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Ich hab es mir nicht ausgesucht...
Wie alles begann...
Teil 18 - Herzklopfen, Lügen und ...
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Informationen
- Story: Ich hab es mir nicht ausgesucht...
- Autor: Julian K.
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Coming Out
Herzklopfen – dreifach?
Die Unterrichtsstunden in der Klasse 8c des Gymnasiums in Friedstadt wollten an diesem Donnerstagvormittag überhaupt nicht vergehen. Schon die ersten drei Stunden bis zur Hofpause schleppten sich dahin. Gemeinsam verließen die drei Freunde das Klassenzimmer. Tim traute sich nun doch noch nicht, vor allen anderen Klassenkameraden Resis Hand zu nehmen, um mit ihr hinunter auf den Schulhof zu gehen. Resi hatte dafür Verständnis, schmiegte sich aber eng an ihn an. Zu dritt nebeneinander erreichten sie den Ausgang, kurz meinte Juli, „ähm, ich will, ich muss… auf’s Klo.“ „In der Sporthalle, stimmt’s?“ Timmi grinste ihn an, seine Stimme hatte einen leicht ironischen Tonfall. Erstarrt blieb Juli stehen, „ja, ich… ach, ich erklär’s euch später, ich komm dann gleich hinterher, ja?“ Resi flüsterte Tim etwas ins Ohr, er schaute sie lieb an und nickte dann Juli zu. „Mach, Kleiner, aber verpass nachher nicht den Gong, wir warten auf dich am Eingang, okay?“
Juli löste sich nach kurzem Staunen aus seiner Starre und flitzte in die Sporthalle. „Was der wohl immer auf dem Klo in der Sporthalle will?“ Tim schüttelte den Kopf. Resi zog ihn jetzt an der Hand mit sich zum Steingarten, wo sie sich ungestört auf den Rand der alten Rabatte setzten. „Lass ihn doch sein Geheimnis haben, du hattest ja bis heute auch ein kleines vor ihm, oder? Er wird es uns schon sagen, wenn er so weit ist. Ihr habt doch auch schon miteinander… na ich mein ihr seid total vertraut miteinander gewesen oder hab ich da was falsch verstanden?“ Tim schluckte und sah sie unsicher an, „wie meinst du das? Woher weißt du… Ja, schon, äh…“
„Ich weiß, dass du Juli liebst, dass ihr unzertrennlich seid und vermute, dass ihr bestimmt schon miteinander, na ja…“ Tim bekam einen roten Kopf, dann nickte er bestätigend. „Bist du sauer?“ Sie antwortete nicht gleich, sah Tim nur aufrichtig an. „Gar nicht, ich möchte auch, dass das so bleibt, auch wenn wir beide oder meinst du, er wird sich von uns trennen, weil wir, na ja?“ Sie verstummte und wurde rot. Tim sah ihr fest in die Augen. Er schüttelte den Kopf, „nein, unsere Freundschaft hält auch wenn du und ich, na und auch nicht, wenn er…“ Er schwieg, Therese legte ihm den Zeigefinger auf den Mund und schüttelte den Kopf. „Nicht Tim, er ist so ein Lieber, da ist das doch egal.“ Sie schlang die Arme um seine Schultern und zog ihn sachte an sich heran. Mutig hauchte sie ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Wange. Verträumt legte sie ihren Kopf an die Schulter des Jungen. „Ich mag ihn sehr. Aber ich würde schon gern wissen, was er neuerdings immer auf der Sporthallentoilette macht.“ „Timmiii…“ Therese schüttelte nur den Kopf, „er vertraut dir, also wart’s ab.“ Tim nickte und drückte sie fest an sich.
Julian hatte sich derweilen wieder in einer der Kabinen im Toilettenbereich der Sporthalle eingeschlossen. Auf seinem Handy fand er eine Nachricht von seiner Mama, „hallo Juli, konnte leider noch nicht mit Falks Mama reden, sie ist krankgeschrieben wegen Falk, sind in der Stadt beim Arzt. Melde mich am Nachmittag nochmal, vllt. weiß ich dann mehr, Kuss Mama.“ „Mist“, er fluchte leise in sich hinein.
Die Tür zum Toilettentrakt öffnete sich quietschend, Tim vernahm die Stimmen von zwei Jungen, sie flüsterten miteinander. „Los komm, wir gehen hinten in die letzte…“ Diese leicht brüchige, raue Stimme, die Stimme…? Juli überlegte. Schnelle Schritte tapsten an Julis Tür vorbei, er hörte, wie in der übernächsten Kabine die Tür verriegelt wurde. Dann klang es, als ob ein Gürtel geöffnet wurde, gleich darauf hörte es sich an, als ob nacheinander zwei Reißverschlüsse von Jeans heruntergezogen wurden, Rascheln… Stille, nur der schneller werdende Atem der beiden Jungs war noch zu hören. Juli hielt die Luft an, er lauschte. Wieder hörte er einen der beiden flüstern, „kann ich bei dir…?“ „Okay“, hauchte die andere Stimme, „aber mach nicht so fest…“ Das Schnaufen in der Eckkabine wurde immer schneller und lauter und ging in leises Wimmern über. „Ahhh, jaahhh…“ Wieder Stille. „Mann, ähhh, hast du schon ne Menge Soße, wow. Schöne Sauerei, los jetzt du bei mir, ja?“ Juli saß still auf dem Klodeckel, in seiner Unterhose wurde es inzwischen ziemlich eng. Er wagte aber nicht, sich zu bewegen. Das Schnaufen in der anderen Kabine wurde wieder lauter, eine kurze Pause, „ey, du Sau, nimmst du ihn in den Mun…? Ahhhh, du spinnst… was machst…?“ Der Junge verstummte, er keuchte nun regelrecht. Ein leises Schmatzgeräusch war hörbar… Auf einmal ein verhaltener Schrei, Juli konnte fast spüren, wie der Junge sich entlud. Der stöhnte. Ruhe trat ein, nur das Schnaufen des einen Jungen war noch zu hören. „Mann, eyh, oaah… du, du hast… äh mein Zeug geschluckt, ey du bist blöde, oder? Aber das war geil, Alter.“ Kurzes Gekicher. „Hast du mal n Taschentuch? Gib her!“ Wieder ein hastiges Rascheln. Die Klospülung wurde betätigt. Kurz darauf klackte der Riegel der Klotür und es waren die Schritte der beiden zu hören, als sie in Richtung Ausgang gingen.
