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Uglo der Steinzeitjunge
Teil 22 - Im Fluss der Zeit - sie gibt und nimmt...
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Informationen
- Story: Uglo der Steinzeitjunge
- Autor: Mischa Bär
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Fantasy und Mystery, Krimi, Historisch
Uglo war noch immer in Gedanken bei den herausfordernden Aufgaben, die sein Vater, der gealterte Sippenälteste, ihm prophezeit hatte, als er sich am Feuer niederließ. Seine Augen folgten dem züngelnden Spiel der Flammen, dem raschen Farbwechsel der ihm wie ein unheilvolles Omen für seine Zukunft erschien. Was würde die Zeit bringen? Mit schwerem Herzen dachte er an Tom, aber genauso quälend erschien ihm seine neue Aufgabe in der Sippe.
Uglo erwachte aus seiner Starre. In den letzten Augenblicken war die beglückende Zeit mit Tom noch einmal wie ein Zauber vor seinen Augen vorbeigezogen. Er spürte das Kribbeln, das Toms Berührungen in ihm ausgelöst hatten wieder in seinem Bauch aufsteigen, spürte etwas unter seinem Fellschurz anschwellen, härter werden…
Erwartungsvoll und fragend schaute Bogo seinen Sohn an, „nun Uglo, berichte von deinen Erlebnissen der letzten Winter. Du scheinst kaum gealtert“, er stockte, „bist immer noch der Jüngling, der damals im Sommer plötzlich verschwunden war. Wo warst du, was hast du erlebt in der langen Zeit? Wie hast du den Ruf des Orakels vernommen? Hast du den Zauber gespürt?“
Langsam hob Uglo seine Augen und schaute den Vater direkt an. Konnte er sich denn selber erklären, was er erlebt hatte? Während er nur wenige Tage und Nächte mit Tom zusammen war, waren in der Sippe einige lange Sommer und Winter vergangen, wie konnte das sein?
„Also Vater, ich weiß es selber nicht, wie das alles geschah.“
Was hatte Unkido, der Zauberer durch seinen Fluch mit ihm gemacht?
Er begann von dem Nachmittag zu erzählen, als er sich mit Ango im Schilf getroffen hatte. Auch davon, dass sie jemand beobachtet haben musste.
Erstaunt fragte Bogo dazwischen, „ihr hattet euch an der Stelle verabredet, zu der Ango uns dann später geführt hatte, was wolltet ihr dort? Ihr seid scheinbar schon oft an jener Stelle gewesen…?“ Sein strenger fragender Blick bohrte sich regelrecht in Uglos Herz.
„Ja Vater, wir…“, er schluckte. „Also Ango und ich… wir sind, wir haben… ach Vater…“ Beschämt senkte er den Blick und schwieg.
Bogo holte tief Luft, „so stimmt es, was die Seherin mir von dir berichtet hat, dass du und Ango…?“
Trotzig hob Uglo den Kopf, „ja Vater, wir haben uns schon als Knaben vertraut, haben uns als Jünglinge unser Geheimnis gestanden und uns geliebt. Wir wollten für immer zusammen bleiben und stolze Jäger und Gefährten unserer Sippe werden.“
Wieder schwieg er einen Moment, in dem sein Vater ihm schon freundlicher in die Augen sah. Er winkte ab. „Das Orakel hat gesprochen und so wird es sein.“
Uglo atmete erleichtert auf.
Er begann wieder zu erzählen, „ich weiß nicht, wo der Schamane uns beobachtet hatte, aber er hat uns in unserem Versteck aufgelauert und als ich allein auf dem Rückweg aus dem Schilfversteck war, hat mich jemand niedergeschlagen. Weiter weiß ich nichts mehr. Als ich dann später aufwachte, hatte ich keine Ahnung, was passiert war und wo ich bin. Ich konnte nichts erkennen.“ Er schluckte, „aber ich fühlte, dass ich nackt war. Jemand hatte mir meinen Fellschurz heruntergerissen, mich geblendet, gefesselt und geknebelt. Ich hatte aber die Stimme des Schamanen erkannt, er hat mich verspottet und schlecht über dich, Vater, gesprochen. Dann hat er mich gepackt und fortgeschleppt. Ich bin wieder ohnmächtig geworden und hab dann gemerkt, dass ich immer noch gefesselt in die frische Fallgrube geworfen worden war. Der Schamane, er stand oben am Rand, hat mich verhöhnt und wollte, dass mich das Untier dort findet und frisst.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen, „ich weiß nicht wie lange ich dort gelegen hab… Aber habt ihr mich denn gar nicht vermisst oder gesucht?“
Bogo hatte erstaunt der Erzählung seines Sohnes gelauscht. Er schüttelte ungläubig den Kopf. „So ein falscher Aasfresser.“ Er atmete schwer. „Ich erinnere mich noch genau, doch, als Ango am Abend dann allein nackt in die Siedlung kam und nach dir fragte, warst du nicht zu finden. Wir haben alles abgesucht. Ango hat mich auch zu euerem Versteck im Schilf geführt, aber… Selbst Unkido, diese elende Schlange hat so getan, als ob er fleißig nach dir suchen würde… Dabei hat er also genau gewusst, wo du warst.
