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Enterprise-Krieg und Liebe im Weltraum-Staffel 7

Teil 12

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Informationen

 

Ein paar Tage später waren Elbrun und Aljoscha im Quartier von Lieutenant Malva. Sie hatte vor einigen Tagen ein Kind zur Welt gebracht, einen kleinen Jungen namens Leon. Die beiden waren gekommen, um ihre Glückwünsche zu überbringen und einfach mal nach dem Rechten zu sehen.

Malva saß auf dem Sofa, noch ein bisschen erschöpft, aber mit diesem strahlenden, müden Lächeln, das nur frischgebackene Mütter haben. Das Baby lag in einer weichen Decke in Elbruns Armen. Er hatte es vorsichtig hochgenommen, als Malva es ihm angeboten hatte, und jetzt hielt er Leon so, als hätte er nie etwas anderes getan. Der Kleine hatte sich sofort an Elbruns Brust geschmiegt, die winzigen Finger um einen von Elbruns Zeigefingern geschlossen, die Augen halb geschlossen, völlig entspannt.

Aljoscha stand ein Stück abseits, lehnte leicht am Türrahmen und beobachtete die Szene. Er sagte nichts, er musste nichts sagen. Er sah einfach nur zu.

Elbrun wiegte Leon sanft hin und her, ganz instinktiv, ganz natürlich. Er summte leise, fast unhörbar, eine alte, sanfte Melodie, die er früher wohl selber als Kind gehört hatte. Der Kleine reagierte darauf, machte kleine, zufriedene Geräusche, kuschelte sich noch enger an. Elbrun lächelte, ein Lächeln, das Aljoscha selten so pur und ungeschützt sah. Kein Admiral-Grinsen, kein freches Training-Lächeln. Einfach nur… Glück. Reines, tiefes, wortloses Glück.

Malva bemerkte Aljoschas Blick und lächelte wissend.

„Er ist gut mit ihm“, sagte sie leise. „Richtig gut. Man sieht es sofort.“

Aljoscha nickte langsam, ohne den Blick von Elbrun abzuwenden.

„Ja“, murmelte er. „Er ist der geborene Vater.“

In seinem Kopf formte sich der Gedanke ganz klar, ganz ruhig: Er wäre wirklich ein toller Papa.

Elbrun hatte Leon jetzt so gehalten, dass der Kleine ihm direkt ins Gesicht schauen konnte. Der Kleine blinzelte, machte große Augen, dann ein winziges, zahnlose Lächeln. Elbrun lachte leise auf, dieses sanfte, tiefe Lachen, das aus seiner Brust kam und den ganzen Raum wärmte.

„Hallo, kleiner Mann“, flüsterte er. „Du bist ja ein richtiger Charmeur.“

Leon gurrte zur Antwort, griff mit seiner winzigen Faust nach Elbruns Nase. Elbrun ließ es geschehen, tat so, als würde er überrascht schnauben, was den Kleinen noch mehr zum Glucksen brachte.

Aljoscha spürte, wie ihm warm wurde, tief in der Brust. Es war kein neues Gefühl, aber es traf ihn heute besonders stark. Er sah Elbrun mit diesem Kind und wusste einfach: Das war es. Das war, was er wollte. Nicht nur für sich, sondern für sie beide. Für eine Zukunft, in der Elbrun nicht nur der starke, der unerschütterliche Anführer war, sondern auch der, der abends nach Hause kam, ein Kind auf dem Arm, und einfach nur glücklich war. Elbrun mit Kindern zu sehen war immer wieder für ihn eine Freude. Es weckte etwas in ihm, das schon lange da war, aber in den letzten Jahren von Pflicht, Angst und Kämpfen überlagert worden war. Der Wunsch nach Kindern keimte wieder auf, warm und klar, wie eine Flamme, die man lange geschützt hatte. Er wusste, der richtige Zeitpunkt war noch nicht da. Das Leben war zu unruhig, die Verantwortung zu groß. Aber in der Zukunft, in einer Zukunft, die sie sich gemeinsam aufbauen würden, würden sie Papas sein. Wenn Elbrun als Flottenadmiral im Sternenflottenkommando auf der Erde oder auf einem anderen sicheren Posten seinen Dienst verrichtete.

