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Summer in Paradise 3

Teil 2

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Jordan

Ich brauche einen Tag, bis ich mich dazu durchringen kann, meinen Vater anzurufen. Dann aber überwinde ich mich.

„Hey Jordan!“

„Hey Dad ...“

„Ihr seid wieder zurück, oder?“

„Seit ein paar Tagen, ja.“

„Und, wie war's?“

„Sehr gut. Es steht fest, wir ziehen Ende August um.“

„Okay ...“

„Ich hab das Gefühl, ich müsste mich dafür entschuldigen ...“

„Nein, leb dein Leben. Das ist dein gutes Recht. Ich werde euch nur sehr vermissen.“

„Ich würde gern noch was erledigen, bevor ich umziehe.“

„Ja?“

„Ich würde gern Mama Maria treffen.“

Stille. Sehr lange Stille.

„Dad?“

„Ja, ich bin dran ...“

„Hältst du das für eine schlechte Idee?“

„Nein, ich … ich halte das für eine gute Idee. Ich kann es nur nicht fassen. Ich hab sehr gehofft, dass sie das noch erleben darf.“

„Warum hast du nie was gesagt?“

„Ich wusste nicht, ob du dazu jemals bereit bist.“

„Ich bin bereit. Aber nicht ohne dich.“

„Natürlich. Jederzeit.“

„Bald?“

„Ich kann mir frei nehmen. Oder spätestens am Wochenende. Wie stellst du es dir vor? Mit Milo?“

„Ich weiß nicht.“

„Dann ohne ihn.“

„Glaubst du, er möchte mich sehen?“

„Jordan, natürlich! Absolut!“

„Dann mit ihm.“

„Sollen die beiden hierherkommen?“

„Nein, ich möchte wegkönnen, wenn es mir zu viel wird. Und ich möchte, dass ich endlich nicht mehr jedes Mal Schweißausbrüche bekomme, wenn ich auf der Straße Richtung San Diego fahre. Deshalb will ich dort hin.“

„Ich wusste nicht, dass dir das so schwerfällt. Es tut mir so leid ...“

„Dad, nichts davon ist deine Schuld.“

„Aber meine Verantwortung als dein Vater...“

„Das nutzt doch keinem was, wenn du dir Vorwürfe machst. Begleite mich und David nach San Diego. Damit hilfst du mir am meisten.“

„Natürlich.“

„Machst du was aus für die nächsten Tage und gibst mir Bescheid?“

„Ja, mach ich.“

„Danke, Dad.“

Doctor Bishop hört sich alle meine Erzählungen über das, was in Bayern passiert ist, zwei Stunden lang an. Dann findet er:

„Alle Achtung, du hast ganz schön was geschafft. Und du wirkst sehr lebendig und ausgeglichen.“

„So fühle ich mich auch. Und irgendwie … gereift.“

„Du kannst sehr stolz auf dich sein.“

„Danke ...“

„Wenn du weißt, wann du deine Großmutter triffst, gib Bescheid. Dann machen wir für den nächsten Tag was aus.“

„Okay.“

„Und wir sehen uns heute Abend in der Suchtgruppe, oder?“

„Auf jeden Fall. Ach nein. Heute ist das Gespräch wegen Marie. Ich komm morgen zur Gruppe.“

„Alles klar.“

Nikki sittet die Zwillinge, so dass David und ich pünktlich um sieben ohne Kinder an Mums Tür klingeln können. Mum macht schon nach ein paar Sekunden auf und wirkt nervös. Sie umarmt David und gibt mir einen Kuss auf die Wange.

„Wir sind alle schon im Wohnzimmer.“

„Okay … Mum? Warte kurz. Ich … Ich will nicht, dass irgendwas oder irgendwer zwischen uns beiden steht. Ich wünsche mir, dass wir vor allem eins tun: Zusammenhalten. Als Familie.“

„Das wünsche ich mir auch”, lächelt sie und tätschelt meine Wange.

Im Wohnzimmer sitzen nicht nur Marie und Laura, sondern auch Klaus und zu meiner Überraschung auch sein Vater Ernst.

„Hallo“, mache ich in die Runde.

Marie rollt mit den Augen, Laura starrt auf den Boden. Klaus allerdings steht auf und gibt mir die Hand.

„Jordan … ich möchte danke sagen. Danke, dass du dich eingemischt hast, danke, dass du Carol und den Mädels geholfen hast.“

„Würde jeder machen. … Wie geht’s dir?“

Er schnauft: „Es war ein harter Weg. Ich musste sehr viel aufarbeiten, aus meiner Vergangenheit. Dinge, die ich unter den Teppich gekehrt habe und jedes Mal einen großen Schluck Wodka getrunken habe, als sie wieder an die Oberfläche kommen wollten ...“

„Du bist jetzt trocken?“

„Letzten Monat war es ein Jahr.“

„Gratuliere.“

„Setzen wir uns?“

„Okay.“

„Also ...“, fängt er an.

„Moment. Darf ich kurz fragen, … hallo Ernst. Warum bist du hier?“, frage ich.

„Klaus wird das erklären.“ Er schwenkt ins Deutsche: „Und David, ich freue mich sehr, dich kennenzulernen.“

„Ach, Sie sind Deutscher?“, fragt David.

„In den Siebzigern ausgewandert, als Klaus 13 war.“

„Schön, Sie kennenzulernen.“

„So, also ...“, setzt Klaus wieder an.

„Wer hat dich hier eigentlich zum Moderator bestimmt?“, fragt Marie.

