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Enterprise-Krieg und Liebe im Weltraum-Staffel 7

Teil 8

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Einige Wochen später.

Die Enterprise glitt mit gemächlichem Warp 5 durch den Raum, die Frachträume bis unter die Decke gefüllt: Medizinische Vorräte, Nahrungskonzentrate, Ersatzteile für Kolonien am äußeren Rand der Föderation. Routine. Friedlich.

Aljoscha stand auf der Brücke, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und starrte auf den Sternenhimmel, der gemächlich vorbeizog. Er genoss diese Ruhe. Solche langweiligen Missionen waren ihm die liebsten; kein Alarm, kein Feuer, nur das leise Summen der Triebwerke und das Wissen, dass irgendwo Leute auf diese Ladung warteten und dadurch weiterleben konnten.

Elbrun hingegen langweilte sich zu Tode.

Das Hazard-Team war auf der Enterprise vollständig etabliert, trainierte täglich bis zur Erschöpfung, aber einen echten Einsatz hatte es noch nicht gegeben. Zum Glück, dachte selbst Elbrun in klaren Momenten. Doch genau das war das Problem: klare Momente hatte er gerade wenige.

Kein Papierkram mehr, keine dringenden Berichte, keine Disziplinarmaßnahmen. Alles lief. Zu gut sogar.

Er tigerte schon seit Tagen durchs Schiff, suchte Probleme, wo keine waren. Ein defekter Replikator in Sektion 7-C (behoben in drei Minuten). Ein Crewmitglied, das im Holodeck zu lange trainiert hatte (sanfte Ermahnung). Ein Phaser, der minimal falsch kalibriert war (nach zehn Sekunden wieder perfekt).

Jetzt stand er wieder auf der Brücke, lehnte mit verschränkten Armen am Geländer hinter Aljoscha und starrte ins All, als könnte er die Borg persönlich herbeidenken.

Aljoscha spürte es, ohne sich umzudrehen. „Du machst die Crew nervös, wenn du weiter so grimmig guckst.“

„Ich bin nicht grimmig“, brummte Elbrun. „Ich bin ... unterfordert.“

„Dann schreib doch einen Roman. ‚Wie ich die Borg vermisste – von Admiral Elbrun Tiran‘.“

„Ich vermisse die Borg nicht ... Ich habe gerade nur keine Aufgabe.“

„Die wirst du bald wieder haben, glaub mir, dann wirst du nächtelang durcharbeiten. In der Zwischenzeit genieße die Ruhe einfach, lies etwas, hör Musik, geh aufs Holodeck.“

Elbrun hielt inne. „Holodeck ... das ist es.“

Er drehte sich blitzschnell um, packte Aljoscha am Nacken, zog ihn zu sich und küsste ihn kurz, aber intensiv; direkt vor der gesamten Brücke.

„Danke, Imzadi“, flüsterte er grinsend gegen seine Lippen, dann stürmte er mit langen Schritten vom Kommandozentrum davon.

Elbrun ging schnellen Schrittes aufs Holodeck. Er wollte eine Simulation starten, Daten sammeln, Ideen für Verbesserungen. Die Schlacht von Wolf 359 wollte er erleben. Sein Vater hatte ihm davon erzählt. Sein Vater war damals als Taktischer Offizier auf der USS Endeavour, dem einzigen Schiff, das diese Schlacht überlebt hatte.

Er war auf Holodeck 2 auf Deck 10.

„Computer, Programm laden. Schlacht von Wolf 359, exakte Rekonstruktion, Sternzeit 44002.3. Position: Taktischer Offizier an Bord der USS Endeavour, NCC-71805. Sicherheitsprotokolle auf 12 %.“

Der Computer zögerte eine Zehntelsekunde. „Warnung: Dieses Programm enthält extreme Gewalt, psychische Belastung und historische Traumata. Bestätigung erforderlich.“

„Bestätigt. Tiran-Alpha-1.“

Das schwarze Gitter verschwand.

