zur Desktop-Ansicht wechseln. zur mobilen Ansicht wechseln.

Ich hab es mir nicht ausgesucht...

Wie alles begann...

Teil 21 - Ich sollte den Tag ...

Lesemodus deaktivieren (?)

Informationen

 

Ich schreckte aus dem Schlaf hoch, hatte ich geträumt? Atemlos lauschte ich in die Dunkelheit. Da war es wieder, ein unbestimmtes Vibrieren durchfuhr meinen Körper.

Ich blinzelte auf die Anzeige am Radiowecker im Regal - 2:30 Uhr!

Den Rhythmus des Signals kannte ich - Tim!

„Oh Mann, ist der doof?“, ich stöhnte auf.

Ich wusste nicht gleich, woher das Summen kam.

Da wieder, das Beben neben meinem Kopf - mein Handy summte!

Ich konnte mich daran erinnern, dass ich das Handy gestern Abend, als ich mich in Gedanken an Falk in einen seligen Traum streichelte, auf meiner Brust liegen hatte. Ich war dann wohl eingeschlafen. Neben meinem Gesicht vibrierte es wieder.

Schlaftrunken richtete ich mich auf, um nach dem Gerät zu schauen. Ja klar, als ich mit dem Oberkörper hoch kam, rutschte das Handy weiter nach unten, unter meinen Bauch und stoppte erst am Hosenbund meiner Schlafshorts.

Überstürzt wollte ich danach greifen, war aber nicht schnell genug. Es glitt mir aus den Fingern polterte auf den Teppich, schlitterte weiter und blieb irgendwo im Zimmer liegen. Ich fluchte und schälte mich unter der Bettdecke hervor.

Inzwischen war das Handy verstummt. Das noch schwach leuchtende Display zeigte mir, wo das Gerät lag, es war bis unter den Schreibtisch gerutscht. Natürlich war es bis in die äußerste Ecke gewandert. Ich kroch auf allen Vieren unter den Tisch. Dabei stieß ich mit dem Kopf an eine der Schubladen, die weit hinunter reichte. Leise fluchend robbte ich wieder zum Bett zurück.

Als ich es schließlich in der Hand hielt, las ich mit halb verschlafenem Blick die WhatsApp Nachricht von Tim.

Hallo Juli, sind in Hannover, Oma geht es nicht gut-morgen mehr-Tim.“

Ich musste schlucken, ja er hatte zwar gesagt, dass er sich melden wollte, aber doch nicht mitten in der Nacht…!

Etwas angesäuert legte ich das Telefon auf den Schreibtisch.

Meine Blase machte sich bemerkbar. Ohne Licht zu machen, eierte ich über den Flur.

Das Sensorlicht erhellte mit schummrigem Licht das Bad.

Im Spiegel bot sich mir ein schrecklicher Anblick. Ich sah aus wie ein Unfall: müde Augen, zerwühlte Haare, ein Gesicht, das eindeutig noch nicht bereit für den neuen

Tag war.

Mit halb geschlossenen Augen tapste ich kurze Zeit später über den Flur zurück. Der Mond warf einen fahlen Lichtschein durch das seitliche Fenster auf den Gang. Mein kleiner Teddy, der mich vor ungebetenem Besuch bewahren sollte, baumelte am Türdrücker und grinste mich an.

In dem Moment, als ich nach der Klinke greifen wollte, sah ich etwas helles unmittelbar vor der Tür auf dem Boden schimmern. Überrascht bückte ich mich danach, ein kleiner gefalteter Zettel. Neugierig öffnete ich das Papierstück, ich erkannte Mamas Handschrift. Hä, wieso schreibt Mama mir einen Brief? Ich konnte aber bei dem Licht nicht wirklich entziffern, was sie geschrieben hatte.

Kopfschüttelnd schloss ich die Tür hinter mir.

Ich ließ mich auf die Bettkante fallen und schaltete die Nachttischlampe an.

Hastig überflog ich die wenigen Zeilen. Sofort war ich wach! Ich rieb mir die Augen, las das Geschriebene nochmal und nochmal….

Ganz wichtig!

Habe gerade mit Frau Konrad telefoniert, dann wollte Falk dich unbedingt nochmal sprechen, aber du schläfst schon, dein Teddy hängt an der Tür und du hast zugeschlossen?

