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Second serve

Teil 3

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Inhaltsverzeichnis

Dustin: Ein wahrer Freund oder mehr?

Nachdem ich von der Turnierreise nach Hause gekommen war, hatte ich die befürchtete Auseinandersetzung mit meinem Vater. Es interessierte ihn überhaupt nicht, was ich dort für Erfolge erreicht hatte. Er bekam einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen und drohte mir immer wieder, wenn ich nicht sofort 'normal' würde, wäre ich nicht mehr sein Sohn und er würde mich rauswerfen.

Diese Drohungen waren eigentlich nicht das Schlimmste für mich. Dass aber meine Mutter mich nicht mehr unterstützte, das empfand ich viel schlimmer. Ich hatte immer geglaubt, sie würde mich verstehen. Das hatte sie mir zwar auch gesagt, aber als es dann zu den hässlichen Auseinandersetzungen kam, schwieg sie. Das traf mich sehr tief. Ich war echt verzweifelt. Jetzt hatte ich durch eine glückliche Fügung eine neue sportliche Heimat gefunden, aber keine Familie mehr.

Fynn konnte und wollte ich auch nicht zu sehr damit belasten, er hatte es ja auch nicht viel leichter zu Hause.

Als mein Vater wieder anfing, mich fertigzumachen, ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe mir nichts mehr gefallen lassen und dann kam es zu der folgenschweren Auseinandersetzung. Ich habe mich zu wehren versucht und er ist vollkommen ausgerastet. Das führte dann zu meinem Krankenhausaufenthalt. Ich war in einem wirklich desolaten Zustand, als mich Fynn im Krankenhaus besuchte. Erstaunlicherweise war Chris in seiner Begleitung.

Fynn blieb die ganze Zeit bei mir und half mir, mit meinen Sorgen nicht allein sein zu müssen. Es fühlte sich toll an, wieder einen wahren Freund zu haben, der mir bedingungslos zur Seite stand, als ich ihn so dringend brauchte.

Nachdem ich dann nach vier Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, bin ich bei Fynn aufgenommen worden. Chris hatte mich überzeugt, auch selbst Strafanzeige gegen meinen Vater zu stellen. Meine Tante hatte das auch bereits getan, nachdem ein Nachbar, zu dem ich mich verletzt geschleppt hatte und der mich kurzerhand ins Krankenhaus bringen ließ. Das hatte noch einen positiven Nebeneffekt, denn mittlerweile war dadurch auch bei unseren Nachbarn bekannt, was in unserer Familie los war und dass mich mein Vater misshandelte.

Leider verweigerte mein Vater seitdem jeden Kontakt zu mir. Meine Mutter hingegen hatte sich nach einigen Tagen bei mir gemeldet und wollte mich sogar bei Fynn besuchen.

Leider konnte ich auch nicht trainieren. Die Verletzungen ließen es noch nicht wieder zu. Lediglich ein wenig joggen konnte ich. Auch dabei begleitete mich Fynn jedes Mal. Es war schön, sicher zu sein, dass ich mich total auf ihn verlassen konnte. Ich war so dankbar und glücklich darüber, dass er mir eine zweite Möglichkeit gegeben hatte, unsere Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Manchmal hatte ich sogar ein unbestimmtes Gefühl, er würde vielleicht meine Empfindungen für ihn erwidern. Aber das war wohl mehr mein Wunschdenken. Wir hatten bisher nie darüber gesprochen.

Chris hatte mir vor zwei Tagen mitgeteilt, dass er vom Jugendamt informiert worden sei und ich einen Betreuer an die Seite bekäme. Der sollte mit mir gemeinsam nach einer Lösung suchen. Wie er mir erklärte, hatte das Krankenhaus aufgrund meiner Verletzungen das Jugendamt informiert. Da wurde mir erneut klar, Chris war viel mehr als nur ein guter Coach. Er arbeitete offenbar viel mit dem Jugendamt zusammen.

Ich konnte nicht ewig bei Fynn bleiben. Auch wenn Fynns Mutter sehr nett war und sie sich echt bemühte, für mich da zu sein. Fynns Vater wäre mit Sicherheit nicht so nett und hilfsbereit. Und der würde ja bald aus der Kur zurückkommen.

Ich saß bei Fynn am Schreibtisch, während er noch in der Schule weilte. Er hatte mich wie selbstverständlich in seinem Zimmer aufgenommen. Dass wir nun schon seit zwei Wochen zusammen in seinem Zimmer lebten, konnte ich kaum glauben. Umso dankbarer war ich ihm.

Es klopfte und Fynns Mutter betrat das Zimmer. Ich lernte gerade für die Schule. Einige meiner Klassenkameraden versorgten mich mit dem Unterrichtsstoff. Ab nächster Woche sollte ich aber auch wieder zur Schule gehen können. Wie das funktionieren würde, war mir aber überhaupt nicht klar. Meine Schule lag von Fynn etwa eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt. Das würde also nicht gehen.

„Hallo Dustin, wie geht es dir heute Morgen?“, fragte mich Fynns Mutter.

„Danke, ganz gut. Ich versuche, mich mit Lernen abzulenken.“

„Chris hat sich für heute Nachmittag angemeldet. Er kommt mit dem Jugendamtsbetreuer und will mit euch beiden das weitere Vorgehen besprechen. Ich wollte dich einmal fragen, ob du dir schon etwas überlegt hast?“

Ich drehte mich vom Schreibtisch weg und sah sie an. Dabei bekam ich das Gefühl, als ob mir schlecht würde. Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte. Ich schüttelte nur mit dem Kopf und sie schien zu bemerken, dass es mir nicht gut ging.

„Schau mal, du musst ja demnächst auch wieder zur Schule und hier kannst du dann nicht bleiben. Der Weg ist viel zu weit. Sicherlich kannst du Fynn immer besuchen und du bist hier auch stets willkommen, aber du kannst hier nicht auf Dauer wohnen. Vielleicht findet Chris ja mit dir eine bessere Lösung. Ich glaube, er hat viele Kontakte und kann dir helfen.“

Sie war wirklich sehr nett und half mir, wo sie konnte. Allerdings dieser Gedanke, dass ich nicht mehr nach Hause zurück konnte, tat mir sehr weh.

„Wann kommen die denn? Und wann ist Fynn wieder zu Hause?“

Sie lächelte mich an und antwortete: „Um drei wollten sie hier sein. Chris hörte sich so an, als ob er eine Lösung hätte. Vielleicht geht es ja dann für dich besser weiter.“

Ich nickte stumm und war schon wieder gedanklich ganz weit weg. Ich hatte Angst. Angst vor der Zukunft.

Es war mittlerweile zwei Uhr und Fynn müsste jeden Moment aus der Schule kommen. Das war für mich immer ein schöner Moment, denn ab da war ich dann nicht mehr so allein. Selbst wenn er zum Training fuhr, ließ er mich immer daran teilhaben. Er schrieb mir bei Whatsapp und richtete mir die Grüße von den anderen aus. Sogar Thorsten hatte mich mal angerufen und sich erkundigt. Das hatte mich sehr gefreut, zeigte es mir doch, dass sie sich weiterhin für mich interessierten.

Eine Tür war zu hören und Fynns Stimme. Er begrüßte seine Mutter. Es war schon erstaunlich, wie harmonisch es war, solange sein Vater nicht im Hause war. Auch mit seinem kleinen Bruder Patrick ging er immer sehr liebevoll um. Ich mochte Patrick auch. Manchmal war er allerdings recht anstrengend. Er fragte einem oft Löcher in den Bauch, aber ich konnte Fynn gut verstehen, dass er wegen Patrick noch zu Hause wohnte.

„Hi Dustin, alles fit bei dir?“, damit betrat er sein Zimmer.

Ich drehte mich um und er grinste mich an. Er hatte einen Umschlag in der Hand und hielt mir den vor die Nase.

„Was ist das? Was soll ich damit?“

„Der ist an dich adressiert. Und weißt du, von wem der ist?“

Das war mir schleierhaft. Wer konnte wissen, dass ich momentan hier wohnte und schrieb mir auch noch einen Brief. Fynn gab mir den Umschlag und ich schaute zuerst auf den Absender. Dort konnte ich lesen, dass er vom Jugendamt war. Jetzt fing mein Herz an zu rasen. Was wollten die denn von mir? Ich dachte, sie kommen gleich, um mit mir zu sprechen. Fynn bemerkte meine Aufregung, denn meine Hand zitterte, als ich den Umschlag öffnete. Fynn stellte sich hinter mich und legte seine Hände auf meine Schultern. Man, das tat so gut. Ein wahnsinnig angenehmes Gefühl durchströmte mich.

Ich las den Brief und mir wurde heiß und kalt. Dort wurde mir ein Hilfsangebot gemacht. Interessanterweise wurde auch Chris in diesem Brief erwähnt und es wurde der Termin heute Nachmittag erwähnt. Ich sah auf das Datum. Er war bereits vorgestern abgeschickt worden. Ich gab Fynn den Brief. Er sollte ihn auch lesen. Als er fertig war, schaute er mich an und grinste wieder.

„Also eines weiß ich genau. Wenn Chris sich in dieser Sache einmischt, dann wird es ganz sicher besser für dich werden. Chris versteht bei solchen Dingen überhaupt keinen Spaß. Warte ab, er wird dir helfen. Ich bin sehr gespannt, was sie dir gleich erzählen werden.“

Wieder legte er seine Hände auf meine Schulter und das beruhigte mich unglaublich. Es war wunderschön. Wie sehr wünschte ich mir in diesem Augenblick einen richtigen Freund, der ebenso nett und verständnisvoll war wie Fynn. Dann könnte ich das auch mal bei ihm machen.

Fynn: Meine Mutter ist der Fels in der Brandung

Ich stand hinter Dustin am Schreibtisch, hatte meine Hände auf seine Schultern gelegt und spürte, wie er sich entspannte. Ich massierte leicht seinen Nacken und konnte erkennen, dass er eine Gänsehaut bekam. Leise, fast flüsternd sagte er:

„Mhh, das ist gut. Machst du bitte weiter.“

Mir war es überhaupt nicht unangenehm und so erfüllte ihm diese Bitte gern. Was ich nicht bemerkt hatte, mein kleiner Bruder hatte sich in mein Zimmer gemogelt. Er war es jetzt auch, der mich fragte:

„Fynn, wenn Papa aus der Kur zurück ist, glaubst du, dass er weniger trinken wird?“

Ich war von dieser Frage überrascht, denn eigentlich war das ein Tabuthema in unserer Familie. Allerdings schien Patrick mehr zu wissen als ich.

„Warum sollte er? Nur weil er zur Kur fährt, wird er ja nicht mit dem Saufen aufhören.“

Patrick fing gleich an, dagegen zu reden.

„Aber Mama hat gesagt, dass er versprochen hat, vieles anders machen zu wollen. Vielleicht bleibt er sogar länger in der Klinik.“

Irgendwie hatte ich das überhaupt nicht mitbekommen. Ich war immer nur froh, wenn Papa nicht zu Hause war. Von daher muss ich wohl sehr verwundert geschaut haben. Patrick grinste mich provozierend an:

„Du hast wohl nur noch Tennis und Dustin im Kopf, oder? Dass Mama sich gegen Papa durchgesetzt hat, hast du gar nicht mitbekommen. Seit Papa in der Klinik ist, geht es Mama auch viel besser.“

Mama war das Stichwort, denn in diesem Moment betrat sie mein Zimmer und holte uns zum Mittagessen.

„Wenn die Herrschaften ausdiskutiert haben, wäre das Essen für euch fertig. Kommt ihr?“

Patrick war sofort in Richtung Küche unterwegs. Er konnte momentan essen für zwei. Das war schon erstaunlich, aber Mama meinte, es wäre normal und bei mir wäre es damals auch so gewesen.

„Wir kommen auch, Mama. Was gibt es denn heute?“

„Rouladen“, kam als kurze Antwort.

Die mochte ich sehr gern. Vor allem mit der leckeren Soße und Kartoffeln. Es war ein total anderes Gefühl ohne Papa am Tisch. Alles war entspannt und ich hatte nicht bei jedem Wort das Gefühl, Papa würde sofort wieder zu meckern beginnen. Dustin schien es ebenso zu gehen, denn immer wieder schaute er zu mir herüber. Sein Gesicht wirkte entspannt und er genoss das Essen. Patrick war wie immer schon ungeduldig und wollte gleich zu seinem Freund. Mama ließ ihn auch gehen, aber nur, weil sie mit uns noch etwas besprechen wollte.

„So, ihr zwei. Ich möchte mal etwas wissen. Chris wird ja gleich hier sein und dann mit uns das weitere Vorgehen besprechen. Ich habe folgende Frage. Könnte Dustin nicht in die WG beim Tennis ziehen? Dort werden die Spieler doch betreut und gehen auch zur Schule. Dann könntest du auch weiter trainieren.“

Diese Idee war eigentlich genial. Warum bin ich da nicht schon eher drauf gekommen.

„Und da Fynn ja hier auch immer wieder Probleme mit seinem Vater hatte, wäre es nur logisch, wenn er auch dort hinziehen würde. Ich würde das unterstützen.“

Meine Mutter setzte damit noch einen oben drauf. Ich war total perplex. Dustin ging es nicht anders. Er schaute mich mit großen Augen an.

„Meinst du das ernst, Mama? Würdet ihr das denn für mich bezahlen? Was sagt Papa dazu?“

Sie lächelte und gab zur Antwort: „Dein Vater ist nicht da und dann muss ich das wohl entscheiden. Außerdem glaube ich, dass es für euch beide einfacher ist, wieder aufeinander zuzugehen. Dein Vater wird noch mindestens zwei Monate in der Klinik bleiben. Ich glaube, dass er sich danach verändern wird. Er hat nämlich eingesehen, dass er den Alkohol weglassen muss.“

Jetzt war ich total platt und sprachlos. Was war das denn für eine Entwicklung? Ich konnte es kaum glauben, aber Mama hatte schon recht. Früher, als Papa noch nicht so viel getrunken hatte, war er sehr liebevoll mit mir umgegangen. Sollte es tatsächlich eine Wendung geben?

„Und wenn Chris gleich mit dem Jugendamtsbetreuer kommt, möchte ich das als Alternative vorschlagen. Dann würden viele Probleme mit einer Maßnahme gelöst werden. Was meinst du denn dazu, Dustin?“

Dustin schien gar nicht begriffen zu haben, was meine Mama da gerade von sich gegeben hatte. Er schwieg und schien total abwesend zu sein.

„Dustin?“, fragte ich erneut.

„Ja, ich habe es schon verstanden, aber ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass meine Eltern das bezahlen würden. Jedenfalls nicht freiwillig.“

„Nehmen wir einmal an, die Finanzierung würde geklärt und die Haller würden euch aufnehmen, würdest du es überhaupt wollen.“

Meine Güte, meine Mama lief hier zur Höchstform auf. So etwas hatte ich schon Ewigkeiten nicht mehr erlebt. In diesem Moment klingelte es an der Haustür und Mama ging zur Tür. Dustin und ich blieben für einen Moment allein.

„Was ist? Würdest du wollen?“, fragte ich schnell noch einmal.

Jetzt leuchteten seine Augen und es schien so, als ob Strom durch seinen Körper geflossen war.

„Mit dir gemeinsam, auf jeden Fall. Das wäre total cool. Dann würden wir bestimmt ein Dreamteam werden.“

Sein Blick war beeindruckend. Mir lief ein Schauer über den Rücken und ich musste zugeben, der Gedanke war sehr verlockend, mit Dustin in die WG zu ziehen.

Wir hörten Stimmen, die näher kamen und in diesem Moment öffnete Mama die Küchentür:

„Kommt ihr beiden bitte ins Wohnzimmer? Dort ist es gemütlicher. Chris und Herr Hellweg vom Jugendamt sind da.“

Wir standen auf und gingen ins Wohnzimmer hinüber. Chris und ein Herr in Jeans und Sweatshirt unterhielten sich. Der Mann war etwas jünger als Chris und sie unterbrachen ihre Unterhaltung in dem Moment, als wir eintraten.

„Hi, ihr beiden Krieger“, begrüßte uns Chris.

„Hi, Chris“, erwiderte ich und Dustin begrüßte gleich beide mit Handschlag.

Chris übernahm das Gespräch und stellte uns den anderen Mann vor.

„Das ist Burghard Hellweg vom Jugendamt. Er wird die Betreuung von Dustin übernehmen und auch den Prozess gegen deinen Vater begleiten und vorbereiten.“

Dustin schwieg betroffen. Herr Hellweg blieb auch erst einmal sehr ruhig und überließ es Chris, das Gespräch zu führen.

„So, setzen wir uns doch“, hörte ich meine Mutter sagen.

Dustin und ich nahmen auf dem Zweisitzer Platz, meine Mama im Sessel und Chris und Herr Hellweg auf der Couch.

Chris stellte uns dann Herrn Hellweg etwas näher vor und mir war der Mann sehr sympathisch. Er blieb ruhig und hatte Dustin gebeten, seine Situation mal aus seiner Sicht zu schildern. Als Dustin geendet hatte, herrschte betroffenes Schweigen. Ich konnte deutlich erkennen, wie viel Kraft Dustin das gekostet hatte und legte meine Hand demonstrativ auf seine Schulter. Chris bemerkte das, reagiert aber nicht darauf. Dustin entspannte sich wieder und dann begann Herr Hellweg mit einem tiefen Seufzer das Gespräch.

„Puh, dass deine Geschichte so heftig sein würde, hatte ich nicht erwartet. Zuerst einmal vorweg. Meine Aufgabe ist es, deine Interessen zu vertreten und dich zu unterstützen. Also je besser wir zusammenarbeiten, desto größer deine Chance auf eine Verbesserung deiner Lage. Ich habe anhand der Aktenlage erst einmal eine Unterbringung außerhalb deines Elternhauses beantragt und mit einer einstweiligen Verfügung das auch durchgesetzt. Das heißt, du brauchst vorerst nicht nach Hause zurück.“

Dustin und ich schauten uns an und Erleichterung machte sich breit.

„Ihr fragt euch sicher, was hat Chris damit zu tun. Er ist für euch ja nur euer Trainer …“

Dustin gefiel diese Bemerkung nicht sonderlich.

„Warum ist er 'nur' unser Coach. Chris ist einer der besten Coaches, die ich je hatte und er hat uns immer geholfen.“

Chris und Herr Hellweg fanden diese Bemerkung lustig und mussten lachen. Ich verstand es ehrlich gesagt nicht wirklich. Vielleicht würde es sich ja noch aufklären, denn ich war schon etwas erstaunt, dass sich die beiden anscheinend schon länger kannten. Herr Hellweg fuhr anschließend fort:

„Keine Sorge, Dustin. Das war überhaupt nicht abwertend gemeint. Ich möchte aber in diesem Fall erklären, was Chris wirklich mit diesem Fall zu tun hat. Er ist ein Familientherapeut und hat ganz viel Erfahrung mit solch schwierigen Situationen. Ich habe bereits mehrfach mit ihm zusammengearbeitet. Sehr erfolgreich übrigens. Also ich glaube, wir haben ein gutes Team hier. Dustin, was möchtest du eigentlich?“

Jetzt war ich gespannt.

„Wenn ich wählen könnte, ich würde am liebsten nicht mehr nach Hause zurück. Jedenfalls auf keinen Fall, solange mein Vater dort lebt. Und vielleicht gibt es außerdem eine Möglichkeit, dass ich auch weiterhin Tennis spielen kann.“

Chris schmunzelte und Herr Hellweg machte sich ein paar Notizen. Mama hatte die ganze Zeit schweigend bei uns gesessen und jetzt war es Chris, der sich einbrachte.

„Frau Grehl, wie haben Sie denn die letzten Tage mit Dustin und Fynn erlebt?“

„Also ganz einfach. Die beiden Jungs verstehen sich wieder wie früher. Es ist selten, dass sie allein unterwegs sind. Genau wie früher und ich möchte an dieser Stelle sagen, wenn mein Mann nicht so schwierig geworden wäre, dann hätte es Fynn auch leichter gehabt. Ich möchte gern für beide eine Veränderung ermöglichen.“

„Wo ist ihr Mann? Und warum meinen Sie, dass er schwierig geworden ist?“, fragte Herr Hellweg nun.

Ich war besorgt. Würde Mama jetzt wirklich Klartext reden? Bislang hat sie nach außen immer heile Welt gespielt.

„Er hat seit einigen Jahren ein Alkoholproblem. Das führte dazu, dass er immer aggressiver wurde, besonders wenn er angetrunken war. Leider haben unsere Kinder darunter sehr gelitten.“

Herr Hellweg stutzte ob der offenen Worte meiner Mama. Mir ging es aber genauso. Auch Dustin schien sehr beeindruckt zu sein.

„Das ist eine schwierige Situation. Aber es hört sich fast so an, als ob sich etwas verändern würde. Fynn erzählte mir nur, dass sein Vater zur Kur sei“, warf Chris ein.

„Das ist nur die halbe Wahrheit, aber Fynn konnte Ihnen nicht mehr sagen. Er wusste bislang nicht mehr. Mein Mann hat sich entschlossen, eine Therapie zu beginnen. Erst wollte er nur eine sogenannte „Kurzzeittherapie“ machen. Die geht vier bis sechs Wochen. Allerdings hat er dort gemerkt, wie sehr ihn der Alkohol verändert hat. Er hat jetzt auf eine Langzeittherapie verlängert. Also wird er vier Monate in der Klinik bleiben. Hoffentlich wird uns das helfen, wieder eine richtige Familie zu werden.“

Stille.

Ich war verblüfft. Auch Dustin schaute mich mit großen Augen an. Er war es auch, der als Erster dazu etwas sagte:

„Das würde ich mir zu Hause auch wünschen. Eltern, die zugeben, auch Fehler gemacht zu haben. Es ist leider ein unerfüllbarer Wunsch. Ich hoffe aber dennoch für Fynn, dass ihr das schafft. Dann kann ich wenigstens hier häufiger sein, ohne Angst haben zu müssen.“

Dustin verkrampfte sich total bei diesen Worten. Es fiel ihm schwer, die Fassung zu wahren. Ich legte meinen Arm um ihn und sagte leise:

„Darauf kannst du Gift nehmen. Wir halten zusammen.“

Sowohl Herr Hellweg als auch Chris lächelten anschließend. Sie hatten es wohl gehört. Herr Hellweg stellte noch ein paar Fragen und dann kam Chris großer Auftritt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Chris sich so deutlich für Dustin einsetzen würde.

