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Quartett
Teil 63 - Dunkel
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Informationen
- Story: Quartett
- Autor: ratte-rizzo
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Science Fiction, Fantasy und Mystery
69. Dunkel
“Wasn nu eigentlich mit den Kreisen?”
“Ben, sag mal gehts noch?”
Nachdem die Freunde erfolgreich das Antipoden Portal geöffnet und sich mehr oder weniger ausführlich daran versucht hatten, konnte niemand der Jungs wirklich schlafen, weshalb sich alle danach bei Wein und Kaminfeuer noch ausgiebig unterhalten hatten, und sowohl FX, als auch die Schattenjäger noch viele Informationen preisgegeben hatten.
Dementsprechend kurz war die Nacht, was aber niemanden daran hinderte, bis in den späten Nachmittag hinein bei den Schattenjägern im riesigen Schlafzimmer vor sich hin zu dösen. Den verbleibenden Rest des folgenden Tages verbrachten alle der Abwechslung halber im Apartment der vier Freunde, gingen aber dennoch zeitig ins Bett. Erst der übernächste Tag und damit der letzte des langen Wochenendes sollte wieder einen halbwegs normalen Rhythmus in ihr Leben bringen, inklusive eines gemeinsamen Frühstücks in der noch leeren Cafeteria, da die Universität nach wie vor nahezu verwaist war.
Michel war der Einzige, der sich einen ablässigen Kommentar zu Bens blödem Spruch abringen konnte. Alle anderen konnten diesen Satz, den Ben seit mehreren Wochen nahezu täglich von sich gab, nicht mehr hören.
Ben hingegen lachte sich ins Fäustchen, denn damit hatte heute, gut vierundzwanzig Stunden nach Aktivierung der Zirkel, mit Sicherheit keiner mehr gerechnet.
Wortlos stand FX auf, deutete mit seinem Zeigefinger auf Ben, malte eine waagerechte Zickzacklinie in Luft und verschwand.
Niemand konnte das so recht deuten, außer vielleicht der Tatsache, dass FX genauso wie alle anderen von diesem ständig wiederkehrenden Witz von Ben schlichtweg die Nase voll hatte. Erst, als die Gespräche langsam wieder in Gang kamen, erschrak Ben und gab ein lautes Quieken von sich. Er brachte kein Wort heraus und deutete nur ununterbrochen auf seinen Mund.
“Würdest Du Dich jetzt endlich mal beruhigen Ben? Wir haben es mittlerweile wirklich alle verstanden, dass Du nur einen Witz gemacht hast. Du musst das jetzt nicht auch noch weiter auswalzen.”
Selbst Henne, dem bekanntlich erst als letztes der Geduldsfaden riss, war sichtlich genervt von dem heute besonders hyperaktiven Skater zu seiner Linken.
Ben hingegen ließ keine Ruhe, sondern zerrte Henne am Arm, um dessen gesamte Aufmerksamkeit endlich auf sich zu lenken. Dass er dabei den Kaffee von Henne verschüttete, bemerkte er zunächst gar nicht, handelte sich aber von Henne berechtigterweise einen vernichtenden Blick ein. Nur mit Mühe konnte er sich noch zusammenreißen, um nicht gänzlich zu explodieren und Ben so richtig seine Meinung zu sagen. Wütend verließ auch Henne den Tisch, um seine Hose zu reinigen.
“Irgendwie ist heute der Wurm drin. Ich geh zum Sport.”
Auch Michel verschwand und ließ Emil und Paul zurück bei Ben, der immer noch wie ein aufgescheuchtes Huhn wild gestikulierend dasaß, aber kein Wort über die Lippen brachte.
“Ben, wenn Du jetzt nicht die letzten beiden Gäste hier am Tisch verscheuchen willst, solltest Du am besten ein paar Gänge runterschalten und dann noch mal in Ruhe von vorne anfangen, okay?”
Paul legte ihm freundlich aber bestimmt seine Hand auf den Arm und hielt ihn kurz fest. Anscheinend wirkte diese Geste, denn Ben hielt inne und atmete tief ein und wieder aus. Schluckte und sah danach seinem verbleibenden Sitznachbarn Paul tief in die Augen.
Vorsichtig öffnete er die Lippen und entblößte seine silbern bespangten Zähne.
