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Uglo der Steinzeitjunge

Teil 18 - Echo der Herzen

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… das Unerwartete geschah: Uglo hatte sich im Halbschlaf ein wenig aufgerichtet, da stürzten die alten Hölzer plötzlich zusammen. Mit lauten Krachen fielen die Stämme zusammen, sie purzelten durcheinander zu Boden, Holz splitterte und aufwirbelnder Staub füllte die Luft. Erschrocken war Uglo aufgesprungen und versuchte blinzelnd zu verstehen, was geschehen war.

Nachdem sich der Staub langsam gelegt hatte, erkannte er, dass er vor einem etwa mannshohen Loch im Felsen stand, das einen Zugang in den Felsen bildete. Reglos starrte Uglo auf die dunkle Öffnung.

Eigentlich hatte er gemeint, seine Siedlung gut zu kennen, von dieser Höhle wusste er aber nichts. Er versuchte sich zu orientieren, die Ebene, die Höhlen im großen Felsen, der Fluss, in der Mitte das große Feuer und ganz hinten am Rand vor den steilen Felsen das Zelt des Schamanen. Was hatte sich dahinter verborgen? Plötzlich fiel es ihm ein, nie durfte sich jemand dem Zelt des Zauberers unerlaubt nähern. Aber - ihm wurde heiß und kalt zugleich, er hatte doch von seinem Wachposten auf der hohen Kiefer aus so etwas wie eine Öffnung im Felsen hinter dem Zelt des Zauberers gesehen. Hatte er sich doch nicht getäuscht? Also doch, welches Geheimnis hatte der alte Medizinmann vor der Sippe verborgen? Sein Vater Bogo und auch Angos Vater hatten schon länger so etwas vermutet. Uglo wurde blass. Ungläubig schüttelte er den Kopf… Gehörte diese Höhle etwa auch zur geheimen Welt des Zauberers?

Das könnte ja… das konnte doch nur bedeuten, dass…

So gut es mit den Fesseln ging, hatte er sich aufgerappelt und an die raue, kalte Wand seines Gefängnisses angelehnt. Seine Haut war durch den schroffen Stein zerkratzt, sein Rücken brannte vor Schmerz.

Seine Badehose lag im Schmutz neben ihm. Bevor sie ihn mit Gewalt in das Felsenloch gesperrt hatten, hatten sie ihm die Hose heruntergerissen und sich über seine junge Nacktheit lustig gemacht. Er hatte sich nach Kräften gewehrt, gebettelt und geweint. Aber gegen die beiden Älteren hatte er keine Chance. Sie hatten ihm seine Hände auf den Rücken gebunden, auch seine Füße waren um die Knöchel herum mit einem festen Strick zusammengebunden worden. Seine Hose hatten sie ihm dann als Knebel in den Mund gesteckt. Es sollte ihm unmöglich sein, um Hilfe zu rufen.

Es musste etwas Unvorhergesehenes geschehen sein, denn seine beiden Entführer, zwei Jugendliche, waren, nachdem sie sich vorhin kurz vor den Zelten aufgehalten hatten, hektisch zurückgekehrt, hatten sich hastig ihre Rucksäcke gegriffen und Tom dann in die Höhle gezwungen. Sein Handy, die Smartwatch und sein Fahrtenmesser hatten sie mitgenommen. Den Eingang zur Höhle hatten sie mit irgendwelchen Sachen versperrt, Tom konnte es nur an den Geräuschen ausmachen. Gefesselt wie er war, hatte er keine Möglichkeit, den Eingang zu erreichen. Wenigstens war es ihm gelungen, den Knebel auszuspucken.

Nachdem die Geräusche draußen verebbt waren, rief er zunächst zögerlich, dann aber immer entschlossener laut um Hilfe. Seine Stimme hallte in der Höhle wider. Aber er wusste auch, dass das Zelt, in dem er gefangen gewesen war, ganz am Rand des großen Platzes stand, niemand hatte ihn gehört! Seine Eltern mussten ihn doch vermissen und - er starrte in die Dunkelheit, Uglo? Ob Uglo ihn auch vermisste? Oder hatte der ihn schon vergessen? Er musste schlucken und hielt die Luft an, um nicht loszuweinen.