Lieutenant Malva beobachtete die Szene still vom Sofa aus. Sie dachte sich ihren Teil, lächelte sanft und schwieg. Sie sah, wie Aljoschas Augen weich wurden, wie er Elbrun anschaute, als würde er ihn zum ersten Mal wirklich sehen. Sie sah, wie Elbrun den Kleinen hielt, als wäre er aus Glas und Gold zugleich. Und sie sah, wie perfekt die beiden zusammenpassten – auch ohne Worte, auch ohne große Gesten. Einfach nur da. Einfach nur sie.

Malva selbst hatte nicht so viel Glück gehabt. Der Vater von Leon hatte sie sitzen lassen. Leon war ein geplantes Kind gewesen, sie hatten sich beide darauf gefreut. Doch kurz nach Bekanntwerden der Schwangerschaft hatte er sich getrennt. Einfach so. Kein Drama, kein Streit, nur Stille und ein leerer Platz neben ihr. Aljoscha hatte die Geschichte vor ein paar Tagen gehört, als Malva es ihm im Vertrauen erzählt hatte. In diesem Moment hatte er am liebsten den Kerl gefunden und ihm ein paar aufs Maul gegeben. Nicht aus Wut, sondern aus diesem tiefen, schmerzhaften Mitgefühl für jemanden, der allein zurückblieb, mit einem kleinen Leben, das gerade erst begann.

Malva würde die Enterprise auch demnächst verlassen. Sie war zur Sternenbasis 147 versetzt worden. Dort war es besser, ihren Sohn großzuziehen. Die Enterprise war ein Kriegsschiff. Kein Ort für Kinder. Kein Ort für Wiegenlieder, für erste Schritte, für all die kleinen, alltäglichen Wunder. Sie hatte es mit einem traurigen Lächeln gesagt, aber ohne Bedauern. Es war die richtige Entscheidung.

„Er mag Sie wirklich“, sagte Malva schließlich leise, die Stimme warm und ein bisschen heiser vom Schlafmangel. „Normalerweise wird er bei Fremden unruhig. Bei Ihnen schläft er ein wie ein Engel.“

Elbrun blickte auf, das Lächeln noch immer da, aber jetzt ein bisschen verlegen.

„Vielleicht rieche ich nach Sicherheit“, sagte er leise. „Oder nach Milchpulver. Eins von beiden.“

Aljoscha lächelte. „Ruhe, du strahlst gerade eine Ruhe aus, die ich von dir auch nicht so kenne.“

Elbrun lachte leise, dieses sanfte, tiefe Lachen, das den Raum wärmte.

„So, kleiner Mann“, murmelte er zu Leon, „ich leg dich wieder in dein Bettchen und schlaf schön weiter. Und am besten lässt du deine Mutter jetzt auch etwas schlafen.“

Er wiegte den Kleinen noch einmal sanft, dann reichte er ihn vorsichtig an Malva zurück. Leon regte sich kurz, gähnte winzig und kuschelte sich sofort in die Arme seiner Mutter, die Augen schon wieder halb geschlossen.

Aljoscha wandte sich an Malva. „Wenn Sie etwas brauchen, Lieutenant, dann melden Sie sich.“

„Das mache ich“, sagte sie und lächelte müde, aber dankbar. „Danke für Ihren Besuch. Es hat gutgetan, mal wieder Erwachsene um sich zu haben, die nicht nur nach Windeln riechen.“

Elbrun grinste schief. „Wir kommen gerne wieder. Und wenn Leon mal einen Babysitter braucht, der ihm beibringt, wie man mit einem Handphaser eine Festung lahmlegt… melden Sie sich.“

Malva lachte leise, um den Kleinen nicht zu wecken. „Ich merk's mir. Aber vielleicht fangt ihr erstmal mit Kuscheln an.“

Sie verabschiedeten sich mit einem Nicken und einem letzten Blick auf den schlafenden Leon.

