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Quartett
Teil 64 - Tornado
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Informationen
- Story: Quartett
- Autor: ratte-rizzo
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Science Fiction, Fantasy und Mystery
70. Tornado
Gleichzeitig betäubt und beseelt standen Emil und FX unter der nur noch tropfenden Dusche im Dunkeln. Nur langsam kehrten sie in die Realität zurück und keiner der beiden wusste so recht, was passiert war. Sie hatten gemeinsam geduscht und sich gegenseitig den Rücken eingeseift. Und dann kam eines zum anderen, ihre Hände fingen an, den jeweils anderen Körper zu erkunden und ertasten. Erst als FX versuchte, eine der Runen von Emil zu ertasten, bemerkten sie zum ersten Mal ein irgendwie elektrisches Kribbeln und Vibrieren in der Luft, was beide daran hinderte, weiterzumachen. Stattdessen entschied sich FX einem inneren Impuls folgend, Emil schlicht weg zu knutschen und seine Zunge tief in dessen Hals zu stecken. Etwas, was er schon seit langem nur zu gern getan hätte. Dieser durchtrainierte, aber fast leichenblasse Körper des Schattenjägers mit all den tiefschwarzen Verzierungen auf seiner Haut machte ihn total an.
Dann kam der Kuss.
Es folgte ein Orgasmus bei beiden, wie weder Emil noch FX ihn je erlebt hatten. Ihr einziger Körperkontakt waren lediglich ihre Lippen gewesen und dennoch hatten sie beide synchron einen Orgasmus erlebt, der an Intensität der Gefühle und an Menge ihres Spermas sämtliche Grenzen sprengte. Beide hatten bis zu diesem Zeitpunkt noch nie eine derart extreme und tiefgehende Erregung gespürt.
So war es auch kein Wunder, dass sie nun etwas erschöpft und gleichzeitig vollgepumpt mit Endorphin total wach unter der Dusche standen und sich halb verliebt, halb überrascht in die Augen starrten. Dass um sie herum mit dem Abspritzen die Universität in Dunkelheit und Stille versunken war, drang erst langsam in ihre Gehirne vor.
Ein nicht weniger verdutzter Ben stand in der Tür und wusste nicht, was er von der Szenerie halten sollte, die sich ihm gerade bot. Einerseits waren da zwei nasse, völlig unterschiedliche und auf ihre jeweils eigenen Weise sehr attraktive junge Typen unter der Dusche am rumknutschen. Andererseits seine missliche Situation mit seiner verdrahteten Zahnspange, die ihm das Sprechen nahezu unmöglich machte und ein Knutschen mit den beiden komplett unterband, obwohl er sich gerne in den Reigen unter der Dusche mit eingereiht hätte. Schließlich war dann da noch der Komplettausfall aller Technik, nicht nur in ihrem Zimmer, sondern anscheinend auch in der gesamten Burg.
Langsam gewöhnten sich seine Augen an die überraschende Dunkelheit und Ben stellte enttäuscht fest, dass er zu spät ins Bad gekommen war. Die Körper der beiden jungen Männer waren von oben bis unten mit milchig-weißer Flüssigkeit bespritzt, die nun langsam heruntertropfte und über die Haut gen Boden rann.
“Mischt, Diggi, isch bin anscheinend tschu schpät. Ihr scheid gemein!”
Als hätten sie sich abgesprochen, trafen Henne, Michel und Paul auch im Apartment der vier Freunde ein. Der Stromausfall hatte sie zwar nicht großartig beunruhigt, weil das in solch alten Gemäuern wie dieser historischen Burg durchaus vorkommen konnte, jedoch hielten sie es für angebrachte, sich vielleicht wieder zu versammeln, war der Abend doch nicht mehr sehr fern.
“Ben, alles klar bei Dir?”
Henne kam gerade wieder an die Grenze seiner Belastbarkeit, was das Einprasseln fremder Emotionen auf ihn anging. Einerseits ließ die Wirkung der Runen von Emil und Paul offensichtlich langsam nach, andererseits war durch den Stromausfall in der gesamten Universität auf empathischer Ebene sehr viel los. Dennoch schaffte es Henne, sich zu konzentrieren und Prioritäten zu setzen. Die galten zunächst einmal Ben, der nach wie vor mit seinem verdrahteten Mund zu kämpfen hatte und ein Auf und Ab seiner Gefühle durchlebt hatte.
