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Dämonenjäger

Teil 1

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Inhaltsverzeichnis

Hamburg, Deutschland, Anno Domini 2013

Die Sonne war noch nicht so hoch gestiegen, dass sie durch die bunten Fenster das Innere der Kirche erhellt hätte. Im Halbdunkel des frühen Morgens ging ein junger Mann durch den Mittelgang nach vorne, kniete kurz nieder, schlug das Kreuz vor dem Hochaltar und bog nach rechts ab in die Sakristei. Kevin war Sechzehn und so richtig froh war er nicht über diese morgendliche Arbeit, aber er hatte Pater Anselm versprochen, auch während der Ferien die Kerzen am Hochaltar und an den beiden Seitenaltären anzuzünden.

Als der schlanke, dunkelblonde Junge aus der Sakristei zurückkehrte, stellte er die beiden großen Kerzen auf die hohen Kerzenständer vor dem Hochaltar und zündete sie mit einem Streichholz an. Danach kam die Kapelle der Hl. Jungfrau Maria auf der linken Seite an die Reihe, zum Schluss die Kapelle des Hl. St. Georg auf der rechten Seite, neben der Tür zur Sakristei. Die Kapelle des Hl. St. Georg war mit einem Gitter verschlossen. Kevin unterdrückte einen Fluch. Er hatte zwar den Schlüssel von Pater Anselm bekommen, aber der lag hoch und trocken zu Hause; der Schlüssel, nicht der Pater. Kevin sah sich um. Wie zu erwarten, waren um diese Uhrzeit die langen Bankreihen leer. Nicht das geringste Geräusch war zu hören. Kevin musterte noch einmal das Gitter. Fast zwei Meter hoch. Er könnte zwar hochklettern, aber er war nicht sicher, ob das alte Gitter sein Gewicht tragen würde.

Noch einmal ging sein Blick durch das gesamte Kircheninnere. Dann drehte er sich wieder um und sah in die kleine Nische der Kapelle. Nur etwas mehr als einen halben Meter vor ihm stand die halb heruntergebrannte Kerze. Er steckte die rechte Hand zwischen die Gitterstäbe und deutete mit geschlossenen Fingern auf die Kerze. Ein grüner Blitz löste sich von seinen Fingerspitzen und traf den Docht der Kerze, der zu Glühen anfing und nach gut einer Sekunde mit stetiger Flamme brannte. Mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht zog Kevin vorsichtig die Hand wieder zurück.

Ein leises Geräusch ließ ihn alarmiert herumfahren, doch jetzt war alles wieder still. Keine Geräusche, nicht die leiseste Bewegung. Kevin wusste, wenn jemals etwas von seiner Fähigkeit bekannt werden sollte, dann würde er seines Lebens nicht mehr froh werden. Er hatte schließlich schon mehr als genug einschlägige Filme gesehen. Leute wie er landeten, wenn es gut ging, bei endlosen Verhören. Wenn es schlecht lief, auf dem Seziertisch. Mit klopfendem Herzen und sich immer wieder umblickend, ging er zurück in die Sakristei.

Nachdem sich die Tür der Sakristei geschlossen hatte, schob sich eine dunkle Figur langsam aus dem Schatten eines der großen Pfeiler. Ein langer schwarzer Umhang mit Kapuze verhüllte den Körper des Beobachters. Und nicht ein Geräusch ertönte, als die dunkle Gestalt sich auf den Weg zur Nebenpforte machte. Die Zielperson hatte soeben einen Fehler gemacht, das lange Warten hatte sich gelohnt.


Am nächsten Sonntag beaufsichtigte Pater Anselm nach der Messe, wie die Messdiener ihre Chorhemden säuberlich aufreihten und langsam die Sakristei verließen. Kevin war der letzte, er hatte den jüngeren beim Umziehen geholfen. Nachdenklich betrachtete der alte Pater den jungen Mann. Eigentlich eine unauffällige, schlanke Gestalt, mittelgroß und sportlich. Wie der Pater wusste, war Kevin im örtlichen Schwimmverein und bei der Jugendgruppe der Kirche engagiert. Nun, Jugendgruppe war vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Das halbe Dutzend Jugendlicher, die sich sporadisch im Pfarrhaus trafen, konnte man schwerlich eine Jugendgruppe nennen, aber immerhin war ein Anfang gemacht. Kevin war schon seit drei Jahren dabei und immer war er derjenige gewesen, der neue Ideen für weitere Treffen gehabt hatte. Doch schon öfter hatte der Pater ihn auch nachdenklich in einer der vorderen Kirchenbänke gesehen, in Gedanken oder im Gebet versunken.

Pater Anselm seufzte. Er liebte seinen Beruf, der bei ihm wirklich Berufung war, aber dieser Fall war etwas komplizierter.

„Kevin, falls du noch etwas Zeit hast, möchte ich gerne etwas mit dir besprechen.“

Kevin sah den Pater fragend an, aber er nickte.

„Klar, heute ist sowieso egal.“

Auch der Pater nickte. Er wusste, wo das Problem lag. Vorgestern war der Erste des Monats gewesen und es hatte Geld gegeben. Kevin würde erst sehr spät nach Hause gehen. Seine Eltern waren beide arbeitslos und hatten am Zahltag ihr weniges Geld sofort in alkoholische Getränke umgesetzt. Während der Woche versuchten sie wenigstens noch den Schein zu wahren, aber am Samstag und Sonntag wurde bereits nach dem Aufstehen zur Flasche gegriffen. Das führte dann schon mal zu verbalen Ausfällen oder auch unmotivierten Prügeln für Kevin, der lieber früh morgens verschwand und spät abends wiederkehrte, wenn alles schlief. Schon öfter hatte Kevin das Wochenende im Pfarrhaus verbracht.

Wenig später saßen die beiden am Küchentisch des Pfarrhauses. Kevin strich sich gedankenverloren durch die kurzen, dunkelblonden Haare. Früher hatte er längere Haare gehabt, eigentlich nur um seine Mutter zu ärgern, aber seit er regelmäßig zum Schwimmen ging, waren ihm die langen Haare im Weg.

Frau Kalubke, die Haushälterin, hatte Früchtetee gemacht. Kevin hätte wahrscheinlich lieber etwas Kaltes getrunken, aber Pater Anselm liebte diesen Tee.

„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was du später einmal machen möchtest?“

Die Frage kam etwas unerwartet für Kevin. Seine Aussichten waren nicht besonders rosig. Für ein Studium fehlte schlicht und ergreifend das Geld. Das Bisschen, das er vom Staat kriegen würde, reichte ja allein nicht aus. Und Nebenjobs waren inzwischen auch nicht mehr so leicht zu bekommen. Zu Hause hatten sich die Dinge grundlegend geändert, seit auch seine Mutter vor einem halben Jahr arbeitslos geworden war. Zu Anfang hatte er sogar noch etwas Taschengeld bekommen, aber dann war er auf kleine Aushilfsjobs angewiesen. Wenn Pater Anselm ihn nicht in letzter Zeit ein paar Mal den Rasen hätte mähen lassen, hätte er an einigen Tagen überhaupt nichts mehr zu essen bekommen. Schmerzhaft zogen ein paar Bilder aus der letzten Vergangenheit an seinem inneren Auge vorüber.

Sein Vater, halb betrunken in der Tür von Kevins Zimmer. In der linken Hand eine Flasche Bier, in der Rechten das neue englische Wörterbuch, das sich Kevin selbst gekauft hatte.

Sechsunddreißig Euro! Sechsunddreißig! Weißt Du, wie viel Bier das sind?“

Oder das Gespräch seiner Eltern in der Küche. Kevin kam zufällig aus dem Badezimmer und stand neben der offenen Küchentür.

Der Bengel ist zu teuer. Neue Bücher, neue Klamotten. Was soll das alles? Und irgendwann schleppt der vielleicht auch noch so eine Tussi an! Und das alles von meinem Geld! Nix da. Der geht in die Lehre, da kann er erst mal hier zurückzahlen, jawoll! Als ich in seinem Alter war, da hab‘ ich schon im Hafen geschuftet.“

Kevin konnte seine Gefühle nicht mehr unterdrücken. Er spürte, wie langsam Tränen die Wangen herunter liefen. Pater Anselm nickte. Es war ihm klar, dass der junge diesem psychischen Druck nicht mehr lange würde standhalten können.

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten, aber wenn du darüber reden möchtest ...“

Kevin nickte schwach und trocknete seine Tränen mit dem Ärmel. Leise und fast verschämt erzählte er von den letzten Ideen seiner Eltern. Der Pater hörte ihm schweigend zu und langsam wurde die vage Absicht, die er mit seiner Frage gehabt hatte, zur zwingenden Notwendigkeit.

„Sie wollen Dich jetzt von der Schule nehmen? Das wäre allerdings sehr unklug. Selbst für eine Lehre wäre ein Abitur unzweifelhaft besser geeignet, als eine abgebrochene Schulbildung. Du bist Sechzehn, Du könntest beim Jugendamt beantragen, auch ohne die Einwilligung Deiner Eltern weiterhin eine Schule zu besuchen.“

Kevin schüttelte langsam den Kopf.

„Und wo soll ich dann hin? Ich fürchte, sie würden mich umgehend vor die Tür setzen.“

Jetzt schüttelte Pater Anselm nachdenklich den Kopf. Er würde wohl ein paar längere Gespräche führen müssen.

Erst spät am Abend ging Kevin hinüber in das alte, heruntergekommene Hochhaus, das zwischen den anderen Häusern der Siedlung aufragte wie ein übriggebliebener Zahn in einem verfaulten Gebiss. Zweiter Stock - Böttcher. Leise schloss er die Tür auf, aber niemand hörte ihn. Ein kurzer Blick ins Wohnzimmer bestätigte seine Vermutung. Beide Eltern saßen im Wohnzimmer auf der Couch und schnarchten im Duett. Überall auf dem Tisch und dem Fußboden lagen leere Bierflaschen. Der Gestank war kaum auszuhalten. Kevin ging hinüber in sein Zimmer und drehte den Schlüssel um. Langsam zog er sich aus und legte sich ins Bett. Seine Gedanken schweiften vor dem Einschlafen ziellos umher. Beim letzten Besuch im Schwimmbad blieben sie hängen.

Ein rotblonder Junge in Kevins Alter war mit ihm zusammen im Sammelumkleideraum gewesen. Völlig unbekümmert hatte der sich splitternackt ausgezogen und seine Badehose angezogen. Dann war er in Richtung der Duschen gegangen, nicht ohne Kevin einen langen, prüfenden Blick zuzuwerfen. Kevin war eigentlich auf dem Weg nach Draußen gewesen, hatte aber ernsthaft überlegt, noch einmal Duschen zu gehen. Der Junge hatte echt gut ausgesehen und Kevin war sich schon seit längerem darüber im Klaren, dass er auf Jungs stand und nicht auf Mädchen.

Nach kurzem Zögern machte Kevin sich dann doch auf den Weg nach Draußen. Er war schon immer etwas schüchtern gewesen, aber hier kam noch die Angst dazu, etwas falsch zu machen und dann geoutet zu werden. Sein Leben würde dann auch noch an der Schule die Hölle werden, als ob das hier zu Hause nicht schon schrecklich genug wäre. Unruhig wälzte er sich im Bett hin und her. Sein ganzes Leben schien nur aus einer endlosen Schlange von Problemen zu bestehen. Doch er würde nicht aufgeben, er würde kämpfen bis zum Ende, wie immer das auch aussehen mochte.


Als Kevin knapp drei Wochen später gegen Mittag nach Hause kam, hörte er im Wohnzimmer eine lautstarke Diskussion. Mit Erstaunen erkannte er die Stimme von Pater Anselm im Gespräch mit seinen Eltern. Als er das Wohnzimmer betrat, verstummte das Gespräch und seine Eltern starrten ihn nur schweigend an. Pater Anselm in seiner schwarzen Kutte begrüßte ihn freundlich.

„Hallo Kevin. Ich bin hier, um deinen Eltern einen Vorschlag zu machen für deine zukünftige schulische Ausbildung.“

Kevin erstarrte. Was war hier denn los? Auf dem Tisch stand eine fast leere Flasche mit billigem Korn. Der Erste war doch erst noch. Hatte etwa Pater Anselm eine Flasche mitgebracht?

„Jawoll, die zahl'n so ein Stipendulum. Von so ‘m fein’ Indernat.“

Mein Gott, der Alte ist schon wieder dicht. Aber wieso Stipendium? Wofür denn? Ich bin doch gar kein Superschüler. ‘

„Weil du doch so klug bist!“

Mutter ist auch nicht mehr ganz nüchtern.

„Wir ham’ schon unnerschriem. Nach ‘n Ferjen geht’s los!“

„Was habt ihr? Hat mich vielleicht schon mal jemand gefragt!?“

Kevin war im ersten Moment fassungslos. Verwirrt starrte er der Reihe nach seine Eltern und dann Pater Anselm an. Dann dämmerte es ihm: Er sollte schlicht und ergreifend verkauft werden. Wenn er irgendwo in so einem blöden Internat saß, konnten sich die beiden, die sich seine Eltern nannten, in aller Ruhe weiter volllaufen lassen und brauchten ihn nicht mehr durchzufüttern. Aber was hatte der Pater damit zu tun? So etwas hätte Kevin ihm im Leben nicht zugetraut.

„Schrei hier nich' rum! So lange du deine Füße unner mein Tisch streckst machs’u gefälligst was ich sage!“

Jetzt ging das wieder los. Doch Pater Anselm erhob sich.

„Ich kann dir den ganzen Hintergrund genau erklären. Wir können uns im Pfarrhaus unterhalten wenn du möchtest. Es geht ja auch um Dein Einverständnis. Kannst du gleich mitkommen?“

Kevin trottete, ganz in seine eigenen Gedanken verloren, hinter dem Pater her. Sie gingen den kurzen Weg von den hässlichen, kalten Wohnblocks aus den frühen sechziger Jahren hinüber zu der alten Kirche mit dem angebauten Pfarrhaus. Die Kirche war fast hundertfünfzig Jahre alt und selten renoviert worden. Aus rotem Backstein in neoklassizistischem Stil errichtet - wie Kevin nachgelesen hatte - sah sie dennoch ganz ansehnlich aus, lediglich das Pfarrhaus aus grauem Beton, das ein liebloser Architekt vor gut zwanzig Jahren einfach daneben gesetzt hatte, passte überhaupt nicht dazu. Seit dieser Zeit war hier in der Gegend auch nicht mehr viel Neues gebaut worden. Links neben der Kirche ein Spielplatz, der nur ganz selten genutzt wurde und auf dem die Junkies sich nachts ihre Spritzen setzten. Rechts ein kleiner Parkplatz für Leute, die sowieso nie in die Kirche kommen würden. Alles rausgeschmissenes Geld, dachte Kevin. Und hinter der Kirche die riesige Ruine der alten Brauerei. Sie war der Grund, warum hier überhaupt Menschen gewohnt hatten und eine kleine Siedlung entstanden war. Doch vor zwanzig Jahren war der Eigentümer verstorben und die Erben hatten an einen Konzern verkauft. Schnell wurde die Brauerei geschlossen und viele der Leute arbeitslos. Die meisten Gebäude verfielen, der Schornstein war erst im letzten Jahr gesprengt worden wegen Baufälligkeit, aber das alte Sudhaus überragte immer noch alle anderen Gebäude, außer dem Kirchturm. Kevin war schon als Kind, zusammen mit anderen Jungen, heimlich durch die leeren Hallen geschlichen. Schön war es hier wirklich nicht.

Pater Anselm führte Kevin in die Küche des Pfarrhauses. Frau Kalubke war für drei Tage bei ihrer Schwester und der Pater stellte vor Kevin ein Glas mit Cola hin, er selbst nahm Wasser.

„Ich möchte, dass du mir erst einmal in aller Ruhe zuhörst. Nachher können wir darüber diskutieren. Ich habe diesen Vorschlag mit dem Internat deinen Eltern unterbreitet, weil er in meinen Augen die beste Lösung darstellt, wie du zu einem vernünftigen Schulabschluss kommen kannst. Ich kenne ein paar einflussreiche Leute, die gerne ein Stipendium für begabte Schüler wie dich bezahlen.“

Kevin schüttelte heftig den Kopf.

„Das ist doch Unsinn. Ich bin überhaupt nicht besonders begabt. Ich bin nur der normale Klassendurchschnitt. Die einzigen Fächer, in denen ich mehr als zwölf Punkte habe, sind Englisch und Sport.“

Pater Anselm lächelte nachsichtig.

„Nicht so ganz. Es ist natürlich wichtig für dich, ungestört arbeiten zu können, dann erzielst du auch bessere Leistungen. Außerdem ist da noch etwas. Du bist auf einem Gebiet begabt, von dem du noch sehr wenig weißt. Ich habe jemanden hergebeten, der Dir das etwas besser erklären kann als ich. Ich hoffe Du hast nichts gegen einen weiteren Gast?“

Kevin schüttelte erstaunt den Kopf, da führte Pater Anselm schon einen Fremden herein, der im Wohnzimmer gewartet haben musste. Gekleidet in einen schwarzen Anzug mit Weste und Krawatte, hätte Kevin ihn auf der Straße für einen Geschäftsmann gehalten. Der Mann war etwa Anfang bis Mitte Dreißig und glatt rasiert.

„Das ist Herr Dr. Nörenberg von der Stiftung ‚Jugend für die Zukunft’. Er wird dir ein paar Fragen stellen und nach der Prüfung auch ein paar Fragen beantworten.“

Kevin blickte in das schmale, strenge Gesicht von Dr. Nörenberg. Von einer Stiftung ‚Jugend für die Zukunft’ hatte Kevin noch nie gehört, aber er sah den Fremden aufmerksam an, obwohl er ihm etwas unheimlich erschien.

Doktor Nörenberg griff in seine rechte Jackentasche, nahm eine kleine Kerze heraus und stellte sie auf den Tisch. Dann sah er Kevin direkt in die Augen.

„Wärest Du so freundlich, diese Kerze anzuzünden? Ohne Streichhölzer, bitte.“

Kevin wusste sofort, was der Mann von ihm wollte. Mit einem Satz sprang er von dem Küchenstuhl hoch, doch Pater Anselm war hinter ihn getreten und drückte sanft, aber bestimmt, auf Kevins Schultern, so dass dieser sich wieder setzte. Kevin war wie gelähmt. Seine Gedanken rasten, doch er fand so schnell keinen Ausweg.

„Es tut mir wirklich sehr leid, aber wenn du mir versprichst, ruhig sitzen zu bleiben, werde ich dich loslassen.“

Nach kurzem Zögern nickte Kevin und entspannte sich ein wenig. Pater Anselm ließ ihn los und setzte sich dann ebenfalls Kevin gegenüber hin.

„Wie gesagt, es tut mir wirklich sehr leid und André ... ich meine, Doktor Nörenberg, ist manchmal ein wenig ... nun sagen wir, forsch.“

Dr. Nörenberg bedachte Pater Anselm mit einem etwas durchdringenden Blick, was den aber scheinbar nicht zu stören schien.

„Kevin, wir wissen inzwischen von deiner Begabung und es ist wichtig für uns zu erfahren, wie gut du wirklich bist.“

„Warum ist das wichtig und wer will das wissen?“

Kevin verschränkte die Arme vor der Brust und zog den Kopf etwas ein. Seine ganze Haltung signalisierte deutliche Ablehnung. Durch seinen Kopf rasten sämtliche möglichen Szenarien die er sich in den letzten Jahren ausgemalt hatte. Pater Anselm war allerdings in keinem davon vorgekommen.

„Du kennst mich nun schon seit vielen Jahren, glaubst du wirklich, dass ich irgendjemandem, oder speziell Dir, etwas Böses will?“

Kevin überlegte? Der alte Pater war wirklich eine der wenigen Personen, denen er immer vertraut hatte und denen er sich auch anvertraut hatte. Na ja, nicht in allem. Das mit den Jungs hätte er fast gebeichtet, aber er hatte jedes Mal im letzten Moment einen Rückzieher gemacht.

Und über die Sache mit der Kerze hatte er bis jetzt noch keinem Menschen ein Sterbenswörtchen erzählt. Irgendjemand musste ihn gesehen und dem Pater etwas erzählt haben. Wenn die beiden bereits alles wussten, warum eigentlich nicht? Wie von der Regierung sah dieser Doktor Nörenberg eigentlich nicht aus. Kevin seufzte.

„Also gut, was soll ich tun?“

„Du brauchst nur die Kerze anzuzünden, wie du es schon einmal gemacht hast. Dann werde ich die Kerze löschen und du hast einen weiteren Versuch.“

Kevin sah Doktor Nörenberg prüfend an. Na, gut, dachte er, wenn du meinst. Eine Sekunde später brannte die Kerze. Dr. Nörenberg nickte nur und blies die Kerze aus. Kevin fixierte die Kerze wieder und versuchte sie zu entzünden. Auf halbem Weg zum Docht schien der grüne Strahl auf ein Hindernis zu Treffen. Für Kevin sah es so aus als ob der Strahl mitten in der Luft endete. Er hatte genügend Fantasy-Romane gelesen, die von Magie oder etwas ähnlichem handelten. Obwohl er sich nicht für einen Magier oder Zauberer hielt und alleine die Idee daran weit von sich wies, packte ihn jetzt der Ehrgeiz. Wenn man den Strahl als Energie, oder so etwas, betrachtete, war wohl eine Barriere im Weg. Er konzentrierte sich noch einmal und legte seine gesamte Kraft in den Strahl der dann auf die vermutete Barriere traf. Diesmal sprühten rote Funken und der grüne Strahl traf auf die Kerze, deren obere Hälfte zischend verdampfte.

„Oh! Das war ... Ich meine, das wollte ich nicht.“

Kevins Ausruf wurde immer leiser und er starrte schweigend auf die Überreste der Kerze. Doktor Nörenberg wechselte einen undefinierbaren Blick mit Pater Anselm. Mit ruhigem Griff holte er eine weitere Kerze aus der rechten Jackentasche.