Aljoscha und Elbrun verließen das Quartier und schlenderten zur Brücke. Der Korridor war ruhig, nur das sanfte Summen der Enterprise im Hintergrund. Sie gingen nebeneinander, nicht eilig, einfach nur zusammen. Ihre Schultern berührten sich ab und zu, eine kleine, selbstverständliche Nähe.

„Papa Elbrun“, sagte Aljoscha plötzlich und stieß Elbrun leicht in die Seite. „Ich finde, das klingt gut.“

Elbrun blieb kurz stehen, drehte sich zu ihm um und hob eine Braue. Sein Mundwinkel zuckte, als würde er gegen ein Grinsen ankämpfen.

„Dann wärst du auch Papa Aljoscha“, meinte er. „Das klingt auch gut.“

Er sagte es mit diesem typischen, schiefen Lächeln, das halb spielerisch, halb ernst war. Aljoscha spürte, wie ihm warm wurde – nicht nur im Gesicht, sondern tief drinnen, wo es zählte.

„Dich mit Kindern zu sehen, ist immer wieder toll“, sagte Aljoscha leise. Seine Stimme war weich, fast ehrfürchtig. „Du hast so eine Ruhe dabei. So eine… Natürlichkeit. Als wärst du dafür gemacht.“

Elbrun sah ihn einen Moment lang an, das Lächeln wurde etwas kleiner, etwas echter.

„Ich will das irgendwann“, sagte er leise. „Eine richtige Familie gründen. Mit ganz vielen Kindern, wenn du willst. Mit dir. Mit uns. Ich will sehen, wie sie lachen, wie sie stolpern, wie sie groß werden. Ich will ihnen beibringen, wie man steht, wenn alles wackelt. Und ich will, dass sie wissen, dass sie immer nach Hause kommen können. Zu uns.“

Aljoscha spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. Er drückte Elbruns Hand fester.

„Ich will das auch“, sagte er. „Mit dir. Ganz viele Kinder. Chaos im Quartier, kleine Füße überall, Geschichten vor dem Schlafengehen. Und du, der abends reinkommt und alle umarmt. Papa Elbrun und Papa Aljoscha.“

Elbrun lachte leise, zog ihn näher und küsste Aljoscha auf die Stirn. Ein langer, warmer Kuss, der mehr sagte als Worte.

„Papa Elbrun und Papa Aljoscha“, wiederholte er flüsternd. „Das klingt wie der beste Plan, den wir je hatten.“

Sie standen noch einen Moment so da, mitten im Korridor, Stirn an Stirn, Hände verschränkt. Die Enterprise summte um sie herum, die Sterne zogen vorbei, und für einen Augenblick war alles möglich.

Dann gingen sie weiter, Hand in Hand, zur Brücke.

Einige Tage später befand sich die Enterprise auf dem Weg zur lyranisch-hydranischen Grenze. Die Lyraner hatten in den letzten Wochen immer wieder Frachter und Versorgungsschiffe der Hydraner überfallen. Beide Rassen waren seit jeher Todfeinde – ein uralter Hass, der tiefer ging als jede diplomatische Vereinbarung. Die Hydraner waren Mitglieder der Khitomer-Allianz und seit Jahrzehnten ein enger Verbündeter der Föderation. Deshalb hatten sie um Hilfe gebeten, bei der Sicherung der Grenze.

Am Morgen lagen Elbrun und Aljoscha noch im Bett. Elbrun war wach, lag auf der Seite, den Kopf auf seinem Arm abgestützt, und schaute seinen Mann mit einem Lächeln an, das so viel sagte. Es war ein Lächeln, das Aljoscha für ihn das Kostbarste auf der Welt machte, einen wertvollen Schatz, etwas Wunderschönes. Aber in diesem Lächeln lag auch etwas Schelmisches, ein kleiner, spielerischer Funke, der verriet, dass Elbrun etwas im Schilde führte.

