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Uglo der Steinzeitjunge
Teil 16 - Gegen die Schatten der Nacht
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Informationen
- Story: Uglo der Steinzeitjunge
- Autor: Mischa Bär
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Fantasy und Mystery, Krimi, Historisch
Uglo rannte los, er rannte, als ob der Federgeist hinter ihm her wäre, um ihn für sein Zögern zu strafen. Immer schneller wurde sein Lauf, er achtete nicht auf die Schmerzen, die ihm die ungewohnten kleinen spitzen Steine auf dem Pfad bergab an den Sohlen verursachten. Sein Atem raste und Tränen schossen ihm in die Augen. Er hatte Toms Entführer gesehen und war untätig geblieben…!
Im Wald dämpften die Blätter das Licht des Mondes wieder, nur ganz vereinzelt schaffte er es, ein paar wenige helle Stellen auf den Weg zu zaubern. In seiner Hast verlor Uglo immer wieder kurz den Weg aus den Augen. Er spürte nicht die Zweige der Büsche, die ihm ins Gesicht peitschten und an den Körper schlugen, als er die enge Stelle, kurz vor dem steilsten Stück des Weges, passierte. In seinem schnellen Lauf verlor er kurzzeitig das Gleichgewicht, er strauchelte, verlor die Orientierung und stürzte kopfüber hin. Mehrfach überschlug er sich und rollte ein Stück den steilen Pfad hinab. Seine Arme wirbelten haltsuchend durch die Luft, seine linke Faust, die bisher einen wertvollen Schatz umschloss, öffnete sich kraftlos... Mit voller Wucht krachte er schließlich mit dem Kopf an einen Baumstumpf am Wegrand, überschlug sich nochmals und wurde seitlich ins Gebüsch geschleudert.
Hier blieb er reglos liegen. Schürfwunden an Armen, Beinen und an seinem Oberkörper zeigten winzige blutige Hautrisse. Aus seinen roten Haaren floss ein schmales rotes Rinnsal durch sein Gesicht und über den Hals. Auf seiner Brust bildete sich ein kleiner See aus Blut, der rasch trocknete.
Ein heller Lichtstrahl tastete sich nur kurz darauf vorsichtig suchend den steilen Weg bergan. Trotz der Nachtkühle schweißgebadet und schwer atmend, erreichte Toms Vater die steilste und zugleich engste Stelle des Weges nach oben. Er verschnaufte hier einen Moment. Sein schlechtes Gewissen Uglo gegenüber hatte ihn dann nochmal zum Nachdenken gebracht. Uglo hatte gesagt, dass er im Traum vom Schamanen erfahren hatte, dass Tom sich oben bei den Felsen befinden würde, dort, wo der Wald zu Ende geht. Lange hatte er gezögert, Toms Mutter hatte ihn schließlich ermutigt, Uglo bei der Suche nach Tom zu unterstützen.
Der angeforderte Suchtrupp und die Polizei waren noch nicht eingetroffen. Also machte er sich allein auf den Weg. Die Worte von Uglo im Ohr, hatte er eine gefühlte Ewigkeit in der Dunkelheit nach dem Anfang des Bergpfades gesucht, bis er letztendlich den schmalen Durchgang zwischen den beiden Felsen gleich am Anfang der freien Fläche entdeckt hatte.
Aufmerksam leuchtete er jetzt das Wegstück vor sich ab, nur noch ein paar Meter, dann wurde der steile Anstieg wieder flacher.
Plötzlich, nur ein paar Schritte vor ihm auf dem Weg, glänzte etwas Kleines im Schein seiner Lampe. Als er sich bückte und die Hand danach ausstreckte, schrie er laut auf. Zwischen seinen Finger hielt er – eine kleine goldene Kette mit zwei herzförmigen Anhängern – Toms Talisman. Fest schloss er die Faust um Toms kleinen goldenen Begleiter. Er sank auf die Knie und begann bitterlich zu weinen, ein Schluchzen entsprang seiner Brust. Tom war hier gewesen, Uglo hatte also Recht, Uglo, wo war er?
Toms Vater zwang sich zur Ruhe, er überlegte. Suchend sah er sich um.
