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Ich hab es mir nicht ausgesucht...
Wie alles begann...
Teil 19 - Kann man Gefühlen entkommen?
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Informationen
- Story: Ich hab es mir nicht ausgesucht...
- Autor: Julian K.
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Coming Out
Inhaltsverzeichnis
Julian
Verzweifelt warf ich mich der Länge nach auf das Bett. Mit versteinertem Gesicht lag ich da und starrte an die Zimmerdecke.
Ich hatte es versaut, meine Lügen am Nachmittag hatten alles zerstört und nun auch noch die Anrufe von Tim, mit denen er sich bei mir entschuldigt hatte, mir seine Zuneigung gestand und mich darum gebeten hatte, dass wir uns endlich aussprechen wollten.
Eigentlich wollte ich an diesem Nachmittag bei Falk sein – Falk-ja…
Das war das nächste Problem, Falk hatte mich für das Wochenende eingeladen, eine Einladung zu Falk! Und Falk wusste nicht von Tim oder ahnte er etwas?
Ach Mann, heute morgen schien alles noch so einfach.
Zwar hatte Falks Mutti davon gesprochen, dass ich Falk nur ein wenig beim Aufholen von Schulstoff helfen sollte, aber ich wünschte mir viel mehr, Falk vielleicht auch?
Und nun, was sollte das werden? Tim wollte am Wochenende doch bei mir schlafen, aber Falk wartete auch auf mich…
Unentschlossen nahm ich das Handy auf und scrollte zu Tims Nummer, mein Daumen strich sachte über den Kontakt…
Ich zögerte, sollte ich Tim zurückrufen? Aber was sollte ich ihm sagen, dass ich…
Ich schaltete das Telefon aus und schob es in die Schublade am Nachtschränkchen. Eine Weile saß ich noch grübelnd auf dem Bett. Inzwischen war es draußen und auch in meinem Zimmer dunkel geworden, nur die Straßenlaterne vorn an der Ecke schickte ein wenig gelbliches Licht ins Zimmer.
Dann fasste ich einen Entschluss. In der Küche riss ich einen Zettel aus dem Notizblock, mit hastiger Hand schrieb ich ein paar Zeilen und legte den Zettel so auf den Tisch, dass Mama ihn sofort sehen musste.
Eilig stieg ich in meine Schuhe, schlüpfte in den Anorak, griff mir Mütze, Schal und Schlüsselbund. Draußen war es bitterkalt geworden und ein eisiger Wind pfiff durch das Dorf. Sorgfältig zog ich hinter mir die Haustür zu…
Tim
Ich saß immer noch nachdenklich am Schreibtisch in meinem Zimmer. Schon vor einer halben Stunde hatte ich der Mailbox von Juli alles erzählt, was mich bedrückte, ich hatte ihn um Verzeihung gebeten und mir gewünscht, dass der mich zurückruft.
Ich war sich nicht sicher, ob Julian den Anruf abgehört hatte. Ich wartete auf einen Anruf von ihm, aber nichts, es tat sich nichts. Sollte ich Julian falsch eingeschätzt haben, war der nicht nur beleidigt, sondern hatte vielleicht sogar die Nase voll von mir, weil ich und Therese…?
„Das kann nicht sein.“ Ich erschrak selber, wie laut meine Stimme im Zimmer hallte. Nach dem vergangenen Wochenende, nach den Schwierigkeiten, die wir miteinander überwunden hatten. Was sollte nun aus unserem gemeinsamen Wochenende werden? In meiner Wut hatte ich ihm gesagt, dass ich auf das Wochenende bei ihm pfeife. Mir fiel jetzt auf, dass Julian nach dem Zusammensein mit dem Sportlehrer erst so richtig abweisend geworden war.
Was hatte Herr Kusche ihm gesagt oder mit ihm gemacht?
Ich überlegte wieder, als ich am Nachmittag überraschend in die Umkleide zurückkam, sah es so aus, als hätten die beiden sich gerade aus einer Umarmung gelöst und Julian hatte offensichtlich geheult… Was war dort passiert? Herr Kusche und Julian…?
Ich schüttelte den Kopf, nein, niemals… oder doch - was wusste ich schon von beiden?
