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DSDMB

Teil 2

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Der ultimative Gemeinschaftsstreich von Veri (ID) und mir über den ganz alltäglichen Casting-Show-Wahnsinn geht in die nächste Runde ;-)

Ferdi

Irgendwie macht Sophie mich nervös. Ich meine, es macht Spaß mit ihr zu singen und wir bekommen das auch gut hin, aber … die Tatsache, dass jemand aus Michis Umfeld plötzlich in meinem Alltag auftaucht …

Ich versuche mir einfach vorzustellen, sie sei jemand anderes. Jemand, der der Frau in Weiß, der ich dienstags und donnerstags dabei zusehe, wie sie mit meinem Freund trainiert, einfach nur ähnlich sieht. Zum Glück scheint sie ebenfalls keine Lust zu haben, jetzt an ihren Job zu denken. Ich habe schon lange nicht mehr zusammen mit jemandem gesungen, das ist was ganz anderes, als alleine zu üben.

Ich bin zuerst dran und gewöhne mich langsam an das Rampenlicht. Ring of Fire scheint der Jury rockig genug zu sein, ich werde nach Berlin eingeladen und soll wegen Details in ein paar Tagen Post bekommen. Sophie wartet vor der Tür und ist die Erste, die mir gratuliert, natürlich vor laufenden Kameras. Besser, als so zu tun, als wären irgendwelche Fremden meine besten Freunde …

Sie selbst ist gleich nach mir dran. Die sieben Minuten kommen mir vor wie eine Ewigkeit. Ich fiebere richtig mit, weil ich wirklich gerne auch weiter mit ihr üben können möchte. Schließlich muss ich mich auch gegen die nationale Konkurrenz durchsetzen! Da wird es richtig ernst! Einem Kamerateam entgeht meine Aufregung natürlich nicht. Deshalb springt noch mal ein Interview für mich raus, in dem ich erzähle, wie talentiert Sophie ist, und dass wir in der kurzen Zeit fast sowas wie Freunde geworden sind. Das ist nicht mal wirklich gelogen. So viel Spaß wie mit ihr, hatte ich seit … seit sehr langer Zeit nicht mehr.

Dementsprechend erleichtert bin ich auch, als sie tatsächlich freudestrahlend aus der Tür tritt.

„Du warst mein Retter! Die meinten, Bitch würde mir gut stehen und B! hat sogar sowas gemurmelt wie dass er sich gar nicht mehr erinnern kann, mir die Liste gegeben zu haben, aber dass er das gut gemacht hat. Ich soll zum Friseur und ein paar trendy Klamotten einpacken, wenn ich nach Berlin komm. Wahnsinn, oder? BER-LIN! Woooooohoooo!“

„Das mit der Liste schneiden wir raus. Könnt ihr euch noch mal drücken?“, fragt der Mikro-Träger.

„Ich hasse es, so ne Show abziehen zu müssen“, flüstert Sophie während wir uns umarmen.

Wir schlendern Richtung Empfangshalle, wo sie ihren Freund vermutet, der sie abholen kommt.

„Weißt du schon, wie du nach Berlin kommst?“, fragt sie immer noch total überdreht.

„Mit dem Zug vermutlich.“

„Wir sollten eine Fahrgemeinschaft gründen. Leon hat ein Auto.“

„Hört sich gut an.“

„Krieg ich deine Handynummer?“, fragt sie, drückt mir ihr Telefon in die Hand und rennt plötzlich kreischend davon, einem großen, muskelbepackten Kerl in die Arme.

„Hab meine Nummer eingespeichert“, unterbreche ich einen innigen Kuss.

„Mh …. danke … dann sehen wir uns morgen?“

„Stimmt, Donnerstag. Bis morgen dann.“

„Ach warte! Hast du mitbekommen, ob Schröder weiter ist?“

„Wer?“

„Na der Kerl mit dem ich heute Morgen …“

„Ah, der. Schröder. Das passt. Nein, keine Ahnung. Hab ihn seitdem nicht mehr gesehen.“

„Seltsam. Sein halbes Zeug liegt noch bei uns daheim. Ich hab gar keine Nummer von ihm …“

„Er weiß, wo wir wohnen, Süße. Der taucht schon wieder auf“, merkt der Riese an.

„Ja, im immer wieder auftauchen ist der gut“, kann ich nur zustimmen und damit verabschiede ich mich endgültig.

Nehm ich jetzt noch eine Vorlesung mit, oder geh ich gleich zu Michi? Die Entscheidung fällt mir eigentlich nicht schwer.

Schröder

Fuck! Ich hab noch mein ganzes Zeug bei Sophie… wo is’n die abgeblieben? Möchte ja schon gern wissen, ob wir uns in Berlin sehen. Aber wenn die einen tollen Song von Ferdis toller Liste gesungen hat, gehe ich mal davon aus. Bevor ich sie suchen kann, hängt mir bereits wieder ein nerviges Kamerateam am Arsch.

Ich erzähle zum x-ten Mal meine Straßenkind-Story und behaupte, das hier sei meine große Chance. Die Wahrheit interessiert nämlich eh kein Schwein.

Zum Glück treffe ich Sophie und Leon auf dem Weg nach draußen.

„Berlin, wir kommen“, brüllt sie und macht das Victory-Zeichen.

„Supi“, freue ich mich. „Ich wollte mein Zeug von euch abholen und dann verschwinden.“

„Ach so. Ferdi und ich haben nämlich überlegt, also eigentlich abgemacht, zusammen zu fahren.“

„Prima. Mein Standort ist ziemlich genau in der Mitte. Ihr könnt mich also bequem unterwegs auflesen. Schreib mir mal deine Nummer auf, ich ruf dich an.“

„Hast du kein Handy?“, fragt sie entsetzt.

„Hey, ich bin ein Punk, ja? Punks haben keine Handys.“

„Verstehe.“

„Okay“, gebe ich mich geschlagen, krame mein Handy aus der Tasche und lasse sie ihre Nummer speichern.

Danach fahren wir zu ihr, ich klaube meine Klamotten zusammen und verabschiede mich von Sophie. Leon ist so nett, mich noch zu einer günstigen Stelle zu bringen, von der aus ich nach Hause zurück trampen kann.

Mitnehmen tut mich ein Mädel, das wenigstens anständige Musik im Auto hat… Ramones, Sex Pistols, Vibrators, Johnny Thunders… die alten Helden. Das ist eine Wohltat nach all dem Castingmüll.

Zu Hause angekommen gibt’s gleich Generve von Timo. Er stellt tausend Fragen, wo ich gewesen bin, warum ich ihm nicht Bescheid gesagt habe, wieso ich mich immer rumtreiben muss, ob ich nicht endlich was Sinnvolles mit meinem Leben anfangen will… blablabla.

Sein Problem ist, dass er sich immer noch für mich verantwortlich fühlt. Mein Problem ist, dass ich mir noch keine neue Bleibe gesucht habe. Juliane erzählt mir eh schon seit Wochen, dass, wenn das Baby kommt, für mich kein Platz mehr da ist. Das Baby kriegt dann nämlich mein Zimmer. Also wäre es ganz gut, wenn ich in Berlin eine Runde weiter käme.

Einige Tage später kann ich heimlich den DSDMB-Wisch aus dem Briefkasten fischen. Da steht allerdings nur drin, wann die Entscheidung stattfindet und dass es danach sofort ins Trainingslager gehen soll… wenn man dafür ausgesucht wird.

Ich besuche ein paar Freunde, die überhaupt nicht gemerkt haben, dass ich weg war. Danach besuche ich meinen Vater. Das ist längst fällig, aber halt immer mit sehr viel Aufwand verbunden. Deswegen hatte ich bereits vor München um einen Termin gebeten.

Das Durchsuchen dauert wieder ewig, was logischerweise an meinem Aussehen liegt. Der typische Punks-und-Bullen-Konflikt. Der Besucherraum ist alles andere als einladend und der Beamte, der mir ständig im Nacken hängt… also zwanglos und entspannend sind solche Besuche nicht gerade.

Ich erzähle Paps vom Casting und er… er fragt nach Timo. Natürlich. Bin ja, was ihn betrifft, seine einzige Informationsquelle. Manchmal pisst es mich an, dass ich zwar der einzige Mensch auf der Welt bin, der ihn sehen will, mein Vater sich allerdings trotzdem nur für seinen Erstgeborenen zu interessieren scheint. Ich bringe es auch heute nicht fertig, ihm zu sagen, dass Timo behauptet, sein Vater sei schon seit Jahren tot, wenn er mal drauf angesprochen wird. Ich glaube, er weiß das, aber solange er es nicht hören muss, ist es eben auch nicht wahr.

Zum Glück gibt’s hier immer bloß eine halbe Stunde. Länger würde ich es auch gar nicht aushalten. Wie gewohnt gehe ich anschließend zu Eddie in die Punkkneipe, um mich ordentlich zu besaufen. Keine Ahnung, weshalb ich meinen Vater überhaupt noch besuche, wo es mich doch wirklich jedes verdammte Mal so fertig macht.

Ferdi

Michi winkt mir zum Abschied noch zu. Ich habe ihm nur erzählt, dass ich für ein paar Tage mit Freunden nach Berlin fahre. Inzwischen kommen mir aber Zweifel. Was, wenn ich es ins Trainingslager schaffe? Dann werde ich wochenlang weg sein. Wie soll ich ihm das erklären? Und wie wird er die Zeit ohne mich überstehen? Vielleicht kann ich ja dazwischen kurz heimfahren und ins Camp nachkommen? … Ich mach mir was vor. Höchstwahrscheinlich sehe ich meinen Freund erst kurz vor Weihnachten wieder. Immerhin kann ich ihn ja anrufen.

Mit Sophie habe ich abgemacht, dass wir uns nach ihrer Schicht am Haupteingang treffen, wo ihr Freund auch schon wartet.

„Sophie ist noch auf‘m Klo. Zu viel Kaffee behauptet sie. Zu viel Nervosität behaupte ich.“

„Ach so …“, mache ich geistesabwesend.

„Alles klar? Aufgeregt?“

„Eigentlich nicht … ich geh nur nicht gerne von hier weg …“

„Sophie hat gesagt, dass du hier einen Angehörigen hast?“

„Meinen … besten Freund.“

„Oh, tut mir leid.“

Sophies Erscheinen rettet mich zum Glück aus der Situation.

„Naaaaaaa?“

„Hey.“

„Bereit für Berlin?“

„Klar.“

„Etwas euphorischer!“, kreischt sie, und die Leute kucken schon.

„Bereit für Berlin!“, bemühe ich mich, um sie zufriedenzustellen.