„Tom, Tom, Uglo, wo seid ihr? Jungs, meldet euch!“ Nichts, kein Laut drang zu ihm, lediglich ein Eichelhäher, der den Störenfried meldete, lachte keckernd durch die Nacht. Ein Luftzug schoss ihm über die Haare, erschrocken duckte er sich, aber nur ein großer Uhu war vor ihm über den Pfad geflogen. Noch einmal versuchte er es, so laut er konnte, „Ugloooo, Tooooom, wo seid ihr?“ Stille!
Weiter stieg er den steilen Pfad hinauf. Auf der Hochebene angekommen erkannte er im schwächer gewordenen Mondlicht die Holzhütten, in denen tagsüber, vor allem an den Wochenenden, die verschiedenen Verkaufsstände betrieben wurden. Er lief die Hütten ab, sie waren alle von außen fest verschlossen. Er leuchtete durch die vergitterten Fenster hinein, nichts.
Die Tür einer einzelnstehenden Hütte am Rand des Plateaus schien offen zu sein. Er leuchte dorthin, die Bretter vor dem Eingang sahen aus, als ob sie erst vor kurzem gewaltsam geöffnet worden wären. Einige Bruchstellen im Holz glänzten im Licht seiner Taschenlampe noch ziemlich frisch. Vorsichtig näherte er sich dem Eingang, aber die Hütte war bis auf eine alte Decke in einer Ecke leer. In einer anderen Ecke der Hütte entdeckte er im Schein der Lampe zwei leere Bierflaschen. Als er näher herantrat, sah er gleich daneben auch noch zwei Zigarettenstummel. Sie waren nur halb aufgeraucht, so als ob die Raucher gestört worden wären oder sie es eilig gehabt hätten. Seine Gedanken gingen zur kleinen Lichtung am Fluss zurück, auch hier hatten zwei Kippen und zwei leere Flaschen gelegen… sollten die gleichen Leute, dort und hier?
Eine unbändige Wut ergriff ihn.
Tom, Uglo - wo waren sie? Erstaunt stellte er in diesem Moment fest, dass er sich um Uglo ebensolche Sorgen machte, wie um seinen eigenen Sohn, um Tom...
Zitternd zog er sein Handy aus der Tasche, tippte kurz auf das Display und hielt das Gerät ans Ohr. Auf der anderen Seite – Stille, Toms Handy war ausgeschaltet worden. Was bedeutete das?
Sorgenvoll und niedergeschlagen machte er sich auf den Rückweg.
Blinzelnd öffnete er die Augen. Dunkelheit umgab ihn. Ein Schrei hatte ihn aus der Tiefe gerissen, sich durchdringend in sein Unterbewusstsein gebohrt. Tief in seinem Inneren glaubte er, eine Stimme zu hören – verzweifelt, schwach, als käme sie aus weiter Ferne. War es die Stimme von Tom? Nein, sie klang anders, viel tiefer… leise. Verzweifelt.
Sein Kopf brummte, alle Glieder schmerzten… Uglo hatte keine Ahnung, wie er hierhergekommen war. Das Letzte, woran er sich erinnerte, war, dass er oben vom Berg losgelaufen und an der steilen Stelle gestrauchelt war. Das Gesicht schmerzte, die Haut an Armen und Beinen brannte fürchterlich. Mit einer Hand fuhr er sich über den Kopf, seine Hand betastete eine schmerzende Stelle zwischen seinen dichten Haaren. Er fühlte eine mächtige, schmerzhaft pulsierende Beule und griff in etwas Klebriges – Blut!
Er war auf der Suche nach Tom gewesen, die letzten Ereignisse schossen ihm wieder in die Erinnerung...
Er wusste nicht wirklich, was mit ihm passiert war. An der Stellung des Mondes, der sein Licht mit letzter Kraft durch die Baumkronen schickte, erkannte er, dass die Mitte der Nacht schon vorüber sein musste. Wie lange mag er hier in den Sträuchern gelegen haben? Wieder schien es ihm, als ob die hässliche Stimme des Schamanen ihn verlachte… „nur noch diese Nacht… denk an mich… dein Schatz verloren… Fluss zurück…“ Das immer lauter werdende hässliche Lachen des Zauberers stach ihm ins Herz. Er hielt sich die Ohren zu.