Leise und vorsichtig öffnete Juli die Tür nur einen Spalt weit und erstarrte. Auch von hinten erkannte er die beiden Typen, die eben miteinander Spaß hatten. Deutlich sah er Nicos Schlabberjeans und den Hoodie mit dem Fußball drauf, den Tobi heute anhatte. Er musste erstmal tief durchatmen. Auch fühlte er in seiner Boxer einen feuchten Fleck. Erschrocken warf er einen Blick auf seine Armbanduhr, der Pausengong war schon vorüber! Er knallte die Tür hinter sich zu und rannte über den Schulhof zur Eingangstreppe. Gerade war der Aufsichtslehrer dabei, die Tür zu verschließen, kurz davor konnte Juli hineinschlüpfen. Immer zwei Stufen gleichzeitig nehmend erreichte er das Zimmer mal wieder nur ganz knapp vor Frau Winkler. Seine Tasche flog auf seinen Platz, Tim schaute ihn nur fragend an. Julian atmete noch etwas schwer, als Frau Winkler die Stunde begann. Tim flüsterte, „Mann, wo warst du denn, wir haben auf dich…“ „Tim und Julian, ich muss doch sehr bitten.“ Aus der Richtung von Nico kam wieder mal eine blöde Bemerkung, die Frau Winkler unkommentiert ließ. Sie wandte sich der Tafel zu. Juli schaute mit verächtlichem Blick zu Nico hinüber, der ihn dümmlich angriente. Lautlos formulierte Juli die Worte „Wichser“ und „Sporthalle“ aber so, dass Nico sie von seinen Lippen ablesen konnte, dazu erhob er die linke Faust mit gestecktem Mittelfinger. Kurz überlegte Nico, wurde blass, dann knallrot, wandte sich ab und schaute sehr konzentriert in sein Heft. Tim hatte Juli die ganze Zeit beobachtet, „was is’n los? Was machst du?“ Juli schrieb auf den Rand seines Arbeitsblattes „N und T haben sich in der Sporthalle gegenseitig gewichst“ und schob das Blatt zu Tim rüber. Der überflog die Notiz rasch mit den Augen… „Hä, woher… weißt du?“ Immer wieder wanderte Tims Blick während der Doppelstunde Mathe fragend zu Julian. Der aber war voll konzentriert auf die Aufgaben. Erst als Tim ihm vorsichtig mit einer Hand über den Oberschenkel strich, erwachte er wie aus einer gedanklichen Starre. „Juli, was ist los mit dir, was ist passiert?“ In Zeitlupe drehte Juli ihm sein Gesicht zu und blickte ihn an, als ob er überlegte, was Tim ihn gefragt hatte.
„Tim, es reicht, komm bitte an die Tafel!“ Tim wurde schlagartig knallrot und stand auf. Stotternd bat er Frau Winkler darum, dass sie die Aufgabe noch einmal wiederholen sollte. Die aber schüttelte nur den Kopf und zeigt streng auf die Tafel. Zögernd folgte Tim der Aufforderung. Juli schaute steif und blass seinem Freund hinterher, doch noch im Gehen analysierte Tim die Aufgabe vorn an der Tafel. Erleichtert begann er an der Tafel die Lösung zu notieren. Frau Winkler war zufrieden, forderte ihn jedoch auf, nach der Stunde zu ihr ins Lehrerzimmer zu kommen. Betreten nickte Tim und ließ sich sichtbar mies gelaunt neben Juli auf seinen Platz fallen. Therese hatte die ganze Szene mit erschrockenem Gesicht und stockendem Atem verfolgt. Was war bei „ihren Jungs“ los, was sollte das? Tobi, der mit Nico direkt vor ihr saß, machte gerade wieder eine dümmliche Bemerkung über Julian und Tim, als Resi Nico zu Tobi hingewandt zischen hörte „halt’s Maul Alter…“ Tobi schaute ihn mit offenem Mund verständnislos an. „Spinnst du jetzt oder was?“ Nico antwortete nicht, er starrte konzentriert auf die Tafel…
Die Mittagspause nach der Mathestunde hatte sich Resi ganz anders vorgestellt. Eigentlich wollte sie mit Tim und Julian gleich nach dem Essen über ihre Freundschaft reden und den beiden Jungs etwas für sie Wichtiges sagen. Tim jedoch musste nach der Stunde bei Frau Winkler im Lehrerzimmer antreten. Scheinbar war das ein etwas längeres Gespräch, denn Tim war auch nach zehn Minuten noch nicht im Speiseraum erschienen. Das Essen, dass Juli und Therese für ihn mitgebracht hatten, wurde langsam kalt. Julian wurde unruhig und hatte dann schon mit dem Essen begonnen. Er wollte eigentlich schon vorhin in der Hofpause mit Falk telefonieren, war aber aus bekannten Gründen nicht dazu gekommen. Auch er hatte sich vorgenommen, seinen beiden Freunden etwas zu sagen, d.h. zu gestehen. Aber die Situation hatte sich ja ganz anders ergeben. „Was wolltest du uns eigentlich jetzt in der Pause sagen?“ Resi holte ihn aus seinen Gedanken. „Äh, was, ach so, na ja, das, das sag ich euch ein andermal, wenn ihr beide da seid, ich muss, äh… muss noch mal weg.“