Emil und Paul brachen gleichzeitig in einen Lachanfall aus, den sie anfangs gar nicht unter Kontrolle bekommen konnten. Anscheinend schien FX eine mehr als geniale Idee gehabt zu haben, nachdem sowohl er als auch alle anderen so sehr von Bens Dauer-Witz genervt waren.
Offensichtlich hatte FX vor dem Verlassen des Tisches mit seiner Zickzack-Geste ein paar zusätzliche Drähte in Bens Zahnspange gezaubert, die Ober- und Unterkiefer miteinander verbanden und Ben so sehr effektiv am Sprechen hinderten.
Ben war außer sich. Mit allem hätte er als Reaktion von den beiden Schattenjägern gerechnet, aber mit Sicherheit keinen Lachanfall. Er fand das so gar nicht komisch. Er hatte sein Frühstück noch nicht einmal zur Hälfte aufgegessen und nun konnte er wegen der beleidigten Leberwurst namens FX seinen Mund nicht mehr öffnen.
“Dasch ischt nischt witschig!”
Er musste sich sehr konzentrieren, damit er halbwegs deutlich durch seine zusammengepressten Zähne sprechen konnte.
“Doch, Ben, das tut mir gerade überhaupt nicht leid für Dich, aber das ist total witzig!”
Paul musste sich sehr zusammenreißen, damit er überhaupt in einem durchgehenden Satz mit Ben sprechen konnte. Diese Situation war einfach so verrückt, dass sie total komisch war. Endlich war der sonst so redegewandte Ben, der nie um einen blöden Spruch verlegen war, mal sprachlos.
Wütend stand Ben auf, verließ die Cafeteria und stieß dabei gleich die Tassen mit Kaffee sowohl von Paul als auch von Emil um.
“War das gerade Ben? Der war ja absolut nicht in bester Stimmung. Was ist denn mit dem los?”
Henne war mit einer sauberen, aber nassen Hose wieder in der Cafeteria. Auf dem wirren rot-schwarzen Karo-Muster der Hose des kleinen Punks hätte man den Kaffeefleck ohnehin nur schwer ausmachen können, dennoch legte Henne immer großen Wert auf makellose Kleidung.
“Hab ich was verpasst? Anscheinend. Ihr könnt Euch ja gar nicht mehr einbekommen. Was ist denn nun mit dem armen Ben los?” Henne fuhr fort, da sich Emil und Paul immer noch vor Lachen die Bäuche hielten. “So hab ich Ben ja noch nie erlebt. Er war ja total panisch und kurz davor durchzudrehen. Was war denn los?”
Emil hatte sich soweit beruhigt und erläuterte ihre Vermutung, wonach FX ihm wohl als kleinen Racheakt seine Zahnspange verdrahtet hatte, so dass Ben seinen Mund nicht mehr öffnen konnte.
Nun war es an Henne, der sich ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen konnte.
“Okay, das erklärt natürlich, dass seine Gefühle gerade Achterbahn fahren.”
“Henne, was denkst Du, kommt er klar oder braucht er Hilfe?”
“Naja, wir sollten schon alsbald nach ihm sehen. Es ist nicht so, dass er eine Panik-Attacke bekommen wird, ich hab eher die Sorge, dass er sich bei einer unkoordinierten Befreiungsaktion selbst Schaden zufügen wird.”
“Stimmt allerdings, das würde ihm wirklich ähnlich sehen.”
Emil war ebenfalls aufgestanden, um hinter Ben hinterher zu laufen, wurde aber von Henne am Arm zurückgehalten. Im gleichen Augenblick, als habe er sich verbrannt oder einen elektrischen Schlag bekommen, ließ Henne den Schattenjäger wieder los.
“Jetzt frage ich Dich, ob bei Dir alles in Ordnung ist, Henne.”
Emil wollte einen Schritt auf ihn zugehen, jedoch hob Henne abwehrend die Hände hoch.
“Tschuldige, Emil. Liegt nicht an Dir, sondern an mir. Du weißt, ich bin ein Empath und ich bin Euren Emotionspegel noch überhaupt nicht gewohnt. Ihr seid schon sehr ‘laut’, was das angeht, wenn ich das mal so beschreiben soll. Mit einem direkten Körperkontakt potenziert sich so etwas immer.”
“Können wir Dich irgendwie unterstützen?”
