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Auster, Nikigraus und Nuss

Kapitel 4-7

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Inhaltsverzeichnis

4 Hohoholdochmalwerglühwein

Theo klemmte mit Mühe und unter Zuhilfenahme von reichlich Tesafilm schon den zweiten kleinen Blinkweihnachtsbaum auf seinen Bildschirm fest. "Mist mit den Flatscreens. Da kann man gar nicht mehr so richtig Nippes unterbringen", stellte er fest und schob die Duftkerze 'Sparkling Cinnamon' zurecht, die Bjarne sicherlich wegen roter tränender Augen in der nächsten Pause ins Klo verfrachten würde.

Bjarne brütete in seinen Kaffeepot und knurrte nur. Die Arbeit war so leidlich vorhanden, aber natürlich komplett ungeeignet, um seine Laune zu retten. Missmutig sortierte er Anträge weg und arbeitete am Poststapel. Nix geiles. Keine peinlichen Tippfehler, über die man rumätzen konnte. Keine lustigen Erlebnisse am Wochenende, über die man rumkichern konnte. Langeweile trotz Weihnachtsstress.

Theo, noch vom Wochenende gut gelaunt, stieß ihm mit dem Fuß gegen die Kniescheibe. "Da! Da! Guck mal! Das ist die neue Lehrerin in der Grundschule! Geil, oder? Hast du jemals solch einen riesen Busen an solch einer kleinen, dünnen Person gesehen? Wie macht die das nur, ohne vorn umzufallen?"

Bjarne blickte nach draußen, dann lachte er auf. "Oh mein Gott, du hast Recht! Und schau dir den Meier an. Der ist total notgeil. Jetzt hält er ihr auch noch die Tür auf... dabei will die doch nur zum Mülleimer!" Im Hintergrund sah Bjarne in diesem Moment den grausamen Niklas vorbei gehen. Ihre Blicke trafen sich kurz, weil Bjarne so aus dem Fenster gaffte. Hastig senkte Niklas den Kopf und schob seine Hände in die Jackentaschen.

Bjarne blinzelte den Moment weg und wandte sich wieder dem Thema des Tages zu. 'Die neue Grundschullehrerin mit dem Megabusen' erheiterte sie samt dem Meier auf Freiersfüßen für die restliche Woche ganz ausgezeichnet.

Es brachte die verlorene Energie zu Bjarne zurück. Er schaffte es in den folgenden Tagen sogar, seine jüngere Schwester zu überreden, ihm wieder so lustige Strähnchen zu machen. Sie war zwar keine Friseurin, aber eine ausgeprägte Haarmacke verschaffte ihr ein tüchtiges Talent und reichlich Erfahrung auf diesem Sektor. Bjarne besuchte sie, brachte brav alles mit, was sie brauchen würden und natürlich ein paar Süßigkeiten und ließ sich die Haare in Strähnchen erst blondieren, dann im Anschluss grün und rot färben. Er erzählte ihr derweilen von der Auster. Sie war die einzige in seiner Familie, die cool genug war, um ihn tatsächlich nach seinem Liebesleben zu fragen.

Während die Farben einzogen und sie eine rauchte, fragte sie ihn nach der Auster aus und versprach, am nächsten Wochenende auch beim Weihnachtsmarkt vorbei zu sehen, um den Typen mal in Augenschein zu nehmen.

Endlich waren Bjarnes Haare fertig und seine Schwester wollte auch los zu ihrem aktuellen Freund und warf ihn raus. Zufrieden blickte er sich an diesem Abend im Spiegel an. Der Effekt war ziemlich geil, um nicht zu sagen, er sah aus wie ein Weihnachts-Fraggel. Hochgradig zufrieden fand Bjarne, dass die Strähnchen durch die zu lang gewordenen Haare jetzt erst so richtig zur Geltung kamen. Nach Weihnachten waren die dann auch soweit rausgewachsen, dass er das Ganze von einem Friseur wieder runterholen lassen konnte.

Freitag waren dann im Amt zwischen den Kakteen auf ihrem Fensterbrett drei Weihnachtssterne aufgetaucht, zwei in rot und einer in weiß, alle mit Glitzerstaub auf den Blättern. Theo trug nur noch rote oder grüne Socken, um mit Bjarnes Haaren konkurrieren zu können und die Tschunik hatte nur noch die Weihnachtsschokoladen mit Spekulatiusstückchen zwischen den Akten 'Rechnungsbelege U-W' versteckt. Aber im Amt war zum Glück nichts los gewesen, so dass Bjarne sich für den Weihnachtsmarkt hatte ausruhen können.

Theo schlang sich Punkt halb eins am Freitag einen Schal um. "Und? Diese Woche hast du ja mal mich geschlagen. Ich hab mein Date erst heute klar gemacht."

"Date? Ich hab gedacht, dass du zuhause bleiben wolltest."

"Will ich ja auch. Ich hab mir wen eingeladen. Nett essen, nett einen Film schauen und dann nett ins Bett."

"Porno oder wirklich mal einen Film mit Handlung?"

"Wo denkst du hin?! Handlung! Das stört so beim Knutschen und Fummeln und schlägt mir auf den Magen. Nein. Mein Frank vom Videoladen hat mich bestens versorgt. Alles Neuerscheinungen. Hach, ich freu mich! Viel Spaß beim Austernfischen wünsch ich dir."

 

Bjarne hätte sein Gehalt und seine teuersten Schuhe darauf verwetten können, dass es ein bescheuerter Samstag werden würde. Er und die Auster auf dem Weihnachtsmarkt. Auch gerade lustig! Aber so war es. Saskia war nämlich auch dabei und sorgte samt einer roten Weihnachtsmütze, die ihr mit den rotblonden Haaren ganz und gar nicht stand, für super Stimmung. Saskia lobte Bjarnes Frisur, kannte alle Weihnachtslieder auswendig und sorgte bei den Jungs der Feuerwehr für gute Stimmung, weil sie hemmungslos flirtete mit denen. Die Suppe war lecker und der Glühwein auch. Beides war warm und umsonst und Florian sah süß und exotisch aus und redete natürlich keine drei Sätze in ebenso vielen Stunden mit ihm oder mit Saskia.

Immerhin laberte die Auster aber mit den neuen Nachbarn vom Schlehenkamp und einigen Omas aus der Gegend. Bei denen konnte der Kerl so richtig charmant werden. Saskia und Bjarne machten sich nach einer Weile darüber lustig und Florian trank Glühwein, vermutlich, um Bjarne und Saskia ertragen zu können. Aber daher bestand noch Hoffnung, dass er seine Zunge einmal auch für Bjarne in Gang setzen konnte. Zur Not im Rahmen einer schweigsamen Knutscherei, wäre auch okay.

Saskia wurde von einem missmutigen Typen von der Freiwilligen Feuerwehr ausgelöst, der Bjarne und Florian ziemlich spaßfrei verbot, weiter umsonst Glühwein zu saufen. Einmal in relativer Einigkeit starrten sie den Kerl schweigend böse an und ließen sich umgehend von zwei armen Typen ablösen. Bjarne schlug vor, noch eine Runde um den Markt zu gehen. "Vielleicht treffen wir Saskia ja wieder, die hat wenigstens für gute Laune gesorgt." Seine Auster stimmte schweigend zu. Auf Höhe eines Standes mit besonders niedlichen Topflappen und anderem Häkelkram wurden sie von dem Beschützmichbruder abgefangen. Der trug ein Nikolauskostüm und war mies drauf.

"So eine Scheiße! Flo, wenn du mich noch einmal zu so einem bescheuerten Mist zwingst, dann..." Er stockte in seinem Anfall, als er Bjarne entdeckte. "Baggerst du meinen Bruder immer noch an oder was?!" Laut genug gesagt, dass einige in der Umgebung sich umdrehten.

"Zieh Leine, du Nikigraus!" Bjarne bekam anstelle einer Antwort zwei Zettel in die Hand gedrückt und blickte verwirrt runter. Der Nikigraus arbeitete offensichtlich. Er verteilte Werbung und war nicht monogam bei seinen Auftraggebern. Lustigerweise hatte er zwei sehr gegensätzliche Infoblätter. Es war zum einen der Text von einer Gruppe, die darauf hinwies, dass vegetarische Weihnachten den Tieren viel mehr Freude machen würde und zugleich die Werbung des lokalen Schlachters für Wildschweinschinken, Rehrücken und Gans. Es kitzelte Bjarnes Sinn für Humor. Mühsam unterdrückte er sein Kichern, während Florian seinem Bruder einen langatmigen Vortrag hielt, dass er sich zusammenreißen solle und den Job ernst nehmen.

Ihre Runde um den Weihnachtsmarkt wurde dann irgendwie leider zu dritt fortgeführt. Missmutig stapfte Bjarne neben Florian her, der ihn anschwieg. Sie wurden vom Nikigraus verfolgt, der sie mit seinen Sprüchen blamierte und die Leute mit Zetteln zuwarf.