Nackt, frierend und traurig saß er da und lauschte in die Dunkelheit. Er versuchte, die Finsternis zu durchdringen. Nur langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit der Höhle. Er konnte ein paar Einzelheiten erkennen. Ein paar alte Fässer, abgestellte Kisten und irgendwelcher anderer Kram. Die Tiefe der Höhle konnte er nicht abschätzen, sie verlor sich in der Dunkelheit. Tom atmete tief durch, er bemerkte jetzt den muffigen Geruch im Innern. Entschlossen versuchte er, die Fesseln seiner Hände zu lockern. Er ruckelte und zerrte hinter seinem Rücken daran, bis ihm die Schultern schmerzten. Langsam lockerte sich der Strick um seine Handgelenke ein ganzes Stück, jedoch hatten sich die Knoten dabei noch fester zugezogen. Aber Tom war ein guter Sportler, ein Turner und sehr gelenkig. Er legte sich auf den Rücken, hob den Hintern, zog die gefesselten Handgelenke unter seinem Körper hindurch. Schlangenartig krümmte er sich zusammen und konnte erst seine Füße und dann die Beine zwischen seinen gefesselten Händen hindurch strecken. Er lag nun lang gestreckt auf dem Rücken, die gebundenen Hände auf seinem Bauch. Erschöpft von diesen Verrenkungen musste er erstmal verschnaufen, sein Herz klopfte wie wild. Er lauschte wieder, was, wenn die Kerle zurück kommen…? Vorsichtig begann er mit den Zähnen an den Handfesseln zu zerren… das war schwieriger als gedacht. Die Knoten saßen zu fest.

Tom zuckte zusammen, von draußen war ein lautes Geräusch zu hören, es krachte und schepperte so, als ob mehrere Bäume umfallen und brechen würden. Auf einmal Stille. Waren seine Peiniger zurückgekommen?

Mit klopfendem Herzen starrte Tom auf die Staubwolke, die sich mit Wucht in die Höhle wälzte. Sie trieb auf ihn zu wie eine lebendige Wand aus Dreck und Dunkel. Er konnte ihr nicht entkommen. Ein Schleier aus Staub und Schmutz legte sich auf seine Haare, die Haut - seinen ganzen Körper. Der Staub brannte in den Augen, schnitt ihm die Luft ab. Husten schüttelte seinen Körper, riss ihn nach vorn. Sekundenlang sah er nichts - nur Grau, nur Staub, nur den Geschmack von Erde auf der Zunge.

Dann, als sich der Schleier langsam legte, öffnete er die Augen – und erstarrte.

Im schwach rötlichen Licht des anbrechenden Morgens zeichnete sich in der Öffnung der Höhle eine Silhouette ab. Im Gegenlicht erschien sie ihm groß, riesengroß und breitschultrig. Eine Gestalt, die sich nicht bewegte und bedrohlich wirkte.

Er wollte ins Innere der Höhle zurückweichen, aber immer wieder rutschten seine nackten Fußsohlen auf dem staubigen Boden weg, er starrte angsterfüllt auf den sich nähernden Schatten… sein keuchender Atem und das schabende Geräusch seiner Füße auf dem Boden ließen die Gestalt verharren. Suchend wanderte ihr Blick in die Dunkelheit.

Uglo schaute sich suchend um, vorsichtshalber griff er sich einen scharfkantigen, faustgroßen Feuerstein und ging langsam auf den dunkeln Zugang zur Höhle zu. Das erste zarte Morgenrot warf einen langen Schatten seines Körpers auf den Boden vor ihm. Nur langsam und aufmerksam lauschend tastete er sich vorwärts. Ein schabendes Geräusch, das sich mehrfach wiederholte und hastige Atemzüge ließen ihn stoppen. Er zögerte, dies war die alte Welt des Zauberers, durfte er hier einfach so ungestraft eindringen?

Aber je länger er zögerte, umso deutlicher spürte er die Nähe von Tom. Er fühlte, sie waren auf irgendeine Weise verbunden, jenseits dessen, was er verstand. Tom musste hier sein.