Falk möchte unbedingt, dass du am Samstag oder Sonntag zu ihm kommst, etwas Schulzeug nachholen. Außerdem möchte er dir was Wichtiges sagen… du sollst unbedingt kommen! Ich soll dir ganz liebe Grüße von Falk sagen!

Bitte nicht vergessen, morgen Entschuldigung für Tim mitnehmen, liegt an der Garderobe. Kussi Mama.

Etwas hilflos drehte ich den Zettel um, aber mehr stand nicht drauf.

Noch leicht verwirrt starrte ich einen Moment ins Halbdunkel des Zimmers, nur langsam realisierte ich was da stand.

Falk wollte mich am Wochenende unbedingt sehen und er wollte mir was sagen…!

Seine Mama hatte schon zugestimmt. Ich fühlte, wie in meiner Brust ein warmes Gefühl aufstieg, innerlich jubelte ich. “Yess“! Kurzzeitig schlug mir das Herz bis zum Hals.

Falk! Ich musste die kurze Notiz nochmal lesen, dann hob ich den Zettel vor mein Gesicht und hauchte einen leichten Kuss darauf.

Aber im nächsten Augenblick durchzuckte mich ein schrecklicher Zweifel – was möchte er mir sagen? Weiß er von Tim? Vielleicht, ich erstarrte, ja vielleicht will er echt nur Schule und mir sagen, dass er und ich niemals…?

Und was wird Tim dazu sagen, wenn ich mit Falk?

Ob er es ehrlich gemeint hatte, damit, dass er und ich und Falk…?

Eigentlich wollte ich ihm vertrauen. Oh Mann! Scheiße, Scheiße, Scheiße…

Lange konnte ich nicht einschlafen. Immer wieder hielt ich den kleinen Zettel ins fahle Licht und las die Zeilen erneut.

Noch mehrmals strich ich über den kleinen Schatz in meiner Hand und schob ihn dann hoffnungsvoll vorsichtig unter mein Kopfkissen.

Ich hatte dann aber doch gut geschlafen. Der Handywecker holte mich brutal in die Wirklichkeit zurück, 6:00 Uhr.

Meine Hand tastete sich suchend unter das Kopfkissen. Nichts!

Hatte ich das alles heute Nacht nur geträumt? Hastig fuhr ich hoch, mein Blick wanderte nervös durch das Zimmer.

Da lag der wertvolle Zettel, ziemlich zerknittert direkt vor meinem Bett. Erleichtert strich ich ihn glatt und überflog den kurzen Text noch einmal.

Gedämpft hörte ich Mama von unten rufen: „Juli, kommst du bitte? Es ist gleich halb sieben!“ Ich erschrak. Hatte ich so lange getrödelt?

Beschwingt flitzte ich rüber ins Bad, die Dusche ließ ich heute ganz kalt. Ein wohliger Schauer überzog meinen Körper, aber das war mir egal.

Die Aussicht, dass auch dieser Freitag vorübergehen würde und ich am Wochenende zu Falk gehen konnte, ließ meine Laune im Nu von null auf hundert springen.

Mit dem Schulrucksack in der Hand sprang ich die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal und nahm die letzten vier mit einem Satz.

Mama öffnete überrascht die Küchentür. „Na, guten Morgen. Da hat aber einer gute Laune. Woran mag das wohl liegen?“

Ich krachte meinen Rucksack an die Garderobe und lachte Mama an. „Das weißt du ganz genau! Danke, Mama. Guten Morgen.“ Ich umarmte sie.

Sie zog mich liebevoll an sich, hauchte mir einen Kuss auf die Stirn und wuschelte mir durch die Haare. Entgegen meiner sonstigen Ablehnung ließ ich das zu.

„Juli, kann ich Frau Konrad heute bei der Arbeit sagen, dass du morgen zu Falk kommst, um mit ihm den Stoff nachzuarbeiten?“

Ich löste mich von Mama und schaute ihr gespielt empört in die Augen.