“Diggi, wasch glaubscht Du denn? Isch hab heut den ganschen Tag meine Fresche nischt auf bekommen. Isch hab hunger! Und dann die beiden Jungsch die hier am rummachen schind. Isch will auch meine Tschunge in den Halsch von Emil schieben! Alscho nein, niksch isch klar hier!”
Mit einem breiten Grinsen drehte sich Henne zu Paul um und fasste Bens kleinen emotionalen Monolog zusammen.
“Es geht ihm gut.”
Michel kam durchgeschwitzt vom Sport zurück und war zeitgleich mit den anderen zuhause eingetroffen. Als er die beiden nackt nach dem Sex unter der Dusche sah, wurde ihm ganz warm ums Herz und in seinem Schritt begann es unangenehm zu zwicken. Diese Situation war eine der sehr seltenen Momente, wo er den Käfig in seinem Schritt verteufelte. FX hatte er schon unzählige Male nackt gesehen, aber Emil noch nie. Und ihm blieb fast die Luft weg und sein Blut schoss in die Leistengegend, wo seine härter werdende Männlichkeit gerade gegen den Käfig ankämpfte. Dieser Schattenjäger war genauso perfekt durchtrainiert, wie er selbst. Er war der Traum jeder Anatomiestunde, wo man jeden einzelnen Muskel klar bezeichnen konnte. Und wie er da so stand, und seine Muskeln leicht am Arbeiten waren, konnte Michel nicht anders und sich in die Hose greifen, um dort seinen kleinen Mann in die Schranken zu weisen. Heute wäre einer der seltenen Tage, an denen er schwach geworden wäre, was er trotzdem nicht wollte.
“Emil, mein Liebster, alles okay bei Euch? Ihr hattet offensichtlich Spaß, aber der war wohl etwas ausufernd. Kann das sein?”
Paul betrachtete die beiden Nackten unter der Dusche und das ganze Sperma, was überall verteilt an Körper und Wänden klebte. Auch er hatte mit seinem Mann schon sehr intensiven Geschlechtsverkehr gehabt, auch unter Zuhilfenahme ihrer Kräfte, aber solch eine riesige Sauerei hatte es selbst bei ihnen beiden nie gegeben.
Vollkommen unerwartet drängelte sich plötzlich ein alter Bekannter durch die kleine Menschentraube vor dem Badezimmer: Johannes war aus dem Nichts erschienen, schob die Freunde vorsichtig, aber sehr bestimmt beiseite und durchschritt wortlos das Bad zur Dusche.
Ohne auch ein Wort zu verlieren, trat er in die Dusche, legte jeweils eine Hand auf die Schultern der beiden Spielpartner und schob sie in einer Bewegung weiter geradeaus durch die Wand, als sei dort ein Durchgang. Die drei waren durch die Wand verschwunden.
“Was war da los?”
Johannes hatte es genau wie alle anderen der Zweiundvierzig in der gesamten Raum-Zeit gespürt. Es war dem STOPP sehr ähnlich, was sie als letzte Notbremse nutzen konnten, um das gesamte Universum für einen Augenblick anzuhalten, so wie es FX vor einigen Jahren getan hatte. Er hatte diesen Ruck deutlich gespürt. Aber das Universum blieb nicht stehen, sondern lief einfach weiter. Es gab nur den Ruck, ohne dass es anhielt. Dafür allerdings kam es zu einem kompletten Kurzschuss sämtlicher Energieformen überall und zu jeder Zeit.
Sowohl er als auch Eggsy reagierten schnell. Dadurch, dass sich die Welle des Kurzschlusses sowohl in Raum als auch Zeit multidimensional um ein Zentrum ausbreitete, konnten sie schnell den Ursprung rückwärts triangulieren und kamen auf Emil und FX als Ursache.
Je weiter weg man von ihnen sowohl im Raum als auch in der Zeit war, desto schneller war der Kurzschluss vorüber. Aber in der Universität, dem Epizentrum der Energiewelle, war es nach wie vor dunkel und leise, auch wenn drum herum langsam wieder Leben in die Welt einkehrte.
Mit nur einem flüchtigen Blick koordinierten sich Eggsy und Johannes. Letzterer sollte die beiden Verursacher aufsuchen und Nachforschungen anstellen, während Eggsy zusammen mit den verbliebenen Zweiundvierzig die schier unendliche Menge an Fransen dieses Kurzschlusses in Raum und Zeit wieder einwebten.
“Was war da los?”
