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Uglo der Steinzeitjunge

Teil 21 - Der Atem der Jahrtausende - Zeitlose Sehnsucht zwischen Raum und Zeit

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

Im Bann der Ahnen - heimliche Glut unter der Haut

Schon im Arm des aufpeitschenden Wassers gefangen, hatte er noch einen Blick zurückwerfen können. Nur noch schemenhaft erkannte er die Gestalt des Jungen, der sich vor Schmerz und Gram krümmte. Dort stand er, der, dem er in den letzten Stunden sein Herz geschenkt hatte, dem er verfallen war. Der ihn, in der für ihn fremden Welt, seine absolute Zuneigung und noch viel mehr geschenkt hatte… Die unnatürlich weit aufgerissenen Augen des Jungen blickten flehentlich in seine Richtung. Ein verzweifelter, gellender Schrei schien seinen weit geöffneten Mund zu verlassen. Ein Schrei, der im ohrenbetäubenden Donnern des reißenden Flusses ertrank. Uglo sah die Lippen sich formen, hörte aber nichts außer dem gnadenlosen Tosen der Wassermassen. Mit einem letzten Blick zurück sah er, dass der Junge dort am Ufer zusammenbrach.

Er hatte kein Ertrinken, keine Kälte und keine Nässe gespürt – nur ein Gefühl, als würde er fallen, ohne jemals den Boden zu erreichen. Seltsamerweise hatte er auch keine Angst empfunden, nur eine unendliche Traurigkeit hatte ihn erfasst.

Mit nasser Haut, seine feuerroten Haare wirr verstrubelt und nackt, lang hingestreckt auf dem Rücken liegend, fühlte sich beobachtet. Ein ungewisses Murmeln oder leise Stimmen drangen in sein Unterbewusstsein. Die helle Morgensonne blendete ihn unter den noch geschlossenen Lidern und zwang ihn zu blinzeln. Mit einem seltsamen Gefühl erwachte er schließlich ganz.

Als er sich aufsetzte und umschaute, fand er sich am Ufer des Flusses in seiner Siedlung gegenüber den Höhlen der Sippe wieder. Bis auf ein paar kleine, unbekleidete Kinder, die um ihn herumstanden und flüsternd den unbekleideten jungen, fast erwachsenen Fremden neugierig musterten, war der große Platz fast menschenleer. Sein Blick wanderte zur Mitte der Siedlung, er sah das große Feuer, an dem eine ihm unbekannte uralte Frau gerade wieder ein paar Holzscheite nachlegte.

Weit im Hintergrund erkannte er fassungslos das Schamanenzelt. Ein fröstelndes Zittern erfasste seinen Körper, ein unerklärliches Beben, Angst war nicht das richtige Wort dafür - Panik kam in ihm auf. Die unheimliche Erinnerung an beklemmende qualvolle Stunden an diesem Ort, wie oft musste er dort, oft auch mit Ango gemeinsam, dem Schamanen zu Willen sein… plötzlich stoben die Kinder auseinander.

Als Uglo sich umdrehte erschrak er, den jungen, muskulösen Mann, dessen blonde Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden waren und dessen Lenden nur von einem groben Fellschurz bedeckt wurden, hatte er nicht bemerkt. Er war mit einem langen Speer bewaffnet und hatte ihm wohl schon eine kleine Weile auf den Rücken gestarrt... Ernst blickte er auf den am Boden sitzenden Jüngling. Jetzt bemerkte er irritiert, dass der junge Fremde vollkommen nackt war. „Du trägst das Federzeichen unserer Sippe auf dem Rücken, wer bist, woher kommst du?“

Uglo schaute dem Mann ins Gesicht, eine unbewusste schmerzhafte Erinnerung stieg in ihm auf. Woher kannte er ihn? War das etwa… Ango? Aber das konnte nicht sein, Ango war eigentlich in seinem Alter, aber dieser junge Mann war eindeutig erwachsen. Er war sich nicht sicher, vor seinen Augen erschien das letzte Zusammensein mit Ango einige Tagen zuvor in ihrem Versteck im Schilf, als er den strahlend weißen Körper seines schlafenden Freundes mit den Augen erkundete, seine Finger hatten mehr gewollt, jedoch mehr hatte er sich nicht gewagt… unsicher schaute er den Mann an.