Elbrun stand an der Taktikstation genau dort, wo sein Vater vor über dreißig Jahren gestanden hatte.

Die Endeavour gehörte zu Angriffsflügel 9, zusammen mit der USS Trent, einem Schiff der Ambassador-Klasse, und der USS Monarch, einem Schiff der Rigel-Klasse. Der Borg-Kubus trat in das System ein. 40 Föderationsraumschiffe waren kampfbereit. Weitere waren auf dem Weg, lagen jedoch noch viele Lichtjahre entfernt. Auch eine klingonische Taskforce von 25 Raumschiffen war unterwegs, um der Föderation zu helfen; sie würde aber erst in ein paar Stunden eintreffen.

Captain Joseph Amasov saß angespannt auf seinem Platz. Elbrun kannte ihn aus den Berichten; nach diesem Tag würde keiner der Überlebenden noch derselbe sein.

Der Kubus rief die Flotte.

Locutus von Borg erschien auf dem Hauptschirm und sprach mit dieser kalten, mechanischen Stimme, die Elbrun seit seiner Kindheit aus den Erzählungen seines Vaters kannte:

„Ich bin Locutus von Borg. Widerstand ist zwecklos.“

Admiral Hanson an Bord der USS Auriga gab den Befehl.

„Angriffsflügel 1 und 2: Angriff!“

Auf dem Hauptschirm der Endeavour explodierte die Schlacht.

Die USS Saratoga und die USS Roma aus Flügel 2 rasten voran, Phaserbänke glühten, Torpedos verließen die Rohre. Die Roma feuerte einen vollen Salve ab; dann traf sie ein grün schimmernder Schneidestrahl des Kubus. Keine drei Sekunden später brach das Schiff in einem grellen Feuerball auseinander, Trümmer wirbelten durchs All.

Elbrun spürte, wie sich die Brücke der Endeavour unter dem Schock leicht neigte.

„Roma zerstört!“, rief der Ops-Offizier.

Gleich darauf stießen die USS Bellerophon und die USS Yamaguchi aus Flügel 1 vor, Torpedos und Phaserstrahlen schlugen in die Borg-Hülle ein. Die Yamaguchi wurde sofort in den Traktorstrahl gezogen; ihre Schilde kollabierten wie Papier.

Elbrun starrte wie gebannt auf den Bildschirm. Sein Vater hatte diese Sekunden beschrieben; aber sie selbst zu erleben war etwas ganz anderes.

„Angriffsflügel 9 hält Position!“, brüllte Captain Amasov. „Warten auf Befehl!“

Elbrun ballte die Fäuste an der Taktikstation. Er war bereit. Genau wie sein Vater damals.

Und der Kubus drehte sich langsam weiter, als wäre das alles nur ein kleiner Gruß, bevor das eigentliche Massaker begann.

Die Schlacht war erst wenige Minuten im Gange.

Drei Schiffe bereits zerstört. Die Saratoga hing gefangen im grünen Traktorstrahl, schwer beschädigt, ihre Hülle glühte rot. Dann kam Angriffsflügel 3.

USS Tolstoy, USS Melbourne, USS Kyushu und USS Righteous stürmten vor.

Die Melbourne wurde nach wenigen Sekunden getroffen; Traktorstrahl, dann eine Salve Plasmatorpedos. Das Schiff brach auseinander, noch bevor es einen einzigen Treffer landen konnte.

Tolstoy und Righteous folgten kurz darauf; zwei grelle Explosionen, dann nur noch Trümmer.

Die Saratoga explodierte mit einem stummen, grellen Blitz.

Nur die Kyushu hielt länger stand, drehte verzweifelt ab, feuerte weiter, bis auch sie schließlich in Stücke gerissen wurde.

Dann griffen Angriffsflügel 4 und 5 ein; sechs weitere Schiffe rasten in den Tod.

