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Es fährt ein Zug nach Bielefeld

Weihnachtschallenge 2016

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Das gibt es doch gar nicht: „Bielefeld Hbf“ lese ich am dürftig beleuchteten Bahnsteig, an dem unser Nacht-Express zum Stehen gekommen ist.

Seit dreißig Jahren bin ich als Schlafwagenschaffner in ganz Europa unterwegs, aber sowas habe ich noch nicht erlebt:

Wir sind pünktlich in Wien abgefahren, haben in Nürnberg und Würzburg planmäßig unsere Kurswagen und lächerliche 3 Minuten eingesammelt. Doch plötzlich ging gar nichts mehr. Über zwei Stunden standen wir auf freier Strecke, bis wir die Information bekamen, dass wir nun eine Umleitung zu fahren hätten.

Mittlerweile ist es schon 4 Uhr am Morgen und wir sollten längst über die französische Grenze gefahren sein, aber wir stehen in einem Bahnhof namens Bielefeld. So ist es jedenfalls auf der Beschilderung zu lesen. Keine Ahnung, auf welch abenteuerlichem Bahnhof wir da gelandet oder sollte ich sagen „gestrandet“ sind?

Von meinem Platz aus habe ich den Seitengang meines Schlafwagens gut im Blick. Dass es sich dabei um eines der letzten Exemplare der klassischen, international weit verbreiteten Schlafwagen-Bauart „MU“ handelt, muss ich jetzt einfach erwähnen, auch wenn es keinen interessiert bzw. die wenigsten damit etwas anfangen können.

An Weihnachten herrscht seit jeher Hochbetrieb, so reist an Bord meines Wagens eine Gruppe von Schülern der Abschlussklasse eines Wiener Gymnasiums, die unbedingt in Paris Silvester feiern wollen. Erstaunlicherweise handelt es sich ausschließlich um Jungs. Gibt es das noch? Reine „Knaben“-Klassen einer höheren Bildungsanstalt?

Warum auch immer, sind aber nur fünf der zwölf Abteile überhaupt belegt, zu zweit aber auch zu dritt. Zwar ist auch der Rest komplett reserviert, bleibt aber wohl wegen des Umwegs unbesetzt. Draußen herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt, doch die Heizung läuft auf Hochtouren und sorgt für gute 26 Grad, die aber irgendwie nicht herunter zu regeln gehen. So ist es wohl zu erklären, dass seit unserer Umleitung immer häufiger der ein oder andere, nur mit Shorts und T-Shirt bekleidete jugendliche Fahrgast im Gang gestanden hat, um frische Luft zu schnappen. Wieder schwingt eine Abteiltür auf und einer der Jungs kommt auf mich zugesprungen.

Mir stockt der Atem, denn dieser hat weder T-Shirt noch Shorts an. Mit einem frechen Lächeln hüpft er an mir vorbei um in der Toilette zu verschwinden. Was durch die rote „WC-besetzt“ Leuchte quittiert wird. Zugegeben war das eben kein unangenehmer Anblick: Schwarzes, kürzeres Haupt-Haar, ansonsten völlig haarlos; und wenn ich sage völlig, dann meine ich völlig!

Keine Minute später erscheint auch in derselben Tür ein ebenso völlig nackter Bursche mit einer blonden Löwenmähne. Seine leicht gebräunte Haut ist makellos; kein Piercing, kein Tattoo stört den natürlichen Eindruck…

Was zur Hölle ist denn hier los, denke ich noch und passend dazu wird mir heiß! Noch heißer, als es mir durch die überdrehte Heizung ohnehin schon ist!

Inzwischen ist der Schwarzhaarige wieder zurück.

Die Blicke und Bewegungen der beiden zeigen mir, dass sie sich über ihre Wirkung sehr wohl bewusst sind! Zu allem Überfluss bleiben sie völlig ungeniert an einem der großen Fenster stehen und schauen fasziniert dem Schneegestöber in der schwachen Bahnsteigbeleuchtung zu. Ich kann nicht umhin, diesen Anblick zu genießen. Der Blondschopf hat einen leichten Haaransatz unterm Bauchnabel, der in einer feinen Spur nach unten führt, seine Arme und Beine ziert ein leichter Flaum, dennoch beschränkt sich die blonde Farbe auf den Kopf. Die etwas dunkleren Augenbrauen verraten die Farbe der übrigen Körperbehaarung.

