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Höhen und Herzen
Zwischen Kletterwand, Kamera und der Suche nach sich selbst
Teil 19 - Zwischen Alarm und Anker
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Informationen
- Story: Höhen und Herzen
- Autor: TrioXander
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Coming Out, Abenteuer, Diverses
Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Krisenmodus
- Morgenchaos
- Aufbruch ins Ungewisse
- Ein Zimmer. Zwei Herzen. Und ein bisschen Zuhause.
Vorwort
Wenn Systeme durchdrehen
Krisenmodus
Als ich die Wohnungstür aufschließe, umfängt mich die vertraute Stille unseres kleinen Zuhauses. Normalerweise beruhigt mich das. Heute aber nicht. Heute fühlt sich alles anders an. Vielleicht, weil die Straßen draußen noch in meinem Kopf nachhallen, vielleicht, weil ich innerlich noch immer bei Leo bin. Meine Lippen kribbeln noch vom Abschiedskuss, mein Herz schlägt immer noch ein bisschen zu schnell.
Ich streife meine Schuhe ab, die leichten Sneakers fühlen sich immer noch seltsam auf dem weichen Teppich an. Meine Tasche lasse ich am Türrahmen stehen. „Bobby?“, rufe ich in die Wohnung, aber keine Antwort.
Ich gehe den Flur entlang und bleibe an der Küchentür stehen. Bobby sitzt da. Vornübergebeugt, das Gesicht nur von der flackernden Bildschirmbeleuchtung erhellt. Sein Laptop hat eine ungewohnt chaotische Oberfläche. Fenster, die wild aufblitzen, Zahlenreihen, die sich unaufhörlich ändern. Bobby tippt so schnell, dass seine Finger fast verschwimmen. Er sieht... gehetzt aus.
„Hey“, sage ich vorsichtig, und er reagiert nicht. „Bobby?“ Ich gehe einen Schritt näher, und er hebt kurz den Kopf. Seine Augen sind rot umrandet, die Wangen blass, und ich sehe sofort, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.
„Nicht jetzt, Justin“, murmelt er und wendet sich wieder dem Bildschirm zu.
Ich gehe noch einen Schritt näher. „Was ist denn los?“
„Ich hab keine Zeit... Ich muss...“, murmelt er fast tonlos, seine Finger gleiten über die Tastatur, tippen Codes ein, kopieren etwas, wechseln Fenster. Ich sehe, dass er mehrere Tabs mit Sicherheitsprotokollen geöffnet hat. Einige davon kenne ich, weil er mir mal erklärt hat, was er beruflich macht.
„Bobby...“, fange ich an, doch er hebt die Hand, als würde er mich wegwischen. Jetzt werde ich langsam unruhig. Normalerweise ist Bobby ein Fels, ruhig, strukturiert, immer den Überblick behaltend. So habe ich ihn noch nie gesehen. „Was machst du da? Ist das dein Job? Oder..., ist das was anderes?“
„Shit, shit, shit...“, murmelt er, und ich sehe, wie sein Knie hektisch auf und ab wippt.
„Bobby!“, sage ich jetzt lauter, und diesmal reißt er den Kopf hoch. Sein Blick trifft meinen, und da ist etwas drin, das mir die Kehle zuschnürt. Angst? Panik? Bobby wirkt wie in einem Tunnel gefangen, seine Augen flackern, als müsse er sich erst bewusst machen, dass ich vor ihm stehe.
„Kannst du nicht... einfach...“, beginnt er und bricht ab. „Es ist... kompliziert.“
„Bobby, du machst mir Angst. Was ist los?“, frage ich eindringlicher, und ich merke, wie sich mein Magen zusammenzieht.
Er schüttelt den Kopf, die Hände zittern leicht. „Cyber... Gefahr... ich muss das fixen..., bevor es...“
„Cyber? Gefahr? Fixen? Bobby, was redest du da?“, frage ich verwirrt und trete näher.