Aber seit dem Abend war auch er verschwunden, unauffindbar.“
Ratlos sah er Uglo an, „aber warum wollte er dich töten?“
Uglo zuckte mit den Schultern, „ich weiß es auch nicht so genau, aber vielleicht, du erinnerst dich, als er von einem Vielfraß gesprochen hatte, habe ich ihm vor allen Männern der Sippe widersprochen und gesagt, dass die Spuren von einem anderen Untier stammen müssten. Er war furchtbar wütend geworden. Aber da ist noch was anderes, Vater…“
Uglo hatte seinen Blick gesenkt, „wir haben es niemandem erzählt, weil, er hat uns gedroht, dass der Federgeist uns bestrafen würde, weil wir beide miteinander, na du weißt... Aber wir, also Ango und ich, wir mussten schon als Knaben immer wieder zu ihm allein in sein Zelt kommen, ihm zu Willen sein. Dort mussten wir unsere Felle ablegen und uns dann, dann…“ Er schluckte. „Aber auch bei ihm und er hat uns oft wehgetan, mit seinem… das war so beschämend… Immer öfter sollte ich auch allein mit ihm in den Wald gehen, zum Spurenlesen, da hat er dann… Manchmal sollte auch nur ich allein in sein Zelt kommen…“
Bittend sah er Bogo an, „Vater er hat uns doch gedroht, dass er…“, er brach ab.
Nach einer längeren Pause, in der der Sippenälteste fassungslos zugehört hatte, saß er in Gedanken versunken da.
Uglo fuhr fort. „Aber nach dem letzten Winter haben Ango und ich uns geweigert, wieder zu ihm zu gehen. Er hat uns immer wieder gedroht, wenn wir etwas verraten würden… und immer wieder befohlen zu ihm zu kommen. Wir haben sogar schon daran gedacht, ihn zu töten. Aber wir haben die Rache des Federgeistes gefürchtet.“
Bogo nickte.
„Ja und dann, in der Dunkelheit, kam er zu mir an die Fallgrube und wollte mich verschleppen, um mich zu töten, weil wir uns geweigert haben und ich seine Geheimnisse kannte, aber ich konnte ihn in die Grube stoßen… Er hat mich verwünscht, mit einem Fluch, dass ich nie wieder in die Sippe zurückdarf und nie ein Mann sein kann, der die Sippe mehren kann. Hinter mir habe ich das Gebrüll des Höhlenbären vernommen und gesehen, wie er in die Grube gestiegen ist… Ich bin dann zum Fluss gelaufen, nur weg dort. Dann war da nur noch das erbärmliche Kreischen des Zauberers, das Knacken von Knochen zu hören. In der Stille danach war das laute Schmatzen der Bestie zu vernehmen. Vater, ich habe den Zauberer dem Bären ausgeliefert, ihn getötet.“
Angstvoll schaute er dem Sippenältesten ins Gesicht.
Der winkte nur ab, „er hat die Strafe erfahren, die die Geister für ihn bestimmt hatten. Aber du, mein Sohn, du warst sehr tapfer.“
„Als ich am Fluss saß, begann ein fürchterliches Gewitter und ein mächtiger, unbändiger Blitz hat in die alte Eiche dort eingeschlagen… blaue Geisterfeuer erschienen und zogen mich in den Fluss, der mich sofort verschlang, weiter weiß ich aber nicht mehr...
Irgendwann bin ich dann wieder aufgewacht, aber…“
Er traute sich nicht, weiterzusprechen.
Als ob er spüren würde, dass Uglo ihm etwas verheimlichen wollte, sah Bogo
ihm streng in die Augen.