„Gut, ich finde, wir haben genug gehört. Klar ist, Dustin kann in dieser Situation nicht zurück in seine Familie, er kann aber auch nicht auf Dauer hier bleiben. Momentan bist du noch krankgeschrieben und musst nicht zur Schule, aber das ist zeitlich begrenzt. Es gibt eine Möglichkeit, ihn in einer Wohngruppe vom Jugendamt unterzubringen. Das würde ich aber als schlechteste Lösung sehen. Wie seht ihr das? Dustin, kannst du theoretisch bei deinem Onkel unterkommen?“

Dustin war sich sehr unsicher. Ich konnte das verstehen, denn sein Onkel hatte eine eigene Familie und würde Dustin sicher nicht auf Dauer aufnehmen. Bevor Dustin antworten konnte, meldete sich meine Mama wieder.

„Ich habe da eine Frage, Fynn hat mir erzählt, dass der Verein eine WG für jugendliche Spieler hat. Dort werden sie betreut und gehen auf eine örtliche Schule. Wer wird dort aufgenommen? Nur Spieler, die sehr weit weg wohnen, oder könnten die beiden dort auch wohnen und leben?“

„Mama“, reagierte ich überrascht und gleichzeitig war mir das auch etwas unangenehm. So direkt hätte ich mich nicht getraut zu fragen.

„Was ist? Das ist doch eine berechtigte Frage von deiner Mutter. Ich finde den Gedanken übrigens sehr interessant. Allerdings hatte ich eher daran gedacht, nur Dustin dort aufzunehmen. Warum meinen Sie, Frau Grehl, sollte Fynn auch dort aufgenommen werden?“

„Weil ich meinen Mann kenne. Er wird nicht so schnell auf seine Kinder zugehen können und die Vergangenheit aufarbeiten. Ich glaube, für Fynn wäre es auch für seine Leistungen im Tennis besser, wenn er nicht mehr hier sein würde. Ich würde das jedenfalls unterstützen. Das soll vor allem heißen, ich möchte daran arbeiten, dass wir irgendwann wieder eine normale Familie sein können.“

Das haute mich fast aus dem Sofa. Meine Mama unterstützte mich offen. Das habe ich seit Jahren nicht mehr so erlebt. Herr Hellweg schien sich unsicher zu sein, was er darauf sagen sollte. Chris hingegen wurde deutlicher.

„Also Frau Grehl, grundsätzlich wäre das eine Option, aber ich kann darüber nicht entscheiden. Das muss das Team entscheiden. Ich kann natürlich mit den Leuten dort darüber sprechen. Wollt ihr das denn überhaupt?“

Dabei schaute er uns beide an. Dustin schien gar nicht so recht zu wissen, wie ihm geschah, deshalb nahm ich das in die Hand.

„Ganz ehrlich Chris. Wenn das möglich wäre, ich würde es sofort machen. Dustin auch, aber da ist die Finanzierung fraglich. Vielleicht unterstützt Frank das ja.“

Herr Hellweg ließ sich jetzt das Projekt von Chris erklären und fragte immer wieder nach den Details. Schlussendlich war er auch davon überzeugt. Er bat Chris mit dem Team zu sprechen und anschließend würden wir uns erneut zusammensetzen, um zu entscheiden, wie es weitergehen würde.

Herr Hellweg gab sowohl Dustin als auch mir seine Handynummer und dann verabschiedete er sich. Er wollte sich in den nächsten Tagen erneut mit Dustin treffen. Chris blieb noch einen Moment. Mama lud ihn zu einem Kaffee ein.

„Mama, können Dustin und ich schon in mein Zimmer gehen? Wir müssen noch Schulsachen machen.“

„Ja, ist in Ordnung. Oder wollen Sie noch mit den beiden sprechen?“, fragte sie Chris.

„Ich werde euch gleich noch in deinem Zimmer besuchen, wenn das ok ist?“

„Klar, gerne. Dann bis gleich. Und danke schon mal für deine Hilfe.“

Er nickte mir zu und Dustin und ich verschwanden in mein Zimmer. Dustin stand noch etwas ratlos in meinem Zimmer. Meine Stimmung war zwischen Jubel und Nachdenklichkeit. Dustin schien sehr unsicher zu sein.

„Was hast du Dustin? Eigentlich ist das doch toll gelaufen. Wenn Chris sich für uns einsetzt, haben wir gute Chancen. Ich glaube, wir ziehen bald dort ein.“

Er schaute mich an und da war es wieder. Dieses unglaublich starke Gefühl für Dustin. Ich weiß nicht warum, aber Dustin war sich nicht sicher, was er tun sollte. Ich ging auf ihn zu und wir umarmten uns. Es war ein tolles Gefühl. Dustin sagte ein ganz leises:

„Danke für deine Hilfe.“

Seine Umarmung wurde immer fester und ich spürte, wie sehr er mich festhielt. Mir war das sehr angenehm. Er löste sich wieder etwas von mir und dann schauten wir uns tief in die Augen. Es wurde mir klar, so eine Verbindung hatte ich noch zu niemandem gefühlt. Er holte tief Luft und sagte:

„Du bedeutest mir viel mehr, als du glaubst. Ich kann das nicht in Worte fassen. Am liebsten würde ich ja etwas tun, aber ich glaube, das geht nicht.“

„Was geht nicht? Warum machst du es nicht einfach?“

Wir standen immer noch ganz nah voreinander und ich wusste nicht mehr, ob das wirklich real passierte oder ob ich das träumte. Dustin kam immer näher, aber er traute sich nicht. Ich wusste jetzt aber genau, Dustin war für mich mehr als mein bester Freund. Ich nahm all meinen Mut zusammen und näherte mich ihm immer mehr. Er wich nicht zurück und ich war so nervös, dass ich zitterte. Dann berührten meine Lippen seinen Mund. Es war unglaublich. Dieses Gefühl, von ihm gehalten zu werden und die Berührungen waren so intensiv. Ich bekam sofort eine Latte in der Hose. Es war mir aber egal. Ich vertraute Dustin. Er ließ es geschehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten wir uns und schauten uns an.

„Wolltest du das wirklich?“, fragte er mich unsicher.

„Ja, absolut. Ich fand es toll. Dustin, ich weiß nicht, was das jetzt bedeutet, aber ich wollte es unbedingt.“

Er blieb vor mir stehen und dann sagte er:

„Kann ich das noch einmal haben. Es war wunderschön. Bitte.“

Ich nickte nur und wieder näherten wir uns. Als sich unsere Lippen erneut berührten, durchströmte mich eine Energie, wie ich es noch nie erlebt hatte. Wir ließen es einfach geschehen. Leider wurde meine Latte immer härter und ich konnte auch bei ihm die Erregung spüren. Er drückte seine Lenden gegen meine und es war nur noch geil. Leider klopfte es in diesem Moment …

„Herein“, sagte ich, als wir uns wieder getrennt hatten.

Chris betrat mein Zimmer und schaute uns an. Sein Grinsen ließ ahnen, dass er etwas bemerkt hatte.

„Na, bei euch alles geklärt? Man könnte meinen, ihr seid euch endlich einig geworden.“

Dustin schien erschrocken zu sein, denn er wurde sehr blass.

„Wie meinst du das, Chris?“, fragte ich.

Er lächelte immer noch und irgendwie hatte ich das Gefühl, er ahnte etwas.

„Ganz ehrlich, so wie ihr euch in den letzten Wochen immer angeschaut habt und du Dustin immer geholfen hast, habe ich mir meine Gedanken gemacht. Und wenn ich dein Gesicht sehe und mir deine Hose anschaue, dann bist du dir endlich klargeworden, was du möchtest.“

Bei Dustin brach Panik aus. Er wollte sofort das Zimmer verlassen, aber Chris hielt ihn fest.

„Wo willst du hin? Es ist doch alles gut“, beruhigte ihn Chris.

Dustin blieb stehen und die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Für mich war es gar nicht so unangenehm. Ich war mir jetzt vollkommen klar. Ja, ich war in Dustin verliebt und wollte mit ihm zusammen sein.

„Woher hast du das gewusst?“, wollte ich von Chris wissen. Bislang war ich doch so vorsichtig gewesen.

„Ich habe es nicht gewusst, aber ist es denn so? Bist du mit Dustin zusammen?“

Jetzt kam doch Unsicherheit bei mir auf. Was sollte ich antworten? Ich schaute zu Dustin, der schien den ersten Schock aber verdaut zu haben. Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Dustin kam auf mich zu, umarmte mich und gab mir erneut einen Kuss, der nicht enden wollte.

Chris blieb sprachlos im Zimmer stehen und nach einem Moment der totalen Stille fing er an zu lachen.

„Na, dann herzlichen Glückwunsch. Ich glaube, ihr werdet das erste schwule Paar in unserer WG sein.“

„Musst du das unbedingt den anderen schon sagen? Ich meine, wir … also wir haben uns gerade eben erst das erste Mal geküsst.“

Ich war erstaunt, wie klar Dustin das sagte. Chris blieb ganz locker und legte seinen Arm um Dustin.

„Nein, natürlich nicht. Keine Sorge. Ihr bestimmt, wann und wem ihr das sagen wollt und wem nicht. Aber eines kann ich euch versprechen, für mich ändert sich nichts. Im Gegenteil, ich bin froh, dass Fynn endlich zu sich gefunden hat. Es wurde eigentlich auch Zeit.“

Dustin begann zu grinsen.

„Fynn, ist das nicht komisch? Du hast dich bislang nie getraut. Jetzt hast du es getan und schon weiß es Chris.“

„Nein“, erwiderte ich, „er wusste es schon eher. Ganz sicher.“

Chris nickte und erklärte uns dann:

„Das ist vielleicht zu viel gesagt. Aber ich habe es mir gerade in den letzten Tagen immer mehr gedacht. Fynns Reaktionen waren immer eindeutiger. Aber wo ist das Problem? Ich freue mich für euch. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr mich immer ansprechen und seid euch sicher, ich werde mich im Team für euch genauso einsetzen, wie zuvor besprochen.“

Man, war der cool.

„Danke“, sagten wir beide fast synchron.

Als ich mich ein wenig gefangen hatte, wollte ich aber doch noch wissen, wie es jetzt weiter gehen würde.

„Wie geht es denn jetzt weiter? Dustin kann bald wieder trainieren und in zwei Wochen spiele ich ein wichtiges Turnier in Bielefeld.“

Chris grinste schon wieder und ganz locker ließ er uns hören:

„Ich möchte, dass Dustin auch dort spielt und ihr gemeinsam die Doppelkonkurrenz dort aufmischt. Bis dahin habe ich auch die Situation mit Thorsten und Christian geklärt. Ich habe bereits mit Thorsten gesprochen und wir haben morgen einen Termin in der Base. Mal sehen, was wir tun können.“

„Wer ist Christian?“, fragte Dustin.

„Das ist unser Geschäftsführer für die Finanzen. Jan ist Chef für den Sport und Christian macht das Marketing und die Finanzen. Früher hat er auch als Coach gearbeitet, aber das war ihm zu stressig. Als er Vater von Zwillingen wurde, hat er aufgehört auf der Tour unterwegs zu sein.“

Chris wusste wirklich gut Bescheid. Das beeindruckte mich. Allerdings wollte ich noch wissen, welchen Einfluss eigentlich Jan bei dieser Entscheidung hatte.

„Ganz einfach, solche Entscheidungen werden grundsätzlich nur mit seiner Zustimmung gemacht. Er ist zwar selten da, aber er entscheidet das gemeinsam mit den anderen. Allerdings vertraut er da auch auf seine Leute in der Base.“

Chris: Das Team arbeitet gut zusammen

Wie ihr sicher mitbekommen habt, ich hatte den Vertrag vom „Break Point Team“ angenommen und bereits die pädagogische Arbeit mit den Jugendlichen aufgenommen. Durch die brisante Lage bei Dustin und Fynn hatte ich allerdings noch nicht viel Zeit gehabt, mich mit den allen anderen Spielern und Trainern bekannt zu machen. Das wollte ich aber so schnell wie möglich tun.

Nun war es also raus. Fynn hatte sich mir gegenüber geoutet und sich mit Dustin zusammengetan. Ein für mich bereits erwarteter Schritt. Es war schon mehr als auffällig, wie sehr sich Fynn für Dustin einsetzte und mit welcher Emotionalität das geschah.

Heute hatte ich eine Teambesprechung mit allen wichtigen Personen. Dort sollten die neuen Trainingspläne und Turnierpläne abgestimmt werden und auch über Probleme gesprochen werden. Ich hatte Thorsten und Thomas über die schwierige Lage bei Fynn und Dustin unterrichtet und wir waren uns einig geworden, dass wir über die Idee mit der Aufnahme in die WG sprechen sollten. Leider war mein Bruder wieder unterwegs. Deshalb konnte ich mit ihm darüber nicht reden. Das Hauptproblem würde die Finanzierung für Dustin werden. Fynns Mutter hatte signalisiert, dass sie das unterstützen wird. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, aber das lag nicht in meinem Bereich. Mal sehen, was heute dazu passieren würde.

Ich war heute mal mit dem Motorrad gefahren, weil super Wetter herrschte. Nicht zu heiß, aber sonnig und trocken. Ich bog auf den Parkplatz am Tennisplatz und stellte die Ducati ab. Ich liebte diese Maschine, der Klang war grandios und Leistung war auch ausreichend vorhanden.

Mit dem Helm in der Hand ging ich ins Clubhaus und der erste Weg führte mich ins Büro. Thorsten saß vor dem PC.

„Hi Thorsten, alles gut hier?“

„Ah, hi Chris. Ja, soweit schon. Und bei dir? Hast du was Neues von Dustin? Wie geht es ihm?“

„Ja, er ist auf dem Weg der Besserung und bei Fynn hat sich auch einiges in der Familie getan. Ich hatte ja schon für euch einen Bericht gemacht.“

„Ach stimmt. Übrigens wollte Christian mit dir noch deswegen sprechen. Vielleicht könnt ihr vor der Sitzung kurz miteinander reden.“

Ich nickte und ging meine Motorradsachen ausziehen. In Tennisshorts und Polohemd machte ich mich dann auf den Weg zu den Trainingsplätzen. Bis zur Besprechung hatte ich noch etwas Zeit und wollte mal schauen, wer heute beim Training war. Burghard begrüßte mich und auch Thomas kam vom Nebenplatz.

„Hi, Chris. Hast du mal einen Moment. Es geht um Tim. Wir haben da ein Problem in der WG.“

„Klar, lass uns mal ein paar Schritte von hier weggehen.“

Thomas gab seinen beiden Jungs noch ein paar Anweisungen und dann ging er mit mir auf die Wiese.

„Du weißt ja, dass in zwei Wochen ein Ranglistenturnier in Bielefeld stattfindet und die meisten unserer jüngeren Spieler dort mitspielen.“

„Ja, weiß ich. Bietet sich ja an, weil es so nahe ist.“

„Bei Tim gibt es Probleme in der Schule. Er hat bereits mehrfach den Unterricht geschwänzt und seine Aufgaben nicht gemacht. Seine Mutter hat erzählt, dass er zu Hause unauffällig ist, aber hier in der WG ist er oft mies gelaunt und auch nicht gerade umgänglich.“

„Hm, ok.“

Das wunderte mich eigentlich. Tim war bislang ein netter Junge gewesen und immer sehr fleißig. Hatte gute Noten gehabt und war eben auch sehr talentiert auf dem Platz. Er war erst dreizehn, also einer der Jüngsten in der WG.

„Wann ist Tim das nächste Mal zum Training hier?“, fragte ich Thomas.

Ich wollte mit Tim mal sprechen. Ich kannte den Jungen ja aus den Besuchen in der WG. Hier war es übrigens eine Bedingung im Team bleiben zu können, dass die Schulnoten und Leistungen mindestens im Schnitt bei drei liegen mussten. Also es wurde viel Wert auf die Ausbildung gelegt und nicht nur Tennis trainiert. Das galt übrigens für alle, nicht nur für die WG - Bewohner.

„Er dürfte nachher hier sein, aber vielleicht kannst du ja nach unserer Besprechung mal in die WG fahren und mit Martina sprechen. Sie kann dir auch mehr dazu sagen. Tim wird auch abends dort sein.“

„Keine schlechte Idee. Danke. Dann mal bis gleich. Ich will nicht länger dein Training stören.“

„Schon ok, ich wollte das nicht gleich in der großen Runde ansprechen. Da haben wir genug anderes.“

Ich verließ die Wiese und gönnte mir noch ein Eis. Ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit und schlenderte über die Anlage. Überall herrschte reger Betrieb, allerdings wurde ich auch oft freundlich begrüßt. Mittlerweile kannte ich doch schon einige Leute hier.

Es kamen auch langsam die anderen Teammitarbeiter an, und als Christian mich sah, kam er direkt zu mir.

„Hi, Chris“, begrüßte er mich, „hast du einen Moment für mich?“

„Ja, klar. Thorsten hatte mir schon gesagt, dass du noch mit mir sprechen wolltest.“

„Genau. Es geht um den Dustin. Du hast ja einen Bericht für alle verfasst und als Idee vorgeschlagen, ihn in die WG aufzunehmen. Allerdings sagtest du auch, dass es zu Hause mit der Finanzierung schwierig werden würde.“

„Ja, allerdings. Allgemein ist dort die Lage bescheiden. Du hast ja den Bericht gelesen.“

„Das kannst du wohl laut sagen. Einfach ganz bitter. Pass auf. Ich habe mit Thorsten und mit Jan gesprochen. Beide sind der Meinung gewesen, wir sollten ihn dennoch aufnehmen. Er hat großes Talent und den Willen. Zur Finanzierung müssen wir noch mit einigen Leuten etwas klären, aber vielleicht gibt es die Möglichkeit, das über Sponsoren zu machen. Ich möchte dich daher bitten, gleich in der Besprechung deine Ideen vorzustellen. Gerry wird auch da sein, weil es um die kommende Bundesliga Saison gehen soll. Ich denke, es könnte für dein Projekt von Nutzen sein.“

Hoppla, der Namensgeber des Teams und Mäzen des Tennissportes in Deutschland wollte persönlich teilnehmen. Das war sehr selten, eigentlich nur, wenn es um große Projekte oder eben die Bundesliga ging. Er hatte keinerlei Einfluss auf die sportlichen Entscheidungen, aber hatte sich garantieren lassen, dass er Entscheidungsgewalt hatte, was den Kader der Bundesliga betraf. Da er auch dieses Team finanzierte, war also auch klar, dass er da großen Einfluss hatte. Mein Bruder hatte vor über zwanzig Jahren diesen Deal mit ihm gemacht. Dafür konnte Jan mit seinem Team hier kostenlos trainieren und sich um den Nachwuchs des Clubs kümmern. Also eine win-win Situation. Heute hatte sich das Ganze so professionell entwickelt, dass sie Partner waren.

„Also gut, mache ich nachher. Du sagst mir dann, wenn ich meine Idee dazu vorstellen soll.“

„Brauche ich nicht. Ich habe es auf die Tagesordnung gesetzt. Wir gehen das der Reihe nach durch.“

Mit einem leicht mulmigen Gefühl ging ich in meine erste große Teambesprechung. Dass gleich auch Gerry dabei sein würde, machte es noch aufregender für mich. Gerry galt in Insiderkreisen manchmal als sehr schwierige Person. Allerdings honorierte er auch großzügig, wenn jemand vollen Einsatz zeigte.

Eine halbe Stunde später saß ich im Meeting und es ging um die alltäglichen Dinge. Ein neuer Team-Sponsor wurde vorgestellt und welche Summe dieser investieren würde. Es wurden die Zeitpläne besprochen und Gerry hatte seine Vorstellungen vom nächsten Kader der Bundesliga vorgestellt. Da er bei den sportlichen Entscheidungen des Teams nicht beteiligt war, wollte er bereits wieder in seine Firma fahren. Thorsten bat ihn allerdings noch für einige Minuten zu bleiben.

„Leute, damit Gerry nicht so lange bleiben muss, könnten wir vielleicht den Punkt acht der Tagesordnung vorziehen?“, fragte Thorsten in die Runde.

Es gab keine gegenteilige Meinung, also schaute mich Thorsten an.

„Chris, ich denke, du solltest dein Anliegen selbst vortragen. Du kennst alle Details.“

Jetzt wurde ich doch ein wenig nervös. Allerdings hatte ich mich gut vorbereitet und begann von der letzten Reise zu berichten und was alles so vorgefallen war. Ich beschränkte mich dann allerdings auf Dustin, das erfolgreiche Probetraining und dann kam ich zum entscheidenden Punkt.

„Leider ist offensichtlich geworden, dass Dustin zu Hause von seinem Vater schwer misshandelt wurde und sogar ins Krankenhaus befördert wurde. Ich habe bereits mit Thorsten und Christian gesprochen und aufgrund der Lage habe ich die Idee, Dustin in unsere WG aufzunehmen. Dort könnte er ohne den Einfluss seines Vaters zur Schule gehen und hier trainieren. Es gibt dabei nur ein Problem der Finanzierung. Daher meine Frage an das Team, gibt es eine Möglichkeit, den Jungen finanziell zu unterstützen?“

Meine Nervosität nahm jetzt wieder zu. Alles was ich bis dahin getan hatte, kannte ich aus meinem Beruf. Allerdings um Geld zu bitten, das war neu für mich. Derjenige, der mich am meisten beunruhigte, war Gerry. Er blieb nahezu regungslos am Tisch sitzen, während die anderen doch miteinander leise sprachen. Christian meldete sich zu Wort.

