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Enterprise-Krieg und Liebe im Weltraum-Staffel 7
Teil 10
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Informationen
- Story: Enterprise-Krieg und Liebe im Weltraum-Staffel 7
- Autor: KAY
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Science Fiction
Am späten Nachmittag hatte sich Elbrun noch einmal hingelegt, um zu schlafen.
Er war erschöpft – nicht nur körperlich, sondern bis in die Knochen. Die Simulation, die Tränen, die Umarmung – alles hatte ihn ausgelaugt, aber auch ein Stück weit befreit. Aljoscha blieb bei ihm, saß auf der Bettkante, strich ihm sanft über die Stirn, bis Elbruns Atem endlich tief und gleichmäßig wurde. Erst als er sicher war, dass Elbrun wirklich schlief – kein Zucken mehr, kein leises Murmeln –, stand Aljoscha leise auf.
Er zog sich die Uniform an – Jacke, Hemd, Stiefel – und verließ das Quartier ohne ein Geräusch. Die Tür glitt hinter ihm zu, und er ging mit schnellen, entschlossenen Schritten zum Turbolift.
Holodeck 2, Deck 10.
Er wusste genau, wo Elbrun gewesen war. Der gleiche Raum, in dem sein Mann gestern fast zerbrochen war. Aljoscha wollte keine Simulation laufen lassen. Er wollte etwas anderes sehen: den Log-Verlauf von Elbruns Sitzungen. Die Rohdaten. Die Parameter. Die Dauer. Die Sicherheitsstufen. Wie oft Elbrun wirklich „fortsetzen“ gesagt hatte. Wie lange er wirklich drin gewesen war.
Das war nicht erlaubt. Zugriff auf persönliche Holodeck-Logs war streng reguliert – nur der Nutzer selbst oder der Captain mit ausdrücklichem Grund. Aber Aljoscha musste es tun. Er musste wissen, wie tief Elbrun wirklich gegangen war. Wie viel er sich selbst angetan hatte. Weil er ihn beschützen wollte – auch vor sich selbst.
Am Holodeck angekommen, blieb er einen Moment stehen. Hinter ihm schlossen sich die Türen, das rote Licht signalisierte „in Benutzung – gesperrt“. Aljoscha atmete tief durch, dann zog er eine kleine Verblendung an der Konsole ab – ein winziger Wartungszugang, den nur höhere Offiziere kannten. Mit einem kurzen Werkzeug (das er immer in der Tasche trug, für Notfälle) überbrückte er manuell die primäre Sicherheitsblockade.
„Computer“, sagte er leise, aber bestimmt. „Zugang zu Log-Dateien von Holodeck 2, letzte 48 Stunden, Nutzer Admiral Elbrun Tiran.“
Der Computer summte kurz – dann: „Zugriff verweigert. Sicherheitsstufe 10 erforderlich. Persönliche Logs sind geschützt.“
Aljoscha biss die Zähne zusammen. „Computer, Override Cornellus-Alpha-7. Priorität medizinisch-psychologische Notlage.“
Wieder Summen. „Override abgelehnt. Keine ausreichende Autorisierung.“
Aljoscha fluchte leise. Er wusste, dass er es nicht ohne Hilfe schaffen würde.
In diesem Moment piepte sein Kommunikator.
„Brücke an Holodeck 2. Captain Cornellus, was tun Sie da?“ T’Plers Stimme – ruhig, vulkanisch neutral, aber mit einem Unterton, der sagte: Ich weiß genau, was Sie machen.
Aljoscha erstarrte. Lieutenant Commander T’Pler, Sicherheitschef, hatte natürlich die manuellen Zugriffe bemerkt. Die Enterprise war ein Schiff, kein Hotel – jede Manipulation wurde protokolliert.
Er stammelte sich eine Antwort zurecht: „Ich ... ich überprüfe nur ... es ist ... persönlich ...“
Nichts Vernünftiges kam raus. Dann, ganz klar, mit einem Flehen in der Stimme, das er selbst kaum wiedererkannte: „Bitte, lassen Sie mich das sehen.“
Ein kurzes Schweigen auf der Brücke. T’Pler verstand sofort. Er kannte Elbrun. Er kannte Aljoscha. Er kannte die Dynamik zwischen ihnen. Und er wusste, irgendwas muss auf dem Holodeck passiert sein.
„Ich habe Ihnen die Daten freigeschaltet“, sagte T’Pler dann ruhig. „Als Sicherheitschef habe ich Zugriff auf solche Logs in medizinischen Notfällen. Sie haben 30 Minuten, Captain. Danach werden die Zugriffe wieder protokolliert und gesperrt.“
Aljoscha atmete erleichtert aus. „Danke, T’Pler. Das vergesse ich nicht.“
„Computer, zeige Log-Verlauf von Admiral Elbrun Tiran, letzte 48 Stunden. Text, Audio, Parameter-Liste. Keine visuelle Rekonstruktion.“
Der Bildschirm leuchtete auf.
Aljoscha sah die Daten, er überspielte sie auf ein PADD. Verschloss die Datei wieder und verließ dann das Holodeck.
Zurück zum Quartier. Er setzte sich aufs Sofa, das PADD in den Händen, und begann zu lesen.
Simulation 1: Schlacht von Wolf 359, USS Endeavour. Sicherheitsprotokolle: 12 %. Wiederholungen: 7-mal. Dauer: 4 Stunden 17 Minuten. Parameter: Volle sensorische Immersion, keine Zeitkompression, maximale historische Genauigkeit. Audio-Log (Ende der 7. Wiederholung): „Fortsetzen. Bis zum bitteren Ende. Ich muss es verstehen.“
Simulation 2: Schlacht von Wolf 359, USS Auriga. Sicherheitsprotokolle: 12 %. Wiederholungen: 5-mal. Dauer: 2 Stunden 8 Minuten. Parameter: Fokus auf Führungsebene, simulierte Kommandostruktur. Audio-Log (Mitte der 4. Wiederholung): „Rückzug befehlen? Zu spät. Zu spät. Immer zu spät.“
Aljoscha scrollte weiter. Es gab noch mehr.
Simulation 3: Schlacht von Wolf 359, USS Saratoga. Sicherheitsprotokolle: 12 %. Wiederholungen: 3-mal. Dauer: 1 Stunde 46 Minuten. Parameter: Fokus auf Evakuierung nach schweren Schäden. Audio-Log (Mitte der 2. Wiederholung): „Warum wurden die Zivilisten nicht vorher evakuiert, die Saratoga startete von einer Sternenbasis.“
Simulation 4: Schlacht von Wolf 359, USS Ahwahnee. Sicherheitsprotokolle: 12 %. Wiederholungen: 1-mal. Dauer: 1 Stunde 33 Minuten. Parameter: Fokus auf einen anderen Blickwinkel.
