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Uglo der Steinzeitjunge
Teil 20 - Wenn Vergangenheit Zukunft berührt
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Informationen
- Story: Uglo der Steinzeitjunge
- Autor: Mischa Bär
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Fantasy und Mystery, Krimi, Historisch
„Also, ich bin Uglo, vom Geschlecht der Fliegenden Feder, mein Vater ist der Sippenälteste Bogo, meine Mutter heißt Arkana und meine kleine Schwester ist Akai. Wir leben seit vielen Monden hier in einer Höhle in der Siedlung, vorher, als ich noch ein kleiner Junge war, haben wir in einer anderen Siedlung gelebt, aber da mussten wir weggehen, weil… ich weiß nicht warum. Ich weiß noch, wir Knaben mussten beim Schamanen oft… meistens war ich allein bei ihm, manchmal musste auch Ango, mein Freund…“, jetzt stockte er, „also bei dem haben wir vieles gelernt. Vor dem letzten Vollmond wurde ich zum Mann geweiht, das Mal auf meinem Rücken habt ihr ja schon gesehen. Eigentlich bin ich noch etwas zu jung dafür, aber ich hatte ein Geheimnis des Schamanen entdeckt… Ich weiß nicht warum, aber der Zauberer hat mich auch vorher schon gehasst, er wollte immer, dass ich mit ihm alleine... oder manchmal auch, dass ich mit Ango zu ihm komme.“ Jetzt ging sein Blick in die Ferne, „also ich weiß nicht genau warum… Das letzte Mal hat er mich gefangen genommen, gefesselt ich war ohnmächtig… ich weiß nicht, was er mit mir gemacht hat.“ Er schluchzte auf, mit Tränen in den Augen fuhr er fort, „dann bin ich in der Fallgrube am Zugang zur Siedlung wieder aufgewacht, er hatte mich dort gefesselt und eingesperrt, der Höhlenbär sollte mich fressen aber ich…“, er schwieg. „Ich hab ihn dann in die Grube gestoßen und der Bär hat ihn…“ Seine Augen fixierten einen Punkt in der Vergangenheit. Er holte tief Luft „Ich habe den Schamanen unserer Sippe in den Tod gestoßen!“ Tom, der erstarrt zugehört hatte, war aufgestanden, hatte sich hinter Uglo gestellt und seine Arme liebevoll um den Großen gelegt. Sein Kinn lag zärtlich auf Uglos Haaren. Die Eltern von Tom schauten sich bedeutungsvoll an. Toms Mutter nickte ihrem Mann zu.
„Tom…“, sein Papa machte eine Pause, „wenn du Uglo so sehr magst, ihn… ihn so liebst, wie ich deine Mama…“, es entstand eine längere Pause. Die Jungen schauten die Eltern unsicher an. „Das gibt es nur einmal im Leben, dann solltest du dazu stehen.“ Tom strahlte und gab Uglo einen sanften Kuss auf die Haare. Seine Mama ergänzte, „danke Uglo, dass du zu unserem Jungen hältst und uns so viel von dir erzählst, das ist ganz lieb. Sagst du uns, wie alt du bist?“ Der Junge hob den Kopf und schaute ihr in die Augen, „ich weiß es nicht genau, aber ich bin mehr Winter alt, als ich Finger habe.“ Er hielt beide Hände mit gespreizten Fingern hoch. Uglos Augen leuchteten.
Tom wusste nicht, was er dazu sagen sollte. „Aber, aber warum quält ihr Uglo dann so, ihr seht doch, dass es ihm schwerfällt über das alles zu sprechen. Ich mag ihn sehr, er hat mir das Leben gerettet und wir haben heute…“ Fragend sah er zu Uglo, der erstaunt darüber war, wie mutig Tom über sie beide sprach. Er ahnte, was Tom sagen wollte und hob instinktiv seine Hand und schaute auf den inzwischen verkrusteten Schnitt auf seinem Unterarm. Erschrocken sah Toms Mama auf die Wunde, „was ist das? Was habt ihr gemacht?“ Tom sprang wieder auf, stellte sich zu Uglo und drückte demonstrativ seine Schnittwunde auf die an Uglos Arm. „Wir sind Brüder, Blutsbrüder!“ Aufgewühlt ergänzte er „ich habe ihm schon meine Kette als Talisman geschenkt, damit der ihn immer schützt. Jetzt schenke ich ihm auch mein Fahrtenmesser, er hat so etwas noch nie besessen.“ Uglo senkte den Blick, „aber Tom, das kann ich nicht annehmen…“, er flüsterte, „ich habe doch nichts, was ich dir schenken kann.“
Es herrschte absolute Stille im Zelt. Toms Mama war sprachlos, der Vater fasste sich als erster wieder, „das sind eben richtige Jungs unsere beiden. Also Blutsbrüder, ihr wisst schon, was das heißt?“ Tom nickte, „ja Papa, ein Leben lang füreinander da zu sein, zu kämpfen und zu…“, er flüsterte, „und zu sterben.“ Stille im Zelt. Erwartungsvoll schauten die Jungen die Eltern an.