Vor seinem inneren Auge flackerte ein Bild auf: Tom gefesselt, der Körper gezeichnet von Schlägen, der Körper halb nackt, mit traurigem Gesicht…
Er versuchte sich aufzusetzen, die Zweige über ihm und neben ihm hielten ihn zunächst fest. Mit aller Kraft gelang es ihm aber doch auf allen Vieren, Stück für Stück, in Richtung Weg zu kriechen.
Noch bevor er den Pfad erreichte, hörte er Schritte den Pfad herunterkommen. Es musste jemand sein, der nicht mit nackten Füßen lief, denn Uglo bemerkte, dass es schwere Schritte waren. Laut knirschten die Kieselsteine unter harten Sohlen.
Aufgeschreckt duckte er sich tiefer, er war doch gerade erst oben gewesen. War er etwa nicht allein dort? Hatte ihn jemand beobachtet? Die Gestalt auf dem Weg beeilte sich auf dem Weg nach unten, ein heller Lichtstrahl tänzelte ihr voran. Uglo fuhr zusammen, die Umrisse des Mannes auf dem Weg, das helle Licht, das war, das sah aus wie… Toms Vater!
Sein Herz machte einen kleinen Freudensprung. War er doch noch gekommen! Mit aller Kraft rief er nach ihm, aber nur ein leises heiseres Krächzen kam aus seinem Mund.
Und schon war der Schatten im Dunkel auch wieder verschwunden.
Uglo biss die Zähne zusammen und kroch unter Schmerzen bis an den Pfad heran. Schwerfällig richtete er sich auf, nicht jedoch, ohne vorher aufmerksam in die Nacht zu lauschen. Als er sich sicher war, dass keine Gefahr drohte, trat er auf den Weg hinaus.
Unschlüssig schaute er sich kurz um. Die Schritte von Toms Vater waren längst nicht mehr zu hören. Dann, ohne weiter zu überlegen, begann er wieder zu laufen. Den Pfad hinunter, so schnell es ihm in seinem Zustand möglich war, wollte er Toms Vater einholen. Mehrfach wäre er fast wieder gestürzt, gerade so konnte er sich abfangen. Ihm war schwindelig, der Kopf brummte und die Füße schmerzten auf den seltsamen kleinen spitzen Steinen. Aber der Gedanke an Tom und die knapp werdende Zeit ließen keine Pause zu. Er konnte Toms Vater nicht einholen, bestimmt war der den letzten Teil des Weges auch gelaufen, um schnell wieder unten zu sein.
Jetzt kam er an die Stelle, wo die Sippe immer ihre Abfälle wegwarf und die Bewohner in der Nähe auch ihre Notdurft verrichteten. Er musste auch eine Pause machen, seine Blase drückte zu sehr, er konnte sich nicht mehr beherrschen. Beinahe wäre er an der Stelle vorbeigelaufen, sonst hatte er hier immer gleich diesen stechenden Geruch in der Nase, er wunderte sich zwar, trat dann rasch an einen Baum heran… der Strahl wollte gar nicht enden…
Erleichtert wandte er sich wieder dem Pfad zu und schon nach kurzer Zeit war er am Durchgang zwischen den beiden engstehenden Felsen angekommen.
Wie angewurzelt blieb er kurz stehen, riss die Augen weit auf, er wich ein paar Schritte in die Deckung der Felsen zurück. Kalte, blaue Blitze zuckten an den Felsen hinauf und peitschten ihm in die Augen.
Starr vor Schreck konnte er sich zunächst nicht bewegen. Entsetzt kniete er sich nieder und bedeckte die Augen mit den Händen. Hatte der Schamane den Wettlauf gewonnen? Hatte er die blauen Blitze schon wieder geschickt, die Uglo zurückholen sollten, ihn von Tom trennen wollten? Uglo warf sich lang auf den Boden und begann zitternd ein Bittgebet für den Großen Federgeist zu sprechen…
„Großer Federgeist, du, der in Wind und Wolke wohnt,
du, der Flügel trägt über Tag und Nacht, höre mich, Uglo, Sohn des Bogo.