„Wer… wer bist du?“ Die zögerliche Stimme des Kriegers riss ihn aus seinen Gedanken, er flüsterte, „Ich kannte einst einen Jungen, der dir sehr ähnlich sah. Er hieß Uglo. Er verschwand an einem unheilvollen Tag – demselben Tag, an dem unser Schamane spurlos verschwand. Seitdem wurden beide nie wieder gesehen.“

Wie gebannt starrte Uglo jetzt seinem Gegenüber in die Augen, er konnte sich diesem Blick nicht entziehen. In Gedanken tasteten seine Finger nach der goldenen Kette um seinen Hals. Er bemerkte, dass sich die Augen des jungen Mannes schlagartig weiteten. Der Glanz der goldenen Kette an Uglos Hals schien ihn wie ein Blitz zu treffen. Er erstarrte, dann fiel er auf die Knie.

„Uglo? Bist du es wirklich Uglo, der Sohn des edlen Bogo? Ich werde dich sofort zum alten Bogo führen — er muss erfahren, dass sein Sohn zurück ist, dass sich die Prophezeiung erfüllt hat!“

Uglo, der kein einziges Wort dieser ehrfurchtsvollen Rede verstand, erhob sich, trat einen Schritt vor und fasste dabei instinktiv das Fahrtenmesser, das er noch immer in der Hand hielt, fester. Die Sonne ließ den Stahl der Klinge aufblitzen. Ein kurzer Lichtstrahl fuhr über die Felsen.

Der Mann zuckte heftig zusammen und wich ein wenig zurück. Er schien den Strahl für ein heiliges Zeichen zu halten. Ungläubig musterte er kurz noch einmal Uglos muskulösen Körper vom Kopf bis zu den Füßen und warf sich schließlich vollständig zu Boden.

Verblüfft trat Uglo weiter auf den Liegenden zu und wollte ihn hochziehen. „Was… was soll das? Was bin ich? Und wer bist du, bist du… du bist Ango? Steh auf, ich bin doch dein…“

Der Mann hob zitternd den Kopf. „Erinnerst du dich wirklich nicht? Ja, ich bin Ango, Sohn des Taglo. Als Jungen waren wir…“ In seine Augen kam ein feuchter Schimmer, er seufzte tief und räusperte sich dann, „wir waren beste Freunde. Ich habe dich immer geliebt, immer vermisst…“ Uglos Herz begann wieder wie wild zu schlagen…

Unvermittelt trat eine wunderschöne junge Frau, die in der Blüte ihres Lebens stand, neben sie. Sie hatte einen kleinen nackten blonden Jungen an der Hand, auf dem Arm trug sie ein in ein Fell gewickeltes Kleinkind.

Uglo starrte sie an. Entgeistert und fragend wanderte sein Blick von der jungen Frau und den Kindern zu Ango und wieder zurück. Er schüttelte ungläubig und verwirrt den Kopf.

„Uglo, das, das ist… also das ist meine, meine Frau - Irana, du kennst sie…“

„Aber, wieso, ich war doch nur zwei Tage und Nächte… Und warum bist du… du bist, hast…?“

Ango schüttelte bestimmt den Kopf, seine Stimme drang weich, beinahe traurig, in Uglos Bewusstsein. „Nein, du warst lange fort, Uglo, fast vier Winter, das ist sehr lange…“ Uglo sackte in sich zusammen…

Bald darauf stand Uglo zwischen gespannten Tierhäuten am knisternden Feuer vor seinem Vater Bogo, dem Ältesten der Sippe der Fliegenden Feder und starrte in die Glut. Sein Vater, einst stark genug, um mit einem einzigen Speerstoß ein Büffel zu Fall zu bringen, saß nun zusammengesunken auf einem Fell. Die Sorge um seinen verschollenen Sohn hatte ihn rasch altern lassen. Der Gram hatte ihm die Kraft aus den Armen gezogen und selbst sein Atem klang mühsam wie der Wind in einer engen Felsspalte. Uglo war erschüttert, wie war das möglich? Erst vor ein paar Tagen hatte er mit ihm noch…. Er verstand es nicht.