Die Drei fanden sich im Weiß wieder. Johannes hatte eigentlich ein paar Tage frei gehabt und war mit einer schwarzen Leinenhose und einem schrill-bunten Hawaiihemd bekleidet, während die anderen beiden nach wie vor nackt und alles andere als sauber waren.
Entweder war Johannes dieser etwas peinliche Zustand der beiden egal, oder aber es war ihm nicht bewusst. Jedenfalls war FX schneller als sein Exfreund und hüllte sowohl sich als auch Emil mit einer unscheinbaren Handbewegung von oben nach unten in frische Kleidung.
“Emil, gehts Dir gut oder wird Dir gleich wieder schwindelig hier im unendlichen Weiß?”
FX ignorierte die von Johannes bereits zwei Mal gestellte Frage und wandte sich zunächst dem Wohlbefinden von Emil zu, der zwar bei ihrem letzten Besuch in der Universellen Vermittlung erstaunlich standhaft und tapfer war, was er aber nur einem kleinen Trick zu verdanken hatte. Daher war sich FX nicht sicher, wie entspannt Emil bei seinem zweiten Besuch hier war, zumal dieser so nicht geplant war.
“Danke, FX, mir gehts gut.”
“Meine Fresse, Leute, könnt Ihr mir jetzt endlich mal verraten, was da los war?”
“Jo, wir wissen es nicht.”
“Wie? Ihr wisst es nicht? Hast Du eine Ahnung, was Ihr beide alles angestellt habt?”
“Ja, retrospektiv betrachtet haben wir wohl ein kleines Chaos angerichtet, wenn ich das so schnell richtig gesehen habe.”
“Also ein ‘kleines Chaos’ sieht etwas anders aus. Ich weiß nicht, was und wie Ihr es gemacht habt, aber es ist Euch gelungen, in der gesamten Raumzeit sämtliche Energieflüsse kurzzuschließen. Das ist kein kleines Chaos, das ist ein Elefant, der im Porzellanladen explodiert ist!”
“Tatsächlich immer und überall?”
FX hatte sich mittlerweile im Schneidersitz auf den Boden gesetzt, weil er so besser denken konnte. Gedankenverloren drehte er ein paar seiner Dreads um den Finger und ließ sie dann wieder los, so dass sie wie eine Spiralfeder wieder zurücksprangen.
“Ja, Ihr seid echt bis in die hintersten Ecken der Raumzeit gelangt und habt alles, wirklich alles komplett stillgelegt. Dunkel und leise. Je weiter räumlich und zeitlich von Euch entfernt, desto schneller war der Kurzschluss wieder vorbei, aber hier bei Euch in der Burg sind es mittlerweile mehrere Minuten!”
Johannes musste sich sehr zusammenreißen, um weiterhin auf der sachlichen Ebene zu bleiben und die beiden vor ihm nicht anzuschreien. Aber er wurde sich auch bewusst, dass sie das erstens nicht absichtlich getan hatten und zweitens bis gerade eben nicht einmal eine Ahnung der Ausmaße hatten.
“Sind die Junx schon dabei, die Fransen wieder einzuweben?”
“Ja, natürlich sind sie das, was denkst Du denn. Eggsy koordiniert die Aktion. Er ist auch sehr zuversichtlich, dass wir das rückstandslos wieder korrigieren können. Allerdings haben wir beide die Befürchtung, dass wir die nächste oder gar mehrere weitere solcher Aktionen irgendwann nicht mehr kompensieren können. Aber so weit sind wir mit unseren Analysen noch nicht.”
Das Schema erkannte FX sofort: Einer der Zweiundvierzig koordiniert die Reparaturen an der Raumzeit und ein zweiter macht die Ursachenanalyse, wie es dazu kommen konnte. Das war die Standardprozedur, die bei erheblichen Zwischenfällen immer angewendet wurde. Und in der Regel war die Doppelspitze immer von ihm, Jo oder Eggsy gebildet worden, weil sie die meiste Erfahrung und stärksten Fähigkeiten besaßen.
“Also, FX oder vielleicht besser Emil, kann mir einer von Euch jetzt mal kurz erklären, was Ihr gerade gemacht habt? Absichtlich oder unabsichtlich? Beides ist wichtig! Und den offensichtlichen Teil könnt ihr gerne überspringen, der ist mir klar.”