Dann musste ich grinsen und rief so laut, als sollte es das ganze Dorf hören:

„Jaaaa Mama, morgen und Sonntag und immer, immer…“

Mama lachte herzlich auf. „Na gut, junger Mann, schauen wir mal. Aber erst einmal isst du Frühstück und dann ist heute noch Schule. Juli, ich muss schon mal los, bin aber heute etwas früher zu Hause, wann kommst du?“ Ich nickte, „ich denke so kurz nach drei Uhr.“

„Bitte vergiss die Entschuldigung für Tim nicht, gib sie im Sekretariat ab, ja? Und bitte abschließen.“ „Jaaa, Mama, mach ich nicht, nee, mach ich.“

Sie drohte mir spielerisch mit dem Zeigefinger und gab mir noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Rasch griff sie die Autoschlüssel und zog die Haustür hinter sich zu.

Allein beeilte ich mich mit dem Frühstück, schob mein Geschirr in den Spülautomaten und flitzte noch einmal hoch ins Bad. Meine Haare – oh nee.

Gerade als ich die Haustür schließen wollte, fiel mir ein – Entschuldigung für Tim!

Also noch mal kurz wieder rein. Neugierig öffnete ich den nicht verschlossenen Umschlag, zog das Schreiben heraus und überflog es kurz.

„Hiermit möchten wir unseren Sohn, Tim Wegner aus familiären Gründen…, voraussichtlich bis Mittwoch, den…“

Erleichtert schob ich den Brief wieder in das Kuvert, Tim würde also wahrscheinlich nicht am Wochenende nach Hause kommen, ich konnte mich unbekümmert auf Falk freuen.

Beschwingt machte ich mich auf den Weg zur Haltestelle. Was sollte an diesem Freitag schon groß schiefgehen? Wir hatten nur vier Stunden: zweimal Englisch, einmal Mathe und dann Erdkunde.

Na ja und dann war die Doppelstunde mit der Buchlesung angekündigt. Wir hatten in Deutsch eine kurze Einführung in den Inhalt und zum Autor bekommen. Wie hieß doch gleich das Buch? „Bis die Sterne zittern“, hm seltsamer Titel, na mal sehen.

Als der Bus in unsere Haltestelle einfuhr, erkannte ich am Steuer Herrn Holter. Er ließ zur Begrüßung kurz die Lichthupe aufblitzen, gut gelaunt winkte ich zurück. Mit großem Schwung stieg ich ein und ging nach vorn zu unserem Stammplatz direkt hinter dem Fahrersitz und krachte meinen Rucksack auf den freien Sitz.

Herr Holter schaute mich im Rückspiegel fragend an, „Julian, allein? Alles in Ordnung, mit Tim meine ich?“

Ich nickte, meinte dann aber „ja, aber seine Oma ist krank, sie sind hingefahren. Er kommt erst nächste Woche wieder.“ Herr Holter nickte und schloss die Türen. „Na dann wollen wir mal.“

Ich ließ mich auf meinen Platz fallen und zog mein Handy hervor. Ob ich Falk schnell eine Nachricht schicke? Ich überlegte, was ich ihm schreiben sollte, dass ich mich freue…? Nee, das war zu blöd, vielleicht was Cooles? Aber ich wollte auch nicht zu lapidar rüberkommen…

Ich war überrascht, als der Bus schon wieder hielt, Lukas und Franz tobten herein. „Hi Juli, heute allein?“ Ohne mich weiter zu beachten, gingen sie durch und pflanzten sich wie immer hinten auf die breite Sitzbank.

Ich starrte weiter auf die offene Tür und wartete darauf, dass Therese einstieg. Aber das Warnsignal ertönte und die Türen schlossen sich.

Ich wunderte mich. Was war mit Resi los, warum war sie nicht an der Haltestelle?

Gestern hatte sie nichts davon gesagt, dass sie heute vielleicht fehlen würde. War sie krank? Vielleicht wussten Lukas oder Franz etwas. Unsicher schaute ich nach hinten, aber die beiden waren mit sich selbst beschäftigt und glotzten auf ein Handy. Gerade johlten sie laut los. Herr Holter sah in den Rückspiegel und schüttelte nur den Kopf.

Vor dem Schultor warteten bereits viele Schüler auf den Einlass. Ich schaute mich suchend um, konnte Resi aber auch hier nicht entdecken. Auf einmal schubste mich jemand von hinten leicht an, sodass ich einen Schritt nach vorn taumelte.