„Tritt heran mein Sohn.“ Langsam, wie benommen, löste Uglo sich aus dem züngelnden Schein des Feuers, als wäre er mit den Gedanken in einer anderen Welt. Die Schatten tanzten über sein Gesicht, flüsterten stumme Zweifel, während er langsam näher an den ehrwürdigen Mann herantrat. Mit bebenden Knien sank er vor ihm nieder und umschloss zitternd dessen Hände – rau, warm, von der harten Arbeit und den Kämpfen gezeichnet.

„Das Orakel hat es vorausgesagt, es ist so bestimmt. Du wirst schon bald neuer Anführer unserer Sippe.“ Uglo schluckte. Das Knistern des Feuers klang plötzlich wie höhnisches Lachen des Schamanen in seine Ohren.

„Aber Vater… ich bin noch nicht bereit. Ich bin noch so jung. Wie soll ich…? Wie werden die Alten flüstern, wenn der heilige Rauch sich legt?“ Uglo schlug die Augen nieder, schwieg unsicher…

Bogo hob den Blick. In seinen Augen glomm ein Licht, Hoffnung – und etwas Unergründliches – lag darin verborgen. Stolz und Gewissheit. Eine Gewissheit, die Uglo nicht teilte. „Du trägst das Mal“, murmelte er. „Zwischen deinen Schultern brennt das Feuermal – das Zeichen des Erwählten. Der Große Federgeist hat dich berührt, noch ehe du deinen ersten Schrei tatest. Er hat dich zum Mann geweiht. Du bist gebunden an sein Flüstern. Auserwählt.“

„Das Orakel hat gesprochen“, wiederholte er leise und bestimmt. Seine Stimme, die keinen Widerspruch duldete, erfasste die Seele von Uglo wie ein ferner Donner in der Nacht. „Die Ahnen haben einst in der Urnacht des Nordlichtes deinen Pfad bestimmt. Es ist der Wille der Götter, deine Spur der Zeit. Noch bevor mein Atem verweht, wirst du an meiner Statt stehen. Du wirst die Sippe führen. So wird es sein!“

„Aber was, wenn ich im entscheidenden Moment zögere? Wenn ich nicht stark genug bin? Wenn der Federgeist in mir nichts findet außer Angst?“ Der Zweifel saß in seiner Brust wie ein schwerer Stein. „Vater, dann ist da noch etwas…“ Er traut sich nicht weiterzusprechen und verstummte entmutigt.

Bogo schwieg einen Moment und in diesem Schweigen wuchs Uglos Unruhe. Er hörte das eigene Blut rauschen, lauter als jedes Orakel.

Mit einer langsamen, beinahe feierlichen Bewegung löste Bogo seine Hände und wischte die Zweifel fort, als verscheuche er unsichtbare Schatten.

„Ein Anführer darf zweifeln“, sagte Bogo schließlich. „Aber er darf sich nicht von seinem Zweifel beherrschen lassen.“

Uglo erhob sich langsam und verneigte sich tief. Sein Rücken war nicht stolz, sondern angespannt, als ob eine riesige Last auf seinen Schultern liegen würde.

Wenn dies sein Weg war, dann führte er durch Schatten und Dunkelheit.