Mit einem teils vorwurfsvollen und teils lüsternen Blick deutete Johannes auf die heruntergetropften Sperma-Reste und schaute danach sowohl FX als auch Emil an, die beide dem durchdringenden Blick von Johannes standhielten. Emil konnte sich sogar zu einem breiten Grinsen hinreißen, bevor er ansetzte, das Geschehene so detailliert wie möglich zu beschreiben. Aus seiner eigenen Arbeit wusste er, dass anscheinend selbst unwichtige Kleinigkeiten am Ende häufig den entscheidenden Hinweis enthielten, weshalb er in seiner Beschreibung der Geschehnisse sehr strukturiert und objektiv vorging. Er sparte auch nicht mit einer sehr umfangreichen Beschreibung seiner Gefühle vor, während und nach dem Orgasmus. Sowohl er als auch FX konnten sich bei der Beschreibung dieses Teils ein breites Grinsen und einen verträumten Blick nicht verkneifen.
Nachdem Emil seinen Bericht beendet hatte, fügte FX an einigen Stellen noch ein paar weitere Details seiner Beobachtungen hinzu, die nur er mit seinen Fähigkeiten machen konnte. Aber im Großen und Ganzen konnte er Emils Schilderungen bestätigen.
In der Universellen Vermittlung machte sich Schweigen breit. Ein jeder grübelte über das Gesagte, ohne zu einem richtigen Ergebnis zu kommen.
“Nun, unterm Strich bleibt anscheinend nur eine Möglichkeit. Meine und Emils Energie-Potentiale sind irgendwie gegensätzlich und haben sich bei dem innigen und emotionsgeladenen Körperkontakt verschmolzen oder besser gesagt gegenseitig ausgelöscht.”
“Naja, FX das ist so aber nur teilweise schlüssig. Dafür sprechen würden die Vibrationen und Spannungen, die Du vor dem Berühren von Emil gespürt hast. Dagegen spricht aber eindeutig die Tatsache, dass Ihr Euch heute nicht zum ersten Mal berührt habt und außerdem würde solch ein Energieausgleich mit Sicherheit auch Eure Existenz auslöschen!”
“Zumindest letzteres ist erfreulicherweise nicht passiert.” Emil mit seiner monotonen Stimme mischte sich jetzt seinerseits in die Analyse ein. “Unsere früheren Begegnungen waren bei weitem nicht so erotisch, wie es dieses Mal war. Da gibt es schon einen deutlichen Unterschied. Und als ich damals FX’ gebrochenen Arm mit einer Rune heilen wollte, hatten wir auch keinen Körperkontakt, dafür hat er aber extrem allergisch auf die Rune reagiert. Du wirst Dich erinnern.”
FX nickte kurz und teilte diese Erinnerung mit Johannes, damit auch dieser den gleichen Kenntnisstand hatte. Dieser zuckte bei den unglaublichen Schmerzen, die FX damals durchlitten hatte, kurz zusammen. Zwar war es nur die Erinnerung von FX, aber dadurch, dass dieser sie teilte war es, als hätte Johannes das selbst durchlebt.
“Okay, das klingt wirklich nach einem energetischen Problem. Bleibt nur die Frage: Warum seid Ihr nicht tot?”
“Um ehrlich zu sein, bin ich darum auch nicht böse.”
Johannes konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
“Hattet Ihr denn schon einmal solch einen Fall, dass unterschiedliche Energie-Potentiale aufeinander treffen? Also nicht genau denselben Fall natürlich, aber vielleicht etwas ähnliches?”
“Also den Zweiundvierzig ist so etwas in der Art bisher noch nicht untergekommen.”
Bedächtig schüttelte FX den Kopf, während er Emils Frage beantwortete und wurde sogleich von Johannes bestätigt, der seinerseits sein straßenköterblondes Haupt schüttelte.
“Und was ist mit Euch, Emil? Wenn ich Eure Kultur richtig verstanden habe, dann sind doch auch die Schattenjäger sehr eng mit energetischen Flüssen verbunden.”
“Diese Aussage ist korrekt. Auch unsere Fähigkeiten hängen von einer Art Netzwerk aus Energieströmen ab und werden mehr oder weniger direkt davon beeinflusst. Aber auch mir ist aus unserer Linie kein ähnlicher Fall bekannt.”
“Sehr komisch. Da löst man einen Tsunami aus, und weiß nicht, warum und wie man das geschafft hat.”