Simulation 5: Schlacht von Wolf 359, USS Roosevelt. Sicherheitsprotokolle: 12 %. Wiederholungen: 3-mal. Dauer: 3 Stunden 46 Minuten. Parameter: Fokus auf Assimilation des Schiffes.
Simulation 6: Schlacht von Wolf 359, USS Endeavour. Sicherheitsprotokolle: abgeschaltet. Wiederholungen: 1-mal. Dauer: 1 Stunde 12 Minuten.
Die kumulative Zeit: fast 15 Stunden. Herzfrequenzspitzen bis 192 bpm. Cortisol-Level kritisch. Adrenalin anhaltend hoch.
Aljoscha legte das PADD beiseite, die Hände zitterten leicht. Er spürte, wie ihm übel wurde – nicht vor Ekel, sondern vor Hilflosigkeit. Elbrun hatte sich selbst in diese Hölle geschickt, wieder und wieder, weil er glaubte, er müsse es verstehen. Weil er glaubte, nur so könne er verhindern, dass es noch einmal passiert.
Aljoscha stand auf, ging leise ins Schlafzimmer. Elbrun lag da, auf der Seite, die Decke bis zur Hüfte hochgezogen, das Gesicht entspannt im Schlaf. Die Augenlider zuckten leicht – REM-Phase. Wahrscheinlich träumte er immer noch. Aljoscha setzte sich auf die Bettkante, strich ihm sanft eine Strähne aus der Stirn. „Ich hab die Logs gesehen“, flüsterte er, obwohl Elbrun schlief. „Ich weiß jetzt, wie viel du dir angetan hast. Und ich bin nicht wütend. Ich bin ... traurig. Und stolz. Und wütend auf mich, weil ich es nicht früher gesehen habe.“
Seine Stimme brach bei den letzten Worten. Er spürte, wie ein Kloß in seiner Kehle wuchs – ein heißer, schmerzhafter Kloß, der sich nicht runterschlucken ließ. Er legte sich wieder neben ihn, zog ihn vorsichtig in seine Arme – diesmal nicht fest, sondern sanft, wie man ein verletztes Tier hält. Elbrun seufzte im Schlaf, kuschelte sich instinktiv näher, suchte im Unterbewusstsein die Wärme, die Sicherheit, die er tagsüber so verzweifelt gebraucht hatte.
Aljoscha küsste ihn auf die Stirn, dann auf die geschlossenen Augenlider, dann auf die Wange – kleine, zitternde Küsse, als wollte er damit all die Worte sagen, die er nicht herausbrachte. „Morgen reden wir mit Miwal“, flüsterte er. „Nicht weil du schwach bist. Sondern weil du stark genug bist, Hilfe anzunehmen. Und ich bin bei dir. Bei jedem Schritt.“
Aljoscha kuschelte mit Elbrun, der weiter schlief, und las in den Daten währenddessen weiter. Insbesondere die letzte Simulation, den genauen Verlauf. Das, was er las, war heftig – das war mehr, als er erwartet hatte.
Die Sicherheitsprotokolle waren abgeschaltet gewesen. Vollständig. Keine Dämpfung von körperlichem Schmerz. Keine Begrenzung psychischer Intensität. Kein automatischer Ausstieg bei kritischen Vitalwerten. Herzfrequenz bis 192 bpm. Adrenalinspitzen, die in den medizinischen Warnbereich fielen. Cortisol-Level, die auf Dauer toxisch gewesen wären. Und Audio-Logs, die zeigten, wie Elbrun sich selbst angetrieben hatte: „Fortsetzen. Keine Unterbrechung. Ich muss es fühlen. Alles.“
Aljoscha sagte zu Elbrun eben, er sei nicht wütend – doch er wurde es jetzt. Eine heiße, hilflose Wut stieg in ihm hoch. Elbrun hatte die Sicherheitsprotokolle abgeschaltet. Er hätte sich dabei ernsthaft verletzen können – ein Schock, ein Herzstillstand, ein Trauma, das nicht mehr rückgängig zu machen war. Das war unverantwortlich. Das war selbstzerstörerisch.
Und doch fragte er sich dann – während er Elbruns ruhigen Atem an seiner Brust spürte, während er die Wärme seines Körpers fühlte, die leichte Bewegung im Schlaf – ob das schlimmer gewesen wäre als der Zustand, in dem Elbrun sich gerade befand.
Aljoscha presste die Lippen zusammen, die Wut wich einer tiefen, schmerzhaften Traurigkeit. Tränen brannten in seinen Augen – heiß, unaufhaltsam. Er ließ sie laufen, leise, stumm, weil er wusste: Wenn er sie jetzt zurückhielt, würde er später explodieren. Und das wollte er Elbrun nicht antun.
Doch plötzlich spürte er eine Veränderung in Elbruns Atmung. Das gleichmäßige Heben und Senken wurde unregelmäßig. Elbrun wachte schlagartig auf – nicht langsam, nicht verschlafen, sondern mit einem Ruck, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Er hob den Kopf, die Augen sofort wachsam, sofort auf Aljoscha gerichtet. Im schwachen Licht des Quartiers sah er die glänzenden Spuren auf Aljoschas Wangen, die zitternden Lippen, die roten Ränder um die Augen.
„Imzadi?“, fragte er leise, die Stimme noch rau vom Schlaf, aber voller Sorge.
Aljoscha versuchte zu lächeln – ein schwaches, gequältes Lächeln –, doch es misslang. Die Tränen liefen weiter, still, unaufhaltsam.
Elbrun richtete sich auf, setzte sich hin, die Decke rutschte bis zu seiner Taille. Ohne ein Wort zog er Aljoscha schützend in seine Arme – kehrte die Rollen in einem einzigen, instinktiven Moment um. Er zog ihn an seine Brust, eine Hand in Aljoschas Nacken vergraben, die andere fest um seinen Rücken geschlungen, als wollte er ihn vor der Welt verstecken.