Lukas hatte mir übermütig seinen Rucksack von hinten gegen den Rücken geschoben.

„Ey, Juli, Alter, heute alleine? Wo ist denn dein Freund, der Tom oder wie der heißt? Ich hab von Chantalle gehört, dass der neulich mit deiner Resi im Speiseraum ordentlich rumgemacht hat.“

„Weißt du, was da läuft?“ Franz lachte hämisch, „ey die haben geknutscht wie Sau“ und zeigte mir noch dazu den Mittelfinger.

Ich spürte einen kurzen Stich in meiner Brust und fühlte, wie mein Gesicht trotz der winterlichen Kälte feuerrot wurde. Aber zu meinem Glück musste ich nicht darauf antworten, denn gerade wurde das Schultor geöffnet und die große Schar der Schüler schob Lukas und Franz vor mir auf den Schulhof.

Absichtlich langsam schlenderte ich in Gedanken in Richtung der großen Schultreppe, sollten sie doch denken, was sie wollen.

Auf der Treppe drängte sich plötzlich jemand nah an mich heran und legte mir eine Hand auf die Schulter. Als ich den Kopf drehte, sah ich direkt in Clemens’ blaue Augen. Seine Hand blieb kurz an meinem Arm, dann flüsterte er: „Nimm’s nicht so schwer, Juli. Die sind einfach nur doof.“

Perplex blieb ich auf einer der letzten Stufen stehen.

Überrascht und sprachlos starrte ich Clemens hinterher, der einfach weiter hinaufstieg, als wäre nichts gewesen.

Oben blieb ich kurz in der Tür zum Klassenzimmer stehen. Meine Augen suchten Clemens. Er saß schon auf seinem Platz in der Fensterreihe.

Scheinbar hochkonzentriert beschäftigte er sich mit seinen Schulsachen. Kurz blickte er zu mir, senkte den Blick aber sofort wieder auf seine Bücher.

Verwirrt ging ich zu meinem Platz, der heute leer neben mir blieb, weil Tim nicht da war. Tim! Die Entschuldigung musste noch ins Sekretariat. Ein kurzer Blick auf die Uhr: Das konnte knapp noch reichen.

Ich flitzte aus dem Zimmer, sprang, immer mehrere Stufen auf einmal nehmend die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Mann ist das ein langer Gang bis zum Büro der Sekretärin.

Vor der Tür stand natürlich noch ein Junge aus der Mittelstufe, der sicher auch etwas bei Frau Schneider erledigen wollte. Mann, wenn etwas schief geht, dann aber auch richtig.

Ich fragte ihn, ob er mich vorlassen würde. Er zögerte kurz, nickte dann aber.

„Kostet aber was, okay?“ „Was?“ Ich stutzte. Der Bursche konnte gerade mal in der Sechsten sein, höchstens in der Siebten. Aber ich hatte es eilig, also stimmte ich zu. „In der großen Pause. Cafeteria, ne Cola?“ Er nickte und trat zur Seite.

„Danke Alter!“

Ich klopfte und trat ein, Frau Schneider begrüßte mich freundlich, „ah Julian guten Morgen, na mein Guter, du kommst aber knapp. Was kann ich für dich tun?“

Ich erklärte ihr kurz mein Anliegen und reichte ihr die Entschuldigung für Tim über den Tresen. Sie warf einen kurzen Blick darauf. „Danke Julian, aber das hat Frau Wegner doch heute morgen schon telefonisch erledigt. Aber es ist schön, wenn man Freunde hat, auf die man sich verlassen kann, ihr seid doch befreundet, der Tim und du?“

Ich fluchte innerlich, Mann wofür das alles?

Wollte die jetzt noch ein Schwätzchen mit mir beginnen? Ich nickte kurz.

„Ja, Frau Schneider, ich muss aber dann hoch, wir haben bei Foxi, äh ich meine Herrn Fox.“

Sie lachte kurz auf, „Oh, na dann aber fixi, der Foxi versteht da keinen Spaß.“

Ich stürmte aus dem Raum, der Knabe vor der Tür war echt überrascht, wie schnell ich wieder draußen war. Er rief mir hinterher „ey, vergiss nicht, in der großen, Cafeteria…“

Aber ich hatte keine weitere Zeit, mich mit ihm zu beschäftigen, mit riesig langen Schritten sprang ich die Stufen hoch.

