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Lucien

Lucien - Teil 9

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

Mick: Das größte Motorsportereignis der Welt für Tourenwagen

Menschenskinder, was war denn hier los? Bereits am Donnerstag, zur technischen Abnahme, waren zigtausend Zuschauer an der Strecke. Die Campingplätze waren schon gut gefüllt. Mein Lukas stand ebenfalls staunend neben mir. Unser Team hatte einen bildschönen Ferrari 458 nach GT 3 Reglement aufgebaut. Nein, es hatte drei dieser Fahrzeuge mitgebracht, eines davon war für uns. Unser Team bestand aus vier Piloten. Aber um an einem derartigen Rennen teilzunehmen, bedurfte es viel mehr Personen.

Unser Pilotenteam bestand aus unserem Papa, Lukas und mir. Der vierte Pilot war wie Papa eine lebende Legende, Tom Kristensen. Er war für uns seit Jahren ein sehr guter Freund geworden und er hatte versprochen, uns bei diesem Rennen zu unterstützen. Natürlich war das Team dadurch nicht so ganz homogen aufgestellt. Aber es ging uns nicht darum, zumindest mir nicht, dieses Rennen zu gewinnen. Ich wollte es einmal beenden und das mit Papa gemeinsam. Im letzten Versuch wurden wir von einem technischen Defekt unseres Fahrzeuges gestoppt. In diesem Jahr waren die Voraussetzungen wieder sehr gut. Das Team von AF Corse unter der Leitung von keinem geringeren als Nicolas Todt, dem Sohn des FIA Präsidenten und guten Freundes Jean Todt, sollte ein bestmögliches Auto hingestellt haben.

Heute sollte die technische Abnahme stattfinden. Das hieß, alle Teams mussten ihre Fahrzeuge und auch die Piloten zur Abnahme bringen. Dort wurde geprüft, ob alles den Vorschriften entsprach. Auch die Bekleidung und die Helme der Piloten wurden geprüft. Bei der Vielzahl der Teilnehmer würde das den ganzen Tag andauern. Erst am Abend sollte ein erstes Training stattfinden.

Unser Team wurde unter anderen von Mario und Manuel ergänzt. Damit hatten wir ein sehr gut eingespieltes Team. Lukas war schon sehr unruhig in den Tag gestartet. Er war immer viel nervöser als ich. Was mich besonders freute, mein kleiner Bruder Luc war mit seinem Freund Stefan auch dabei. Leif hatte seine Freundin Chrissie ebenfalls mitgebracht und somit war unsere Familie fast vollständig am Nürburgring. Es fehlte nur Mama. Leider war sie nicht zu bewegen gewesen, mit uns mitzukommen. Das bedauerte ich sehr. Vor allem Luc fand das sehr schade. Immerhin hatte sie nichts mehr dagegen, dass er bei dem Rennen anwesend war.

Ich stand mit unserem Team vor unserem Wagen. Wir hatten in diesem Jahr eine besondere Startnummer erhalten. Unser Fahrzeug hatte die Nummer 458 erhalten. Insgesamt nahmen über 150 Fahrzeuge in den verschiedensten Klassen Teil. Dieses Rennen war eines der größten der Welt. Tom und Papa hatten, wie zu erwarten war, einen Haufen Presseleute um sich herum stehen. Ihre Prominenz war immer noch sehr hoch. Dadurch hatten Lukas und ich jedoch unsere Ruhe. Mittlerweile konnten wir aber gut damit umgehen, wenn wir um ein Interview gefragt wurden. Luc war mit Stefan, Leif und Chrissie bereits im Fahrerlager unterwegs und schaute sich dort um. Manuel und Mario kümmerten sich um das Auto. Wir waren gleich mit der Prüfung an der Reihe und da sollte auch immer ein Mechaniker vom Team dabei sein.

Überall standen Leute, ich konnte auch einige sehr gute Piloten erkennen. Hier war wirklich alles vertreten, was im Tourenwagensport Rang und Namen hatte. Plötzlich wurde ich von einer netten jungen Frau angesprochen.

„Hallo Mick, wie geht es euch? Schön, dass ihr wieder dabei seid.“

Ich war verwirrt. Wer war diese Frau? Lukas hingegen schien sie erkannt zu haben, denn er begann sofort mit ihr zu plaudern.

„Sag mal, Schatz, wer ist diese nette Dame? Kennen wir uns?“

Lukas musste lachen, mir war das echt peinlich.

„Na klar kennen wir uns. Aus Le Mans. Erinnerst du dich an das Interview im Fernsehen?“

Jetzt dämmerte es mir. Wie hieß sie doch noch? Mein Gedächtnis war eingerostet.

„Ach ja, Natalie de Jong, oder?“

Jetzt strahlte sie und wir begrüßten uns herzlich. Sie hatte es geschafft, mit uns unser erstes Fernsehinterview zu machen. Und sie hatte sich immer an die abgesprochenen Regeln gehalten. Das war schon etwas Besonderes. Wir redeten zuerst über persönliche Dinge und wir erzählten ihr, dass wir jetzt mit der gesamten Familie hier waren. Auch, dass Marc mittlerweile wieder in festen Händen war und wir uns etwas vergrößert hatten, was die Anzahl der Familienmitglieder betraf. Anschließend bat sie uns um ein offizielles Interview. Wir sagten das natürlich zu. Aber erst nach der Abnahme. Wir vereinbarten ein Treffen heute Abend vor dem ersten Training.

Tom stieß gerade zu uns und holte uns zur Abnahme. Wir stellten ihm noch kurz Natalie vor und gingen dann zu unserem Wagen. Dort standen bereits drei Rennkommissare und hatten begonnen, das Auto unter die Lupe zu nehmen. Manuel hatte alle Papiere beisammen und somit war das Auto nach wenigen Minuten fertig. Jetzt wurden unsere Rennkleidung und die Helme geprüft. Auch hier war natürlich alles korrekt und somit hatte sich die Abnahme für uns bereits erledigt. Das verschaffte uns genug Freiraum, um mit Tom und Papa noch einmal mit dem Team die Strategie für heute Abend zu besprechen und anschließend auch mal bei den anderen Teams vorbei zu schauen.

Ich nahm mir Lukas und suchte nach Luc und Stefan. Sie waren in der Box im Fahrerlager und warteten auf uns. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg durch das riesige Fahrerlager. Hier durften vor dem Rennen auch die Fans hinein. Somit war es sehr voll. Luc hatte daher eine Idee.

„Leute, mir ist das hier zu eng, was haltet ihr davon, mal an die Strecke zu fahren. Irgendwohin, wo nicht ganz so viele Leute sind.“

„Klasse Idee“, meinte Lukas, „nur wie?“

„Ich werde Papa fragen, ob wir nicht unser Auto nehmen können.“

„Spinnst du? Bei dem Verkehr kommen wir da nie an. Lass uns ein paar Roller organisieren. Damit kommen wir schnell überall durch.“

Stefan hatte die zündende Idee und somit marschierten wir zurück in die Box. Ich fragte beim Teamchef nach, ob wir uns zwei der Roller leihen dürften und dann machten wir uns auf den Weg. Ich hatte auch schon eine Idee, wo es hingehen sollte. Es gab eine Stelle, wo eine legendäre Fangruppe bei jedem Rennen ihr Lager aufschlug. Das „Metzgesfeld“, dort war das Lager der Käpt´n Ahab Truppe. Dort wollte ich mit meinen Freunden hin. Das war hinter dem Adenauer Forst. Es war eine Strecke zu fahren, aber es sollte sich lohnen, denn diese Truppe hatte schon so manchem Piloten auf der Strecke geholfen. Das waren Legenden der 24 Stunden.

Wir nahmen unsere Helme und fuhren mit den Rollern los. Ich fuhr mit Stefan und Lukas mit Luc. Die beiden hatten ja keinen Führerschein, und da wir uns auf öffentlichen Straßen bewegten, musste das ja alles seine Ordnung haben. Was ich etwas unglücklich fand, unsere Roller waren nicht gerade unauffällig. Sie waren natürlich Ferrari Rot. Und mit den Startnummern der Fahrzeuge beklebt. Das war so üblich. Nach einigen Minuten wurde der Trubel weniger und wir konnten uns zügig fortbewegen. Es gab einen kleinen Waldweg in den Adenauer Forst, der uns genau an diese Stelle im Metzgesfeld bringen würde. Ich musste allerdings etwas suchen, bis ich die Abzweigung gefunden hatte. Der Weg wurde immer schmaler, aber ich konnte an den frischen Autospuren erkennen, dass wir hier richtig waren. Nach etwa drei Kilometern durch den Wald kamen wir an eine Lichtung und wir konnten bereits die Strecke hinter den Bäumen erkennen.

Hier standen drei Wohnmobile, zwei Wohnwagen und einige Zelte. Außerdem eine kleine Bühne und ein Grillplatz. Ein großes Banner beschriftet mit

„Käpt´n Ahab Fanclub!“

zeigte uns, dass wir hier genau richtig waren. Niemand nahm von uns Notiz. Alle waren noch mit Aufbauarbeiten beschäftigt. Somit stellten wir unsere Roller auf der Wiese ab und wollten uns ein wenig umsehen. Wir hatten unsere Helme noch nicht ganz abgenommen, als ein älterer Mann, so um die 50 auf uns zukam. Er begrüßte uns freundlich. Aufgrund seines T-Shirts war klar, das war „Käpt´n Ahab“ persönlich.

„Moin Jungs, was treibt euch denn hierher?“

Lukas war so geistesgegenwärtig, nicht gleich zu sagen, wer wir sind. Er antwortete deshalb:

„Wir wollten dem großen Trubel entfliehen und mal bei euch, den Ringlegenden, vorbei schauen.“

Das zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.

„Man, das ist cool, Jungs. So junge Besucher haben wir hier selten. Kommt mit, ich zeige euch mal unsere Spielwiese.“

Wir legten unsere Helme auf die Roller und folgten ihm über das Gelände. Und was die alles dort aufgebaut hatten. Von der kleinen Bühne für Musikbands, über ein Zelt mit einer großen Theke und sogar einer kleinen Werkstatt, direkt an der Strecke. Hier wurden in den vergangenen Jahren auch schon kleinere Reparaturen an den Rennwagen gemacht, wenn sie hier auf der Strecke liegengeblieben waren. Das Ganze dauerte bestimmt eine halbe Stunde. Überall wurden wir freundlich begrüßt und gefragt, wo wir herkommen und warum wir uns ausgerechnet das 24-h-Rennen ausgesucht hatten.

Luc und Stefan staunten immer mehr und irgendwann standen die beiden allein direkt an der Absperrung zur Strecke. Luc hatte seinen Arm um Stefan gelegt und sie schauten sich die Strecke an. Reiner, so hieß Käpt´n Ahab mit richtigem Namen, stand neben uns und wir schauten uns aus einigen Metern Entfernung die beiden Jungs an.

„Sagt mal ihr beiden, sind das Freunde von euch oder seid ihr Geschwister?“

Ich musste schmunzeln, denn Lukas hatte wieder eine klasse Antwort parat.

„Beides.“

Jetzt schaute Reiner doch etwas verwundert und ich klärte ihn auf. Daraufhin überlegte er einen Moment und meinte dann:

„Wartet mal eben, ich will mal gerade den Reinhold was fragen.“

Er ging zurück in das große Zelt und kam wenige Minuten später mit einem weiteren älteren Herrn in Jeans und T-Shirt zurück. Er schaute mich genau an und kam direkt auf mich zu.

„Hi, du bist Mick Steevens, oder nicht? Und dann bist du sicherlich Lukas, sein Bruder und Freund.“

Er gab uns beiden die Hand und Reiner staunte.

Ich erwiderte: „Ja, das stimmt und die beiden da vorne sind Lucien und Stefan. Lucien ist unser kleiner Bruder und Stefan ist sein Freund.“

Jetzt wurden wir von den beiden den anderen Fans vorgestellt. Es gab eine Runde Bier für alle. Allerdings lehnten wir das Bier ab und bekamen etwas Alkoholfreies zu trinken.

Unser Ausflug wurde zu einem lustigen Ereignis, denn kurze Zeit später saßen wir um den großen Grill in einem Kreis und redeten über das kommende Rennen. Wir wurden zu unserem Auto befragt und wir merkten gar nicht, wie die Zeit verging. Wir bekamen sogar etwas zu essen vom Grill und als ich dafür etwas bezahlen wollte, wurden wir komisch angeschaut. Wir waren Gäste, und Gäste bezahlen nichts. So war die Erklärung von Reiner. Allerdings mussten wir bald aufbrechen, denn das erste Training stand noch an. Jeder von uns musste noch seine Pflichtrunden fahren. Wir versprachen wiederzukommen. Denn hier waren wirklich richtige Fans und das gefiel mir sehr gut. Wir waren ganz normale Rennfreunde und nicht die Kinder der Rennlegende. Zum Abschied bekamen wir die besten Wünsche mit auf den Weg und eine nicht ganz ernst gemeinte Aufforderung doch Papa auch mal mitzubringen.

Bevor ich den Helm aufsetzte, sah ich noch wie sich Luc und Stefan von den beiden verabschiedete und ich konnte ein Lachen in den Gesichtern der beiden Jungs sehen. Es schien ihnen hier gut gefallen zu haben. Auf der Rückfahrt konnten wir nicht viel sprechen, aber als wir wieder im Fahrerlager angekommen waren, sprudelte es aus den Beiden nur so heraus.

„Mann, Mick. Dieser Ausflug war richtig toll.“

„Ja, Stef hat Recht. Tolle Typen, die Ahab Truppe.“

Ich lachte und Lukas gab mir einen Kuss mit den Worten:

„Siehst du, ich hatte wohl die richtige Idee.“

Das nahm Luc zum Anlass, seinen Freund ebenfalls liebevoll zu küssen. Ich wunderte mich doch etwas darüber, denn hier waren überall Leute und Kameras, aber es schien sie nicht mehr im Geringsten zu stören. Papa kam zu uns und wir berichteten ihm von unserem Ausflug.

„Das ist eine wirklich legendäre Fangruppe. Die Jungs haben schon manchen gestrandeten Piloten wieder ins Rennen gebracht. Toll, dass es so verrückte Fans gibt. Und euch haben sie ja scheinbar gleich aufgenommen.“

„Ja, Papa. Das stimmt. Ich glaube, da fahren wir noch mal hin. Sie haben uns übrigens aufgefordert, dich auch mitzubringen.“

Papa lachte laut, aber er schien nicht ganz abgeneigt zu sein, denn solche Fans waren ihm schon früher immer wichtig gewesen. Mal schauen, was das Wochenende noch so bringen würde.

Bevor wir uns endgültig für das Training fertig machten, kam noch das Interview mit Natalie. Sie holte uns persönlich ab und wir machten ein kurzes Gespräch über das Team und wie diese Geschichte zustande gekommen war. Anschließend kam auch Leif mit seiner Freundin zu unserem Gespräch hinzu. Leif hatte wirklich Geschmack gezeigt, denn Chrissie war ein nettes und intelligentes Mädchen. Das Gespräch drehte sich in erster Linie um das Auto und unsere Chancen. Als Natalie dann die schon obligatorische Frage stellte:

„Sag mal Mick, wie schwer ist das eigentlich, mit zwei Legenden des Motorsports in einem Team zu fahren?“

Ich gab eine für mich klare Antwort:

„Es ist für mich eigentlich sehr einfach, denn ich weiß, dass ich viel langsamer bin und deshalb will ich einfach nur Spaß haben und ins Ziel kommen. Alles andere ist uns nicht wichtig.“

Leif ergänzte noch: „Wichtig ist doch, dass wir ein Rennen haben ohne schwere Unfälle und viel Spaß für die Fans.“

Wir vereinbarten noch, dass wir während des Wochenendes noch weitere Gespräche machen würden. Sie war wirklich nett und für eine Reporterin sehr korrekt.

Ein paar Minuten später kam Tom zu uns und erklärte, dass wir uns langsam fertig machen sollten. Jetzt stieg doch meine Nervosität deutlich. Auch bei Lukas spürte ich eine gestiegene Anspannung. Es tat uns gut, dass sowohl Luc als auch Stefan bei uns blieben und wir uns noch ein wenig unterhalten konnten. Der Plan sah vor, dass ich als erster die Strecke unter die Räder nehmen sollte. Tom kam zu mir und gab mir noch ein paar Tipps zur Strecke und meinte:

„Mick, fahr ruhig ein paar Runden. Du musst niemandem zeigen, wer du bist. Habe Spaß und schau auf den Verkehr. Einfach ein paar Runden fahren zum Kennenlernen der Strecke. Wir haben genug Zeit.“

Ich nickte nur und setzte mir den Helm auf. Dann wurde es ernst. Das Team gab mir das Zeichen einzusteigen. Tom half mir, mich anzuschnallen und dann hieß es, Motor anlassen und losfahren. Ich schaute in den Rückspiegel und unser Ingenieur gab mir das Zeichen loszufahren.

Über den Grand Prix Kurs machte ich meine ersten Kilometer. Das Auto fühlte sich gut an und legte eine gemäßigte Geschwindigkeit vor, ich testete die Funkverbindung und fuhr erneut eine Runde ausschließlich auf der Grand Prix Strecke. Dann sollte ich wieder in die Box kommen und es sollte gecheckt werden, ob alles soweit in Ordnung war. Als ich wieder stand, öffnete Papa die Tür und erkundigte sich nach meinem Befinden. Über Funk konnte ich die Ansage der Teamleitung hören. Das Auto war in Ordnung und ich sollte nun auf die Nordschleife und drei Runden am Stück fahren. Das hörte sich wenig an, aber eine Runde hatte in etwa 25 km mit Grand Prix Strecke. Ich rollte wieder hinaus und als ich dann von der Grand Prix Strecke auf die Nordschleife bog, machte sich bei mir totale Freude breit. Es waren bereits tausende Fans an der Strecke und das erste Mal Adenauer Forst und Fuchsröhre. Ein sehr schneller Abschnitt. Hier wurden Geschwindigkeiten jenseits der 250 km/h gefahren. In dieser Runde ließ ich es aber noch sehr ruhig angehen. Immer den Verkehr im Rückspiegel im Auge. Die erste Runde dauerte daher auch mehr als 15 Minuten. Die Top Autos fuhren im Qualifying unter acht Minuten. Die zweite Runde war ich mutiger und auch die Reifen hatten Temperatur. Das machte noch viel mehr Spaß, denn ich konnte mich aufs Fahren konzentrieren und sogar die ersten Fahrzeuge überholen. Die zweite Runde war deutlich besser, eine Zeit von elf Minuten, ich war zufrieden und auch die Box schien das so zu sehen, denn ich hörte beruhigende Ansagen und meine dritte Runde war noch besser. Ich hatte allerdings eine brenzlige Situation, denn in Höhe „Kesselchen“ musste ich an einem langsamen Fahrzeug vorbei, was mich aber zu spät gesehen hatte und somit musste ich hart abbremsen und verlor sicher einige Sekunden. Egal, das Auto blieb ganz und die Zeit war unter die elf Minuten Marke gefallen. Über die Grand Prix Strecke fuhr ich die Boxen direkt wieder an. Erst als ich den Motor abgestellt und mich vom Gurt befreit hatte, spürte ich die Anstrengungen. Papa stand in der Box vor mir und strahlte. Er umarmte mich und meinte:

„Mick, ich bin stolz auf dich. Tolle Runden und eine sehr ordentliche Zeit. Wie geht es dir jetzt?“

„Papa, ich bin schon nach drei Runden echt durchgeschwitzt, ansonsten einfach nur geil!“

Wir lachten und auch Lukas kam hinzu. Ich war noch viel zu aufgedreht, um genaue Daten zu liefern. Deshalb kam Tom nur kurz zu mir und fragte:

„Mick, Auto läuft gut?“

„Ja, Tom, alles gut.“

Dann grinste er nur und ging zum Auto, jetzt sollte er seine Runden fahren. Das Auto wurde betankt und bekam frische Reifen. Tom war schon lange auf der Strecke, als ich mich mit Lukas und Papa zurückzog, um ihnen meine Eindrücke zu schildern. Lukas Anspannung stieg spürbar und ich war Papa sehr dankbar, dass er Lukas immer wieder Mut machte. Die Zeiten, die Tom vorlegte, waren sehr gut. Unter zehn Minuten und er wurde immer schneller. In seiner letzten Runde schaffte er sogar eine 9 Minuten 30. Das war schon sehr schnell. Er kam zurück und jetzt war Lukas dran. Tom nahm sich die Zeit, ihm die neuesten Informationen zur Strecke zu geben und half ihm, sich anzuschnallen. Dann ging es auch für ihn los.