„Hey ... hey ...“, murmelte Elbrun, die Stimme weich, aber bestimmt. „Was ist los? Warum weinst du?“
Aljoscha schüttelte den Kopf, presste das Gesicht gegen Elbruns Hals, atmete zitternd ein. „Ich ... ich hab die Logs gesehen“, flüsterte er erstickt. „Ich hab gesehen, was du dir angetan hast. Wie oft. Wie lange. Die Sicherheitsprotokolle ... abgeschaltet. Du hättest sterben können, Elbrun. Du hättest dich ernsthaft verletzen können.“
Elbrun erstarrte kurz. Dann zog er Aljoscha noch enger, als wollte er ihn in sich hineinziehen. „Du hast ... die Logs gesehen?“, fragte er leise, ohne Vorwurf, nur mit einer müden Resignation.
„Ja“, hauchte Aljoscha. „Ich musste es wissen. Ich musste wissen, wie tief du gegangen bist. Und ... es war zu tief. Viel zu tief. Du hast dich selbst fast kaputt gemacht. Und ich war nicht da. Ich hab es nicht gesehen. Ich hab dich nicht gestoppt.“
Seine Stimme brach. Ein Schluchzen schüttelte ihn – leise, erstickt, aber nicht mehr zu halten.
Elbrun hielt ihn fest, wiegte ihn leicht, wie man ein Kind wiegt. „Schhh ...“, flüsterte er. „Schhh ... ich bin hier. Ich bin okay. Ich bin hier.“
Aljoscha schüttelte den Kopf gegen Elbruns Schulter, die Bewegung so schwach, so verzweifelt, dass sie fast wie ein Zittern wirkte. „Du bist nicht okay“, flüsterte er, die Worte brachen aus ihm heraus wie ein Damm, der endlich nachgab. „Du bist ... du bist gebrochen, Elbrun. Und ich hab es nicht gesehen. Ich hab dich gehalten, ich hab dich geliebt, und ich hab nicht gesehen, wie sehr du leidest.“
Seine Stimme versagte am Ende, wurde zu einem erstickten Laut. Eine Träne tropfte auf Elbruns Schulter, heiß und salzig. Elbrun spürte sie – spürte alles: die Feuchtigkeit, die Hitze, den Schmerz in Aljoschas Stimme, die wie ein Messer in ihm selbst steckten.
Elbrun schloss die Augen, presste die Lippen gegen Aljoschas Schläfe – ein Kuss, der mehr ein Halt war als eine Berührung. „Ich hatte nicht gelitten“, murmelte er, die Worte kamen langsam, fast zögernd, als müsste er sie sich selbst erst abringen. „Ich wollte nur etwas lernen, etwas verstehen. Wie etwas so schiefgehen konnte. Doch ... ich habe mich währenddessen verloren. Ich selbst habe nicht damit gerechnet, dass mich die Simulationen so mitnehmen würden.“
Seine Stimme brach leicht, ein winziger Riss in der Fassade. Er zog Aljoscha noch enger an sich, als könnte er ihn damit vor seinen eigenen Worten schützen. „Ich dachte ... ich dachte, ich kontrolliere es. Ich dachte, ich kann rein- und rausgehen, wie ich will. Ich dachte, ich bin stärker als das, was mein Vater durchgemacht hat. Aber mit jeder Wiederholung ... mit jedem Schrei, jedem explodierenden Schiff, jedem Kindergesicht in den Kapseln ... wurde es realer. Es war nicht mehr nur Daten. Es war .... Ich stand da. Ich habe zugesehen. Ich habe Befehle gegeben, die nichts geändert haben. Und ich habe gespürt, wie mein Vater sich gefühlt haben muss – hilflos, nutzlos, lebendig nur durch Zufall.“
Elbrun atmete zitternd ein, seine Finger gruben sich in Aljoschas Rücken – nicht schmerzhaft, sondern suchend, als bräuchte er Halt, um die Worte herauszulassen.
„Ich wollte nicht leiden“, fuhr er fort, die Stimme immer leiser, immer brüchiger. „Ich wollte nur ... verstehen. Warum er nie wieder darüber gesprochen hat. Warum er manchmal nachts aufwachte und mich ansah, als wäre ich das Einzige, was ihn noch hier hielt. Ich wollte wissen, wie man das überlebt, ohne kaputtzugehen. Aber ich ... ich bin fast kaputtgegangen. Und ich hab es nicht mal gemerkt. Bis jetzt. Bis du mich gehalten hast. Bis ich deine Tränen gespürt habe.“
Er hob den Kopf, gerade genug, um Aljoscha in die Augen zu sehen. Seine eigenen waren feucht, rotgerändert, aber klar – zum ersten Mal seit Stunden klar.
„Ich hab dich nicht weinen sehen wollen“, flüsterte er. „Ich wollte dich nicht verletzen. Ich wollte nur ... ich wollte nur stark sein. Für dich. Für uns.“
Aljoscha schüttelte den Kopf, die Tränen liefen weiter, aber er lächelte – ein kleines, gebrochenes, aber echtes Lächeln. „Du bist stark“, sagte er, die Stimme rau und voller Gefühl. „Du bist so stark, dass du dich selbst fast zerstört hast, nur um zu lernen. Aber Stärke bedeutet nicht, alles allein zu tragen. Stärke bedeutet, mich reinzulassen. Mich brauchen zu lassen. Mich weinen zu lassen, weil ich Angst um dich habe.“
Er nahm Elbruns Gesicht in beide Hände, zwang ihn, ihn anzusehen – wirklich anzusehen.
„Ich bin nicht wütend auf dich“, sagte er leise. „Ich bin wütend auf die Borg. Auf die Simulation. Auf das Universum, das dich so verletzt hat. Und auf mich, weil ich dich nicht früher gesehen habe. Aber ich bin vor allem ... dankbar. Dankbar, dass du mir das jetzt zeigst. Dass du mich lässt, dich zu halten. Dass du mich lässt, dich zu lieben – auch die gebrochenen Teile.“
Elbrun nickte langsam, die Augen voller Tränen, voller Liebe, voller Erleichterung. Er zog Aljoscha an sich, vergrub das Gesicht an seinem Hals, atmete zitternd ein.
„Ich liebe dich“, flüsterte er. „Ich liebe dich so sehr ... und ich hab solche Angst, dich nicht zu verdienen.“
Aljoscha hielt ihn fest, wiegte ihn sanft. „Du verdienst mich“, sagte er fest. „Und ich verdiene dich. Wir verdienen uns. Weil wir uns nicht loslassen. Weil wir uns gegenseitig retten. Jeden Tag.“
Sie blieben so liegen – eng umschlungen, weinend, haltend, liebend –, während draußen die Sterne vorbeizogen und die Enterprise weiterflog.
Später ging es beiden deutlich besser.
