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Quartett

Teil 65 - Kapsel

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71. Kapsel

Um Michel zu signalisieren, dass er vorerst nichts sagen sollte, hielt sich FX den ausgestreckten Zeigefinger vor die Lippen.

Der so ohne Worte angesprochene blickte ihn nur fragend an, hatten sich die beiden doch gerade erst in der Mensa an ihren angestammten Tisch gesetzt und warteten auf Ben und Henne, die noch in der Schlange zur Essensausgabe standen.

“Was ist denn los?”

Michel flüsterte, was angesichts der relativ lauten Umgebung aus klapperndem Geschirr fast gar nicht nötig gewesen wäre. Vorsichtig blickte er sich um, vielleicht hatte er ja etwas oder jemanden übersehen, den FX seinerseits bemerkt hatte und ihn deswegen zur Vorsicht angemahnt.

“Nein, Michel, es ist alles okay. Du musst nicht flüstern. Aber reiß Dich bitte gleich zusammen. Henne gehts gut, es wird ihm nichts passieren.”

“Das verstehe ich jetzt aber wirklich nicht. Wieso sollte es Henne nicht gut gehen? Und was ist mit mir? Hab ich was angestellt? Ich hab mich doch wohl nicht etwa bekleckert, noch bevor wir mit dem Essen angefangen haben, oder? Ich versteh nur Bahnhof.”

“Du wirst es gleich verstehen. Versuch einfach, möglichst leise und unauffällig zu sein. Fünf… Vier…”

Michel stellte sein Tablett auf dem Tisch ab und blickte in die ihm entgegengestreckte Handfläche von FX, wo er gleichzeitig mit dem Rückwärtszählen die Finger einklappte.

“Zwei… Eins… Jetzt!”

Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was jetzt passieren sollte, weshalb Michel seinen Freund mit hochgezogenen Schultern fragend anblickte. Aber nur einen Wimpernschlag später, blieb ihm fast das Herz stehen.

Henne stand plötzlich vor ihm, war gerade von der Kasse zu ihnen an den Tisch gekommen und hatte sein Tablett noch in der Hand. Plötzlich wich sämtliche Farbe aus seinem Gesicht und er stand da, zu Tode erschrocken und kreidebleich.

Mit einem lauten Scheppern fiel Hennes Tablett zu Boden, aber er bewegte sich keinen Millimeter, stand quasi wie versteinert dort und schaute ins Leere. Sämtliche Gespräche und auch das Klimpern des Bestecks hier in der Mensa waren verstummt und alle starrten auf Henne, der immer noch zur Salzsäule erstarrt dort stand, sein Essen auf seinen Schuhen und dem Boden verspritzt.

Michel wollte aufspringen und Henne zu Hilfe eilen, ihm entgegenrufen, was ihm denn fehlte, als er sich ganz wage an FX’ Worte erinnerte. Er sollte sich zusammenreißen und leise sein. Henne ginge es gut. Michel war sich sicher, dass dem nicht so war. Sein Freund stand vor ihm, als hätte er dem Tod persönlich in die Augen geblickt. Angesichts dieser Tatsache fiel es im sehr schwer, FX zu glauben.

Doch langsam dämmerte es ihm. Er hatte gerade eine Vision gehabt. Seine Fähigkeit zur Präkognition spielte ihm mittlerweile selten einen Streich, konnte er Vorahnung von Gegenwart in der Regel gut unterscheiden. Aber wenn Menschen ihm besonders nahe waren, wie Henne in diesem Fall, vermischten sich Zukunft und Gegenwart, so dass er den Unterschied nur schwer ausmachen konnte. Nichts war geschehen. Noch nicht zumindest.

Eiskalt war er von dieser Präkognition überrumpelt worden. FX hatte ihn im Training schon häufig vorgewarnt, dass solche spontanen Ausblicke in die Zukunft bei nahestehenden Menschen extrem real und nur sehr schwer von der aktuellen Zeit zu trennen sind. Das Problem dabei war, dass man so etwas kaum üben konnte. Dank des harten Trainings war Michel mittlerweile ziemlich gut darin, die nahe und mittlere Zukunft von beliebigen Menschen in seinem Umfeld vorherzusagen. Bei seinen drei Freunden klappte das sogar noch besser und vor allem mit noch mehr Vorlauf. Aber dennoch wurde er hin und wieder von spontanen Eingebungen überrumpelt. Besonders dann, wenn es einschneidende Ereignisse waren. Bei fremden Menschen, wie Kommilitonen oder Professoren hier an der Uni, konnte er damit sehr gut umgehen und alles filtern. So hatte er zwar bisher noch nichts Schlimmes verhindert, war jedoch schon ein paar Mal zu kleineren Missgeschicken rechtzeitig vor Ort, um erste Hilfe leisten zu können.

Aber diese Präkognition von Henne hier, war dermaßen echt und intensiv, dass sie die Realität komplett überlagert hatte. Genauer gesagt war auch die Reaktion von Henne, die er gerade gesehen hatte, die Realität, jedoch eine spätere. Vermutlich würde es noch ein paar Minuten dauern, bis Henne zu ihnen an den Tisch kam und es dann zu diesem Vorfall kommen würde. Michel aber hatte den Anfang dieser Vorhersehung nicht bemerkt, so dass er davon ausgegangen war, dass es sich gerade um die jetzige Zeitlinie handelte, und nicht um die Zukunft.

Nun verstand er auch, warum FX ihn vorgewarnt hatte. Sein Freund und Lehrmeister konnte deutlich weiter in die Zukunft blicken und vermutlich hätte Michel ohne Vorwarnung die halbe Mensa in Sorge um Henne zusammengeschrien, obwohl ja noch gar nichts passiert war.

“Danke FX. Das war verdammt intensiv.”

“Ich weiß. Das war es selbst für mich. Der arme Henne wird gleich einen richtig großen Schock bekommen.”

“Dürfen wir ihn vorwarnen?”

“Es bringt nicht viel, um ehrlich zu sein. Er wird sich so oder so ganz schön erschrecken. Aber vielleicht kannst Du ja sein Essen retten, denn genauso schnell, wie er sich erschreckt, wird er auch wieder bei uns sein und sich dann über das Mittagessen freuen. Es sind halt manchmal die kleinen Dinge, die ziemlich große Effekte haben.”

Michel sah, wie Ben und Henne gerade die Kasse hinter sich gebracht haben und stand hastig auf, um ihnen entgegen zu gehen. Behutsam legte er die Hände auf ihre Schultern und schob sie zügig in Richtung ihres Tisches. Geschickt manövrierte er seine beiden Spätankömmlinge zwischen die Tische und den restlichen Tablett-Verkehr hindurch, bis sie schließlich an ihren Stammtisch am Fenster unter dem Olivenbaum angekommen waren.

“Danke, Diggi, aber wir hätten den Weg auch alleine gefunden. Is ja nich das erste Mal, dass wir hier futtern.”

Ben umrundete noch den Tisch, um sich auf die gegenüberliegende Seite zu setzen, während Michel Henne sanft aber bestimmt auf den Platz neben sich drückte und sorgsam darauf achtete, dass dieser sein Tablett bereits abgestellt hatte.

“‘nappatit.”

Michels Po hatte noch nicht einmal den Stuhl berührt, da hatte Ben bereits zu Essen angefangen. Er hatte sich zusammen mit Henne definitiv für das leckere Gericht aber die falsche Schlange entschieden, so dass sie viel zu lange warten mussten, bis sie endlich ihr Essen bekommen hatten. Umso größer waren nun ihr Hunger und Freude auf das Mittagsmahl.