Meine Zeit rinnt wie Sand im Fluss, doch Tom liegt noch im Schatten,
Schenke Uglo noch Atem, noch Herzschlag, lass mich bleiben, bis Tom lebt. Dann, Großer Federgeist, nimm mich, wenn du willst, doch nicht bevor mein Werk getan. So sei es.“
Noch einige Momente blieb er konzentriert über den Erdboden gebeugt. Er wartete auf ein Zeichen des Geistes. Kurz war ihm, als ob ein warmer Hauch von der Ebene her durch den Felsspalt über seinen Körper heranwehte.
Er nahm dies als Wink des Großen Geistes, erhob sich ermutigt und schlich wieder an den Rand der mächtigen Steine. Doch was er dort sah, war ihm vollkommen unbegreiflich. Im Schein der blauen Blitze, die in einiger Entfernung, etwa in der Mitte der breiten Wiese in den Nachthimmel zuckten, sah er einige große Schatten, von denen die Blitzstrahlen ausgingen. Einige der mächtigen dunklen Dinger hatten grelle, glühende Augen, in deren Licht sich emsig einzelne Gestalten bewegten, die eigentümlich gekleidet waren. Sie erschienen ihm als magische Wesen, denn einige hatten glänzende Haut – schwarz wie der Stein nach einem langen Brand. Die Brust zierte ein Zeichen aus glänzendem Material, das im Blitzlichtgewitter funkelt wie die Augen eines Tieres. Um die Hüften trugen sie seltsame Werkzeuge – aus einem unbekannten Material. Am Gürtel baumelten lange schwarze Stäbe. Waren das Krieger oder Zauberer einer fremden Sippe? Waren die Stäbe – Zauberstäbe…?
Ein paar andere dagegen trugen farbige Kleidung, die wie Flammen leuchteten. Sie schienen dem Feuer sehr nah zu sein, ihre Hauben glänzten, die Gesichter waren hinter einem klaren Stein verborgen. So stellte er sich Feuergeister vor, die nicht vor der Glut fliehen, sondern sie bändigen.
In seinen Augen waren das übermenschliche Gestalten, halb Menschen, halb Geister – wie aus einer fremden Welt, ehrfürchtig wich er wieder zurück. Er versuchte, sich zu beruhigen.
Aber nur kurz verließ ihn der Mut, seine innigen Empfindungen für Tom, die Sehnsucht nach ihm und die Hoffnung, ihn gesund wiederzufinden gaben ihm neue Kraft. Er musste sich beeilen. Tief holte er Luft und straffte sich. Noch einmal schaute er mit zusammen gekniffenen Augen auf die Ebene und schlich dann vorsichtig zum Rand des Platzes, dorthin, wo er die Zelte von Tom und seinen Eltern wusste. Immer wieder duckte er sich in den Schatten der Steine und wartete einige Momente ab, ob ihn jemand bemerkte. Aber unentdeckt erreichte er die beiden Zelte. Kurz warf er einen Blick auf Toms verschlossenes Zelt, das Zelt der Eltern war schwach erleuchtet. Der Eingang stand etwas offen.
Langsam näherte er sich dem großen Zelt, mehrere Stimmen drangen zu ihm heraus. Er erkannte die des Vaters, leise auch die Stimme von Toms Mutter und dazu eine laute, dröhnende tiefe Stimme, die sehr aufgeregt klang.
Der Zelteingang flog auf und ein großer, jener dunkel gekleideten Männer stürzte heraus. An seiner schwarzen Brust blitzte das goldfarbene Zeichen, an seiner Seite baumelte ein langer schwarzer Stab. Es war einer der Krieger des fremden Stammes…!
Uglo zuckte zurück und warf sich zwischen den beiden Zelten zu Boden. Ohne den Jungen zu bemerken, lief der Fremde in Richtung der dunklen großen Schatten auf der Wiese.