Als er bereits auf der großen Runde war, merkte ich, dass ich nervös auf den Monitor schaute. Stefan und Luc standen neben mir und Luc legte mir seine Hand auf meine Schulter. Ich schaute ihn verblüfft an.

„Mick, das geht schon gut. Du musst nicht jede Sekunde auf den Monitor schauen.“

„Du hast ja Recht, aber ich bin so aufgeregt. Hoffentlich geht bei ihm auch alles glatt.“

Tom kam zu uns und er machte das einzig Richtige. Er führte mich weg von den Monitoren und wie redeten über die Strecke und das Auto. Papa blieb in der Box und hielt die Funkverbindung zu Lukas. Leif und Chrissie standen bei ihm und fieberten mit. Ich bekam so gar nicht mit, dass er nach drei Runden wieder in die Box gekommen war. Als er plötzlich bei Tom und mir auftauchte, zuckte ich zusammen.

„Schatz, wie war es für dich? Alles gut gewesen?“

Er strahlte über das ganze Gesicht und dann umarmten und küssten wir uns. Tom lachte laut und auch einige der anderen Leute um uns herum klatschten. Wie peinlich, aber egal. Ich fand es sehr schön. Seine Zeit war im Übrigen auch gar nicht schlecht. Er war nur wenige Sekunden langsamer als ich.

Da ja jetzt Papa dran war, beschlossen wir, alle in die Box zu gehen und zu verfolgen, was Papa auf der Strecke machen würde. Mittlerweile herrschte auch reger Betrieb auf der Strecke und die Top Teams fuhren bereits unter acht Minuten dreißig. Das war doch eine andere Liga. Aber Papa schien auch der Ehrgeiz gepackt zu haben, denn plötzlich tauchte eine Sechs vor der Startnummer 458 auf. Papa war auf Platz sechs gefahren. Donnerwetter, da wollte einer aber zeigen, was er drauf hat. Das war so nicht abgesprochen. Entsprechende Unruhe brach bei der Teamleitung aus. Papa rollte in die Box und an seinem Grinsen konnte ich sehen, mit welcher Begeisterung er unterwegs gewesen war.

„Hey Papa, das war aber entgegen der Absprache. Wir wollten doch noch gar nicht so schnell fahren. Wenn das mal nicht Ärger gibt.“

Dabei musste ich laut lachen, denn ich konnte mir nun wirklich nicht vorstellen, dass Nicholas meinem Vater für diese Zeit einen Rüffel geben würde. Dennoch kam der Teamchef persönlich zu uns, als wir gemeinsam am Auto standen. Er klopfte Papa auf die Schulter und damit war klar, auch er war sehr zufrieden. Das Auto lief wirklich perfekt und alle waren zufrieden.

Abends wurde das erste Qualifying gefahren. Dort sollten nur Tom und Papa jeweils zwei schnelle Runden fahren und Lukas und ich nur je zwei Runden mit Beleuchtung. Gegen halb zwölf war auch das erledigt und wir machten uns auf den Weg ins Streckenhotel. Dort hatten wir noch ein gemeinsames Essen geplant.

Nach einer schnellen Dusche trafen wir an einem großen Tisch ein. Papa, Tom, Lukas, Stefan, Luc, Leif, Chrissie, Manuel, Mario und ich. Eine große Familie eben. Für Stef und vor allem Chrissie war das Neuland. Wir redeten über alles Mögliche, aber nicht mehr über das Rennen. Das hatte Papa uns beigebracht. Entsprechend locker war die Stimmung. An den Nebentischen konnte ich andere Teams und Piloten erkennen. Es war wirklich alles vertreten, was Rang und Namen hatte.

Erst weit nach Mitternacht machten wir uns müde auf den Weg in unsere Zimmer.

Der morgige Freitag sollte sehr anstrengend werden. Das zweite Qualifying stand am Vormittag an und am Nachmittag dann das Top 30 Qualifying. Wobei wir eigentlich nicht damit rechneten, dort teilnehmen zu können.

Luc: Der Tag hinterließ Spuren

Stef und ich lagen bereits im Bett und unterhielten uns noch einen Moment über bestimmte Stellen der Strecke, als er plötzlich seine Hand auf meinen Bauch legte und äußerte:

„Weißt du eigentlich, was für ein riesiges Glück wir hier haben? Ich kann immer noch nicht so richtig glauben, dass ich wirklich hier mit dir und deiner Familie bin. Ein Traum geht in Erfüllung.“

„Nein, Schatz, ich muss widersprechen, du bist nicht mit meiner Familie hier. Du bist mit deiner Familie zusammen. Du bist ein Teil der Familie.“

Das nutzte ich, um ihn leidenschaftlich zu umarmen und kurze Zeit später waren wir mit ganz anderen Dingen beschäftigt, die aber genauso viel Spaß machten, wie für meine Brüder das Rennfahren. Entsprechend glücklich und entspannt schliefen wir eng aneinander gekuschelt ein.

Der Freitag stand im Zeichen der Qualifikation für das Rennen. Hier wurden die Startposition und die Startgruppe festgelegt. Unser Ziel war es, unter die ersten 50 zu kommen. Dann würden wir in der ersten Startgruppe sein. Dafür sollte eine Zeit um die neun Minuten sicher ausreichen.

Stef und ich waren spät dran. Die anderen waren bereits an der Strecke und somit frühstückten wir dort im Catering Zelt. Leif und Chrissie waren auch gerade erst gekommen. Wir setzten uns zu ihnen an einen Tisch.

„Guten Morgen, na, wie gefällt es dir hier, Chrissie?“

„Hi Luc, also ich bin immer noch total überwältigt über die Masse an Leuten. Und zum Wochenende sollen es ja noch mehr werden. Wahnsinn - und alles bislang friedlich.“

Stef und ich hatten uns in die Morgensonne gesetzt und mein Freund lächelte sie an.

„Ja, ich finde es auch unglaublich. Allerdings bin ich auch ein wenig aufgeregt, hoffentlich passiert nicht wieder so ein Unglück wie vor einem Monat.“

Chrissie schaute irritiert und auch Leif schien nicht zu wissen, was Stef gemeint hatte. Ich klärte sie auf.

„Nun, da ist bei dem Qualifikationsrennen ein Nissan abgehoben und dann in die Zuschauer gerast. Dabei hat es einige Schwerverletzte und einen Toten gegeben. So etwas ist natürlich ganz traurig. Allerdings weiß jeder, dass Motorsport eben auch gefährlich ist.“

Chrissie verzog ihr Gesicht und ich konnte auch bei Stef eine Reaktion erkennen. Sie sprach es allerdings aus, was vermutlich Stef nur dachte.

„Habt ihr keine Angst, dass euren Brüdern etwas passieren könnte. Euer Vater ist ja Rennfahrer, er wird schon wissen, was er tut, aber bei Mick und Lukas, ich weiß ja nicht.“

Ich wurde jetzt ein wenig bestimmter, denn gerade bei meinen Brüdern war ich mir sehr sicher, dass sie nur soweit gehen würden, wie sie sich das zutrauten. Bei Papa war ich mir hingegen nicht immer so sicher, gerade wenn es im Rennen dann doch um Positionen ging,

„Also wenn wir Angst hätten, wären wir nicht hier. Papa würde doch nie so eine Sache mit uns machen, wenn er Zweifel daran hätte. Also lasst uns jetzt frühstücken und dann zu den anderen gehen. Die sind nämlich schon über eine Stunde an der Strecke.“

„Mach mal langsam, Bruder. Wir müssen ja nicht ins Auto steigen, also können wir auch mal später kommen.“

Dabei grinste mich Leif an. Ich streckte ihm die Zunge raus und alle fingen an zu lachen. Als wir kurze Zeit später in der bereits total vollen Box ankamen, standen unsere Autos bereits in der Boxengasse. Da unser Team drei Autos in der gleichen Klasse stellte, hatten wir eine Box für uns. Andere Teams mussten sich eine Box mit anderen Teams teilen. Es war einfach sonst nicht genug Platz. Allerdings hatte es hier immer schon etwas Besonderes im Motorsport gegeben. Hier halfen sich auch schon mal gegnerische Teams, wenn es notwendig war. Das gab es sonst nirgendwo.

„Hallo ihr vier. Na, gut geschlafen?“, begrüßte uns Papa.

„Guten Morgen, Papa. Ja, eigentlich schon. Wie sieht es bei euch aus?“

„Soweit alles gut, Luc. Tom wird gleich den ersten Versuch für das zweite Qualifying machen. Ich denke, eine Platzierung unter den ersten dreißig sollte drin sein.“

Jetzt kamen auch Mick und Lukas hinzu und wir umarmten uns zur Begrüßung. Auch sie waren schon in ihren Rennoveralls. Ich war etwas erstaunt, denn es war doch abgesprochen, dass nur Papa und Tom die Qualifikation fahren sollten.

„Warum seid ihr auch in Rennmontur, ihr braucht doch gar nicht zu fahren.“

Papa schüttelte den Kopf und erklärte:

„Doch Luc, sie müssen fahren. Allerdings müssen sie nur ihre Pflichtrunden fahren. Sie sollen nicht schnelle Zeiten fahren. Das machen Tom und ich. Also alles im grünen Bereich.“

„Und wann soll es losgehen?“, fragte Leif nun.

„Tom sitzt schon im Auto, und sobald die Boxenausfahrt geöffnet ist, geht es los. Allerdings hat es in der Nacht ein Gewitter gegeben und die Strecke ist stellenweise noch nass. Wir werden also erst einmal eine Info-Runde fahren. Dann entscheiden wir, ob es überhaupt schon sinnvoll ist, schnelle Runden zu versuchen.“

Wir nickten und mischten uns dann unter die anderen in der Box. Auf den Monitoren konnten wir erkennen, dass die Rennleitung die Strecke noch nicht freigegeben hatte. Es waren noch drei Minuten bis zum Start des zweiten Qualifikationslaufes. Papa gab mir einen Kopfhörer und ein Funkgerät. Damit waren wir immer im Bilde, was das Team mit den Piloten sprach. Das fand ich sehr praktisch. Ich einigte mich mit Stef, dass wir uns abwechseln wollten. Papa ging zu Tom ans Auto und ich stand mit meinem Freund im Arm vorne am Tor der Box. Alle drei Autos standen mit laufenden Motoren hintereinander und warteten auf die Freigabe. Die Ampel sprang in diesem Moment auf Grün und es kam Bewegung in die Boxengasse. Überall fuhren Autos aus ihren Garagen und es wurde sehr laut.

Die Anspannung stieg jetzt doch bei mir und auch Stef schien nervös zu sein, denn er lief ein wenig unruhig hin und her. Papa schien das bemerkt zu haben und stellte sich zu ihm. Er legte seinen Arm um ihn und ich konnte sehen, dass sich mein Freund sichtlich beruhigte. Sie kamen beide zu mir und wir blieben in der Box stehen. Da unser Team für die Presse interessant war, standen auch überall Fotografen, die Bilder machten. Es war eben ein besonderes Rennen, da war alles etwas enger und familiärer. Ich konnte Mick und Lukas mit einer jungen Frau sprechen sehen. Es schien so zu sein, dass sie ein Interview gaben, denn die Frau hatte ein Mikrofon in der Hand und einen Kameramann hinter sich stehen. Mick zeigte irgendwann dann auf uns und Lukas winkte uns zu. Papa erklärte dann:

„Los Jungs, die beiden brauchen uns als Verstärkung. Lasst uns mal schauen, was Frau de Jong heute von uns wissen will.“

Bevor wir auch nur ein Wort sagen konnten, standen wir mitten im Geschehen. Papa machte sich einen Spaß aus der Sache und nach wenigen Minuten waren wir auch nach unseren Eindrücken befragt worden und Mick hatte noch erwähnt, dass er sich sehr freut, dass wir alle mitgekommen sind. Ich hatte heute Morgen noch kurz mit Mama telefoniert. Sie freute sich sehr, dass ich angerufen hatte. Ich erzählte ihr, dass bei uns alles in Ordnung sei und sie sich nicht so aufregen sollte. Da musste sie dann auch lachen. Ich wusste, dass sie sich aufregen würde und dass sie Angst hatte.

Als wir uns wieder den Monitoren zuwandten, konnte ich die erste Zeit von Tom lesen. Er lag auf einem hervorragenden 15. Platz. Allerdings hatten noch nicht alle Top-Teams eine Zeit gefahren. Eine halbe Stunde später stand Tom wieder in der Box und war auf Rang 20 zurückgefallen. Immer noch eine sehr gute Platzierung. Auch unsere anderen Autos liefen bislang ohne Probleme. Papa besprach sich mit Tom und dann wurde entschieden, da die Strecke im Pflanzgarten noch feucht war, dass Mick und Lukas ihre Runden zuerst abspulen sollten. Schnelle Zeiten waren eh noch nicht möglich. Also machten sich die beiden bereit. Erst sollte Mick und dann Lukas fahren. Ich beschloss, einen Gang durch die Boxen zu machen, nahm meinen Stef an die Hand und wir marschierten los. Drei Boxen weiter kamen wir zum „Frikadelli“ Team. Das war auch so eine Ringlegende, denn dort fuhr Sabine Schmitz in einem Porsche. Sie war die einzige Frau, die bislang dieses Rennen gewinnen konnte. Sie kannte sozusagen jeden Grashalm am Ring. Sie war immer lustig und gut gelaunt. Auch jetzt gab sie bereitwillig Autogramme. Wir schauten uns den Porsche an, als sie plötzlich neben uns stand und in ihrer Art uns ansprach.

„Na Jungs, wo kommt ihr denn her? Fährt von euch auch jemand mit?“

Etwas irritiert schaute ich Stef an und schon kam ein lautes Lachen von ihr. Ich antwortete nun:

„Also, wir dürfen wohl noch nicht, aber mein Papa und meine Brüder fahren mit.“

„Ah ja, und wer ist der junge Mann hier neben dir? Er sieht nicht so aus, als ob er auch ein Bruder wäre.“

„Nein, das ist mein Freund Stefan. Ich heiße Lucien und mein Papa ist nur ein paar Sekunden langsamer gefahren als du. Also passt gut auf die Nummer 458 auf. Sie werden euch das Leben schwer machen.“

Jetzt zuckte Stef etwas und Sabine zog eine Augenbraue hoch, drehte sich suchend nach einem Monitor um und erkannte jetzt, wer auf der 458 fahren würde. Sie drehte sich wieder zu uns um und meinte dann ganz ernst.

„Sorry Jungs, aber ich habe ja nicht gewusst, dass Marc euer Papa ist. Das ist ja eine tolle Sache. Die ganze Familie Steevens ist hier. Wo ist denn euer Papa?“

„Er ist noch in der Box, momentan fährt mein Bruder Mick seine Pflichtrunden.“

Sie freute sich ehrlich mit uns, und sie versprach uns, in unserer Box später mal vorbeizuschauen. Dann verabschiedete sie sich von uns, weil sie jetzt selbst ans Steuer sollte. Wir liefen die Boxengasse weiter hinunter und überall war hektischer Betrieb. Es nahmen wirklich alle möglichen Fahrzeuge teil. Vom richtigen GT3 Boliden bis hin zum fast serienmäßigen PKW. Das Reglement unterteilte die Fahrzeuge in verschiedenste Klassen. So wurden auch einzelne Klassensieger gekürt und mit Preisgeldern versehen. Nach einer guten halben Stunde kamen wir wieder in unserer Box an und konnten noch gerade verfolgen, wie Lukas die Box verließ. Mick hatte gerade seinen Helm abgenommen und berichtete dem Ingenieur von seinen Eindrücken. Papa und Tom hörten ebenfalls interessiert zu. Es schien irgendein Problem zu geben, denn Mick sah unzufrieden aus.

„Gibt es ein Problem?“, fragte ich also in die Runde.

Papa erklärte uns: „Nein, nicht wirklich. Mick meinte nur, dass die Reifen keinen Grip aufbauten. Es ist einfach noch zu kalt. Dadurch sind auch noch keine so guten Zeiten möglich. Lukas haben wir gesagt, er soll nur seine Pflichtrunden in Ruhe fahren und dann zurückkommen. Die Sonne kommt langsam durch und dann werde ich zum Schluss ein paar schnelle Runden fahren.“

Lukas: Drei Runden durch die grüne Hölle

Papa und Tom hatten mir eindringlich gesagt, ich sollte nur drei ruhige Runden fahren, weil es teilweise noch sehr rutschig war und die Reifen nicht auf Temperatur kommen würden. Mit einem mulmigen Gefühl bog ich von der Grand Prix Strecke auf die Nordschleife ab. Die ersten Meter waren recht langsam durch den Hatzenbach. Danach wurde die Strecke richtig schnell und bis zum Schwedenkreuz würde es bei guten Bedingungen nahezu mit Vollgas gehen. Am Schwedenkreuz musste ich hart bremsen und ich spürte, wie das Auto unruhig wurde. Aremberg durchfuhr ich recht langsam um dann wieder stark zu beschleunigen bis zum Adenauerforst, an „Käpt´n Ahab“ vorbei, in das Geschlängel am Wehrseifen hinein.

Ich hatte mittlerweile einen guten Rhythmus gefunden, als ich vor dem Bergwerk plötzlich gelbe Flaggen sah. Ich nahm sofort Gas raus und wollte langsam an der Gefahrenstelle vorbei fahren, als mich noch einer der Audi R8 überholte. Er hatte vermutlich die Warnungen nicht gesehen, jedenfalls fuhr er viel zu schnell in die Unfallstelle hinein, und als er hart bremste, kam sein Auto ins Rutschen und ebenfalls von der Straße ab. Ich wusste nicht, wohin ich ausweichen sollte, da kam der R8 rückwärts wieder auf die Strecke, direkt vor meinen Wagen. Ich war sehr langsam, musste aber bis in den Stand abbremsen und konnte dadurch eine Berührung verhindern. Die Streckenposten waren stinksauer auf den Audi Piloten. Ich konnte meine Fahrt ganz langsam an der Unfallstelle fortsetzen und dann wieder beschleunigen bis zum Karussell. Aus dem Karussell ging es wieder zügig weiter bis zum Wippermann, dann kam eine knifflige Stelle, Eschbach und Brünnchen. Dort musste ich sehr genau die Linie treffen und dann Schwung mitnehmen für den Pflanzgarten. Schwalbenschwanz und Galgenkopf waren noch einmal sehr langsam und dann ging es auf die Döttinger Höhe. Der schnellste Abschnitt. Hier erreichten wir am Ende eine Geschwindigkeit von 300 Km/h. Ich ließ es allerdings noch langsamer angehen. Allerdings hatte ich trotzdem 250 erreicht als ich abbremste. Dann ging es wieder auf die Grand Prix Strecke und über Start und Ziel. Ich schwitzte schon recht stark nach dieser einen Runde.

Die zweite Runde wurde ich mutiger und fuhr schon deutlich schneller. An einigen Stellen schien bereits die Sonne durch und ich spürte sofort den erhöhten Grip der Reifen. Die zweite Runde war meine beste Runde bis dahin. Allerdings war die Zeit immer noch weit entfernt von den Profis oder von Papa und Tom.

Die dritte Runde sollte ich dann an der Box beenden. Allerdings gab es ein Problem, denn in Höhe des Karussells hörte ich plötzlich seltsame Geräusche im Auto. Ein Poltern und Rasseln. Ich meldete das sofort über Funk und ich erhielt die Anweisung, das Auto zu checken. Also Getriebe, Anzeigen und alles, was ich halt so checken konnte. Es ließ sich kein Fehler feststellen. Dennoch bekam ich die Anweisung langsam an die Box zurückzufahren und alle Anzeigen im Auge zu behalten. Plötzlich gab es einen lauten Knall und das Auto machte auf der Vorderachse einen kleinen Satz zur Seite. Ich konnte gerade noch einen Einschlag in der Leitplanke verhindern. Allerdings war jetzt Ruhe im Auto und es gab keine Geräusche mehr. Ganz langsam rollte ich über die Döttinger Höhe mit eingeschaltetem Warnblinker. Weiße Flaggen wurden geschwenkt, so dass der nachfolgende Verkehr gewarnt wurde. Ich erreichte die Box und erst bei der Einfahrt in die Boxengasse kamen mir Zweifel und das schlechte Gewissen. Ich hatte das Auto beschädigt. Wusste aber noch gar nicht, wo und wie. Dennoch hatte ich Angst, meinetwegen könnte das Training schon zu Ende sein.

