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Zu Hause

Gewinner der Weihnachtschallenge 2010

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Wir hätten Sex haben können, keine Frage. Und obwohl ich normalerweise nichts anbrennen ließ – vor allem nicht, wenn mir der gegenüber gefiel, so wie in diesem Falle – ich war nicht auf die Angebote eingegangen. Seit langem hatte ich nämlich wieder das Gefühl, dass es etwas Ernstes werden könnte.

Sabine war nicht nur attraktiv, sie hatte auch Feuer und eine gewisse Spitzfindigkeit, die mich faszinierte. Sie vertrat ihre Meinungen gewissenhaft, blieb dabei aber auch offen für neue Sichtweisen. Alles in allem – sie war jemand, den man nicht so schnell wieder fand.

Also war ich auch dementsprechend gut gelaunt, als ich den Weg nach Hause einschlug. Bei ihr zu bleiben, hatte ich abgelehnt. Ich wollte das Ganze langsam angehen und erst nach dem zweiten oder dritten Date körperliche Tuchfühlung suchen.

Rasch durchquerte ich die schmalen Nebenstraßen. Es war verteufelt kalt wieder. Dieser Winter hatte es in sich. Zum Glück war ich nur noch ein paar Häuserblocks entfernt.

An der nächsten Straßenecke konnte ich eine Gestalt erkennen, die ziemlich verkrampft aussehend an einem Laternenpfahl lehnte.

Ungebremst setzte ich meinen Weg fort, mir wohl bewusst, dass ich sie passieren würde. Allerdings mündete das Gässchen auch genau dort in eine viel befahrene Hauptstraße, so dass ich nicht wirklich etwas zu befürchten hatte.

Selbst jetzt noch, zwei Stunden nach Mitternacht, reihten sich die Autos hintereinander und Nachtstreuner kamen des Weges.

Die Person bemerkte mich erst, als ich fast schon wieder an ihr vorbei war. Ich konnte ein Zucken erkennen, das sie fließend in einen Schritt in meine Richtung überleitete. „Hey“, sprach der Typ mich an.

Zögernd blieb ich stehen. Eigentlich hatte ich keine Lust auf einen Plausch. Vor allem, da er mir so langsam suspekt vorkam. Er trug viel zu dünne Kleider für diese Jahreszeit.

Ich meine, ich kannte das Problem. Ein Winteranorak war eben nicht ganz so schick wie die Lederjacke, die ich auch normalerweise bevorzugte. Aber bei dieser Kälte konnte man daran keinen großen Gedanken verschwenden.

Dieser Kerl hier allerdings ... nun, sein Outfit würde eher zu einer etwas frischeren Sommernacht passen.

Abwartend schaute ich ihn an, ihn dabei nur zu offensichtlich musternd.

Er leckte sich über die Lippen, versuchte seine Hände tiefer in seine Jackentaschen zu stecken. Ich glaubte nicht, dass sie wirklich Wärme spendeten.

„Hast du ’nen Platz für die Nacht?“ Auch er betrachtete mich, dabei wirkte er in seiner desinteressierten Haltung mehr als herablassend.

„Für was?“, fragte ich leicht gereizt nach. Der Typ nervte jetzt schon.

„Na, zum Pennen.“

„Schlaf bei dir zu Hause, oder sehe ich aus wie ein wandelndes Hotel?“, schnauzte ich ihn an und wandte mich wieder zum Gehen. Die Leute wurden auch immer frecher. Arbeiten wollten sie nicht, aber alles hinterher getragen bekommen.

„Warte man“, er folgte mir und legte seine Hand auf meine Schulter. Ich schüttelte sie ab, blieb aber stehen.

„Was ist?“, fuhr ich ihn an, dabei drohend die Hände zu Fäusten geballt. Der sollte mich nicht noch einmal anfassen.

„Ich mache auch, was du willst“, haspelte er hastig hervor.

„Schön, dann verpiss dich.“ Ich rollte genervt mit den Augen.

„Bitte, ich habe kein Zuhause. Es ist so kalt.“ Er hob flehend seine Hände. Es wirkte fast schon so, als wolle er ein Gebet sprechen. Fehlte nur noch, dass er sich auf die Knie begab.

„Das ist nicht die erste kalte Nacht in diesem Jahr. Also erzähl mir nichts.“ Mir fielen allerdings doch seine schon bläulich angelaufenen Finger auf. Warum hatte der auch keine Handschuhe? Ich wollte nicht wissen, wie dem seine Füße in den dünnen Chucks aussahen. Ein Punk natürlich, und wahrscheinlich einer von der schlimmsten Sorte.

„Da hatte ich immer Glück gehabt und einen Platz gefunden. Aber die Bahnhofsaufsicht hat uns hinaus geschmissen und ein Kunde, der mich mitgenommen hätte, war heute auch nicht aufzutreiben. Bitte, du kannst mich auch ficken, musst nicht einmal etwas zahlen.“

„Zahlen? Na, dass will ich ja hoffen. Pennst bei mir und willst noch bezahlt werden dafür, oder was?“ Unglaublich. Fassungslos schüttelte ich den Kopf und eilte wieder weiter.

„Man, bleib doch stehen“, zischte nun auch er beleidigt. „Kann ich jetzt mit zu dir?“

„Wenn du aufhörst zu nerven ...“ Holte mich der Teufel, aber ich konnte tatsächlich nicht nein sagen. Vielleicht war es der Anblick der Lippen gewesen, in denen ich kein bisschen Farbe mehr gesehen hatte. Oder seine unverschämte Art, sich mir anzubieten.

Ein Stricher. Und das auch noch gleich in meiner Wohnung. Würde ich das in der Kanzlei erzählen, die würden denken, ich scherze.

Aber wie gesagt, ich war ja eigentlich gut drauf gewesen. Und wenn ich in den nächsten Tagen erneut Berichte von erfrorenen Pennern hörte, konnte ich mir wenigstens nichts vorwerfen.

Meine Wohnung war nicht mehr weit, nur noch ein paar Straßen. Der Punk folgte mir, doch hielt zum Glück die Klappe.

Erleichtert seufzte ich auf, als mich die Wärme endlich wieder umfing. Das nächste Mal würde ich das Auto nehmen, ganz sicher. Dann hätte ich auch keine Probleme mit Obdachlosen, die sich neugierig mein Hab und Gut anschauten.

„Schuhe ausziehen“, brummte ich. Dabei ließ ich ihn keinen Moment aus den Augen. Abwartend verschränkte ich die Arme vor der Brust. Nicht, dass er mir noch etwas klaute.

„Willst du jetzt gleich?“ Er richtete sich wieder auf und trat erschrocken nah an mich heran. Sofort wich ich einen Schritt zurück.

„Was soll das“, knurrte ich ärgerlich. „Du stinkst übrigens.“ Als er so nahe an mich gekommen war, hatte ich nur allzu deutlich die Duftwolke um ihn herum riechen können.

Er zuckte mit den Schultern. „Ist schon etwas länger her, seitdem ich eine Dusche genießen durfte.“ Er grinste. „Ich kann mich ja für dich säubern, wenn du willst. Musst mir nur dein Bad überlassen.“

Ich schnaufte. Er war anstrengender, als ich angenommen hatte. „Ja, wasch dich. So erträgt dich ja kein normaler Mensch.“

Ich lief voraus durchs Wohnzimmer zum Bad.

„Hier sind Handtücher, du kannst dir nachher den Bademantel überwerfen. Deine Kleider steckst du in die Waschmaschine ... ich will nicht wissen, was für ein Dreck an denen haftet.“ Angewidert warf ich ihm einen Blick zu. Seine Klamotten hatten fast schon einen graubraunen Stich. Es gibt schon abartige Sachen.

„Cool, man“, rief er begeistert aus und fing sofort an, sich zu entkleiden. Ich machte, dass ich aus dem Bad kam und knallte die Tür hinter mir zu.

Unglaublich dieser Typ.

In der Küche gönnte ich mir erst einmal einen Schnaps. Daraufhin lief ich zum Anrufbeantworter, der eifrig blinkte, und hörte ihn ab.

„Markus! Vergiss den Termin morgen nicht mit dem Mensler. Der Streit mit seiner Schwester ist weiter eskaliert. Eine richtige Soap. Nur so als Vorwarnung ... achja, ich habe einen Eilbrief an den zuständigen Notar geschickt, also müsste der die Unterlagen morgen bereits haben. Wenn nicht, ... naja, das wäre scheiße, aber dann ruf mich an. Man sieht sich ... und vögel nicht so viel, die armen Frauen, haha.“

Typisch Sebastian ...

„Die Kinder kommen morgen. Nico hat Hausarrest, aber ich werde mit Robert unterwegs sein und kann nicht aufpassen, dass er sich von dieser Party fernhält. Tom hat auch Zeit, da seine Freundin krank geworden ist. Ich werde die beiden so um zehn Uhr vorbeibringen.“

Äh ... schön, dass ich das auch so früh erfuhr und überhaupt gefragt wurde. Nicht, dass ich mich nicht freute. Ich liebte meine Kinder und sie könnten von mir aus glatt hier einziehen. Aber es war immer wieder erstaunlich wie Bettina – die Mutter meiner beiden Söhne – der Ansicht war, dass ich immer Zeit hatte, sobald sie es verlangte. Es könnte ja auch sein, dass ich meine Zeit schon anderweitig verplant hatte. Wie es auch tatsächlich der Fall war!

Na super, jetzt musste ich mir überlegen, was ich den beiden bieten und wobei ich gleichzeitig auch einfach mal so für ein paar Stunden verschwinden konnte.

„Hallo Markus, ich hoffe du bist gut zu Hause angekommen? Ich wollte dir nur noch einmal sagen, dass ich den Abend heute sehr schön fand ... ich hoffe, wir können so etwas bald wiederholen? Gute Nacht und Küsschen, Sabine.“

Das war die letzte Nachricht und auch eindeutig die erfreulichste. Sie hatte es mir also anscheinend nicht übel genommen, dass heute Abend nichts Sexuelles zwischen uns gelaufen war.

Ein kurzes Lauschen teilte mir mit, dass mein nächtlicher Gast immer noch unter der Dusche weilte. Ich setzte dennoch schon einmal Wasser auf. Auch wenn ihn die Dusche vermutlich gerade aufwärmte, so würde ein Tee nicht schaden.

Ebenfalls suchte ich die Decken zusammen und präparierte die eine Couch als Schlafstätte. Meine Wohnung war nicht sonderlich groß, sie zählte ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit eingebauter Küche und dem Bad. Wenn meine beiden Kinder zu Besuch kamen, schliefen sie öfters auf den beiden Sofas, demnach hatte ich auch genügend Decken und Kissen.

„Was machst du denn da?“ Erschrocken sprang ich nach vorne. Der Punk war wie aus heiterem Himmel hinter mich getreten und hatte mir ins Ohr geflüstert.

„Bist du verrückt?“, fuhr ich ihn an, mir immer noch mit klopfendem Herzen durch die Haare fahrend.

„Ich?“, er trat einen weiteren Schritt vor, sodass er geradezu an mich dran klebte. Leider war mir der Rückzug durch ein gewisses Möbelstück versperrt.

„Was so...“ Auf einmal presste er seine Lippen auf meine. Ich war viel zu perplex, um zu reagieren. Wie eine Salzsäule erstarrte ich. Erst als er seine Zunge hervorschnellen ließ, um in meinen Mund einzudringen, kam wieder Leben in meine Glieder.

Empört hob ich meine Hände und stieß ihn davon. Was fiel diesem Kerl eigentlich ein? Das war kein Stricher sondern ein Nymphoman!

Dieser stolperte überrascht zurück und fiel praktisch über seine eigenen Füße. Mit großen Augen landete er auf seinem Hintern und starrte mich verblüfft an.

„Olala, sag doch gleich, dass du Küsse nicht magst ...“

Ich wollte ihn scharf anfahren, doch stockte mitten im Luftholen.

Eine Frechheit!

Jetzt hatte der doch seinen Bademantel offen gelassen. Ich hatte direkten Blick auf seine Körpermitte. Und sein Schwanz war ... nun steif wäre vielleicht übertrieben, aber schlaff bestimmt nicht.

„Normalerweise mache ich ja auch keine“, er schürzte fast schon beleidigt die Lippen. Verkrampft versuchte ich meinen Blick auf seinem Gesicht zu halten. „Aber du bist halt süß, da wollte ich eine Ausnahme machen.“

„Schön ... zum letzten Mal. Halte dich von mir fern, oder du landest wieder auf der Straße.“

Ich schnaubte noch einmal mit Nachdruck, und stolzierte dann zur Küchentheke. Dass ich eigentlich flüchtete, versuchte ich mir nicht anmerken zu lassen. Und zudem ... ich war NICHT süß.

Instinktiv wollte ich erneut zur Schnapsflasche greifen, doch das schrille Pfeifen des Wasserkochers bescherte mir mitten in der Bewegung einen halben Herzinfarkt.

„Willst du Tee?“, fragte ich ihn, schwer um Ruhe bemüht.

„Klar warum nicht. Auch wenn ich eindeutig bessere Methoden kenne, um mich aufzuwärmen. Schau, ich bin jetzt sauber.“ Er war aufgestanden und kam mit einem erneuten Grinsen auf mich zu. Bei jedem Schritt öffnete sich provokant der Mantel um ein Stück.

„Schon einmal etwas von zubinden gehört?“, zischte ich sarkastisch.

„Was denn?“ Er setzte sich auf den Barhocker und stützte gelangweilt das Kinn in seine Hand.

„Ach, vergiss es“, winkte ich ab. „Da.“ Ich knallte ihm die Tasse hin.

„Morgen früh musst du weg, ich kriege noch Besuch“, informierte ich ihn anschließend. Nicht, dass er überhaupt auf den Gedanken kam, hier lange zu verweilen.

„Klar, will ja auch nur pennen ...“ Genießerisch vergrub er seine Nase in den aufsteigenden Dampf.

„Gut. Und falls es noch nicht bei dir angekommen ist ... du schläfst auf dem Sofa.“ Ich nickte hinter ihm zur erwähnten Schlafstelle.

„Was?!“, fassungslos schaute er mich an. „Sag mal, stinke ich immer noch?“

Er schnüffelte an sich selbst.

„Nein, aber ich bevorzuge es, mein Bett für mich zu haben.“

„Achso“, er stellte sich wieder gelangweilt. Dennoch täuschte es mich nicht darüber hinweg, dass er sich die Nacht irgendwie anders vorgestellt hatte.

„Sag mal“, er griff in den Stapel Magazine neben sich und veranstaltete ein heilloses Durcheinander. „Du stehst doch nicht wirklich darauf?“

Er hatte zielsicher das Pornoheft erwischt, das eigentlich von den anderen verdeckt worden war.

Geekelt rümpfte er die Nase, als er durch die Seiten blätterte.

„Doch“, ich entriss ihm das Heft wieder. Dabei konnte ich es allerdings nicht lassen, ebenfalls einen Blick hineinzuwerfen. Pralle Brüste lachten mir entgegen, weibliche Rundungen und ...

„Oh nein, du bist nicht wirklich hetero?“, stöhnte der Punk.

Mein Schwanz wurde unwillkürlich steif. Zögerlicher als ich es vorgehabt hatte, legte ich das Magazin wieder weg.

„Natürlich bin ich das“, erwiderte ich. Na, der hatte auch ein schnelles Auffassungsvermögen.

„Ich kann auch auf Frau machen. Halt keine Ahnung ... du kannst ja in das Heft glotzen, während ich dir einen blase. Oder einen Porno schauen und mich dabei ficken. Ihr macht’s doch auch anal.“ Er hatte hastig gesprochen. Seine Hände um die Tasse wirkten ziemlich verkrampft, seine Knöchel blitzten weiß hervor.

Leider riefen seine Worte viel zu eindeutige Bilder in mir hervor. Sie halfen nicht wirklich, meine Erregung wieder loszuwerden, sondern stachelten sie vielmehr noch weiter an.

„Nein danke“, winkte ich schnell ab. „So nötig habe ich es dann doch nicht, mich von einem Schwulen befriedigen zu lassen.“ Na, anscheinend ja doch ... oder warum bekam ich da unten auf einmal Platzangst?!

„Was soll das denn heißen?“, er schnappte beleidigt. „Du wirst sehen, ich bin besser als jede Frau.“

„Klar“, höhnte ich. „Naja du, ich gehe dann mal ins Bett.“

Müde war ich jetzt zwar bestimmt nicht, aber das spielte für mich gerade eine geringere Rolle.

„Ach komm, es wird dir gefallen.“ Er war aufgestanden und wollte um die Theke herum zu mir treten. Blitzschnell zog ich mich zurück, vorgebend den Wasserkocher verstauen zu müssen.

„Du willst es doch auch.“ Ich stellte fest, dass mich mein Fluchtversuch in die Falle gelockt hatte.

Jetzt klemmte er mich zwischen sich und der Küchenablage quasi ein.

„Verschwinde“, knurrte ich.

Plötzlich griff er mir in den Schritt. Ich konnte mir ein Stöhnen nicht verkneifen, was er gleich als Ermunterung nahm, weiterzudrücken.

Panik überkam mich, der wollte doch nicht wirklich ... meine Hand schnellte nach hinten und stieß ihn weg. Sofort drehte ich mich herum und begab mich in Abwehrhaltung.

„Verlass meine Wohnung, sofort“, zischte ich wütend. Ich hatte immer gedacht, Stricher wären froh, wenn man sie nicht belangte. Dieser hier schien einen Schaden am Kopf zu haben.

„Hey, ganz ruhig“, er wich einen Schritt zurück ... wenn ich mich nicht irrte, lief er zum ersten Mal rückwärts an diesem Abend. Etwas, was ich schon viel zu oft in seiner Gegenwart getan hatte. Als wäre ich die Beute und er das Raubtier.

„Raus.“ Ich keuchte. Würde er sich auch nur einen Millimeter wieder in meine Richtung bewegen, ich könnte für nichts garantieren.

„Ich habe verstanden, okay? Du bist hetero und kein bisschen bi. Es tut mir leid ... es ist nur ... ach, scheiße.“ Er umklammerte seinen Bademantel, womit dieser zum ersten Mal in einen Zustand verfiel, den man als ‚zu‘ beschreiben konnte.

„Bisher wollten halt alle ... auch wenn sie meinten, sie würden es nicht tun, aber ... sie hatten es halt erwartet, okay?“

„Schön, ich bin aber nicht alle.“ Für jedes seiner Worte könnte ich ihn erschlagen. Mich einfach in den Topf irgendwelcher Freier zu werfen. Ich und Freier ... dass ich nicht lachte.

„Das habe ich gemerkt.“ Er schaute bedrückt, doch ich nahm ihm seine Show nicht ab. Im Grunde genommen tat ihm seine Aktion ja doch nicht leid. Vielmehr bedauerte er, dass sie nicht gefruchtet hatte.

„Warum bist du immer noch in meiner Wohnung? Ich bekomme den Eindruck, dass du mit Absicht alles, was ich zu dir sage, ignorierst.“

„Nein“, er quiekte schon fast auf, als hätte man ihn aufgespießt, „das ist nicht wahr. Bitte, du kannst mich auch in einen Schrank sperren oder ... aber bitte wirf mich nicht hinaus.“ Sein Gesicht zeigte jetzt Entsetzen. Er hatte wohl endlich realisiert, dass ich es durchaus ernst meinte mit meinem Rauswurf.

„Bist du verrückt, verpiss dich einfach. Ich hätte dich gar nicht herkommen lassen sollen ...“ Ich lief aufgeregt wieder in die Mitte des Raumes. Er sollte jetzt einfach gehen, ohne großes Aufheben und ich konnte ins Bett und das alles vergessen.

„Bitte“, er wollte mir hinterher rennen, doch blieb dann stehen. Gut für ihn.

„Meine Kleider, die sind doch noch in der Wäsche.“

Ich erstarrte. Daran hatte ich jetzt tatsächlich nicht gedacht. Okay, dass er in einem Bademantel herumlief war mir schon klar gewesen. Doch ich hatte es versäumt, eine Verbindung zwischen dem einem und dem anderen zu ziehen.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein“, stöhnte ich. Ich eilte ins Badezimmer, in der Hoffnung, dass er die Bedienung der Waschmaschine nicht verstanden hatte oder sonstiges. Sie lief auch wirklich nicht ... nur als ich sie öffnete, lachte mich ein nasser Kleiderhaufen an. Und der gehörte bestimmt nicht zu mir.

Ich war vielleicht vieles, aber bestimmt kein Unmensch. Unmöglich konnte ich ihn damit jetzt nach draußen schicken. Er würde einfach sterben.

„Bitte, ich kann auch ...“ Ich schrie auf und unterbrach somit sein Geschwall.

„Sag mal“, wütend fuhr ich herum. Er stand erschrocken im Türrahmen. „Kannst du verdammt noch mal aufhören, dich andauernd an mich anzuschleichen? Oder willst du, dass ich noch einen Herzkasper kriege, oder was?“

„Sorry“, nuschelte er verlegen.

Schnaubend drehte ich mich wieder der Waschmaschine zu. Mit ziemlich abgehackten Bewegungen, da ich meine Wut krampfhaft unter Kontrolle halten musste, beförderte ich seine Kleider in den Trockner und startete ihn. Das ganze würde jetzt etwa eine Stunde dauern. So lange musste ich ihn also noch ertragen.

„So, und jetzt?“ Ich schaute ihn böse an.

„Äh ... essen?“

Fassungslos schlug ich mir die Hand gegen die Stirn. Ja natürlich ... und am besten noch ein Fünf-Gänge-Menü.

„Sonst noch irgendwelche Ansprüche?“, zischte ich sarkastisch.

„Nein ... Musik? Oder ich weiß nicht, was du willst.“

„Ich möchte, dass du gehst, aber da muss ich ja noch warten“, brummte ich missgelaunt.

„Kannst du mal die Tür freigeben?“, fragte ich dann nach einer Weile.

Ich hatte nicht wirklich Lust, mich an ihm vorbeizuzwängen. Und er stand dort angewurzelt wie ein Baum.

„Wir können doch wenigstens versuchen, die Zeit noch schön zu gestalten ... ich meine, ohne dass wir miteinander schlafen ... also ich ...“

Ich stoppte ihn, indem ich eine Hand hob. „Setz dich einfach, und sei still. Das ist mir die angenehmste Variante, in der du überhaupt vorkommst.“

Er wollte etwas erwidern, doch klappte den Mund dann doch wieder ohne einen Laut zu. Na das schien ja wenigstens zu klappen.

Stumm beobachtete er mich also, wie ich zum Kühlschrank lief und mir den Inhalt begutachtete.

Warum ich das tat, war mir schleierhaft. Er hatte ganz bestimmt kein Essen von mir verdient.

Auf einmal klingelte mein Telefon. Nein ... mein Handy viel eher gesagt. Ich brauchte eine Weile, bis ich den Ton identifiziert hatte und dann auch schließlich den Ort.

Fluchend sprang ich zu meinem Anorak und kramte das Gerät aus der Tasche.

„Ja?“, meldete ich mich leicht genervt. „Sag mal, hast du noch alle Tassen im Schrank? Es ist vielleicht ...“, ich schaute rasch auf die Küchenuhr, „drei Uhr morgens!“

„Ey chill man“, kicherte es auf der anderen Seite.

Verblüfft hielt ich das Handy kurz vor mich und starrte verwirrt drauf. „Alexa?“ Warum, zum Teufel, rief mich meine Schwester jetzt noch an? Wobei ... bei der wusste man eigentlich eh nie genau, was los war.

„Markus, warum klingst du so, als würdest du jemanden ermorden wollen?“

„Weil ich das tue?“, entgegnete ich lapidar.

„Also, du wirst es nicht glauben, aber!“ Sie hielt bedeutend inne. Gelangweilt schlurfte ich zurück in die Küche. Jetzt würde sie bestimmt gleich wieder von irgendeinem Typen losschwärmen.

„Er hat so einen geilen Sixpack. Das Beste aber ist ... oh Markus!! Er ist soooooooooooo süß. Er tut ja immer so, als könnte er alles, aber eigentlich kriegt er nichts auf die Reihe und ... du musst ihn kennen lernen. Früher dachte ich ja immer, er sieht gar nicht so gut aus. Halt, dass ich ihn nur so heiß finde wegen seinem Verhalten. Stimmt wahrscheinlich auch, aber wirklich ... so eine Sahneschnitte.“

„Ah“, erwiderte ich wortreich.

„Sag mal“, ihre Stimme hatte einen misstrauischen Klang angenommen, „bist du alleine?“

„Ja ... äh, nein.“ Ich warf dem Punk einen kurzen Blick zu.