„Möchtest du übernehmen?“, fragt Klaus sie leicht säuerlich.

Marie steht auf und stellt sich in die Mitte:

„So, liebes Tribunal, das über mein Schicksal entscheiden wird. Hier ein paar grundsätzliche Regel: Erstens: Wir sind hier, um eine Lösung zu finden, nicht um Recht zu bekommen. Zweitens: Ihr könnt alle frei reden, aber wenn das nicht klappt, führe ich eine Rednerliste ein. Und drittens: Ich bleibe hier, ihr schickt mich nicht nach oben oder sonst was. Die Debatte findet hier vor mir statt. Keine Ausnahmen.“

Ich grinse stolz. DAS ist meine Tochter. Alle Erwachsenen erklären sich mit diesen Regeln einverstanden.

„Okay, dann los.“

„Willst du das erste Wort haben?“, fragt Mum Marie. „Uns sagen, was du willst?“

„Ich will bei Jordan leben. Und ich will nicht diesen ganzen Stress, den Klaus mitbringt. Dieses Schleichen wie auf Eierschalen, um ihn ja zu schonen. Dieses immer erst an ihn denken. Ich bin ein Kind. Es ist nicht mein Job, mich um einen Erwachsenen zu kümmern. Und ...“

Sie stockt. Mum schaut sie aufmunternd an: „Sag, was du sagen willst.“

„Und … ich hab nicht richtig das Gefühl, hier in diese Familie zu passen. Mum, versteh das nicht falsch. Ich liebe euch, aber … ich fühl mich anders. Und auch wenn ihr euch bemüht, ich glaube nicht, dass ihr je begreifen werdet, wie ich die Welt sehe und wie sich das alles für mich anfühlt. Jordan versteht das, ohne sich anstrengen zu müssen. Ich habe … ich habe das Gefühl, dass ich zu ihm gehöre ...“

Unsere Blicke treffen sich. Ich forme mit den Fingern ein Herz. Sie lächelt. Mum sieht man an, dass sie total zerrissen ist. Ich muss an die Umstände denken, wie Marie gezeugt wurde. So chaotisch. Und trotzdem ist aus ihr so eine starke, kreative junge Frau geworden.

„Willst du dazu was sagen, Jordan?“, fragt Mum.

„Ja. … Marie, ich hör dich. Und ich versteh dich. Ich weiß, wie scheiße einsam es sich anfühlt, 13 zu sein und das Gefühl zu haben, dass man einfach nicht reinpasst. Dass es irgendwie einen kosmischen Fehler gab und man irgendwie an der völlig falschen Stelle gelandet ist und da festsitzt. Und wie du damit umgehst, so offen und dass du so für dich und deine Rechte eintrittst – das macht mich als dein Vater sehr stolz. Ich bin echt der Überzeugung, dass es für dich gut wäre, bei mir zu leben. Und ich wünsche mir das auch. Aber ich hab echt Bedenken, weil ich auch glaube, dass du Mum brauchst. Und wir leben nun mal bald auf zwei verschiedenen Kontinenten. Aber ich wünsche mir, dass du mit nach Bayern ziehst.“

Mum schaut David an. Er nimmt meine Hand.

„Jordan und ich haben das alles besprochen. Er spricht für uns beide.“

Mum nickt und schaut zu Klaus. Er atmet hörbar ein:

„Es ist für mich nicht leicht, das zu hören. Marie, für mich bist du meine Tochter. Ich kann mir nicht vorstellen, auf einem anderen Kontinent zu leben, als du. Es tut mir leid, dass du in letzter Zeit nicht mehr glücklich hier bist. Ich bemühe mich wirklich … aber ich sehe auch ein, dass ich Jordan nicht ersetzen kann und auch gar nicht soll. Mein Vater und ich haben deshalb lange gesprochen. Seit er verwitwet ist, fühlt er sich hier sehr einsam. Er denkt oft an seine Familie und seine Freunde aus Deutschland und hat viel Kontakt zu ihnen per E Mail. Er sehnt sich nach der Heimat. Und jetzt soll sein Elternhaus verkauft werden. Das Haus, in dem ich die ersten 13 Jahre meines Lebens verbracht habe ...“

„Wo steht das Haus?“, will David wissen.

„Südlich von Nürnberg.“

„90 Minuten nördlich von Kleinding“, erklärt David.

„Warum erzählst du das, Klaus?“, will ich wissen.

Er schaut zu meiner Mum. Die setzt sich zu den Mädchen:

„Wir möchten mit euch zusammen überlegen, ob wir dieses Haus kaufen sollen.“

„Und nach Deutschland ziehen?“, fragt Marie.

„Ja, wir alle zusammen.“

„Ich ziehe definitiv nach Hause“, erklärt Ernst. „Und ich würde mich freuen, wenn ich meine Enkel um mich hätte. Platz genug wäre da.“

„Aber ich würde bei euch wohnen, nicht bei Jordan?“

„Es gibt eine sehr gute Zugverbindung. Du könntest die Wochenenden bei Jordan verbringen, wann immer du magst. Wir würden direkt neben dem Bauernhof leben, der Ernst's Familie gehört. Da gibt es Kühe, Hunde, Pferde.“

„Und beruflich?“, frage ich. „Würdet ihr das hinkriegen?“

„Ja, ich möchte nicht mehr 60 Stunden die Woche in der Steuerkanzlei arbeiten. Ich habe schon ein paar Ideen, womit ich in Deutschland Geld verdienen könnte.“

„Mum?“

„Ich müsste wohl irgendwas Neues anfangen. Aber das kriegen wir hin. Wenn es das ist, was wir alle wirklich wollen.“

„Ich will das“, sagt Marie sofort.