Ich war erst seit Kurzem an der neuen Schule, in Julians Klasse. Mit Julian hatte ich mich zwar schnell angefreundet und hatte auch schon bald von ihm geträumt. Wir waren uns in der Dusche und der Umkleide sehr vertraut gewesen und dann auch bald bei mir zu Hause zur Sache gekommen…
In Erinnerung an diese Nacht merkte ich, dass ich schon wieder hart wurde. Aber der Sportlehrer und Juli kannten sich schon ewig…
Ich gestand mir ein, dass mich ein Gefühl von Neid erfasste, ich war eifersüchtig auf Herrn Kusche.
Plötzlich hörte ich, dass auf dem Kiesweg vor dem Haus ein Auto vorfuhr.
Am Motorengeräusch erkannte ich den Wagen von Mutti. Mit einem raschen Griff versuchte ich die Beule in meiner Jeans zu beseitigen, was mir aber nicht so recht gelang. Etwas feucht-klebriges hing an meinen Fingern.
Die Haustür wurde aufgeschlossen und Mutti rief von unten „Timmi, kannst du bitte mal runterkommen und mir beim Reintragen helfen, die Einkaufstaschen sind so schwer.“
Achtlos warf ich mein Handy auf das Kopfkissen, stand auf und sprang mehrere Stufen auf einmal nehmend, die Stufen zum Flur hinunter. Mutti war schon in der Küche, rasch schnappte ich mir die beiden Getränkekisten, trug sie ins Haus und stellte sie im Flur ab. Noch einmal ging ich in die Kälte hinaus, um die restlichen Taschen hineinzutragen, verwundert bemerkte ich, dass die Autoschlüssel noch im Zündschloss steckten, schnell nahm ich sie und verschloss den Wagen.
Ich wuchtete die schweren Taschen in der Küche auf die Anrichte und drehte mich zu Mutti um. Ich erschrak, Mutti saß, den Kopf in beide Hände gestützt, wie erschöpft da und starrte auf die Tischplatte.
Ich erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte. Leise setzte ich mich zu ihr an den Tisch.
„Mutsch, was…?“ Sanft und tröstend strich ich ihr über die Arme.
Langsam, wie abwesend hob Mutti den Kopf, in ihren Augen schimmerten Tränen, ihre Haare waren verstrubbelt und ihr Gesicht erschien mir im Licht der Küchenlampe gealtert.
Mutti nahm meine Hände in ihre und flüsterte leise, „Timmi, mein Schatz, es ist… also es ist was Schreckliches passiert.“ Sie machte eine Pause, in der sie mir durch das Haar fuhr und mir traurig in die Augen sah. „Timmi, Oma Hanna, ist… also, sie ist gestürzt und liegt im Krankenhaus. Ihre Nachbarin, Frau Müller hat sie bewusstlos auf der Treppe im Hausflur gefunden und…“ Sie schluchzte laut auf.
Ich verstand nicht gleich, „aber, aber…? Wie ist das passiert, wie geht es ihr? Hast du…?“
„Timmi, nein, ich weiß auch noch nichts weiter“, unterbrach sie mich. „Nur das, was Frau Müller mir am Telefon gesagt hat. Sie meinte aber, wir sollen so bald wie möglich kommen, die Ärzte haben wohl gesagt, dass es nicht gut aussieht.“
Mutti begann hemmungslos zu weinen. Ich erstarrte, Oma Hanna, meine Lieblingsoma, allmählich begriff ich, was das bedeutete. Wenn sie, wenn sie… ich wurde ganz still.
Ich verstand, dass Mutti Angst um ihre Mutti hatte.
Oma Hanna, sie hatte mich schon als ganz kleiner Jungen oft gebadet und liebevoll betreut, wenn Mutti und vor allem Vati länger arbeiten mussten. Als ich dann größer war, war ich in den Ferien oft bei ihr. Mit ihr konnte ich lachen, dummes Zeug machen, aber sie hat mir auch immer Mut gemacht, wenn ich mal nicht weiter wusste. Sie kannte mich in und auswendig, sie konnte Geheimnisse bewahren und… ich schluchzte auf. „Mutsch, was können wir tun, wir müssen, wir wollen…?“
Mutti strich mir wieder durchs Haar. „Ich habe Vati schon Bescheid gegeben, er kommt so bald er kann. Wir wollen beraten. Vielleicht fahren wir noch heute Abend nach Hannover, ich habe schon mit Frau Kiefer gesprochen, ich bekomme frei…“
Sie schaute mich entgeistert an, „aber…“ Sie sprach nicht weiter, ich verstand sie auch so.