„Danke Chris, deine Ausführungen war sehr ausführlich. Ich muss sagen, ich bin tief beeindruckt und hatte nicht gedacht, dass es solche Ausmaße hat. Ich möchte dazu sagen, dass ich mit deinem Bruder bereits ausführlich darüber gesprochen habe. Er ist der Auffassung, dass wir Dustin das ermöglichen sollten. Die Finanzierung werde ich mit einem unserer Ausrüster besprechen. Vielleicht kann man darüber bereits Kosten reduzieren.“

Thorsten hatte sich mit Thomas beraten und brachte eine weitere Idee ein.

„Ich habe den Jungen kennengelernt und bin sehr beeindruckt von seinen Fähigkeiten. Thomas hat mir das noch einmal bestätigt, und wenn Jan schon sagt, er möchte ihn unbedingt behalten, dann heißt das etwas. Chris, denkst du, du kannst ihn dahingehend unterstützen, dass er hier ohne Eltern zurechtkommen wird?“

„Seine Mutter würde ihn unterstützen, von daher denke ich, wird das machbar sein. Er hat mit Fynn ja auch einen guten Freund. Vielleicht wird das ja ein gutes Team.“

Plötzlich meldete sich Gerry zu Wort. Alle Augen richteten sich auf ihn.

„Ich möchte etwas fragen. Ist bekannt, ob bereits gegen den Vater eine Strafanzeige gestellt wurde? Und wer betreut den Jungen zurzeit?“

Es schien so, als ob alle Augen nun auf mir lagen.

„Ja“, antwortete ich, „es wird bereits gegen den Vater ermittelt und momentan lebt er bei seinem Freund Fynn. Dessen Eltern, bzw. Mutter, hat ihn aufgenommen. Allerdings ist das keine Lösung für eine längere Zeit.“

Gerry schüttelte den Kopf und ich hatte schon Sorge, er würde sich damit nicht weiter befassen wollen. Allerdings hatte ich mich dabei getäuscht.

„Ich möchte das hier nicht länger diskutieren, weil es klar ist. Wenn ich euch richtig verstanden habe, seid ihr euch darüber einig, dass er bleiben soll. Ist das korrekt?“

Thorsten gab zur Antwort: „Ja, absolut. Er ist ein riesiges Talent und hat die richtige Einstellung gezeigt. Er wurde nur vom Verband über Jahre falsch betreut.“

Gerry schien sich entschieden zu haben.

„Der Junge soll hier bei uns bleiben, weil er gut ist. Da er zu Hause nicht bleiben kann, bin ich dafür, ihn hier aufzunehmen. Chris wird ihm helfen bei den Aufgaben. Ich werde mich darum kümmern, dass es finanziell geht. Thorsten und Christian, klärt das mit den Sponsoren. Solange es ungeklärt ist, werde ich es finanzieren. Ich möchte aber nicht, dass der Junge davon erfährt. Er soll sich ausschließlich auf seine Probleme konzentrieren und gute Leistungen zeigen. Gibt es noch Fragen dazu?“

Wir schauten uns alle etwas verwundert an. Nur Thorsten grinste und zwinkerte mir zu. Er schien damit gerechnet zu haben. Ich war jedenfalls völlig überrascht und wusste in dem Moment gar nicht, was ich machen sollte. Allerdings nahm mir Gerry diese Entscheidung ab.

„Chris, ich möchte dich bitten, morgen um 17h in mein Büro in der Firma zu kommen. Ich möchte mit dir noch ein paar Dinge dazu klären. Wenn sonst nichts weiter ist, verabschiede ich mich. Viele Dank für die gute Arbeit.“

Nachdem ich den Termin bestätigt hatte, stand er auf und ging. Ich war sehr beeindruckt von diesem Auftritt. Die anderen schienen allerdings gar nicht so verwundert zu sein. Thorsten fragte mich nach unserer Besprechung: „Du scheinst ein wenig verwundert zu sein. Hast du Gerry noch nie erlebt?“

„Nur bei den Bundesligaspielen, wenn ich als Zuschauer hier war. Jan hat manchmal etwas erzählt, aber sonst habe ich nur aus der Presse oder bei Erzählungen von ihm gehört.“

Thorsten fing an zu lachen.

„Weißt du, du hast ihn total überzeugt. Du hast bei deiner Schilderung der Lage so klare Dinge aufgezeigt und die Perspektiven deutlich aufgezeigt, das hat ihm gefallen. Er mag das, wenn Leute präzise sagen, was sie möchten und wie es gehen könnte. Dass er allerdings so schnell auf diese Sache eingehen würde, hat auch mich etwas überrascht. Umso besser, wir haben Zeit in Ruhe mit unseren Sponsoren zu reden und Dustin kann sofort hier einziehen. Kümmerst du dich um diese Aktion? Ach, und bevor ich das vergesse, Christian und Thomas haben zugestimmt, auch Fynn in die WG aufzunehmen, wenn er denn möchte. Jan hat mir gesagt, wenn du davon überzeugt bist, dass es sinnvoll ist, dann sollten wir das machen. Schließlich sollen sie sich auf das Tennis konzentrieren können.“

Wow, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. In diesem harten Metier des Profisports war bei uns auch Menschlichkeit vorhanden.

„Danke, ich denke, Dustin wird es zurückgeben mit seinem Einsatz und seinem Talent. Ich werde meinen Teil dazu beitragen, dass beide ihren Weg machen werden.“

„Was hast du heute noch auf dem Plan?“

„Ich muss noch in die WG, Thomas hatte mich gebeten, wegen Tim mal vorstellig zu werden. Es gibt da Probleme. Außerdem kann ich mich dann auch mal etwas länger mit den beiden Betreuern unterhalten und schauen, wo wir Dustin und Fynn unterbringen.“

„Guter Gedanke. Bevor ich das vergesse, du schreibst aber deine Stunden alle auf. Auch die Sitzung ist Arbeitszeit für dich.“

Das war mir etwas unangenehm und Thorsten bemerkte das.

„Also ich würde dir raten, das so zu tun. Es ist eine Anweisung von Jan. Der hat uns schon vorgewarnt, dass du vieles aus Überzeugung machst, wenn es um das Wohl der Kinder geht.“

Jetzt mussten wir beide lachen. Danach trennten wir uns und ich machte mich auf den Weg in die WG. Die war nur wenige hundert Meter von der Anlage entfernt, aber da ich von dort nach Hause fahren wollte, nahm ich das Motorrad mit. Meine Panigale hatte nur einen entscheidenden Nachteil, sie war alles andere als unauffällig. Ich rollte deshalb mit nahezu Leerlaufdrehzahl vor die WG und stellte sie dort ab.

Fynn: Zukunft? Ja, Zukunft

Dustin und ich hatten die letzten beiden Tage genutzt, ihn wieder fit fürs Training zu machen. Wir hatten vom Arzt die Erlaubnis, dass er wieder mehr trainieren konnte. Also gingen wir laufen und auch Schwimmen war angesagt. Unsere Beziehung wuchs von Tag zu Tag und manchmal mussten wir höllisch aufpassen, dass uns meine Mutter oder Patrick nicht auf die Schliche kamen.

Heute wollte Chris vor dem Training vorbeikommen und mit uns über die Möglichkeit sprechen, in die WG ziehen zu können. Dustin war sehr aufgeregt und ehrlicherweise ging es mir nicht anders. Es gab auch noch eine Überraschung für mich: Mein Vater hatte meinem Bruder und mir jeweils einen langen Brief geschrieben. Der Inhalt war allerdings für mich mehr ein Versprechen, als eine Veränderung. Er hatte schon so oft etwas versprochen und es nicht gehalten. Ich hatte keine Lust mehr, mich mit Versprechungen abzugeben, entsprechend gleichgültig reagierte ich darauf. Sollte er allerdings das tatsächlich umsetzen, was er ankündigte, würde ich ihm eine Chance geben.

Dustin betrat mein Zimmer, als ich vor dem PC saß. Ich spielte zur Ablenkung ein wenig. Meine Nervosität stieg von Minute zu Minute. Beim letzten Training auf dem Platz hatte ich bereits von Burghard Andeutungen erhalten.

„Na, bist du nicht nervös?“, fragte mich Fynn.

Ich schaute vom Bildschirm hoch und sah in sein angespanntes Gesicht.

„Klar, du doch auch.“

Er musste schmunzeln, aber ich konnte ihn auch verstehen. Für ihn stand viel mehr auf dem Spiel als für mich. Ich stand auf, umarmte meinen Freund und gab ihm einen vorsichtigen Kuss. Leider hatten wir noch nicht den Mut gehabt, meiner Mutter zu sagen, was mit uns beiden los war. Am meisten Sorge machte mir Patrick. Ich konnte es überhaupt nicht einschätzen, wie er damit umgehen würde.

Als es klingelte, lösten wir uns aus der Umarmung und verließen unser Zimmer. Meine Mutter hatte bereits die Tür geöffnet und Chris hereingelassen. Er stand noch im Flur, als wir uns begegneten.

„Hi Chris, schön, dass du gekommen bist. Wie geht es dir?“, fragte ich, um meine Nervosität zu verbergen. Dustin schwieg und gab Chris lediglich die Hand. Lächelnd antwortete Chris:

„Danke der Nachfrage, bei mir ist alles gut und bei euch? Dustin, wie geht es dir? Ich habe gehört, du machst Fortschritte.“

Meine Mutter stand die ganze Zeit bei uns, und bevor Dustin etwas antworten konnte, bat sie Chris ins Wohnzimmer zu gehen. Ich staunte, sie hatte dort schon Tee und Kaffee vorbereitet und sogar etwas Gebäck für uns hingestellt. Das kam sonst nur sehr selten vor. Für uns eigentlich noch nie. Ich konnte mich jedenfalls nicht daran erinnern.

Wir setzten uns auf die Couch und Mama und Chris jeweils in einen Sessel. Dass mein Bruder nicht neugierig herumlief, wunderte mich schon sehr. Entweder hatte Mama ihm klare Anweisungen gegeben oder er war gar nicht zu Hause.

„Was ist Dustin? Wie geht es dir, du hast noch nicht viel gesagt.“

Chris schien sehr genau zu ahnen, dass mein Freund sehr angespannt war. Chris wusste ja, dass wir zusammen waren, aber ließ es sich nicht anmerken. Davor hatte ich auch Angst, dass er vielleicht unabsichtlich meiner Mutter einen Hinweis geben könnte, aber das geschah nicht. Dustin reagierte auf die erneute Ansprache.

„Ja, eigentlich geht mir schon viel besser, dank der Hilfe von Fynn und seiner Mutter.“

Dabei schaute er meine Mutter an, die ihm freundlich zu lächelte.

„Aber ich fühle mich oft auch schlecht, weil ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Ich habe eigentlich keine Möglichkeiten mich einzubringen.“

Chris hatte ein gutes Gespür für die Situation. Wie schon auf der Reise. Er reagierte direkt und brachte unheimlich viel positive Energie mit.

„Das kannst du sehr wohl. Gib auf dem Platz und in der Schule Vollgas. Dann wirst du Möglichkeiten bekommen, allen etwas von ihrer Hilfe zurückzugeben.“

Meine Mutter lächelte erneut, als Chris das gesagt hatte. In den letzten Tagen hatte ich mich immer wieder gefragt, warum hatte sie mich so lange nicht mehr unterstützt. Ich verstand es noch nicht. Vielleicht würde es noch zu klären sein.

„So, lasst uns zur Sache kommen.“ Chris unterbrach meine Gedanken.

„Ich möchte euch von der Situation im Team berichten. Wir hatten ja schon auf der Reise darüber gesprochen, dass ich meinen Bruder fragen könnte, ob Dustin in die WG ziehen könnte. Das habe ich mittlerweile getan und das Team hat sich mit mir gemeinsam eingehend beraten. Ich musste allerdings genau berichten, was vorgefallen ist. Dustin, damit das für dich klar wird. Wir haben absolute Vertraulichkeit vereinbart. Niemand außer den Teammitgliedern wird etwas von dem erfahren, solange du nicht selbst etwas erzählst.“

Meine Anspannung stieg und ich versuchte mich in Dustins Lage zu versetzen. Wie extrem musste es erst für ihn sein? Dustin saß total verkrampft neben mir und am liebsten hätte ich seine Hand genommen. Einige Augenblicke später setzte Chris seine Ausführungen fort.

„Um es für euch nicht noch spannender zu machen, das Team hat sich entschieden, Dustin sofort in die WG aufzunehmen. Das heißt, du ziehst direkt von hier dort ein.“

Unfassbar, ich konnte es nicht glauben. Aber wie sollte das gehen, ohne dass Dustin es bezahlen konnte? Chris schien Gedanken lesen zu können. Lächelnd ergänzte er noch seine Ausführungen.

„Bevor die Frage nach der Finanzierung auftaucht, Jan hat sich mit Christian beraten und es werden das Sponsoren übernehmen. Die genauen Details werden wir dann in den nächsten Tagen vor Ort besprechen. Du kannst dich also in Ruhe dort einleben und wieder auf dem Platz Gas geben. Das ist allerdings die Bedingung. Voller Einsatz, sowohl auf dem Platz als auch in der Schule.“

Meine Mutter freute sich für Dustin und sie stand von ihrem Platz auf und nahm Dustin liebevoll in den Arm. Ich konnte sehen, dass er noch gar nicht realisiert hatte, was hier gerade passiert war. Ich war total erleichtert. Er hatte wieder eine positive Perspektive für die Zukunft.

Chris: Ein Neuanfang für beide

Nachdem ich Dustin erklärt hatte, dass wir ihn aufnehmen würden, stand noch das Thema Fynn an. Ich wollte von der Mutter wissen, ob sie weiterhin die Aufnahme von Fynn unterstützen würde.

„Um das noch einmal sicher abzuklären, Sie würden Fynn unterstützen und auch die Finanzierung für das Wohnen in der WG übernehmen?“

Sofort bestätigte sie mir diese Frage. Sie sagte mir zu, den notwendigen Vertrag zu unterschreiben und damit war für mich klar, ich musste mit beiden und am besten auch mit Fynns Mutter in den nächsten Tagen in die WG fahren und dort alles vorbereiten.

Fynn hatte das Gespräch mit seiner Mutter nicht mitbekommen, weil er mit Dustin in den Garten gegangen war. Dustin reagierte sehr emotional und ich konnte verstehen, dass Fynn bei seinem Freund sein wollte.

Als er mit Dustin zurück ins Wohnzimmer kam, schaute ich mir die beiden ganz genau an. Fynn schien zu ahnen, dass irgendwann das Versteckspiel zu Ende sein würde. Dennoch musste ich ihm jetzt auch sagen, dass er ebenfalls nach Halle ziehen würde.

„Na, ihr beiden Helden“, frotzelte ich, „habt ihr euch besprochen, wie es weiter geht?“

„Naja“, sagte Fynn, „ich freue mich natürlich, wenn Dustin weiter mit mir trainieren wird und wir zukünftig gemeinsam für Halle spielen, aber ich habe mich auch irgendwie dran gewöhnt, dass er hier wohnt.“

„Nun, da wird sich in Zukunft nicht so viel ändern. Ihr werdet ja auch weiterhin zusammen wohnen. Nur eben nicht hier, sondern in Halle.“

Dabei musste ich doch ein wenig grinsen, und als ich die beiden vollkommen überraschten Gesichter der Jungs sah, brach ich in ein lautes Lachen aus.

„Machst du Witze? Wie soll das gehen? Meinst du, meine Eltern bezahlen mir das einfach so?“

„Nein, ich meine nicht, ich weiß es. Deine Mutter hat es mir gerade noch einmal bestätigt.“

Jetzt umarmte Fynn seine Mutter. Es schien so, als ob die Mutter wohl nicht damit gerechnet hatte. Ihr Gesicht sah sehr verwundert aus.

„Wie geht es denn weiter und ab wann kann Dustin dort wohnen?“

„Ganz ruhig Fynn, das wollte ich mit euch noch besprechen. Ich schlage vor, wir treffen uns morgen dort vor Ort. Dann zeige ich euch, wo ihr wohnen werdet und wie das dort ablaufen wird. Aber jetzt müsst ihr los zum Training. Ihr wisst ja, dass Burghard sonst sauer wird.“

Ruckzuck hatten die beiden ihre Taschen gepackt und waren mit dem Rad aufgebrochen. So hatte ich noch einen Moment Zeit, mit der Mutter zu sprechen. Es schien mir so, als ob sie noch ein wenig Redebedarf hatte. Sie bat mich noch einmal auf die Terrasse und dort sprachen wir über die Situation und sie erklärte mir, dass es für die Familie viele Veränderungen geben würde. Ihre Hoffnung sei, dass ihr Mann mit der Alkoholsucht richtig umgehen würde und es dann wieder eine echte Chance auf ein normales und positives Familienleben geben würde. Als sie mir einiges berichtet hatte, musste ich ein paar Dinge dazu sagen.

„Wissen Sie, wenn ihr Mann wirklich begriffen hat, dass er derjenige ist, der in der Pflicht steht und er für diese Dinge verantwortlich ist, dann bin ich guter Hoffnung, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen können. Vor allem für ihre Söhne wird das sicher sehr wichtig sein. Ich bewundere ihre Entschlossenheit, bei Fynn zu beginnen.“

Sie nickte sehr nachdenklich.

„Ja, ich hoffe es sehr. Auch Patrick leidet sehr unter der Situation. Er zeigt es nur nicht. Er hat sich immer weiter zurückgezogen. Ich habe es auch erst bemerkt, als mein Mann in die Klinik gegangen ist und hier Ruhe eingekehrt ist. Dann war erst für mich spürbar, wie weit sich die Kinder aus der Familie entfernt hatten. Können Sie sich vorstellen, wie das ist? Ich war irgendwann nicht mehr in der Lage, für die Kinder den Prellbock zu spielen. Mein Mann war unausstehlich geworden.“

Ich kannte diese Situationen bestens aus meiner Arbeit als Therapeut. Umso wichtiger war es jetzt, dass hier Veränderungen umgesetzt wurden.

„Ich kenne diese Dinge aus meiner Arbeit leider nur zu gut. Umso wichtiger ist es jetzt, dass Sie hier das Zepter in die Hand nehmen und den Jungs zeigen, wer hier ab sofort den Hut aufhat. Gerade bei dem Jüngsten ist jetzt eine klare Linie gefragt. Fynn wird mehr Zeit brauchen. Von daher ist diese räumliche Trennung sehr gut. Ich glaube, es wird für alle von Vorteil sein. Ich werde jedenfalls genau hinschauen. Vielen Dank, dass Sie so offen darüber gesprochen haben. Falls Sie Fragen haben sollten oder es Probleme gibt, können Sie mich immer anrufen.“

Ich gab ihr meine Visitenkarte und wollte mich verabschieden.

„Warten Sie bitte noch einen Augenblick. Ich habe doch noch eine Frage.“

„Klar, was möchten Sie noch wissen?“

„Soll ich morgen mit den Jungs gemeinsam in die WG kommen oder sollen sie lieber allein kommen?“

„Ganz klar, kommen Sie mit. Es wird den Jungs ein gutes Gefühl geben, dass Sie hinter ihnen stehen.“

Dann gab sie mir noch die Hand und ich verabschiedete mich.

Als ich bereits aus der Haustür gegangen war, ließ sie mich noch etwas wissen.

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie für Fynn etwas ganz besonderes sein müssen? Zu niemandem sonst hat er zurzeit so ein Verhältnis, wie zu Ihnen. Ich hoffe, dass er bald wieder Vertrauen in seine Familie findet und nicht nur bei Ihnen.“

„Ich bin sicher, wenn sich hier alles stabilisiert und er genug Zeit bekommt, wird er wieder ein Teil ihrer Familie sein. Ich bin mir da recht sicher.“

Danach stieg ich ein und fuhr Richtung Heimat.

Am nächsten Tag hatte ich morgens eine Projektbegleitung zum Thema Sucht in einer Schule. Diese Art der Veranstaltungen mochte ich sehr gern. Dort konnte ich mit Gesprächen in der Profilachse arbeiten. Wenn dadurch auch nur ein Jugendlicher vor dem möglichen Suchtmittelmissbrauch bewahrt werden konnte, hatte ich meine Ziele erreicht. Es war viel sinnvoller den Menschen zu helfen, bevor sie in die Sucht abdrifteten.

Nachdem ich die Schule verlassen hatte, schaute ich zur Uhr. Mit dem Mittagessen zu Hause würde es zeitlich nicht mehr klappen. Daher beschloss ich, gleich in die WG zu fahren. Dort wurde mittags gekocht und ich könnte sowohl mit Tim als auch mit Martina sprechen. Da gab es ja auch ein paar Schwierigkeiten, die sich mir noch nicht wirklich klar erschlossen hatten. Vielleicht konnte ich die Zeit in der WG nutzen, bevor ich mich mit Fynn und Dustin dort treffen würde.

Fynn: Training und WG mit Dustin

Heute wollte uns Chris nach dem Training unsere WG zeigen. Mama würde erst nach dem Training hinzukommen. Wir hatten uns bereits auf den Weg zum Training gemacht. Auch gestern hatte Burghard bereits Andeutungen gemacht, dass sich jetzt für uns einiges ändern würde.

Die Fahrt zum Training verlief sehr still. Ich hatte das Gefühl, Dustin musste sich erst mit der neuen Entwicklung anfreunden. Mir erging es nicht anders. Chris hatte es für uns beide erreicht, dass wir dort wohnen, trainieren und auch zur Schule gehen konnten. Erst, als wir an der Anlage ankamen und uns in der Umkleide umzogen, begann Dustin wieder mit mir zu sprechen.

„Ich weiß noch nicht wirklich, ob das alles in echt passiert ist oder ich gleich aus einem Traum erwachen werde. Wie macht Chris das nur?“

„Ich habe keine Ahnung, aber eines weiß ich, ich will diese Chance nutzen, so gut wie möglich im Tennis zu werden. Das sind wir auch Chris schuldig. Er hat sich für uns den Arsch aufgerissen und jetzt sollten wir ihn nicht enttäuschen.“

„Stimmt, ich werde jetzt richtig Gas geben. Vor allem haben wir jetzt die besten Möglichkeiten. Und ich bin sehr gespannt, was er uns gleich zeigen wird. Vielleicht bekommen wir ja ein gemeinsames Zimmer. Dann würde vieles einfacher werden.“

Dabei fing Dustin an zu grinsen. Was er damit wohl gemeint hatte. Ich wurde vermutlich ziemlich rot und er fing laut an zu lachen.