"Hohohogräulicheweihnaaaaaaachten! Hohoho... ho... Horror. Hohohoichfriermirnarschabhier. Hohohohauabdubalg. Hohoholmirdochwermalnenglühwein..."

Endlich drehte Bjarne sich um und giftete: "Nun hör endlich auf, du Schwachmat! Mann, ich wünschte, dass Florian reden und du die Auster machen würdest. Ist ja kaum zu ertragen!"

"Genauso wenig, wie dein Scharwenzeln."

"Besser als gleich aufgeben, wenn es mal nicht so leicht ist!"

Irgendwie saß der Spruch, der Nikigraus blinzelte ihn kurz an, dann wandte er sich ab. Grummelig gab er ein eher schwaches "Er ist nicht schwul." zurück.

"Ich geh erst, wenn 'er' mir das selber sagt." Bjarne verschränkte die Arme und hatte den Nikigraus erwischt. Eiskalt, der hatte keinen Konter mehr. Daher setzte er noch schnell nach. "Und das Kostüm sieht an dir absolut Scheiße aus! Da laufen ja alle Kinder wech!"

Irgendwie wurde das als Kompliment aufgefasst. "So gehört sich das auch. Ein echter Nikolaus muss die Kinder erschrecken wie nix!" Zufrieden strich Niklas sich den Bart.

"Ist dir gelungen."

"Und dir ist Florian abgehauen. Schnarchtucke!" Grinsend piekte Nikigraus Bjarne gegen die Schulter.

Bjarne fuhr herum. Scheiße! Die Auster hatte natürlich keinerlei Bock gehabt, den Disput zwischen ihnen mit anzusehen und vermutlich auch anzuhören. Wo konnte er nur hingelaufen sein? Sauer, dass seine Chancen auf einen leicht angetrunkenen und damit vielleicht knutschwilligen Florian zu Nichte gemacht wurden, zickte er den Nikigraus an. "Du hilfst mir jetzt! Wenn Florian und ich das nicht ordentlich ausdiskutieren, dann werde ich nie von ihm lassen, verstanden?!"

Und kurioser Weise ballte der Nikigraus eine behandschuhte Hand zur Faust, aber nickte dann und stiefelte endlich mal schweigend zwischen den Ständen durch zur Kirche. Tatsächlich. In der Kirche stand Florian beim Stand eines Bücherflohmarktes für wohltätige Zwecke. Saskia und ein paar andere Freunde kicherten über altmodische Bücher und er schwieg wie immer.

Vorn am Altar wurde immer ein Kasperletheater aufgebaut. Es war gerade im Gange, als Bjarne dem breitschultrigen Niklas durch das Kirchenschiff folgte. Und der schien ein Herz für Kasperpuppen zu haben. Er blieb stehen und blickte zur kleinen Bühne, auf der Kasper und Seppel den geklauten Tannenbaum der Oma vom Räuber wiederholen mussten. Als Kasper den Räuber in den Weihnachtsmannsack stopfte und an den Nordpol schickte, lachte Niklas frei heraus mit den Kindern mit. Das war echt nett und Bjarne hatte sich davon doch tatsächlich für den Moment von seiner Auster ablenken lassen.

Apropos ablenken! Bjarne blickte sich hastig um. Das war seine Chance! Nikigraus war abgelenkt. Florian stand tatsächlich noch immer mit Saskia zwischen den Büchern für einen Flohmarkt und blätterte interessiert in einer alten Ausgabe einer Fachzeitung für Computer. Bjarne gesellte sich dazu. "Da bin ich wieder." Fröhlich grinsend lehnte er sich dichter an Florian und blickte ihm über die Schulter.

Eine schwere Hand zog ihn weg. "Drängeln is nicht und Fummeln in der Kirche geht gar nicht!"

Bjarne starrte den Nikigraus wütend an, doch Florian schien ihn auch erst jetzt zu bemerken. Er lächelte leicht "Fertig?"

Bjarne nickte. "Hier schon. Komm mit zu mir, dann trinken wir noch was und hören kitschige Weihnachtsmusik."

Saskia klatschte in die Hände und freute sich. "Au ja! Lass uns zu Bjarne gehen. Du hast deine eigene Wohnung, nicht?"

 

Der Nachmittag war gerettet. Dank der Auster, die sich zu einer Audienz bei Bjarne herabgelassen hatte. Er brachte seinen Bruder leider als Bodyguard und die notwendige Unterhaltung in Form von Saskia selber mit. Das war gut, da er noch immer schwieg. Saskia brachte dafür tüchtig gute Laune mit und Bjarne sorgte für das leibliche Wohl und die Atmosphäre. Er kippte Kekse aus der Tüte in eine Schale und erwärmte seinen Notglühwein, dann brannte er seine Adventskerze auf dem Couchtisch an und machte im Kachelofen Feuer. Als er vom Glühweinausschenken in das Wohnzimmer zurück kam, hatte Saskia seine Gitarre im Arm und zupfte daran herum. "Kannst du spielen, Bjarne?"

Bjarne nickte leicht. "Etwas. Seit ich die Lehre mache, fehlt mir die Zeit zum Üben." Er stellte die Glühweinbecher ab. Die Lust fehlte ihm eigentlich ebenso wie die Zeit. Daher war er nicht mehr drin in der Materie. Saskia zwang ihn, einige Lieder anzuspielen und Bjarne und sie sangen sogar ein wenig miteinander.

Es machte tatsächlich Spaß, mal wieder Gitarre zu spielen und Bjarne ärgerte sich richtig, dass er die schwierigen schnellen Stücke, an denen er doch früher wie besessen geübt hatte, nicht mehr so gut konnte. Der Nikigraus starrte ihn und Saskia ein wenig düster an. Die Narbe auf der Wange verlieh seinem Blick aber auch immer eine gefährliche Note.

Nach einer Stunde ungefähr blickte Saskia auf ihre Uhr und sprang hektisch auf. "Oh mein Gott! Ich bin verabredet und komm zu spät! Bjarne, tut mir total leid, dass ich jetzt so unhöflich losdüsen muss! Niklas, Florian, bis bald im Verein! Schöne Weihnachten, falls wir uns nicht mehr sehen, okay?"

Als Bjarne sie noch zur Treppe brachte, stieß sie ihm gutgelaunt in die Seite. "Jetzt aber mal ran. Weihnachten ist das Fest der Liebe, Bjarne. Ich gönn dir total, dass du mit einem Freund unter dem Baum sitzen kannst."

Er grinste sie an. "Du dann aber auch. Ach was, du hast doch bestimmt wen, oder?"

Sie hob die Schultern. "Nur einen heimlichen Verehrer. Total altmodisch und süß dabei. Jemand hat mir total nette Bioschokolade geschenkt. In Herzform. Muss wer vom Verein sein. Ach, wenn ich das rausbekomm, dann ruf ich dich an!" Sie küsste ihn auf die Wange und war auf und davon.

Und nur wenig später hockten sie zu dritt auf dem Sofa von Bjarne. Erst Florian, dann Nikigraus schon mit etwas Schlagseite von den Glühwein des Nachmittags und dann Bjarne. Sie starrten auf den Fernseher und Bjarne und der Nikigraus machten Sprüche und beharkten sich. Über die Wohnung, über den Glühwein aus der Tüte, über das billige Nikolauskostüm, das Niklas von sich geworfen hatte und über das miese Musikprogramm. Die Auster schwieg und nippte von seinem Becher und sah exotisch und unnahbar aus.

Nach einer Weile stand Florian auf und wanderte in Richtung Flur und Badezimmer davon. Bjarne war gerade damit befasst, mit dem Nikigraus über Musikrichtungen zu streiten. Der kräftige Typ stand auf echt schauderhafte Sachen, vor allem auf Kitschteile, die gar nicht gingen. Zum Beispiel mochte er 'Last Christmas' total gern, das jedem doch schon im späten November Ohrkrebs machen musste.

Niklas war der Meinung, dass das Lied einmal im Jahr absolut in Ordnung ging. Er hob einen Finger "Wenn man nicht das Video mit den peinlichen Frisuren dazu ertragen muss!" Kritisch warf er dabei einen Blick auf Bjarnes Haare, aber sagte nichts weiter dazu.

Bjarne lachte auf. "Das zeigt wie jungsch du bist. Noch kannste das ab. Ist wie mit dem Alkohol. Je älter man wird, desto mehr Kater kriegt man vom Feiern. Am schlimmsten ist da Glühwein. Den kann man auch nur einmal im Jahr ab. Glühwein und 'Last Christmas', das verstärkt sich bestimmt gegenseitig. Glühwein mit 'Last Christmas' macht einem dann den totalen Kater mit Ohrkrebs."