Er war rot geworden, schnappte sein Geschirr und verschwand aus der Cafeteria. Ratlos saß Resi nun allein am Gruppentisch, ihr Essen und das von Tim waren inzwischen nur noch lauwarm. Die anderen Klassenkameraden hatten ihre Mahlzeit schon beendet und hatten den Raum verlassen. Gerade als Tim in der Cafeteria erschien und sich zu Resi an den Tisch gesetzt hatte, schlenderte Chantal wie zufällig an ihrem Tisch vorbei und säuselte „Na Timmi, du Süßer, ist dein Juli weg und du willst es jetzt doch mal mit nem Mädchen versuchen?“ Therese schaute sie sprachlos wütend an. Tim reagierte gelassen, „Chantal deine Aktion letztens war einfach voll daneben, fies und du kannst mir gestohlen bleiben. Du hast Recht, ich bin mit Julian eng befreundet, aber ob er oder ich schwul sind, geht dich gar nichts an. Ich glaub es zwar nicht aber…“ Er winkte ab. Resi hatte den Disput aufmerksam verfolgt, verstand zwar nur die Hälfte, aber… Sie zog Tims Kopf jetzt spontan mit beiden Händen zärtlich, aber bestimmt zu sich heran und gab ihm demonstrativ einen langen sanften Kuss auf den Mund. Chantal erstarrte, wütend drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ zügig die Cafeteria. Jetzt legte Tim seine Hände zärtlich in den Nacken von Resi und erwiderte ungelenk ihren Kuss. Als sie ihre Münder voneinander lösten, hatte Tim einen hochroten Kopf und senkte seinen Blick. Er bemerkte, dass sie nur allein im Raum waren. Um seine Unsicherheit über seinen Wagemut zu überspielen, fragte er schnell „wo ist eigentlich Juli?“ Resi lachte, „ich glaub auf dem Klo in der Sporthalle.“ „Häää?“ „Was, wo, wieso schon wieder?“ „Ich weiß es nicht, er wollte plötzlich weg, hatte es eilig. Aber du warst eben mutig. Deine Ansage an die Zicke war cool, dass du Juli liebst und dein Kuss auch.“ „Ja, ähm, sorry aber wieso… aber, aber“, er stockte, „du hast doch, ich mein… Oder war das nur so, so wegen Chantal?“ „Ach du mein Timmi, nein ich mag dich, das merkst du doch, stimmts?“ Er nickte stumm, „Resi ich will, ich möchte dir was sagen… das, was Chantal eben, das das war alles ganz…“
Sie schüttelte nur den Kopf, zog ihn wieder an sich und verschloss seinen Mund mit einem langen zärtlichen Zungenkuss. Tim fühlte augenblicklich, wie ihm das Blut in die Lenden schoss und der Platz für sein Glied in der Jeans ziemlich knapp wurde. Diesmal empfand Tim die Zunge in seinem Mund überhaupt nicht eklig, im Gegenteil, gierig beantwortete seine Zunge das zärtliche Spiel in Resis Mund. Resi löste sich von ihm, „Kannst du mir später erzählen, wir müssen wieder, los komm.“ Nach einem raschen Griff vorn in seine Jeans noch leicht taumelnd erhob Tim sich etwas ungelenk von seinem Platz…
Julian hatte sich diesmal nicht auf dem Klo in der Sporthalle eingeschlossen, die Beobachtungen in der Hofpause hatten ihm gereicht. Er hatte sich verbotenerweise hinter der Sporthalle zum alten Brunnen verzogen, um dort in Ruhe mit Falk telefonieren zu können. Er hoffte, dass der inzwischen mit seiner Mama von der Arztsprechstunde wieder zu Hause war. Aber weit gefehlt. Das Handy von Falk war ausgeschaltet. Was war los mit ihm, so lange kann doch der Arztbesuch nicht dauern. Juli spürte, wie er innerlich unruhig wurde. Ob sein Besuch bei dem kranken Falk gestern nicht doch ein Fehler war? Was, wenn seine Mama den Besuch falsch verstanden hatte, sie eventuell doch gar nicht so gut fand und bei Mama nur so getan hat? Das konnte er eigentlich nicht glauben, warum sonst hatte sie ihm den Kuss (er grinste in sich hinein), den Kuss von Benny geschickt? Er war total durcheinander. Aber warum hat Falk das Handy nicht an. Ob seine Mama es ihm verboten hatte?
Plötzlich hatte er eine Idee, er würde seine Mama auf Arbeit anrufen, das war eigentlich nur für Notfälle vereinbart, aber das war doch jetzt einer, oder? Kurz entschlossen drückte er die Kurzwahltaste mit der Handynummer seiner Mama. Aber schon nach dem vierten Rufton sprang die Mobilbox an, „Guten Tag, dies ist die Mobilbox von…“ Er drückte den Anruf weg. „Mist“, schimpfte er vor sich hin. Von weitem hörte er leise den Schulgong, der das Ende der Mittagspause ankündigte. Enttäuscht erhob er sich und steckte das Telefon wütend in seine Hosentasche. Nachdenklich und mit gesenktem Kopf machte er sich auf den Rückweg.