„Ich fände das ziemlich perfekt“, gebe ich zu.

„Und ich könnte damit leben“, erklärt Mum.

„Wow, okay, ich würde vorschlagen, wir schlafen da noch mal eine Nacht drüber und ...“

„Moment“, unterbricht David Klaus. „Laura, was sagst du eigentlich zu dem Ganzen?“

„Ich?“, fragt sie überrascht.

„Ja. Es geht schließlich auch um die Frage, wo du weiterleben wirst. Du müsstest die Schule wechseln, alle deine Freunde zurücklassen und in einem fremden Land nochmal ganz neu anfangen.“

Sie zuckt die Schultern: „Ich mach, was die Mehrheit will.“

Mum legt ihren Arm um Laura.

„Aber was willst du?“

Sie schüttelt den Kopf:

„Ist doch egal ...“

„Nein, das ist nicht egal. Was wünscht du dir?“

„Ich will, dass es wieder ist wie früher. Dass wir vier wieder glücklich zusammen sind. Das wünsch ich mir.“

„Glaubst du, du kannst in Bayern glücklich werden?“

„Solange wir alle zusammen sind, schon.“

„Scheint, als hätten wir hier ziemlich schnell Einigkeit gefunden“, meint Klaus.

„Fast ein bisschen gruselig“, finde ich. „Da wir jetzt so weit sind... Klaus, ich würde schon auch gern noch mit dir sprechen. Vielleicht im Garten?“

Marie will protestieren, aber ich komme ihr zuvor:

„Es wird nicht um dich gehen. Ich will einfach nur hören, wie es Klaus geht. Und das geht nicht im gefüllten Wohnzimmer.“

Marie nickt. Klaus geht zur Terrassentür:

„Lass uns ein bisschen raus gehen.“

Wir laufen bis zur Ecke des kleinen Gartens, wo eine Bank unter einer Palme steht und setzen uns.

„Du kennst das Programm. Ich entschuldige mich und ich frage dich, wie ich Wiedergutmachung leisten kann.“

„Ich will keine Wiedergutmachung. Ich will eine Erklärung. Ich dachte, ich kenne dich. Ich dachte, du bist anders ...“

„Ich hab mich selbst nicht mehr erkannt. Du weißt, wie ich damals reagiert habe, als der Verdacht aufkam, Dylan könnte dich absichtlich verletzt haben. Ich hasse solche Männer, die ihre Kraft ausnutzen, um Schwächere zu unterdrücken. Ich … ich war nicht ich selbst, eine ganze Weile lang.“

„Aber wie kam es dazu?“

„Es hat angefangen, als die Mädels ungefähr ins gleiche Alter kamen wie meine Jungs, als sie starben ...“

„Du hast noch nie von ihnen gesprochen.“

„Nein, das konnte ich lange Zeit nicht.“

„Sie sind bei einem Unfall gestorben, oder?“

„Ja, meine Frau und beide Kinder. Mein Jüngerer lag noch eine Weile im Koma. Julia und Zack waren sofort tot.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss.“

„Doch, wenn, dann du. Du hast Dylan verloren. Ich wäre gern in der Zeit für dich da gewesen, aber ich konnte nicht.“

„Ich hab eine Weile lang ziemlich viel getrunken, um nichts spüren zu müssen“, gebe ich zu.

„Das hab ich über Jahre gemacht. Aber die Erinnerungen wurden immer drängender und ich hab immer mehr getrunken. Ich hab irgendwie komplett aufgehört, zu fühlen.“

„Ja, ich weiß, wie das ist. Wie geht es dir jetzt?“

„Nachdem Carol weg war, habe ich noch drei Monate gebraucht, bis ich komplett am Boden war. Dann bin ich auf Entzug gegangen und hab eine Therapie begonnen. Du kennst das alles ...“

„Hilft es?“

„Ja. Es hilft. Es hilft wirklich. Am Anfang wollte ich nicht wahrhaben, dass ich plötzlich einer von denen bin, auf die ich immer heruntergeschaut habe. Abhängig, depressiv, gewalttätig. Der Blick in den Spiegel war sehr lange sehr schwer für mich. Jetzt fühle ich mich wieder gut, wieder stark. Aber auf eine andere Art. Ich hab keine Geister mehr, die mich jagen. Ich hab mit der Vergangenheit Frieden geschlossen.“

„Das freut mich für dich.“

„Wie geht es dir?“

Ich hole meine Zigaretten aus der Hosentasche.

„Stört's dich?“

„Nein, bitte.“

Ich nehme einen tiefen Zug und puste den Rauch zur Seite weg.

„Ich bin okay. Zumindest wird es jeden Tag besser. Und David, dass er da ist, ist einfach ein Geschenk. Ich hab so noch nie für jemanden empfunden. Wenn ich ihn anschaue, bin ich einfach nur zutiefst dankbar und froh, dass er bei mir ist. Ich freue mich auf die Zukunft. Ich freue mich auf Bayern und auf alles, was dazu gehört.“

„Glaubst du, du kannst für Marie da sein?“

„Ja, das glaub ich.“

„Ihr seid euch wirklich sehr ähnlich ...“

„Ja, ich weiß.“

„Ich fände es sehr gut, wenn unsere Familie nicht auf zwei Seiten des Ozeans leben würde. Und ich fände es gut, wenn ich mit meinen Kindern in meinem Elternhaus leben könnte.“

„Ja, ich glaube, der Plan ist gut.“

„Okay … Darf ich?“, fragt er und deutet eine Umarmung an.