Mit seiner freien Hand fuhr sich FX durch seine Dreads, die munter um seinen Kopf herum das Tanzen anfingen, als sich sein und Johannes‘ Blick sich plötzlich kreuzten. Sie schauten einander tief in die Augen und beide wussten im selben Moment, dass sie gerade des Rätsels Lösung gefunden hatten. Ganz synchron gingen ihre Mundwinkel nach oben und sie grinsten sich an.
“Okay, Junx, ich weiß nicht, wie Ihr es gemacht habt, aber mir ist klar, dass Ihr gerade das Rätsels Lösung gefunden habt. Ich hätte gerne beides erklärt: Den Weg dorthin und natürlich das Geheimnis an sich.”
Als hätten sie es mir Akribie einstudiert, brachen Johannes und FX in lautes Gelächter aus, was aber genauso schnell und synchron wieder erstarb.
“Also, Emil, da müssen wir uns glaube ich erstmal entschuldigen. Jo und ich, wir waren lange, lange Zeit zusammen und ticken nach wie vor ziemlich synchron. In Zeiten, die besonders intensiv sind, sei es emotional oder mit Arbeit und kniffeligen Themen, tritt das umso stärker zu Tage. Wie zum Beispiel jetzt gerade. Die Zweiundvierzig haben uns immer als Dreamteam bezeichnet, als wir noch zusammen waren.”
“Oder auch als siamesische Zwillinge. Eigentlich haben wir immer alles zusammen gemacht. Jede Mission. Immer, ohne Ausnahme. Sowohl die Chefin als auch ihre Vorgänger waren so manches Mal darüber wenig amüsiert, weil sie uns eigentlich an verschiedenen Orten brauchte. Aber da Zeit und Raum für uns ohnehin sekundär sind, konnte auch der Club da wenig dagegen sagen.”
“Wie dem auch sei, das gerade zeigt mal wieder, wie gleich wir doch analytisch denken und wie wir bei gleichen Informationen zu gleichen Ergebnissen kommen.”
“Junx, Ihr macht das aber gerade spannend. Wie lange wart Ihr denn zusammen? Ach nein, ich ziehe die Frage zurück. Die Frage ist irrelevant und selbst für mich nur schwer nachzuvollziehen.”
Zwar hatte sich Emil immer noch nicht ganz an die Welt der Temporalen Wächter gewöhnt, doch er lernte schnell und korrigierte seine Fehler. Er war schon die ganze Zeit am Grübeln, wie die beiden so schnell auf die Lösung ihres Problems gestoßen waren, aber er konnte sich keinen Reim drauf machen.
“Also Ihr tickt, wenn Ihr zusammen seid, wie ein Uhrwerk komplett synchron? Ist das normal bei Euch? Das geht mir und Paul auch so, wie Du weißt. Auch wir fühlen und denken sehr gleich, weil wir einen Bund fürs Leben geschlossen haben.”
“Ja, es ist vermutlich ähnlich wie Eure Verbindung, jedoch auch wieder grundverschieden.”
“Naja, darum gehts jetzt gerade auch nicht.”
Emil war nach wie vor neugierig auf den Grund des energetischen Kurzschlusses, den er und FX anscheinend hervorgerufen hatte und wollte endlich die Lösung von den Beiden erfahren.
“Also, verratet Ihr mir jetzt, was wir angestellt haben oder muss ich das alleine …”
Er hielt inne. Er überlegte. Er grinste.
“FX, Wir haben keinen Tsunami ausgelöst!”
“Nein, haben wir nicht.”
“Es war ein Tornado!”
“Richtig! Und wir …”
“... standen im Auge des Tornados.”
“Und habt deswegen überlebt, obwohl Ihr dabei eigentlich hättet ausgelöscht werden müssen.”
Mit diesem Satz beendete Johannes schließlich das Ping-Pong was die beiden angefangen hatten, nachdem Emil schließlich zum gleichen Schluss gekommen war, wie zuvor bereits er und FX.
Voller Erleichterung, endlich das letzte Puzzleteilchen gefunden zu haben, fielen sich die drei im Weiß in die Arme und jubelten aus ganzem Herzen, hüpften umeinander herum und schlugen Purzelbäume. Die Unendlichkeit der Universellen Vermittlung erlaubte es ihnen dabei, sich fast schwerelos durch den nicht vorhandenen Raum zu bewegen und ihren Freunden grenzenlose Freiheit zu bieten.
Doch plötzlich blieb FX stehen und sah sehr nachdenklich aus.