Darauf musste Niklas lachen. Es war wieder diese nette, freie Sorte Lachen, die Spaß machte und ansteckte. Es machte, dass Bjarne den sonst immer so düster blickenden Beschützmichbruder von der Auster noch mehr zum Lachen bringen wollte.

5 Nikigraus und Nuss

Endlich fiel Bjarne auf, dass Florian verdammt lange im Bad brauchte. Mit dem Verdacht, dass der Kerl sich im Schlafzimmer ein Buch geschnappt hatte, stand Bjarne ebenfalls auf. Er wollte gerade fragen, ob Niklas noch etwas trinken wollte, als dieser aufschrie.

Bjarne brauchte sich eigentlich nicht umzudrehen. Es war klar, was passiert war. Er blickte dennoch von der Tür zum Sofa zurück. Dort saßen Niklas und Nuss und starrten einander an. Sie aus blauen Augen, er aus exotischen grünbraunen Augen. Beide mit identisch düsterem Blick. Dann gab Nuss auf und blinzelte als erste. Es war komisch. Erst in diesem Moment fiel Bjarne so richtig auf, dass Niklas seinem Bruder eigentlich in Sachen exotisch und sexy und tatsächlich auch hübsch nicht viel nachstand. Von der Narbe einmal abgesehen. Bjarne holte Luft, um sich für das Verhalten seiner Katze zu entschuldigen, doch Niklas hielt seinen leicht blutenden Finger in Richtung der Katze aus. "Püppi, hab ich dich erschreckt?" Er sah sich um. Der Blick seiner exotischen Augen tastete Bjarnes Gesicht ab. "Tut mir leid. Sie ist taub, oder?"

Erstaunt trat Bjarne wieder dichter, dann nickte er. "Ja. Die früheren Besitzer wussten das nicht und haben sie weggegeben, weil sie so oft gekratzt hat."

"Das ist bei diesen weißen Katzen oft ein Problem." Niklas kraulte Nuss sachte auf der Stirn und sie stiefelte laut schnurrend zu ihm herab auf den Schoß. Es war für Bjarne sehr verwirrend, den derben Typen so zärtlich zu sehen. Etwas lahmarschig meinte er "Ich hole dir mal ein Pflaster."

Im Bad war Florian schon mal nicht. Bjarne kramte die Pflaster hervor. Peinlicherweise welche mit Puuh dem Bären, die er von seiner Schwester mitgenommen hatte. Aber nun war es auch egal. Er suchte eins mit dem Ferkel aus und ging samt einem feuchten Tuch zu Niklas zurück. Der wurde von Nuss vollkommen belagert und kraulte sie mit einer Hand, während er an den Fingern der anderen nuckelte. "Die hat ganz schön zugelangt."

Bjarne ließ sich neben ihm nieder und nahm seine Hand, um das Pflaster aufzukleben. In der Tat blutete das ganz schön. "Strafe muss sein. Was musste auch hier stören, wo ich doch mit der Auster... Florian mal was bereden wollte."

Niklas' Gesicht verschloss sich erst, doch dann blinzelte er und grinste ein wenig. "Auster?"

"Weil er keinen Piep sagt. Nicht zu mir jedenfalls." Ein wenig zu fest tupfte Bjarne das Blut weg und klebte dem Nikigraus das Kinderpflaster auf den Fingerrücken. Die Hände waren rau und sogar hier und dort schwielig. Merkwürdig für einen Schüler. Etwas hastig zog Niklas seine Hand zurück. "Glaub es endlich. Der will nix von dir."

Seufzend erhob Bjarne sich und ging zur Küche rüber. Auch hier keine Auster. Als Bjarne das blutige Tuch wegwerfen ging, sah er im Schlafzimmer rein, dann kam er auf die Idee auf die Treppe raus zu blicken. Die Wanderstiefel von Niklas waren neben seinen Schuhen die einzigen dort. Scheiße! Die Auster hatte ihn gelinkt und war abgedampft. Missmutig schlappte er zurück zu Nikigraus und Nuss. Die zwei waren komplett verschmolzen, nachdem Nuss sich halb auf den Rücken gedreht hatte, um auf Niklas' Schoss in einen halbflüssigen Zustand überzugehen.

Bjarne grinste blöde und beobachtete eine Weile lang wie die kräftigen Finger durch das feine Katzenfell kraulten. Scheiße, wenn er das so ansehen musste, wurde ihm noch einmal klar, wie allein er war. Gerade so etwas, angefasst werden, gestreichelt, gehalten. Wärme, die nicht nur von einer Wolldecke oder einer Wärmflasche kamen. Glück, dass nicht von Glühwein oder Schokolade herrührte.

Er schloss kurz die Augen und lehnte sich im Türrahmen an. Scheiß Weihnachtszeit. Die machte einen wirklich matschig! Und sehnsüchtig. Als er die Augen wieder öffnete, stand der Nikigraus direkt vor ihm. Eine gute Ecke größer als er selber. Mit diesem düsteren Gesichtsausdruck. Sie zuckten beide gehörig zusammen. Von seiner matschigen Stimmung und der Eifersucht auf seine Katze irritiert, giftete Bjarne ein wenig zu heftig "Scheiße! Musst du dich so anschleichen?!"

Niklas blinzelte ein Mal, dann drängelte er sich an Bjarne vorbei. "Ich geh denn mal. Florian ist bestimmt schon lange beim Training, und ich nerve dich nur."

Es klang ein wenig eingeschnappt. Bjarne öffnete den Mund, um zu sagen 'Nein, tust du nicht.', doch dann zuckte er mit den Achseln und nickte leicht. Er fühlte sich irgendwie wirklich nicht mehr nach Besuch. Er fühlte sich ausgekühlt und allein, wollte jetzt Selbstmitleid und Schokolade haben. Dass der Nikigraus hier war und seine Katze lieb hatte, machte die Sache irgendwie eher schlimmer.

Als Niklas von der Treppe unten noch einmal zu ihm hoch blickte und sagte "Man sieht sich.", nickte Bjarne nur dämlich.

Am Abend hockten er und Nuss sauer vor dem Fernseher. Bjarne war mittlerweile echt frustriert. 'Weihnachtsmann, du Loser! Zweimal schickste mir einen Typen. Der eine Auster, der andere hetero bis zum Anschlag und auch noch gefährlich! Ich bin mir nicht sicher, ob du noch mal 'ne Chance bekommst!'

In der Nacht schlief er sehr schlecht und träumte von Nikoläusen, die ihn verfolgten. Er musste durch dichte Tannenwälder rennen und nirgends war ein Versteck, nirgends eine sichere Höhle. Die Nikoläuse riefen immerzu 'Du läufst davon! Du läufst davon!' Das war nervig und unlogisch. Na klar musste man vor solchen Horrortypen weglaufen, oder?

 

Theo war am nächsten Montag auch keine Hilfe. Seufzend richtete er an seinen blonden Haaren und plinkerte sich in die babyblauen Augen. "Bjarne, es ist passiert. Das Undenkbare, Unfassbare, das absolute Ende ist nah!"

"Gott, Theo! Ist dein Deo mal wieder alle oder was?" Gereizt löschte Bjarne die Rundmail betreffend ihrer Weihnachtsfeier. Beim Griechen, schon wieder. Das ging gar nicht. Bjarne arbeitete intensiv an einer Ausrede. Er versuchte gerade, sich zu erinnern, was im letzten Jahr seine Ausrede gewesen war, als Theo ihn aus der Lethargie weckte.

"Mein Date ist nicht erschienen." Eine von Selbstmitleid durchsetzte Rede folgte. Sein Onenighter war ihm in die Binsen gegangen. Wehleidig hob er einen Zeigefinger. "Jetzt bin ich offiziell auf der Bank! Ich bin ein alter, gebrochener Mann."

"Haste denn versucht, anzurufen? Vielleicht war was."

Tragisch nickte Theo und fasste zusammen, dass sein Date ihm eine SMS geschickt habe, dass er sich kurzfristig um seine kranke Tochter kümmern müsse. "Die hatte wohl nach einem Nikolaustheater mit Schokolade nach dem Motto 'all you can eat' eine Magenverstimmung."

"Moment mal! Du bumst einen Hetero?"

"Hin und wieder, na und? Sex ist Sex, mich stört das eher weniger, wenn der am Abend dann hastig zu seiner Frau zurück will. Weg ist dann auch weg und macht keinen Ärger." Konzentriert entfernte Theo die Tacker aus den zu vernichtenden Akten.

"Was erzählt er der denn eigentlich?" Bjarne fand das nicht sonderlich ansprechend, so ein Arrangement mitzumachen.

"Saunaabend. Da will die nie und nimmer mit. Na, ist nicht vollkommen gelogen. Ins Schwitzen kommt er bei mir auch, und er duscht ja immer hinterher, da passt das dann ganz gut." Theo gähnte und warf die Papiere auf seinen Schreibtisch zurück. "Ich hab den Abend dann im Prinzip bei Frank verbracht. Wir haben uns zwei Stunden lang über Pornos unterhalten. Gott, ich werd alt. Über Pornos reden, statt... Oh, bau mich auf, bau mich auf, bau mich auf", jammerte er dann und Bjarne erzählte ihm seufzend von der neuesten Austernaktion mit Nikigraus.