„Oh, wer ist denn da? Sag nicht, du hast wieder jemanden abgeschleppt! Du weißt doch, wie schnell ich eifersüchtig werde.“ Sie lachte und fand sich gerade wohl ziemlich lustig.

„Nein, ich war heute Abend auf einem Date.“

„Jaaaaaaaaaaaa? Du und Date?“

„Es ist nichts gelaufen“, sah ich mich genötigt noch hinzuzufügen. Schließlich musste ich sie, wenn, dann auch richtig schocken.

„Willst du mich verarschen?“

„Nein“, ich rollte innerlich mit den Augen.

„Also ist sie jetzt noch bei dir?“

„Nein“, wiederholte ich mich.

„Nein? Du hast also danach noch jemanden abgeschleppt, weil sie doch eine dumme Trine war?“

„Nein.“

„Ja wer denn jetzt?!“, sie wurde aggressiv. Passierte ihr manchmal recht schnell, was allerdings an ihrer chronischen Ungeduld lag.

„Irgend so ’n Typ“, meinte ich schmunzelnd. Dass sie anbeißen würde, war mir klar.

„WAAAAAASSSSSSSSS? Sag nicht, mein Traum ist wahr geworden. Oh Markus. Warum hast du nichts gesagt?“

„Nein, er ist nicht wahr geworden. Ist irgend so ein Penner ...“ Meine Augen huschten wieder zu ihm. Er saß mittlerweile auf dem Sofa und schaute mich neugierig an. Dass seine Ohren gespitzt waren, war mir durchaus klar.

„Irgend so ein Penner?“, wiederholte sie mich. „Seit wann bist du unter die Samariter gegangen? Du gibst ja nicht einmal Trinkgeld, wenn dir die Kellnerin nicht gefällt. Und Typen schon eh nie ... also erzähl mir nichts.“

„Da gibt es auch nichts zu erzählen ...“ Leider bereute ich schon jetzt, damit angefangen zu haben. Aber ich hätte es ja wissen müssen.

„Ist er süß?“

„Keine Ahnung“, knurrte ich gespielt gereizt.

„Ach komm, jetzt stell dich nicht so an.“

„Ich kann so etwas nicht beurteilen.“

Sie schnaubte missbilligend in den Hörer. „Natürlich kannst du das. Oder bist du blind geworden.“

„Du weißt genau, was ich meine“, seufzte ich.

„Ja, und es ist völliger Schwachsinn. Egal, dann schau ich ihn mir eben morgen an ...“

„Er geht gleich ...“

„Äh ... sag nicht, du schmeißt ihn raus?!“, sie klang entsetzt.

„Doch, das hatte ich vor ...“ Ich begab mich Richtung Schlafzimmer. Obwohl die Wände nicht wirklich dick waren, würden sie dennoch etwas den Schall dämpfen.

„Bist du verrückt???? Weißt du wie kalt es draußen ist?!“ Schmerzhaft riss ich das Handy von meinem Ohr. Autsch, das war grauenhaft schrill und laut gewesen.

„Markus, wehe ... duuuuuuuuuuuuu ... das geht nicht!“

„Er hat mich angegraben“, zischte ich mich rechtfertigend.

„Na und, jetzt benimm dich nicht wie ein altes Weib.“

„Übrigens kommen morgen meine Kinder vorbei, was glaubst du, werden die denken, wenn sie ihn sehen?“

„Was sollen sie denn denken? Wahrscheinlich werden sie begeistert über deinen coolen Freund sein.“

Ich bekam das unbestimmte Gefühl, dass das Gespräch gerade in eine Richtung verlief, die mir definitiv nicht gefiel.

„Er ist nicht mein Freund“, entgegnete ich ärgerlich.

„Ist doch egal.“

„Alexa, bitte ... der kommt schon klar, schließlich ist er nicht die erste Nacht ohne Dach über seinem Kopf. Ich habe morgen auch gar keine Zeit, etwas mit dir zu unternehmen ...“

„Ich dachte deine Kinder kommen?“ Warum hatte sie mich überhaupt angerufen? Um mich andauernd wegen irgendetwas anzuklagen?

„Ja ... das ist ja auch ein Problem, weil ich noch einen Termin habe. Aber das werde ich schon regeln.“

„Siehst du!“, rief sie begeistert aus. „Ich komme, schaue mir deinen neuesten Fang an und passe dann auf die Kinder auf ...“

„Die Kinder sind 15 und nicht 5 ...“

„Ja zum Glück, sonst würde ich wahrscheinlich noch aggressiv werden und sie umbringen.“ Alexa konnte nicht mit Kindern. Sie hatte eine fast schon manische Angst davor, mit ihnen in Kontakt zu treten. Jugendliche gingen da schon eher.

„Komm“, drängte sie, „ist das nicht eine gute Idee? Dann bist du aus der Klemme!“ Das stimmte tatsächlich. Entgegen meiner eigenen Aussage hatte ich nämlich immer noch keinen Schimmer gehabt, wie ich morgen meinen Termin und die beiden unter einen Hut bringen sollte. Schließlich hatte Nico auch Hausarrest. Sollte der Grund wenigstens etwas nachzuvollziehen sein, wollte ich ungern Bettina in ihre Erziehungsmethoden pfuschen. Sie verstand davon bestimmt mehr als ich. Wobei ...

„Ja, ja, ja?“, fragte Alexa aufgeregt am anderen Hörer.

„Ja, verdammt“, seufzte ich entnervt, „dann komm halt. Die Kinder sind so gegen zehn da, also davor muss er weg ... das heißt du kannst irgendwann zwischen acht und neun eintrudeln.“

Ein entsetztes Keuchen erklang. „Da schlafe ich noch.“

„Na, dann wird es ja mal Zeit, ins Bett zu gehen“, schmunzelte ich.

„Oh, du ...“, sie lachte. „Naja, ist wirklich schon etwas spät, oder? Und dabei habe ich dir eigentlich gar nicht das erzählt, was ich wollte ... naja, das hole ich dann morgen nach.“

„Mache das ...“

„Gut, schlaf gut ... und eine heiße Nacht.“ Ich konnte sie förmlich zwinkern sehen.

„Dir auch“, erwiderte ich sarkastisch.

Nicht wirklich wissend, was ich von dem Ganzen halten sollte, starrte ich mein Handy an. Na super, jetzt hatte ich diesen Punk wohl doch länger am Hals als gedacht.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, war er weg. Jedenfalls saß er nicht mehr auf dem Sofa. Panisch schwenkte mein Blick durch den gesamten Raum. Am anderen Ende blieb er schließlich hängen.

Da stand der doch wirklich am Kühlschrank und ...

„Sag mal, hatte ich etwas von Selbstbedienung gesagt?“ Unverschämt, dieser ... aaaaaaaaaaaaargh.

„Nein, aber ...“, er schaute auf, die Salami in der Hand, „ich hatte Hunger und du hattest vergessen, die Tür zuzumachen. Kostet doch unnötig Strom.“ Er grinste wieder so selbstbewusst.

„Tue nicht so, als hätte dich allein der Gedanke dazu bewegt aufzustehen, mir unnötige Kosten zu ersparen“, schnaubte ich missbilligend.

„Hast du Brot da?“, fragend schwenkte er die Salami.

Mir fiel fast die Kinnlade herunter. „Mich wundert es, dass du noch lebst. Dass keiner in einem Anfall von Wut dich erwürgt hat, ist auch das Mindeste, was du erwarten konntest mit deinem Verhalten.“

„Was denn?“, er stellte sich unwissend. Suchend schaute er sich um, bis er schließlich das Brot in der Ecke sah. „Ah“, freudig blitzten seine Augen auf.

„Willst du auch etwas? Ich kann dir eine Scheibe belegen.“

„Nein“, entgegnete ich trotzig. Der sollte sich bloß nicht einbilden, hier den Hausherrn spielen zu können.

„Wer hat angerufen?“, erkundigte er sich. So, als würden wir uns schon Jahre lang kennen und wären zutiefst miteinander vertraut ... diese Heuchelei.

„Meine Schwester“, knurrte ich.

„Ach ... sei doch mal locker. Ich komme dir schon nicht mehr zu nahe.“ Er setzte sich auf den Barhocker und biss genüsslich in sein Brot. Dabei schloss er die Augen und kaute anschließend mit offenem Mund.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte ich plötzlich. Langsam setzte ich mich in den Sessel, ihn genau im Blick behaltend.

„Ich?“, überrascht schaute er auf. „Äh ... Dominik.“ Na, das hatte aber eine lange Pause davor gebraucht. Ich bezweifelte ja, dass er wirklich so hieß. Hatten Stricher nicht immer irgendwelche Pseudonyme? Immerhin musste selbst ich zugeben, dass Sascha, Florian oder halt auch Dominik wesentlich erotischer klangen als Hartmut oder Dietmar. Nicht, dass ich etwas gegen jemanden hatte, der so hieß. Nur Freier würden das wahrscheinlich als Grund ansehen, den Preis zu drücken.

„Du?“, fragte er.

„Markus“, murmelte ich.

„Was wollte deine Schwester denn so spät noch?“

„Neugierig bist du ja gar nicht“, grunzte ich.

„Keiner zwingt dich ja zu antworten.“ Er grinste wieder so überheblich. Als wäre ich dumm oder so. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, er würde mich ständig auf den Arm nehmen.

„Das wäre ja noch schöner ... du solltest ihr übrigens danken. Sie will dich morgen sehen ...“

Er zog seine Augenbrauen in die Höhe. „Und das heißt?“

„Na, du kannst vor der Haustür auf sie warten ... oder du nimmst doch das Sofa. Ich werde jetzt allerdings wirklich ins Bett gehen. Ausschlafen ist nicht morgen.“ Ich gähnte verhalten, von einer plötzlichen Müdigkeit erfasst.

„Äh ...“, er blinzelte überrascht. „Cool, danke ey ...“

Ich winkte nur ab. „Ich werde dir eine Zahnbürste rauslegen.“

Daraufhin begab ich mich ins Bad und machte mich bettfertig. Als ich wieder hinauskam, schloss ich noch schnell die Wohnung ab. Vorgeblich ja um eventuelle Mörder abzuhalten hineinzukommen. Aber eigentlich, damit er nicht plötzlich verschwand, mich um einiges erleichternd. Dass ich diese Aktion viel zu spät ausführte, war mir in dem Moment auch egal.

„Also, gute Nacht“, winkte ich zum Abschied und verschwand ins Schlafzimmer. Er hatte immer noch auf dem Barhocker gesessen. Den Bademantel hatte er natürlich nicht geschlossen gehabt, wodurch ich einen ziemlich guten Blick auf seinen Oberkörper gehabt hatte ... zum Glück hatte der Tresen weiter unten liegende Bereiche verdeckt.

Ich konnte es mir ja selbst nicht erklären, aber allein der Gedanke an ihn – nackt – machte mich nervös.


Schrilles Piepen verursachte mir Kopfschmerzen. Instinktiv versuchte ich mich unter meinem Kissen zu verstecken. Der unangenehme Laut wurde dadurch zwar gedämpft, doch brachte es mich nicht umhin, langsam aus dem Tiefschlaf aufzudämmern.

Somit identifizierte ich auch nach einer Weile den Lärm als Haustürklingel. Fluchend kämpfte ich mich aus dem Bett und fiel eher hinaus als gesittet hinauszukrabbeln.

Ein Blick auf den Wecker teilte mir mit, dass es bereits halb neun war und ich gestern Abend vergessen hatte, den Alarm zu stellen. Wahrscheinlich stand meine Schwester gerade vor der Tür und veranstaltete diesen Terror.

Ich sah mich also auch nicht genötigt, mir noch mehr überzuwerfen. Die Boxershorts würden reichen, schließlich hatte sie mich schon öfters in diesem Zustand gesehen. Da würde das eine Mal mehr auch nichts ändern.

Mit überstrapazierten Nerven wollte ich die Tür aufreißen. Dabei kugelte ich mir fast schmerzhaft die Schulter aus, als die Tür überraschenderweise Widerstand leistete. Stimmt ja, ich hatte sie abgeschlossen. Wegen diesem Punk auf meinem Sofa.

„Einen Moment“, schrie ich, um das Inferno zu beenden. Als Antwort darauf ertönte nur eine schnellere Abfolge der Klingelgeräusche.

Ich stürzte zurück ins Schlafzimmer, um zu meiner Hose zu gelangen. Hastig kramte ich den Schlüsselbund heraus und hetzte zurück zur Haustür. Erleichtert schloss ich auf. Sie wurde mir allerdings, sobald ich die Klinke auch nur heruntergedrückt hatte, gegen die Stirn geschlagen.

„Autsch“, ich taumelte überrumpelt zurück.

„Hey, was hast du so lange gemacht?!“, klagte mich eine tiefe Stimme an, die gerade erst ihren Stimmbruch hinter sich hatte.

„Nico? Was machst du denn hier?“, verwirrt rieb ich mir über die Augen.

„Wusstest du nicht, dass wir heute kommen?“, schaltete sich da der andere, Tom, ein.

„Äh ...“

„Tut mir Leid.“ Ich zuckte allein beim Klang dieser drei Wörter zusammen. „Aber Robert wollte schon früher los.“

„Schön“, entgegnete ich äußerst frostig. Das war mal wieder typisch Bettina. „Dir ist auch nicht eingefallen, mich darüber zu informieren.“

Sie runzelte missbilligend die Stirn. „Ich ging davon aus, dass du die Nacht nicht anderweitig verbracht hast und schon auf bist. Wie konnte ich wissen, dass du Besucher mit fast nichts am Körper die Tür öffnest?“

„Hey, was macht denn ein nackter Kerl bei dir auf dem Sofa?“, kreischte es da sensationslustig aus dem Wohnzimmer.

Oh nein ... Nico war natürlich gleich weiter gestürmt und hatte auch sofort meinen Gast ausfindig gemacht.

Bettina schaute sofort interessiert und schritt in Soldatenmanier an mir vorbei.

Seufzend schloss ich möglichst behutsam die Tür, um Zeit zu schinden. Man musste sich ja nicht gleich in den Kampf stürzen. Tom war ihr bereits neugierig gefolgt.

Als wäre der Punk ein seltsames Wesen von einem fernen Planeten standen sie um die Couch herum und starrten ihn an. Er selber schien gerade erst aus dem Schlaf zu erwachen. Na, der schien ja nicht gerade leicht wach zu kriegen zu sein.

„Markus?!“, Bettina klang ungewöhnlich scharf.

„Ja?“, tat ich bewusst unschuldig.

„Was soll das? Willst du mich provozieren, oder warum diese Aktion?“

„Welche Aktion?“ Ich stellte mich zu ihrer Runde und schaute auf seinen roten Wuschelkopf. Natürlich war die Decke während er schlief so gefallen, dass man die Hälfte seines blanken Hinterns erkennen konnte.

Mittlerweile hatte er es geschafft, seine Augen offen zu halten. Tiefbraun schauten sie mich an, ziemliche Verwirrung ausdrückend.

„Morgen“, nuschelte er schließlich, und richtete sich mühsam auf.

Ich versteifte mich, eine Katastrophe erwartend. Doch instinktiv raffte er die Decke in seinem Schoß zusammen, sodass meine beiden Söhne keinen Schock am Morgen erlitten. Oder eher gesagt, dass ich keinen Schock erlitt.

„Seit wann stehst du auf Schwule?“, grölte Nico.

„Tue ich nicht“, seufzte ich, wohl wissend dass mir keiner glauben würde.

„Wer bist du?“, fragte Tom den Punk interessiert.

Dieser war noch nicht wirklich unter uns Lebenden, und blinzelte somit erst einmal einige Male. „Äh ...“, stammelte er schließlich. Wahrscheinlich musste er überlegen, welchen Namen er mir genannt hatte. „Dominik“, kam schließlich richtig.

„Markus! Dieser ... dieser ... er soll verschwinden!“, zeterte Bettina fassungslos.

„Warum?“, fragte ich erstaunt.

„Führe mich nicht zum Narren“, zischte sie allerdings mein Spiel durchschauend, „was fällt dir ein, deine ... wie kannst du es wagen, deine Perversität so offen vor deinen Kindern auszuleben?!“

Mir klappte beinahe die Kinnlade herunter. Ich durfte doch bitten! Sie hielt mich doch nicht wirklich für ...

„Ich bin nicht schwul“, meine Stimme hatte dabei einen fast peinlich hohen Ton angenommen. Aber gerade sie müsste doch wissen, dass ich ganz bestimmt nicht ...

„Und was ist dann das?!“, sie zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Dominik. Dieser versuchte sich vergeblich unter der Decke zu verstecken.

„Ey ist doch cool“, mischte sich Nico wieder ein. „Ein schwuler Vater, das glaubt mir keiner.“

„Ich bin nicht ...“

„Bist du ein Stricher oder hat Dad dich in einer Disko abgeschleppt?“, wandte er sich an den armen Punk.

„NICO!“, schrie Bettina empört.

„Was?“, winkte er ihr Aufbegehren genervt ab und starrte ihn weiter mit faszinierten Augen an.

„Weder noch“, schmunzelte dieser, wohl aufatmend doch nicht schutzlos einer Furie ausgeliefert zu sein. Ich traute meinen Söhnen auch tatsächlich zu, sich schützend vor ihn zu werfen, nur um ihn weiter ausquetschen zu können.

„Wie dann?“, hakte Tom begierig nach.

„Also das ist ja die Höhe“, schnaubte Bettina aufgebracht. „Markus, er soll sofort verschwinden. Ich hätte nie von dir erwartet dass du ... dass du SO bist.“

„Wenn dir seine Anwesenheit nicht passt, kannst du ja gehen“, schlug ich vor. Zurzeit fand ich es nämlich durchaus dringender, sie aus der Wohnung zu schaffen als ihn.

Sie schnappte einige Male lautlos mit dem Mund. Wie ein Fisch auf dem Trockenem ...

„Hast DU ihn abgeschleppt?!“, fragte Nico weiter, den Streit zwischen mir und seiner Mutter ignorierend.

„Naja, wie man’s nimmt ...“, Dominik schien sich von Sekunde zu Sekunde wohler zu fühlen. Genüsslich lehnte er sich zurück und räkelte sich unverschämt unter den Laken zurecht.

„Echt? Nicht wahr!“ Nico und Tom bekamen riesengroße Augen.

„Verlassen Sie diese Wohnung“, keifte Bettina ihn an. Der Punk lächelte allerdings nur belustigt.

„Ich wüsste nicht, dass Sie hier wohnen“, erwiderte er zuckersüß.

„Markus“, schrie sie mich wieder an. „Tu etwas!“

„Was denn? Ich kann ihn doch nicht nackt vor die Tür setzen. Was denken dann die Nachbarn.“ Was natürlich für sie von großer Bedeutung war. Sie könnte ja unmöglich ihre Kinder zu einem perversen Schwulen schicken, von dessen Treiben jeder wusste. Dabei war ich ja nicht einmal ... ach egal.

„Wenn du jedem die Tür öffnest, so wie heute Morgen, werden sie ohnehin noch früh genug das Maul über dich zerreißen.“ Sie warf einen erneuten missbilligenden Blick auf meine spärliche Bekleidung.

„Habt ihr gerade gepoppt ...“

„NICO!!“, versuchte Bettina ihn mit einem Kreischen zu unterbrechen.

„..., als wir geklingelt haben?“ Nach wie vor schien keiner ihr wirklich Beachtung zu schenken. Eigentlich war ich der einzige, der ihre Aussagen erwiderte.

„Das würdest du jetzt gerne wissen, was?“, grinste Dominik, bevor ich diese abstruse Behauptung meines Sohnes entkräften konnte.

„Es ist nichts gelaufen“, sah ich mich genötigt hinterher zu werfen, „und ich bin auch nicht schwul, zum hundertsten Mal.“

„Ja ja, Dad“, winkte Tom ab und setzte sich auf den Wohnzimmertisch. „Schon verstanden, du bist bi. Sonst wären wir wohl kaum hier, was?“ Stolz über seinen Durchblick schaute er uns an.

„Ich kann es nicht fassen, dass ich tatsächlich mit dir ...“, Bettina schüttelte geekelt den Kopf. „Mit einem Schwulen!“, rief sie noch aus, annehmend, dass dies ihre Abneigung hinreichend erklären würde.

Ich rollte nur mit den Augen. In ihrem jetzigen Zustand schien sie ziemlich resistent gegenüber jeder versuchten Einflussnahme von Außen.

„Wann kommst du heute Abend wieder?“, versuchte ich das Thema zu wechseln.

„Ich ...“, verwirrt schaute sie mich an. „Du solltest Robert danken!“, zischte sie allerdings gleich darauf. „Ich würde die beiden ja gleich wieder mitnehmen, aber ... wenn du so eine Aktion das nächste Mal bringst ... wehe, wenn du die beiden noch zu Schwulen machst, dann ... dann ... kannst du was erleben!“ Ihre Worte waren durchwegs konfus.

„Wann kommst du sie dann abholen?“ Ich lief schon einmal voraus zur Tür, um ihr diskret zu verdeutlichen, dass sie gehen sollte.

„Könnte später werden“, schnaufte sie eingeschnappt. „Rechne nicht vor neun.“

Sie folgte mir tatsächlich, doch blieb noch einmal kurz stehen. „Tom, Nico ... wenn euch etwas unangenehm ist, ruft mich an, ja? Lasst euch zu nichts überreden, was ihr nicht wollt. Und ...“

„Ja, Mama“, unterbrachen beide sie gelangweilt.

„Also“, sie holte noch einmal Luft, „Tschüss.“ Mit Schwung drehte sie sich herum und riss die Tür auf. Versucht stolz schritt sie davon, wirkte dadurch allerdings in meinen Augen nur noch lächerlicher. Ich hatte so einen Aufstand ja befürchtet, deshalb hatte ich ja eigentlich gewollt, dass er schon weg ist ... aber was konnte ich dafür, wenn sie immer zu früh kommen musste?

Aufseufzend schloss ich wieder die Tür und blieb erst einmal einige Sekunden geschafft gegen sie gelehnt stehen. Auf diesen Stress am frühen Morgen konnte ich in Zukunft getrost verzichten.

„Wie alt bist du?“, fragte Nico meinen Gast und holte mich damit wieder zurück in die Gegenwart. Es war ja nicht so, dass das Problem mit dem Abgang Bettinas bewältigt war.

„21 ... ihr seid die Kinder von Markus?“

Um ein doch noch kommendes Desaster zu verhindern, begab ich mich wieder ins Wohnzimmer.

„Ja“, meinte Tom.

„Wie alt seid ihr denn?“, erkundigte sich jetzt Dominik. Ich schnaubte daraufhin nur. Wirklich, als würde ihn das interessieren.

„15“, antwortete Tom. „Ich bin aber eine halbe Stunde älter als der da“, er zeigte auf Nico.

Überrascht schaute der Punk zu mir auf. „Echt schon 15? Da habt ihr aber einen jungen Vater ...“

Seine indirekte Frage war mir durchaus bewusst. Natürlich biss Nico auch gleich darauf an. „Ja, das stimmt. Mit 32 ist er wirklich jung, aber Mutter ist noch einmal ein Jahr jünger.“

„Wie wäre es, wenn du dir mal etwas überziehst?“, knurrte ich ihn bissig an.

„Mir macht das nichts aus, Dad“, winkte Nico gelassen ab.

„Aber mir vielleicht?“, seufzte ich.

„Hast du ihn denn nicht erst überhaupt ausge...“, setzte Tom an, doch wurde zum Glück unterbrochen.

„Sind meine Kleider noch im Trockner?“, fragend schaute Dominik mich an. Ich nickte dankbar und warf ihm gleichzeitig den Bademantel zu. Diesen hatte er letzte Nacht über den Sessel geworfen.

„Will wer Kaffee?“, fragte ich in die Runde und schlürfte zur Küche.

„Klar“, war natürlich mein unerwünschter Besuch der erste, der sich meldete. Bei Kostenloses war er immer schnell dabei.

„Ich auch ... was machen wir heute?“, meldete sich Nico. Nur Tom verzichtete. Eine heiße Schokolade, wie er wünschte, hatte ich allerdings leider nicht im Repertoire.

„Erm ja ...“, stammelte ich schuldbewusst, „Alexa kommt noch. Da fällt mir ein ... wo bleibt die eigentlich?“ Stimmt, sie war bereits mindestens eine halbe bis ganze Stunde zu spät.

„Tante Alexa? Ne, oder?“, Nico verdrehte leidend die Augen.

„Ach, das wird bestimmt witzig“, meinte Tom, doch konnte die Begeisterung seines Bruders nicht wirklich wecken.

„Ich rufe gleich an, wenn ich mir etwas angezogen habe“, verkündete ich und stellte Nico seine Kaffeetasse auf den Tresen.

