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1983 - Eine Liebe im Advent

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Er war der, mit dem ich in meinem Leben bis dahin am meisten Spaß hatte. Sein Name war Sven. Die Bedeutung seines Namens lautete junger Krieger oder auch einfach nur Jüngling. Jung, ja, das waren wir. Beide seit dem Sommer in der Abschlussklasse der Realschule – allerdings jeweils in zwei verschiedenen Nachbarstädten. Sven… er konnte den Mond zwischen seinen Fingern einfangen und Herzen in den Schnee pinkeln.

Wenn wir gemeinsam über den Weihnachtsmarkt schlenderten, hielt man uns wohl für gute Freunde, weil wir es nicht Hand in Hand taten. Aber wir waren mehr als das. Für wenige Wochen waren wir Verliebte, die sich nicht gesucht, aber dennoch gefunden hatten. Wir küssten uns hinter den Bretterbuden, um die Gemüter der Kleinstadtmenschen nicht zu erregen. Er schmeckte nach Honig und Zimt und nach dem Abenteuer, das ich ersehnte, seit ich das erste Mal begriffen hatte, dass ich auf Männer stand.

Wir hatten uns am Süßigkeitenstand kennengelernt, als ich mir schokolierte Trauben kaufte. Während ich sie aß, sprach er mich an. Er fragte mich, wie sie schmeckten, weil er sich überlege, ebenfalls einen Spieß zu kaufen. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich ihn im Licht der Bude genau betrachten konnte, denn er war der attraktivste Kerl, den ich je gesehen hatte. Irgendwie erschien es mir daher sehr passend, ihn bei all dem Naschwerk getroffen zu haben.

„Ich finde sie schmecken lecker. Aber am besten testest du selbst, bevor du dein Geld dafür ausgibst.“ Ich hielt ihm meinen Spieß vorsichtig entgegen. Er nickte nur, seine Augen leuchteten dafür sehr bedeutsam. Ihm gefiel offensichtlich, dass ich keine Berührungsängste hatte. Ich ließ ihn eine meiner Trauben kosten und wir lachten, weil sie vom Holzspieß rutschte und fast zu Boden fiel, er sie jedoch mit geschickter Zunge im letzten Moment davon abhalten konnte. Ein Zungenschlag, der mir durch und durch ging…

Wir teilten an jenem Abend nicht nur Trauben. Unser Atem bildete Hauchwölkchen in der kalten Winterluft, aber noch nie war mir so warm gewesen. Es war wie ein Fieber, das von einer der schönsten Krankheiten ausgelöst wird, die ich kenne. Verliebtheit. Verliebt… ja, das war ich!

„Sven, es war so schön, dich getroffen zu haben. Ich fürchte nur…“ Er wartete, aber meine Kehle war trotz des eben getrunkenen Kakaos zu trocken, um meine Sorge auszusprechen.

„Du willst es bei diesem einen Treffen belassen“, mutmaßte er und senkte rasch die Lider, damit ich die Enttäuschung nicht aus seinen Augen lesen konnte. Aber ich hatte sie schon gesehen – und mein Herz jubilierte, weil es nicht allein in diesem Taumel der Verliebtheit gefangen war, sondern mit dem, dass es ersehnte, gemeinsam durch diese unbändig schöne Traumwelt tanzen durfte.

„Ganz im Gegenteil!“, klärte ich dann auch rasch auf. „Ich fürchtete, dass du keine Lust auf weitere Zeit mit mir hast.“

„Doch! Das habe ich!“ Er war kurz davor, mich zu küssen – zwischen all den Menschen. Dann besann er sich, hielt inne und schenkte mir stattdessen einen zärtlichen Blick. Es war mir langsam egal, ob es jemand bemerkte, aber einen Kuss verkniff ich mir ebenfalls, denn der wäre tatsächlich nicht für andere zu übersehen. Und dann gäbe es Gerede, das vermutlich bis zu meinen Eltern vordrang. Ein Albtraum! Aber darüber wollte ich jetzt nicht nachdenken. Ich zog es bei Weitem vor, in der Gewissheit zu schwelgen, dass Sven mich erneut treffen wollte. Lange überlegen musste ich nicht, bevor ich meinen Plan aussprach.