“Ja, weniger stark fühlen.” Henne musste kurz auflachen und schüttelte dann den Kopf. “Nein, das ist meine Lernkurve, die ich halt durchlaufen muss. Das hat bisher ganz gut geklappt, wenn ich zurückblicke. Also in meiner Anfangszeit konnte ich nie in die Mensa gehen, weil das eine absolute Überlastung für mich war. Aber das läuft in der Zwischenzeit. Wenn ich soweit bin, dass ich Euch auch aushalte, wäre es cool, wenn ich nochmal an Euch üben könnte und wir das dann nochmal mit Anfassen machen können. Aber soweit bin ich echt noch nicht bei Euch.”
“Fühlt sich das sehr nach Kraut und Rüben an? Oder was und wie fühlst Du?”
“Anfangs ja und vor allem, wenn viele Menschen um mich herum sind. Bis ich das wegfiltern konnte, war’s sehr anstrengend, ja. FX hat mir dabei aber sehr geholfen, dass ich fremde Gefühle selektiv wahrnehmen kann.”
“Fühlen wir uns anders an, außer von der Lautstärke her?”
“Wie gesagt, Ihr seid sehr intensiv und sehr differenziert. Eure Gefühle wie Hass, Zuneigung, Liebe, Freude oder Trauer sind sehr scharf abgegrenzt und irgendwie digital. Also entweder da oder nicht da. Einen Zustand wie ‘ein bisschen’ gibt's bei Euch selten, hab ich den Eindruck. Und neben der Lautstärke ist bei Euch aber sehr auffällig, dass Eure Emotionen fast immer synchron sind.”
“Parabatei.”
Emil und Paul nannten den Namen ihrer Verbindung gleichzeitig und sahen sich danach verliebt in die Augen.
“Und in solchen Fällen”, Henne musste sich kurz sehr konzentrieren und einen Großteil seiner Kraft auf die Abschottung gegenüber der Schattenjäger richten, bevor er fortfuhr. “Und in solchen Fällen seid Ihr noch lauter und verstärkt Euch gegenseitig.”
Diesmal waren es Emil und Paul, die sich kurz erschreckten. Es war ihnen sichtlich unangenehm, wie Henne gerade gegen die offensichtlich auf ihn einprasselnden Gefühle der beiden ankämpfen musste. Paul flüsterte Emil etwas ins Ohr und dieser nickte nach kurzer Überlegung. Paul holte seine Stele hervor und zog sein T-Shirt hoch bis unters Kinn. Kurz unter seinem Herz zeichnete er auf einer kleinen Stelle nackter Haut mit seinem Stab ein kleines Symbol, was zunächst goldfarben aufleuchtete um danach in tiefes Schwarz zurück zu bleiben. Emil wiederholte dieselbe Prozedur an der gleichen Stelle auf seiner Brust.
“Besser?”
“Was …”
Henne rang nach Worten, so groß war seine Verwunderung. Er legte beide Zeige- und Ringfinger an seine Schläfen, um sich zu konzentrieren und schloss zudem die Augen. Er spürte nichts mehr. Seine empathische Verbindung zu den beiden Schattenjägern war komplett unterbrochen. Lediglich in der Ferne gab es vereinzelte Menschen, die emotional etwas lauter waren und jetzt bei seiner maximalen Konzentration in seinen Fokus rückten.
“Was habt Ihr getan?”
“Wir haben für Ruhe für Dich gesorgt. Die Rune der Sachlichkeit. Eigentlich hilft sie, sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren, einen Fokus zu bilden und andere belastende Dinge, wie zum Beispiel Emotionen, auszublenden.”
“Aber das … Also … Danke! Aber das müsst Ihr nicht für mich tun! Das ist mein Problem, nicht Eures.”
“Naja, die Rune hält nicht ewig. In sechs vielleicht spätestens zehn Stunden ist die Rune und ihre Wirkung verblasst. Wir waren uns auch nicht sicher, ob sie die erhoffte Wirkung hat. Es war auch für uns ein kleines Experiment.”
“Und sieh es mal positiv: Umarmung?”
Henne musst lachen und umarmte beide Schattenjäger so kräftig er konnte.
“Gehen wir jetzt Ben suchen oder FX?”
“Ben kann warten, der schmollt noch.”
Henne musste wieder schmunzeln bei dem Gedanken an den verdrahteten Ben.
“Du weißt, wo er ist?”
“Nein, das kann ich nicht fühlen. Aber ich spüre, dass er sich sicher fühlt aber gerade etwas verzweifelt und traurig ist. Deswegen denke ich, dass er bei uns in der Wohnung ist. Sonst wäre er nicht so entspannt auf eine Art. Aber er hat sich mit seiner Situation gerade noch nicht abgefunden. Ich denke, er braucht noch etwas. Ich werde es auf jeden Fall merken, wenn er aktiv wird und versucht, irgendetwas zu unternehmen.”