Auch Henne wollte, wie die anderen auch, gerade mit dem Essen beginnen, als ihm vor Schreck das gerade gegriffene Messer entglitt und mit einem leisen Scheppern zurück auf den Tisch fiel. Er hatte nichts gesehen, sondern starrte an Ben vorbei in die Unendlichkeit. Es war fast wie ein Stich in sein Herz gewesen, so hatte es sich angefühlt. Natürlich hatte er physisch keinen Stich gefühlt oder gar abbekommen, aber anders konnte er es gerade nicht beschreiben. Erst dieser unendliche Schreck. Dann folgte eine Erkenntnis, die sogleich vom Gefühl der Enttäuschung überholt wurde. Eine Enttäuschung, wie er sie noch nie in seinem Leben zuvor gefühlt hatte. Gepaart mit einer riesigen Trauer und irgendwie dem Gefühl, als sei sein Herzenswunsch gerade wie eine Seifenblase zerplatzt.

Mit einem heftigen Kopfschütteln gelang es Henne schließlich, diese fremden Gefühle, die ihn aus dem Nichts überrascht hatten, aus seinem Kopf zu verdrängen und wieder in die Realität zurück zu kommen. Irritiert schaute er zu allererst FX an, denn er war sich sicher, dass auch er etwas gefühlt haben musste.

Henne war ein Musterschüler gewesen, was seine empathischen Fähigkeiten anbelangte. Er konnte im wahrsten Sinne im Vorbeigehen bei beliebigen Fremden sowohl deren Gefühle lesen, als auch ihnen andere Empfindungen einpflanzen. Er schaffte das mittlerweile sogar bei ihm vollkommen unbekannten Personen über weite Entfernungen hinweg. Diese Lawine an Gefühlen aber überrumpelte ihn vollkommen aus dem Nichts. Normalerweise konnte er sich gegenüber fremder Empathie ganz gut abschirmen, denn sonst wäre er außerstande, seinen Alltag zu meistern. Aber woher auch immer das gerade kam, es war sehr intensiv und durchdrang all seine Schutzschilde wie ein Messer ein Stück Butter in der Sonne.

“Ja, ich hab’s auch gespürt. Hast Du eine Ahnung, wo es herkam?”

Henne schüttelte nur den Kopf und griff sein Messer.

“Das hätte mich auch sehr überrascht. Es kam aus der Zukunft!”

Bei dem Wort Zukunft hörte selbst Ben mit dem Essen auf und starrte FX mit halboffenem und noch gefülltem Mund an. Um diesen Unfall im Tunnel nicht noch länger ansehen zu müssen, schloss FX Bens Mund, indem er vorsichtig mit der Hand unter sein Kinn fuhr und es hochdrückte.

“Ich muss unbedingt mit Deinem Kieferorthopäden sprechen, er muss Dir echt noch mal eine Hand voll Gummis in Deine Zahnspange einsetzen.”

Alle am Tisch außer Ben prusteten vor Lachen und es dauerte etwas, bis FX endlich fortfahren konnte.

“Ihr erinnert Euch an unsere erste gemeinsame Mission?”

“Dieser Kommilitone, der sich hier her gebeamt hat?”

“Richtig, Michel. Der Typ hat eine nicht zugelassene Zeitreise zu uns gemacht und wollte hier untertauchen und ein neues Leben anfangen. Wir haben ihn damals in der Bibo gestellt und ihn zurückgeschickt.”

“Niemand von uns wird vergessen, wie Du in mehrfacher Ausführung vor uns gestanden hast, FX. Da war die Zeitreise von dem Typen eher unwichtig, fand ich.”

“Ja, zugegebenermaßen, das war etwas Effekthascherei von mir. Das wäre nicht nötig gewesen. Aber es sah cool aus! Naja, der Kerl ist jedenfalls wieder in seine Zeit zurück und dort wurde er verurteilt.”

“Schön und gut, FX, aber warum bekomme ich jetzt eine empathische Verbindung zu einem Menschen in der Zukunft, den ich kaum kenne?”

“Den Du kaum kennst, aber Du kennst ihn. Und er kennt Dich, was in diesem Falle viel wichtiger ist. Bevor wir ihn ins Weiß und damit in seine Zeit zurückgeschickt haben, hat er sich noch einmal zu uns umgedreht. Genauer gesagt hat er Dich angeschaut, lieber Henne und Du hast seinen Blick sehr intensiv erwidert.”

“Und das hat gereicht, um eine empathische Verbindung herzustellen?”

“Jein. Es hat die Verbindung für ihn sehr viel einfacher und möglicher gemacht. Er ist kein Empath, im Gegensatz zu Dir. Er hat seine Gefühle nicht in Deine Richtung gesendet, sondern hat sie wie einen Seufzer quasi ungewollt in die Raumzeit ausgeschüttet. Aber es war schon ein sehr inniger und intensiver ‘Seufzer’, wenn ich das mal so nennen darf, damit es etwas bildlicher bleibt. Und durch Eure leichte Verknüpfung hat diese Welle der Emotionen nun den Weg durch Raum und Zeit zu Dir gefunden. Das Ergebnis ist bekannt.”

Da es nicht mehr dazu zu sagen gab, fing FX wieder an, sein Mittagessen zu verspeisen und nach einer kurzen Pause taten es ihm seine Freunde gleich.

“Diggi, das kann ja noch nich alles gewesen sein, oder?”

“Stimmt, Ben, eine Kleinigkeit gibts noch. Aber das sollte Euch Michel vielleicht besser erzählen.”

Quasi als Dessert berichtete nun Michel seinerseits, dass er diesen Schock von Henne bereits ein paar Minuten zuvor vorhergesehen hatte und dass er sogar etwas Einfluss darauf genommen hatte, indem er Henne ganz unbemerkt zur Eile angetrieben hatte.

Wieder saß Ben mit halb geöffnetem Mund da und starrte den Erzähler fassungslos an.

“Ben, Du kannst Deine Gummis jetzt wieder einsetzen, Du bist mit dem Essen durch! Dann bleibt vielleicht auch mal Deine Klappe zu. Was ist denn los mit Dir heute? Bist ja ganz neben der Spur.”

“Diggi lass mich doch. Wir kriegen hier nicht jeden Tach einen geistigen Anruf aus der Zukunft. Was machen wir denn nu?”

“Was willst Du denn machen? Der Typ sitzt im Knast in der Zukunft.”

“Moment, FX, ich finde Bens Einwand gar nicht so weit hergeholt. Das, was der arme Kerl da gefühlt hat, war eine riesige Enttäuschung. Sein Lebenstraum ist zerplatzt und ich hatte den Eindruck, dass es nicht primär seine Schuld war. Da war irgendwie noch ein kleines Bisschen Hass oder Wut auf irgendjemanden mit in diesem Potpourri aus Gefühlen.”

“Klar war der sauer. Sauer auf mich, weil ich ihn erwischt und eingebuchtet habe.”

“Nein, FX, Du hast nicht richtig hingehört. Oder gefühlt. Das ging nicht gegen Dich, das hätte sich anders angefühlt, weil Du hier bist. Dieser Typ ist total sauer auf jemand anderen. Keine Ahnung auf wen, das kann man ja nicht fühlen, wenn er nicht zugegen ist, das weißt Du ja auch.”