Gerade als er um die Ecke der Sporthalle zum Schulhof einbog, wäre er beinahe mit Nico zusammengeprallt, der erschrocken tat. Ob er zufällig allein an dieser Ecke stand oder war er Julian gefolgt und hatte ihn belauschen wollen? Er sah so aus, als ob er auf etwas gewartet hatte. Und er schien nicht wirklich überrascht davon, dass Juli hier auftauchte. Er trat einen Schritt auf ihn zu und stotterte, „hi Juli, ähm, du äh, können wir mal reden?“ Juli blieb kurz stehen, überlegte, „was willst du, hast du hier auf mich gewartet?“ „Ey, Juli, ich will dir was erklären, ich mein, du hast, na du weißt…aber ich bin nicht, na eben nicht…. Das mit Tobi, das war, ach Mensch, Juli…“ „War ganz interessant, euch beiden beim Stöhnen zuzuhören“, unterbrach er Nico, überlegte kurz, „und hat Tobi deinen gut gelutscht oder du seinen?“ Nico wurde blass, „Nein, Tobi hat mich… du weißt das, du hast das…? Mann Juli, du musst, das darfst, oh Mann, versprich mir, es war Tobis Idee, glaub mir… das darf niemand…. Aber ich bin nicht schwul…“
Blitzschnell hatte Juli eine Idee, „zu spät!“ Er bluffte. „Wieso, wer, wem hast du…?“ Nico flüsterte nur noch entsetzt. „Na Tim und“, er ließ eine Pause. „und für Therese ist das bestimmt auch interessant…!“ „Nee ne, bist du wahnsinnig?“ „Was jammerst du mir die Ohren voll, was willst du eigentlich von mir?“ Nico versuchte Juli am Arm festzuhalten, „ich hab keine Zeit, lass mich in Ruhe, geh lieber zu Tobi.“ „Juli, warte doch mal...“ Er zog seinen Arm weg und ließ seinen Mitschüler sprachlos zurück, der trottete mit gesenktem Kopf hinter ihm her ins Klassenzimmer.
Julian überlegte, ganz gut, dass Nico nun glaubte, dass er schon Tim sein Wissen über ihre Aktion mitgeteilt hatte, wer weiß wozu das mal gut sein könnte. Ob er es Resi wirklich sagen würde, mal sehen… Julian war dieses Mal rechtzeitig auf seinem Platz. Als er sich auf seinen Stuhl fallen ließ, strahlte Tim ihn an, „na“, flüsterte er ihm zu, „alles klar gegangen auf dem Klo?“ Juli zuckte kurz, „wie kommst du darauf, ich war nicht aufm Klo und warum grinst du so blöde?“, fauchte er ihn an. Gerade holte Tim Luft, um zu antworten, als der Stundengong erklang. Nico war derweil still auf seinen Platz neben Tobi geschlichen. „Wie siehst du denn aus“, frotzelte Tobi seinen Kumpel an. „Lass mich in Ruhe“, zischte Nico zurück. Weiter kamen sie nicht, die Stunde begann.
Juli konnte dem Unterricht nicht wirklich aufmerksam folgen, unruhig rutschte er ständig auf seinem Stuhl rum. Tim stieß ihn in einem passenden Moment sanft an und flüsterte, „Mann reiß dich zusammen, ist doch gleich Schluss.“ Unsicher blickte Juli ihn an und nickte. Er versuchte sich auf den Rest der Stunde zu konzentrieren. Unvermittelt spürte er in seiner linken Hosentasche das Summen seines Handys. „Mist!“ Das war zwar lautlos gestellt, aber es schien ihm, als ob die Vibration in der Stille des Raumes doch jeder gehört haben musste. Aber alles blieb still, nur Tim, der seinen Oberschenkel wie immer an Julis Bein angelehnt hatte, bemerkte die leichte Erschütterung an seinem Schenkel. Fragend schaute er kurz zu seinem Freund rüber, der unmerklich mit den Schultern zuckte. „Weiß nicht“, flüsterte er.
Endlich Stundenende. Schnell packten die beiden Freunde ihre Schulsachen zusammen und gingen gemeinsam zu den Schließfächern im unteren Flur. Aus ihren nebeneinander liegenden Fächern holten sie ihre Sporttaschen, sie hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Trainingsbeginn. Julian zog sein Handy aus der Hosentasche und entsperrte mit flinkem Strich den Bildschirm, er bemerkte, dass Tim ihm dabei neugierig über die Schulter guckte und drehte ihm rasch den Rücken zu. Tim wollte mit einem schnellen Blick erkennen, wer vorhin eine Nachricht auf Julis Handy geschickt hatte, er konnte nur die Anfangsbuchstaben „Fa...“ erkennen, dann hatte Juli sich weggedreht. Der überflog die Nachricht und blieb mit nachdenklichem Blick stehen.
„Was schlimmes?“, fragte Tim. „Äh, nee meine Mama hat mir nur was geschrieben.“ Tim wusste in diesem Moment, dass Juli ihn anlog, er schluckte. Er hatte es anders gesehen. Trotzdem fragte er vorsichtig, „du Juli ich hab ne Bitte, kannst du mir morgen Nachmittag noch mal Bio erklären, ich war doch Dienstag nicht da. Ich kann mit der Aufgabe nichts anfangen, können wir uns treffen?“ Juli hatte der Nachricht gelauscht und Tim nur halb zugehört. Er überlegte, „nee ich glaub nicht, ich geh morgen Nachmittag zu, äh ich mein, ich, ich muss wieder in die Stadt.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte er, vielleicht etwas schärfer als beabsichtigt, „frag doch Resi ob sie dir hilft! Los komm jetzt, wir müssen rüber, Herr Kusche wartet.“
Ohne Tim nochmal anzuschauen, schnappte er seine Sporttasche und zog los in Richtung Laufhalle. Tim stand unschlüssig da, was war das denn jetzt wieder? Bis zur Mittagspause war Juli gut drauf, danach war er wieder komisch geworden und jetzt hatte er ihn offensichtlich angelogen. Er fühlte sich abgewimmelt, er merkte, dass er sauer wurde auf Juli, ja sogar etwas wütend. Einigermaßen schlecht gelaunt stiefelte er hinterher zum Training.