Was würde aus meinem Wochenende bei Juli werden?
Beide schauten wir uns in die Augen als vor dem Haus das Geräusch des großen Wagens zu hören war. Gleich darauf drehte sich der Schlüssel im Schloss und Vati kam in die Küche.
Er legte seinen Aktenkoffer auf einen Stuhl und noch im Mantel trat er an Mutti heran und umarmte sie herzlich. Ich saß wie betäubt noch auf meinem Stuhl, trat dann dazu und Vati schloss mich in die Umarmung ein. Schweigend standen wir eine kleine Weile beieinander…
Etwas später dann, im Wohnzimmer berieten wir gemeinsam über die weiteren Schritte.
„Also“, Mutti schaute in unsere kleine Runde, „wenn ich Frau Müller richtig verstanden habe, meinten die Ärzte, dass es Oma Hanna nicht gut geht und wir möglichst schnell zu ihr kommen sollen, wenn…“ Sie brach ab und wieder traten ihr Tränen in die Augen. Tröstend fuhr Vati ihr über die Haare. „Ich habe mit meinem Dienststellenleiter gesprochen, es ist nichts weiter los übers Wochenende, ich könnte maximal bis Mitte nächster Woche frei bekommen.“ Mutti nickte, „ja ich hab auch schon mit Frau Kiefer gesprochen, sie weiß Bescheid.“
Wie auf Kommando trafen mich die Blicke meiner Eltern, bange anschaute ich sie an. „Tim, wir wissen, dass dein Plan für das Wochenende eigentlich anders aussieht, aber du weißt… Also wir werden dich nicht zwingen, mit zur Oma zu kommen aber ganz bestimmt würde sie sich freuen, wenn du…“
„Vielleicht ist es das letzte Mal…“ „Vati!!!“ Entsetzt sah ich Vati in die Augen.
„Frau Kiefer meinte, die Entschuldigung in der Schule kann auch Julian…“
Ich holte gerade tief Luft, „nee, der ganz bestimmt nicht…“, als es an der Haustür klingelte.
Überrascht blickten wir uns an.
Vati erhob sich und ging an die Tür.
Mutti und ich hörten einen überraschten Ausruf im Flur, „ja guten Abend, das ist aber eine Überraschung. Ja, der ist da, aber… na komm erstmal rein.“
Fragend schaute ich Mutti an, die aber auch nur unwissend die Schultern hob.
Erwartungsvoll blickten wir zur Wohnzimmertür.
Vati schob jemanden vor sich her ins Zimmer – Julian!
Mit hängenden Schultern, gesenktem Kopf blieb der in der Tür stehen und hob verlegen seinen Blick. Energisch schob Vati Julian ganz ins Zimmer. Total überrascht war ich aufgesprungen, mit Julian hatte ich absolut nicht gerechnet. Ich stürmte auf Juli zu und zog ihn wortlos zu mir auf die Couch. Alle schwiegen.
Vati, der die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm uns gegenüber wieder in seinem Sessel Platz.
Ich bemerkte, dass sich meine Eltern verstohlen anblickten. Ich konnte es regelrecht in ihren Augen lesen, „was ist hier los, was ist zwischen den Jungs passiert, dass sie sich so seltsam verhielten?“
Julian und ich saßen, ohne etwas zu sagen, eng nebeneinander, als wir plötzlich beide gleichzeitig tief einatmeten und begannen „Timmi ich, will, muss…“ „Juli, du, ich, wir…“ Perplex schauten wir uns an und mussten plötzlich laut loslachen. Wir stießen uns gegenseitig mit den Ellenbogen an und prusteten laut los.
„Ey, du bist doof…“, brachte ich, lachend fast außer Puste hervor.
„Selber…“ Julian knuffte mich in die Seite.