“Okay, sag Bescheid. Wenn das passiert, sollte auf jeden Fall jemand von uns an seiner Seite sein.”
“Kann ich Euch alleine lassen? Ich wollte nach FX schauen.”
Emil blickte fragend zu seinem Freund und zu Henne und nachdem beide nickten, verschwand er.
“Und nun?”
“Kuscheln?”
“Gern!”
Emil hatte sich seine Laufschuhe angezogen und joggte den Berg hinunter in Richtung des Sees, wo er FX vermutete. Und tatsächlich erreichte er ihn kurz vor dem Wäldchen, wie er einen Spaziergang machte und einfach nur in die Ferne blickte.
Natürlich hatte FX ihn auch schon bemerkt, bevor Emil in seine Nähe gekommen war. Allerdings nur, weil die Laufschuhe auf dem Kiesweg ein recht lautes und rhythmisches Geräusch von sich gaben. Dass es Emil war, wusste FX nicht. Er hatte gerade keine Lust, nachzuschauen, er wollte einfach nur abschalten und war etwas genervt, als er feststellte, wer ihn gerade eingeholt hatte.
“Kommste mit?”
“Laufen? Ich? Bist Du wirr?”
“Schon mal probiert? Macht den Kopf frei!”
“Du Nervensäge gibts ja sowieso nicht auf!”
“Stimmt. Du darfst auch gern das Tempo vorgeben, wenn ich so auf Dein Schuhwerk schaue.”
Emil war gar nicht außer Atem, sondern gerade erst auf Betriebstemperatur gekommen, als er FX eingeholt hatte. Jetzt deutete er auf FX’ Chucks an dessen Füßen und war am überlegen, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, FX zum Mitlaufen einzuladen.
Aber dieser setzte sich sogleich in Bewegung und legte ein erstaunlich zügiges Tempo vor. Schweigend liefen sie nebeneinander her durch den Wald, um den See herum und weiter in den Wald hinein. Weder FX noch Emil brachten ein Wort über ihre Lippen und es war neben den Trittgeräuschen nur ein leises aber regelmäßiges Atmen der beiden zu hören.
Nach gut zehn Kilometern deutete Emil an, eine kurze Pause machen zu wollen, FX jedoch verneinte wortlos, verlangsamte aber seine Geschwindigkeit deutlich zu einem schnellen Gehen.
“FX, wie machst Du das nur?”
Emil keuchte ob der schnellen Geschwindigkeit, die FX an den Tag legte. Er war sich sicher, dass er eigentlich eine exzellente Kondition hatte, aber an die von FX kam er offensichtlich bei weitem nicht heran. Er japste nach Luft.
“Du wolltest doch, dass wir joggen gehen.”
“Ja, aber ich hab Dich und Deine Hochgeschwindigkeits-Chucks anscheinend falsch eingeschätzt.”
“Nein, hast du nicht. Ich wollte nur mal testen, wie gut Du bist und wie lange Du mithalten kannst. Ich gebe zu, ich hab geschummelt.”
“Du Arsch”
“Danke! Gehen oder stehen?”
“Gehen!”
Durch das schnelle Gehen kam Emil wieder etwas zu Atmen, so dass er doch wieder eine Unterhaltung mit FX starten konnte, was eigentlich sein Ziel gewesen war.
“Wie machst Du das nur immer? Erst das mit dem armen Ben, jetzt dieser Dauer-Sprint. Das ist ja echt eine Gabe!”
“Eine Gabe und ein Fluch. Ist jemand bei Ben?”
“Paul und Henne haben ihn im Blick. Aber Henne meinte, Ben schmollt noch etwas.”
“Ja, das sieht ihm ähnlich. Aber ich konnte diesmal einfach nicht widerstehen. Ich meine, sein silbernes Lächeln ist ja voll süß, aber dieser Dauer-Witz mit den Zirkeln ging irgendwie allen auf die Nerven.”
“Und Du kannst Materie einfach so herbeizaubern?”
“Nein, so einfach ist das nicht. Der zusätzliche Metallschrott in Bens Mund fehlt jetzt an anderer Stelle auf dieser Welt. Oder in diesem Universum, besser gesagt. Materie und Energie sind endlich. Ich kann sie aber relativ großzügig in Raum und Zeit verschieben. Aber alles ist nicht möglich.”