Über Funk hatte ich auch keine Verbindung mehr. Wie sich dann herausstellte, war bei dem zweiten Schlag die Verbindung des Kabels herausgegangen. Ich stellte den Wagen vor die Box und bekam das Zeichen den Motor abzustellen. Ich wurde aufgebockt und rückwärts in die Box geschoben. Papa machte die Tür auf und ich konnte sein besorgtes Gesicht sofort erkennen.

„Lukas, mit dir alles in Ordnung? Wir haben alles am TV gesehen. Du hast extrem gut reagiert. Klasse!“

Dabei klopfte er mir auf die Schulter und half mir aus dem Fahrzeug. Die Mechaniker hatten schon begonnen das Auto zu untersuchen, als ich mir den Helm abnahm. Ich schaute mir das Fahrzeug an und erschrak. Die komplette vordere Schürze war weg und überall hingen Kabel heraus. Optisch sah das gar nicht gut aus, aber unser Ingenieur meinte ganz ruhig, das würde kein großes Problem sein. Warum die Schürze abgegangen war, konnte allerdings niemand so genau erklären. Das musste aber unbedingt geklärt werden, denn dieser Zwischenfall bei hoher Geschwindigkeit würde ganz böse Folgen haben.

Ich war noch mit den Gedanken auf der Strecke, als Papa und Mick zu mir kamen.

„Bist du in Ordnung?“, fragte mich Mick etwas besorgt.

„Ja, Schatz. Alles ok. Ich weiß aber wirklich nicht, was ich falsch gemacht haben könnte.“

Jetzt wurde Papa deutlich.

„Du spinnst doch wohl. Der Audi hat die gelben Flaggen ignoriert, und wenn du nicht so toll reagiert hättest, wäre vermutlich jetzt schon das Training zu Ende für uns. Die Rennleitung hat bereits eine Strafe für den Audi verhängt. Du hast wirklich alles richtig gemacht. Dass die Schürze weggeflogen ist, war auch nicht dein Verschulden. Also beruhige dich wieder und du kannst stolz auf die zweite Runde sein. Es war mit Abstand die Beste, die du hier gefahren bist.“

Mick schien auch erfreut zu sein, denn er gab mir einen Kuss als Belohnung. Das fühlte sich gut an. Jetzt wurde das Auto erst einmal repariert und auf Folgeschäden untersucht. Anschließend sollte Papa noch ein paar richtig schnelle Runden fahren. Luc gab mir eine Flasche Wasser und ein Handtuch. Ich war komplett durchgeschwitzt und erst jetzt merkte ich, dass meine Hände zitterten. Papa meinte nur, dass das normal sei. Nun gut, ich war froh, dass alles gut ausgegangen war und nach zehn Minuten hatte ich auch wieder ruhige Hände.

Jetzt gab der Ingenieur das Zeichen für Papa, sich fertig zu machen.

Es dauerte nur wenige Minuten und der Ferrari fuhr mit Papa am Steuer aus der Box. Wir waren sehr gespannt, ob es Papa gelingen würde, eine gute Zeit zu fahren. Dafür brauchte es auch ein wenig Glück, denn der viele Verkehr nahm schon großen Einfluss auf die Zeiten. Deshalb gab es ja dann das Top 30 Training. Dort fuhren nur noch dreißig Fahrzeuge und konnten entsprechend allein auf der Strecke eine Runde fahren. Ich hörte, wie Papa auf der Einführungsrunde immer wieder Daten aus dem Auto funkte und es hörte sich alles gut an. Also sollte Papa zwei oder drei schnelle Runde fahren.

Die Minuten verstrichen und plötzlich bemerkte ich, dass alle aus unserer Familie und unsere Freunde zusammen standen und auf den Monitor schauten. Tom stand im Eingang zur Box und lachte laut.

„Ist hier ein Familientreffen oder was?“

Alle Köpfe drehten sich zu Tom und waren irritiert. Luc war der Erste, der reagierte:

„Tom, wir sind nun mal eine große Familie, und wir treten immer gleich im Rudel auf.“

Eine Welle von lautem Lachen ging nun durch die Box und überall schauten die Mechaniker zu uns herüber. Tom hatte eingesehen, dass wir in der Überzahl waren und fiel mit in unser Lachen ein. Die Stimmung war sehr gut. Dann konzentrierte ich mich aber wieder auf den Monitor, denn Papa war bereits in seiner ersten fliegenden Runde. Aus dem ersten Abschnitt leuchtete die Zeit grün unterlegt auf. Das bedeutete, dass es eine persönliche Bestzeit war. Im zweiten Abschnitt erneut eine grüne Zeit und ich bekam ein wenig Angst, denn die Zeit war nur wenige Sekunden von den allerbesten Fahrzeugen weg.

Ich schaute Luc an, der genau wie ich, den Monitor fest im Blick hatte. In dem Moment ging er aber aus der Box. Was war denn nun los? Warum ging er hinaus? Stefan blieb genauso ratlos stehen wie ich.

„Weißt du was er hat?“, fragte ich Stefan.

Er schüttelte nur mit dem Kopf und zuckte mit den Schultern. In diesem Moment kam Papa über sie Zielgerade und erzielte die momentan zehntbeste Zeit. Das war so überhaupt nicht abgesprochen. Allerdings brach in der Box Jubel bei den Mechanikern und Ingenieuren aus. Ich entschloss mich, nach Luc zu schauen und verließ die Box. Nach einigem Suchen fand ich ihn etwas abseits, auf einer Kiste sitzend.

„Hey, was ist los? Warum gehst du weg?“

Er schaute mich von unten an und ich konnte sofort erkennen, dass es ihm nicht gut ging. Ich setzte mich neben ihn auf die Kiste.

„Hey, was hast du für ein Problem?“

„Ach Lukas, ich habe einfach Angst. Warum fährt er so schnell? Es war anders besprochen. Ich habe Angst, dass etwas passiert. Ich weiß, dass Papa genau weiß, was er tut, meine Gefühle kann ich aber auch nicht ausblenden.“

Er saß niedergeschlagen neben mir auf der Kiste. Ich konnte sehr gut verstehen, was er gerade fühlte. Ich hatte auch Jahre gebraucht, den Verlust meiner leiblichen Eltern zu verarbeiten.

„Schau mal Luc, ich weiß sehr genau, was du gerade fühlst. Und du solltest es nicht verdrängen, sondern zulassen und keine Angst davor haben. Ich weiß heute, dass es ein gutes Zeichen ist. Du liebst Marc und das ist doch gut so. Also sieh es positiv. Und glaub nicht, mir würde es nichts ausmachen, wenn er doch wieder an das Limit geht. Aber er ist Rennfahrer. Die sind eben so.“

Ich legte meinen Arm um seine Schulter und konnte fühlen, wie er sich wieder entspannte.

„Komm, lass uns wieder zu den anderen gehen. Wenn Papa wieder zurück ist, sag ihm deine Gefühle und dass du das nicht gut findest, dass er Absprachen nicht eingehalten hat. Sag ihm nicht, dass du dich ärgerst, wenn er schnell fährt, aber dass es anders besprochen war.“

Luc schaute mich an und in diesem Moment konnte ich sehen, dass er verstanden hatte, was ich damit sagen wollte. Er lächelte wieder. Das war ein gutes Zeichen und wir standen von der Kiste auf und in diesem Moment kam Stefan auf zu uns. Ich ließ die beiden allein zurück mit den Worten:

„Macht nicht so lange hier, wenn Papa zurück in die Box kommt, möchte ich Luc in der Box haben.“

Marc: Die Strecke und das Auto waren toll

Nach der Eingewöhnungsrunde bemerkte ich sehr schnell, dass die Strecke schon in einem deutlich besseren Zustand war, als die meisten anderen annahmen. Dadurch war noch recht wenig Verkehr auf der Piste. Ich beschloss, das auszunutzen. Also gab ich Gas und testete bereits in der ersten Runde, wo der Grenzbereich lag. Die Reifen kamen so relativ schnell auf Betriebstemperatur und es konnte die Zeitenjagd beginnen. Im ersten Streckenabschnitt „Hatzenbach“ spürte ich, wie gut der Grip bereits war. Ich beschleunigte und hatte bis zum „Schwedenkreuz“ einfach ein riesiges Glück, dass kein anderes Fahrzeug im Weg war. Ich konnte also so schnell fahren, wie es das Auto hergab. Da dies ein sehr schneller Streckenabschnitt war, brachte das sicherlich einen guten Zeitvorteil. Eng wurde es am „Adenauer Forst“. Dort musste ich etwas warten, weil ein Auto einer kleineren Klasse vor mir war. Dort war überholen eigentlich nicht möglich. Die Runde lief einfach nahezu perfekt weiter. Ich konnte fast ohne Behinderungen durchfahren. Das kam eigentlich im normalen Training nicht vor. Entsprechend gute Zwischenzeiten blinkten auf dem Display im Lenkrad auf. Platz neun nach dreiviertel der Strecke und auch im letzten Abschnitt war es beinahe perfekt. Nur einmal war ich etwas zu vorsichtig und verlor ein paar Sekunden. Am Ende war es Platz zehn. Das war viel mehr, als wir erwartet hatten. Entsprechend groß war die Freude am Funk. Mein Ingenieur war fast außer sich vor Freude. Ich war sehr zufrieden und brach dann die zweite schnelle Runde ab. Es war einfach zu viel Verkehr auf der Strecke. Das Risiko einer Kollision mit einem Konkurrenten war einfach zu groß. Ich gab über Funk diese Information weiter. Also fuhr ich diese Runde zwar zu Ende, aber eben mit gebremstem Elan. Leider hatte ich noch eine unschöne Situation mit einem Mini. Im Bereich Brünnchen wollte er mich nicht vorbeilassen. Vielleicht hatte er mich auch nicht gesehen, jedenfalls musste ich ganz hart bremsen, um einen Unfall zu vermeiden. Wie gut, dass ich nicht mehr mit Vollgas unterwegs gewesen war. Das wäre dann nicht so glimpflich ausgegangen. Ich merkte mir die Startnummer. Vielleicht konnte ich das noch klären. Mit einem tollen Auto fuhr ich die Runde zu Ende und rollte sehr zufrieden in unsere Box. Erstaunlicherweise empfing mich bereits ein Blitzlichtgewitter der Fotografen, als ich den Motor abstellte. Ich stieg aus und berichtete dem Team, wie gut das Auto auf der Strecke lag und sich toll fahren ließ. Danach erwarteten mich meine Jungs in der Box. Ich konnte zum größten Teil Erstaunen auf ihren Gesichtern erkennen, aber auch bei Luc und Lukas ein wenig Sorge.

Tom grinste mich breit an und meinte: „Du kannst es aber auch nicht lassen. Kaum hast du wieder einen Rennwagen unter dem Hintern, musst du schnell fahren.“

Ich zuckte mit den Schultern und grinste. Allerdings konnte ich die Anspannung bei Luc und Stefan deutlich spüren, irgendetwas war hier vorgefallen. Es gab keine richtige Freude bei den beiden. Ich ließ mir nichts anmerken und ging zum Ende des Trainings mit unserem Team und den anderen Fahrern zur Abschlussbesprechung. Wir hatten alle drei Autos unter die Top 30 gebracht. Das änderte unsere Planung. Wir mussten also heute Abend auch im Top 30 Einzelzeitfahren antreten.

Die Besprechung dauerte nicht lange, lediglich die Frage, wer denn fahren sollte, musste geklärt werden und welche Reifen wir nehmen würden. Nicholas wollte, dass ich für unser Team fahre, aber ich spürte eine gewisse Sorge in Mick und Lukas Gesichtern. Deshalb sagte ich zum Schluss.

„Ich glaube, es ist besser, wenn Tom fährt. Ich denke, er ist besser in Form und noch voll im Training. Ich habe einfach Glück gehabt, dass wenig Verkehr war.“

Dieser Vorschlag wurde von allen angenommen und somit beendeten wir unser Meeting und hatten jetzt bis zum späten Nachmittag frei. Das Abschlusstraining begann um fünf Uhr. Ich beschloss mit Mick und Lukas ins Hotel zurückzugehen, um dort zu duschen und ein wenig was zu essen. Als wir am Tisch saßen und eine Kleinigkeit zu uns nahmen, saßen viele andere Piloten an den anderen Tischen. Hier hatten wir unsere Ruhe, denn hier hatte die Presse keinen Zutritt. Mick schien sich nicht sonderlich wohl zu fühlen und auch Lukas machte nicht den fröhlichsten Eindruck.

„So, Jungs, ich möchte jetzt wissen, warum ihr nicht fröhlich seid? Wir sind auf einem ganz tollen zehnten Platz und haben uns für das Top 30 qualifiziert. Also, wo drückt der Schuh?“

Mick schaute seinen Freund an und der wiederum schaute mich an. Also sollte es wohl an Lukas sein, mir das zu erklären.

„Also Papa, frag das besser mal Luc. Er kann und soll dir das erklären.“

„Aha, also ein Geheimnis. Hm, finde ich gerade nicht so toll. Aber ich weiß auch, dass ich jetzt von euch keine Aussage mehr bekomme. Wollt ihr noch etwas essen, oder können wir wieder zu den anderen gehen?“

„Wir können zu den anderen gehen, aber was hältst du davon, wenn wir heute Abend nach dem letzten Training bei „Käpt´n Ahab`“ vorbeischauen? Das sind tolle Typen und ich finde, wir sollten uns bei ihnen für ihre Unterstützung bedanken.“

Ich überlegte einen Moment, denn ich hatte keine Lust, dort irgendwelchen Presseleuten zu begegnen. Ansonsten fand ich die Idee von Lukas gut.

„Lass uns da nachher drüber sprechen. Eigentlich keine schlechte Idee.“

Damit machten wir uns wieder auf den Weg zu den anderen in unserer Box und im Fahrerlager. Dort empfing uns ein äußert traurig dreinschauender Luc. Ich hatte keine Ahnung, was hier los war.

Allerdings war die Presse auf unser Team aufmerksam geworden, denn mit den beiden Jungs hatte uns niemand auf der Rechnung gehabt. Wobei ich zugeben musste, für die gute Platzierung waren sie ja nicht gefahren. Dennoch hatten sie ihr Training hervorragend bewältigt und ich war sehr zufrieden mit beiden. Auch Tom schien das so zu sehen, denn er war bester Laune und scherzte mit beiden. Die Pressen wollte immer wieder Bilder und Interviews von dem Familienteam Steevens. Bis mir das Ganze zu bunt wurde. Ich nahm meine Söhne und verschwand einfach aus der Box. Bis zum abendlichen Abschlusstraining war eh nichts mehr zu tun für uns. Deshalb erinnerte ich mich an den Vorschlag von Lukas, doch mal bei den Ahab Leuten vorbeizufahren. Allerdings mit dem Auto war das ein hoffnungsloses Unterfangen. Also besorgte ich uns die Roller und los ging es.

Leif wollte lieber mit seiner Freundin ein wenig relaxen. Manuel und Mario hatten noch an den Autos zu tun und somit brachen sechs Leute, denn Tom wollte auch mit, zum Camp der Ahab Leute auf. Hier würde uns niemand belästigen und außerdem würde das bestimmt lustig werden.

Wir wurden freundlich empfangen. Meine Jungs schienen einen guten Eindruck hinterlassen zu haben. Sofort wurden uns Getränke angeboten. Das Lagerfeuer brannte bereits und auf dem Grill lagen Steaks und Würstchen. Dass Tom und ich auch mitgekommen waren, löste natürlich bei den Ahab Leuten Begeisterung aus. Es wurde ein toller Aufenthalt, erst als wir um das Feuer saßen und wir über kommende Rennen sprachen, konnte ich bei Luc diese Angst im Gesicht erkennen. Käpt´n Ahab fragte irgendwann in die Runde:

„Lucien und Stefan, wie ist das für euch? Alle fahren und ihr müsst zuschauen. Habt ihr manchmal Sorge um Mick und Lukas, dass etwas passieren könnte?“

Stefs Antwort ließ bei mir alle Alarmsensoren angehen.

„Nein, die beiden wissen genau, wo ihre Grenzen liegen und halten sich, im Gegensatz zu Marc, an die Absprachen.“

Bei den anderen brach lautes Gelächter aus. Während ich, sowohl bei Stef, als auch insbesondere bei Luc so etwas wie Angst erkennen konnte. Das tat mir weh. Hatte ich etwas übersehen? Was hatte das zu bedeuten?

Der Nachmittag bei den Ahab Leuten wurde ansonsten noch sehr lustig. Es wurden Anekdoten aus den früheren Jahren erzählt und auch Tom und ich hatten so einige Sachen aus unserer Zeit zu erzählen. Das stieß natürlich auf besondere Aufmerksamkeit. Erst um vier Uhr nachmittags mussten wir dann wieder aufbrechen. Die Ahab Truppe versprach, uns die Daumen zu drücken und ich gab mein Wort, mir etwas für sie einfallen zu lassen. Dann machten wir uns wieder auf den Weg zurück. Diesmal sorgte ich dafür, dass Luc bei mir mitfuhr. Ich wollte einen Abstecher machen, um mit ihm in Ruhe reden zu können. Wir fuhren als letzte und irgendwann bog ich links in den Wald ab. Tom hatte ich informiert, damit die anderen sich keine Sorgen machten. Ich stellte den Roller auf einem Waldweg ab und bat Luc abzusteigen. Ich nahm meinen Helm ab und er schaute mich etwas fragend an.

„Komm, lass uns mal ein paar Meter laufen.“

Er folgte mir wortlos.

„Warum sprichst du nicht mit mir, wenn du sauer auf mich bist?“

„Ich bin nicht sauer auf dich.“

„Natürlich bist du sauer, ich sehe es dir an. Schon seit dem Moment, wo ich aus dem Zeittraining zurückkam.“

„Nein, Papa, ich bin nicht sauer. Ich bin enttäuscht und habe Angst.“

Das tat noch mehr weh, als wenn er wütend gewesen wäre. Ich musste etwas Gravierendes übersehen haben. Allerdings konnte ich keinen Grund erkennen.

„Kannst du mir das erklären? Ich verstehe gerade nicht, warum ich dich enttäuscht habe.“

Wieder sah ich in seinem Gesicht diese Traurigkeit. Es tat mir weh. Allerdings schwieg er weiterhin.

„Luc, ich möchte jetzt wissen, was ist los?“

„Papa, du erwartest von uns doch immer, dass wir uns an Absprachen und unser Wort halten, oder nicht?“

„Äh, ja. Das ist das Wichtigste für mich. Ich muss euch vertrauen können. Und das Schöne ist, dass ich das bisher immer gekonnt habe. Es ist toll, solche Kinder und deren Freunde zu haben.“

Jetzt lächelte er sogar ein wenig und ein leises „Danke“ war sogar zu hören.

„Also wo ist jetzt bitte das Problem?“

„Also gut. Aber ich möchte nicht, dass deswegen die Stimmung schlechter wird.“

Ich schloss einen Moment die Augen und spürte, dass ich ungeduldig wurde. Eine große Schwäche. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben und ließ ihm die Zeit. Dann begann er zu erklären.

„Papa, erinnerst du dich an unser Gespräch, bevor wir hierher an den Nürburgring aufgebrochen sind? Wo du gesagt hast, wir wollen nur ankommen und gemeinsam etwas Tolles erleben.“

„Ja, sicher erinnere ich mich daran.“

„Dann frage ich mich, warum du dann diese Absprache nicht eingehalten hast. Du hast bei der ersten Gelegenheit gleich wieder angefangen, schnell zu fahren und bist eine Top Zeit gefahren. Kannst du dir nicht vorstellen, dass Lukas und ich dann große Angst haben. Von Schnellfahren war nicht die Rede gewesen.“

Das musste ich erst einmal verarbeiten.