Nach ein paar Minuten wachte Aljoscha auf. Er brummte nur verschlafen, rieb sich die Augen und drehte sich langsam zu Elbrun um.

„Alles Gute zum Hochzeitstag, Imzadi“, sagte Elbrun liebevoll, die Stimme noch leise und warm vom Schlaf.

Aljoscha riss panisch die Augen auf. Er starrte Elbrun einen Moment lang an, als hätte er gerade einen Phaser ins Gesicht bekommen. Dann griff er hektisch nach der Decke und zog sie sich über den Kopf.

„Ich habe es vergessen“, sagte er kleinlaut und beschämt, die Stimme gedämpft durch den Stoff.

Elbrun lachte nur. Es war dieses tiefe, warme Lachen, das Aljoscha immer wieder um den Verstand brachte.

„Das ist ja nichts Neues“, sagte er amüsiert. „Unseren Hochzeitstag hast du bisher immer vergessen. Du vergisst ja sogar deinen eigenen Geburtstag.“

Aljoscha lugte vorsichtig unter der Decke hervor, das Gesicht rot vor Scham.

„Ich bin ein Idiot“, murmelte er.

Elbrun rutschte näher, zog die Decke sanft von Aljoschas Kopf und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Nein“, sagte er leise, aber bestimmt. „Du bist nur so sehr mit mir beschäftigt, dass du alles andere vergisst. Und das finde ich ziemlich perfekt.“

Er beugte sich vor und küsste Aljoscha sanft auf die Lippen. Es war kein leidenschaftlicher Kuss, sondern einer, der nach Zuhause schmeckte. Nach Vertrautheit. Nach „Ich liebe dich, auch wenn du vergesslich bist“.

Aljoscha seufzte leise gegen Elbruns Mund.

„Du bist zu gut zu mir“, murmelte er.

Elbrun grinste schelmisch. „Komm, lass uns aufstehen und frühstücken“, sagte er und erhob sich aus dem Bett. Er ging ins Bad und machte sich fertig. Danach deckte er den Tisch fürs Frühstück: frisches Obst, warmes Brot, Kaffee und ein paar kleine, süße Teilchen, die er extra repliziert hatte.

Aljoscha folgte ihm ins Bad, duschte schnell und zog sich eine bequeme Uniform an. Sie aßen zusammen, schweigend, aber glücklich. Nur ab und zu ein Lächeln, ein Blick, eine Berührung unter dem Tisch.

Nach dem Frühstück gingen sie zur Brücke. Elbrun bog jedoch Richtung Bereitschaftsraum ab, während Aljoscha direkt zum Kommandosessel steuerte. Doch Elbrun deutete ihm mit einer kleinen Geste an, nochmal zu ihm zu kommen.

Aljoscha trat näher, neugierig. Ohne Vorwarnung packte Elbrun seinen Mann und verpasste ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Tief, innig, voller Verlangen – mitten im Gang, vor den Augen der gesamten Brückencrew.

Als Elbrun sich löste, flüsterte er nur: „Bis später, Imzadi.“

Das Wort „Imzadi“ hauchte er in einem erotischen, tiefen Ton, der Aljoscha eine Gänsehaut verpasste und seinen Puls sofort in die Höhe trieb.

Dann ging Elbrun in den Bereitschaftsraum und ließ seinen verdatterten Ehemann zurück.

Aljoscha stand einen Moment lang wie erstarrt da, das Gesicht knallrot, die Lippen noch prickelnd von dem Kuss. Er spürte die Blicke der gesamten Brückencrew auf sich. Alle grinsten – bis auf die Vulkanier, die natürlich völlig ausdruckslos blieben, aber sogar bei ihnen schien eine winzige Braue leicht angehoben.

Aljoscha wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Mit hochrotem Kopf ging er zum Kommandosessel und ließ sich langsam hineinfallen. Er räusperte sich, versuchte, würdevoll auszusehen, aber das Grinsen der Crew war kaum zu übersehen.