“Also einen Einsturz der Golden Gate Brücke könntest Du nicht verhindern.”
“Doch, das sind Dimensionen, die jeder von uns problemlos alleine bewältigen kann. Allerdings stellt sich bei solchen Dingen dann immer die Frage, ob wir das denn dürfen oder nicht. Unsere Aufgabe ist es, die Integrität der Raum-Zeit sicher zu stellen, im Falle, dass jemand Unfug anstellt. Wir sind nicht die Retter der Menschheit und auch nicht die Polizei der Gegenwart.”
“Ich verstehe Eure Mission immer noch nicht so ganz.”
“Macht nichts, ich Eure auch nicht.”
“Und welche Rolle spielen die anderen Drei jetzt?”
“Das wiederum, mein lieber Emil, ist eine gute Frage! Die konnte mir bisher noch keiner beantworten. Solche Begabungen kommen vor, sind generell sehr selten. Ich habe bisher nur zwei solcher Menschen zuvor kennengelernt. Bei Eggsy, der etwas älter ist, als ich, waren es auch nicht viel mehr. Und jetzt solch eine Akkumulation, noch dazu im Hier und Jetzt, ist sehr untypisch. Vielleicht eine Laune der Natur, wer weiß das schon.”
“Und was geschieht mit ihnen?”
“Wie meinst Du das? Generell fördern wir Zweiundvierzig solche Menschen mit Begabungen, wenn sie es denn möchten, was auch nicht immer der Fall ist. Naja, und als zweites können sie natürlich im erweiterten Kader des Clubs aufgenommen werden. Wenn sie denn möchten.”
“Euer Club, das ist so etwas wie unser Rat?”
“Ja, vom Prinzip her schon. Eigentlich heißt er ‘Club of Rome’, aber ...“
„Club of Rome? Euer Ernst? Das ist doch der Zusammenschluss aus Experten aller Herren Länder die sich für eine nachhaltige Zukunft einsetzen.“
„Ja, nichts anderes ist auch unsere Aufgabe. Vielleicht nicht in dem Sinne der Nachhaltigkeit, wie es zur Zeit verstanden wird. Aber vom Prinzip her passt das schon. Den Club, den Du kennst, gibts seit dem Ende der 1960er. Wir sind schon etwas älter. Eher so aus der Zeit des antiken Roms, wenn man den aktuellen Zeitstrahl als Referenz nimmt. Aber das sind Details. Und irgendwie finden alle den Namen viel zu sperrig. Jedenfalls ist der Club maßgeblich für unsere Einsatzplanung verantwortlich. Er setzt sich zur Hälfte aus Mitgliedern der Zweiundvierzig zusammen, die andere Hälfte sind normalsterbliche Menschen, werden also relativ häufig ausgetauscht. Und der Präsident ist immer ein Sterblicher. Oder die Präsidentin, um zur Zeit ganz genau zu sein.”
“Ihr habt eine Frau an der Spitze? Und noch dazu jemanden, der Eure Fähigkeiten nicht teilt? Das nenne ich ja sehr progressiv.”
“Naja, das war nicht immer so. Wir blicken schon auf eine etwas längere Geschichte zurück. Da gab es auch mehr als dunkle Abschnitte. Vermutlich ist in solch einem dunklen Zeitalter auch die Information über Euch verloren gegangen.”
“Okay, ich denke, alle Kulturen hatten leider solch düstere Phasen.”
Betretenes Schweigen machte sich zwischen Emil und FX breit. Keiner der beiden wusste so recht, was er sagen sollten, bis FX auffiel, dass sie etliche Kilometer von ihrem Zuhause entfernt waren und die Sonne langsam dem Horizont berührte.
“Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir laufen, oder wir nehmen eine Abkürzung.”
“Dann bin ich für die Abkürzung.”
“Laufen wäre aber cooler, findest Du nicht, Emil?”
“Schon, aber Du hast mich heute echt kaputt gespielt.”
“Es ist nicht so, dass ich beim Laufen nicht auch in meine Trickkiste greifen würde.”
FX zwinkerte Emil mit einem Auge zu und hob herausfordernd die Augenbrauen. Einladend streckte er ihm die Hand entgegen und wartete darauf, dass Emil sie ergriff.
“Neee, da bin ich mittlerweile vorsichtig geworden, ‘tschuldige.”