Theo beobachtete die Grundschule nebenan und riss Briefumschläge auf. "Es ist mir ein Rätsel, wieso du das mitmachst. Du bekommst immerhin nicht mal Sex dafür so wie ich. Das ist pure Selbstkasteiung. Oh Mann, der Franz vom Kapphof stellt schon wieder einen Bauantrag und schickt den an uns. Lernt der das nicht mehr? Wir sind Ordnungsamt, Kindergartenanträge und Hundesteuer! Ich meine, Auster redet nicht mal mit dir und haut immer ab. So genial sexy schaut er auch nicht aus, und du kommst ja auch bei ihm mal wieder nicht zum Stich mit deiner weichgespülten Romantik."

"Na ja." Bjarne zögerte, dann erzählte er Theo von der Schwanzlängengeschichte.

Das war wiederum ein Argument, das Theo unglaublich einleuchtend fand. "Oh, mein Gott! Ich sage, dranbleiben! Das wäre ja zu geil, wenn du so ein nettes Weihnachtsgeschenk unter deinem Baum finden würdest. Mach 'ne Schleife drum und ein Foto für mich, dann darf ich glücklich sterben. Was schätzt du so in Zentimetern?" Mit schmalen Augen blickte Theo sein Lineal entlang.

Missmutig stöhnte Bjarne auf. "Ich schätze nix, war noch nicht voll ausgefahren. Wenn das so weiter geht, werd ich das auch nie im Leben zu Gesicht bekommen! Leider haut der Arsch immer ab, wenn ich so richtig Attacke machen will. Irgendwie fühl ich mich wie ein Fisch an der Angel. Er lässt mich verdammt lange zappeln. Was er wohl das Wochenende vor hat?" Er blickte auf den Kalender. Sie hatten diese Woche noch, dann war schon bald Heiligabend. Fieserweise in diesem Jahr auf einem Samstag. Das totale Arbeitgeberfest.

"Die Schule müsste doch aus sein so kurz vor dem Fest." Er überlegte mittlerweile ernsthaft, ob er statt der Auster einfach den Nikigraus anrufen sollte. Dessen Handynummer hatte Florian ihm gegeben, mit der Meldung, dass er selber nie an seines gehen würde. Und das war vermutlich die Wahrheit. Immerhin sprach der Nikigraus wenigstens mal mehr als drei Worte und könnte ihm passend Auskunft zu den nächsten Plänen seines Bruders geben.

Am Abend in seiner Wohnung stärkte Bjarne sich mit einem Telefonat mit Saskia und verabredete sich schließlich mit ihr zum Weihnachtsmarkt in der Stadt. Sie hatte ein Auto zur Verfügung und wollte sich an der Bushaltestelle zur Stadt mit ihm treffen. Sie schlug vor, dass sie nach dem Markt noch in einen neuen Film im Kino gehen könnten. Das lehnte Bjarne aber aus Kostengründen ab. Er meinte stattdessen, dass sie sich dann ja trennen könnten. Er wollte sowieso noch Geschenke kaufen.

Schließlich versprach Bjarne, die Auster klar zu machen für diesen Ausflug. Kurzentschlossen zückte Bjarne sein Handy, holte tief Luft und rief Niklas an. Seine Stimme klang nicht übel durch das Telefon. Rau und zugleich irgendwie kribbelig. "Ja?" Im Hintergrund lief laute Musik.

"Hier ist Bjarne."

"Eh?" Stille, dann raschelte es ein wenig und die laute Musik im Hintergrund erstarb. "Wer?"

"Bjarne. Ich bin der Typ, der deinem Bruder immer hinterher läuft."

"Oh. Was willst du?"

Irgendwie waren die Temperaturen soeben drastisch gefallen. Bjarne ruckelte ungemütlich herum und sah sich unsicher um. Nuss stiefelte in sein Sichtfeld und schenkte ihm die Inspiration. "Ich soll dich von meiner Katze grüßen. Sie hat sich total in dich verknallt."

Am anderen Ende war es eine Zehntelsekunde lang still, dann lachte Niklas auf. Es war ein schöner Klang. Erleichtert seufzte Bjarne einmal. "Nein, im Ernst. Ich ruf wegen dem Wochenende an."

"Wegen des Wochenendes."

"Scheiße, meinetwegen auch des. Was habt ihr vor?"

"Trainieren."

"Saskia und ich wollten in die Stadt zum Weihnachtsmarkt. Wir hätten gern die Auster dabei, ist so schön still mit ihm", witzelte Bjarne hastig weiter. "Wie schaut es aus. Saskia wollte fahren, wir düften alle trinken."

"Ich soll mit?"

"Klar! Unbedingt!"

"Soso."

Bjarne zögerte. "Nein. Sollst du. Echt jetzt. Nur bitte ohne Kostüm, okay?"

Niklas schwieg kurz, dann seufzte er "Ist gebongt, wo treffen wir uns?"

Und so hatte Bjarne für den Samstag ein Date mit seiner Auster über den Nikigraus eingefädelt. Das war so dermaßen hintenrum gewesen, dass Theo ihm am Abend noch einen Orden verlieh. Aber Bjarne war das so ziemlich egal. Er hatte sein Ziel erreicht. Die Auster kam samt Beschützmichbruder mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle. Als er Bjarne erblickte, der dort schon frierend auf und ab lief, stockte er kurz in der Bewegung, aber Saskia hielt gerade mit dem Wagen, und so beeilten sie sich mit den Fahrradschlössern.

6 Einsamkeit zur Weihnachtszeit

Der Nachmittag wurde sehr nett, was Bjarne überhaupt nicht erwartet hätte. Sie kamen als Gruppe total gut aus. Saskias gute Laune steckte ihn so schnell an, dass er sich von der Schweigsamkeit seiner Auster nicht mehr beirren ließ. Niklas hatte ebenfalls gute Laune. Er machte mit Saskia Witze und kam augenscheinlich immer besser mit ihr aus.

Der Weihnachtsmarkt war natürlich gerammelt voll und so war es nicht verwunderlich, dass sie recht bald auf Freunde von Saskia trafen, die sich ihnen spontan anschlossen. Mit Glühwein, Kinderpunsch und heißem Kakao standen sie beisammen und hier fühlte Bjarne sich zum ersten Mal ein wenig außen vor. Die anderen gingen alle noch zur Schule oder waren Mitglieder in einem Sportverein. Es ging in der Unterhaltung um die letzten Arbeiten vor den Ferien, um Trainingszeiten, um Lehrer. Der interessantere Klatsch drehte sich um irgendwelche Mädchen, auf wen sie standen, wer auf sie stand und ob das was werden konnte.

Ein wenig gelangweilt meldete Bjarne sich von Saskia ab zum Einkaufen und driftete von der Gruppe weg zu den nächsten Ständen mit kleinen aus Holz geschnitzten Dekoartikeln, Marionetten und Spielsachen. Er drehte gerade einen hübschen bunten Kreisel und überlegte, ob er davon nicht welche für seine Neffen mitbringen sollte, als Niklas zu ihm trat.

Erst hielt Bjarne es für einen Zufall, aber der kräftige Typ betrachtete ihn und nicht die Ware am Stand. Davon irritiert kaufte Bjarne die Kreisel und für seine Nichte ein Jojo und verstaute die Sachen umständlich in seiner Jackentasche.

Niklas betrachtete ihn noch immer schweigend, an seinem Glühwein nippend. Endlich hob Bjarne den Blick. "Was willst du?"

Niklas zuckte mit den Schultern. "Das könnte ich auch fragen."

Bjarne ging einen Stand weiter und nahm Wollsocken auf, um etwas zu tun zu haben. "Was meinst du?"

"Was willst du? Warum bist du an Florian dran?"

Unglücklich wandte Bjarne den Kopf und sah zu der Gruppe Schüler zurück, die sich am Glühweinstand noch immer unterhielten. Florian stand schweigend in der Nähe von Saskia und hörte bei einer Erzählung zu, lächelte sogar ein wenig. "Ehrlich gesagt bin ich neugierig. Warum geht die Auster mit mir aus? Er sagt, dass er das Piercing nicht mag und deswegen nicht mit mir knutschen will, aber lädt mich gleich darauf zum Weihnachtsmarkt ein. Er kommt mit zu mir, aber lässt mich dort einfach so sitzen. Ich weiß nicht, ich will hinter das Geheimnis kommen."

Niklas grinste. "Ich weiß es." Er nippte von seinem Glühwein und blickte Bjarne unangenehm direkt in die Augen.

"Ja?"

"Aber ich sag es dir nicht."