Pater Anselm lächelte. „Ich hab es dir ja gesagt. Ein Naturtalent.“

„Nächster Versuch.“

Doch noch bevor Kevin etwas sagen oder fragen konnte, fuhr Doktor Nörenberg mit einem völlig entsetzten Blick von seinem Stuhl hoch. Sein Kopf wandte sich nach rechts und er schien durch die Wand zu starren. Pater Anselm sah ihn an, eilte zum Fenster und spähte durch die Gardine hinaus in die Richtung, in die Doktor Nörenberg seinen Kopf gewandt hatte. Anscheinend konnte er aber nichts erkennen, was die heftige Reaktion ausgelöst hatte. Kevin bemerkte jetzt einen leichten, orangefarbenen Schimmer über den Händen von Doktor Nörenberg, als dieser ein Handy aus der Tasche zog und auf eine Schnellwahltaste drückte.

„Ein Kern. Ganz in der Nähe. Wir brauchen sofort ein Team, besser noch zwei, KF 2015-5478“

Ohne eine Antwort abzuwarten, steckte er das Handy ein, lief zur Küchentür, eilte durch den Flur und als er die Haustür erreichte, rannte er los. Pater Anselm folgte und rannte mit wehender Kutte hinter ihm her, mit einer Leichtigkeit, die man bei dem alten Mann nun wirklich nicht erwartet hätte.


Kevin sprang ebenfalls auf. Durch die Nebentür lief er hinaus auf den Kirchhof und dann hinter den beiden her. Er konnte gerade noch erkennen, dass sie zum Sudhaus der alten Brauerei hinter der Kirche rannten. Obwohl er so schnell wie möglich lief, hatte er die beiden Männer verloren. Aus dem Inneren des Gebäudes ertönten metallene Geräusche. Kevin lief zu der kleinen Tür, die in das große Schiebetor eingelassen war und betrat die Halle.

Nur durch die hoch gelegenen Fenster beleuchtet, lag das Innere der Halle etwas im Dunkeln, doch Kevin erkannte ein hellblaues, flimmerndes halbkreisförmiges Feld, das in der Hallenmitte stand wie ein riesiges Tor. Innerhalb des Feldes sah man Schatten hin- und herwandern. Pater Anselm näherte sich dem Feld, sank auf das rechte Knie und fing an, in einer unbekannten Sprache zu rezitieren. Sein ganzer Körper war jetzt von einem hellen, fast strahlend weißen Leuchten umgeben, das immer intensiver zu werden schien. Dr. Nörenberg hatte inzwischen sein Jackett abgelegt und machte mit den Armen kurze Dehnübungen.

Die Minuten vergingen und Dr. Nörenberg ging immer nervöser vor dem merkwürdigen Feld in der Hallenmitte auf und ab. Pater Anselm war inzwischen der Schweiß ausgebrochen. Das Leuchten um ihn herum hatte die Farbe gewechselt und strahlte jetzt in einem schwachen gelb. Dr. Nörenberg blickte besorgt auf das hellblaue Feld, das inzwischen eine Höhe von gut drei Metern erreicht hatte und dann auf Pater Anselm.

„Verdammt, wo bleiben die denn. Er kann den Übergang nicht mehr lange verhindern.“

Ein leiser Ruf ließ Kevin zu Pater Anselm laufen. Er hatte Mühe, den Pater zu verstehen, so leise und gepresst klang seine Stimme.

„Im Wohnzimmer, auf dem Kamin. Das Kreuz. Schnell.“

Kevin stutzte. Was wollte er denn jetzt mit dem Kreuz? Aber nach einem weiteren Blick auf den völlig versunkenen Pater rannte er zurück ins Pfarrhaus. Kevin kannte das Kreuz, er hatte es schon öfter auf dem Kaminsims bewundert. Auf einem dunkelroten Samtkissen lag ein silbernes Kreuz etwa 10 cm hoch mit wunderschönen Gravuren und einer ebenfalls silbernen, langen Kette. Irgendwann hatte Pater Anselm einmal gesagt: „Es ist nicht nur schön, sondern auch praktisch.“

Auf den verwirrten und fragenden Blick von Kevin hatte er jedoch nichts erwidert.


In Rekordzeit erreichte Kevin das Pfarrhaus und stürmte ins Wohnzimmer. Völlig verblüfft blieb er vor dem Kamin stehen. Das Kreuz umgab jetzt ein violetter Schimmer, der leicht zu pulsieren schien. Zögernd griff Kevin nach dem Kreuz und sprang sofort mit einem Aufschrei zurück. Ein roter Blitz hatte ihn in die rechte Hand getroffen und es tat verdammt weh. Zu sehen war aber nichts. Kevin überlegte. Irgendwie musste er sich vor dem Ding schützen. Anscheinend war es eine Diebstahlsicherung und der Pater hatte ihm nicht gesagt, wie er sie abschalten konnte. So wie es aussah, hatte er wohl auch keine Zeit zu fragen. Das hieß aber doch wohl, dass Pater Anselm ihm zutraute, dass er selbst eine Lösung fand.

Kevin konzentrierte sich auf das violette Pulsieren und spürte fast so etwas wie ein Rauschen - nein - mehr, als ob ein Trafo leise brummen würde. Er konzentrierte sich weiter auf das Brummen und versuchte, es aus seinen Empfindungen auszuschließen. Mit wachsendem Erstaunen bemerkte er ein leichtes gelbes Glühen um seine gesamte rechte Hand, das immer deutlicher zu werden schien. Jetzt oder nie! Nervös griff er nach vorne und ganz langsam schlossen sich seine Finger um die Kette, an der er vorsichtig das Kreuz anhob. Sekunden später lief Kevin über den Kirchhof in Richtung Ruine.

Völlig außer Atem sah er Dr. Nörenberg, der immer noch vor dem inzwischen intensiv strahlenden hellblauen Feld auf und ab ging. Innerhalb des Feldes konnte Kevin jetzt schon mehrere Schatten deutlich unterscheiden. Doch Kevin konnte sich nichts oder niemanden vorstellen, was einen solchen Schatten hätte werfen können. Als er näher kam, deutete Dr. Nörenberg auf Pater Anselm. Dieser kniete immer noch so, wie er ihn verlassen hatte, doch die Haut war blass, der Atem ging flach, aber immer noch murmelte er fremdartige Worte. Doch dann plötzlich ein fast unmenschlicher Schrei.

Aus dem Feld heraus trat ein Wesen, wie Kevin es noch nie gesehen hatte. Wohl über zwei Meter groß, mit zwei Armen und zwei Beinen und mit blauer Haut. Ein Kopf war nicht zu erkennen. Wo bei einem Menschen der Hals gewesen wäre, gähnte von einer Schulter zur anderen ein riesiges Maul mit langen, nadelscharfen Zähnen. Die Arme, mit je zwei Gelenken, endeten in dicken Klauen, die wie die Scheren eines Hummers klickten. Pater Anselm sah auf und rief laut und deutlich:

„Rallorian!“

Dr. Nörenberg streckte dem Wesen beide Hände entgegen und aus den Fingerspitzen lösten sich zwei leuchtend grüne Blitze, die sich vor dem blauen Körper vereinigten und von ihm anscheinend mühelos absorbiert wurden. Das merkwürdige Wesen schüttelte sich und wandte sich nach links, um scheinbar unbeeindruckt weiter auf Dr. Nörenberg zuzugehen. Pater Anselm hatte sich erhoben und sah sich um.

„Wo ...?“

Mit einem kurzen Schwung streckte Kevin dem Pater das Kreuz entgegen. Der nahm es ihm ab und fixierte dann dieses blaue Ungeheuer, das Dr. Nörenberg fast erreicht hatte.

„Zu spät, das Siegel ist gebrochen. Für ein Bannritual brauchen wir mehr Leute.“

Damit warf er das Kreuz wieder zurück zu Kevin, das dieser fast vor Schreck fallen ließ, dann aber geschickt in der Außentasche seiner Cargohose verstaute. Auch der Pater streckte nun seine Hände aus und es lösten sich zwei orangefarbene Blitze, die sich über dem merkwürdigen blauen Wesen vereinigten und in Sekundenschnelle eine orangefarbige schimmernde Glocke bildeten. Ein weiterer Schrei hallte durch das Gebäude, ob vor Schmerz oder Überraschung, konnte Kevin nicht beurteilen. Dann fielen seine Augen auf das leuchtende Tor.

„Noch zwei!“

Pater Anselm und Doktor Nörenberg standen jetzt nebeneinander, dem Tor zugewandt. Aufmerksam beobachteten sie die beiden Wesen, die langsam auf sie zukamen. Von dem rechten der beiden Wesen löste sich plötzlich ein roter Blitz und traf Dr. Nörenberg direkt in die Brust. Der erstaunte Gesichtsausdruck bei ihm und auch bei Pater Anselm schien darauf schließen zu lassen, dass keiner der beiden darauf gefasst gewesen war. Nur einen Augenblick später sackte Dr. Nörenberg zusammen und lag dann ohne ein Lebenszeichen flach auf dem Rücken.

Kevin macht instinktiv ein paar Schritte zurück, als er gegen ein altes Fass stieß, das mit lautem Poltern umkippte. Das linke der blauen Wesen fuhr herum und sein ganzer Körper pendelte hin und her. Es schien ihn nicht sehen, aber spüren zu können. Kevin wurde es plötzlich heiß unter seinem T-Shirt. Als das Wesen einen Arm hob, wusste er, was gleich passieren musste. Blitzschnell hob er ebenfalls beide Arme, zeigte in die ungefähre Richtung seines Ziels und versuchte, wie vor kurzem mit der Kerze, seine gesamte Energie und Konzentration auf dieses eine Wesen zu fokussieren.

Die nächsten Sekunden wurden für Kevin zum Alptraum. Das blaue Wesen kam Näher und er spürte wie seine Arme zitterten, doch gleichzeitig merkte er auch, wie sich eine Spannung aufbaute. Unvermittelt brach dann aus jeder seiner Hände ein grüner Blitz hervor und schlug in das Ziel vor ihm ein. Das Wesen stoppte, schwankte kurz und fiel dann mit einem polternden Geräusch nach hinten um. Mit einem Aufschrei klemmte sich Kevin seine schmerzenden Hände unter die Achseln, sie brannten wie Feuer. Das zweite der Wesen kam jetzt direkt auf Kevin zu.


Plötzlich wurde mit lautem Kreischen das rostige Hallentor aufgerissen und sich vorsichtig sichernd umsehend, betraten vier Personen die Halle. Kevin traute seinen Augen kaum. Die vier Männer trugen einen futuristisch aussehenden Körperpanzer ohne Helm. Kevin kam das Design vage bekannt vor, dann fiel es ihm wieder ein. Der Schauspieler Chris O’Donnell hatte so einen Anzug getragen in ‚Batman und Robin‘. Die Ähnlichkeit war verblüffend, sogar die farblichen Markierungen waren an den gleichen Stellen, lediglich waren sie bei den vier Männern hier zweimal in Rot, einmal in Blau und einmal in Gelb. Der vorderste der vier Männer, einer mit einer roten Markierung, verschaffte sich kurz einen Überblick über die Lage und gab dann halblaut Anweisungen.

„Offenes Portal, ein freier Rallorian, Nahkampf. Ein Rallorian in physischer Barriere, sekundäres Ziel.“

Bei dem Erscheinen der vier Männer war auch das blaue Wesen stehengeblieben und schien die Lage zu überdenken. Doch bevor es zu einem Entschluss gekommen war, hatten die beiden Männer mit den roten Markierungen beide Arme ausgestreckt und jeweils zwei grüne Blitze schlugen ein, die das Wesen fast einen Meter zurückwarfen und zu Boden gehen ließen. Währenddessen hatten sich die beiden anderen Männer, zusammen mit Pater Anselm, nur etwa einen Meter vor dem Portal aufgebaut und fingen an, Sätze zu murmeln, wie der Pater zuvor.

Pater Anselm drehte sich um und nach einem kurzen Rundblick winkte er Kevin heran. Wortlos hielt der Pater seine Hand auf. Mit einem gezielten Griff holte Kevin das Kreuz hervor und legte es Pater Anselm in die offene Hand. Dann zog sich Kevin schnell zurück und starrte auf das Tor, vor dem ein violettes Leuchten entstanden war und allmählich das hellblaue Licht verdrängte. Das violettfarbene Leuchten wurde immer heller und ein hoher singender Ton ertönte. Im Tor wurde gerade ein weiterer Rallorian langsam sichtbar, da rief Mann mit den gelben Markierungen laut

„Porta!“

und das halb materialisierte Wesen verschwand von einem Moment auf den anderen, während die Außenränder des Tores sich langsam in die Mitte bewegten, bis nur noch ein kleiner Leuchtpunkt vorhanden war, der mit einem leisen ‚Plopp’ verschwand.

In diesem Moment lösten sich die zwei in der Halle liegenden Körper der Rallorian, sowie der dritte unter der Barriere, lautlos in Nichts auf, so dass der ganze Platz aussah, als ob nie etwas geschehen wäre.


Pater Anselm stand vor Kevin und stützte sich schwer atmend auf einen der in schwarz gekleideten Männer, mit denen er zusammen das Portal geschlossen hatte. Ein weiterer kümmert sich gerade um Dr. Nörenberg, der langsam wieder zu sich kam.

„Das solltest du eigentlich nicht sehen, Kevin. Ich glaube, wir haben da eine ganze Menge zu erklären.“

Schweigend sahen Kevin und der Pater zu, wie die vier Männer in ihrer Kampfpanzerung anfingen, die Halle aufzuräumen. Sie waren augenscheinlich geübt darin, alle auffälligen Spuren zu beseitigen. Nach etwa einer halben Stunde hätte niemand mehr auf Anhieb etwas von dem stattgefundenen Kampf bemerken können. Die vier Männer sammelten sich und einer der beiden mit der roten Kennzeichnung nickte Pater Anselm kurz zu. Kevin wurde mit einem kurzen Winken der rechten Hand bedacht. Dann sah er erstaunt zu, wie der Mann sich zu dem neben ihm gehenden Mann mit blauen Markierungen vorbeugte und ihm einen Kuss gab. Es war kein langer Kuss, aber er war nicht zu übersehen. Die anderen Personen rings herum mussten ihn bemerkt haben, aber niemand reagierte. Vor dem Hallentor sah sich Doktor Nörenberg einmal um und winkte dann nach hinten. Schnell stiegen die vier Männer in einen dicht vor dem Tor geparkten schwarzen Kleinbus mit getönten Scheiben und verließen schnell das alte Fabrikgelände. Kevin sah ihnen hinterher. Sein Herz raste. Der Kuss hatte ihn fast noch mehr aufgewühlt als der ganze vorherige Kampf.

Vorsichtig rieb sich Kevin seine Hände an den Außenseiten seiner Cargos. Pater Anselm sah überrascht an ihm herunter, dann fasste er vorsichtig Kevins Unterarme, hob sie an und betrachtete eingehend die Hände.

„Hm, eine leichte Verbrennung. Kommt manchmal vor bei Überlastung.“

Dann sah er wieder Kevin an.

„Bitte, sei so gut. Ich muss mich etwas erholen und ein wenig nachdenken. Kannst du etwa in einer Stunde wiederkommen? Und bitte, kein Wort zu jemand anderem über diesen hm... Zwischenfall.“

Der Pater lächelte leicht.

„Es würde dir wohl ohnehin niemand glauben, denke ich.“

Kevin wollte nicken, aber es gelang ihm nicht. Ganz plötzlich fühlte er eine starke Müdigkeit und sein Kopf fiel nach vorne. Er spürte es schon nicht mehr, als der Pater ihn auffing und anscheinend mühelos hinüber ins Pfarrhaus trug.


Als Kevin aus seinem Schlaf erwachte, fühlte er sich so zerschlagen wie noch nie. Auch nach dem intensivsten Training hatte er nicht solche Muskelschmerzen und Verspannungen gehabt. Er brauchte auch eine ganze Weile, bis er wusste, wo er war. Er hatte schon öfter im Gästezimmer des Pfarrhauses übernachtet. Langsam erinnerte er sich an die letzte Stunde vor seinem Tiefschlaf.

Das alles musste doch ein böser Traum gewesen sein. Dann fiel sein Blick auf seine Hände. Die gesamte Haut war gerötet und an einigen Fingerspitzen fing sie an, sich abzulösen. Kevin begann, die letzten Ereignisse zu rekapitulieren.

Erstens. Er wusste, er hatte diese Begabung, konnte Kerzen und auch andere Dinge entflammen. Das war definitiv nicht normal, aber er lebte schon einige Jahre damit.

Zweitens. Pater Anselm war augenscheinlich nicht nur ein freundlicher alter Pater, sondern hatte Geheimnisse. Er konnte ebenfalls irgendwelche ‚Dinge’. So etwas lernt man nicht als gewöhnlicher Gemeindepriester! Und dieser Dr. Nörenberg war auch entschieden mehr, als ein einfacher Geschäftsmann dieser ominösen Stiftung.

Drittens. Was eigentlich war dieses Leuchten, das als Portal bezeichnet wurde und erst recht diese Wesen, diese Rallorian, die eigentlich unmöglich existieren konnten.

Und woher kamen dann, viertens, die Leute, die diese Wesen umbrachten und die Tore schlossen? Und sich nachher auch noch küssten!

Kevin sah auf die Uhr auf dem Nachtkasten. Acht Uhr fünfundvierzig. Moment Mal, er wusste, dass der Wecker eine 24-Stunden-Anzeige hatte. Dann musste er ja über vierzehn Stunden geschlafen haben! Hektisch schlug er die Decke zurück und sah an sich herunter. Bis auf die Retroshorts war er nackt. Seine Sachen lagen auf einem Stuhl neben dem Bett, fein säuberlich zusammengefaltet. Pater Anselm musste ihn ausgezogen und ins Bett gebracht haben. Irgendwie war Kevin der Gedanke daran peinlich.


Nach dem er sich angezogen hatte, fand Kevin den Pater in der Küche, wie er dort munter ein paar Brötchen aufschnitt.

„Ah, wie ich sehe bist du wach, das ist sehr schön!“

„Pater Anselm, ich möchte gerne wissen ...“

„Aber sicher, wir werden alles besprechen. Zuerst aber musst du mal etwas essen.“

Bei der Erwähnung von Nahrung merkte Kevin, wie hungrig er auf einmal war. Fast zwanghaft steuerte er auf die Brötchen zu.

„Nimm dir einfach, was du haben möchtest. Kaffee oder lieber Tee?“

„Kaffee, bitte“, bekam Kevin gerade noch beim Mampfen heraus. Der Pater setzte sich ihm gegenüber und sah ihm lächelnd beim Essen zu. Nach einiger Weile wurde Kevin ruhiger und sah erst auf den Tisch, dann auf die Uhr. Seine Augen wurden größer und er sah den Pater halb mit Entsetzen, halb mit Belustigung an.

„Ja, das waren jetzt innerhalb von 15 Minuten sechs Brötchen. Gar nicht so schlecht, denke ich. Das ist der Nachteil beim Entzug, man braucht viel Schlaf und noch mehr Kalorien, um den Energieverlust auszugleichen, besonders als Anfänger.“

Kevins Augen wurden noch größer, als er realisierte, was der Pater gerade gesagt hatte. Hektisch versuchte er, etwas zu sagen, verschluckte sich aber an seinem letzten Bissen. Erheitert klopfte ihm der Pater auf den Rücken.

„Wenn du dich erholt hast und mit dem Essen fertig bist, komm einfach in die Bibliothek, dort können wir dann über alles reden.“

Pater Anselm saß friedlich in seinem großen Ohrensessel und las in einem Buch. Er sah auf, als Kevin eintrat und schloss vorsichtig das Buch.

„Nimm ruhig Platz, wenn ich dich so ansehe, fürchte ich, es dauert länger.“

Kevin setzte sich auf das große Sofa und sah den alten Pater erwartungsvoll an.

Der Pater seufzte.

„Ich hoffe, Du bist ein wenig fantasievoller, als viele andere junge Leute heutzutage. Die Idee einer oder mehrerer paralleler Welten neben der unseren, ist ja nun nicht sehr neu und wohl auch in verschiedenen Filmen und Computerspielen verwendet worden. Was aber, wenn es nicht nur eine Idee, sondern die Realität ist? Wenn es wirklich Übergänge von einer Welt in eine andere geben würde?“

Kevin sah den Pater verwundert an. Worauf wollte er hinaus?

„Bei der Parallelweltentheorie geht man davon aus, dass neben unserer Welt noch unendlich viele andere Welten, alle auf einer Art anderem Energieniveau, existieren. Wenn man diese Energieniveaus angleichen könnte, so könnte man sich theoretisch von einer Parallelwelt in die andere begeben.“

Bei Kevin machte es ‚Klick’. „Das Tor!“

Pater Anselm nickte.

„Ja. Das Tor zu einer parallelen Welt. Doch unglücklicherweise ist diese Welt nicht sehr freundlich. Du hast einige dieser Wesen gesehen, die dort existieren und lass es dir gesagt sein, das waren nur die harmloseren. Das ist der Grund, warum wir versuchen, diese Tore geschlossen zu halten.“

Kevin rutschte nervös hin und her.

„Aber wie entstehen die Tore? Und wer ist ‚wir‘?“

„Das Entstehen der Tore ist bis heute noch nicht ganz geklärt. Einige Wissenschaftler vermuten, dass sich die Barriere, die unsere Welt von den anderen trennt, veränderlich ist. Was genau allerdings diese Veränderung verursacht, ist sehr umstritten. Andere vermuten, diese Tore könnten willentlich geöffnet werden, so wie wir sie hier ja auch willentlich schließen können.“

„Das ist doch alles genau so ein Hokuspokus wie die Außerirdischen, die als Götter gelandet sein sollen.“

Pater Anselm sah stirnrunzelnd auf Kevins Hände und seine Stimme klang etwas schärfer als vorher.