Schnell verschwand ich im Schlafzimmer und suchte mir einen Jogginganzug heraus. Für später müsste ich mich ohnehin wieder umziehen, und jetzt schon in Anzug und Schlips herumlaufen käme ziemlich merkwürdig.

Als nächstes griff ich zum Telefon und wählte Alexas Nummer.

„Hm?“, meldete sich eine verschlafene Stimme.

„Solltest du nicht schon längst hier sein?“, tadelte ich sie sogleich.

„Hä?“ Sie klang verwirrt und noch zutiefst verschlafen.

„Ich dachte, du wolltest auf Pennerschau gehen ... wenn die Kinder nicht ohnehin früher gekommen wären und ihn somit schon angetroffen haben ... er wäre weg.“

„Oh ... Markus“, verstehend seufzte sie auf. „Wie spät ist es denn?“

Ich schielte auf den Wecker. „Halb zehn.“

„So früh noch? Und da beschwerst du dich?“, maulte sie.

„Wir hatten zwischen acht und neun gesagt ... wie auch immer. Legst du einen Zwischenstopp beim Bäcker ein und bringst Frühstück mit? Und wenn es geht gleich ... um halb zwölf muss ich weg.“

„Jaja ... keine Panik“, nuschelte sie und legte auf. Morgens war mit ihr definitiv nicht viel anzufangen. Redete sie am Abend wie ein Wasserfall, war sie am frühen Morgen eine einsame, trockene Wüste.

„Hey Nico“, trat ich wieder ins Wohnzimmer, „warum hast du eigentlich Hausarrest?“

Er stöhnte genervt auf. „Keine Ahnung“, versuchte er auszuweichen.

Fragend schaute ich zu Tom. Der blickte unsicher zu seinem Bruder.

„Ach“, seufzte dieser schließlich, „ich habe geschwänzt, okay?“

Missbilligend runzelte ich die Stirn. „Ich dachte, diese Phase hättest du hinter dir.“

„Der Tag war echt unnötig“, rechtfertigte er sich.

Ich schüttelte nur seufzend den Kopf. Nico war sein Sport und seine Freunde schon immer wichtiger gewesen als seine schulischen Leistungen. Die dementsprechend auch besonders gut waren. Manchmal hatte ich wirklich den Eindruck, er könnte sich eine Scheibe von seinem Zwilling abschneiden.

„Das ist kein Grund, einfach zu schwänzen“, tadelte ich ihn.

Er verzog nur beleidigt das Gesicht. Nun, ich beließ es dabei. Seine Mutter hatte bestimmt schon lange genug eine Predigt gehalten.

„Hast du was zum Essen?“, meldete sich Dominik wieder, der gerade aus dem Bad kam. Zum ersten Mal betrachtete ich seine Kleidung wirklich. Er hatte eine ziemlich zerfetzte Jeans an ... bei den Löchern bekam ich unwillkürlich eine Gänsehaut, wenn ich an die Kälte von gestern Nacht dachte ... und ein eng anliegendes Shirt. Die Jacke war verschwunden, vermutlich noch im Bad.

„Frühstück wird gebracht“, entgegnete ich etwas verspätet.

Er setzte sich auf den Barhocker und schnappte sich eine der vollen Kaffeetassen. Dies erinnerte mich daran, dass ich selbst noch eine hatte. Unglaublich wie ich das vergessen konnte. All die Leute verwirrten mich.

„Und du bist so ’n Punk?“, fragte Nico Dominik.

Dieser nickte zögernd. „Kann man so sagen, ja.“

„Cool, das schickt bestimmt voll.“

„Äh ...“ Dominik wusste nicht wirklich, was er darauf erwidern sollte.

„Was findest du eigentlich an Paps?“, führte Nico zu seiner Erleichterung allerdings weiter. Mir bescherte es dagegen einen Hustenanfall ersten Grades.

„Ich meine“, fügte mein Sohn erklärend hinzu, „warum baggerst du jemanden an, der mehr als zehn Jahre älter ist?“

Dominik grinste vergnügt. Der wusste genau, dass ich ihn am liebsten zum Mars schießen würde.

„Ach weißt du“, begann er. Warnend funkelte ich ihn an. „Dein Vater hat sich für sein Alter gut gehalten ... ich wusste gar nicht, dass er so alt ist. Ich hatte ihn auf Mitte, Ende zwanzig geschätzt ...“

„Ist das jetzt ein Schock für dich?“, Tom war hinzugetreten und stützte sich am Tresen ab.

„Nein“, winkte Dominik sofort ab, „der einzige Schock seid vielleicht ihr. Das hatte ich wirklich nicht erwartet“, er grinste. „Aber das passt schon, ihr seid cool. Und euer Vater auch. Und geil ist er alle Mal.“ Seine Mundwinkel schienen seine Ohren erreichen zu wollen bei seiner letzten Hinzufügung.

Ich schnappte empört nach Luft. Dieser ... „Lass das“, zischte ich erbost.

„Was hat er denn gemacht?“, stellte sich Nico natürlich verteidigend vor ihn. „Du solltest dich geschmeichelt fühlen.“

Ich rollte genervt mit den Augen. „Ja klar ...“, murmelte ich sarkastisch.

„Nimm dir das nicht so zu Herzen“, meinte Tom zu Dominik. „Vater mag Gefühlsduseleien nicht so ... also eigentlich schon, aber er gibt das nicht zu.“

„Hallo?“, begehrte ich empört auf. „Könntet ihr aufhören so zu tun, als wäre ich nicht anwesend? Und ich bin nicht gefühlsduselig.“

„Tut mir leid“, knirschte Dominik gespielt bedrückt. Eine glatte Lüge, aber er hatte ja seinen Spaß.

Ungeduldig trommelte ich mit den Fingern auf die Theke. Wo blieb Alexa? Auch wenn mein Verstand mir mitteilte, dass sie bestimmt keine Rettung war, so hoffte ich dies insgeheim doch.

Sie war um Viertel nach elf da. Ich hatte mehrere Male versucht sie anzurufen, doch sie hatte nicht mehr abgenommen. Selber zum Bäcker gehen und Frühstück besorgen wollte ich nicht. Wahrscheinlich eine kindische Trotzreaktion von mir, aber das war mir egal.

Ich befand mich also gerade im Schlafzimmer, mich für meinen Termin zurechtmachend, als es endlich an der Tür klingelte.

Ich eilte hinaus, die Hose und das Hemd schon an. Doch Tom war schneller gewesen und hatte die Tür bereits geöffnet.

„Hallo ihr Süßen“, kam sie fröhlich pfeifend in das Wohnzimmer geschwebt. „Wo ist der Schnuckel denn?“ Demonstrativ ließ sie ihren Blick schweifen und ließ ihn schließlich auf Dominik verharren.

„Ohhhhh“, quiekte sie und stürzte auf ihn zu. Erschrocken zuckte er zurück, doch konnte sich nicht gegen ihren Überfall wehren.

Sie blieb direkt vor ihm stehen und krallte gleich ihre Hand in seine Haare. „Rot ... meine Güte ist das knallig. Du solltest das nächste Mal einen dunkleren Rotton wählen, so Weinrot ... das würde echt cool aussehen. Oh Gott, bist du süß.“ Sie kniff ihm in die Wange und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

„Markus, du hast doch Geschmack. Ich wusste es.“

„Haha“, lachte ich trocken.

„Ich habe Frühstück gebracht“, wandte sie sich wieder an uns alle. „Da ich nicht wusste für wie viel und wer alles was will ... ich habe einfach mal eingekauft.“

„Schön“, knurrte ich. „Leider muss ich gleich gehen, Dominik auch.“

„Warum das denn?“, schrie sie und stemmte beleidigt die Hände in die Hüften. „Jetzt bin ich gerade erst gekommen ...“

„Mehr als zwei Stunden zu spät“, erinnerte ich sie zynisch.

„... und dann willst du gleich verschwinden?!“

„Ich habe einen Termin um zwölf.“

„Du musst weg?“, mischte sich Tom ein.

„Ja, ließ sich nicht verschieben. Eine wichtige Sitzung ...“

„Was bist du denn von Beruf?“, fragte Dominik jetzt neugierig und musterte meinen Aufzug.

„Er ist Anwalt“, antwortete Alexa an meiner Stelle.

Erstaunt hob er die Augenbrauen. „Anwalt? Das hätte ich jetzt so gar nicht erwartet ...“

„Ja gell“, grinste Alexa. „Und dann auch noch spezialisiert auf Erbrecht ... der passt doch zu etwas anderem viel mehr rein. So Eventmanager oder so.“

„Ja oder Musikladenverkäufer“, grinste Dominik.

„Ich darf doch bitten ...“, beschwerte ich mich. „Dominik, hol deine Jacke. Ich fahre dich noch zum Bahnhof, wenn du willst.“ Ich ging einfach mal davon aus, dass er dorthin wollte.

„Aber warum?“, schrie Alexa. „Bleib doch hier, ich lade dich zum Mittagessen ein.“ Sie klammerte sich an seinem Arm fest.

„Nein“, entgegnete ich an seiner statt.

„Jetzt sei keine Ziege“, zischte sie genervt. „Du bist ohnehin nicht da, also was stört es dich.“

„Aber ...“

„Musst du nicht gehen?“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Es ist schon halb.“

„Du weißt ganz genau ...“ sie schob mich Richtung Ausgang, „dass du Schuld bist, dass er ...“

„Tschüss.“ Ich stemmte mich allerdings gegen die Tür, sodass sie sie nicht einfach zuknallen konnte.

„Mein Jackett! Und meine Unterlagen. Sag mal, wer wohnt hier, du oder ich?!“

Sie rollte mit den Augen. „Dass du immer so einen Aufstand machen musst.“

„Ich? Du wohl eher.“ Ich zwängte mich wieder an ihr vorbei und rauschte ins Schlafzimmer.

„Ach Markus, jetzt spiel nicht beleidigt.“

„Ich spiele nicht und ich bin auch nicht beleidigt, sondern eher gereizt und genervt. Von dir.“

„Das weiß ich ja schon lange“, sie lachte vergnügt. Ich bekam den Eindruck, dass sie es kaum erwarten konnte, mich loszuwerden.


Frau Habig, geboren Mensler, kam vor ihrem Bruder, meinem Klienten. Soweit ich die Lage durchschaut hatte, war sie das Opfer. Natürlich war ich allerdings auf der Gegenseite.

Sie war eine kleine, unscheinbare Frau Mitte fünfzig. Ihr Haar war bereits ergraut, Lachfältchen hatten sich tief um ihre Augenwinkel eingegraben.

„Guten Tag Frau Habig“, begrüßte ich sie und bot ihr schon einmal einen Platz am Besprechungstisch an. „Einen Kaffee? Sie sind etwas früh dran.“ Glücklicherweise hatte ich schon alles vorbereitet, so dass das kein Problem darstellte.

„Nein danke, machen Sie sich keine Mühe“, winkte sie ab.

„Sie haben keinen Anwalt angegeben ...“, fragend schaute ich sie an.

„Ich habe auch keinen.“

„Ach ...“, skeptisch runzelte ich die Stirn. Das war schlecht. Für sie. Ich sollte eigentlich froh darüber sein, aber dem war ich mir irgendwie noch nicht ganz sicher.

„Ich kann lesen und ich weiß, was meine Mutter geschrieben hat. Dafür brauche ich keinen Anwalt“, erläuterte sie vehementer, als ich erwartet hatte.

„Natürlich“, lächelte ich sie freundlich an.

Ich machte uns beiden Kaffee. Währenddessen rief auch der Notar an und bestätigte, dass er die Post bekommen hatte. Ich erinnerte mich, dass Sebastian ja noch die Unterlagen rüber geschickt hatte. Erleichtert konnte ich damit zumindest einen Fall noch kurz vor Weihnachten abhaken. Ganz anders wie der kommende jetzt …

Wir warteten in unbehaglichem Schweigen auf meinen Klienten. Ungeduldig schaute ich auf die Uhr. Es war zwar erst fünf Minuten nach zwölf, dennoch kam mir seine Verspätung länger vor.

Er kündigte sich durch ein lautes Poltern an. Ich stand pflichtschuldig auf und reichte ihm zur Begrüßung die Hand. Nachdem er sie beinahe zerquetscht hatte, setzte er sich schnaufend auf seinen Platz neben mich.

Schweißgeruch drang in meine Nase. Herr Mensler war von drahtiger Statur, doch hatte ein rundes Gesicht mit einer spitzen, geraden Nase. Sein Haar war nicht mehr ganz voll und schon grau beziehungsweise fast weiß.

„Also“, fing ich an, „der Testamentsspruch ihrer Mutter ...“

Ich fühlte mich wie in einer Soap. Die kürzlich verstorbene Mutter von Herrn Mensler und Frau Habig hatte eine große Villa und einen Batzen Geld hinterlassen. Das Ganze sollte sich das Geschwisterpaar fünfzig zu fünfzig aufteilen. Das Haus hatte einen geschätzten Wert von etwa einem Drittel des Geldes auf den Bankkonten.

Beide wollten im Grunde genommen das Anwesen erben. Frau Habig wohnte schon seit Jahren dort und hatte auch erst kürzlich, als die Mutter noch am Leben war, eine Menge darin investiert. Da sie allerdings eine recht zurückhaltende Frau zu sein schien, die ungern auf vermeidbare Konfrontation ging, hatte sie sich bereit erklärt, die Villa ihrem Bruder zu überlassen.

Soweit, so gut. Allerdings hatte sie noch keine andere Wohnung gefunden und brauchte anscheinend dafür etwas länger. Weiß der Himmel warum. Ihr Bruder wollte sie jetzt aus dem Haus schmeißen und mindestens ein Drittel des Geldes auf dem Bankkonto.

Der Fall schien mir klar, doch gestaltete er sich als weitaus schwieriger. Herr Mensler war der Ansicht, dass das Gutachten des Hauses falsch und manipuliert war.

„Eine Krähe bist du“, fuhr er seine Schwester wütend an, „erst das Anwesen verschandeln“ – damit meinte er wohl die kürzlich durchgeführten Renovierungen – „und jetzt auch noch das ganze Erbe an sich reißen wollen! Gebe es zu, deine Aversion gegen uns Schwule treibt dich umher.“

„Das ist doch Unsinn, Herbert. Du weißt ganz genau, dass ich nie etwas gegen deine Homosexualität hatte.“

So ging es hin und her. Immer neue Anschuldigungen wurden erfunden. Nur mit Mühe und Not verhinderte ich eine vollkommene Eskalation.

Am liebsten hätte ich dem Mensler meine Kaffeetasse gegen den Kopf geschlagen. Solch eine penetrante und ignorante Person. Jemand, der meinte immer im Recht zu sein, koste es was es wolle.

Ich konnte ihn mir gut vorstellen, wie er bei Demonstrationen ganz vorne mitmischte und bei jeder gewalttätigen Ausschreitung beteiligt war.


Geschafft fiel ich hinters Steuer. Es war bereits fünf und somit schon fast dunkel. Jetzt hatte ich doch wirklich meinen ganzen Tag in der Kanzlei verplempert. Das nächste Mal würde ich Sebastian als Vertretung hinschicken und mich krank melden.

Ich fuhr einen Abstecher zum China Imbiss, da ich keine Lust hatte, heute Abend noch einmal raus zugehen oder zu kochen. Mein Kühlschrank war ohnehin leer.

Als ich vor der Haustür stand, stellte ich erleichtert fest, dass mir kein infernalischer Lärm entgegendröhnte. Das war nämlich das letzte Mal der Fall gewesen. Inklusiver aufgebrachter Nachbarn, die hämmernd davor gestanden hatten.

Ich schloss auf und trat in die warme Stube ein.

„Hallo?“, rief ich und zog mir den Anorak und die Jacke aus.

„Hey Dad“, schallte es mir entgegen. Ich kam ins Wohnzimmer und fand meine beiden Kinder vor dem Fernseher vor, zwischen sich eine Schüssel voller Chips. Von meiner Schwester war keine Spur zu sehen.

„Wo ist Tante Alexa?“, fragte ich alarmiert.

„Im Schlafzimmer“, mampfte Tom gebannt auf den Bildschirm starrend. Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Ich weiß halt nicht, was ich tun soll. Ich meine, wenn er wenigstens in irgendeinem Netzwerk wäre oder so. Aber er ist online wie tot, nicht existent. Da kann ich ihn nicht einmal in irgendeinem Chat anbaggern!“ Alexa raufte sich verzweifelt die Haare.

Sie saß auf dem Bett, das Kissen zwischen ihrem Rücken und die Wand eingeklemmt. Dominik lag quer neben ihren Füßen.

„Du hast doch gehört, dass er den Arbeitsplatz eventuell wechseln will. Da kannst du doch fragen, wie seine Pläne momentan aussehen?“, schlug dieser nun auch vor.

Ich räusperte mich, um deren Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Markus!“, schrie Alexa gleich jammernd. „Was soll ich denn machen?“

„Was?“, fragte ich nicht wirklich verstehend, um was es ging.

„Ich habe dir doch gestern von ihm erzählt“, erklärte sie. „Um Can geht es ... dieser süße, geile Schnuckel. Ich weiß einfach nicht, wie ich in Kontakt mit ihm treten soll. Und letztens hat er sich wieder wie das totale Arschloch benommen.“

„Was hat er denn gemacht?“ Ich trat zum Schrank und zerrte an meiner Krawatte.

„Nichts, er meinte nur ‚die Frauen haben hier eh keine Rechte‘ und dann hat er gelacht und so komisch geguckt. Ich sehe ihn fast eh nie. Nur manchmal zur Mittagspause. Oder zu dem einem Projekt, da arbeitet seine Gruppe manchmal mit uns zusammen.“

„Aber er weiß schon, wer du bist?“, hakte ich nach.

„Klar! Früher waren wir im selben Trakt. Aber jetzt nicht mehr. Ich hatte es natürlich versäumt, ihn näher kennen zulernen.“

„Geh hin“, meldete sich Dominik wieder, „und sag ihm, wie heiß er ist. Dann wird er dich kennen lernen wollen.“ Er lachte und erntete schlagartig einen beleidigten Stoß von ihr in die Rippen.

„Das ist nicht lustig“, maulte sie.

„Wie sieht der überhaupt aus?“, fragte ich interessiert. Eigentlich wollte ich mich ja umziehen ... aber dazu war ich lieber alleine. Also beugte ich mich dem Gespräch.

„Das ist es auch noch! Ich habe so gut wie keine Bilder von ihm. Aber ... haha, ich habe ihn einmal gefilmt. Da hat er gesungen, so ganz schlecht und so. Das habe ich noch, allerdings auf meinem Computer. Ansonsten ... hey!“, begeistert sprang sie auf. „Das ist die Idee! Am Montag haben wir zusammen Mittagspause. Da kannst du mich doch abholen und anschließend noch mit shoppen gehen. Dabei wirst du ihn dann ja sehen.“

„Ich weiß nicht, ob ich Zeit habe“, versuchte ich sie abzuwimmeln.

„Klar hast du“, verzog sie beleidigt den Mund, „ich habe von zwölf bis eins frei, genau so wie du immer.“ Ich seufzte ergeben. Was war ich nur gestraft, dass sie meinen Terminkalender kannte?

„Also ist das abgemacht?“, sie klatschte in die Hände. Leidend nickte ich.

„Zum Video“, meinte Dominik plötzlich, „hast du ihm das mal geschickt, oder hat er das halt schon?“

Alexa runzelte irritiert die Stirn. „Nein, warum?“

Sofort hellte sich Dominiks Miene auf. „Du könntest es ihm doch auf CD brennen und dann zu Weihnachten schenken oder so ... halt getarnt als Gag, aber dadurch würdest du wenigstens mit ihm reden, nicht?“

„Das ist es!!“, rief sie euphorisch und warf sich überschwänglich auf den armen Punk, der von ihr begraben und abgeknutscht wurde. „Oh Dome, du bist genial.“

Ich wandte mich wieder kopfschüttelnd meinem Kleiderschrank zu und holte bequemere Kleidung hervor. Würde ich wohl doch ins Bad müssen.

„Siehst du, du kommst nie auf solche Einfälle, Markus“, klagte meine Schwester mich an.

„Ein Glück, dass jemand anderes sie hat, was?“, erwiderte ich augenrollend und flüchtete ins Bad.

Rasch zog ich mich dort um und schmiss den Anzug gleich in die Waschmaschine.

Mich gleich viel wohler fühlend kam ich ins Wohnzimmer, in das sich die beiden anderen ‚Erwachsenen‘ auch bereits begeben hatten.

„Du brauchst einen Adventskranz, morgen ist der erste Advent“, Alexa schüttelte fassungslos den Kopf. Sie konnte nicht glauben, dass ich tatsächlich noch keinen hatte. Eigentlich hatte ich auch nicht vorgehabt, mir einen anzuschaffen.

„Ich weiß, wo es ganz tolle gibt“, rief sie gleich darauf begeistert.

„Das Essen ...“, versuchte ich sie aufzuhalten. Es war viel zu kalt, um jetzt noch einmal die Wohnung zu verlassen. Ich deutete auf die Chinatüten, die ich vorhin auf den Küchentresen gestellt hatte.

„Ist ohnehin schon kalt. Stell es in den Kühlschrank“, erklärte sie. „Und gib Dominik bitte etwas Wärmeres zum Anziehen. Das ist ja zum Fürchten, wie er herumläuft.“

Alle waren natürlich wieder gegen mich. Die Kinder stürmten gleich zur Tür, begierig das Haus zu verlassen. Man könnte meinen, ich hätte sie eingesperrt.

Geschlagen begab ich mich zum Kleiderschrank und kramte eine alte Winterjacke für Dominik hervor.

Sie dürfte zwar etwas groß für ihn sein, doch warm hielt sie alle mal.

„Ist der weit weg? Sonst nehmen wir das Auto, ich habe keine Lust durch den Schnee zu sta...“

„Nein, nein“, winkte Alexa gleich ab. Wir traten hinaus auf die Straße, an der uns eine eiskalte Böe begrüßte.

„Nur ein paar Straßen weiter“, sie zeigte unbestimmt nach rechts.

Die Kinder bildeten mit Dominik die Vorhut. Die drei waren richtige Spielkinder, schmissen mit Schneebällen wild um sich.

Ich versteckte mich mufflig hinter Alexa. Nichts gegen Spaß, aber so bald der mit Schnee zu tun haben sollte, hörte er bei mir auf. Ich war ein Sommermensch, der lieber am Strand Sandburgen baute und Volleyball spielte, als sich in Pulverwasser zu wälzen.

Alexa teilte so ziemlich meine Meinung, was auch der einzige Punkt war, indem wir uns glichen.

Sie führte uns zu einem kleinen Stand am Straßenrand, der ausschließlich Weihnachtskränze in petto hatte.

Daneben gab es neben den schon geschmückten auch ‚Rohlinge‘. Ich wehrte mich allerdings vehement dagegen, einer dieser unfertigen Teile zu kaufen. Unnötige Arbeit musste ich mir jetzt auch nicht aufhalsen, wobei ich ja auch nicht einmal Dekoration dafür hatte.

Bei der Auswahl war mir seltsamerweise Alexa keine Hilfe, sondern Dominik. Er hatte einen erstaunlich guten Geschmack, also genau das Gegenteil wie meine Schwester. Ihr Kitschwahn war zum Davonlaufen.

Aber der Punk spurte eher schlicht und elegant, was mir sehr gefiel.

So war auch schnell einer ausgesucht und wir befanden uns wieder auf den Rückweg.

Die Kinder ließen diesmal zum Glück die Toberei sein und steckten nur vergnügt die Köpfe zusammen.

Dies veranlasste Dominik dazu, sich nach hinten zu mir zu gesellen. Und Alexa schien eine Rakete verschluckt zu haben, jedenfalls rannte sie im Sturmschritt vorne weg.

Treuloses Ding. Zu gerne wäre ich hinterher gehastet, doch der Weihnachtskranz behinderte mich massiv und ich hatte wenig Lust, auf dem glatten Bürgersteig auszurutschen.

„Du hast eine nette Familie“, meinte Dominik auf einmal.

Ich schnaubte. „Du meinst wohl nervig, laut und anstrengend?“

Daraufhin musste er lachen. „Das vielleicht manchmal auch, aber sie sind lieb. Sie kümmern sich um einen.“

Etwas verlegen zuckte ich mit den Schultern. „Ja ... es gibt wohl Schlimmeres. Nur auf Bettina kann ich eigentlich verzichten.“ Ich verzog schmerzhaft das Gesicht, als ich an heute Morgen denken musste.

„Naja, diese Furie hatte ich mit Familie eigentlich nicht mit einbeschlossen“, grinste er.

„Das ist beruhigend zu wissen.“ Es verschaffte mir tatsächlich ein Wohlbefinden.