Herr Kusche fühlte sofort, dass etwas mit den beiden Freunden nicht in Ordnung war. Schon, weil Tim einige Schritte hinter Juli herlief und ein ziemlich ratloses Gesicht machte. Fragend schaute er Julian an, der aber wich seinem Blick aus und schlich sich nach einem kurzen „hallo“ an seinem Trainer vorbei in die Umkleide. Tim sprach er lieber nicht an, den kannte er noch nicht so lange und er wusste nicht, wie dieser auf persönliche Nachfragen reagieren würde. Kurz begrüßter er ihn „na wieder alles in Ordnung, Du hast am Montag ja schrecklich ausgesehen.“ Tim brummte etwas in sich hinein. Herr Kusche nahm sich vor, seine beiden besten Langstreckenläufer heute besonders im Auge zu behalten. Irgendetwas stimmte nicht mit den beiden.
Nach dem Umziehen, noch vor der üblichen Erwärmung, stellte er ihnen die Trainingsaufgabe für heute mit der Ankündigung, dass sie beide namentlich in einem guten Monat, also Anfang März, zu einem Hallenmeeting eingeladen seien. Dort sollte es in der Halle für beide über die kürzeren Distanzen gehen, nämlich 1500 für Tim und 3000 Meter für Julian. „Das sind die längsten Strecken, die dort für Schüler eurer Altersklasse ausgeschrieben sind. Ihr seid dort in Hannover also keine Gegner. Heute beginnen wir mit der Umsetzung des Trainingsplans für euch beide. Julian, für dich wird es sicher am schwersten, du musst von der langen Strecke runter auf die 3000. Was meinst du, bekommst du das hin oder soll ich nur Tim melden?“ Juli schaute seinen Trainer entrüstet an, er presste hervor „nein, ich werd‘ doch wohl noch 3000 Meter schaffen oder haben Sie kein Vertrauen mehr zu mir?“ Tim erschrak, was war denn auf einmal mit Juli los, seinen Lieblingslehrer so anzufauchen? Er schaute entgeistert von Julian zu Herrn Kusche und erwartete eine entsprechend scharfe Antwort, aber der schaute Julian freundlich an und sagte erstaunlicherweise erstmal nichts. Juli hielt diesem Blick nicht lange Stand und schlug die Augen nieder.
Herr Kusche wendete sich an Tim, „Tim würdest du bitte schon mal vorausgehen in die Halle und selbstständig beginnen, ich möchte mit Julian kurz allein sprechen.“ Tim überlegte nicht lange, sondern nickte nur. Als er sich erhob, erschrak Juli doch ein wenig und ganz leise bat er, „aber Herr Kusche, Tim ist mein Freund, er darf alles wissen…“ Herr Kusche zögerte kurz, dann erwiderte er, „ich weiß, Julian, aber ich möchte mal ganz mit dir allein reden, du kannst Tim gern hinterher alles berichten, einverstanden?“ Juli nickte. Tim strich ihm nochmal über die Schulter und begab sich in die Halle auf die Laufbahn. Er fühlte, dass er wohl auch einen Anteil an Julis momentaner Unsicherheit hatte, er hatte ihm immer noch nicht erzählt, dass er für Resi doch mehr als nur Freundschaft empfand und sie ihm gegenüber wohl auch. Auch, dass sie sich heute Mittag gegenseitig ihre liebevolle Zuneigung durch einen ersten langen Kuss gezeigt hatten.
Hatte Juli Angst, sie beide zu verlieren? Nie würde er Juli als Freund aufgeben wollen. Er konnte sich nicht wirklich auf seinen Lauf konzentrieren und dabei sagt man immer, Laufen mache den Kopf frei.
In der Umkleidekabine herrschte erst einmal Schweigen. Herr Kusche hatte sich mit einem kleinen Abstand neben Julian auf die Bank gesetzt und schaute ebenso, wie der Junge an die gegenüberliegende Wand. „Julian“, begann er und drehte sich zu dem Jungen hin, „wie lange kennen wir uns jetzt?“ Er beantwortete die Frage selbst, „schon fast vier Jahre. Wie oft habe ich dieser Zeit dein Vertrauen enttäuscht?“ Juli schluckte, schaute auf den Fußboden, tief holte er Luft und flüsterte, „noch nie, Herr Kusche.“ „Meine Frage vorhin, ob wir es gemeinsam mit Tim schaffen, dich auf die 3000 Meter in der Halle vorzubereiten sollte kein Zweifel an dir sein, aber es ist schon ein ganzes Stück Arbeit bis dahin in nur einem Monat.“ Julian schaute seinen Trainer von der Seite an, „ja, ich weiß, aber ich möchte so gut werden wie Tim, letztens hat er mich so abgehängt über die 5000, das, das…“, jetzt stotterte er und schlug die Augen nieder. „Aber Konkurrenz gibt’s doch nur direkt im Wettkampf, ihr seid doch Freunde oder stimmt das nicht mehr?“ Jetzt blickte Julian ihn offen an, „doch schon aber, aber ich… ich weiß nicht mehr so genau, was ich, ach…“ Sein Lehrer schwieg einen Moment. „Es geht mich nichts an, aber…“ Herr Kusche lehnte sich wieder mit dem Rücken an die Wand und sagte nun so, als ob er mit jemandem an der gegenüberliegenden Wand sprechen würde.