“Ich glaube, wir haben soeben auch den Grund dafür gefunden, dass sich die Wege der Schattenjäger und Zweiundvierzig vor langer Zeit getrennt haben. Was, wenn wir beide nicht die ersten waren, die eine Liaison miteinander hatten? Was, wenn Techtelmechtel in der Vergangenheit oder viel wahrscheinlicher in der Zukunft zu echten Problemen geführt haben?”
“Ja, FX, da könntest Du tatsächlich Recht haben. Wenn Ihr beide eintausend Jahre später ein solches homoerotisches Date gehabt hättet, und Euer Auge des Tornados in einer höchsttechnologischen Epoche stattgefunden hätte, dann wäre das alles mit Sicherheit weniger glimpflich vonstatten gegangen als hier in der Pampa mit der Burg und viel Gegend drum herum.”
“Moment mal.” Langsam begriff Emil, wie die Zweiundvierzig dachten, so dass er ihre Antworten viel schneller interpretieren konnte. “Ihr meint, in der Zukunft gibt es noch viel mehr Technologie als heute. Und wenn wir uns dann geküsst hätten und einen Kurzschluss in dieser Zeit hervorgerufen hätten, wären die Folgen dort viel schlimmer.”
“Korrekt, Emil.” Johannes bestätigte den Gedankengang des Schattenjägers und führte ihn weiter aus. “Ich verrate Dir kein Geheimnis, wenn ich Dir sage, dass die Zukunft noch viel technologischer sein wird, als Du es Dir heute jemals vorstellen kannst. Und Du hast gerade mitbekommen, dass die Auswirkungen Eures Kurzschlusses in der räumlichen und zeitlichen Nähe von Euch besonders stark beziehungsweise langanhaltend waren. Das Gleiche in einer fernen Zukunft hätte dort mitunter fatale Folgen!”
“Jo, nur mal für Spaß …” Nur FX nannte seinen Freund nie bei seinem kompletten Namen. “Denkst Du, dass jemand von uns Zweiundvierzig in der Zukunft das Wissen von der Existenz der jeweils anderen ausgelöscht hat?”
“FX, das fragst Du jetzt nicht im Ernst, oder? Wie bitte erklärst Du Dir sonst, dass weder wir noch die Schattenjäger irgendein Wissen über die anderen haben? Wir, und damit meine ich Dich und mich und vermutlich auch noch Eggsy, werden in Zukunft ganz hervorragende Arbeit leisten und ziemlich viel radieren müssen.”
“Junx, Moment bitte. Wollt Ihr mir gerade erzählen, dass Ihr in Zukunft das Wissen was wir heute über uns haben, löschen werdet?”
Trotz der Gleichförmigkeit und Tonlosigkeit seiner Stimme schaffte es Emil doch, seine gehörige Portion Bedenken in diesen Satz zu legen.
“Genau das wird passieren. Ich stimme da Jo zu. Ich fragte für einen Freund. Wenn wir keine Lösung für dieses Problem finden, werden wir genau das machen müssen. Und jetzt schließt sich der Kreis: Wir werden parallel dazu ein Protokoll aufsetzen, was den ersten Kontakt regelt, falls wir uns wieder treffen.”
Ein Bisschen Wehmut klang in seiner Stimme, als FX das bestätigte, was er befürchtet und Johannes ausgesprochen hatte. Vermutlich auf Geheiß des Clubs werden die Zweiundvierzig eine Armada in Raum in Zeit losschicken, um jegliches Wissen der Schattenjäger über die Zweiundvierzig und umgekehrt zu tilgen, damit solch eine kleine Katastrophe sich an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit nicht in eine große Katastrophe ausarten konnte.
“Und es ergibt Sinn, das Protokoll möglichst abstrakt zu halten”, ergänzte Emil seinerseits. “Dann sind wir bei einem eventuellen neuen Kontakt nicht voreingenommen. Außerdem wissen wir ja schon, dass Ihr den ersten intimen Kontakt zwischen uns noch korrigieren könnt. Also ist es zwar sehr ärgerlich, aber nicht akut. Und da wir unvoreingenommen aufeinander treffen, können wir vielleicht doch eine Lösung für unser Problem finden.”
“Ich hab das Gefühl, dass wir schon ganz schön pfiffig sind, oder?”
Johannes musste schmunzeln.
“Nun, wer weiß. Vielleicht hat Emil ja Recht und wir werden wirklich eine bessere Idee haben, und dann zu einem anderen Ergebnis kommen.”