„Nun, das stimmt doch. Wir könnten endlich mal das machen, was andere Paare auch machen.“

Ich erschrak gewaltig.

„Hey, spinnst du? Hör auf, hier darüber zu sprechen. Wenn das jemand mitbekommt, dann könnte alles vorbei sein, bevor es angefangen hat. Sie werden uns wohl kaum in ein Zimmer stecken. Chris weiß ja was los ist.“

„Schade, aber schön wäre es doch trotzdem oder nicht?“

„Klar, aber wenn wir uns jetzt nicht beeilen, haben wir ein Problem. Los komm.“

Ich nahm meine Tasche und Schläger und wollte die Umkleide verlassen, als sich Dustin vor mich hinstellte und mir einen Kuss auf die Wange gab. Das überraschte mich total. Gut, es war außer uns niemand in der Umkleide, aber ich hatte damit nicht gerechnet. Es fühlte sich gut an und ich schüttelte grinsend den Kopf.

„So treffen wir bestimmt gleich keinen Ball. Los, wir müssen.“

Auf dem Weg zum Platz schwieg Dustin. Er schien über etwas nachzudenken, und bevor wir endlich am Platz ankamen, fragte er mich:

„War das eben falsch? Ich wollte dir nur zeigen, wie dankbar ich dir bin.“

Verwirrt schaute ich ihn an und hatte erst nach einigen Sekunden begriffen, was er überhaupt gemeint hatte.

„Dustin, es war nicht falsch, aber ich habe damit nicht gerechnet. Außerdem müssen wir in der Öffentlichkeit vorsichtig sein. Ich habe echt kein Bock, dass wir deswegen unsere Chance hier verzocken.“

Er nickte stumm, aber ich konnte spüren, dass er sehr bewegt war. Klar, ich wollte auch, dass wir uns näher kommen würden, aber ich hatte keinen Bock auf den zusätzlichen Stress.

„Dustin, ich versteh dich schon und ich möchte auch mehr davon, aber wir müssen jetzt wirklich auf den Platz. Los komm.“

Als ob jemand bei ihm einen Schalter umgelegt hatte, erwiderte er lachend:

„Ja, auf geht’s und du hast ja recht. Dennoch freue ich mich darauf. Genau wie auf das Training. Also packen wir es an.“

Wir stellten unsere Taschen an den Trainingsplatz, begrüßten Burghard und machten uns warm. Die nächsten zwei Stunden Training wurden sehr hart. Allerdings fühlte ich mich total gut dabei. Immer wieder musste ich grinsen, wenn Dustin und ich in den Übungen mal verschnaufen konnten. Das machte so einen Spaß, hart zu trainieren. Dustin wunderte sich zwar manchmal über die Übungen und die Korrekturen, aber zog voll mit. Bei einer Trinkpause stellte er eine Frage in den Raum.

„Warum haben wir beim Verband eigentlich nie solch intensive und gute Korrekturen erhalten? Wir mussten immer wieder nur die gleichen Übungen absolvieren. Keiner der Trainer hatte sich die Mühe gemacht, eine Einzelkritik zu geben.“

Ich schaute fragend zu Burghard. Der lächelte vielsagend und gab ihm sogar eine Antwort.

„Vermutlich, weil es den Trainern zu anstrengend war und du gar nicht wusstest, was ein gutes Training ausmacht. Wie sollst du als Spieler wissen, was alles machbar ist, wenn du keine Vergleichsmöglichkeiten hast. Du hast es doch selbst gemerkt auf der letzten Reise, wo du Chris kennengelernt hast.“

Die Antwort war ungewöhnlich, Burghard fokussierte sich eigentlich während des Trainings nur auf das Geschehen auf dem Platz. Entsprechend überrascht war ich. Allerdings musste ich ihm voll und ganz zustimmen.

Nach der Pause ging es wieder richtig hart zur Sache und ich merkte langsam, dass ich an meine Grenzen kam. Dustin hatte noch mehr damit zu kämpfen, denn er war noch nicht so fit wie ich. Entsprechend hoch wurde seine Fehlerquote. Plötzlich brach Burghard das Training ab und rief:

„Stopp. Dustin, du gehst dich auslaufen und duschen. Genug für dich heute.“

Ohne einen schlechten Kommentar brach Burghard das Training für Dustin ab. Normalerweise erwartete er eine körperliche Fitness, die sein Training möglich machen würde. Dustin schien auch enttäuscht zu sein und wollte bereits mit seiner Tasche den Platz verlassen, als Burghard ihn an dem Ausgang abfing. Er redete mit ihm noch ein paar Sätze. Ich konnte es nicht hören, aber Dustin schien beruhigt zu sein und zum Abschied wuschelte Burghard noch über seinen Kopf. Das machte er auch sehr selten. Es schien so, als ob Dustin noch so etwas wie eine Schonzeit haben würde.

Als meine Trainingseinheit zu Ende ging, war ich körperlich ausgebrannt. Total erschöpft, aber ich fühlte mich toll, weil ich alles aus mir herausgeholt hatte. Ich saß ausgepumpt auf der Bank und Burghard wies die nachfolgende Gruppe ein. Ich hatte mir eine Flasche Wasser aus meiner Tasche genommen und nahm mehrere große Schlucke. Plötzlich stand Burghard vor mir an der Bank.

„Gutes Training heute von dir. Mach weiter so, dann wirst du sehr schnell die nächsten Schritte machen. Du hast eine gute Einstellung.“

Das freute mich sehr, denn mit Lob ging er sehr sparsam um. Allerdings war er immer fair.

„Danke, ich will auch auf jeden Fall weiterkommen. Aber Dustin hat noch Probleme hier. Ich hoffe, er glaubt jetzt nicht, dass er nicht gut genug ist. Ich vermute, er hat noch nicht oft ein Training abgebrochen.“

„Mach dir keine Sorgen. Er liegt gut im Soll. Wir kennen das schon. Viele der Spieler aus dem Verband bringen Defizite mit. Ich habe ihm aber gesagt, dass er daran arbeiten kann und je mehr Einsatz er zeigt, desto schneller wird er auf dein Niveau kommen. Also keine Panik, dein Freund ist hier schon gut angekommen.“

Das freute mich zu hören. Ich verabschiedete mich von Burghard, allerdings nicht ohne Bescheid zu sagen, dass wir heute nicht mehr zum Fitnesstraining gehen würden. Wir hatten noch den Termin in der WG. Burghard wusste aber bereits Bescheid. Das war auch so ein Punkt, hier kommunizierten alle Trainer miteinander. Jeder wusste immer Bescheid. Das war schon beeindruckend. In der Umkleide waren noch einige andere Leute. Ich suchte mir einen Platz und zog mir die verschwitzten Sachen aus. Dustin hatte wohl bereits fertig geduscht. Ich beeilte mich, denn gleich würden wir uns mit meiner Mutter und Chris treffen.

Nach dem Duschen stand ich vor dem Spiegel und föhnte mir die Haare. Plötzlich kam Dustin in die Umkleide und setzte sich auf die Bank. Ich stellte den Föhn ab und drehte mich um.

„Und wie hast du das Training heute gefunden?“, fragte ich ihn.

„Eigentlich gut. Allerdings kann ich mit dir nicht mithalten. Du bist viel fitter als ich. Ich muss noch einiges aufholen.“

„Naja, so groß sehe ich den Unterschied nicht. Außerdem warst du verletzt, also das wird sicher bald besser werden. Hat Burghard dir noch was gesagt?“

Er nickte, aber sehr nachdenklich ergänzte er dann.

„Ja, aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich diesen Anforderungen gewachsen bin. Es ist total neu für mich, so hart zu trainieren.“

Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter und versuchte ihn zu beruhigen.

„Natürlich schaffst du das. Wenn hier jemand Zweifel hätte, dann würden sie dich nicht mit so einem Aufwand unterstützen. Du musst nur richtig arbeiten und ja, im Moment ist es sicher ein wenig viel, aber das wird wieder ruhiger werden, wenn du dich hier eingearbeitet hast. Bei mir war das am Anfang auch nicht besser.“

Jetzt lächelte Dustin wieder und wechselte schnell das Thema auf den Termin, der jetzt folgen sollte.

„Was weißt du eigentlich schon über die WG? Ich kann mir das überhaupt noch nicht so richtig vorstellen. Ist das wie ein Internat?“

„Nein, das ist eine normale Wohnung mit Zimmern und einer gemeinsamen Küche und dort leben die Spieler gemeinsam zusammen. Da viele auch häufig auf Turnieren unterwegs sind, hat das Team ein Gymnasium gefunden, das die Spieler auch vom Unterricht befreit. Das bedeutet aber unterwegs doppelter Stress. Stell dir das nicht so einfach vor. Es wird sehr anstrengend werden.“

Komischerweise lächelte er jetzt, und während wir hinausgingen, sagte er etwas sehr Bewegendes:

„Alles ist besser, als weiter zu Hause bleiben zu müssen. Außerdem bin ich ja nicht mehr allein. Du bist bei mir und dann schaffen wir das.“

Ich wusste nicht mehr, was ich dazu sagen sollte. Es berührte mich tief. Allerdings hatte ich ein ähnlich positives Gefühl. Dustin und ich wurden immer mehr zu einem Team. Mal sehen, wie sich das jetzt weiter entwickeln würde.

Unser Haus, indem die WGs untergebracht waren, lag nur fünf Minuten mit dem Rad entfernt von der Anlage. Wir fuhren mit den Rädern dorthin und Chris wollte sich mit uns dort treffen. Wir stellten die Räder vor einem gut gepflegten Haus mit Vorgarten ab. Unsere Taschen stellten wir ab, und bevor wir klingeln konnten, kam Tim aus der Tür. Tim war einer der jüngsten aus der WG, aber er war in seinem Jahrgang auch einer der besten in Deutschland. Er kam die kleine Treppe vom Eingang herunter und hatte seine Tasche über der Schulter. Er grüßte etwas verwundert:

„Hallo Fynn, hallo Dustin. Was macht ihr denn hier?“

„Hi Tim, wir treffen uns mit Chris und er will uns das hier mal zeigen.“

Dustin blieb etwas im Hintergrund und Tim antwortete: „Chris ist schon da, ihr könnt einfach reingehen.“ Damit verabschiedete sich Tim von uns und fuhr zum Training.

Dustin und ich nahmen unsere Taschen und gingen in das Haus. Wir kamen in einen Flur, von dem eine Treppe nach oben ging. Unten vor einem Schrank stand eine Reihe von Schuhen. Ich schloss daraus, dass es hier erwünscht war, die Schuhe auszuziehen. Allerdings hatte ich keine Ahnung, ob wir nach oben oder nach unten mussten. Ich rief einmal ein lautes „Hallo“, worauf eine Tür im Erdgeschoss geöffnet wurde und eine junge Frau in den Flur kam. Sie begrüßte uns freundlich.

„Hallo ihr zwei. Ihr seid bestimmt Dustin und Fynn, oder?“

Diesmal war Dustin schneller mit der Antwort.

„Ja, richtig. Guten Tag.“

Sie gab uns beiden die Hand und stellte sich kurz vor:

„Dann mal rein mit euch. Ich bin Martina und Chris wartet schon auf euch. Geht mal durch die Tür und dann rechts in die Küche.“

Jetzt wurde ich doch ein wenig nervös. Erst recht, als wir in die Küche kamen und dort drei ältere Jungs mit Chris am Tisch saßen. In dem Moment brach ihre Unterhaltung ab und Chris begrüßte uns.

„Hi, ihr beiden. Schön, dass ihr den Weg gefunden habt. Ihr kennt euch sicher schon, oder?“

Dabei zeigte er mit einer Handbewegung auf die anderen Jungs. Zwei kannte ich schon vom Training, aber der Dritte war mir noch nicht bekannt. Dustin kannte allerdings noch keinen der anderen Jungs. Entsprechend unsicher reagierte er.

„Sorry, aber ich kenne euch noch nicht.“

„Stimmt“, sagte Chris, „Du kannst die Drei ja noch nicht kennen. Das sind Maxi, Alex und Lennart. Wobei Lennart kaum noch hier ist. Er spielt schon die Challenger Tour und hat sein Abi bereits gemacht.“

Wir gaben uns allen die Hand und Martina stand in der Tür.

„Ach ja, und in der Tür das ist Martina Amberg. Sie ist die Chefin hier. Also wenn ihr keinen Stress wollt, macht ihr besser das, was sie euch sagt.“

Maxi grinste und ergänzte: „Wir nennen sie nur den Hausdrachen. Aber ein wirklich netter Hausdrachen. Wenn man sich an ihre Anweisungen hält, kann man fast alles von ihr bekommen.“

Das lockerte schnell die Stimmung, denn Martina konterte sofort.

„Alter Schleimer. Sieh zu, dass du dich vom Acker machst. Sonst räumst du gleich die Küche auf.“

Jetzt brachen alle in lautes Gelächter aus. Ich fand das sehr cool. Martina war mir gleich sympathisch.

Es klingelte plötzlich an der Tür. Maxi stand auf, um die Tür zu öffnen. Wenige Augenblicke konnte ich die Stimme meiner Mutter hören. Das hatte ich total vergessen. Sie sollte ja auch dabei sein.

Chris reagierte schnell.

„Das wird Fynns Mutter sein, dann lasst uns mal starten.“

Chris stand auf und Martina, Dustin und ich gingen aus der Küche.

Meine Mutter stand im Flur und sie begrüßte mich mit einer Umarmung.

„Hallo Schatz. Schön, dass ihr schon da seid. Wenigstens hier bist du pünktlich.“

Etwas verärgert mischte sich Dustin sofort ein:

„Fynn ist eigentlich immer pünktlich. Sonst würde es hier ständig Ärger geben.“

Jetzt musste Martina lachen und auch Chris grinste. Mir war das etwas unangenehm, aber ich freute mich doch, als ich merkte, dass meine Mama auch lachte.

Martina begann uns die Zimmer zu zeigen und wie die WG eingerichtet war. Dustin schien erstaunt und Chris bemerkte auch recht schnell, dass Dustin sehr ruhig blieb.

„Und wie gefällt euch das hier?“, fragte Chris mit einem Grinsen.

Ich war wirklich beeindruckt, das hatte nichts von einem Internat, sondern jeder hatte sein eigenes Zimmer und die Wohnung war sehr gut ausgestattet. Moderne Küche, Internet mit W-LAN und es gab sogar einen Freizeitkeller. Dort standen ein Kicker und ein kleiner Fitnessbereich. Alles war modern eingerichtet und ich empfand es sogar als gemütlich. Bald standen wir vor einem Zimmer und Chris öffnete die Tür ohne zu klopfen. Wir betraten einen großen Raum, der mit Teppichboden ausgelegt war. Die Wände waren in Sandtönen gestrichen und es gab sogar ein kleines Bad. Der Clou aber war eine Tür in den Garten mit einer kleinen Terrasse. Ansonsten befand sich nur noch ein großer Einbauschrank in diesem Zimmer.

Dustin und ich schauten uns verwundert an und Chris schwieg verdächtig lange. Martina übernahm nun das Gespräch.

„So, das wäre der Bereich, der für euch in Frage kommen würde. Hier könntet ihr einziehen. Gefällt euch das einigermaßen?“

Ich schaute Chris fragend an, der allerdings nur sein breitestes Grinsen im Gesicht hatte. Dustin schien überwältigt.

„Also ich mag das hier. Alles sehr nett eingerichtet und das Zimmer hier ist der Hammer. Heißt das, Dustin und ich würden hier gemeinsam wohnen?“

Jetzt schien Dustin begriffen zu haben, dass es wirklich ernst würde. Er schien sich zu fragen, warum wir zusammen wohnen würden und die anderen jeweils ein Einzelzimmer hatten. Chris schien seine Gedanken lesen zu können, denn er hatte Schwierigkeiten ernst zu bleiben. Ich hatte allerdings mächtig Schiss, dass meine Mama etwas mitbekommen würde. Hoffentlich hatte Dustin nicht schon zu viel verraten.

Martina hatte ein gutes Gespür für die Situation und ließ uns einen Moment allein im Zimmer. Meine Mutter folgte ihr und ich war sehr froh, dass wir einen Moment mit Chris allein blieben.

„Chris“, sagte Dustin leise, „ist das wirklich euer Ernst? Wir können hier gemeinsam wohnen?“

„Na, ich habe mir gedacht, das könnte euch vielleicht besser gefallen, als jeder in einem kleinen Zimmer. Außerdem ist das Zimmer hier gerade nicht belegt. Es ist eigentlich als kleines Appartement gedacht. Ihr habt auch als Einzige dann ein eigenes Bad.“

„Allerdings“, sagte ich grinsend. Dustin traute sich nicht irgendwas zu sagen. Ich schaute ihn an und er nickte nur ganz zaghaft.

„Chris, das ist viel mehr als wir erträumt haben. Aber weiß Martina über uns Bescheid?“

„Ja, ich habe ihr gesagt, dass ihr viel durchgemacht habt und es gut wäre, wenn ihr zusammen wohnen würdet. Dass ihr ein Paar seid, weiß hier niemand. Ich will damit sagen, dass ihr schwul seid, weiß hier außer mir niemand. Ich denke aber, ihr könnt mit Martina offen reden, wenn ihr soweit seid. Was meint ihr? Soll ich Thorsten bereits etwas sagen oder wollt ihr noch mal darüber nachdenken?“

Sehr schnell hatten wir Chris gesagt, dass wir auf jeden Fall hier einziehen würden. Die Einrichtung würde ich sicher mit meinen Möbeln machen und Chris sagte uns zu, dass es auch die Möglichkeit über das Jugendamt gibt, für Dustin Möbel zu besorgen. Vor allem ein Bett musste ja recht schnell her. Alles andere wäre sicher für einige Zeit zu improvisieren gewesen.

Dustin war sprachlos. Wir standen in dem großen leeren Raum und Chris schaute uns an.

„Ich lass euch mal für einen Moment allein. Ich bin in der Küche und regel schon mal ein paar Dinge mit Martina und Fynns Mutter. Oder weiß sie mittlerweile Bescheid?“

Ich schüttelte ängstlich den Kopf. Chris hingegen zwinkerte mir zu und das beruhigte mich. Ich hatte jetzt ein gutes Gefühl. Er wusste, dass er mit meiner Mutter dieses Thema noch nicht anschneiden konnte.

„Kommt ihr dann bitte auch gleich noch einmal in die Küche?“

Ich nickte nur und Chris verließ den Raum. Wir waren allein.

Dustin holte tief Luft und kam auf mich zu. Wir legten unsere Arme gegenseitig auf unsere Schultern und schauten uns an. Ich war kurz davor ihn zu küssen, so gut fühlte sich das gerade an. Ich traute mich aber nicht. Ich hatte Angst, es könnte jemand hereinkommen. Dustin hingegen schien es egal zu sein, sein Gesicht näherte sich meinem. Er flüsterte nur zwei Worte:

„Darf ich …“

Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ablehnen oder zulassen? Dustin nahm mir die Entscheidung ab und unsere Lippen berührten sich. Es war eine Gefühlsexplosion. Leider trennten sich unsere Lippen wieder viel zu schnell.

„Lass uns warten. Wir haben Chris viel zu verdanken. Er hat uns mit Absicht zusammengesteckt. Ich bin so glücklich.“

„Ja, da könntest du vermutlich recht haben. Lass uns zu den anderen gehen. Wir sollten uns nicht zu auffällig verhalten.“

Entsprechend unauffällig gingen wir zu meiner Mutter, Martina und Chris in die Küche. Die Drei saßen am Tisch und hatten einen Pott mit Kaffee vor sich stehen. Sie hatten sich unterhalten, aber sie unterbrachen ihr Gespräch, als wir eintraten.

„Setzt euch bitte“, bat uns Chris.

Meine Mutter beobachtete mich genau und plötzlich begann sie zu lachen. Ich verstand überhaupt nicht, um was es jetzt ging.

„Mama?“

Sie lachte und antwortete:

„Ach Fynn, ich habe es schon gesehen. Das gefällt dir hier. Ich glaube, deine Entscheidung ist schon gefallen. Also?“

Sie kannte mich doch viel besser, als ich in den letzten Monaten immer gedacht hatte. Warum nur, fragte ich mich jetzt, hatte sie mir das nie gezeigt, dass sie mich immer noch genauso mochte wie früher.

„Ja, es stimmt. Ich habe mich entschieden. Ich möchte hier mit Dustin einen Neuanfang machen. Und vielleicht schaffen wir das ja auch in unserer Familie.“

Meine Mutter nickte mir stumm und nachdenklich zu, Chris übernahm jetzt das Gespräch.

„Also gut, dann stimmen Sie also dieser Maßnahme zu?“

Er schaute meine Mutter an und sie lächelte wieder.

„Ja, wenn ich mir meinen Sohn so anschaue und auch Dustins Gesicht eben gesehen habe, dann fühle ich, dass es die richtige Entscheidung ist.“

„Gut, dann werde ich Thorsten bitten, den Vertrag fertig zu machen. Wir schicken Ihnen den zu und Sie müssten uns den dann unterschrieben zurückgeben. Entweder über Fynn oder per Post.“

Chris streckte meiner Mutter die Hand entgegen und sie schlug ein. Anschließend wendete er sich uns zu.

„Dann herzlich willkommen und ich hoffe, ihr gebt weiterhin Gas. Auf eine gute Zusammenarbeit.“

Mir wurde jetzt wirklich bewusst, es war tatsächlich geschafft. Dustin und ich konnten unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. Das wollte ich auch auf jeden Fall machen.