“Ufff, Henne, wenn ich jede empathische Welle so detailliert analysieren würde, dann käme ich ja zu nichts mehr. Ich selektiere da deutlich schärfer als Du. Aber ja, Du hast schon irgendwie recht.”

“Danke.”

Ein feines Lächeln huschte über seine Lippen.

“Ja, Diggi und nu? Was machen wir jetzt?”

“Ach guck, kaum dass er wieder alle Gummis auf der Schneekette hat, also ich meine an den Brackets, ist er auch wieder beim Thema dabei!”

Michel konnte es sich nicht verkneifen, Ben mit seiner Zahnspange zu ärgern. Natürlich ließ sich Ben darauf ein, denn er konnte einfach nicht anders. Aber anstatt ihm seine silbernen Zähne zu zeigen, streckte er ihm wortlos einfach nur die Zunge heraus.

“Gibts denn in Gefängnissen in der Zukunft keine Besuchszeiten?”


“Denk nicht einmal dran!”

“Eggsy, ich bin kein Kind mehr.”

Die Welt war weiß und FX war nicht ganz freiwillig dort hineingezogen worden. Natürlich hatte er das auch hin und wieder getan, aber eigentlich gehört es sich nicht, andere Menschen ungefragt mit in die Universelle Vermittlung zu nehmen. Aber manchmal, wenn es dringend war, dann bittet man besser hinterher um Verzeihung als dass man vorher um Erlaubnis fragt.

“Willst Du mir etwa sagen, dass Du mich wegen dieser Lappalie hierher entführt hast?”

“Mein lieber FX, von Entführung kann keine Rede sein. Du kannst natürlich jederzeit gehen. Ich wollte Dich lediglich nur freundlich an etwas erinnern.”

“Wie gesagt, mein großer Herr und Meister”, FX konnte gar nicht so viel Ironie in seine Stimme legen, wie er es eigentlich gewollt hatte, “selbstverständlich sind mir die Regularien bewusst und ich werde sie natürlich auch peinlich genau einhalten.”

“Ich weiß nicht, wieso, aber ich habe da so meine Zweifel.”

Eggsy hatte FX mit ins Weiß genommen und die beiden standen sich gegenüber. Obwohl dieser Raum grenzenlos war, hatten beide instinktiv einen minimalen Abstand zueinander gewählt. Zwar war FX rund zwei Köpfe größer als Eggsy, jedoch bedeutete das im Weiß überhaupt gar nichts, konnte man diesen Raum doch so formen, wie man es gerade brauchte. Besonders Ben hatte das in der Vergangenheit ja mehrfach unter Beweis gestellt und hier den vermutlich komplexesten Skaterpark des Universums aufgebaut.

Ihre beiden Nasenspitzen waren genau auf der gleichen Höhe und weniger als einen Zentimeter voneinander entfernt. Ein jeder konnte den Atem des anderen spüren und ihre Gesichter füllten das gesamte Blickfeld aus. Eine Position, die sie früher im Training täglich eingenommen hatten und so über Stunden ihre Meinungsverschiedenheiten ausgetragen hatten.

“Wie gehts Dir, FX?”

“Du wirst alt, Eggsy. Du hältst den Blick nicht mehr aus, sondern hast Dich unter zweifelhaften Gründen gerade abgewendet.”

“Vielleicht wollte ich Dir auch nur die Schmach ersparen, ein weiteres Mal vor Deinem Meister einzuknicken?”

“Gut gehts mir, danke. Wobei das ehrlich gesagt noch untertrieben ist. Es war nach wie vor die beste Entscheidung meines Lebens, dieses Sabbath-Jahr einzulegen.”

“Du bist verliebt, FX.”

“Ja, das bin ich. Und zwar gleich in drei wundervolle Menschen.”

“Du wirst sie verlieren, FX. Sie werden sterben. Und Du wirst unendlich traurig sein. Ich hab Dir gesagt, fang nichts mit Menschen an.”

“Wir sind uns aber schon einig, dass Du mich hierhergeholt hast, um mich von einem Besuch im Knast abzuhalten, oder? Natürlich weiß ich, dass niemand einen verurteilten temporalen Flüchtigen besuchen darf. Lediglich der Temporale Fänger hat ein legitimes Recht auf einen Besuch. Und selbst das ist kein Freifahrtschein. Das sind die Regeln. Natürlich weiß ich das.”

“Du hast schon Recht, natürlich. Das war der eigentliche Grund. Ich weiß, dass Du mehr als erfinderisch bist, was das Verbiegen von Regeln anbelangt. Du bist der Einzige der Zweiundvierzig, der ein Querulant ist. Daher wollte ich nur sicher gehen, dass Du die Regeln kennst und ich meine Schuldigkeit als Lehrer genüge getan hab. Du weißt, dass Du sie überleben wirst und dass Du Dir danach Jahrzehnte lang die Augen aus dem Kopf heulen wirst, wenn sie alle gestorben sind, oder?”

“Natürlich weiß ich das, Eggsy. Das ist der Lauf der Dinge, wenn man nicht stirbt. Andere Menschen kommen und gehen. Man verliebt sich, hat eine wundervolle Zeit und dann stirbt der Partner.”

“Jo lebt …”

“Johannes! Für Dich Johannes!”

“Johannes lebt genauso lange wie Du auch.”

“Klar. Wir waren zusammen. Wir haben uns geliebt. Wir hatten eine wundervolle Zeit zusammen. Jahrzehnte. Jahrhunderte! Und dann haben wir uns getrennt und ich hab mir Jahrzehnte die Augen aus dem Kopf geheult, um mal Deine Worte zu verwenden. Wo ist also bitteschön der Unterschied?”

“Ach nichts, ich wollte nur, dass Du …”

“…, dass ich glücklich bin? Eggsy, das BIN ich! Glaub mir doch endlich. Ich bin kein Kind mehr. Du hast mich großgezogen und mich alles, aber auch wirklich alles gelehrt, was Du weißt. Und ja, ich hab nachgeschaut. Und nein, Du hast es nicht gemerkt. Ich weiß alles von Dir. Du kannst mir einfach nichts neues mehr beibringen.”

“Vermutlich hast Du Recht.”

Eggsy wandte sich zum Gehen ab, aber FX erschien wieder vor ihm.

“Und dennoch brauche ich Dich. Immer wieder. Danke, dass Du da bist.”

“Das wollte ich doch nur hören. Wir sehen uns dann am Strand zur Party!”

FX war alleine im Weiß. Gedankenverloren schüttelte er den Kopf, auch wenn es hier niemand sehen konnte. Eggsy. Was für ein verrückter Mensch. Er hatte ihm so viel zu verdanken. Allen voran überhaupt sein Leben. Aber es war mehr als das. Wenn dieser Mann eines Tages nicht mehr da sein sollte, dann wusste er nicht, was er machen sollte.

Er würde es verhindern. So einfach war es.

Verhindern!

Er müsste verhindern, dass er erwischt wird.

Er hätte nicht gedacht, dass die Lösung so einfach sein sollte. Zumindest in der Theorie.


“Henne, es ist kompliziert …”

“Das bedeutet, dass es nicht unmöglich ist.”

Henne rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her und hatte sein Mittagessen komplett vergessen. Alle anderen hatten bereits aufgegessen und warteten eigentlich nur noch darauf, dass auch der Letzte sein Mahl beendete. Aber dieser dachte gar nicht daran, sondern starrte FX nur herausfordernd an.