Bjarne ballte eine Hand zur Faust. "Du..."

"Du kriegst es noch raus, Bjarne. Immer dran bleiben!" Lachend ging Niklas zu den anderen zurück.

Wütend knüllte Bjarne die Socken in seiner Hand und wurde von der Verkäuferin sogleich angesprochen, ob es diese sein sollten. Hastig sah er runter. Es waren Socken in Regenbogenfarben, wie passend. Er nickte und bezahlte. Die Verkäuferin informierte ihn noch recht langatmig über das Waschen von Wollsachen und musste umständlich nach einer Tüte fahnden. Als Bjarne sich umdrehte, war die Gruppe weiter gegangen, mit ihnen Saskia seine Fahrgelegenheit. Scheiße!

Er kramte sein Handy hervor und versuchte das von Saskia. In dem Augenblick, in dem er die Möglichkeit bekam, auf ihren Anrufbeantworter zu sprechen, begann ein unangenehmer Schneeregen.

Bjarne fluchte und suchte im schnellen Schritt weiter laufend nach bekannten Mützen oder Jacken. Er musste sich aber immer mehr durch die Massen kämpfen, Regenschirme verdeckten die Sicht und endlich stand er an der Hauptstraße und war noch immer allein. Auf Saskia fluchend zückte er noch einmal das Handy, erreichte sie noch immer nicht und probierte dann Niklas' Handy. Der ging gleich ran. "Wo seid ihr? Ihr habt mich abgehängt."

Niklas dunkle Stimme hob sich über den Lärm im Hintergrund grade eben ab. Nach einigem 'Was? Waaaas?'-Schreien bekam Bjarne immerhin heraus, dass Niklas in der Schatzinsel sein musste, eine kleine Eckkneipe an der Grenze zur Altstadt.

Da Bjarne nicht viel verstehen konnte und es kalt und nass war und er keinen Bock mehr hatte, sich vollregnen und von anderen Leuten rum schubsen zu lassen, boxte er sich noch einmal durch den halben Weihnachtsmarkt, um dann in der Kneipe anzulangen, in der er Niklas und einen Kumpel am Fenster sitzen sah. Die Musik war unangenehm laut in diesem Laden, aber es war warm und trocken. Niklas blickte ihm mit diesem kleinen gemeinen Lächeln entgegen und sagte zur Begrüßung "Ist er dir wieder weggelaufen, Schnarchtucke?"

"Arsch! Ich konnte dich nicht gut verstehen, wo sind die anderen hin?"

Niklas stellte ihm erst einmal seinen Freund Alexander vor, der starrte Bjarne an und schien sich köstlich auf seine Kosten zu amüsieren. Es war nicht fair. Dieser Alexander war blond auf niedliche Art und sah verdammt gut aus, wie Bjarne mit einem scheelen Seitenblick bemerkte. Niklas erinnerte ihn derweil an die Kinogeschichte. "Die anderen wollten doch in diesen neuen Kinofilm. Das war mir zu teuer am Wochenende, und den Film haben Florian und ich neulich schon mal gesehen."

"Ist er mit?"

"Ja. Willst du hinterher hechten? Der Film fängt gerade an, könnte sich lohnen." Mit schmalen Augen betrachtete Niklas Bjarnes Gesicht.

"Nein." Müde ließ Bjarne sich auf den freien Stuhl fallen. "Das mit dem Kino hatte ich ganz vergessen. Ich hatte mit Saskia ja ausgemacht, dass ich shoppen gehe. Dazu hab ich gar keinen Bock mehr bei dem Sauwetter. Mist."

Alexander richtete sich etwas mehr auf. "Hey! Wir haben dich nicht eingeladen!"

Bjarne hob ein wenig verwundert den Kopf, dann die Hände. "Ist ja gut. Ich bin ja schon weg, ich..." Eine kräftige Hand hielt ihn vom Aufstehen ab. Niklas beugte sich dichter. "Warte." Er lehnte sich zu Alexander rüber und sprach eine kurze Weile direkt an sein Ohr. Augenscheinlich nicht begeistert starrte dieser dann Bjarne an, als hätte er ihm etwas getan.

Doch Niklas stand schon vom Tisch auf, zog sich die Jacke über und winkte Bjarne. "Komm."

Verwirrt nickte Bjarne diesem Alexandertypen einmal kurz zu, der zog die Schultern an und starrte ihm zum Abschied böse nach. Hastig folgte Bjarne Niklas, der mit ausgreifenden Schritten aus der Kneipe raus und durch zwei kleine Nebenstraßen in Richtung Kino ging. Bjarne musste machen, dass er hinterher kam. Endlich grabschte er seinen Arm kurz. "Hey! Wenn du mir schon nicht sagst, wohin es jetzt geht, dann renn wenigstens nicht so!"

"Wir sind schon da." Niklas betrat ein Café, das dermaßen plüschig und trutschig war, dass es Bjarne den Magen fast umdrehte. Drinnen hockten tonnenweise Omas und tauschten sich über Wetter, Geschenke für die Enkel, ihre zahlreichen Erkrankungen und die Preise für Sockenwolle aus. Verwirrt blinzelte Bjarne den kräftigen und nicht ungefährlich aussehenden Niklas an, der mit selbstbewusstem Schritt durch die Omas pflügte. Hinten durch kam man von dem Café über einen kleinen Hof in ein Nebengebäude und von dort in einen Laden für Klamotten und Schmuck, alles sehr farbenfroh und ausgefallen. Niklas ließ die Klamotten links liegen und stieg über eine schmale Holztreppe in das Obergeschoss.

Im ersten Stock waren ebenfalls Tische eines Cafés. Hier jedoch mit gänzlich anderem Publikum. Studenten und Schüler hockten unkompliziert auf dem Sammelsurium nicht zueinander passender Stühle, Sessel und Sofas beieinander. Die niedrigen Decken und Balken des alten Hauses waren hier kaum verputzt, es ging öko zu, ein Kontrastprogramm zu den Omas im Erdgeschoss nebenan.

Niklas begrüßte ein Mädchen, das an der Theke an einer riesenhaften Kaffeemaschine hantierte, mit einem Kuss auf die Wange. Sein Ziel war nach kurzem Rundumblick ein kleiner Ecktisch mit einem Sofa direkt am Fenster. Niklas wies auf das Sofa und ging erneut zur Theke rüber, um mit dem Mädchen am Tresen zu reden.

Unsicher blieb Bjarne stehen und sah sich um. Die gemütliche Atmosphäre, Zeitungsrascheln, leise Unterhaltungen und der Duft nach Kaffee, Tee und Gewürzen forderten seinen Körper eindeutig auf, diesen Ort nicht so bald wieder zu verlassen. Niklas' dunkle Stimme schreckte ihn auf, als er sich gerade zu dem Fensterchen beugte, um in den Schneeregen rauszublinzeln. "Was willst du?"

"Was?" Bjarne fuhr herum und sah Niklas unsicher an. "Wie?"

Geduldig seine Jacke ausziehend erklärte der ihm "Wir sind in einem Café. In der Regel sucht man sich etwas aus. Ich lade dich ein, okay?"

Bjarne zog seine Jacke aus und hängte sie an einen Haken an der Wand. "Nein. Ich bezahle, das ist in Ordnung."

Niklas ließ sich auf dem Sofa nieder und klopfte auf den Platz neben sich. "Von hier aus kann man den Eingang des Kinos sehen. Außerdem weiß Flo, dass ich hier sein werde."

Das Mädchen kam und zündete die Kerze auf ihrem Tisch an. Sie hatte recht wilde Rastalocken, die sie mit einem orangefarbenen Tuch um den Kopf bändigte. Sie trug einen feinen Nasenring und hatte die Sorte Gesicht, zu dem das süß aussah. Ihre Klamotten waren farbenfroh und ungewöhnlich, eine violette Stoffhose und ein Wickelhemd, das ihre schlanke Taille zeigte. Sie lehnte sich kurz an Niklas vorbei zum Fenster und nutzte die Chance, ihm damit auf die Pelle zu rücken. "Mistwetter, oder? Was willste haben, Nicki?" Die beiden sahen sich in die Augen.

Bjarne zerrte ungemütlich wegblickend am Reißverschluss seiner Fleecejacke, während Niklas das Mädchen nachlässig von sich schob und etwas bestellte. Er wirkte mit seiner ausladenden Cargohose und dem dick gefütterten Pullover total deplatziert auf dem zierlichen weinroten Sofa. Ihn so niedlich Nicki zu nennen, wie sie das eben gemacht hatte, kam Bjarne sehr abwegig vor. Verwirrt lauschte er der Unterhaltung, die sich um Kuchen und Teesorten drehte. Dann richtete das Mädchen den Blick ihrer dunklen Augen auf sein Gesicht. "Und für deinen Freund das gleiche?"

"Eh?" Bjarne blinzelte sie an.

Niklas stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. "Schnarchst du schon wieder rum?"