Zuhause verspeisten wir dann schließlich die Portionen vom Asiaten. Alexa verabschiedete sich danach auch recht rasch und ließ uns vier Männer alleine zurück. Allerdings nicht ohne dem Befehl, Dominik heute abermals bei mir schlafen zu lassen. Schlimmerweise überraschte mich das nicht einmal so sehr. Ich hatte es wohl die letzten Stunden über irgendwie geahnt gehabt, dass das Ganze darauf hinauslaufen würde.

Tom hatte die grandiose Idee, Karten zu spielen. Somit verging die nächste Zeit auch schnell. Doch ab elf schaute ich doch immer wieder auf die Uhr. Bettina konnte wirklich bald kommen ...

Schließlich griff ich doch zum Hörer und rief sie an.

„Wie bitte?“, ich glaubte, mich verhört zu haben. Aber nein, sie wiederholte genau dieselben Worte, die ich vernommen zu haben angenommen hatte.

„Wir schaffen es heute nicht mehr, vorbei zu kommen. Morgen früh holen wir die Kinder dann ab.“ Bettinas selbstverständliche Stimme dabei war zum Davonlaufen. Ich bekam den Eindruck, dass ich kostenloses Kindermädchen für sie spielte.

Konnte es so schwer zu verstehen sein, dass ich nicht rund um die Uhr auf die beiden eingestellt war? Schließlich wohnten sie – leider – nicht hier, sondern bei ihr.

„Ach, so ist das also“, giftete ich sarkastisch.

„Ich habe keine Lust auf ein Theater, Markus“, zischte sie sofort. „Morgen früh sind wir da. Die Kinder übernachten ja nicht das erste Mal bei dir. Und am Sonntag wirst du wohl auch kaum zur Kanzlei müssen.“

„Natürlich nicht, aber darum geht es auch nicht“, schnappte ich zurück.

„Gut, dann bis morgen.“ Klick.

Ich könnte den Hörer gerade an die Wand werfen. U n g l a u b l i c h.

„Was ist, Dad? Du schaust so böse“, fragte Nico verwirrt.

„Nichts“, winkte ich ab. Auf keinen Fall sollten sie das Gefühl bekommen, sie wären unerwünscht oder so. Waren sie ja auch nicht. Das Problem war ein ganz anderes und lautete Bettina.

„Ihr müsst heute hier übernachten, eure Mutter schafft es nicht, euch jetzt noch abholen zu können.“ Ich warf einen Blick auf die Uhr, die halb zwölf zeigte.

„Ich richte schnell noch das eine Sofa her, dann ab ins Bett ja?“

„Was? Es ist noch sau früh! Übrigens habe ich keine Schlafsachen mit“, nörgelte Nico.

„Ihr könnt ja noch Fernsehen schauen oder so, immerhin steht der Kasten direkt vor eurer Nase“, lenkte ich ein.

„Du kannst ja nackt schlafen so wie Dome“, grinste Tom seinen Bruder an, „das wolltest du doch eh ab heute immer tun.“

Nico streckte ihm die Zunge heraus. „Ich sprach auch von der Zahnbürste du Idiot. Aber du wolltest wohl ohnehin keine Zähne putzen, da du dir in der Nacht noch Süßigkeiten in den Mund stopfen wolltest, was?“

„Gar nicht!“, verzog Tom beleidigt den Mund.

„Schluss“, unterband ich jegliche Diskussion der zwei. „Ihr habt doch noch eure zwei Reservebürsten hier“, erinnerte ich sie. Vor einigen Jahren schon hatten sie einmal die notwendigsten Sachen zum Übernachten hier gebunkert. Dies war die Erwiderung zu Bettinas Aktionen gewesen, die wie heute verlaufen waren.

„Ah, stimmt“, meinte Nico.

„Gut, dann ab ins Bad“, scheuchte ich beide von den Sofas.

„Und was ist mit mir?“, meldete sich Dominik. Genau er war im Prinzip auch der Grund, warum ich so sauer auf Bettina war.

Wegen Alexa hatte ich ihn ja immer noch am Hals.

Nur unmöglich könnte ich ihn heute Nacht im Wohnzimmer schlafen lassen. Ich wollte ihn bestimmt nicht mit meinen Kindern alleine lassen – besonders nicht, wenn Nico tatsächlich ohne alles schlafen würde.

„Ich kann zu dir ins Bett?“, grinste er jetzt erwartungsvoll.

Ich schnaubte nur. Diese Option war natürlich auch nicht akzeptabel.

„Nein“, entgegnete ich deshalb auch gleich scharf. „Ich werde dir eine Luftmatratze ins Schlafzimmer legen.“

Dominik verzog enttäuscht das Gesicht. „Was will ich denn mit einer Luftmatratze.“

„Darauf schlafen?“, schlug ich lapidar vor.

Er seufzte gequält. „Du musst dir wirklich nicht die Mühe machen.“

„Nein, muss ich nicht“, spottete ich, „ich könnte dich auch einfach vor die Tür setzen. Also sei froh, dass ich sie überhaupt auf mich nehme.“ Daraufhin verzog er schmollend den Mund.

Ich richtete somit alles her, während sich meine Gäste bettfertig machten. Nachdem dies erledigt war, begab ich mich selbst ins Bad. Schnell putzte ich meine Zähne und zog mir meine Schlafshorts und ein T-Shirt über.

Den Kindern sagte ich noch „Gute Nacht“ und lief dann wieder ins Schlafzimmer. Das Grinsen der beiden versuchte ich zu ignorieren. Ich wollte nicht wissen, was sie sich wieder ausmalten.

Dominik saß auf seiner Schlafstätte am Boden und schaute mir erwartungsvoll entgegen.

„Was ist?“, fragte ich mürrisch nach.

„Nichts“, meinte er, doch starrte mich weiterhin an.

Ich warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Allerdings hatte ich keine Lust, mich wegen ihm in irgendeiner Weise behindern zu lassen. Also schlüpfte ich aus meinem Shirt, dass ich mir lediglich für den kurzen Gang von Bad zum Bett übergestriffen hatte.

Müde wollte ich endlich unter meine Decke kriechen und langte schon nach dem Schalter der Nachttischlampe.

„Ich mag dein Tattoo“, meinte Dominik plötzlich hinter mir. Ich zuckte erschrocken zusammen und wirbelte herum. Er musterte mich eindringlich, mit einer für ihn untypischen fast schon ernsten Miene.

Ich kniff misstrauisch die Augen zusammen.

„Ah ja?“

„Klar ... aber für einen Anwalt nicht irgendwie unpassend?“ Er stand auf, was mich unwillkürlich anspannen ließ. Doch er setzte sich ‚nur‘ auf mein Bett. Ein Bild, von dem ich nicht wusste, was ich von halten sollte. Es war ungewohnt.

„So, und warum nicht?“

„Anwälte sind immer so korrekt. Anzug, Krawatte, glänzend polierte Schuhe ... da passt doch kein Tattoo!“ Nun, genau diese Kleiderkombination hatte ich heute Mittag beim Termin angehabt.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe auch einen Piercing ...“

Überrascht riss er die Augen auf. „Nein, wo denn? Nicht einmal ich habe eins!“

„Das wüsstest du jetzt wohl gerne was?“, foppte ich ihn gutgelaunt.

„Sag schon, im Gesicht hast du keines.“ Er scannte mich mit seinen Augen, doch konnte natürlich nichts entdecken.

„Da ist auch keins. Käme nicht so gut bei manchen Klienten. Von wegen Seriosität und so ...“

„Und wo ist es jetzt? Doch nicht etwa an deinem Schwanz?!“

Ich tat, als hätte ich ihn nicht gehört und versuchte unter die Decke zu krabbeln. Ein schwieriges Unterfangen, da er immer noch auf ihr drauf saß.

„Du bist gemein“, beschwerte er sich schließlich, als er bemerkte, dass er keine Antwort erhalten würde. Nun, geschah ihm recht.

„Könntest du bitte wieder zurück zu deiner Matte? Ich möchte meine Füße gerne ausstrecken können“, informierte ich ihn.

Er seufzte resignierend. „Du bist schlimmer als eine Frau. Da unten kriege ich Rückenschmerzen, das ist voll hart!“

„Du magst doch Hartes“, konnte ich mir nicht verkneifen.

Kurz blinzelte er überrascht mit den Augen. Das hatte er wohl jetzt nicht erwartet. Allerdings fing er sich recht schnell wieder.

„Ja, aber doch nicht so“, jammerte er. „Komm schon, da ist es bestimmt auch kalt. Ich erkälte mich noch.“

„Jetzt sei kein Jammerlappen, du hast schon Schlimmeres überstanden.“ Ich nickte bedeutend zur Luftmatratze, um ihn vom Bett zu komplimentieren.

Er knurrte frustriert auf, doch erhob sich schließlich doch.

„Danke“, meinte ich zufrieden. Sobald er sein Lager erreicht hatte, konnte ich auch endlich das Licht ausschalten.

Dunkelheit, Ruhe ... wenn man von den Fernsehgeräuschen nebenan absah ... herrlich.


Bettina schmiss mich am nächsten Morgen erst um halb zehn aus dem Bett. Dennoch viel zu früh, wenn es nach mir ging.

Die Kinder hatten bis dahin auch noch geschlafen und waren nur mit Mühe auf die Beine zu kriegen. Ich wollte erst gar nicht wissen, wie lange sie gestern noch fern oder irgendeine DvD geschaut hatten. Ziemlich schnell hatte mich tiefster Schlaf übermannt. Jetzt im Nachhinein erstaunte mich das allerdings. Ich hatte nicht erwartet, so ruhig schlafen zu können in dem Wissen, dass Dominik direkt daneben auf dem Boden lag.

Vielleicht käme er ja noch auf dumme Gedanken, während ich hilflos meinen Träumen ausgeliefert war. Aber er war brav auf seiner Matratze geblieben und hatte nichts angestellt. Jedenfalls soweit ich das beurteilen konnte.

Sobald die Kinder jedoch aus dem Haus waren, fuhr ich Dominik zum Bahnhof. Ich hatte Angst, dass wieder irgendetwas anders als geplant verlaufen und er den ganzen Tag über bei mir verbringen würde. Irgendwie war mir der Gedanke unangenehm. Nein, eher die Vorstellung was dabei passieren könnte.

Ich wusste selber, dass meine Aktion vielleicht nicht nett war. Wobei ... er konnte sich kaum beschweren.

Mit diesem Gedankengang mich selbst beruhigend, ließ ich ihn schließlich aussteigen. Dabei drückte ich ihm noch das restliche Frühstück vom Vortag in die Hand. Alexa hatte wirklich viel zu viel gekauft, und bei mir würde das ohnehin in den Mülleimer landen. Aber er schien sichtlich erfreut darüber. Damit hatte ich also auch die gute Tat für den Tag geleistet.


Alexa arbeitete in einer Firma, die neue Medikamente entwickelte und auch gentechnisch forschte. Als Bioinformatikerin war sie genau darin beschäftigt. Ich persönlich war immer sehr skeptisch bei den Produkten, die hergestellt wurden. Bei Alexa sollte man nämlich prinzipiell immer und überall vorsichtig sein.

Die Eingangshalle war hell durch die hohen Fenster, aber auch recht kühl durch die geringe Möblierung. Im Prinzip stand nur ein Empfangstresen an der Wand gegenüber. Die Frau dahinter schaute mich misstrauisch an.

„Hallo“, trat ich selbstsicher auf sie zu. „Wissen Sie, wo die Kantine ist? Frau Kirsch erwartet mich dort.“ Die Frage war rein rhetorisch gewesen. Mir war durchaus bewusst, wo sich der Speiseraum befand.

„Und wer sind Sie?“, fragte Frau Reichert, wie ich ihrem Namensschild entnehmen konnte, schnippisch zurück.

„Herr Kirsch.“

„Oh ... rechts den Gang entlang. Sie werden direkt darauf zulaufen. Richten Sie ihrer Frau schöne Grüße aus.“

„Werde ich machen, schönen Tag noch.“ Ich nickte ihr zu und folgte ihrer Wegbeschreibung. Ihren Fehler zu korrigieren, sah ich nicht als nötig an. Sie würde ihn gewiss noch früh genug merken, wenn überhaupt. Was allerdings auch nicht von Bedeutung war.

Die Kantine war ziemlich voll. Das war nicht verwunderlich, da es kurz nach zwölf Uhr war und somit allgemeine Mittagszeit.

„Markus!“, rief eine aufgeregte Stimme von der linken hinteren Ecke. Ich sah durch die Menschenmasse nur eine winkende Hand, doch ich musste nicht erst raten, wer mich da rief. So eine signifikante Stimme hatte nur eine Person, die mir bisher untergelaufen war.

„Alexa“, kam ich schließlich schnaufend zu ihr.

Euphorisch sprang sie auf und warf sich mir an den Hals. „Schau, da hinten“, wisperte sie mir ins Ohr und ließ mich wieder frei.

„Wo?“, ich drehte mich orientierungslos um.

„Da rechts“, sie starrte direkt in die ihr gezeigte Richtung. „Der in dem blauen Polopullover ... ist er nicht süüüß?“

Ihr Schwarm stand bei einer Gruppe anderer junger Männer und hatte einen Pappbecher in der Hand. Seine Statur war recht schmal, ich würde sie als athletisch bezeichnen. Wohl ein Fußballer, jedenfalls würde es mich nicht wundern, wenn er einer wäre. Er hatte einen leichten Bartschatten, aber wirklich nur angedeutet, als tatsächlich vorhanden.

Seine Haut war eher gebräunt, aber nicht wirklich dunkel. Wobei er wohl nie weiß werden würde.

„Und wie findest du ihn?“, quengelte Alexa an meiner Seite. Ich wandte mich wieder ihr zu und registrierte belustigt, dass sie kaum ihre Augen von ihm lösen konnte.

„Nun ... sofern ich das beurteilen kann ...“

Sie verzog eine warnende Miene.

„... was ich ja eigentlich überhaupt nicht kann ...“, provozierte ich bewusst weiter. Sie wollte mich schon empört anfahren, doch ich kam ihr hastig zuvor. „... ganz gut, nehme ich an. Also nicht schlecht. Keinen Wabbelspeck oder so.“ Ich grinste.

Sie stieß mir beleidigt in die Rippen, doch schien zufrieden. „Wenn ich doch nur ... weißt du, er arbeitet bei den Technikern. Wir haben fast keinen Bezug zu ihnen, also haben nicht so viel mit seiner Gruppe zu tun. Ich habe keine Ahnung, wie ich in Kontakt mit ihm treten soll.“ Ihre Stimme hatte einen unsicheren Ton angenommen.

„Schlecht ...“, stellte ich pragmatisch fest. „Dann spreche ihn doch einmal an.“

„Geht nicht!“, rief sie entsetzt aus. Sie warf ihm wieder einen kurzen Blick zu.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Normalerweise hatte sie nie Probleme, sich an jemanden ran zuwerfen und ihn zu nerven. Aber sobald sie wirklich etwas für einen empfand, schien sich das zu ändern.

„Na egal“, sie begann an meinem Arm zu zerren, „wir wollten ja shoppen gehen.“ Begeisterung hatte sie wieder ergriffen, nichts mehr war von ihrem Anflug an emotionaler Verwirrung zu erkennen.

„Hey Dome!“ Sie zerrte mich hinter sich die Stufen hinunter und schritt zielstrebig auf eine wartende Person zu. Ich hielt verblüfft inne. Was tat der zum Himmel hier?

Alexa bemerkte nicht einmal, dass ich stehen geblieben war, sondern sprang Dominik um den Hals. „Cool, dass du gekommen bist. Na dann können wir ja los. Markus, wo bleibst du denn?“ Anklagend drehte sie sich zu mir um.

„Was macht der hier?“ Ich kniff meine Augen zusammen und kam langsam auf die beiden zu.

„Na, er wird mir zeigen, woher er seine Jacke hat.“ Sie zupfte an besagtem Kleidungsstück. „Die ist sau geil.“

Er grinste. „Klar, alles was ich habe ist geil.“ Dabei schaute er mich direkt an. Ich schnaubte missbilligend.

„Du hast mich hereingelegt. Die Aktion war geplant.“ Ich war sauer auf meine Schwester. Immer meinte sie, andere zu ihrem Glück zwingen zu wollen. Dabei versäumte sie es natürlich, zu fragen, was man überhaupt wollte.

„Jetzt maule nicht so herum. Vielleicht findest du auch was. Wo geht es lang?“, wandte sie sich wieder Dominik zu. Für sie war das Thema abgehakt.

Der Punk lief natürlich auch gleich los, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als grimmig zu folgen. Die beiden schienen ja ihren Spaß zu haben.

„Lass noch einen Abstecher zum Weihnachtsmarkt machen“, rief Alexa plötzlich begeistert.

„Es ist November“, rollte ich mit den Augen.

„Ach was, der erste Advent ist schon rum.“

„Es ist trotzdem ...“

„In zwei Tagen ist Dezember, also beschwere dich nicht“, wischte sie meinen Einwand fort und übernahm die Führung. Dominik fiel leicht zurück, schlimmerweise direkt neben mich.

„Lächeln“, schmunzelte er mir zu.

Ich verzog grimmig das Gesicht. Der sollte mich jetzt nicht nerven.

„Ich will nicht, dass du wegen mir schlecht gelaunt bist. Schau, ich kann dir auch sagen, wo der Laden ist und dann könnt ihr alleine hin ...“, verlegen spielte er mit dem Reisverschluss seiner Jacke.

Er trug immer noch dieselben dünnen Klamotten. Natürlich, wahrscheinlich hatte er auch keine anderen.

„Nein, ist okay“, lenkte ich seufzend ein. „So lange du nicht wieder damit anfängst ...“ Er wusste ganz genau, was ich meinte.

Natürlich grinste er daraufhin wieder. „Ayay, Käpt‚‘n.“

„Spielkind“, murrte ich, doch konnte mich eines Lächelns nicht erwehren. Er war ja ganz in Ordnung ... wenn er nicht heraushängen ließ, was er war.

In der Ferne konnten wir schon die ersten Hütten erkennen. Und nicht lange und der Duft von Zimt und Mandarinen wehte uns in die Nasen.

„Lass uns gebrannte Mandeln kaufen und dann zum Laden“, schlug Alexa vor.

„Nicht noch drüber laufen?“, fast schon sehnsüchtig starrte Dominik die Straße entlang.

„Ach, abends ist das bestimmt schöner. Und ich habe ja auch nur eine Stunde Mittagspause ... oh Gott“, kreischte sie entsetzt los. „Wir müssen uns beeilen! Schnell ... Markus! Ich will gebrannte Mandeln.“

„Bin ich deine Kreditkarte oder was?“, nörgelte ich, kaufte ihr aber doch welche. Was man nicht immer alles für die kleine Schwester tat ...

„Okay, dann hier lang“, führte uns Dominik wieder weg. Mir war seine enttäuschte Miene aufgefallen und irgendwie tat er mir plötzlich leid. Alexa konnte auch echt manchmal ein Arsch sein.

Ich betrachtete ihn von hinten, seine breiten Schultern, die schmale Taille. Er hatte einen beschwingten Gang, keineswegs schwul eher ... lässig, locker. Ich weiß nicht, warum mir das in dem Moment auffiel. Irgendwie hatte ich erwartet, dass er mehr tänzelte. Aber das tat er nicht.

Der Laden, in den Alexa so unbedingt wollte, war recht unscheinbar. Wäre Dominik nicht plötzlich abgebogen und die Stufen in die Kellerwohnung hinab gestiegen, ich hätte den Eingang nicht einmal wahrgenommen.

Der Raum selbst war leicht düster durch die nur wenigen Fenster, klein und gerammelt voll. An einem Tisch saß eine junge Frau, sich irgendein Magazin anschauend. Als wir eintraten, blickte sie auf und schaute uns skeptisch an.

„Hey Kathrin“, begrüßte Dominik sie. Erst da huschte ein Zeichen des Erkennens über ihr Gesicht.

„Dome ... wen schleppst du denn da an?“

„Freunde.“ Sie nickte und wandte sich wieder ihrem Heft zu.

Alexa schaute sich neugierig um und hatte auch bald den richtigen Kleiderhaufen für sie gefunden. Ich nahm an, dass das meiste Second Hand Ware war. Die Preise waren auch dementsprechend billig. Misstrauisch ging ich ein paar der Klamotten gleich links am Eingang durch, doch konnte mir nicht wirklich ein Urteil darüber bilden. Einige schienen ganz in Ordnung, doch den größten Teil konnte man getrost der Mülltonne überlassen.

„Wie wär‚‘s hiermit?“, stupste Dominik mich an und hielt ein halbzerfetztes T-Shirt hoch.

„Was soll damit sein?“, fragte ich verwirrt. „Wenn du etwas Neues zum Anziehen suchst, schau bei den Jacken.“

„Nicht für mich, du Idiot“, stöhnte er leicht genervt, „für dich.“

„Ich?“, ich musste kurz husten, „nein danke. Ich bevorzuge es, wenn meine Kleider noch ganz sind.“

Er seufzte, steckte es dann aber ohne weiteren Kommentar wieder weg.

„Und das?“, hielt er mir ein anderes Exemplar vor die Nase. Ich betrachtete es interessiert. Das Shirt war tatsächlich nicht übel. Es war eigentlich nicht sonderlich spektakulär, schwarz und mit einem braunen Muster drauf. Doch hatte es etwas Bewegendes an sich. Ich konnte es mir gut zu meiner schwarzen Jeans vorstellen.

Allerdings ... ich hatte mindestens zehn solcher Teile schon im Schrank zu Hause hängen.

„Nein danke, ich brauche nichts“, winkte ich ab.

„Achso ...“, er überlegte, „die haben hier auch CDs. Willst du mal schauen?“ Er deutete auf den hinteren Bereich. Ich bekam den Eindruck, dass er gerade den Job dieser Kathrin übernahm.

Nun, wenn es ihm Freude bereitete. Und ich konnte es auch nicht verhindern, dass ich mich irgendwie geschmeichelt fühlte. Er schien bemüht, dass ich mich nicht langweilte und nicht völlig sinnlos mitgekommen war.

Denn Alexa brauchte meine Hilfe bestimmt nicht.

„Warum nicht“, zuckte ich also mit den Schultern und folgte ihm.

Er erriet meinen Musikgeschmack ziemlich gut. Oder vielleicht hatte er sich auch einfach meine CD-Sammlung angeschaut, als er bei mir zu Hause gewesen war. Wie auch immer, zielsicher fand er die Bands, die mich interessierten.

„Hey schau mal“, rief er überrascht und hielt mir ein Exemplar hin.

Depeche Mode, nicht schlecht.

„Das Teil ist signiert“, erklärte er mir, als ich nicht in Jubelrufe ausbrach.

Jetzt warf ich doch noch einen näheren Blick auf die Hülle und tatsächlich, dort war eine Unterschrift.

Dominik drehte die CD fragend in seinen Händen. „Ein älteres Ding“, meinte er schließlich.

„He Kathrin“, er winkte der Verkäuferin zu. Diese schaute stirnrunzelnd von ihrem Magazin auf.

„Wie viel kostet das?“

Sie kniff die Augen zusammen. „Drei“, informierte sie uns schließlich.

Ich blinzelte überrascht mit den Augen. „Warum so billig?“

Dominik zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich hat die CD einen Schaden. Lass mal Probe hören.“ Er lief zu einem schäbigen CD-Player und legte sie ein.

Er hatte Recht, durch einen Kratzer waren zwei Lieder nur in Ansätzen zu hören, aber ansonsten lief alles einwandfrei.

Die nächste Zeit wurden wir von Alexa beansprucht, die in kurzen Abständen immer mal wieder aus der Umkleidekabine gehüpft kam. Als sie sich endlich für sechs Kleidungsstücke entschieden hatte – ich konnte nur mit meinen Augen rollen – war es schon kurz vor eins.

Dominik legte zu meiner Überraschung auch die CD auf den Tresen und kaufte sie sich. Ich hatte nicht erwartet, dass er so etwas überhaupt abspielen konnte. Aber nun ja, worauf Stricher ihre Prioritäten legten, konnte ich schlecht beurteilen.

Noch viel erstaunter war ich dann allerdings, als er sie mir vor dem Laden mit einem verlegenen Gesichtsausdruck in die Hand drückte. „Hier“, meinte er. „Als Dankeschön für das Wochenende ...“

Ich war viel zu überrascht, um irgendetwas zu erwidern. Ich blinzelte verwirrt, die CD in der Hand.

Er lächelte noch einmal unsicher, drehte sich dann allerdings abrupt mit einem genuschelten „dann tschüss, ne“ um und rannte fast schon davon. Erst als er schon an der nächsten Kreuzung war, rief ich ihm hinterher. „Hey Dominik, warte!“

Doch er schien mich nicht zu hören, oder zu ignorieren.