„Ahja, ich verstehe. Ihr glaubt, ich hätte euch das nur gesagt, um euch zu beruhigen. Ich hatte aber wirklich nicht geplant, so schnell zu fahren. Es war einfach sehr wenig Verkehr und die Gelegenheit war gut. Ich habe auch weiterhin nicht vor, um jeden Preis eine gute Platzierung zu erzielen. Ich möchte mit euch Spaß haben und einen meiner letzten Träume mit euch gemeinsam verwirklichen.“

Es fiel ihm sehr schwer, seine Fassung zu behalten. Ich legte meinen Arm um ihn und versprach:

„Luc, mir ist euer Wohl wichtiger als alles andere. Es tut mir leid, ich habe nicht gedacht, dass es euch so zweifeln lässt. Ich will nicht gewinnen, ich will einfach ins Ziel kommen. Allerdings ist Rennfahren auch mit Geschwindigkeit verbunden. Ich verspreche, auch weiterhin werde ich so gut es geht aufpassen und versuchen, jegliches Risiko zu vermeiden. Aber wenn es eine Möglichkeit gibt, dennoch schnell zu fahren, werde ich das tun.“

Wir gingen noch einige Minuten wortlos durch den Wald, aber ich spürte, ich hatte bei Luc etwas bewegt. Er konnte mich nun verstehen, warum ich so gehandelt hatte und dass ich auch weiterhin zu meinem Wort stand.

Leif: Die Stimmung wurde wieder besser

Nachdem Chrissie und ich die Zeit für uns genutzt hatten und einen Spaziergang gemacht hatten, trafen die anderen von ihrem Ausflug wieder bei uns ein. Es schien ihnen gut getan zu haben, denn die Stimmung war deutlich gelöster. Auch Luc lachte wieder und kam mit Papa gemeinsam zurück. Mick berichtete mir von den Ereignissen, aber erst, als ich nach Luc und Stef gefragt hatte, bat er mich, mit ihm ein paar Schritte an die Seite zu machen.

„Papa hat mit Luc gesprochen. Was genau Lucs Problem war, kann ich nicht sagen, aber es scheint ausgeräumt zu sein. Auch Stef scheint beruhigt zu sein.“

„Weißt du nicht, worum es ging?“

„Nein, nicht genau. Lukas hatte mir nur angedeutet, dass Luc Probleme mit Papas schneller Zeit hatte. Was genau das Problem war, wollte er mir auch nicht sagen. Ich hoffe, es ist aus der Welt, denn Papa soll und muss sich auf das Rennen konzentrieren.“

„Und ihr beide? Ihr etwa nicht? Für euch ist das doch noch wichtiger. Ihr seid doch viel mehr unter Druck als Papa und Tom. Mick, Chrissie und ich haben eben noch darüber gesprochen, wir wünschen uns alle ein tolles Rennen, aber bitte ohne große Zwischenfälle.“

Mick bekam ein Grinsen in sein Gesicht. Ich konnte gerade nicht nachvollziehen, warum er das lustig fand.

„Ganz bestimmt. Ich möchte sonst nicht nach Hause kommen. Mama würde uns vierteilen, wenn einem von uns etwas passiert wäre.“

Dieser Sarkasmus war wieder so typisch für meinen großen Bruder. Im Ernst der Lage hatte er noch Freiräume für Scherze. Das hatte mich früher schon oft auch wütend gemacht. Heute konnte ich nur mit ihm darüber lachen.

Die Zeit war schon so weit fortgeschritten, dass sich Anspannung im gesamten Fahrerlager breit machte. Das Top dreißig Training stand unmittelbar bevor. Tom hatte bereits im Auto Platz genommen und sollte jeden Moment in die Reihe der Fahrzeuge auf der Zielgeraden fahren. Von dort würden die Autos im Abstand von fünfzehn Sekunden auf die Strecke gehen. Plötzlich kam Unruhe in der Boxengasse auf. Gerüchte machten die Runde, dass das Training verschoben werden müsste. Der Grund war mir noch nicht ersichtlich. Da kam Papa zu mir und bestätigte dieses Gerücht.

„Wir können noch nicht fahren, weil am Flugplatz ein Auto die Leitplanken beschädigt hat. Das muss erst repariert werden. Vermutlich dauert es noch eine Viertelstunde, bis wir losfahren können.“

„Weißt du, ob es Verletzte bei dem Unfall gab?“

„Nein, keine Verletzten. Nur ein zerstörter Oldtimer. Schade, wenn die Leute ihre tollen alten Autos nicht beherrschen.“

Ich musste darüber schmunzeln. Ich kannte genug reiche Leute aus dem Internat, die teure Autos fuhren, aber damit überhaupt nicht umgehen konnten. Chrissie bekam Papa sarkastischen Satz natürlich mit und war entsetzt. Sie kannte Papas Art noch nicht so gut.

„Wie kann dein Vater so etwas sagen? Als ob ein Auto wichtiger wäre, als ein Menschenleben.“

Völlig konsterniert schaute ich sie an, Papa war bereits zu Tom ans Auto gegangen.

„Quatsch, das hast du voll falsch verstanden. Er wollte nur damit ausdrücken, dass manche Leute hier nichts auf der Rennstrecke zu suchen haben. Weißt du, Papa würde in einem Rennen sofort anhalten, wenn er erkennen würde, dass der Pilot Hilfe braucht und noch keine Streckenposten da wären. Papa würde für andere Menschen auch sein eigenes Leben riskieren. Das weiß ich ganz sicher.“

Sie schien beeindruckt zu sein, denn sie schaute sehr nachdenklich auf die Strecke zu den dort stehenden Wagen. Leider hatte sie nicht so viel für Motorsport übrig wie wir. Aber ich war schon sehr glücklich, dass sie mir zuliebe mit zu dieser Veranstaltung gekommen war. Luc kam mit Stef zu uns und informierte uns, dass es jetzt doch losgehen würde. Die Motoren waren bereits zu hören und das erste Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Jetzt wurde es spannend. Auch in der Box schauten alle auf die Monitore. Wir standen versammelt an der Boxenmauer und warteten gespannt darauf, dass Tom auch los fuhr.

Einige Minuten später waren alle Autos unterwegs und die ersten Zeiten kamen von der Strecke. Es wurde in umgekehrter Reihenfolge gefahren, also der Schnellste zuletzt. Papa stand ebenfalls bei uns und schaute gebannt auf die Zwischenzeiten. Luc schien von uns die größte Anspannung zu haben, denn er hielt die ganze Zeit Stefs Hand ganz fest. Papa stand hinter den beiden und schirmte sie dadurch ein wenig gegen die Fotografen ab. Außerdem hatte er seine Hände den Jungs auf die Schultern gelegt. Mick und Lukas wirkten recht entspannt. Sie wussten, dass Tom ein absoluter Vollprofi war und die Strecke ebenfalls sehr gut kannte. Tom ließ es richtig fliegen, denn nach der ersten Zwischenzeit waren wir Dritter, allerdings waren die beiden schnellsten aus dem Training noch nicht durch die Lichtschranke gefahren. Ich spürte jetzt doch ein Kribbeln im ganzen Körper. Chrissie schaute unserem Treiben ein wenig fassungslos zu. Sie hatte einfach dafür kein Gespür. Dann geschah doch etwas sehr Erstaunliches. Eines unserer anderen Autos legte eine Zeit auf den Asphalt, die so nicht zu erwarten war. Das hieß zu diesem Zeitpunkt Platz eins. Oh man, wenn dieser Pilot mit dem Ferrari so eine Zeit fahren konnte, dann konnte Tom das auch. Hoffentlich würde nichts passieren.

Wir standen vor dem Monitor und Tom war nach der letzten Zwischenzeit bereits Vierter, er war noch schneller als unsere Teamkollegen. Lediglich die Teams von Olaf Manthey, Schuberth und Abt waren mit einem Auto schneller. Die Spannung stieg noch einmal an, dann schoss Toms Ferrari über die Ziellinie. Platz vier am Ende. Eine Sensation! Alle in unserem Team brachen in Jubel aus. Sogar Luc und Stef freuten sich mit Papa gemeinsam. Luc gab seinem Stef einen innigen Kuss und Papa grinste dabei. Mick kam zu uns und meinte:

„Wow, ich hätte nicht gedacht, dass Luc in der Öffentlichkeit seinen Stef so küssen würde.“

Jetzt musste ich grinsen, denn Mick war auch kein Kind von Traurigkeit, was solche Dinge in der Öffentlichkeit betraf.

„Bist du neidisch, oder wie?“

Wir lachten beide laut auf. Papa holte uns alle zusammen und wir standen wenige Minuten später im Parc Fermé und warteten auf die Rückkehr von Tom. Überall waren Fotografen und Fernsehkameras. Hier war mittlerweile ein Medienspektakel, das den 24 h von Le Mans alle Ehre machte.

Luc: Gemeinsames Abendessen

Das einzige, was mich störte, waren diese vielen Fotografen und Fernsehteams. Ich bekam das Gefühl, keine Sekunde unbeobachtet zu sein. Allerdings wunderte ich mich über Stef. Er schien nicht das geringste Problem damit zu haben. Mir war es manchmal ein wenig unangenehm, wenn er mir einen Kuss gab, obwohl wir mitten in einer Traube Menschen waren. Oder dass er in spannenden Situationen meine Hand nahm. Es war natürlich schön, aber so ganz wohl war mir nicht.

Das Team hatte eine herausragende Trainingsleistung gezeigt und entsprechend euphorisch war die Stimmung. Die Mechaniker freuten sich und klatschten sich ab. Die Ingenieure baten die Piloten noch zur Besprechung für die Strategie und dann war für heute endlich Schluss an der Rennstrecke. Da zeigte die Uhr aber auch schon halb zehn. Papa kam endlich zu uns und er hatte Tom auch gleich mitgebracht.

„Jungs, was haltet ihr von einem üppigen Abendessen? Ich lade euch zur Feier des Tages ein. Ich habe auch schon einen Tisch bestellt. Also was meint ihr?“

Typisch für Leif, der immer alles genau wissen musste:

„Wie hast du das denn gemacht? Einen Tisch bestellen, während des Trainings?“

„Ja, habe ich gemacht. Auch du musst nicht immer alles wissen.“

Dabei grinste er uns frech an und ich wusste, Papa hatte wieder irgendeine Sache geplant. Aber ich hatte großen Hunger und insofern war mir diese Planung sehr recht.

Das Problem war nur, wie sollten wir alle gemeinsam dorthin gelangen? Wir hatten ja kein eigenes Auto dabei und bei den vielen Menschen wäre es auch nicht sonderlich klug, mit dem Auto zu fahren. Papa hingegen hatte schon wieder so einen komischen Gesichtsausdruck. Er führte unsere Gruppe durch die sich leerende Boxengasse. Heute würde kein Auto mehr auf der Nordschleife fahren. Wir waren insgesamt elf Personen. Dafür brauchten wir fast einen Bus. Aber typisch Papa, er steuerte direkt die Frikadelli Box an und dort wartete eine breit grinsende Sabine Schmitz auf uns.

„Na, Jungs, seid ihr endlich auch fertig und wir können los?“

Selbst Tom hatte nun ein Fragezeichen auf seinem Gesicht. Papa hingegen ging auf sie zu, umarmte sie herzlich und meinte nur:

„Du kennst das ja schon, aber ich bin froh, jetzt wieder Mensch sein zu können. Hast du alles vorbereitet?“

„Klaro, die Autos stehen bereit, und ich habe die Rennleitung informiert. Wir haben grünes Licht bekommen und können los.“

Anschließend bewegten wir uns zu drei sogenannten „Ringtaxis“. Das waren BMW M5 Fahrzeuge, die von ihr sonst für Fahrten auf der Nordschleife benutzt wurden. Damit konnten Besucher eine Runde unter Rennbedingungen erleben. Sie war an der Nordschleife aufgewachsen und kannte hier jeden Grashalm und natürlich alle wichtigen Leute. Sabine stieg in den ersten BMW ein und Papa gab Mick zu verstehen, dass er den zweiten Wagen fahren sollte und Lukas dann den dritten. Wir verteilten uns auf die Autos und Sabine fuhr mit Papa im Ersten voraus. Sie fuhren doch tatsächlich auf die Nordschleife. Einfach so und ich staunte nur noch. Wo wollten die hin? Nach etwa zehn Minuten fuhr Sabine am Tiergarten durch eine Serviceöffnung von der Strecke in den Wald. Sie schien sich hier wirklich extrem gut auszukennen, denn wenige Augenblicke später waren wir in einem kleinen Örtchen, direkt an der Strecke und wir standen vor einem toll hergerichteten Haus auf dem stand:

„Restaurant Pistenklause“

Wir waren alle bereits ausgestiegen und Sabine redete mit Papa. Es war zu weit weg, um alles zu verstehen, aber Papa hatte sichtlich gute Laune. Das war allerdings auch nicht schwer, denn Sabine hatte immer ein Lächeln im Gesicht. Mick klärte uns mittlerweile auf, dass wir am Hotel und Restaurant von Sabines Eltern sind und es ein legendäres Restaurant sei. Also gingen wir hinter den anderen hinein und ich wurde fast erschlagen. Überall an der Wand hingen Bilder von berühmten Piloten und Fahrzeugen. Sabine begrüßte ihre Eltern und wurde ebenfalls von einer Vielzahl von Gästen begrüßt. Sie war wohl so etwas wie eine Ringlegende. Das hatte den Vorteil, dass Papa und Tom nicht gleich erkannt wurden. Somit wurden wir an einen großen Tisch in einem Nebenraum geführt, der bereits für uns eingedeckt war. Diese Atmosphäre dort war beeindruckend. Sabine brachte uns noch die Karten und fragte nach den Getränkewünschen und dann begann ein wunderbarer Abend, den ich nicht so schnell vergessen werde.

Das Essen war wirklich ein Gedicht und immer wieder kam Sabine vorbei und nutzte die Gelegenheit, uns eine Anekdote zu erzählen. Stef saß neben mir und wir kuschelten häufiger mal, genau wie Leif mit seiner Chrissie. Auch Mick und Lukas schienen sich sehr wohl zu fühlen. Lediglich Mario und Manuel waren recht ruhig. Mario wunderte sich anscheinend über die lockere Atmosphäre und irgendwann meinte Tom dann plötzlich:

„Leute, ich habe auch eine kleine Überraschung für euch. Besonders für Mick, Lukas und Leif. Morgen wird auch Mika mit meiner Frau hier sein. Ich hoffe, ihr werdet euch ein wenig um ihn kümmern, wenn wir im Rennen sind.“

Mick und Lukas und insbesondere Leif freuten sich sehr. Sie kannten Mika schon länger und hatten mir von ihm schon häufiger erzählt. Damit war unsere Familie eigentlich komplett, aber da wurde mir dann doch klar, dass mir meine Mutter fehlte. Ich wurde richtig ein wenig traurig. Stef bemerkte dies sofort.

„Was ist los, Schatz? Freust du dich nicht auf Mika?“

„Doch, obwohl ich ihn ja noch nicht richtig kenne, aber mir wird gerade bewusst, dass mir Mama fehlt. Jetzt würde ich sie doch gerne bei uns haben.“

Stef legte mir seinen Arm um mich und flüsterte mir liebevoll ins Ohr:

„Ja, ich versteh dich und ich finde es auch sehr schade, dass sie weiterhin nicht mit uns mitkommen will. Aber wir müssen das akzeptieren. Deshalb machen wir uns dennoch ein tolles Wochenende.“

„Was flüstert ihr beiden denn da?“, kam es von Papa laut über den Tisch.

Alle Augen waren auf uns gerichtet. Leif nutzte das, um einen für ihn typischen Spruch zu bringen:

„Vermutlich hat Stef unserem Luc gerade einen Heiratsantrag gemacht.“

Das führte zu lautem Gelächter aller am Tisch, ich wurde vermutlich so rot wie eine Tomate, während Stef richtig böse wurde. Sein Blick schien Leif auffressen zu wollen. Mick registrierte Stefs Reaktion und schoss sofort zurück:

„Leif, hat dir schon mal jemand gesagt, dass es besser ist, erst sein Gehirn einzuschalten, bevor man den Mund öffnet?“

Jetzt war Leif dem Spott der anderen ausgesetzt und die Sache war erledigt. Ich schaute Mick sehr dankbar an und er blinzelte mir zu. Allerdings wollte Papa jetzt wissen, was wir nun wirklich zu flüstern hatten. Ich erklärte allen meine Gedanken und es trat für einen Moment Ruhe am Tisch ein. Auch Papa wurde nachdenklich, aber einen kleinen Moment nur. Denn er machte eine sehr vielsagende Aussage:

„Luc, ich verstehe dich sehr gut. Mir geht es da genauso, aber es macht keinen Sinn, ihr etwas aufzuzwingen. Sie kann es noch nicht und ich bin ja schon froh, dass sie dir mittlerweile erlaubt, mit uns mitzukommen. Wer weiß, vielleicht ist sie beim nächsten Rennen mal dabei.“

Der Abend ging dann irgendwann leider zu Ende und wir fuhren zurück in unser Hotel an der Grand Prix Strecke. Diesmal mussten wir eine ganze Runde Nordschleife nehmen, denn auch jetzt durften wir natürlich nicht entgegen der Fahrtrichtung fahren. Das hatte aber den Effekt, dass wir überall die Lagerfeuer der Fans erkennen konnten. Es war beeindruckend, wie viele Leute im Wald und an der Strecke ihre Zelte aufgebaut hatten. Um kurz nach Mitternacht lagen wir in unserem Bett und Stef und ich redeten noch einen Moment eng aneinander gekuschelt über den erlebten Tag. Irgendwann gab er mir einen langen Kuss und wir schliefen müde ein.

Der nächste Morgen begann früh. Um neun war bereits für die Top dreißig ein Pressetermin angesetzt. Außerdem gab es noch zwei Rennen vor dem Start des 24 Stunden Rennens. Wir hatten uns für halb acht zum Frühstück verabredet. Das war mir entschieden zu früh, immerhin war es Samstag und ich wollte ausschlafen, aber es half nichts. Müde stieg ich aus dem Bett. Nein, ich wollte zwar aus dem Bett, aber Stef hielt mich einfach fest und zog mich wieder ins Bett zurück. Er hatte scheinbar den gleichen Gedanken und somit wurde der Tag zwar etwas später begonnen, aber dafür umso schöner.

Wir waren durch diese kleine Verzögerung allerdings die Letzten, die sich am Tisch einfanden. Die Stimmung war schon erstaunlich gut, es war immerhin erst Viertel vor acht. Wir nahmen Platz und bekamen so nur noch am Rande mit, dass es wohl in dem Rennen für historische Fahrzeuge einen Zwischenfall in der Box gab. Es wurden alle Teams darauf hingewiesen, dass beim Tanken nur jeweils zwei Mechaniker am Auto arbeiten dürfen. Außerdem bekamen wir die Information von Papa, dass es noch einen überraschenden Besuch geben würde. Karl Geiger hatte sich angekündigt. Es fuhren ja auch drei Callaway Corvettes mit und da bot es sich für ihn an, beim Rennen vorbeizuschauen. Einerseits fand ich das toll, dass er sich die Zeit dafür nahm, aber andererseits war es mir doch ein wenig unangenehm, ihn jetzt als Konkurrenten zu haben. Aber Papa sah das sehr entspannt. Er schien sich zu freuen. Also wartete ich mal ab. Ich redete gerade mit Chrissie ein paar Sätze und Stef schien noch zu schlafen. Er hatte noch nicht viele Worte gesprochen, als ein Herr in einer Porsche-Jacke zu uns an den Tisch kam. Er sprach Papa direkt an und ich konnte nicht verstehen, um was es ging. Allerdings schien Papa diese Person zu kennen, denn nach einem kurzen Gespräch, verabschiedete sich der Mann wieder und Papa schmunzelte.