Plötzlich fährt er auf, schiebt den Stuhl zurück und läuft unruhig im Raum umher, reibt sich über die Stirn. „Ich..., ich muss..., verdammt! Warum..., warum ausgerechnet jetzt?“
„Hey!“, rufe ich jetzt lauter und stelle mich ihm in den Weg. „Bobby! Du redest wirres Zeug! Was ist los? Hat das was mit deinem Job zu tun? Oder mit uns? Mit mir? Sag mir einfach, was los ist!“
Er bleibt abrupt stehen und starrt mich an, als hätte ich ihn aus einem Albtraum gerissen. Sein Blick wird klarer, zumindest ein bisschen. „Was? Nein... also... vielleicht. Es... könnte...“
„Könnte was?“, dränge ich, und meine Stimme klingt jetzt fast verzweifelt. „Du musst mir erklären, was hier passiert! Du sitzt da wie ein Zombie, starrst auf den Bildschirm, faselst von Cyber-Gefahr und kapierst gar nicht, dass ich hier bin! Was soll das?“
Ich merke, wie meine Stimme überschlägt, und normalerweise würde ich mich zurückhalten, aber die Sorge schiebt sich wie eine bleierne Masse auf meine Brust. Bobby und ich..., wir streiten nicht. Nie. Aber jetzt? Jetzt bin ich kurz davor, ihn anzuschreien, weil ich nicht mehr weiter weiß.
Plötzlich sackt er auf den Stuhl zurück und presst die Hände gegen die Schläfen. „Shit...“, murmelt er, und seine Stimme klingt gebrochen. „Ich..., ich hab mich reingehackt..., in die Infrastruktur. Nur um zu checken, ob irgendwas, und dann...“
Ich höre kaum, was er sagt, weil er so leise murmelt. „Wovon redest du?“
Er sieht mich endlich richtig an, die Augen jetzt klarer, aber auch voller Erschöpfung. „Ich hab versucht, ein Sicherheitsleck zu finden..., bei der Arbeit. So wie sonst auch. Aber diesmal..., ich weiß nicht, ob ich was übersehen hab. Oder ob ich was ausgelöst hab, jedenfalls scheint da was Großes los zu sein. Irgendwas ist aktiviert worden, und ich hab keine Ahnung, ob es von mir kam oder ob ich’s nur entdeckt hab.“
Mein Mund fühlt sich plötzlich trocken an. „Heißt das, du hast was angestoßen? Etwas Gefährliches?“
Er reibt sich die Augen und stöhnt leise. „Ich weiß es nicht. Es könnte auch nur Zufall sein. Aber die Server..., die Aktivität..., irgendwas passt nicht. Und ich kann’s nicht zurückverfolgen. Ich hab die Spuren verfolgt, aber es führt ins Leere. Verdammt!“
Jetzt fängt mein Herz an zu rasen. „Ist das... illegal, was du da gemacht hast?“
Er sieht mich an, und sein Blick ist hart und ehrlich. „Nein. Nicht so direkt. Ich hab nur getestet, ob die neue Firewall sicher ist. Aber jetzt..., es könnte sein, dass jemand anders dasselbe versucht oder schon drin ist. Und wenn das so ist...“
„Was heißt das dann?“, frage ich leise.
Er schluckt, die Hände zittern noch immer. „Es könnte ein Angriff sein. Ich weiß es nicht. Und ich bin nicht sicher, ob ich ihn entdeckt oder verursacht habe.“ Plötzlich scheint er aus dem Tunnel aufzutauchen, blinzelt, und mir wird klar, dass er gerade erst realisiert, wie lange er schon so da sitzt. „Verdammt, ich hab heute noch nicht mal was getrunken oder gegessen und ich muss aufs Klo.“
Ich atme ein bisschen auf, als er kurz in die Realität zurückkommt. „Bobby, du warst in einem totalen Tunnel. Du bist seit Stunden dran, oder?“
Er nickt, sichtlich überfordert. „Ja..., hab die Zeit völlig vergessen.“
„Okay“, sage ich entschlossen und lege meine Hände auf seine Schultern. „Geh dich kurz frisch machen. Trink was. Dann erklärst du mir alles in Ruhe. Wir kriegen das hin, okay?“
Er sieht mich unsicher an, dann nickt er langsam. „Okay, ja. Danke, Justin.“
Ich lasse ihn los und sehe zu, wie er ins Bad geht. Mein Kopf ist ein einziges Durcheinander. Was, wenn Bobby recht hat und er tatsächlich was ausgelöst hat? Oder schlimmer: Was, wenn jemand anderes die Sicherheitslücke gefunden hat?