„Na das wollen wir doch nicht hoffen“, Toms Mama löste das Schweigen auf. „Aber wir müssen trotzdem darüber sprechen, wie es weitergehen kann. Du weißt, dass das alles nicht ganz so einfach ist…“ Tom nickte, „ich kann doch aber auch nichts dafür, dass wir uns begegnet sind und dass wir uns… wenn Uglo nicht da gewesen wäre, dann… Ich weiß, ich hab schon versucht, mit Uglo darüber zu reden, aber wir haben keine Lösung gefunden… Wenn er mit zu uns nach Hause kommen könnte, dann, dann…“ Er zuckte mit den Schultern.
„Tom, Uglo kommt scheinbar aus einer anderen Zeit, wir wissen nicht, wie das geschehen konnte, aber… Uglo möchtest du denn überhaupt in unserer Zeit leben?“ Der Angesprochene erwachte aus seiner Starre, er hatte die ganze Zeit von einem zum anderen geschaut und hatte verstanden, dass es um ihn ging und dass es für ihn schwer werden würde, mit in Toms Familie zu leben. Er zuckte mit den Schultern, er hauchte, „ich weiß es nicht. Ich möchte bei Tom und bei euch sein, möchte ganz viel lernen, aber… Ich denke oft auch an meine Familie…“
„Wie sollen wir aber jemandem erklären, dass wir auf einmal noch einen Jungen haben, er müsste in die Schule, wir brauchen… es ist so viel, was sein bisheriges Leben von unserem unterscheidet… Unsere Welt ist so komplex, ich weiß nicht…“ „Aber Papa, Uglo ist klug, er kann unsere Sprache. Dass er behaart ist, es gibt doch auch andere Jungs, die, na und etwas zum Anziehen, er wird sich dran gewöhnen. Mama, Papa – bitte! Ich, ich…“, er stotterte, „ich mag ihn ganz sehr, als ob, na als ob er mein, mein Bruder ist.“
Toms Mama schaute auf die Uhr, „Jungs, Lars, es ist spät geworden. Ich schlage vor, wir schlafen nochmal darüber, vielleicht fällt uns noch eine Möglichkeit ein. Manchmal ist es ganz gut, ein wenig auf Abstand zu einem Problem zu gehen. Was meint ihr?“ Tom zuckte mit den Schultern, Uglo ließ den Kopf hängen, aber was half es. Tom nickte. „Tom, du bläst bitte noch die dicke Luftmatratze auf, ich bringe noch ein Kissen und eine Decke in dein Zelt. Morgen früh sehen wir weiter.“ Mit hängenden Köpfen begaben sich die Jungs in das kleine Zelt, Uglo staunte, wie schnell Tom das Gästebett vorbereitet hatte. Toms Papa brachte Decke und Kissen, „gute Nacht Jungs, Kopf hoch - morgen ist ein neuer Tag.“
Kurz darauf verlosch das Licht im Zelt der Eltern, Tom und Uglo lagen mit offenen Augen auf ihren Betten und hörten, dass sich Toms Mama und Papa noch leise unterhielten, konnten aber nichts verstehen. Sie hingen ihren Gedanke nach, jeder für sich. Uglo, die warme Decke nicht gewohnt, hatte die zur Seite geschoben und lag nur mit der Turnhose bekleidet auf der Luftmatratze. „Uglo?“ Tom flüsterte, „schläfst du?“ Genauso leise flüsterte Uglo zurück, „nee, kann nicht.“ Er hörte, wie Tom leise lachte. „Was hast du gesagt - nee…? Du gewöhnst dich ja schnell an unsere Sprache.“ „Ich will ja auch bei dir, bei euch, bleiben. Da muss ich schnell lernen.“ Wieder eine längere Pause. „Tom?“ „Hm?“ „Kann ich zu dir kommen?“ Tom antwortete nicht, aber Uglo hörte, dass Tom sich bewegte. Leises Flüstern „Was ist? Los komm hoch, ich bin schon ein Stück zur Seite gerutscht.“ Uglo kletterte rasch zu Tom auf die Liege, es wurde zwar etwas eng, aber sie kuschelten sich sowieso aneinander… Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und sie schauten sich in die Augen. Wieder so nah beieinander spürten sie schon bald wieder die Regungen in der Turnhose des anderen…