Das Frühstück war sehr gut und entsprechend gut gelaunt machten wir uns auf den Weg an die Strecke. Das Pressezentrum war im großen Gebäude an der Grand Prix Strecke. Dort wurden Papa, Mick, Lukas und Tom erwartet. Ich beschloss mit den anderen durch das Fahrerlager zu schlendern. Es herrschte schon reger Betrieb. Der Porsche Carrera Cup sollte noch einen Lauf zur Meisterschaft ausfahren. Entsprechend standen die ganzen Porsches jetzt in der Boxengasse des Grand Prix Kurs. Es war noch enger als sonst. Ich ging mit Stef durch die Menschenmassen, damit wir uns nicht verlieren konnten, hatte er meine Hand genommen. Plötzlich stand ich vor einem Porsche in Werkslackierung. Auf dem Dachholm las ich einen Namen, der mir einen Schreck einjagte. Dort stand: „Marc Steevens“ und die Blutgruppe von Papa. Was hatte das denn zu bedeuten? Stef schaute mich genauso fragend an.

Dann wurde ich von hinten angetippt, und als ich mich umdrehte, stand Walter Röhrl vor mir. In Porsche Werkskleidung.

„Hallo Luc, so sehen wir uns wieder. Schön, dass du auch mitgekommen bist. Wie geht es euch? Ich habe schon gesehen, ihr seid richtig gut.“

„Ja, Herr Röhrl. Papa und meine Brüder haben eine gute Zeit gefahren und bislang läuft alles sehr gut, aber das Rennen ist sehr lang. Was machen Sie eigentlich hier? Sie fahren doch nicht etwa auch selbst?“

Er musste lachen.

„Nein, keine Sorge. Ich bin hier wegen des Carrera Cups. Außerdem sind ja einige Porsche am Start des 24 Stunden Rennens, da bin ich als Repräsentant des Werkes dabei.“

Stef wurde ein wenig nervös, wir wurden bereits von einigen Fotografen umlagert und immer wieder klickten die Kameras. Plötzlich kam noch mehr Unruhe in die ganze Menge. Herr Röhrl bat uns ein paar Schritte an die Seite zu gehen, als ich plötzlich Papa in seinem Rennanzug erkannte. Das war also der Grund, warum so eine Menge an Fotografen hier warteten. Stef reagierte sehr überrascht.

„Marc, was machst du denn hier? Du willst doch nicht etwas selbst fahren?“

Papa grinste uns an und ich wusste genau, er würde fahren.

„Hi, ihr beiden. Doch, ich werde den Porsche für den Gastfahrer pilotieren. Ich bin heute Morgen gefragt worden, ob ich einspringen könnte, weil der geplante Gastpilot krank geworden ist. Da habe ich zugesagt.“

Jetzt wurde den ganzen Presseleuten klar, dass Stef und ich zu Papa gehörten. Entsprechend wurden wir auch befragt und mir wurde das Ganze zu viel. Papa spürte das und kam zu mir.

„Geht am besten zurück in unsere Box. Dort habt ihr mehr Ruhe. Und keine Angst, ich pass schon auf, aber ich kann so noch ein paar Runden auf der Nordschleife fahren.“

Dabei zwinkerte er mir zu. Ich schnappte mir Stef und verabschiedete mich von Herrn Röhrl. Wenige Minuten später standen wir wieder in unserer Box und Mick und Lukas empfingen uns mit einem breiten Lachen.

„Na, habt ihr es also auch schon mitbekommen. Papa kann wieder nicht genug bekommen.“

Lukas fand das scheinbar nicht so witzig wie Mick, denn er saß ziemlich ernst etwas abseits. Stef setzte sich zu ihm und sie unterhielten sich sehr ernsthaft. Ich wollte die beiden nicht stören und blieb bei Mick.

„Ich finde es auch nicht so toll, dass er da jetzt auch wieder mitfährt, aber nun gut. Wir werden es wohl nicht verhindern können. Also machen wir das Beste daraus und hoffen, er macht ein gutes Rennen.“

Mick schaute mich anerkennend an:

„Wow, Luc. Diese Haltung hätte ich dir noch nicht zugetraut. Ich glaube, Papa wäre stolz auf dich. Die beiden da drüben“, er zeigte auf Lukas und Stef, „haben damit noch mehr Probleme.“

Es wurde urplötzlich laut in der Box. Die Motoren der Porsche wurden angelassen und fuhren auf die Strecke in die Startaufstellung. Bis zum Start dauerte es aber noch etwas und ich beschloss, mal nach Karl zu schauen. Vielleicht würde ich ihn ja bei einem der Corvettes finden. Ich meldete mich bei Mick ab und machte mich auf den Weg.

Stef: Karl ist wie immer gut drauf

Luc und ich schoben uns durch die Massen in Richtung der Corvette Box. Dort, vermutete Luc, würde Karl am ehesten zu finden sein. Wir standen vor der Box und spähten hinein. Allerdings konnten wir Karl nirgends entdecken. Plötzlich wurde Luc von jemandem angesprochen und dann zog mich Luc einfach mit. Wir gingen nach hinten in das Fahrerlager. Unsere Begleitung zeigte uns den Weg.

„Schatz, wer war das eben?“

Luc schaute mich grinsend an.

„Das war einer der Mechaniker aus der Firma. Er hatte mich erkannt und meinte, dass Karl im Teambus ist. Dort gehen wir nun hin. Also komm.“

Er zog mich einfach hinter sich her. Ich konnte spüren, dass er sehr aufgeregt war. Warum, wusste ich allerdings nicht. Als wir vor dem Bus standen, staunten wir beide nicht schlecht. Es war ein Show Bus, der typisch amerikanisch gehalten war. Überall Chrom und Lampen, auffällige Lackierung und eine Lounge oben auf dem Dach. In dem Moment kam uns ein wichtig aussehender Mann aus dem Bus entgegen. Er schaute uns fragend an und Luc sprach ihn in perfektem Englisch an. Luc fragte ihn, ob Karl Geiger bei ihnen wäre und der Mann gab uns zur Antwort, dass Karl im Bus, aber dort gerade in einer Besprechung sei. Wir sollten etwas warten oder später wiederkommen. Wir entschieden uns zu warten. Ich setzte mich auf einen Reifenstapel, der sehr dekorativ dort aufgestellt war. Allgemein hatten die Amis sich hier wieder sehr typisch präsentiert. Auffallen um jeden Preis. Luc schaute sich ein wenig um und mir fielen zwei Typen auf, die uns die ganze Zeit beobachteten. Mit einem furchtbaren amerikanischen Akzent sprach einer der beiden Luc auf Deutsch an. Ich konnte jedoch nicht genau verstehen, worüber sie redeten. Als der Mann sich lachend abwendete, kam Luc grinsend zu mir.

„Komm, wir dürfen jetzt da rein gehen.“

„Was, woher weißt du das? Wir sind doch fremde Personen, wenn die dort mit dem Management etwas besprechen, gibt das bestimmt Ärger.“

Anstatt mir weiter zuzuhören, nahm er meine Hand und zog mich einfach hinein. Eine schmale Treppe führte nach oben und ich konnte Karls Stimme schon hören. Es war eindeutig, hier fand keine Besprechung statt. Hier war eine lockere Atmosphäre und Karl saß mit dem Rücken zu uns mit einem Weizenbier in der Hand und unterhielt sich mit einem Mann. Ich vermutete einen Vertreter von GM. Plötzlich sprach Luc Karl von hinten an und Karl zuckte zusammen, drehte sein Kopf zu uns und begann zu lachen.

„Boah, Luc. Wie kannst du deinen Chef so erschrecken. Ich muss am Montag mal mit dir ein ernsthaftes Gespräch führen. Du bist dann dafür verantwortlich, wenn ich mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus liege.“

Ich wäre jetzt vermutlich eingeschüchtert drei Schritte zurückgegangen und hätte mich entschuldigt. Luc hingegen konterte redegewandt und selbst der wichtig aussehende GM Mann fing laut an zu lachen. Karl bot uns an, dass wir uns zu ihnen setzen sollten. Karl stellte uns vor und jetzt erfuhren wir, dass der Mann im Anzug der Generalmanager von GM Deutschland war. Also einer der wichtigsten Männer von GM in Deutschland. Luc schien das nicht im Geringsten zu beeindrucken, denn er unterhielt sich mit beiden vollkommen locker und das Thema war natürlich das Rennen und wer welche Chancen hatte. Nach etwa zehn Minuten drehte sich Karl zu mir:

„Stef, wir beide lassen unsere beiden Spezis mal weiter diskutieren. Ich habe ein wenig Hunger, kommst du mit etwas essen. Es gibt hier ganz hervorragende Hamburger und Hot Dogs.“

Ich folgte Karl ziemlich sprachlos in den Catering Bereich, der hier so aussah, dass drei riesige amerikanische Barbecue Grill nebeneinander standen, auf denen ausreichend Fleisch lag. Salate und andere Beilagen gab es ein paar Meter daneben.

„Und wie geht es euch hier? Was macht Marc mit seinem Team? Seid ihr zufrieden?“

Ich erzählte ihm von dem überraschenden Ergebnis und er musste damit feststellen, dass Marc noch vor zwei der drei Corvettes lag. Wir standen vor dem Grill und plötzlich hörten wir, dass das Rennen des Porsche Cups mit der roten Flagge unterbrochen worden ist. Das hieß in der Regel nichts Gutes. Karl wusste ja noch nicht, dass Marc auch mitfuhr. Erst als ich ihm erklärte, dass Marc für einen anderen Piloten eingesprungen war, sagte er:

„Komm mit, wir schauen mal, was dort los ist. Wir haben im Bus einen Monitor, wo alle Informationen der Rennleitung ankommen.“

Zwei Minuten später standen wir vor dem Monitor und das was ich dort las, ließ mich unruhig werden.

„Feuer im Bereich Flugplatz. Zwei Fahrzeuge verunfallt.“

Das war eine sehr seltene Sache heutzutage. Feuer im Rennsport nach einem Unfall war so gut wie ausgestorben. Ich wurde nervös. Dort standen auch die beiden Startnummern, die beteiligt waren. Ich konnte sie leider nicht zuordnen. Ich hatte mir nicht gemerkt, mit welcher Startnummer Marc unterwegs war.

Marc: Eine unvorhersehbare Aktion

Die Einführungsrunde wurde auf die Grand Prix Strecke beschränkt und ich nahm meine Startposition ein. Die Cup Porsche hatten keinerlei elektronische Hilfsmittel, weder ein ABS noch eine Launch-Control. Das hieß, der Fahrer war gefordert. Das kam mir natürlich ein wenig zugute, weil ich viel Erfahrung damit hatte. Die meisten Piloten waren deutlich jünger als ich. Einige waren noch nicht einmal zwanzig. Es war ein recht großes Starterfeld und ich stand auf Position neun. Als Gastfahrer bekam ich natürlich keine Meisterschaftspunkte und hatte mir entsprechend vorgenommen, mich aus allen Zweikämpfen möglichst herauszuhalten.

Die Ampel leuchtete rot auf und ich hielt die Drehzahl auf der passenden Höhe. Als die Lichter ausgingen und ich die Kupplung losließ schoss der Porsche nach vorne und ich konnte bereits beim Start drei Plätze gut machen. Entsprechend eng wurde es an der ersten Kurve. Überall gab es leichte Berührungen, allerdings keine Unfälle. Alle kamen gut in das Rennen hinein. Ich blieb bis zum Abbiegen auf die Nordschleife in sechster Position. Auf dem ganz schnellen Abschnitt ab Hocheichen bis zum Schwedenkreuz war Windschattenfahren angesagt. Vor dem Schwedenkreuz wollte ich ausscheren und setzte dann zum Überholen an. Ich konnte ohne Probleme an meinem Vordermann vorbeifahren. Allerdings drehte der Motor dabei kurz in den Begrenzer. Der Windschatten machte das möglich.

Die erste Runde verlief im vorderen Drittel ohne größere Zwischenfälle. Lediglich im hinteren Feld gab es einige Kollisionen, wie mir per Funk berichtet wurde. Die zweite der vier Runden begann ebenfalls ohne große Zweikämpfe. Die Strecke war sehr schmal und um zu überholen, musste der Vordermann, entweder einen Fehler machen oder ich musste mich im Windschatten ansaugen. Genau dieses hatte ich auch im Bereich Flugplatz vor. Das Auto war exzellent vorbereitet und lief hervorragend. Ich scherte auf der rechten Seite aus und setzte mich neben meinen Vordermann. Allerdings hatte der womöglich nicht an dieser Stelle mit meinem Versuch gerechnet, denn er zog nach rechts und berührte mein linkes Vorderrad mit seinem rechten Hinterrad. Diese Berührung bei Tempo 260 war mit verheerenden Folgen verbunden. Sein Wagen drehte sich direkt vor mir von der Strecke und knallte mit voller Wucht in die Leitplanken, schleuderte wieder auf die Strecke und mir direkt vor das Auto. Ich hatte keine Chance einen Aufprall zu vermeiden. Allerdings hatte ich bereits deutlich Geschwindigkeit abgebaut. Beide Fahrzeuge prallten erneut in die Leitplanken und ich blieb etwa 150 m vor dem Schwedenkreuz am Rande der Strecke stehen. Die Streckenposten schwenkten sofort gelbe Flaggen und ich sortierte mich erst einmal, bevor ich die Gurte löste und die Tür öffnete. Mittlerweile war bereits ein Streckenposten an meiner Tür und erkundigte sich nach meinem Befinden. Ich gab mit einem Zeichen zu verstehen, dass mir nichts passiert sei. Als ich ausstieg, schaute ich zu dem anderen Wagen. Er war vollkommen zerstört und der Pilot saß noch im Fahrzeug. Ohne Vorwarnung gab es einen Knall und der Wagen stand lichterloh in Flammen. Die Streckenposten versuchten mit ihren Feuerlöschern den noch im Fahrzeug sitzenden Piloten zu schützen. Sie mussten sich aber ohne Schutzkleidung vom Fahrzeug zurückziehen. Die Hitze war zu groß.

Hier an der Nordschleife würde es Minuten dauern, bis die Rettungskräfte vor Ort waren. Ich schaute mich um und nahm zwei Feuerlöscher in die Hand. Ich hatte ja meinen feuerfesten Overall an und meinen Helm auf. Ich lief also quer über die Piste und hielt mit den Feuerlöschern auf das Feuer. Eine große Qualmwolke erschwerte die Sicht und nahm mir die Atemluft. Dennoch konnte ich zum bewusstlosen Piloten vordringen und ihn aus dem Fahrzeug ziehen. Er war nicht eingeklemmt und somit konnte ich das gut bewältigen. Als ich einige Meter vom Fahrzeug entfernt war, legte ich den Fahrer vorsichtig im Grünstreifen ab. Er atmete noch, war aber bewusstlos. Die Rennleitung hatte mittlerweile das Rennen mit der roten Flagge abgebrochen. Das Medical Car war auch schon mit dem Rennarzt eingetroffen. Ich konnte mich also aus dem Geschehen an der Unfallstelle zurückziehen. Die Feuerwehr löschte wenige Minuten später den mittlerweile komplett ausgebrannten Porsche. Ich war erst jetzt in der Lage, mir einen Überblick über die Situation zu machen. Dafür setzte ich mich einen Moment vor die Leitplanke auf den Rasen, nahm meinen Helm ab und zog mir die Handschuhe aus. Die frische Luft tat gut. Ein Streckenposten blieb bei mir und wir unterhielten uns kurz über meine Befindlichkeit. Über sein Funkgerät gab er der Rennleitung die Information, dass es mir gut ginge und ich erfuhr, dass der andere Pilot auch wieder bei Bewusstsein war und ins Streckenhospital gebracht wurde. Dort wurden weitere Untersuchungen durchgeführt.

Mein Porsche war natürlich nicht mehr fahrbereit, also war nun die Frage, wie komme ich wieder zurück in die Boxen. Hier konnte ich nichts mehr tun. Ich fragte einen der Streckenposten. Der schaute mich an und hatte erst dann realisiert, wer hier gerade vor ihm stand. Entsprechend nervös war er, als er mir erklärte, wie ich am besten zurückkommen würde. Er war noch sehr jung und hatte vermutlich noch nicht so viel Erfahrung. Da kam ein älterer Streckenposten hinzu und der erklärte dann:

„Herr Steevens, Sie können im Medical Car mit zurückfahren. Der Doktor ist ja im Rettungswagen mitgefahren.“

Das war natürlich ein guter Hinweis. Ich begab mich also zu diesem Fahrzeug und war so in wenigen Minuten wieder bei Start und Ziel. Was mich dort allerdings erwartete, war viel heftiger, als mein eigentlicher Unfall. Als ich nämlich wieder in unserer Box eintraf, erwartete mich eine Gruppe sehr böse dreinschauender Menschen auf mich. In vorderster Reihe standen natürlich meine Kinder. Insbesondere Lukas war sehr wütend, denn als ich meine Sachen ablegen wollte, stürmte er auf mich zu.

Luc: Ein Unfall mit Feuer

Karl und ich standen gebannt vor dem Monitor und die Kameras zeigten einen lichterloh brennenden Porsche, der zertrümmert am Rand der Strecke stand. Der andere Wagen war ebenfalls schwer beschädigt und stand auf der anderen Seite. Dann tauchten die ersten Informationen auf. Ich wurde sehr unruhig. Noch schlimmer wurde es, als Karl mich einfach wortlos von den Bildern wegführte. Ich ahnte, dass Papa beteiligt sein würde. Lukas und Mick kamen uns bereits entgegen und Lukas sah furchtbar aus. Mick hielt ihn schützend im Arm und dann kam Nicholas, unser Teamchef, um die Ecke. Er schirmte uns sofort ab und Karl begleitete uns in einen Bereich, wo keine Presse Zugang hatte. Nicholas versuchte uns zu beruhigen, aber Lukas war außer sich. Er hörte überhaupt nicht mehr zu. Plötzlich hörte ich Leifs Stimme, der Lukas anschrie, er solle endlich aufhören, sich aufzuregen.

Stille.

Alle Augen waren auf meinen Bruder gerichtet. So hatten wir ihn noch nie erlebt. Es herrschte immer noch Stille, als Leif erneut etwas sagte:

„Leute, beruhigt euch. Ich habe Papa gesehen, wie er den anderen Fahrer aus dem Auto geholt hat. Es geht ihm gut.“

Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Ich atmete tief aus und auch Mick schloss für einen Moment die Augen, als Tom hinzukam und uns die Aussage von Leif bestätigte. Lukas sackte erst einen Moment lang in sich zusammen, aber dann beruhigte er sich. Ich war mir allerdings jetzt nicht mehr sicher, ob Lukas einfach so zur Tagesordnung übergehen konnte. Das würde sich noch zeigen.

Es dauerte noch etliche Minuten, bis wir die offizielle Bestätigung hatten. Papa war unverletzt und auf dem Weg zu uns in die Box. Mick stand mit Lukas ein wenig abseits von uns, während Leif mit Chrissie bei Stef und mir saß. Karl verabschiedete sich wieder von uns. Er hatte in seinem Team noch einiges zu tun.

„Was denkst du, wird Lukas das Rennen fahren?“, fragte ich Leif.

Leif schaute mich irritiert an.

„Warum sollte er nicht? Es ist doch nichts passiert. Er muss endlich aufhören, alles mit dem Unfall seiner Eltern in Verbindung zu bringen. Er muss mittlerweile wissen, dass Papa ein Sicherheitsfanatiker ist. Niemand würde mehr für die Sicherheit tun. Niemand würde weniger Risiko im Rennen gehen, als Papa. Er muss Papa einfach vertrauen.“

Ich schaute zu meinen großen Brüdern und hatte so meine Zweifel. Lukas machte nicht den Eindruck, als wäre alles in Ordnung. Sie schienen eine intensive Diskussion zu führen.

In diese Diskussion hinein kam Papa mit dem Medical Car vor unsere Box gefahren. Eine Traube von Presseleuten umringte das Fahrzeug. Papa stieg mit seinem Helm in der Hand aus und gab nur sehr kurz ein Statement ab, wühlte sich durch die Menschen und stand endlich wieder bei uns in der Box. Bevor ich auch nur einen Satz sagen konnte, stürmte Lukas auf ihn zu.