Leon fährt einen schwarzen, noch gar nicht so alten BMW, dessen Kofferraum schon ziemlich voll ist mit Sophies Gepäck. Eine meiner Taschen, passt gerade noch so rein, die zweite kommt neben mich auf den Rücksitz. Es riecht gut nach Zitrone. Unter dem Rückspiegel baumelt ja auch ein gelbes Duftbäumchen. Die Bänke sind aus Kunstleder, etwas kühl, aber im Sommer ist das bestimmt praktisch. Ich lasse eben erst mal meinen Mantel an, auch wenn der sicher verknittert. Ich denke an Michi, ich habe den ganzen Vormittag in seinem Arm geschlafen. Bestimmt fünf Stunden Schlaf am Stück. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann das das letzte Mal vorgekommen ist …

„Na, wie geht es Michael heute?“, fragt Sophie und will damit wohl ein Gespräch beginnen.

Leider hat sie sich dafür das falsche Thema ausgesucht. Ich schiele noch kurz auf die Uhr. Halb zwei. Dann schließe ich meine Augen und stelle mich schlafend.

Nach etwa einer Stunde fahren wir an der Autobahnabfahrt meiner Heimat vorbei. Zu meiner Überraschung nimmt Leon die nächste Ausfahrt. Ich … wache sehr plötzlich auf.

„Wo fahren wir hin?“

Sophie schaut mich irritiert an.

„Na Schröder abholen.“

„Der wohnt in Regensburg?!“

„Zumindest sollen wir ihn hier abholen. Warum?“

„Ich bin in einem Vorort hier aufgewachsen …“

„Echt? Hört man gar nicht. Da vorne musst du rechts, Schatz. Ah, na bitte, da steht er ja schon.“

Schröder

„Willst du schon wieder weg?“, fragt Timo, der in der Tür steht und mir dabei zusieht, wie ich meinen Weltreiserucksack packe.

„Ich fahre ein paar Tage zu Mom. Da werd ich mir wahrscheinlich auch irgendwo eine Wohnung suchen.“

„Wann hast’n dir das ausgedacht?“

„Ist doch egal. Freu dich einfach, jetzt bin ich nicht mehr im Weg und ihr könnt endlich das Kinderzimmer einrichten.“

„So hat Juliane das nicht gemeint“, erklärt er beschwichtigend.

„Doch, Timo, genau so hat sie das gemeint. Außerdem hat sie Recht. Ihr seid bald eine Familie und ich hänge schon viel zu lange bei euch rum.“

„Du gehörst aber auch zur Familie.“

„Paps hat nach dir gefragt.“

„Wir werden nicht über unseren Ex-Vater reden.“

Ich zucke die Schultern und packe weiter.

„Du warst bei ihm?“

„Letzte Woche.“

„Und?“

„Er freut sich auf sein Enkelkind.“

„Das wird er niemals zu Gesicht kriegen“, antwortet er finster. „Wieso musstest du ihm überhaupt so was erzählen? Geht den doch einen Dreck an.“

„Na ja, was ich mache, interessiert ihn leider nicht.“

„Er ist ein Arschloch.“

„Ich muss los.“

„Pass auf dich auf, Kleiner. Und melde dich, wenn du eine Wohnung hast, ja?“

„Klar.“

Zum Abschied umarmt er mich ganz doll und will mir unauffällig ein paar Scheine zustecken.

„Lass mal. Kauf dem Baby lieber ein süßes Schmusetuch und sag ihm, dass das von Onkel Schröder ist.“

„Tu mir einen Gefallen und fahr ausnahmsweise mit dem Zug. Hab keinen Bock, mir Sorgen zu machen.“

„Timo“, verdrehe ich die Augen, „ich trampe seit ich fünfzehn bin und es ist noch nie was passiert.“

„Ja, egal. Es gibt viele Irre da draußen und es werden nicht nur Mädchen vergewaltigt und… Schlimmeres.“

Der kommt aus seiner Rolle als Ersatzpapa auch irgendwie nicht raus, also nehme ich das Geld und verspreche, mit dem Zug zu fahren.

Für Mom bleiben grad mal zwei Tage, was auch besser ist, ich kann ihren neuen Mann nämlich nicht ausstehen. Der Kerl hasst Timo und mich, weil wir ihn an Moms schreckliche Vergangenheit erinnern, nehme ich an. Dabei können wir doch nun wirklich nix dafür, dass unser Vater im Knast sitzt. Mom und er waren außerdem längst geschieden als er verurteilt wurde und ihren neuen Stecher hat sie drei Jahre danach kennengelernt. Diese Abscheu uns gegenüber ist also völlig nicht zu begründen.

Jedenfalls hab ich Mom erzählt, dass ich jetzt erst mal mit Freunden nach Berlin fahre und noch nicht weiß, ob oder wie lange ich dort bleibe. Wie üblich fragte sie nicht weiter nach.

Manchmal glaube ich, ihr Stecher hat sie mit seinem Hass angesteckt. Möglicherweise denkt sie aber auch, dass Kriminalität vererbbar ist und mindestens einer ihrer Söhne ebenfalls eines Tages im Knast landet. Das würde dann wohl ich sein, weil Timo ja, im Gegensatz zu mir, ein bürgerliches, ordentliches, aufgeräumtes Leben führt.

Ich bin echt froh, als Leons schwarzer BMW hält und mein Ausflug zur Familie beendet ist.

Natürlich ist der Kofferraum bereits voll, weswegen ich Rucksack und Gitarrentasche hinten mit reinquetschen muss. Ferdi sieht total verpennt und knittrig aus. Niedlich, irgendwie. Komisch, dass ich zwei Wochen nicht an ihn gedacht habe und es jetzt sofort wieder blitzt. Dabei ist er absolut nicht der Typ, auf den ich sonst anspringe. Also… normal ist das nicht.

Mann, ich würd ihn gerne küssen. Einfach so. Mache ich logischerweise nicht, sondern ramme ihm stattdessen aus Versehen meine Gitarre in die Seite.

„Geht’s noch?“, brummelt er.

„Sorry, war doch keine Absicht.“

„Wir fahren nach Berlin, also habt gefälligst gute Laune“, fordert Sophie.

Meine Laune wird bestimmt besser, wenn wir weit genug weg sind. Und wenn ich eventuell mal einen netten Satz von Ferdi bekomme.

Ferdi

„Du hast irgendwas mit deinen Haaren gemacht, oder?“, frage ich und weiß selbst nicht genau, wie ich dazu komme.

Er schaut mich überrascht an:

„Das ist dir aufgefallen? Ja, ich hab mal wieder Ordnung geschaffen.“

Ich lache los:

„Ordnung nennst du das??“

Sein Blick verfinstert sich:

„Hey, das war ne Heidenarbeit, alles aufzukriegen, was nicht im Deckhaar war! Ich dacht schon, ich muss alles abschneiden! Das ist ’n bisschen anstrengender als Schleimgel in die Spitzen zu massieren, okay?!“

„Ich hab für die Frisur fast eine halbe Stunde gebraucht!“, empöre ich mich.

„Tja, dann hättest du mal nicht damit einpennen sollen“, lacht er gehässig und wuschelt mir durch die Haare.

„Spinnst du?!“

„Für wen hast du dich überhaupt so hübsch gemacht? Die Jury sehen wir doch eh erst morgen früh.“

Treffer. Ich weiß, dass Michi wohl ziemlich egal ist, wie gut meine Frisur sitzt, aber … ich kann doch sonst nichts für ihn tun! Frustriert strubble ich auch noch die letzten Reste Gel aus meinen Haaren und sehe jetzt vermutlich aus wie eine zerrupfte Streunerkatze.

„Besser?“, frage ich sarkastisch, aber Schröder ist zu sehr mit sabbern beschäftigt, um zu antworten.

Ein schwuler Punk, der scharf auf mich ist. Klasse! Genau was mir noch gefehlt hat in meiner Sammlung.

Obwohl Leon verdammt schnell unterwegs ist, kommen wir dank Feierabendverkehr erst nach acht an dem Hotel an, in dem Sophie und ihr Freund sich ein Zimmer gebucht haben. Tja, jetzt muss ich mir langsam irgendwas einfallen lassen. Dreißig bis sechzig Euro die Nacht kann ich mir nicht leisten … und realistisch gesehen: Schlafen werde ich heute sowieso nicht, ich brauche also eigentlich nur einen Platz, wo ich mein Zeug lassen kann …

Leon parkt in der Tiefgarage des Hotels.

„So, endlich. Jetzt hab ich Hunger! Zum Glück haben wir Vollpension genommen.“

Der Glückliche …

„Naja, ich werd dann mal …“, erklärt Sumpfk… äh Schröder wenig optimistisch.

„Hast du dir nicht auch hier was gebucht? Wir haben doch noch drüber geredet …“, will Sophie wissen.

„Ich bin Punk, schon vergessen? Ich werd mich kaum in so einen Spießerschuppen einkaufen.“

„Aber dann muss Ferdi sein Zimmer ja ganz allein bezahlen, oder wie habt ihr das geregelt?“

Sophie hatte mir Schröders Nummer gegeben, um das mit ihm klarzumachen. Ich hab natürlich nie angerufen …

„Eigentlich … ich hab da eine Jugendherberge gefunden, ein Stück die Straße runter …“, lüge ich.

„Warum hast du das denn nicht gesagt? Wir hätten dich doch da absetzen können!“

„Ach Quatsch, ich will mir noch ein bisschen die Stadt anschauen. Wir sehen uns dann morgen.“

Ich hieve meine Taschen hoch und gehe ohne mich für’s Mitnehmen zu bedanken, wie mir einfällt, als ich die Tiefgarage gerade verlassen habe.

„Warte!“

Schröder, ebenfalls schwer schleppend und schon keuchend, joggt auf mich zu.

„Na, macht dir die Raucherlunge zu schaffen?“

„Woher willst du wissen, dass ich rauche?“, fragt er angriffslustig.

„Riecht man. Was willst du?“

„Du hast keinen Plan, wo du pennen sollst, stimmt’s?“

„Ich hab nicht vor zu pennen. Ich schlafe nicht.“

„Wie, du schläfst nicht? Der Mensch muss doch schlafen!“

„Ich nicht. Also brauch ich auch keinen Platz dafür.“

„Bist du ’n Vampir, oder was?“

„Können wir es bitte einfach dabei belassen, dass ich nicht schlafe?“

„Okay! Aber du wirst nicht vorhaben, den ganzen Krempel mit dir rumzuschleppen, oder? Also pass auf, ich hab Erfahrung in sowas, also halt dich an mich. Ich pass auf dich auf, Babe“, erklärt er großspurig.