Elbrun saß allein im Bereitschaftsraum, die Tür verriegelt, das Licht gedimmt. Vor ihm schwebte ein holografisches Display mit den neuesten Berichten über den Konflikt zwischen den Lyranern und den Hydranern. Er scrollte langsam durch die Seiten, die Augen halb geschlossen, die Lippen zu einem schmalen, fast gelangweilten Strich zusammengepresst.

Die Berichte waren, wie zu erwarten, langweilig. Die Angriffe der Lyraner waren plump und vorhersehbar. Keine Raffinesse, keine überraschenden Manöver, keine clevere Täuschung. Einfach nur brutale, frontale Überfälle: kleine Gruppen von Raubschiffen, die hydranische Frachter aus dem Hinterhalt überfielen, die Fracht plünderten und wieder verschwanden, bevor die hydranischen Eskorten reagieren konnten. Typisch lyranisch.

Die Lyraner waren eine felinoide Spezies, entfernt verwandt mit den Caitianern, aber während die Caitianer für ihre Sanftheit und künstlerische Kultur bekannt waren, war das Gemüt der Lyraner aggressiv bis ins Mark. Ihre Taktiken waren nicht durchdacht, sondern impulsiv, getrieben von Stolz und Gier. Frauen wurden bei ihnen immer noch unterdrückt, ihre Rollen waren auf Reproduktion und Haushalt beschränkt, während die Männer in den Clans herrschten. Der Staat selbst war keine einheitliche Regierung, sondern ein loses Bündnis mächtiger Fürsten, organisiert in rivalisierenden Clans. Jeder Fürst wollte mehr Macht, mehr Territorium, mehr Beute – und das führte zu genau solchen dummen, kurzen, aber blutigen Überfällen.

Elbrun lehnte sich zurück, rieb sich die Schläfen. „Wie langweilig“, murmelte er vor sich hin. „Wie verdammt vorhersehbar.“

Er tippte auf das Display und zoomte in eine taktische Karte hinein. Die roten Punkte der lyranischen Angriffe bildeten ein Muster – ein Muster, das jeder Kadett im zweiten Semester erkannt hätte. Keine Variation, kein Plan B, keine Falle. Nur rohe Gewalt und Gier.

„Die Hydraner müssen sich fühlen wie ein Rudel Schafe mit einem Rudel Wölfe, das immer wieder aus dem gleichen Busch springt“, sagte er leise zu sich selbst.

Er schloss die Augen für einen Moment. Die Lyraner waren gefährlich, ja – aber gefährlich wie ein wildes Tier, nicht wie ein Schachspieler. Das machte sie berechenbar. Und berechenbar bedeutete: besiegbar.

Die Hydraner im Gegenzug waren ganz anders. Es waren Händler, keine Krieger. Ihr Staat war ein Königreich, regiert von einer königlichen Familie, die aus über 1200 Prinzen und Prinzessinnen bestand. Die Hydraner lebten nicht monogam. Ihre Gesellschaft basierte auf einer einzigartigen Biologie: Sie hatten drei Geschlechter, und alle drei waren zur Reproduktion notwendig. Das führte zu komplexen, polyamoren Familienstrukturen, in denen Liebe, Partnerschaft und Nachwuchs über traditionelle Paarbindungen hinausgingen.

Trotz der Monarchie und einer Adelsklasse wurde das Hydranische Königreich tatsächlich vom Beamtentum geführt. Die Bürokratie übernahm die täglichen Geschäfte des Staates. Der Adel mischte sich nur gelegentlich in die Innenpolitik ein – meist, wenn es um Prestige oder Ressourcen ging. Die Hydraner waren Meister der Diplomatie und des Handels, geduldig, berechnend, immer auf langfristigen Gewinn ausgerichtet. Ihre Flotte war defensiv aufgebaut, ihre Schiffe eher für den Schutz von Handelsrouten konzipiert als für aggressive Eroberungszüge.