„Kannst du nicht einmal bei einem Rennen zurückziehen? Immer musst du alles riskieren. Du erwartest von uns, dass wir Absprachen einhalten, aber du, du scherst dich einen Dreck um die Absprachen, die wir getroffen haben. Ich habe keine Lust, mich immer wieder aufregen zu müssen, weil du deiner Sucht nach Geschwindigkeit und Erfolg nachgeben musst.“

Au weh, dachte ich nur. Das war heftig. Beide standen sich, keine zwanzig Zentimeter auseinander, gegenüber. Selbst Mick schien die Luft anzuhalten, denn so etwas hatte noch keiner von uns gewagt zu sagen, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Papa blieb äußerlich sehr ruhig, aber ich konnte sehen, wie sich seine Augen veränderten. Das würde noch interessant werden. Ich nahm Blickkontakt mit Mick auf, der weiterhin etwa zwei Meter entfernt stand. Er machte auch keine Anstalten, sich einzumischen.

Was dann passierte, hatte allerdings niemand erwartet. Nicholas Todt kam und nahm beide Streithähne wortlos mit und schob sie aus der Box. Mick wollte ihnen folgen, ich war der Meinung, dass das eine Sache zwischen den beiden war und hielt ihn zurück. Ich vertraute auf Papas Verantwortung und Gerechtigkeit. Allerdings war ich mir momentan nicht mehr sicher, ob Lukas noch bereit sein würde, das Rennen zu fahren. Andererseits war es auch wenig sinnvoll, ihn in diesem Zustand fahren zu lassen. Plötzlich kam unser Pressesprecher zu uns, nahm mich zur Seite und teilte mir mit:

„Lucien, kommst du bitte mit. Ich denke es ist besser, wenn du vermittelst zwischen den beiden. Dein Bruder hat darum gebeten.“

Nanu? Ich sollte vermitteln? Ok, also ging ich hinter ihm her und kam in einen kleinen Raum, wo Nicholas mit Papa und Lukas saß. Als Nicholas mich sah, stand er auf und verließ wortlos den Raum.

„Setz dich, bitte“, sagte Papa leise und deutete auf einen Stuhl.

Lukas schien immer noch sehr erregt zu sein und Papa erlebte ich das erste Mal nicht mehr so selbstbewusst, wie er sonst immer war. Er war betroffen, vielleicht sogar getroffen von dieser Attacke.

„Können wir vernünftig reden?“, fragte ich in die Runde. Papa schaute Lukas an, der wortlos nickte.

„Ich denke, Lukas hat bereits klar gesagt, was er von dieser Porsche Aktion gehalten hat. Ich ehrlich gesagt, verstehe es auch nicht so wirklich, warum du unbedingt dieses Rennen fahren musstest. Vielleicht erklärst du uns das, Papa?“

Papa nickte leicht und schien auch bewegt zu sein. Ich glaube, er hatte nicht damit gerechnet, dass es Lukas so aufwühlen würde.

„Also, zuerst einmal, ich bin dir, Lukas, nicht böse, dass du mich so angegriffen hast. Die Situation fand ich zwar nicht sehr gut, aber ich verstehe euren Ärger. Allerdings ist nichts passiert. Ich habe dem anderen Fahrer aus seinem Auto geholt und das war es. Warum es überhaupt zu dem Feuer kommen konnte, muss noch geklärt werden. Eigentlich kann es kein solches Feuer mehr geben. Für mich ist das Rennfahren sicherer, als im Straßenverkehr teilzunehmen. Gut, wir fahren hohe Geschwindigkeiten, aber mit sehr sicheren Sportgeräten. Ich frage deshalb jetzt sehr ernsthaft. Wollt ihr noch dieses Rennen mit mir gemeinsam fahren, oder sollen wir das absagen?“

Ich hatte es geahnt. Papa war sich absolut im Klaren darüber, dass er Lukas in diesem Zustand niemals am Rennen teilnehmen ließ. Das wollte ich aber verhindern. Das Rennen war Papas Traum. Er hatte alles dafür vorbereitet und durch diese unglückliche Aktion alles in Frage gestellt. Lukas konnte seine Ängste in diesem Moment nicht kontrollieren und das musste geklärt werden.

Lukas schien sich in diesem Moment bewusst zu werden, dass Papa keine Sekunde zögern würde, das Rennen abzusagen.

„Warum musst du immer diese Sondereinlagen machen? Hättest du nicht „Nein“ sagen können zu diesem Cup Lauf? Außerdem war besprochen, dass wir nicht um den Sieg fahren, sondern Spaß haben wollten. Für mich war dieser Unfall kein Spaß. Das will ich nicht.“

Papa schien sich zu entspannen, denn dieser Satz war die erste vernünftige Aussage von Lukas, seitdem der Unfall passiert war.

„Lukas, ich weiß sehr gut, wie du dich gefühlt haben musst. Aber ich bin mein Leben lang auf der Rennstrecke unterwegs und ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass ich mit zu viel Risiko unterwegs war. Jetzt würde ich sagen, es war ein überflüssiges Manöver. Ich hätte ihn fahren lassen sollen. Es tut mir leid. An dieser Stelle habe ich einen Fehler gemacht. Ich werde mich bemühen, mich in Zukunft da noch mehr zurückzunehmen.“

Nach diesem Satz herrschte Stille. So eine Aussage bezüglich eines Rennens hatte ich von Papa noch nie gehört. Lukas schien zu überlegen. Nach einem Moment des Schweigens begann er darauf zu antworten.

„Papa, wenn du das wirklich ernst meinst, dann habe ich endlich erreicht, was ich möchte. Das Gefühl nämlich, ernst genommen zu werden, wenn es um deine Liebe des Rennfahrens geht. Ich möchte sicher sein, dass du kein unnötiges Risiko mehr eingehst. Du bist kein Rennfahrer mehr, du bist nur noch Familienvater, und zwar unser Papa. Ich möchte, dass das noch lange so bleibt.“

„Ich auch, glaub mir. Aber es ist nicht immer leicht für mich, diesen Rennbazillus zu unterdrücken. Ich bin mir absolut bewusst, dass ich da immer bei euch Angst auslösen werde. Ich bitte dich deshalb, mir aber auch so weit zu vertrauen, dass ich kein zu großes Risiko eingehen werde. Meinst du, ich hätte sonst zugestimmt, dass ihr hier an den Start gehen könnt. Selbst Sabine hat verstanden, dass es mir sehr viel bedeutet, mit euch gemeinsam zu fahren. Also, mein Vorschlag:

Wir lassen es so stehen, wie es war. Ich habe einen Fehler gemacht und du denkst bitte in Zukunft noch mal über den Ort nach, wo du mir so etwas sagst.“

Interessant, dachte ich für mich. Papa war Lukas gar nicht böse über das, was er ihm vorgeworfen hatte, sondern nur über den Ort inmitten der Presse. In diesem Moment öffnete sich die Tür. Ich war erstaunt, wer würde jetzt hier hereinkommen, sah zur Tür und dachte, ich würde ein Gespenst sehen.

„Mama? Was machst du denn hier? Das gibt es doch gar nicht.“

Ich konnte nicht anders, als auf sie zuzulaufen und in ihre Arme zu fallen. Auch Papa und Lukas schienen sehr überrascht zu sein. Mamas erste Worte waren entsprechend.

„Kaum lässt man euch mal allein an die Rennstrecke, streiten sie wieder. Ich muss doch auf euch aufpassen.“

Das führte zu großem Gelächter bei uns allen. Gemeinsam verließen wir diesen Raum und wurden von grinsenden Gesichtern der anderen Familienmitgliedern empfangen. Ich hatte ja mit allem gerechnet, aber nicht damit. Meine Mama war zum Rennen an die Strecke gekommen. Ich war sprachlos.

Nachdem wir uns ein wenig beruhigt hatten, meinte Papa dann.

„So Leute, wir haben noch ein paar Stunden Zeit. Ich schlage vor, wir gehen gemeinsam Essen. Was meint ihr?“

Leif fragte erstaunt: „Wo willst du so kurzfristig hier einen Tisch für so viele Personen bekommen? Das klappt nie.“

Mick meinte nur: „Kein Problem, ich weiß, wo wir alle gemeinsam essen können. Da ist Platz genug. Ein wenig rustikal, aber einmalig.“

Papa schaute ihn an, Mama lachte sich kaputt über diesen Text, während ich überlegte, was er damit wohl meinen würde. Jedenfalls gab ihm Papa einfach den Auftrag das zu organisieren. Mick nahm sein Handy und ging ein paar Meter abseits.

„Mama, wie kommt es, dass du hier bist? Ich hatte ja mit allem gerechnet, aber das du einfach herkommen würdest, damit nicht.“

Sie strahlte mich an und alle waren gespannt auf ihre Antwort.

„Weißt du Luc, Marc hat schon so lange versucht, mich zu überreden. Gestern habe ich mich dann im Fernsehen über das Rennen hier informiert und die vielen echten Fans gesehen. Es schien für mich keine normale Rennveranstaltung zu sein. Dann kam noch das Interview von Mick und ich habe gedacht, das will ich nicht verpassen, wenn meine Familie hier Geschichte schreibt.“

Ich war genauso überwältigt, wie Stef. Lukas standen sogar die Tränen in den Augen. Es war wirklich bewegend. Mama ging auf ihn zu und nahm in kräftig in die Arme und auch Papa schien nichts davon gewusst zu haben. Er war wirklich sprachlos. Und das sollte schon etwas heißen.

Mick kam wieder zu uns zurück und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Ich wusste sofort, dass er etwas ausgeheckt hatte.

„Los, Leute, auf geht es. Ich habe uns zum Essen angemeldet. Allerdings ist die Auswahl beschränkt. Aber wir werden erwartet.“

„Wie kommen wir dorthin? Hier ist die Hölle los und ich glaube, wir haben nicht genug Roller für alle.“

„Alles schon organisiert. Ich habe uns von Karl zwei Roller geliehen. Wir können also los.“

Damit war alles geklärt, außer dass wir nicht wussten, wo es hingehen würde. Erst als wir schon unterwegs waren, bekam ich eine Ahnung. Wir fuhren Richtung Adenauer Forst und richtig, es ging Richtung der Ahab Truppe. Genau dort trafen wir eine Viertelstunde später ein. Die Jungs empfingen uns wie Helden. Mir war das ein wenig unangenehm. Dennoch wurde es ein tolles Erlebnis so kurz vor dem Rennen. Dort waren mittlerweile viel mehr von den Ahab Jungs anwesend. Ich schätzte etwa fünfzig Personen. Es war ein riesiger Grill aufgebaut und dort lagen die verschiedensten Fleisch- und Wurstsorten auf dem Rost. Es wurde in der Tat ein rustikales Essen, aber wir hatten richtig viel Spaß. Natürlich wurden viele Fotos mit uns gemacht, aber niemand war unfreundlich oder hat uns bedrängt. Diese zwei Stunden waren außergewöhnlich. Als wir uns verabschieden mussten, wurden alle zu einem Gruppenbild zusammengeholt und ich bat auch darum, dieses Bild bekommen zu können. Ich gab ihnen meine E-Mail-Adresse und sie versprachen mir, es zu schicken. Diese Truppe war wirklich einmalig. Ich hatte mir vorgenommen, mit Stef noch einmal während des Rennens vorbeizuschauen. Wenn es möglich war.

Mick: Die letzten Minuten vor dem Start

Es hatten sich alle wieder etwas beruhigt und die Routine kehrte bei uns ein. Papa gab uns noch die letzten Instruktionen. Tom sollte den Start fahren. Dort war es immer turbulent und er war der Erfahrenste von uns allen. Mama saß mittlerweile bei Stef und Luc. Für Luc war das sicher ein ganz großer Moment. Ich ging noch einmal zu den Dreien hin und wir sprachen noch ein paar Sätze. Erst als die letzten drei Minuten aufgerufen wurden, wollte ich wieder nach vorn an die Boxenmauer.

„Wollt ihr nicht mitkommen? Hier könnt ihr das doch gar nicht richtig sehen. Die Stimmung an der Strecke ist gigantisch.“

Mama schien nicht so begeistert zu sein. Luc hingegen nahm sie einfach mit nach vorn. Also stand die ganze Steevens Familie gemeinsam an der Boxenmauer, als die Fahrzeuge in die Einführungsrunde aufbrachen. Hier war das Tradition, dass die auf der ganzen Nordschleife gefahren wurde. Ein Tribut an die Hunderttausende, die an der Strecke standen. Entsprechend dauerte es, bis es dann wirklich losgehen würde.

Papa gab noch ein paar Interviews und überall waren Fotografen, die uns ablichteten. Plötzlich stand Natalie de Jong bei uns.

„Na, wie ist die Stimmung bei euch? Läuft alles bei euch?“

„Hallo Natalie, ja, wir sind zufrieden. Lukas hat sich auch wieder beruhigt und ganz überraschend ist sogar unsere Mama hergekommen.“

Dabei zeigte Leif auf Mama und Natalie begrüßte sie. Ich erklärte Mama, woher wir uns kannten und Natalie nutzte die Gelegenheit, mit uns auch ein kleines Interview zu machen. Dann wurde es ernst. Die erste Startgruppe kam langsam die Döttinger Höhe entlang und damit wieder in den Bereich Start und Ziel. Noch wenige Augenblicke bis zum Start. Die Spannung stieg spürbar an. Überall sahen die Leute auf die Bilder im Fernsehen oder auf die Startlinie. Es wurde fliegend gestartet. Also rollten die Autos in Zweierreihen auf die Zielgerade und dann wurde die Ampel auf Grün geschaltet. Das Rennen hatte begonnen und die Fans tobten auf den Rängen.

Bei mir stieg die Nervosität ebenfalls deutlich an. Obwohl sich eigentlich nichts verändert hatte, außer dass Tom soeben das Rennen für uns begonnen hatte. Tom würde die ersten zwei Stunden am Stück fahren. Ich sollte dann übernehmen und es würde dann erst entschieden werden, ob ich nur eine Stunde oder auch zwei Stunden fahren würde. Es wäre günstiger, immer einen kompletten Tank pro Fahrer zu machen. Das waren etwa elf oder zwölf Runden. Also ungefähr knappe zwei Stunden. Die Zeiten im Rennen waren deutlich langsamer als im Top Qualifying. Als die letzte Startgruppe über die Startlinie fuhr, war Tom bereits eine halbe Runde unterwegs. Er hatte seine Position gehalten und sich aus allem herausgehalten. Mama machte einen recht entspannten Eindruck. Lukas, Stef und Luc waren bei ihr und erklärten ihr den Ablauf. Leif war mit Chrissie zu mir und Papa gekommen. Leif schien recht entspannt, während Chrissie immer wieder nervös auf die Monitore schaute. Ich fragte mich, ob sie das wohl die ganze Zeit durchhalten würde. Leif schaute mich ebenfalls leicht grinsend an. Wir hatten vermutlich die gleichen Gedanken.

„Papa, hast du wirklich nicht gewusst, dass Mama herkommt?“, wollte ich wissen.

„Nein, ich habe es nicht gewusst und ich habe auch nicht damit gerechnet. Ich bin mir aber sehr sicher, sie ist euretwegen gekommen. Ihr habt es euch immer gewünscht und ich weiß, dass sie seit längerer Zeit versucht, sich damit auseinanderzusetzen.“

Papa schaute mir in die Augen und mir wurde sehr deutlich bewusst, was für ein Glück wir alle mit dieser Familie hatten. Stef schaute zu uns herüber und lächelte. Es schien so, als ob er meine Gedanken lesen könnte. Er gab mir ein Zeichen, dass ich zu ihnen kommen sollte. Papa gab mir einen Schubs und ich ging hinüber.

„Na, mein großer Junge. Habe ich dich überrascht?“, meinte meine Mama zu mir.

Ich konnte nur nicken, es war sehr emotional für mich. Erst nach einigen Augenblicken war ich wieder Herr über meine Stimme.

„Das kannst du wohl laut sagen. Ich kann eigentlich immer noch nicht so wirklich glauben, dass du extra unseretwegen gekommen bist. Umso mehr freue ich mich darüber.“

Lukas fühlte meine Emotionalität und gab mir Halt, in dem er sich ganz eng an mich kuschelte und mir meine Hand festhielt. Im Hintergrund war der Motorenlärm zu hören. Ich gab ihm einen zärtlichen Kuss. Mama lächelte und fragte:

„Würde es euch etwas ausmachen, wenn ihr mich hier ein wenig herumführt? Ich habe ja noch nie so etwas vor Ort erlebt.“

Natürlich würde ich das gerne machen. Stef und Luc wollten uns mit Mama allein losschicken, aber das ließ ich nicht zu. Sie sollten uns begleiten. Also machten wir uns auf den Weg durch die Boxen und das Fahrerlager. Mama staunte über so viele Teams mit unterschiedlichen Fahrzeugen. Wir erklärten ihr das so gut und einfach es ging. Bald standen wir beim Callaway Team und Karl entdeckte uns.

„Hallo, das ist aber jetzt eine große Überraschung.“

Dabei begrüßte er Mama besonders herzlich. Stef hielt sich im Hintergrund, aber Karl grinste nur und meinte:

„Hey, Stef, nicht verstecken. Komm, du gehörst doch genauso zur Familie.“

Er nahm Stef einfach in die Arme und somit blieben wir dort einige Zeit. Ich bemerkte gar nicht, wie bereits über eine Stunde das Rennen lief. Erst, als Karl mich bat, mal auf den Monitor zu schauen, konnte ich die Entwicklung erkennen. Tom war mittlerweile auf Platz acht und lag mit den führenden immer noch in einer Runde. Das war unser Ziel, keine Kollisionen und kein Risiko.

„Sag mal, wer wird denn nach Tom ins Auto steigen?“, fragte mich Mama.

„Ich werde Tom ablösen. Und ich glaube, es wird Zeit, dass ich mich fertig mache. Denn so genau ist noch nicht klar, wie viele Runden wir mit einer Tankfüllung fahren können.“

Also ging ich mit Lukas zurück und ließ die anderen bei Karl zurück. Meine Anspannung stieg wieder deutlich an, und als ich in unserer Box mir meine feuerfeste Haube und den Helm nahm, zitterten meine Hände doch ein wenig. Papa beobachtete mich genau. Auch Lukas ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Papa lächelte und schien vollkommen entspannt. Er machte zwei Schritte zu mir herüber und sprach mit einer Ruhe zu mir, dass ich einfach sicher war, ich würde es schaffen.

„Mick, mach dir keinen unnötigen Stress. Wenn du das Tempo nicht mitgehen kannst, lass die anderen fahren. Wir wollen ankommen. Vielleicht findest du ein Auto, an das du dich anhängen kannst, ohne über deine Verhältnisse zu fahren. Wichtig ist, dass du für dich eine gute Entscheidung findest. Habe einfach Spaß dabei.“

Dann wurde es wirklich ernst. Unser Ingenieur gab mir das Zeichen, ich sollte mir den Helm aufsetzen und mich fertig machen. Tom würde gleich in die Box zum Tanken und Reifen wechseln kommen.

Lukas gab mir noch schnell einen Kuss und dann stand ich vor der Box und wartete auf unser Auto. In diesem Moment erkannte ich Mama, sie stand mit Luc und Stef bei uns in der Box und schaute mich an. Sie lächelte. Das war das Letzte, was ich bewusst wahrnahm. Danach ging ich in den Tunnel und konzentrierte mich nur noch auf das Fahren. Tom kam angerollt, stellte den Motor ab. Die Tankkanne wurde aufgesetzt und so lange getankt wurde, durfte niemand am Auto arbeiten. Nur die Fahrer durften wechseln. Tom hatte sich schon aus dem Ferrari geschält und ich stieg ein. Er half mir mich anzuschnallen und gab mir wichtige Informationen über die Strecke und das Auto. Das Auto lief bis dahin absolut perfekt, auf der Strecke gab es im Bereich Schwedenkreuz eine Unfallstelle, an der Tempo sechzig galt. Also doppelt geschwenkte gelbe Flaggen. Ich bestätigte das und in diesem Moment begannen die Mechaniker die Reifen zu wechseln. Manuel gab mir ein Zeichen, dass ich den Motor anlassen sollte. Ich legte den ersten Gang ein und dann begannen für mich die 24 h auf der Nordschleife als Fahrer.