„Hallo, ist da jemand - Tom, bist du hier?“ Sein lauter Ruf hallte aus der Höhle als Echo zurück. „hier, hier, hier…“ Er lauschte.

Ein spitzer, angstvoller Schrei der Überraschung flog durch die Höhle. Uglo bekam eine Gänsehaut, was war das? Er lauschte zitternd. Er vernahm nur ein leises Flüstern, „Uglo, Uglo - bist du das?“ Dann ein lauter Schrei, „Uglo, Uglo… hier bin ich, hier…!“ Ein erschütterndes Schluchzen begann, das in ein hemmungsloses Weinen überging. Seine Augen hatten sich an das Halbdunkel der Höhle gewöhnt. Mutig trat er rasch tiefer in die Höhle, da lag er, sein Tom!

Nackt, zerschunden, weinend und gefesselt. Ein Beben erfasste Uglos Herz, unbändige Wut überkam ihn. Ein Urschrei entfuhr seinem Mund. Er kniete sich zu Tom hinunter, zog ihn zu sich heran, streichelte und liebkoste ihn. „Mein Tom, ich bin da, alles wird gut. Ich, ich…“ Er musste schlucken, ihm fehlten die Worte für das, was er im Augenblick fühlte... Er hatte es geschafft, er hatte die Nacht und den Fluch des Schamanen besiegt, er hatte Tom rechtzeitig gefunden. Wirklich rechtzeitig?

Tom lehnte seinen Kopf an Uglos Schulter an und schaute unter Tränen schwach lächelnd zu ihm hoch.

„Wer war das, wer hat dir wehgetan?“ Uglo bekam keine Antwort, Tom kuschelte sich immer noch fester an ihn.

Jetzt erst realisierte Tom, dass er Uglo verstanden hatte und drehte sich um. Er bekam große Augen, „Uglo, du sprichst unsere Sprache und ich“, er musste tief Luft holen, „ich kann dich verstehen?“

Uglo nickte „ja, seit ich auf deinem Bett“, er überlegte kurz, „ja also als ich von dir geträumt hatte, hatte ich deinen Ruf gehört und ich konnte ihn verstehen. Und auf einmal konnte ich auch eure Sprache.“ Tom stutzte, „wie, was war auf meinem Bett?“

Tom sah selbst hier im Halbdunkel der Höhle, dass Uglo verlegen wurde und einen feuerroten Kopf bekam und nur abwinkte. Uglo nahm den Feuerstein wieder auf und begann mit der scharfen Kante, den Strick um Toms Knöchel zu zerschneiden. „Uglo?“ Tom schaute ihn intensiv und fragend an, was Uglo aber ignorierte. Dankbar streckte er dann seine Beine aus und hielt Uglo die Arme so hin, dass er auch die Knoten an den Handgelenken zerteilen konnte.

Tom wollte aufstehen, doch nach der langen Zeit, in der er gefesselt war, knickten ihm zunächst die Beine wieder ein. Tastend suchte er nach seiner Badehose, sie lag schmutzig und zerrissen direkt neben ihm. Er ließ sie liegen. Nach einer Weile stand er mit Uglos Hilfe auf, musste oder wollte er es? Er lehnte sich an Uglo an, nein er umarmte ihn fest und lehnte seinen Kopf wieder an Uglos Schulter. Uglo schloss seine starken Arme um den Kleinen, eine Vertrautheit, die er sich schon lange gewünscht hatte. Tom hob den Kopf und schaute Uglo fest in die Augen. Seine Stimme zitterte ein wenig „danke, mein Uglo, danke“, bevor er seine Lippen suchend, vorsichtig und unbeholfen auf den Mund des Großen drückte. Er spürte die rauen Lippen seines Beschützers.