“Wer weiß. FX ich schätze Deinen Erfindergeist sehr und zähle da voll auf Dich. Aber das ist definitiv Dein Metier, Dir da eine neue Lösung für das alte Problem auszudenken, auf die Du beim letzten Mal noch nicht gekommen bist.”
“Danke Jo, danke, dass Du mir diese kleine Bürde auferlegst und eine mögliche großartige Kooperation bereits jetzt im Keim wieder erstickst.”
“Schatz, ich weiß doch, dass Du unter Druck besonders effektiv arbeiten kannst.”
“Ich liebe Dich auch!”
FX streckte ihm beide Mittelfinger entgegen, wobei das mit seinem Gipsarm an der rechten Hand etwas eigenartig aussah, jedoch nicht seine Wirkung verfehlte. Johannes streckte ihm schlicht die Zunge heraus und lachte laut.
“Ich will Eure traute Zweisamkeit ja nur ungern unterbrechen, aber ich hab da glaube ich noch was nachzutragen.”
Auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, verfolgte Emil das Necken des Ex-Pärchens vor ihm gebannt und mit Freude. Allerdings schoss ihm plötzlich die Erinnerung einer Wahrnehmung durch den Kopf, der er bislang keine große Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Aber sein Gedächtnis hatte sie brav abgespeichert und nun kam die Erinnerung daran wieder zum Vorscheinen.
Das Portal. Das große Hauptportal, was sie jüngst geöffnet hatten. Oder genauer gesagt, die Portale. Alle Portale der Schattenjäger. Sie waren kollabiert. Zwar nur kurz, aber auch sie wurden ganz offensichtlich von ihrem Tornado direkt beeinflusst. Alle Portale, die die Schattenjäger je geöffnet hatten, waren für den Bruchteil einer Sekunde zusammengebrochen. Zwar öffneten sie sich kurze Zeit später eines nach dem anderen wieder, aber Emil wurde ganz flau in der Magengegend, wenn er daran dachte, was passieren würde, wenn eines der Portale in genau diesem Augenblick genutzt worden wäre.
“Wenn es wirklich stimmt, was ich gefühlt habe, wenn gerade wirklich alle Portale kollabiert sind, dann vermute ich, dass auch die Schattenjäger grünes Licht für eine strickte Segregation unsere beiden Welten gegeben haben. Ein weiterer Vorfall dieser Art wäre viel zu riskant, als dass wir das noch einmal zulassen könnten.”
Emil schluckte trocken, musste er doch an den innigen Kuss mit FX denken und der Tatsache, dass das aller Voraussicht der erste, einzige und letzte Kuss war.
Mit jeweils einer Hand auf der Schulter von FX und Emil trat Johannes wieder aus der rückwärtigen Duschwand hindurch, ließ die beiden Jungs in ihrer Kleidung aus dem Weiß zurück in der Dusche. Er zwängte sich zwischen ihnen hindurch, nickte den Übrigen kurz zu und verschwand schließlich irgendwo im Wohnzimmer.
“Diggi, wasch tschum Henker war dasch denn gerade? Jungsch, habt Ihr dasch auch geschehen?”
Ben, der der Dusche am nächsten Stand, traute seinen Augen nicht. Gerade war Johannes gekommen, hatte die beiden mit durch die Wand genommen und war darin verschwunden, als habe er sich mit der Materie verschränkt. Aber es sah ganz anders aus, als die Art, die er und FX immer praktizierten.
Zurück blieben er, Henne, Michel und Paul, die auch nicht wussten, was geschehen war und voller Erstaunen die nasse Wand in der Dusche anstarrten, durch die die drei zuvor verschwunden waren. Keiner der Anwesenden wusste, was gerade passiert war. Als sei ein Zauberer vorbeigekommen und hätte vor ihren Augen etwas verschwinden lassen. Drei offene Münder starrten wortlos ins Leere. Nur Ben, mit seiner immer noch verdrahteten Zahnspange konnte seinen Mund nicht vor Erstaunen offen lassen.
Und dann, keine Minute später, tauchten die drei wieder auf, als sei nichts geschehen. Sie kamen durch die Wand hindurch, als würden sie durch einen Vorhang auf die Bühne treten. Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort der Begrüßung. Es war, als hätten sie nur etwas im Hinterzimmer vergessen, wären kurz dort gewesen und nun wieder hier.
Die Verwirrung stand allen ins Gesicht geschrieben.
“Ben, möchtest Du zuerst die Geschichte hören oder soll ich Dich erst von den Drähten befreien?”