„Hokuspokus, ja? Ein Hokuspokus hätte Dich gestern beinahe umgebracht wenn Du ihn nicht mit - was war das noch mal? - Hokuspokus? zu Boden geschickt hättest.“

Betroffen sah Kevin nun ebenfalls auf seine Hände.

„Hast Du das Wort ‚Mana‘ schon einmal gehört?“

Kevin schüttelte wortlos den Kopf.

„Es ist ebenfalls eine Theorie. Hier gehen die Wissenschaftler davon aus, dass unsere Welt von einem Feld von Mana-Energie umgeben ist, ähnlich dem Erdmagnetischen Feld. Man kann es nicht sehen, man kann es nicht messen, aber - man kann es benutzen.“

„Ich glaube, ich kann jetzt nicht mehr so ganz folgen.“

„Betrachte es als Magie. Einfache Magie, so wie in den Märchen oder den neumodischen Fantasy-Geschichten. Du kennst doch bestimmt den alten Zauberer aus diesen Filmen mit dem Ring.“

„Zauberei?“

Kevin lachte laut auf, doch dann starrte er wieder nachdenklich auf seine Hände.

„So ungefähr. Nur etwas wissenschaftlicher erforscht. Es wird angenommen, dass dieses besagte Mana-Feld die gesamte Erde umgibt und die Energie für magische Aktivitäten zur Verfügung stellt. An einigen Stellen etwas mehr, an anderen Stellen ist das Feld etwas schwächer. Doch eine magisch begabte Person ist in der Lage, die vorhandene Energie zu nutzen und in eine Anwendung umzuformen.“

„Das ist es also, was die Männer in diesen Panzerungen gemacht haben? Magische Energie angewandt? Wer waren sie?“

Pater Anselm erhob sich langsam und ging hinüber zum Bücherregal.

„Das sind Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, solche Tore geschlossen zu halten. Und wenn einmal Wesen herüber getreten sind, so werden sie so lange bekämpft, bis das entsprechende Tor wieder geschlossen ist.“

Jetzt sprang auch Kevin auf und lief hinüber zu dem alten Pater.

„Aber diese Blitze aus meinen Fingern. Und gestern die Sache mit der Kerze ...“

Langsam wurde Kevins Stimme immer leiser. Seine Gedanken arbeiteten umso schneller.

„Ich ... Ist das meine Begabung? Bin ich jemand, der … der magisch begabt ist? Gibt es dafür dieses Stipendium?“

Wortlos nahm der Pater ein großes, dickes Buch aus dem Regal, legte es auf den Schreibtisch und schlug den Deckel auf.

„Da hast du deine Antwort.“

Kevin blätterte vorsichtig in dem alten Buch und besah sich die Bilder, während Pater Anselm anfing zu erzählen.


„Fast seit Anbeginn der Zeit, als die Menschen noch in Höhlen wohnten, hatten sie bereits das Auftauchen von für sie unverständlichen Wesen bemerkt. Einige der ersten religiösen Handlungen von Schamanen waren die Versuche von Beschwörungen, um diese Wesen zu vertreiben. Dass diese Versuche erfolgreich waren, verdankten unsere Vorfahren vermutlich der Tatsache, dass das Mana-Feld zu dieser Zeit erheblich stärker war als heute.

Aus den wenigen Hinweisen, die zur Verfügung stehen, geht man heute davon aus, dass das Mana-Feld einer regelmäßigen Schwankung unterliegt, deren Höchst- und Tiefstwert etwa 100.000 Jahre auseinander liegen. Wir befinden uns momentan an einem der Tiefpunkte.

Doch das war nicht das Problem, welches die Menschen der damaligen Zeit hatten und das wir auch noch heute haben. Die Wesen, die von einer Welt in die andere wechseln, sind weniger zahlreich, als vielgestaltig. Einige sind eindeutig Kämpfer oder Krieger, so wie die Rallorian, andere hingegen halten sich versteckt. Sie sind es, die Furcht und Schrecken verbreiteten, denn ihre Nahrung sind die Gefühle der Menschen. Blind und unbeweglich liegen in einem Kokon ihre Larven, in Höhlen oder anderen Verstecken, und werden auf der Geistesebene mit ihrer Lieblingsnahrung gefüttert: Starke Gefühle: Furcht, Hass, Zorn, der Schrei eines Todes.

Wenn dann die Zeit reif ist, schlüpfte aus diesem Kokon ein hässliches, heuschreckenartiges Wesen, die Mothera. Seine einzige Sorge ist das Füttern der Brut und dafür ist dieses Wesen hervorragend gerüstet. Es kann eine geistige Verbindung mit einem Menschen herstellen und ihn so beeinflussen, dass er selbst es nicht bemerkt.“

Kevin erschauerte, als er das Bild eines dieser Wesen in dem Buch vor sich sah. Kampfbereit aufgerichtet vor zwei Menschen überragte diese ‚Riesenheuschrecke‘ sie fast um das doppelte. Im Hintergrund war eine ganze Höhle voll von dicken, weißen Larven zu erkennen.

„Lediglich magisch begabte Menschen sind nicht beeinflussbar. Und wenn ein solches Wesen getötet wird, erlischt die Gedankenverbindung. Der Mensch ist wieder Herr seiner freien Entscheidungen, weiß ganz genau was er getan hat, aber nicht, warum.

Damit kommen wir jetzt zu zwei Punkten, die Dich wahrscheinlich am brennendsten interessieren. Wer sind diese Leute, die die Wesen aus der Parallelwelt bekämpfen und warum machen sie das?“

Kevin hörte auf zu blättern und sah den Pater erwartungsvoll an.

„Das Warum liegt eigentlich auf der Hand. Möchtest Du in einer Welt leben, die von Kriegen, Unterdrückung und Hass beherrscht wird? Wo Gewalt an der Tagesordnung ist und nichts als Furcht erzeugt? Und wo Furcht ist, entsteht Hass und Hass führt zu Gewalt. Es ist ein endloser Kreislauf.“

„Aber wir leben doch schon inmitten von Kriegen und Gewalt.“

„Das ist nichts im Vergleich zu dem, was uns bevorstehen würde, hätten sie die Macht auf der Erde.“

„Aber nun zu denen, die diesen Invasoren entgegentreten. Wie schon erwähnt, gab es schon immer einige wenige Begabte, die dem Einfluss widerstehen konnten und die auch unter Anwendung ihrer Begabung diese Wesen zurückschlagen konnten.

Wie Du vielleicht bemerkt hast, ist das Tor verschwunden, als es geschlossen wurde. Wir benutzen dafür den Ausdruck ‚bannen‘ im Gegensatz zu ‚beschwören‘. Ich weiß, es ist ein Ausdruck aus der Teufels- und Geisteraustreibung, aber er trifft schon den Kern der Sache.“

Kevin pustete seine Backen auf. Was kam denn jetzt alles noch? Von der Parallelwelttheorie über irgendwelche Wesen bis hin zu christlichen Ritualen des Mittelalters!

„Die Wesen, die übertreten, sind durch dieses Tor immer noch an ihre eigene Welt gebunden. Zerstört man den Übergang, verschwindet alles und jedes, was jemals durch dieses Tor gekommen ist. Das Bannen ist eine der Begabungen. Wegen des niedrigen Mana-Niveaus benötigen wir allerdings mindestens zwei Mann zum Bannen und einen, der den Vorgang auf einer geistigen Ebene überwacht.“

Ja, nee, ist klar. Auf der geistigen Ebene. Gleich erzählt er mir noch, dass jemand seinen Geist von seinem Körper lösen kann. ‘

„Es gibt noch weitere Begabungen, aber die möchte ich jetzt nicht alle aufzählen. Interessant ist vielleicht noch, dass die Begabung ausschließlich bei Männern auftritt.“

Pater Anselm machte eine dramatische Pause, aber Kevin reagierte nicht.

„Um es kurz zu machen, sie tritt nur auf bei homosexuell veranlagten Männern.“

Kevin erstarrte wie das Kaninchen vor der Schlange. Langsam verarbeiteten seine Gedanken das soeben Gehörte und die Schlüsse, die er daraus zog, gefielen ihm kein Bisschen.

„Aber … aber ich bin nicht schwul. Ich meine … ich wollte sagen …“

Pater Anselm hob eine Hand und unterbrach den etwas holprigen Sprachfluss.

„Es funktioniert auch umgekehrt. Wer begabt ist, ist in irgendeiner Form auch homosexuell veranlagt. Ob er diese Veranlagung auslebt, sie unterdrückt oder sonst etwas damit macht, spielt für die Magie keine Rolle. Ich habe Deinen Blick in der Halle gesehen, als der Kampfmagier seinen Partner geküsst hat.“

Kevin lief rot an und sah peinlich berührt zu Boden. Natürlich wusste er, dass er schwul war, doch das Leugnen war ein solch automatische Reaktion gewesen, dass es ihm jetzt erst recht peinlich war, Pater Anselm belogen zu haben.

„Und diese Verquickung der beiden Veranlagungen hat ihm Laufe der Geschichte zu den brutalsten und unmotiviertesten Verfolgungen innerhalb der Menschheit geführt.

Diese Wesen aus der Parallelwelt hatten im Laufe der Zeit natürlich mitbekommen, wer ihre größten Feinde waren. Sie versuchten mit allen Mitteln diejenigen zu bekämpfen, von denen die für sie größte Gefahr ausging.

Als die Menschen sesshaft wurden und anfingen, Staaten zu bilden, vermehrten sich auch die kriegerischen Handlungen untereinander. Angefangen von einem Streit unter Nachbarn bis hin zu Eroberungsfeldzügen. Und jede dieser Handlungen war im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen für die Mothera-Larven.

Die Menschen wurden trotz der Kriege zahlreicher und mit ihnen natürlich auch die Anzahl der Begabten. Sie waren das Primärziel der Mothera. In fast jeder Kultur machten sie große Anstrengungen, um Homosexualität zu diskreditieren. Es war angeblich ein Vergehen gegen die Gesellschaft, denn sie pflanzten sich nicht fort, oder ein Vergehen gegen die Götter, denn diese hatten angeblichen eine Abscheu dagegen. Der Gründe gab es viele und sie liefen im Endeffekt nur auf eines heraus: Die Begabten von der Gesellschaft zu trennen, sie zu stigmatisieren und dann töten zu können.“

Kevin schluckte schwer, als er sich solch ein Leben in der Vergangenheit vorstellte.

„Doch nicht alle Homosexuellen sind begabt. Nur etwa jeder tausendste unter ihnen kann mit Magie umgehen. Die Verfolgung traf also auch, oder hauptsächlich, die Unschuldigen. Diejenigen, die mit der Magie gesegnet waren, hatten sich schon früh zu kleinen Gruppen zusammengefunden, um die Tore, die inzwischen von unterschiedlichsten Wesen stark bewacht wurden, schließen zu können. Es begann eine immer enger werdende Spirale von Verfolgung und Verstecken.

Spätestens mit der Entwicklung der ersten Hochkulturen wurde klar, dass Geheimhaltung das oberste Gebot war. Niemand außerhalb der magischen Gemeinschaft durfte je erfahren, in welcher Gefahr die Menschheit schwebte. Die Angst und Panik die ausgebrochen wäre, hätte die Larven nur weiter gefüttert und die Mothera möglicherweise zu weiteren vermehrten Übertritten veranlasst.

In fast jeder frühen Kultur gab es Gemeinschaften, die sich, gut versteckt, ihrer Magie bedienten. Natürlich gab es auch Nachahmer oder Wichtigtuer, die sich, in keinster Weise begabt, öffentlich als Magier bezeichneten und auch damit auftraten. Aus diesen Zeiten stammen die Gesetze vieler Kulturen gegen Magie, Zauberei und Hexerei.“

Kevin überlegte kurz, dann sah er Pater Anselm an.

„Aber solche Gesetze waren doch hauptsächlich religiös bedingt.“

Der Pater seufzte und nickte langsam.

„Zum größten Teil, ja. Auch die Mothera hatten erkannt, dass man mit der Religion die Menschen am nachhaltigsten beeinflussen konnte. Denn wer wollte schon mit seinem Fehlverhalten die allmächtigen Götter verärgern.

Den größten Erfolg hatten die Mothera dann mit der Verbreitung der monotheistischen Religionen. Es gab nur einen Gott, seine Gesetze waren eindeutig, ewig und unterlagen keiner Kritik oder Auslegung. Wenn ein monotheistischer Gott etwas als Gesetz herausgab, dann folgten ihm alle Anhänger, somit alle Staatsgebilde, die dieser Religion anhingen.

Doch je stärker die Verfolgung wurde, desto größer wurde auch der Widerstand. Im alten Judentum gab es eine sehr gut versteckte magische Gemeinschaft, bis die Römer die Juden aus ihrer Heimat vertrieben. Was zunächst wie die totale Vernichtung ausgesehen hatte, erwies sich im Nachhinein als großer Vorteil.“

„Sie bildeten überall, wo sie hinkamen, solche magischen Gemeinschaften?“

Pater Anselm sah Kevin mit einem milden Lächeln an.

„Ich sehe, Du begreifst allmählich die Abläufe. Ja, das Wissen wurde weitergegeben und überall entstanden solche Gemeinschaften in den unterschiedlichsten Formen. Von einer losen Vereinigung einiger junger Männer bis hin zu einer im Untergrund lebenden Gemeinschaft mit fast klösterlichen Regeln.

Die christliche Religion war vom ersten Moment an im Fokus der Mothera. Ihre ursprünglich pazifistische Botschaft durch Jesus wurde im Laufe der Zeit ersetzt durch die Interpretationen und mystischen Ergänzungen der sogenannten Kirchenväter. Das Ganze wurde in eine autoritäre Form gegossen, die mit dem angeblichen Willen des Erlösers begründet wurde. Nichts war perfekter geeignet um Leid und Elend unter die Menschen zu bringen, als eine Religion in dieser Form, deren eigentlich Botschaft von Frieden und Liebe fast vollkommen darin untergegangen war.

Die Kreuzzüge waren der erste Versuch, unter Vorspiegelung falscher Ziele, das Judentum in Europa auszurotten und den wohl schlimmsten der vorhandenen Feinde zu eliminieren. Was glaubst Du wohl, warum fast alle Kreuzzüge erst mordend und brennend durch halb Europa zogen, anstatt ruhig und gezielt nach Jerusalem zu reisen?“

Kevin zuckte mit den Schultern.

„Damit kommen wir jetzt zum ‚Wir‘ in deiner Fragestellung. Aus der Zeit der Kreuzzüge stammt nämlich die älteste Überlieferung der Gründung der magischen Gemeinschaft, der auch ich angehöre. Es war …“

Pater Anselm unterbrach sich, als Kevins Magen sich mit einem lauten Grummeln meldete. Kevin schien das Geräusch etwas unangenehm zu sein und der Pater sah erstaunt auf seine Uhr.

„Schon so spät? Ich werde etwas zu Essen machen. Frau Kalubke hat noch einige Sachen im Gefrierschrank eingelagert.“

Kevin half dem Pater bei der Zubereitung in der Mikrowelle und schweigend saßen sie dann am Küchentisch bei einem Gemüseeintopf.

Kevin war von dem vorhin Gehörten fasziniert und verwirrt zugleich. Hier hatte sich vor ihm eine Welt aufgetan von der er noch nie etwas gehört, geschweige denn erahnt hatte. Moderne Magier mitten in unserer Gesellschaft.

Langsam verarbeitete sein Geist die ganzen Konsequenzen, die sich daraus für ihn und sein Leben ergeben konnten.

„Wenn ich das alles richtig verstanden habe, dann bin ich also auch so ein magisch Begabter, der diese Wesen bekämpfen könnte.“

Kevin schluckt schwer. Sie Blick verlor sich in der jüngsten Vergangenheit, dann sah er zum wiederholten Mal auf seine Hände.

„Nein, nicht könnte, sondern kann!“

Pater Anselm nickte wortlos und wartete auf eine weitere Äußerung.

„Und wie lernt man so etwas? Ich meine, eine Begabung ist ja nicht schlecht, aber ich will mir nicht jedes Mal die Hände verbrennen. Das gibt’s ja nun nicht als Lehrberuf, so wie staatlich geprüfter Magier, oder so.“

Kevin kicherte fast hysterisch. Pater Anselm sah ihn prüfend an. Er wusste, dass der Junge zwischen Ablehnung und Akzeptanz hin- und herschwankte. Seine gesamte Erziehung und Bildung sagte ihm, dass es nicht möglich war, was er gesehen und erlebt hatte. Dennoch zeigten ihm seine Hände und auch die Erzählungen ein anderes Bild.

„Nun, im Prinzip ist die Ausbildung ganz einfach. Zunächst einmal Abitur. Grundsätzlich in einem Boardinghouse der Stiftung ‚Jugend für die Zukunft‘. Parallel dazu schon mal eine Vorausbildung in Thaumaturgie. Dies dauert zwei Jahre, unabhängig von der Vorbildung des Schülers. Dann ein einjähriges magisches Seminar, irgendwo in Europa, meist als Bildungsurlaub getarnt.“

Kevin horchte auf. Das klang schon mal interessant, abgesehen von dem Abitur.

„Was bitte, ist Thaumaturgie?“

„Eigentlich bedeutet es: Wundertätigkeit, also das Wirken von Wundern. Im Laufe der Zeit hat es einige Veränderungen erfahren, es wird, unter anderem, damit auch jedes nicht erklärbare Wirken durch Magie bezeichnet. Bei uns ist es ein fester Begriff für theoretische Magie. Der Unterricht in Magie besteht aus einem praktischen Teil, in dem tatsächlich Zaubersprüche angewendet werden und einem theoretischen Teil, in dem Zaubersprüche analysiert, zergliedert und eventuell neu entworfen werden. Dieser Teil ist stark mathematiklastig.“

Kevin sah nachdenklich auf seinen Teller und rührte gedankenverloren in der Suppe.

Parallele Welten, fremde Wesen, schwule Magier, theoretische Magie … Was denn alles noch?

Ist die Welt eigentlich noch so, wie ich sie kenne, oder es mir zumindest vorgestellt habe? Was läuft eigentlich noch alles versteckt ab? Wie viel Aufwand muss es bedeuten, wenn man bemerkt, dass sich wieder ein neues Tor geöffnet hatte?‘

„Aber wie entstehen sie denn nun, die Tore? Jemand muss sie doch öffnen.“

„Die Erklärung ist etwas problematisch. Die Theorie besagt, sie entstehen immer an Stellen, an denen das Energieniveau zwischen den Welten besonders gering ist. Warum es allerdings solche Unterschiede gibt, ist Gegenstand eines jahrtausendealten Streits zwischen den Gelehrten. Die wohl wahrscheinlichste Theorie ist die von Gut und Böse.“

Kevin hob erstaunt die Augenbrauen.

„Wie ich bereits gesagt habe, wurden die ersten Tore durch Schamanen in einer Art religiöser Handlung gebannt. Schon zu dieser Zeit wurden die Tore, und alles was durch sie hindurch kam, als ‚Böse‘ betrachtet. Es störte schlicht das ‚Gute‘ in Form von Frieden, Harmonie und Zusammenleben. Eine Grundeinstellung übrigens aller Religionen, wenn sie nicht personalisiert oder instrumentalisiert werden.“

„Und die Öffnung?“, erinnerte Kevin den Pater.

„Ja, die Öffnung. Wie sie von der anderen Seite geöffnet werden, wissen wir nicht. Es gibt aber eine Möglichkeit, von hier aus einen Anker zu installieren, der dann von der anderen Seite zur Öffnung verwendet werden kann. Der Anker entsteht, wenn das ‚Böse‘ direkt angerufen oder aufgefordert wird zu erscheinen. Dies kann vielfältig geschehen: Beschwörungen, Schwarze Messen, Versuche in schwarzer Magie, Blutrituale und ähnliche Vorgehen sind eine Möglichkeit, die Barriere derart zu schwächen, dass dieser Anker entsteht.“

„Was?! Schwarze Messen?“

„Unter anderem, ja. Allerdings müssen diese Vorgehensweisen aus einer tiefen Überzeugung heraus geschehen. Hier werden sozusagen negative Energien kanalisiert. Eine Gruppe Jugendlicher, die auf dem Friedhof eine Party abhält und dabei schwarze Kleidung trägt, ist keine ernsthafte Bedrohung. Andererseits jedoch ist die Barriere an einigen Stellen so schwach, dass schon eine negative Grundstimmung ausreicht, ein Tor zu öffnen. Die Energie von schlechten Taten, wie immer sie auch aussehen, reicht schon aus und schwächt die Barriere zwischen den Welten. Kein Astralmagier würde sich zum Beispiel freiwillig nach Auschwitz begeben. Alleine die latente negative Energie ist dort so stark, dass er ohne ausreichende Abschirmung seinen Verstand verlieren würde.“

Klappernd ließ Kevin seinen Löffel fallen und starrte den Pater an.

„Es ist die Grundstimmung der Menschen, die dieses Energieniveau regelt. Taten, die zu Hass, Angst oder Furcht führen haben ein negatives Vorzeichen, positive Taten führen zu Freude, Liebe oder Zufriedenheit. Und lass es dir gesagt sein, böse Taten sind einfach. Es ist wie mit einer Kugel auf einer ebenen Fläche. Tust du nichts Relevantes, bewegt sie sich nicht. Neigst du dich dem Bösen, neigt sich die Fläche und die Kugel rollt unaufhaltsam in den Abgrund. Willst du das Energieniveau wieder Anheben mit guten Taten, so musst du, bildlich gesprochen, die Kugel entgegen der Abwärtsneigung mühselig wieder hinaufrollen.“

Der Pater lächelte Kevin jetzt an.

„Du siehst, gute Taten sind viel schwieriger zu vollbringen als böse.“

„Also sind die Menschen selber schuld, wenn ein Tor sich öffnet?“

„Ich weiß es nicht, aber das wäre wohl ein wenig zu einfach. Ich betrachte diese Tore als zweifache Herausforderung. Zum einen bekämpfe ich sie, oder habe sie bekämpft, unmittelbar durch angewandte Magie, und zum anderen versuche ich durch meine Berufung und mein Beispiel etwas Positives in den Menschen zu bewirken.“

Pater Anselm sammelte Teller und Besteck ein und verstaute alles in der Geschirrspülmaschine.