Kurz bevor ich die Treppe ganz geschafft hatte, ertönte der Stundengong – zu spät.

Gerade sah ich noch Foxis braune Aktentasche verschwinden und wie er die Tür hinter sich zuzog.

Scheiße!

Und da hatte ich geglaubt, dieser Tag würde ein lockerer Schultag werden, ha.

Schon dreimal kam heute alles anders. Erst war Resi nicht da, dann hat Lukas mich voll gequatscht und auf die Reaktion von Clemens konnte ich mir auch nicht wirklich etwas zusammenreimen.

Und jetzt stand ich vor Foxis Tür und kam mal wieder zu spät. Bestimmt würde er wieder von mir enttäuscht sein.

Immer noch etwas außer Atem, mit pochendem Herzen klopfte ich und wartete gar nicht erst auf das „Herein“.

Mit gesenktem Kopf trat ich ein, Herr Fox stand am Lehrertisch und hatte gerade seine Aktentasche auf den Tisch gelegt. Überrascht schaute er mir entgegen.

„Ah, Mister Kiefer, where do you come from? You’re too late. What’s the matter with you?“

Ich konnte vor lauter Scham nur stammeln, „guten Morgen Herr Fox…“

„Please say it in English“.

Vor lauter Aufregung bekam ich die paar englischen Vokabeln nicht zusammen, ich druckste irgendwelches Zeug zusammen, brach ab…

„Julian setz dich, wir sehen uns nach der Stunde im Lehrerzimmer.“ Stumm nickte ich und schlich auf meinen Platz.

Ich hörte laut schnippsende Finger, „Mister Fox, darf ich eine Frage stellen?“

Die Stimme von Tobias.

„Tobias, please formulate your question in English!“

„Na ich wollte eigentlich nur fragen, warum Julian öfter eine Sonderbehandlung bekommt, wenn er mal wieder zu spät kommt oder auch mit Tim…“

Er kam nicht dazu, seine Frage fertig auszusprechen.

Herr Fox wurde ungehalten, ungewöhnlich scharf unterbrach er Tobias auf Deutsch, „Herr Müller, wenn Sie ebenfalls mal einen Termin bei mir im Lehrerzimmer benötigen, sagen Sie bitte Bescheid! Meine Entscheidungen, Schüler betreffend, treffe ich immer noch persönlich.“

Die ganze Klasse hielt die Luft an. Kein Mucks war zu hören. Es herrschte absolute Stille. So hatten wir Foxi noch nie erlebt.

Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Ich spürte, dass viele Blicke auf mich gerichtet waren und traute mich nicht, den Kopf zu heben.

Foxi, der nun endlich die Stunde beginnen wollte, als wäre nichts Besonderes passiert, ließ seinen Blick kurz über die Klasse schweifen. Er sah sofort, dass Tim fehlte und schaute mich fragend an. Bevor er etwas sagen konnte, antwortete ich: „Tim ist entschuldigt, aus familiären Gründen.“

Er nickte nur.

Wieder klopfte es, Mr. Fox schaute kurz auf.

Ein lockeres „Come in“, neugierig drehten sich alle Köpfe in eine Richtung. Vierundzwanzig Augenpaare schauten erwartungsvoll auf die Tür.

Resi kam herein und blieb überrascht an der Tür stehen, verwundert über die absolute Stille im Raum.

„Good Morning Mr. Fox, sorry, but…

Er unterbrach sie freundlich, „guten Morgen Therese, ich weiß Bescheid. Bitte setz dich.“

Ohne ein weiteres Wort schlich Resi auf ihren Platz. Dabei warf sie mir einen fragenden Blick zu. Meinte sie die Situation oder wunderte sie sich, weil sie Tim nicht sah?

Ich winkte nur ab und formte mit den Lippen ein stummes „später“.