“Die Geschichte tschuerscht. Isch bin jetscht schon den gantschen Tag scho unterwegsch, da kommtsch darauf auch nischt mehr an.”
“Mit anderen Worten: Ben platzt vor Neugierde!”
Michel tuschelte mit Henne, aber dennoch war es laut genug, dass auch Ben hörte, was gesagt wurde. Wütend drehte er sich um und zeigte seine funkelnden Zähne, so dass die anderen beiden sofort verstummten.
Abwechselnd erzählten Emil und FX, was sich unter der Dusche zugetragen hatte, wobei sie nicht ganz so detailliert vorgingen, wie sie es zuvor gegenüber von Johannes gemacht hatten. Dann folgte die Schilderung über ihren unfreiwilligen Abstecher in die Universelle Vermittlung und dann wie sie ihre Vermutung untermauert hatten.
Was sie aber einvernehmlich und ohne sich vorher abzusprechen ausließen, war ihre Vermutung, dass die Zweiundvierzig irgendwann das Wissen wieder ausradieren würden. Entweder sollten ihre Freunde selbst auf diesen Gedanken kommen, oder aber sie würden es ihnen später zu gegebener Zeit noch erklären. Oder aber gar nicht, sondern gleich zur Tat schreiten und das Wissen direkt wieder zu löschen.
“Diggi, Du willscht unsch schagen, dasch Ihr gerade im Weisch wart, ohne durch eine Tür tschu gehen?”
“Och menno, FX, bitte, tu doch was! Dieses Genuschel ist ja echt nicht mehr auszuhalten. Ja, Ben ist mit seiner Zahnspange voll süß, da sind wir uns hier auch alle einig, besonders wenn er tollpatschig versucht, irgendwelche Essenreste da raus zu pulen, aber das Gebrabbel kann doch kein Mensch mehr ertragen. Hab Erbarmen mit meinen Ohren!”
Michel war auf die Knie gesunken, hatte seine Hände gefaltet und flehte FX von unten her geradezu an. Natürlich war das alles nur gespielt, um seinem Wunsch etwas mehr Dramatik zu verleihen, und natürlich insbesondere auch, damit er Ben noch etwas ärgern könnte.
“Also, Michel, gerade von Dir hätte ich etwas mehr Leidensfähigkeit erwartet. Ich hab mich mittlerweile voll an das Nuscheln gewöhnt und diese Diät-Zahnspange ist auch für Bens Figur vielleicht nicht verkehrt. Aber gut, wenn Du mich so inständig bittest, dann kann ich dem natürlich nicht widerstehen.”
Leider war FX bei weitem nicht so gut, was seine schauspielerischen Fähigkeiten anbelangte, so dass er dem Verlangen von Michel viel zu schnell nachgab. Andererseits hatte er sich gewundert, dass Ben überhaupt so lange durchgehalten hatte. Er hätte erwartet, dass Ben bereits am Mittag nachdem er ihn verdrahtet hatte, mit einer Zange vor dem Spiegel stand und versuchte, sich wieder zu befreien. Doch da dem leider nicht wo war, wollte er Ben nun auch nicht länger zappeln lassen.
Er visierte mit seinem linken Zeigefinger den Mund von Ben an. Mit einem waagerechten Fingerwisch von rechts nach links verschwanden die zusätzlichen Drähte aus Bens Mund. Dieser spürte sofort, wie der Druck nachließ, wie er wieder den Mund öffnen konnte. Vorsichtig bewegte er den Kiefer von rechts nach links und wieder zurück. Das klappte schon ganz gut, auch wenn ihm die Gelenke schmerzten. Dann öffnete er den Mund etwas. Auch das ging problemlos. Die neue alte Freiheit fühlte sich sehr gut an. Und schließlich ließ er sich komplett gehen und riss seinen Mund zu einem herzhaften Gähnen auf.
Er setzte an, um etwas zu sagen, wurde jedoch von Henne jäh unterbrochen.
“Sei ganz vorsichtig mit dem, was Du jetzt sagst, Ben, sonst werde ich FX bitten, dass er Dir den Mund wieder verschließt!”
Als hätte man eine Pause-Taste gedrückt, hielt Ben in seiner Bewegung inne und überlegte kurz. Er besann sich und schluckte den gehässigen Satz, den er Michel an den Kopf werfen wollte wieder herunter. Mit einer wegwischenden Handbewegung und einem Lächeln quittierte er Hennes Ansage und schwieg.
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