Elbrun stand immer noch an seiner Konsole, die Hände über den Kontrollen verkrampft, die Zähne zusammengebissen.

Er wusste es. Er wusste es besser als jeder hier.

Admiral Hansons Taktik war eine Katastrophe. Wellenangriffe gegen einen Gegner, der sich einfach regenerierte. Kein konzentriertes Feuer, keine koordinierte Flucht, keine Ausnutzung der Schwachstellen.

Sein Vater hatte es ihm hundertmal gesagt: „Wir haben sie einzeln gefüttert. Wie Lämmer.“

Elbrun spürte die Wut hochkochen; nicht auf die Borg, sondern auf die eigene Flotte.

Er wollte schreien. Er wollte die Konsole zertrümmern. Er wollte eingreifen, die Formation ändern, den Kubus endlich knacken.

Die beiden Angriffsflügel 4 und 5 waren nach wenigen Minuten zerstört; nur noch glühende Trümmer.

Angriffsflügel 6 und 7 gingen nun in einen Flankenangriff über. Endlich eine Taktikänderung.

Eine kurzzeitige Fluktuation im Energienetz des Kubus wurde registriert; Hoffnung keimte auf.

Admiral Hanson persönlich führte jetzt seine eigene Taskforce an: sieben weitere Schiffe, darunter die mächtige USS Auriga, eine Galaxy-Klasse. 13 Schiffe griffen gleichzeitig an; konzentriertes Feuer, endlich.

Es sah vielversprechend aus. Die Hülle des Kubus glühte an mehreren Stellen, Regeneration verlangsamt.

Dann der Gegenschlag.

Constance, Firebrand, Princeton; zerfetzt in Sekunden. Kadosca, Star League, Hoagland folgten fast im selben Moment.

Hanson befahl sofortigen Rückzug. Zu spät.

Die Auriga wurde vom Traktorstrahl gepackt. Schneidestrahlen schnitten durch die Schilde wie durch Butter. Torpedos schlugen ein. Das Flaggschiff der Flotte explodierte in einem gewaltigen, lautlosen Feuerball.

Von den 13 Schiffen blieben nur drei übrig.

Captain Amasov, jetzt ranghöchster Offizier, übernahm das Kommando. Die Endeavour, eine Nebula-Klasse, war plötzlich das stärkste noch intakte Schiff der Flotte.

„Alle verbliebenen Schiffe: sofortiger Rückzug!“

Die Flotte sammelte sich im Schatten des zweiten Planeten; nur noch 16 Schiffe.

Amasov tat endlich, was von Anfang an hätte geschehen müssen.

„Alle Zivilisten sofort evakuieren! Rettungskapseln und Shuttles starten.“

Überall auf den 16 Schiffen öffneten sich die Hangartore. Kapseln und Shuttles schossen heraus wie ein Schwarm panischer Insekten. Auch die Rettungskapseln der zerstörten Schiffe trudelten heran; manche intakt, manche mit Borg-Drohnen an Bord, die bereits die Insassen assimilierten.

Die S.S. Sulaco, ein ziviles Transportschiff, das trotz aller Warnungen ins System geflogen war, explodierte lautlos im Kreuzfeuer; ein weiterer Fehler, ein weiterer Preis.

Amasov starrte auf den Bildschirm, die Kiefer so fest zusammengepresst, dass man das Knirschen hören konnte.

„Sobald die letzte Kapsel draußen ist, greifen alle 16 Schiffe gleichzeitig an. Volle Konzentration auf den Antrieb des Kubus. Wir halten ihn auf, koste es, was es wolle.“

Elbrun spürte, wie sich die Brücke der Endeavour mit einer letzten, verzweifelten Entschlossenheit füllte.

Eine Stunde später begann der Angriff erneut.