Nach ein paar Minuten löste sich unsere Runde auf. Dustin und ich waren glücklich, aber auch sehr müde von diesem Tag. Martina bat uns zum Abschluss noch:

„Es wäre schön, wenn ihr morgen beide abends zum Essen kommen könntet. Dann sind auch die Jungs von oben da und ihr könnt euch bei allen vorstellen. Außerdem müssen wir noch besprechen, wie ihr euch einrichten wollt. Ich geh mal davon aus, dass ihr noch andere Farben oder Tapeten möchtet.“

Jetzt waren wir beide etwas verwirrt.

„Sicher wollen wir uns das noch etwas persönlicher einrichten. Wie lange haben wir eigentlich Zeit, das alles zu regeln?“

Martina lachte.

„Ihr müsst nur sagen, wie ihr das haben wollt. Zum Renovieren habt ihr doch gar keine Zeit. Da kümmern wir uns dann schon drum.“

Wow, damit hatte ich gar nicht gerechnet. Auch meine Mutter war erstaunt. Das war jetzt endgültig der Punkt, an dem wir uns verabschiedeten. Mama fuhr mit dem Auto nach Hause und wollte schon mal das Essen für uns vorbereiten. Patrick wartete vermutlich schon darauf. Dustin und ich hatten ihr unsere Taschen mitgegeben und machten uns ebenfalls auf den Heimweg. Allerdings nicht ohne uns vorher bei Chris für seine Hilfe zu bedanken. Ich hatte das Gefühl, heute hatten wir etwas Außergewöhnliches gemacht.

Die ersten Minuten des Rückweges verliefen schweigend. Wir hingen unseren Gedanken nach, aber nach ein paar Minuten mussten wir durch ein kleines Waldstück fahren. Dustin fuhr vorweg und bog plötzlich in einen kleinen Weg ab. Ich war irritiert.

„Hey, wo willst du hin? Wir müssen geradeaus fahren.“

„Ich weiß, aber komm bitte mal mit. Es dauert auch nicht lange.“

Also folgte ich ihm und tatsächlich stellte er das Rad bereits wenige Meter weiter ab und stieg ab. Er wartete auf mich und bat mich ebenfalls kurz abzusteigen.

„Was ist los? Habe ich was verpasst?“

„Nein“, sagte er sehr nachdenklich, „aber ich möchte nicht gesehen werden, wenn ich dir das jetzt sage.“

Jetzt war ich aber gespannt. Er kam auf mich zu, umarmte mich ganz fest und dann folgte ein Kuss, den ich nie vergessen werde. Es war der erste intensive Kuss. Wir umarmten uns immer wieder und dann sagte er irgendwann:

„Danke für alles. Ich bin so froh, dich als Freund zu haben. Auch deine Mutter hätte ich nicht so eingeschätzt. Ich bin gerade sehr glücklich.“

Ich war total überrascht, aber es war ein grandioses Gefühl, leider war auch bei uns beiden die Reaktion in unseren Shorts nicht zu übersehen.

„Ja, es fühlt sich gut an. Schade nur, dass wir uns hier heimlich im Wald küssen müssen. Vielleicht bekommen wir das ja auch noch hin.“

Jetzt mussten wir lachen. Dustin war sogar so dreist mich an meiner Latte durch die Hose anzufassen und grinste:

„Ja, aber hier sieht es doch so aus, als ob du auch Gefallen daran hast.“

Ein Schlag durchzuckte mich. Es war das erste Mal, dass mich dort jemand außer ich selbst berührt hatte. Er gab mir wieder einen Kuss und flüsterte mir ins Ohr:

„Ich bin mir jetzt sicher, dass ich dich liebe.“

Ich schaute ihm in die Augen und wusste, mir ging es genauso.

„Ja, ich dich auch, aber wir müssen weiter. Sonst schöpft Mama Verdacht. Das wäre nicht gut. Außerdem, wenn wir jetzt weitermachen, kann ich nicht garantieren, dass ich nicht gleich abspritze.“

Das war natürlich im Scherz gemeint und Dustin musste sofort lachen. Aber irgendwie war es auch richtig geil, als er mich dort berührt hatte.

Wir stiegen wieder auf unsere Räder und fuhren ohne weitere Unterbrechungen nach Hause.

Dustin: War das richtig?

Warum musste das alles so kompliziert sein? Alle anderen Jungs konnten ihre Freundinnen einfach da küssen, wo sie gerade waren. Wir mussten in den Wald gehen und selbst dort hatten wir Schiss entdeckt zu werden. Allerdings war das Gefühl Fynn zu umarmen einfach nur genial. Seine Erregung war genauso wenig zu übersehen wie meine.

Als wir weiter nach Hause fuhren, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf. Hätte ich ihn vorher fragen sollen? Oder war das richtig? Was wird passieren, wenn es bekannt würde? Wie wird unsere Zukunft beim Tennis aussehen? Ich war mit den Gedanken ganz weit weg und bekam gar nicht mit, dass wir bereits fast zu Hause waren. Fynn schien es nicht viel anders zu gehen, denn wir sprachen nicht mehr miteinander, bis wir bei ihm zu Hause ankamen.

„Hey Dustin, woran hast du die ganze Zeit jetzt gedacht?“

„Ganz ehrlich, ich frage mich, ob das richtig war.“

„Was? Ach, du meinst das im Wald?“

Ich nickte und war überrascht, dass er so offen darauf reagierte. Meine Angst, dass es jemand mitbekommen könnte, war riesig. Er hingegen grinste mich an.

„Nein, ich denke, das war falsch.“

Bitte? Scheiße, jetzt bekam ich Panik.

Fynn schaltete sofort und lachte.

„Bleib ruhig. Ich wollte doch nur sagen, es ist falsch, dass wir dafür in den Wald fahren müssen. Ich will das überall machen können.“

Boah, das war fies. Wie konnte er mir so einen Schrecken einjagen.

„Wie kannst du mich so verarschen. Ich habe gerade gedacht …“

„Schweig, nicht hier. Aber sei unbesorgt, ich fand es geil.“

Wir stellten die Räder in die Garage und gingen ins Haus. Ich beruhigte mich schnell wieder und hatte bereits den Geruch von leckerem Essen in der Nase. Fynns Mama hatte Spaghetti mit ihrer speziellen Sauce gemacht. Als wir in die Küche kamen, saß Patrick schon wartend am Tisch. Er war etwas ungehalten über unser spätes Erscheinen.

„Endlich. Ich dachte schon, ihr würdet gar nicht kommen. Wo seid ihr so lange gewesen?“

Fynn schien gleich genervt von seinem Bruder, aber ich wollte keinen Streit.

„Wir haben noch jemanden getroffen und uns ein wenig verquatscht. Außerdem verhungerst du noch nicht gleich.“

Fynns Mutter lachte: „Guter Konter, Dustin. Du machst dich langsam hier. Zeig ihm ruhig, dass er hier nicht der Einzige ist, der noch hier wohnt.“

„Hä? Wieso noch? Habe ich was verpasst?“

Patrick hatte natürlich keinen Schimmer, dass er tatsächlich bald hier allein sein würde. Fynns Mutter machte aber keine Anstalten, dies sofort zu erklären. Im Gegenteil, sie schwieg und füllte uns allen Nudeln auf und stellte die Soße auf den Tisch.

Da er sofort anfing zu essen, hatten wir erst einmal Ruhe und konnten das Essen genießen. Allerdings ließ Patrick danach keine Ruhe mehr.

„Ich will noch eine Erklärung. Warum bin ich nicht der Einzige, der noch hier wohnt?“

„Man, du kannst echt nerven.“ Fynn reagierte leicht genervt. Und ich setzte noch einen drauf.

„Stimmt, er kann nerven, aber bald wird er sich selbst nerven müssen, weil wir nämlich ausziehen.“

Da bekam Patrick große Augen und ihm fiel fast die Gabel aus der Hand, mit der er gerade die letzte Spaghetti von seinem Teller fischen wollte.

„Mama, was labern die für einen Müll? Ausziehen, natürlich.“

Dabei grinste er hämisch. Seine Mutter hingegen blieb ganz ruhig und klärte ihn auf.

„Das ist kein Müll. Die beiden ziehen tatsächlich aus. Sie werden bald in der WG vom Tennis Club wohnen.“

„Mama“, fuhr Fynn dazwischen, „die wird nicht vom Tennis Club betreut. Das macht das Break Point Team. Das ist ein gewaltiger Unterschied.“

„Ok, entschuldige. So genau wusste ich das auch nicht. Aber gut, habe ich wieder was gelernt.“

Patrick sagte nichts mehr. Aber ich hatte das Gefühl, es passte ihm nicht so wirklich. Mal sehen, was in den nächsten Tagen hier noch passieren würde. Fynn und ich berichteten noch kurz, welches Turnier wir am kommenden Wochenende spielen würden und dass Thomas uns betreuen würde. Chris hatte am Wochenende nur wenig Zeit. Er wollte aber mal vorbeischauen. Wenn das Wetter gut sein würde, wollte er sein Motorrad mal wieder ausführen. So sagte er das immer. Fynns Mutter war damit einverstanden und wir räumten noch unsere Sachen in die Spülmaschine und machten uns dann auf den Weg in unser Zimmer.

„Manchmal könnte ich ihn einfach nur auf den Mond schießen.“

„Hä? Ach so, du meinst deinen Bruder.“

Fynn drehte sich um und rollte mit den Augen. Schon waren wir beide wieder in einen Lachanfall geraten. Je mehr ich in Fynns Nähe war, desto weniger musste ich an mein bisheriges Zuhause denken. Es war einfach toll, mit Fynn zu reden. Wir besprachen noch unsere Vorstellungen von dem gemeinsamen Zimmer. Es stellte sich heraus, dass wir uns schnell einig waren.

Fynn saß in seinem großen Sessel und gab mir zu verstehen, ich sollte mich auf seinen Schoß setzen.

„Man, was ist denn, wenn dein Bruder reinkommt? Er klopft ja nicht immer an.“

Ich hatte Schiss, aber irgendwie hatte ich auch Lust auf kuscheln. Vorhin dieses Gefühl war einfach zu heftig.

„Ich möchte aber endlich da weiter machen, wo wir vorhin unterbrochen wurden. Oder hat dir das nicht gefallen?“

Also setzte ich mich bei ihm auf den Schoß und er legte seine Arme um mich. Was für ein Gefühl. Es dauerte natürlich auch nicht lange und ich konnte seinen harten Schwanz spüren. Bei mir war es nicht anders und plötzlich legte er seine Hand genau auf diese Stelle. Es war unbeschreiblich, was für ein Gefühl sich in meinem Körper ausbreitete. Allerdings war uns beiden klar, hier konnten wir nicht weiter gehen. Es war einfach zu gefährlich. Also brachen wir das Spiel an dieser Stelle ab, allerdings flüsterte Fynn mir ins Ohr.

„Wir machen nachher im Bett weiter, ok?“

Ich nickte nur stumm. Dieses erregende Gefühl war einfach krass. Aber wollte ich wirklich schon mit ihm Sex haben? Ich war mir nicht sicher, aber ich wollte ihn auch nicht enttäuschen. Hoffentlich würde er noch nicht alles wollen, dachte ich mir.

Wir beschlossen, uns ein wenig mit Computerspielen abzulenken und ohne dass ich es bemerkt hatte, war es bereits halb elf. Es wurde Zeit, sich für die Nacht vorzubereiten.

Einige Minuten später lag ich in meinem Bett und lies den Tag noch einmal Revue passieren. Fynn lag in seinem Bett und las noch etwas auf seinem Tablet.

War das alles richtig, was ich hier tat? Hatte ich das alles wirklich erlebt? Und wie würde es weitergehen?

Mir wurde bewusst, dass Fynn meine Gefühle für ihn erwiderte und es tatsächlich eine gemeinsame Zukunft geben könnte. Dass wir sogar gemeinsam wohnen würden, konnte ich noch immer nicht wirklich glauben. Chris hatte das einfach eingefädelt, ohne mit der Wimper zu zucken. Sollte mein Leben jetzt eine Wendung erhalten? „Ja, hoffentlich.“ Ich erschrak, hatte ich das soeben wirklich laut gesagt? Mist.

Fynn legte sein Tablet an die Seite und schaute zu mir.

„Was meinst du?“

Man, war das peinlich.

„Ach, ich habe eigentlich nur etwas nachgedacht. Sorry, ich wollte dich nicht stören.“

„Hast du doch gar nicht, aber sag doch mal, über was du nachgedacht hast.“

„Ich glaube, das sollte ich besser lassen. Du würdest mich bestimmt auslachen.“

„So ein Unsinn. Ich würde dich niemals auslachen.“

Ich zögerte einen Moment, aber dann überwand ich meine Zweifel und begann zu erzählen.

„Ich frage mich einfach, ist das alles real, was ich heute erlebt habe und solche Gefühle, wie vorhin im Wald habe ich noch niemals zuvor gehabt. Fynn, ich möchte endlich leben und nicht mehr nur weglaufen und sich verstecken müssen.“

Er schwieg einen Moment.

„Nein Dustin, du hast es nicht geträumt. Ich habe es auch erlebt, was du sagst. Also war es wohl real.“

Dabei konnte ich ein leises Lachen hören. Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:

„Mir geht es genauso. Das Erlebnis im Wald war sicher das Schönste, was ich bisher erlebt habe. Ich hoffe, es wird noch mehr davon für uns geben.“

„Heißt das, es war nicht falsch? Ich hatte Sorge, du könntest es vielleicht als Überfall empfinden.“

„Nein, ich fand das total schön und möchte mehr davon.“

„Ich auch, wirklich. Es ist nur so bescheuert, dass wir sogar hier aufpassen müssen.“

Plötzlich hörte ich, wie er seine Decke zur Seite schlug und aus seinem Bett stieg. Er kam zu mir und stand vor meinem Bett. In der Dunkelheit konnte ich nicht viel sehen, nur seinen Schatten.

„Lässt du mich unter deine Decke.“

Er sagte es ganz leise und wie in Trance hob ich meine Decke und er legte sich neben mich. Was für ein Gefühl! Die Wärme seines Körpers strahlte auf meine Haut, ohne dass wir uns berührten. Er flüsterte:

„Wir müssen leise sein, aber ich möchte nicht mehr nur davon träumen. Ich möchte es erleben.“

Dabei legte er seine Hand auf meinen Bauch und streichelte mich. Seine Hand ging unter mein T-Shirt und es war unglaublich. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sollte ich das bei ihm auch machen?

Plötzlich nahm er meine Hand und legte sie auf seinen Bauch. Wir streichelten uns und ich hatte innerhalb von Sekunden die härteste Latte meines Lebens. Seine Hand kreiste langsam über meinen Bauch und ich tat es ihm gleich.

Aber wir trauten uns nicht tiefer zu gehen. Meine Shorts war bereits feucht und ich wollte mehr.

Leise stöhnte ich: „Tiefer, geh ruhig tiefer. Das ist so geil.“

„Willst du wirklich?“

Auch seine Stimme war zittrig. Er war auch bereits erregt. Dann nahm er seinen Mut zusammen und fuhr mit seiner Hand in meine Hose. Ich stöhnte auf.

„Mach das bei mir auch, bitte“, flüsterte er mir ins Ohr.

Meine Hand zitterte. Es war das erste Mal, dass ich nicht nur meinen eigenen Schwanz anfasste.

Als seine Hand an meiner Latte ankam und er sie umfasste, war jedoch alles zu spät. Ich war derart überreizt und nicht mehr in der Lage es zu kontrollieren. Mein Saft schoss vier- oder fünfmal aus der Spitze in meine Hose. So geil war ich noch nie.

Fynn war total überrascht, dass es so schnell ging. Aber nach einer kurzen Erholungspause machte ich bei ihm weiter und er war nicht viel weniger geil, denn sein Abschuss war mindestens ebenso heftig.

„Man, war das geil“, flüsterte er.

Ich war noch so von meinen Gefühlen übermannt, dass ich in der Dunkelheit nur nicken konnte. Einige Augenblicke später wurde mir aber bewusst, so konnten wir nicht liegen bleiben. Fynn hatte wohl den gleichen Gedanken.

„Schade, ich würde gern mit dir einschlafen.“

„Ja, das wäre toll. Nur morgen früh würde es hier nicht mehr so schön sein.“

„Ja, da hast du wohl recht.“

Er gab mir noch einen Kuss auf die Wange und kletterte wieder aus meinem Bett. Hoffentlich war das nicht das letzte Mal. Völlig erschöpft, aber sehr glücklich schlief ich wenige Minuten später ein.

In der Nacht träumte ich von weiteren schönen Dingen, und als ich am Morgen aufwachte, brauchte ich einen Augenblick, um wach zu werden. Hatte ich das wirklich erlebt oder alles nur geträumt. Erst als ich die Bettdecke zur Seite nahm, konnte ich sehen, dass es tatsächlich passiert war. Meine Shorts sah ganz schön versaut aus. Schnell zog ich sie aus und machte mich auf den Weg in die Dusche.

Fynn: Veränderungen müssen her

Meine Güte war das ein heftiger Abschluss des Tages geworden und ich lag am nächsten Morgen wach und nachdenklich in meinem Bett. Dustin war bereits duschen. Wie gut, dass wir noch Ferien hatten. Ich fühlte mich einerseits sehr glücklich, weil ich endlich meinen Gefühlen nachgegangen war, anderseits ging mir durch den Kopf, wie schwierig es für uns werden würde. Im Tennis gab es keine schwulen Spieler. Warum eigentlich? Im Verband wäre es sicherlich ein Skandal, aber mir war der Verband sowas von egal. Dustin hatte sich aus dem Verband verabschiedet. Jetzt lag es also bei uns, was wir daraus machen wollten. Heimlich und ohne Stress oder offen und mit Stress mit den Funktionären.

Komischerweise sprachen wir beide nicht weiter über diese Nacht. Auch an den nächsten Tagen nicht. Wir hatten zwar noch einige Gelegenheiten, bei denen wir uns noch heimlich küssten oder mal kuschelten, aber mehr passierte nicht. Auch beim Training waren wir immer wie gute Freunde, aber nicht mehr. Wir trainierten die nächsten Tage sehr hart und Dustin holte immer mehr von seinen körperlichen Defiziten auf. Das nächste Turnier stand an und Thomas hatte uns gut vorbereitet. Leider hatten wir auch zwei von den jungen Spielern dabei. Tim und Carlo waren mit von der Partie. Carlo mochte ich, während mir Tim einfach nur auf die Nerven ging. Naja, ich würde mich mit Dustin vermutlich eh etwas abseilen. Das Turnier war diesmal auch nicht so weit weg und wir brauchten nicht so lange zu fahren.

Durch das harte Training hatten wir beide wenig Lust und Gelegenheit, uns näher zu kommen. Ich war abends einfach zu kaputt. Dustin hatte noch mehr Probleme und bekam häufiger nachts Krämpfe. Das war natürlich äußerst unangenehm. Heute hatte er deswegen auch einen Termin bei unserem Physiotherapeuten. Es sollte geklärt werden, ob es ein Problem gab oder ob er seine Ernährung ändern sollte.

Das Abschlusstraining war gerade zu Ende und wir standen mit Carlo und Tim bei Thomas am Platz. Er erklärte uns, dass wir am nächsten Morgen um acht Uhr abfahren würden. Dustin und ich sollten in der Herren A Konkurrenz starten. Tim und Carlo in der Herren B Konkurrenz. Herren A hieß, dass dort auch Spieler aus der deutschen Rangliste spielten.

Eine weitere Veränderung kam für uns auch immer näher. Unser kleines Appartement wurde fertig renoviert und es war besprochen, dass wir in der Woche nach dem Turnier umziehen würden. Chris hatte uns bei den Anträgen für Dustin unterstützt und meine Mutter hatte sich auch sehr für uns eingesetzt. Leider wurde das Verhältnis zu meinem kleinen Bruder nicht besser. Er hatte anscheinend Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass ich bald nicht mehr zu Hause wohnen würde.

Wir standen also bei Thomas und hatten gerade die letzten Dinge geklärt, als Carlo fragte:

„Wird Chris auch beim Turnier dabei sein? Oder fährst du alleine mit uns?“

Thomas musste grinsen und ich wusste auch warum. Chris war gerade bei Carlo sehr beliebt, weil er eben weniger streng war. Wobei das eigentlich nicht stimmte, denn Chris achtete genauso auf die Regeln wie die anderen, aber machte es einfach viel geschickter. Mit viel weniger Verboten und Ansagen. Er versuchte es immer wie einen Deal aussehen zu lassen und so hatte man den Eindruck, man hätte ein Mitspracherecht. Allerdings war mir das auch erst vor einigen Wochen bewusst geworden. Carlo hatte das vermutlich noch nicht so durchschaut. Thomas klärte uns auf.

„Also Chris hat an diesem Wochenende frei. Er hat mir aber gesagt, dass er mit dem Motorrad eine Tour machen wollte. Vielleicht kommt er ja vorbei.“

Carlo war nicht erfreut, aber mir war eigentlich klar, Chris würde vorbeikommen. Er war so ein Mensch, der wusste, für Carlo war es wichtig und auch wir würden uns sicher freuen, wenn er bei uns war.

Dustin und ich waren mit den Rädern auf dem Heimweg und kamen wieder durch den kleinen Wald. Wir hatten uns bisher nur über den nächsten Tag unterhalten und dass wir auch Doppel spielen wollten. Plötzlich steuerte Dustin eine Bank an und stellte sein Rad dort ab. Ich war verwundert und als er auch seine Tasche abstellte, fragte ich doch mal nach:

„Hey, was ist los? Warum willst du hier eine Pause machen?“

Allerdings stellte ich natürlich ebenfalls mein Rad ab und nahm auch meine Tasche herunter. Dustin setzte sich wortlos auf die Bank, die noch in der Abendsonne stand. Er machte mit seiner Hand eine eindeutige Bewegung. Ich sollte mich neben ihn setzen.

„Was ist denn los? Warum willst du hier sitzen?“

Er blieb ruhig neben mir sitzen und dann küsste er mich einfach. Ohne ein Wort zu sagen. Ich schaute ihn total perplex an.