Elbrun öffnete die Augen wieder und lehnte sich zurück.

„Die Lyraner wollen schnelle Beute und schnelle Ehre“, murmelte er. „Die Hydraner wollen überleben und weiter handeln. Das ist der Unterschied. Und genau da liegt unsere Chance.“

Er tippte erneut auf das Display, rief eine Übersicht der hydranischen Handelsrouten auf. Die Linien zogen sich wie ein feines Netz durch den Sektor – ein Netz, das die Lyraner gerade zu zerreißen versuchten.

„Wenn wir die Muster der Lyraner nutzen, können wir sie in eine Falle locken“, sagte er leise. „Sie greifen immer die gleichen Typen von Frachtern an, immer zur gleichen Zeit, immer aus der gleichen Richtung. Wir brauchen nur einen Köder… und dann schlagen wir zu.“

Er stand auf, deaktivierte das Display und ging zur Tür. Die Tür öffnete sich, er blieb in der Tür stehen und winkte zu Aljoscha, der entspannt seiner Arbeit auf der Brücke nachging. Aljoscha sah auf, lächelte leicht und kam zu ihm.

Elbrun packte ihn und küsste ihn wieder mit stürmischer Intensität. Tief, leidenschaftlich, als wollte er die ganze Welt wissen lassen, wem Aljoscha gehörte. Als er sich löste, flüsterte er rau: „In einer Stunde bin ich fertig.“

Dann trat er wieder in den Bereitschaftsraum und die Tür schloss sich hinter ihm.

Aljoscha blieb verdattert zurück. Das war jetzt schon das zweite Mal an diesem Tag. Sein Puls raste, die Lippen prickelten, und er spürte die Blicke der gesamten Brückencrew auf sich.

Mit hochrotem Kopf ging er zurück zum Kommandosessel und ließ sich hineinfallen. Die Offiziere grinsten alle wieder – ganz besonders Lieutenant Commander Telev und Lieutenant Commander Niwan, die an Ops und Steuer saßen.

Aljoscha stellte sich zwischen die beiden.

„Wenn Sie nicht aufhören zu grinsen, lasse ich Sie beide nach Feierabend die Plasmaleitungen schrubben“, sagte er mit ironischer Strenge.

„Aye, Sir“, kam von beiden gleichzeitig, aber das Grinsen verschwand nicht wirklich.

Dann kam Doktor Tikkem auf die Brücke. Die Tellaritin bemerkte sofort die amüsierte Stimmung.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie mit ihrer typisch rauen Stimme.

Lieutenant Commander Shras von der Taktikstation antwortete trocken: „Ach, Captain Cornellus hat wohl den Hochzeitstag vergessen.“

„Schon wieder?“, fragte Tikkem und hob eine buschige Braue.

Aljoscha wollte im Erdboden versinken.

Alle wussten, dass sie Hochzeitstag hatten. Nur er hatte es vergessen.

Er räusperte sich, versuchte, würdevoll auszusehen.

„Danke, Shras“, murmelte er. „Sehr hilfreich.“

Aljoscha seufzte tief, ließ sich tiefer in den Sessel sinken und versuchte, sich auf den Bildschirm zu konzentrieren.

Aber in seinem Kopf hallte nur ein Gedanke wider: Verdammter Elbrun, will er mich ärgern?

Äußerlich wirkte er ruhig und gefasst, die Hände locker auf den Armlehnen, der Blick fest auf die taktische Anzeige gerichtet. Innerlich jedoch war er bereits ziemlich erhitzt. Die beiden Küsse brannten noch auf seinen Lippen. Sein Puls pochte in den Schläfen, die Wangen fühlten sich heiß an, und er spürte, wie sich eine vertraute Wärme in seinem Unterleib ausbreitete.

Nach einer Stunde trat Elbrun auf die Brücke.