Leise unterhalten sich die beiden ein wenig, es scheint um kulinarische Köstlichkeiten zu gehen. Ich schüttle leicht meinen Kopf: Ich meine, da stehen zwei Neunzehnjährige nackt auf dem Gang eines Schlafwagens und unterhalten sich über Handkäs mit Musik, Schweinshaxe und Topfenpalatschinken mit Marillenfüllung und Schlagobers! Und das um vier Uhr morgens, das ist doch absurd und unwirklich. Ihr Lachen reißt mich aus meinen Gedanken auf. Als ich aufschaue steht der Löwe plötzlich vor mir und grinst vielsagend. Vermeintlich unbekümmert beginnt er ein Gespräch mit mir: „Fährst du öfters auf dieser Strecke? Irgendwie stimmt doch da was nicht, müssten wir nicht längst in Frankreich sein?“, fragt er mit einem Wiener Akzent, wie ich ihn so gerne höre. Dass er mich duzt, trotz eines Altersunterschiedes von geschätzt vierzig Jahren, stört mich nicht, sondern ich führe das auf die fühlbar gleiche zwischenmenschliche Orientierung zurück. Leider brauche ich etwas, bis ich antworten kann, so dass mein gegenüber nur noch mehr grinst.

„Naja, diesen Zug habe ich wohl schon an die 1000 Mal begleitet, aber so was wie ihr ist mir bislang noch nicht untergekommen!“

Er lacht amüsiert auf: „Aber es gefällt dir, was du siehst!“, und schaut mich aus zwei königsblauen Augen eindringlich an.

Oh man, was gibt das jetzt, denke ich und spüre, wie mir das Blut sonst wohin schießt.

„Und eine solche Umleitung auch nicht!“, ergänze ich schnell. „Bielefeld – keine Ahnung, wo das liegt und wie das zustande kommt!“

Jetzt stehen ihm die Fragezeichen in seinen schönen Augen! „Das hab‘ ich auch noch nie gehört!“, stimmt er mir zu.

Vergleichsweise leise ertönt eine Ansage: „Werte Fahrgäste, unser Aufenthalt verzögert sich bis etwa 4:45 Uhr!“

„Adagio!“, ruft es sodann durch den Gang. Der schwarzhaarige steht plötzlich wieder da. „Hast du gehört, Adagio, wir stehen hier noch eine halbe Stunde rum!“

Der Löwe dreht sich erst weg und dann wieder zu mir und zuckt mit den Schultern.

„Adagio?“, frage ich erstaunt.

„Hm“, macht der Löwe unsicher, „so nennen sie mich, seit sie wissen, dass ich klassische Musik studieren will“

„Oh! Das finde ich schön!“, rutscht es mir heraus.

„Echt?“, fragt er fast verlegen.

„Auf jeden Fall!“

Ehe ich mich versehe, hat der Rufer die Außentür aufgerissen und steht schon, wie er ist, auf dem Bahnsteig. Unwillkürlich bekomme ich eine Gänsehaut, ob vom Eishauch, der durch die Tür herein weht oder von der Vorstellung, dass der Junge da draußen in der Kälte steht, kann ich nicht sagen. Ein Schneeball knallt an die Scheibe und Adagio erschrickt.

„Ey, wie heißt denn dein Freund?“, frage ich ebenso erschrocken.

„Markus ist nicht mein Freund!“

„Nicht? Dafür seid ihr aber ganz schön freizügig!“

„Ach wo!“, meint Adagio daraufhin „wir kennen uns nur schon seit dem Kindergarten und seit Jahren gehen wir regelmäßig in die Sauna! Deshalb macht ihm auch so ein Bad im Schnee nichts aus!“

„Okay, aber er soll besser wieder rein kommen, bevor noch jemand einen Aufstand wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses macht!“

„Hahaha“, lacht Adagio „für eine Erregung besteht bei den Temperaturen wohl keine Gefahr!“

Ich schüttle wieder nur meinen Kopf, doch bevor ich noch etwas sagen kann, ist Markus wieder eingestiegen und hat die Tür zugezogen. Jetzt muss ich unweigerlich grinsen: Von Erregung kann tatsächlich keine Rede sein. Markus grinst etwas schief zurück und verschwindet in seinem Abteil.

Adagio hingegen macht keine Anstalten, sich zurück- oder wenigstens etwas überzuziehen.