„Wenn dein Herz sich nicht entscheiden kann, dann lass es zu, dass es auch zwei gerne hat. Wer dich wirklich gern hat, wird dein Herz verstehen, wenn nicht“, er holte tief Luft, „dann liebt er dich nicht.“
Julian wurde blass, was war das jetzt? Er drehte sich in Zeitlupe zum Trainer hin und starrte seinen liebsten Lehrer von der Seite an. „Wie, was meinen Sie damit?“ Herr Kusche legte nun einen Arm um die Schultern des Jungen, schaute ihm freundlich in die Augen und fragte ganz vorsichtig, „Julian, geht es um Tim und Falk?“ Julian bekam eine Gänsehaut. Mit offenem Mund schaute er den Lehrer ungläubig an. Herr Kusche bemerkte, dass sich Julians Körper wie zur Abwehr anspannte. Er nahm den Arm von Julians Schulter. „Woher wissen Sie…?“, flüsterte der. Sein Lieblingslehrer überlegte ganz kurz, zögerte etwas, dann, „Julian, ich weiß es nicht, aber ich verrate dir ein kleines Geheimnis. Schon lange habe ich beobachtet, dass einen Jungen gibt, der im Sportunterricht immer wieder zu dir schaut, dich ziemlich genau beobachtet. Nein, nicht Tim.“ Kurz machte er eine Pause. „Vor der Sportstunde am Montag war dieser Junge sehr mutig, er kam zu mir und hat mich darum gebeten, dass er mit dir zusammen an allen Geräten üben darf. Na und, am Barren hat er dich vor einem bösen Absturz gerettet. Ich hatte es genau im Blick. Als ihr euch danach sehr lange festgehalten und angesehen habt, na da war mir klar, dass auch du ihn magst. Bitte verzeih mir, dass ich so offen mit dir darüber spreche, aber ich schätze euch sehr. Deswegen seid ihr mir und eure Freundschaft wichtig. Auch wenn ich es dir nie gesagt habe, gern wäre ich als Junge so gewesen wie du. Und gern hätte ich so großartige Freunde gehabt.“ Juli hatte mit immer größer werdenden Augen seinen Trainer angestarrt.
„Falk!“, entfuhr es ihm, „Sie meinen Falk?“ Er verstummte aber gleich wieder. Fassungslos sah er den Sportlehrer an. Der nickte einfach nur. „Aber…“, setzte Julian an, „wie, woher…?“ „Und noch etwas Juli, ich darf doch noch Juli zu dir sagen?“ Der nickte stumm. „Also, was du nicht weißt, Falks Mutti ist eine frühere Klassenkameradin von mir und“, er machte eine längere Pause in der seine Augen zu glänzen begannen, er räusperte sich, „immer noch eine liebe Freundin. Ob Falk das weiß, ich weiß es nicht. Aber er wird es bald erfahren. Bitte behalte es aber noch für dich, ja?“ Juli horchte überrascht auf, nickte wieder nur stumm.
„Sie hat mich gestern angerufen und nach dir gefragt.“ Julis Augen wurden noch größer. „Aber ich weiß auch, dass er dich… also Falk ist krank, du warst bei ihm, hast ihn bedenkenlos umsorgt, ihm geholfen, hast seine Mutti unterstützt und Benny hat dich auch ganz liebgewonnen. Falk möchte dich bald wiedersehen. Seine Mama sagte mir, er hat richtig geweint, als er gemerkt hatte, dass du gegangen warst, ohne, dass er dich noch mal gesehen hat.“ Julian stiegen Tränen in die Augen. Er sprang auf, stellte sich vor den Trainer. „Woher wissen Sie das alles, was haben Sie ihr über mich gesagt?“ „Nun, ich hab ihr gesagt, dass du ein guter, nein ein lieber Freund für Falk sein wirst, ein ehrlicher, zuverlässiger Junge, den man einfach mögen muss.“ Julian stand zitternd vor Herrn Kusche. Jetzt verlor er die Beherrschung, fiel seinem Trainer mit einem leisen Aufschrei um den Hals. Sofort wich er aber über sich selbst erschrocken wieder zurück und stammelte, „bitte entschuldigen Sie Herr Kusche, das wollte ich nicht.“ Der lächelte, „Warum nicht, alles in Ordnung, Juli.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Tim kam total schweißtriefend in den Raum, er stutzte. Mit hochrotem Kopf und schweißnassen Haaren blieb wie versteinert in der Tür stehen. Julian stand ganz nah vor dem Trainer, hatte ihn umarmt und nahm gerade die Hände von dessen Schultern. Der Mann lachte ihn an. Sein Freund sah aus, als hätte er geweint und doch lachte er. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er vom Trainer zu Julian und wieder zurück. Was war hier los? Er war sprachlos. Fassungslos, vor Enttäuschung bebend brachte er mit trockenem Hals nur leise heraus, „Entschuldigung Herr Kusche, ich hab mein Trainingsprogramm geschafft, kann ich dann Schluss machen für heute?“ Julian schien wie aus einem Traum zu erwachen, er schaute Tim überrascht an, warf dann einen Blick auf die große Hallenuhr, „was, schon mehr als eine dreiviertel Stunde vorbei, da haben wir aber…“ Schroff brach es aus Tim heraus, „ja, wenn ich euch störe, musst du es nur sagen.“ Er war sichtlich sauer, auf Julian, auf Herrn Kusche und sich selber. Er spürte Neid, ja Eifersucht in sich aufkommen, was hatten beide grade gemacht? Was hatten sie so lange zu erzählen, was er nicht wissen sollte? Schöner Freund…! Ohne zu duschen, schnappte er sich seine Sachen vom Haken, „ich geh mich auf dem Klo umziehen.“ „Tim, warte bitte…“ Herr Kusche wollte Tim aufhalten, aber der war im Toilettenbereich verschwunden und hatte seine Box verriegelt. Ratlos schauten sich Herr Kusche und Juli an, „da hat er wohl was falsch verstanden.“ Juli nickte bedrückt, er flüsterte „ja, das ist meine Schuld, ich habe es ihm immer noch nicht gesagt, das mit Falk. Ich habe Angst, dass ich ihn als Freund verliere. Aber wir haben doch…“, er verstummte. „Ich hab auch schon gemerkt, dass er und Therese...“ Er hielt sich den Mund zu. Was ging das alles den Sportlehrer an? Herr Kusche meinte, „lass ihm Zeit, aber sprich ehrlich mit ihm über alles, sonst verlierst du ihn wirklich.“ Sie hörten den Riegel der Klotür klacken, Tim wollte an ihnen vorbeistürmen, aber Herr Kusche war diesmal schneller, hielt ihn am Arm fest und zog ihn zu sich. „Tim, du musst bitte unbedingt mit Julian reden, er braucht dich.“ Julian stand unsicher abwartend daneben. Bissig und verbittert schleuderte Tim es dem Lehrer entgegen: „So? Offensichtlich hat er ja mit Ihnen einen neuen Freund gefunden, dem er vertraut, mit dem er redet und… Mich scheint er ja nicht mehr zu brauchen. Er ist schon die ganze Woche so komisch, ich…“ Mit Tränen in den Augen flüsterte er – „bitte, lassen Sie mich los!“ Sofort ließ der Sportlehrer Tim los. Der aber fing an zu schluchzen und anstatt wegzurennen, setzte er sich auf eine Bank an der Wand und weinte einfach leise los. Stille im Raum.