Ich nicke.

Er umarmt mich irgendwie väterlich und sagt:

„Ich schau dann mal wieder rein.“

„Ich rauche noch fertig.“

„Okay.“

Ich sitze auf der Bank und überlege, wie ich das jetzt alles eigentlich finde. Und wie so oft, wenn ich mir wünsche, David wäre da, kommt er aus dem Haus auf mich zu. Er rollt kurz die Augen, wegen der Zigarette, setzt sich dann neben mich, ganz nah. Ich lege meinen Arm um ihn und halte die Zigarette möglichst weit von ihm weg. Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel und fragt:

„Eigentlich die perfekte Lösung, oder?“

„Ja, aber … irgendwas stört mich. … Zum einen glaube ich, dass Laura ganz schön viel zurückgesteckt hat, in letzter Zeit. Danke, dass du das im Auge hattest ...“

„Sie will Harmonie um jeden Preis. Ich hoffe, es lohnt sich dann alles für sie ...“

„Ja … und zum anderen erzählt Klaus irgendwie genau das, was alle hören wollen. Ich hab schon viel Zeit mit Abhängigen verbracht und ich weiß, die lügen besser als alle anderen. Weil sie sich selbst etwas vorlügen ...“

„Glaubst du, dass das bei ihm so ist?“

„Ich weiß es nicht...“

„Nürnberg ist echt nah. Da könntest du jederzeit auch mal unangekündigt auftauchen und schauen, wie es läuft.“

„Ja, ist auf jeden Fall besser, als auf der anderen Seite des Ozeans ...“

„Wenn du das Ding ausmachst, küsse ich dich.“

Ich drücke die Zigarette aus und ziehe ihn zu mir.

Jemand räuspert sich neben uns. Marie.

„Sorry, ich wollte nicht …“

„Schon gut.“

„Soll ich euch allein lassen?“, bietet David an.

„Nein, ich wollte mit euch beiden reden.“

„Okay …?“

„Ich will trotzdem zu euch ziehen. Jetzt.“

„Warum hast du es so eilig, von hier wegzukommen?“

„Ich mag es hier einfach nicht. Ich glaube, allen würde es besser gehen, wenn ich nicht da wäre.“

„Warum?“

„Ich störe hier irgendwie ...“

„Wen?“

„Nicht wen. Was. Ich störe die Harmonie hier.“

„Du gibst dir die Schuld, dass es in der Familie nicht gut läuft?“

„Ich bin ein Stress-Faktor.“

„Dein Job ist es auch nicht, artig zu sein, damit die Erwachsenen keinen Stress haben.“

„Ich weiß, aber so leicht ist das nicht. Kannst du nicht nachfühlen, wie es mir geht?“

„Doch, sehr gut sogar. Ich war auch immer der Stressfaktor in meiner Familie. Der Grund für Streit. Der Grund für Ärger.“

„Kann ich dann bitte zu euch ziehen? Ich hab schon nachgeschaut, mit dem Bus zur Schule komme ich auch von euch aus. Und ihr habt doch jetzt zwei Zimmer frei, seit Cooper und Josh nicht mehr bei euch wohnen ...“

„Marie ...“, setzt David an. „Du weißt aber doch gar nicht, wie unser Alltag ausschaut. Mit den Kleinen und mit den Umzugsplänen … und Ende Juli verkaufen wir die Wohnung. Bis dahin muss alles verkauft sein. Wir brechen gerade unsere Zelte ab. Du wirst bei uns kein gemütliches Zuhause finden.“

„Das ist okay. Ich will nur ein Zuhause, wo ich nicht die ganze Zeit drüber nachdenken muss, wie ich mich Klaus gegenüber verhalte oder wie ich möglichst wenig Stress verursache. Und wo ich nicht Angst haben muss, dass meine Schwester heimlich total wütend auf mich ist, weil ich ihr viel zu viel Aufmerksamkeit nehme … Ich will einfach nur da leben dürfen, wo ich leben darf. Versteht ihr?“

„Das war poetisch“, findet David.

„Woher ich das bloß habe?“, grinst sie.

„Marie, wir schlafen alle mal drüber und morgen reden wir, okay?“, schlage ich vor.

„Okay.“

Mum ruft heraus, dass der Eintopf fertig ist.

Während dem Essen reden David und Ernst über Deutschland und über Ernsts Kindheit dort – er ist im zweiten Weltkrieg geboren. Laura ist sehr still. Und Marie zeigt mir Bilder von ihrer letzten Band-Probe.

Als wir fertig gegessen haben, helfe ich Mum in der Küche mit dem Geschirr. Über dem Abwasch sage ich:

„Es gibt da noch was, worüber wir reden müssen.“

„Ja?“

„Ich werde die Tage mit Dad nach San Diego fahren, um Mama Maria zu treffen.“

Sie schaut mich ungläubig an:

„Wirklich?“

„Ich muss ihr gegenübertreten, sonst verfolgt mich das auf ewig.“

„Ich komme mit“, sagt sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück, als ich mich gerade auf den Weg in die Uni-Bibliothek machen will, ruft meine Mum an.