Ich setze mich auf den Stuhl, wo Bobby eben noch gesessen hat, starre auf den flimmernden Bildschirm und versuche zu verstehen, was da gerade passiert. Ein Teil von mir hat Angst. Nicht nur um Bobby, sondern um uns beide. Was, wenn das richtig ernst ist?
Ein paar Minuten später kommt Bobby zurück, sieht etwas klarer aus, aber immer noch angespannt. „Okay“, sagt er, sich die Hände an der Hose abwischend. „Ich glaube, ich kann’s jetzt erklären.“
Ich sehe ihn erwartungsvoll an. „Dann los. Sag mir, was wirklich los ist.“
Ich stelle das Glas Wasser vor Bobby ab und reiche ihm die Schüssel mit Obst. „Hier. Trink was. Und iss wenigstens einen Apfel. Du brauchst Energie.“
Er sieht mich zuerst an, als hätte ich ihm etwas Absurdes angeboten, dann schnappt er sich mechanisch einen Apfelschnitz und beißt ab. Sein Blick ist immer noch leer, die Gedanken rasen hinter seiner Stirn. Ich setze mich ihm gegenüber, halte das Glas fest, damit es nicht umfällt, denn seine Hände zittern immer noch leicht.
„Bobby“, sage ich ruhig, aber fest. „Du musst mir jetzt erklären, was hier los ist. Ich verstehe nichts. Und ich will verstehen, was passiert ist. Was hast du gemacht?“
Er nimmt einen tiefen Schluck Wasser und wischt sich über die Stirn, als wolle er den Druck aus seinem Kopf vertreiben. „Ich hab versucht, eine Schwachstelle zu finden. In einem Servernetzwerk. Quasi beruflich. Also, ich meine, das ist normal. Ich teste Sicherheitslücken. Das ist mein Job.“
„Okay“, sage ich langsam. „Aber warum bist du dann so durchgedreht? Du testest doch ständig irgendwas, und normalerweise kommst du abends grinsend nach Hause, weil du wieder irgendeine Lücke gefunden hast.“
Bobby nickt langsam und kaut gedankenverloren auf dem Apfelstück herum. „Ja, ja, das stimmt. Aber diesmal war es anders. Ich...“ Er hält inne, presst die Lippen zusammen. „Vor ein paar Tagen, da hab ich ja eine Nachricht bekommen. Von einer Firma.“
„KineticCore?“ frage ich und lehne mich vor.
„Ja. KineticCore.“
Mein Herz setzt einen Schlag aus. „KineticCore? Von VERTIX? Diese Forschungsgeschichte, oder?“
Bobby sieht mich überrascht an. „Woher weißt du das?“
Ich überlege kurz. „Ich hab doch schon was gesagt. Irgendwie in Verbindung mit Leo..., keine Ahnung. Was wollten die von dir? Hatte auch schon nachgefragt, aber nix herausbekommen.“
Bobby atmet tief durch. „Sie haben mich kontaktiert und gesagt, dass sie Unterstützung suchen. Sicherheitsexperten, die ihre Systeme testen können. Und ich weiß nicht, warum, aber ich hab zugesagt. Es klang spannend. Herausfordernd.“
„Okay..., und dann?“
„Dann haben sie mir einen Zugang geschickt. Irgendwas mit neuen Verschlüsselungsprotokollen. Und ich hab mich dran gesetzt. Hab die Systeme durchleuchtet, hier und da was ausprobiert, so wie immer. Aber dann...“ Er nimmt noch einen Schluck Wasser und seine Stimme wird leiser. „Dann ging plötzlich ein Alarm los. Ich dachte erst, es wäre nur ein lokales Signal. Eine Art Sicherheitsprüfung, die ich ausgelöst habe. Aber die Aktivität hat sich hochgeschaukelt. Überall. Als ob ich ein verdammtes Netzwerk angestochen hätte und es jetzt durchdreht.“
Ich runzle die Stirn. „Also hast du aus Versehen etwas ausgelöst?“
„Ja..., nein..., vielleicht?“ Er reibt sich die Augen. „Ich weiß es nicht. Es sah so aus, als ob plötzlich Zugriffe von außen auf die Systeme kommen. Aber als ich die IPs verfolgt habe, da verlief die Spur ins Nichts. Und dann schien es, als würden die Angriffe von meiner eigenen IP ausgehen. Aber das ergibt keinen Sinn! Ich hab alle Logs überprüft, mehrmals. Nichts passt zusammen!“