Tom begann nun ganz sachte mit den Fingern spielerisch über die flauschig behaarte Rückenpartie von Uglo zu streicheln. „Die Härchen machen deine Haut so samtig, richtig seidig.“ Uglo atmete heftiger und drückte sich noch näher an Toms Körper heran. Toms Finger wurden mutiger und wanderten hinunter zu Uglos Hosenbund schoben sich darunter. Sie spürten, wie sich Uglos Pomuskeln spannten. Weiter wagten sich seine Finger aber nicht. Uglo begann leicht zu schnaufen, langsam drehte er sich auf den Rücken, Toms Hand lag jetzt unter dem Hosenbund auf Uglos Bauch. Erschrocken wollte Tom seine Hand wegziehen, aber Uglo hielt sie fest. Toms Finger begannen liebevoll in dem dichten Haarwald unter der Turnhose zu wuscheln.
Der Atem des Großen beschleunigte sich, tief atmete Uglo ein und aus. Tom spürte das Vibrieren der Bauchmuskeln. Er hielt inne. Aber Uglo schob Toms Hand noch tiefer in den haarigen Urwald, Tom ertastete den prallen Zauber, er war etwas erschrocken über die Größe dessen, was er jetzt ertastete, sanft strich er auf und ab. Uglos Körper zuckte, er hielt die Luft an… der ganze Körper spannte sich an, Uglo warf den Kopf in den Nacken. Sein Atem stoppte. Ein gurgelnder Laut kam aus seiner Kehle. Es dauerte nicht lange…
… bis sie erschöpft von dem langen, ereignisreichen und trotzdem schönen Tag eng zusammengekuschelt rasch einschliefen. Sie bekamen nicht mehr mit, dass etwas später der Reißverschluss zu ihrem Zelt leise geöffnet wurde, Toms Vater schaute noch einmal nach den Jungs. Er schmunzelte, als er die beiden sich umarmend, vertraut miteinander schlafend, vorfand. Liebevoll zog er die Decke, die auf dem Boden gefallen war, vorsichtig über die verschlungenen Körper. Leise zog er den Reisverschluss wieder zu.
Der Mond hatte über den Gipfeln den höchsten Punkt seiner nächtlichen Reise erreicht. Tausende Sterne verzauberten den klaren Himmel. Das helle Licht des Mondes spiegelte sich in den Wellen des Flusses. Als ob das Mondlicht dem Fluss neue Kraft verleihen würde, wurde die Strömung immer schneller und lauter. Plötzlich verändert sich das Rauschen. Es wurde tiefer, fast wie eine Stimme und immer noch lauter… der Fluss rief einen Namen…
Einen der beiden Jungen im kleinen Zelt erfasste eine geheimnisvolle Unruhe. Uglo wälzte sich hin und her. Das Mondlicht ließ das Zeltinnere taghell erscheinen. Irgendetwas hatte ihn aus dem Schlaf geholt. Er öffnete die Augen und lauschte in die Nacht. Da, wie aus der Ferne hörte er seinen Namen rufen. Und noch einmal… Jetzt war er wach. Uglo lag schweißgebadet neben Tom auf dem Rücken, der seine Hand noch immer in Uglos Turnhose liegen hatte. Er blickte nach links, Tom schmatzte gerade genussvoll im Traum. Vorsichtig versuchte Uglo Toms Hand aus seiner Hose zu ziehen, Tom schnaufte unzufrieden auf und streckte seine Hand nochmals richtig lang nach unten und schloss seine Finger sanft um Uglos Kugeln. Uglo zuckte kurz auf, eine angenehme Berührung, aber die Stimme rief erneut seinen Namen. Einem inneren Zwang gehorchend löste er sich von Tom, der nun im Schlaf unzufrieden aufschnaufte und sich auf die andere Seite drehte. Uglo lauschte wieder dem Ruf, er schien vom Fluss zu kommen. Als er von der Bettkante aufstand, musste er erstmal wieder in seiner Turnhose Ordnung schaffen, denn der ungestüme Griff von Toms Hand hatte dort wieder etwas ausgelöst, was sich gerade wieder mit Macht von innen gegen den Stoff der Hose drängte…
Bevor er aus dem Zelt schlich, gab er Tom er noch einen sachten Kuss auf die Stirn. Vorsichtshalber griff er sich das Fahrtenmesser, er wollte nicht unvorbereitet sein… Auf seinem Weg zum Fluss wurde das Rauschen immer lauter und mächtiger. Uglo konnte sich dem Ruf nicht entziehen, er ging wie fremdgesteuert zum Wasser, als ob er keinen eigenen Willen mehr hatte.