„Hey Schatz. Du bist hier auf Lautsprecher. Wir sitzen alle zusammen.“

„Okay ...“

„Wir werden das Haus kaufen und nach Bayern ziehen.“

„Wow, okay. Sind alle damit einverstanden?“

„Wir haben geheim gewählt und das Ergebnis war einstimmig.“

„Okay.“

„Aber wir haben gemeinsam entschieden, dass Marie so lange bei uns wohnen bleibt.“

„War die Entscheidung auch geheim und einstimmig?“

„Ja.“

„Hey, Jordan. Ich komm dich mit Sicherheit oft besuchen. Zum Beispiel immer dienstags nach der Schule und der Bandprobe? So gegen fünf?“, fragt Marie.

„Das passt gut, dann kann ich dich heimfahren, wenn ich mich auf den Weg zur Suchtgruppe mache.“

„Cool.“

„Dann ist das entschieden“, freue ich mich.

„Ja. Bis bald und meld dich, wenn du was wegen San Diego weißt“, bittet meine Mum.

„Mach ich.“

Zwei Tage später ist es so weit. Wir machen uns auf den Weg nach San Diego. Ich knete meine schweißnassen Hände und starre aus dem Fenster. Noch 50 Meilen. Meine Mutter sitzt neben mir auf dem Rücksitz. David fährt, mein Vater sitzt neben ihm und zeigt ihm den Weg, während er mit meiner Mutter Smalltalk macht. Alle sind nervös, das merkt man. Aber bei mir geht es über Nervosität hinaus. Mir steht der Angstschweiß auf der Stirn. So nah war ich nicht mehr an San Diego dran, seit den Schüssen. Und jeder Meter, den wir weiterfahren, tut mir körperlich weh. Ich versuche, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Aber es gelingt mir immer weniger. 45 Meilen. Meine Hände zittern. Meine Mum legt mir ihre Hand auf die Schulter. Alle hören auf zu reden. Man hört nur meine schnelle, flache Atmung.

„Jordan, Liebling?“, flüstert Mum.

Ich bekomme kein Wort raus. Mein Kopf tut weh und meine Brust auch. Es ist, als würde ich die Kugeln spüren, wie sie sich durch meinen Körper schieben. 40 Meilen bis San Diego. Mein Brustkorb zittert, ich schluchzte. Meine Mum will mich in den Arm nehmen, aber die Berührung ist mir unangenehm.

„Halt an“, höre ich meinen Vater sagen.

Kurz darauf bleibt der Wagen stehen. Mein Vater öffnet meine Tür. Er kniet vor mir, hält meine Hände und sieht mich fest an:

„Jordan, du bist in Sicherheit. Ich lasse nicht zu, dass dir was passiert. Ich passe auf dich auf.“

„Ich kann das nicht.“

„Wir müssen umdrehen“, höre ich meine Mutter hinter mir sagen.

„Nein“, entgegnet mein Vater bestimmt. „Jordan, du schaffst das. Du bist stark genug und ich beschütze dich.“

David schaut besorgt zu mir hinter. Er wartet auf meine Entscheidung.

„Fahr weiter. Ich will das durchziehen.“

Mein Vater setzt sich zu uns auf die Rückbank. Ich bin zwischen meinen Eltern eingequetscht und halte ihre Hände. So passieren wir das 30-Meilen Schild und nicht sehr lange darauf das 20-Meilen-Schild. Mein Dad umarmt mich wie ein kleines Kind. Ich erinnere mich, dass er das getan hat, wenn ich mir die Knie aufgeschlagen habe. Ich erinnere mich, wie sicher ich mich dann gefühlt habe. Ich erinnere mich, dass der Schmerz dann ganz schnell verschwunden war.

„Das City-Limit“, flüstert er mir zu. „Wir sind in San Diego.“

Ich sehe so viele vertraute Dinge. Häuser, Bäume, Läden. Die Angst weicht dem Gefühl, nach Hause zu kommen. Hier war ich mal Zuhause. Hier sind meine Eltern aufgewachsen, hier bin ich geboren, hier liegen meine Wurzeln.

„Du hast es geschafft. Ich bin sehr stolz auf dich, Sohn.“

Als Treffpunkt haben wir einen Park vereinbart. Neutrales Territorium. Wir finden einen Parkplatz nicht weit entfernt. Ich steige aus dem Auto und fühle mich beschissen. Scheinbar sieht man mir das auch an. David reicht mir mit besorgtem Blick eine Dose Orangenlimonade.

„Kippst du uns gleich um?“

„Glaub nicht.“

„Willst du dich auf die Bank da setzen?“

„Nein, Bewegung tut gut. Und ich glaube, das Schlimmste ist eh überstanden, jetzt wo wir hier sind.“

Ich schüttle mich und springe ein bisschen auf der Stelle, unter den wachsamen Blicken meiner Eltern.

„Du kriegst wieder Farbe“, findet David. „Kann ich?“

Ich nicke und er nimmt mich in den Arm und küsst meine Wange.

„Du schaffst das. Wir sind da und wir können jederzeit abbrechen. Du hast die Kontrolle.“

„Okay.“

Mein Vater wedelt mit seinem Handy:

„Milo schreibt, dass sie gerade angekommen sind. Sie warten am Ententeich.“

Schon von Weitem erkenne ich Mama Maria. Sie trägt ihr Haar immer noch genau wie damals. Genau wie schon immer. Hellblond gefärbt mit einer perfekt sitzenden, absolut unbeweglichen Dauerwelle. Sie sitzt auf einer Bank am Teich. Milo steht neben ihr und schaut sich nervös um. Er sieht uns, kommt ein paar Schritte auf uns zu, bleibt dann doch unsicher stehen und wartet, bis wir bei ihm sind. Er umarmt Antony herzlich, ohne seinen Blick von mir zu nehmen. Dann stehen wir etwas unbeholfen voreinander.