„Komm mit in die Bibliothek. Ich habe noch etwas für Dich.“

Neugierig folgte Kevin dem Pater, der suchend an den großen Bücherregalen vorüberging.

„Hier. Die Geschichte der Ordensgründung und eine Biografie von Michel. Sind ein bisschen schwer zu lesen, aber für den Anfang ganz informativ.“

Kevin besah sich interessiert die beiden dünnen Bändchen und schlug das erste auf. Eine Passage erregte seine Aufmerksamkeit.

Jerusalem, Heiliges Land, Anno Domini 1099

Am frühen Morgen des 17. Tag des Monats Juli im Jahre des Herrn 1099, führte ein völlig in seine Gedanken versunkener Ritter sein Pferd durch die engen Gassen von Jerusalem. Michel de Côntebrais hatte seine wenigen Rüstungsteile abgelegt und auf das Pferd gepackt. Nur eine schmucklose Tunika und sein abgetragener grauer Umhang mit dem roten Kreuz hatten ihn vor der Kühle der Nacht geschützt. Seit dem Nachmittag des vergangenen Tages irrte er nun schon durch die Straßen und mit unsicheren Schritten tastete er sich über das teilweise immer noch glitschige Pflaster der abschüssigen Gassen.

Die Bevölkerung der Stadt war dahingemetzelt worden und niemand hatte Einhalt geboten. Das Recht der Sieger hatte seinen Tribut gefordert. Das Licht der aufgehenden Sonne fiel auf sein noch sehr junges, aber nun Kummer gezeichnetes Gesicht. Sein Blick fiel hinüber auf die unverkennbare Silhouette des Davidsturmes der von den ersten Sonnenstrahlen angeleuchtet wurde. Er befand sich also tatsächlich immer noch innerhalb der Mauern von Jerusalem.

Erst vor wenigen Tagen war er vor den Toren dieser Stadt zum Ritter geschlagen worden. Er hatte einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, dass Tankred von Tarent sein Banner auf der Geburtskirche in Bethlehem hatte aufpflanzen können. Voller Stolz war er gewesen und voller Tatendrang, als ihn der Maréchal des Vizegrafen von Avranches zu dessen Ritter erhoben hatte. Der Vizegraf selbst war in seiner Eigenschaft als Earl of Chester mit einem Feldzug in Gwynedd beschäftigt.

Und nun? Das Blut von Unschuldigen klebte an seinen Händen und er verfluchte den Tag, an dem er seinen Lehenseid geschworen hatte. Was sollte er tun, was konnte er tun? Was würde er seinem jüngeren Bruder Roger erzählen, wenn er wieder nach Hause kam? Dass er in einem Rausch von Gerechtigkeit und Überheblichkeit das alles verraten hatte, was er noch kurz zuvor vor Gott beschworen hatte?

Das Heer der abendländischen Kreuzritter hatte die Mauern von Jerusalem überwunden, gut eintausendfünfhundert Ritter und mehr als zehntausend Mann Fußtruppen stürmten durch die Stadt, links und rechts jeden niedermetzelnd den sie sahen.

"Im Umfang des Tempels sollen an die zehntausend Feinde umgekommen sein, wobei also die, welche da und dort in der Stadt niedergemacht wurden und deren Leichen in den Straßen und auf den Plätzen umherlagen, noch nicht mitgerechnet sind, denn die Zahl dieser soll nicht geringer gewesen sein. Der übrige Teil des Heeres zerstreute sich in der Stadt und zog die, welche sich in engen und verborgenen Gassen, um dem Tode zu entkommen, verborgen hatten, wie das Vieh hervor und stieß sie nieder. Andere taten sich in Scharen zusammen und gingen in die Häuser, wo sie die Familienväter mit Weibern und Kindern und dem ganzen Gesinde herausrissen und entweder mit den Schwertern durchbohrten oder von den Dächern hinabstürzten, dass sie sich den Hals brachen."

(Wilhelm von Tyrus: Historia rerum in partibus transmarinis gestarum. Buch VIII, Kap. 20)

Auch er selbst hatte an diesem Gemetzel teilgenommen. Rasend vor Begeisterung und mitgerissen von den Anderen ritt auch er, hoch zu Ross, durch die Straßen und schlug blindlings nach links und rechts. Viele, sehr viele, der Fußtruppen rannten mordend in die Häuser, um alles, was auch nur einen geringen Wert hatte, an sich zu reißen. Den Nachmittag, den Abend, die Nacht, bis zum nächsten Morgen dauerte der Rausch, bis der Schwertarm müde wurde.

Dann kam die Ernüchterung. Der rote Nebel vor seinen Augen lichtete sich und Michel sah mit seinen Augen und seinem Herzen, was geschehen war. Überall wo er hinblickte, nur Tod und Verderben. Es war unheimlich ruhig, fast schien es, als ob die gesamte Bevölkerung ausgerottet worden war und die Sieger sich schweigend zurückgezogen hätten. Doch er wusste, dass dem nicht so war. Die Eroberer dieser uralten, heiligen Stätte dreier Religionen schliefen ihren Blutrausch aus oder zählten die Beute.

Das war der Moment, an dem Michel auf einem der freien Plätze den Brunnen sah.

Mit Grausen dachte er daran zurück, dass auch hier noch vor kurzem Bäche von Blut geflossen waren. Immer noch lagen Erschlagene umher und Teile von menschlichen Gliedern, auch hier der Boden überdeckt vom Schwarz geronnenen Blutes. Und nicht nur die verstümmelten Leichname und die abgeschnittenen Köpfe waren ein furchtbarer Anblick. Den größten Schauder hatte es in dem jungen Ritter erregt als er im Licht der hoch am Himmel stehenden Sonne zu dem Brunnen getreten war und einen Blick in den Trog daneben geworfen hatte.

Sein ganzer Körper war von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt gewesen, von dem er wusste, dass es nicht sein eigenes war. Vor lauter Ekel hatte er sich übergeben müssen und beinahe hektisch riss er sich Rüstung und Kleidung vom Leib, bis er zitternd und vollkommen nackt in das kalte Wasser des Trogs stieg und anfing, sich intensiv abzuschrubben. Danach hatte er seine letzte Hose und ein einigermaßen sauberes Wams aus seinem Kleidersack geholt.

Sein Kettenhemd hatte er ziemlich schnell sauber bekommen, seine Unterkleider warf er bedauernd weg. Nun hatte er nicht einmal mehr ein paar überzählige Bekleidungsstücke. Nur einen Lidschlag lang wanderte sein Blick hinüber zu den Erschlagenen. Nein, er würde sich nicht so weit erniedrigen, von den Toten zu nehmen.

Danach hatte er seine ziellose Wanderung durch die scheinbar endlosen, verwinkelten Gassen der Stadt begonnen. Die ganze letzte Nacht hatte er sein Pferd ziellos durch die Stadt geführt, hier getränkt, dort etwas Heu aus einem verlassenen Stall gezerrt. Er selbst hatte nur ein wenig Wasser zu sich genommen.

Verzweifelt haderte er mit dem Schicksal, das ihm eine solche Prüfung seines Glaubens auferlegt hatte, als ein tiefer klagender Ton zu ihm heraufdrang. Es schien, als ob dieser Ton von unterhalb der Erde kommen würde. Irritiert blickte er sich um. Narrten ihn seine Sinne, oder rief schon der Widersacher nach ihm? Noch einmal erklang dieses tiefe Tuten, doch diesmal ließ sich der Ursprung besser bestimmen. Anscheinend kam dieser Ton aus dem Keller eines der alten aus Lehmziegeln gebauten Gebäude rechts vor ihm.

Kurz entschlossen band er sein Pferd an einen der Ringe im Mauerwerk, öffnete eine klapprige hölzerne Tür und lauschte in das Dunkel. Vor ihm lag ein kurzer schmaler Gang, der nach etlichen Fuß in einer gewundenen Treppe endete, die in die Tiefe hinabführte. Langsam trat der junge Ritter näher und spähte herab. Unten konnte man das flackernde Licht von Fackeln erkennen und ganz leise hörte er Lärm.

Ohne darüber nachzudenken, zog Michel sein Schwert und stieg leise die Treppe hinab. Die Fackeln erleuchteten einen langen Gang, der sich in einer Rechtskurve verlor, so dass man das Ende nicht erkennen konnte. Die lauten Geräusche kamen näher. Um die Kurve, die er nun etwa zur Hälfte einsehen konnte, kamen dem jungen Ritter drei Männer entgegen. Sie liefen schnell, rannten aber nicht. Zwei der Männer trugen eine Art Lederrüstung, der dritte, mittlere, einen dunklen, bis fast zum Boden reichenden Umhang. Als sie den Ritter erblickten blieben sie erstaunt stehen. Die beiden gepanzerten sahen den Mann im Umhang fragend an, doch statt einer Antwort ertönte hinter ihnen wieder das laute Tuten. Schnell drehten sie sich um, um wem auch immer entgegenzutreten. Michel war nun wirklich neugierig, wer oder was dieses Tuten hervorgerufen hatte.

Als dann das Wesen um die Gangbiegung kam, erstarrte er zur Bewegungslosigkeit. Eine tiefe Furcht hatte ihn ergriffen. All sein Glauben und seine geheimen Ängste fanden hier und jetzt ihre Bestätigung. Das Wesen war gut acht Fuß hoch und hatte eine hellrote Haut. Der Schädel, einem Ziegenbock ähnlich, hatte zwei gewundene Hörner und feuerrote Augen. Der riesige haarige Rumpf endete in Beinen mit je zwei Gelenken und einem gespaltenen Huf. Wild peitschte ein Schwanz von einer Seite zur anderen.

"Der Leibhaftige!"

Als er sich aus seiner Erstarrung lösen konnte, sank Michel auf ein Knie und bekreuzigte sich. Er hatte nicht geglaubt, hier schon sein Ende zu finden. Sollte dies schon die Bestrafung für seine Sünden der vergangenen Tage sein? Er hatte doch nicht einmal Zeit gehabt um zu beichten.

Beginnend mit dem ersten Gebet, das ihm einfiel, wurde Michel dann doch durch den Kampflärm abgelenkt. Als er vorsichtig nach vorne sah, erkannte er, wie die drei Männer sich vor dem Leibhaftigen aufgebaut hatten. Die beiden Gerüsteten schlugen mit Schwertern auf ihn ein, als ob ihnen das etwas nützen würde. Die Schwertschläge schienen regelrecht von dem roten Körper abzuprallen.

Der Mann in dem Umhang hingegen hatte die Hände ausgestreckt und mit großem Schrecken sah Michel, wie sich grüne Blitze aus seinen Handflächen lösten und in den Körper des Herrn der Finsternis einschlugen. Dieser brüllte wieder mit einem tiefen Tuten auf und wand sich, anscheinend vor Schmerzen. Ein weiterer Blitz löste sich, diesmal ein roter. Er schlug direkt in den Schädel ein, zeigte aber keinerlei sofortige Wirkung. Doch dann wankte der Riese wie betrunken hin und her. Schließlich sackte er zusammen und blieb leblos auf dem Boden liegen.

Michel starrte halb freudig, halb entsetzt auf den roten Körper. Dann auf die drei Männer, die langsam näher kamen. Die nackte Furcht schüttelte ihn. Wer waren diese Männer, die den Höllenfürsten so einfach besiegen konnten? Mussten das nicht Engel sein?

Doch als er die drei Männer beim Näherkommen eingehender betrachtete, schob er die Idee mit den Engeln erst einmal von sich. Die beiden in eine Rüstung gekleideten Männer waren relativ jung, nicht viel älter als er selbst vielleicht. Beide hatten lange, lockige schwarze Haare und einen Bart, zumindest den Ansatz dazu. Der Mann mit dem Umhang war erheblich älter. Seine langen weißen Haare fielen bis auf die Schultern und sein ebenfalls weißer Bart reichte bis zur Brust. Schwer atmend stütze er sich auf einen seiner Begleiter.

Als die beiden Parteien sich ein paar Sekunden gegenseitig angestarrt hatten, fing einer der beiden Bewaffneten an, mit seinem Schwert zu gestikulieren und redete dabei auf den alten Mann ein. Michel verstand die Sprache nicht, aber es war klar, was sein Gegenüber wollte, nämlich keine Zeugen. Doch der alte Mann schüttelte wortlos den Kopf.

"Friede, Fremder."

Michel hielt den Kopf schräg und ließ die Worte in seinen Gedanken nachklingen. Sie hatten einen starken Akzent und sein Lateinunterricht war auch schon lange her, aber er hatte den Sinn trotzdem deutlich erkannt. Für eine Antwort musste er etwas länger überlegen, aber er hoffte, dass sie verständlich war.

"Friede. Ich bin Michel de Côntebrais, Ritter des Vizegrafen von Avranches. Was ist passiert? Hat sich die Hölle aufgetan?“

Der alte Mann lauschte seinen Worten, sah ihn erstaunt an, lächelte aber dann.

„Es ist nicht alles so, wie es scheint. Mein Name ist Joshua Ben Simeon und du brauchst keine Angst zu haben. Trotzdem müssen wir jetzt weiter, denn die Arbeit ist noch nicht getan.“

Mit einem kurzen Blick streifte er das offenbar leblose Wesen.

„Du solltest am besten mit uns kommen, wer weiß, welchen Gefahren du sonst ausgesetzt bist.“

Michel dachte über den letzten Satz nach und kam zu dem Schluss, dass dies die freundlichste Gefangennahme war, von der er je gehört hatte.


Schnellen Schrittes begaben sich die Männer wieder auf den Weg zurück auf dem sie gekommen waren. Michel bemerkte, dass sich immer einer der Schwertträger hinter ihm hielt, als ob er zu verhindern versuchte, dass er es sich noch anders überlegen sollte. Seine eigene Waffe hatten sie ihm zu seiner Überraschung gelassen, nur nach seinem Pferd hatten sie gefragt.

Der Weg verzweigte sich und Michel kam sich langsam vor wie in dem Labyrinth aus einer der griechischen Sagen. Seine Führer schienen sich allerdings gut auszukennen, denn nach einer der zahlreichen Gänge traten sie in eine große Höhle, in dem sich etliche weitere Männer versammelt hatten. Einige saßen mit dem Rücken an der Wand auf dem Boden, andere lagen ausgestreckt auf dünnen Matten. Michel erkannte, dass bei mindestens zweien von ihnen irgendwelche Verletzungen provisorisch verbunden worden waren.

Erst beim zweiten Hinsehen fiel Michel auf, dass fast alle Männer so jung waren, wie seine zwei Begleiter mit den Schwertern. Nur einmal sah er ein älteres Gesicht in der Gruppe. Ihrer Sprache und Bekleidung nach vermutete Michel, dass es sich um Juden hier aus Jerusalem handelte, die vielleicht dem Massaker entkommen waren. doch dann sah er unverkennbar an Kleidung und Gesichtszügen, einen Sarazenen in den Reihen.

Als sie seiner ansichtig wurden, sprangen einige der an der Wand sitzenden Männer auf und zückten ihre Schwerter, doch der alte Mann, Joshua Ben Simeon, hielt sie mit ein paar kurzen Worten auf. Sein Blick ging die Reihen entlang und blieb auf einem Jüngling mit lockigen schwarzen Haaren und braunen Augen hängen.

„Djamal!“

Der Junge erhob sich, kam näher und verbeugte sich kurz vor Joshua. Dieser sprach ein paar Worte mit Djamal und deutete dann auf Michel. Der Junge schien zu zögern und noch etwas zu Joshua sagen zu wollen, entschied sich aber anders. Er drehte sich zu Michel um und sagte auf perfektem Französisch: „Mein Name ist Djamal. Joshua hat mir aufgetragen, für die Dauer Eures Aufenthaltes die Sprachen zu übersetzen.“

Michel war dermaßen erstaunt dass er nicht gleich antworten konnte.

„Ist es Euch nicht genehm?“

„Doch, doch. Ich war nur erstaunt, hier … hier unten jemanden zu treffen, der meine Sprache spricht.“

Djamal lächelte leicht, sah sich um und deutete mit einer schwungvollen Bewegung auf die versammelten Leute.

„Ich spreche Arabisch, Hebräisch, Französisch und Latein. Schon vor den Rittern, die angeblich ihren Glauben verteidigen, kamen friedliche Pilger aus dem Abendland. Mit ihnen konnte man reden und manchmal konnte man sie sogar verstehen.“

Wieder sah Michel den Jungen erstaunt an. Er hatte begriffen, was er ihm sagen wollte, dass Reden nicht immer auch sofort Verstehen beinhaltete. Doch seine philosophischen Gedankengänge wurden sofort unterbrochen.

„Dem Umhang nach seid Ihr ein Kreuzritter, was führt Euch hier hinunter?“

Joshua Ben Simeon hatte sich hinter Djamal gestellt und flüsterte ihm ein paar Sätze zu, die der Junge übersetzte.

„Außerdem möchte Joshua gerne wissen, ob es nur Neugier war, die Euch führte, oder ein besonderes, unbestimmbares Gefühl.“

Michels Blick ruckte jetzt hoch zu dem alten Mann, der ihn ruhig und mit einem leichten Lächeln ansah.

„Nun, es gab zuerst dieses Geräusch, dieses merkwürdige Geräusch, das von unter der Erde zu stammen schien. Ich wollte es erst ignorieren, denn ich habe schon viel zu viel hier getan was ich bereue, doch irgendwie musste ich nachsehen, was es war. Vielleicht hätte es ja gefährlich sein können, oder es war jemand, dem ich hätte helfen könnte.“

Joshua nickte langsam als Djamal jeden einzelnen Satz übersetzte.

„Ihr seid einem stillen Ruf gefolgt, habt etwas entdeckt, was wahrlich gefährlich ist und Ihr könnt tatsächlich helfen.“

Einige der anderen Männer, die der Übersetzung von Djamal gelauscht hatten, sahen sich bedeutungsvoll an, wagten aber anscheinend nichts zu sagen.

„Wir werden möglicherweise etwas warten müssen …“

Joshua unterbrach sich, als keuchend ein junger Mann um die Ecke kam und atemlos vor ihm stehenblieb. Mit Mühe stieß der Bote ein paar Worte hervor, die alle anderen Männer im Raum aufspringen ließ. Sogar Djamal zappelte jetzt ungeduldig.

„Ein Tor! Sie haben ein Tor entdeckt!“


Alle liefen durcheinander, nahmen Sachen auf, riefen sich kurze Sätze zu. Joshua brauchte nur wenige Sekunden. Er sagte etwas zu dem Boten, der darauf erschöpft zu Boden sank, dann wandte er sich mit ein paar Worten an Djamal.

„Wir bereiten uns zum Angriff vor. Er möchte, dass Ihr bei mir bleibt.“

„Was bedeutet das alles? Was hat es mit diesem Tor auf sich? Wen wollt ihr angreifen?“

„Es ist schwer zu erklären, doch wenn Ihr bei mir bleibt werdet Ihr sehen und so Allah will, wird Euch Joshua nachher alles erklären können.“

Der Weg war weit und führte durch zahllose unterirdische Gänge irgendwann hinaus auf eine der Ebenen, die die Stadt Jerusalem umgaben. Die etwa zwanzig Männer schlichen durch zahlreiche Olivenhaine, vorbei an kleinen Feldern und betraten schließlich eine weitere der zahlreichen natürlichen Höhlen.

Es war dunkel, doch in der Ferne sah Michel ein hellblaues Leuchten und als sie näher kamen, sah er in der Felsenkammer ein himmelblau strahlendes, fast halbkreisförmiges Tor. Es schien ihm erst wie ein Tor zum Himmel, doch die Wesen davor sahen keineswegs himmlisch aus.

Michel schätzte sie auf gut sieben Fuß, mit zwei Armen und zwei Beinen und mit blauer Haut. Ohne Kopf und Hals, gähnte von einer Schulter zur anderen ein einziger Schlund mit riesigen nadelscharfen Zähnen. Die Arme mit je zwei Gelenken endeten in dicken Klauen, die wie die Scheren eines Hummers seiner bretonischen Heimat. Fünf dieser Wesen hatten sich vor dem Tor verteilt und schienen so eine Art Wächter zu sein.

Aus der Masse der etwa zwanzig Männer bildeten sich jetzt kleine Gruppen zu zwei oder drei Mann. Die Gruppen zu zweit schienen unbewaffnet, während bei den Dreiergruppen immer zwei Schwertkämpfer vorhanden waren.

Joshua Ben Simeon stand mit seinen beiden Begleitern, den gleichen, die Michel schon zu Beginn gesehen hatte, im Hintergrund der Höhle und dirigierte seine Leute mit leisen Worten in verschiedene Richtungen. Djamal hatte sich etwas vor Michel geschoben, einerseits um besser sehen zu können, andererseits um unbedachte Aktion zu verhindern, denn auch Michel hatte automatisch sein Schwert gezogen.

Auf ein lautes Wort von Joshua hin begann der Kampf. Michel wusste nicht, wo er zuerst hinblicken sollte. Zu seiner Linken stürmten drei Mann nach vorne, wobei zwei Mann den Gegner mit ihren Schwertern angingen und der Dritte ihn mit einem grünen Blitz aus seinen Händen fällte. Zur rechten sah Michel, wie sich langsam zwei Mann einem der Ungeheuer näherten und der eine dann eine Kugel aus reinem Feuer von seinen Händen direkt auf den Gegner warf. Man konnte erkennen wie die Haut verbrannte und hörte, wie das Wesen klagend aufschrie, bis der zweite Mann dann einen ebenfalls grünen Blitz warf, der ihr Opfer fällte.

In der Mitte war eines dieser blauen Wesen vorgestürmt und näherte sich mit schnellen Schritten dem Höhlenausgang. Michel legte, ohne nachzudenken, seinen linken Arm um Djamal und zog ihn an sich um ihn zu beschützen. Ganz auf den Gegner konzentriert entging ihm so der wissende Blick den Joshua mit Djamal tauschte.