Elbrun hatte geschlafen – richtig geschlafen, tief und traumlos –, und das Reden danach hatte ihm gutgetan. Die Worte waren langsam aus ihm herausgekommen, stockend zuerst, dann flüssiger, als hätte er einen Knoten gelöst. Aljoscha war auch wieder besser drauf – die Tränen waren getrocknet, die Enge in seiner Brust gelockert, und er konnte wieder lächeln, ohne dass es wehtat.
Sie lagen nebeneinander auf dem Bett, immer noch eng umschlungen, die Decke über ihren Hüften, die Sonne schon tief und golden im Zimmer. Elbrun hatte den Kopf auf Aljoschas Brust gelegt, hörte seinen Herzschlag – ruhig, gleichmäßig, lebendig.
Dann fragte Aljoscha leise: „Du, Elbrun?“
„Hmm“, kam nur als Antwort, ein müdes, zufriedenes Brummen.
„Ich möchte etwas wissen“, fuhr Aljoscha fort, die Stimme vorsichtig, aber bestimmt. „Zeig mir die Bilder in deinem Geist. Das, was du gestern auf dem Holodeck erlebt hast.“
Elbrun erstarrte. Sein Körper spannte sich an, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Er hob den Kopf, sah Aljoscha an – die Augen plötzlich wachsam, fast erschrocken.
„Was?“, fragte er, die Stimme scharf vor Unglauben.
Aljoscha hielt seinen Blick fest. „Ich möchte alles von dir sehen. Dein tiefes Inneres. Ich weiß, du kannst mir das zeigen. Wir haben das schon zweimal gemacht.“
„NEIN!!“ Das Wort kam wie ein Peitschenknall aus Elbruns Mund. Er setzte sich auf, die Decke rutschte herunter. „Auf keinen Fall“, schob er energisch hinterher, die Stimme hart, fast flehend. „Nein, Aljoscha. Nein.“
Aljoscha setzte sich ebenfalls auf, streckte die Hand aus – nicht fordernd, sondern bittend. „Elbrun, bitte. Ich möchte es verstehen. Ich möchte wissen, was du wirklich durchgemacht hast. Nicht nur die Worte. Die Bilder. Die Gefühle. Alles.“
Elbrun schüttelte den Kopf so heftig, dass seine Haare flogen. „Siehst du es nicht?“, fragte er, die Stimme plötzlich brüchig. „Du bist gerade nicht besser als ich. Wenn ich dir die Bilder zeige, geht es dir wie mir ... oder sogar schlechter.“
Seine Augen füllten sich wieder mit Tränen – nicht aus Schwäche, sondern aus purer Angst. Angst um Aljoscha. Angst, dass er ihn in denselben Abgrund ziehen würde, aus dem er selbst gerade erst wieder hochkam.
„Ich hab es überlebt“, flüsterte er. „Gerade so. Aber du ... du hast das nicht verdient. Du sollst das nicht sehen. Du sollst nicht die Schreie hören. Du sollst nicht die Kinder in den Kapseln sehen, die sterben, ohne dass jemand sie rettet. Du sollst nicht spüren, wie es sich anfühlt, so hilflos zu sein. Das ist meine Hölle. Nicht deine.“
Aljoscha spürte, wie ihm die Luft wegblieb. Er hatte es nicht so gemeint – er wollte nur näher sein, wollte verstehen, wollte teilen. Aber jetzt sah er es: Elbrun schützte ihn. Nicht sich selbst. Ihn.
„Elbrun ...“, begann er, die Stimme zitternd.
„Nein“, unterbrach Elbrun sanft, aber unnachgiebig. Er nahm Aljoschas Hand, drückte sie fest an seine Brust, direkt über sein Herz. „Ich liebe dich zu sehr, um dir das aufzubürden. Ich hab es mir selbst angetan, weil ich es musste. Du musst das nicht. Du darfst das nicht.“
Aljoscha starrte ihn an, die Augen feucht. „Aber ich will dich nicht allein lassen damit“, flüsterte er. „Ich will dich nicht allein leiden lassen.“
Elbrun lächelte – ein kleines, trauriges, aber echtes Lächeln. „Du lässt mich nicht allein. Du bist hier. Du hältst mich. Du weinst mit mir. Das reicht. Das ist mehr, als ich je hatte. Mehr, als mein Vater je hatte.“
Er zog Aljoscha an sich, küsste ihn auf die Stirn, dann auf die Lippen – sanft, innig, voller Liebe.
„Lass mich dich schützen“, flüsterte er. „Nur dieses eine Mal. Lass mich die Bilder behalten. Und du behältst mich. Das ist unser Deal.“
Aljoscha nickte langsam, die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er zog Elbrun in eine enge Umarmung, vergrub das Gesicht an seinem Hals.
„Okay“, hauchte er.
Elbrun lächelte sanft – ein kleines, müdes, aber echtes Lächeln, das die Schatten in seinen Augen ein wenig heller machte. Er löste sich langsam aus Aljoschas Armen, setzte sich auf, streckte sich leicht und fuhr sich mit einer Hand durch die zerzausten Haare.
„Komm“, sagte er leise, die Stimme noch rau, aber wärmer als zuvor. „Lass uns etwas essen. Ich habe Hunger.“
Aljoscha blinzelte überrascht, dann lachte er leise – ein erleichtertes, zärtliches Lachen, das die letzten Spuren von Schwere aus dem Raum nahm. „Du hast Hunger?“, fragte er, als wäre das das Normalste der Welt. „Nach all dem?“
Elbrun zuckte mit den Schultern, stand auf und streckte ihm die Hand hin. „Ja. Nach all dem. Also ... komm.“
Er zog Aljoscha hoch, küsste ihn kurz auf den Mund – ein sanfter, liebevoller Kuss, der mehr sagte als Worte. Dann ging er nackt, wie er war, zur kleinen Replikator-Einheit in der Ecke des Quartiers.
„Computer“, sagte er, „zwei Portionen Betazoidischer Joli-Ragout, scharf, mit extra Gewürz und frischem Fladenbrot. Und zwei Gläser kaltes Wasser mit Zitrone.“
Der Replikator summte, und Sekunden später standen die Teller da – dampfend, duftend, voller Farben: rotes Gewürz, grüne Kräuter, goldbraunes Brot. Der Geruch füllte den Raum, warm, heimelig, erdend.
Elbrun nahm beide Teller, stellte sie auf den kleinen Tisch am Fenster, zog zwei Kissen vom Sofa und setzte sich einfach auf den Boden – wieder einmal. Er klopfte neben sich.