„Amasov an alle Schiffe: Formation verlassen. Angriffsmuster Alpha!“

Elbrun, der an der Taktik stand, feuerte Phaser und Photonentorpedos ab. Salve um Salve jagte in den Kubus.

Dann kam von der Wissenschaftsstation der Ruf: „Sir, die Roosevelt hat es geschafft – die Schilde der Borg sind durchbrochen!“

„An alle Schiffe: Zielen Sie auf diese Koordinaten und feuern Sie mit allem, was Sie haben!“

Der Kubus nahm tatsächlich Schaden. Grüne Plasmawolken brachen aus der Hülle, ganze Sektionen glühten rot.

Doch dann regenerierten sich die Schilde. Innerhalb von Sekunden waren sie wieder oben, und die Waffen wurden fast wirkungslos.

Die Roosevelt wurde von einem Traktorstrahl erfasst.

Die Ahwanee versuchte der Roosevelt zu helfen, drehte bei, feuerte alles ab – wurde aber sofort beschossen und war innerhalb weniger Sekunden kampfunfähig, schwer beschädigt, manövrierunfähig.

Elbrun starrte auf seine Konsole, die Hände verkrampft.

Die blauen Warpgondeln der Roosevelt färbten sich plötzlich giftgrün. Das Schiff drehte sich langsam, Phaserbänke glühten auf; und feuerte auf die eigenen Verbündeten. Damals hatte niemand verstanden, was gerade geschah. Assimilation in Echtzeit.

Die Flotte wurde dezimiert. Ein Schiff nach dem anderen fiel; stumme, grelle Explosionen, Trümmer, die wie Schneeflocken durchs All trieben.

Die Endeavour stand nun selbst unter schwerem Beschuss. Schilde weg. Hülle durchsiebt. Warpkern flackernd. Minimale Energie. Nur noch Notbeleuchtung.

Elbrun klammerte sich an die Konsole, Blut lief ihm aus einer Platzwunde über der Stirn.

Dann; endlich; die vermeintliche Rettung.

25 klingonische Schiffe fielen wie ein wütender Schwarm aus dem Warp; Disruptoren blitzend, Torpedos in roten Salven.

Zusammen mit den fünf verbleibenden kampffähigen Föderationsschiffen stürzten sie sich auf den Kubus.

Die Klingonen brüllten ihre Kriegslieder über offenen Kanal. Der Kubus drehte sich ihnen entgegen; langsam, aber unaufhaltsam.

Elbrun hörte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf, genau wie damals: „Sie kamen zu spät ... aber sie kamen.“

Und für einen winzigen Moment glaubte er, es könnte doch noch ein Wunder geben.

General Korok führte die Klingonen an; sein Flaggschiff, die IKS Qapla’, brüllte über offenen Kanal den Schlachtruf.

Die Klingonen kämpften tapfer, rammten sich mit voller Wucht in den Kubus, Disruptoren schlugen tiefe Narben, Torpedos rissen ganze Segmente weg.

Doch auch sie fielen. Ein Schiff nach dem anderen wurde zerschnitten, explodierte in roten Wolken.

Dann erwischte es das Flaggschiff. Traktorstrahl. Grüne Gondeln. Das Schiff drehte sich und feuerte auf seine eigenen Krieger.

Minuten später war fast alles vorbei.

Nur noch die USS Agincourt, ein altes Schiff der Constitution-Klasse, und zwei schwer beschädigte Bird-of-Preys blieben übrig.

Die Agincourt ging auf Kollisionskurs; die Klingonen folgten ihr mit letztem Stolz. Beide Bird-of-Preys wurden Sekunden später zerfetzt.

Die Agincourt selbst wurde im letzten Moment vom Traktorstrahl abgelenkt, herumgerissen und dann von einem Schneidestrahl in zwei Teile geschnitten.

Die Borg hatten gewonnen.