Aus irgendeinem Grunde verspürte er das unnatürliche Verlangen, diesen Menschen, den er vor vielen Monaten nur ein Mal flüchtig gesehen hatte, ein weiteres Mal wieder zu sehen. Er wusste absolut nicht, warum, aber Henne wusste dagegen definitiv, dass er ihn wiedersehen musste. Und vermutlich würde sich dann auch der tiefere Sinn dieses Wunsches ergeben.

“Also, FX, wie kommen wir da hin?”

Mit einem Kopfschütteln beendete FX die noch nicht einmal gestartete Diskussion, schnappte sich sein Tablett und ging zum Ausgang. Er war hin und her gerissen. Zum einen wollte auch er ergründen, warum Henne plötzlich so einen Drang auf ein Wiedersehen mit dem fremden Banditen hatte. Auf der anderen Seite wusste er, dass ein Besuch dort mehr als nur knifflig einzufädeln war. Noch dazu, wenn er mit all seinen Freunden anreiste, was erst recht strikt verboten war. Das würde ihm mit Sicherheit mehr als einen Tadel in irgendeiner Bahnstation einbrocken.

Die Neugierde hatte, wie so oft bei FX, gewonnen.


Kurz vor Mitternacht brach die Gruppe auf. FX hatte beschlossen, dass, wenn er schon das Gesetz, sein Gesetz, brechen würde, es auch einen gehörigen Anschein einer geheimen Mission haben sollte. Daher entschied er sich für einen Start in den geheimen Parallelgängen der Universität.

Der Zugang durch eine der unzähligen geheimen Türen war schnell vollbracht und so gingen sie im Gänsemarsch durch das schmale Treppenhaus hinunter ins Erdgeschoss, wo es parallel zu den offiziellen Räumen ebenfalls Pendants in der geheimen Sektion gab. Natürlich hätte FX von jedem Punkt der Welt aus starten können, aber es erschien ihm adäquat, wenn er an einem Ort wie diesem seinen Ausflug startete.

Der Raum, in dem sie sich nun befanden, war vom Schnitt und der Größe her wie ein kleiner Vorlesungsraum mit einem größeren Pult und ein paar Reihen an Stühlen für die Studenten. FX zog einen Stuhl heran, der zu seinem Erstaunen überhaupt nicht mit Staub bedeckt war, obwohl er mit Sicherheit eine ewig lange Zeit nicht in Benutzung war. Seine Freunde taten es ihm gleich und so saßen die vier Freunde in einem kleinen Kreis im nur von einer kleinen Fackel erleuchteten geheimen Hörsaal.

“Also Junx, folgendes müssen wir beachten: Ein Besuch im temporalen Knast ist generell nicht vorgesehen. Lediglich der Fänger ist der Einzige, der ein berechtigtes Interesse für einen Besuch haben könnte und ihn vielleicht besuchen dürfte.”

“Aber das bist doch Du, Diggi!”

“Ja, Ben, genau. Und deswegen geht das überhaupt. Ein Bisschen. Allerdings darf ich dorthin niemanden mitnehmen.”

“Och nö!”

“Theoretisch. Zumindest sollte ich mich dabei nicht erwischen lassen. Daher habe ich mir folgenden Plan ausgedacht.”

In groben Zügen umriss FX die Idee, die er sich ausgedacht hatte, und die hoffentlich funktionieren würde. Seine einzige Aufgabe war es, die Freunde unbemerkt hinein und wieder heraus zu bringen. Dies würde seine gesamte Aufmerksamkeit und Energie beanspruchen, da die Sicherheitsvorkehrungen im temporalen Knast multidimensional und sehr ausgefeilt waren. Gleich drei Personen davor abzuschirmen würde ihm das maximale Können abfordern, weshalb er sich um keine anderen Dinge kümmern konnte.

Da Henne der Stein des Anstoßes für diese Aktion war, sollte er die Leitung vor Ort übernehmen. Weder FX noch Henne hatten eine Ahnung, was sie dort erwartete und warum sie überhaupt dorthin wollten. Also war es Hennes Aufgabe, alle Aktivitäten vor Ort zu koordinieren, den Typen zu finden und ihn zu kontaktieren.

“Diggi, und was machen wir?”

“Idealerweise keinen Blödsinn, Ben, das wäre schon mehr als hilfreich!”

Michel musste laut lachen und auch Henne stimmte sofort ein. Allerdings erstarb es sofort wieder, nachdem beide auf FX geschaut hatten.

“Ich bitte drum! Ein guter Vorschlag, Michel, der wäre auch von mir gekommen. Das gilt aber natürlich für alle, nicht nur für Ben. Aber für ihn ganz besonders.”

“Diggi, ich …”

“Nein, Ben, jetzt bin ich erstmal dran. Das Ganze ist kein Sonntagsspaziergang, sondern fällt eher in die Kategorie ‘Einbruch in Fort Knox’. Daher wäre es schön, wenn wir nicht nur heile hinein, sondern auch wieder herauskämen.”

Die drei nickten schweigend.

“Also, hat noch jemand Fragen?”


Die Sonne stand senkrecht am Himmel, die Schatten direkt unter ihnen waren winzig klein. Die Luft flimmerte auf der schwarzen Straße vor ihnen, die sich aus der Unendlichkeit zu ihrer Linken schnurgerade durch die Landschaft fräste, um wieder rechts in der Unendlichkeit zu verschwinden. Am Horizont erhoben sich weit entfernt die schneebedeckten Berge. Ihnen direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite lag eine Tankstelle. Allerdings machte sie den Eindruck als wäre dort der letzte Liter Sprit schon vor vielen Jahren gezapft worden. Dieses Gebäude war definitiv verwaist.

Henne blickte nach links und rechts. Michel und Ben standen neben ihm, nur FX fehlte.

Irgendwie hatte er sich das anders vorgestellt. Ein Gefängnis war das hier nicht. Besonders einladend war diese Tankstelle inmitten der Einöde schon gar nicht. Vermutlich kamen hier nicht so häufig Autos vorbeigefahren, die eine Flucht ermöglichten. Allerdings wusste er auch nicht, ob es in der Zukunft überhaupt noch Autos gab. Andersherum sah diese Straße ziemlich neu und unbenutzt aus. Vielleicht war sie nur für den Gefangenentransport erbaut worden. Henne war sich sicher, dass hier in dieser Wüste die Überlebenschancen nicht besonders hoch waren. Es schien eine Variation von Alcatraz zu sein.

Trotz der Hitze lief ihm ein Schauer über den Rücken. Sollte das hier wirklich ein Gefängnis sein, so war es ein ziemlich perfides. Denn hier war man wirklich in absoluter Einsamkeit gefangen. Mit Sicherheit war es eine Strafe, wenn man hier mitten im Nirgendwo ausgesetzt wurde. Er überlegte kurz, ob er diese Wüste dem Weiß als Gefängnis vorziehen würde. Aber er kam zu keiner Entscheidung. Beide Orte, sofern man sie denn überhaupt als Orte bezeichnen konnte, hatten ihre Nachteile. Vorteile sah er keine.