Bestürzt, mit hängenden Schultern, stand Julian einfach nur da, die Augen auf den weinenden Freund gerichtet.
„So, Jungs, euer Training ist für heute beendet“, meinte Herr Kusche, als wäre das die normalste Sache der Welt. Unvermittelt wurde er richtig laut „und wenn ich euch dann nicht für Hannover melden kann, ist mir das auch scheißegal. Los raus jetzt, verschwindet! Ich möchte euch beide nicht mehr in meiner Trainingsgruppe sehen, bevor ihr nicht miteinander gesprochen habt. Was ihr dann entscheidet, ist eure Sache.“
Total geschockt von dem regelrechten Wutausbruch ihres Trainers rührten sich die Jungs nicht. „Los raus!“, brüllte Herr Kusche nun buchstäblich. Die Tür zur Umkleide öffnete sich und Magnus schaute ganz erschrocken in den Raum, „Herr Kusche, alles in Ordnung?“ „Magnus raus, mach die Tür von außen zu!“ Völlig verdattert schloss der die Tür. „Bitte verlasst jetzt die Trainingshalle, sofort!“ Herr Kusche war wieder leise geworden, er flüsterte nur noch. Juli versuchte kurz zu protestieren, „aber Herr Kusche, ich hab doch noch…“
„Raus, hab ich gesagt!“ Hastig schnappten sich die Jungs ihre Sachen und stopften sie in ihre Taschen. Ohne sich umzuziehen, mit hängenden Köpfen trotteten Julian und Tim stumm zum Ausgang. Schweigend verließen sie die Halle. Julians Telefon klingelte. Er blieb stehen und kramte es umständlich aus seiner Sporttasche hervor. Tim schaute kurz zu ihm, aber Juli hatte sich wieder weggedreht, also ging Tim jetzt mit straffem Schritt zur Bushaltestelle. Sollte Julian doch machen, was er wollte. Der erkannte am Klingelton, dass seine Mama ihn anrief. „Hallo Mama - ich weiß, war nicht so ne gute Idee vorhin, ja Training ist vorbei, ja etwas eher, aber, na ja ist eben so. Was? Ja weiß ich schon, er ist im Krankenhaus, er hat mir vorhin eine Sprachnachricht gesendet. Weißt du schon, ob ich ihn besuchen kann? Nee, schade. Ja, okay ich fahr dann schon nach Hause. Ja, der ist auch hier, also schon an der Haltestelle, nein“, er räusperte sich kurz, „alles in Ordnung, ja, mach ich Mama. Tschüss bis heute Abend.“ Nachdenklich drückte er die rote Taste.
Schon wieder hatte er Mama angeschwindelt, gar nichts war in Ordnung. Herr Kusche hatte sie rausgeschmissen und Tim war sauer auf ihn. Schnell folgte er Tim zur Haltestelle, der Bus fuhr gerade ein. Am Steuer saß heute ein ihnen unbekannter Fahrer. Tim stieg zügig ein, ohne auf Juli zu warten und setzte sich auf ihren Stammplatz vorn beim Fahrer und krachte seine Sachen auf den Nebenplatz. Julian, der sich daneben setzen wollte, wartete darauf, dass Tim die Taschen wie sonst auch unter den Sitz schieben würde. Der dachte gar nicht daran, sondern hatte sein Gesicht zum Fenster gedreht und schaute interessiert hinaus. Kurz wartete Julian, dann zuckte er enttäuscht die Achseln und setzte sich auf die gegenüberliegende Seite. Nach dem Aussteigen in ihrem Dorf blieben beide Jungs unschlüssig kurz stehen, Jeder überlegte wohl gerade für sich, wie sie sich verabschieden sollten. Tim hob dann kurz die Hand und meinte, „das mit dem Wochenende bei dir lassen wir dann lieber, ich hatte mich eigentlich drauf gefreut aber na ja, c‘est la vie, außerdem muss ich mich ja noch um Bio kümmern und du hast ja wohl keine Zeit dafür. Also, mach‘s gut.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und zog los in seine Richtung.
Julian stand einfach da und schaute ihm nach, hatte er Tim schon verloren? Traurig, mit sich und der Welt unzufrieden, trottete er nach Hause. Er überlegte, was war eigentlich zwischen ihnen passiert, dass es so kommen konnte. Wie sollte er seinen Eltern erklären, dass Tim am Wochenende nicht zu ihm kommen wollte? Er wusste es nicht.
Auch Tim ärgerte sich, aber über sich selbst. Warum war er so aufgebracht und abweisend zu Julian gewesen? Irgendetwas bedrückte seinen Freund. Es musste etwas geschehen sein, dass Juli so empfindlich geworden war. Dass es da ein besonderes Verhältnis zwischen Herrn Kusche und Julian gab, war klar. Aber was war da zwischen ihm und dem Sportlehrer? Was hatten sie in der Sporthalle miteinander besprochen oder… Jedoch anstatt ihm eine Brücke zu bauen, hatte er beleidigt reagiert. Ob Juli doch eifersüchtig war auf seine neues Verhältnis zu Resi, ob er gar neidisch auf sie beide war? Vielleicht, aber hätte er dann heute früh im Bus so fröhlich reagiert?