„Kannst du bitte aufhören, mich anzubaggern?“

„Warum, gefällt’s dir nicht?“

„Lass es einfach.“

Schröder

Der Ferdi, also… mein lieber Schwan, ist der von sich eingenommen. Ich und ihn anbaggern? Weil ich seine Haare verwuschelt und ihn Babe genannt habe? Mache ich doch andauernd bei Jungs, die ich irgendwie niedlich finde, das hat gar nix mit baggern zu tun. Schließlich will ich nicht mit jedem Babe, dessen Haare ich anfasse, ins Bett oder so. Außerdem hat der einen gehörigen Dachschaden. Er schläft nämlich nicht… hat er behauptet. Ja, wie soll ich mir das denn vorstellen? Ich meine, was kann einen Menschen vom Schlafen abhalten? Angst vor Albträumen? Angst, morgens nicht mehr aufzuwachen? Letzteres hatte ich eine Zeit lang als ich Kind war. Vielleicht ist der Ferdi in seiner Entwicklung irgendwo stehen geblieben. Allerdings macht er ansonsten keinen besonders zurückgebliebenen Eindruck.

„Okay, also was hast du jetzt vor?“

Er zuckt bloß die Schultern.

„Ich hab eine Idee“, erkläre ich, krame mein Handy raus und rufe Linda an. „Hey, Schatz.“

„Wer ist da?“

„Na, ich. Würde dich sonst noch jemand Schatz nennen?“

„Schröder“, kreischt sie, dass mir fast das Trommelfell platzt und sie mich ein bisschen an Sophie erinnert, die sich mindestens genauso übertrieben freuen kann.

„Wir sind hier grad ungefähr am Funkturm… würdest du zwei armen Straßenkindern Asyl gewähren? Also eigentlich nur einem Straßenkind… und dem Ferdi.“

„Am Funkturm? In Berlin?“

„Ja sicher.“

„Mann, geht’s nicht noch spontaner?“

„Bitte, Linda. Ich hab meinen Schlafsack dabei und der Ferdi braucht nicht viel Platz. Den kannste zur Not auch in den Schrank stellen, der schläft nämlich nicht.“

„Wer zur Hölle ist Ferdi? Hast du dir endlich einen Freund zum Aufpusten zugelegt?“

„Nee, der Ferdi ist doch keine Gummipuppe“, lache ich in seine Richtung, worauf er mir einen ziemlich uncharmanten Blick schenkt. „Sag mal schnell, wie wir zu dir kommen.“

Linda kennt sich leider in ihrer Heimatstadt nicht so besonders aus, aber irgendwie kriegen wir das schon hin.

„Also“, sage ich zu Ferdi, „wir müssen wahrscheinlich mit irgendeiner S-Bahn fahren.“

„Wir?“

„Logisch. Oder denkst du, ich lasse dich mutterseelenallein nachts durch Berlin stiefeln?“

„Ich brauche keinen Aufpasser und du musst dich auch nicht um mich kümmern.“

„Mache ich aber gern. Und ganz kostenlos. Das heißt… vielleicht möchte ich ja einen Kuss als Aufwandsentschädigung.“

„Du bist wohl nicht ganz dicht.“

„Mit Zunge.“

„Leck mich!“

Na ja, einen Versuch war es wert.

„Siehst du… DAS war anbaggern. Aber weil du das nicht möchtest, werde ich es selbstverständlich total unterlassen. Übrigens…du hältst dich für sehr unwiderstehlich, was?“

„Scheine ich wohl auch zu sein, wenn du mit mir knutschen willst.“

„He, es war von einem einzigen Kuss die Rede. Außerdem war das nur Spaß. Du bist nämlich überhaupt nicht mein Typ.“

„Na, dann ist doch alles geklärt.“

Ich hasse Ferdi! Der gibt mir ja nicht mal die kleinste Chance. Immerhin kommt er tatsächlich ohne weitere Diskussion mit.

Nach gut zwanzig Minuten S-Bahn-Fahrt sind wir an der Schönhauser Allee und treffen Linda, die uns netterweise abholt.

„Hallo, Schatz“, grinse ich und umarme sie. Dann stelle ich ihr Ferdi vor, der sie mit offenem Mund anstiert, was ich durchaus verstehe.

Linda ist Burlesque-Tänzerin und Fetischmodel, weshalb sie aussieht wie eine Mischung aus Dita von Teese und Bettie Page mit einem kräftigen Schuss Gothic. Und natürlich immer von Kopf bis Fuß perfekt gestylt… halt ein Gesamtkunstwerk. Ich durfte sie bereits mehrfach auf der Bühne bewundern, ey, das hat sogar mich angemacht, obwohl mir Frauen eigentlich schnuppe sind.

Vom S-Bahnhof ist es nicht mehr weit bis zu ihrer Wohnung.

„Einer kann auf der Couch schlafen… einen Schrank, der groß genug ist, um da jemanden unterzustellen, hab ich nicht. Wollt ihr Tee oder Kakao? Was zu essen?“

„Kakao trinken. Und was essen“, nicke ich.

Ferdi fühlt sich, glaub ich, etwas unwohl. Vielleicht ist er fremden Menschen gegenüber scheu, keine Ahnung.

„Also…“, beginnt sie, während wir Pizza essen, „was verschlägt euch nach Berlin?“

„Ferdi war noch nie hier, also dachte ich, zeig ich ihm mal was von der Stadt.“

„Du meinst, du willst den armen Kerl durch sämtliche Punkschuppen schleppen. Was anderes kennst du doch hier nicht.“

„Na ja, du könntest natürlich auch für uns strippen. Das gefällt ihm sicher“, grinse ich.

„Ich strippe nicht“, regt sie sich gleich auf.

„Entschuldige, du weißt schon, wie ich’s meinte.“

„Ich hab morgen ein Shooting und brauche meinen Schönheitsschlaf. Handtücher und so weiter sind im Bad, Decken und Kissen in der Truhe im Flur. Macht keinen Krach, sonst schmeiße ich euch raus. Nacht, Jungs.“ Sie küsst mich kurz auf den Mund und verschwindet ins Schlafzimmer.

Ich mache Ferdi die Couch kuschelig, weil er bestimmt zu gut erzogen ist, als dass er in einer fremden Wohnung in irgendwelchen Truhen kramen würde. Danach breite ich meinen Schlafsack auf dem Boden aus und… bin plötzlich total nicht mehr müde. Trotzdem ziehe ich langsam meinen Pullover aus, das T-Shirt und… Ferdi interessiert das einen Scheiß. Okay, steht er halt nicht auf mich. Wahrscheinlich hätte ihm Linda, die sich erotisch ihres spärlichen Burlesque-Outfits entledigt, doch besser gefallen. Muss ich wohl mit leben. Gibt Schlimmeres.

Morgen in B!’s dämliche Grinsefresse zu kucken beispielsweise.

Ferdi

Die Frau riecht seltsam. Das ist das erste, was mir auffällt. Irgendwie als trüge sie das Parfum meiner Großmutter. Und Schröder hat MICH gefragt, ob ICH ein Vampir bin. Ich hoffe, er hat bei der auch schon abgeklärt, dass sie kein Blut trinkt …

Und die Wohnung … schon wieder muss ich an meine Oma denken. Die Möbel, die nach ihrem Umzug ins Altenheim entsorgt wurden, waren diesen hier sehr ähnlich, nur nicht so gut erhalten. Ich komme mir ein bisschen so vor, als wäre ich ein paar Jahrzehnte zurück zeitgereist. Schröder scheint sich hier ziemlich zuhause zu fühlen. Ich frage mich, woher er diese Linda kennt. Sie hat ihn auf den Mund geküsst …

Er breitet eine Decke über die Retro-Couch aus, wirft ein Kissen drauf und bedeutet mir, dass das für mich ist. Ich bin so überrascht, dass ich mich hinlege und sogar von ihm zudecken lasse, weil er das so selbstverständlich tut, dass ich gar nicht auf die Idee komme, zu protestieren. Während er sich auszieht, fällt mir auf, dass ich noch meine Straßenklamotten trage. Egal. Wenn Schröder erst schläft, stehe ich sowieso wieder auf.

Er macht es sich mit seinem Schlafsack auf dem Boden gemütlich, keine zwei Meter von mir entfernt. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm die Couch wegnehme, wo ich doch eh nicht vorhabe, sie zu benutzen. Aber wenn ich ihm das sagen würde, kämen wieder diese nervigen Fragen …

Ich schiele zu ihm rüber, nur um festzustellen, dass er bei Weitem noch nicht schläft, sondern mich irgendwie erwartungsvoll anschaut.

„Was?“

„Ich bin noch nicht müde.“

„Wir müssen morgen früh raus. Um sieben sollten wir von hier los“, erinnere ich ihn.

„Soll ich meinen Handywecker stellen, oder willst du?“

„Warum hast du eigentlich ein Handy? Ist das nicht voll unauthentisch?“

„Ich bin ich, und das finde ich ziemlich authentisch.“

„Äh ja, ich bin auch ich, was is‘n das für ein Argument?“, frage ich provokant, weil ich glaube, einen Nerv getroffen zu haben.

„Wenn ich das Handy nicht gehabt hätte, dann dürften WIR BEIDE die Nacht heute draußen in der Kälte verbringen dürfen.“

„Und das wäre doch dann ECHT Punk gewesen, oder? Stattdessen machen wir uns hier in dieser bourgeoisen, gut beheizten Wohnung breit.“

„Du nennst Linda bourgeoise?!“, empört er sich.

„Und wie! Siehst du das Kristallgeschirr da auf der Anrichte? Weißt du, wie viel das gekostet hat?“

„Ja, 1920 vielleicht mal!“

„Trotzdem ist es immer noch ziemlich pompös. Nur weil sie mit ihrem Geschmack ein paar Jahrzehnte zu spät dran ist, ist das immer noch eine gut bürgerliche Stube.“

„Du spinnst ja wohl. Das nennt man STIL! Wenn hier wer bourgeoise ist, dann ja wohl du mit deinen teuren Klamotten und der Gelfrisur! Zupfst du dir nicht sogar die Augenbrauen?“

„Was hat denn Augenbrauen zupfen mit bourgeoise zu tun?“

„Ich wette, du duscht Minimum zweimal am Tag!“

„Das hat nichts mit bourgeoise zu tun, sondern mit Körperbewusstsein!“

„Das hat mit Angst vor der Natur zu tun! So kannst du dir vormachen, dass deine Scheiße nicht stinkt.“

„Wääääh, also echt!“

„Siehst du! Du hast ein total gestörtes Verhältnis zu deinem Körper! Das sind doch alles natürlich Prozesse“, erklärt er mir und schnäuzt sich nebenbei.

„Ach? Dass Rotz aus deiner Nase kommt doch auch! Und trotzdem lässt du nicht einfach laufen, sondern nimmst dir ein Taschentuch.“

„Hallo?! Das hat was mit Hygiene zu tun.“

Jetzt hab ich ihn!

„Ach, und duschen nicht?“, lache ich.

„Doch … aber“, stammelt er.