Die ersten Kilometer waren noch recht vorsichtig, um die Reifen richtig anzuwärmen. Dabei verlor ich gleich drei Positionen. Das war aber alles einkalkuliert und ab Schwedenkreuz, also nach der Unfallstelle, konnte ich richtig loslegen. Das Auto fühlte sich wirklich gut an und entsprechend schnell konnte ich fahren. Am Bergwerk wusste ich, würde es interessant werden, denn der Abschnitt Kesselchen war eine absolute Mutstelle. Dort hieß es immer Arschbacken zusammenkneifen und Gas voll stehen lassen. Im ersten Durchgang lupfte ich noch, aber konnte schon spüren, dass das Auto so gut lag, dort voll fahren zu können. Das Karussell fuhr ich oben, um das Auto zu schonen. Im Brünnchen hatte ich drei oder vier Autos vor mir, die ich überholen musste. Dort war aber die Mithilfe der Piloten notwendig, weil es sehr eng war. Ich war aber mit einem deutlich schnelleren Auto unterwegs und entsprechend wurden blaue Flaggen geschwenkt. So kam ich ohne großen Zeitverlust vorbei. Als ich das erste Mal über die Döttinger Höhe fuhr und der Motor voll ausdrehte, hatte ich die 300 Km/h Marke erreicht. Das Auto lag absolut ruhig und gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Als ich wieder auf Start und Ziel kam und meine erste Runde beendet hatte, bekam ich über Funk gesagt, dass ich gut unterwegs sei und ich das Tempo halten sollte.

Marc: Bei den Söhnen zuschauen macht nervös

Sabine stand neben mir, als Mick das erste Mal über Start und Ziel fuhr. Sie nahm mich einfach in den Arm und dieses Gefühl hatte ich so noch nie an einer Rennstrecke gespürt. Mir wurde klar, was für eine Überwindung es Sabine gekostet haben muss. Ich gab ihr spontan einen Kuss, anschließend schauten wir gemeinsam auf den Zeitmonitor. Ich wurde wirklich nervös. Das hatte ich so auch nicht erwartet, aber Sabine schien es zu amüsieren, denn sie meinte:

„Na Schatz, zuschauen ist nicht so deine Stärke. Entspann dich, du musst deinem Sohn vertrauen.“

Ich schaute sie fragend an, denn so eine Aussage von ihr hier an der Rennstrecke, das ließ mich doch schon staunen.

„Das sagt die Richtige. Du hast ja Recht, aber es ist doch nicht so einfach für mich. Selbst fahren ist einfacher, als beim ältesten Sohn zuzuschauen.“

Sie lachte, und das erstaunte mich noch mehr. Die TV-Bilder zeigten gerade Mick auf der Strecke. Er hatte zu einem der Z4 vom Schuberth Team aufgeschlossen. Das war schon ein wenig erstaunlich, denn die waren schon sehr schnell. Dass er dort mithalten konnte, war eigentlich nicht zu erwarten gewesen. Mick setzte sogar zum Überholen an und bremste den Gegner vor dem Wehrseifen klassisch aus. Respekt, dachte ich für mich.

Lukas kam zu mir und machte einen recht unruhigen Eindruck.

„Was ist los? Gibt es ein Problem?“, fragte ich.

„Eigentlich nicht, aber Mick ist sehr schnell unterwegs. Er hat sogar den Schuberth BMW überholt. Sollten wir ihm nicht sagen, er soll etwas ruhiger bleiben?“

Ich überlegte einen Moment, aber ich wehrte mich dagegen. Ich hatte Mick gesagt, er solle so fahren, wie er sich sicher fühlte. Ich musste darauf vertrauen, dass er das auch tat. Also schüttelte ich den Kopf und antwortete:

„Nein, Nicholas wird es beobachten und wenn er unsauber fährt, können wir ihn immer noch einbremsen, aber ich habe ihm gesagt, er soll so schnell fahren, wie er sich fühlt. Also muss ich ihm auch die Möglichkeit geben, dass zu tun. Auch wenn ich vielleicht das Gefühl habe, er könnte auch etwas langsamer fahren.“

Lukas schien verstanden zu haben, aber er machte sich halt Sorgen. Das war nicht zu übersehen. Sabine schien das zu spüren, denn sie nahm Lukas einfach mit und ging mit ihm nach hinten aus der Box. Unglaublich, Sabine hatte sich entschieden und unterstützte ihre Familie mit allem was sie konnte. Toll!

Nach einer halben Stunde gleichmäßiger Zeiten von Mick hatten wir uns alle beruhigt. Er schien alles unter Kontrolle zu haben und entsprechend gelassen wurde ich. Sogar Lukas blieb cool, als Mick einmal kurz auf den Rasen ausweichen musste, weil der andere langsame Pilot nicht aufgepasst hatte.

„Lukas, wenn du gleich fährst, nimm dir mehr Zeit beim Überholen der langsamen Autos. Lieber einmal etwas warten, als abfliegen.“

Er nickte mir zu, blieb aber ruhig.

Die Zeit lief einfach ohne besondere Ereignisse weiter und schon kam der Moment, wo Mick wieder an die Box kommen sollte, um an Lukas zu übergeben. Die Sonne stand schon sehr tief und Lukas würde in die Dunkelheit hinein fahren. Tom nahm ihn sich noch einmal an die Seite und gab ihm wertvolle Tipps.

Das Auto kam und wieder die üblichen Dinge. Tanken und Fahrerwechsel, anschließend neue Reifen. Lukas saß festgeschnallt im Auto und ich hörte das Kommando vom Teamchef über Funk:

„Motor anlassen“

Es lief weiterhin alles unglaublich gut. Eigentlich zu gut. Bislang hatte ich immer bereits in den ersten Stunden bei diesem Rennen Probleme. Sollte es vielleicht dieses Jahr anders werden?

Mick erschien bei uns nachdem er sich ein wenig frisch gemacht hatte und berichtete mir von seinen Erlebnissen auf der Strecke. Was mit gut gefiel, er war sehr gelöst. Keine Spur mehr von Anspannung und besonders freute mich der Zusammenhalt zwischen den Jungs. Luc, Stef und auch Leif waren für ihre großen Brüder immer da. Sie halfen, wo sie konnten. Lediglich Leifs Freundin war oft sehr schüchtern und zurückhaltend.

Lukas hatte sich recht schnell auf eine gleichmäßige Rundenzeit eingefahren. Sie war zwar deutlich langsamer als Micks Zeit, aber die Bedingungen waren auch anders. Es wurde langsam dunkel und das war doch ein Handicap gegen die sehr tiefstehende Sonne zu fahren. Allerdings machte er genau das Richtige, er nahm Gas raus und fuhr sicher.

Unser Ingenieur kam zu uns und bat mich, die Kopfhörer aufzusetzen, weil Lukas mit uns sprechen wollte. Das hieß meistens nichts Gutes. Schnell hatte ich mich in die Kommunikation eingeklinkt und hörte bereits das Gespräch mit. Lukas hatte Probleme mit seinen Beinen. Er hatte kein Gefühl mehr im rechten Bein. Das war ein ernsthaftes Problem, denn er konnte so nicht mehr richtig bremsen. Es war noch eine Stunde für ihn zu fahren. Der Ingenieur sagte ihm, er solle so lange fahren, wie es eben ging. Ich war anderer Meinung. Es war zu gefährlich und ich beriet mich mit Tom und Nicholas.

„Was meint ihr dazu? Ich bin dafür, ihn an die Box zu holen und zu tauschen. Wir müssen herausfinden, was der Grund ist.“

Tom war meiner Meinung und ergänzte noch:

„Ganz meine Meinung, aber ich habe eine Vermutung. Ich glaube, dass der Gurt zu fest sitzt. Dadurch wird die Durchblutung gestört, gerade in den Beinen. Nur wir können das jetzt nicht testen, es würde einige Minuten dauern, bis er eine Änderung spüren würde.“

Nicholas war nicht so begeistert, er hatte natürlich die gute Platzierung im Sinn.

„Warum lassen wir ihn nicht noch so lange fahren, bis es nicht mehr geht? Dann ist der Stopp nicht mehr ganz so früh und wir verlieren nicht so viel Zeit. Außerdem …“

Weiter ließ ich ihn nicht sprechen.

„Nein, ich will kein Risiko haben. Das habe ich meinen Söhnen versprochen. Du vergisst, dass sie keine Profi-Rennfahrer sind. Ich mache mich fertig und hol ihn rein.“

Damit war diese Diskussion beendet. Nicholas fügte sich, auch weil die anderen Autos von seinem Team ebenfalls noch gut im Rennen lagen. Ich sah das auch nicht als so ein Problem an, das Rennen war noch so lang.

Ich war gerade dabei meinen Helm zu holen und mich bereit zu machen, als ich mitbekam, dass es im Bereich Karussell stark regnete. Das war natürlich ein Problem. Lukas war glücklicherweise bereits dort hindurch gefahren, aber wir mussten uns jetzt sofort entscheiden, ob wir auf Regenreifen wechseln oder weiter auf Slicks fahren wollten. Es gab ein kurzes Gespräch mit dem Team, aber es wurde immer mehr mit dem Regen und wir entschieden uns, Intermediates zu nehmen. Also wäre der Zeitverlust für uns eigentlich gar nicht mehr vorhanden, weil die anderen auch an die Box kommen müssten.

Ich stand jetzt vor der Box und Lukas stellte das Auto passend ab. Allerdings öffnete er noch die Tür, kam aber nicht aus dem Auto heraus. Ich sprang an die Tür und konnte sofort erkennen, dass er Schmerzen hatte und nicht mehr allein aussteigen konnte. Ich gab Mario ein Zeichen, er solle zu mir kommen. Allerdings war ja noch der Tankvorgang im Gang. Da durften keine Mechaniker an das Auto. Ich nahm also meinen Sohn auf die Arme und hob ihn aus dem Sitz und trug ihn in die Box, erst dort wurde er von Mario in Empfang genommen. Ich sprintete wieder zurück und sprang ins Auto, schnallte mich an, und als das Tanken beendet war, bekam ich noch eine neue Trinkflasche und Tom kam zu mir ans Auto.

„Ich kümmere mich um Lukas und melde mich, wenn es etwas Neues gibt.“

Das war eine gute Information und ich nickte, anschließend startete ich mit den Intermediates wieder in das Rennen.

Jetzt hieß es erst einmal die Strecke checken. Wo war es nass und wo trocken. Außerdem musste ich auf den Verkehr achten, denn die Autos mit Slicks waren natürlich sehr langsam unterwegs. Hoffentlich waren die Streckenposten alle aufmerksam.

Die erste Runde war wirklich sehr aufregend. Allerdings gab es keine Zwischenfälle für uns und in der zweiten Runde hatte ich wieder alles im normalen Bereich. Es regnete an einigen Stellen der Strecke und ich dachte, dass ungefähr zwei Drittel der Strecke bereits nass waren. Also hatten wir alles richtig gemacht mit den Reifen.

In meiner dritten Runde meldete sich Tom bei mir über Funk.

„Marc, Lukas geht es wieder gut. Wir denken, dass es der Gurt war. Aber ich habe ihn zur Sicherheit zum Rennarzt geschickt. Er wollte zwar nicht, aber ich habe darauf bestanden. War das richtig?“

„Auf jeden Fall. Danke dir. Hier ist auch alles gut. Das Auto läuft prima und die Strecke ist nur normal nass. Kein Problem zum Fahren.“

Irgendwann wurde es richtig dunkel und die Zeiten wurden deutlich langsamer. Die Nordschleife im Dunkeln und bei Regen war es die sprichwörtliche grüne Hölle und entsprechend häuften sich die Unfälle auf der Strecke. Ich konnte mich bislang aus allem heraushalten und somit lagen wir auf einem sehr guten achten Gesamtrang. Der Rückstand auf die Spitze war nicht so groß. Vielleicht konnte ich sogar ein wenig davon abbauen.

Luc: Wetter und Lukas

Hier überschlugen sich die Ereignisse. Erst musste Lukas mit gesundheitlichen Problemen an die Box und Papa musste ihn früher ablösen, dann begann es auch noch zu regnen. Mir war klar, das würde jetzt ganz heikel werden. Zuerst kümmerten wir uns aber um Lukas. Er hatte taube Beine und konnte nicht mehr laufen. Als es nach einigen Minuten besser wurde, konnten wir davon ausgehen, dass es sich um den Sicherheitsgurt als Ursache gehandelt hatte. Dennoch sollte Lukas zum Arzt. Er hielt das nicht für nötig und typisch für ihn, war er der Meinung, das wäre doch peinlich. Ich redete einige Zeit auf ihn ein, aber er ließ sich nicht überreden. Plötzlich stand Tom hinter mir und sagte nur einen Satz:

„Entweder, du gehst dich sofort vom Rennarzt untersuchen lassen, oder du fährst keinen Meter mehr in dem Rennauto.“

So wie er das sagte, war allen sofort klar, das war ernst gemeint. Lukas grummelte einen Augenblick vor sich hin, stand auf und bat mich, ihn zu begleiten. Der Arzt führte eine gründliche Untersuchung durch und gab grünes Licht.

„Man Lukas, da hast du uns echt einen schönen Schrecken eingejagt.“

„Das war bestimmt keine Absicht. Es hat höllisch wehgetan. Außerdem habe ich uns damit die Strategie kaputtgemacht.“

„So ein Unsinn, das Rennen ist noch so lange und außerdem mussten die anderen auch Reifen wechseln. Also hat das alles so gut wie keine Zeit gekostet.“

Wir waren bereits auf dem Rückweg, plötzlich kam uns Mama aufgeregt entgegen. Sie hatte uns gar nicht gesehen.

„Mama“, rief ich ihr hinterher, „wo willst du hin?“

Sie drehte sich um und ihr Gesicht nahm sofort entspannte Züge an.

„Luc, Lukas, alles in Ordnung? Tom hat mir gesagt, dass du Probleme hast.“

„Mama, alles wieder gut. Ich darf weiter fahren. Der Gurt war schuld.“

„Aber du kannst doch nicht ohne Gurt fahren, was macht ihr jetzt?“

Ich musste lachen, denn das war wieder eine typische Angewohnheit meiner Mama.

Lukas gab ihr ruhig folgende Erklärung:

„Keine Sorge, wir machen ihn nur nicht mehr ganz so fest an den Beinen. Dann sollte es gehen. Wie fährt Papa? Läuft das Auto?“

Mama schüttelte den Kopf, weil sie nicht verstehen konnte, dass wir schon wieder an das Rennen dachten. Also machten wir uns jetzt zu dritt auf zurück in die Box. Dort nahm sich Lukas erst einmal eine Flasche Wasser und ich mir etwas zu essen. Nebenbei schaute ich auf den Zeitmonitor. Papa lag weiterhin sehr gut im Rennen. Immer noch in der gleichen Runde wie der Führende. Plötzlich spürte ich zwei warme Hände um meinen Hals. Ich drehte mich um und Stef stand grinsend vor mir.

„Mir ist auch nach Essen, aber noch lieber möchte ich dich aufessen.“

Dann gab er mir einen liebevollen Kuss. Das tat mir gut. Er berichtete mir, dass Papa sehr zufrieden mit dem Auto war und die Strecke mittlerweile komplett nass. Damit war Papa immer schon sehr gut klargekommen. Das sollte für ihn kein Nachteil sein.

Der Regen hörte nach etwa neunzig Minuten wieder auf und an einigen Streckenabschnitten war es bereits trocken. Dennoch wollten wir nicht vorzeitig die Reifen wechseln. Das würde einen zusätzlichen Stopp fordern. Also nahm Papa Tempo heraus und fuhr seinen Turn zu Ende. Tom übernahm und es war schon richtig Nacht. Langsam wurde ich müde, aber ich wollte auf keinen Fall jetzt schlafen gehen. Leif und Chrissie hatten sich ein wenig zurückgezogen. Chrissie war das doch alles ein wenig viel auf einmal. Mick und Lukas waren topfit und auch Stef und ich hielten die Nacht bis auf kurze Momente durch.

Als der Morgen zu dämmern begann, hatten wir eine relativ ruhige Nacht hinter uns. Das Auto lief weiterhin ohne große Probleme. Nur die Bremsen mussten einmal gewechselt werden. Allerdings war das eingeplant. Eins unserer Autos hatte leider einen kapitalen Crash und war damit aus dem Rennen. Beim Überholen kam es zu einer Kollision am Schwedenkreuz. Es wurde niemand verletzt. Wir lagen immer noch unter den zehn besten Teams und momentan saß Mick wieder am Steuer.

Stef und ich besorgten uns gerade etwas zu essen für das Frühstück. Mama hatte bereits Kaffee für alle organisiert. Ich spürte jetzt allerdings auch die Müdigkeit. Somit saßen wir an einem Campingtisch und aßen nahezu schweigend. Stef kuschelte sich am Tisch immer wieder an mich. Er war müde. Ich ging davon aus, dass alle müde waren, nur für die Piloten waren noch einige Stunden zu fahren.

Plötzlich kam Unruhe auf. Wir erhielten die Information, dass das Safety Car ausfahren würde, weil der Rettungsdienst auf die Strecke musste. Ganz schnell entschied sich die Teamleitung, Mick hereinzuholen und den Fahrer zu wechseln. Lukas sollte sich sofort fertigmachen und dann würde auch getankt und Reifen gewechselt.

Zehn Minuten später war das alles ohne Probleme über die Bühne gegangen und Lukas war erneut im Rennen. Papa hatte ihm aber noch einmal gesagt, er solle sich aus allen Kämpfen heraushalten. Diese Anweisung konnte er perfekt umsetzen. Wir lagen ungefährdet auf Platz acht im Gesamtklassement. Für ganz vorne würde es sicher nicht reichen, aber das war auch nicht unser Ziel. Ankommen war das Ziel.

Die Führung machten die Frikadelli Porsche und die Schuberth BMW mit den Audis aus. Diese Teams waren mit absoluten Vollprofis unterwegs und da konnten wir nicht mithalten. Aber das wollten wir ja auch gar nicht.

Lukas begann sehr verhalten und steigerte sich immer weiter. Bald war er fast so schnell wie im Training ohne Verkehr. Das wurde Papa langsam unheimlich. Er ließ über den Ingenieur die Anweisung geben, Lukas sollte etwas Speed herausnehmen. Er hielt sich sofort an die Anweisung und wurde langsamer, Papa war bei uns an der Boxenmauer und Mick fragte ihn:

„Warum sollte er langsamer werden, er fuhr doch sehr konstante Zeiten.“

Es schien so, als ob Mick ein wenig enttäuscht war und Papa reagierte entsprechend darauf.

„Weil er einen typischen Anfängerfehler macht. Er bemerkt nicht, dass er eigentlich über seinen Verhältnissen fährt. Er ist sechs Sekunden schneller unterwegs als unser Plan. Außerdem ist er schon in der Nacht gefahren und ich will diesmal ankommen.“

„Fährst du eigentlich auch langsamer, als du fahren könntest?“

Leif wollte das nun wissen. Allerdings hatte er dabei ein leicht sarkastisches Grinsen im Gesicht. Stef empfand das als Provokation und reagierte recht gereizt.

„Was soll die Frage? Glaubst du er fährt schneller, als er sollte? Denk mal mehr nach, bevor du so eine blöde Frage stellst.“

Hoppla, da war aber einer genervt. Entsprechend verdutzt schauten wir uns an und Leif holte gerade Luft, um Stef die Meinung zu sagen, als Chrissie dazwischen ging:

„Du bist still, Leif! Stef hat doch Recht, deine Frage war nichts anderes als eine Provokation. Wann hörst du endlich auf damit? Du bist wie ein kleines Kind.“

Papa musste sich wegdrehen, damit er nicht laut lachen musste, denn das Gesicht von Leif war zu komisch. Er wurde knallrot und sagte nichts mehr. Damit war das Thema beendet und wir wandten uns wieder dem Renngeschehen zu. Die Strecke war mittlerweile wieder komplett frei und Lukas hielt sich an die Vorgaben und spulte Runde um Runde ab. Als nächster würde Papa wieder an der Reihe sein. Was mir nur schon häufiger aufgefallen war, Papa stand mit Mama etwas abseits und sie unterhielten sich sehr angeregt. Mama schien guter Laune zu sein und auch Papa machte einen deutlich lockeren Eindruck, als sonst bei den Rennen.