„Was war das denn“, wunderte sich auch Alexa.

Ich brachte sie höchst nachdenklich zurück zu ihrem Arbeitsplatz und kam dann auch verspätet wieder in die Kanzlei.

Doch den Rest des Nachmittages war ich nicht wirklich fähig, mich zu konzentrieren. Zu gerne wollte ich wissen, warum er das getan hatte. Dass es nur wegen dem Übernachten war, nahm ich ihm nicht ab.

Geradezu erleichtert war ich, als Sabine plötzlich anrief und mich zu sich nach Hause zum Abendessen einlud. Ich nahm dies als Vorwand, früher von der Arbeit zu verschwinden. Immerhin musste ich mich ja hübsch machen.

Auf dem Weg zu Sabines Wohnung lief ich noch schnell in einen Blumenladen und erstand einen Weihnachtsstern. Frauen mögen Blumen doch immer so ... ich ließ Pflanzen nur leider immer viel zu schnell verdörren, als dass ich wirkliche Freude an ihnen hätte.

Ich war wieder zu Fuß gelaufen. Natürlich war es kalt. Ich hatte sogar meine Fäustlinge herausgekramt, um keine Eiszapfen an den Fingern zu bekommen.

Der Stopp beim Blumenladen sorgte dafür, dass ich den Bahnhof überqueren musste, um zu ihrer Wohnung zu gelangen. Es sei denn natürlich, ich wollte einen Umweg in Kauf nehmen. Was nicht der Fall war.

Ich konnte mich nicht erwehren, aber ich schaute mich immer wieder um. Auch wenn ich es mir nicht wirklich eingestehen wollte, doch ich wusste, dass ich nach einem ganz bestimmten roten Haarschopf Ausschau hielt.

Allerdings hatte keiner der Menschen hier flammend rote Haare. Ich verlangsamte meinen Schritt, als ich plötzlich Jungen entdeckte. Jungen, die an der Bahnhofswand standen und die Passanten beobachteten. Ihre Kleidung erinnerte mich an ihn, viel zu kalt für diese Temperaturen.

Hier im Bahnhof ging es zwar noch, aber dennoch stellte ich es mir recht kalt vor.

Hastig lief ich weiter, entdeckte jedoch bald das Schild zu den öffentlichen Toiletten. Wieder verlangsamte ich mich. Der Weihnachtsstern in meinen Armen wurde seltsam schwer, so als wollte er mich zum Stehenbleiben animieren.

Ich musste ja nicht aufs Klo ... eigentlich ... und überhaupt, ich könnte im Falle des Falles auch gleich bei Sabine gehen. Dort wäre es durchaus hygienischer und vor allem angenehmer.

Dennoch drückte ich die Tür plötzlich mit meiner Schulter ein und stolperte in den scharf riechenden Uringestank hinein.

Der kleine schäbige Raum war leer. Gelbliche Fließen lachten mich höhnisch an, offene Kabinentüren boten Einlass. Keine Menschenseele.

Auf den Absatz kehrte ich um und rannte schon fast hinaus.

Schneller als gewöhnlich brachte ich den restlichen Weg hinter mir und stand schließlich schnaufend vor ihrer Tür. Von meiner Hast war mir auch mittlerweile warm, sodass ich einen halben Hitzeschlag erhielt, als sie mir öffnete und ich eintrat.

„Hallo Süße“, keuchte ich und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.

„Hallo“, erwiderte sie fröhlich. „Oh, was ist denn das?“ Sie schaute mit glänzenden Augen auf den Weihnachtsstern.

„Für dich“, ich hielt ihn ihr hin, sodass sie ihn gleich an sich nahm und auf ein kleines Schränkchen stellte.

„Das ist ja so goldig von dir.“ Sie nahm mir meine Jacke ab.

Eine Wohltat, dem lästigen Stück Stoff entronnen zu sein. Ich hatte allerdings immer noch das Gefühl, dass mein Gesicht hochrot sein musste.

„Komm, lass ins Wohnzimmer gehen. Ich habe Rinderbraten gekocht, ich hoffe du magst das?“

Ich nickte. „Immer.“

Das Essen schmeckte gut. Sie hatte sich auch wirklich Mühe gegeben. Schon rein optisch bewies dies der liebevoll gedeckte Tisch.

Danach setzten wir uns beide auf das Sofa, sie an mich gelehnt, ich sie mit einem Arm festhaltend. Es war schön, entspannend. Keiner kam mit nervigen Kommentaren, sanfte Musik spielte.

Sie fuhr gedankenverloren über meine Finger. „Du bist echt lieb, Markus“, meinte sie nach einer Weile.

„Natürlich bin ich das“, schmunzelte ich.

„Ach, ... aber du wirst es nicht glauben. Am Anfang dachte ich, du wolltest mich nur abschleppen.“ Sie drehte sich zu mir herum, um mir in die Augen zu schauen. „Aber seit dem letzten Date denke ich das nicht mehr.“

„Nein?“ Wir hatten erst eines gehabt. Doch es freute mich, dass meine Vorgehensweise wohl die richtige Entscheidung gewesen war.

„Nein“, bestätigte sie ernst. „Das willst du doch nicht, oder?“, fragte sie dennoch etwas zaghafter nach.

„Nein, will ich nicht.“ Ich musste unwillkürlich lächeln. Sie war süß. Klein, eine niedliches Näschen, welliges Haar. Spielerisch stupste ich sie mit meiner Nase an und sie erwiderte die Kosung.

Es geschah wie von selbst, ohne dass einer von uns großartig darauf hingearbeitet hätte. Irgendwann lag mein Pullover auf dem Boden, ihr Top folgte. Sie hatte kleine, feste Brüste. Ich gewahr ihnen zärtliche Aufmerksamkeit, wodurch mein Schwanz sich zu rühren begann.

Fordernd strich sie mir über den Oberkörper und zog mich schließlich hoch, ihr nach ins Schlafzimmer.

Ich drückte sie gleich aufs Bett, zog ihr auch noch die Hose herunter. Herrlich lag sie dort in den Laken, ein wahrer Genuss fürs Auge. Ich stand dort, betrachtete sie und könnte schon allein bei diesem Anblick kommen.

Zitternd öffnete ich meine Hose, befreite meinen kleinen Freund.

Ihre Augen glänzten, als sie mich erblickte. Verlangend griff sie nach mir, zog mich zurück auf sich.

Ich küsste sie.

„Hier“, keuchte sie in meinen Mund hinein, drückte mir etwas in die Hand. Ich musste nicht erst hinschauen, um zu wissen, dass es ein Kondom war. Geübt riss ich die Packung auf und streifte es mir über meine Erregung.

Voller Erwartung hob sie ihr Becken, ich war bereit in sie einzudringen.

Eng war sie, heiß ... lustvoll stöhnte ich auf und schloss die Augen. Ein Gefühl, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Ich fand einen stetigen Rhythmus und stieß zu. Bilder überfluteten meinen Kopf, sie vor mir liegend, sich verschwitzt windend, sie nach dem Glas Wein greifend, sie sich über den Weihnachtsstern freuend, sie nackt auf dem Sofa schlafend, der Po halb von der Decke entblöst ... sie ... nein ... er, er schlief mit nichts am Körper auf der Couch, es war meine Couch, er, wie er mit geöffnetem Bademantel vor mir auf dem Boden saß, mich fassungslos anschauend ... er ... er ...

Erschrocken riss ich die Augen auf. Mein Rhythmus kam ins Stocken, ich krampfte meine Hände in ihre Seiten.

Doch sein Bild ging nicht weg, nein, dadurch wurde der Druck in den Lenden nur größer.

Als hätte ich mich verbrannt zog ich mich zurück, starrte Sabine an, als wäre SIE er.

Verwirrt schaute sie mich an. „Was is...“, fragte sie, doch ich ließ sie nicht ausreden.

Panisch sprang ich vom Bett, bückte mich nach meiner Hose. Ich musste hier raus. Weg von ihr ... weg von IHM.

Schneller, als ich für möglich gehalten hätte, zog ich mich an.

„Markus“, erschrocken war sie aufgestanden und mir ins Wohnzimmer gefolgt. „Was ist denn los?“ Doch ich konnte ihr nicht antworten. Es war, als hätte sich ein Brett vor meinen Verstand geschoben.

„Es tut mir Leid“, brachte ich schließlich noch keuchend an der Haustür hervor, und stürmte dann hinaus.

Ich betrat die nächstbeste Bar, die mir des Weges kam. Schnurstracks lief ich zum Tresen und setzte mich auf einen Hocker. Ich brauchte erst einmal einen Whiskey.

Mit einem Schluck stürzte ich das brennende Getränk hinunter und bestellte mir daraufhin ein Bier.

Ich wollte nicht daran denken, was soeben in Sabines Wohnung geschehen war. Unmöglich, dass ich ... nein. Nicht daran denken.

„Heya, schlecht drauf?“ Ein Typ sprach mich an, setzte sich auf den nebenstehenden freien Barhocker.

Ich musterte ihn skeptisch, was ihn nicht sonderlich zu stören schien. Er war ziemlich muskulös und groß, hatte allerdings eine fein geschwungene Nase, freche, wild vom Kopf abstehende braune Haare, große, runde Augen.

Wahrscheinlich ein totaler Frauenschwarm, stellte ich fest.

Ich zuckte nur unbestimmt mit den Schultern.

„Wenn du willst, kann ich versuchen dich aufzumuntern.“

Dieser Kommentar ließ mich misstrauisch die Miene verziehen. Was wollte der jetzt schon wieder von mir. Ich war bestimmt nicht in Gesprächslaune.

Er stützte sich mit dem einem Arm auf den Tresen, schaute mir offen ins Gesicht. „Du bist das erste Mal hier, oder?“, meinte er schließlich, als er merkte, dass ich auf seine vorigen Worte nicht einging.

„Ja“, bestätigte ich mürrisch. Konnte er nicht einfach verschwinden.

„Neu hergezogen?“ Er machte dem Wirt ein Zeichen und gleich darauf landete vor ihm ebenfalls ein Bier.

„Nein, bin ich nicht.“ Ich konnte mir nicht erklären, warum ihn das interessierte. Anscheinend war ich wohl in so eine Stammkneipe geraten. Fremde wurden hier also gemustert wie kleine Marsmännchen.

„Ach, na dann. Was ist denn passiert, dass du so schlecht drauf bist?“

Er nahm sein Glas und hielt es mir auffordernd hin. Ziemlich lasch stieß ich an. Warum ich dies überhaupt tat, wusste ich nicht.

„Bestimmte Personen drängen sich immer wieder in den Vordergrund, wobei ich sie gerne vergessen würde“, antwortete ich vage.

„Dann solltest du vielleicht für einen Moment aufhören, dir Gedanken zu machen“, schlug er schelmisch vor.

Ich schnaubte nur. „Na, wenn das so einfach wäre“, murmelte ich und trank mein Bier leer. Na super ...

„Ich kenne eine hervorragende Methode, wie ich dir helfen kann.“ Er rügte ein Stück näher, was mich unwillkürlich mich anspannen ließ.

„Was soll das?“, knurrte ich ungehalten, jedoch nicht bereit zurückzuweichen.

Ich hatte es satt, dauernd vor irgendwelchen aufdringlichen Männern zurückzuschrecken.

Verstohlen ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen.

„Wir können auch zu mir“, schlug er dreckig grinsend vor.

Das konnte doch nicht wahr sein. Aber es war offensichtlich der Fall. Erst jetzt fiel mir auf, dass nur Männer im Raum waren.

Energischer als ich überhaupt vorgehabt hatte, stand ich auf und verzog grimmig das Gesicht. „Bestimmt nicht“, schnupfte ich. „Schönen Abend noch.“ Und ich machte, dass ich weg kam.

Ausgerechnet eine Schwulenbar. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Fast schon wütend trat ich in meine Wohnung und kickte die Schuhe fort.

Unruhig lief ich im Wohnzimmer hin und her, bis mein Blick schließlich auf die Magazine fiel. Schnell trat ich darauf zu und kramte das Pornoheft hervor. Ich setzte mich auf das Sofa und schaute mir die Bilder an. Eines nach dem anderen.

Es regte sich nichts. Natürlich nicht. Ich war gerade auch bestimmt nicht in Stimmung. Ich trommelte mit den Fingern auf meinem Bein herum, lief schließlich zum DvD-Schrank. Bald hatte ich die richtige CD gefunden und legte sie ein.

Ich holte mir noch ein Bier und setzte mich dann wieder aufs Sofa. Okay ... entsprechende Atmosphäre also schaffen.

Der Porno war recht ... simpel. Keine Story, hauptsache Sex und zwar wild und versaut. Ich trank und spielte etwas an mir herum, in der Hoffnung auf eine Regung.

Im nächsten Moment klingelte das Telefon und ließ mich beinahe von der Couch springen. Genervt schaltete ich den Fernseher aus und griff zum Hörer.

„Ja?“, meldete ich mich missmutig.

„Markus, hier Sebastian“, meldete er sich.

„Ah“, entgegnete ich begeistert. Nichts gegen Sebastian ... er war ein lieber Kerl. Aber manchmal eben auch etwas anstrengend.

„Dein Klient hat noch einmal in der Kanzlei angerufen ... da warst du ja schon weg wegen deiner neuen Flamme.“ Ich konnte förmlich sein Grinsen sehen.

„Jedenfalls ... er will Anzeige erstatten.“

„Welchen meinst du?“, hakte ich immer noch desinteressiert nach.

„Na den Schwulen da ... wie hieß er noch gleich?“

„Mensler“, stöhnte ich. An den wollte ich jetzt bestimmt nicht denken.

„Der kam heute mit seinem Freund an. So ein junger Jungspund ... meine Güte. Dass der so einen abbekommen hat, na ich bezweifle das ja irgendwie.“

„Gibt es sonst noch etwas Wichtiges?“, versuchte ich ihn abzuwimmeln. Schon allein bei der Erwähnung Menslers könnte ich einen Aggress kriegen, aber dann noch sein Liebesleben vor mir auszubreiten ... nein danke.

„Nein, eigentlich nicht. Die Weihnachtsfeier vom Betrieb ist nächste Woche, kommst du?“

„Ja“, verdammt, die hatte ich total vergessen.

„Gut, dann gute Nacht noch. Und grüße deine Süße“, er kicherte dämlich und hängte auf.

Apropos Süße ... nachdenklich schaute ich den Hörer an. Ich könnte sie anrufen ... um eine Abfuhr zu bekommen?

Sie war bestimmt enttäuscht von mir. Ich konnte es ihr auch nicht verübeln. Andererseits, sie würde mich, falls sie mir verzieh, bestimmt ablenken können. Von diesen Schwulen.

Ich brauchte unbedingt eine Frau. Und nicht gerade meine Schwester.

Kurz entschlossen tippte ich also Sabines Nummer ein. Es klingelte vielleicht einmal, dann nahm sie schon ab.

„Ja?“

„Sabine?“, fragte ich etwas nervös. Plötzlich war mir meine Spontaneität wieder zuwider.

„Markus“, quietschte sie allerdings scheinbar erfreut. „Mein Gott, bin ich froh, dass du anrufst.“

„Äh ... ja“, ich fuhr mir durch die Haare, „wegen vorhin ... ich wollte nur ... mich entschuldigen ... also für ...“

„Aber macht doch nichts“, unterbrach sie mich. „Kann doch jedem Mal passieren, da ist doch nichts dabei. Du hättest nicht wegrennen brauchen ... ich dachte schon, ich hätte etwas falsch gemacht.“ Sie klang unsicher.

„Nein nein“, haspelte ich schnell hervor, „das ist nicht deine Schuld.“

„Na dann ist ja gut“, sie glaubte mir nicht so ganz. „Willst du vielleicht ... morgen noch einmal kommen? Nicht dass das so lange zwischen uns steht.“ Sie war wieder vorsichtig geworden.

Doch ihr Vorschlag war genial. „Natürlich“, rief ich begeistert aus. Sie war der einzige Weg, wieder klar denken zu können. Ich wusste es einfach.


Den ganzen nächsten Tag über war ich unruhig. Ich versuchte mich bis zum Abend so gut es ging zu beschäftigen. Mit Feuereifer stürzte ich mich in meine Akten. Dem Gespräch mit Herrn Mensler schaute ich heute sogar mit Erleichterung entgegen, da es mir zusätzlich Ablenkung verschaffen würde.

Es war kurz vor drei, als meine Sekretärin ihn schließlich anmeldete. Ich hieß ihn sofort eintreten. Doch zu meiner Überraschung kam er nicht alleine, sondern in Begleitung.

Sofort erinnerte ich mich Sebastians Worte und bereute, gestern Abend nicht mehr richtig zugehört zu haben.

Sein Partner, den er mir als solchen jedenfalls vorstellte, war noch ein halbes Kind. Jedenfalls bestimmt nicht um die fünfzig wie mein Klient. Nein, vom Alter her würde ich ihn in Dominiks Liga einordnen.

Was mich wieder auf den Punk brachte.

Herr Menslers ‚Freund‘ hieß Kevin und hielt sich betont im Hintergrund. Dieser Umstand ließ mich wieder etwas beruhigen. So fiel es mir leichter, ihn zu ignorieren. Außerdem hätte Dominik sich an jeglicher nur möglichen Stelle unverschämt eingemischt, da war ich mir sicher.

Verkrampft hielt ich also meinen Blick auf die Nase von Herrn Mensler. Nur mit halbem Ohr konnte ich dessen Worte registrieren, das andere war irgendwo in weiter Ferne in Urlaub.

Mit so heruntergefahrenen Sinnen überlebte ich die nächste Stunde.

Als sich die Tür hinter den beiden endlich wieder schloss, hätte ich nicht sagen können, um was wir gesprochen hatten. Ich konnte nur hoffen, keinen Unsinn von mir gegeben zu haben.

„Wie siehst du denn aus?“, begrüßte mich Sebastian, der als erster wieder in mein Büro geplatzt kam.

Verwirrt schaute er mich an. „Du bist ganz weiß im Gesicht.“

Ich winkte ab. „Nichts ...“ Ich holte tief Luft, um mich wieder zu fassen. Das konnte doch nicht wahr sein.

„Jetzt hast du ihn ja auch gesehen! Habe ich dir nicht gesagt, dass der bestimmt mehr als die Hälfte jünger ist? Ich sage dir, der hat ihn gekauft oder sonst was“, plapperte mein Kollege drauf los.

„Ja kann sein“, krächzte ich. „Ist was, oder warum bist du hier?“, versuchte ich schließlich auf ein anderes Thema zu lenken.

„Klar“, ging er zum Glück gleich darauf ein, „hier, vom Notar wegen dem Mensler-Habig-Fall. Das wäre es auch schon ...“

Er schaute mich an, so als erwarte er noch irgendeine Erwiderung meinerseits. Ich nickte allerdings nur knapp und schmiss ihn damit ziemlich rüde aus dem Zimmer.

Nun, Sebastian verkraftete das. Er war keiner der sensiblen Sorte.

Noch nie war ich dann so froh, dass es endlich Zeit war mich auf den Weg zu Sabine zu begeben.

„Hallo“, lächelnd öffnete sie mir die Tür und begrüßte mich mit einem Kuss. Zuerst war ich etwas überrascht, doch erwiderte ihn dann erleichtert.

„Hey“, erwiderte ich sanft.

„Komm rein“, sie führte mich ins Wohnzimmer. Dort standen schon einige Kerzen auf dem Tisch.

„Oh, wie romantisch“, schmunzelte ich.

„Natürlich, für dich immer“, lachte sie.

Seufzend setzte ich mich.

„Willst du was zum Trinken?“

„Klar ... Wein?“ Sie verschwand kurz in der Küche und kam mit Gewünschtem zurück. Schließlich setzte sie sich neben mich.

„Schön, dass du heute wieder kommen konntest.“

„Ja“, ich spielte unschlüssig an meinem Glas. „Du bist nicht böse?“, fragte ich nach einem Moment vorsichtig.

„Warum das denn?“, sie schaute überrascht.

„Naja“, ich zuckte mit den Schultern, „wegen gestern Abend.“

Überrascht hielt sie inne. „Nein, natürlich nicht. Ich bin eher froh, dass du dich so schnell wieder gemeldet hattest.“

„Ja?“, zweifelte ich ihre Worte an.

„Ja ... ich dachte ...“, jetzt war sie es, die verlegen in ihr Glas schaute, „ich dachte, du magst mich doch nicht so. Aber du hast dich ja gemeldet“, hoffnungsvoll schaute sie mich an.

Ich musste lächeln. „Klar, warum denn nicht. Natürlich mag ich dich.“ Erst jetzt konnte ich mich wirklich entspannt zurücklehnen. Sie schien nicht einmal auf den Gedanken gekommen zu sein, doch kein Interesse mehr an mir zu haben.

Auch sie war erleichtert und lehnte sich vertraulich an mich. Ich schlang meinen Arm um sie und streichelte sie an der Schulter.

Ihr leichtes Gewicht war beruhigend, Parfüm wehte mir um die Nase. Irgendein süßlicher Duft. Sie hatte etwas zuviel aufgetragen, doch es war okay. Ich trank meinen Wein und starrte in das Kerzenlicht. Man sollte jetzt die Zeit anhalten. Dann wäre alles in Ordnung und ich müsste mich mit keinerlei Problemen herumschlagen.


Ich war aus Sabines Wohnung geflüchtet. Dabei war allein schon diese Aktion absurd. Ich versuchte nicht vor ihr zu fliehen, sondern im Grunde genommen vor mir selbst. Sie sollte mein rettender Anker sein, doch was tat ich? Gerade in diesem Moment entfernten mich meine Schritte immer weiter von ihr.

Dabei sollte ich doch beruhigt sein. Ich hatte Sex mit ihr gehabt, meine Gedanken hatten nicht wieder verrückt gespielt.

Der Akt an sich war ja auch gut gewesen, ich hatte einen befreienden Orgasmus gehabt. Das war es allerdings auch schon. Er war befreiend gewesen aber nicht ... befriedigend. Das Ganze hatte sich allein als Druckabbau herausgestellt.

Dieses schale Gefühl, was ich letztens immer nach One-Night-Stands gehabt hatte, war auch diesmal aufgetreten. Nur dass es mich auf einmal erschütterte. Ich war einfach nicht darauf vorbereitet gewesen. Ich meine, ich kannte sie doch mittlerweile. Das sollte sie doch von all den anderen Abenteuern unterscheiden.

Dennoch war das Gefühl danach dasselbe gewesen. Schwer atmend blieb ich an der nächsten Kreuzung stehen. Ich hatte die Wahl geradeaus weiterzugehen, oder links zu meiner Wohnung abzubiegen. Meine Fäuste ballte ich in meiner Jackentasche zusammen.

Das konnte es doch nicht sein. Früher hatte mich das nie beschäftigt.

Aber auf einmal war ich nicht mehr zufrieden mit dem Ergebnis. Nein, eigentlich schon seit geraumer Weile nicht mehr. Sonst hätte ich mir doch nie die Mühe gemacht, es langsam mit Sabine angehen zu lassen.

Ohne wirklich über eine Entscheidung nachzudenken, lenkten mich meine Füße über die Straße. Ich näherte mich derselben Bar, in der ich schon das letzte Mal gelandet war. Somit zog auch nicht mehr die Ausrede, dass ich ja nicht wusste, um was für eine Lokalität es sich hier handelte.

Ich sollte ja im Grunde genommen ohnehin unbeeindruckt davon sein, da ich ja hetero war. Ja verdammt, nur wenn man Zweifel hatte, war es einem doch unangenehm.

Aus einer mir unergründlichen Trotzreaktion heraus, stieß ich die Tür auf und betrat die Kneipe.

Die Köpfe sämtlicher Insassen drehten sich in meine Richtung, doch viele verloren ihr Interesse wieder recht schnell. Ob gestern Abend dasselbe Phänomen aufgetreten war, konnte ich nicht sagen. Da hatte ich auf solche Dinge noch keinen Blick gehabt.

Nicht weiter darauf achtend schritt ich zur Theke und setzte mich auf einen Barhocker.

„Ein Bier“, bestellte ich beim Wirt.

Ich hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Krampfhaft umklammerte ich mein Glas, sobald es vor mich gestellt wurde.

„Hey, bist du nicht der Typ, der gestern Christian hat abblitzen lassen?“ Ich zuckte erschrocken zusammen und schaute vorsichtig neben mich.

Ein noch ziemlich junger Kerl hatte sich lässig gegen den Tresen gelehnt. Seine Finger steckten locker in den Gürtelschlaufen seiner tief sitzenden Hose. Der Pullover, den er trug, war hauteng und betonte nur deutlich seine trainierte, aber dennoch grazile Körperstatur.