Uglo, zunächst überrascht von Toms Zärtlichkeit, erwiderte die Liebkosung der weichen feuchten Lippen des Kleinen hingebungsvoll, ohne, dass er je einen Kuss erfahren hatte. Er wusste es einfach, er genoss es. Auch die Wärme, die rasch in seinem Körper aufstieg. Sich gegenseitig streichelnd, rückten sie wortlos ohne Scheu ganz nah aneinander, ihre Körper berührten sich, wurden eins. Liebkosend fuhr Tom seinem Retter über den haarigen Rücken, Uglo seufzte auf. Fester zog er den zarten Körper an sich und genoss es dabei, dass dieses wohlige Summen wieder in seinen Zauberstab strömte. Gleichzeitig erschrak er, denn er fühlte, dass etwas Hartes fordernd gegen seine Kugeln stupste. Tom drängte seinen kleinen, aber festen Stachel zwischen seine Schenkel. Erschrocken und überrascht wollte Uglo sich von Tom lösen, der aber zog den wilden Burschen noch enger an sich heran, so dass die Berührung an Uglos Bällen noch intensiver wurde und sie sich zusammenzogen. Tom begann tiefer zu atmen, ehe Uglo sich dann mit sanfter Gewalt von ihm löste, ihn aber liebevoll anschaute. „Tom mein Lieber, mein Kleiner, lass uns noch etwas mehr Zeit, ja?“ Er räusperte sich. „Wir wollen erst mal deinen Eltern Bescheid geben, dass es dir gut geht. Ich weiß später eine Stelle, wo wir ungestört sind, ja?“ Er hatte nur geflüstert. Tom stupste noch einmal mit seinem Körper gegen Uglos, ehe er ihm noch einen sanfte Lippenkuss gab und nickte.

„Aber so kannst du doch nicht raus gehen.“ Schmunzelnd deute er auf Uglos Schritt. Der lachte auf, „Hä? Nein, aber du auch nicht, lass uns noch einen Augenblick warten…. Ein befreiendes Lachen hallte durch die dunkle Höhle.

Als sie vor die Höhle traten, musste Tom blinzeln. Die frische klare Morgenluft ließ ihn kurz taumeln. Hätte Uglo ihn nicht aufgefangen, wäre er bestimmt gestürzt. Kurzerhand schnappte sich der Naturbursche seinen kleinen Freund und hob ihn sich auf seine Schulter. Tom kicherte albern auf, Uglos Mähne kitzelte ihn erregend an seiner empfindlichsten Stelle, „Uglo, du bist irre, das geht nicht gut…“, zwar juchzte er vor Vergnügen. Aber er bettelte „bitte lass mich runter, bitte!“ Sachte ließ Uglo Tom von seinen Schultern rutschen, hielt ihn aber in fest umarmt, ich lass dich nicht wieder los.“ „Los, komm, erstmal zu meinen Eltern.“

Als sie hinter den kleinen Zelten hervortraten, blieb Uglo wie angewurzelt stehen. Entsetzt starrte er auf das, was auf der großen Wiese zu sehen war. Zwei große rote Ungetüme auf runden schwarzen Steinen standen dort. Auf ihnen saßen riesig dicke Speere, die auf Uglo und Tom zeigten. Außerdem waren da wieder die schwarz gekleideten Diener der fremden Macht, die sich um die roten Monster versammelt hatten und scheinbar miteinander berieten. Uglos Herz begann zu rasen, er zog Tom am Arm mit sich wieder hinter die Zelte, „komm, wir müssen uns verstecken, bitte Tom ich, ich habe Angst.“

Tom, der das komisch fand, wollte sich gerade mit einem amüsierten Lächeln und einem coolen Spruch über Uglo lustig machen, als er jedoch dessen verstörtes Gesicht sah, verstummte er sofort. Uglo hatte sich auf den Boden geworfen und stammelte zusammenhanglos vor sich hin. Der Rücken, nein der ganze Körper des starken Jungen bebte.

Tom kniete sich neben den Zitternden und strich ihm sanft durch die Haare, über den muskulösen behaarten Rücken, kurz vor dem Po stoppte er. Das traute er sich nicht.