„Wie wäre es, wenn wir uns täglich genau hier treffen – am Süßigkeitenstand.“

„Täglich?“

„Ja, bis der Markt die Tore dichtmacht. Und dann… irgendwo anders.“

„Bis der Markt schließt. Also bis Weihnachten. Ja! Das möchte ich. Und danach werden wir weitersehen.“

„Das werden wir. Danach können wir uns einfach woanders treffen. Denn letztendlich liegt es doch nur an uns, es möglich zu machen.“ Er nickte zustimmend. Ich denke, in diesem Moment strahlten meine Augen ebenso wie seine. Und sein Mund zeigte ein Lächeln, das sich in meinem ganzen Körper so anfühlte, als bestünde ich aus Abermillionen Schneeflocken, die mich wohlig durchströmten – und sie waren warm statt kalt, weil meine ganze Welt auf dem Kopf stand. Dank ihm: Sven. Alles schien plötzlich möglich… einfach alles! Vielleicht sogar ein Outing meinen Eltern gegenüber. Im neuen Jahr – oder schon an Silvester. Es wäre sogar notwendig, damit sie mich gehen ließen, denn diesen Tag wollte ich mit Sven verbringen, das stand für mich bereits fest. Zum Glück blieb mir noch etwas Zeit, um die Worte festzulegen, die ich für meine Offenbarung verwenden wollte. Ich ahnte, dass sie alle zu schwach sein würden, daher musste ich selbst umso stärker sein. Aber das würde mir gelingen, dank meiner tiefen Gefühle für Sven.

Er wohnte etwas außerhalb, im ländlichen Umfeld. Aber nach unserem Kennenlernen kam er jeden Abend mit dem Fahrrad zum Marktplatz gefahren, auf dem der Weihnachtsmarkt aufgebaut war. Alle warteten auf Heiligabend, aber ich wartete nur auf Sven. Manchmal summte er leise die Weihnachtslieder mit. Das klang seltsam vertraut, so, als wäre er schon immer bei mir gewesen, ohne dass ich es zuvor je bemerkt hatte. Dafür war er jetzt umso mehr in meinen Gedanken. Es verging keine Minute am Tag, in der ich nicht an ihn dachte. Wenige Wochen lang. Dann kam Weihnachten.

Es wurde das schrecklichste Weihnachtsfest, das ich je erlebt hatte, denn in der Zeit konnte ich Sven nicht sehen. Was hätte ich schließlich meinen Eltern erzählen sollen, wohin ich gehe? Sie bestanden darauf, mit mir und meinen beiden Geschwistern die Feiertage zusammen zu verbringen und ich wusste, ein Outing über Weihnachten würde höchstens dazu führen, dass ich allen das Fest gründlich verdarb. Also hielt ich mich zurück – trotz des drängenden Verlangens, endlich von allem zu erzählen, was mich bewegte. Aber nicht jetzt… noch nicht, beschwor ich mich selbst. Und ich gebe zu, dass die Angst vor ihren Reaktionen mich ebenfalls davon abhielt. Also litt ich stumm. Ich starrte in die Flammen der Kerzen, knabberte an Plätzchen, bedankte mich für Geschenke und nette Worte, aber in Wahrheit dachte ich nur an ihn. Drei grausame Tage lang – das Fest der Liebe ohne meine große Liebe.