„Welcher Christian?“, fragte ich zögernd. Dass er mich irgendwie versuchte anzubaggern, war mir diesmal sofort klar.

„Na, der Kerl, der dich gestern angesprochen hat. Groß, braune kurze Haare ...“ Welch genaue Beschreibung. Doch mir war natürlich schon von Anfang an bewusst gewesen, wen er meinte.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nicht interessiert.“

„Weißt du eigentlich, wie viele hier auf dich neidisch sind? Nur wenige würden ihn von der Bettkante stoßen“, er lehnte sich gefährlich nah zu mir herüber.

Dezentes Parfüm stieg in meine Nase. Allerdings kann es auch nur sein, dass meine Riechnerven schon von Sabines Duftwolke abgetötet worden waren.

Ich runzelte die Stirn „Und?“, hakte ich möglichst desinteressiert nach.

„Nun“, er leckte sich über die Lippen, „hätte anscheinend ohnehin nicht wirklich funktioniert.“

„Warum nicht?“, fragend hob ich meine Augenbrauen.

Er seufzte. „Na, er bevorzugt die aktive Rolle, und du doch auch. Oder?“ Jetzt schaute er mich neugierig an.

„Ich denke schon ...“, erwiderte ich vorsichtig. Dass ich ein gefährliches Spiel spielte, war mir klar. Doch mir war eine verrückte Idee gekommen, die ich garantiert spätestens morgen bereuen würde. Lag wahrscheinlich nur am Alkohol aber ...

„Siehst du, da bist du mit mir viel besser bedient.“ Er legte mir seinen Arm um die Taille und schmiegte sich schnurrend an mich. Instinktiv verspannte ich mich und wollte ihn von mir stoßen, doch hielt ich mich schützend an meinem Glas fest.

„Ich will dir einen blasen“, wisperte er mir ins Ohr, „und dann von dir gefickt werden.“

„Glaubst du deine direkte Ausdrucksweise macht mich an?“, fragte ich um Ruhe bewahrend.

„Ja“, grinste er. Im selben Moment landete seine Hand keck in meinem Schritt. Ich konnte nicht verbergen, dass sich dort schon etwas geregt hatte.

„So“, schnaufte ich.

„Komm, mein Auto steht in der Nähe.“ Er zog an meinem Ärmel. Fast schon, als würde jemand anderes die Kontrolle über meine Glieder an sich reißen, rutschte ich tatsächlich vom Hocker. Wehmütig schaute ich mein restliches Bier an.

Doch der Typ ergriff meine Hand und zog mich hinter sich her. Ich bemerkte die Blicke, die uns belustigt folgten. Es war mir egal.

Ich hatte das Gefühl, ein Schleier hätte sich in meinem Kopf niedergelegt. Allein diesen Jungen – ich schätzte ihn auf Anfang zwanzig – nahm ich vollkommen klar war. Seine schmalen Hüften, sein kecker Hintern. Er erinnerte mich an Dominik. Nicht nur in seiner Statur und seinem Aussehen, auch von seiner Art her.

Sein Auto war wirklich nicht weit, gerade einmal zwei Straßen weiter. Es stand auf einem kleinen Parkplatz, etwas abgeschirmt von anderen parkenden Autos vor neugierigen Blicken. Seine Hände zitterten, als er es öffnen wollte. Ob vor Erregung oder Kälte konnte ich nicht sagen.

Schließlich nahm ich ihm entschlossen den Schlüssel aus der Hand und schloss für ihn auf. Ich hatte Angst, meine Meinung doch noch umändern zu können. Aber ich wollte es wissen. Ob es vielleicht daran lag, dass Sabine eine Frau war. Und ich doch schwul ... nein, war ich nicht. Ich hoffte nur, dass danach alles wieder gut werden würde. So wie früher, vor ... keine Ahnung wie vielen Jahren. An die Zeit mit Bettina und die unmittelbaren Jahre danach.

Er kroch vor mir auf die Rückbank und forderte mich auf, ihm zu folgen. Ich ließ nicht lange auf mich warten, da ich begann, zu frösteln.

Sofort warf er sich gegen mich und drückte seine Lippen auf meine. Sie waren weich, doch schmeckten so ganz anders wie die Sabines. Herb und rau, wild drängte seine Zunge in meinen Mund. Ich gab nach, umfasste seine Hüften, zog ihn halb auf mich.

Seine Hände wanderten hinunter zu meinem Hosenschlitz, öffneten ihn ungeduldig.

Als er meine Härte streifte, stöhnte ich unwillkürlich auf.

Er hielt sich nicht lange mit irgendeinem Vorspiel auf, sondern rutschte gleich an mir herunter und leckte gierig nach meiner Erregung, nahm sie in den Mund.

Fahrig lehnte ich mich zurück, griff in seine Haare.

Ich war nicht fähig, klare Gedanken zu fassen. Es war ... berauschend. Nicht lange und ich spürte eine kochende Leidenschaft in mir aufsteigen.

Doch er interpretierte meine Reaktionen richtig und hörte abrupt auf. Er küsste mich wieder.

Ich erwiderte seine Bemühungen diesmal energischer. Unkontrolliert keuchte ich, fuhr mit meinen Händen seinen Bauch entlang. Qual, welch süße Qual ... er wehrte sich nicht, als ich ihn auf die Bank drückte. Von alleine drehte er sich herum und streckte mir seinen Hintern entgegen.

Mit einem Ruck zog ich ihm die Hose herunter. Ich schmiss sie weg, nicht weiter achtend wohin sie landete.

„Hier“, er hielt mir etwas entgegen. Ich erkannte, dass es ein Kondom war und nahm es ihm ab. Kurze Schuld schlich sich mir auf, da ich nicht daran gedacht hatte, doch sie wurde schnell wieder von meiner Geilheit verdrängt. Der Typ gab mir auch Gleitgel.

Ungeschickt verteilte ich es hastig in seiner Spalte und auf meinem Schwanz und stieß endlich – endlich in ihn hinein.

Er war so eng. Heiß und fest umschloss er mich. Ich krallte meine Finger in sein Becken, fand einen schnellen, heftigen Rhythmus.

Bald spürte ich schon wieder den Orgasmus in mir aufkochen und diesmal brach niemand die Bemühungen ab. Mit einem Aufschrei ergoss ich mich in ihm. Ich merkte, wie seine Schließmuskeln sich weiter um mich schlossen, und auch er schien zusammenzubrechen.

Ich fiel schwer auf seinen Rücken, in den ersten Sekunden nicht fähig mich zu rühren. Ich war ... zufrieden. Es war einfach ... okay. Ja fast schon Glückseligkeit legte sich auf mich. Eine Ruhe, die ich so schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ich könnte ewig hier liegen bleiben. Wenn jetzt die Welt untergehen würde, es wäre keine Tragödie.

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause gekommen war. Doch sobald ich meinen Schlüssel ins Schloss gesteckt hatte, drehte ich mich auf den Absatz wieder um und stürmte zu meinem Auto.

Erst so langsam sickerte zu mir durch, was überhaupt geschehen war. Anstatt mich geekelt zu haben, anstatt ein leeres schales Gefühl hinterher zu bekommen, war ich auf Wolke sieben herumgeschwebt. Und das nur durch Sex! Mit einem ...

Fluchend trat ich aufs Gaspedal. Ich hatte das Gefühl, die Zügel zu verlieren. Über mein Leben, über mich selbst.

„Alexa“, aufgelöst fiel ich eher schon als das ich ging durch ihre Haustür. Verblüfft fing sie mich auf. Ich nahm das zum Anlass, sie zu umklammern und mein Gesicht an ihrer Schulter zu vergraben. „Ich ...“, ein Schluchzen rutschte meine Kehle hoch.

„Hey, schhh“, sie strich mir beruhigend über den Rücken und bugsierte mich auf die Couch in ihrem Zimmer. „Was ist denn los?“

„Ich habe“, ich schnappte nach Luft. Es fiel mir immer noch schwer, es wahr zu haben aber ... „ich habe geschlafen.“

„Ahja?“, fragend schaute sie mich an.

„Mit einem Mann“, stieß ich hastig hinzufügend hervor. „Es war ... ich bin nicht schwul. Ich will das nicht!“

Ich versuchte meine Hand in den Bezug zu krallen, doch gab es nichts zu fassen, womit ich sie schließlich zu einer Faust ballte.

„Hey, ruhig bleiben. Warum hast du auf einmal mit einem Kerl Sex?“ Sie versuchte ihre Überraschung zu verbergen, doch gelang es ihr nicht.

„Weil ... weil ... ich weiß auch nicht. Ich dachte, danach ist alles wieder okay.“

„Danach?“

„Der mit Sabine war schal, wie alle die davor. Und ich wurde die ganze Zeit dauernd von Schwulen bedrängt und keine Ahnung! Es ist halt passiert.“

„Es hat dir gefallen“, traf sie zielsicher wie der Holzfäller im Wald den Baum.

„Ja“, wimmerte ich und sackte wie ein Häufchen Elend zusammen. „Aber warum?“, hilflos schaute ich sie an. „Ich bin doch nicht schwul.“

„Und warum nicht?“, sie schaute mich verständnisvoll an, so als würde sie die Krise, die ich gerade durchlebte, genau kennen. Tat sie natürlich nicht! Schließlich war sie nicht mit der Annahme konfrontiert, dass ihr gesamtes Selbstbild für die Mülltonne war.

„Ich habe doch Frauen geliebt! Wenn ich schwul bin, dann hätte ich das nicht getan ...“ ich fuhr mir fahrig durch die Haare, um mir selbst Ruhe zu geben. „Nein, dann wäre mein ganzes bisheriges Leben eine Lüge.“

„Tut mir Leid, ich kann dir nicht ganz folgen. Warum sollte es dann eine Lüge sein?“

„Na, weil ...“, ich hob verzweifelt meine Hände, „wenn ich schwul bin, würde ich meine gesamten Beziehungen verleugnen. Aber das tue ich nicht, also bin ich NICHT schwul.“

„Das ist mittlerweile auch zu mir durchgesickert, du musst es nicht tausend Mal wiederholen“, bemerkte sie sarkastisch. „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass du bi sein könntest?“

„Aber ich will keinen Mann lieben!“ Aufgebracht stand ich auf.

„Wer hat denn hier etwas von wollen gesagt. Ich würde Can auch lieber nicht lieben ... das würde einiges erleichtern. Denkst du, ich habe mir das ausgesucht? Aber es ist halt so.“

„Du bist ja auch eine Frau.“ Sie verstand mich nicht. Natürlich, wie sollte sie auch.

„Schön, und wenn ich mich in eine Frau verlieben würde, wo wäre das Drama? In dem Moment, in dem ich jemanden liebe, ist mir das Geschlecht doch egal. Nein, du solltest dich eher glücklich schätzen, dass du fähig bist, beide Geschlechter zu lieben. Weißt du nicht, was für ein Geschenk das ist?“

„Geschenk?!“, ich schrie hysterisch auf. Sie war verrückt, eindeutig.

„Ja!“, rief sie ebenso laut zurück. „Stelle dir einmal vor, du triffst jemanden, den du magst. Dieser jemand liebt dich und du weißt, du würdest mit ihm glücklich werden. Du weißt, dass er genau dein Typ ist, du weißt, dass er perfekt ist, du WEIßT, dass er genau dieser jemand ist, den du schon immer gesucht hast. Aber du kannst ihn nicht lieben, weil dieser jemand das falsche Geschlecht hat. Diese Banalität ...“

„Aber wenn er ein Kerl ist, ist er auch nicht mein Traumtyp!“ Ihre Gedankengänge sollte einer verstehen.

„Schön ... dann nehme an, du denkst, wenn du ihn die ersten Male triffst, er ist eine Frau. Weil er so aussieht, weil er sich so benimmt ... und du verliebst dich in ihn. Und plötzlich findest du heraus, dass SIE eigentlich ein ER ist und auch nicht vorhat, eine Geschlechtsumoperation zu untergehen, weil er sich auch als er empfindet.“ Herausfordernd stemmte sie die Hände in die Hüften.

„Das ist ja widerlich.“ Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Unglaublich, als könnte ich mich in SO jemanden verlieben!

„Nun, im ersten Moment weißt du es ja nicht, findest die Person also alles andere als abstoßend. Und was kannst du dagegen tun, dass du dich schon in sie verliebt hast? Ihr beide schon festgestellt habt, dass ihr glücklich miteinander seid? Und dann das falsche Geschlecht ... siehst du nicht, dass dich das einschränkt? Okay, diese Beispiele sind extrem selten ... doch darauf kommt es ja nicht einmal an. Sehe deine offensichtliche Bisexualität einfach als Gabe an und nicht als Fluch.“

„Du verstehst das nicht ...“ Ich wollte, verdammt noch mal einfach keinen Kerl lieben. Was war daran so schwer zu kapieren?

„Ich verstehe mehr, als du denkst“, zischte sie beleidigt. „Wie auch immer ... früher oder später kannst du nicht vor dir selbst davonlaufen. Entweder du hast das Glück und triffst die Frau deines Lebens, dann wird dich ohnehin keine weitere Person ob weiblich noch männlich interessieren ... oder du findest den Mann deines Lebens und dann wirst du dich damit auseinandersetzen müssen. Kindisches Gehabe wie ‚ich will aber nicht‘ sparst du dir dann besser.“

„Na super“, war ich jetzt ebenfalls eingeschnappt. Sie war auch immer der Meinung, Recht zu haben. Sie und ihre extremen liberalen Einstellungen.

„Und jetzt“, fuhr sie plötzlich in einem gutgelaunten Ton fort, „zeige ich dir DAS Video.“

„Welches Video?“ An plötzliche Themenwechsel war ich bei ihr schon gewohnt. Die dazugehörigen starken emotionalen Schwankungen mit eingenommen.

„Na, das von Can“, sie kicherte und hopste zu ihrem Computer hinüber.

„Schau“, sie nickte darauf und öffnete irgendeine Datei.

Schwerfällig erhob ich mich und beugte mich über ihre Schulter. Ein junger Mann war zu sehen, den ich als Can identifizierte. Er stand irgendwo im Freien und sang aus voller Kehle. Ich brauchte eine Weile, bis ich das Lied erkannte, da es so fürchterlich falsch gesungen wurde.

Es war schwer, sich ein Lachen zu verkneifen. Unglaublich in wen sich meine Schwester verlieben konnte.

„Und hast du ihm die CD bereits gegeben?“, fragte ich sie interessiert.

„Nee“, sie verzog leidend den Mund. „Das Brennprogramm funktioniert irgendwie nicht mehr. Aber in den nächsten Tagen wollte ich mich daran setzen. Schau, ich habe sogar schon den Rohling.“ Stolz schwenkte sie mit der CD vor meiner Nase.

„Aha“, meinte ich nur.

„Aber ist er nicht süß“, strahlte sie. Ich gab darauf keinen Kommentar, sondern seufzte nur erleichtert, als das Video endlich endete.

Also wenn die beiden wirklich irgendwann in naher oder ferner Zukunft zusammen kommen würden, würde ich dankend darauf verzichten, mir ein Ständchen von ihm singen zu lassen.

„Hat Mutter auch bei dir angerufen? Wegen dem 1. Weihnachtsfeiertag?“, erkundigte sich meine Schwester.

Ich nickte. „Ja, hat sie. Klappt alles, bei dir auch, oder?“ Seit ein paar Jahren traf sich unsere Familie nicht mehr an Heilig Abend, sondern am 25. Das war auf die Zeit zurückzuführen, als sowohl ich als auch Alexa beide glücklich in einer Beziehung waren und den 24. in trauter Zweisamkeit hatten verbringen wollen. Wenn ich daran zurückdachte ... ich war mit Manuela zusammen gewesen. Sie war eine ziemlich starrköpfige Frau mit einem angenehmen Humor. Allerdings hatten wir uns irgendwann auseinander gelebt, was auch dazu geführt hatte, dass ich sie mehrmals betrogen hatte. Sie hatte das schließlich herausgekriegt und die Beziehung beendet. War wahrscheinlich auch besser so gewesen.

Alexa hatte ... der Kerl war seltsam gewesen. Ein totaler Einzelgänger und ... keine Ahnung. Ich hatte ihn nie gemocht und war eigentlich immer noch froh, dass sie ihn in den Wind geschossen hatte.

„Ja natürlich“, antwortete sie auf meine Nachfrage. „was schenkst du ihnen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung ... Schokolade oder so.“

Alexa grinste gequält. „Bist du einfallsreich.“

Unwillkürlich musste ich lachen. Und mir fiel auf, dass der Themenwechsel mich tatsächlich beruhigt hatte.


Ich hatte beschlossen, einfach so weiter zumachen, wie bisher. Sollte doch gelacht sein, wenn ich das nicht mehr hinkriegen würde. Es war doch ohnehin Weihnachtszeit, da war man im Stress und hatte nicht soviel Muße zum Nachdenken.

Das klappte auch recht gut. Die folgende Woche quoll mein Terminkalender geradezu über von Terminen. Herr Mensler wollte wirklich vor Gericht ziehen. Ich hatte ihn bisher nur mit Mühe davon abhalten können. Eigentlich sollte ich ihn machen lassen. Bezahlen müsste er mich so oder so, egal wie der Richter entscheiden würde. Aber ich sah es als meine Pflicht, ihn wenigstens zu warnen. Die Chancen, dass er gewann, waren gering.

Da spielte es auch keine große Rolle, dass seine Schwester immer noch keinen Anwalt hatte.

Sebastian lachte sich nur immer schlapp, wenn ich leidend von meinem Klienten erzählte. Er hatte ja keine spannenden Storys zu erzählen. Ich hätte nicht ungern mit ihm getauscht.

Die Weihnachtsfeier verplante auch das nächste Wochenende und hielt mich genügend auf Trab. Ich hatte Sabine eingeladen, mit mir als Begleitung hinzugehen. Nur zu erfreut hatte sie zugesagt.

Sebastian schien ganz hin und weg von ihr, machte ihr dauernd Komplimente. Ich hätte eigentlich eifersüchtig sein sollen, doch das war ich nicht.

Vielmehr belustigte mich sein Gebaren. Auch Sabine war amüsiert, hielt sich jedoch anschmiegsam an meinen Arm.

Kurz huschte der Gedanke durch meinen Kopf, wie Sebastian und Sabine wohl zusammen aussehen würden. Doch schnell wischte ich ihn wieder fort. Ich war mit Sabine zusammen, da sollte ich nicht auf so krudes Zeug kommen. Im Übrigen hatte sie kein Interesse an ihm, sondern nur an mir. Das sollte mich mit Stolz erfüllen. Aber irgendwie war es mir egal. Nein, so stimmte das auch nicht.

Natürlich schmeichelte es mir, aber ... es war anders. Irgendwie. Anders wie es die Male davor gewesen war.

Ich schob es darauf, dass ich Sabine wohl doch nicht so liebte, wie ich anfangs angenommen hatte. Schließlich war der Sex auch nicht berauschend gewesen. Aber was nicht war konnte sich ja noch entwickeln. Liebe war doch ohnehin etwas, was mit der Zeit reifen musste.

So fand ich immerhin erst am darauf folgenden Samstag Zeit, auf Geschenkesuche zu gehen. Meine Kinder waren bereits versorgt. Nicos Geschenk hatte ich bereits seit Wochen und Tom war auch recht einfach gewesen.

Ich fuhr mit dem Auto in die Stadt, da ich keine Lust hatte die Tüten meilenweit bis nach Hause zu schleppen.

Wie nicht anders zu erwarten, brauchte ich eine Ewigkeit, bis ich endlich einen freien Parkplatz gefunden hatte. Gestresst stieg ich aus und stürzte mich in die Menschenmasse.

Samstag war ein verflucht schlechter Tag zum Einkaufen. Insbesondere im Dezember.

Ich kämpfte mich durch die Läden. Es kam mir wie ein Wunder vor, dass ich im dichten Gedränge überhaupt etwas fand. Aber tatsächlich hatte ich nach geschlagenen vier Stunden Geschenke für meine Eltern und Alexa.

Vollkommen erledigt stellte ich mich an die Kasse, bereit das letzte Beutestück zu bezahlen.

„Can?“, überrascht hielt ich inne und schaute den jungen Mann vor mir in der Reihe etwas genauer an. Er war es tatsächlich. Mit einer Jogginghose bekleidet und einer schwarzen dicken Jacke stand er an der Schlange zur Kasse und schien ebenfalls auf Geschenketour.

Die bunten Schokoladennikoläuse lachten mich aus seinem Korb her an.

Er runzelte die Stirn und schaute mich fragend an. „Kenne ich Sie?“

Erst da fiel mir ein, dass ich ihn ja eigentlich gar nicht kennen durfte. Mist ...

„Äh ...“, stotterte ich um eine Antwort verlegen. „Eigentlich nicht, nein.“ Alexa würde mich umbringen.

„Ach?“, er hob verwirrt eine Augenbraue, auf eine Erklärung wartend.

„Naja ... sie arbeiten in derselben Firma wie meine Schwester.“

„Und die wäre?“

„Alexa ... Alexa Kirsch.“

Sofort erhellte sich sein Gesicht wissend. „Ach ja, die kenne ich. Also so vom Sehen her.“

Ich lächelte nervös.

„Jetzt erinnere ich mich auch ...“, fuhr er fort, „Sie waren doch vor einiger Zeit bei uns in der Kantine, oder?“

„Jaja“, nickte ich. „Ich habe sie abgeholt, sie wollte mit mir noch etwas besorgen. Klamotten ... da brauchte sie Stilberatung.“ Ich grinste verkrampft.

„Dann sind Sie also der Bruder“, murmelte er, mich seltsam anschauend dabei.

„Ja, der bin ich.“ Mir kam die Annahme, dass er sich irgendetwas anderes gedacht hatte. „Daher muss ich auch des Öfteren mal als Ersatzfreund herhalten ... Sie wissen schon, Frauen können furchtbar anhänglich sein, besonders wenn sie keinen Freund haben, den sie nerven können“, fügte ich daher hinzu.

„Klar“, lachte jetzt auch Can. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Markus ... und du kannst mich gerne duzen, so alt bin ich hoffentlich noch nicht.“ Nun, Alexa war 28 und sie meinte, Can wäre ungefähr ein Jahr älter. Der Unterschied war also nicht sonderlich groß.


Dieses Mal musste ich wirklich aufs Klo. Unruhig spielte ich mit den Fingern an meiner Jacke. Immer wieder schielte ich zur Bahnhofstoilette. Wirklich ... was war schon dabei, wieder dahin zu gehen. Er würde ja ohnehin nicht da sein.

Ich könnte aber auch einfach zum Mac Donalds gehen ... der war allerdings noch ein paar hundert Meter weiter und ich musste wirklich dringend. Warum stand ich dann immer noch hier herum? Ich dachte, dieses Problem sei erledigt.

Nein, das Problem war ja auch eher, dass das Bahnhofsklo halt sehr schmutzig war und ...

Ich konnte mich selbst verfluchen. Jetzt veranstaltete ich schon wegen einem Klogang solch ein Theater. Entschlossen drückte ich die Tür mit dem Männchen auf. Uringestank schlug mir entgegen. Bemüht flach hielt ich meinen Atem, dennoch wollte ich so schnell wie möglich wieder hinaus.

Vorsichtshalber verschwand ich in einer Kabine. Seit neustem war mir der Gedanke ja höchst unangenehm, dass jemand meinen Schwanz sehen könnte. Lag bestimmt nur daran, dass ich festgestellt hatte, dass Schwule überall lauerten.

Himmel, schon wieder dachte ich darüber nach. Dabei hatte ich angenommen, diese Phase überwunden zu haben.

Starr blickte ich auf den Strahl, der mir tiefe Erleichterung verschaffte. So bekam ich die keuchenden Laute von der Kabine nebenan erst nach einer Weile mit. Sofort hielt ich inne. Da ...

Ein Stöhnen ertönte und sofort stellten sich meine Nackenhaare auf. Da trieben es tatsächlich gerade zwei miteinander! Hastig zog ich den Reisverschluss meiner Hose zu und stürzte aus der Kabine.

Doch die nächsten Geräusche ließen mich abrupt stehen bleiben.

„Los, spreiz deine Beine für mich“, ächzte jemand. Ich kannte diese Stimme. Erst gestern hatte ich sie ertragen dürfen. Dieser verrückte Mensler ... das konnte doch nicht wahr sein?

„Jaja“, keuchte der andere.

„Mach sie schön breit.“ Unwillkürlich stellte ich ihn mir vor, wie er mit heruntergelassenen Hosen hinter irgendeinem Stricher stand und ... wahrscheinlich törnten ihn seine eigenen Worte auch noch an!

„Oh ... ja“, stöhnte wieder sein Partner. Doch diesmal bekam ich den ungeheuerlichen Verdacht, dass ich diese Stimme ebenfalls bereits kannte. Aber das war nicht möglich, durfte einfach nicht sein!