„Uglo, was ist los, warum bist du so entsetzt? Du bist so mutig gewesen, hast mich gefunden und befreit. Was ist passiert? Komm, sprich mit mir, bitte!“

Nur langsam beruhigte sich der Große, erst nach ein paar Minuten wagte er es, den Kopf zu heben und Tom anzuschauen. „Die schwarzen Diener des Zauberers, die großen Ungeheuer, sie suchen Uglo, die ganze Nacht schon haben sie ihn gejagt. Die Augen der Monster, die Feuerbändiger - alle, alle wollten, dass ich dich nicht finde. Und nun warten sie hier. Auf uns, auf Uglo und Tom.“

Tom schüttelte stumm den Kopf, „aber Uglo, das sind doch nur die Leute von der Polizei und der Feuerwehr. Die waren bestimmt da, weil, na weil…“ In diesem Moment wurde ihm aber auch klar, warum dieses große Aufgebot hier auf der Wiese war - sie hatten nach ihm gesucht. „Uglo, komm, du brauchst keine Angst vor ihnen zu haben, sie haben bestimmt nach mir gesucht, weil meine Eltern sie gerufen haben. Aber du hast mich gefunden, du bist mein…“

Er brach ab, weil Uglo ihn immer noch ängstlich anstarrte. „Was ist das, Polizei und was ist Feuerwehr? Der Mann im Zelt wollte mir wehtun, ich hab ihn gestoßen und dann bin ich gelaufen. Sie wollten mich fangen, mit einem Wolf in der Höhle. Die Augen der großen Monster haben mich gejagt, Tom… ich hab‘ Angst.“

Tom verstand von all dem kein Wort, dieses Mal nahm er seinen großen starken Freund in die Arme, „Uglo, komm, jetzt werde ich dich beschützen. Wir schleichen uns zu meinen Eltern ins Zelt und dann werden sie uns helfen, ja?“

Unsicher sah Uglo in Toms Gesicht, er zögerte. „Nein, lass mich hier, geh du ins Zelt. Ich versteck mich hier in der Höhle und warte bis die bösen Männer weg sind.“ Nochmal bettelte Tom Uglo, „Uglo, du musst wirklich keine Angst haben, meine Mama und Papa werden dich bestimmt beschützen, komm doch mit.“ Aber Uglo blieb dabei, „nein, deine“, er zögerte, als er die Worte Mama und Papa aussprach, sie waren für ihn ungewohnt. „Deine Mama und dein Papa wollten mich in der Nacht auch vor dem schwarzen Häscher schützen, er war trotzdem böse zu mir, nein bitte Tom. Holst du mich, wenn die bösen Männer alle weg sind, ja? Bitte!“

Tom dachte einige Zeit nach, aber er wusste auch keine bessere Lösung. Mit schwerem Herz stimmte er zu. „Aber du bleibst bei der Höhle, versprochen?“

Uglo nickte. „Bringst du mir was zu essen mit, ich habe Hunger.“ Tom versprach es. Zögernd wartete er, als wollte er Uglo noch etwas sagen, drehte sich einfach zu ihm um, nahm den starken Jungen nochmal in die Arme, drückte seinen schlanken Körper fest Uglo heran und küsste ihn lange auf den Mund. Mit Tränen in den Augen löste er sich abrupt von Uglo und rannte weg.

Benommen blieb Uglo zurück, er starrte minutenlang in die Richtung, in die Tom verschwunden war. Traurig zog er sich in die Höhle zurück, nicht ohne nochmals aus seinem Versteck hinter den Zelten heraus, das Geschehen auf dem großen Platz zu beobachten.

Im Inneren der Höhle ließ er sich dort nieder, wo er Tom gefunden hatte. Seine Hand griff am Boden in etwas Weiches, die Badehose von Tom. Immer noch aufgewühlt nahm er sie auf und hielt sie sich vor die Nase. Tief nahm er den Geruch des Kleinen in sich auf… Bald forderte die lange aufregende Nacht ihren Tribut, einmal zur Ruhe gekommen fielen ihm immer wieder die Augen zu. Er legte sich den Stoff auf die Brust, starrte in die Finsternis und schlief schließlich ein.