Das Mädchen lachte leise. "Er träumt. Ich finde das schön." Sie blickte ihn unangenehm intensiv an und war im nächsten Moment schon direkt bei ihm. Offensichtlich war es ihre Art, jedem direkt auf die Pelle zu rücken. "Du bist total süß. Das Piercing ist geil", lobte sie Bjarne, dem die Sache nicht geheuer war.

"Maja!" Der Unterton des Nikigraus war latent aggressiv. "Er ist schwul, lass ihn in Ruhe!"

"Ach, wie schade!"

Unsicher und sicherlich etwas rot im Gesicht blickte Bjarne zwischen den beiden hin und her und betrachtete dann den Holzstuhl, der dem Sofa gegenüber noch am Tisch stand. Es war schon mies von Niklas, sich auf das Plüschsofa zu kuscheln und ihm dann diesen total unbequemen Stuhl über zu lassen.

Niklas fasste im nächsten Augenblick seinen Arm und zog einmal kräftig daran, so dass er neben ihn auf das Sofa plumpste. "Er nimmt das gleiche" bestimmte er dann.

Sie lachte. "Du immer mit deiner 'so und nich anders'-Nummer, Nicki." Aber sie fragte Bjarne nicht noch einmal nach den Wünschen, sondern folgte einem Winken von einem anderen Tisch.

Seufzend ruckelte Bjarne sich zurecht und sah sich um. "Okay... Danke."

"Wofür?" Niklas lehnte sich gemütlich zurecht und blickte in den Schneeregen hinaus. "Ich muss warten, du musst warten."

"Dafür, dass du mich nicht für deinen Freund hast sitzen lassen."

Aus schmalen Augen sah Niklas ihn an. "Er sieht gut aus. Hab deinen Blick bemerkt."

"Ja. Aber er ist sicherlich nicht mein Fan."

"Nein. Ist er sicherlich nicht." Niklas breitete sich aus und zwang Bjarne dazu, etwas zu rücken, damit sie sich nicht auf der Pelle hockten. "Ebenso wenig wie Florian."

"Die Auster sagt nichts. Wenn er nicht interessiert ist, warum sagt er es dann nicht?"

Das war augenscheinlich eine Frage, die Niklas nicht beantworten konnte. Er starrte schweigend in das Kerzenlicht, bis Maja mit guter Laune und zwei Bechern Tee mit Milch zu ihnen trat. Eigentlich mochte Bjarne so etwas nicht sonderlich, aber an diesem Nachmittag passte es. Eigentlich war es sehr schön in diesem Café. Mit Mistwetter draußen vor dem Fenster und auf so einem Kuschelsofa mit dem kräftigen Jungen neben sich, dessen Körperwärme er allmählich nicht mehr ignorieren konnte. Maja brachte ihnen wenig später noch Nusskuchen und ließ sich kurz bei ihnen auf der Sofalehne nieder.

Lachend zeigte sie Niklas eine lange Schramme an ihrem Schienenbein. Daneben wand sich eine tätowierte Orchidee über ihr Fußgelenk hinunter. Sie lehnte sich an Niklas an und berichtete über irgendwelche Straßen, die sie gefahren seien und Tricks, die sie endlich beherrschen würde. Schon wieder fühlte Bjarne sich überflüssig. Zum Glück musste sie bald weiterarbeiten.

"Worüber habt ihr geredet?" Missmutig versenkte er noch ein Stück Zucker in seinen Tee.

"Longboardfahren. Maja kann das total gut."

Bjarne wusste nicht, was das war und musste sich von Niklas aufklären lassen. Der zeigte ihm auf seinem Handy Fotos von sich und Freunden auf Skateboards. Die Fotos waren aus dem Sommer. Die Gruppe war fit und witzig angezogen, Maja hatte eine klasse Figur, das Tattoo, das auf dem Unterschenkel begann, zog sich sogar noch bis auf den Fuß. Niklas musste wahnsinnig fit sein. Auf einem Bild machte er auf seinem Skateboard einen Handstand. Mit ungutem Gefühl im Magen drückte Bjarne weiter zum nächsten Bild.

Das zeigte Florian in einem Ruderboot mit nacktem Oberkörper. Verdammt, die Auster ausgepackt war all den Stress wirklich wert. War der geil anzusehen. Bjarne bemerkte den düsteren Blick vom Nikigraus und drückte sich hastig zum nächsten Bild weiter. Gruppenbilder von Jungs auf Fahrrädern. Sie führten damit sehr wilde Tricks vor.

Scheiße! Mussten die alle so coole Hobbys haben? Was konnte er schon dagegen berichten? Sein Hobby war Gitarre spielen, das konnte er leidlich. Er ging hin und wieder joggen, er hatte eine taube Nuss als Katze und einen total schnarchigen Job. Als letztes Bild tauchte eine Aufnahme am Strand auf. Niklas und Maja Arm in Arm von einem Feuer in schönes Licht getaucht.

Niklas wollte das gerade wegdrücken, als Maja zu ihnen trat, um die leeren Becher weg zu nehmen. Sie sah das Bild und nahm Bjarne das Handy weg. "Nicki! Das hast du noch?" Mit einem sonnigen Lächeln küsste sie ihn auf die Wange. "Du bist süß. Wollt ihr noch was?"

Er nahm ihr das Handy weg und verscheuchte sie mit einem Spruch. Nach einem Moment der Stille meinte er leise "Maja ist meine Exfreundin. Wollte sich nicht festlegen, daher..." Er ließ den Satz in der Luft hängen.

Bjarnes Herz machte einen kleinen Satz, weil Niklas sich im nächsten Augenblick dichter zu ihm beugte und ihm direkt in die Augen blickte. "Ich wollte aber auch nicht mehr mit ihr zusammen sein, weil..."

"Niklas! Bjarne! Hier seid ihr!" Saskia und Florian kamen zu ihnen an den Tisch.

Florian sah seinen Bruder an und fragte "Warum bist du mit ihm hier her?"

"Warum nicht? Wir mussten ja beide auf euch warten."

Bjarne erhob sich hastig und entschuldigte sich ins Bad. Das war eng und schäbig eingerichtet, aber im Spiegel konnte er sein Gesicht betrachten. Warum hatte der Nikigraus ihm die Bilder gezeigt? Um ihm zu zeigen, dass er eine Schnarchtucke war, nicht passend zu den coolen Leuten? Nicht gut genug für die schöne Auster? Er fühlte sich mit einem Mal nicht mehr gut bei dem Gedanken an ein Zusammensein mit der Auster und dem Nikigraus. Als Saskia sagte, dass sie nun echt müde sei und nach Hause wolle, stimmte er ihr schweigend zu.

Rasch bezahlte er für Niklas mit, um ihm auf die Art für die Zeit im Café zu danken. Auf der Rückfahrt saß er mit Florian hinten, sie schwiegen sich an, während Niklas' dunkle Stimme vorn sich mit der aufgeregten hellen Stimme von Saskia abwechselte. Es ging um den Film, um die Szenen, die ihnen am besten gefallen hatten.

In der Nacht sah Bjarne die Fotos von Niklas' Handy wieder vor sich. Die witzigen Jungs und Mädchen, Skateboards und Strand. Coole Leute.

Am dritten Advent musste Bjarne zum Kaffeetrinken zu seiner älteren Schwester. Deren Mann konnte ihn nicht ab, was die Sache immer stressig machte. Zum Glück fanden die drei Kinder seiner Schwester ihn total toll und umkreischten ihn und freuten sich über die kleinen Kreisel und das Jojo, die er ihnen mitgebracht hatte.

Seine Schwester stellte Bjarne in der Küche, als er gerade dabei war, sich Kuchen einzupacken. "Was ist denn los mit dir? Du warst total still."

Seufzend blickte Bjarne in den Schneeregen hinaus. Er zauderte kurz, dann sagte er schlicht die Wahrheit. "Liebeskummer."

Augenblicklich verschloss sich das Gesicht seiner Schwester und sie blickte sich hastig um, ob ihr Mann oder die Kinder sie hören konnten. Sie zögerte kurz, dann seufzte sie leise und murmelte unbestimmt "Geht vorbei, Bjarne." Statt weiterer Worte packte sie ihm noch ein Stück Schokoladenkuchen ein. Essen half nach ihrer Ansicht bei allem und gegen alles.

Als ihm auf dem Rückweg der eisige Wind auf dem Fahrrad das Gesicht gefror, fragte Bjarne sich noch immer, wie er von Liebeskummer hatte sprechen können. Es fühlte sich so an. In seinem Bauch, in seinem Brustkorb. Es zog schmerzlich und irgendwie fühlte er sich krank. Aber weswegen? Oder viel mehr gesagt; wegen wem denn? Wenn er sich fragte, ob er nun wegen der Auster so müde und deprimiert war, dann war die Antwort eher ein 'Nein', denn die Gedanken an seine Auster machten ihn eher stolz, dass er so dran geblieben war und sich so gut in Florians Freundeskreis eingefügt hatte.