„Ich hab gewonnen.“

„Hast du nicht.“

„Oh doch.“

„Trotzdem … ich finde, die Strubbelfrisur steht dir viel besser als das, was du so fabrizierst.“

Irgendwie wird mir bei dem Kompliment, gepaart mit DEM Blick, ein bisschen warm …

Schröder

STRIKE! Ferdi wird doch tatsächlich ein bisschen rot. Hahaha…wie süß! Dennoch… Linda als bourgeoise zu bezeichnen, Mann, wenn die das gehört hätte, könnte Ferdi die Nacht draußen verbringen. Ich darf ja auch nicht einfach so gedankenlos sagen, dass sie strippt! Und überhaupt, mir vorzuwerfen, ich sei nicht authentisch oder Punk, nur weil ich ein Handy besitze… was bildet der sich ein? Findet er sich vielleicht authentisch, wenn er sich von B! sagen lässt, was er singen soll, damit er bei Leuten gut ankommt?

„Ich bin müde“, erkläre ich und knautsche mein Kissen zurecht.

„Auf einmal?“

„Was hast du denn gedacht? Dass ich dir die ganze Nacht sage, wie toll deine Haare sitzen, oder was?“

„Eigentlich schon. Wo doch mein Seelenheil einzig davon abhängt, ob dir meine Haare gefallen“, antwortet er und verdreht die Augen.

„Pennst du übrigens immer vollständig angezogen? Entschuldige, ich vergaß, du schläfst ja nicht.“

„Wieso? Möchtest du gerne, dass ich mich ausziehe?“, grinst er überheblich.

Blöder Arsch!!

„Is mir scheißegal. Aber wo du grad stehst… mach doch bitte das Licht aus, ja?“

„Fauler Sack“, murmelt er, steigt über mich hinweg, knipst das Licht aus und vergisst auch nicht, mir auf dem Weg zurück zur Couch kurz seinen Fuß in die Seite zu rammen. „Entschuldigung“, behauptet er vergnügt.

„Wie kommt es, dass du allein beim Casting warst und dich von fremden Leuten bejubeln lassen musstest? Hast du keine Freunde?“, frage ich nach einer Weile.

„Und du?“

„Ziemlich blöde Frage. Überleg mal, wo wir hier sind.“

„Trotzdem bist du allein in München gewesen. Und bei deiner Freundin hast du dich vorhin rausgeredet… von wegen Stadt zeigen und so. Darf wohl nicht wissen, dass du in Wirklichkeit so was Unpunkiges machst, mh?“

„Genau das. Und im Gegensatz zu dir habe ich es nicht nötig, andauernd irgendwelchen Fragen auszuweichen, was logischerweise nur einen Schluss zulässt… nämlich, dass du etwas zu verbergen hast.“

So, jetzt hab ich dich an den Eiern, Kleiner! Und du kannst nicht mal so tun, als wärst du grad eingeschlafen, weil du ja nicht schläfst… haha!

„Vielleicht meine ich, dass dich mein Privatleben einen Dreck angeht. Erzählst doch bestimmt auch nicht jedem, den du drei Tage kennst, deine gesamte Lebensgeschichte, oder?!“

Alles klar! Er hat etwas zu verbergen.

„Kommt drauf an.“

„Worauf?“

„Wie sehr mich dieser Jemand, den ich seit drei Tagen kenne, interessiert.“

„Fang bloß nicht schon wieder an“, warnt er.

„Hä?“, mache ich dümmlich.

„Spar dir diesen Schmusekätzchen-Ton.“

„Ferdi, du solltest dir mindestens einmal bei deinen unzähligen Duschen pro Tag die Ohren mitwaschen.“

„Danke, ich schreib’s mir auf, damit ich es nicht vergesse.“

„Am besten auf die Songliste, die du von B! gekriegt hast.“

„Wenn dich das so sehr stört, dann sag ihm doch, du möchtest auch eine.“

„Völlig witzlos. Ich komme eh nicht weiter. B! findet mich kacke, egal, was ich singe und wie gut.“

„Es sitzen noch zwei weitere Leute in der Jury“, stellt er fest und zwar in einem Tonfall, als wollte er… mich trösten oder aufmuntern oder so. Was’n plötzlich mit dem los?

„Stell dir mal vor, wir wären am Schluss zusammen in der Band.“

„Nee, also wir wollen ja nicht gleich übertreiben“, kichert er.

Ich muss wohl kurz danach eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen öffne, ist die Couch leer. Barfüßig tapse ich in die Küche. Ferdi steht am Fenster und glotzt auf den nächtlichen Hinterhof. Mir wird irgendwie warm und kribblig. Der Drang, jetzt einfach von hinten meine Arme um ihn zu schlingen, seinen Nacken zu küssen und mich an ihn zu schmiegen, ist wahnsinnig heftig. Das ist mir selber ein bisschen unheimlich. Normalerweise hege ich nicht so romantische Kuschelphantasien. Na ja, und der Ferdi würde mich sicher… keine Ahnung, wegen sexueller Belästigung verklagen oder so. Dann bräuchte ich Paps nicht mehr zu besuchen, sondern könnte mir mit ihm eine Zelle teilen.

Ferdi

Leider schläft Schröder ziemlich plötzlich ein. Zur Abwechslung war es mal ganz nett, mit jemandem zu reden, statt sich die Nächte mit Grübeleien um die Ohren zu schlagen. Und Gesang fällt heute auch flach, sonst schmeißt mich diese Linda vermutlich tatsächlich raus. Draußen höre ich das Geräusch von Blech auf Asphalt. Ich schleiche in die Küche, deren einziges Fenster auf den Hinterhof zeigt. Neben einem Container stehen ein paar alte Blechtonnen. Ist in diesem Haus denn alles von vor fünfzig Jahren? Die Katze, die sich am Abfall zu schaffen macht, sieht jedenfalls auch nicht mehr jung aus, soweit ich das von hier oben beurteilen kann. Was wohl aus Michis Kater geworden ist? Ich muss Martin bei Gelegenheit mal nach Nepomuk fragen. Das vergess ich bestimmt, besser, ich schreib es mir gleich auf. In meiner Hosentasche ertaste ich meinen Schmierzettel und den kleinen IKEA-Bleistift. Im hereinfallenden Schein der Hinterhoflampe ritze ich die Buchstaben mehr in das Blatt, als dass ich sie schreibe.

„NE-PO-MUK“, murmle ich vor mich hin.

„Sag mal, woher kennst’n du bitteschön meinen Namen?“

Erschrocken fahre ich herum und stelle fest, dass Schröder keinen Meter von mir entfernt steht.

„Boah, musst du dich so anschleichen?!“

„Pssst, willst du Linda aufwecken? Also, ich hab dich was gefragt.“

Er nimmt mir den Zettel aus der Hand.

„Hey, das ist privat!“

„Impfung, Weihnachtsgeschenk für Herrn Kolber, Sojasprossen, neue Unterwäsche Michi, Heizungsnachzahlung, Nepomuk“, liest er vor.

„Und, macht’s dich an, meine Erledigungsliste zu zitieren? Willst du vielleicht auch noch dran riechen?“, frage ich ihn mehr als säuerlich und reiße ihm den Wisch aus der Hand.

„Wer ist Herr Kolber?“

„Mein Vermieter.“

„Schleimer! Und überhaupt, ich dachte du wohnst noch bei deinen Eltern?“

„Falsch gedacht.“

Er wirkt fast ein bisschen verletzt. Ah, ich verstehe. Als er nach dem ersten Casting bei mir pennen wollte, hab ich behauptet, meine Eltern würden ihn nicht ins Haus lassen.

„Inzwischen würde ich dich jederzeit bei mir übernachten lassen, Schröder.“

„Jaja. Jetzt kannst du mich auch Nepomuk nennen. Aber nur wenn wir unter uns sind, klar?“

„Wie?!“, pruste ich los.

Er schaut mich verwirrt an.

„Na Nepomuk. Steht doch sogar auf deinem Zettel. Wobei mir echt schleierhaft ist, wie du’s rausgefunden hast …“

„Du heißt ernsthaft Nepomuk?!“ Ich kann es echt nicht glauben und kläre ihn auf:

„Nepomuk ist ein Kater! Ich hatte keine Ahnung, dass du so heißt. Du hast dich selber verraten.“

„Sowas bescheuertes! Wer nennt denn seinen Kater Nepomuk?!“

„Mein Freu… bester Freund. Michi. Mein bester Freund“, stammle ich, aber ich weiß, dass ich mich gerade verraten habe.

Verdammt!

„Für den du neue Unterwäsche besorgen willst? Also ICH hab meinem besten Freund noch nie Unter…“

„Hör auf“, schnappe ich, weil ich kurz davor bin, panisch zu werden.

Was, wenn er das jemandem von DSDMB steckt?! Oder sonstwem! Wie konnte mir das bloß passieren?! All die Jahre sind wir so vorsichtig gewesen, und jetzt posaune ich mein größtes Geheimnis einfach so raus! Einem wildfremden Punk!

„Ferdi … ?“

„Er … wir …“

„Schon verstanden“, erklärt er plötzlich sehr ernsthaft. „Von mir erfährt keiner auch nur ein Sterbenswörtchen.“

„Versprichst du das?“

„Großes Indianerehrenwort. Aber mal ehrlich, ich hab schon stark vermutet, dass du auf Jungs stehst …“

„Können wir bitte nicht darüber reden?“, bitte ich leise.

„Okay … dann … wollen wir uns wieder hinlegen?“

„Du kannst die Couch haben. Ich bleib noch eine Weile hier.“

„Bock auf Gesellschaft? Ich bin irgendwie gar nicht mehr müde …“

„Lieber nicht.“

Er lässt die Schultern hängen, aber geht zum Glück ohne weiter zu drängeln zurück ins Wohnzimmer. Ich schüttle ungläubig über mich selbst den Kopf. Warum hab ich nicht versucht, mich rauszureden? Warum hab ich nicht gelogen, genau wie sonst? Weil es bei Schröder anders ist. Er ist nicht der Typ Mensch, der vorschnell über andere urteilt. Im Gegensatz zu mir. Ich hab ihn nur einmal gesehen und gedacht, alles über ihn zu wissen …

Schröder

Völlig niedergeschmettert lege ich mich auf die Couch und kriege neben Lindas Parfum Ferdis Geruch in die Nüstern. Hab ich vielleicht bessere Karten, wo ich sein Geheimnis kenne? Eben. Wenn man schon für seinen Freund Unterwäsche kauft… wahrscheinlich sind die beiden so gut wie verheiratet und ich bin nicht skrupellos genug, um mich in eine Beziehung zu drängen. Okay, bei jedem anderen Typen wäre es mir vermutlich egal, aber Ferdi ist halt keiner, den man mal eben verführt und danach nie wieder anruft. Außerdem kann er aus irgendwelchen Gründen nicht dazu stehen, dass er schwul ist. So was ist mir eigentlich zuwider. Nicht, dass ich damit total hausieren gehe, aber mir ist es eben auch nicht peinlich oder unangenehm. Wie panisch Ferdi geworden ist. Dachte der, ich würde sofort losrennen und es jedem erzählen?