„Mister Kiefer, ich erwarte Sie an der Tafel!“ Ich zuckte zusammen. Auch das noch. Tobis halblauter dämlicher Kommentar „na wenigstens kriegt er jetzt…“ Nico neben ihm zischte hörbar „halt’s Maul Alter, sonst biste gleich selber dran.“

Zum Glück hatte ich in Englisch keine Probleme, sodass ich die übliche Vokabelabfrage zu Stundenbeginn ohne Mühe überstand. Trotzdem wartete danach ja noch mein „Date“ mit Herrn Fox im Lehrerzimmer.

Auf dem Weg zum Platz bemerkte ich, dass Clemens mich ununterbrochen beobachtete, ja geradezu anstarrte.

Etwas später versuchte ich trotz allem, dem Unterricht zu folgen, doch meine Gedanken wanderten immer wieder zu der Begegnung mit Clemens auf der Treppe zurück. Unauffällig blickte ich zu ihm hinüber. Er arbeitete scheinbar konzentriert in seinem Hefter.

Er musste meinen Blick gespürt haben, denn auf einmal drehte er seinen Kopf in meine Richtung und schaute mich direkt an. In seinen Augen erkannte ich eine gewisse Traurigkeit, schnell wendete ich mich ab und stierte in meinen Hefter.

Doch was war das? Ich fühlte, dass ich hart geworden war, so sehr, dass meine Eichel sich unangenehm am Stoff meiner Boxershorts rieb. Fast schmerzhaft forderte meine Latte ihre Freilassung. Ich spürte mein Herz schneller schlagen, auch das pulsierende Gefühl in meiner Jeans verstärkte sich zunehmend. Ich war kurz davor…, nein, das konnte doch nicht sein!

Ich hielt die Luft an, zog meine Bauchmuskeln zusammen, um nicht in meine Hose zu spritzen.

Instinktiv spürte ich, dass mich jemand anstarrte, richtig – Clemens! In seinem Blick war eine gewisse Spannung erkennbar, wie bitte? Wie ist das möglich? Kann der Gedanken lesen?

Resi, die hinter Clemens saß, wurde aufmerksam und schaute nun ebenfalls zu mir.

Ihre Augen, eine einzige Frage. Auch das noch.

Sie tippte ihrem Vordermann kurz auf die Schultern, der zuckte erschrocken zusammen und wendete sich wieder der Tafel zu. Zu meinem Glück hatte niemand von den anderen von alldem etwas mitbekommen. Foxi schrieb irgendwelche neuen Vokabeln an die Tafel.

Langsam entspannte sich mein Schwengel wieder. Ich blieb mit meiner Unsicherheit zurück.

Der Rest der Doppelstunde zog sich unendlich dahin, immer wieder schaute ich möglichst unauffällig zu Clemens rüber, aber der verfolgte den Unterricht von Foxi sehr konzentriert.

Erste große Pause - ich hatte eigentlich dem Jungen aus der Sechsten versprochen, ihm in der Pause eine Cola auszugeben, aber ich hatte natürlich keine Zeit dafür. Mr. Fox hatte seine „Verabredung“ mit mir bestimmt nicht vergessen.

So langsam wie möglich packte ich meinen Kram zusammen, als auf einmal Resi neben mir auftauchte.

Sie fauchte mich regelrecht an. „Sag mal was ist los mit dir? Du siehst aus, als ob dir der Heilige Geist begegnet wäre. Dauernd stierst du zu Clemens rüber und wenn Foxi was von dir will, bist du auch neben der Spur. Und wo ist überhaupt…?“

Ein halblauter Ruf von Mr. Fox, der offensichtlich an der Tür auf mich wartete unterbrach sie, „Julian, bestimmt ist deine Turtelei mit Therese sehr wichtig, aber wärest du dann bitte so freundlich, mich ins Lehrerzimmer zu begleiten?“

Sein Sarkasmus erschreckte und enttäuschte mich, so kannte ich ihn gar nicht.

Resi war verstummt, fragend sah sie mich an.

Mir war zum Heulen zumute, aber ich zuckte nur mit den Schultern und grinste schief, „du siehst, ich hab ein Date…im Lehrerzimmer.“

Resi Blick wanderte zu Foxi an der Tür, der mir mit einem ungeduldigen Tippen auf seine Armbanduhr bedeute, dass er nicht ewig Zeit hätte.