Es war vermutlich schlicht die Einsamkeit. Er hatte das Bild von Niklas und Maja am Feuer vor Augen. Aneinander gelehnt, Arm in Arm, zusammen. Als er auf seinem Sofa saß und dem Bericht von Theo sein Wochenende betreffend lauschte, wurde Bjarne klar, was für einen Liebeskummer er hatte. Es war Einsamkeitskummer in der Weihnachtszeit. 'Weihnachtsmann, das war echt eine miese Nummer! Ich bin so einsam, dass ich einer Auster hinterher laufe.'

Theo war nicht viel besser dran. Er war mit seinem Videoverleih-Mann Frank gestrandet, nachdem er im Froschprinz niemanden hatte aufreißen können.

So hockten sie total mies gelaunt im Amt rum und ließen sich nicht einmal von der Neuigkeit, dass der Meier bei der Grundschullehrerin hatte landen können noch aufmuntern. Sogar der Tschunik von der Kasse fiel auf, dass es im Zimmer vier 'Kindergartenanmeldung und Hundesteuer' ungewohnt deprimiert zuging.

Das einzige, was Bjarne so halbwegs schaffte, war den Tannenzweig abzusägen, der seine Vermieterin störte. Er verwendete den auch gleich dafür, seinen Balkonkasten endlich vernünftig abzudecken und drapierte eine Lichterkette hinein. Es sah bei ihm jetzt immerhin äußerlich romantisch aus, trotz des Matschwetters.

7 Eis und Schnee tun manchmal weh

Als nächstes passierte jedoch endlich einmal etwas Schönes. Aus Bjarnes Sicht zumindest. Es gab ein mittleres Schneechaos und die Temperaturen stürzten mächtig in den Keller, was den Teich im Park hinter dem Amt endlich richtig zufrieren ließ.

Gutmütig gab der Bürgermeister das Eis nach ein paar Tagen frei, ein netter Typ von der Feuerwehr rückte an und räumte mit einer elektrischen Fräse den Schnee vom Eis. Am Freitag vor dem Weihnachtsfest düsten kreischende Kinder über den See und Teenager drehten ihre Kurven. Sie hatten im Amt endlich wieder was zu gucken und Bjarne hatte für den Nachmittag fest vor, sich ebenfalls auf das Eis zu wagen. Er deponierte seine Schlittschuhe auf der Ablage für Merkblätter zur Kindergartenanmeldung und ließ sich von Theo auf keinen Fall die Stimmung verderben. Das war auch gar nicht möglich.

Die Auster hatte sich zudem gemeldet und Bjarne gebeten, doch auch zum See zu kommen. Es war mehr eine Art Befehl gewesen. Die Auster am Telefon klang so. "Florian hier. Wir fahren morgen Schlittschuh. Bis dann." Sehr unromantisch und megaknapp. Aber immerhin, das verwirrte Bjarne komplett, er hatte angerufen, im Amt, hatte sich durchstellen lassen und hatte diese Meldung weitergegeben.

Natürlich kam Bjarne zum See wie von der Auster bestellt. Und natürlich war es Verarschung. So langsam glaubte Bjarne, dass Florian mit der Versteckten Kamera zusammen arbeitete oder mit irgendwem eine Wette laufen hatte. Vermutlich mit seinem Bruder, der war nämlich mit seinen Schulfreunden auf dem See. Es wurde unglaublich wild Eishockey gespielt.

Kleine Kinder rutschten auf der anderen Seite herum, dazwischen drehten Mädchen sich an den Händen haltend ihre Runden. Saskia freute sich, Bjarne zu sehen und kam gleich zu ihm hingefahren. Sie sah süß aus und quirlig. Ihr standen die Stulpen zu den Schlittschuhen ebenso gut wie die geröteten Wangen und blitzenden Augen. Neben Saskia schien die halbe höhere Schule sich auf dem Eis versammelt zu haben. Wer nicht da war, war Florian.

Etwas gereizt zog Bjarne seine Schuhe aus und die Schlittschuhe über, während er sich mit Saskia zum Thema Schokolade und Romantik unterhielt. Sie hatte noch immer nicht herausgefunden, wer ihr so lieb Schokolade schenkte, aber es war eine zweite aufgetaucht. Gemeinsam mit Saskia stürzte Bjarne sich auf das Eis.

Die erste Runde war noch sehr ungewohnt, die zweite wurde besser und bei der dritten schaffte Bjarne es wieder, auch ein Stückchen rückwärts zu fahren. Ausgezeichnet. Aufmerksam spähte er nach seiner Auster. Der Nikigraus starrte gelegentlich zu ihm hinüber. Der konnte verdammt gut Schlittschuh laufen. Rückwärtsfahren war so ziemlich die leichteste Übung für ihn. Neidisch gaffte Bjarne eine Weile, während Saskia ihn fragte, ob er am Heiligen Abend zur Kirche kommen würde.

"Der neue Pastor ist total jung und süß!" schwärmte sie. "Und in diesem Jahr wird ganz viel gesungen und nicht so viel lahmarschig gepredigt."

Theo hatte auch so etwas gesagt. Der neue Pastor war anscheinend die megamäßig süße Schnitte. "Ich muss in jedem Jahr mit den Eltern hin. Dieses Jahr wollen sie mich hinterher abführen unter den Baum und vollstopfen." Saskia wurde in dem Moment von ein paar Freundinnen abgelenkt und Bjarne kurvte noch ein wenig allein rum und starrte zu Niklas rüber, der mit seinen Hockeyfreunden über Schneehügel springen übte. Normal auf den Eis fahren, schien nichts für den zu sein.

Florian tauchte verspätet auf dem Rückweg von irgendeinem Training auf. Er hatte eine große Sporttasche dabei aber keine Schlittschuhe. Er kam zu der Gruppe um Saskia hin, aber beachtete Bjarne nach einem knappen Gruß nicht weiter, sondern verfiel mit einigen anderen in eine Unterhaltung über die Silvesterparty.

Bjarne bekam langsam kalte Füße und wollte sich schließlich zu Florian bewegen, um sich einfach pissig und vielleicht auch etwas beleidigt zu verabschieden, als etwas anderes dazwischen funkte. Er hatte zu sehr auf Florian geachtet und war den Hockeyspielern zu dicht gekommen. Ein Typ pflaumte Bjarne sofort an, dass er aufpassen solle. Ein anderer erkannte ihn wieder und pöbelte gleich schwulenfeindlich rum. Die übrigen Jungs kamen dazu, es gab das übliche superblöde Gefeixe und Gekicher.

Bjarne war nicht nach Streit und schon gar nicht nach Klopperei, weswegen er seine Hände hob und sagte "Hey. Ich bin ja schon aus dem Weg." Doch dem anderen war offensichtlich nach Schlägerei. Es gab noch ein paar bescheuerte Sprüche, dann wurde Bjarne recht gemein gegen einen Schneehaufen auf dem Eis geschubst, so dass er auf den Hintern plumpste. Dann wurde es so richtig interessant.

Der aggressive blonde Hockeytyp kam in seiner Rede ungefähr soweit wie "Pass doch auf du dämliche Tucke! Schwuchtel mal da drüben hin zu den Mädchen, klar?!" Im nächsten Moment hatte er den Nikigraus im Gesicht und lag einige Sekunden später auch schon mit blutiger Lippe im Schnee. Er ließ es sich nicht nehmen, Niklas mit sich zu reißen, sie keilten sich eine gute Runde auf dem Eis lang. Dann war Niklas obenauf und presste ihn auf den Boden runter. Er hatte eine Hand am Hals des anderen, der sich keuchend ergab.

Bjarne blinzelte, noch immer auf dem Hintern hockend. "Ach du Scheiße!"

Er starrte den Nikigraus erstaunt an. Der lehnte sich über den Typen und zischte ihm sehr wütend etwas zu. Dabei hatte er ihn am Kragen gepackt und Bjarne bekam ein wenig Angst. Wenn Niklas so böse starrte und das Gesicht verzog, mit dieser gefährlichen Narbe auf der Wange, dann musste man es ja mit der Angst zu tun bekommen. Dem anderen Typen ging es so. Der nahm den Auftrag, sich schleunigst zu verpissen, sofort an und zog Leine.

Niklas' Kumpel versuchten währenddessen, ihn zu beruhigen. Einige folgten dem Typen mit der blutenden Lippe, um ihm vielleicht etwas Mitleid zukommen zu lassen oder ihn auszulachen. Im nächsten Augenblick starrte der Nikigraus Bjarne an, suchte mit Blicken einmal über seinen Körper, wie es schien. Bjarne spürte, wie er rot wurde. Niklas wirkte tatsächlich ein wenig besorgt. Ganz offensichtlich war er kein Freund schwulenfeindlicher Sprüche.