Toms Eltern waren überrascht, aber glücklich, als ihr Sohn weitestgehend wohlbehalten unerwartet wieder im Familienzelt auftauchte. Er hatte sich, da er ja noch nackt war, im Schutz der hohen Felsen an den alten Höhlen an der Polizei und allen anderen Leuten vorbei geschlichen. Seine Mama brach unvermittelt in Tränen aus und zog ihren Sohn zärtlich an sich. „Mein lieber Tom, wie geht es dir? Wie siehst du aus, du bist ja, hast ja gar nichts an. Ist alles in Ordnung? Du siehst müde und etwas schmutzig aus. Erzähl, was ist passiert.“ Sie strich ihm durch die Haare. Tom lehnte sich liebevoll an sie und nickte. „Ja, ach Mama es geht, ich bin müde und kaputt. So viele Fragen auf einmal. Aber… was war mit Uglo hier bei euch im Zelt, warum habt ihr ihn nicht beschützt vor, na vor der Polizei?“ Seine Mutter stutzte, „was, wieso, woher weißt du?“

Uglo hat mich gefunden, er hat mich befreit… ich erzähl es euch dann, ich muss ihn erstmal holen, er ist noch in der Höhle hinter den kleinen Zelten dort, am Rand der Wiese.“ „Ach Tom, das war eine…“

Sein Vater winkte ab, „Tom, das erzählen wir dir später, schön, dass du wieder da bist. Ja, Uglo war auch bei uns im Zelt, er hatte sich etwas ausgeruht. Aber, Großer, ich hab deine Kette gefunden, du hattest sie auf dem Weg zum Felsen verloren… komm her.“ Sanft strich er seinem Sohn über den Kopf, nachdem er ihm seinen Talisman wieder um den Hals gelegt hatte. „Was hast du eigentlich da oben auf dem Felsen gemacht?“

Tom dachte einen Augenblick an die Zeit da oben in der dunklen Hütte, gerade wollte er beginnen zu erzählen, in diesem Moment klopfte wieder jemand auf das Zeltdach und der Polizist, der schon in der Nacht da war, trat ein. „Guten Morgen, ich habe gute Nachrichten für Sie. Unsere Kollegen haben zwei zwielichtige Jugendliche festgenommen, die heute morgen versucht hatten, an unserer Kontrollstelle vorbei, unbemerkt den Zeltplatz zu verlassen. Bei einer Durchsuchung der beiden haben wir mehrere Gegenstände festgestellt, die ihnen offensichtlich nicht gehörten. In einer längeren Befragung haben sie zugegeben, dass sie gestern Abend einen Jungen im Wäldchen drüben am Fluss überfallen, entführt und festgehalten zu haben, dessen Beschreibung auf Ihren Sohn Tom passt. Zudem haben wir die von Ihnen beschriebene Smartwatch und das Telefon Ihres Sohnes sichergestellt.“ Er legte einen Plastikbeutel mit den Gegenständen auf den Tisch „Außerdem fanden wir dieses Fahrtenmesser, gehört das auch zu Ihnen?“ Er hielt das Messer Toms Vater hin, der nickte. „Das gehört unserem Sohn, ich erkenne es genau, im Griff sind seine Initialen eingraviert-T.H.“ Der Polizist legte das Messer zu den anderen Dingen auf dem Tisch, „danke.“

Wir wissen jetzt auch, wo sich Ihr Sohn befindet, äh ich meine, wo er festgehalten wurde. Zwei Kollegen von mir sind auf dem Weg zum westlichen Rand des Zeltplatzes. Dort in einer kleinen Höhle soll Tom sich befinden.“ Er machte eine Pause, sah sich um und stutzte.

Er zeigte auf Tom, ihm blieb der Mund offenstehen. „Aber was ist das denn, da ist er ja, du bist doch Tom, oder?“ Tom nickte wortlos.

Er musterte Tom von oben bis unten, „und warum hast nichts an?“ Toms Blick ging zu seinem Vater.

Der Polizist wendete sich an Toms Vater, „warum ist auch dieser Junge wieder nackt, so wie der andere heute Nacht? Schon der zweite nackte Junge, was ist bei Ihnen hier los?“

Tom, der aufmerksam zugehört hatte, antwortete gar nicht auf die Frage des Polizisten. Er hatte nur begriffen, dass zwei Polizisten zur Höhle unterwegs waren um ihn, also Tom, zu befreien. Sein Herz begann zu klopfen, ihm wurde heiß.

Uglo - schoss es ihm durch den Kopf, Uglo ist noch dort! Uglo ist in Gefahr, wenn die Polizei ihn dort überraschen, ihn finden… das darf nicht…!