Seelenruhig lehnt er an der Abteilwand und genießt offensichtlich meine verstohlenen Blicke – eine leichte Reaktion ist unverkennbar.

Schon fliegt die nächste Abteiltür auf und noch ein Nackedei erfüllt den Seitengang mit Leben. Unweigerlich taxiere ich diese neuerliche Erscheinung: Mit etwa 1,70m ist diese Exemplar kleiner als die anderen Beiden, aber ebenso schlank. Ich seufze, was er registriert und mich mit einem ehrlichen Lächeln zur weiteren Betrachtung seiner Person einlädt: Verblüfft stelle ich fest, dass er nicht ein Haar am Körper hat, keine Augenbrauen, nichts! Seine rote Baseballmütze trägt er auf neun Uhr und bedeckt damit seinen kahlen Schädel. Es scheint, als habe er gerade erst eine Chemotherapie hinter sich, doch macht er weder einen kranken noch einen niedergeschlagenen Eindruck. „Hey Adagio! Dir scheint es genau so heiß zu sein, wie uns! Ich geh mal an die frische Luft!“, spricht's und reißt die Außentür erneut auf.

„Oh alles weiß“, lässt er mit überraschtem Unterton vernehmen, hüpft nach draußen und gleich wieder rein. Er strahlt über das ganze Gesicht. Adagio muss erneut lachen:

„Hihi, Matjes, du bist genauso verrückt, wie Markus! Der war auch schon draußen im Schnee!“ „Im gleichen Aufzug wie du übrigens“, setzt er noch nach.

„Na, ist doch lässig oder nicht?“, posaunt er lauthals Richtung Adagio und dreht seine Mütze nach hinten. Adagio grinst: „Und jetzt bist du auf der Flucht oder was?“

Doch der streckt ihm nur die Zunge raus und begibt sich erneut auf den Bahnsteig und stapft im Schnee herum, als hätte er die dicksten Stiefel an. Als er wieder im Wagen steht, fragt er mich: „Wieso ist es denn da drin so heiß wie in der Sauna?“

„Gute Frage!“, entgegne ich, „keine Ahnung, aber die klimatische Anlage lässt sich nicht herunter regeln! Woran das auch immer liegen mag! Aber ihr seid ja passend gekleidet“, entfährt es mir unbeabsichtigt. Jetzt werden die beiden doch tatsächlich etwas rot. Ich muss zwangsläufig grinsen, worauf sie aber sogleich in schallendes Gelächter ausbrechen. Doch schon ist Matjes wieder in seinem Abteil verschwunden.

Adagio hingegen hat sich auf den Klapp-Notsitz mir gegenüber gesetzt. Im ersten Moment erschrickt er und steht fluchs wieder auf.

„Was ist los?“, will ich wissen.

„Der Sitz ist arschkalt!“, stellt er überrascht fest.

Ich muss lachen. „Naja, wenn man sich auch mit seinem nackten Hintern auf so ein Kunstleder draufsetzt, ist es nun Mal buchstäblich arschkalt!“, spiele ich mit den Worten, was er mit einem Grinsen quittiert.

Beim zweiten Versuch bleibt er stoisch sitzen und lächelt dann dennoch etwas gequält.

„Weißt du, der Matjes hat es grad nicht leicht, er heißt ja eigentlich Matthias, aber durch die Chemo hat er alle seine Haare verloren. Und er hatte fast so eine Mähne wie ich! Naja, weil er jetzt halt aussieht wie ein Fisch, war es von Matthias zu Matjes nicht weit. Das ist zwar auch ein Stück weit ziemlich gemein, aber wer den Schaden hat...“

„… spottet jeder Beschreibung!“, ergänze ich etwas zynisch. Normalerweise sind mir Gemeinheiten in solchen Fällen zuwider.

„Ja, aber er nimmt das echt locker! Soweit ich mich erinnere, hat er für diesen Spitznamen mit einer entsprechenden Bemerkung selbst die Vorlage geliefert!“, ergänzt Adagio.

„Dann hat er wohl eine gewaltige Portion Selbstironie!“, bemerke ich anerkennend.

„Das stimmt allerdings!“, beendet Adagio diesen Teil des Gesprächs um ähnlich ernst das Thema zu wechseln: „Hast du eigentlich einen Freund, um an vorhin anzuknüpfen?“

Ich schaue ihn prüfend an und muss etwas zu auffällig seufzen.