Als Julian aufblickte, bemerkte er die Blicke meiner Eltern und erkannte, dass irgendetwas nicht stimmte. Auch mein Lachen war sofort wieder einem traurigen Gefühl gewichen. Entgeistert blickte Juli in die Runde. Er räusperte sich, „ähm entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht weiter stören. Ich geh dann auch gleich wieder. Ich wollte eigentlich nur Tim sehen und ihm sagen, dass mir das von heute alles leid tut und dass…“ Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, ich hielt ihm mit der flachen Hand den Mund zu. „Nicht, Juli, auch ich war ein Idiot, verzeih mir.“
Erstaunt schauten die Eltern erst mich, dann Julian an. „Was ist los Jungs, habt ihr Probleme, habt ihr euch gestritten?“ Die Stimme von Vati klang etwas unsicher.
„Nein Herr Wegner, wir hatten heute nur ein kleines Missverständnis miteinander beim Training und… aber ich glaube, das hat sich erledigt.“ Ich nickte zustimmend. Julian schaute mich an, „also ich freu mich darauf, dass Tim am Wochenende bei mir übernachten darf.“
Mein Blick ging augenblicklich zu Mutti hin. Ich glaube, dass ein kurzer Schatten über mein Gesicht huschte, den Julian natürlich sofort bemerkte.
Ängstlich, die komische Stimmung realisierend fragte er tonlos „was… was ist?
„Julian, also Juli wir müssen dir etwas sagen, ähem mitteilen… Tims Oma, also meine Mutter, hatte einen Unfall und liegt in Hannover im Krankenhaus und ist, vielleicht, aber…“
Julian verstand einen Moment lang nicht, was sie ihm sagen wollte, dann bekam er große Augen, blickte mich erschrocken an. Als ihn das Gesagte erreichte, sackte er auf dem Sofa neben mir in sich zusammen. Wie ein Häufchen Unglück saß mein lieber Freund neben mir. „Das heißt, das bedeutet…“
Ich war auch auf dem Sofa zusammengerutscht und stammelte „aber Juli ich hab, ich mein, ich weiß noch nicht, ob…“ Ich schaute Vati ins Gesicht.
Julian schaute zu Vati, als ob er ahnte, was der gleich sagen würde, seine verengten Augen sammelten sich schon ein paar Tränen…
„Also Juli, Tim - was wir mit euch besprechen wollen, müssen ist, also versteht uns bitte nicht falsch, eure Freundschaft ist auch uns sehr wichtig, aber…“
Er machte eine Pause, als ob es ihm nicht leichtfallen würde, weiterzusprechen.
„Also Tim, du solltest mit Julian beraten, ob ihr bei Kiefers zu Hause, wie geplant, zusammen euer Wochenende verbringt oder ob du mit nach Hannover zu Oma Hanna kommst. Wir werden deine Entscheidung akzeptieren. Wir beide, Mutti und ich fahren aber heute Abend noch zur Oma ins Krankenhaus. Am besten ist, ihr beratet euch mal kurz oben in deinem Zimmer. Wir werden eure Entscheidung auf jeden Fall akzeptieren.“
Wir schauten uns unentschlossen in die Augen. Mein Blick hing ängstlich an Julis traurigen Augen.
Langsam erhob ich mich, fasste Juli am Arm und wollte ihn hochziehen, damit er mir nach oben in mein Zimmer folgt.
Juli hob den Kopf und zog ruckartig seinen Arm zurück.
„Nein Timmi, da gibt es überhaupt nichts zu beraten. Natürlich fährst du mit zu deiner Oma, wenn du dich anders entscheiden würdest, wäre ich…“
Er schwieg kurz, dachte einen Augenblick nach.
„Ich bin eigentlich gekommen, um dir zu sagen, dass ich deinen Anruf sehr lieb fand und ich mich auf unser Wochenende gefreut habe. Und… und ich wollte dir auch noch sagen, dass ich dich einfach wahnsinnig lieb ha…“
Er riss die Augen auf und hielt sich den Mund zu. Entsetzt realisierte er, dass ja meine Eltern zuhörten.
Verstört schaute er den beiden ins Gesicht. Er sprang von der Couch auf.
„Entschuldigen Sie bitte, ich muss nach Hause. Auf Wiedersehen!“
Ich starrte ihn mit offenem Mund überrascht an, konnte mich gar nicht gleich bewegen.
Überhastet stürzte Julian aus dem Wohnzimmer, riss dabei beinah die Stehlampe um und stolperte über die Blumenbank.