Aljoscha spürte ihn, bevor er ihn sah – diese vertraute Präsenz, diese Wärme, die ihn sofort wieder in Brand setzte. Er erhob sich aus dem Kommandosessel, die Beine leicht zitternd, und machte den Platz für Elbrun frei. Er setzte sich dann auf den Stuhl daneben, versuchte, normal zu wirken, obwohl die feuchte Hose bei jeder Bewegung an seiner Haut klebte und neue kleine Schauer durch seinen Körper jagte.

Elbrun setzte sich, schaute Aljoscha einmal kurz grinsend an – ein wissendes, raubtierhaftes Grinsen, das Aljoscha sofort die Röte ins Gesicht trieb – und machte dann seinen Job.

„Zeit bis zum Erreichen der Grenze?“, fragte er ruhig.

„13 Minuten“, antwortete Niwan vom Steuer.

„Sehr gut“, sagte Elbrun. „Ich möchte, dass wir bis auf weiteres auf gelben Alarm gehen. Ich möchte, dass wir wachsam bleiben und auf alles vorbereitet sind.“

Die Brücke erwachte zu Leben. Lichter wechselten auf Gelb, die Crew nahm ihre Positionen ein.

Die Enterprise erreichte die lyranisch-hydranische Grenze.

Auf dem Hauptbildschirm erschienen sofort die taktischen Scans: Acht weitere Föderationsschiffe patrouillierten bereits in der Region und halfen bei der Sicherung. Die Formation war präzise und gut koordiniert – zwei Eskortschiffe der Shran-Klasse (USS Magee und USS Carter), ein Schiff der Steamrunner-Klasse (USS Bohr), zwei Zerstörer der Atlantis-Klasse (USS Soval und USS Rigel), ein Schiff der Echelon-Klasse (USS Cole), ein Schiff der Excalibur-Klasse (USS Nixon) sowie ein Schiff der Galaxy-Klasse (USS Ajax). Mehrere hydranische Kriegsschiffe waren strategisch an der Grenze positioniert, ihre charakteristischen, schlanken Rümpfe mit den leuchtenden Hellborekanonen glänzten im Licht der nahen Sterne. Die Hydraner hatten ihre besten Einheiten geschickt – schwere Kreuzer und Schlachtschiffe –, um lyranische Raubschiffe frühzeitig abzufangen und zu stoppen.

Elbrun lehnte sich leicht vor.

„Status der hydranischen Einheiten?“, fragte er.

„Fünf schwere Kreuzer und drei Schlachtschiffe in Position“, meldete Shras von der Taktikstation. „Sie haben ihre Sensoren auf Maximum. Die Lyraner werden nicht unbemerkt durchkommen.“

„Gut“, sagte Elbrun. „Koordinieren Sie mit den hydranischen Kommandanten. Ich möchte, dass wir eine gemeinsame Verteidigungslinie bilden. Kein lyranisches Schiff darf durchbrechen.“

Aljoscha nickte stumm. Er spürte, wie Elbruns Blick kurz auf ihm ruhte – nur einen Sekundenbruchteil, aber lang genug, um ihm eine Gänsehaut zu verpassen. Er wusste, dass Elbrun genau wusste, was mit ihm los war.

Für Aljoscha zogen sich die nächsten Stunden wie Kaugummi. Es passierte auch nichts Aufregendes auf der Brücke – nur das übliche leise Summen der Konsolen, das gelegentliche Piepen eines Sensors, die ruhige, konzentrierte Stimme der Crew. Die taktischen Scans zeigten keine lyranischen Schiffe, keine plötzlichen Alarme, keine Bedrohung. Alles war still. Zu still. Und genau diese Stille ließ Aljoschas Gedanken immer wieder abschweifen – zurück zu den Küssen. Er spürte, wie sein Körper bei jedem Gedanken wieder reagierte. Scheiße, dachte er panisch. Reiß dich zusammen. Du bist der Captain.

Elbrun saß entspannt im Kommandosessel, die Arme locker verschränkt, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Er schien vollkommen ruhig, als wäre nichts gewesen. Aber Aljoscha wusste es besser. Er spürte Elbruns Blick immer wieder – kurz, flüchtig, aber jedes Mal wie ein Stromschlag.

Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte Elbrun sich leicht zu ihm um.

„Wollen wir Pause machen?“, fragte er ruhig, fast beiläufig.

„Was? … Ach, Pause… jaja, sehr gerne“, stammelte Aljoscha. Seine Stimme klang belegt, die Gedanken waren die ganze Zeit immer noch teilweise woanders. Er hatte kaum mitbekommen, was Elbrun gesagt hatte.

Elbrun nickte kurz.

„Commander Mamaav, Sie haben die Brücke“, sagte er und erhob sich.

Auch Aljoscha stand auf, die Beine noch etwas wackelig, und folgte seinem Mann in den Turbolift. Die Türen schlossen sich mit einem leisen Zischen. Schweigen breitete sich aus.

Sie fuhren schweigend zum Deck 10, wo sich ihr Quartier befand. Sie liefen gemütlich nebeneinander her, schwiegen aber ansonsten. Aljoscha spürte Elbruns Nähe wie eine physische Berührung – die Wärme seines Körpers, den vertrauten Duft von der Uniform, Schweiß und etwas, das einfach nur nach Elbrun roch.

Elbrun warf ihm einen Seitenblick zu – wieder dieses wissende, raubtierhafte Grinsen.

„Alles in Ordnung, Imzadi?“, fragte er leise, fast unschuldig.

Aljoscha schluckte hart.

„… ja“, brachte er hervor, die Stimme rau.

Elbrun lachte leise, tief und vibrierend.

„Gut“, murmelte er. „Dann lass uns nach Hause gehen.“

Die Türen zu ihrem Quartier glitten mit einem sanften Zischen auf.

Sie traten hinein. Die Beleuchtung war gedimmt, warmes, goldenes Licht tauchte den Raum in eine intime Atmosphäre. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, drehte sich Elbrun zu Aljoscha um. Er trat nah an ihn heran, so nah, dass Aljoscha seinen Atem auf der Haut spürte. Dann hob Elbrun sanft Aljoschas Kinn mit zwei Fingern an, sah ihm tief in die Augen – und küsste ihn.

Es war ein Kuss voller Zärtlichkeit, Intimität und Liebe. Langsam, tief, fast andächtig. Elbruns Lippen waren warm und weich, bewegten sich vorsichtig, als wollte er jeden Moment auskosten. Seine Hände glitten zu Aljoschas Hüften, zogen ihn behutsam näher, bis ihre Körper sich berührten – Brust an Brust, Bauch an Bauch. Aljoscha seufzte leise in den Kuss hinein, ließ die Hände über Elbruns Schultern gleiten, klammerte sich an ihn, als wäre er der einzige Halt in einem Sturm.

Elbrun küsste ihn weiter, langsam, liebevoll, ohne Hast. Seine Zunge strich zärtlich über Aljoschas Unterlippe, teilte sie sanft, glitt in seinen Mund, erkundete ihn mit einer Geduld und Hingabe, die Aljoscha fast die Tränen in die Augen trieb. Es war kein Kuss voller Gier oder Dominanz – es war ein Kuss, der sagte: Ich liebe dich. Ich sehe dich. Du bist mein Zuhause.

Aljoscha schmolz in diesen Kuss hinein. Die Scham, die Panik, die Erregung der letzten Stunden – alles verblasste für einen Moment. Es gab nur noch Elbrun, seine Wärme, seinen Duft, seine Hände, die ihn hielten, als wäre er das Kostbarste im Universum.

Als Elbrun sich schließlich löste, nur ein paar Millimeter, ruhten ihre Stirnen aneinander. Er lächelte leise, zärtlich, strich mit dem Daumen über Aljoschas Wange.

„Willkommen zu Hause, Imzadi“, flüsterte er.

Aljoscha nickte stumm, die Kehle eng vor Glück und Liebe.

Elbrun küsste ihn noch einmal – kurz, sanft, voller Versprechen.

Dann zog er ihn langsam Richtung Schlafzimmer.

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