Einige Augenblicke wartete Uglo noch, leise schlich er zum Zelt und schob geräuschlos das Tuch am Eingang zur Seite. Was er sah, erschütterte ihn, Toms Vater stand mit dem Rücken zu ihm, die Eltern umarmten sich. Toms Mutter hatte ihren Kopf auf der Schulter des großen Mannes und weinte bitterlich. Ergriffen blieb Uglo stehen, gerade wollte er sich wieder hinausschleichen, als er Toms Mutter leise hörte, „Uglo, Uglo, Großer… komm her…“ Sie konnte nicht weitersprechen, ihr versagte die Stimme.
Uglo erstarrte. Der Vater drehte sich überrascht um, „Uglo, schön, dass du…“ Auch er sprach nicht weiter. Beide Erwachsenen starrten den Jungen fassungslos an, wie er nackt und von Schmerzen gezeichnet vor ihnen stand. Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Dann fand Toms Mutter als Erste ihre Stimme wieder.
„Junge, wie siehst du denn aus? Was ist passiert?“
Sie eilte auf ihn zu, schlang die Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. Sanft glitt ihre Hand durch sein Haar. Uglo zuckte zusammen – und doch durchströmte ihn eine tiefe, kaum fassbare Wärme, ein Gefühl von Geborgenheit und vertrauter Nähe.
Erschrocken nahm Toms Mutter ihre Hand von Uglos Kopf, Blut klebte daran. Jetzt schob sie ihn ein Stück von sich und betrachtete den zerschundenen Körper des Jungen von oben bis unten. Fassungslos flüsterte sie nochmal, „komm Uglo, setz dich erstmal, was ist passiert?“ Sie schob ihn auf einen Stuhl und gab ihrem Mann einen Wink. Der kam kurz darauf mit einem Glas Saft zurück, das er Uglo reichte. „Trink Junge, aber langsam…“ Misstrauisch betrachtete Uglo die farbige Flüssigkeit in dem durchsichtigen Gefäß, das ihm gereicht worden war. Fragend blickte er die Mutter an, sie nickte ihm aufmunternd zu. Behutsam setzte er das Glas an die Lippen, nahm erst einen kleinen Schluck, um dann den Rest der Flüssigkeit gierig in sich hineinzuschütten. Wohl ein wenig zu schnell, er begann zu husten. Tränen traten ihm dabei in die Augen. Als er sich wieder gefangen hatte, lächelte er der Mutter zu, „noch mehr… bitte.“ Das zweite Glas leerte er bedacht, er genoss den köstlichen Saft mit kleinen Schlucken.
Toms Vater trat einen Schritt näher, Sorgenfalten auf der Stirn. „Uglo, was ist passiert? Warst du oben auf der Höhe? War Tom dort?“
Die Fragen kamen schnell nacheinander. Seine Stimme bebte, fordernd und voller Angst.
Uglo wich mit dem Oberkörper zurück. Der Schmerz in seinen Schläfen pochte, die Worte des Mannes rauschten nur dumpf an ihm vorbei. Er wollte antworten – doch sein Mund blieb trocken und kein Laut kam über seine Lippen.
Toms Vater wurde schroffer, eindringlicher wiederholte er „Uglo, du warst oben? Was ist passiert, was war oben auf dem Berg, war Tom dort, hast du ihn gesehen…?“ So viele Fragen auf einmal, in Uglos Kopf begannen sich die Worte zu drehen, er konnte nicht gleich antworten. Toms Vater griff ihn am Arm, fester als er wollte. „Uglo, bitte! Sag mir, was du weißt.“
Seine Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern, brüchig vor Angst.
Uglo wich dem Blick aus. Bilder blitzten in seinem Kopf auf – der Pfad, die Hütten, die Decke... Er spürte wieder das Ziehen in der Brust, den brennenden Schmerz die ihn dort oben fast gelähmt hatte. „Ich… ich weiß es nicht genau“, stammelte er schließlich. „Er war da – und dann…“ Sein Blick verschwamm… Plötzlich war da wieder Toms Ruf in Uglos Kopf, ganz deutlich hörte er ihn rufen… „er ruft mich, ich höre Tom…“ Uglo sackte in sich zusammen und starrte auf den Boden. Toms Vater ließ ihn los, als hätte er sich verbrannt. Einen Moment stand er einfach da, atmete schwer, die Hände zitterten.