Emil ging einen Schritt rückwärts und hob abwehrend die Hände. Nur zu deutlich hatte er noch das Bild des armen Henne von vorhin vor seinen Augen, der nach einer Berührung mit ihm zusammengezuckt war, als habe er einen Stromschlag bekommen.
“Ah, Henne. Ja, der Arme. Er ist extrem sensibel, das ist gut. Leider hat das den Nachteil, dass er etwas mehr lernen und üben muss. Aber er hat eine sehr steile Lernkurve hingelegt. Er weiß es noch nicht, aber Ihr seid seine Meisterprüfung. Wobei Ihr sie vorhin etwas sabotiert habt, muss ich sagen.”
“Du weißt …”
“Klar, meinst Du, ich merke so etwas nicht? So wie Du eine ständige Verbindung zu Paul hast, hab ich eine ähnliche Verbindung zu Henne. Das heißt allerdings nicht, dass ich ihn ständig beschütze oder beobachte. Das meiste bekommt er ganz hervorragend selber in den Griff. Von Euch halt noch abgesehen, aber auch das wird er schaffen. Also, laufen?”
“Aber nur, wenn wir danach zusammen duschen!”
“Das nenne ich ein unmoralisches Angebot. Akzeptiert!”
FX griff entschlossen nach Emils Hand und hielt sie für einen Augenblick fest. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf sich selbst und auf Emil, dessen Körper er durch die Hand hindurch als Ganzes wahrnahm. Ohne eine weitere Regung ließ er die Hand schließlich los und wandte sich zum Gehen.
“Lauf bitte ganz langsam los. Diese neue Geschwindigkeit ist ziemlich tückisch, wenn man das nicht gewohnt ist. Ich will nicht, dass Du hier vor einen Baum rennst. Das möchte ich Paul nicht erklären müssen.”
“Aber Du könntest mich doch einfach wieder zusammenflicken und niemand würde etwas bemerken, oder?”
Kurz musste FX überlegen. Natürlich hatte Emil Recht. Natürlich könnte er in solch einem Falle einfach alles wieder zurechtbiegen als wäre nichts gewesen. Andersherum mochte er es nicht, seine Fähigkeiten immer und überall auszunutzen. Wobei er sogleich selber bemerkte, dass das kompletter Blödsinn war, weil sie kurz davor waren, mithilfe seiner Kräfte sehr schnell heim zu laufen. FX war über sich selbst verwirrt. Eigentlich wollte er gerade loslaufen, brach seinen Start aber im gleichen Augenblick wieder ab und sah Emil an und ein Stück weit auch durch ihn hindurch.
“Emil, Du verwirrst mich manchmal und das mag ich nicht. Ich mag es nicht, verwirrt zu sein.”
Er musste an Eggsy denken. der sich schon immer über ihn lustig gemacht hatte, weil er, FX, manchmal so verrückte und unlogische Ideen hatte. Angefangen bei seinem Gipsarm, von dem er sich nicht trennen mochte, bis hin zu solchen Entscheidungen, wie der heutigen.
Und FX war sich dessen bewusst, dass das total unlogisch war, was er sich gerade zurechtgelegt hatte. Und dennoch fühlte es sich in seinem Inneren richtig an, auch wenn man es von außen betrachtet nicht verstand. Er verstand es ja auch selber nicht, wenn er von anderen mit der Nase darauf gestoßen wurde. Dennoch fühlte es sich gut an. Und deswegen wollte er nicht davon abrücken.
“Und Du musst mich beim Laufen nicht berühren? Wir laufen nicht Hand in Hand in den Sonnenuntergang?”
“Du kannst froh sein, dass ich Dich nicht gleich hier irgendeinen Abhang runter schubsen werde. Nein, wir werden nicht Hand in Hand durch den Wald laufen. Das wäre erstens sehr kitschig und ist zweitens auch nicht nötig. Ich hab Dir ein fragiles Band an Energie aus dem Universum an die Hand gegeben. Das wird nicht lange halten, sondern nur bis wir zurück an der Uni sind. Du müsstest eigentlich so sensibel sein, dass Du den Energiefluss bemerkt hast.”
“Ja, das ist sehr deutlich zu spüren. Könnte ich diese Energie auch anderweitig …”
“Kannst Du. Machst Du aber nicht. Das weiß ich. Sonst hätte ich Dir diese Macht nicht gegeben. Energie ist Energie. Man kann sie für alles einsetzen. Deswegen bekommt das auch nicht jeder.”