Ben ärgerte sich. Er hätte eine kurze Hose anziehen sollen. Es war unglaublich heiß hier. Die Luft war staubtrocken und schon jetzt, nach nicht einmal einer Minute, machte sich Langeweile in ihm breit. Niemals hätte er gedacht, dass ein Ort auf dieser Erde so langweilig sein konnte. Mit einem Seufzer ließ er sein Skateboard auf die Straße fallen, in der Hoffnung, dass die Rollen auf dem heißen Asphalt nicht schmelzen würden.

Sie taten es nicht. Stattdessen rollte es auf der leicht abschüssigen Straße langsam nach links, erst an Henne vorbei und dann an Michel.

“Du bist so ein Vollidiot, Ben!”

Michel blickte an Henne vorbei und warf dem kleinen Skaterboy einen möglichst vorwurfsvollen Blick zu. Dieser durchgeknallte Mensch konnte einfach keinen Schritt gehen, ohne dass er sein Skateboard mitnahm. Eines Tages, so war sich Michel sicher, würde sich Ben mit dem Ding noch ein Bein brechen.

Das Board rollte langsam weiter und die drei blickten ihm hinterher. Es war das Einzige, was sich gerade hier bewegte, das Einzige, was hier in der Einöde gerade interessant war. Nichts anderes hier zog die Aufmerksamkeit auf sich. Es war schlicht sterbenslangweilig.

Langsam rollte das Skateboard weiter die Straße hinunter. Es war nicht einmal fünf Meter weit gekommen und Ben wollte gerade loslaufen, um es wieder zurück zu holen, als es plötzlich verschwand. Die Straße reichte noch etliche Kilometer weiter, bis sie irgendwann flimmernd mit dem Horizont eins wurde, aber das Skateboard von Ben, was er lustlos auf die Straße geworfen hatte, war nach wenigen Metern des Rollens mitten auf der Straße verschwunden. Weg. Es gab keinen Lichtblitz, kein Rauchwölkchen, nichts. Es war auf die langweiligste Art und Weise verwunden, wie Dinge nur verschwinden können. Es war einfach weg.

Vollkommen verdattert und sprachlos zeigte Ben auf die Stelle, wo es gerade noch hin gerollt war.

“Diggi, mein Board!”

Es dauerte etwas, bis auch Henne und Michel ihrer Sprache wieder mächtig wurden.

“Es ist weg.”

“Diggi, das weiß ich. Ich hab’s ja auch gesehen!”

“Aber wo ist es hin?”

“Das kann doch nich einfach weg sein, Diggi!”

“Es ist, als wäre es einfach aus dem Bild herausgerollt.”

“Ja, Michel, es sah wirklich so aus, aber die Gegend hier ist viel viel größer! Wie lang mag die Straße hier sein? 100 Kilometer in jede Richtung?”

“Ach Henne, hast Du denn schon wieder alles aus der Vorlesung vergessen? In der Ebene ist der Horizont nur etwa fünf Kilometer weit entfernt. Und wenn hier irgendetwas platt und langweilig ist, dann ist es diese Gegend hier!”

“Diggi, da… da…”

Kaum vorstellbar, aber der verdutzte Gesichtsausdruck von Ben war durchaus steigerungsfähig. Die drei Freunde starrten immer noch in die Richtung, in der Bens Skateboard gerade verschwunden war, als das Bord erneut an ihnen vorbeirollte und wieder an etwas derselben Stelle verschwand, wo es gerade erneut verschwunden war.

“Das ist jetzt aber komisch!”

“Sind wir hier in einer Zeitschleife gefangen?”

“Nein, sind wir nicht. Seht dort!”

Michel deutete in die andere Richtung der Straße, wo das Board gerade auf sie zugerollt kam. Es passierte die Position der Drei, genauso wie wenige Augenblicke zuvor und rollte weiter die leicht abschüssige Straße hinunter, um erneut wenige Meter links von ihnen zu verschwinden.

Fast zeitgleich drehten sich ihre drei Köpfe von links nach rechts und tatsächlich, etwa ähnlich weit weg von ihnen zur Rechten tauchte das zerschrammte Skateboard von Ben wieder auf, um ein weiteres Mal an ihnen vorbei zu rollen.

“Wir sind definitiv nicht in einer Zeitschleife, aber dieser Raum selbst scheint eine Schleife zu sein.”

“Michel, Du meinst also, wenn man hier links aus dem Bild raus geht, kommt man rechts wieder rein?”

Erstmals tat Henne überhaupt einen Schritt in dieser unwirtlichen Welt und ging links in zu dem Punkt, an dem das Skateboard gerade zum wiederholten Male verschwunden war. Es sah hier genauso aus, wie überall anders auch. Die Straße vor ihm führte schnurgeradeaus bis in die Ferne. Egal in welche Richtung er blickte. Man konnte nichts erkennen. Keinen Bruch oder sonst etwas. Alles sah hier ganz normal aus.

Vorsichtig streckte er den Arm in die Richtung aus, in die auch das Board immer wieder und wieder rollte. Und urplötzlich, an einer sehr definierten Stelle verschwand seine Hand plötzlich. Als würde dort ein Vorhang mit dem Bild der Umgebung hängen und seine Hand plötzlich hinter dem Vorhang verschwinden. Dahinter fühlte es sich ganz genauso an, wie kurz vor der Bruchkante. Man konnte keinen Unterschied fühlen. Nur sehen. Seine Hand war einfach weg.

“Henne, wenn Du Deine Hand suchst …”

Michel deutete in die andere Richtung die Straße hinunter. Dort, wo Bens Board immer wieder auftauchte. Dort sah Henne seine Hand. Und es war tatsächlich seine Hand. Er bewegte die Finger und sie bewegten sich dort drüben, keine zehn Meter entfernt die Straße hinauf. Er streckte die Finger und seine Finger drüben streckten sich. Er ballte sie zur Faust, und die Hand, die in der Luft zu schweben schien, ballte sich zur Faust. Er streckte den Mittelfinger aus und auch die Hand tat es.

Henne steckte seinen Arm etwas weiter in diese Bruchstelle und tatsächlich, genau zum gleichen Zeitpunkt kam der Arm drüben heraus. Henne schluckte kurz und tat dann einen großen Schritt vorwärts.

“Henne, nein!”

Michel wollte zu ihm laufen, aber Henne war zu schnell, er war bereits in dem Spalt verschwunden. Obwohl es nur ein kurzer Sprung war, war Michel zu langsam gewesen, Henne war bereits weg. Michel wusste nicht ganz genau, wo wirklich diese Bruchstelle war, aber er war sich sicher, dass er kurz vor ihr stand. Aber auch aus dieser kurzen Distanz konnte er nicht das Geringste erkennen.


Das System war ebenso einfach wie genial. Ein flüchtiger Verbrecher wurde von den Temporalen Fängern dingfest gemacht, in seine Zeit zurückgebracht und ihm wurde ein klassischer Prozess gemacht, wie er in Demokratien in Raum und Zeit üblich und gerecht ist. Kommt es zu einer Verurteilung, wie in diesem Falle, richtet sich das Strafmaß auf der Gesetzesgrundlage nach der Schwere der Tat. Jedoch waren die Gefängnisse der Zukunft deutlich effektiver organisiert, als die der Gegenwart. Es gab keine Gebäude zum Internieren von Menschen, stattdessen wurden sie in eine Art Raum- und Zeitkapsel eingeschlossen.