„Die Seherin“, fuhr Bogo fort, seine Stimme war nun kaum mehr als ein Wispern, „hat in geheimer nächtlicher Vereinigung mit dem Federgeist im heiligen Hain, getragen von Nacht, Nebel und Erdkräften zwischen Wurzeln, Mondlicht und flüsternden Bäumen Kunde erhalten. Nach weniger als so vielen Vollmonden“, er hielt dabei einige Finger beider Hände gespreizt in die Luft, „wird noch in diesem Sommer der Himmel bluten. Ein großer, roter Federmond wird aufsteigen – das Zeichen unserer Vorväter. Dann wird deine Stunde kommen. Deine Weihe. Dein Schwur. Dein Aufstieg.“

Die Glut spiegelte sich in seinen Augen wie ein fernes, unheilvolles Omen. Er schwieg.

Uglo senkte den Blick und schluckte, „sechs“ entfuhr es ihm. Ein Windstoß fuhr in diesem Moment die Höhle hinein und ließ die Flammen hoch auflodern. Für einen Herzschlag schien es Uglo, als formte der Windhauch einen Namen in sein Herz – TOM.

„Was?“, fragte Bogo überrascht.

Uglo schlug die Augen nieder, er antwortete nicht.

„So mein Sohn und nun setz dich zu mir und berichte, wo du so lange gewesen bist und was du erlebt hast.“

Uglo erwachte aus seiner Erstarrung. „Äh, was hast du gesagt, ehrwürdiger Vater…?“

Ein stummer Schrei – heimliche Glut unter der Haut

Der blonde Junge lag regungslos. Er fühlte sich kraftlos, maßlos erschöpft. Eine bleierne Müdigkeit hielt ihn gefangen, als hätte etwas all seine Kraft aus ihm gesogen. Mit geschlossenen Augen lauschte er den Geräuschen um ihn herum und versuchte, sich an den Traum zu sich erinnern, der ihn jäh aus dem tiefen Schlaf gerissen hatte. Er entsann sich daran, dass er im Traum am Fluss gewesen war. Ein farbiger Lichtstrudel, einhergehend mit einem immer stärker werdenden, ja tosenden Rauschen hatte das Wasser anschwellen lassen.

Vor seinen Augen tauchte undeutlich das Bild eines Jungen auf, der dort am Flussufer stand und sich nach ihm umdrehte. Seltsamerweise war dieser Junge unbekleidet und winkte ihm mit traurigem Blick zu. Sein Bild war verschwommen gewesen, wie hinter einem Schleier aus Zeit. Und doch kannte Tom ihn. Warum war ich dort am Fluss?

In seinem Traum hatte der Fluss noch intensiver zu leuchten begonnen.

Zuerst nur an einer kleinen Stelle, dann breitete sich das Licht spiralförmig aus, als würden unsichtbare Hände das Wasser verwirbeln. Zwischen den Wellen brach ein warmgoldener Schimmer hervor – unnatürlich, grell strahlend. In der nächsten Sekunde schoss ein Wasserarm mit purer Energie hervor, packte den nackten Jungen um die Hüfte und zog ihn hinunter, bevor er schreien konnte. Mit wirbelnden Armen versank er in den Wellen, wurde von der Strömung sofort verschluckt.

Tom wusste noch, dass er an dieser Stelle im Traum mit schaurigem Entsetzen zusammengezuckt war, ohnmächtig konnte er nur zusehen, wie der gewaltige Sog den Jungen mit sich nahm.

Verwundert bemerkte er jetzt, dass ihm Tränen unter den Augenlidern hervorquollen. Schlagartig riss er die Augen auf. Über ihm schien die Sonne durch das Zeltdach. Leise hörte er fernab das Rauschen des Flusses. Ein rasender Schmerz schoss ihm in diesem Moment in die Brust. Mit einem lauten Schrei fuhr Tom von seiner Schlafstatt auf - nein es war kein Traum!

Er hatte es wirklich erlebt - Uglo war vom Fluss mitgerissen worden!

Uglo!

Der Name zerbrach auf seinen Lippen. Etwas griff nach seinem Herzen, wie eine grausame unerbittliche Hand, schnürte ihm die Luft ab. Ein Schmerz, wie von einer eisernen Faust erfasste ihn, presste ihm die Brust zusammen. Hemmungslos schossen ihm nun die Tränen über das Gesicht.