Bjarne lächelte. "Danke."

Niklas zog sich den Handschuh von der Hand und ballte die Finger zur Faust, dann löste er sie rasch wieder. "Aua", murmelte er etwas verwirrt. Er öffnete und schloss die Finger noch einmal und schüttelte die Hand dann aus. "Scheiße!"

Bjarne hatte sich hochgerappelt und rutschte auf den Schlittschuhen dichter. Forschend blickte er auf die Finger. Man konnte nichts sehen. "Haste dich verknackst?"

"Hm. Vielleicht schon wieder gebrochen."

"Schon wieder?! Bist du immer so paddelig oder was?"

Nikigraus sah Bjarne missmutig an, im nächsten Moment war Florian bei ihnen. "Was war los?"

Niklas nickte zu dem gerade von seinen Schlittschuhen befreiten Typen. "Paul hat Sprüche gemacht. Gegen Schwule."

"Ah. Hand mal wieder gebrochen?"

"Mal wieder?!" Bjarne sah zwischen den Brüdern hin und her. "Ist das ein Hobby von dir, oder was?"

Florian kramte in seiner Jacke und reichte Bjarne einen Autoschlüssel. "Hier. Bjarne fährt dich zur Klinik."

Bjarne hatte den Schlüssel aus Reflex angenommen, aber hielt ihn resolut wieder aus. "Entschuldige mal bitte, das ist 'dein' Bruder!"

"Er hat 'dich' verteidigt." Es klang anklagend, als sagte Florian 'Du bist schuld.' "Notaufnahme. Los." Florian drehte sich fort und düste davon, zu den Mädchen zurück, die sich vorsichtig spähend am Steg auf der anderen Seite aufhielten.

Bjarne blickte ihm hinterher, dann zu Niklas, der mit einigen seiner Freunde redete. Resigniert hob er die Schultern. "Auf geht’s Nikigraus. Die Auster hat gesprochen."

Niklas hielt sich schweigend und mürrisch starrend die Hand und Bjarne stieg erschaudernd in seine eiskalten Schuhe. Er musste Niklas dann sogar helfen, die Schlittschuhe auszuziehen. Seufzend blickte er noch einmal seiner süßen Auster nach, der Saskia und den anderen Mädchen offenbar erzählte, was passiert war, dann half er dem Nikigraus in die Stiefel und sah sich nach dem verdreckten Kombi um.

Nach einer schweigsamen Autofahrt von über zwanzig Minuten auf glatten Straßen bog Bjarne beim Kreiskrankenhaus auf den Parkplatz. Müde rieb er sich die Augen. Es war mittlerweile dunkel geworden und schneite wieder sachte. Die weihnachtliche Beleuchtung des Krankenhauses war inmitten des Schnees richtig romantisch anzusehen.

Leider war es innen nicht sonderlich romantisch, da half auch Weihnachtsbeleuchtung nicht mehr. Es war hektisch. Die Notaufnahme saß gerammelt voll mit Omas und Opas, die gestürzt waren, weil sie nach achtzig Jahren noch nicht gerafft hatten, dass Eis glatt war. Genervt stellten Bjarne und der Nikigraus sich hinten an und hockten sich zu Langeweile, alten Zeitschriften und Hektik in das Wartezimmer.

Niklas hielt seine verletzte Hand und seinen Mund. Außer einsilbigen Antworten war nicht viel aus ihm heraus zu bekommen. Nicht einmal auf Fragen zu dem Kratzer von Nuss antwortete er mehr als ein knappes 'Geht schon wieder'.

Nach über drei Stunden waren sie endlich bei einem Arzt. Der schickte sie nach einigen offensichtlich für Niklas schmerzhaften Untersuchungen zum Röntgen der Hand. Dort mussten sie noch mal eine gute Stunde rumhocken. Eine müde Assistentin machte drei Aufnahmen. Sie breitete einen Papierausdruck auf dem Tisch aus und tippte auf einen Knochen. "Niklas, du hast Pech. Das seh auch ich schon. Das Kahnbein ist angebrochen. Das sind zwölf Wochen Gips, mein Lieber."

Niklas hob seine rechte Hand, die das betraf und starrte drauf. "Scheiße!"

"Bist nicht per Zufall Linkshänder, was?" Mitleidslos lächelte sie und händigte Niklas die Bilder aus. "Such dir schon mal eine nette Farbe aus. Lila, blau oder rot haben wir wohl noch genug."

Es dauerte noch einmal fast zwei Stunden, dann hatte Niklas den Gips in weihnachtlichem Rot, einen Termin zum Wiedervorstellen und ein Rezept für Schmerztabletten. Bjarne hatte Hunger, sein Hintern tat ihm vom langen Sitzen weh und er hatte Angst vor der Rache seiner Katze, die noch nicht gefüttert war. Er startete den Wagen, damit die Scheiben schneller frei wurden und blinzelte auf die Uhr im Auto. Es war fast elf. "Willste nicht mal Zuhause anrufen?"

"Tut nicht Not. Unsere Eltern sind auf Kreuzfahrt. Das haben die zum Hochzeitstag bekommen, um aus dem Dreck mit dem neuen Haus mal rauszukommen." Prüfend bewegte Niklas die beim Gips heraussehenden Fingerspitzen.

"Oh." Bjarne blickte auf seine Armbanduhr. "Und Florian?"

"Der kennt das schon. Ich hab dauernd was."

Bjarne nahm sich den Eiskratzer. "So? Warum denn das?"

"Vom Skateboarden und Trickradfahren. Das ist nicht immer ungefährlich." Niklas' Gesicht verzog sich ein wenig.

Bjarne erinnerte sich an das Foto von dem Handstand. Wer solchen Mist auf den Dingern machte, fiel bestimmt auf die Klappe. "Daher hast du die Narbe, was?" Er hob eine Hand, aber Niklas zuckte zurück, bevor er ihn hätte berühren können. "Tut mir leid, wenn du nicht darüber reden willst, dann..."

"Ja. Daher. Die Naht hatte sich entzündet, deswegen sehe ich so beschissen aus." Niklas verschränkte die Arme und blickte weg.

"Tust du gar nicht! Nicht beschissen... nur... irgendwie gefährlich." Bjarne blickte den Nikigraus nachdenklich an. Nein, der sah wirklich nicht übel aus. Nicht so hammergeil wie die Auster, auf diese glatte, total schöne Art, aber seine Augen waren noch eine Idee exotischer, der überraschte Blick daraus machte Bjarne im nächsten Moment irgendwie Herzschlagen. Und er selber spürte, wie er mit den Augen über das Gesicht tastete. Irgendwie hatte er Niklas stets nur als Hindernis und sonst gar nicht so richtig betrachtet. "Ganz und gar nicht beschissen", flüsterte er mehr zu sich selbst. Niklas wurde passend zu seinem Gips auch an den Ohren rot.

Hastig stieg Bjarne aus und kratzte die Scheibe frei, auf der ekelig verharschter Schnee festgefroren war. Als er einsteigen wollte, musste er sich erst einmal selber vom Schnee befreien. Seufzend sank er in den Sitz. "Wenn es schneit, schneit es aber wirklich." Er hielt sich den Bauch. "Manno, ich hab schon wieder Hunger. Die Kekse von vorhin reichen echt nicht mehr! Wollen wir noch an der Tanke rechts ran oder so?"

Niklas kramte in seiner Jackentasche. "Hier. Besser als nix."

Es war Bioschokolade in Form eines Tannenbaums. Bjarne knabberte eine Ecke ab. Schmeckte okay, aber sicherlich war die nicht das Geld wert. Im nächsten Moment blinzelte er das Teil an. "Ah." Er sah zu Niklas rüber. "Aha." So war das also. Bioschokolade, genau wie Saskia sie geschenkt bekommen hatte. Niklas war hinter Saskia her. Er war im selben Verein wie die und wollte an sie ran. Vermutlich war er wegen der Narbe zu schüchtern, sie einfach anzusprechen. Immerhin sah Saskia echt gut aus. Das konnte sogar Bjarne sagen.

Er fuhr an und lenkte das Auto vorsichtig aus der Parklücke. Sie mussten eine Ambulanz vorlassen, ein Taxi mogelte sich auch noch dazwischen und Bjarne hielt lieber Abstand. Möglichst nebensächlich meinte er "Saskia ist nett, findest du nicht?"

"Ja. Die ist total cool." Etwas unruhig blickte Niklas aus dem Fenster.

Die Antwort nervte Bjarne mit einem Mal. Es war also tatsächlich wie er gedacht hatte. Saskia und Niklas. Er fuhr vom Gelände runter und musste an der Straße bremsen, der Wagen rutschte ein wenig. "Scheiße ist das glatt und doof. Ich fahr besser langsam, nicht dass wir noch mal wieder in die Notaufnahme müssen. Einmal reicht mir für dieses Jahr echt hin!"

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