Einen Zugang zu diesen Kapseln gab es prinzipbedingt nicht. Es war schlicht nicht vorgesehen und demnach auch nicht möglich. Lediglich dem Fänger, also derjenige der Zweiundvierzig, der den Menschen dingfest gemacht hatte, war es möglich, die Barriere in die Kapsel zu überwinden. Allen anderen Menschen war es nicht möglich, in die Kapsel einzudringen. Weder aus eigener Kraft noch durch irgendeine Technik der Gegenwart oder Zukunft. Jedoch gab es in der Regel keinen Grund dafür, einen Internierten zu besuchen, weshalb davon auch nie Gebrauch gemacht wurde.

FX hatte heute dennoch diesen Joker gezogen und erstmalig Einlass in die Kapsel bekommen. Was eigentlich unmöglich war, hatte er allerdings mit einem kleinen Trick dennoch möglich gemacht: Er hatte seine drei Freunde mit in die Kapsel genommen. Er war sich nicht hundertprozentig sicher, ob sein Trick wirklich funktionieren würde. Was aber unausweichlich war, war die Tatsache, dass er seine Freunde ständig von den Detektoren abschirmen musste, auch wenn sie bereits in der Kapsel drin waren, denn diese wurde zum Schutz der beinhalteten Person ständig von außen gescannt. Um nun Henne, Michel und Ben vor dem Scanner zu verbergen, blieb FX quasi als Schutzhülle am äußersten Rand der Kapsel stehen, so dass der Scanner nur ihn erfasste.


“Man fühlt überhaupt nichts.”

Irritiert drehte sich Michel um. Dort stand Henne. Ein paar Meter die Straße rauf, wo vorher schon seine Hand gewesen war.

“Es ist, als würde man einfach geradeaus weiterlaufen. Man merkt nichts, man riecht nichts, man sieht nichts. Es ist einfach nicht da. Man kann weitergehen, wie in einem Hamsterrad. Unendlich weit.”

“Henne, Du hast mir einen Schrecken eingejagt!”

“Ja, schon, Michel, aber überleg doch mal. Das hier ist ein Knast. Hat zumindest FX gesagt. Da wäre es doch unlogisch, wenn hier etwas passieren würde. Man ist hier gefangen. Und zwar ist man hier in der Unendlichkeit gefangen. Und einer verdammt langweiligen Unendlichkeit noch dazu.”

“Du hast Recht, das ergibt schon einen Sinn.”

Michel dreht sich um. Ben stand immer noch an derselben Stelle, an der sie diesen eigenartigen Ort erreicht hatten. Er ging zu seinem Freund zurück und überlegte kurz. Wenn dieser Ort hier wirklich nur ein paar Meter groß wäre, wie eine Gefängniszelle, dann müsste er ja auch kurz hinter der Straße, da wo sie standen, schon enden. Wo würde man also herauskommen, wenn man von ihrem Startpunkt einen Schritt zurück ging.

So ganz traute er sich nicht, aber irgendwann gewann doch seine Neugierde. Er drehte sich um und entfernte sich langsam von der Straße und der Tankstelle auf der anderen Straßenseite. Aber schon mit dem zweiten Schritt hatte er anscheinend die Grenze erreicht und überschritten, denn plötzlich fand er sich hinter der Tankstelle wieder und blickte an ihr vorbei, sah die Straße und Ben. Dieser hob zögerlich die Hand und winkte vorsichtig.

Langsam dämmerte es den drei Freunden. Dieses Gefängnis war gruselig. So unendlich groß und doch so klein. Es waren keine zehn Meter in jede Richtung. Und zu allem Überfluss auch noch schrecklich langweilig. Hier war absolut nichts los. Sie trafen sich auf dem Mittelstreifen der Straße

“Ich mag diesen Ort nicht.”

“Ich mag ihn auch nicht, Henne.”

“Vielleicht sollten wir mal ins Gebäude rein gehen? Irgendwo muss der Typ ja sein. Wir haben einen Grund, warum wir hier sind. Und ich denke, dass es besser wäre, wenn wir nicht trödeln würden. FX wird es uns mit Sicherheit danken.”

“Ben, kommst Du? Ben?”

“Das ist jetzt bitte nicht wahr!”

Der Gesuchte war, wie sollte es anderes sein, auf seinem Skateboard und fuhr die Straße hinunter. Erst langsam, um an der Bruchstelle zu verschwinden und am anderen Ende der kurzen Straße wieder aufzutauchen. Dann holte er mehr Schwung, um die zweite “Runde” zu fahren. Im dritten Durchlauf fuhr er Slalom um den gestrichelten Mittelstreifen. Nach dem vierten Durchlauf hörten Michel und Henne auf zu zählen und blickten sich kopfschüttelnd an.

“Ich möchte gerne mal wissen, woher er diese unbedarfte Kindlichkeit nimmt. Ich beneide ihn, wie er das behalten konnte.”

“Ach Michel, was erwartest Du: Wer mit Anfang zwanzig eine Zahnspange trägt, der hat das Kind im Manne mit Sicherheit noch nicht verloren.”

“Du meinst, ich sollte mir auch solche Schneeketten zulegen?”

“Ich fürchte, andersherum wird es nicht funktionieren. Außerdem hast Du doch ein wundervolles schneeweißes Lächeln, was willst Du denn mehr?”

“Na, ich frag ja nur. Ben hat auch perfekte Zähne, die zudem noch silbern glitzern. Irgendwie ist er ja immer voll süß mit seiner Spange, findest Du nicht?”

“Total! Es gibt nur zwei Zustände bezüglich Ben: Entweder will man ihn liebhaben oder einfach nur in den Arsch treten. Gerade ist letzteres der Fall. Lassen wir das Kind spielen und die Erwachsenen suchen jetzt den Knasti. Er kann ja wirklich nur drinnen sein.”

Als sie die verlassene Tankstelle betraten, standen sie inmitten eines fast leeren Raumes. Es gab lediglich einen Tisch und einen Stuhl. Und dort saß er, der junge Mann, den sie vor ein paar Semestern erwischt und zurückgeschickt hatten. Er saß kerzengerade auf dem Stuhl, vor dem Tisch und starrte die gegenüber liegende Wand an.

Er hatte sie nicht bemerkt, obwohl sie mit Sicherheit nicht besonders leise waren. Er bewegte sich kein Stück. Die einzige Regung, die man überhaupt ausmachen konnte war, dass er flach aber regelmäßig atmete.

Henne wurde stutzig. Er ging in sich. Er fühlte. Nichts. Er erweiterte seinen Bewusstseinsradius, wie er es von FX gelernt hatte, um mit seinen empathischen Fähigkeiten in weitere Ferne reichen zu können. Nichts. Er spürte niemanden. Nicht einmal den ausgelassenen Ben, der vor dem Gebäude immer noch mit seinem Skateboard die Straße hinunter führ. Seine Freude war bis hier her zu hören, so am Jauchzen und Lachen war er. Nur fühlen konnte es Henne nicht. Er schien, als gäbe es hier an diesem Ort keinerlei Emotionen.

Schließlich räusperte er sich leise, um die Aufmerksamkeit auf sich und Michel zu lenken.

Obwohl er sich alle Mühe gab, lediglich möglichst leise ein Geräusch von sich zu geben, erschreckte es den Menschen auf dem Stuhl so sehr, dass dieser aufsprang, den Stuhl nach hinten umwarf und er sich vor Panik rücklinks an die nächste Wand stellte.

Der arme Kerl war zu Tode erschreckt, hatte sich mit beiden Händen an sein Herz gefasst und das Pochen war in der Stille quer durch den ganzen Raum zu hören.