Alle Erlebnisse der letzten beiden Tage und Nächte erfassten ihn wieder. Seine erste Begegnung mit dem Steinzeitjungen, dessen warme, leuchtend strahlenden Augen. Seine ersten tastenden Berührungen am Fluss und die gemeinsamen schweren Stunden der Trennung… und die bedingungslose Zuneigung, die sie sich gezeigt hatten im Schilf, im Fluss…

Tom meinte die flauschig samtigen fellartigen Härchen auf Uglos Haut zu fühlen und die rauen streichelnden Finger des wilden Burschen auf seinem Körper zu spüren. Im Schilf, verborgen vor der Welt, hatten sie einander entdeckt. Er meinte noch die weiche Wärme von Uglos starkem Körper zu spüren, seine rauen Hände, die ihn mit staunender Zärtlichkeit erkundeten und verzauberten. Haut an Haut, mit atemlosen Lippen – und betörendem Zungenspiel. Eine für beide so nie erlebte, erste, überwältigende Nähe, die sie gemeinsam erfasst und bis ins Innerste erschüttert hatte – fremd und doch vertraut, als wären ihre Seelen schon immer eins gewesen.

Dieser erlösend berauschende Höhepunkt seines jungen Körpers, den er mit Uglo gemeinsam erlebte… unschuldig und grenzenlos zugleich.

Ein wohliger Schauer durchfuhr seinen Körper, in der Erinnerung zogen sich seine Kugeln wieder fester nach oben, sein kleiner Speer machte sich stürmisch bemerkbar. Suchend tastete sich eine Hand zu jener beglückenden Stelle. Die andere umkrampfte schmerzhaft eine blaue Turnhose, die er selbst in seiner Ohnmacht fest an sich gedrückt hatte. Tief sog er den verbliebenen Duft des geliebten Körpers in sich ein…

Mit einem erstickten, verzweifelten Stöhnen ließ er sich überwältigt von Verlust und Sehnsucht wieder auf seine Liege fallen.

Er vernahm ein leises Geräusch. Behutsam wurde der Zelteingang geöffnet… der Reißverschluss glitt Zentimeter um Zentimeter nach unten.

Tom hielt den Atem an.

Ein schmaler Lichtstreifen fiel ins Zelt – und ein Schatten. Für einen Moment glaubte er an das Unmögliche, er wagte nicht aufzusehen. Blinzelnd nahm er umrahmt von den einfallenden Strahlen der Morgensonne eine große Gestalt im Eingang wahr, mächtig, stark und doch vertraut. Leicht verwirrt, aber hoffnungsvoll und erstaunt hob er jetzt den Kopf und richtete seinen Oberkörper auf. Sein Herz hämmerte so laut, dass er das Blut in seinen Ohren rauschen hörte.

„Papa…!“, enttäuscht ließ sich Tom auf das Kissen zurückfallen. Unwillkürlich schossen ihm die Tränen der Verzweiflung aus den Augen.

Ohne etwas zu sagen, setzte sich sein Vater zu ihm auf den Rand der Campingliege. Sanft, zärtlich und verständnisvoll strich er seinem Jungen über den Kopf. Lange rührte sich Tom nicht. Erst nach einer ganzen Weile drehte er sich zu seinem Papa um und kuschelte sich an ihn.