Die Endeavour trieb schwer beschädigt im All; Warpkern tot, Waffen offline, kaum Lebenserhaltung. Die Borg ignorierten sie; sie waren keine Bedrohung mehr.

Aus dem Kubus löste sich eine Sphäre. Die assimilierte Roosevelt und das ehemalige klingonische Flaggschiff folgten ihr. Ein greller Transwarpkanal öffnete sich; grün, pulsierend; und verschlang die drei Schiffe.

Dann war Stille.

Nur noch Trümmer, Leichen und die Endeavour; das einzige Schiff, das Wolf 359 überlebte.

Elbrun stand reglos an der zerstörten Konsole, starrte auf den leeren Schirm. Er spürte den Schmerz seines Vaters; endlich, ganz echt.

„Computer ... Programm beenden.“

Das Chaos verschwand.

Er stand wieder allein im leeren Holodeck, die Hände zitternd, die Stimme der Borg noch in seinem Kopf.

Das Holodeck verschwand.

Vor einer Sekunde hatte er noch das Kreischen von Metall gehört. Hatte das Brüllen von Captain Amasov gehört, als die Hülle der Endeavour aufriß. Hatte die Agincourt sterben sehen; ein verzweifelter, letzter Rammversuch, abgefangen, zerschnitten, verglüht. Hatte das klingonische Flaggschiff sich grün färben sehen, bevor es seine eigenen Brüder abschlachtete. Hatte die Transwarp-Sphäre sich öffnen sehen; ein grünes Maul, das alles verschlang, was noch übrig war.

Und dann: nichts. Nur das eigene Herz, das ihm bis zum Hals schlug.

Er fiel auf die Knie. Nicht gespielt. Echt.

Die Hände zitterten so heftig, dass er sie kaum stillhalten konnte. Er schmeckte Blut; er hatte sich auf die Lippe gebissen, ohne es zu merken.

Die Stimme war noch da. Nicht aus den Lautsprechern. In ihm.

„Widerstand ist zwecklos.“

Und zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Elbrun, wie sich diese Worte richtig anfühlten. Nicht wie eine Drohung. Sondern wie eine Wahrheit.

Er presste die Stirn auf den kalten Holodeck-Boden, atmete stoßweise, und verstand endlich, warum sein Vater manchmal mitten in der Nacht aufwachte, schweißgebadet, und nie wieder ein Wort über Wolf 359 verlor.

Weil man manche Schlachten nicht gewinnt. Man überlebt sie nur. Und das ist schlimmer.

Elbrun blieb noch lange auf den Knien.

Der Boden unter ihm war kalt, real, und doch fühlte er noch das Beben der Endeavour in den Knochen.

Er wusste es jetzt. Er hatte es gesehen, gespürt, geschmeckt.

Admiral Hanson hatte sie alle geopfert. Wellenangriffe. Einzelkämpfe. Stolz statt Verstand. Ein Fehler, den jeder im Nachhinein erkannte. Ein Fehler, den man nie wieder machen würde.

Sie hatten jetzt bessere Waffen. Transphasentorpedos. Ablative Panzerung. Modifizierte Schildfrequenzen. Sie hatten gelernt.

Aber während er da kniete, schlich sich der Zweifel ein; kalt, schleichend, wie eine Drohne, die sich durch die Hülle frisst.

Was, wenn die Borg sich wieder anpassen? Sie tun es immer. Sie brauchen nur Zeit.

Ein paar Monate. Ein paar Schiffe. Ein paar Milliarden Stimmen mehr im Kollektiv.

Die Transphasentorpedos waren heute effektiv. Aber wie lange noch?

Die Frage fraß sich in ihn hinein, genau wie damals in seinen Vater.

Er ballte die Fäuste, bis die Knöchel weiß wurden.

Nein. Nicht noch einmal.

Er stand langsam auf, die Beine schwer, die Augen hart.