Erst nach Weihnachten konnten wir uns endlich wieder treffen. Die Buden des Weihnachtsmarkts wurden abgebaut. Wir wollten niemanden bei der Arbeit stören, daher gingen wir am Fluss entlang spazieren. Der Winter hatte am Morgen richtig Fahrt aufgenommen. Der Himmel war dunkel und kündigte damit an, dass er noch einiges in petto hatte. Wir hinterließen unsere Fußspuren im frisch gefallenen Schnee. Svens waren ein wenig größer als meine. Und obwohl er mich eigentlich auch um fünf oder sechs Zentimeter überragte, wirkte er heute kleiner, da er gebeugt ging. Ich glaubte, er täte es wegen des kalten Windes, der uns am Fluss ab und zu heftig ins Gesicht blies. Aber auch seine Stimmung war gedämpft.

„Wie war dein Weihnachten?“, fragte ich, um herauszufinden, ob er vielleicht wegen eines Familiendramas geknickt war.

„War schön… nur du hast gefehlt – deshalb nur halb so schön.“ Er lächelte kurz und ich war verzaubert, weil die dichte Wolkendecke eine überraschende Lücke ließ, durch die Sonnenlicht auf unsere Gesichter fiel. Es war nur für einen Moment, aber ich sah es als Zeichen, dass das Schicksal auf unserer Seite war. Also fasste ich mir ein Herz und erklärte ihm: „Am Silvestermorgen, beim Frühstück, möchte ich meiner Familie von dir erzählen. Von uns… davon, dass ich schwul bin und mich in dich verliebt habe.“ Mein Herz klopfte wie verrückt vor Aufregung über die Ankündigung und das gleichzeitige Geständnis meiner Liebe zu ihm. Ein endlos langer Augenblick verging, in dem wir einfach weitergingen. Ich wich einem am Boden liegenden Ast aus, doch mein Herz stolperte trotzdem vor sich hin, in banger Erwartung einer Antwort von Sven. Ich wünschte mir erneut einen Sonnenstrahl, der mir Mut spenden würde, doch er blieb aus.

Plötzlich blieb Sven stehen und sah mir in die Augen. „Ich muss dir etwas sagen. Heute ist unser letzter gemeinsamer Tag. Meine Familie zieht weg und ich muss mit, weil ich noch kein eigenes Geld verdiene. Der Möbelwagen kommt morgen. Wir saßen über die Feiertage schon auf gepackten Kisten.“

Er stieß einen Seufzer aus, den ich als feinen Nebel dem Fluss entgegenschweben sah. Von mir kam keine Hauchwolke, denn ich konnte nicht mehr atmen. Das ging ein paar Herzschläge lang so, in denen ich mich selbst beschwor, tapfer zu sein. Es fiel mir unendlich schwer. Am liebsten hätte ich geschrien und geheult. Über die Ungerechtigkeit. Über den Verlust. Über die Hilflosigkeit, die ich empfand. Mir war jedoch klar, dass es nichts an den Tatsachen ändern würde und ich damit höchstens alles noch schlimmer machte, denn in seinen Augen glitzerten Tränen. Es war schrecklich, ihn so verzweifelt zu sehen – auch wenn ich mich doch selbst so fühlte. Unsere gemeinsame Zeit war jedoch viel zu schön gewesen, um sie jetzt in einem Meer aus Tränen und Trauer untergehen zu lassen. Also fasste ich mir ein Herz und drängte meine Verzweiflung zur Seite.

„Aber wir können uns doch weiterhin besuchen“, sagte ich und fügte mit neuem Mut an: „Wohin ziehst du denn?“

„Frankreich“, lautete die Antwort. Mein Mut schwand so schnell, wie der Fluss ein loses Holzstück mit sich riss. Genauso fühlte ich mich: entwurzelt und wehrlos.

„Frankreich“, wiederholte ich nach einer gefühlten Ewigkeit.