„Nun gut, auch wenn du vielleicht keinen eigenen Sohn zeugen kannst, weil du mit einem Mann deine Höhle teilen wirst, wenn du dann Anführer der Sippe bist, wird sich zeigen, dass das Orakel Recht behalten wird. Die Sprache des Blutes ist nicht entscheidend, Tapferkeit, Umsicht und Gerechtigkeit sind die Tugenden eines Ältesten…“
Uglo fühlte sich unbehaglich, unsicher nickte er.
Er spürte, dass dies nicht der richtige Augenblick war, um Bogo zu erzählen, was mit ihm damals wirklich geschehen war. Ihm zu beschreiben, was er erlebt hatte.
Dass er in einer anderen Welt einer neuen Liebe, Tom, begegnet war, über ihre Zuneigung, Gefühle füreinander und die vielen unerklärlichen Dinge, die er in der fremden Welt erlebt und gesehen hatte. Niemand würde ihm glauben…
Doch die Erinnerung an die schönen Stunden in seinem Leben saßen unzerstörbar in seiner Brust. Ob er Tom je wiedersehen würde…?
Vielleicht würde er all das eines Tages mal Ango erzählen…? Ob der ihm glauben würde?
„Ehrbarer Vater, darf ich dich etwas fragen?“
Bogo schaute ihm angestrengt ins Gesicht und nickte zögerlich.
„Vater, warum hab ich meine Mutter noch nicht gesehen und auch meine kleine Schwester Akai hat mich noch nicht begrüßt, sie haben mir dort in der Fremde sehr gefehlt.“
Er bemerkte, dass der Körper des Alten noch etwas mehr zusammensackte, seine Augen erschienen ihm auf einmal müde, sie verloren ihren Glanz…
Lange schwieg der Sippenälteste. Tränen füllten seine glanzlosen Augen, als er schließlich leise begann, zu erzählen.
„Es geschah gleich in dem Winter, nach dem du verschollen warst. Deine kleine Schwester ist in diesem Winter sehr schwach geworden, bestimmt hat auch sie der böse Fluch des Schamanen noch erreicht. Sie wurde immer hinfälliger… wollte nicht mehr essen. Schließlich hat der Federgeist noch bevor das Licht des neuen Frühlings aufstieg, sie zu sich genommen. Deine Mutter hat den Schmerz über den Verlust ihrer beiden geliebten Kinder nicht verwinden können. Auch sie wurde immer kraftloser, konnte nicht mehr mit den Frauen in die Wälder gehen. Sie lag lange gebrechlich in unserer Höhle, eines Tages ist sie in aller Stille am frühen Morgen in den Fluss gegangen, der sie fortgetragen hat auf die große Reise.“
Uglo war erstarrt. Nur ganz allmählich begriff er, was sein Vater ihm gerade berichtet hatte. Ein unermesslicher Schmerz stach in seine Brust, umkrampfte sein Herz und ließ ihn laut aufschluchzen. Einen ähnlichen Schmerz hatte er erst gestern gespürt, als er Tom am Fluss für immer verloren geben musste.
Allmählich kehrten seine Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Eine innere Spannung erfasste Uglo.
Was hatte Bogo gerade über ihn und Ango noch gesagt?
„Vater, wie soll ich deine Worte verstehen, dass ich mit einem Mann, also Ango die Höhle teilen werde, was werden die Alten sagen und hat er nicht Frau und Kinder…?“
Bogo schüttelte den Kopf, „Mein Sohn, Ango, er hat, er ist…“ Er holte tief Luft. „Ango ist inzwischen wie ein Sohn für mich geworden, so seid ihr eigentlich Brüder. Er hat damals, nachdem du spurlos verschwunden warst, den Kopf verloren. Noch lange Zeit danach hat er immer noch überall nach dir gesucht. Er hat sich die Schuld an deinem Schicksal, deinem Tod gegeben. Er meinte, wenn er dich nicht allein gelassen hätte… Er hatte mir im Vertrauen seine Liebe zu dir gestanden und auch alles über eure Geheimnisse und Abenteuer im Schilf, beim Baden und im Wald erzählt…“
Uglo war ganz blass geworden, mit hochrotem Gesicht starrte er seinen Vater an.