„Gib‚‘s mir“, sprach die Person endlich mehr als ein Wort. Somit war auch jeglicher Zweifel endgültig weggewischt.

„Hey!“, donnerte ich energisch gegen die Tür. Sämtliche noch rationale Gedanken waren verflogen. Ich hatte nur noch diese Bilder im Kopf, der fette alte Sack in Dominik stoßend ... ich könnte kotzen. Gleich hier und jetzt.

„Was soll das?“, ertönte die ärgerliche Stimme meines Klienten.

„Macht auf“, brüllte ich wild.

„Verpiss dich!“, schnauzte Mensler ärgerlich. Das hätte er wohl gerne.

„Machen Sie sofort auf, oder ich hole die Polizei“, drohte ich.

Ich hörte ihn fluchen, doch dann das Rascheln von Stoff.

„Sind sie verrückt?“, wütend riss er die Tür auf und funkelte mich aus zornerfüllten Augen an. Doch sobald er mich erkannte, mischte sich in seinen Ausdruck Überraschung ein. Die sich allerdings recht schnell in Überheblichkeit wandelte.

„Was machen Sie denn hier?“, fuhr er mich giftig an.

„Das könnte ich Sie genauso fragen!“, entgegnete ich und versuchte an ihm vorbeizuspähen. Da lehnte tatsächlich Dominik an der Kabinenwand. Sein T-Shirt hing leicht verrutscht an ihm herunter, die Jacke lag auf dem Boden, daneben ein Kondom. Seine Hose war noch offen, aber wenigstens war sie hochgezogen.

Er schaute mich mit einem seltsam verwirrten Gesichtsausdruck an, wohl nicht wirklich wissend, was er von meiner Aktion halten sollte.

„Was fällt Ihnen ein ... Sie ... Sie“, mir fiel keine passende Beleidigung ein.

„Jetzt hören Sie einmal zu, Sie selbstgerechter Herr Anwalt“, Herr Mensler richtete den ausgestreckten Zeigefinger drohend gegen mich. „Falls Sie denken, mit dieser Aktion etwas erreicht zu haben, dann kann ich ihnen zustimmen. Ich feuere Sie! Ohnehin hatte ich schon seit Tagen den Eindruck, dass sie hinter meinem Rücken meiner Schwester helfen. Und sollten Sie mir noch einmal über den Weg laufen ...“ er hielt seinen Satz bewusst unbeendet. Als könnte er mich überhaupt feuern. Er meinte wohl, er wolle sich eine andere Kanzlei suchen.

Ein letztes Mal schnaubte er wütend und drängte sich dann an mir vorbei nach draußen.

„Hey“, rief ihm Dominik protestierend hinterher. „Du musst noch zahlen.“ Er wollte ihm nach, doch ich hielt ihn am Arm fest.

Wütend fuhr er zu mir herum. „Was soll das?“

„Hat er dir was getan?“, fragte ich stattdessen.

Unwillkürlich wurde mir wieder schlecht, als ich an dieses Bild dachte.

„Nein!“, er entriss mir den Arm. „Du bist der einzige, der was getan hat. Super, jetzt hab ich meinen Arsch hingehalten für nichts.“

Belämmert ließ ich meine Hand wieder sinken. „Äh ... Entschuldigung. Aber ...“, ja was aber? Ich konnte doch selbst nicht einmal sagen, was da in mich gefahren war! Denn jetzt konnte ich durchaus wieder klar denken. Ich hätte einfach gehen sollen. Aber nein, ich hatte ja unbedingt das Techtelmechtel der beiden unterbrechen müssen.

„Das hilft mir jetzt auch nichts“, zischte er wütend und stapfte aus der Toilette. Ich folgte ihm rasch.

„Hey“, versuchte ich ihn aufzuhalten. „Ich lade dich auf einen Kaffee ein, okay? Es tut mir Leid. Ich habe nicht nachgedacht.“

Er blieb stehen, schaute mich aber weiterhin misstrauisch an. „Und was willst du dafür? Hast du mittlerweile deine Meinung geändert?“

Ja ... nein! Nein, natürlich nicht. „Nein, ich will mich nur entschuldigen. Ein Kaffee, komm da drüben.“ Ich zeigte zu Starbucks.

Er zuckte desinteressiert mit den Schultern, doch schlug die entsprechende Richtung ein. Erleichtert folgte ich ihm.

„Du solltest nicht auf den Strich gehen“, fing ich an, als wir uns einen Platz ergattert hatten.

Er grunzte nur verächtlich. „Benimm dich nicht, als wärest du meine Mutter.“

„Tue ich nicht“, verteidigte ich mich. „Aber du kannst mir doch unmöglich erzählen, dass dir das Spaß macht!“

„Seit wann muss Arbeit Spaß machen. Es bringt Geld und gut ist.“

„Aber ...“ Er hieß mich mit einem bösen Blick verstummen.

Wir versanken in eine Weile des Schweigens, jeder vor seinem Kaffee sitzend. Ich beobachtete ihn. Verwundert, dass es mir erst jetzt auffiel, stellte ich fest, dass er seine Haare anders gefärbt hatte. Er schien Alexas Vorschlag von damals zu Herzen genommen zu haben. Anstatt eines knalligen Rots zierten seine Haare jetzt ein dunkles. Es ließ ihn reifer wirken, erwachsener.

„Weißt du“, fing er plötzlich an, „wenn du ficken willst, sag es. Ich bleibe dabei, mit dir mache ich es kostenlos.“ Er nuckelte an seinem Becher, ließ mich nicht aus den Augen.

Reflexartig zuckte ich zurück und schüttelte wild mit dem Kopf. „Nein, nein. Ich bin nicht schwul.“

Er hob skeptisch die Augenbrauen, doch zuckte schließlich nur mit den Schultern. „Na dann ... ich muss wieder. Du willst mich dann wohl immer noch nicht bei dir haben, was?“ Er stand auf, blieb einen kurzen Moment an meinem Tisch stehen. Ich starrte auf seinen wohl mittlerweile leeren Becher.

Ich sollte ihn jetzt aufhalten. Irgendetwas sagen. Doch ich blieb still, so dass er schließlich ging. Einfach so, ohne ein Wort des Abschiedes.

Natürlich könnte ich ihm folgen, aber es war, als wäre ich an meinem Stuhl festgefroren.

Erst nach mindestens fünf Minuten war ich soweit, mich erheben zu können.

Ich wollte doch ... nein ... oder doch, aber halt ... irgendwie.

Plötzlich von Eile ergriffen schmiss ich die Becher in den Mülleimer und rannte nach draußen. Ich lief zur Stricherecke, suchte die Menschenmassen ab. Doch er war nicht da.

Ich lief hoch und runter, aber keiner der Jungs war er. Meine plötzlich zurückgekehrte Unruhe ging soweit, dass ich sogar wieder ins Klo ging. Aber auch dort war niemand und insbesondere nicht er.


Zu Hause holte ich meine Whiskeyflasche hervor und mümmelte mich auf mein Sofa. Ich hatte das Gefühl, dass ich heute etwas Furchtbares getan hatte. Sein Weggehen hatte so ... endgültig gewirkt. Warum war er anschließend nicht am Bahnhof gewesen?

Ich trank einen Schluck und heiß brannte der Alkohol meine Kehle hinunter. Mir war auf meiner Suche eines klar geworden.

Allein der Gedanke, dass er sich wieder jemandem anbieten würde ... dass jemand anderes mit ihm schlafen würde ... es spielte dabei keine Rolle, ob er Gefühle für denjenigen hegte oder nicht. Ich wollte nicht, dass jemand ihn anfasste.

Haltsuchend klammerte ich mich an meiner Flasche fest. Er sollte jetzt hier sein, dann wüsste ich, dass es ihm gut ging. Und niemand ihn bedrängte.

Mir wurde schlecht. Die aufkommende Übelkeit versuchte ich mit Alkohol wegzuschwemmen.

Mein Handy klingelte. Ich brauchte eine Weile, bis ich es aus meiner Tasche gefriemelt hatte.

„Ja?“, meldete ich mich, meine Zunge nur mühsam hebend.

„Markus?“, fragte Alexa leicht verwirrt.

„Was ist?“, keuchte ich.

„Ist alles okay?“

„Nein“, ich trank erneut.

„Ich bin in zehn Minuten bei dir.“ Sie könnte ruhig zu Hause bleiben ... eine nervende Schwester war das letzte, was ich gerade gebrauchen konnte.

Dennoch erhob ich mich schwerfällig, als sie schließlich vor der Haustür stand.

Sofort nahm sie mich musternd in Augenschein.

„Okay“, bestimmt trat sie ein und riss mir erst einmal den Whiskey aus der Hand.

„Hinsetzen“, sie nickte zum Sofa. Ich folgte ihrer Anweisung widerspruchslos.

„Was ist passiert?“ Sie werkelte in der Küche herum. Wusste der Geier, was sie da trieb.

„Ich habe es versaut“, ich hob verzweifelt meine Hände.

„Was?“

„Er ist weg ... einfach so. Ich habe das Gefühl, etwas verpasst zu haben, verstehst du? Meine große Chance ... dabei ist das doch total behämmert.“

„Wer ist weg?“, sie setzte sich neben mich, eine Kanne Tee und zwei Tassen auf einem Tablett balancierend.

„Dominik“, jammerte ich. Ich fühlte mich erbärmlich.

„Ach Süßer“, sie schlang ihren Arm um mich und stellte den Tee erst einmal rettend auf den Tisch.

„Was ist denn genau passiert?“ Ich fand es peinlich darüber zu reden. Da ich allerdings ohnehin schon das letzte bisschen an Würde vor mir selbst verloren hatte, konnte ich ihr auch getrost alles beichten.

„Ich habe Can die CD gegeben ...“, meinte sie plötzlich in die entstandene Stille hinein, als ich mit meinem Monolog geendet hatte.

„Oh ... und?“, fragend schaute ich sie an, froh über den Themenwechsel.

„Ich soll dich grüßen“, dabei runzelte sie skeptisch die Stirn. „Woher kennt er dich?“

„Äh ...“, ich schluckte. „Tut mir Leid, aber ich hatte ihn ausversehen angesprochen. War irgendwie so ein Reflex. Was hat er denn auf die CD hin gesagt?“ Ich griff nach einer Tasse, um etwas in den Händen zu halten.

„Reflex? Du wolltest mich nicht zufällig in eine peinliche Lage manövrieren?“ Sie meinte es nicht böse, das konnte ich an ihrem Gesichtsausdruck erkennen.

„Sicher wollte ich das“, tat ich dann auch gespielt ernst.

Sie seufzte schmollend, „naja ... er war etwas verwirrt über die CD. Er hatte das wohl schon ganz vergessen gehabt, aber er meinte, er schaue sie sich mal an.“

„Und kam schon eine Rückmeldung?“ Ich schlürfte an meinem Tee.

„Nein, aber er hat sie auch erst seit zwei Tagen.“ Dass sie auf seine Reaktion nervös war, konnte ich ihr nur zu deutlich ansehen.

„Du wirst ihn bestimmt wieder sehen“, sie legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter. „Er hat wahrscheinlich gleich den Bahnhof verlassen, als er aus dem Café raus ist. Da ist es logisch, dass du ihn nicht mehr gefunden hast.“

„Ja aber, er hat doch keinen Ort zum Schlafen. Wo soll er denn sonst nachts unterkommen?“

„Ich glaube kaum, dass er so hilflos ist und sich nicht zu helfen weiß“, meinte sie zuversichtlich.

Gerne hätte ich ihr geglaubt und mein Verstand tat es ja auch. Dennoch ließ sich dieses unbestimmte Gefühl nicht verscheuchen.

Alexa war noch eine Zeit lang geblieben. Ich merkte, dass sie mich schließlich nur höchst ungern verließ. Wiederholt musste ich ihr bestätigen, dass es mir wieder gut ging. Immerhin musste sie morgen früh raus, und ich wollte sie nicht von ihrem Bett fernhalten.

Zudem brauchte ich jetzt auch etwas Zeit für mich. Ungewohnt sanft schloss ich die Tür hinter ihr und lief zurück ins Wohnzimmer.

Genau auf dieser Couch hatte er das erste Mal hier übernachtet, auf der ich jetzt saß. Ich strich über den samtenen Bezug, glaubte sogar noch ihn riechen zu können. Natürlich war dieser Gedanke völlig abwegig, reine Einbildung. Dennoch tröstete sie mich irgendwie. Es war so, als wäre er noch nicht ganz fort, gerade noch ein Hauch, an den man sich klammern konnte.

Und mir wurde eines klar, etwas, das ich noch erledigen musste. Alles andere wäre nicht richtig gewesen.

„Sabine ... es geht nicht“, ich umklammerte den Hörer.

„Markus? Bist du das?“, meldete sie sich unsicher.

„Ja.“ Ich leckte mir nervös über die Lippen. Es war doch nichts dabei, schon oft hatte ich jemandem eine Abfuhr erteilt. Doch diesmal war es anders. Wenn ich nicht plötzlich schwul geworden wäre ... falsch ... ich war schon immer so gewesen. Im Übrigen nennt man das wohl bisexuell.

„Was soll nicht gehen, Liebling?“, hakte sie nach, als von mir nichts mehr kam.

„Ich ... wir ... es tut mir Leid“, stammelte ich. „Ich meine ...“ Ich konnte deutlich fühlen, wie sie am anderen Ende die Luft anhielt.

„Es klappt nicht.“

„Wa ... warum nicht?“, sie war fassungslos.

„Weil“, ich holte tief Luft, „weil ich mich verliebt habe.“

Stille herrschte am anderen Ende. Instinktiv verspannte ich mich.

„Ich dachte“, fing sie irgendwann wieder an, „du liebst mich.“ Die letzten Worte waren zu einem Flüstern verstummt, doch ich hatte sie verstehen können.

„Es tut mir Leid. Ich dachte lange Zeit dasselbe aber ... da gibt es jemanden. Es liegt nicht an dir.“

„Verstehe“, schluckte sie trocken.

„Es tut mir wirklich Leid ... wir können ja Freunde bleiben?“ Sofort biss ich mir auf die Zunge. Nicht, dass ich prinzipiell wenig von Freundschaft nach einer Beziehung hielt. Mein Ausspruch war so klischeehaft gewesen.

Sie lachte auch nur hohl auf. „Nein danke, ich glaube nicht, dass das funktionieren würde. Du bist doch genau so, wie ich zu anfangs vermutet hatte ... ihr seid doch alle gleich. Wenn du mich bitte entschuldigst.“ Sie hatte aufgelegt.

Betreten hängte ich den Hörer wieder in die Gabel. Zum ersten Mal hatte ich einer Frau wegen einem Mann abgesagt. Ich fühlte mich einerseits mies ... aber andererseits auch befreit.

Es hätte auch keinen Zweck gehabt, sie hinzuhalten. Nicht einmal der Sex war ja befriedigend verlaufen.

Gedankenverloren schaute ich aus dem Fenster. Es schneite ... mal wieder. Draußen lag bereits mindestens eine fünf Zentimeter hohe Schicht, und immer noch kam neuer Nachschub von oben. Also über den Ausbleib von weißen Weihnachten musste sich dieses Jahr wohl niemand sorgen machen.

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich das eine Wort in Bezug auf ihn in den Mund genommen hatte. Es war in diesem Moment eher unbewusst geschehen, auf der Suche nach einer plausiblen Erklärung. Aber genau dies war ja auch der Fall.

Ich war verliebt. Vielleicht schon seit Tagen.


Can hier, Can da. Ich könnte kotzen. Alexa sprühte nur so über von ihrer Liebesschwärmerei. Und das gerade noch an Weihnachten, wenn mir ohnehin schon ständig verliebte Pärchen entgegentorkelten. Wie betrunken waren sie alle. Und zudem bekam ich noch das Gefühl, dass unsere Stadt zur Schwulenhochburg ganz Europas aufgestiegen war. Jedes homosexuelle Pärchen musste auch unbedingt das frohe Fest bei uns feiern.

Was war ich nur für ein Glückskind. Entweder nervte mich meine Schwester, oder ich nervte mich selber.

Ich war neidisch! Auf Alexa, auf die Pärchen – und insbesondere auf alle Schwulen, die glücklich verliebt waren. Unglaublich, dass ich mir das überhaupt eingestehen musste. Wie gesagt ... ich könnte kotzen.

Schlecht gelaunt starrte ich den Telefonhörer an. Gerade hatte sie angerufen gehabt und mich zum Schlittschuhlaufen einladen wollen. Natürlich mit Can. Dieser war doch wieder auf sie zugegangen, wegen dieser komischen CD. Daraufhin waren sie ins Gespräch gekommen, hatten sich zu einem Kaffee getroffen. Dies musste der Moment gewesen sein, als Alexa ihr altes Ich wieder gefunden und auf ihn losgeplappert hatte. Das eine führte zum andern und jetzt schienen sie das glücklichste Pärchen auf der Welt zu sein. Nein, diese kranke Verliebtheit wollte ich mir bestimmt nicht antun.

Seufzend stand ich auf und zog mich für die Arbeit an. Heute war ich etwas spät dran, was allerdings nicht wirklich tragisch war. Ich hatte erst am späten Nachmittag einen Termin, davor wollte ich nur noch ein paar Akten durchgehen.

Im Auto stellte ich das Radio an, in der Hoffnung Ablenkung zu bekommen.

Last Christmas ertönte und rief in mir allerdings nur großen Widerwillen gegen Weihnachten hervor. Jedes Jahr dasselbe Gedudel.

Ich begrüßte geradezu die Nachrichten, als sie schließlich kamen.

Gedanklich klinkte ich mich allerdings aus und überlegte, ob ich mit Sebastian etwas unternehmen sollte. Als Ablenkung. Immerhin war er nicht schwul, noch hatte er, meines Wissens, eine Freundin.

„Diesen Morgen meldete die Polizei zwei weitere Tote auf Grund der letzten hohen Schneefälle. Zwei junge Männer waren in der Nacht erfroren. Der eine hatte offenbar unter Drogeneinfluss gestanden und war in der Nähe des Marktplatzes von einem vorübergehenden Passanten gefunden worden. Der andere hatte die Nacht auf einer Parkbank verbringen wollen und wurde dann offensichtlich im Schlaf von der einsetzenden Kälte überrascht. Die Obduktion wi...“ Reifen quietschten.

Ich trat reflexartig auf die Bremse und verhinderte damit wahrscheinlich einen Verkehrsunfall. Vor mir lag ein Auto quer über der Straße. Es musste ins Schleudern geraten sein.

Benommen saß ich hinterm Steuer und starrte die Person auf dem Fahrersitz an. Diese stieg gerade zitternd aus. Ich registrierte sie, ja erkannte sie sogar als Frau Habig, die Schwester von diesem Mensler ... und dennoch reagierte ich nicht auf sie. Nein, mein Kopf war wie von einer dichten Wattemasse umgeben.

Zwei Tote, erfroren ... hier in der Stadt. Meine Hände begannen sich unkontrolliert zu verkrampfen.

„Herr Kirsch?“, jemand klopfte gegen die Fahrerscheibe. Ich blinzelte, bewegte nur langsam meinen Kopf zur Seite, direkt in Frau Habigs Gesicht.

„Herr Kirsch!“, rief sie wiederholt.

Wie automatisch fuhr ich das Fenster hinunter. „Ja?“, krächzte ich.

„Ist alles in Ordnung? Mir ist nichts passiert ... könnten Sie ein Stück zurückfahren, damit ich wenden kann?“ Diese Frau hatte ihre Ruhe wohl schon wiedererlangt und war dabei, praktisch zu handeln. Ich nickte nur und starrte wieder nach vorne.

Sie warf mir einen letzten skeptischen Blick zu, lief dann aber kopfschüttelnd zurück zu ihrem Auto.

Ich fuhr vorsichtig rückwärts und bemerkte erst dann, dass das Fenster immer noch offen war und eiskalter Wind hineinfegte.


Es war das letzte Wochenende vor Heilig Abend und ich fuhr in dichtem Schneetreiben zu meinen Kindern. Alljährlich trudelte ich dort zum vierten Advent oder dritten, wie es auch im Kalender kam, ein. Warum Bettina und ich dieses Fiasko auf uns nahmen, war mir schleierhaft. Doch wir bemühten uns an diesem Tag besonders, uns nicht in die Haare zu kriegen und bisher war das auch immer recht gut gelaufen.

Das wir danach zwar überstrapazierte Nerven hatten, war eine unangenehme Nebenwirkung. Aber immerhin bekamen die Kinder so das Gefühl, dass wir uns doch einigermaßen verstanden.

Es gab Kuchen, genauer gesagt Käsesahnetorte. Eines musste man Bettina lassen – backen konnte sie.

Zu meinem Leidwesen war auch Robert da. Mit düsterer Miene nickte ich ihm zu, und er begrüßte mich nicht minder freundlicher.

Ich mochte Bettinas nun schon langjährigen Partner nicht. Er war ... nun, vielleicht erinnerte er mich einfach zu sehr an mich selbst. Sein Stil war eher rockig, er hatte ein Tattoo auf dem rechten Oberarm, ein Piercing in der linken Augenbraue. Die Haare hatte er kurz gehalten und leicht mit Gel verstrubbelt. Ich konnte zwar nur erahnen, wie sein Oberkörper aussah, doch würde es mich nicht wundern, wenn dort nur ein allzu ausgeprägtes Sixpack zu finden war.

Nun, ich war recht ähnlich ... allerdings war sein Gesicht grober als meines. Er hatte eine breite Nase, fast schon die eines Boxers und wie ich fand, fiese kleine Augen.

Ich verbat mir, mich als fies zu bezeichnen. Also in diesem Sinne unterschied ich mich doch beträchtlich von ihm.

Zu dieser Erkenntnis gekommen, setzte ich mich erleichtert an den Esstisch.

„Hey Dad, wo ist denn Dominik?“, begrüßte mich Nico.

„Äh ...“, ich biss verlegen auf meine Lippe. Das wüsste ich auch gerne, wo er war. „Weiß ich nicht.“

Nico verzog enttäuscht das Gesicht.

„Ich dachte, er kommt mit.“

„Nein“, meinte ich nur achselzuckend. Ich wollte nicht unbedingt über ihn reden. Immer wieder hatte ich das eine Bild vor Augen, er, mit schneeweißer Haut, an den Wimpern Eisklumpen hängen ... tot, erfroren.

Ärgerlich verdrängte ich es.

„Hi, Paps“, kam dann auch Tom angeschlurft.

„Und, gibt es etwas Neues?“, erkundigte ich mich bei den Kindern, während Bettina uns allen ein Stück Torte auf die Teller häufte.

„Nico wird vielleicht auf ein Internat wechseln“, verkündete deren Mutter an ihrer statt. Mit fiel die Kuchengabel aus der Hand.

„Was?“, irritiert schaute ich meinen Jüngsten an.

Dieser zog nur eine grimmige Miene.

„Warum das denn?“, hakte ich vorsichtig nach.

„Er hat schon wieder geschwänzt ... und ich hatte ihm gesagt, dass das Konsequenzen haben wird.“

„Ich gehe da nicht hin“, stieß er gepresst hervor.

„Sieh es doch positiv“, mischte sich Tom ein. „Das wird bestimmt cool dort, du triffst neue Leute und ...“

„Geh doch selbst hin, wenn du es dort so toll findest“, zischte Nico wütend.

Ich war unschlüssig, auf welche Seite ich mich schlagen sollte. Irgendwie verstand ich Bettina. So konnte es wirklich nicht mit Nico weitergehen. Andererseits fand ich ein Internat schon krass ... und vor allem, konnte ich ihn dann immer noch so häufig sehen wie jetzt?

„Ich schwänze ja nicht dauernd die Schule“, entgegnete Tom spitz.

„Ach nein, stopfst dich aber rund um die Uhr mit Süßigkeiten voll. Schau mal in den Spiegel, du bist voll fett.“ Nico wurde öfters ausfallend, wenn man ihn bedrängte.

Jetzt war Tom beleidigt. „Gar nicht wahr“, schnappte er.

Nun, fett war er wirklich nicht. Vielleicht etwas pummeliger als sein Bruder, aber alles hielt sich noch im Rahmen. Und so weit ich wusste hatte er ja eine Freundin, war also auch beliebt und hatte keinerlei Probleme mit seinem Gewicht.

„Natürlich, wer hat die Hälfte der Lebkuchenbox alleine gegessen?!“

„Es reicht“, entschied Bettina. „Das mit dem Internat ist noch nicht endgültig entschieden, aber sollte Nico noch einmal solch eine Aktion bringen, wird er auf jeden Fall in eines gehen“, informierte sie mich noch abschließend.