„Setz dich zu mir“, sagte er. „Kein Tisch. Kein Stuhl. Nur wir. Wie früher.“
Aljoscha lächelte, ließ das Handtuch fallen und setzte sich nackt neben ihn – Haut an Haut, Knie berührend. Er nahm den Teller, atmete tief ein.
„Das riecht nach Zuhause“, murmelte er.
Elbrun nickte. „Genau deswegen. Weil wir zu Hause sind. Egal, wo die Enterprise gerade fliegt.“
Sie aßen zuerst schweigend – langsam, genüsslich. Das Ragout war scharf, würzig, brannte leicht auf der Zunge, und das Brot war weich, warm, perfekt zum Auftunken. Jeder Bissen fühlte sich an wie ein kleiner Akt der Lebendigkeit. Ein Beweis: Wir sind hier. Wir schmecken. Wir leben.
Nach ein paar Minuten brach Elbrun das Schweigen. „Danke“, sagte er leise. „Dass du mich nicht allein gelassen hast. Dass du mich gehalten hast. Dass du ... mich liebst, auch wenn ich gerade ein Chaos bin.“
Aljoscha legte den Löffel weg, sah ihn an – wirklich an. „Ich liebe das Chaos“, sagte er sanft. „Weil du das bist. Und weil ich weiß, dass du mich auch halten würdest, wenn ich zusammenbreche.“
Elbrun lächelte wieder – diesmal breiter, echter. „Immer.“
Er stellte den Teller beiseite, rutschte näher, zog Aljoscha in seinen Schoß. Ihre Körper berührten sich überall – warm, nackt, lebendig. Kein Sex diesmal. Nur Nähe. Nur Haut an Haut. Nur Herzschlag an Herzschlag.
„Ich hab Hunger auf Leben“, flüsterte Elbrun. „Auf dich. Auf uns. Auf Morgen.“
Aljoscha küsste ihn – langsam, tief, voller Liebe.
„Dann lass uns leben“, murmelte er gegen seine Lippen. „Einen Bissen nach dem anderen. Einen Tag nach dem anderen. Für immer.“
Sie lehnten sich aneinander, aßen weiter, lachten leise über nichts, küssten sich zwischendurch, hielten sich fest.
Am nächsten Morgen saßen die beiden bei Counselor Miwal im Büro, auf seinem Sofa.
Der Raum war warm beleuchtet, mit weichen, erdigen Farben, ein paar Pflanzen in den Ecken, die leise raschelten. Miwal, der Caitianer mit dem graublauen Fell und den großen, ruhigen Augen, saß ihnen gegenüber in seinem Sessel, die Schwanzspitze bewegte sich langsam hin und her – ein Zeichen, dass er aufmerksam zuhörte, ohne Druck auszuüben.
Elbrun zeigte offen, dass er darauf gerade absolut keine Lust hatte. Er saß steif, die Arme verschränkt, den Blick auf den Boden gerichtet, die Schultern hochgezogen, als wollte er sich kleiner machen. Sein Gesicht war eine Maske aus Widerwillen und Trotz – der gleiche Ausdruck, den er auf der Brücke trug, wenn er einen Befehl nicht mochte. Nur dass hier kein Befehl war, sondern etwas viel Persönlicheres.
Aljoscha saß neben ihm, nah genug, dass ihre Knie sich berührten, eine Hand locker auf Elbruns Oberschenkel – nicht fordernd, sondern einfach da. Er war derjenige, der das Gespräch angefangen hatte, und jetzt holte er tief Luft.
„Also, warum sind Sie bei mir?“, fragte Miwal ruhig, die Stimme tief und melodisch, mit diesem typischen Caitianer-Schnurren am Ende der Sätze.
„Wissen Sie“, fing Aljoscha an, und seine Stimme zitterte leicht – nicht vor Nervosität, sondern vor der Emotion, die er die ganze Nacht zurückgehalten hatte, „Elbrun hat ... er hat in den letzten Tagen etwas durchgemacht. Etwas, das ihn sehr mitgenommen hat. Und ich habe es erst gestern Abend richtig verstanden.“
Miwal neigte den Kopf leicht, die Ohren spitzten sich vor. „Erzählen Sie weiter, wenn Sie möchten.“
Elbrun schnaubte leise – ein Geräusch zwischen Frust und Resignation. „Es ist nichts, worüber ich reden will“, murmelte er, ohne aufzusehen. „Ich brauche keinen Counselor. Ich brauche nur ... Zeit.“
Miwal lächelte sanft, die Augen halb geschlossen, das Schnurren in seiner Stimme wurde etwas tiefer, fast wie ein beruhigendes Vibrieren, das durch den Raum floss und die Luft weicher machte.
„Das sagen Sie jedes Mal“, sagte er leise, ohne Vorwurf, nur mit dieser unerschütterlichen Geduld, die Caitianer so oft auszeichnete. „Aber am Ende waren Sie doch froh, bei mir gewesen zu sein. Was meinen Sie? Wollen wir das nicht diesmal abkürzen?“
Elbrun hob den Kopf – langsam, widerwillig –, und sah Miwal direkt an. Die Arme blieben verschränkt, die Schultern hochgezogen, als wollte er sich kleiner machen, unsichtbar, aber in seinen Augen flackerte etwas Neues: nicht nur Trotz, sondern auch eine Spur von Erschöpfung, die er nicht mehr ganz verbergen konnte. Die Erschöpfung eines Mannes, der zu lange allein gekämpft hatte.
„Abkürzen?“, wiederholte er bitter, die Stimme scharf wie ein Phaser auf höchster Stufe. „Sie meinen, ich soll einfach alles auskotzen, damit es schnell vorbei ist? Damit Aljoscha aufhört zu leiden? Damit Sie Ihren Bericht schreiben können und die Akte schließen?“
Seine Worte waren wie Schläge – nicht gegen Miwal, sondern gegen sich selbst. Jeder Satz ein Versuch, die Mauer höher zu ziehen, bevor sie ganz einstürzte. Aber darunter lag ein Zittern – ein Riss, der immer größer wurde, der durch die Fassade brach wie Licht durch eine gesprungene Scheibe.