Er musste mit Julian reden, am besten noch heute. Bio konnte warten. Zu Hause angekommen, schloss er eilig die Haustür auf. Oben in seinem Zimmer warf er seine Schulsachen aufs Bett. Durch den Schwung seiner Tasche fiel der kleine Teddy, der bisher auf seinem Kopfkissen lag, in hohem Bogen auf den Fußboden. Behutsam hob Tim den kleinen Kerl auf und ließ sich in Gedanken versunken auf der Bettkante nieder. Den Teddy in den Händen haltend wanderten noch einmal die Bilder des letzten Wochenendes mit Juli vor seinen Gedanken vorbei. Er schmunzelte in sich hinein. Aber sollte das nichts wert gewesen sein? „Nein!“ Selbst erschrocken von seiner lauten Stimme schüttelte er den Kopf. Er griff sich sein Handy und tippte auf die Schnellwahltaste mit Julis Nummer. Kurz darauf vernahm er den Rufton auf der anderen Seite. Es klingelte zwei Mal, drei Mal… nach dem sechsten Klingeln sprang die Mobilbox an. „Hallo, dies ist die Mailbox…“ Er drückte die Verbindung weg. Warum ging Juli nicht ran? Ob er das Klingeln nicht gehört hatte? Tief atmete Tim ein, gleich probierte er es nochmal. Wieder meldete sich nach dem sechsten Rufton die Mobilbox. Langsam beschlich ihn ein ungutes Gefühl, Juli wird doch nicht…?
Er begann stockend, „Juli, mein… ich… ich bin ein Idiot, ich, ich hab dich, nein, ich…, was ist nur los mit uns, ich muss, ich will… dir ganz viel sagen, bitte, melde dich, ja?“
Trübsinnig hatte sich auch Julian in seinem Zimmer auf sein Bett gesetzt und über die letzten Stunden nachgedacht. So heftig hatte er seinen Lieblingslehrer noch nie erlebt. Er war richtig erschrocken gewesen und wusste, dass auch sein eigenes Verhalten gegenüber Tim dazu geführt hatte, dass alles so gekommen war. Was musste Tim gedacht haben, als er Juli mit dem Sportlehrer so vertraut nah beieinander gesehen hatte, bestimmt dachte der sonst was. Aber, wie sauer der war… Tim hatte ihm doch aufrichtig gezeigt, was er für Resi fühlte und er hatte ihn, Julian, mit einbezogen in ihre Freundschaft. Warum hatte er nicht den Mut, Tim und Resi zu sagen, dass da noch jemand war, der zu ihm und damit zu ihnen gehören wollte und der es wert war? Wie hatte Herr Kusche es ausgedrückt, „wer dich wirklich liebt, wird dein Herz verstehen…“
Aufgeschreckt hatte er hatte das Klingeln seines Handys sehr wohl gehört, eilig schaute er auf das Display und erkannte, dass Tim ihn anrief. Schon streckte er seine Hand nach dem Gerät aus, kurz davor stoppte er seine Bewegung. Vor einer halben Stunde hatte Tim ihn einfach an der Haltestelle stehengelassen, was sollte er ihm nun sagen? Er ließ das Handy so lange klingeln, bis die Mailbox ansprang, vielleicht würde Tim ja sagen, was Julian sich von ihm erhoffte, dass es ihm leidtut und… Aber nichts, die Ansage endete abrupt, Tim hatte aufgelegt. Juli starrte auf das Telefon, das nach nur wenigen Augenblicken wieder klingelte, wieder sah er Tims Nummer darauf, er lauschte, die Mailboxansage lief ab, eben wollte Julian den Anruf wegdrücken, als er im Telefon ein Schluchzen vernahm, nach einer Pause dann, „Juli, mein, du… ich…“ Als der Anruf endete, traten ihm Tränen in die Augen. Noch einmal ließ er den Anruf seines Freundes ablaufen und noch einmal. Unvermittelt weinte er heftig los.
Wieder meldete sich sein Telefon, mit tränenverschwommenem Blick nahm er das Gespräch an, „Ja?“, fragte er flüsternd in das Mikrofon. „Hallo Juli, mein Schatz, ich hab eine gute Nachricht für dich!“ „Mama“, seine Stimme klang leicht enttäuscht. Seine Mama stutzte, „Juli, du klingst, als ob du weinst, alles okay?“ „Ja“, hauchte Julian zurück, „später Mami, was gibt es?“ Nach einer kurzen Pause, „Ich hab die Mama von Falk erreicht, ich soll dir liebe Grüße sagen, von ihr und vor allem von Falk. Du konntest ja heute nicht zu Falk gehen, aber wird er morgen aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen. Er hatte sich irgendwo mit einem Virus angesteckt, aber es ist wieder gut. Nur, er ist noch etwas schwach. Aber er wünscht sich, dass du am Samstag oder Sonntag bei ihm bist. Er möchte gern etwas Schulzeug nacharbeiten. Juli, Schatz, das wird etwas kompliziert, da du an diesem Wochenende ja Tim als Gast bei uns zu Hause hast.“
Spontan schoss es aus Juli heraus, „nee Mama, der kommt nicht…“, er ergänzte stockend. „Glaub ich!“ „Was, warum denn nicht?“ Wieder vernahm sie im Telefon ein Schluchzen. „Mami, wann kommt ihr nach Hause?“ „Oh, Juli, du weißt doch, ich hab bis 19 Uhr Dienst, ich beeil mich, ja? Papa kommt sicher wieder sehr spät, du weißt schon, die Delegation aus…“ Weiter kam sie nicht, Juli unterbrach sie enttäuscht, „ja ja, ich weiß es… bis später Mama.“ Er legte auf.
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