„Du siehst immer noch aus wie mit Mitte 20“, grinst er.

„Du hast dich auch gut gehalten“, gebe ich zurück.

Er öffnet seine Arme und schaut mich fragend an. Ich zögere kurz, dann umarme ich ihn. Mama Maria ist inzwischen aufgestanden und steht hinter Milo.

„Jordan, mein Baby ...“

„Mama Maria ...“

Ich nehme auch sie in den Arm. Sie ist noch kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte. Und sie weint und lacht gleichzeitig.

„Mein Baby ...“

Sie mag mich nicht mehr loslassen, streichelt meinen Rücken, seufzt, lacht, weint.

„Es tut mir alles so leid“, flüstere ich.

Sie lässt von mir ab und schaut mich erstaunt an.

„Dir tut es leid? Jordan, … es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst! Mir tut es leid. Unendlich leid. Mein Baby. Du kannst doch nichts für das, was passiert ist!“

„Die ganze Familie ist kaputt gegangen, durch das alles ...“

Sie schaut mich aus ihren verweinten Augen ganz fest an:

„Es war nicht deine Schuld. Die Familie war schon kaputt, innerlich. Wir wussten es alle, aber haben die Fassade bewahrt. Ich hätte schon vor Jahrzehnten meine Jungs nehmen und deinen Großvater verlassen sollen. Aber Scheidung …. was hätten die Leute in der Kirche gesagt? Und ich hatte Angst davor, was dein Großvater tun könnte. Es tut mir leid, dass ich nicht mutiger war.“

Ich nehme sie fest in den Arm und spüre, wie sich in mir ein Knoten löst. Ich bin nicht schuld. Ich bin nicht verantwortlich. Ich war nur ein Kind, das ungeplant in eine kaputte Familie geboren wurde. Ich hätte es nicht ändern können, ich hätte die Familie nicht wieder heil machen können. Es ist nicht meine Schuld. Mama Maria und ich weinen gemeinsam.

Mum und David haben sich zurückgezogen auf eine Bank ein paar Meter entfernt. Milo und Anthony stehen bei uns und schauen ziemlich mitgenommen aus. Mama Maria umarmt die beiden.

„Alles wird gut“, verspricht sie. „Wir sind eine Familie. Wir vier. Egal was kommt. Wir gehören zusammen.“

Wir setzen uns an einen Picknick-Tisch. Mama Maria will alles hören, was in den letzten Jahren passiert ist. Ich erzähle von Dylan, unserer Hochzeit, der Geburt der Zwillinge, von Xander, davon, wie Dylan mir vergeben hat. Wie glücklich ich war. Ich erzähle von Nikkis Brustkrebs, von dem Angriff, davon, dass David die Kinder gerettet hat. Ich erzähle davon, wie Dylan sich verändert hat, wie er krank geworden ist. David sitzt mir schräg gegenüber. Ich greife nach seiner Hand, erzähle davon, was für ein guter Freund er war, wie er die Kinder aufgefangen hat, wie er mich aufgefangen hat. Ich erzähle, dass ich meine Gefühle für ihn lange nicht akzeptieren konnte, weil ich dachte, ich hätte es nicht verdient, noch mal so eine große Liebe zu finden. Ich erzähle von Dylans Tod und der Taubheit, die das in mir ausgelöst hat. Dem Gefühl, dass ein wichtiger Teil von mir mit ihm gestorben ist. Und von dem Licht, das David für mich ist. Von dem Glück, das ich empfinde, wenn ich morgens neben ihm aufwache. Von der unendlichen Dankbarkeit, die ich fühle, weil er mich liebt. Er lächelt mich an, wischt sich eine Träne von der Wange. Meine Großmutter legt ihren Arm um mich.

„Ich bin so froh, dass du trotz allem glücklich sein kannst. Du warst schon immer im Kern unbezwingbar. Frei. Nicht abhängig von der Welt um dich herum. Schon als ganz kleines Kind. Ich erinnere mich gut daran. Wenn die Erwachsenen gestritten haben, hast du dich zurückgezogen, vor dich hingesummt und warst in deiner eigenen, glücklichen Welt. Du hast dir selbst dein Glück gesucht. Das ist eine wertvolle Fähigkeit.“

„Wie waren die letzten Jahre für dich?“, frage ich sie.

„Ach Baby … ich habe weitergemacht. Für meine Jungs. Aber es war schwer. Es gab sehr dunkle Momente. Mein Glaube hat mir geholfen. Und Milo natürlich. Er hat sich um alles gekümmert. Um die Auflösung der Geschäfte. Um eine Wohnung für mich, gleich bei ihm um die Ecke. Für mich war es unerträglich, dass mein Tony ins Gefängnis musste. Er ist ein guter Mensch. Nicht wie sein Vater. Aber Pater Vendesso hat mir Zuversicht gegeben. Er hat deinen Vater jede Woche besucht und mir versichert, dass er durchhält. Dass er das Beste aus der Situation macht.“

„Pater Vendesso, wirklich?“, frage ich erstaunt.

„Er spricht nicht über das, was passiert ist. Aber ich weiß es.“

Ich spüre meine Wangen rot werden.