Toms Mutter sah ihren Mann fest an, ihre Augen funkelten mit stillem Vorwurf. „Komm, Lars, lass ihn jetzt erst einmal in Ruhe. Ich werde seine Wunden versorgen und inzwischen kann er sich ein wenig ausruhen. Danach… dann wird er uns alles erzählen, ja, Uglo?“ Uglo verstand nicht jedes Wort, doch sein Blick folgte ihr voller Vertrauen, als hätte er gespürt, dass sie ihn beschützen würde. Er nickte. Toms Vater stand daneben, die Hände unruhig, das Herz schwer – er konnte nichts tun, außer Warten und Hoffen. Mit einer sanften Handbewegung bat sie Uglo, ihr in den hinteren Teil des Zeltes zu folgen und sich auf eine der Liegen zu legen. Während sie sich über ihn beugte und begann, die Blutspuren an seiner Kopfwunde zu entfernen, spürte er die Wärme ihrer Fürsorge und plötzlich fühlte er sich sicher und geborgen. Nachdem sie seine rissige Haut am ganzen Körper gereinigt hatte, versorgte sie die Wunden mit einer milden Salbe. Ihre sanft streichelnden Hände begannen ihn zunehmend zu verwirren, als sie leicht und vorsichtig über seinen Bauch, die Lenden, am Schambereich vorbei über die Schenkel wanderten. Erregendes Kribbeln und Ziehen krochen ihm über den Rücken bis in die Lenden, er spürte, dass etwas pulsierend in seine Körpermitte strömte. Seine Augen, die er bisher geschlossen hatte, folgten irritiert ihren Händen, er hielt den Atem an, wurde unruhig...
Als ob sie seine Unsicherheit spüren würde, berührte sie ihn nach einem kurzen Zögern sanft an der Seite, ein stummes, vertrauensvolles Zeichen, sich auf den Bauch zu legen. Er verstand sofort und drehte sich gehorsam um. Kaum hatte er die Bewegung vollendet, erwachte unter ihm, wie von unsichtbarer Hand berührt, eine so noch nie gefühlte wunderbare Empfindung. Ein leiser Seufzer entwich seinem Mund, während er die Augen wieder schloss. Behutsam, mit einer Zärtlichkeit, die fast schon weh tat, trug die Mutter die kühlende Salbe auf das Brandmal zwischen seinen Schulterblättern auf. Ihre Finger glitten sacht über seine Haut, folgten den Linien seines Rückens, verweilten einen Atemzug lang auf seiner Taille, ehe sie weiterwanderten – über den Po bis hinab auf die Rückseite seiner Oberschenkel. Er genoss die wohligen Berührungen. In diesen Momenten der absoluten Hingabe, ergriff Tom wieder von ihm Besitz. Es war, als würde Toms Gegenwart ihn umhüllen, sanft und unausweichlich. Er war einfach in ihm, kaum verstand Uglo, was Tom ganz leise flüsterte „bitteee, Uglo, du und ich… alte Zauberwelt.“ Dieses seltsame Wissen, dass sie auf irgendeine Weise verbunden waren, jenseits dessen, was er verstand.
Ein Zauber unter ihm wuchs schnell und mächtig. Er spürte das Pulsieren. Ein warmes, pochendes Gefühl durchströmte ihn … Er spürte den warm zuckenden Wunderstab, ein verräterisches Beben und Zittern durchlief seinen jungen Körper. Ein Gefühl durchströmte ihn, so vertraut und doch so neu, gleichzeitig so sanft, warm und voller Sehnsucht nach Tom. Ein leiser Hauch der Lust verließ seinen Mund… Es war so wohltuend, dass Uglo danach beinahe in einen süßen, traumgleichen Schlaf gesunken wäre.
Doch plötzlich – ein kurzer, neckischer Klaps auf seinen nackten Hintern. Er zuckte zusammen, blinzelte verwirrt, als ihn die Realität zurückholte. Verlegen wandte er den Blick zur Seite, seine Wangen glühten. Bewegungslos wagte er für einen Moment wagte kaum zu atmen.