Julian
Im Flur riss ich meinen Anorak vom Garderobenhaken, stopfte ihn, ohne mich anzuziehen, unter den Arm und schlüpfte in meine Winterstiefel. Ehe Tim oder seine Eltern reagieren konnten, warf ich die Haustür hinter mir zu…
Ich rannte, rannte, bis die eiskalte Winterluft mir in die Lunge stach. Weit von Wegners Haus entfernt blieb ich unter einer Straßenlaterne stehen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Beine zitterten und mein Atem raste, als ob ich einen neuen Rekord über 10.000 Meter aufgestellt hätte.
Ich musste mich mit den Händen auf meinen Oberschenkeln abstützen. Nur langsam erholte ich mich und richtete meinen Blick an den klaren, sternenübersäten Winterhimmel. Ich wollte schreien, einfach laut schreien… der Schrei verkümmerte zu lautlosem Weinen. Ich ging auf die Knie, dass meine Jeans im Schneematsch klatschnass wurden, bemerkte ich nicht. Ich war vor mir und der Wahrheit geflohen, hatte Tim einfach allein gelassen.
„Julian Kiefer, du bist ein Idiot! Du belügst nicht nur deine liebsten Freunde, du belügst dich selbst. Sei endlich ehrlich und steh zu deinen Gefühlen…“
Inzwischen war der Himmel wolkenverhangen und es hatte heftig zu schneien begonnen.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort in der Schneewehe gehockt hatte. Immer noch kullerten meine Tränen in den frisch gefallenen Schnee auf dem Fußweg.
Mir wurde kalt, ich zog meinen Anorak über. An den Nachhauseweg hatte ich auch keine rechte Erinnerung mehr.
Als ich viel später die Haustür aufschloss, erwartete mich Mama bereits im Flur. „Juli Großer, du hast aber lange gebraucht von Wegners… wo warst du denn noch? Wie habt ihr euch entschieden?“
Entgeistert schaute ich sie an, „Mama, woher, du weißt…? Ihr habt über mich gesprochen…?“
Liebevoll wollte sie mich an sich ziehen, bemerkte aber sofort, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Ich war sauer! Offensichtlich hatten die Erwachsenen, während ich unterwegs war, miteinander telefoniert und Mama wusste schon von meinem Auftritt dort. Ich war einfach so weggerannt.
Mein Körper versteifte sich, ich war vollkommen durch den Wind. Weinerlich fragte ich, „ist Papa schon da?“
„Nein, mein Schatz aber komm bitte erstmal mit ins Wohnzimmer, du bist ja ganz kalt.
In diesem Moment wurde ich wieder zu dem kleinen Jungen, der sich an seine Mutti ankuschelte und leise aufschluchzte. „Mama, warum mach ich nur alles immer falsch? Ich bin einfach weggerannt…“
Sie antwortete nicht gleich, zog mir den Anorak aus und schob mich ins Wohnzimmer.
„Komm Juli, setz dich auf Papas Sessel, ganz nah am Kamin. Ich mach uns gleich einen schönen heißen Tee, ja?“ Ich nickte nur stumm. Gedankenverloren starrte ich in die züngelnden Flammen.
Mama verschwand in der Küche und kam gleich darauf mit zwei dampfenden Teetassen zurück.
Ich schloss beide Hände um die wärmende Tasse, erst jetzt bemerkte ich, wie müde ich nach diesem langen Tag war. Ich bekam eine Gänsehaut, mich fröstelte. Besorgt schaute Mama mich an. „Juli, warum warst du so lange unterwegs? Du bist doch schon vor einer ganzen Weile von Wegners… Hoffentlich hast du dich nicht erkältet.
Wie geht es dir?“ Sie verstummte.
Verwundert schaute ich Mama an, „woher weißt du, ich mein, wisst ihr immer, dass, wie ich mich fühle, Mama bitte…?“
Mama sah mich liebevoll an, „aber Juli, Großer, wir kennen dich nun schon fast 15 Jahre. Da wären wir schlechte Eltern, wenn wir nicht spürten, wenn es unserem Sohn mal nicht gut geht. Und du weißt, du kannst jederzeit, wenn du es möchtest, mit uns über alle Sorgen oder was auch immer dich bewegt, reden. Möchtest du mir denn etwas erzählen?“
Ich schaute sie mit großen Augen an und schüttelte den Kopf.