„Mein Vater hat dort einen tollen Job bekommen. Meine Mutter sagt, sie wollten eigentlich immer schon nach Frankreich. Alle freuen sich… außer mir.“

„Ich… ich weiß echt nicht, was ich sagen soll“, gestand ich. Er lächelte erneut, aber er wusste es offenbar auch nicht, denn er schwieg. Während wir weiter den Fluss entlanggingen, fielen dicke Schneeflocken zur Erde. Sie landeten auf seinen Haaren, seinen Schultern und ich hätte sicher eine Bemerkung darüber gemacht, wie attraktiv er aussah, wenn mir die Trauer nicht die Kehle zugeschnürt hätte. Er erzählte mir von der Wohnung, die die Firma der Familie stellte und von dem Sprachkurs, den er seit dem Sommer besucht hatte. Das brachte mir vollends ins Bewusstsein, dass er von dem Umzug bereits gewusst hatte, als wir uns täglich trafen. Doch er erzählte mir erst jetzt davon, wo es nichts mehr gab, was ich dagegen hätte tun können. Aber hätte ich das zuvor wirklich gekonnt? Nein, natürlich nicht. Als er über die schwierige Grammatik seines neuen Heimatlandes stöhnte, fasste ich nach seinem Arm und sorgte dafür, dass er stehenblieb und mich ansah. Ich wollte ihm so vieles sagen – ihn so vieles fragen, aber ich bekam kein Wort heraus.

„Du willst wissen, warum ich zuließ, dass wir uns ineinander verlieben, obwohl ich doch weg muss, oder?“ Seine Stimme hatte dumpf geklungen. Ich nickte. Eine Schneeflocke landete auf seiner Nasenspitze. Vorher hätte ich sie weggeküsst… aber nun war alles anders. Er wischte sie fort, wortlos, ohne ein Lächeln. Seine Augen waren wieder feucht und diesmal lösten sich Tränen aus ihren Winkeln. Er wischte auch sie weg, dann sagte er mit erstickter Stimme: „Ich glaube, das Wissen, dass wir keine Zukunft haben werden, hat mich endlich mutig genug gemacht. Mutig, einen jungen Mann anzusprechen, der mir gefiel. Hättest du mich abgewiesen, hätte ich dir später nie wieder begegnen müssen.“

„Aber ich habe dich nicht abgewiesen… und nun begegnen wir uns trotzdem vermutlich nie wieder.“

„Wie du schon sagtest, wir können uns besuchen.“

„Ja, aber da wusste ich noch nicht, dass du in ein anderes Land ziehst. Klar, ich könnte mal zu dir fahren, oder du könntest für ein paar Tage herkommen. Aber…“

„Aber du denkst, dass es auf Dauer nicht funktionieren wird“, beendete er meinen Satz. Diesmal war ich es, der lediglich nickte. So sehr mein Herz auch wollte, dass wir in dieser Illusion schwelgten, so sehr sagte mir mein Verstand, dass wir zu jung waren, um nach einem solchen Konzept zu leben. Er würde andere junge Männer kennenlernen, die ihm gefielen – Franzosen… wie sollte ich da wohl mithalten? Dafür kannten wir uns einfach zu kurz, das war mir trotz meiner Verliebtheit klar. Und er empfand es wohl ebenso. Mit leiser Stimme fragte er: „Ändert es etwas, wenn ich dir sage, dass ich dich nie vergessen werde?“

„Ich weiß nicht“, brachte ich hervor. Und es war mein Ernst: ich wusste nicht, ob es etwas änderte – denn ich hatte keine Ahnung, an was es überhaupt etwas ändern konnte. Hätten wir mehr Zeit miteinander verbracht – wäre unsere Beziehung tiefer gewesen, dann hätte ich enttäuscht und sogar wütend sein dürfen, dass er mich erst kurz bevor er das Land verließ, einweihte. Aber so?