„Tut mir leid Fynn, aber ich will nicht länger auf so etwas verzichten. Seit Tagen leben wir nebeneinander her.“

„Ich auch nicht, aber wir müssen uns noch etwas gedulden. Oder willst du riskieren, dass meine Mutter uns nicht mehr unterstützt?“

Er schüttelte den Kopf und ich legte ihm meinen Arm um seine Schulter. Sein Kopf schmiegte sich an meinen Hals und ich bekam sofort eine Gänsehaut. Er holte noch einmal tief Luft und dann brach es aus ihm heraus.

„Es kotzt mich alles so an. Nur weil ich schwul bin, wird mein Leben zur Qual. Ich will endlich wieder leben können. Sicher, du hast mir unglaublich geholfen und auch Chris hat uns beiden einen Weg ermöglicht, aber warum müssen wir uns verstecken? Ich komme mir vor wie ein Leprakranker. Ich will endlich das machen, was ich fühle. Und weißt du, was ich fühle? Ich fühle, dass ich dich liebe. Mit jedem Tag mehr, den wir zusammen sind.“

Baoh, das haute mich fast von der Bank. Allerdings fühlte ich es sehr ähnlich. Warum müssen wir so tun, als ob wir 'normal' wären. Meine Gedanken waren eher so, dass unsere Gesellschaft nicht normal sei. Ich hielt meinen Freund ganz fest und sprach ihm beruhigend zu.

„Ich verstehe dich total. Es geht mir genauso. Je länger wir gemeinsam durch das Leben gehen, desto mehr genieße ich deine Anwesenheit. Wenn wir umgezogen sind, werden wir neu schauen. Ich schlage vor, wir reden noch einmal mit Chris, sobald wir umgezogen sind. Was meinst du?“

Er schaute mir in die Augen und erwiderte: „Na gut. Aber lange halte ich dieses Versteckspiel nicht mehr durch. Wie soll ich dabei noch gut Tennis spielen können? Wie schaffst du das nur?“

„Ich schaffe das, weil ich weiß, wofür ich das tue, nämlich für unsere Zukunft. Schau doch einmal, alle Leute im Team wissen, dass du schwul bist und Chris weiß es von mir. Haben sie dir auch nur einmal einen Vorwurf gemacht oder dich benachteiligt?“

Er schüttelte den Kopf.

„Also warum sollten sie etwas dagegen haben, wenn wir ihnen sagen, dass wir ein Paar sind? Ich will, dass wir das mit Chris besprechen. Ich glaube nämlich, dass wir erst richtig frei sind, wenn wir dort akzeptiert sind. Und zwar als Paar, mit allem was dazugehört. Außerdem wird das unserer sportlichen Leistung sicher nicht schaden.“

Beim letzten Satz musste ich mich schon sehr zusammennehmen, um keinen Lachanfall zu bekommen. Es war mir allerdings total ernst damit. Dennoch war es für mich lustig, denn das Team erwartete von uns sportliche Leistung. Wie wir das erreichen würden, spielte doch wohl keine Rolle.

„Eigentlich hast du recht.“

Ich zwinkerte ihm zu.

„Schön, dass du das einsiehst. Dann ist ja alles klar. Los, dieses eine Turnier spielen wir noch unter alten Bedingungen. Beim nächsten werden wir andere Voraussetzungen haben.“

Ich umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Ein Lächeln zeichnete sich in seinem Gesicht ab.

Chris: Ein Besuch beim Turnier öffnet mir die Augen

Die letzten Wochen waren anstrengend und ich hatte seit langem ein Wochenende zur freien Verfügung. Da sich das Wetter von seiner besten Seite zeigte, hatte ich meine Panigale aus der Garage geholt und fuhr sie gerade warm. Der Asphalt war noch recht kühl und somit war ich noch sehr behutsam mit den 218 Pferdchen.

Heute wollte ich nur Sachen machen, die mir Spaß machten. Nach einer halben Stunde gemütlichen Einrollens drehte ich etwas mehr am Gas. Der Motor brüllte auf und ich konnte fühlen, dass sie jetzt zu vollem Einsatz bereit war. Dieser Klang des Zweizylinders war einzigartig und erzeugte bei mir immer wieder ein Lächeln im Gesicht. Die brutale Beschleunigung war atemberaubend. Ich musste mich immer wieder auf der Landstraße zur Ordnung rufen, weil Geschwindigkeiten sehr schnell zu einem relativen Begriff werden. Zum richtigen Austoben hätte ich damit auf eine Rennstrecke gehört. Also blieb ich immer im Rahmen des Vertretbaren. Ich hatte auch so sehr viel Spaß. Ich steuerte am Samstagmorgen gegen zehn Uhr ein Café an, stellte das Monster ab und nahm meinen Helm ab. Frische Luft strömte in meine Lungen und ich setzte mich an einen Tisch, der bereits in der Morgensonne stand.

Ich hatte mir einen Latte Macchiato und ein Croissant bestellt. Als ich am Tisch saß, holte ich mein Handy hervor. Ich wollte mir eigentlich nur ein paar schöne Strecken heraussuchen, als ich sah, dass mir Thomas eine Nachricht geschrieben hatte.

„Hi Chris, Turnier läuft gut. Alle noch im Wettbewerb. Viel Spaß auf deiner Tour, aber fahr nicht so schnell “

Ich musste schmunzeln. Thomas hatte vor Jahren aufgehört, selbst zu fahren, als sein Sohn geboren wurde. Allerdings war er immer ein bisschen neidisch auf meine Bikes. Ich hatte bis vor kurzem noch eine KTM RC8, die ich gegen die Panigale eingetauscht hatte. Die Panigale kannte er bislang nur vom Sehen. Auf der KTM hatte ich ihn auch mal eine Runde fahren lassen.

Das Turnier hatte ich fast vergessen. Ich musste sogar einen Augenblick überlegen, wo die Jungs an diesem Wochenende waren, aber ich überlegte auch nicht lang. Denn irgendwie fehlten mir die Jungs auch ein wenig. Also beschloss ich, nach der Pause mal dort vorbeizufahren und „Hallo“ zu sagen.

Der Weg dorthin war schnell gefunden und ich kannte die Anlage bereits. Sie lag in einem kleinen Wäldchen und hatte acht Plätze. Eine relativ kleine Anlage für ein so großes Turnier. Entsprechend voll würde das dort sein. Die Strecke wurde ein Vergnügen der besonderen Art, weil es viele Kurven und Kehren gab. Dort konnte die Ducati ihre Stärken zeigen. Allerdings war ich auch bestens in Form und ließ es richtig fliegen. Erst als ich in das Wäldchen kam, nahm ich etwas Geschwindigkeit heraus und rollte dann nur noch in die Einfahrt zum Tennisclub. Es standen bereits Autos auf der Straße und der Parkplatz war komplett belegt. Jetzt zahlte sich das Motorrad doppelt aus. Ich hatte wieder richtig viel Spaß und beste Laune und konnte außerdem direkt am Eingang parken, weil ein Motorrad fast überall Platz fand. Ich nahm den Helm ab und zog mir sofort die Motorradjacke aus. Es war doch schon recht warm geworden. Die Stiefel und die Hose wollte ich in der Umkleide gegen eine Shorts und Polohemd tauschen. Ich hatte immer meinen Rucksack dabei. Falls ich mal nass werden sollte, konnte ich mir trockene Sachen anziehen.

Ich betrat das Gelände und sofort spürte ich das Leben und fühlte mich sofort in das Geschehen eingebunden. Die Geräusche und das Gewusel der Spieler. Irgendwie war das alles so vertraut. Ich fühlte mich wohl. Mit einem Blick über die Anlage realisierte ich im Handumdrehen, dass unsere Jungs gerade auf dem Platz waren. Carlo und Tim spielten Einzel, Fynn und Dustin waren in einem Doppel auf einem Nebenplatz. Ich verschwand deshalb schnell in der Umkleide, denn ich wollte nicht, dass unsere Jungs mich sofort erkannten. Nach nur wenigen Minuten war ich wieder in der Sonne ohne die schwere Motorradkleidung.

„Hallo Chris. Schön, dass du auch wieder dabei bist.“

Ich war irritiert, wer war denn das? Ein etwa dreizehnjähriger Junge stand vor mir und streckte mir seine Hand entgegen. Da machte es bei mir „Klick“ und ich hatte ihn erkannt.

„Hallo Sascha, wie geht es dir? Bist du mit Marco hier?“

„Nein, ich bin mit meinen Eltern hier und es geht mir sehr gut. Ich habe vorhin schon Carlo und Dustin begrüßt. Fynn habe ich gesehen, aber noch nicht gesprochen. Die beiden spielen auf Platz sechs gerade Doppel.“

„Cool, das freut mich, dass deine Eltern dich auch begleiten. Hast du schon gespielt?“

„Ja, ich habe das erste Spiel gewonnen und muss später noch einmal ran.“

„Sehr schön. Ich denke, ich werde mich mal auf den Weg zu meinen Jungs machen. Wir sehen uns bestimmt noch.“

Damit trennten sich unsere Wege und ich versuchte, einen Platz zu finden, an dem mich Fynn und Dustin nicht sofort sehen konnten.

Nach nur wenigen Ballwechseln hatte ich bereits gespürt, mit welchem Spaß die beiden auf dem Platz standen. Immer wieder lachten sie nach gespielten Punkten und auch beim Seitenwechsel scherzten sie herum. Das gefiel mir außerordentlich gut. Sie führten auch deutlich und hatten ihren Gegner total im Griff. Thomas hatte ich hier am Platz nicht gesehen, vermutlich stand er bei den anderen. Was mich allerdings sehr wunderte, sowohl Dustin als auch Fynn hatten keinerlei Hemmungen mehr, sich auch mal nach sehr guten Punkten zu umarmen. Der Stimmung und auch dem Spiel schien es gut zu tun. Mir gefiel das sehr gut. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis sie den ersten Matchball verwandelt hatten. Zum Handshake gingen sie Arm in Arm zum Netz und der Gegner gratulierte fair. Ich bewegte mich jetzt zum Platz von Tim. Was mich dort erwartete, war allerdings das krasse Gegenteil von dem, was ich eben gesehen hatte. Er spielte schlecht und entsprechend benahm er sich auch auf dem Platz. Er fluchte laut und der Schläger flog auch immer wieder auf den Platz. Ich versuchte Thomas zu entdecken, aber er schien wohl bei Carlo zu sein. Ich beschloss, Thomas zu suchen und ihn mal an den Platz von Tim zu beordern.

Ich hatte richtig vermutet, er stand bei Carlo am Platz und beobachtete ein sehr gutes Spiel von ihm. Es war sehr eng und ich konnte verstehen, warum Thomas hier blieb. Eigentlich war auch davon auszugehen, dass Tim gewinnen würde.

„Hi Thomas, alles gut bei euch?“, begrüßte ich ihn.

Er war einen Moment irritiert, als er mich erkannt hatte.

„Hallo Chris. Was machst du denn hier? Selbst an deinem freien Wochenende auf dem Platz unterwegs?“

Er grinste und lachend antwortete ich: „Ja, ich war mit dem Motorrad unterwegs und dachte mir, ich könnte ja mal vorbeischauen.“

„Cool, die Jungs wissen aber nicht, dass du hier bist, oder?“

Ich schüttelte den Kopf und Thomas musste lachen. Er gab mir einen kurzen Überblick und das nutzte ich, um ihn über das schlechte Benehmen von Tim zu informieren. Er war nicht begeistert, allerdings hatte er auch keine Lust mehr, ständig den Aufpasser zu spielen.

„Ich habe ihn heute schon mehrfach ermahnen müssen. Er macht einfach, was er will. Vielleicht müssen wir doch einmal über Maßnahmen diskutieren. Ich will jetzt aber Carlo nicht allein lassen. Kannst du vielleicht mal mit Tim sprechen. Auch wenn du eigentlich frei hast.“

Natürlich würde ich das tun. Ich war ja nun einmal hier. Also ging ich zurück an den Platz von Tim und sofort konnte ich wieder hören, dass er lautstark fluchte. Er tobte förmlich auf dem Platz. Es war richtig unangenehm. Immerhin hatte er sich eine Führung im zweiten Satz erspielt. Allerdings ging mir dieses Verhalten enorm auf die Nerven. Ich stellte mich also an die Seite des Platzes, wo die Spielerbänke standen. Tim hatte mit diesem Spiel den zweiten Satz gewonnen, dennoch war er unzufrieden und regte sich tierisch auf. Da platzte mir der Kragen.

„Sag mal, was glaubst du eigentlich, wer du bist? Benimm dich mal ein wenig und verhalte dich fair auf dem Platz. Dein Gegner muss ja denken, du bist ein Arschloch sondergleichen. Ich will jetzt keinen Ton mehr von dir hören. Spiel Tennis und reiß dich zusammen. So spielst du jedenfalls nicht weiter.“

Ich war richtig zornig. Nicht weil er schlecht spielte, sondern weil er sich unmöglich benahm. Es war einfach unsportlich und das war ein Punkt, bei dem ich überhaupt keinen Spaß verstand. Da konnte ich richtig böse werden und auch drakonische Strafen verhängen.

Tim schien sich total erschrocken zu haben, denn sein Kopf drehte sich sofort in meine Richtung. Er hatte mich erkannt und ich war mir auch sicher, dass er mich verstanden hatte. Er sagte allerdings auch nichts darauf. Damit er auch ganz sicher war, dass ich das ernst meinte, ließ ich noch einen Satz folgen.

„Ich meine das ernst. Bekommst du dein Benehmen nicht sofort in den Griff, hole ich dich vom Platz.“

Das zeigte Wirkung. Er zuckte förmlich zusammen und schluckte seine Wut herunter. Er traute sich nicht, mir zu widersprechen. Das Spiel ging in den entscheidenden dritten Satz. Der wurde wieder im Match-Tiebreak entschieden. Tim riss sich zusammen und ich hörte kein weiteres Fluchen mehr. Er konzentrierte sich auf das Spiel und gewann dann auch recht deutlich den Tie-Break. Der Gegner gratulierte am Netz und Tim zog wortlos den Platz ab. Ich hatte mich beim Gegner noch einmal für das schlechte Benehmen entschuldigt und versprach, dass es noch ein Gespräch geben würde. Ich war richtig wütend über diese Unsportlichkeit dem Gegner gegenüber.

Ich verließ den Platz, ohne mich weiter um Tim zu kümmern. Es machte eh keinen Sinn, jetzt mit ihm zu sprechen. Also machte ich mich wieder auf den Weg zu Carlo. Dustin und Fynn waren nicht mehr auf ihrem Platz und von daher war Carlo der einzige unserer Spieler, der noch spielen musste.

Einen Moment war ich gedanklich noch mit Tim beschäftigt und schon traf mich ein Schwall Wasser. Gleichzeitig hörte ich zwei mir sehr bekannte Stimmen.

„Ahhrgg, na wartet. Das gibt Rache.“

Ich drehte mich blitzschnell um und packte mir Dustins Arm. Er hatte keine Chance mehr, mir zu entkommen. Ich schleppte ihn zu einem Wasserhahn an einem Platz und hielt seinen Kopf unter das kalte Wasser. Er schrie und quietschte, aber ich ließ ihn erst los, als sein Kopf komplett nass war. Fynn stand die ganze Zeit etwas abseits und lachte sich tot.

„Hallo Chris“, begrüßte mich Fynn und kam auf mich zu.

Dustin fluchte immer noch und ich musste lachen. Damit hatten sie wohl nicht gerechnet. Dustin beruhigte sich schnell wieder und stand pitschenass neben mir.

„Hol dir ein Handtuch. Los, du wirst sonst krank.“

Ohne zu murren ging Dustin sich abtrocknen. Das gab mir Gelegenheit, Fynn richtig zu begrüßen.

„Hi, wie geht es euch? Habt ihr euer Doppel gewonnen?“

„Klar, wir waren auch richtig gut. Es geht uns soweit gut. Ich bin ein wenig aufgeregt, wegen des Umzugs ab Montag. Dustin hat sein Einzel heute früh gewonnen und ich muss gleich noch spielen.“

Wir standen unter einer alten Kastanie im Schatten. Dort war es recht frisch, ich bat Fynn mit in die Sonne zu kommen.

„Hört sich doch gut an. Außerdem habt ihr viel Spaß auf dem Platz, oder?“

Fynn grinste und ich wusste, dass ich damit ins Schwarze getroffen hatte.

„Weißt du, es ist echt cool, wenn du mit jemandem Doppel spielst, mit dem es einfach Spaß macht zu spielen. Außerdem verstehen wir uns schon fast blind.“

„Ja, ich habe es gesehen. Ihr seid viel mutiger geworden und auch im Umgang miteinander sehr vertraut geworden.“

Er nickte, aber mein Gefühl sagte mir, sie hatten noch nicht den Mut gefunden, sich offen zu zeigen. Mussten sie ja auch nicht. Das sollten sie selbst entscheiden, wann sie dazu bereit wären. Dustin war mittlerweile auch wieder zu uns gekommen.

„Sag mal, was hast du mit Tim gemacht? Der ist nur am Schimpfen über dich. Du könntest ihm ja gar nichts sagen und was du überhaupt hier willst.“

Ich schaute Dustin an und auch Fynn wurde sofort sehr still. Ich blieb hingegen sehr gelassen.

„Nun, wenn er meint, er kann sich hier benehmen wie er will, hat er sich getäuscht. Und wer ihm was zu sagen hat, wird er auch noch merken. Ich glaube nämlich, dass es für ihn besser wäre, er würde sich mit mir auseinandersetzen als mit Thomas. Aber das merkt er noch gleich.“

Dabei konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Fynn gefiel das sehr gut, er fing an zu lachen und auch Dustin schien verstanden zu haben, dass das Thema noch nicht erledigt war.

Plötzlich geschah etwas, was ich so nicht erwartet hatte. Dustin ging auf Fynn zu, umarmte ihn kurz und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Ich glaube, wir sollten unseren Chris nicht verärgern. Das würde uns den Spaß verderben.“

Fynn schien vollkommen überrascht und schaute genauso verblüfft wie ich. Mir gefiel dieses Verhalten von Dustin sehr gut. Ich hatte nur nicht damit gerechnet. Ich ließ es unkommentiert und wir machten uns gut gelaunt auf den Weg zu Thomas, der immer noch bei Carlo am Platz stand.

„Na, wie sieht es bei Carlo aus? Hat er das Spiel jetzt im Griff?“, fragte ich Thomas.

Thomas wendete den Kopf zu uns, sah wie Fynn seinen Arm um Dustin gelegt hatte, bekam ein leichtes Grinsen und erwiderte:

„Ja, schaut gut aus. Ich denke, jetzt wird er nichts mehr anbrennen lassen. Er hat verstanden, was er nicht machen darf.“

Thomas schaute immer wieder möglichst unauffällig die beiden Jungs an, sagte aber nichts. Ich bemerkte nur seine Verwunderung und versuchte das Thema auf Tim zu lenken.

„Du solltest Tim mal eine klare Ansage machen. Er benimmt sich unmöglich auf dem Platz. Das ist teilweise sogar peinlich. Ich habe ihm klargemacht, dass ich das nicht akzeptiere und ihn auch vom Platz hole, sollte sich das nicht ändern.“

Jetzt mischte sich Dustin ein.

„Also, was Tim in der Umkleide über Chris gesagt hat, war glattweg unverschämt. Ich glaube, er meint, Chris hätte ihm nichts zu sagen, weil er ja nicht sein Trainer sei. Das war so peinlich, alle anderen in der Umkleide haben das mitbekommen.“

Thomas Gesicht bekam eine leicht rötliche Farbe und ich wusste, dass würde für Tim nicht sonderlich gut ausgehen. Es gab eine Grundregel: Das Team stand über allen. Kein Spieler hatte das Recht, das Team in der Öffentlichkeit schlecht zu machen, ohne vorher ein klärendes Gespräch gehabt zu haben. Schließlich trugen die Spieler und Trainer Teamkleidung mit Sponsorenaufdrucken. Gut, ich trug sie heute nicht, weil ich ja auch nicht im Dienst war.

Thomas hob kurz die Hand.

„Moment, ich muss grad mit Carlo kurz sprechen. Bin gleich wieder da.“

Wir blieben in der Sonne stehen und ich schaute mir die beiden Jungs an.

„Sieht so aus, als ob ihr euch klargeworden seid, das Versteckspiel aufzugeben.“

Dabei lächelte ich, denn ich freute mich für die beiden, sollten sie ihre Angst überwunden haben.

„Naja, ich weiß nicht. Also, ich kann mir noch nicht vorstellen, mit Dustin händchenhaltend über den Platz zu laufen, aber ich möchte schon meine Freundschaft zeigen.“

„Und was ist, wenn es jemand bemerkt?“, fragte ich die beiden.

Dustin reagierte wie aus der Pistole geschossen: „Dann ist es halt so. Wenn unsere Leistungen nach unserer sexuellen Orientierung bewertet werden, dann macht es eh keinen Sinn. Ich hoffe ja, dass wir akzeptiert werden aufgrund unserer Leistungen.“

„Nein, Dustin. Ihr sollt akzeptiert werden, weil ihr tolle Menschen seid. Wenn ihr auch noch gut Tennis spielt, umso besser.“

Fynn schaute mich an, lachte und freute sich wie ein Schneekönig.

„Chris, warum können nicht alle Menschen so sein wie du?“

Dann umarmte er seinen Freund und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Es war wirklich niedlich, wie die beiden miteinander umgingen. Für mich blieb die Hoffnung, sie würden wirklich aufgrund ihrer Leistungen akzeptiert. Bei Verbandsturnieren und Länderwettkämpfen sah ich aber doch Probleme.

Thomas kam zu uns zurück und sein Grinsen wurde schon auffällig.

„So, mit Carlo habe ich gesprochen. Er hat zwei Stunden Pause. Ihr beide“, damit meinte er Fynn und Dustin, „solltet euch warm machen. Ihr seid gleich auch dran. Ich werde jetzt mal ein Gespräch mit Tim haben. Also, wenn was sein sollte, wendet euch die nächste Zeit an Chris.“

Dabei blinzelte er mir zu und verschwand in Richtung Clubhaus. Fynn schaute grinsend hinter ihm her.