Mama schmunzelte nur, lehnte sich in ihrem Sessel zurück, nahm eine Zeitschrift in die Hand und trank einen Schluck Tee.
Eine Weile herrschte absolute Stille in unserem Wohnzimmer, nur das Uhrwerk der großen Standuhr durchbrach mit seinem regelmäßigen Klacken die Stille. Ich rang mit mir, eigentlich war ich ja kein kleiner Junge mehr, aber andererseits konnte ich mit meinen Eltern über solche Themen wie Freundschaft, Liebe oder Sex bisher immer sprechen. Nie haben sie mich wegen meinen Fragen ausgelacht oder sind komisch geworden, aber neuerdings fiel mir das doch nicht mehr ganz so leicht.
„Mama? Kannst du mir bitte einfach mal zuhören, ohne zu fragen?“
Sie sagte nichts, legte die Zeitung zur Seite und sah mich zärtlich an.
Stockend begann ich „Mama, ich bin in letzter Zeit ziemlich durcheinander. Ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll. Seit Tim in unserer Klasse ist und ich mit ihm befreundet bin, geht alles durcheinander. Auch Therese ist auf einmal ganz anders, immer heißt es nur Tim, Tim, Tim. Dabei ist er doch mein Freund, wir haben uns bisher immer alles erzählt, uns vertraut und auch... Manchmal denke ich, er ist mit seinen Gedanken ganz woanders, neulich bei uns im Zimmer…“ Ich unterbrach mich, nein das musste sie nicht wissen, bestimmt hatten sich meine Eltern sowieso schon das eine oder andere zusammengereimt. Sie kannten mich viel zu gut.
„Und nun ist auf einmal Falk für mich da und ich für ihn. Ich fühle mich zu ihm hingezogen, ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Mama...!“
„Julian“, ich erschrak wie immer, wenn sie mich mit dem vollen Namen ansprach, „das haben wir doch vorgestern schon mal besprochen. Auch Papa hatte dir Mut gemacht, zu deinen Gefühle zu stehen. Dabei können wir dir aber nicht helfen, das ist ein schwieriger, aber lohnender Schritt. Aber den kannst nur du allein zusammen mit Tim, Therese und Falk gehen.
Wieder trat Stille ein, ich hing meinen Gedanken nach. In meinem Innern gab ich Mama Recht, ja, ich musste den nächsten Schritt machen.
Mama räusperte sich.
„Was ich mit dir auch nochmal besprechen möchte, Frau Wegner hat mich ja vorhin angerufen. Also sie fahren alle drei heute Abend noch nach Hannover zur Oma. Du sollst Tim morgen bitte in der Schule entschuldigen.“
Ich nickte wortlos. Wann kommen sie wieder?
„Juli, das können sie auch noch nicht sagen, vielleicht schon am Montag, vielleicht aber auch später… Tims Mutti meinte, eventuell muss Tim schon eher zurück und sie hat gefragt…“
In diesem Moment klingelte es Sturm an unsrer Haustür. Fragend schauten wir uns an. Mama legte mir die Hand auf den Arm „Bleib sitzen Juli, ich geh mal nachschauen, wer es da so eilig hat.“ Ich lauschte.
Ein Ausruf der Überraschung drang zu mir ins Wohnzimmer. Ich verstand nicht richtig, was dort los war.
Im nächsten Moment flog die Wohnzimmertür auf und eine Gestalt in einen schneenassen Anorak gehüllt, die feuchte Kapuze tief im Gesicht, stand im Türrahmen.
TIM!!!
Die Nässe seiner triefenden Winterstiefel verbreitete sich auf dem Teppich.
Mit hängenden Armen und hochrotem Gesicht stand er schwer atmend einfach so da. Er hob den Kopf und blickte mich an.
Auf dem Korridor hörte ich die Stimme von Frau Wegner nach ihm rufen. Mama erwiderte irgendetwas Unverständliches. Sie erschien hinter Tim in der Tür, schob ihn einfach ganz ins Wohnzimmer hinein und schloss hinter ihm die Tür.
Wir waren allein.
Überrascht war ich aufgestanden und starrte ihn ungläubig an.
„Timmi, du…?“ „
„Juli, ich will, du…“
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