Eine weitere Gruppe aus zwei Männern eilte herbei und sie schleuderten ebenfalls einen Feuerball und einen grünen Blitz, der zusammen mit einem roten Blitz von Joshua einschlug und den Gegner fällte.

In nur wenigen Augenblicken waren die fünf Gegner besiegt, doch Michel sah, wie einer der Männer ganz vorne hektisch gestikulierend auf das Tor deutete. Inmitten des strahlenden Leuchtens sah Michel eine schattenhafte Gestalt hin- und herwandern. Wenn die Bezeichnung ‚Tor‘ nicht zufällig gewählt war, ahnte Michel, dann würde dort wahrscheinlich bald ein weiterer Gegner hervortreten.

Djamal nahm vorsichtig Michels Arm und befreite sich aus der starken Umklammerung. Er drehte sich um und strich Michel mit der Hand sanft über die Wange.

„Jetzt bin ich dran. Sorge Dich nicht.“

Mit einem inneren Erschauern hatte Michel die Hand auf seiner Wange gespürt. Die sanfte Berührung hatte Erinnerungen in ihm geweckt und auf einmal vermisste er den Körper, den er an seinem gespürt hatte.

Djamal traf sich mit zwei anderen jungen Männern und sie setzten sich vor dem Tor auf den Boden, dann fingen sie an zu singen, uralte Texte, die in Michel etwas zum Schwingen brachten, von dem er nie auch nur geahnt hatte, dass es dort verborgen war.

Um die drei bildete sich ein violettes Leuchten und das blaue Feld in dem Tor begann zu pulsieren. Langsam aber sicher wurde das Feld kleiner und kleiner bis es nur noch etwa faustgroß war. Djamal stand auf und rief laut ein Wort

„אתה קרוב.“

das Michel nicht verstand, da verschwand das Leuchten mit einem leisen, schmatzenden Geräusch. Mit aufgerissenen Augen beobachtete Michel, wie sich nach dem Schließen des Tores die gefällten Gegner buchstäblich in Nichts auflösten. Nicht die kleinste Spur war zu entdecken.

Die beiden jungen Männer trennten sich von Djamal und wurden jeweils von einem Begleiter abgeholt. Mit noch weiter aufgerissenen Augen sah Michel, wie jeder der beiden von seinem Begleiter ein Kuss bekam. Nicht den Kuss eines Bruders, sondern einen intensiven, einen begierigen, den Kuss eines Liebhabers. In Michel wirbelten noch mehr Gedanken wie ein Haufen aufgescheuchter Hühner durcheinander. Als Djamal wieder vor ihm stand und ihn aus seinen braunen Augen ansah, beugte er sich automatisch hinunter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Djamal umarmte ihn und so standen sie einen Moment ineinander versunken bis Michel eine Berührung an der Schulter verspürte. Als er aufsah blickte er in Joshuas lächelndes Gesicht und der alte Mann nickte mit dem Kopf, ihm zu folgen.


Wieder in ihrem Versteck tief unter Jerusalem, saßen Michel und Djamal nebeneinander auf einer der Matten auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Djamal hatte seinen Kopf auf Michels Schulter gelegt und der Ritter strich dem Jungen geistesabwesend durch die dunklen Locken.

Michel de Côntebrais war jetzt 21 Jahre alt und gerade mal seit einem Monat Ritter. Sein Vater war Besitzer eines kleinen Gutshofes. Er war im Jahr 1066 vom Grafen Alain de Bretagne zum Ritter geschlagen worden und man hatte ihm dieses karge Stück Land zum Lehen gegeben.

Michel hatte zwei Brüder, Alain, zwei Jahre älter und Roger, vier Jahre jünger. Als Herzog Robert vor drei Jahren zum Kreuzzug aufgerufen hatte, hatte der alte Ritter de Côntebrais darauf bestanden, dass Alain zu Hause blieb und Michel stattdessen daran teilnehmen sollte. Robert war ohnehin viel zu jung. Eine Waffenausbildung hatte Michel seit seinem zwölften Lebensjahr zu Hause absolviert und so war er schweren Herzens, aber doch mit froher Erwartung, in das Heilige Land aufgebrochen.

Jetzt saß er hier, in den Eingeweiden Jerusalems, hatte dämonische Wesen gesehen, hatte Männer erlebt, deren Taten an Zauberei grenzten und die, wenn er es richtig gesehen hatte, in sodomitischer Beziehung zueinander standen. Am meisten aber verstörte es ihn, dass der schlanke, dunkeläugige muselmanische Junge hier neben ihm, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und er es genoss, dieses Gefühl der Nähe und Vertrautheit.

War dies hier eine Versuchung? Ein Incubus gar, der seine reine Seele befleckte? Doch dann musste Michel erkennen, dass seine Seele gar nicht so rein war wie er immer geglaubt hatte. Das heimliche nächtliche Baden am See mit den Jungen aus dem Dorf, die abendlichen Ausflüge in den Heuschober während der Ernte. Er hatte alles als Spiel abgetan und nicht einmal Vater Jerome bei der Beichte etwas gesagt. Doch mit einem Mal erkannte er in völliger Klarheit, was und wer er war. Völlig überwältigt lehnte er an der Wand, seine Tränen liefen langsam aber stetig, bis er erschöpft einschlief.

Joshua Ben Simeon beobachtete den jungen Ritter von Zeit zu Zeit und er ahnte, dass dieser seine Seele erforschte, seine schwere Bürde erkannt hatte, aber er konnte ihm dabei nicht helfen. Eine ganz andere Sache hingegen war das Problem, das ihm sein alter Freund Akiba Ben Juda aus dem weit entfernten Köln berichtet hatte. Horden von Menschen, die nach dem Aufruf des Papstes aufgebrochen waren und sich Kreuzfahrer nannten, waren marodierend durch Frankreich und Deutschland gezogen und hatten dort viele der jüdischen Gemeinden heimgesucht.

Wie ihm Akiba noch schrieb, war das Problem etwas tiefgreifender als gedacht. Einige der schlimmsten Anführer dieser Horden waren anscheinend von einem fremden Geist besessen, der sie leitete. Interessanterweise waren die Ziele in Deutschland die Städte, in denen sich einige kleine Gruppen der Gezeichneten zusammengefunden hatten. Worms, Mainz und Köln waren zentrale Versammlungsstätten gewesen. Der Kampf gegen das Böse war noch nicht einmal richtig organisiert, da hatte der Feind schon zugeschlagen.

Joshuas Blick ging wieder hinüber zu dem jungen Ritter und dem kleinen Sarazenen, der sich müde an ihn gekuschelt hatte. Würde es ihm gelingen, dem Christen die hehren Absichten und die Ehrenhaftigkeit einer solchen Beziehung klar zu machen?

Liebe lässt sich nicht verhindern. Nicht durch Sprache, nicht durch Glaube und nicht durch Gesetze.

Doch auch wenn es funktionieren würde, würde er die Aufgabe erkennen, ihr folgen, das Leben eines Gezeichneten auf sich nehmen?


„Ihr wollt mir also allen Ernstes erzählen, dass ihr diese, diese … Dämonen schon seit hunderten von Jahren bekämpft?“

Michel hatte den Erzählungen des alten Juden stumm gelauscht. Sein eingerostetes Latein hatte sich als gut genug erwiesen, um der Handlung zu folgen, doch jetzt brach der Unglaube aus ihm hervor.

Er unterbrach sich selbst und sein Gesicht verzog sich erst vor Staunen, dann vor Entsetzen. Ein Gedanke war ihm durch den Kopf geschossen, den er nicht mehr verdrängen konnte. Er versuchte ihn auszusprechen doch nur ein Keuchen kam über seine Lippen.

Joshua Ben Simeon hatte ihn beobachtet und er wusste, welche für das Christentum ketzerischen Gedanken den jungen Mann gerade bewegten. Innerlich mit sich ringend gab er sich dennoch einen Ruck.

„Doch, seit die Stämme Israels hier gesiedelt haben. Wir haben das Wissen aus Ägypten mitgebracht, die es noch von viel weiter her hatten. Aber ich weiß, was Ihr gerade gedacht habt. Ja, vor mehr als tausend Jahren war hier ein junger ambitionierter Mann aus der Sekte der Essener, der sich geweigert hatte, unserer Bruderschaft beizutreten, denn die Essener waren Pazifisten. Leider war er ein gutes, wenn auch tragisches Beispiel für diejenigen, die nicht im Verborgenen bleiben wollen und dann den Intrigen der Dämonen zum Opfer fallen.“

Michel starrte Joshua an und fing an zu stammeln.

„Ja, aber … was hat er denn … ich meine … er hat doch nicht …“

Und damit streckte Michel die Hand aus als ob er einen Blitz schleudern wolle.

„Nein“, Joshua seufzte tief. „er hatte die seltenste, die verletzlichste und die wohl begnadetste aller Gaben, er war ein Heiler.“

Michel dachte eine ganze Zeit nach, dann nickte er langsam.

„Ja, ich glaube Euch. Es fühlt sich richtig an. Er war von Gott gesandt um einen Auftrag zu erfüllen und das hat er wahrlich getan.“

„Auch Ihr seid hier, um einen Auftrag zu erfüllen, mein junger Freund.“

Michel sah erstaunt auf.

„Ich bin durch Zufall hier.“

„Die Wege des HERRN kennen keinen Zufall. Fast genau zur gleichen Zeit mit Euch, ist eine Nachricht aus dem fernen Westen zu uns gekommen, aus dem Heiligen Römischen Reich, genauer aus der Stadt Köln, in der mein alter Freund Akiba Ben Juda lebt und arbeitet.“

In kurzen Zügen erzählte Joshua vom Inhalt des Briefes und Michel lauschte mit Verbitterung.

„Also sind sie schon bis in meine Heimat vorgedrungen. Diese Dämonen hatten viel Zeit, um sich vorzubereiten.“

Joshua nickte erfreut über die Rückschlüsse die Michel zog. Er schien sich für die Sache begeistern zu können. Blieben noch zwei Dinge zu regeln, nein eigentlich drei, aber alles der Reihe nach.

„Ich merke, Ihr habt ein Interesse an der Sache, denn sie betrifft Euch nun auch unmittelbar. Wollt Ihr uns unterstützen?“

„Was kann ich denn schon tun? Ich bin nur ein verarmter Ritter in den Diensten eines einfachen Grafen.“

Joshua nickte lächelnd und rief kurz einen Mann herüber, den Michel schon bei dem kurzen Kampf gesehen hatte. Er war alt, hatte einen langen grauen Bart und sah Michel prüfend an.

Joshua richtete ein paar Worte in Hebräisch an den Mann, dann beugte dieser sich zu Michel herüber und legte ihm eine Hand auf die Stirne. Es folgte ein weiterer kurzer Wortwechsel mit Joshua worauf dieser noch breiter lächelte, wie es schien.

Michel blickte irritiert von einem zum anderen.

„Was war das jetzt?“

„Das war Bruder Gerschon und er hat mir versichert, dass auch in Dir der Hauch des HERRN verborgen ist.“

„Was?! Niemals, woher denn auch. Ich habe doch niemals …“

Fast panikartig war Michel aufgesprungen und hatte sich hektisch umgesehen, als sein Blick auf den noch immer schlafenden Djamal fiel.

Fast schlagartig ließ die Anspannung nach und ein scheuer, prüfender Blick strich noch einmal über die schlafende Gestalt. Michel senkte den Kopf und flüsterte dann fast.

„Doch. Ich habe. Tief in meinem Inneren war es schon immer versteckt und er hat es mir wieder enthüllt. Wisst Ihr was? Ich bin froh, dass es so gekommen ist.“

„Dann kommen wir jetzt zum schwierigen Teil. Es kann sein, dass es weh tut, aber als Ritter seid Ihr ja Schmerz gewohnt.“

Etwas misstrauisch musterte Michel jetzt Joshua und wusste nicht, ob seine letzte Äußerung ernst gemeint war.

„Tretet einfach hier zwischen mich und Bruder Gerschon und schaut dort hinüber ins Feuer.“

Immer noch etwas misstrauisch tat Michel wie ihm geheißen und blickt nun in die fast erloschenen Flammen eines offenen Feuers. Erstaunt bemerkte er, wie die umsitzenden Männer sich eilig von der Feuerstelle entfernten. Bruder Gerschon trat jetzt hinter ihn und legte auf beiden Seiten seine Hände an Michel‘ Kopf, so dass er diesen nicht mehr drehen konnte. Dann hörte er die Stimme von Joshua.

„Da! Da drüben im Feuer, ein Dämon!“

Ein Blitz zuckte durch Michels Kopf und hinterließ eine schmerzerfüllte feurige Spur, um sich dann, wie von selbst, durch seinen erhobenen Arm einen Weg zu bahnen, um zum Schluss aus seiner Hand hervorzubrechen und auf die kleine Feuerstelle zuzurasen. Aus den wenigen, vor sich hin glimmenden Scheiten schlug heftig eine riesige Flamme empor, die alles Holz schlagartig verzehrte und nur noch ein paar Flöckchen Asche übrigließ, die jetzt langsam zu Boden schwebten.

Michel wusste nicht, worauf er sich zuerst konzentrieren sollte. Der Kopf schmerzte höllisch und seine rechte Hand brannte wie Feuer. Außerdem stieg vom Magen eine Übelkeit empor.

„Tief durchatmen. Es dauert nicht lange. Es geht gleich vorbei.“


Ein Schreiber eilte vorbei an den nackten, kalten Mauern innerhalb der provisorischen Unterkünfte nahe dem Davidsturm. Suchend glitt sein Blick über die Handvoll versammelter Adliger, die ausführlich die letzten Äußerungen von Raimund von Toulouse diskutierten, der die Königswürde von Jerusalem abgelehnt hatte.

Vorsichtig drängte sich der Schreiber durch die Gruppe der Würdenträger und blieb dann vor Robert, dem Herzog der Normandie stehen und verbeugte sich kurz.

Der kräftige, waffengewandte Herzog, ein Mann Mitte vierzig, sah den Schreiber unwillig an.

„Ein Schreiben, Euer Gnaden. Betreffend eines Ritters des Vizegrafen von Avranches. Da der Herr Graf nicht …“

„Ich weiß, dass er nicht da ist. Also was ist? Was steht da drin?“

Der Schreiber verbeugte sich nochmals. Er wusste, dass der Herzog weder lesen noch schreiben konnte, wie fast alle der Adligen, die dies als unnötig erachteten.

„Es stammt von einem jüdischen Arzt, hier aus Jerusalem. Ein gewisser Michel de Côntebrais ist schwer erkrankt und der Arzt hat ihn in einem Hospital aufgenommen. Möglicherweise kann es der Aussatz sein, aber das ist nicht sicher.“

Der Herzog bekreuzigte sich unwillkürlich.

„Er soll mir vom Hals bleiben. Können ihn die Ungläubigen ruhig pflegen, die Hospitaliter sind jedenfalls um nichts besser. Gib die Nachricht an den Maréchal de Avranches weiter. Ich will mit solchem Kram nicht weiter belästigt werden.“

Der Schreiber verbeugte sich ein weiteres Mal und ging auf die Suche nach dem Statthalter des Vizegrafen von Avranches.

Indessen saß Michel de Côntebrais bei bester Gesundheit in einer der Höhlen in der Nähe von Jerusalem und lernte. Er lernte, mit seiner Begabung umzugehen und die einzelnen Zaubersprüche. Er lernte fremde Sprachen, Hebräisch und Arabisch. Er lernte die Geschichte der Dämonen und er lernte ihre vielgestaltigen Erscheinungen. Und wenn sich nachts Djamal eng an ihn ankuschelte, lernte er auch etwas über ihre beiden Körper und die Liebe.

Später, wenn er genug gelernt hatte und genug wusste, um dem Bösen entgegen zu treten, würde er wieder zu seinem Lehensherrn zurückkehren und sich dann auf den Weg in seine Heimat machen.

Hamburg, Deutschland, Anno Domini 2013

„So wie es aussieht, hat er es akzeptiert.“

Kevin klappte das Buch zu in dem er gelesen hatte und Pater Anselm sah ihn fragend an.

„Er hat das Leben eines Gezeichneten auf sich genommen. Und was ist dann passiert?“

„Oh, das ist eine ganz andere Geschichte. Aber wie Du vielleicht vermuten wirst, hat er es tatsächlich zurück in seine Heimat geschafft.“

„Er hat einen Orden gegründet? So wie die Tempelritter?“

Pater Anselm wiegte leicht seinen Kopf hin und her.

„Ja und nein. Er hatte natürlich von den Juden in Jerusalem erfahren, wie wichtig es war, seine Begabung und auch seine Veranlagung zu verstecken. Erst auf dem Weg nach Hause wurde ihm stückweise die ganze tragische Geschichte des Kreuzzuges offenbar. Überall wo sie hinkamen erfuhr er, was seine christlichen Glaubensbrüder unter einem Kreuzzug verstanden.“

„Im Jahre des Herrn 1095 hat der damalige Papst Urban II. zu einem Heiligen Krieg gegen die ungläubigen Muselmanen und der Befreiung des Heiligen Landes aufgerufen.

Der Aufruf stieß auf erhebliche Resonanz und noch bevor sich das offizielle Kreuzzugsheer gesammelt hatte, brach bereits im April 1096 in Nordfrankreich auf eigene Faust ein erster ungeordneter Zug auf, der sogenannte Volkskreuzzug. Diese „Kreuzfahrer“ waren keine stolzen Ritter, sondern einfache Bauern, Bettler und Kriminelle, bewaffnet nur mit Stöcken und bäuerlichen Arbeitsgeräten. Ein Teil dieses riesigen Zuges erreichte am 10. April, dem Beginn des jüdischen Pessachfestes, Trier. Auch hier, wie schon seit Beginn der Reise, schlossen sich hunderte von verarmten Tagelöhnern und Bettlern dem Zug an. Ihre Schar umfasste mehrere tausend hungrige Männer und Frauen. Sie erpressten und stahlen von den Trierer Juden Lebensmittel und Geld.

Am 3. Mai erreichte der Zug Speyer. Der Bischof von Speyer befahl zwar die Verteidigung der jüdischen Gemeinde, ließ sich diese Tat jedoch von den Juden bezahlen. Die Kreuzfahrer setzten ihren Weg den Rhein nordwärts entlang fort, in die entgegengesetzte Richtung des eigentlichen Ziels, Jerusalem.

Zwei Wochen später stürmten die hungrigen, bewaffneten Männer das jüdische Viertel in Worms. Diejenigen Juden, die nicht zuvor Zuflucht im Palast des Bischofs gesucht hatten, wurden von der aufgebrachten Menge angegriffen und, wenn sie die Taufe verweigerten, was die meisten aus Überzeugung taten, grausam umgebracht. In Worms wurden nach manchen Angaben etwa 800 Juden von den Kreuzfahrern ermordet oder wählten den Freitod.

Am 25. Mai 1096 erreichte der Tross schließlich Mainz. Nach zwei Tagen Belagerung vor den verschlossenen Stadttoren wurde die mordlustige Menge in die Stadt gelassen. Die Mainzer Juden hatten sich bewaffnet, um ihr Viertel und den Bischofspalast zu verteidigen. Sie waren der, vom Hass auf die Juden getriebenen Heerschar, jedoch deutlich unterlegen. Die ursprünglichen Kreuzfahrer richteten ein Blutbad in der Stadt an. Die jüdische Gemeinde wurde fast vollständig vernichtet.

Im Zuge der Ausschreitungen um den Ersten Kreuzzug kam es auch in anderen Städten, so etwa in Köln, Neuss, Xanten, Regensburg und Prag, zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung.“

Kevin sah Pater Anselm mit großen Augen an, während der Pater, der während des Vortrags hin- und hergewandert war, sich aufseufzend in den Lesesessel sinken ließ.

„War das nicht auch Inhalt eures Geschichtsunterrichts?“

„Doch, ich glaube schon. Allerdings ist das Thema so speziell wohl nicht behandelt worden.“

„Kann ich mir vorstellen. Das sogenannte ‚christliche Abendland‘ gibt nicht gerne Verfehlungen zu.“

Gedankenverloren fuhren die Finger von Pater Anselm an den Kugeln des Rosenkranzes entlang, den er an seinem Gürtel über der Kutte trug.

„Dann habe ich wahrscheinlich auch noch eine Überraschung für Dich.“

Kevin sah Pater Anselm aus einer Mischung von Neugier und Misstrauen an. Überraschungen hatte er in den letzten beiden Tagen gewiss genug gehabt.

„Es geht um das, was so gerne als Veranlagung oder Zeichnung umschrieben wurde. Die gleichgeschlechtliche Liebe, oder fälschlicherweise auch Sodomie.“

Kevin spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg und die Ohren anfingen zu glühen.

„Du brauchst nicht rot zu werden, es ist nichts Unanständiges.“

„Zum ersten Mal taucht der Begriff der Sodomie 1049 in einer kirchlichen Streitschrift des Benediktinermönchs Petrus Damianus auf. Er fasst in der Sodomie alle sexuellen Handlungen zusammen, die nichts mit der Fortpflanzung zu tun haben, dem für das traditionelle Christentum einzig legitimen Zweck menschlicher Sexualität.“

„Geht es denn der Kirche nur um die Fortpflanzung?“

„Anscheinend, denn es gibt schon Abhandlungen darüber aus dem 6. Jahrhundert aus der Ostkirche. Es ist bemerkenswert, dass dort der Analverkehr zwischen Eheleuten als verwerflicher angesehen wurde als der Analverkehr zwischen unverheirateten Männern. Die gegenseitige Masturbation unter Männern, Frauen und zwischen Mann und Frau wurden jedoch als gleichrangig angesehen und vergleichsweise milde geahndet. Der gleichgeschlechtliche Aspekt wurde also anscheinend nicht als gravierend angesehen.“

„Das ist doch nur die Ansicht der Kirche.“

„Vergiss nicht, die Kirche war zu dieser Zeit das allgewaltige Machtinstrument. Was der Papst verkündete, war Gesetz. Zunächst und unmittelbar nur für die, die tatsächlich dem kanonischen Recht unterstanden, aber natürlich auch im Laufe der Zeit für alle Gläubigen. Bis zum 13. Jahrhundert war Sodomie in den Ländern Europas nicht strafbar, sondern lediglich eine von vielen Sünden in den kirchlichen Bußbüchern.“

„Ja, aber warum dann die Geheimhaltung?“

„Wem willst du davon erzählen? Dem Priester bei der Beichte?“

Kevin erlebte die nächste Phase roter Ohren. Er hatte Pater Anselm seine Veranlagung auch nie gebeichtet.