„Ich glaube, das wird eher ein einseitiges Gespräch“, merkte Fynn lachend an.

„Äh, es wird vermutlich eher ein Monolog, als ein Gespräch.“

Das führte dazu, dass Fynn und Dustin einen Lachanfall bekamen. So locker hatte ich beide schon ganz lange nicht mehr erlebt. Das freute mich. Endlich wurden sie wieder zwei nette Teenager, die hier auf dem Tennisplatz ihre Sorgen vergessen konnten.

Ich wollte die beiden ein wenig allein lassen. Sie sollten die Zeit hier genießen und sich auf ihre Spiele vorbereiten können. Mein Blick schweifte über die Anlage und ich konnte sehen, dass Sascha gerade auf den Platz gegangen war. Dort wollte ich mich mal umsehen. Vielleicht würde ich ja auch seine Eltern finden. Mir war das immer sehr wichtig und auch die Eltern anderer Spieler zu kennen. Es war schließlich so, dass man sich immer wieder auf Turnieren begegnete. Also war da ein guter Kontakt wichtig. Letztendlich waren es noch Kinder und Jugendliche, die wir hier betreuten. Da zählte für mich nicht nur Tennis.

Fynn: Dustin und ich sind uns einig

Als Chris gegangen war, zog mich Dustin einfach hinter sich her. Ich hatte keinen Schimmer, was er von mir wollte. Wir gingen auf den Parkplatz und kamen an einem Monster von Motorrad vorbei. Mich interessierte das natürlich, was für ein Gerät dort stand, aber Dustin schien anderes im Sinn zu haben.

„Los, komm mit. Du kannst dir gleich noch das Teil anschauen.“

Meine Verwirrung wurde immer größer. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Plötzlich gingen wir auf einen Spielplatz, der auf der anderen Seite des Parkplatzes war. Dustin kletterte auf das Baumhaus und ich stand noch unten vor der Leiter.

„Was ist? Kommst du jetzt hoch oder willst du da Wurzeln schlagen?“

Widerwillig kletterte ich die Leiter hoch. Ich musste gleich spielen und wir sollten uns warm machen und keine Kinderspielchen treiben.

Ich war noch nicht ganz drinnen, da zog er mich am Arm an sich heran und küsste mich leidenschaftlich. Wow! Das war einem Überfall gleich, aber es fühlte sich toll an. Ich saß jetzt auf seinem Schoß und er legte seine Arme um mich.

„Weißt du, ich möchte endlich dein Freund sein. Überall und nicht nur in irgendwelchen Verstecken. Hast du Thomas vorhin gesehen. Er hat dich genau beobachtet. Ich glaube, er ahnt etwas.“

Das ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich schüttelte mich und Dustin begann zu lachen.

„Warum hast du Angst? Wenn Thomas gegen unsere Freundschaft wäre, hätte er Chris bestimmt etwas gesagt. Ich will endlich frei sein.“

Wieder drückte er mich ganz fest an sich und küsste mir auf den Hals. Natürlich konnte ich jetzt auch spüren, dass sich in seiner Hose eine harte Latte gebildet hatte. Das machte mich nicht weniger geil und der Kuss tat sein übriges. Ich verlor für einige Minuten die Kontrolle über mich und wir holten uns einen runter. Die Sauerei in der Hütte war ganz schön heftig. Hoffentlich kamen nicht gleich kleine Kinder. Allerdings war es mega geil.

„Man, Dustin. Wir sind echt pervers, oder?“

Dustin grinste nur und küsste mich schon wieder. Er fragte mit einem schelmischen Blick:

„Hat es dir nicht gefallen? Dann möchte ich nicht wissen, wie du abspritzt, wenn du richtig Bock hast.“

Was sollte ich dazu noch sagen? War das der ängstliche Dustin, den ich vor einigen Wochen kennengelernt hatte? Aber er lag mit seiner Aussage vollkommen richtig, natürlich hatte es mir gefallen. Sogar richtig gut gefallen.

„Was machen wir jetzt? Wir können es nicht mehr allzu lang geheim halten. Meinst du, wir sollten es Thomas sagen, bevor er es von anderen erfährt?“

Was mich jetzt total überraschte, war Dustins Reaktion.

„Meinst du nicht, Chris hat ihm schon was erzählt?“

„Nein, da bin ich ganz sicher. Chris würde niemals ohne unser Wissen so etwas erzählen. Er hat uns sein Wort gegeben.“

„Gut, dann sagen wir es ihm, nachdem wir im Doppel verloren haben.“

Mir ging ein böser Gedanke durch den Kopf, mal sehen wie Dustin darauf reagieren würde.

„Und was ist, wenn wir kein Doppel verlieren und das Turnier gewinnen? Sagen wir es ihm dann nicht?“

Wir schauten uns an und sein Gesicht war zu lustig.

„Blödmann, dann sagen wir es ihm vor der Siegerehrung.“

Damit war ich einverstanden und jetzt wurde es auch Zeit, dass wir uns vorbereiteten. Ich war schon lange nicht mehr so glücklich. Endlich sollte das Versteckspiel aufhören. Zumindest in unserem Team.

Unsere Einzel waren schnell gespielt. Die wirklich schweren Gegner würden morgen kommen. Allerdings unser zweites Doppel des Tages wurde noch sehr interessant.

Ich hatte so viel Spaß auf dem Platz, wie schon ganz lange nicht mehr. Ich fühlte mich an Dustins Seite nahezu unbesiegbar. Wir spielten wie in einem Rausch und das Verrückte, es gelangen uns auch die spektakulären Bälle wie wir wollten. Es machte einfach nur Freude mit Dustin auf dem Platz zu stehen. Immer wieder schlugen wir uns ab und feuerten uns an. Selbst Dustin lachte immer wieder auf dem Platz, auch wenn uns mal etwas nicht gelang. Es war einfach toll und lustig. Für unsere Gegner musste es frustrierend gewesen sein. Wir waren sogar manchmal etwas albern. Nach dem Spiel bekam ich auch ein klein wenig ein schlechtes Gewissen. Wir waren nicht immer fair dem Gegner gegenüber. Vor allem hatte er nicht die geringsten Chancen. Als wir Arm in Arm den Platz abzogen, überkam mich doch ein schlechtes Gefühl. Unser Gegner saß ziemlich niedergeschlagen auf der Bank, als wir zu unseren Taschen kamen. Ich beschloss mich bei ihnen zu entschuldigen und ging hinüber.

„Sorry, wir wollten euch nicht provozieren oder so. Es hat uns einfach nur Spaß gemacht, alles auszuprobieren. Ich hoffe, ihr seid nicht sauer.“

Marco, einer unserer Gegner schaute zu mir und fing an zu lachen.

„Nein, ist schon ok. Aber es ist echt frustrierend, so eine Packung zu bekommen und dann auch noch das Gefühl zu haben, ihr nehmt das nicht ernst.“

Ich hatte nicht bemerkt, dass Chris und Thomas zu uns gekommen waren und das Gespräch verfolgt hatten. Ich erwiderte Marco:

„Ja, das kann ich verstehen, aber es ist nicht so, wie ihr vielleicht denkt. Wir haben einfach nur bemerkt, wie viel Spaß wir dabei hatten. Es war absolut nicht gegen euch gemeint.“

Marco lächelte.

„Naja, man könnte auch meinen, ihr kennt euch schon ewig und seid auf dem Platz eine Einheit. Ihr mögt euch wohl, oder?“

Ich wusste jetzt nicht, wie das gemeint war und ich spürte auch, wie das Blut in meinen Kopf schoss. Chris rettete mich aus der Situation.

„Ja, da hast du recht. Die beiden mögen sich echt. Ein unglaubliches Team. Leider haben sie erst jetzt begriffen, was es heißt, Spaß zu haben.“

Jetzt mischte sich Thomas ein, indem er uns direkt in die Umkleide zum Duschen schickte. Für heute hatten wir keine weiteren Matches mehr. Carlo war auch noch im Wettbewerb. Als wir in der Umkleide ankamen, hatte Dustin schon wieder dieses Grinsen im Gesicht.

„Boah, war das ein geiles Match. Ich wusste gar nicht, dass man beim Tennis so viel Spaß haben könnte. Ich will mehr davon.“

Er hätte mich fast dabei umarmt und geküsst, aber wir waren nicht allein und ich wollte keinen unnötigen Stress. Dustin bemerkte es noch und somit gingen wir nur gemeinsam schnell unter die Dusche. Hoffentlich würde es bald vorbei sein, mit dem sich nicht offen zeigen können. Allerdings machte ich mir auch meine Gedanken. Würden wir von den anderen Spielern wohl akzeptiert werden?

Chris: Wie geht es weiter?

Nachdem Dustin und Fynn duschen gegangen waren, hatte ich bei Sascha noch kurz gestanden und auch die Eltern kennengelernt. Sie freuten sich, dass sich ein anderer Trainer auch um ihren Sohn kümmern würde. Sascha kam auch bald nach dem Match hinzu und wir sprachen noch über den weiteren Turnierverlauf.

Mir bedeutete es immer sehr viel, auch andere Spieler kennenzulernen und deren Familien. Damit hatte ich immer einen guten Überblick über das, was in der Szene gerade passierte. Manchmal entstanden darüber auch Neuzugänge bei uns im Team.

Ich saß mit einer kalten Fassbrause auf der Terrasse und hing gerade meinen Gedanken nach, als Thomas sich zu mir setzte.

„Na, was sinnierst du denn so allein hier herum?“

Grinsend bestellte er sich eine Apfelschorle und schaute verwundert auf meine Flasche Fassbrause.

„Seit wann trinkst du denn Bier?“

Ich musste laut lachen.

„Das ist kein Bier, das ist Fassbrause. Die Flaschen sehen nur den Bierflaschen ähnlich.“

„Schmeckt das?“

„Mir auf jeden Fall, kannst es ja mal probieren.“

Ich hielt ihm die Flasche hin und er nahm einen Schluck.

„Hm, ja. Ist wirklich lecker. Mal was anderes.“

Ich nickte.

„Ich war gerade mit Tim beschäftigt. Wir müssen uns wirklich mal Gedanken machen. So geht es jedenfalls nicht weiter. Entweder er fängt an sich zu ändern, oder wir müssen über Konsequenzen sprechen. Ich habe keine Lust, mich weiter zu ärgern. Hast du mit Martina schon gesprochen?“

„Nein, nur einmal. Danach hatte ich mit Dustin und Fynn schwer zu tun. Aber ich wollte beim nächsten Besuch in der WG mit ihr sprechen. Ich glaube ja, dass es einen Grund gibt, warum er sich so verändert hat. Das kann nicht nur die Pubertät sein.“

„Ich hoffe, du kannst das klären. So geht es jedenfalls nicht weiter, obwohl er absolut Talent hat. Aber unsere Geduld ist langsam zu Ende. Was anderes, sag mal, was ist eigentlich bei Dustin und Fynn los? Habe ich irgendwas verpasst?“

„Warum?“

Dabei schaute ich bewusst so gelassen wie ich nur konnte, aber ein leichtes Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen.

„Na, du bist gut. So locker und gut gelaunt habe ich Fynn noch nie auf dem Platz erlebt. Seit Dustin bei uns ist, blüht er förmlich auf. Die beiden sind unzertrennlich und spielen zurzeit geiles Tennis. Und so wie sie mit dir umgehen, ist auch außergewöhnlich.“

„Nun, ich bin derjenige, der Dustin aus seinem Elend herausgeholt hat. Fynn und er waren früher sehr gute Freunde und sie haben wieder zueinander gefunden. Das spürst du auch auf dem Platz. Bei Fynn bewegt sich auch einiges in der Familie. Ich vermute, der kommende Umzug wird nochmal mehr bewegen.“

„Ja, ich weiß schon, aber so ein Umgang ist schon auffällig. Carlo meinte eben schon, wenn es nicht zwei Jungs wären, könnte man glauben, sie wären verliebt.“

Jetzt konnte ich nicht mehr anders, als laut zu lachen.

„Cooler Spruch. Carlo gefällt mir.“

Thomas schaute mich genau an und ich ahnte, dass er anfing nachzudenken.

„Sag mal, Dustin ist doch schwul. Kann es vielleicht sein, dass Fynn und er wirklich zusammengekommen sind und Fynn auch schwul ist? Das würde zumindest seine viel bessere Laune erklären. Die beiden hocken jede Sekunde zusammen, und wenn man genau hinschaut, fällt auf, wie sehr sie sich gegenseitig unterstützen.“

Was sollte ich jetzt machen? Ich hatte den Jungs mein Wort gegeben, aber ich wollte Thomas auch nicht anlügen.

„Thomas, ich habe den beiden mein Wort gegeben, darüber nichts zu sagen.“

Er nickte wortlos und es war klar, er hatte begriffen, was Sache war.

„Ja, kann ich verstehen. Ich glaube, ich würde auch vorsichtig sein. Dann verstehe ich auch, warum du sofort dafür warst, den beiden das große Appartement zu geben.“

Jetzt zwinkerte er mir zu und lachte.

In diesem Moment kamen Dustin und Fynn aus der Dusche. Für heute war das Turnier beendet und sie wollten nach Halle zurückfahren. Ich nutzte die restliche Abendsonne noch für eine kleine Runde mit dem Motorrad. Vielleicht würden die beiden ja bald den Mut finden, sich im Team zu outen. Ich war mir sicher, es würde ihnen noch mehr Freiheit geben.

Morgen standen die Halbfinals und Finals an. Ich hatte deshalb mit Thomas vereinbart, dass er mich informiert, sollte einer der Jungs ins Finale kommen. Das würde ich mir gern ansehen wollen.

Der Umzug ab Montag würde für alle einen weiteren neuen Abschnitt starten. Ich war sehr gespannt, ob das auch die gewünschte Stabilisierung bringen würde.

Fynn: Das letzte Wochenende zu Hause bringt viel Trubel

Auf der Rückfahrt waren Dustin und ich einfach kaputt. Es war doch deutlich anstrengender auch noch Doppel zu spielen. Allerdings hatte ich auf dem Platz so viel Spaß, wie schon ganz lange nicht mehr. Dustin war bereits eingeschlafen und Thomas fuhr sehr ruhig über die Autobahn. Carlo daddelte mit seinem Handy herum, Tim schrieb die ganze Zeit mit irgendwelchen Leuten über Whatsapp und mir fielen auch langsam die Augen zu. Morgen würde es schon wieder um halb acht losgehen. Wieder ein Wochenende ohne ausschlafen zu können.

Das Auto bog in unsere Straße ein und Thomas hatte uns vor ein paar Minuten geweckt. Ich öffnete die Tür und Dustin und ich stiegen aus. Wir nahmen unsere Taschen aus dem Kofferraum heraus und verabschiedeten uns bis morgen früh. Ich freute mich jetzt auf etwas zu essen und dann nur noch ausruhen und früh ins Bett.

Das Ziel war, morgen das Finale zu erreichen. Sollte ich das Turnier sogar gewinnen, würde ich in der Rangliste einen großen Sprung nach vorn machen. Das würde bei weiteren Turnieren dafür sorgen, dass ich in die Setzliste kam oder bei den großen Turnieren nicht mehr in die Qualifikation musste.

Erstaunlicherweise wurden wir von meiner Mutter freudig begrüßt. Sie machte uns sogar noch etwas zu essen. Ich wunderte mich schon sehr. Seit mein Vater nicht mehr zu Hause war, hatte sich meine Mutter sehr verändert. Sie war wieder so wie früher. Patrick war noch unterwegs und somit saßen wir mit Mama am Tisch und Dustin erzählte von unserem Tag. Mama hörte aufmerksam zu und ich ergänzte auch immer wieder mal ein paar Dinge. Es war ein schöner Abend mit Mama. Wir räumten die Sachen gemeinsam in die Küche und irgendwann stellte sie uns die Frage:

„Wann geht es morgen wieder los?“

„Um halb acht holt uns Thomas wieder ab.“

Dustin war schon in mein Zimmer gegangen. Er wollte seine Tasche für morgen neu packen.

„Dann seht mal zu, dass ihr heute nicht mehr zu lange unterwegs seid. Es wäre doch sicher schön, wenn ihr im Finale gegeneinander spielen würdet.“

Das war ein Gedanke, den ich bislang verdrängt hatte. Ehrlich gesagt, hatte ich sogar ein wenig Angst davor. Gegen den Freund spielen müssen, war mir sehr fremd.

„Mama, ganz ehrlich, ich weiß gar nicht, ob ich das wirklich möchte. Ich habe keine Erfahrung damit, gegen den besten Freund spielen zu müssen.“

In diesem Moment kam Dustin in die Küche.

„Hey, wo bleibst du? Ich dachte, wir besprechen noch unsere Gegner für morgen.“

Sein Lachen dabei war einfach toll. Wenn ich mir vorstellte, dass er vor ein paar Wochen daran gedacht hatte, sich umzubringen.

„Ja, ich komme gleich. Ich besprech gerade mit meiner Mutter noch etwas.“

Mama hingegen schaute uns beide an und dann passierte etwas für mich ganz Besonderes.

„Hört mal, ihr beiden. Ich bin als Mutter vielleicht nicht immer besonders vorbildlich gewesen. Gerade in den letzten Jahren, aber blöd bin ich auch nicht. Fynn hat sich, seitdem du hier bist, dermaßen verändert, dass ich mich manchmal frage, ob er noch derselbe Sohn ist, den ich vorher gekannt habe. Fynn hat sogar angefangen, den Umzug schon vorzubereiten und Sachen zu packen. Ich habe das Gefühl, ihr habt mir noch etwas verschwiegen.“

Mir wurde schlagartig heiß und auch Dustin schien zu ahnen, was kommen würde.

„Dustin, ich weiß ja, dass du schwul bist und mit deinem Vater ganz bösen Ärger deswegen hast. Allerdings habe ich das Gefühl, dass du nicht nur der beste Freund von meinem Sohn bist. Auch als klar wurde, dass ihr gemeinsam in die WG ziehen würdet, wurde Fynn immer fröhlicher.“

Jetzt schaute sie mir ganz tief in die Augen und ich wusste, dass wir verloren hatten. Unser Versteckspiel würde jetzt zu Ende sein.

„Mein lieber Sohn, kann es vielleicht sein, dass du genauso wie Dustin auf Jungs stehst und ihr beide zusammengefunden habt?“

Was sollte ich jetzt machen? Ich hatte Angst, Dustin würde aus Panik flüchten, wenn ich jetzt die Wahrheit sagen würde. Allerdings wollte ich meine Mutter nicht länger belügen. Ich schaute zu Dustin, er nickte mir zu.

„Ja, Mama. Es stimmt. Dustin und ich sind ziemlich verliebt und es stimmt, ich bin auch schwul.“

Die Sekunden, nachdem ich das gesagt hatte, wurden für mich zur Ewigkeit. Wie würde Mama damit umgehen. Wäre die gerade begonnene Annäherung wieder zu Ende?

„Danke, Fynn. Ich bin froh und glücklich, dass du mir immer noch vertraust.“

Sie stand auf und umarmte mich ganz fest. Das war eine für mich sehr bewegende Situation. Sie ließ Dustin aber nicht außen vor und umarmte ihn genauso herzlich wie mich.

„Heißt das, Mama, du akzeptierst das? Dustin ist mein Freund.“

Sie lächelte erst und dann fing sie an zu lachen. Richtig laut zu lachen.

„Was würde es denn ändern? Du hast es dir genauso wenig ausgesucht, schwul zu sein wie Dustin. Es ist so. Und wenn ihr beide das Glück habt, das gemeinsam zu erleben, dann werde ich den Teufel tun, euch nicht zu unterstützen. Leider weiß ich nicht, wie dein Vater damit umgehen wird, aber der ist ja noch eine Zeit nicht hier. Also ich freue mich, dass es so ist. Mir ist es egal, ob mein Sohn mit einem Jungen oder einem Mädchen glücklich ist. Hauptsache, er ist glücklich.“

Meine Güte. Ich fragte mich gerade, ist das meine Mutter? Was hatte ich in den letzten Jahren hier alles erlebt und nun so eine Aussage.

„Danke, Mama. Ich bin sehr froh, dass du mich unterstützt. Es ist gerade noch etwas viel auf einmal, aber ich freue mich, dass wir uns nicht mehr verstecken müssen.“

„Was ist mit Patrick? Soll ich ihm etwas sagen oder wollt ihr das lieber selbst tun?“

Ich überlegte einen Moment, aber mir wurde klar, das mussten wir selbst machen.

„Ich glaube, das machen wir lieber selbst. Danke Mama.“

Sie lächelte uns zu und das war für uns das Zeichen, aufzustehen und in unser Zimmer zu gehen.

Ich hatte die Tür noch nicht ganz geschlossen, da fiel mir Dustin um den Hals und begann mich stürmisch zu küssen. Ich konnte gar nicht reagieren, so schnell kam dieser Überfall. Erst nach einigen heftigen Küssen, löste er sich von mir und ich kam wieder zu Atem.

„Mensch Dustin, mach mal langsam. Sonst bin ich erstickt und du musst ohne mich klarkommen.“

„Egal, das musste jetzt sein.“

Dabei fingen wir beide an zu lachen. Die Müdigkeit war wie weggeblasen und wir setzten uns auf meine Couch eng nebeneinander. Dustin nahm meine Hand und erst jetzt fingen wir an zu realisieren, dass wir uns meiner Mutter gegenüber geoutet hatten und es nicht zu der befürchteten Katastrophe gekommen war. Ein neues Kapitel unseres Lebens konnte jetzt beginnen. Es fühlte sich für mich großartig an. Komischerweise dachte ich keine Sekunde mehr an unser morgiges Turnier. Wir genossen den gemeinsamen Abend noch in vollen Zügen und schliefen sehr glücklich ein.