„In seiner Not und um sich wohl selbst zu beweisen, dass er ein Mann ist, hat er sich von Irana verführen lassen. Was Ango nicht wusste, Irana aber sehr wohl, sie ist seine Halbschwester. Du weißt, dass eine solchen Blutsverbindung in unserer kleinen Gemeinschaft nicht geduldet werden kann, nicht sein darf, da sie die Sippe zerstören kann. Außerdem hat sie ihn verführt, obwohl er noch nicht das Mannbarkeitszeichen trug. Sie brachte bald darauf einen Knaben zur Welt, der zum großen Glück für die drei gesund war. Nur wegen Angos Jugend und weil der Knabe gesund blieb und nur mit meiner Stimme, die die entscheidende war, hat der Ältestenrat der Sippe sie geduldet. Ansonsten wären alle drei verstoßen worden. Eine weitere Bedingung war, dass Ango Irana zur Frau nimmt. Niemand außer mir, ja und nun auch dir, weiß aber von Angos Sehnsucht nach dir. Und so kannst du dir vorstellen, dass Ango nicht glücklich ist und nun bist du auch noch wieder zurück.“ Uglo hatte mit klopfendem Herzen zugehört, erschüttert saß er zusammengesunken am Feuer.
„Aber ich kann es nicht glauben, er ist doch inzwischen ein Mann, ich nur ein Jüngling und da waren doch zwei Kinder, hat er mit wieder ihr…?“ Die Enttäuschung in seiner Stimme war nicht zu überhören, er brach ab.
Bogo schüttelte wieder den Kopf. „Das andere Kind, das du gesehen hast, ist das Kind von Iranas Schwester, der Vater des Kindes ist unbekannt, sie ist bei der Geburt gestorben und hat das Geheimnis mit sich auf die Reise zu den Geistern der Ahnen genommen. Nein Uglo, das Schicksal hat Ango noch schwerer getroffen… Gleich im ersten Sommer nach deinem Verschwinden, Ango sollte beim nächsten Vollmond die Mannbarkeitsweihe, also das Federzeichen bekommen, hat uns eine Gruppe der Krieger von der Sippe der Schwarzen Raben überfallen. Die meisten unserer Männer waren gerade zur Jagd. Außer den Frauen und Mädchen waren nur Ango, ein paar jüngere Knaben und alte Männer in der Siedlung. Die Krieger kamen, um junge Mädchen für ihre Sippe zu rauben. Sie hatten drei der Jungen, den kleinen Margo und Bergo, den Sohn von Takano und Enko, gefangen genommen, sie gefesselt und gefordert, dass sie drei junge Mädchen dafür bekommen, sonst würden sie die Jungen töten. Ango war in den Wald gelaufen und hatte die Männer zur Hilfe geholt. Als sie in der Siedlung ankamen, entbrannte ein heftiger Kampf, bei dem Taglo, Angos Vater, den Anführer der Schwarzen Raben erschlug, bevor er selbst von den Speeren der fremden Krieger durchbohrt, tödlich getroffen zu Boden sank. Wir haben den Kampf verloren, was konnten wir gegen die kriegerischen Raben schon ausrichten? Aber aus Rache dafür, dass ihr Anführer getötet wurde, haben sie Taglos Sohn, also Ango, in der Mitte der Siedlung an einen Pfahl gefesselt, ihm das Fell heruntergerissen und vor den Augen all unserer Männer“, Bogo brach in Tränen aus, der Schmerz der Erinnerung überwältigte ihn… er konnte nicht gleich weitersprechen. „Sie haben ihn vor aller Augen mit einem Messer seiner Männlichkeit beraubt…“
Bogo stöhnte auf. Uglo hatte vor Entsetzen die Augen weit aufgerissen.
„Sie haben was, ihm die… nein!“
„Zum Glück war Ango ohnmächtig geworden. Seine Lebensspender haben sie mit Triumphgeschrei in den Fluss geworfen und den Jungen einfach liegen lassen und noch gelacht. Nie wieder sollte er einen Sohn zeugen können und nie wieder sollte es jemand wagen… Sie haben die Mädchen mit sich genommen. Die alte Großmutter Kuchola hat damals noch gelebt und ihm das Leben gerettet, bevor alles Blut aus ihm herausgelaufen war. Einige Monde hatte Ango mit dem Tod gerungen, um sein Leben gekämpft. Als er dann wieder zu Kräften gekommen war, haben wir ihm aus Dankbarkeit, trotz allem das Mannesritual angedeihen lassen, ihm das Federzeichen in den Rücken gebrannt. Er hat es, wie du damals, ohne Klage ertragen.“
Uglo versank in einem Weinkrampf…
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