Wir hatten eine schöne Adventszeit miteinander verbracht. Vor allem aber hatten wir uns gegenseitig durch den Genuss unserer körperlichen Nähe endgültig bewiesen, dass wir aufs eigene Geschlecht standen. Und, dass es in Ordnung war, weil es Menschen gab, die es erwiderten. Also sah ich uns als Verbündete – das sagte ich ihm. Sven bedankte sich mit einem innigen Kuss. Ich wurde erregt davon, aber ich wusste, dass es mir mit ihm nicht vergönnt sein würde, mehr als Zärtlichkeiten auszutauschen. Sex würde ein Thema bleiben, das es noch zu erkunden galt. Mit jemand anderem – irgendwann, wenn die Umstände besser passten.

Als wir uns an diesem Abend verabschiedeten, war es ein bittersüßer Moment. Wir blickten uns ein letztes Mal in die Augen. Schmeckten ein letztes Mal gegenseitig unsere Zungen. Seine Hand lag in meinem Nacken – sie war warm und gab mir angenehmen Halt. Dann wandten wir uns voneinander ab. Ich ging in die eine Richtung und er fuhr mit seinem Fahrrad in die andere davon. Ich weiß nicht, ob er sich noch einmal zu mir umsah, denn ich drehte mich nicht mehr um. Es war vorbei… und der Halt, den er mir noch kurz zuvor vermittelt hatte, wurde brüchig und verschwand in den Tagen, die folgten.

Die Zeit zwischen den Jahren – wie man so schön sagt – war die Zeit zwischen meinen tiefen Emotionen. Ich war wie ein Korken auf hoher See. Mal auf dem Gipfel, weil ich die Liebe zwischen uns noch spürte, doch kurz darauf wurde ich hinuntergerissen und Wellen der Realität schlugen über mir zusammen. Sie drückten mich so sehr in die Tiefe, dass ich nicht mehr atmen konnte. Die Hochgefühle wurden immer weniger und schon bald war da nur noch der Schmerz, der gnädigerweise ab und zu durch Taubheit ersetzt wurde. Aber auch wenn das dumpfe Gefühl überwiegte, blieben die düsteren Gedanken.

Das Schicksal hatte es also doch nicht gut mit uns gemeint. Es hatte uns zerrissen – als Paar… und es zerriss meine Träume. Sie hingen als nutzlose Fetzen über meinem Gemüt, erstickten jegliche Freude, sämtliche Hoffnung, an die ich mich früher immer geklammert hatte, wenn mich etwas bedrückte. Das hier war mehr als Bedrücktheit. Wesentlich mehr. Es war die Hölle! Sven zu verlieren war – obwohl wir uns erst so kurz kannten – das Schlimmste, das ich je erlebt hatte. Und das Schrecklichste war, dass ich mit niemandem darüber reden konnte, weil niemand es wissen durfte. Keiner durfte erfahren, dass ich schwul war. Niemand, dass mein Herz wegen eines anderen Mannes gebrochen war. Denn diesen Schluss zog ich aus dem, was das Schicksal uns auferlegt hatte. Es hatte entschieden: gegen mein Outing. Davon war ich überzeugt. Dann wurde aus der Überzeugung Wut. Sie kam schnell und heftig. Ich war einfach wütend auf alles und jeden. Vor allem aber auf mich selbst. Tage vergingen und ich spürte, dass der Zorn mir zwar half, aber letztendlich dafür sorgte, dass ich noch unglücklicher wurde. Denn alle gingen mir aus dem Weg, seit ich so war. Ich redete mir ein, dass das egal wäre, weil meine Eltern und Geschwister mich doch ohnehin nicht wirklich kannten.

Am frühen Silvesterabend kam meine Mutter in mein Zimmer. Sie setzte sich zu mir aufs Bett, in den Händen hielt sie ein in Geschenkpapier eingeschlagenes Päckchen. Sie sagte nichts, saß einfach nur da und sah mich freundlich an. Ich wusste, dass mein eigener Blick alles andere als freundlich war.