Tom fühlte, dass sein Rücken etwas kühler wurde, er warf sich herum und seine Hand tastete im Schlaf nach Uglos Körper. Sie tastete über das Bettlaken, nichts. Tom öffnete blinzelnd die Augen, Uglo war nicht da! Aufseufzend drehte er sich auf den Rücken und zog die Decke wieder hoch, „vielleicht ist er mal pinkeln…“ Ein paar Momente später stutzte er, Uglo war noch nicht wieder zurück, das Zelt war verschlossen. Das Fahrtenmesser war weg, Tom war schlagartig wach!
„Uglo?“ Was wollte der mit dem Messer beim Pinkeln? Er sprang vom Bett, riss den Zeltverschluss auf und lauschte.
Der Fluss schien zu toben. Tom war schon oft mit den Eltern auf diesem Zeltplatz, so hatte er den Fluss noch nie gehört. Augenblicklich wurde ihm klar…
Uglo und der tosende Fluss…
Tom rannte, er rannte, wie es noch nie getan hatte. Schon von Weitem sah er Uglo direkt am Flussufer stehen. Genau an der Stelle, an der sie sich im Wasser das erste Mal geküsst hatten und wo er, Tom, sein schönstes Erlebnis mit Uglo hatte.
„Uuuglooo, Uuuglooo, warte, geh nicht…!“
Uglo drehte sich langsam um. Tom konnte es genau erkennen, Uglo hatte Tränen in den traurigen Augen, er hob eine Hand und winkte Tom zu, so als wollte er Abschied nehmen.
„Uuglooo, neeeiiiin, geh nicht - Uuuglo!“
Entsetzt blieb Tom stehen, er wollte nicht glauben, was er sah… entsetzt fiel er auf die Knie.
Auch von hier aus sah er, dass der Fluss zu leuchten begann.
Zuerst nur an einer kleinen Stelle, dann breitete sich das Licht spiralförmig aus, als würden unsichtbare Hände das Wasser verwirbeln. Zwischen den Wellen brach ein warmgoldener Schimmer hervor – unnatürlich, grell strahlend.
In der nächsten Sekunde schoss ein Wasserarm aus purer Energie empor, packte Uglo um die Hüfte und zog ihn hinunter, bevor er schreien konnte. Mit wirbelnden Armen versank er in den Wellen, wurde von der Strömung sofort verschluckt.
„Tom, du hast Uglo verloren, ich habe eure Liebe besiegt…“, ein lautes, grässlich höhnisches Lachen drang in seine Ohren, so laut, dass Tom sich die Ohren zuhielt. Plötzlich Stille, der Fluss floss wieder so, also sei nichts geschehen.
„Uglo…“, erschüttert und schluchzend sank Tom ohnmächtig zu Boden.
Gegen Morgen fand Toms Papa den Jungen schlafend an der Stelle, wo Uglo ihn vor einigen Stunden aus dem Fluss gerettet hatte. Der schlafende Tom hatte eine blaue Turnhose in der Hand…
Uglo empfand keine nasse Kälte, kein Ertrinken – nur ein Gefühl, als würde er fallen, ohne jemals den Boden zu erreichen.