Ich warf meinen Rucksack über eine Schulter und trottete hinter dem Lehrer her in Richtung Lehrerzimmer. Resi blieb sprachlos zurück.

Aber wir kamen gar nicht bis dorthin.

In einer ruhigen Ecke im Treppenhaus blieb Mr. Fox an eine Fensterbrüstung gelehnt plötzlich stehen, legte seine Ledermappe auf dem Sims ab. Er schaute wortlos, ohne mich weiter zu beachten, aus dem Fenster.

Es wurde still um uns herum, der Pausenlärm verebbte allmählich. Wir waren allein. Aber immer noch begann er nicht zu reden, weiterhin drehte er mir den Rücken zu und sah aus dem Fenster.

Allmählich wurde mir die Situation unheimlich, leise sprach ich ihn an.

„Mr. Fox, ich sollte“, ich musste schlucken, „ich wollte Ihnen, also mich entschuldigen… ich.…“

Wie in Zeitlupe dreht er sich zu mir um, sein Gesicht sah aus, als ob er in Gedanken gerade ganz weit weg gewesen wäre. Für mich undefinierbar.

Ein leichtes Lächeln kam in sein Gesicht, als er ganz leise zu reden begann.

„Julian, es ist für mich nicht akzeptabel, dass einer meiner talentiertesten Schüler manchmal zu spät kommt und dann im Unterricht neuerdings unaufmerksam ist.“

Ich holte tief Luft, um mich zu rechtfertigen, aber mit einer sanften Geste seiner Hand gebot er mir zu schweigen. „Egal, ich hatte dir das neulich schon mal gesagt.

Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit erinnern, auch ich hatte so einen tollen Freund wie du, auch eine hübsche Freundin, die nun schon seit fast vierzig Jahren meine Frau ist. Ich erzähl dir das nur deshalb, um dir zu sagen, dass ich immer noch weiß, wie man sich in deinem Alter fühlt, wie alles interessant wird, wie ungeduldig man neues erkunden möchte. Aber ich möchte dir auch sagen, es braucht Zeit, seinen eigenen Weg zu finden. Manchmal trifft man Leute, die es auch in deiner Klasse gibt, die einem nicht guttun. Aber du wirst deinen Weg finden und ihn mutig gehen. Und ich weiß auch, dass man manchmal jemanden braucht, der einem den Kopf wäscht oder die Ohren langzieht. Was hiermit geschehen ist.“

Ich war baff, ich hatte eine Riesenstandpauke erwartet aber das jetzt…?

Ich wusste gar nicht, was ich darauf erwidern sollte.

Er sah es mir wohl an und meinte nur „du musst mir nichts sagen, ich weiß, du hast mich recht verstanden.“

Ich wusste nicht wohin mit mir, nein ich musste nicht heulen, aber ich musste irgendwo hin mit meinem Gefühl. Ohne weiter nachzudenken, trat ich einfach an ihn heran, zögerte kurz. Aber sein väterliches Lächeln war mein Signal, ich umarmte den großen, kräftigen Mann und flüsterte ein leises „danke Foxi, äh ich mein… Mr. Fox.“

Ein spielerisch drohendes „na…???“

Ich zögerte kurz, „Mr. Fox, darf ich Ihnen auch was sagen?“ Seine Augen leuchteten erwartungsvoll, er sagte aber nichts, nickte nur.

„Das vorhin mit Therese, das, das war ein wenig unfair. Sie ist seit der Grundschule meine beste Freundin, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da ist weiter gar nichts zwischen uns, sie ist mit Tim zusammen.“ Kurz erschrak ich, war ich schon wieder vorlaut?

Er aber nickte und sah mich direkt an, „bitte Julian, entschuldige, das wird nicht wieder vorkommen.“

Dann wuschelte er mir kurz durch die Haare, schob mich ein Stück von sich weg und meinte nur trocken, „wie siehst du denn aus? Geh dich mal kämmen.“

Mit einem lautlosen Lachen nahm er seine Ledermappe von der Fensterbank und verschwand in Richtung Paukerbude.

Da stand dich nun allein auf der Treppe. Von meinen Gefühlen hin- und hergerissen.

Was für ein Tag!

Lesemodus deaktivieren (?)