„Du wusstest als Magier, als Gezeichneter, damals nie, wem Du trauen konntest, oder wem nicht. Gerade Leute, wie zum Beispiel Priester, denen die Menschen viele Geheimnisse anvertrauten, waren ein beliebtes Opfer der Mothera.“

„Wobei wir dann beim dritten Thema wären, der Magie. Vergiss einfach alles, was Du über Hexenverfolgung gehört, gelesen oder gedacht hast. Die gibt es erst seit dem Aufkommen der Inquisition im 13. Jahrhundert. Vorher galt das Wort der Heiligen Schrift. 3. Buch Mose, Kapitel 19 Vers 26: Ihr sollt nichts mit Blut essen. Wahrsagerei und Zauberei sollt ihr nicht treiben. Ende. Und dann noch in Vers 31: Wendet euch nicht an die Totenbeschwörer und sucht nicht die Wahrsager auf; sie verunreinigen euch. Ich bin der Herr, euer Gott.“

„Was? Das ist alles?“

„Dann hätten wir noch 2. Buch Mose Kapitel 22 Vers 17: Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.“

Kevin schwieg eine ganze Zeit, dann sah er Pater Anselm an.

„Das sind demnach auch alles nur kirchliche Gebote oder Verbote. Nichts, was wirklich vor einem Strafgericht relevant gewesen wäre.“

„Richtig, aber es gibt natürlich auch praktische Beispiele aus der Geschichte. Nach dem Zwölftafelgesetz der Römer wurde negativer Zauber mit dem Tod bestraft. Hier geht es um negative Zauber die interessanterweise unter das Schadensersatzrecht fallen. Sachen wie Vieh verhexen, oder die Ernte. Allerdings kam es niemals zu einer gezielten Verfolgung von vermeintlichen Hexen wie in späterer Zeit.“

„Was hat denn nun der Ritter Michel zu fürchten gehabt?“

„Die Mischung war das Brisante. Ein sodomitischer Zauberer mit einem muselmanischen Begleiter. Hier addieren sich die negativ besetzten Punkte. Wer dermaßen gegen die Regeln der heiligen Mutter Kirche verstößt, gerät bei seinen Mitbürgern in Misskredit und fällt natürlich erheblich mehr auf als jemand, der sich anpasst.“

„Ein muselmanischer Begleiter? Er hat also Djamal mitgebracht?“

Pater Anselm seufzte.

„Lies einfach die Biografie.“

Hektisch fing Kevin an zu blättern.

Köln, Erzbistum Köln, Anno Domini 1102

Zwei Männer führten ihre Pferde langsamen Schrittes durch die Straße Unter Goldschmied. Zur rechten ragte die Kirche St. Laurenz empor, zur linken befanden sich die einfachen, zweigeschossigen Häuser der jüdischen Gemeinde zu Köln.

Die beiden Männer waren recht auffällig. Der größere der beiden hatte kurz geschnittene, rotblonde Haare und seine Haut war von der Sonne gebräunt. Er trug ein hellgraues Untergewand und darüber ein bis zu den Oberschenkeln reichendes Kettenhemd. Die Kettenhaube hatte er wie eine Kapuze nach hinten gestreift. Zu einer hellgrauen Hose trug er lederne Schuhe und er war mit einem halblangen Schwert gegürtet. Am Sattel des Pferdes hing ein Schild mit waagerecht geteilten Farben Silber und Blau. Im unteren blauen Feld eine silberne Schale, direkt darüber im silbernen Feld eine blaue Flamme. Daneben lag ein grauer Umhang auf dem man zur Hälfte das rote Kreuz eines Kreuzfahrers erkennen konnte.

Sein Begleiter war etwa einen halben Kopf kleiner und er hatte schwarze, gelockte Haare, die fast bis auf die Schultern fielen. Trotz der schon beinahe sommerlichen Hitze trug er einen langen dunkelgrauen Reitmantel und war mit dem gebogenen Säbel der Sarazenen bewaffnet. Sein Pferd trug am Sattel einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen.

Die Blicke der Männer streiften wie suchend über die Häuser.

„Wir sollten jemanden fragen.“

Sein Blick blieb an einem kleinen Jungen, etwa acht oder neun Jahre alt, mit langen, dunklen Schläfenlocken, hängen.

„He, Du!“

Der Junge schrak zusammen und blickte den Mann angstvoll an.

„Kannst Du mir zeigen, wo Akiba ben Juda wohnt?“

Das Gesicht des Jungen zeigte totales Unverständnis.

„Ich glaube nicht, dass er Französisch spricht“, stichelte der kleinere dunkelhaarige Begleiter.

Der blonde Mann beugte sich jetzt etwas herunter zu dem Jungen und wiederholte seine Frage in etwas langsamem, aber deutlichem Hebräisch.

Jetzt starrte ihn der Junge fast entsetzt an. Er brachte kein Wort heraus, lediglich sein rechter Arm hob sich und er deutete auf das übernächste Haus zur linken.

Der Ritter bedankte sich auf Hebräisch, dann nahm er die kleine, ausgestreckte Hand des Jungen und drehte die Innenfläche nach oben. Er ließ eine kleine Münze in die Hand fallen und schloss dann sanft die Finger darum.

Der Junge zuckte zurück, öffnete die Hand und sah hinein. Seine Augen wurden groß und er rannte, so schnell er konnte, davon in Richtung Botengasse.

Die beiden Männer sahen ihm lachend hinterher, dann wandten sie sich dem Haus zu, das ihnen der Junge gewiesen hatte.

Als der große rotblonde Ritter klopfen wollte, hielt ihn sein Begleiter am Arm fest.

„Laß mich das besser erledigen. Wenn Du Hebräisch sprechen musst, sind wir morgen noch nicht fertig.“

Brummend, aber mit einem belustigten Gesicht ließ der Ritter seinem Begleiter den Vortritt. Der brauchte nur einmal kurz zu klopfen, als die Tür auch schon einen Spalt breit geöffnet wurde. Eine junge Frau sah ängstlich hervor und betrachtete misstrauisch die beiden Besucher.

„Schalom. Wir möchten gerne zu Akiba ben Juda.“

Die Augen der jungen Frau weiteten sich vor Erstaunen und sie zögerte etwas. Da ertönte eine weitere Stimme aus dem Hintergrund.

„Was ist los, Esther? Wer ist dort an der Tür?“

Die Tür öffnete sich etwas weiter und ein alter Mann kam zum Vorschein. Beschwerlich stützte er sich auf einen starken, knotigen Stock. Seine gebeugte Gestalt wurde von einem langen, dunkelgrünen Hausmantel verhüllt. Auf dem Kopf trug er eine weiße Kippa unter der schüttere, schneeweiße Haare hervorquollen und sein ebenfalls schneeweißer Bart reichte fast bis zum Gürtel.

Die beiden Männer vor der Tür sahen sich etwas betroffen an.

„Wenn wir stören, können wir auch später wiederkommen.“

Der alte Jude sah sie erstaunt und etwas überrascht an, dann tastete er in plötzlicher Erkenntnis nach seiner Kippa.

„Es ist Schawuot, aber was führt Euch her, edle Herren?“

Der Ritter sah an sich herunter. Edle Herren waren sie nun weiß Gott nicht. Doch er nickte seinem Begleiter zu, fortzufahren.

„Wir kommen aus Jerusalem. Joshua ben Simeon hat uns gebeten, Euch aufzusuchen.“

Die Gestalt des alten Mannes straffte sich ein wenig und seine Augen begannen zu leuchten.

„Hat meine Nachricht es also doch geschafft. Joshua ben Simeon …“

Seine Worte verstummten und er drehte sich zu der jungen Frau.

„Esther, sei so gut und bitte Jakub hierher.“

Als sie sich auf den Weg machte, sah er die beiden Besucher noch einmal an.

„Joshua also. Woher kennt Ihr ihn?“

Nun ergriff auch der Ritter das Wort.

„Ich hab ihn in Jerusalem kennengelernt. Und wir haben gemeinsam am ewigen Kampf teilgenommen. So wie auch mein Begleiter hier.“

Ruckartig ging der Kopf des alten Mannes von einem der Besucher zum anderen und er versuchte, alles zu verstehen, was ihm gerade mitgeteilt worden war. Ein offensichtlich christlicher Ritter und ein Sarazene, ein Muselmane, die beide Hebräisch sprachen und von Joshua aus Jerusalem geschickt worden waren.

„Die Wege des HERRN sind wahrlich unergründlich. Tretet ein, seid meine Gäste.“

„Vater! Was ist passiert? Wer sind diese Männer?“

Hinter dem alten Mann war ein erheblich jüngerer erschienen, ein Jüngling fast noch, mit einem eben erkennbaren Ansatz eines Bartes. Er schien gerannt zu sein, denn sein Gesicht war gerötet. Neben einem halblangen dunkelblauen Hausmantel trug auch er eine weiße Kippa.

„Ich bin Michel de Côntebrais und dies ist mein Begleiter Djamal.“

Nun war es an dem jungen Mann, die beiden Besucher anzustarren.

„Jakub, bring die Pferde nach hinten. Dann kommst Du nach, in das Studierzimmer.“

Jakub zögerte etwas, doch dann gehorchte er den Worten seines Vaters und ging nach draußen. Der alte Mann bedeutete seinen Besuchern, ihm zu folgen. Michel hob kurz die Hand um ihn aufzuhalten. Er hatte den Gürtel mit dem Schwertgehenk gelöst und hielt es in seiner Rechten.

„Wo kann ich das ablegen?“

Wortlos deutete Akiba ben Juda auf eine Truhe neben der Tür. Michel ging hinüber und legte sein Schwert hinein, Djamal folgte ihm. Immer nachdenklicher musterte der alte Jude seine Besucher.

Das Studierzimmer erwies sich als ein kleinerer Raum mit mehreren Regalen, auf denen Bücher und andere unterschiedliche Gegenstände lagen. Auf einem Regal erblickte Michel eine Thorarolle. In der Mitte des Raumes befand sich ein großer Tisch mit sechs Stühlen und einem mehrarmigen Kerzenleuchter, der ein angenehm helles Licht verbreitete.

„Setzt Euch. Ich bin begierig zu erfahren, wie es in Jerusalem aussieht.“

Djamal setzte an zu reden, doch da trat Jakub in den Raum und schloss die Tür. Erst jetzt hatte er Zeit genug, die Fremden zu betrachten und in seinem Gesicht malte sich Erstaunen ab.

„Vater! Sie sind … sind …“

Ruhig drehte sich Michel zu dem jungen Mann um.

„Wir sind was? Gezeichnet vom Hauch des HERRN? Wenn Du es erkannt hast, dann bist Du es ebenfalls. Ein Seher des Geistes?“

Jakub erblasste, dann glitt sein Blick fragend hinüber zu seinem Vater.

„Es ist gut, Jakub. Sie kommen von Joshua, meinem alten Freund Joshua ben Simeon, der nun in Jerusalem den ewigen Kampf anführt. Setz Dich zu uns, wir haben eine Menge zu besprechen.“


Michel und Djamal wechselten sich ab beim Erzählen ihrer Geschichte. Von ihrer ersten Begegnung in Jerusalem bis heute schilderten sie ihre Erlebnisse und die Abenteuer, die sie bisher erlebt hatten.

Aufmerksam folgten die beiden Juden der Geschichte. Akiba nickte manchmal schweigend, dann wieder hatte er einen fast ungläubigen Gesichtsausdruck. Jakub lauschte mit großen staunenden Augen. Als Michel geendet hatte, brach der alte Jude nach kurzer Zeit das Schweigen.

„Damals, in Jerusalem, da habe ich zusammen mit Joshua ben Simeon am ewigen Kampf teilgenommen. Obschon ich kein Gezeichneter bin, habe ich ihn damals unterstützt so gut ich konnte. Als es mir klar wurde, dass ich nicht mit einem Mann mein Leben verbringen würde, habe ich geheiratet und wir sind hierher, bis nach Köln gezogen. Ich habe Joshua immer von hier berichtet, von unserem Leben, unserer Arbeit und auch von dem Bösen, das manchmal hier sein Haupt erhoben hat. Einige wenige Gezeichnete haben hier gelebt und sie haben ihre Aufgabe sehr ernst genommen. Doch nachdem das Heer der Kreuzfahrer durchgezogen war, lebt keiner mehr von ihnen, außer mein Sohn Jakub.“

Michel seufzte schwer.

„Das ist sehr Schade. Ich hatte gedacht, von Euch Hilfe bekommen zu können. Vielleicht sogar ein paar Mann Unterstützung, damit wir den Kampf fortsetzen können.“

Akiba schüttelte langsam seinen Kopf, dann suchte er bedachtsam nach Worten.

„Ich verstehe Euer Ansinnen und begrüße Eure Leidenschaft, doch hier ist wirklich niemand mehr, der …“

„Vater! Was ist mit mir? Ich könnte den Ritter begleiten.“

Der alte Mann hob den Kopf und sah seinem Sohn in die Augen. Was er dort sah, waren Begeisterung, Abenteuerlust, Selbstbewusstsein und auch ein wenig Furcht. Es gefiel ihm kein Bisschen, dennoch nickte er einmal langsam und sah dann auf den Tisch, auf seine Hände.

„Jakub, du bist noch nicht einmal achtzehn Jahre alt. Du kennst nur diese Stadt und dieses gut behütete Haus. Ich will zugeben, du hast fleißig gelernt, Deine Gabe und auch das Waffenhandwerk.“

Akiba ben Juda unterbrach sich und sah vorsichtig hinüber zu dem Ritter. Juden war der Umgang mit dem Schwert bei Todesstrafe verboten, doch Michel lächelte nur.

„Dennoch bist Du der letzte meiner Söhne. Du solltest eigentlich die Stütze meines Alters werden.“

„Aber Vater, ist es nicht etwas, wozu ich bestimmt bin? Wozu ich geboren wurde?“

„Vielleicht ist es ja tatsächlich der Wille des HERRN. Doch selbst zu dritt ist ein Kampf so gut wie unmöglich. Ich werde darüber nachdenken und ein paar guten Freunden schreiben. Wenn es Euch nichts ausmacht, Monsieur de Côntebrais, seid mit Eurem Begleiter meine Gäste für die nächsten Tage, bis wir vielleicht mehr erfahren haben.“

Michel und Djamal sahen sich nur kurz an, dann nickte der Ritter.

„Ich danke Euch für die Einladung. Es wird uns gut tun, ein paar Tage rasten zu können.“


Reinhard der Bader lächelte, als er Thomas hereinkommen sah. Thomas war schon öfter Gast in der Baderstube gewesen, das erste Mal, als Reinhard ihn wimmernd und blutend nachts vor seinem Haus gefunden hatte.

Die Nachtwächter hatten schon mehrere Runden gedreht und Fenster und Türen waren verschlossen, als Reinhard draußen einen Hund bellen hörte. Normalerweise streunten keine Hunde durch die Straßen des alten, heiligen Köln und wenn, dann verhielten sie sich ruhig. Als das Gebell nicht aufhören wollte öffnete Reinhard ein Fenster im oberen Stock und sah herab. Direkt vor seiner Tür lag ein großes Bündel. Was es genau war, konnte er nicht erkennen. Doch da der Köter nicht mit dem Bellen aufhören wollte, entschloss er sich nachzusehen.

Mit lauter Stimme rief er nach Robert, dem Baderknecht, der bereits in seiner Kammer war. Es dauerte nicht lange, da standen sie beide mit einer Laterne vor der Tür und beugten sich über das Bündel, das sich plötzlich etwas bewegte. Reinhard ging einen Schritt zurück, doch Robert griff nach dem Bündel und zog daran. Unter den Lumpen kam ein Gesicht zum Vorschein. Anscheinend ein junger Mann. Genaueres konnte man nicht erkennen, denn das Gesicht war blutverschmiert, eine Augenbraue aufgeplatzt, die Oberlippe gespalten und das linke Auge schien Blutunterlaufen. Erschrocken ließ Robert den Lumpen fallen.

"Einer, den sie ausgeraubt haben, Meister."

Reinhard wiegte nachdenklich seinen Kopf. Eigentlich ging ihn das alles gar nichts an. Und als Bader stand er schon gar nicht in bestem Ruf. Was kümmerte ihn das Elend Anderer? Dennoch nickte er stumm und gab dem Knecht ein Zeichen.

"Fass an den Füßen an, aber sei vorsichtig. Vielleicht hat er ja noch mehr Verletzungen."

Langsam trugen sie den Stöhnenden in die Badstube und legten ihn auf einen Tisch. Behutsam zog Reinhard die alten Kleidungsstücke vom Körper. Es war tatsächlich ein junger Mann. Das Alter ließ sich schlecht bestimmen, denn der restliche Körper war ebenfalls von roten und blauen Flecken übersät. Reinhard schüttelte den Kopf. Wer immer den Jungen so misshandelt hatte, er kannte sich aus.

Die Schmerzen mussten schrecklich sein, aber es war kein Körperteil wirklich beschädigt worden und wenn das Gesicht verheilt war, würde der Junge wieder aussehen wie vorher. Eigentlich war eine solche Strafe nur bei einigen ganz bestimmten Berufszweigen üblich und ohne nachzudenken drehte Reinhard den Jungen auf den Bauch. Robert war inzwischen mit einem Eimer heißem Wasser aus der Küche erschienen und sah den Bader erstaunt an. Noch größer wurden seine Augen, als der Bader die Hinterbacken des Jungen auseinander zog und den After inspizierte. Reinhard blickte hoch und sah seinen Knecht an. Robert war noch nicht lange bei ihm und wohl nur ein paar Jahre älter als der Junge hier auf dem Tisch. Dennoch kannte er sich gut aus in den unehrlichen Gewerben der Stadt und so hob er fragend die Augenbrauen.

"Ja, und anscheinend ziemlich brutal."

Nach dem er den fremden Jungen wieder vorsichtig auf den Rücken gedreht hatte, sah Reinhard seinem Knecht noch einmal ins Gesicht.

"Kennst du ihn?"

Robert schüttelte den Kopf und begann vorsichtig das Gesicht zu reinigen.

Drei Tage lag der fremde Junge ohne Bewusstsein oben in der kleinen Kammer. Am vierten Morgen war er verschwunden.


Mehr als einen Monat später betrat ein junger Mann am frühen Morgen das Badehaus und fragte eine der Mägde nach dem Bader. Reinhard wurde gerufen und kam nach vorne. Dort erblickte er einen jungen Mann, der sich unsicher umsah. Auch der Junge hatte ihn gesehen. Er stürzte auf Reinhard zu. Doch bevor er ihn erreichte zögerte er, wurde langsamer, blieb stehen und senkte den Kopf. Leise, fast unverständlich kamen die Worte

"Herr, ich komme, um Euch für mein Leben zu danken."

Reinhard wollte etwas erwidern, zögerte dann aber und drehte sich kurz um.

"Robert!"

Als der Knecht nach vorne kam und den Fremden erkannte, blieb er stehen. Der hatte immer noch seinen Kopf gesenkt.

"Bedanke dich bei ihm. Er hat dich gerettet."

Jetzt hob der Junge langsam seinen Kopf und sah Robert an.

"Ich schulde dir mein Leben."

Robert sah ihn prüfend an. Das Gesicht war wieder sauber, ohne Schrammen oder blaue Flecken. Die grauen Augen blickten ein wenig traurig. Das dunkelblonde Haar war ziemlich kurz geschnitten, aber sauber und gepflegt. Robert musste trotz seines anfänglichen Zorns lächeln.

"Es freut mich, dass es Dir wieder gut geht. Zumindest körperlich. Aber wie heißt du eigentlich?"

Der Junge errötete. Robert bemerkte es und irgendwie war er erleichtert, dass sein Gegenüber noch solche Gefühle zeigen konnte.

"Lass uns mal nach hinten gehen, da können wir in Ruhe reden."

Robert führte seinen Besucher nach hinten in die Küche. Hier hingen an großen Haken mehrere Kessel mit Wasser über den Feuern.

"Also, mein Name ist Thomas. Ich wollte mich nochmals bedanken für Deine -für Eure- Hilfe. Ich kann Dir leider nichts dafür geben."

Thomas sah Robert jetzt direkt in die Augen. Sein Gesicht lief wieder rot an, als er mit leiser Stimme fort fuhr.

"Außer vielleicht mich selber."

Robert stutzte erst, aber dann begriff er. Er überlegte schnell, was er antworten sollte, ohne den Jungen allzu sehr zu verletzen.

"Ich danke Dir für das Angebot, doch ich möchte es ablehnen."

Thomas ließ seinen Kopf hängen.

„Dann habe ich leider nichts für Dich.“

„Das brauchst Du auch nicht. Ich habe Dir geholfen, weil ich meinte, dass es richtig war. Und ebenso der Meister. Wir sind zwar Bader, aber deswegen noch keine schlechten Menschen.“

Thomas sah nun auf.

„Hältst Du mich für einen schlechten Menschen?“

„Nein. Ich kenne Dich ja kaum. Ich habe zwar drei Tage lang neben Deinem Bett gesessen und mich gefragt, wer Du wohl sein könntest, aber eine Antwort habe ich nicht bekommen. Der Meister hat Deine Wunden versorgt, auch die an Deinem äh... na egal.“

Thomas wurde rot und senkte wieder seinen Kopf.