„Warst du am Fluss, hast du ihn noch gesehen?“ Er hob den Kopf und schaute seinen Vater fragend mit tränennassem Gesicht an. Stumm schüttelte der Vater den Kopf. Er musste schlucken. „Nein, mein Lieber, ich hab es nicht mehr geschafft, ich...“ Wieder musste er schlucken. „Ich hörte dich schreien, bin zum Fluss gekommen und hab dich unten am Ufer gefunden, du warst ohnmächtig und hast die blaue Turnhose von Uglo fest in deiner Hand gehalten. Ich hab dich dann zurück getragen und Mama und ich haben dich ins Bett gebracht.“ Wieder herrschte eine Weile Schweigen. Tom schien in Gedanken, weit entrückt. Seine Brust hob und senkte sich erregt, seine Augen weiteten sich, so als ob er das Erlebte noch einmal vor sich sehen würde. Starr vor Entsetzen und Kummer durchlebte wieder die schrecklichen Augenblicke am Flussufer. Wieder warf er sich weinend in die Armen seines Papas. „Komm, Großer - magst du dann aufstehen, wir müssen dann wieder…“ Tom nickte nur stumm und schlug die Decke zurück. Die blaue Turnhose hielt er fest in seiner Hand.

Etwas später hatten die Eltern alle Sachen zusammengepackt und bereits im Auto verstaut. Alles war für die Heimfahrt bereit, abwartend standen Mama und Papa am Wagen und schauten liebevoll zu ihrem Jungen, der die ganze Zeit abseits schweigend und wie abwesend auf einem Baumstamm gesessen hatte. „Tommy, kommst du bitte?“ Seine Mama hatte ganz leise gesprochen. Tom zuckte kurz zusammen, als er angesprochen wurde. „Ja, klar“, hauchte er. Er zögert kurz „Mama, Papa - darf ich nochmal kurz an den Fluss, nur noch fünf Minuten, bitte, ja?“ Seine Eltern schaute sich an, als ob sie überlegen würden. Dann nickte der Vater. „Aber bitte Tom, wirklich nur fünf Minuten. Oma wartet dann bestimmt schon mit dem Mittagessen auf uns. Dein Lieblingsessen - Nudeln mit Omas leckerer Tomatensoße. Und nimm bitte dein Handy mit.“

Tom nickt wieder nur stumm, wandte sich um und trottete zum Fluss, wo alles begann, was ihm im Moment von Bedeutung war. Dass sein Vater ihm sicherheitshalber mit einem gewissen Abstand folgte, bemerkte er nicht.

Er setzte sich an die Stelle im Schilf, wo sie sich so nah gekommen waren, wie es nur Menschen können, die sich lieben. Ja, es war etwas geschehen, was eigentlich nicht sein konnte und auch nicht sein durfte - er hatte sich in Uglo verliebt. In einen Jungen, noch dazu aus einer anderen Zeit… Ob das je jemand verstehen konnte? Nein, er weinte nicht, er fühlte nur eine unendliche Traurigkeit und Leere in sich.

Auf der Rückfahrt in die Stadt herrschte Schweigen im Auto, Tom, der sonst jeden Song im Autoradio mitsang, Witze erzählte oder Mama und Papa mit allen möglichen und unmöglichen Fragen löcherte - er schwieg. Er bemerkte auch nicht die fürsorglichen Blicke, die Mama oder Papa immer wieder im Rückspiegel nach hinten schickten. Sie kannten ihren Jungen genau, er würde sich ihnen zu gegebener Zeit anvertrauen.

Auch Oma war ein bisschen enttäuscht darüber, dass Tom in seinem Lieblingsessen, das sie extra für ihn bereitet hatte, nur herumstocherte, kaum etwas davon aß. Aber sein Papa hatte sie vorher heimlich beiseite genommen und ihr bedeutet, dass Tom sehr traurig war, weil er einen Freund verloren hatte. Später würde er ihr bestimmt alles erzählen. Sie erschrak zwar, fragte nicht weiter nach. Sie war eine tolle, verständnisvolle Oma, die ihren Enkel über alles liebte und ihm immer, immer zur Seite gestanden hatte. Und so zeigte sie ihm auch in seinem Kummer, dass sie ihn immer lieben wird, ohne ihn zu bedrängen oder zu fragen. Am späten Nachmittag dann zu Hause, wollte Tom erstmal allein sein. Seine Eltern zeigten dafür Verständnis, baten aber darum, dass er zum Abendbrot wieder nach unten kommen soll. Während Mama und Papa begannen das Auto auszuräumen, stapfte Tom, seinen großen Rucksack auf dem Rücken, hoch in sein Zimmer in der ersten Etage.