Toms Mutter stand abseits, ein sanftes, wissendes Lächeln auf den Lippen. Sie legte etwas neben ihn, „eine Boxer von Tom“ und verschwand so still, wie sie gekommen war. Sie zog sich diskret zurück. Uglo starrte auf den eigenartigen Lendenschurz, sah auf den Stoff, der nun neben ihm am Kopfende lag - hell, weich, mit feinen Nähten. Er stemmte sich hoch und warf verstohlen einen Blick unter sich auf seinen noch prallen Zauberstab, an dem ein dicker klebriger, weiß glänzender Faden herunterlief. Er setzte sich auf, lächelte schwach und spürte noch das Nachbeben des Augenblicks in sich. Verlegen schaute er auf sein Wunderhorn, sein Blick fiel auf ein, zwei kleine weiße Tüchlein aus weichem Material, die Toms Mutter bereitgelegt hatte. Er verstand… und wischte damit sanft über den Schaft und die Spitze. Er zuckte zusammen. Seine Gedanken gingen auf Reise - nein, nicht zu Irana, er dachte an Ango, wie er letztens nackt schlafend im Schilf vor ihm lag. Und wie gern hätte er ihm gezeigt wie viel… Ob Tom das Gefühl auch schon kannte, was…? Ob er vielleicht…?
Er musste jetzt doch noch etwas länger warten, bevor er sich den Stoff über seinen nur allmählich schrumpfenden Schwengel und die Hinterbacken ziehen konnte… Vorsichtig schlüpfte Uglo in das fremde Kleidungsstück, zog es über seine Hüfte. „Boxer“, hatte sie gesagt – ein seltsam hartes Wort für etwas, das sich so eng und weich an ihn schmiegte. Der Stoff glitt kühl über seine Haut, blieb an den warmen Stellen hängen, als wolle er sich dort festhalten. Der feine Stoff fühlte sich himmlisch an auf seiner Haut und strich über seine Schätze, neugierig wie eine fremde Hand - für einen Moment verlor er das Gefühl, wo der Stoff endete und seine Haut begann. Erneut durchfuhr ihn ein leises Zittern. Noch einmal glitt seine Hand vorn unter den Stoff, um die widerspenstige ungestüme Natur seines Fleisches und der beiden runden Begleiter zu bändigen, die schon wieder lebendig pulsierten… Sie hatten den lästigen Drang, bei jeder Bewegung herauszurutschen.
Während er auf der Bettkante saß und seinen Empfindungen nachhing, hörte er aus dem vorderen Bereich des Zeltes eine leise geführte Unterhaltung. Toms Eltern unterhielten sich gedämpft, aber Uglos Ohren waren naturgemäß gut geschult und so fing er doch ein paar Fetzen des Gesprächs auf…
Er verstand die Worte „Uglo, woher, Junge… Tom, Steinzeit, Versteck … sonst… nicht.“
Was hatte das alles zu bedeuten? Er wurde unsicher, sie hatten ihm gegenüber doch so freundlich getan, er hatte ihrem Sohn das Leben gerettet. Und er hatte Tom sehr liebgewonnen und glaubte, dass auch Tom ihn, was …? Oder hatte er sich das alles nur eingebildet, war alles nur ein Wunschtraum?
Zögerlich trat er in das Licht, zu Toms Eltern, blieb vor ihnen stehen und sah sie fragend an. „Uglo“, Toms Mutter sah ihn überrascht, aber freundlich an. „hast du dich ein wenig ausgeruht? Wir haben gerade über dich…“
Sie kam nicht dazu den Satz zu beenden…
Mit Tränen in den Augen fiel der Junge ihr barsch ins Wort.
„Was ist mit mir? Was stimmt nicht mit mir? Warum bin ich so anders als euer Junge – als Tom? Schaut mich doch an! Meine Haut, meine Haare überall, mein ganzer Körper, ich bin nackt– alles an mir ist euch fremd, anders, falsch! Was ist mit mir geschehen, dass ich nicht dazugehöre?“
Seine Stimme versagte ihm fast, leise flüsterte er „Wollt ihr, dass ich fortgehe?“
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