„Wer will denn schon was von einem alten Esel, wie mir?“

„Komm schon“, winkt er ab „so alt bist du ja nun auch wieder nicht! Weißt du, gerade als ich mit 15 gemerkt habe, dass ich auf Jungs stehe, sind wir vom Land mitten nach Wien gezogen. Da hab ich mich in die Szene gewagt und was soll ich sagen? Von einem pausbäckigen jungen Landei wollen da alle immer nur das eine!“

Dabei sieht er mir lange und tief in die Augen.

Fast resignierend entgegne ich ihm: „Von mir wollen auch immer alle nur das Eine!“ Immer noch schaut er mir in die Augen. „...Konversation!“, ergänze ich ironisch. Ich versinke in seinen blauen Augen. Wie in Trance vernehme ich seine Bemerkung: „Nicht unbedingt!“ Er nähert sich gefährlich und ehe ich reagieren kann, küsst er mich schnell auf den Mund und will sich wieder setzen, was jedoch schiefgeht, weil sich der Notsitz wieder von selbst in die Wand geklappt hat. Deshalb landet Adagio ziemlich unsanft auf dem Grunde des Ganges sozusagen. Ich bin aufgesprungen und reiche ihm meine Hand, die er reflexartig ergreift und helfe ihm wieder auf die Beine.

„Alles in Ordnung?“, sorge ich mich.

Er stöhnt leicht auf. „Das Steißbein hab ich mir halt angehauen!“, und verzieht das Gesicht, lächelt dann aber etwas hinterhältig „Kannst ja pusten, vielleicht hilft‘s!“, fordert er mich auf. ‚Das ist ein ganz schönes Früchtchen‘ schießt es mir durch den Kopf und grinse sogleich über meine in Gedanken so treffende Wortwahl.

„Da gibt es gar nichts zu grinsen!“, belehrt er mich fast schon ein bisschen wehleidig, weil er wohl annimmt, dass ich ihn nicht ernst nehme.

Ich kann nicht anders, als aufzustehen und ihn in den Arm zu nehmen.

„Armer Simba!“, necke ich ihn, um von dem wohligen Gefühl abzulenken, das mich umschleicht und erschreckt zugleich.

„Simba?“, schaut er mich fragend an.

„Kennst du nicht ‚König der Löwen‘?“, frage ich zurück.

„Schon, aber was hat das mit mir zu tun?“

Offensichtlich ist er sich seiner Löwenmähne nicht als solcher bewusst, weshalb ich ihm antworte: „He, mit deiner Mähne auf dem Kopf!“

Seine Verunsicherung hält etwa eine halbe Sekunde an, bevor er sich richtig fest an mich schmiegt. Diesen Moment kann ich nur wortlos genießen und ihm scheint es ähnlich zu gehen, denn er lässt mich nun seinerseits nicht mehr los.

„Willst du nicht noch ein wenig schlafen gehen?“, frage ich ihn nach einer Weile.

Er grinst mich vielsagend an, worauf ich meine rechte Augenbraue hoch ziehe. „Ist ja gut, Mr.Spock! Ich glaub, ich leg mich tatsächlich wieder ein bisserl auf‘s Ohr.“ Allerdings macht er keinerlei Anstalten sich erheben oder gar seine Koje aufsuchen zu wollen. Nach einer gefühlten Ewigkeit stupse ich ihn vorsichtig an, war er doch echt in meinen Armen eingeschlafen. Sanft streiche ich ihm durch seine Mähne. Nach einer Weile blinzelt er mich an und meint:

„Das war schön jetzt!“

„Okay, aber doch reichlich unbequem oder?“

„Überhaupt nicht!“, protestiert er, „ich fühl‘ mich grad sauwohl!“

Jetzt ist es an mir, die Farbe im Gesicht Richtung Tomate zu wechseln.

„Ne, ganz ehrlich!“, betont er nochmal und steht auf, um mich ganz zu umarmen. Erst jetzt scheint er zu bemerken, dass sein Körper sehr heftig reagiert hat und wir treten in einen Wettstreit um meine Lieblingsfarbe:

Feuerwehrrot (RAL 3000) reicht nicht mehr für eine treffende Beschreibung… Letztlich setzt er etwas unbeholfen zum Rückzug an. Ich reiche ihm meine Uniformmütze, die schon die ganze Zeit an der Wand hängt und wie im Film flitzt er unter Vorhaltung derselben in sein Abteil. Zu meinem Glück hilft mir meine Uniform die Contenance zu bewahren.