Er schob die Tür zu seinem Zimmer ein wenig auf und blieb abwartend stehen. Es war alles wie immer. Sein Schreibtisch, sein MacBook, die Regale, der Schrank, die Sportposter an der Wand und sein Bett.

Nein!!!

Nichts war wie immer!!!

Achtlos ließ er den Rucksack auf den Boden fallen und warf sich auf sein Bett. Langgestreckt auf dem Bauch lag er einen Moment grübelnd da, mit einem Ruck vergrub er seinen Kopf im Kissen und begann bitterlich zu weinen. Ein richtiger Weinkrampf erschütterte den kleinen Körper des Dreizehnjährigen, er konnte sich eine ganze Weile nicht beruhigen.

Etwas später zog er sein Handy aus dem Rucksack, fieberhaft kontrollierte er, ob die beiden Kerle auf dem Zeltplatz etwas damit angestellt hatten. Er sah, dass sie mehrfach versucht hatten, das Gerät zu entsperren, aber erfolglos geblieben waren. Er atmete auf, hastig scrollte er die letzten Fotos durch, da – da war das Foto, das er am ersten Abend von Uglo gemacht hatte, mit einem breiten Grinsen erinnerte er sich jetzt daran, wie erschrocken Uglo vom Blitzlicht war und wie er sich ehrfürchtig vor ihm auf den Boden geworfen hatte. Tom lächelt – Uglo - sein Uglo… Sein Lächeln endete jäh. Was wusste er eigentlich von Uglo? Ob Uglo in seiner Welt vielleicht schon einen anderen Freund oder sogar eine Freundin…? Mit denen er?

Er wurde unsicher. Aber nein, die vielen innigen und vertrauten Momente in ihrer kurzen Zeit sprachen nicht dafür, hätte er dann am letzten Abend am Fluss…? Nein! Ein kleiner Rest Unsicherheit blieb.

Unvermittelt summte sein Handy, eine Nachricht von Lukas, seinem Klassenkameraden und besten Freund. „Morgen erst zur zweiten Stunde, Englisch fällt aus. Kommst du früh zu mir, wir können noch daddeln?“

Sie waren sehr vertraut miteinander, hatten viele gemeinsame Geheimnisse, nein nicht so wie mit Uglo. Soweit waren sie noch nicht gegangen, sie hatten sich zwar schon mal ihre Dinger gezeigt und auch gemessen… Lukas hatte einen dickeren, der von Tom war schmaler, aber dafür etwas länger. Lukas hatte schon einen dichten krausen Haarbusch am Schwanz, Toms glatte blonde Härchen begannen gerade erst zu sprießen. Das war ihnen aber egal, sie waren eben echte Freunde, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sie konnten über alles quatschen, aber ob er mit Lukas über Uglo reden würde - na lieber nicht, der würde ihm vielleicht doch nicht glauben, von wegen Steinzeit und so. Das andere würde Tom auch Lukas nicht erzählen, es sollte für immer in seinem Herzen bleiben…

Kurz schrieb er Lukas zurück „weiß noch nicht, mal sehen, ciao!“

Wieder holte er Uglos Foto auf dem Handy nach vorn, wie schön er ist, die roten Haare schienen im grellen Licht des Blitzes bronzefarben, seine Bauch- und Brustmuskeln traten durch die entstandenen Schatten deutlich hervor. Tom holt ganz tief Luft, seine Augen hingen an Uglos braun schimmernden Brustwarzen, sie bildeten einen reizvollen Kontrast zu seiner Haut. Das Kribbeln in seinem Körper war auf einmal wieder da, wurde stärker und stärker. Er spürte, dass er hart wurde, seine Linke wanderte unter den Hosenbund, noch ein paar Mal atmete er tief ein… Tom hauchte einen zärtlichen Kuss auf den Bildschirm.

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