„Es braucht Dir nicht peinlich zu sein. Ich bin zwar erst seit zwei Jahren hier als Baderknecht, doch ich kenne Männlein wie Weiblein, angezogen wie nackt. Und ich weiß auch, was sie so treiben, die Männlein und Weiblein, manchmal auch anders herum.“

„Was? Hier in der Baderstube?“

„Der Herrgott verhüte. Das fehlte noch, dass der hohe Rat uns die Büttel auf den Hals hetzt. Nein, nein. Hier drin ist alles züchtig, ich zeig‘s Dir.“

Robert ging zum Durchgang zwischen Küche und Badstube und spähte durch den Vorhang.

"Es ist noch nichts los, noch zu früh. Komm mit."

Sie gingen durch den Vorhang nach vorne in die große Badstube. Vier große und zwei kleine Badezuber standen in dem Raum verteilt, der gut die Hälfte der Grundfläche des Hauses einnahm. An einer der langen Seiten brannte ein großes Feuer und darüber war ein großer kupferner Kessel aufgestellt, aus dem es bereits dampfte. Robert führte Thomas durch den Raum hinüber zu einer Tür, die dem Eingang gegenüber lag. Als er sie öffnete, konnte Thomas einen weiteren Raum mit fast der gleichen Einrichtung erkennen.

„Männlein und Weiblein sind streng voneinander getrennt. Beide Räume können von verschiedenen Eingängen aus betreten werden. Im Männerbad arbeitet ein Baderknecht - ich. Im Weiberbad arbeiten Josie und die alte Marie.“

„Und doch kennst Du Dich aus mit Männlein und Weiblein.“

Robert lachte.

„Was glaubst Du, wie viele eindeutige Angebote ich schon bekommen habe? Heimlich, natürlich, sowohl von den einen als auch von den anderen.“

Thomas sah ihn erstaunt an, doch Robert ging nicht weiter darauf ein.

„Aber jetzt mal was ganz anderes. Warst Du vorher schon einmal in einem Badehaus? Oder warst Du schon mal so richtig in einem Badezuber?"

Bei den Fragen schüttelte Thomas vehement den Kopf.

„Das können wir ändern.“

Und so machten sie sich mit mehreren Eimern heißem Wasser aus dem Kupferkessel auf in Richtung eines der kleinen Badezuber, direkt neben der Küche. Der Bottich war bereits halb voll kaltem Wasser. Als sie das heiße Wasser aufgefüllt hatten, drehte Robert sich um und sah Thomas an.

"Ausziehen."

Thomas zögerte etwas.

"Bist du jetzt auf einmal schüchtern? Ich habe dich schon einmal nackt gesehen."

"Nein, aber wenn jetzt jemand hereinkommt? Ich bin kein Stadtbürger, ich darf doch eigentlich gar nicht hier sein."

"Oh, da gibt es Möglichkeiten."

Mit wenigen Handgriffen hatte Robert einen schweren Vorhang um den Badezuber gezogen. Thomas erkannte erst jetzt, dass die beiden kleinen Zuber hier im hinteren Bereich solch einen Vorhang besaßen.

"Wenn die hohen Herren ungestört sein wollen. Niemand darf in ein Abteil ohne die Erlaubnis des Baders."

Thomas zog sich aus und ging über eine kleine Treppe in das Wasser. Robert hatte ihn dabei beobachtet und grinste leicht. Thomas hatte sich zwar so gedreht, dass er ihn nicht von vorne sehen konnte, aber Robert hatte genug gesehen, um zu wissen, dass Thomas keinen Vergleich mit anderen Männern zu scheuen brauchte, besonders nicht in dem jetzigen Zustand. Robert ging zurück in die Küche, um sich in seine Arbeitskleidung umzuziehen. Als er wieder zurück hinter den Vorhang trat, bekam Thomas große Augen. Robert trug nichts weiter als ein schmales weißes Lendentuch. Obwohl er vermutlich nur wenige Jahre älter war als Thomas, hatte er breite Schultern und gut entwickelte Muskeln. Thomas musste wiederholt schwer schlucken.

Robert grinste ihn an.

„Leg‘ Dich zurück und entspann Dich.“

Wie soll ich mich bei dem Anblick entspannen?‘, durchfuhr es Thomas.

Robert griff nach einem Lappen und trat an den Rand des Badezubers. Er beugte sich herüber und begann, Thomas die Brust einzuseifen. Thomas erschauerte.

"Nun, wie ist es?"

"Ein wundervolles Gefühl. Ich hätte nie gedacht, dass es im Wasser so schön sein kann."

Reinhard schloss langsam den kleinen Spalt im Vorhang und ging nachdenklich zurück in die Küche. Es hatte ihn schon erstaunt, dass Robert sich mit jemandem so persönlich beschäftigte. In den zwei Jahren, die er jetzt bei ihm war, hatte er nie zu Erkennen gegeben, dass er sich für wen auch immer zu interessieren schien. Ganz in Erinnerungen versunken lächelte Reinhard kurz und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Thomas kam langsam wieder zu Atem, entspannte sich aus seiner Verkrampfung und schlug die Augen auf. Noch leicht zitternd von einem überwältigenden Erlebnis sah er direkt in Roberts fragende blaue Augen.

"Du machst es nicht nur weil Du musst, Du magst es, stimmt‘s?"

Thomas erstarrte, doch dann nickte er langsam.

Robert fuhr ihm sanft durch die Haare.

„Warum tust du es dann? Ich meine nicht, mit einem Mann, sondern überhaupt. Ich vermute mal, dass Du einen Kuppler hast.“

Thomas sah hoch und seine Augen füllten sich das erste Mal mit Tränen.

„Die Geschichte ist ziemlich kurz. Ich komme eigentlich aus einem kleinen Dorf, weit von Köln. Mein Vater hatte den Hof verschuldet und mich dem Ritter von ... äh, unserem Gutsherren zum Leibeigenen geben müssen. Und der hat hier in Köln wohl auch ein paar Schulden gehabt. So hat er mich verdingt, an den Aufseher eines der Frauenhäuser, angeblich als Hausdiener. Aber der hat mir schon am ersten Abend klar gemacht, was er von mir erwartet. Da bin ich einfach abgehauen. Als er mich wieder eingefangen hatte, habe ich die schlimmsten Prügel meines Lebens erhalten. Und dann hat er mir an einem recht persönlichen und eindringlichen Beispiel ganz genau gezeigt, was er von mir erwartet. Die Mädchen aus dem Haus haben ihm nicht umsonst den Spitznamen ‚der Hengst’ gegeben.“

Bei der Erinnerung an die Nacht verzog Thomas auch jetzt noch etwas das Gesicht, als er an die Schmerzen dachte. Doch bevor Robert etwas sagen konnte, fuhr er fort.

„Dann hat er mich auf mein Bett geworfen und ist in runter in seine Stube um sich endgültig zu besaufen. Ich hab‘ mich mit meinen letzten Kräften die Treppe runtergeschleppt und bin durch die Straßen geirrt. Ich glaube, ich war so weit, dass ich sterben wollte.“

Robert hatte ihm erstaunt zugehört. Zwar hatte er nicht das volle Bürgerrecht, aber immerhin waren sie alle aus dem Badehaus Stadtbürger und standen unter dem Schutz des Rates. Er hatte nie über solche Sachen wie Leibeigenschaft nachgedacht.

„Aber wo bist Du denn die letzten Wochen gewesen?“

„Ich bin wieder zurückgegangen.“

„Du bist WAS?!“

„Wieder zurück. Wo hätte ich denn hin sollen? Außerdem ging es mir gar nicht so schlecht. Noch ein paar Schläge, nun ja. Aber er konnte mich ja nicht ganz ruinieren für die Arbeit.“

„Willst Du damit sagen, dass Du seit dem Vorfall in diesem Haus tatsächlich so arbeitest wie die Dirnen?“

Robert hatte seine Hand gesenkt und starrte Thomas an. Dessen Gesicht verfinsterte sich.

„Ja, das tue ich. Ich habe ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und ein Bett. Manchmal nicht für mich alleine, aber es ist mehr, als ich wo anders bekommen konnte.“

Zum Ende hin war Thomas immer lauter geworden.

„Sei leise, sonst kann man dich draußen auf der Straße hören. Ich halte dir nicht deine Arbeit vor, denn als Bader stehen wir auch nicht gerade im besten Ruf. Aber gibt es denn keinen Weg, um aus dem Gedinge herauszukommen? Wenn Du die Summe aufbringen könntest, müsste er dich entlassen, denn der Vertrag ist beim Rat hinterlegt.“

Thomas lachte verbittert.

„Ja, ich weiß. Doch woher soll ich ein halbes Pfund Kölnische Pfennige herbekommen?“

„Ein halbes Pfund?! Das sind ja …“

„Einhundertzwanzig Pfennige. Der hinkende Jupp hat es mir mehr als einmal vorgerechnet. Er ist nämlich mächtig stolz darauf, so weit zählen zu können.“

Schnell sprang Thomas aus dem Wasser und griff sich ein Tuch, mit dem er sich hastig abtrocknete. Robert sah ihn überrascht an.

„He, wohin willst du denn so schnell hin?“

„Ich muss wieder zurück, bevor es auffällt, wie lange ich weg war. Aber ich komme wieder, versprochen.“

Robert zögerte etwas, doch dann legte er Thomas eine Hand auf die Schulter.

„Ich würde mich freuen, wenn Du uns öfter besuchst, doch ich will Dir keine falschen Hoffnungen machen.“

Thomas lächelte schwach.

„Ich habe es schon verstanden. Trotzdem, es ist einfach schön, jemanden zu haben, auch wenn es nur zum Reden ist.“

Dann war Thomas mit seinen Kleidern schon durch den Vorhang verschwunden.


Die Wochen vergingen und Thomas war tatsächlich die Tage über mit den Aufgaben des Hausdieners beschäftigt. Er fegte und putzte, machte kleine Reparaturarbeiten und half der Köchin. Oben im Haus wohnten etwa ein Dutzend der ‚unehrlichen Frauen’ in ihren kleinen Kammern. Auch Thomas hatte dort sein eigenes Kämmerlein. Schon so mancher seiner ‚Kunden’ hatte ihm eine Münze zugesteckt und es wäre alles gar nicht so schlecht, wenn der Hinkende Jupp nicht wäre.

Josef, ehemaliger Ratsbüttel, war mit der Aufsicht über das Haus betraut. Seit seiner Verletzung durch einen flüchtigen Verbrecher hinkte Josef und war als Ratsbüttel nicht mehr zu gebrauchen und so bekam er diese Stelle.

Der Hohe Rat des alten, heiligen Köln hatte beschlossen, wenn er die Prostitution nicht verhindern konnte, so sollten wenigsten die Einnahmen ins Stadtsäckel fließen. So wurden dann die sogenannten Frauenhäuser eröffnet, in denen die Huren der Stadt zwangsweise untergebracht wurden und ihrem Gewerbe nachgehen durften. Sie zahlten für ihr Kämmerlein einen festen Betrag, der durch den Aufseher jeden Monat eingetrieben wurde und dann an die Stadtkasse ging. Konzessionen wurden auch anderweitig vergeben, meist an Schänken, die dann eine bestimmte Anzahl Frauen beschäftigen durften.

Für Jupp war Thomas jedenfalls ein gut gehendes Nebengeschäft, denn offiziell war die Prostitution für Männer verboten. Doch Jupp beschaffte die Kunden und kassierte die auch gleich selbst ab.

Der Hinkende Jupp war alleinstehend und er griff schon mal auf die eine oder andere ‚Dame’ zurück, aber ansonsten frönte er dem Bierkonsum. So auch heute, denn er hatte Besuch vom Adlerwirt, dem Pächter der Schänke zum Reichsadler. Trotz des hochtrabenden Namens eine drittklassige Absteige, die ebenfalls ein paar ‚Damen‘ vorhielt.

„Hol Bier!“

Thomas ging hinunter in den Keller und schöpfte einen Krug aus dem halbleeren Fass. Wenn das so weiter ging würden die Fässer schnell zur Neige gehen und das nächste Deputat war erst an Martini fällig.

Als er den Krug in das Vorderzimmer des Hinkenden brachte, verstummten beide Männer so lange, bis er wieder draußen war. So, so, die Herren hatten also Geheimnisse. Thomas ging die Treppe hinauf in das große Empfangszimmer. Hier warteten abends die Frauen auf ihre Kunden. Noch war niemand da und Thomas ging hinüber zum Schornstein. Hier öffnete er vorsichtig eine kleine Luke und schon hörte er die Stimmen von unten, die durch den offenen Kamin hohl nach oben klangen.

„…bei dem alten Juden. Ist das nicht verdächtig? Seit fünf Tagen! Welcher anständige Christenmensch bleibt denn fünf Tage bei einem Juden, Kreuzfahrer hin oder her? Und der andere ist nicht mal ein Christ. Ein ungläubiger Muselmane ist es.“

Das war eindeutig die Stimme vom Adlerwirt.

„Ist ja aber kein Verbrechen, bei einem Juden einzukehren und zu warten.“

Die Stimme vom Hinkenden Jupp klang schon wieder leicht angetrunken.

„Bist du dämlich. Noch mal. Zwei Männer, ein christlicher Kreuzfahrer und ein Sarazene haben sich bei einem Juden einquartiert. Und nicht nur bei einem beliebigen, nein, natürlich einem der reichsten Juden Kölns.“

Thomas hörte den Hinkenden Jupp laut rülpsen.

„Ach so? Bei wem?“

„Bei dem, den sie Sohn des Juda nennen. Ich sage Dir, da stimmt etwas nicht. Und jetzt kommt das wichtigste. Der Herr von Meinrad ist genau der gleichen Meinung.“

„Was? Der Domkapitular? Was geht den das denn an?“

„Anscheinend eine ganze Menge. Er sucht noch ein paar kräftige Leute, die heute Abend den alten Juden und seine Gäste aufsuchen und hmmm… befragen sollen. Gegen Bezahlung versteht sich.“

„Ein Domkapitular hat in der Stadt nichts zu sagen. Außerhalb der Domfreiheit kann er gar nichts machen.“

„Deshalb sucht er ja ein paar Leute, die nichts mit dem Dom zu tun haben. Rechte Christenmenschen, die den Juden mal wieder zeigen, wo ihr Platz ist.“

„Was soll der Schwachsinn? Was hast Du überhaupt damit zu tun? Dein Wirtshaus ist doch im Marienviertel. Und in der Kirche hab‘ ich Dich auch nur selten gesehen.“

„Ich kenne diesen Juden. Hab‘ mir mal Geld geliehen von ihm.“

„Ja und? Wenn es der ist, den ich meine, dann hab‘ ich mir auch Geld von ihm geliehen. Doch was soll’s?“

„Aber jetzt soll ich zurückzahlen.“

Thomas hörte, wie ein Humpen lautstark abgestellt wurde. Jupp lachte meckernd.

„Und Du kannst nicht zahlen. Wie viel ist es denn?“

Der Adlerwirt nuschelte etwas, was Thomas nicht verstehen konnte. Doch Jupp hatte es anscheinend sofort verstanden.

„WAS!? Fünf Pfund Silber?“

„Ja, was? Ich hab das Geld gebraucht. Hab meinen Laden ausgebaut für die Weiber und die Konzession bezahlt. Aber die dämlichen Hühner bringen nichts rein.“

Jupp lachte noch einmal laut.

„Da bin ich ja besser dran mit meinem halben Pfund. Und das Geld hab‘ ich schon lange wieder rein.“

Thomas ahnte dunkel, wofür das Geld gewesen war, aber er verstand nicht, wieso Jupp den Betrag schon wieder eingenommen haben konnte.

„Wir müssen dem Juden einen Besuch abstatten und ihm erklären, dass wir hinter seine dunklen Geheimnisse gekommen sind. Wenn er nicht will, dass wir ihn beim Domkapitel anzeigen, muss er uns die Schulden erlassen.“

„Bist Du endgültig bescheuert? Der hat einen Kreuzritter im Haus. Wie stellst Du Dir das vor?“

„Wir warten, bis der Ritter aus dem Haus ist. Er ist schon öfter durch die Stadt gegangen. Dann gehen wir zu dem Juden. Natürlich brauchen wir noch ein paar helfende Hände.“

„Ich weiß nicht. Hmmm… das Geld wär‘ es schon wert. Aber keinen Aufstand. Ich will keinen Ärger, sonst bin ich meine Stelle hier los.“

„Keine Angst. Wir warten bis kurz vor Sonnenuntergang, da müssen die beten oder irgend so ein heidnisches Zeugs machen. Bis dahin hab‘ ich auch ein paar Leute zusammen.“

„Na gut. Dann bis heute Abend. Lass uns noch einen trinken. Thomas!!“

Thomas wieselte die Treppe herunter, doch erst nach dem zweiten Schrei betrat er das Vorderzimmer.

„Wo steckst du denn! Noch einen Krug!“

Thomas besorgte das Bier und eilte dann in die Küche.

„Ich geh über den Markt.“

Mit Gertrude, der dicken Köchin hatte er eine Abmachung. Wenn er „auf den Markt“ ging, fragte sie nicht, wo er wirklich war und er fragte nie, wie viel denn die Sachen wirklich kosteten, die sie mit dem Hinkenden Jupp abrechnete.

Nur wenige Minuten später stand Thomas mit keuchenden Lungen vor der Baderstube, die sein Leben so verändert hatte.

Reinhard sah Thomas erstaunt an. Es war schon ziemlich spät und Thomas bereits am Morgen hier gewesen und nun war er ganz außer Atem.

„Was ist passiert?“

„Reinhard, wo wohnt der Jude, den sie Sohn des Juda nennen?“

Reinhard sah Thomas erstaunt an.

„Warum willst Du das wissen?“

Schnell erzählte der Junge dem Bader von der belauschten Unterhaltung.

„Als ob sie noch nicht genug Unheil angerichtet hätten. Dummheit und Geldgier sind eine schlechte Kombination.“

„Reinhard, bitte! Wo wohnt er?“

„Ich habe da eine viel bessere Idee. Komm mit.“

Zögernd folgte Thomas dem Bader in Richtung der Badstube. In einem der großen Zuber saßen ein älterer Mann und zwei Knaben, dem Aussehen nach seine Söhne. Zielstrebig wandte sich Reinhard einem Vorhang zu, der einen der kleinen Zuber umgab. Schnell schob er Thomas hindurch und folgte ihm.

In dem Zuber saß ein junger Mann mit kurzen, rotblonden Haaren. Überrascht ließ Thomas den Blick über dessen muskulösen Oberkörper wandern und bemerkte erst ziemlich spät, dass der Bader angefangen hatte, mit seinem Gast zu reden. Thomas verstand nicht ein Wort.

„Thomas, dies ist Michel de Côntebrais, Kreuzritter aus Jerusalem und momentan Gast bei Akiba ben Juda.“

Thomas verbeugte sich tief, wie er es gelernt hatte. Der Ritter sagte etwas und Reinhard übersetzte.

„Er möchte gerne wissen, was Du von ihm möchtest, oder von Akiba.“

Thomas starrte immer noch etwas abgelenkt auf den nackten Oberkörper des Ritters, doch dann konzentrierte er sich. Er wiederholte die gesamte Unterhaltung, die Reinhard wortgetreu übersetzte.

Das Gesicht des Ritters verdüsterte sich und er sprang mit einem Satz aus dem Wasser. Thomas bekam kurz Gelegenheit, die gesamte nackte Gestalt zu bewundern, während der Mann sich kurz abtrocknete und zu seinen Sachen griff.

Ein kurzer Satz zu Reinhard ließ diesen leicht auflachen.

„Wenn er fertig ist, darfst Du ihn begleiten. Bis zu Akiba ist es nämlich nur einmal über die Straße. Außerdem soll ich Dir sagen, er ist schon vergeben.“

Thomas bekam plötzlich rote Ohren und sah zu Boden. Der Bader zog den Vorhang zurück, während der Ritter sein Schwertgehenk über der Tunika schloss.


Mit entschlossenen Schritten ging der Ritter zu dem schräg gegenüber liegenden Haus von Akiba ben Juda. Thomas sah sich neugierig um. Den Läden auf dieser Seite hatte er nie viel Aufmerksamkeit gewidmet, denn er konnte sich die Waren ohnehin nicht leisten. Die Straße Unter Goldschmied war, wie der Name andeutete, erfüllt vom leisen, hellen Hämmern der Goldschmiede, die hier ihrem Handwerk nachgingen. Die ersten Läden schlossen bereits, denn es war nicht mehr lange hin bis Sonnenuntergang und dann begann der Schabbath.

Als der Ritter das Haus erreichte, schob er Thomas einfach vor sich her durch die Tür, folgte ihm und schob dann den schweren Riegel vor.

Durch das Geräusch aufmerksam geworden, kamen Jakub und Djamal aus einem der hinteren Zimmer. Jakub trug seinen üblichen, blauen Hausmantel, doch Djamal hatte sich bei dem warmen Wetter für eine kurze Ärmellose Weste entschieden, die viel von Brust und Bauch frei ließ. Thomas wusste nicht, wo er zuerst hinblicken sollte.

Erstaunt sahen Jakub und Djamal erst Thomas, dann Michel an.

„Was hast Du denn da eingefangen?“

Etwas spöttisch sah Djamal an Thomas herab, der kein Wort verstand.

Jakub, Djamal und Michel mussten auf Hebräisch zurückgreifen, die einzige Sprache, die alle drei verstanden.

Mit ein paar kurzen Sätzen erläuterte Michel, was Thomas ihm berichtet hatte. Djamal sah ihn verblüfft an, während Jakub sich direkt in Deutsch an Thomas wandte.

„Wann werden sie hier sein?“

Thomas sah erleichtert zu Jakub. Endlich jemand, mit dem er reden konnte.

„Wohl bei Sonnenuntergang. Sie haben gesagt, da müssen die beten oder irgend so ein heidnisches Zeugs machen.“

Als Jakubs Gesicht sich ärgerlich verzog, bemerkte Thomas erst, was er gesagt hatte. Betreten sah er zu Boden.