Gedankenverloren setze ich mich wieder auf meinen Platz und versuche mir die Situation klar zu machen. Allerdings drehe ich mich mit meinen Gedanken immer im Kreis. Ganz offensichtlich habe ich mich verknallt, wie ein Teenager! Und noch dazu in einen echten solchen! ‚Das führt doch nirgendwo hin‘ sagt mir meine Ratio; ‚warum denn nicht?‘ kommt von Herz und Bauch gleichzeitig.

Plötzlich rumpelt die Tür von Adagios Abteil auf und ein wütender Markus stürmt auf mich zu. Er hat immer noch nichts an, aber das scheint ihn nach wie vor nicht zu stören: „Was hast du mit Adagio gemacht?“, brüllt er mich an, packt mich an den Schulter und versucht mich zu schütteln, aber da braucht es schon Maschinen um meine hundert Kilo so zu bewegen, Ersatzteile reichen da nicht! Also schnappe ich mir seine Arme an den Handgelenken und halte sie mit eisernem Griff fest.

„Ja spinnst du jetzt?“, funkle ich ihn an, „was soll ich denn gemacht haben?“

„Das will ich ja von dir wissen! Adagio liegt in seinem Bett und heult sich die Augen aus dem Kopf!“

„Was? Wieso das denn?“, frage ich ihn verwirrt und bin schon auf dem Weg zu ihrem Abteil. Doch Markus stellt sich mit in den Weg und sagt immerhin eine Spur leiser als vorhin:

„Ich will erst wissen, was los ist!“

„Markus“, beginne ich einen Erklärungsversuch, „ich glaube die Emotionen haben ihn einfach überrollt! Ich habe ihn vorhin nur in den Armen gehalten, sonst nichts. Aber wenn ihn die gleichen Gefühle ergriffen haben, wie mich, dann hat er sich Hals über Kopf in mich verliebt und kann das so schnell nicht verarbeiten!“

„Aber so was kenne ich von ihm überhaupt nicht!“, entgegnet er wieder einen Tick schärfer. Doch lässt er mich passieren. Leise lehne ich mich an das obere Bett in dem Adagio vor sich hin schluchzt. Vorsichtig streichle ich ihm über den Hinterkopf, denn er liegt auf dem Bauch und hat den Kopf gegen die Wand gedreht. Als er mich bemerkt, dreht er sich um und schaut mich traurig an. „Ich glaube, ich habe mich ziemlich heftig in dich verliebt!“, stellt er ehrlich fest und scheint sich damit sehr sicher zu sein.

„Und warum wirft dich das so aus der Bahn?“, frage ich ihn.

„Ich weiß es nicht, vielleicht weil mir so etwas noch nie passiert ist und ich aber weiß, dass wir wohl keine Chance haben!“, meint er sehr leise und erneut stehen ihm die Tränen in den Augen.

Ich merke, wie es auch mir das Wasser in die Augen treibt, nehme ihn einfach wortlos in den Arm und küsse ihn einfach als gäbe es kein Morgen. Es klickt und die Gedanken schalten einfach ab. Zeit und Raum verschmelzen und spielen doch keine Rolle mehr...

Ich schrecke hoch und schaue in das zarte Gesicht von Adagio, seine Löwenmähne steckt allerdings unter der Kapuze seines Trainingsanzuges. Er scheint zu frieren!

Moment mal, war der Wagen nicht total überheizt?

Mein Blick fällt auf die Bahnhofsuhr am Bahnsteig: Es ist vier Uhr!

Sekunde, Sekunde, was haben wir für einen Tag?

„Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag, der 26.Dezember 1999!“

Es dauert einen Augenblick bis ich realisiere, dass ich das alles nur geträumt habe: Keine freizügigen Jungs, kein Bielefeld, kein gar nichts!?

Doch: Eine Gruppe Wiener Jungs will tatsächlich zum Millennium Jahreswechsel nach Paris, das wir wohl pünktlich erreichen werden. Ach ja: Und klassische Musik will er wirklich studieren, wie sich in einem langen Gespräch unter anderem herausstellt…

Nachwort

Entschuldigt, aber ich konnte nicht umhin eines meiner liebsten Film-Zitate auch in diesem Jahr zu verwenden… Hoffentlich gibt es diesen Film irgendwann einmal mit der deutschen Synchronisation auf DVD…

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