierlich mit der realen Welt verschränkt.”
Um das auch bildlich zu demonstrieren, berührte FX zunächst alle Fingerspitzen der rechten und linken Hand miteinander, um direkt danach die Finger ineinander gleiten zu lassen, als würde er beten. Durch seinen rechten Gipsarm und die etwas eingeschränkten Finger sah es jedoch etwas umständlich und unbeholfen aus. Jedoch verstanden alle sofort, was er mit der Verschränkung meinte.
“Man kann also jederzeit, einfach mit einem Fingerschnipps ins Weiß wechseln, ohne sich zu bewegen.”
Ein erstaunlich lautes Schnippen mit seiner Linken untermauerte seine Aussage und im gleichen Augenblick befanden sich die Freunde nicht mehr auf der Brücke vor der Burg, sondern in der Unendlichkeit des Weiß’.
“Und natürlich braucht es nicht einmal ein Zeichen, wie zum Beispiel dieses Schnipsen.”
Keinen Atemzug später saßen sie in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa.
“Ich find es aber irgendwie netter, wenn man den Übergang in die Universelle Vermittlung etwas bewusster vollzieht, weshalb ich nach Möglichkeit immer eine Tür dafür nutze. Und wenn keine da ist, dann mach ich mir einfach eine. Also nochmal langsam für Ben zum Mitschreiben.”
Mit dem Zeigefinger deutete FX in die Mitte des großen Wohnraums und zeichnete ein Rechteck in die Luft. Zeitgleich mit seiner Bewegung erschien mitten im Raum ein leuchtend weißer Streifen, der seinem Finger folgte: hoch, nach rechts, hinunter und schließlich nach links zum Ausgangspunkt. Es war ein grell weiß umrahmtes Rechteck entstanden, dessen Farbe sofort an das Weiß erinnerte. Indem FX eine wischende Geste von oben nach unten ausführte, füllte sich das weiß leuchtende Rechteck, durch das man bis eben noch hindurchschauen konnte, ebenfalls mit dem grellen Weiß. Es war ein Durchgang in die Universelle Vermittlung entstanden.
“Krass, Diggi. Und was is hinter der Tür?”
“Ben, sei nicht so faul! Geh doch einfach drum herum!”
FX hatte seinen Satz noch nicht beendet, da war Ben schon aufgesprungen und einmal um die leuchtende Tür herumgelaufen.
“Diggi, hinter der Tür is ja nichts. Also da kann man Euch einfach sehen, als wenn nix da is. Die Tür verschwindet einfach, sobald man neben ihr steht. Die is irgendwie hauchdünn.”
Die anderen waren nun ebenfalls aufgesprungen, weil sie diesen Effekt definitiv nicht erwartet hatten. Aber Ben hatte Recht. Von vorne oder schräg betrachtet, sah man ein grell leuchtendes Rechteck, als sei ein Loch in ihre Realität gestanzt worden, von wo man in die Welt des Weiß hineinschauen konnte. Aber seitlich der Tür stellten sie fest, dass die Dicke quasi gleich null war. Als hätte jemand einen Bogen aus Papier aufgehängt, konnte man diese Tür von der Seite aus nicht sehen. Anders als bei einem Bogen Papier allerdings, hatte diese virtuelle Tür keine Rückseite. Stellte man sich dahinter, so sah man sie nicht, so war sie nicht da. Erst, wenn man einmal um sie herum ging, erschien die Vorderseite wieder, als sei nichts gewesen.
“Und besonders faszinierend finde ich, dass man diese Tür von hinten nicht sieht und es sie auch nicht gibt. Man kann dort einfach entlang gehen, weil nichts da ist. Geht man rückwärts, so sieht man aber sofort, wenn man ‘durch’ die Tür durch ist, denn dann erscheint sie plötzlich vor den Augen, sobald man die Grenze passiert hat.”
Diese Aufforderung ließen sich die drei Freunde natürlich nicht nehmen und jeder probierte aus, ob dieser Effekt wirklich eintraf.
“Diggi, das is aber schon abgefahren!”
“Und wenn man sie nicht mehr braucht, dann wischt man sie einfach wieder weg.”
Mit einer Wischgeste von links nach rechts verschwand das leuchtende Rechteck wieder. Schweigen machte sich im Wohnzimmer breit. Diese ganzen Eindrücke mussten erst einmal verarbeitet werden.
Henne war der Erste, der seine Stimme wieder fand.
“Das sind ja wirklich nette Schleifchen, um das mit Johannes Worten zu sagen. Aber FX, sag mal, Emil und Du, Ihr hattet schon ein größeres Problem mit diesem Kurzschluss neulich, oder?”
“Leider ja. Und ich erkenne auch bedauerlicherweise keine Lösung.”
Der Lesemodus blendet die rechte Navigationsleiste aus und vergrößert die Story auf die gesamte Breite.
Die Schriftgröße wird dabei vergrößert.