„Weihnachten ist rum. Bisschen spät für Geschenke“, sagte ich bitter. Ich erwartete, dass sie aufgrund meiner abweisenden Art einfach wieder gehen würde. Oder, dass sie mich zur Ordnung rief, ich solle nicht so unfreundlich sein, wenn es jemand gut mit mir meinte. Das Problem war nur, dass ich gerade in der Phase war, dass ich glaubte, ich hätte es gar nicht verdient, dass jemand gut zu mir war. Irgendeine fiese Welle des Trauerprozesses hielt mich im Griff und ich hatte langsam keine Kraft mehr, sie abzuwehren. Meine Mutter streckte die Hand aus und hielt mir das Geschenk hin.

„Ich konnte es erst nach Weihnachten besorgen. Daher bekommst du es jetzt.“

Ich nahm es an, weil ich sie nicht vor den Kopf stoßen wollte. Das Päckchen wog nicht viel.

„Mach es auf. Es ist von uns allen: Papa, Timo, Claudia und mir.“

Ein Geschenk von meinen Eltern und Geschwistern? Das verwirrte mich.

„Soll ich es dann im Wohnzimmer aufmachen?“, fragte ich, da ich wusste, dass die anderen dort bei einem Brettspiel zusammensaßen. Nur ich hatte mich davongeschlichen, um in meinem Zimmer allein die Trennungsschmerzen zu erdulden. Meine Mutter lächelte mich an.

„Wenn du dich dafür bereit fühlst, wäre das großartig. Aber wir werden dich nicht drängen. Es ist allein deine Entscheidung.“

Ich raffte mich auf, denn ich war neugierig, was sie alle mir schenken wollten. Und ich hätte es unhöflich gefunden, nur meine Mutter teilhaben zu lassen, wenn ich es herausfand. Also gingen wir ins Wohnzimmer. Mein Vater machte den anderen ein Zeichen, dass sie das Spiel unterbrechen würden. Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch und wartete, bis meine Mutter neben mir Platz genommen hatte.

„Keine Ahnung, womit ich das verdient habe“, nuschelte ich und fügte etwas verständlicher an: „Ich habe doch schon zu Weihnachten etwas von euch bekommen.“

„Das ist ja auch kein richtiges Geschenk. Eher ein Symbol“, platzte meine dreizehnjährige Schwester heraus. Mein älterer Bruder sah sie an und verdrehte die Augen. „Kannst du mal ruhig sein, du Zwerg?“

„Selber Zwerg“, gab sie ebenfalls augenverdrehend zurück. Dann schwiegen alle und ich begann damit, das Papier abzuwickeln. Darin kam ein Kästchen zum Vorschein. Es trug den Aufdruck eines Juweliers unserer Kleinstadt. Ich fasste den Deckel und öffnete ihn. Auf weißem Samt lag ein geflochtenes schwarzes Armband mit silbernen länglichen Perlen zu beiden Seiten. In der Mitte befanden sich Perlen in sämtlichen Farben des Regenbogens. Ich starrte auf das Geschenk und wurde rot. Ein Symbol, hatte Claudia gesagt. Ich spürte, dass mir Tränen in die Augen traten. Obwohl ich wirklich knallrot war und sicher Augen wie ein Zombie hatte, blickte ich einen nach dem anderen an. Zuletzt meinen Vater.

„Seit wann wisst ihr es?“, fragte ich.

„Eigentlich, seit du in der Pubertät bist“, erwiderte mein Vater. Timo legte nach: „Schon immer, wenn du mich fragst.“ Mein älterer Bruder trug einen Gesichtsausdruck zur Schau, von dem er wohl glaubte, er wirke weise.

„Also, ich weiß es erst seit letzter Woche. Seit dem Weihnachtsmarktbesuch“, offenbarte meine Schwester. „Und ich habe das Armband mit ausgesucht!“, schob sie stolz hinterher.

„Als Symbol…“, sagte ich leise und sah sie fragend an.

„Genau! Weil du wissen sollst, dass wir es wissen, damit du nicht mehr rumlügen und deinen Freund vor uns verstecken musst!“ Claudia war jetzt voll in ihrem Element. Sie sprach immer sofort aus, was sie dachte. Oft genug war das zum Fremdschämen, aber jetzt machten ihre Worte mich einfach nur sprachlos.