Die drei schwiegen sich an.

Langsam beruhigte sich der junge Menn ihnen gegenüber wieder, so dass Michel sich traute, das erste Wort zu sprechen.

“Du bekommst anscheinend nicht oft Besuch hier”, stellte er ernüchternd fest.

Der so angesprochene war immer noch viel zu erschrocken, um etwas zu sagen, weshalb er nur stumm den Kopf schüttelte.

“Du hast mich gerufen.”

Henne erinnerte sich an FX, der betont hatte, dass sie möglichst wenig Zeit verschwenden sollten, weshalb er entschied, dass sie jetzt nicht mit Höflichkeitsfloskeln Zeit vergeuden sollten.

“Welches Datum ist heute?”

“Ich weiß nicht, wir sind auch …”

Eigentlich wollte Michel sagen, dass sie auch nur auf Zeitreise hier waren, jedoch brach er seinen Satz unvollendet ab, weil er sich sicher war, dass der Kerl hier das garantiert nicht hören wollte, weil er ja nun wegen illegaler Zeitreisen gerade eingebuchtet worden war. Und Michel war sich seinerzeit nicht ganz sicher, ob ihr Ausflug in die Zeit und diesen Raum hier so ganz legal waren.

“Die Kapsel ist grausam. Die ersten beiden Tage sitzt man locker auf einer Arschbacke ab. Sie dauern ganz normal je einen Tag. Der dritte Tag verwirrt. Es kommt einem vor wie zwei Tage. Der vierte Tag ist dann schon lang wie fünf. Und am fünften Tag hat man gefühlt schon einen Monat hier verbracht.”

“Fibonacci!”

“Henne! Du hast ja doch im Studium aufgepasst. Das ist wirklich die Zahlenreihe nach Fibonacci. Die nächste Zahl ist immer die Summe der beiden vorhergehenden Zahlen. Die Zahlen werden ziemlich schnell sehr groß. Aber solche Reihen kommen auch häufig in der Natur vor, bei Blüten oder so. Außerdem …”

“Ist gut Michel. Kein Mathe jetzt. Wie lange musst Du denn hier bleiben? Wie heißt Du eigentlich?”

“Drei Wochen.”

“Aber das sind ja …”

“Knapp dreißig Jahre, genau. Kai.”

Henne fand es total schrecklich, zu wissen, dass Kai hier in dieser unendlichen Einöde eingesperrt war. Wenn er es richtig verstanden hatte, dann war er zwar nur für drei Wochen hier in dieser trostlosen Wüste, aber es würde ihm vorkommen wie über zehntausend Tage. Dieser Ort schien wirklich ein grausamer zu sein. Wenn dieser Ort der unendlichen Langeweile schon dermaßen schrecklich war, auf was für Ideen mochten die Menschen in dieser Zukunft denn noch gekommen sein.

Angst stieg in Henne auf.

Irgendwie konnte er Kai gut verstehen, dass er aus dieser schrecklichen Zukunft fliehen und in einer deutlich gemäßigteren Zeit leben wollte. Andersherum musste Henne ehrlich zu sich sein, er kannte keine Gefängnisse aus seiner eigenen Epoche. Wenn man Berichten aus den Medien glaubte, so war auch die Situation in diesen Gefängnissen nicht gerade ideal.

Aber es war nicht an ihm, jetzt und hier darüber zu urteilen. Ihre Anwesenheit hier hatte einen konkreten Grund.

“Du hast mich gerufen, Kai.”

“Nein. Ja. Ich weiß nicht.”

“Also hör zu, Kai. Mein Name ist Henne und ich bin ein Empath. Ich habe eine sehr starke empathische Welle von Dir empfangen. An einem anderen Ort. Zu einer anderen Zeit. Aber es war definitiv von Dir. Von hier. Aber hier an diesem Ort ist alles langweilig. Selbst irgendwelche Gefühle sind hier erstickt. Also musst Du mir schon sagen, was war. Wir haben hier nicht ewig Zeit.”

Kai war verwirrt. Verwirrt aufgrund der Tatsache, dass Henne gerade so dermaßen offen war. Das war er von Amtsträgern nicht gewöhnt. Und er war sich auch nicht sicher, ob er diesem Fremden vertrauen konnte, zumal Henne bei seinem Rücktransfer in seine Zeit ebenfalls zugegen war. Und sein Bodyguard und Wichtigtuer, der schweigend halb hinter dem kleinen Punk stand, machte die Situation nicht entspannter. Andersherum hatte Kai auch keinerlei Wahl. Er konnte hier in der Kapsel versauern und sein Hirn weichkochen lassen, oder aber er konnte preisgeben, was er wusste, an was er sich wieder erinnerte.

Schweren Herzens entschied er sich für letzteres.


Eigentlich hätte er damit rechnen müssen, dass Ben die Kapsel als einen kleinen großen Spielplatz nutzen würde. Andersherum war sein Verhalten, was er gerade an den Tag legte, mehr als vorhersehbar und damit sehr einfach durch FX einzudämmen.

Im Gegensatz dazu schien das Gespräch zwischen Henne und dem Flüchtigen mit sehr starken Emotionen aber auch Informationen verbunden zu sein. Erstere galt es möglichst einzudämmen, damit sie nicht erwischt wurden. Von außen musste die Kapsel nach wie vor so aussehen, als enthalte sie lediglich eine Person. Idealerweise eine verzweifelte Version ohne aufregende Gedanken, sondern einem weitgehend leeren Kopf. Eine Person, die einfach nur dort war.

Die Konversation zwischen dem Typen und Henne war jedoch alles andere als gleichförmig und langweilig. Stimmungsschwankungen zwischen Hass und Verzweiflung, zwischen Hoffnung und Freude galt es auszugleichen, damit niemand Verdacht schöpfte. Und es ging bereits sehr lange so. FX musste sich enorm konzentrieren, um die turbulente Szene nach außen hin neutral erscheinen zu lassen, dass er langsam müde wurde. Problematisch dabei war, dass die Zeit innerhalb und außerhalb der Kapsel unterschiedlich schnell ablief.

In diesem Jahrhundert galten zeitasymmetrische Gefängniskapseln als der letzte Schrei der Technologie, die es ermöglichte, Gefangene nur über kurze Zeit zu beherbergen, für sie jedoch den Eindruck zu hinterlassen, dass sie eine extrem lange Haftstrafe hinter sich gebracht haben. Die Menschen jener Zeit waren stolz auf diesen technologischen Kniff, der die Gefängnisse signifikant entlastete und optimale Belegungen garantierte.

Dieser asymmetrische Zeitverlauf war die Herausforderung, der sich FX stellen musste, war seine Aufgabe doch auf der Grenzschicht eben dieser Kapsel angesiedelt. Er musste mit zwei Zeitstrahlen gleichzeitig kämpfen und diese stetig synchronisieren, um permanent unerkannt zu bleiben.

Der illegale Zeitreisende war bereits mehrere Tage in der Kapsel, was bedeutete, dass es schon eine signifikante Zeitdifferenz zwischen Innen und Außen gab. FX wurde langsam Müde. Unter normalen Umständen hätte man diese Mission mit zwei Personen planen müssen, die sich gegenseitig abwechseln konnten. Jedoch hätte FX mit Sicherheit niemanden für solch eine illegale Tour begeistern können, zumal Eggsy ihn bereits im Vorhinein ausdrücklich gewarnt hatte.