Miwal neigte den Kopf leicht, die Schwanzspitze bewegte sich einmal langsam hin und her – ein beruhigender Rhythmus, der den Raum zu füllen schien. „Nein, Admiral. Ich meine, dass Sie schon wissen, wie es sich anfühlt, wenn Sie reden. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn die Worte raus sind. Und Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn sie drinbleiben. Sie haben es gestern gespürt – und Captain Cornellus auch.“
Die Worte hingen einen Moment in der Luft, schwer und wahr. Elbrun atmete tief ein, die Augen immer noch auf den Boden gerichtet, als könnte er dem Blick des Counselors nicht standhalten. Seine Finger gruben sich in seine eigenen Arme, als müsste er sich selbst festhalten.
„Ich habe ... ich habe Wolf 359 nachgespielt“, sagte er schließlich, die Stimme flach, als würde er einen Bericht vorlesen – einen Bericht, der ihn innerlich zerfetzte. „Immer wieder. Bis zum bitteren Ende. Sicherheitsprotokolle runter. Bis ich es gefühlt habe. Wie mein Vater es gefühlt hat.“
Miwal nickte langsam, die Augen voller Mitgefühl, ohne Mitleid. „Und was haben Sie gefühlt?“
Elbrun schluckte hart. Die Worte kamen jetzt langsamer, stockender, als würde jedes einzelne aus ihm herausgerissen. „Ich habe ... mich hilflos gefühlt“, begann er, die Stimme rau und brüchig. „Ich stand da, an der Konsole meines Vaters, und ich habe zugesehen, wie Schiffe explodierten. Wie Kinder starben. Wie mein Vater Befehle ausführte, die scheiße waren. Und ich habe gespürt, wie er sich gefühlt haben muss – als wäre er verantwortlich, ohne Macht zu haben. Als wäre er lebendig, nur weil er Glück hatte. Und ich ... ich habe mich gefühlt wie er. Und wie ich. Weil ich weiß, dass ich eines Tages vielleicht auch so dastehe. Und ich habe Angst, dass ich nicht stark genug bin. Dass ich Aljoscha verliere. Dass ich alles verliere.“
Seine Stimme brach am Ende – ein Riss, der durch den ganzen Raum ging. Eine Träne lief über seine Wange, dann noch eine. Er wischte sie nicht weg. Er ließ sie laufen – zum ersten Mal in seinem Leben ließ er sie einfach laufen.
Aljoscha neben ihm zitterte – nicht vor Kälte, sondern weil er die Worte spürte, weil sie wie Dolche in ihn selbst stachen. Seine Hand drückte fester auf Elbruns Oberschenkel, als wollte er ihn damit erden, ihn halten, ihn daran erinnern, dass er nicht allein war.
Miwal wartete – geduldig, ohne Druck. Dann sprach er, die Stimme sanft wie ein warmer Wind über Betazed.
„Diese Hilflosigkeit“, sagte er leise, „die Sie gespürt haben ... sie ist nicht neu für Sie. Sie tragen sie schon lange. Seit Ihrem Vater. Seit den ersten Geschichten, die er Ihnen nie ganz erzählt hat. Und doch ... als Sie sie selbst erlebt haben, in der Simulation, wurde sie real. Sie wurde Ihrs.“
Er machte eine kleine Pause, ließ die Worte wirken.
„Was hat sich in Ihnen verändert, als die Hilflosigkeit real wurde? Als sie nicht mehr nur eine Geschichte war, sondern Ihr Atem, Ihr Herzschlag, Ihre Schuld?“
Elbrun schwieg lange. Dann, ganz leise: „Alles. Es hat alles verändert. Ich habe nicht nur verstanden, wie es sich anfühlt. Ich habe es gelebt. Ich habe die Schreie gehört. Ich habe die Explosionen gespürt. Ich habe die Leere gefühlt, wenn ein Schiff einfach weg war. Und ich habe mich gefragt ... warum wir? Warum nicht die anderen? Warum immer nur die, die zusehen müssen?“
Seine Stimme brach wieder. Eine Träne fiel auf seine Hand, dann noch eine. Er ballte die Fäuste, als wollte er die Tränen zerquetschen.
„Ich habe Angst“, flüsterte er, und das Wort klang wie ein Geständnis, das er jahrelang in sich verschlossen hatte. „Angst, dass ich eines Tages auf der Brücke stehe und zusehe, wie Aljoscha stirbt. Wie unsere Crew stirbt. Wie alles, was ich liebe, zerbricht. Und ich kann nichts tun. Weil ich nicht stark genug bin. Weil ich nicht klug genug bin. Weil die Borg immer einen Schritt voraus sind.“
Aljoscha neben ihm zitterte jetzt sichtbar. Seine Hand drückte fester, als wollte er Elbrun festhalten, bevor er in die Leere fiel. „Du bist stark genug“, flüsterte er, die Stimme rau vor Tränen. „Weil du hier bist. Weil du redest. Weil du mich lässt, dich zu halten.“
Elbrun sah ihn an – die Augen voller Tränen, voller Kampf, voller Liebe. „Ich weiß nicht, wie man loslässt“, flüsterte er. „Ich weiß nur, wie man kämpft. Wie man hält. Wie man überlebt.“
Aljoscha nahm seine Hand, verschränkte ihre Finger fest ineinander. „Dann lernen wir es zusammen“, sagte er, die Stimme zitternd vor Emotion. „Ich halte dich. Und du lässt mich halten. Und wir lernen zusammen, wie man loslässt – ohne zu fallen.“
Elbrun nickte langsam, die Tränen liefen weiter, aber er wischte sie nicht weg. Stattdessen lehnte er sich an Aljoscha, ließ den Kopf auf seine Schulter sinken und flüsterte: „Okay. Ich versuch’s. Für dich. Für uns.“
Miwal lächelte – ein sanftes, warmes Lächeln, das seine Augen erreichte. „Das ist ein sehr guter Anfang“, sagte er leise. „Ein sehr mutiger Anfang.“
Einen Augenblick später wandte sich Miwal an Aljoscha, die Ohren leicht nach vorn geneigt, der Blick ruhig, aber durchdringend.
„So, dann erzählen Sie, wie fühlen Sie sich?“
„Ich?“, fragte Aljoscha überrascht, die Stimme noch immer rau vom Weinen.
„Ja, Captain. Sie.“
Aljoscha schluckte, versuchte zu lächeln – ein schwaches, gequältes Lächeln. „Ich fühle mich gut“, sagte er automatisch, die Worte kamen zu schnell, zu glatt.
Miwal sah ihn an – mit einem Blick, der sagte: Wen wollen Sie hier eigentlich verarschen? Der Caitianer neigte den Kopf leicht, die Schwanzspitze bewegte sich einmal langsam hin und her, ein Zeichen von geduldiger Skepsis. Seine Augen waren sanft, aber unnachgiebig – Augen, die durch Lügen hindurchsehen konnten, ohne zu urteilen.