Toms Mutter setzte gerade zu einer Erklärung an…

Tom sprang so wie er war, nackt und schmutzig nach vorn, griff sich sein Fahrtenmesser und sauste zwischen seinen Eltern hindurch, an dem Polizisten vorbei und rannte den Weg, den er gekommen war, wieder in Richtung der kleinen Höhle, er rannte, als ginge es um sein und Uglos Leben, seine Lunge schmerzte, die Beine waren müde, aber sie mussten rennen…

Ein Traum drängte sich in Uglos unruhigen Schlaf, seine kleine Schwester Akai erschien ihm, sie weinte. Seine Mutter hatte ein trauriges, gealtertes Gesicht. Und auch sein Vater Bogo sah bekümmert und sorgenvoll aus, er schien schwer an einer Last zu tragen. Im Hintergrund seiner Traumbilder reckte Ango seinen schlanken Jungenkörper im Schilf liegend, während Tom, der danebenstand, Ango feindselig anstarrte. Ein tiefer Seufzer entfuhr Uglos Lippen.

Im Unterbewusstsein nahm er ein paar Stimmen wahr, er fühlte, dass ihn ein sanfter Luftzug an der Brust berührte, dann etwas zärtlich über seinen Hals wanderte, schließlich spürte er eine nass-feuchte Berührung im Gesicht.

Vor Wonne stöhnte er leise auf, blinzelnd flüsterte er „Tom, bist du wieder…?“

Er öffnete die Augen, starr vom Schreck riss er sie weit auf, hielt den Atem an, er traute nicht, sich zu bewegen.

Neben ihm saß – der Wolf, also der Hund, den der schwarze Mann in der Nacht in die Höhle geschickt hatte, um ihn aufzuspüren. Wie schon in der Nacht blickte ihm das Tier aufmerksam in die Augen, rührte sich aber nicht. Im Gegenteil, ohne Argwohn legte es seinen Kopf in Uglos Halsbeuge, schnaufte leise und sog witternd den Geruch des wilden Burschen ein. Die Ausdünstungen der Wildnis, die Uglo anhafteten, riefen in dem Hund die Instinkte seiner Urväter hervor. Er vertraute dem Jungen.

Zögernd hob Uglo ganz langsam eine Hand und fuhr dem Hund vorsichtig durch das seidenglatte Fell, über den Rücken, zwischen die Ohren und kraulte ihn an der Brust. Der Hund schloss die Augen und streckte sich der Länge nach auf dem Boden aus, seine Schnauze legte er auf Uglos Bauch ab. Der musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen, so sehr kitzelten ihn die Bartharre des Hundes an seinem Zauberstab, der schon wieder in Bewegung geriet… Er flüsterte mit dem Hund, der die Ohren spitzte und nur ein wenig die Augen öffnete. Ein wohliges Pusten aus der Hundenase strich über Uglos Bauch.

„Rex, hierher-sofort!“, das scharfe Kommando ertönte vom Eingang in die Höhle herein. Der Hund sprang auf, schaute Uglo noch einmal in die Augen, den Schwanz zwischen die Hinterbeine geklemmt, trabte er zum Ausgang.

Als er ihm nachsah, erkannte Uglo gerade noch zwei der schwarzen Diener, die sich aber ohne Weiteres von den Höhle entfernten. Uglo atmete auf erkannte aber, dass er hier in der Höhle nicht sicher war. Das Erlebnis ihm klar, sollten die Männer noch mal wieder kommen, wäre er in der Höhle gefangen. Vorsichtig schlich Uglo daher zum Ausgang und schaute den dreien hinterher. Der Hund drehte den Kopf nochmal zu Uglo zurück, einer der schwarzen Knechte zerrte ihn mit roher Gewalt weiter…

Uglo beschloss, die Höhle zu verlassen. Wie er es gelernt hatte, schlich er aus der Höhle zum Rand der Wiese, eine schmutzige rote Badehose in der Hand. Verdeckt durch die vielen Büsche legte er den Weg zum Fluss hinunter unbehelligt zurück, hier wollte er auf Tom warten. Uglo war sich sicher, Tom würde wissen, wo er ihn suchen musste…

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