„Computer ... speichere Simulation. Neuer Ordner: ‚Wolf 359 – Lektion‘. Kennwort: Vater.“

Spät in der Nacht kehrte Elbrun ins Quartier zurück.

Die Gänge der Enterprise waren leer, nur das leise Summen der Triebwerke begleitete seine Schritte. Er fühlte sich schwer, als hätte die Simulation nicht nur Zeit, sondern auch Gewicht in ihm hinterlassen. Stunde um Stunde hatte er dort gestanden, hatte Wolf 359 wieder und wieder durchlebt, jedes Manöver variiert, jede Entscheidung hinterfragt. Was hätte man anders machen können? Hätte ein früherer Rückzug Tausende gerettet? Hätte konzentriertes Feuer auf den Antrieb den Kubus früher gestoppt? Er hatte Befehle geändert, Formationen umgestellt, Schiffe geopfert, um andere zu retten, und am Ende war das Ergebnis immer dasselbe gewesen: ein Trümmerfeld aus vierzig Schiffen der Föderation und fünfundzwanzig der Klingonen und insgesammt neunzehntausend Leben, die in wenigen Minuten ausgelöscht wurden.

Er hatte sich auch in die Überlebenden hineinversetzt, in jene wenigen, die mit Narben nach Hause kamen. In seinen Vater, der nachts manchmal noch aufschreckte, als würde er die Explosionen hören. In Amasov, der danach auch nie wieder der Selbe war. In all die Namenlosen, die nie wieder lachen konnten, weil sie die Schreie ihrer Kameraden noch in den Ohren hatten. Es war nur eine Simulation gewesen, kaltes Licht und rekonstruierte Daten, aber sie hatte ihn mehr mitgenommen, als er je gedacht hätte. Vielleicht weil er indirekt selbst betroffen war. Sein Vater hatte dort gestanden, genau an dieser Konsole, und hatte zusehen müssen, wie alles um ihn herum starb. Dieser Schmerz war vererbt worden, still, unausgesprochen, aber immer da.

Das Quartier war dunkel, nur das schwache Nachtlicht warf sanfte Schatten. Aljoscha schlief friedlich, auf der Seite liegend, eine Hand unter dem Kissen, das Gesicht entspannt. Elbrun stand einen Moment im Türrahmen und sah ihn einfach nur an. Dieser Mann war sein Anker, sein sicherer Hafen in einem Universum, das viel zu oft versuchte, ihn zu brechen.

Leise zog er sich aus; die Uniformjacke fiel zu Boden, die Stiefel stellte er achtlos beiseite. Er schlüpfte unter die Decke, die noch warm war von Aljoschas Körper, und schmiegte sich ganz nah an ihn. Er legte einen Arm um ihn, zog ihn an sich, hielt ihn fest; sehr fest.

Nicht, um Aljoscha zu beschützen. Sondern weil er selbst Schutz brauchte. Weil er jemanden brauchte, der ihn hielt, wenn die Erinnerungen zu schwer wurden. Weil er in diesem Moment einfach nur spüren wollte, dass er nicht allein war mit dem, was in ihm tobte.

Aljoscha rührte sich leicht im Schlaf, spürte die Intensität, die Verzweiflung in der Umarmung, und reagierte instinktiv. Er drehte sich halb um, zog Elbrun noch enger an sich, eine Hand fest in seinem Rücken, die andere in seinen Haaren vergraben. Er murmelte etwas Unverständliches, vielleicht einen Namen, vielleicht nur ein leises „Ich bin da“.

Elbrun vergrub sein Gesicht an Aljoschas Hals, atmete tief seinen Duft ein; vertraut, warm, lebendig. Und endlich, nach all den Stunden in der kalten Simulation, liefen die Tränen, die er den ganzen Tag zurückgehalten hatte.

Leise. Stumm. Aber echt.

Denn manche Schlachten kämpft man nicht mit Phasern. Sondern nachts, im Arm des Menschen, der einen nie loslässt.

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