Aljoscha spürte, wie ihm die Luft wegblieb. Er senkte den Blick, die Finger immer noch mit Elbruns verschränkt, und lachte leise – ein bitteres, ersticktes Lachen.
„Okay“, flüsterte er. „Okay ... ich fühle mich nicht gut. Ich fühle mich hilflos. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich es nicht früher gesehen habe. Weil ich ihn gehalten habe, ihn geliebt habe, ihn ... alles habe ich getan – und trotzdem habe ich nicht gesehen, wie sehr er innerlich verblutet ist. Und ich bin wütend auf ihn, dass er sich das selbst alles antut. Zwanzig Mal ... er ist zwanzig Mal durch diese Hölle gegangen ... alleine ... das ist selbst für meinen starken Elbrun zu viel.“
Die Worte hingen schwer im Raum, wie Rauch, der sich nicht verziehen wollte. Aljoschas Stimme war am Ende nur noch ein ersticktes Krächzen, die letzten Silben brachen weg, als hätte jemand den Ton abgestellt. Seine Finger krallten sich in Elbruns Hand, so fest, dass die Knöchel weiß wurden, als müsste er sich daran festhalten, um nicht selbst in die Tiefe zu stürzen.
Miwal saß reglos da, das Schnurren in seiner Brust war verstummt. Selbst der Schwanz hatte aufgehört, sich zu bewegen. Die großen Augen des Caitianers waren dunkel, voller Mitgefühl, aber auch voller Ernst – er wusste, dass hier gerade etwas zerbrach, das nicht so schnell wieder zu kitten war.
Elbrun neben ihm war wie versteinert. Jeder Muskel in seinem Körper spannte sich an, als hätte Aljoschas Geständnis einen elektrischen Schlag durch ihn gejagt. Die Tränen, die eben noch über seine Wangen gelaufen waren, stoppten abrupt. Stattdessen trat ein Ausdruck in sein Gesicht – nicht Wut, nicht Scham, sondern etwas Kälteres, Dunkleres: Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass er nicht nur sich selbst verletzt hatte, sondern auch den Menschen, der ihm am meisten bedeutete.
„Zwanzig Mal ...“, wiederholte Aljoscha leise, fast tonlos, als würde er das Wort zum ersten Mal wirklich begreifen. „Zwanzig Mal hast du dich in diesen Albtraum gesteckt. Zwanzig Mal hast du die Schreie gehört, die Explosionen gespürt, die Kinder sterben sehen ... und ich war hier, neben dir, und habe geschlafen. Ich habe gelacht. Ich habe dich geküsst. Und du ... du hast geblutet, innerlich, und ich habe nichts gemerkt.“
Seine Stimme wurde brüchiger, die Worte kamen jetzt stoßweise, als müsste er sie herauspressen.
„Ich hab dich im Arm gehalten, während du innerlich gestorben bist. Wir haben gefickt, während du innerlich gestorben bist. Und ich dachte ... ich dachte, es geht dir besser. Ich dachte, du brauchst nur Zeit. Ich dachte, ich halte dich genug. Aber ich habe dich nicht gehalten. Ich habe dich fallen lassen. Ich habe dich allein gelassen in dieser Hölle, und du hast es zugelassen. Du hast mich belogen. Du hast mich ausgeschlossen. Und ich ... ich war zu blind, zu verliebt, zu dumm, um es zu sehen.“
Aljoscha atmete zitternd ein, die Tränen liefen weiter, aber er zog Elbrun an sich – hart, verzweifelt, als wollte er ihn nie wieder loslassen.
„Ich ...“, begann Elbrun, die Stimme so leise, dass sie fast unterging. „Ich wollte nicht ... ich wollte dich schützen. Ich wollte nicht, dass du das siehst. Ich wollte nicht, dass du leidest. Ich dachte ... ich dachte, wenn ich es allein durchstehe, dann bleibt dir das erspart. Ich dachte, ich bin stark genug. Ich dachte, ich kann das tragen. Für dich. Für uns.“
Aljoscha legte seine Hand auf Elbruns Wange – warm, zitternd, die Finger leicht feucht von den eigenen Tränen. Er zwang Elbrun, ihn anzusehen, nicht mit Gewalt, sondern mit einer Sanftheit, die mehr wog als jeder Befehl.
„Das ist ja nicht alles“, flüsterte er, die Stimme rau und brüchig, als würde jedes Wort aus einer offenen Wunde kommen. „Was ist mit deiner Gefangenschaft bei den Devore? Was ist mit Marco Jankovics Tod? Die Kämpfe mit den Borg, den Elachi, den Vaadwaur, den Tzenkethi ... Während des Dominion-Krieges warst du bei deinen Eltern auf dem Schiff, hast als Kind das alles miterlebt – die Explosionen, die Schreie, die Angst in den Augen deiner Mutter, die hilflose Wut deines Vaters. Du warst sechs Jahre alt, Elbrun. Sechs. Und du hast zugesehen, wie das Universum auseinanderbrach. Und nun ... nun hast du zwanzig Mal eine Simulation von Wolf 359 laufen lassen. Zwanzig Mal hast du dich freiwillig in diese Hölle gestürzt. Wie viel soll deine arme Seele noch aushalten?“
Seine Stimme brach am Ende – ein roher, erstickter Laut, der mehr Schmerz als Worte trug. Die Tränen liefen jetzt wieder über sein Gesicht, heiß und unaufhaltsam, aber er wischte sie nicht weg. Stattdessen strich sein Daumen über Elbruns Wange, als wollte er die Tränen seines Mannes auffangen, bevor sie fielen.
Elbrun starrte ihn an, die Augen weit aufgerissen, die Pupillen riesig vor Schock und etwas Tieferem – vor der plötzlichen, brutalen Erkenntnis, dass er nicht nur sich selbst zerstört hatte, sondern dass sein ganzes Leben eine Kette aus Wunden war, die er nie hatte heilen lassen. Die Devore-Gefangenschaft, wo er tagelang in einer Zelle saß und spürte, wie seine Telepathie erstickt wurde, wie seine Gedanken gefoltert wurden. Marco Jankovics Tod – ein blutjunger Offizier, der vor seinen Augen starb, weil Elbrun eine Sekunde zu langsam war. Die Borg, die Elachi, die Vaadwaur, die Tzenkethi – jeder Kampf ein Stück Fleisch, das aus seiner Seele gerissen wurde. Und der Dominion-Krieg ... als Kind auf dem Schiff seiner Eltern, versteckt unter dem Bett, während draußen die Sterne brannten und seine Mutter ihn festhielt und flüsterte: „Nicht hinschauen, mein Schatz. Nicht hinschauen.“
Und dann Wolf 359. Zwanzig Mal. Zwanzig Mal die Schreie. Zwanzig Mal die Kinder in den Kapseln. Zwanzig Mal die Erkenntnis: Ich bin nicht stark genug.