Am nächsten Morgen bin ich dermaßen unausgeschlafen, dass ich ernsthaft überlege, DSDMB sausen zu lassen. Leider drängelt der Ferdi, dass wir los müssen. Also wecke ich Linda, um mich zu verabschieden, die sich gleich danach wieder in ihre Bettdecke kuschelt.

Mit der S-Bahn geht’s zurück zur Messe, wo wir uns mit Sophie und Leon treffen.

„Wie schön, ihr habt euch endlich angefreundet“, bemerkt sie.

„Das täuscht“, antworten Ferdi und ich synchron.

„Aber habt ihr die Nacht zusammen verbracht… äh… ich meine, ihr…“

„Wir sind bei einer Freundin von mir untergekommen“, fasele ich und gebe Ferdi somit die Möglichkeit, sich wieder zu beruhigen. Der ist nämlich bei Sophies Satz reichlich blass um die Nase geworden.

„Sollten wir nicht langsam die Halle suchen?“, fragt Leon in die Runde.

„Genau“, findet Sophie, die offensichtlich schlimme Drogen genommen hat. Anders ist ihr Elan am frühen Morgen nicht zu erklären.

Scheiße, ich hab mir nicht eine Sekunde überlegt, was ich heute singen soll. Na, das kann ja heiter werden. Vielleicht lässt Ferdi mich ja mal kurz auf seine Liste kucken?! Nee, ich mache lieber was Eigenes. Ein bisschen schmalzig wäre gut. Ein Liebeslied. Erwarten die sicher nicht von mir.

In der Halle tummeln sich erschreckend viele Kandidaten. Natürlich längst nicht so viele, wie in den Vorrunden, aber trotzdem. Jetzt wird es echt eng. Ich weiß selber, dass meine Stimme nicht so überirdisch toll ist. B! hasst mich. Verdammt! Was, wenn es hier tatsächlich für mich zu Ende ist?!

Übrigens läuft es heute etwas anders ab. In der Halle ist eine Bühne aufgebaut, davor wird die Jury sitzen. Und erst wenn alle Kandidaten gesungen haben, wird verkündet, wer ins Trainingslager darf und wer nicht. Außerdem werden wir vorher noch in Gruppen eingeteilt. Sophie, Ferdi, ich und zwei weitere Kandidaten sind in der zweiten Gruppe. Die erste Gruppe ist bereits hinter die Bühne verschwunden.

„Ich hab so Magenschmerzen“, jammert Sophie. „ich kotze sicher in hohem Bogen auf die Jury herab.“

„Das wär doch mal was“, grinse ich.

Ferdi geht konzentriert seinen Text durch. Ich probiere, durch Autogenes Training ruhiger zu werden, was allerdings null klappt, denn ich glaube eh nicht an esoterischen Scheiß.

Leon flößt seiner Freundin Wasser ein. Die beiden anderen scheinen sich zu kennen, die bleiben nämlich für sich.

Nach einer Weile kommt die erste Gruppe zurück. Die Gesichter verheißen nix Gutes.

Okay, dann mal los.

Sophie ist zuerst dran.

„Immer ich“, murmelt sie und drückt Ferdi und mich.

„Nervös?“, frage ich ihn.

„Kein bisschen.“

„Angeber.“

Sophies Stimme ist… phantastisch. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Die Jury bedankt sich, nachdem sie fertig ist. Das war’s.

Jetzt ist der fremde Junge dran. Aua, der versemmelt’s. Das fremde Mädchen hingegen singt relativ souverän. Ich bin der Nächste.

„Hallo“, grüße ich und blinzele ins Scheinwerferlicht.

„Schröder“, antwortet der Plattenfuzzi. „Leg los.“

„Äh… ich singe My Soul Is On Fire.“

„Kenn ich nicht“, bölkt B!, „von wem ist das?“

„Weiß ich nicht, aber das ist auf dem Soundtrack zum Film ’Die fetten Jahre sind vorbei’.“

„Mach mal“, fordert Cosima freundlich, „das ist eine schöne Nummer. Bin gespannt, wie du’s hinkriegst.“

Ich mache also und… na ja, wenigstens klingt es bei mir genauso schief wie das Original. Mit Gitarre oder irgendeiner Instrumentenbegleitung hätte ich’s wahrscheinlich besser hingekriegt.

„Danke“, behauptet B!, „schick den Ferdi, damit sich meine Ohren erholen können.“

Wie ein begossener Pudel schleiche ich zurück.

„Das war nicht so schlecht“, muntert Ferdi mich auf. „Besser als der Typ auf der CD.“

„Viel Glück“, wünsche ich.

Ey, Ferdis Gesang ist der Hammer! Ehrlich, ich krieg fast ’ne Latte, so geil hört der sich an.

Dazu noch seine hübsche Visage… der kommt sicher weiter. Ganz sicher. Ganz, ganz sicher!

Die Zeit bis zur endgültigen Entscheidung kriege ich kaum mit, weil ich mich in Gedanken bereits von DSDMB verabschiede. Außerdem hab ich heimlich ’ne Valium genommen, die ich meiner Mutter geklaut hatte. Wow… das Zeug haut rein. Ich bin entspannt wie Hulle und fühle mich wie in Watte gehüllt. Alles ist mir plötzlich herrlich egal. Ich penne sogar mal kurz weg. Oder auch länger. Was weiß ich.

Jedenfalls rüttelt Sophie irgendwann an mir herum.

„Wie kannst du JETZT schlafen? Du bist doch kein normaler Mensch, Schröder!“

Mühsam rappele ich mich hoch. „Die letzte Nacht war anstrengend“, verteidige ich mich. „Ferdi war so nervös, dass er nicht pennen konnte“, füge ich hinzu, weil der schon wieder so entsetzt kuckt. Mann, wenn ich jetzt bei jedem Satz dermaßen aufpassen muss, dass der nicht irgendwie zweideutig zu verstehen ist, gehe ich nach Hause!

„Wir sollen auf die Bühne“, erklärt sie und hakt sich bei uns beiden ein. „Drückt uns die Daumen, Jungs.“

Da stehen wir dann also, alle fünf in einer Reihe.

„Sophie“, beginnt der Fuzzi, „hast dich mächtig gesteigert. Tolle Songwahl, tolle Stimme… wir wären schön blöd, wenn wir dich nach Hause schicken würden.“

Sie kreischt und jubelt wie bekloppt, was die Kamera gierig einfängt.

„Alexander, für dich hat’s heute leider nicht gereicht“, erklärt Cosima knapp.

„Schröder“, lächelt B! gemein, „es tut mir sehr leid, aber… durchmogeln reicht eben ab diesem Punkt nicht mehr.“

„Ich bin raus?“, frage ich blöde.

„Es ist so“, sagt der Fuzzi, „dass, im Gegensatz zu den Vorrunden, unsere Entscheidung einstimmig sein muss. Das war bei dir nicht der Fall, was ich persönlich schade finde.“

Ich kann mir vorstellen, wer gegen mich gewesen ist.

Sophie schüttelt fassungslos den Kopf.

„Ferdi und Natascha, ihr seid natürlich weiter“, labert B!.

Ferdi

Eigentlich sollte ich erleichtert sein, oder? Nach allem, was ich Schröder letzte Nacht wissen hab lassen … Aber ich bin ein wenig enttäuscht. Ich gewöhne mich immer so schnell an Menschen, und mag es nicht, wenn sie dann plötzlich wieder weg sind … Naja, Sophie bleibt mir ja erhalten. Sie umarmt Schröder mitfühlend, wobei ich das gar nicht so angebracht finde, denn ihm scheint sein Rausschmiss gar nicht so viel auszumachen. Trotzdem deutet er mir an, dass er gefälligst auch von mir eine Tröstumarmung haben will. So kumpelhaft wie möglich geb ich sie ihm, schließlich sind hier Kameras, was ich zwischendurch schon total vergessen habe. Hoffentlich hab ich mich nicht an der Nase gekratzt oder irgendsowas peinliches …

„Na, alles noch dran?“, fragt mich B! mit gerümpfter Nase, als Schröder von mir abgelassen hat. „Willst du duschen gehen?“, giggelt er.

Schröder wirft ihm im Gehen noch einen Todesblick zu, völlig zu Recht.

„Schröder riecht gut. Hat sich heute Morgen scheinbar an meinem Rasierwasser vergangen“, versuche ich die Situation irgendwie witzig enden zu lassen, ernte allerdings nur peinliche Stille.

„Aaaalso, Natascha, Sophie, Ferdi“, rettet mich Cosima „auf euch wartet heute Nachmittag noch eine weitere Aufgabe, bevor ihr euch endgültig für den Workshop qualifiziert. Was genau das sein wird, verraten wir euch, wenn wir alle Entscheidungen verkündet haben. Wartet bitte in der Nähe.“

Sophie hopst ihrem Leon in die Arme, während Schröder nun doch etwas betrübt seine Taschen zusammensucht.

„ Hey, nimms nicht so schwer. Die nächste Staffel kommt bestimmt …“, versuche ich ihn zu trösten.

„Ach scheiß auf die nächste Staffel. Der Vollspack gehört nun mal leider zum Inventar, da hab ich nie ne Chance …“

„Hätte ich irgendwie mehr kontern sollen oder so? Ich meine, dass er im Fernsehen behauptet, du stinkst …“

„Und dann? Dann hätte er dich auch noch auf’m Kieker. Das war schon okay. Und ich hab mich ja echt an deinem Rasierwasser bedient, heut Morgen. Du riechst immer so gut …“

„Michi hat mir das letztes Weihnachten geschenkt, muss sogar recht teuer sein, keine Ahnung …“

„Ah … naja, ich werd dann mal …“

„Schröder?!“, kreischt Sophie. „Wo willst’n du hin?“

„Heim, was glaubst du denn?“

„Jetzt wart doch mal! Hast du’s nicht gehört? Es gibt noch ne Runde vorm Trainingslager. Wenn ich da rausflieg, dann kannst doch wieder mit uns heimfahren!“

„Du fliegst aber nicht raus.“

Sie lacht auf.