„Es tut mir leid ...“

„Nichts rechtfertigt das, was dein Großvater getan hat, Jordan.“

Ich nicke nur, kann nicht weiter darüber sprechen.

„Du solltest zu ihm fahren, nachher“, findet mein Vater.

„Was?!“

„Du und er, ihr hängt beide noch immer fest in der Vorstellung, dass ihr schuld seid an dem, was passiert ist. Vielleicht findet ihr einen Abschluss, wenn ihr euch noch mal begegnet?“

„Das … das klingt schon plausibel, aber irgendwie auch völlig irre.“

„Denk einfach mal drüber nach.“

Milo zeigt Bilder seiner beiden Töchter und erzählt von seinem Geschäft und seinem ruhigen, „normalen“ Leben, mit dem er wohl sehr zufrieden ist. Nach gut eineinhalb Stunden merkt man Maria an, dass sie sehr müde wird. Abschiedsstimmung macht sich breit, wenn es auch niemandem so richtig leichtfällt.

David nimmt mich bei Seite:

„Du solltest bei Pater Vendesso vorbeischauen.“

„Wirklich?“

„Ja. Wenn du willst, kann ich dich begleiten und deine Eltern … wo anders unterbringen.“

„Ich kann auf keinen Fall mit ihnen zusammen da hin.“

„Ich weiß.“

„Und ich kann auf keinen Fall ohne dich da hin.“

„Ich weiß“, grinst er.

„Okay.“

David kriegt es hin, dass Mum und Dad noch mit zu Milo fahren und wir uns zu zweit auf den Weg machen können zur Kirche. Ich weiß noch nicht so recht, wie genau dieses Gespräch laufen soll, aber ich hab gelernt, auf Davids Ratschläge zu vertrauen. Er kennt mich manchmal besser als ich mich selbst.

Die Kälte schlägt mir entgegen, als ich die schwere Holztüre mit einem plötzlichen Ruck aufziehe. Dunkel. In der Kirche ist es sehr dunkel. Ein paar Kerzen links und rechts des Altars versuchen vergeblich, dagegenzuhalten. Ich bin erstaunt über die Größe des Mittelschiffs. Zwei mal 20 Bankreihen liegen vor mir. Und ein großzügiger, reich geschmückter Altar mit barocken Schnörkeln und Blattgold. Die Kirche ist menschenleer. David legt mir die Hand auf die Schulter:

„Du kannst deine Meinung jederzeit ändern.“

Seine gedämpfte Stimme hallt in diesem hohen Raum von den Wänden wieder. Ich nehme seine Hand:

„Nein, ich will das tun.“

„Da hinten ist eine Tür. Vermutlich geht es da in die Sakristei.“

Bevor ich weiter gehe, lege ich meinen Kopf in den Nacken und schaue mir die Deckenmalereien an. Die Kirche ist sicher noch keine 100 Jahre alt, aber die Kunstwerke sehen aus wie aus der Sixtinischen Kapelle.

„Ganz schöner Stilmix hier, was?“, fragt David.

„Ich hab keine Ahnung von Kirchen-Stilen, aber das alles hier sieht älter aus als es ist.“

„Ja, so haben es sich die Erbauer sicher auch gedacht.“

Ich gehe schnellen Schrittes auf die Sakristeitür zu. Etwa fünf Meter bevor ich ankomme, öffnet sie sich. Pater Vendesso steht vor uns – er sieht noch genauso aus wie damals. Nur dass er eine schwarze Kutte trägt und natürlich seinen Priester-Kragen. Polternd lässt er die Kerzen fallen, die er getragen hat und schlägt sich die Hände vor den Mund. Er schaut mich an, als würde ein Geist vor ihm stehen. Alle Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. Ich mache mir Sorgen, dass er gleich in Ohnmacht fällt und hebe beschwichtigend die Hände:

„Pater …?“

„Jordan Bonanno“, flüstert er.

David zieht einen Stuhl heran.

„Setzen Sie sich.“

Der Pater sinkt auf den Holzstuhl, ohne seinen Blick von mir zu nehmen. Er atmet schwer und greift sich an die Brust. Ich gehe ein paar Schritte zurück, während David ihn bittet, ein paar Mal tief durchzuatmen. Dann schaut der Pfarrer sich panisch um und springt auf.

„Kommen Sie, hier rein. Bevor Sie jemand sieht.“

Ich gehorche und folge ihm und David in die Sakristei und durch eine weitere Tür in eine Art Büro, vollgestopft mit Büchern, Aktenordnern und Heiligenfiguren. Der Pater flüchtet hinter seinen schweren, hölzernen Schreibtisch und bedeutet uns, uns zu setzen.

„Es tut mir leid. Ich wollte sie nicht so erschrecken“, beginne ich vorsichtig.

Er nickt, schüttelt dann den Kopf. Dabei starrt er mich immer noch fassungslos an.

„Pater … soll ich … soll ich lieber gehen?“, frage ich vorsichtig.

Er fährt sich mit den Händen über das Gesicht und die Haare, wie um seine Gedanken abzuschütteln und sich zu sortieren.

„Ich habe immer gehofft, dass Sie kommen“, sagt er leise. „Aber jetzt, da Sie da sind, habe ich große Angst, was Sie zu sagen haben.“

„Ich bin hier, um mich bei Ihnen zu entschuldigen.“

„Bei mir entschuldigen?“, fragt er überrascht.