Elbruns Atem ging stoßweise. Er versuchte zu sprechen, aber die Worte blieben in seiner Kehle stecken. Stattdessen begann sein Körper zu beben – nicht vor Weinen, sondern vor einem Schmerz, der so tief saß, dass er ihn nicht benennen konnte. Seine Hände krallten sich in Aljoschas Jacke, als müsste er sich daran festhalten, um nicht auseinanderzufallen.
„Ich ...“, begann er, die Stimme so leise, dass sie fast unterging. „Ich dachte ... wenn ich es verstehe ... wenn ich es kontrolliere ... dann hört es auf. Dann hört die Angst auf. Dann kann ich dich schützen. Dann kann ich ... alles schützen.“
Seine Stimme brach. Eine Träne lief über seine Wange, dann noch eine, dann ein Strom – still, lautlos, aber unaufhaltsam.
„Und wer beschützt dich?“, flüsterte Aljoscha gegen Elbruns Haare, die Stimme so leise, dass sie fast unterging, aber jedes Wort traf wie ein Hammerschlag.
Elbrun wusste darauf nichts zu antworten.
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder, die Worte blieben stecken, weil es keine gab. Weil die Frage ein Loch in ihn riss, das er nicht hatte kommen sehen. Weil er immer der Beschützer gewesen war – für seine Crew, für seine Familie, für seine Freunde, für Aljoscha –, und die Vorstellung, selbst beschützt werden zu müssen, fühlte sich an wie ein Verrat an allem, was er war.
Er schwieg. Nur sein Atem ging schneller, flacher, als würde die Frage ihn ersticken.
Dann sagte er, mit einer Stimme, die versuchte, fest zu klingen: „Es geht mir gut. Wirklich. Ich habe die Vergangenheit gut verarbeitet. Auch dank Commander Miwal.“
Aljoscha hob den Kopf, sah ihn an – nicht misstrauisch, sondern mit einer Müdigkeit, die tiefer ging als Tränen.
„Das glaube ich dir sogar“, antwortete er leise, die Worte schwer vor Ehrlichkeit. „Aber irgendwann hat jeder seine Belastungsgrenze erreicht. Und deine hast du in dem Holodeck erreicht.“
Elbrun wollte widersprechen. Wollte sagen: „Ich bin stärker als das.“ Wollte sagen: „Ich hab es im Griff.“ Wollte sagen: „Mach dir keine Sorgen.“
Aber die Worte kamen nicht.
Stattdessen spürte er, wie etwas in ihm nachgab – nicht laut, nicht dramatisch, sondern still, wie ein Seil, das nach Jahren endlich reißt. Seine Schultern sackten ein kleines Stück ab. Die Arme, die eben noch verschränkt waren, fielen schlaff in seinen Schoß.
„Ich weiß nicht, wie ich das machen soll“, flüsterte er schließlich, die Stimme so brüchig, dass sie kaum zu hören war. „Ich weiß nicht, wie ich zulassen soll, dass du mich schützt. Ich weiß nicht, wie ich ... schwach sein soll. Ich hab immer gedacht, wenn ich schwach bin, verlier ich dich. Wenn ich zusammenbreche, verlierst du den Respekt. Wenn ich dich brauche ... dann bin ich nicht mehr genug für dich.“
Aljoscha schüttelte den Kopf – langsam, traurig, aber entschieden.
„Du bist mehr als genug“, sagte er, die Stimme rau vor unterdrückten Tränen. „Du bist alles. Aber du bist nicht unzerbrechlich. Und ich will nicht den unzerbrechlichen Elbrun. Ich will den echten. Den, der weint. Den, der Angst hat. Den, der Hilfe braucht. Den, der mich braucht. Weil ich dich brauche. Weil ich ohne dich nicht kann. Weil ich lieber mit dir zusammenbreche, als ohne dich ganz zu sein.“
Elbrun starrte ihn an – die Augen voller Tränen, voller Kampf, voller Liebe. Dann brach etwas in ihm endgültig. Ein Schluchzen, tief und roh, schüttelte ihn. Er fiel Aljoscha in die Arme, vergrub das Gesicht an seinem Hals und weinte – weinte richtig, laut, hemmungslos, als würde all die aufgestaute Qual der letzten Tage, der letzten Jahre endlich aus ihm herausbrechen.
„Ich hab solche Angst“, schluchzte er. „Angst, dass du mich hasst, wenn ich schwach bin. Angst, dass du gehst. Angst, dass ich dich nicht mehr beschützen kann. Angst, dass ich ... nichts mehr bin.“
Aljoscha hielt ihn fest, wiegte ihn sanft, küsste seine Haare, seine Schläfe, seine Tränen.
„Ich hasse dich nicht“, flüsterte er. „Ich könnte dich nie hassen. Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr, dass es wehtut. Und ich gehe nicht. Nie. Egal wie dunkel es wird. Egal wie laut die Stimmen sind. Ich bleibe. Und ich beschütze dich. Weil du es verdienst. Weil ich es will. Weil ich es brauche.“
Elbrun zitterte in seinen Armen – ein Beben, das nicht mehr aufhören wollte. Aber er hielt sich fest. Er hielt sich fest, als wäre Aljoscha das Einzige, was ihn noch am Leben hielt.
„Ich brauche dich“, flüsterte er schließlich, die Worte fast unverständlich gegen Aljoschas Haut. „Ich brauche dich so sehr ... und ich hab solche Angst, dass das nicht reicht.“
Aljoscha küsste ihn auf die Stirn, dann auf die Lippen – sanft, innig, voller Tränen.
„Es reicht“, flüsterte er. „Es reicht immer. Weil wir zusammen sind. Weil wir zusammen brechen. Weil wir zusammen aufstehen.“
Miwal saß still da, die Schwanzspitze bewegte sich nicht mehr. Er sagte nichts – er wusste, dass Worte jetzt nicht mehr nötig waren. Die beiden Männer hielten sich gegenseitig, weinten zusammen, brachen zusammen, heilten zusammen.
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