„Hast du dich hier mal umgesehen? Die Frauen sehen alle aus wie Models! Und viel zu viele sind es auch. Du glaubst doch nicht, dass die mit hundert Leuten sonstwohin fliegen, oder? Vierzig maximal, da wird also noch gut aussortiert, heute Nachmittag.“

„Das sind ja rosige Aussichten“, murre ich. „Ich geh mal ein Telefon suchen. Du musst also mindestens bleiben, bis ich wieder da bin, Schröder, ja?“

„Naaaa gut, aber mach hinne. Ewig lunger ich hier nicht rum, nur um anderen beim trällern zuzuhören …“

Ich finde ein Kartentelefon und wähle die Stationsnummer, frage höflich, ob ich kurz mit Michi sprechen kann, bekomme eine genauso höfliche Abfuhr und gehe schlecht gelaunt zu den anderen zurück. Schröder spielt inzwischen mit seiner Gitarre den Alleinunterhalter für ein paar Fremde und Sophie. Na der hat sich ja schnell wieder gefangen. Ich höre meinen Magen knurren und erinnere mich dran, dass wir heute noch nichts gegessen haben. Irgendwo hab ich doch noch einen Müsliriegel …

Als der aufgegessen ist, wird gerade die elfte Gruppe zur Entscheidung aufgerufen. Ganz vorne an der Bühne hinter der Jury scheinen ein paar Leute mitzufiebern, ansonsten ist jeder hier mit sich selbst beschäftigt. Schröder grölt irgendwas von den Hosen und erntet Beifall. Sogar eine Kamera schleicht sich von hinten an ihn an. Tja, zu dumm, dass B! ihn rausgeworfen hat, nur weil ihm seine Aufmachung nicht gefällt.

Endlich werden alle verbliebenen Kandidaten auf die Bühne gebeten. Und Sophie hat recht, das sind definitiv noch zu viele. Als könnte er meine Gedanken lesen, verkündet Markus Liebherr:

„Schaut euch die Leute links und rechts von euch gut an. Weil statistisch gesehen werdet ihr sie heute Abend das letzte Mal sehen. Die Hälfte von euch wird nicht mit ins Trainingscamp fliegen.“

Schröder

Jau, und zu exakt der Hälfte gehöre ich. Als wäre das nicht ätzend genug, soll ich auch noch auf Sophie warten, weil sie meint, nicht weiter zu kommen und auf der Rückfahrt wahrscheinlich Trost von einem ebenfalls Geflogenen braucht. Das wird natürlich nicht passieren, weshalb ich ganz umsonst warten werde und mir die glücklichen Workshopteilnehmerfressen ankucken darf. Bin ich nicht zu beneiden?!

Immerhin hat es B! mit seiner Gegenstimme geschafft, dass Ferdi mich umarmt. Wow… bei mir hat’s da schon wieder mächtig geblitzt. Obwohl die Umarmung eher in die Kategorie „Steril“ einzuordnen ist. Viel Gefühl kam dabei nicht rüber. Aber wieso sollte auch? Bloß weil er zufällig auf Jungs steht und ich ebenfalls? Mich würde interessieren, was sein Freund dazu sagt, dass Ferdi vermutlich wochenlang wegbleiben wird. Ich würde ihn jedenfalls nicht so einfach gehen lassen. Was, wenn er sich im Workshop plötzlich in wen anders verliebt, oder? Na ja, das ist alles nicht mein Bier, das muss der Michi selber wissen.

Bier ist übrigens ein verdammt gutes Stichwort!

Meinen Krempel lasse ich einstweilen in der Halle. Wird schon Keiner klauen. Dann mache ich mich auf die Suche nach einem Kiosk, kaufe ein paar Flaschen Bier, setze mich, wie sich das für einen stinkenden Punkpenner gehört, auf eine S-Bahn-Wartehäuschen-Bank und gebe mir die Kante.

Alleine saufen ist eine gefährliche Angelegenheit. Geselliges Saufen, also das ist lustig und Spaß und so. Aber wenn man alleine trinkt, fängt man unweigerlich das Grübeln an, womit man sich doppelt verarscht, weil man ja eigentlich nur aus einem einzigen Grund alleine trinkt: nämlich, um zu vergessen, was man für ein gottverdammter Loser ist!

Ich hab’s echt verpatzt. Dass B! mich für Abschaum hält, hat sicher mit reingespielt, allerdings war ich heute wirklich grottenschlecht. Vielleicht hatte die alte Gesichtsbaracke doch Recht. Wenn man mir die Gitarre wegnimmt, bin ich aufgeschmissen. Außerdem neige ich manchmal zum Größenwahn, weil ich meine, so was Uncooles wie Gesangsunterricht und Einsingen nicht zu brauchen. Ey, sogar ein Campino singt sich nach seinem Stimmbandanriss vor Konzerten ein. Und der ist ja wohl immer noch eine der coolsten Gestalten unter der Sonne! Aber für mich gelten solche Regeln ja nicht. Ich bin schließlich Mr. Großkotz, der alles mit links schafft. Tja, sieht man jetzt, wo ich damit gelandet bin. Auf einer S-Bahn-Wartehäuschen-Bank mit ’ner Pulle Bier am Hals. Super, Schröder, bist ein richtiger Held!!

Nachdem ich mich selber genug bejammert habe, drängen meine Gedanken in Richtung Ferdi. Der muss auch ein scheiß Leben haben, wenn er nicht sagen darf, dass er schwul ist.

Wenigstens hat er Jemanden, der ihm den Schwanz lutscht. Oh, nee, sicher machen die so was Ordinäres nicht, weil die sich total lieben. Sicher ficken die nicht, sondern schlafen miteinander. Und wenn sie damit fertig sind, wird ausgiebig gekuschelt. Möglicherweise ist das der Grund, weswegen Ferdi nicht schläft. Bestimmt kann er nur romantisch in den Armen seines Freundes einschlafen. Ekelhaft. Wäre ich der Freund, würde ich ihm die Haare aus dem Gesicht streichen, mit dem Finger seine Brauen nachzeichnen, seine Lippen… und ihn morgens mit einem sanften Kuss wecken. Ferdi würde schlaftrunken lächeln, seine Arme um mich schlingen und… dann würden wir es treiben wie die Straßenköter!

Oha, ich bin reichlich angeschickert als ich in die Halle zurück komme. Den ganzen Tag nichts gegessen, dazu noch Valium… da steigt einem der Alkohol gleich in den Schädel.

„Schröder“, kreischt Ferdi mädchenhaft hysterisch, „wo zum Teufel warst du? Ich suche schon ewig nach dir.“

„Na, dann haste mich ja jetzt gefunden, Babe“, grinse ich beduselt.

„Hör mit dem Quatsch auf. Ich brauche dich… und deine Gitarre.“

„Wie bitte?“, frage ich genervt.

„Also der Typ, mit dem ich singen soll, Mann, der kann keinen Ton halten. Trifft auch kaum einen.“

Gott, was will der von mir? Typ, Gitarre, Ton…??

„Wir sollen vorm Workshop, also vor der Entscheidung, ein Lied einüben. Zu zweit, verstehst du?“

„Wieso wir? Ich bin rausgeflogen, schon vergessen?“

„Nicht wir. Der Typ und ich. Kannst du Easy spielen? Von Lionel Richie?“

„Nee“, sage ich.

„Fuck“, zischt er.

„Aber von Faith No More“, lache ich mich kaputt.

Ferdi sieht aus, als würde ihm augenblicklich der Geduldsfaden reißen. Sehr süß! Auf einmal beschnüffelt er mich argwöhnisch. „Sag mal… hast du… getrunken?“

„Ja, aber nur ein bisschen. Kein Grund zur Panik. Ich spiele besoffen wie ein junger Gott.“

„Ich dreh gleich durch… okay, was soll’s?! Würdest du mir bitte, bitte helfen? Der Typ kennt das Lied nicht und…“

„Kann keinen Ton halten.“

„Woher weißt du… ach so, das hab ich ja eben gesagt. Jetzt komm endlich“, drängelt er niedlich verwirrt und schubst mich zu meinem Krempel.

Ich packe meine Gitarre aus und stimme sie halbwegs, während Ferdi den Typen holt.

Ach du Kacke, ist das ein Schnösel. Marke Boyband. Logisch, dass der nicht gescheit singen kann.

Gekonnt klimpere ich die ersten Akkorde und kriege Magenschmerzen. Der Typ bringt’s echt nicht. Ferdi hingegen… na ja, er ist toll.

„Easy like Sunday morning… LIKE nicht ON… Junge, was ist daran so schwer, hä?“, brüllt er plötzlich. „Wenn ich deinetwegen rausfliege…“

„Ist halt ein doofer Song“, versucht sich der Backstreet Boy rauszureden.

„Der Song ist hier nicht das Problem“, finde ich.

„Außerdem bringt mich deine verstimmte Gitarre immer raus.“

„Wenn ich euch nicht begleiten würde, könnte man dein schiefes Gejaule natürlich noch besser hören“, nicke ich.

Der arme Ferdi rauft sich verstohlen die Haare.

„Mach dir keinen Kopf. Die Jury kriegt doch mit, wer falsch singt und dass das nicht du bist. Hey, und der B! findet dich super, das ist ein totaler Pluspunkt.“

„Ich singe nicht falsch“, krakeelt der Backstreet Boy. „Das muss ich mir von einem, der rausgeflogen ist, nicht sagen lassen. Übrigens hab ich jetzt genug geübt“, verkündet er und geht einfach.

Wir können ihm nur noch fassungslos nachstarren.

„Na toll. Und jetzt?“

„Üben wir zusammen, damit es wenigstens bei dir gleich Hundertpro klappt“, zucke ich die Schultern.

„Hoffentlich taucht der Arsch wieder auf, sonst stehe ich da alleine rum“, murmelt Ferdi, als wir mit der Überei durch sind. „Danke, für deine Hilfe, das war echt sü… super nett von dir.“

„Jaja, bin ein richtiger Nettigkeitsbolzen. Ich drück dir übrigens nicht die Daumen. Ist nämlich unnötig, weil du’s eh schaffst.“

„Mal sehen. Ich glaub, ich muss jetzt… bis später.“

Soundsoviele Minuten später kommt er hektisch zurück.

„Und?“, frage ich.

Sein Daumen zeigt nach unten, aber dann lächelt er. „Also… der Olaf hat’s natürlich total versiebt, aber ich hab die Jury bequatscht, was wirklich ein hartes Stück Arbeit war, und… jetzt darf ich’s mit dir machen.“

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass meine Phantasie in sehr schmutzige Gefilde abdriftet, oder?! Ferdi muss mir das irgendwie ansehen, denn er wird ein bisschen rot und verdreht die Augen.

„Ich meinte das Lied, Schröder. Ich darf es mit dir singen. Allerdings nur, wenn wir uns BEEILEN!“

„Dann los“, rufe ich unternehmungslustig.

„Warte.“ Er kramt aus seiner Tasche ein kleines Tübchen oder Fläschchen. „Mund auf.“

„Hä?“

„Mach den Mund auf, du hast eine Fahne bis zum Nordpol“, erklärt er und sprüht mir Atemfrisch in den Rachen.

„Ich war dagegen“, informiert mich B!, „aber der Ferdi hat uns echt ein Ohr abgekaut und ehrlich gesagt bin ich jetzt doch ein bisschen gespannt, ob er das mit dir besser hinbekommt.

Vorstellen kann ich’s mir nicht.“

Cool, das nenne ich Motivation!

„Und wenn er das mit mir besser hinbekommt… bin ich dann auch weiter? Sonst gehe ich nämlich sofort nach Hause“, behaupte ich.