Der nächste Morgen verlief nicht sonderlich aufregend. Wir waren allein beim Frühstück. Es war für einen Sonntag noch sehr früh mit kurz nach Sieben. Dustin und ich hatten uns heißen Kakao gemacht und jeder packte sich ein Bündel Bananen ein. Ich war einfach kein Morgenmensch. Um kurz vor halb acht standen wir beide vor dem Haus. Thomas sollte nicht klingeln müssen. Sein Auto bog um die Ecke, und nachdem er angehalten hatte, warfen wir unsere Taschen in den Kofferraum. Carlo und Tim saßen schon im Auto. Es war auf jeden Fall ein erfolgreiches Turnier für das Team. Egal, was heute noch passieren würde.

„Na, ihr beiden müden Krieger. Habt ihr gut geschlafen? Eure Gegner werden sonst versuchen euch zu zerlegen.“

Dustin hatte anscheinend denselben Gedanken wie ich, aber er war schon deutlich wacher.

„Sie werden es immer versuchen, egal, was wir gemacht haben. Nur werden wir das nicht zulassen.“

Carlo begann sofort laut zu lachen und machte sich über Thomas lustig.

„Hihi, Thomas, damit hast du nicht gerechnet, dass Dustin so schlagfertig ist.“

„Ok, ok, ich gebe mich geschlagen.“

Anschließend war während der Fahrt die Vorbereitung auf unsere Matches das gemeinsame Thema. Thomas stellte uns wirklich sehr gut ein. Er wusste genau, wo die Schwächen lagen. Erst beim Aussteigen fiel mir ein, dass Chris heute ja nicht dabei war. Ich fand es schade, dass er nicht bei uns war. Allerdings wusste ich auch, das würde immer wieder so sein. Nicht alle Trainer waren immer dabei. Gerade Chris hatte ja auch nur eine beratende Funktion bei uns. Er war ja nicht als Trainer eingestellt. Schade eigentlich, denn er hatte auch vom Spiel richtig Ahnung, obwohl er selbst kein sehr guter Spieler war. Er spielte zwar auch in einer Mannschaft, aber eher nur zu seinem Vergnügen.

Dustin und ich meldeten uns bei der Turnierleitung und hatten noch eine halbe Stunde bis Spielbeginn. Es sollten erst die Einzel gespielt werden und anschließend das Doppel. Ich berichtete Thomas über den Ablauf und dann nahm alles seinen gewohnten Gang. Aufwärmen, Einlaufen und Einschlagen. Selbst das lästige Einlaufen machte mit Dustin mehr Spaß als allein zu laufen.

Um zehn Uhr war es dann soweit, mein Gegner und ich standen auf der Terrasse und der Oberschiedsrichter gab uns die Bälle und nannte uns den Platz. Wir begrüßten uns freundlich und dann ging es für mich los. Dustin ging parallel auf den Platz. Dass bedeutete Thomas musste zwei Spiele gleichzeitig beobachten. Das war natürlich nicht so einfach. Allerdings wusste er ziemlich genau, wann es wichtig wurde, am Platz zu stehen.

Mein Spiel verlief recht gut. Ich hatte alles gut unter Kontrolle und hatte den ersten Satz gewonnen. Ich fühlte mich gut und konnte befreit aufspielen. So locker hatte ich mich in einem Halbfinale noch nicht oft gefühlt. Nach gut 90 Minuten hatte ich den ersten Matchball direkt verwandelt und stand damit im Finale der Einzelkonkurrenz. Ich zog schnell den Platz ab, Thomas hatte ich gar nicht mehr bei mir gesehen. Er war wohl der Meinung, ich würde das Spiel nicht mehr verlieren.

Als ich bei Dustin ankam, spürte ich sofort die Spannung auf dem Platz. Thomas gratulierte mir zu meinem Sieg und erklärte mir kurz den Verlauf von Dustins Spiel. Sie waren mittlerweile im dritten Satz und es stand 10:10 im Match-Tiebreak. Dustin kämpfte wirklich großartig und holte alles aus sich heraus, aber der Gegner hatte leider ein wenig mehr Glück. So verlor Dustin ganz knapp. Entsprechend traurig saß Dustin auf seiner Bank nach dem Matchball. Thomas gab mir ein Zeichen, dass ich zu ihm kommen sollte.

„Kannst du für Dustin den Platz abziehen? Dann kann ich in der Zeit mit ihm in Ruhe über das Spiel reden.“

„Klar, aber ich finde, er hat gut gespielt oder?“

Thomas schmunzelte.

„Ja, absolut. Viel besser kann er noch nicht spielen. Er hat sich nicht viel vorzuwerfen. Keine Sorgen, ich baue ihn schon wieder auf.“

Eine halbe Stunde später saß ich bei Carlo am Platz, als Dustin mit noch nassen Haaren aus der Dusche kam.

„Nanu? Du warst duschen? Spielen wir unser Doppel nicht mehr?“

„Doch klar, aber das Halbfinale fällt doch aus. Mein Gegner hat zurückgezogen. Er will nur das Einzel spielen.“

Das hatte ich noch gar nicht mitbekommen. Dustin setzte sich neben mich und wir schauten uns in Ruhe Carlos Spiel an. Nebenbei redeten wir über sein Spiel und meinen Gegner. Dustin war davon überzeugt, dass ich ihn schlagen könnte und wir einen Titel gewinnen. Ich widersprach.

„Ich will aber nicht einen Titel, ich will zwei. Den Doppeltitel will ich auch, mit dir zusammen.“

Dustin musste lachen.

„Also gut, bevor du mich haust, akzeptiert. Wir gewinnen zwei Titel.“

Wir alberten noch ein wenig herum und zu meiner Schande bekamen wir nicht viel von Carlos Match mit. Wir sahen nur noch den Matchball. Carlo hatte knapp verloren. Allerdings war sein Halbfinaleinzug schon als Erfolg zu sehen.

Jetzt wurde es langsam für mich Zeit, mich auf mein Finale vorzubereiten. Ich sagte Thomas Bescheid, dass ich mich aufwärmen gehe. Dustin blieb bei Carlo und Thomas. Während ich durch die Umgebung joggte, versuchte ich mich auf das Match zu fokussieren. Es gelang mir nicht wirklich. Immer wieder gingen mir die Gedanken durch den Kopf, was alles in der letzten Zeit passiert war.

Ganz besonders heftig wurde es, als meine Gedanken zu Dustin gingen. Wir hatten uns bei meiner Mutter geoutet und er war weiterhin bei ihr willkommen. Wie würde es im Team werden? Würden wir dort auch akzeptiert? Alles keine guten Voraussetzungen, sich mental auf ein Finale vorzubereiten. Entsprechend nervös kam ich auf die Anlage zurück. Dustin schien es geahnt zu haben, dass es mir nicht besonders gut ging. Er nahm mich schon am Eingang in Empfang und gemeinsam gingen wir zum Platz. Wir sprachen nicht mehr viel, aber allein seine Nähe tat mir gut und beruhigte mich etwas. Erst, als ich die ersten Bälle mit meinem Gegner schlug, war mein Fokus auf das kommende Finale gerichtet.

Chris: Ein richtungsweisendes Finale

Um kurz nach halb zwölf hatte sich Thomas bei mir gemeldet und mich über den Verlauf informiert. Wir hatten vereinbart, dass er die Jungs nicht informieren sollte, falls bei mir etwas dazwischen kommen würde. Das war aber nicht der Fall und ich war mittlerweile auf dem Wege zum Finale. Meine Panigale hatte heute richtig Freude, denn ich drehte ein wenig mehr am Gas als sonst üblich. Entsprechend zügig kam ich voran. Als ich den Motor abstellte, hörte ich das Knistern des Auspuffs. Ich nahm den Helm ab und betrat die Anlage. Das Herrenfinale hatte bereits begonnen und fand auf Platz eins statt. Es waren sogar einige Zuschauer gekommen, die auch bereits guter Stimmung waren und mit Applaus ihre Begeisterung zeigten. Das Spiel schien also bereits Fahrt aufgenommen zu haben. Ich schaute mich um und erkannte Thomas wie immer in einer Ecke des Platzes stehen. Meine Motorradklamotten legte ich schnell im Clubhaus ab und zog mich in der Umkleide um. Anschließend holte ich mir eine Flasche Fassbrause und ging zu Thomas an den Platz.

„Mahlzeit“, flüsterte ich.

Thomas lächelte und gab mir die Hand. In kurzen Sätzen gab er mir den Stand der Dinge und dass die Jungs kampflos im Doppelfinale standen. Dustin und Carlo hatte ich noch nicht gefunden, aber Thomas gab mir einen Hinweis. Da hätte ich auch von selbst drauf kommen können, Dustin stand mit Carlo hinter Fynns Bank.

Damit ich einen Eindruck vom Spiel bekam, blieb ich allerdings bei Thomas stehen und ließ mir immer wieder kurze Erklärungen über den Verlauf geben. Das Spiel war Ende des ersten Satzes und Fynn spielte nicht wirklich gut. Er schien sehr ungeduldig und wollte mit aller Macht den Gegner an die Wand spielen. Thomas war zwar äußerlich ruhig, aber sein Unmut über Fynns Verhalten war für mich spürbar.

„Sag mal, was hattet ihr eigentlich für eine Marschroute besprochen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du Fynn gesagt hast, er soll alles selbst machen. Er scheint ja geradezu besessen zu sein, jeden Punkt selbst machen zu wollen.“

Thomas verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und schüttelte den Kopf.

„Gut beobachtet. Nein, natürlich haben wir das anders besprochen. Ich fürchte nur, er will es besonders gut machen. Ich kann ihm von hier nur wenig helfen. Er scheint in einen Tunnel geraten zu sein. Selbst beim Seitenwechsel vergräbt er sich unter dem Handtuch. Das macht er sonst auch nicht.“

„Gut, ich verstehe. Was macht Dustin? Redet er mit Fynn oder ist selbst das nicht möglich?“

„Nein, Fynn blockt total. Ich habe keine Ahnung, was das soll. Aber so kann er nicht gewinnen.“

Ich hatte eine Idee, was ich tun könnte. Allerdings brauchte ich dafür von Thomas die Freigabe. Er war hier der verantwortliche Coach und ich wollte seine Autorität nicht untergraben.

„Kann ich etwas versuchen? Kann sein, dass es heftig wird, aber vielleicht klappt das.“

Thomas schaute mich fragend an.

„Warum fragst du? Natürlich kannst du versuchen, etwas zu bewegen.“

„Na hör mal, du bist der verantwortliche Coach, ich bin nur Gast.“

„Blödsinn. Du kennst die beiden viel besser und hast vermutlich den Draht zu ihm, den er jetzt braucht. Also mach einfach, ich vertrau dir da.“

„Danke, dann mal bis gleich.“

Ich machte mich auf direktem Weg zur Bank, wo Dustin stand. Fynn saß nach dem Satzverlust wieder mit dem Handtuch über dem Kopf auf der Bank und war ziemlich zornig.

„Du gehst jetzt in die Umkleide und machst dich frisch, ziehst dir ein neues Hemd an und dann sehen wir weiter.“

Das sagte ich bewusst als Befehl formuliert. Er sollte spüren, dass er sich auf einem völlig falschen Weg befand.

Er zuckte förmlich zusammen, riss sich das Handtuch vom Kopf, drehte sich um und schaute mir in die Augen. Ich zögerte keine Sekunde und schob direkt nach:

„Los, mach schon. Du hast drei Minuten Zeit.“

Wie in Trance und ohne zu reagieren nahm er sich ein frisches Hemd aus seiner Tasche und verließ den Platz. Ich folgte ihm wenige Augenblicke später. Dustin schien so perplex, dass er sich nicht einmal traute, mich zu begrüßen. Als ich die Umkleide betrat, stand Fynn vor dem Waschbecken und machte sich frisch. Er hatte bereits das Hemd gewechselt.

„Hi, du verrücktes Huhn, was treibst du da gerade auf dem Platz? Selbstzerstörung auf dem schnellsten Weg?“

Er drehte sich um und fing furchtbar an zu lachen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.

„Hi Chris, wie gut, dass du gekommen bist. Danke, du hast mir gerade geholfen aus diesem Albtraum zu kommen. Ich war zu blöd dafür.“

„So gefällst du mir schon viel besser. Los, mach das, was du mit Thomas besprochen hast. Du kannst eigentlich nur gegen dich selbst verlieren. Du bist viel zu gut für deinen Gegner. Hab Geduld und halte dich an das Besprochene. Los, auf geht es.“

Ich hielt ihm die Hand hin und er schlug sie ab und verließ die Umkleide. Einen Augenblick blieb ich noch zurück, dann verließ ich recht nachdenklich die Umkleide und war nun gespannt, was wir jetzt auf dem Platz zu sehen bekamen. Thomas erwartete mich schon. Allerdings kam ich erst gar nicht so weit, denn Dustin fing mich ab.

„Wie kommst du denn hier her? Was hast du mit Fynn gemacht?“

Dustin war aufgebracht und ich hatte das Gefühl, er wusste gerade nicht, ob er sich freuen sollte, dass ich gekommen war oder ob er ängstlich war, weil ich Fynn so hart angefasst hatte.

„Hallo Dustin, ich bin wie gestern mit dem Motorrad gekommen und wollte mir das Finale nicht entgehen lassen. Um deine zweite Frage zu beantworten, ich habe mit Fynn gar nichts gemacht. Ich habe ihm nur den Weg gezeigt, wie er aus dem Irrweg herauskommt.“

Das verwirrte ihn nun vollends. Er war der Verzweiflung nahe und ich legte meinen Arm um ihn, drehte ihn um und ging mit ihm zu Thomas.

„Keine Panik, ich kenne sehr gut, was ihm dort gerade passiert. Er wollte es besonders gut machen und hat dabei ein wenig die Orientierung verloren. Das passiert einfach. Ich habe ihm nur gezeigt, wo der richtige Weg ist. Warte ab. Ich habe ein gutes Gefühl.“

Dustin lächelte wieder. Das gefiel mir auch viel besser. Allerdings spürte ich seine Unruhe. Er würde am liebsten wieder an die Bank gehen. Das wollte ich aber nicht. Er sollte Fynn nicht noch mehr Druck machen. Erst wenn er sich stabilisiert hatte, wollte ich das zulassen.

Es dauerte auch nicht lange und es machte den Anschein, dass ein anderer Spieler auf dem Platz stand. Es war die Souveränität wieder zu erkennen, mit der Fynn sonst auf dem Platz agierte. Schnell führte er 3:0 und sein Gegner begann nun, sich zu ärgern und unruhig zu werden.

Fynn spielte weiter seine Stärken aus und gewann den zweiten Satz sehr deutlich. Auch im dritten Satz ließ er nichts mehr anbrennen und gewann das Match und damit das Turnier. Jetzt hielt es Dustin aber auch nicht mehr und er lief zu seinem Freund auf den Platz. Sie umarmten sich und beide schienen erleichtert. Dustin zog für Fynn den Platz ab, denn gleich stand noch ein Doppelfinale an. Thomas stand grinsend neben mir und klopfte mir anerkennend auf die Schulter.

„Respekt, du musst mir aber gleich noch erklären, was du genau gemacht hast. Ich hätte nicht gedacht, dass Fynn das noch hinbekommen würde.“

„Danke, aber ich habe nicht viel dazu beigetragen. Er hat das schon selbst gemacht. Vielleicht solltest du jetzt mal hingehen und auch gratulieren.“

„Aber du kommst auch mit. Schließlich war es deine Idee.“

Lachend marschierten wir auf den Platz und Fynn schien uns schon erwartet zu haben, denn er stand breit grinsend neben seinem Freund, und bevor ich etwas tun konnte, umarmte er mich stürmisch.

„Danke, Chris. Erst mal, dass du überhaupt gekommen bist und dann dafür, dass du mir passend in den Arsch getreten hast. Warum bin ich so blöd. Ich wusste eigentlich genau, dass ich das nicht machen durfte, dennoch habe ich genau alles falsch gemacht, was ich falsch machen konnte. Ich versteh das nicht.“

Ich musste lachen, denn mir war das nicht neu und auch Thomas wusste natürlich ganz genau, dass so etwas immer wieder passierte. Es gehörte zu diesem Sport einfach dazu. Der Kopf spielt eine entscheidende Rolle.

„Mach dir keine Vorwürfe. Das besprechen wir später in Ruhe mal. Jeder, der Tennis spielt, wird schon so etwas erlebt haben. Es gehört dazu. Wichtig ist nur, dass du etwas daraus lernst und dich in Zukunft selbst aus dieser Lage befreien kannst.“

Die Siegerehrung sollte erst im Anschluss an das Doppelfinale stattfinden und somit hatten wir nur eine kleine Pause. Thomas signalisierte mir, dass ich mit ihm kommen sollte. Dustin und Fynn machten sich für ihr Doppel fertig und ich stand mit Thomas auf dem Rasen vor dem Platz.

„Was glaubst du, wird hier gleich passieren? Ich habe das Gefühl, dass die beiden ein geiles Doppel spielen werden.“

„Ja, das glaube ich auch. Und Thomas, ich denke, wir werden in Zukunft noch viel Freude mit den beiden haben. Was genau bei Fynn und Dustin gestern passiert ist, weiß ich noch nicht, aber es hat sich etwas verändert.“

„Und ich dachte schon, ich hätte Wahrnehmungsstörungen. Schon heute Morgen im Auto war eine andere Stimmung als gestern. Ich bin mal gespannt, ob sie dir noch etwas erzählen.“

Ich beschloss, zu den beiden Jungs zu gehen und ihnen noch die letzten Hinweise zu geben. Beide standen bereits fertig auf der Terrasse und warteten auf ihre Gegner. Plötzlich gaben sie mir ein Zeichen, dass ich ihnen folgen sollte. Wir verließen die Anlage und standen jetzt auf dem Parkplatz. Fynn konnte seine Gefühle kaum kontrollieren.

„Was ist denn los?“, fragte ich, „Ihr seid ja so aufgeregt, wie schwärmende Bienen.“

„Ja, wir müssen dir etwas erzählen. Gestern Abend hat uns meine Mutter zur Rede gestellt. Sie hatte es bemerkt, was zwischen Dustin und mir abläuft.“

Ups, damit hatte ich nun gar nicht gerechnet, aber viel erstaunlicher war für mich die Art, wie die beiden mir das erzählten.

„Ja, und? Macht es nicht so spannend.“

„Sie hatte es bereits geahnt und sie hat nichts dagegen. Im Gegenteil, sie will uns weiterhin unterstützen. Ist das nicht geil?“

Dabei ballte Fynn beide Hände zur Faust und Dustin legte demonstrativ seine Hand auf Fynns Schulter. Ich schaute beiden Jungs in die Augen und diese Freude und Erleichterung war auch für mich spürbar. Einfach toll.

Fynn beruhigte sich etwas und es schien so, als ob er mich noch etwas fragen wollte, aber der Turnierleiter kam zu uns und bat die Jungs auf den Platz.

Das folgende Match sollte mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Es war eine Demonstration, wie wichtig es ist, sich wohl zu fühlen. Die beiden zauberten auf dem Platz und zeigten ihre Stärke. Sie verstanden sich nahezu blind. Immer wieder sprachen sie Spielzüge ab und setzten sie auch um. Der Gegner hatte nicht den Hauch einer Chance. Thomas und ich staunten immer mehr, auch über das Verhalten der beiden. Immer mehr zeigten sie offen ihre Vertrautheit und auch bei den Seitenwechseln wurde es offensichtlich. Sie hatten sich für ein Ende des Versteckspiels entschieden. Mir wurde sehr deutlich klar, heute würde hier noch etwas passieren. Thomas spürte meine Anspannung und er machte es mir leicht.

„Na, du denkst wohl gerade, was kommt heute noch, oder?“

„Ja, das stimmt. Ich weiß, heute passiert noch etwas. Thomas, es tut mir leid, ich würde es dir gerne erzählen, aber ich habe mit den Jungs noch nicht …“

Weiter kam ich nicht, denn er fing an zu lachen.

„Lass gut sein, ich glaube, ich habe es begriffen. Die beiden haben zusammengefunden. Ich glaube, wir sehen hier gerade das erste schwule Doppelpaar in unserem Team.“

Mein Gesicht muss ziemlich interessant ausgesehen haben. Thomas bekam sein Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht und er schlug mir auf die Schulter.

„Komm, tu nicht so unschuldig. Du wusstest es schon lange und die beiden hatten Angst, es könnte jemand dagegen sein. Ich kann dir aber versichern, es ändert sich für uns gar nichts. Im Gegenteil, ich finde, es wird Zeit, dass das kein Geheimnis mehr sein muss. Der Verband wird sich auf solche Dinge einstellen müssen, auch wenn ich mir bewusst bin, das wird bei diesen Holzköpfen nicht einfach sein.“

Sehr nachdenklich stimmte ich ihm zu.

„Wohl wahr, aber irgendwer muss den Anfang machen. Vielleicht gibt es noch mehr gute Tennisspieler, die auch schwul sind und dadurch den Mut finden, sich zu öffnen.“

„Gut gesagt. Wir werden jedenfalls den Jungs die Unterstützung geben, die sie brauchen. Verlass dich drauf. Sie sollen sich auf den Sport konzentrieren, das Drumherum wird unsere Aufgabe werden. Und mit dir an ihrer Seite haben sie einen guten Mitkämpfer. Das bekommen wir schon hin.“

Tja und meine Vermutung bewahrheitete sich bei der folgenden Siegerehrung, denn als Fynn den Pokal und den Siegerscheck erhielt und beide den Doppelpokal überreicht bekamen, hielt es Fynn nicht mehr aus. Er umarmte seinen Freund und gab ihm den ersten öffentlichen Kuss. Jetzt war ich sehr gespannt, wie die Leute reagieren würden. Nach einer Gedenksekunde brach Freude und Jubel aus. Auch die anderen Spieler klatschten begeistert. Damit war es raus. Wir hatten unser erstes offizielles schwules Spielerpaar im Break Point Team.

Die Jungs waren total euphorisch, als wir uns verabschiedeten. Sie hatten nicht mit so einer positiven Reaktion gerechnet. Hoffentlich würde es auch so bleiben. Mir kamen leider große Zweifel, was den Verband betraf.

Mit dem morgen beginnenden Umzug startete eine neue Ära beim Break Point Team und für Dustin und Fynn eine neue gemeinsame Zukunft.

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