“Dann lass uns heim, ich kanns gar nicht erwarten, mit Dir zu duschen!”
Die beiden doch so verschiedenen jungen Männer liefen los. Dabei legte FX seinem Mitläufer noch die Hand auf die Schultern, um im bei Bedarf zu bremsen, denn mit der gehörigen Portion Energie, die er Emil zum Laufen zur Verfügung gestellt hatte, hätte dieser im Zweifelsfalle auch die Schallmauer durchbrechen können, auf dem Weg dorthin aber mit Sicherheit auch diverse Bäume gerammt, so dass dieser Lauf mit Sicherheit der schnellste, aber auch der kürzeste und schmerzhafteste gewesen wäre.
Aber Emil schlug sich zu FX Überraschung sehr ordentlich. Lediglich auf den ersten paar Metern gab es ein paar unkontrollierte und unerwartete Variationen in der Geschwindigkeit, aber danach lief Emil unglaublich gleichmäßig und so sicher, als würde er schon sein ganzes Leben lang auf der Autobahn joggen.
Zwar ließ sich FX nichts anmerken, musste aber dennoch innerlich schmunzeln. Im Vergleich zu seinen Freunden war dieser Schattenjäger den Umgang mit Macht und besonderen Fähigkeiten anscheinend sehr gewohnt. Gab man ihm ein neues Instrument, so war er im Stande, sich schnell auf die neuen Gegebenheiten und Fähigkeiten einzustimmen und sie nach kürzester Zeit sehr effektiv zu nutzen. Umso erstaunlicher war es, dass diese Kooperation offensichtlich vor vielen Jahrtausenden unterbrochen und vergessen wurde. Vielleicht konnte ja irgendein findiger Historiker im Club doch noch etwas aus dem Archiv oder einem Gedächtnispalast ausgraben.
Doch bevor FX seine Gedanken zu Ende denken konnte, hatte Emil die Burg mehrfach umrundet und war nun absolut nicht außer Atem auf die Zugbrücke eingebogen. Und auch er, FX, freute sich gerade unglaublich auf die versprochene gemeinsame Dusche. Zwar waren beide nicht verschwitzt, aber nach einer ausgiebigen Laufrunde musste man schließlich duschen gehen. Und wenn es mit solch einem attraktiven und durchtrainierten Typen zusammen war, dann war es umso verlockender.
“Zu Dir oder zu mir?”
“Ihr habt zwar das größere Schlafzimmer, wir haben aber die größere Dusche! Lass uns bei uns duschen, Emil.”
Die beiden erreichten das Apartment der vier Freunde und stellten fest, dass zumindest die gemütliche Wohnküche leer, jedoch die Zimmertür eines Schlafzimmers geschlossen war. Zwar hatten die Freunde keine fest zugewiesenen Schlafzimmer, sondern schliefen immer in unterschiedlichen Konstellationen zusammen, jedoch war FX sofort klar, dass hinter der geschlossenen Tür ein immer noch schmollender Ben auf der Bettkante saß und sich selbst mit seinem verdrahteten Kiefer bemitleidete. Aber FX spürte auch, dass sich dieser mit seiner ungewöhnlichen Situation schon deutlich besser abgefunden hatte und dass er bald zur nächsten Phase übergehen würde. Es war also noch alles in Ordnung mit Ben und er saß seine Strafe brav ab.
Zielstrebig gingen sie ins Bad, entledigten sich ihrer Kleidung und gingen unter die wirklich sehr üppig dimensionierte Dusche mit unzähligen Wasserauslässen. Man konnte sich hier nach Herzenslust von allen Seiten anspritzen lassen, sich von oben sanft berieseln oder aber kräftig mit Wasser massieren lassen. Wortlos und doch einer Meinung, entschieden sich beide für einen sehr sanften aber warmen Nieselregen von oben und nahmen die Massage selber in die Hand.
“Und Dein Gipsarms?”
“Ach, Emil, mach Dir da keine Sorgen. Das Element Wasser hab ich beim Thema Gips ganz intuitiv in der Hand.”