„Das waren ihre Worte, nicht meine. Ich habe keine Ahnung, was ihr hier macht.“

In diesem Moment kam auch Akiba ben Juda zur Tür und fand seinen anscheinend verärgerten Sohn und seine beiden Gäste in düsterer Stimmung vor. Bei Michel stand ein etwa sechzehn oder siebzehn Jahre alter Junge mit dunkelblonden Haaren. Der Kleidung nach ein Einwohner der Stadt.

„Vater, es ist wieder so weit. Sie wollen uns wieder heimsuchen.“

Akiba erstarrte. Wie oft würden sie noch belästigt, bedroht, geschlagen werden? Und meist nicht aus religiösen sondern aus materiellen Gründen.

„Dieser Junge da, er hat uns die Nachricht gebracht.“

Akiba sah missbilligend zu seinem Sohn. Wusste er nicht einmal den Namen eines Menschen unter ihrem Dach?

„Wie heißt Du, mein Sohn?“

Thomas wandte sich erleichtert dem alten Juden zu, dem einzigen, der ihn gerade nicht etwas böse anstarrte.

„Thomas, Herr.“

„Sehr schön. Ich bin Akiba ben Juda, der Herr dieses Hauses. Und dies ist Jakub, mein jüngster Sohn. Die beiden sind Michel de Côntebrais, ein normannischer Kreuzritter, und das dort drüben ist Djamal, ein Sarazene aus Jerusalem.“

Thomas nickte jedem höflich zu, dessen Name genannt wurde.

„So, Thomas, nun erzähl doch bitte noch einmal, warum Du hier bist.“

Ohne lange zu überlegen spulte Thomas schnell, aber konzentriert, die gesamte belauschte Unterhaltung ab.

Verblüfft sah ihn Akiba an, dann wurde er nachdenklich.

„Und warum erzählst Du uns das alles?“

Thomas sah den alten Mann jetzt ebenso verblüfft an.

„Äh, ich weiß nicht. Irgendwie finde ich es nicht richtig. Es … es gehört sich einfach nicht. Mein Vater hat immer gesagt, lieber arm und ehrlich, als ein reicher Verbrecher.“

Während der ganzen Zeit liefen im Hintergrund leise die Gespräche zwischen den anderen drei, hauptsächlich die Übersetzungen von Jakub. Die letzte Bemerkung von Thomas hatte leises Gelächter zur Folge.

Thomas drehte sich irritiert um, doch Akiba nickte langsam.

„Eine ehrenwerte Einstellung, doch nicht jeder kann der Versuchung widerstehen. Doch sag‘ einmal, Du hast den Aufseher Josef erwähnt. Du bist nicht zufällig derjenige, den dieser Josef erst vor kurzem mit einem Gedinge gebunden hat?“

Thomas starrte Akiba an, dann nickte er wortlos. Auch Jakub war aufmerksam geworden.

„Was ist los, Vater? Stimmt etwas nicht?“

„Nein, nein. Alles in Ordnung. Alles in bester Ordnung.“

Dann wechselte er kurz ins Hebräische.

„Überprüfe bitte seinen Geist.“

Jakub stutzte, aber dann tat er, wie sein Vater im geheißen hatte. Nach nur einem Augenblick wechselte er einen erstaunten Blick mit seinem Vater.

„Kämpfer.“

Auch Michel und Djamal hatten die Aufforderung und das Ergebnis mitbekommen. Grinsend sahen sie sich an, während Thomas, immer mehr irritiert von der fremden Sprache und dem merkwürdigen Benehmen, zunehmend nervöser wurde. Er hatte sich gerade entschlossen zu gehen, als es laut an die Haustür klopfte.

Akiba ben Juda ging hinüber zur Tür und schob den Riegel zurück. Weit öffnete er die Tür, so dass man von draußen die Leute im Haus sehen konnte.

Vor der Tür standen ein halbes Dutzend furchteinflößende Gestalten mit dicken Knüppeln. Ihr Anführer, ein fast sechs Fuß großer Hüne mit einer verbogenen Nase, starrte erstaunt in die Vorhalle. Dann räusperte er sich und leierte einen Text herunter, der wie auswendig gelernt klang - und es auch war.

„Wir sind besorgte Bürger der Stadt, die aus gut unterrichteter Quelle wissen, dass in diesem Haus ein ungläubiger Muselmane Vorbereitungen trifft, die Brunnen der Stadt zu vergiften um wahre Christenmenschen solcherart wankend in ihrem Glauben zu machen. Wir fordern Euch auf, diesen Heiden an uns zu übergeben.“

Während Jakub schnell übersetzte, starrten Akiba und Thomas den Mann erst erstaunt, dann halb belustigt an. Akiba fasste sich und mit todernstem Gesicht sah er zu dem Fremden auf.

„Wollt ihr ihn vor oder nach dem Brunnenvergiften haben?“

Der große Mann vor der Tür stutzte. Unsicher sah er nach hinten, als ob er von seinen Kumpanen Unterstützung erhoffte. Da ertönte von hinten eine Stimme, die Thomas als die des Adlerwirtes erkannte.

„Laß dich nicht verarschen. Los, drauf!“

Der Anführer wandte sich nun wieder nach vorne, sah sich aber plötzlich mit zwei Gestalten konfrontiert, die jeder ein Schwert in der Hand hielten. Von Schwertern hatte ihm keiner etwas gesagt. Der dunklere der beiden, möglicherweise sogar der Muselmane, sagte etwas, was er nicht verstand. Der alte Jude übersetzte sofort.

„Er hat gesagt, er würde weder Brunnen vergiften, noch Christen konvertieren. Aber wenn ihr Wert darauf legt, würde er euch gerne zeigen, wie ein Sarazene kämpfen kann.“

Gemurmel setzte ein in der kleinen Gruppe vor der Tür. Eine Stimme klang gepresst.

„Ich werde nicht warten, bis er das vorführt.“

Unnatürlich laut klangen in der folgenden Stille die Geräusche eines Knüppels der zu Boden fiel und dann sich entfernende Schritte. Nur einen Augenblick später zogen weitere Mitglieder der Bande kommentarlos ab. Ihr Anführer sah ihnen nach, dann schlurfte auch er langsam hinter ihnen her.

Von den Vorgängen vollkommen überrascht standen nun der Adlerwirt und der hinkende Jupp alleine vor der Tür und sahen mit offenen Mündern ihren entschwindenden Komplizen nach. Mit einem kurzen Blick auf Jupp rannte dann der dickliche Wirt wie ein Wiesel hinter den anderen her. Völlig überrascht sah Jupp sich um und erkannte, dass er plötzlich ganz alleine auf weiter Flur stand. Dann fiel Jupps Blick auf Thomas.

„Du!“

Thomas zuckte merklich zusammen.

„Das haben wir alles Dir zu verdanken! Los, ab nach Hause! Dir werd‘ ich das noch austreiben.“

Akiba ben Juda hob beide Hände und wandte sich an den zornesroten Jupp. Thomas bemerkte, dass er von dem normalen Deutsch, dass er eben noch mit ihm gesprochen hatte, in einen gebrochenen Dialekt gewechselt hatte.

„Aber, was? Guter Mann. Sind sej nich zornig. Ham‘ wir doch alle noch gehabt Massel. Kejnem ist nie nich was passiert. Muss ich noch machen mit Ihnen a Gescheft.“

Der hinkende Jupp hatte nicht alles Verstanden, doch das Wort ‚Geschäft‘ war ihm durchaus geläufig. Wenn es etwas zu verdienen gab, war er dabei.

Der alte Jude winkte ihm, näher zu treten und mit einem etwas unguten Gefühl ging Jupp zwischen den beiden Bewaffneten hindurch in die Halle. Von dort führte man ihn in das ihm schon bekannte Arbeitszimmer. Freundlich, aber nachdrücklich wurde Jupp auf einen Stuhl mit dicken Kissen geschoben, während Akiba alle anderen mit wedelnden Handbewegungen aus dem Raum scheuchte.

Thomas wandte sich erstaunt an Jakub.

„Was war das denn? Vorhin hat er doch noch ganz normal geredet.“

Wider Willen musste Jakub lachen.

„Das macht er immer, wenn er ein gutes Geschäft wittert. Er gibt den Leuten das Gefühl, er sei alt, senil und geistig nicht so ganz auf der Höhe. Sie unterschätzen ihn dann. Aber mich würde interessieren, was er mit dem Aufseher eines Frauenhauses zu verhandeln hat.“

„Ich glaube, da kann ich helfen. Es geht wahrscheinlich um die Schulden, die der Jupp hat. Ein halbes Pfund Silber.“

Jakub runzelte nachdenklich die Stirn.

„Ein halbes Pfund? Ist das etwa die Summe, die mit dem Gedingevertrag abgesichert ist?“

Dann kam ihm die Erleuchtung.

„Du bist der Zahler aus dem Gedingevertrag! Aber was will … natürlich, der Kämpfer!“

Jetzt verstand Thomas gar nichts mehr. Doch schon öffnete sich die Tür und als erster trat Jupp heraus. Er grinste wie ein Honigkuchenpferd, bis sein Blick auf Thomas fiel.

„Du bist und bleibst ein nichtsnutziger Bengel. Geh‘ und hol Deine Sachen. Ab heute arbeitest Du für den edlen Herrn.“

Damit zeigte er auf Michel de Côntebrais, der mit erhobenen Brauen zuhörte und kein Wort verstand. Thomas sah Jupp verständnislos an, bis Jakub ihm einen Stoß gab.

„Los, bevor er es sich anders überlegt.“

Thomas zuckte kurz zusammen, dann sauste er los. Jupp hingegen schlenderte pfeifend aus dem Haus, mit einem dicken Beutel klimpernd in seiner Hand.


Als Thomas einige Zeit später atemlos wieder eintraf, wurde er in das Arbeitszimmer geführt, wo bereits die Leute saßen, die er heute hier kennengelernt hatte.

Jakub deutete auf den leeren Stuhl neben sich und Thomas setzte sich mit einem unbehaglichen Gefühl. Dann wurde seine Aufmerksamkeit auf Akiba ben Juda gelenkt, der sich nun direkt an ihn wandte.

„Du bist also Thomas, Sohn des Halbfreien Hufners Adelbert aus Merzenich. Und Du wurdest von Deinem Vater wegen Versäumnis seiner Dienstbarkeit in die Unfreiheit gegeben. Dies hat der Grundherr genutzt, Dich in einem Gedingevertrag hierher nach Köln zu geben.“

Thomas nickt erstaunt. Ja, so etwa war es gewesen.

„Dann erkläre ich Dir einmal zwei Punkte. Die Versäumnis der Dienstbarkeit Deines Vaters ist abgegolten worden mit Deiner Übergabe. Den Wert, den diese Dienstbarkeit gehabt hat, wäre abgegolten gewesen, wenn Du für den Grundherrn eine bestimmte Zeit gearbeitet hättest. Solche Dienstbarkeiten gehen für gewöhnlich nicht über den Wert von zwanzig bis dreißig Silberpfennigen hinaus. Er hat Dich aber mit diesem Gedingevertrag sozusagen verkauft, also seinen Verlust wieder hereingeholt. Seit diesem Moment warst Du nicht mehr unfrei.“

Thomas hörte die Worte, konnte es aber kaum glauben. Jakub neben ihm nickte nur.

„Der Gedingevertrag endet, wenn der vereinbarte Betrag erwirtschaftet worden ist. Weißt Du eigentlich, wie hoch der Abtrag in dem Vertrag war?“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Zwei Silberpfennige im Monat. Das sind 24 Pfennige aufs Jahr. Bei 120 Pfennigen wärst Du fünf Jahre lang gebunden gewesen.“

Thomas saß da wie betäubt. Fünf Jahre!

„Aber das beste kommt noch. Wie viele Kunden hattest du denn so in der Woche?“

Thomas wurde knallrot und sah zu Boden. Jakub legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Du brauchst Dich nicht zu schämen. Es war nicht Deine freie Entscheidung.“

Thomas nickte stumm.

„Zwei bis drei“, flüsterte er leise.

„Und Du wusstest, dass der Josef Deine Kunden abkassiert hat?“

Thomas sah erstaunt hoch. Vermutet hatte er es, aber es war doch etwas anderes, es nun bestätigt zu bekommen.

„Er hat in den letzten, hmmm… drei oder vier Monaten?“

„Drei.“

„Also drei Monaten, etwa jede Woche zehn bis fünfzehn Pfennige eingenommen.“

Thomas‘ Kopf ruckte hoch.

„Was!?“

„Ja. Von jedem Kunden fünf Pfennige. Macht in zwölf Wochen so etwa zwischen 120 und 180 kölnische Silberpfennige.“

Thomas fing an zu zittern, seine Hände ballten sich zu Fäusten und er knirschte mit den Zähnen.

„Dieses Schwein. Wenn ich ihn erwische …“

„Ganz ruhig. Beruhige Dich wieder und höre meinem Vater genau zu.“

Mit Mühe lenkte Thomas seine Aufmerksamkeit wieder auf den alten Mann vor ihm.

„Um den Gedingevertrag zu kaufen, hat besagter Josef bei mir Geld geliehen. Zur Sicherheit hat er den Vertrag als Pfand gegeben. Ich habe ihm heute den Vertrag abgekauft, im Namen des Ritters Michel de Côntebrais.“

Thomas sah erst Akiba ben Juda zweifelnd an, dann den jungen Ritter, der ihn freundlich anlächelte, als er seinen Namen hörte. Dann erst fiel bei Thomas der Silberpfennig.

„Dann … dann bin ich ab jetzt dem Ritter arbeitspflichtig?“

„So ungefähr. Da der Herr de Côntebrais entschieden hat, dass Deine Tat von heute, nämlich unser aller Leben und Gesundheit zu retten, mehr wert ist als ein halbes Pfund Silber, wird der Vertrag Morgen beim Rat als abgegolten erklärt und beendet werden.“


Thomas sah etwas skeptisch nach oben und hielt das Pferd fest am Halfter. Er war zwar auf einem Bauernhof aufgewachsen, doch ein Pferd hatten sie sich nie leisten können. Thomas war immer mit einem Gespann Ochsen auf dem Feld gewesen.

Vor drei Tagen war ein fahrender jüdischer Händler erschienen und hatte einen Brief abgeliefert. Darauf war der ganze Haushalt in eine fast hektische Aktivität ausgebrochen. Jakub hatte sich dem fahrenden Händler angeschlossen und sie waren gen Westen gezogen. Der Ritter, sein neuer Herr, hatte zwei Pferde und eine Menge Ausrüstung gekauft. Thomas bekam eine Schnelleinweisung, wie er sich auf dem Pferd halten sollte und durfte zwei Tage üben.

Heute würden sie Köln verlassen. Thomas war einerseits glücklich, dass er seinem Schicksal entkommen war, doch andererseits war ihm die Geschichte, die man ihm erzählt hatte, äußerst suspekt.

Noch am gleichen Abend, als sie vom Rathaus zurückkehrten und er ein freier Mann - naja Junge - war, erzählte ihm Jakub eine abenteuerliche, haarstäubende Geschichte von Dämonen, die die Welt bevölkerten. Und dann von Rittern, die die Welt wieder von den Dämonen befreiten. Zuerst hatte er das alles für Unsinn gehalten, doch dann hatte er den Blitz miterlebt, mit dem der Ritter in dem erloschenen Kamin ein Feuer entfacht hatte. Völlig verängstigt hatte Thomas unter dem großen Tisch Schutz gesucht, bis Jakub ihn darunter hervorgeholt hatte.

Die zweite Demonstration der Macht hatte Thomas fast noch mehr beeindruckt. Der Ritter - nein, Michel, er bestand auf dieser Anrede - hatte ihm ein Schwert in die Hand gedrückt. Thomas hatte noch nie eine solche Waffe geführt und wusste nicht, was er damit machen sollte, doch Jakub erklärte ihm, dass er damit auf Djamal einschlagen solle. Thomas hatte sich entsetzt geweigert, doch dann nahm ihm Michel das Schwert aus der Hand und führte einen Hieb auf seinen Begleiter aus.

Zwei Dinge bemerkte Thomas fast zeitgleich. Djamal umgab ein Glühen, fast wie der Schimmer einer Kerze, doch eher in der Farbe der untergehenden Sonne. Das zweite war das Schwert, welches förmlich an diesem Glühen abzuprallen schien.

Jakub war unbemerkt hinter Thomas getreten und hielt ihn mit seinen Händen an den Schläfen fest. Ein starker Schmerz durchzuckte Thomas‘ Kopf und er schrie unwillkürlich auf. Unwirsch befreite er sich von Jakubs Umklammerung. Die Schmerzen in seinem Kopf wurden stärker und sein Sehfeld trübte sich ein. Unsicher wankte Thomas hin und her, bis Jakub seinen rechten Arm am Handgelenk ergriff und nach oben zog. Mühsam erkannte Thomas den Kamin, als sich aus seiner rechten Hand ein grüner Blitz löste, der das restliche Holz dort in einer Flamme emporwirbelte. Dann wurde es dunkel um Thomas.

Es bedurfte vieler Erklärungen in der nächsten Zeit und Thomas hatte seinen Namen nicht zu Unrecht. Er war mehr als ungläubig, doch die Beispiele der praktischen Übungen erklärten mehr als viele Worte. Eine Sache hatte ihn laut auflachen lassen, als Jakub sie erwähnte. Alle, die diese Begabung hatten, die sogenannten Gezeichneten, würden Männer lieben. Was für ein Unsinn. Doch dann sah er, wie Michel seinen Begleiter küsste. Nicht den Kuss eines Bruders, sondern den Kuss eines Liebhabers. Provozierend ging Thomas hinüber und sah zu Michel auf. Kommentarlos beugte dieser sich etwas herunter und gab Thomas einen Kuss. Einen intensiven, langen Kuss, von dem sich Thomas erst hektisch löste, als er die Zunge von Michel an seinen Lippen spürte.

Was folgte waren sechs Wochen intensives Üben seiner Fähigkeiten, übernatürlich wie auch die mit ganz einfachen Waffen, Sprachunterricht in Französisch und Latein und natürlich auch eine Einweisung in die Geschichte der Dämonenjagd.

Jetzt stand er hier, mit einem Pferd am Halfter, das sein eigenes sein würde. Sie würden Köln verlassen und irgendwo dort draußen auf Jakub treffen, um weiter nach Westen zu reiten, in die Heimat des Ritters - nein, in Michels Heimat.

Hamburg, Deutschland, Anno Domini 2013

Fast bedauernd schloss Kevin das Buch, das mit der Abreise aus Köln endete. Zu gerne hätte er gewusst, ob es der Ritter und seine Begleiter bis in die Normandie geschafft hatten, doch dann kam ihm selbst die Antwort. Natürlich hatten sie es geschafft, sonst würde er nicht heute hier sitzen und dieses Buch lesen.

„Ja, so hat es angefangen, zumindest hier, in Mitteleuropa. Andere Gegenden haben unterschiedliche Traditionen, doch sie alle beginnen in etwa so, dass ein Paar oder eine Gruppe irgendwo erscheint und damit beginnt Mitstreiter zu rekrutieren. Ohne die dauernde Suche nach Begabten wäre die Aufgabe fast unlösbar.“

„Wie viel sind denn begabt? Ich meine, von den äh… Schwulen?“

„Das ist nicht so einfach zu beantworten. Nehmen wir mal Deinen Jahrgang. Davon gibt es in Deutschland etwa 400.000 männliche Einwohner. Laut Statistik und Erfahrungswerten sind etwa 4% davon tatsächlich ausschließlich homosexuell veranlagt. Das wären dann etwa 16.000. Eine magische Begabung tritt etwa bei null Komma fünf Prozent davon auf, das wären dann also 80. Drei Viertel von diesen 80 sind nicht tauglich. Es gibt eine ganze Anzahl von Kriterien, die bei der Auswahl berücksichtigt werden müssen, aber einer der am weitesten verbreiteten Gründe für eine fehlende körperliche Tauglichkeit ist Übergewicht.“

„Was? Tatsächlich?“

Pater Anselm seufzte wieder einmal.

„Ja, leider. Stell dir doch einfach einmal deine Klasse beim Sportunterricht vor. Wie vielen von Deinen Klassenkameraden würdest Du gute sportliche Leistungen Attestieren?“

„Hmmm… also vielleicht fünf oder sechs.“

„Von wie vielen?“

„Wir sind 22 in der Klasse.“

„Siehst Du. Da haben wir schon unser Viertel. Du brauchst also mit nicht mehr als etwa zwanzig Klassenkameraden rechnen. Wenn überhaupt so viele zusammenkommen. Die einzelnen Jahrgänge werden immer geringer, ich schätze, in zehn Jahren werden es nur noch maximal zwölf Schüler sein.“

„Das sind ja nicht gerade sehr viel.“

„In Westeuropa geht es ja noch, doch schon etwas weiter im Osten wird die Sache viel schwieriger. Die Jungen leben mehr versteckt und sind schwerer zu finden. Außerdem weigern sich einige, den Zusammenhang zwischen Sexualität und Magie zu akzeptieren.“

Kevin hatte selbst noch einige Probleme damit. Er war schwul. Okay. Das heißt, nein, nicht okay. Er hatte sich schon öfter vorgestellt, wie es wohl sein würde, aber so richtigen Sex hatte er noch nie gehabt. Nicht mal ansatzweise. Wie peinlich war das eigentlich, mit siebzehn noch nicht mal jemanden geküsst zu haben? Nicht, dass hier besonders viele Jungen zur Auswahl gestanden hätten.

Kevin wurde durch Pater Anselm aus seinen Gedanken gerissen.

„Würdest Du das Stipendium nehmen und das Internat besuchen, um ein Magier zu werden?“

Ich will das alles eigentlich gar nicht. Das ist doch alles Wahnsinn. Ich will doch nur friedlich zu Hause …?

„Ja. Und ich glaube, ich freue mich sogar darauf.“

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