Er erwachte am Ufer des Flusses, die helle Morgensonne stach ihm in die Augen. Als er sich aufsetzte und sich umsah, bemerkte er eine kleine Gruppe unbekleideter Kinder, die ihn neugierig umringten und anstaunten. Sein Blick wanderte zur Mitte der Siedlung, er sah das große Feuer, an dem eine ihm unbekannte uralte Frau gerade wieder ein paar Holzscheite nachlegte. Ein paar kleinere Kinder badeten in unmittelbarer Nähe nackt im Fluss.
Ein junger, muskulöser Mann, dessen blonde Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden waren und dessen Lenden nur von einem groben Fellschurz bedeckt wurden, trat mit energischen Schritten heran. Er trug einen langen Speer mit einer steinernen Spitze mit sich. Mit einer herrischen Geste scheuchte er die Kinder beiseite.
Als sein Blick auf den Fremden fiel, hielt er abrupt inne. Verwundert starrte er Uglo an, als versuchte er, in dessen Gesicht die Zeichen vergangener Jahre zu lesen. Lange schwieg er, sichtbar hin - und hergerissen.
„Wer… wer bist du?“ Seine Stimme war erst zögernd, dann lauter. „Ich kannte einst einen Jungen, der dir sehr ähnlich sah. Er hieß Uglo. Er verschwand an einem unheilvollen Tag – demselben Tag, an dem unser Schamane spurlos verschwand. Seitdem haben wir beide nie wieder gesehen.“ Prüfend musterte er den Jüngling, als könne er mit bloßem Blick die Erinnerung erzwingen.
Seine Augen weiteten sich schlagartig. Der Glanz der goldenen Kette an Uglos Hals schien ihn wie ein Blitz zu treffen. Er erstarrte, dann fiel er auf die Knie und ließ den Speer fallen. Er neigte den Kopf tief hinab. Als er es wagte, die Augen wieder zu heben, fragte er mit zitternder Stimme.
„Bei den Ahnen… Uglo? Bist du es wirklich Uglo, der Sohn des edlen Bogo?“
Uglo nickte verwirrt, das genügte…
Der Mann schlug die Hand aufs Herz und verneigte sich so tief, dass seine Stirn den Boden berührte. „Sei gegrüßt, du Wissender, du neuer Häuptling unserer Sippe der Fliegenden Feder! Das Orakelfeuer hat es vorausgesagt: Der Sohn Bogos wird eines Tages mit einer goldenen Kette zurückkehren, um unsere Sippe zu führen. Ich werde sofort den alten Bogo holen - er muss erfahren, dass die Prophezeiung sich erfüllt hat!“
Uglo, der kein einziges Wort dieser ehrfurchtsvollen Rede verstand, ballte instinktiv die Finger fester um das Fahrtenmesser, das er noch immer in der Hand hielt. Die Sonne brach sich in der metallenen Klinge und sandte einen scharfen Lichtstrahl über den Platz. Der Mann zuckte heftig zusammen, schien den Stahl für ein heiliges Zeichen zu halten und warf sich schließlich vollständig zu Boden.
Verblüfft trat Uglo einen Schritt zurück. „Was… was soll das? Was bin ich? Und wer bist du?“
Der Mann hob zitternd den Kopf. „Erkennst du mich wirklich nicht?“
Uglo schüttelte langsam den Kopf. „Nein… wer bist du?“
„Ich bin Ango, Sohn des Taglo. Als Jungen waren wir beste Freunde.“
Eine wunderschöne junge Frau, die in der Blüte ihres Lebens stand, war neben ihn getreten. Sie hatte einen kleinen nackten blonden Jungen an der Hand, auf dem Arm trug sie ein in ein Fell gewickeltes Kleinkind.
Uglo starrte sie an… Sie ist so wunderschön, warum tut es so weh…?
Sie schaute Uglo aufmerksam in die Augen, eine zarte schamhafte Röte stieg in ihr Gesicht, scheu schlug sie die Augen nieder.
Die Stimme von Ango drang weich, beinahe traurig, in Uglos Bewusstsein. „Das ist Irana, meine Frau… du warst lange fort, Uglo, sehr lange…“
Epilog
Nordhessen - Kurier
Ausgabe vom 20. Juli 2035
Sensationeller Fund im Braunkohlerevier: Student entdeckt mysteriöses „Häuptlingsgrab“ – Relikte geben Rätsel auf
Von Jana Feldmaus, Kassel
Nordhessen – Was als gewöhnliche Seminarübung begann, könnte sich als einer der spannendsten archäologischen Funde des Jahrzehnts erweisen. Der 23-jährige Geschichtsstudent Tom H. von der Universität Kassel stieß bei Grabungsübungen seiner Studiengruppe im Rahmen des Steinzeitseminars an den Baggerseen im nordhessischen Braunkohlerevier auf ein außergewöhnlich gut erhaltenes Häuptlingsgrab aus der späten Jungsteinzeit.