FX entschied sich, die Mission zu beenden. Wie immer galt es, auch den Rückzug perfekt zu planen, denn meistens scheiterte eine Aktion an einem schlecht geplanten Ende mit unzureichenden Kapazitäten. Und soweit wollte er es nicht kommen lassen. Für einen ebenso geräuschlosen Rückzug benötigte er noch etwas an Energie, die er jetzt noch hatte, aber bald vermutlich nicht mehr.


Genauso plötzlich, wie Henne, Michel und Ben in der Einöde aufgetaucht waren, verschwanden sie auch wieder. Zeit für eine Verabschiedung blieb Ihnen fast nicht. Glücklicherweise verspürte Henne ein leichtes Ziehen am Hinterkopf, was er vollkommen richtig interpretierte.

“Tschüß, Kai. Und danke.”

Und fort waren sie. Nichts blieb zurück, was auf ihre Anwesenheit in der unendlichen Einöde hätte schließen können. Lediglich das Skateboard von Ben rollte ohne seinen Fahrer noch einmal die Straße hinunter. Fast hätte FX es übersehen. Im Geiste wünschte er Ben den Teufel in den Nacken, entschied sich dann aber noch kurzfristig für eine Dose schlechtes Haargel.


Sie saßen wieder in einem der geheimen Gewölbe der Universität. Das Skateboard rollte mit dem verbleibenden Schwung gegen die Mauer und blieb mit protestierenden Klappern dort liegen.

“Diggi, Du hättest ja vorher kurz Bescheid geben können.”

“Ben, möchtest Du wieder zurück? Möchtest Du die nächsten drei Jahre die Straße runterfahren?”

FX war sichtlich ausgelaugt und durchgeschwitzt, konnte sich aber den anklagenden Tonfall gegenüber seinem Freund nicht verkneifen.

“‘tschludige, Diggi.”

“Schon okay, Ben. Ich bin nur etwas kaputt gerade. Das war ziemlich anstrengend, aber zumindest von meiner Seite aus sehr erfolgreich! Ich bin jetzt schon zufrieden.”


Mit einem breiten Grinsen tauchte FX in die Universelle Vermittlung ein.

“Ich weiß nicht wirklich, ob Du es getan hast, geschweige denn wie Du es getan hast, aber ich bin mir verdammt sicher, DASS Du es getan hast.”

“Hej, Eggsy, Du spionierst mir hinterher? Naja, anscheinend nicht, denn sonst würdest Du nicht so wirres Zeug reden.”

“Ich werde es herausfinden, glaub mir. Und dann gibts mehr als nur einen Satz heiße Ohren!”

“Was willst Du denn genau herausfinden? Dass ich bei dem Flüchtigen in der Kapsel war? Ich hab ein berechtigtes Interesse. Das war vollkommen legal. Mein Besuch ist registriert und genehmigt worden.”

“Das weiß ich. Aber ich habe so das Gefühl, dass Du nicht alleine dort warst.”

“Du hast Gefühle? Na, das kommt aber selten vor. Und in diesem Falle sind sie auch noch total falsch. Eggsy, ich muss Dir nicht erzählen, dass man keine weiteren Besucher mit in die Kapsel nehmen darf. Das ist illegal!”

“Und trotzdem hast Du es getan. Ich weiß nicht wie, aber Du hast es getan und ich werde es herausbekommen!”

“Ach Eggsy, gräm Dich doch nicht. Das gibt nur graue Haare!”

FX war plötzlich wieder alleine im Weiß, sein Grinsen war ihm jedoch treu geblieben.


Nachdenklich nickte FX, nachdem Henne seinen Bericht beendet hatte. Henne war sich nicht sicher, ob er alles korrekt wiedergegeben hatte. Irgendwie hatte er nicht so recht verstanden, was Kai ihm gesagt hatte, weshalb er sich Mühe gab, ihn zu zitieren und möglichst wenig zu interpretieren. Er hatte viel verrücktes Zeug über Zeitreisen erzählt, was Henne nicht verstanden hatte: über Zeitschleuser, die er mit einer unglaublichen Summe an Geld bezahlt hatte, damit er reisen konnte. Über eine Maschine, die er eigentlich nicht hätte sehen dürfen oder können. Über Gesichter und Namen. Für Henne hatten all diese Dinge keinen Zusammenhang ergeben. Es waren eher einzelne Puzzleteile, wo klar war, dass sie alleine der Form wegen nicht zum selben Bild gehören konnten. Aber für FX schien das alles einen Sinn zu ergeben, denn hin und wieder schmunzelte er oder er nickte und bestätigte den verworrenen Satz, den Henne nur wie ein Papagei wiederholt hatte, ohne ihn zu verstehen.

“Also Henne, mach Dir nicht allzu viele Gedanken darüber. Zeitreisen an sich sind schon komplex. Die Mafia, die dahinter steckt, ist umso verworrener, denn sie versuchen, ihre Geschäfte zu verschleiern und zu verstecken, damit wir ihnen nicht auf die Schliche kommen.”

Und so umriss FX kurz, wie der Schwarzmarkt der Zeitreisen funktionierte und welche Methoden der Hirnwäsche die Zeitschleuser in ihre Maschinen eingebaut hatten, damit sich die Zeitreisenden am Ende ihrer Reise möglichst an nichts mehr erinnern konnten und so eine Rückverfolgbarkeit zu den Schleusern an sich extrem erschwert wurde.

Es war das tägliche Brot, dass die zweiundvierzig Temporalen Fänger fast immer nur die kleinen Fische fingen, die großen Gruppen, die im Hintergrund agierten, aber fast nie erwischt wurden.

Aus für FX unerfindlichen Gründen konnte sich dieser Kai nun mit großer Verzögerung in der Kapsel anscheinend an Fragmente aus der Zeit vor seinem Sprung erinnern. Aber diese paar versprengten Teile schienen für FX ausreichend zu sein, um sie in ein größeres Puzzle einzuordnen und ein Rätsel zu lösen.

“Danke Henne, das war ganz famos, was Du und Ihr da gerade geleistet habt. Die Info habe ich direkt an Eggsy und Jo weitergegeben. Sie können einer Gruppe an Zeitschleusern damit das Handwerk legen. Da diese Info initial von Kai kam, wurde er umgehend begnadigt und sein Aufenthalt in der Kapsel wurde auf wenige Tage rückabgewickelt. In der Zukunft kann man halt auch Gefängnisstrafen rückgängig machen, wenn es denn erforderlich ist. Ein bisschen was muss er halt schon absitzen, denn illegal war seine Tat dennoch.”

“Diggi, und das war’s nu?”

“Ja, Ben, das war es schon. Die Zukunft ist bereits angepasst durch die neuen Informationen. Ihr habt soeben erfolgreich dazu beigetragen, die Zeit zu verändern und die Zeitlinie sicherer zu machen. Eine Quelle von Fransen, nämlich illegale Zeitreisen, wurde soeben von Eggsy und Jo eliminiert. Die Zeitschleuser wurden gefasst, ihnen wurde der Prozess gemacht und sie sitzen nun selber in so einer Kapsel. Die Zeitmaschine als Quelle der Fransen wurde zerstört. Happy End für Kai. Im Übrigen wird er nächstes Semester hier wieder anfangen. Er ist in einer Art temporalen Zeugenschutzprogramm, denn wir vermuten, dass die temporalen Schleuser noch Verbindungen zu anderen Banden haben.”

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