„Da haste dir einen feinen Freund ausgesucht“, schüttelt B! den Kopf.

„Jeder muss halt sehen, wo er bleibt“, entgegne ich lässig.

Dass Ferdi mein Gelaber ziemlich anpisst, nehme ich in Kauf. Er würde an meiner Stelle auch alles versuchen!

„Da du in der letzten Runde bereits zwei Stimmen hattest“, mischt sich der Plattenfuzzi ein, „ist das hier jetzt noch mal deine Chance, ALLE zu überzeugen.“

Das Lied klappt wie am Schnürchen. Zwar nicht ganz so gut wie beim Proben, aber sicher bin ich um Längen besser als das, was der Backstreet-Olaf vermutlich fabriziert hat.

„Toll“, findet Cosima.

„Da kam echt was rüber“, nickt der Fuzzi.

„Ja, und bei mir ausnahmsweise mal kein Brechreiz“, brabbelt B!. „Also, Ferdi, du bist sowieso weiter. Und es hat mir auch gefallen, wie du dich für den kleinen Freak da oben eingesetzt hast. Meinetwegen… dreimal Ja für euch beide.“

Ob der sich ebenfalls heimlich einen gesoffen hat?!

„Danke“, strahlt Ferdi und… umarmt mich aus Versehen vor lauter Freude.

Ferdi

Das war so ungefähr der stressigste Nachmittag des Jahrtausends! Schon als dieser Olaf-Kerl mir zugeteilt wurde, wusste ich, dass es schlimm werden konnte, aber DAS! So viel Selbstbewusstsein und so wenig dahinter! Da konnten auch seine Markenklamotten und die perfekt sitzende Frisur nicht drüber hinwegtäuschen. Was mich daran wirklich gestört hat, war, dass B! sowas erklärt hat, wie dass ähnliche Typen im direkten Vergleich gegeneinander antreten werden. Komme ich wirklich rüber wie DER?! Ich mein, klar, ich trage ebenfalls ein nicht ganz billiges Hemd, aus dem einfachen Grund, weil es Michi gehört und ich so wenigstens ein Stück von ihm bei mir habe … aber nur an den Klamotten kann das doch wohl nicht liegen, oder?

Auch der Song hat mir von Anfang an Sorgen gemacht, weil das Timing da total schwer zu halten ist und er ohne Background auch eigentlich nicht so viel hermacht. Naja, aber ich hab mich halt der Herausforderung gestellt und … festgestellt, dass dieser Olaf eine absolute Nullnummer ist. Wenigstens hat uns ein anderer Kandidat auf seinem tragbaren Minikeyboard kurz die Melodie vorgespielt, die Olaf, wie er behauptete, noch nie im Leben gehört hatte. Hört der Mann denn kein Radio?! Als er dann meine hohen Töne lachenderweise auch noch als Eunuchengesang bezeichnet hat, war ich echt kurz davor, das erste Mal im Leben handgreiflich zu werden. Bis mir was Besseres einfiel: Schröder!

Und jetzt stehe ich hier mit ihm auf der Bühne und hab es tatsächlich in das Trainingslager geschafft! Schröder hat mir heute den Arsch gerettet, das werde ich ihm nicht so schnell vergessen. Und irgendwie find ich es ja auch ganz nett, wie er ständig versucht, mich anzugraben. Ich glaub, so richtig ernst meint er das auch gar nicht, das ist eben seine Art …

Wir geben für die Kamera noch ein Statement ab, in dem ich nochmal betone, dass ich das alles Schröder verdanke und er es ja sowas von verdient hat, ins Trainingslager mitkommen zu dürfen.

Danach sacke ich erst mal ein wenig ab. Schröder ist los um Sophie zu suchen, die immer noch irgendwo mit ihrer asiatischen, etwas fülligeren Partnerin übt, und ich versuche noch mal, bei Michi anzurufen. Aber leider sei grad Physiotherapiezeit, ich soll es doch in ein oder besser zwei Stunden noch mal versuchen. Ja was weiß ich, wo ich in zwei Stunden bin?!

Sollte ich meinen Eltern Bescheid sagen, dass ich ein paar Wochen weg bin? Aber wozu? Die merken das doch gar nicht … und die Uni? Naja, bis zur Klausurenzeit ist noch lange hin, das passt schon. Wo wir wohl hinfliegen? Mir fällt da etwas ein: Ich habe gar keinen gültigen Reisepass! Ohjeh, das sag ich besser mal einem Crewmitglied. Die schwirren hier eh ständig vorbei.

„Entschuldigung?“

„Hm?“

„Wegen dem Trainingslager, also … findet das in einem Nicht-EU-Land statt? Weil ich hab keinen Reisepass und …“

„Das ist schlecht. Aber da wirst du nicht der Einzige sein. Wende dich an eine der Damen in Blau, die sind für den Reisekram zuständig.“

„Alles klar, danke.“

Na dann such ich doch gleich mal so eine Frau. Wobei, halt. Schröder sieht nicht so aus, als wäre er im Besitz eines Reisepasses. Vielleicht irre ich mich auch. Bei dem wundert mich inzwischen gar nichts mehr.

Ich suche ihn und finde nicht nur ihn, sondern noch eine Gruppe seltsamer Gestalten. Also … naja, eine Frau mit Rastazöpfchen bis zum Po, einen zu groß geratenen Schwarzen, der die Frisur von Dennis Rodman kopiert zu haben scheint und ein klapperdünnes Emomädchen mit schwarzen Fransen vorm Gesicht. Ich muss mich korrigieren. Das ist ein Emojunge! Schröder stellt ihn nämlich als Paolo vor. Und Paolo glubscht Schröder dabei total verklärt an. Alles klar, Nepomuk hat einen Fan.

„Seid ihr alle im Trainingslager dabei?“

Einstimmiges Nicken. Na die gesprächigsten Menschen hat Schröder da nicht gerade um sich geschart, aber schließlich redet er locker genug für vier.

„Habt ihr alle einen gültigen Reisepass?“

Wieder einstimmiges Nicken, nur Schröder schaut mich an, als würde ich spinnen.

„Was soll ICH denn mit nem Reisepass?“

„Ins Trainingslager fliegen zum Beispiel“, kläre ich ihn auf.

„Sag bloß, die wollen den Wisch?“

„Japp. Aber keine Sorge, die Damen in Blau kümmern sich drum.“

„Hä?“

„Die Damen in … ach vergiss es, komm einfach mit. Hast du Sophie übrigens gefunden?“

„Wie vom Erdboden verschluckt.“

„Seltsam.“

Er krallt sich meine Hand und zieht sich daran hoch. Der Emo-Hermaphrodit schenkt mir dafür den Todesblick.

„Naaaaaa?“, frage ich Schröder albern grinsend, als wir außer Hörweite sind.

„Was ‚naaaa‘?“, äfft er mich nach.

„Der Paolo ist süß, was?“

„Der ist vor allem ungefähr zehn.“

„Quatsch! Unter sechzehn dürfte er gar nicht mitmachen. Und so alt bist du doch auch noch gar nicht, oder, Nepomuk?“

„Mhm, also, wenn du eine Dame in Blau wärst, wo würdest du dich rumtreiben?“

Ich grinse ihn spottend an und deute Richtung Vorhalle, wo gerade ein Riesenbuffet aufgebaut wird. Schröder ist so schnell bei den Würstchen im Schlafrock, dass ich gar nicht dazu komme, ihm vorzuschreiben, dass wir jetzt erst mal gefälligst das mit den Papieren regeln. Toll!

„Schmeckt’s?“, frage ich genervt, als ich bei ihm ankomme.

„Mmmmmh! Hast du was gegessen? Ich den ganzen Tag nicht.“

„Bier soll ja sehr nahrhaft sein, hab ich gehört.“

„Hey! Wenn du rausgeflogen wärst, hättest du dir auch einen genehmigt. Und jetzt iss was. Du bist zu dünn!“, posaunt er durch die Gegend.

„Geh doch lieber dem Paolo-Klappergestell Kalorien einflößen. Ich esse abends keine Kohlehydrate. Die Pizza von gestern war genug für eine Woche.“

„Du spinnst doch“, mampft er.

Schröder

„Überhaupt nicht. Ich achte halt ein bisschen auf meinen Körper. Und auf meine Gesundheit“, behauptet Ferdi.

„Okay, also du schläfst nicht, du isst nicht… was tust du eigentlich?“

„Eine Dame in Blau suchen. Kommst du jetzt mit, oder was?“

„Ja, verdammt.“

Minuten später wissen wir, dass es morgen schon ganz früh mit irgendeinem Flieger nach irgendwohin geht. Das Ziel ist eine Überraschung, oder so, das wird uns erst morgen mitgeteilt. Ein Affentheater machen die hier… sagenhaft. Jedenfalls müssen wir noch ein paar Wische ausfüllen, wobei ich mitkriege, dass der Ferdi mit Nachnamen Fuchseder heißt. Ferdinand Fuchseder… also DIE Eltern, die ihr Kind mit solch einem Namen gestraft haben, möchte ich gerne mal kennenlernen. Die sind doch sicher dauerbreit!

Als der Papierkram erledigt ist, teilt man uns mit, dass wir für die Nacht in ein Hotel einquartiert werden. Cool! Endlich ein schönes, weiches Kuschelbett. Inzwischen ist übrigens auch Sophie wieder aufgetaucht, die so breit grinst, dass man gar nicht erst fragen muss, ob sie weiter ist. Im Schlepptau hat sie eine pummelige Asiatin.

„Das ist Yoko.“

„Geil… wie die Frau vom Lennon, mh? Meereskind“, grinse ich begeistert.

„Genau“, nickt Yoko und lächelt scheu.

Ich lieb die Frau, die ist voll süß!

„Hast du dich schon von Leon verabschiedet?“, fragt Ferdi.

„Hör bloß auf“, murmelt sie bedröppelt. „Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, so lange ohne ihn zu sein.“

„Wir muntern dich auf, keine Sorge“, verspreche ich.

„Schrööööder“, kreischt es plötzlich hinter mir. „Gehen wir zusammen aufs Zimmer?“

Das klang nicht wirklich wie eine Frage. Lecker ist der kleine Emo-Paolo ja schon, aber ich will mich echt nicht strafbar machen.

„Die Zimmerverteilung ist festgelegt“, antwortet Ferdi, bevor ich den Mund aufmachen kann. „Schröder muss mit mir… äh, also wir sollen zusammen in ein Zimmer.“

„Tatsächlich?“, wispere ich.

„Der ist ungefähr zehn, ja?“, wispert er zurück.

„Sechzehn, mindestens.“

Paolo kuckt, als wollte er Ferdi dringend töten.

„Tja, festgelegt ist festgelegt“, zucke ich entschuldigend die Schultern.