Als anthropologische Sensation gilt der Fund einer fast vollständig erhaltenen linken Rippe, an der eindeutig eine Verletzung durch einen harten spitzen Gegenstand festgestellt wurde. Eine mit im Grab gefundene steinerne Lanzenspitze, die der Verletzung zuzuordnen ist, lässt den Schluss zu, dass der Beigesetzte eines gewaltsamen Todes, wahrscheinlich im Kampf gestorben ist. Weiterhin lässt sich nach weiteren wissenschaftlichen Analysen sagen, dass der junge Häuptling etwa im Alter zwischen 20 und 30 Jahren umgekommen sein muss. Zwischen Knochenresten, Tonfragmenten und Werkzeugen fand der junge Mann auch weitere Grabbeigaben, die dem Toten persönlich zugeordnet werden können – darunter eine filigrane goldene Kette mit zwei herzförmigen Anhängern. Auf den winzigen Oberflächen sind die Buchstaben „T.H.“ eingraviert – ein Detail, das für einiges Stirnrunzeln sorgt.
Noch mysteriöser: Neben der Kette lag ein Messer mit einer Metallklinge und einem nur leicht verwitterten Holzgriff, in den die Buchstaben „T + U“ schlicht aber deutlich eingraviert waren. „Das Fundstück erinnert bzgl. des Materials und der Schriftzeichen an Entwicklungen, wie sie erst viele Jahrhunderte später möglich wurden“, erklärt Seminarleiterin Prof. Dr. Ulrike Klugscheiss, die den Fund wissenschaftlich betreut. „Sollte sich das bestätigen, müssten wir unsere Vorstellungen von prähistorischer Technologie überdenken – oder von Zeit selbst.“ Unsere ersten Untersuchungen an der Kette deuten auf eine unerklärliche Patina und eine Goldlegierung hin, die so für diese Epoche in Mitteleuropa bislang nicht nachgewiesen wurde.“
Die Funde wurden inzwischen in das Landesmuseum Kassel überführt, wo sie derzeit weiter untersucht und konserviert werden. Eine erste Ausstellung ist für Ende des Jahres geplant – unter dem vielsagenden Titel:
„Zeitspuren – Wenn Vergangenheit Zukunft berührt“.
„Ich musste zweimal hinschauen“, berichtete der junge Student Tom H., der selbst diese Initialen trägt, unserer Reporterin. „Zuerst dachte ich, das wäre ein Scherz meiner Kommilitonen. Aber es stellte sich heraus, beide Funde sind echt und alt – sehr alt.“
Für Tom H. scheint der Fund sehr persönlich zu sein:
„Ich weiß, es klingt irreal, aber in dem Moment, in dem ich den Fund sah, hatte ich das unerschütterliche Gefühl, dass zwischen uns eine Art unsichtbare Verbindung besteht. Ein seltsam starkes Vibrieren ergriff mich, das Gefühl, dass ich damit auf irgendeine Weise verbunden bin. Etwas wie eine Ahnung, dass mich das betrifft, jenseits dessen, was ich erklären kann, etwas das ich kaum begreifen, geschweige in Worte fassen kann“, sagte der Student emotional betroffen und lächelte unsicher. Unwillkürlich fuhren seine Finger zärtlich über eine kleine Narbe auf seinem rechten Unterarm… „Vielleicht ist es einfach Zufall – oder aber eine Geschichte, die sich tief in meiner Kindheit verborgen, auf geheimnisvolle Weise wiederholt…“
Anm. der Red. Der junge Mann wollte seine Ausführungen auch auf Nachfragen nicht weiter kommentieren. Aus unerklärlichen Gründen hatte er sich unmittelbar nach dem Fund emotional erschüttert gezeigt und war einem Kreislaufversagen nahe. Er musste von seinen Kommilitonen beruhigt werden. Über die Hintergründe seiner seelischen Betroffenheit wollte er keine Angaben machen…
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