Betretene Stille senkte sich, die irgendwann Robert mit seinen nervigen Geschichten durchbrach. Was für tolle Geschäfte er wieder gemacht hatte. Er war von Beruf her Banker, so genau wusste ich das auch nicht.

„Bäh!“, sprang Nico plötzlich wild von seinem Sitz auf. „Tom hat einen Furz gelassen!“ Als würde er gleich tot umkippen, hielt er sich die Nase zu.

„Hey, habe ich gar nicht“, maulte Tom und stopfte sich eine weitere Kuchengabel in den Mund.

„Nico“, tadelte Bettina mahnend, „unterlasse bitte solche Ausdrücke.“

„Was denn“, beschwerte er sich, „soll ich etwa Pups sagen?“ Er schnitt eine leidende Grimasse, doch erntete nur das wütende Funkeln seiner Mutter.

Die Stimmung blieb gespannt. So war ich letztendlich auch froh, dass ich wieder gehen konnte. Ich bevorzugte es eindeutig, meine Kinder alleine anzutreffen ohne Beiwerk das aus Mutter und Co. bestand.

Ob Bettina frostiger als üblich wegen dem Vorfall letztens zu mir, konnte ich nicht beurteilen. Jedenfalls war das Thema Dominik zum Glück auch nicht mehr auf den Tisch gekommen.


Ich verkroch mich in meine Wohnung und beschloss, Weihnachten dieses Jahr nicht zu feiern. Alleine war ohnehin doof und langweilig. Ich weiß gar nicht, wie ich das letztes Jahr ausgehalten hatte.

Nur äußerst widerwillig hob ich den Hörer ab, als das Telefon klingelte. Eigentlich wollte ich gerade mit niemandem reden. Allein der Gedanke, etwas Wichtiges verpassen zu können, trieb mich dazu, ihn doch zu ergreifen.

„Marrrkuuuuhhhhs“, rollte mir mein Name in einem fürchterlich gestelltem Akzent entgegen. „Was treibst du Wildes?“

„Hallo Alexa“, entgegnete ich trocken. Mist, hätte ich doch nicht abgenommen.

„Du klingst so, als hätten wir seit sieben Tagen Regenwetter und du wärest die einzige traurige Person auf Erden. Was los?“

„Nichts.“ Ich legte mich auf das Sofa und starrte an die Decke.

„Das klingt nicht gerade danach, als hättest du Lust vorbeizukommen?“, hakte sie vorsichtig nach.

„Nein“, stimmte ich ihr zu.

„Okay, dann kommen wir. Bis gleich.“

„Äh ...“ Klick. „Nein ...“, krächzte ich, was sie allerdings nicht mehr hörte. Na super, jetzt hatte ich noch eine wuselnde Schwester um mich herum. Und wen meinte sie überhaupt mit ‚wir‘. Bitte, dass nicht ihr dämlicher Freund mitkam.

Aber natürlich war er im Schlepptau, als sie schließlich klingelte. Ich begrüßte beide mit einem bösen Blick und schmiss mich gleich wieder aufs Sofa, sobald sie eingetreten waren.

„Du brauchst einen Weihnachtsbaum!“, ohne einen Widerspruch duldend stemmte Alexa die Hände in die Seiten, nachdem sie die Lage meiner Wohnung schnell durchschaut hatte.

„Im Übrigen haben wir schon den vierten Advent hinter uns. Warum sind nur zwei Kerzen angezündet?!“

Weil ich zwischen dem zweiten und dem dritten Advent scheiße gebaut hatte ... antwortete ich im Stillen, doch hütete mich, es auch wirklich auszusprechen.

Meine Depressionsphase würde sie ohnehin nicht respektieren.

Can hielt sich im Hintergrund, aber grinste wissend. Er war anscheinend auch schon in den Genuss ihrer Tatkräftigkeit gekommen, die keinen Widerspruch duldete.

„Geh doch mit Can einen Baum holen, während ich den Schmuck besorge. Oder hast du zufällig welchen vorrätig?“ Zweifelnd schaute sie mich an.

„Klar habe ich das“, rollte ich mit den Augen und nickte Richtung Schlafzimmer. „Unterm Bett müsstest du etwas finden.“

Sofort trollte sie sich dorthin und kam bald mit einer Kiste zurück.

Gespannt öffnete sie sie, verzog aber gleich enttäuscht die Miene. „Das nennst du Weihnachtsschmuck? Das ist vielleicht ... keine Ahnung. Aber bestimmt kommt das dieses Jahr nicht an deinen Baum.“

Fast schon ärgerlich klappte sie den Deckel wieder zu.

„Also, dann holt ihr das Pflänzchen und ich die Dekoration“, entschied sie.

Entschieden schmiss sie meinen Anorak auf mich und schaute mich erwartungsvoll an. Ächzend erhob ich mich und fügte mich meinem Schicksal. Die erträglichste Taktik war, einfach still ihren Anweisungen zu folgen. Somit würde sie am schnellsten auch wieder gehen und ich hätte meine Ruhe.

Wir setzten sie beim Kaufhaus ab und fuhren dann weiter zum Baumverkäufer. Mit der Auflage keinen kleineren Baum als zwei Meter zu kaufen, erstanden wir schließlich eine Fichte.

Can stellte sich dabei doch als ganz angenehmer Zeitgenosse heraus. Er nervte nicht mit irgendwelchen dummen Sprüchen. Vielmehr lenkte er mich immer wieder ab, indem er Witze und Geschichten zum Besten gab. Keine davon hatten auch nur irgendeine Andeutung auf gewisse Ereignisse. Ich war ihm zutiefst dankbar, so dass ich schon viel beruhigter war, als wir Alexa wieder abholten.

Im Wohnzimmer durfte ich den Baum so ziemlich alleine aufstellen. Der Freund meiner Schwester hatte darüber keine Ahnung und Alexa schrie nur immer schief, ein bisschen nach rechts, nein links, stopp etc.

Sobald er allerdings ihrer Meinung nach gerade stand, warf sie sich mit Übereifer in die Arbeit, ihn zu schmücken.

Ich verkroch mich in die Küchenecke und richtete Tee für alle her. Can reichte Alexa währenddessen die gewünschten Anhänger.

„Jetzt noch ein bisschen Lametta“, summte sie schließlich und bedeckte damit fast den gesamten Baum.

Ich stand leidend dahinter und schaute ihr bei der Verunstaltung zu. Jeglicher Versuch, sie aufzuhalten, würde ohnehin scheitern, daher versuchte ich es gar nicht erst.

„So“, zufrieden klopfte sie sich die Hände ab. „Jetzt sieht es doch gleich nach Weihnachten in deiner Wohnung aus.“ Sie zündete noch den Adventskranz an – diesmal vollständig mit allen vier Kerzen – und mümmelte sich dann aufs Sofa.

„Und darunter kommen alle Geschenke, die du bekommst, klar?“, scharf sah sie mich an. Ich nickte ergeben.

„Ja, Mama“, grinste ich foppend.

Sie schnaubte beleidigt, doch war mir nicht wirklich böse. „Gut“, meinte sie.

„Jetzt noch Lust Schlittschuh zu laufen?“

Ich stöhnte gequält. Seit wann war sie so versessen auf diese Sportart. Sie hasste doch Schnee und Eis und alles, was damit zusammenhing.

„Nein danke“, winkte ich. Zu meinem Erstaunen ließ sie es dabei bleiben. Vielleicht war sie der Ansicht, mich heute schon genug strapaziert zu haben.

„Gut ... dann gehen wir eben alleine“, meinte sie nur schnippisch. So als würde ich gleich etwas ganz Tolles verpassen. Haha.

Sobald die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, stürzte ich ins Wohnzimmer und entfernte mindestens die Hälfte von dem Lametta. Dann allerdings sah die Fichte richtig gut aus, musste ich zugeben. Gleich darauf legte ich auch tatsächlich alle Geschenke unter den Baum.

Jetzt kam sogar etwas Weihnachtsstimmung in meine Wohnung neben dem Adventskranz. Was mich nur leider wieder an meine Depression erinnerte. Na super ... Dominik würde wohl nie wieder Weihnachten erleben.

Und das alles nur wegen meiner dummen Sturheit.


Die nächsten Tage hielt ich mich viel in der Kanzlei auf.

Alexa gab sich alle Mühe, mich abzulenken. Immer wieder lud sie mich zu irgendwelchen Aktivitäten ein, zum Glück auch manchmal ohne Can. Nichts gegen ihn, aber Verliebtheit machte mich krank.

Sie fand es natürlich fürchterlich, dass ich ihre Einladung abschlug, an Heilig Abend zu ihr zu kommen. Aber ich wusste ganz genau, dass ihr Freund auch dort sein würde. Ich sah es nicht ein, mich unnötig zu geißeln.

Am 24. stand ich etwas später auf als die Tage davor. Meine erste Aktion war, unter die Dusche zu springen und anschließend zum Metzger zu gehen. Alexa hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, für mich eine Gans zu bestellen. Sie wusste ganz genau, welches Mahl ich mir normalerweise jedes Jahr an diesem Tag zubereitete.

Also verbrachte ich notgedrungen die nächsten Stunden in der Küche. Selbst ich fand es zu schade, das Geflügeltier zu verschmähen, wenn es schon einmal da war.

Als ich es schließlich in den Backofen schob, beschloss ich die nächsten zwei Stunden doch noch in der Kanzlei zu verbringen. Zu arbeiten erschien mir attraktiver, als dem Vieh beim Braten zuzusehen.

Hoffentlich verbrannte es nur nicht.

Deswegen hielt ich mich auch nicht allzu lange in meinem Büro auf. Die Akten waren ohnehin schon seit Tagen geordnet und meine Beschäftigung ging höchstens unter Pseudoarbeit durch.

Ich zog mir die Mütze über den Kopf und trat nach draußen. Zum Glück schneite es gerade nicht, aber der Schnee lag dennoch Zentimeter hoch.

Geschafft fiel ich hinters Steuer und drehte seufzend den Schlüssel im Schloss. Nichts rührte sich. Verwundert runzelte ich die Stirn und wiederholter die Aktion. Immer noch nichts, das Auto schien wie tot.

Fluchend stieg ich aus, und stand ratlos vor dem Auto. Aber auch alle folgenden Versuche blieben ergebnislos – er sprang partout nicht an. Notgedrungen musste ich also laufen. Na super, danke Weihnachtsmann, knurrte ich schlechtgelaunt.

Tief vergrub ich meine Hände in die Taschen und zog den Kopf ein. Es war eine wahre Mühe, sich gegen den kalten Wind zu stemmen und überhaupt vorwärts zu kommen.

Plötzlich drang mir der süße, pappige Duft von Drogen in die Nase. Marihuana, eindeutig. Verwirrt schaute ich mich um und konnte auch bald eine Gestalt am Boden sitzend gegen eine Häuserwand gelehnt entdecken. Sie kam mir auf eigenartige Weise bekannt vor, so verminderte ich meine ohnehin schon lahme Geschwindigkeit.

Tatsächlich, diese eigentlich grauen Chucks, von Schmutz schon fast bräunlich, der dunkelrote Haarschopf. Er hatte einen Becher vor sich stehen, indem ein paar Münzen lagen.

„Dominik?“, zögernd trat ich an ihn heran. Da war er. So mir nichts dir nichts war er einfach wieder aufgetaucht.

„Hö, hihihi?“, er schaute auf, sah mich aus großen Augen an. Seine Pupillen waren unnatürlich stark geweitet.

„Markus?“, erkannte er mich und verfiel gleich wieder in einen Kicheranfall. Er strahlte über das ganze Gesicht.

„Ficken fünf Euro, Blasen nur drei, Sonderpreis heute“, giggelte er vergnügt und schwenkte seinen Becher.

„Um Himmels Willen, Dominik.“ Ich packte ihn am Arm und zog ihn hoch. Schwer kam er auf die Beine, fiel gleich auf mich. Er war in eine bedenkliche Schieflage geraten, sein Kopf lag halb auf seiner Schulter. Und immer dieses übermäßige Lächeln.

„Fünf Euro“, nuschelte er und hielt mir seinen Becher unter die Nase. „Sonst gehe ich nicht mit.“

„Jetzt mach keinen Scheiß, Dome“, versuchte ich ihn wie ein kleines Kind zu besänftigen.

„Nein ... sonst schrei ich. Du wolltest nie umsonst ..., warum nicht? Bin ich hässlich? Ich mache alles ...“, den Rest seines Gebrabbels konnte ich nicht mehr verstehen, da er vergessen zu haben schien, den Mund beim Reden öffnen zu müssen.

„Fünf“, kam jedoch wieder klar fordernd, als ich ihn mit mir mitziehen wollte. Genervt kramte ich meinen Geldbeutel hervor und stopfte den Schein in seinen dämlichen Becher. Seine blauen Finger fand ich viel zu besorgniserregend, als jetzt mit ihm diskutieren zu wollen.

„Jetzt komm mit“, bestimmte ich und trug ihn anschließend mehr, als dass er selbst lief schnell nach Hause. Hätte ich ein Auto ... nein, zum Glück war es nicht angesprungen. Sonst hätte ich ihn gar nicht gefunden.

„Ich hab dich gern, Marci“, gurrte er an meinem Ohr. Ich versuchte seine Schmuseversuche zu ignorieren. Jedenfalls so lange wir hier draußen waren.

„Oh“, blieb er plötzlich stehen. Ich wäre fast hingefallen durch den unerwarteten Widerstand.

„Was ist?“, fuhr ich ihn überfordert an.

Er streckte seinen Arm zur Laterne. „Schau doch!“

„Was?“, verwirrt folgte ich seinem Finger.

„Na ... eine Lichtgestalt ... Engel ... nein, das Christkind. Marciiii, es gibt es wirklich.“ Er kicherte. „So hell.“

„Jaja, jetzt halte es nicht bei seiner Arbeit auf“, schnaufte ich und zog ihn weiter. Innerlich rollte ich mit den Augen. Warum hatte der Trottel auch gekifft.

Zuhause hatte ich größte Mühe, ihn mir vom Leib zu halten. Immer wieder umarmte er mich und versuchte mir einen Kuss aufzuzwingen. Nicht, dass ich wirklich etwas dagegen hatte, doch bevorzugte ich es, wenn er dabei bei Verstand war.

Ich schob ihn ins Bad und zog ihn aus. Er fand das urkomisch und saß kichernd auf dem Boden. Dass er damit keine große Hilfe war, schien ihm egal zu sein.

„Du gehst aber ran heute“, jauchzte er und versuchte nun seinerseits, mir die Hose zu öffnen.

„Nicht jetzt“, ächzte ich und hievte ihn schließlich unter die Dusche. „Wenn du deinen Rausch ausgeschlafen hast.“

„Ach was“, winkte er ab. „Ich bin voll fit.“

„Das merke ich“, seufzte ich und drehte die Dusche auf.

Während er so kichernd unter dem Strahl saß, stopfte ich seine Kleider in die Waschmaschine. Dann holte ich eine Boxershorts und ein T-Shirt für ihn.

Anschließend half ich ihm wieder aus der Kabine und rubbelte ihn trocken. Ich stellte erleichtert fest, dass er wohl müde geworden war. Denn jetzt gab er sich damit zufrieden, an mir gelehnt einzudösen. Ich hob ihn kurzerhand hoch und trug ihn zum Sofa. Dort deckte ich ihn mit einer Decke zu.

Still betrachtete ich ihn noch eine Weile beim Schlafen. Sein Gesicht wirkte friedlich, hatte immer noch ein Lächeln in den Mundwinkeln eingegraben.

Sanft strich ich ihm über die Wange. Es wirkte so, als gehöre er hier hin. Als wäre er hier zu Hause.

Schließlich erhob ich mich und wandte mich meiner Gans zu. Diese schien zum Glück noch in Ordnung. Auf einmal war es mir wichtiger denn je, dass sie gut werden würde. Für Dominik.

Als sie bei niedrigen Temperaturen im Backofen warm gehalten wurde, zog ich mir etwas Gemütlicheres an. Auch wenn früher meine Eltern auf festlichere Kleidung an Heilig Abend bestanden hatten, ich verzichtete darauf. Wer hatte auch etwas davon, da ich normalerweise ohnehin alleine feierte. Und Dominik würde sich sicherlich nicht an meinem Jogginganzug stören.

Ich trat wieder ins Wohnzimmer und erfasste sofort das leere Sofa. Alarmiert verspannte ich mich, doch entdeckte ihn gleich darauf unter dem Weihnachtsbaum. Verwundert blieb ich stehen.

Er lag dort mit nur meiner Boxershorts.

„Hallo Markus“, lächelte er mich an und rekelte sich an die übrigen Päckchen.

„Äh ... was machst du da?“, stammelte ich verwirrt.

„Na, mein Geschenk an dich.“ Er leckte sich langsam über die Lippen. „Willst du mich nicht auspacken?“ Jetzt blinzelte er und schaute mich aus großen, unschuldigen Augen an.

Ich blickte von ihm zur Küche und wieder zurück. „Ich wollte doch mit dir essen. Und dann erst Bescherung.“

„Na, das Essen ist dein Geschenk an mich.“ Er spielte mit seiner linken Hand mit den herunterhängenden Tannenzweigen. „Komm schon, mir wird kalt“, quengelte er.

Und meine Füße verselbstständigten sich, indem sie mich langsam, aber sicher auf ihn zu bewegten. Jeden Zentimeter seiner Haut betrachtete ich, versuchte soviel es ging allein durch die Augen zu erfassen, zu erforschen. Die sanften Muskeln, deren Spiel sich im Schein des Lichts spiegelte, die roséfarbenen Lippen, die einen Spalt geöffnet waren.

Ich wusste nicht, ob er mich liebte. Doch kann man sich dem je hundert Prozent gewiss sein? Er war hier, das war in dem Moment alles, was zählte.

„Küss mich“, forderte er. Ich beugte mich zu ihm hinunter und drückte meinen Mund auf seinen. Er umfasste meinen Nacken, schien mich nicht mehr loslassen zu wollen.

„Essen ...“, nuschelte ich schließlich keuchend, als wir uns wieder lösten.

„Willst du keine Vorspeise?“, fragte er keck.

Ich schüttelte nur den Kopf. Enttäuscht zuckte er mit den Schultern, doch sprang ohne weitere Worte auf.

Gespannt beobachtete er mich, als ich die Gans auftischte. Mutter hatte das Rezept immer meiner Schwester beibringen wollen, doch die hatte sich vehement gegen jegliche Arbeit in der Küche gewehrt. Selbst jetzt schaffte sie es nur mit Mühe und Not Spaghetti hinzukriegen. Meistens waren diese zu hart oder zu weich. Ihr machte das ja nichts aus, aber naja.

Dominik bekam ein Strahlen im Gesicht beim Anblick des Flügelviehs. Ich wollte nicht wissen, wie lange es her war, seit er etwas Vergleichbares zu sich genommen hatte.

Dementsprechend schaufelte er auch viel in sich hinein. Mich wunderte, dass er nicht platzte.

Vergnügt beobachtete ich ihn, wie er sich leidend den Bauch hielt, aber dennoch weiter verbissen die Gabel in seinen süßen Mund steckte.

„Jetzt Nachtisch?“, murmelte er mit vollem Mund.

„Da passt noch etwas rein?“, neckte ich ihn.

„Nein, deswegen müssen wir Kalorien verbrennen. So wie du mich mästest“, er schluckte endlich hinunter und grinste mich daraufhin wieder frech an.

Ich schmunzelte. „Du denkst auch immer nur an das eine ...“

„Bei dir auch nicht anders möglich“, entgegnete er prompt.

Das Schrillen des Telefons enthob mich glücklicherweise einer Antwort. Komplimente von Männern in der Art waren immer noch seltsam.

„Ja?“, hob ich gespielt ahnungslos den Hörer ab. Natürlich wusste ich, wer am Apparat war.

„Dad, danke maaaaaaaaaan“, schrie mir Nico fast das Ohr ab. „Sau cool, woher hast du das her?“

„Kontakte“, entgegnete ich gut gelaunt. Ich hatte ihm einen handsignierten Fußball geschenkt. Ziemlich unnötig wie ich fand, aber er freute sich ja offensichtlich.

„Ist Dominik da? Hast du schon den Brief geöffnet?“

„Ja, nein.“ Verwundert stellte ich fest, dass mir dessen Anwesenheit weder unangenehm noch peinlich war.

„Dann öffne ihn. Tom will auch noch ran, frohe Weihnachten, Pa.“

„Frohe Weih...

„Ach und ... ich muss doch erst einmal nicht ins Internat!“, unterbrach er meinen Gruß und reichte dann auch gleich den Hörer weiter, ohne dass ich ihn zu Ende hätte sprechen können. So hatte ich auch überhaupt keine Zeit, mich für Nico zu freuen. Ein Internat wäre wirklich hart für ihn geworden. Er war ein wilder Kerl, nicht unbedingt dafür gemacht, Regeln zu beachten.

„Danke für die Bücher, echt klasse. Und für die Schokolade.“

„Bitte.“ Tom war im Prinzip einfacher zufrieden zu stellen als Nico. Dennoch freute ich mich nicht minder über seine Freude.

„Okay, Mutter möchte, dass ich Schluss mache. Frohe Weihnachten.“

„Frohe Weihnachten“, wurde ich diesmal fertig sprechen gelassen und konnte zufrieden auflegen.

„Kinder können was schönes sein, was schönes sein, was schönes sein“, trällerte Dominik sogleich hinter meinem Rücken und hüpfte zum Baum.

„Jetzt Geschenke? Was hast du denn so alles bekommen?“ Er griff willkürlich nach einem Päckchen und betrachtete es neugierig.

„Das werden wir jetzt ja sehen ...“ Ich setzte mich zu ihm und nahm ihm das Paket aus der Hand. Es wog schwer und war ziemlich eindeutig. Wie erwartet beinhaltete es auch schließlich ein Buch.

Ich legte es erst einmal wieder weg und suchte nach etwas Bestimmten. Da lag er auch schon.

Der Brief meiner Kinder. Nein, Nicos Brief. Tom hatte mir dieses Jahr etwas Separates geschenkt.

Ich erwog kurz, ob ich ihn als letztes öffnen sollte, doch dann siegte doch die Neugier. Als ich das Kuvert öffnete, fielen mir zwei Zettel entgegen. Einer war noch einmal zugeklebt.

Nur einen kurzen Blick warf ich darauf und reichte ihn dann überrascht an Dominik weiter. Er war an ihn adressiert.

Mein nun wirklich an mich gerichteter war ein Gutschein, für gemeinsames Schlittschuhlaufen. Interessant ... wahrscheinlich würde ich das auch noch bezahlen dürfen. Ich freute mich trotzdem. Immerhin hatte Nico kläglich versucht, einen Schneemann neben meinen Namen zu malen.

„Was schreibt er dir?“, fragte ich Dominik, der stumm hinter dem Papier versunken war.

„Hm?“, er schaute überrascht auf. „Oh ... hier, lies selbst.“ Er wirkte unsicher.

Jetzt doch skeptisch über meinen Sohn nahm ich ihn entgegen.

Dominik!

Ich weiß, Papa kann manchmal ziemlich anstrengend sein. Besonders wenn er sich mit Mama zofft, wird er zu einer trotzigen Zicke. Das ist manchmal echt peinlich aber ... ganz ehrlich?

Hallo, was dachte mein Sohn über mich? Ich und Zicke? Niemals!

Du bist cool. Ich habe dich viel lieber als die dummen Schnepfen, die Paps bisher immer angeschleppt hat. Du glaubst gar nicht, was für einen schlechten Geschmack er hat. Dabei könnte er doch jede haben ... sogar Tom kriegt bessere ab und der ist jetzt wirklich nicht ... egal.

Wenn er dich nervt, musst du einfach drohen und zurückschreien, dann wird er wieder zahm. So macht das jedenfalls immer Alexa, und die hat ihn im Griff. Allerdings ... werde ja nicht wie sie. Sie ist schrecklich.

Versaus nicht, okay? Ich glaube nämlich, er hat dich gern. Und du ihn auch ... selbst wenn ihr euch beide das nicht eingestehen wollt. Ich habe einen Blick für so was. Alexa hat mir übrigens zugestimmt! Tom wollte sich dazu nicht äußern.

Nico

Langsam schaute ich wieder auf, Dominik in die Augen. Der verzog verlegen seinen Mund. Niedlich. Unwillkürlich musste ich lächeln. Dies schien ihn zu beruhigen, denn ich konnte förmlich sehen, wie er sich entspannte. Und dann grinste er wieder sein typisches, unverschämtes Grinsen.

„Ich will dich küssen“, stieß er heftig hervor.

Ich schaute ihn an, registrierte seine Wimpern, die sich sanft nach oben schwangen.

„Dann mach.“

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