Mit dem Bus werden wir schließlich ins Hotel gekarrt. Gott sei Dank, ich bin fix und fertig. Das Zimmer ist mäßig luxuriös, aber natürlich immer noch hundertmal bequemer als Lindas Boden oder Lindas Couch. Die Betten stehen für meinen Geschmack etwas zu weit auseinander. Dachte, ich könnte nachher vielleicht ein bisschen mit Ferdi kuscheln. Na ja, es war ein schöner Traum!

Ich lasse mich auf die weiche Bettdecke fallen, während Ferdi fein säuberlich seine Taschen an der Wand aufreiht… und meine gleich mit.

„Okay, also warum?“

„Warum was?“

„Warum wolltest du unbedingt mit mir in ein Zimmer?“

„Weil ich keinen Bock hab, mit irgendeinem fremden Spacken, der schnarcht, zu nächtigen.“

„Du pennst doch eh wieder nicht, also kann’s dir egal sein.“

„Na und? Ich will aber wenigstens meine Ruhe haben.“

„Verstehe.“

„Ja. Ich gehe duschen.“

„Darf ich bitte mit?“

Fragen schadet bekanntlich nicht.

„Du hast wohl den Arsch auf“, schüttelt er den Kopf und verschwindet ins Bad.

„Paolo hätte mit Sicherheit ja gesagt“, brülle ich ihm hinterher.

Supi… hier gibt’s eine Minibar und die DSDMB-Leute haben dem Hotelpersonal vergessen zu sagen, dass sie die Alkfläschchen aussortieren sollen. Ich genehmige mir etwas Hochprozentiges. Hab ja vorhin was gegessen, also schadet’s nicht.

„Meine Güte, hast du immer noch nicht genug?“

„Noch nicht annähernd“, japse ich, weil Ferdi halbnackt durchs Zimmer schlendert und seine Haare nass sind und… Mann, wann hab ich eigentlich das letzte Mal gevögelt? Ist ewig her.

„Wenn wir erst mal im Trainingslager sind, kannst du deine Sauferei sowieso knicken. Die schmeißen dich sofort raus“, bemerkt er und zieht sich frische Klamotten an.

„Du machst das extra, oder?“

„Wie bitte?“

„Vergiss es, Fuchseder.“

Ach du Scheiße, der hat einen Föhn dabei. Wieso wundert mich das?!

„Hab ich bereits, Nepomuk“, krakeelt er aus dem Bad.

„Brezelst du dich abends immer so auf, obwohl du nirgends hingehst?“, will ich wissen, als er sein Beautyprogramm beendet hat.

„Ich fühle mich so schmockig halt nicht wohl.“

„Du meinst, so schmockig wie ich.“

„Nein, so schmockig wie ich mich eben gefühlt habe.“

„Ich bin scharf auf dich“, plappert es, eher ungewollt, aus meinem Mund.

„Du bist besoffen.“

„Allerdings“, seufze ich, rappele mich hoch und absolviere mein Beautyprogramm, das aus fünf Minuten duschen und Zähneputzen besteht. Danach haue ich mich gefrustet ins Bett.

Eine Weile schlummere ich vor mich hin, aber jedes Mal, wenn ich richtig einschlafen will, geistert Ferdi umher oder raschelt mit seiner Decke oder macht sonst was.

„Ey, du kannst mir nicht erzählen, dass du nach diesem Tag nicht müde bist“, murmele ich genervt.

„Schon, aber…“

„Soll ich deinen Michi anrufen, damit er herkommt und dich in den Schlaf wiegt… oder vögelt?“

„Halt dein dämliches Maul, Arschloch“, poltert er.

Was’n jetzt kaputt? Ich schalte die Nachttischlampe an. Ferdi hockt vollständig angezogen aufm Bett und starrt mich wütend an. Das heißt, er versucht es. Seine Lider hängen nämlich total auf halb acht. So wie bei den Teenies, die Freddy Krueger in ihren Träumen heimsucht, und die deshalb mit allen Mitteln wach bleiben wollen.

„Sorry, ich werde leider ekelhaft, wenn man mich nicht pennen lässt. Du… ähem… du vermisst deinen Freund ganz schön, oder?“

„Ich will nicht darüber reden.“

Ohne groß nachzudenken stehe ich auf und tapse zu seinem Bett rüber. „Rutsch mal ’n Stück.“

„Nein. Ich meine… nein.“

„Junge, du siehst aus wie ’n Zombie, also hab dich nicht so“, entgegne ich und quetsche mich neben ihn. „Das geht so nicht. Klamotten aus!“

„Auf keinen Fall“, schüttelt er den Kopf.

„Auf jeden Fall. Und dann wird sich ordentlich hingelegt.“

Erstaunlicherweise tut er das tatsächlich. Vielleicht braucht er diesen Gouvernantenton, keine Ahnung.

„Ey, dein Herz klopft total schnell.“

Ferdi nimmt meine Hand von seiner Brust. „Ich weiß. Lass das.“

„Kannst du jetzt schlafen?“, frage ich nach ungefähr zehn Minuten Stille.

„Nein.“

Ich auch nicht. Ferdis Nähe macht mich ganz verrückt.

„Weißt du… mein Bruder hat mir früher immer so Gutenachtgeschichten erzählt… möglicherweise fällt mir eine davon ein.“

„Danke, ich bin kein Kind mehr.“

„Ach, Schnickschnack. Also… es war einmal ein König… nee, das ist scheiße… es war einmal ein…“

„Notgeiler Punk, der seine Hände nicht bei sich behalten konnte“, zischt er und flitscht meine Flosse weg, die sich gerade ein kleines Stück unter sein T-Shirt schieben wollte.

„Kleiner Wassermann“, fahre ich fort, „der lebte mit seinen Eltern tief auf dem Grund des Meeres. Den ganzen Tag schwamm er umher, spielte fangen mit den Fischen, sammelte Sachen aus untergegangenen Schiffen und verstaute sie in seiner Schatztruhe. Und wenn die Sonne schien, schwamm er gerne an die Wasseroberfläche, setzte sich auf einen Felsen am Strand und ließ sich vom Wind die grünen Haare trocknen.“

„Kleiner Wassermann, mh?“, lächelt Ferdi und zupft kurz an meiner grünen Ponysträhne.

„Ja sicher. Okay, eines Tages wurde es dem kleinen Wassermann zu langweilig. Er hatte nämlich von seiner Schwester gehört, dass man an Land prima Abenteuer erleben konnte… wenn man zuvor einen Prinzen vor dem Ertrinken gerettet hatte. Die Schwester des kleinen Wassermanns war jedenfalls längst mit einem Prinzen verheiratet und aus dem Elternhaus in ein chices Schloss umgezogen. Das Dumme an der Sache war nur, dass der kleine Wassermann ein Junge war und Prinzessinnen fielen nun mal nicht ins Wasser. Außerdem dachte der kleine Wassermann auch im Traum nicht daran zu heiraten, aber leider gingen bei der Wasserhexe so die Spielregeln… die rückte den Zaubertrank erst heraus, wenn kleine Meerjungfrauen ihre Prinzen aus dem Wasser gefischt hatten. Kleine Wassermänner hingegen mussten im Meer bleiben und kleine Nixen heiraten. Das ging unserem kleinen Wassermann natürlich total auf den Geist. Immer öfter trieb er sich an der Wasseroberfläche herum und haderte mit seinem Schicksal. Eines Nachmittags schlenderte ein hübscher junger Prinz am Strand entlang und als der kleine Wassermann den erblickte, war es um ihn geschehen. Der…“

„Warte mal“, unterbricht er mich, „dein Bruder hat dir Homogeschichten erzählt?“

„Logisch, was meinst du, warum ich schwul geworden bin?! Also… der Prinz hatte blondes Haar und wunderschöne Chartreuse-Augen.“

„Haben Prinzen nicht eigentlich immer blaue Augen?“

„Mein Prinz nicht. Der hat grüne Augen.“

„Von mir aus“, murmelt Ferdi, breitet meinen Arm aus und bettet sein Haupt darauf.

Was ist denn der auf einmal so zutraulich? Möglicherweise hat er sich vorhin auch heimlich an der Minibar bedient.

„Weiter.“

„Der Prinz bemerkte den kleinen Wassermann, den er für einen ganz gewöhnlichen Jungen hielt, grüßte freundlich und zog dann seines Weges. Als er wieder im heimatlichen Schloss war, war er längst mit anderen Dingen beschäftigt. Dem kleinen Wassermann dagegen wollte der hübsche Prinz einfach nicht aus dem Kopf gehen. Also ging er zu seinem Vater, den König aller Meere, und fragte ihn, was der Prinz wohl gerade tat. Der Meereskönig hatte nämlich einen Brunnen, der alles zeigte, was an Land geschah. Natürlich war das Hineinsehen für kleine Wassermänner und Nixen streng verboten. Der Meereskönig mochte seinen einzigen Sohn jedoch so gerne, dass er ihm ausnahmsweise diesen ungehörigen Wunsch gewährte. Der kleine Wassermann beugte sich also über den Brunnenrand, da erschienen viele Prinzessinnen, die auf dem Weg zum Schloss waren.

Der Prinz soll heiraten, erklärte der Meereskönig, also schlag ihn dir aus dem Kopf, deine Bestimmung ist es, König aller Meere zu werden, wenn ich mich zur Ruhe gesetzt habe.

Der Prinz sieht traurig aus, sprach der kleine Wassermann.

Weil er genauso wenig heiraten will wie du, entgegnete der Meereskönig milde lächelnd, aber er wird sich fügen.

Und wird er mit seiner Prinzessin glücklich sein, wollte der kleine Wassermann wissen.

Nein, antwortete der Meereskönig, eine eigenartige Sehnsucht hat ihn befallen, die niemand zu stillen vermag… du hättest dich ihm nicht zeigen dürfen.

Heißt das, ich bin Schuld an seinem Unglück, fragte der kleine Wassermann entsetzt.

Genug jetzt davon, verkündete sein Vater streng und scheuchte ihn hinaus.

Da wusste der kleine Wassermann allerdings bereits, was er zu tun hatte. Am nächsten Tag schwamm er zu seiner Tante, der Wasserhexe, und bat um einen Zaubertrank, der ihn in einen normalen Menschen verwandeln sollte. Sie gab ihm nach langem Zögern den Trank und warnte ihren Neffen. Wenn er es nicht schaffte, seinen Prinzen zu erobern, würde er an gebrochenem Herzen sterben und sich für immer im Meeresschaum auflösen. Dieses Schicksal hatte schon eine seiner Schwestern ereilt. Der kleine Wassermann war trotzdem fest entschlossen, es zu versuchen. Nachdem er das Zaubergebräu getrunken hatte, fiel er in einen tiefen Schlaf…“

Ein kurzer Blick auf Ferdi… der ist auch in einen tiefen Schlaf gefallen. Großartig, da quetsche ich mir so einen tollen Geschichtenanfang aus dem Hirn und er pennt dabei ein. Na ja, war ja irgendwie Sinn der Sache, richtig?!

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