„Claudia war mit Papa und mir letzte Woche auf dem Weihnachtsmarkt. Wir haben dich gesehen, in Begleitung eines jungen Mannes, den wir nicht kannten. Wir hätten gerne seine Bekanntschaft gemacht, aber ihr habt euch gegenseitig so tief in die Augen geblickt, dass wir euch nicht stören wollten. Dich und…?“ Sie sah mich fragend an.

„Sven. Er hieß Sven“, brachte ich hervor.

„Hieß? Heißt er jetzt nicht mehr so?“, fragte Timo verwirrt.

„Doch, er heißt noch so. Aber wir… es gibt kein wir mehr“, erklärte ich mit immer leiser werdender Stimme.

„Oh“, stieß meine Mutter hervor. „Habt ihr euch getrennt?“

„Er geht mit seiner Familie nach Frankreich.“

„Deshalb warst du in den letzten Tagen so traurig und so fies zu uns“, brachte meine vorlaute Schwester es auf den Punkt.

„Ja – du hast recht“, gab ich zu. „Es tut mir leid. Ihr könnt nichts dafür. Aber… es tut so weh“, erklärte ich erstickt und wollte meine Tränen zurückhalten. Meine Mutter legte ihren Arm um mich. Die Tränen liefen mir daraufhin erst recht über die Wangen. Ich schämte mich dafür – und gleichzeitig auch wieder nicht.

„Wir verstehen, was in dir vorgeht. Ich fürchte nur, wir können nichts daran ändern, aber du musst es nicht verstecken. Vielleicht hilft dir das ein bisschen“, flüsterte sie, aber es war so laut, dass alle zustimmende Worte von sich gaben.

„Wie lange wart ihr zusammen, du und Sven?“, fragte mein Vater.

„Wir… es war nur für die Adventszeit“, bekannte ich. Und einen Moment lang hatte ich die Befürchtung, sie würden darüber lachen, dass ich nach dieser kurzer Zeit des Zusammenseins schon so unter der Trennung litt. Aber niemand lachte. Keiner gab etwas Neunmalkluges von sich. Und vor allem wurde ich nicht gedrängt, mich zu rechtfertigen. So saß ich da, mit meiner Erklärung. Mit meinem Geschenk. Und mit meinem Kummer – mitten in der verständnisvollen Familie, von der ich geglaubt hatte, sie wüsste nicht, wer ich wirklich bin. Aber ich hielt den Gegenbeweis in den Händen. Und es war mehr als ein Geschenk. Mehr als Schmuck. Es war tatsächlich ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass sie zu mir standen. Dass ich in Ordnung war, so wie ich war.

Rückblickend kann ich sagen, dass dieser Winter im Jahr 1983 zur wichtigsten und intensivsten Zeit meines Lebens zählt. Dafür bin ich dankbar – trotz all des Schmerzes, den ich ebenfalls empfand. Denn manchmal gehört er leider dazu und umso wichtiger ist es, zu wissen, dass die Wellen der Emotionen dich nicht ewig im Tief halten. Also, sei bereit fürs nächste Hoch – und erfreu dich mit all deinen Sinnen daran. Denn das scheint mir der eigentliche Sinn des Lebens zu sein.

Und noch etwas: Nicht jeder mag eine Familie haben, die Rückhalt gibt. Manch einer erlebt sogar genau das Gegenteil. All jenen wünsche ich Menschen, die sie auffangen – oftmals findet man sie auch außerhalb der Familie. Für diese guten Freunde sollte man offen bleiben, auch wenn es manchmal schwer ist, erneut zu vertrauen. Aber ohne Vertrauen können sie dich nicht erreichen. Also atme durch und sieh dich um! Die nächste Welle trägt dich vielleicht schon deinem Glück entgegen.

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