„Ja, ich … ich habe Sie damals … ich hab nicht darüber nachgedacht, was das alles in Ihnen auslösen könnte, was für Sie alles auf dem Spiel steht. Ich hätte das nicht tun sollen. Es tut mir sehr leid.“

Der Pater sieht mich ungläubig an:

„Das heißt, Sie sind nicht hier, um mir meine Schuld vorzuwerfen?“

„Welche Schuld?“

„Ich … ich habe nicht ausgesagt. Ich habe nicht die Wahrheit gesagt. Und ich habe damals nicht gesehen, wozu er fähig ist. Obwohl ich sein Pater war. Obwohl ich ihm so oft die Beichte abgenommen habe. Ich wusste, was für ein Mann er war. Aber ich hätte nie gedacht, dass er Sie…dass er seinen eigenen Enkelsohn töten könnte. Ich hätte das wissen müssen. Ich hätte wissen müssen, dass ihm nicht verborgen bleibt, was wir tun. So wie ihm nichts verborgen blieb, was irgendjemand in dieser Gemeinde tat.“

„Er wurde verurteilt. Er ist im Gefängnis geblieben, bis er gestorben ist. Ich verstehe, dass Sie nicht darüber reden konnten. Ihre ganze Karriere, Ihre Berufung stand auf dem Spiel.“

„Ich wollte aussagen. Ich hätte ausgesagt. Bis der Brief kam.“

„Welcher Brief?“

Er holt einen Schlüssel aus seiner Tasche und sperrt damit eine Schreibtisch-Schublade auf. Dann zieht er ein weißes Kuvert hervor und liest.

„Wenn Sie darüber reden, was im Rosengarten passiert ist, wird Ihre Mutter in eben diesem Rosengarten ihr Grab finden.“

„Er hat Sie bedroht. Natürlich.“

„Wenn er mein Leben bedroht hätte … aber das meiner Mutter…“

„Ich bin wirklich nicht gekommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen. Ich will mich entschuldigen, dass ich Sie da mit hineingezogen habe.“

„Ich war auch zuvor schon der Familien-Pater. Sie haben mich nicht hineingezogen.“

„Warum sind Sie immer noch hier?“, will ich wissen. „Warum gehen Sie nicht?“

„Wenn ich gehe, wird ein anderer Priester hier eingesetzt und macht das Gleiche durch. Nein. Ich bleibe. Das ist meine Bürde und die werde ich tragen, bis ich sterbe.“

„Aber es ist doch jetzt anders, oder? Seit er ins Gefängnis gekommen ist?“

„An seine Stelle sind andere getreten.“

„Andere aus meiner Familie?“, frage ich und habe Angst vor der Antwort.

Aber er schüttelt den Kopf.

„Nein, der Name Bonanno wird hier nicht mehr ausgesprochen.“

„Mein Onkel, meine Großmutter und mein Vater sind also nicht mehr … verwickelt in … Dinge?“

„Nein, die drei sind gute Menschen. Sie haben sich sobald es ging, abgewendet von allem. Ihre Großmutter kommt immer noch jeden Sonntag in den Gottesdienst und wir sprechen viel über ihre Enkel. Vor allem über Sie.“

„Ich hab sie vorhin getroffen.“

„Wirklich?“, strahlt er. „Darauf hat Sie sehr gehofft.“

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Pater? Sie tragen da eine große Bürde. Eigentlich sogar zwei.“

„Als ich ins Priesterseminar gegangen bin, wusste ich, dass es nicht leicht werden würde. Aber ich habe mein Leben in seinen Dienst gestellt. Ich helfe Menschen. Ich habe den schönsten Beruf auf Erden gewählt. Meine Bürden trage ich dafür gerne.“

David räuspert sich neben mir.

„Darf ich … darf ich Sie etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Ich … ich verstehe, dass das Zölibat für jeden Menschen eine Herausforderung ist. Aber es kommt doch noch eine andere Frage dazu. Als schwuler Mann in der Kirche müssen Sie Positionen vertreten, die Sie selbst diskriminieren.“

„Das ist Politik. Das ist nicht Glaube.“

„Aber was ist mit Ihrer Beziehung zu Gott? Das ist keine Politik.“

„Nein, das ist Liebe. Bedingungslose Liebe. Gott hat mich nach seinem Vorbild erschaffen. Ich bin nicht so geworden. Ich wurde so gemacht. Deshalb weiß ich, dass Gott mich genau so gemeint hat.“

Ich nehme Davids Hand, weil ich weiß, dass ihn genau diese Fragen gerade sehr beschäftigen und dass er gerade genau das gehört hat, was er hören musste.

„Danke, Pater. Danke für diese Worte.“

Wir verabschieden uns bald danach, um Mum und Dad bei Milo abzuholen.

Auf der Heimfahrt wird es dunkel. Mein Vater fährt, meine Mutter sitzt vorne, David neben mir. Ich stelle mir vor, dass ich ein Kind bin. Dass meine Eltern sich nie getrennt haben. Dass wir gemeinsam in den Urlaub fahren. Das war als Kind einer meiner größten Wünsche. Mit meinen Eltern in den Urlaub fahren. Vielleicht in einen Nationalpark. Vielleicht den Grand Canyon anschauen? Einfach etwas tun, das normale Familien tun.

“Wenn wir uns in Seelendorf eingerichtet haben, müssen wir mal mit den Kindern in den Urlaub fahren”, flüstere ich.

“Uh, ja. Italien. So wie ich mit meiner Familie als Kind immer”, flüstert David zurück.

“Ja, Italien. Das ist gut.”

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