Marc: Die letzten drei Stunden

Unser Rennen war bislang nahezu ohne große Zwischenfälle verlaufen, sogar der ganz große Regen war uns erspart geblieben. Unser Auto lag auf dem zehnten Gesamtrang. Das war viel mehr, als ich je erhofft hatte. Meine Jungs erfüllten mich mit Stolz. Sie hatte keine Fehler gemacht und sich an die Vorgaben gehalten. Mick war in seinem letzten Turn unterwegs und ich sollte ihn zum Schluss ablösen. In etwa einer Stunde sollte das Auto das letzte Mal zum Reifenwechsel an die Box kommen. Vermutlich mussten wir zum Schluss noch einen kurzen Tankstopp machen. Tom und ich unterhielten uns, über den Rennverlauf, als Sabine mit Luc zu uns kam.

„Hallo ihr beiden, wie ist denn bei euch die Stimmung?“

„Angespannt“, meinte Luc.

Tom lächelte und stimmte ihm zu: „Stimmt, geht mir genauso, aber das bleibt so bis zum Ende. Und es wird eher noch schlimmer. Sabine, wie geht es dir eigentlich hier? Du bist das erste Mal zum Rennen gekommen. Ist es so schlimm für dich?“

Lächelnd, aber sehr bestimmt gab sie die Antwort: „Es ist nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte, aber ich bin auch froh, wenn es vorbei ist. Und wenn es in Zukunft ohne die verrückte Rennfahrerfamilie Steevens stattfinden würde.“

Dieser Nachsatz hinterließ bei mir doch Nachdenklichkeit. Ich hatte es versprochen und ich war auch entschlossen, keine großen Veranstaltungen mehr zu fahren. Sie war immer nur um das Wohl der Kinder bedacht. Sie hatte mir vor einigen Wochen eine Frage gestellt, die mir sehr zu denken gegeben hatte. Was wäre, wenn mir etwas passieren würde? Sie war nicht mit mir verheiratet. Was würde aus Luc werden? Klar, ich hatte auch ihn sehr gut abgesichert, aber wie war die Nachlassregelung dann, oder wenn ich ein Pflegefall würde? Solche Gedanken waren mir noch nie bei einem Rennen gekommen. Entsprechend erschrocken muss ich wohl gewesen sein, denn plötzlich hörte ich Tom:

„Was ist denn dir gerade für ein Gespenst begegnet?“

Wir mussten alle lachen, aber er hatte Recht. Mir war gerade ein Gespenst begegnet. Ich lenkte schnell vom Thema ab und wir beobachteten gerade das Fernsehbild, das unseren Ferrari am Adenauer Forst zeigte. Mick war gerade dabei einen langsamen Wagen zu überholen, als der Ferrari einen Schlenker machte. Teile flogen weg und der Wagen kam gefährlich ins Schlingern. Das bei Tempo 260.

Ich sah das blanke Entsetzen in Sabines Gesicht. Luc und alle anderen hielten die Luft an. Mir wurde schlecht. Ich hatte nur einen Gedanken. Halte das Auto auf der Strecke, sonst würde es sehr weh tun. Funken sprühten und eine große Rauchwolke stieg auf. Mick kämpfte mit dem Wagen. Innerhalb von Sekunden standen alle bei mir und wir starrten gebannt auf den Bildschirm. Ich konnte Mick über den Kopfhörer fluchen und kämpfen hören. Erst in diesem Moment fiel mir ein, ich konnte ja mit ihm sprechen.

„Mick, zieh die Kupplung, nimm den Gang raus und lass ihn rollen. Los, schnell!“

Es war mehr ein Brüllen als ein Sprechen. Ich war so angespannt. Dann konnte ich sehen, wie sich das Auto stabilisierte und langsam am Rand entlang rollte. Tief durchatmen. Er hatte das Auto abgefangen. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Hektik an der Box. Er war eine halbe Runde vom Ziel entfernt. Mit einem kaputten Rad und Felge. Wie sollte das gehen. Dennoch wurde alles vorbereitet, vermutlich war ein Reifen geplatzt. Was war aber noch kaputtgegangen. Ich hörte Mick über Funk sehr schwer atmen. Das beunruhigte mich.

„Mick, ist dir etwas passiert? Geht’s dir gut?“

„Boah, Papa. Ich bekomme … kaum noch … Luft. Irgendwas … ist da passiert.“

Scheiße, ausgerechnet jetzt, das auch noch.

„Ganz ruhig, Großer. Du hast noch ein wenig bis zur Box. Schaffst du das?“

Er antwortete nicht mehr wirklich. Ich lief zur Box nach vorn und bat Nicholas, sofort den Physio zu holen. Ich beobachtete, wie das Auto plötzlich am rechten Pistenrand auf dem Grünstreifen anhielt. Mick öffnete die Tür, stieg aber nicht aus.

Was dann geschah, gab es nur hier beim 24-Stunden-Rennen auf der Nordschleife. Plötzlich standen drei Leute mit Piraten Shirts am Wagen von Mick. Sie unterhielten sich mit ihm und die Streckenposten schwenkten gelbe Flaggen. Einer der Leute gab wilde Zeichen und dann kam noch ein Vierter über den Zaun gesprungen. Sie hoben Mick aus dem Auto und legten ihn auf den Rasen. Einer der Leute schien ihn zu behandeln, während die anderen die Blechteile vom Kotflügel abschlugen damit die Felge wieder frei war. Wir schauten gebannt auf die Monitore, plötzlich rief Luc:

„Das sind die Ahab Leute. Mick hat bei den Ahab Leuten gehalten und sie helfen uns. Das gibt es doch gar nicht. Wie geil ist das denn?“

Ich konnte es nicht glauben, diese verrückten Typen waren einfach zu Mick gelaufen, hatten ihm vermutlich einen Wirbel eingerenkt und das Auto so gerichtet, dass Mick wieder zurück zur Box kommen würde.

Wir verloren ein paar Minuten Zeit, aber das Rennen konnte weitergehen und das Wichtigste, Mick schien nicht ernsthaft verletzt zu sein. Sie schnallten ihn wieder vorschriftsmäßig fest und dann rollte Mick ganz langsam zurück zur Box. Allerdings hatten wir keine Verbindung mehr zu ihm. Wie sich dann herausstellte, hatte er einfach in der Hektik vergessen, den Stecker wieder einzustecken.

Dann humpelte das Auto auf der zerstörten Felge in die Boxen. Es sah hinten doch recht wild aus. Egal, ich wollte jetzt wissen, wie es Mick geht. Er hatte es kaum noch geschafft, das Auto richtig anzuhalten. Ich öffnete die Tür und sah einen vor Schmerzen zitternden Mick im Sitz. Ich öffnete vorsichtig die Gurte und den Helm. Das schien deutlich Entlastung zu schaffen, denn Mick pustete einmal tief durch. Es deutete alles auf eine Wirbelverletzung hin. Vermutlich durch den starken Schlag. Das Ruckeln auf der Strecke war sicher auch nicht gut gewesen, trotz des Einrenkens der Ahab Leute. Ganz vorsichtig hob ich ihn aus dem Sitz und trug ihn in die Box, wo ich ihn vorsichtig ablegte. Unser Physio war sofort bei ihm und kümmerte sich um ihn. Das Auto wurde zur Reparatur in die Box geschoben. Erst nachdem ich mich vergewissert hatte, dass es nichts Ernstes bei Mick war, zog ich mir meine Sachen an und machte mich fertig, Mick abzulösen. Das Auto schien auch keine größeren Schäden davongetragen zu haben, also wurde getankt, Reifen gewechselt und ich im Sitz festgeschnallt. Da hörte ich die Stimme von Luc im Funk:

„Papa, Mick hat sich einen Wirbel ausgerenkt. Es ist alles nicht so schlimm. Mach dir keine Sorgen.“

Das gab mir ein unglaublich erleichterndes Gefühl. Außerdem wurde mir in diesen Sekunden etwas ganz deutlich bewusst. Dafür gab es aber jetzt keine Zeit. Ich musste wieder ins Rennen zurück. Wir hatten doch einiges an Zeit verloren, aber egal. Wir waren wieder im Rennen und ich wusste, Mick geht es gut. Alles andere war mir egal.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass das Auto wirklich vollkommen in Ordnung war, gab ich richtig Gas. Ich hatte eine Wut im Bauch, die ich loswerden wollte. Das war allerdings sicher nicht so im Sinne des Ankommens. Die nächsten Runden fuhr ich wie entfesselt und stellte eine der schnellsten Rennrunden auf. Ich ließ den Ferrari über den Kurs fliegen. Erst nach über einer Stunde hatte sich das Team für eine neue Strategie entschieden. Wir würden zum Schluss noch einmal einen Fahrerwechsel machen und Tom sollte über das Ziel fahren.

Lukas: Die letzte Stunde wird heftig

Was war jetzt eigentlich los? Papa knallte eine schnelle Runde nach der anderen auf den Asphalt, so dass uns Hören und Sehen verging. Wie konnte das sein? Es war doch vollkommen anders besprochen. Warum wollte er jetzt noch unbedingt wieder unter die ersten Zehn kommen? Mick stand ratlos neben mir und auch Sabine und Luc schienen nicht begeistert zu sein. Tom war in einer angeregten Diskussion mit Nicholas und dann hörten wir Nicholas über Funk.

„Marc, Tempo rausnehmen. Wir wollen mit diesem Auto ankommen und haben nach hinten genug Luft. Platz elf ist ein gutes Ergebnis.“

Keine Antwort.

Nicholas wiederholte die Ansage, aber erneut keine Antwort. Was war nun wieder los? Dann aber kamen die ersten neuen Zeiten herein und wir konnten aufatmen. Papa hielt sich an die Anweisung und fuhr im Schnitt sieben bis acht Sekunden pro Runde langsamer. Jetzt wurde ich trotzdem immer nervöser, denn die letzte Stunde des Rennens brach gleich an und man wurde nur gewertet, wenn die Ziellinie auch überquert wurde. Also konnte immer noch ein Defekt oder ein Unfall alle Arbeit zunichte machen. Für den letzten Wechsel nahmen wir alle in der Box Aufstellung. Papa rollte in die Position und alles lief wie immer. Allerdings, als der Ferrari mit Tom wieder abgefahren war, kam Papa zu uns und umarmte uns alle der Reihe nach. Als er zum Schluss bei Mama ankam, gab er ihr einen langen Kuss. Das war außergewöhnlich. Nun ja, heute würde vermutlich fast alles außergewöhnlich werden.

Die Strecke war bereits deutlich leerer geworden und überall standen gestrandete Fahrzeuge an der Strecke. Nur die Fans gaben unvermindert Gas beim Feiern. Eine unvorstellbare Stimmung herrschte an der Strecke. Überall wurde Party gemacht und die Fahrzeuge angefeuert und auch gefeiert.

Für uns stieg die Anspannung immer weiter. Würde es diesmal klappen? Papa ließ sich nichts anmerken, das bedeutete für uns, ihn am besten in Ruhe zu lassen. Erst als die letzte Runde angezeigt wurde, kam er zu uns und wir bildeten einen kleinen Kreis. Zum letzten Mal schwor uns Papa noch einmal auf das Finale ein. Es war ein Ritual. Es sollte Glück bringen. Dann war es soweit, der Sieger des Rennens kam über die Linie, ein Feuerwerk wurde gezündet und wir erschraken doch ein wenig. Ich schaute an der Mauer entlang, würde Tom jetzt kommen. Hoffentlich war nicht noch in der allerletzten Runde etwas passiert. Doch dann kam er auf die Zielgerade. Unbeschreiblicher Jubel brach bei uns aus. Alle umarmten sich und ich konnte wirklich Tränen der Freude sowohl bei Papa als auch bei allen anderen erkennen. Auch Mama war bei uns und freute sich mit uns mit.

Als Tom das Auto wieder bei uns abgestellt hatte, kannte die Freude keine Grenzen mehr. Wir waren glückliche Elfte geworden. Das war ein grandioses Ergebnis. Entsprechend euphorisch waren wir auch. Allerdings war ich auch sehr froh, dass dieses Abenteuer so ein gutes Ende gefunden hatte.

Mein Schatz war auch wieder bei Kräften und somit war unser Glück vollkommen. Papa hatte uns einige Minuten später alle zusammengeholt und ich konnte erkennen, dass er auch einen der Ahab Leute dazu geholt hatte. Als wir alle in einem großen Kreis zusammen standen, hob Papa den Arm. Es wurde still und er sagte:

„Liebe Familie und Freunde, heute ist ein besonderer Tag und ich möchte mit euch gemeinsam feiern.“

In diesem Augenblick kam Karl auch zu uns. Seine Corvette war vor uns gelandet und entsprechend gut gelaunt war er. Papa hatte ihn erkannt und fuhr nach einer kurzen Pause fort:

„Die Ahab Leute haben zum Schluss noch einmal Großes geleistet und ich möchte verkünden, dass die Jungs uns eingeladen haben, dort das Ende zu feiern. Damit lasst uns dorthin aufbrechen.“

Großer Jubel brach aus und Papa umarmte auch Karl und jetzt wurde es richtig turbulent. Überall spritzten Sektflaschen und es wurde gefeiert. Es dauerte recht lange, bis wir uns aus diesem ganzen Trubel verabschieden konnten.

Eine ganze Stunde später saßen wir alle endlich bei den Jungs von Käpt´n Ahab um den Grill und feierten ausgelassen dieses erfolgreiche Unternehmen. Mick und ich hatten bereits auch einige Bier getrunken und Luc und Stef standen für einen Moment etwas abseits.

„Sag mal Schatz, haben wir dieses eigentlich erlebt oder geträumt? Ich bin noch immer so mit Emotionen geladen.“

Mein Freund schaute mich mit seinem Bierglas in der Hand an und stand auf.

„Komm, lass uns mal zu den beiden da drüben gehen. Ich glaube, dort finden wir eine Antwort.“

„Na, ihr beiden, gehen euch auch so ein paar Gedanken durch den Kopf?“

Stef drehte sich nach den Worten von Mick um. Er lächelte.

„Ja, wir haben gerade darüber gesprochen, wie unglaublich dieses Erlebnis war.“

„Da habt ihr absolut Recht. Und ich kann immer noch nicht so richtig glauben, dass Mama wirklich zum Rennen gekommen ist. Und schaut euch doch mal die beiden an. Ich habe Mama schon ganz lange nicht mehr so ausgelassen gesehen.“

Dabei zeigte Lukas auf unsere Eltern und wir mussten alle lachen, denn Mama schien gerade etwas zu erzählen und alles begann laut zu lachen.

„Sag mal Luc, musst du morgen eigentlich schon wieder in München arbeiten?“, fragte ich meinen kleinen Bruder.

Der grinste mich breit an und antwortete: „Nein, ich muss erst am Dienstag wieder in der Firma sein. Karl meinte, er würde auch erst morgen zurückfahren und wir sollten mit ihm gemeinsam nach München zurückfliegen.“

„Das ist ja cool. Dann können wir ja noch ein wenig gemeinsam feiern.“

„Ja“, meldete sich Stef, „aber bitte trinkt nicht wieder so viel wie damals.“

Mick wurde rot, als er diese Anspielung begriff. Er antwortete entsprechend kleinlaut:

„Ganz bestimmt nicht. Das passiert mir nie wieder. Man, war das peinlich.“

Wir mussten alle lachen und komischerweise hatten wir alle den gleichen Gedanken. Stef nahm seinen Luc und ich meinen Mick und wir küssten uns. Erst, als wir ein Räuspern hinter uns wahrnahmen, realisierten wir, dass Papa bei uns stand.

„Jungs, ich störe ungern, aber ich möchte euch bitten, für einen Moment zu uns zu kommen. Ich möchte etwas mitteilen.“

Wir schauten uns alle etwas verwundert an, folgten Papa aber gehorsam in die große Runde. Wir setzten uns wieder auf unsere Plätze, während Papa sich in den Kreis der Leute stellte. Es wurde plötzlich ganz still. Irgendetwas hatte hier bereits stattgefunden, denn der Chef von den Ahab Leuten, bekam ein fettes Grinsen ins Gesicht.

„Also gut“, begann Papa seine Rede, „ich habe gesagt, ich möchte mir mit der Zielankunft bei diesem Rennen einen letzten Traum erfüllen. Ihr, meine Familie, habt mir diesen Traum ermöglicht. Auch in diesem Jahr haben sich wieder viele Dinge ereignet und gerade kurz vor dem Zieleinlauf der Zwischenfall mit Mick hat mir gezeigt, wie schnell alles vorbei sein kann.“

Papa holte einen Moment Luft und ich spürte, hier würde gleich etwas Außergewöhnliches passieren, denn Papa konnte eigentlich sehr gut spontan reden. Aber er hatte sichtlich Mühe, die passenden Worte zu finden.

„Eine riesengroße Hilfe in diesem Jahr war, außer euch Ahab Jungs, dass meine Freundin und Mutter meiner Jungs bei diesem Rennen anwesend war. Sie war nicht nur anwesend, sondern sie hat uns alle immer unterstützt. Nicht einmal hat sie ihre durchaus vorhandene Angst gezeigt. Sabine, ich bin stolz auf dich und ich hoffe, deine Kinder sind es auch.“

Jetzt war es an uns, das auch zu bestätigen. Das taten wir mit Applaus und wir alle standen auf und umarmten Mama. Sie hatte Tränen in den Augen, denn damit hatte sie nicht gerechnet. Erstaunlich für mich war, alle Ahab Jungs waren vollkommen still. Niemand wagte es, Papa zu unterbrechen.

„Mir ist in einer Situation klargeworden“, fuhr Papa fort, „ich habe eine wichtige Sache vor mir hergeschoben. Was passiert eigentlich, wenn mir mal etwas passiert? Wie geht es dann mit dir, Schatz, und den Kindern weiter. Ich habe es euch versprochen und ich halte mein Wort. Heute war mein letztes großes Rennen. Ich werde nur noch zum Spaß an irgendwelchen Veranstaltungen teilnehmen.“

Das war jetzt für Mama das Zeichen. Sie stand auf, ging auf Papa zu und umarmte ihn innig. Erst nach einem Moment lösten sie sich wieder voneinander. Papa schien noch nicht fertig zu sein, denn er griff in seine Tasche.

„Ich habe auch mal gesagt, jeder muss zu dem stehen, was er mal gesagt hat. Heute ist so ein Tag, da muss ich einige meiner Worte revidieren.“

Oha, jetzt wurde es aber sehr spannend. Papa würde eine seiner Aussagen revidieren. Und auch noch öffentlich. Das kam äußerst selten vor.

„Ich habe, als meine damalige Frau und Mutter von Leif und Mick uns verlassen hatte, gesagt, niemals wieder heiraten. Heute ist ein Tag, dies zu widerrufen. Ich habe heute mein allerletztes Rennen beendet und deshalb, Sabine, frage ich dich heute: Willst du mich heiraten?“

Dann holte er aus seiner Tasche eine Schachtel hervor und schaute Mama erwartungsvoll an. Ich war vollkommen überwältigt. Hatte Papa das wirklich gerade gesagt? Wir Jungs schauten uns fassungslos und fragend an.

Mama hingegen blieb ganz ruhig und antwortete nur mit drei Worten:

„Ja, ich will.“

Stille! Vollkommene Stille.

Dann aber brach unbändiger Jubel aus. Wir fielen uns alle um den Hals und es flossen etliche Freudentränen, auch bei mir. Damit hatte von uns niemand gerechnet. Papa steckte ihr einen Ring an einen Finger und ich hatte meinen Mick im Arm und ich konnte nicht anders, mir liefen Freudentränen aus dem Gesicht. Papa hatte Verlobungsringe besorgt und wir alle wussten von nichts.

Dieser Abend wurde noch sehr lebhaft und entsprechend spät. Erst, als ich vor Müdigkeit kaum noch sitzen konnte, brachen wir ins Hotel auf. Jetzt konnten alle endlich den lange vermissten Schlaf nachholen.

Ein wichtiges Kapitel der Familiengeschichte Steevens wurde beendet, aber ein neues gleichzeitig aufgeschlagen. Mal sehen, wie sich das in den nächsten Wochen entwickeln würde.

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