Emil, deutlich kleiner als FX, übernahm überraschend schnell die Führung und begann mit geübten und kräftigen Griffen, den Rücken seines Mitläufers zu massieren. Schnell, aber sehr strukturiert und präzise wanderten seine Hände von den Schultern abwärts den Rücken hinunter, um dann die schmalen aber sehr festen Pobacken von FX zu kneten. Danach, Emil stand nach wie vor hinter FX, wanderten seine Hände vorsichtig über den Bauch wieder hinauf bis zu dessen Brust. Da Emils Arme aufgrund der Größendifferenz schnell zu kurz waren, musste er sich von hinten direkt an FX anschmiegen, was beiden sehr gelegen kam. Mit geschlossenen Augen massierte Emil von hinten die flache Brust von FX. Irgendwie assoziierte Emil plötzlich, dass er auf dem dürren FX und seinen Rippen Klavier spielen konnte. Nur mühsam konnte er ein lautes losprusten unterdrücken. Das schien ihm dann doch etwas unpassend in dieser Situation.
Doch auch FX konnte es kaum erwarten, den so sportlichen Körper des Schattenjägers ausgiebig zu berühren. Als Emil einen Augenblick etwas unaufmerksam war, sich entspannte und gehen ließ, nutzte FX die Gelegenheit und drehte sich blitzschnell um, was Emil unter dem angenehm warmen Regen auch nicht verhindern konnte. Plötzlich fühlte sich Emil rücklinks an die Wand der Dusche gedrückt und hatte den Gipsarm von FX am Hals, der ihn sehr vorsichtig aber bestimmt gegen die Wand presste.
Total überrumpelt von dieser ganz anderen Art, die er hier unter der Dusche nicht vermutete und auch von FX nicht erwartet hatte, wusste er gar nicht, wie ihm geschah. Aber was er ganz genau wusste war, dass ihm das gerade sehr gut gefiel, was passierte.
Selbst mit seinem abgewinkelten Gipsarm hatte FX immer noch genug Abstand zu Emil, dass er sich dessen nackten Körper genüsslich anschauen konnte. Natürlich wusste er, dass sich Emil aus dieser Lage sehr einfach und schnell befreien konnte, aber auch Emil wusste, dass FX das, wenn er denn wollte, problemlos verhindern würde. In ihren Fähigkeiten waren sie sich definitiv ebenbürtig. Aber beide genossen ihre Position gerade so, wie sie war.
Nur sehr zögerlich, er wollte den Moment so lange wie möglich auskosten, näherte sich FX’ Hand der fast schon bleichen, aber mit unzähligen wirren Runen übersäten Brust von Emil. Dieser schaute in die leuchtend blauen Augen von FX, wohl wissend, dass dieser Blickkontakt gerade gar nicht wahrgenommen wurde von seinem Gegenüber, so fasziniert war er von den Zeichnungen seiner Fähigkeiten.
Mit nur dem Zeigefinger berührte FX ganz behutsam eine der Runen auf Emils Brust und noch bevor ihre Haut Körperkontakt hatte, spürten beide eine deutliche Vibration purer Energie, die sich zwischen ihnen aufbaute.
Innerlich tobte in FX ein kleiner Zweikampf. Seine Libido konnte es gar nicht erwarten, diesen Körper in allen Einzelheiten zu erforschen und zu verschlingen, während sein analytischer Verstand eines temporalen Wächters zu untersuchen versuchte, was bei einer intensiven körperlichen Vereinigung mit dem Energiepotential beider passieren würde.
Kurz hielt FX noch inne und wischte schließlich all seine Gedanken beiseite. Er entschloss sich für ein Experiment, ließ von der Rune auf dem zuckenden Brustmuskel von Emil ab und setzte stattdessen zu einem ausgiebigen Zungenkuss an.
Kaum, dass sich ihre Lippen berührt hatten, gab es ein Knacken was wie ein Bruch einer Eisscholle im tiefen Winter klang. Man hörte dieses beängstigende Geräusch, aber vor allem spürte man die Vibration, als ginge ein Riss durch den Fußboden. Danach fiel der Strom in der gesamten Universität aus und das Wasser der Dusche versiegte.
Die Badezimmertür öffnete sich und ein komplett verwirrter Ben stand im Halbdunkel und starrte auf die beiden nackten und nassen Männer, die sich fest umschlungen hatten. Verwirrt strich er sich durch sein wüstes Haar, was gerade gar nicht so akkurat gelegt war wie sonst. Er wollte sein Entsetzen lauthals kundtun, wurde aber wieder schmerzlich daran erinnert, dass sein Ober- und Unterkiefer von FX mit seiner Zahnspange zusammengedrahtet war.
“Wasch hab isch denn hier verpascht?”
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