„Warte mal“, unterbreche ich ihn. „Du meinst, jemand benutzt deine Spuren, um einen Angriff zu tarnen?“
„Ja, genau das!“, sagt Bobby aufgeregt. „Aber wie? Und warum? Es war wie ein verdammtes Spiegelkabinett. Sobald ich einen Weg gefunden hatte, hat sich das Muster verändert. Die Protokolle haben sich überschrieben, die Datenpakete kamen in doppelten Schichten. Und plötzlich sah es aus, als wäre ich der Angreifer.“
Ich spüre, wie die Panik in mir aufsteigt. „Und, wenn das jemand mit Absicht macht? Dich als Sündenbock hinstellt?“
„Das wäre eine Möglichkeit“, murmelt Bobby. „Aber warum? Und wer hat die Ressourcen dazu? Das sind keine Anfänger. Es ist eine hochkomplexe Verschleierungstechnik. So eine Struktur hab ich noch nie gesehen.“
„Und was ist mit deiner Firma? Wissen die davon?“
„Noch nicht“, sagt er leise und senkt den Blick. „Ich hab Angst, dass ich Mist gebaut hab. Dass ich wirklich was ausgelöst habe. Wenn die denken, ich bin verantwortlich. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich es bin. Es fühlt sich an, als hätte ich eine Tür aufgemacht, die längst da war – und jetzt bin ich der Idiot, der mitten im Chaos steht.“
Ich lege eine Hand auf seinen Arm, und er sieht mich zum ersten Mal richtig an. „Bobby...“, sage ich vorsichtig. „Was kann passieren, wenn das rauskommt? Kannst du deinen Job verlieren?“
Er schluckt hart und nickt. „Ja. Und wenn es wirklich ein Angriff ist..., könnte ich sogar angezeigt werden. Wegen Fahrlässigkeit. Oder Schlimmeres.“
Die Worte sickern in mein Bewusstsein, und die Angst um ihn kriecht mir unter die Haut. „Scheiße...“, flüstere ich.
Bobby vergräbt das Gesicht in den Händen. „Ich hab keine Ahnung, wie ich das wieder hinbiegen soll...“.
Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, doch plötzlich klingelt es an der Tür.
Bobby erstarrt. Sein Blick ist auf den Türrahmen fixiert, als könnte jeden Moment jemand hereinstürmen. Ich sehe ihn an, meine Gedanken rasen. Wer könnte das sein? Hat irgendjemand schon mitbekommen, was hier läuft?
„Justin“, flüstert Bobby, „mach die Tür nicht auf.“
Ich schlucke, mein Puls hämmert in meinen Ohren. Das Klingeln ertönt noch einmal, diesmal eindringlicher.
„Bobby... was, wenn es jemand von deiner Arbeit ist? Oder..,. von KineticCore?“
Sein Blick ist wie festgefroren, und ich spüre, wie die Angst die Luft im Raum lähmt. Mein Herz schlägt bis zum Hals, als das Klingeln erneut ertönt, diesmal länger und nachdrücklicher.
Ich werfe einen letzten Blick zu Bobby, dessen Gesicht blass geworden ist. „Was sollen wir tun?“, flüstere ich, aber er scheint es gar nicht mehr zu hören.
Die Türklingel verstummt, und dann ein leises Klopfen. Fast schon vorsichtig.
„Justin...“, murmelt Bobby kaum hörbar. „Ich glaub, wir haben ein Problem.“
Das Klopfen an der Tür verstummt, und ich kann mein eigenes Herz pochen hören. Bobby starrt weiterhin auf den Bildschirm, seine Hände krallen sich in die Tischkante, als könnte er sich daran festhalten, um nicht einfach zusammenzubrechen.
„Robert Müller?“, ruft eine tiefe Stimme von draußen. „Hier ist Dr. Sven Köhler. Ich würde gern mit Ihnen sprechen.“
Bobby wird blass wie die Wand. Er starrt mich an, als hätte ich die Stimme aus dem Nichts gezaubert. Irgendwas klingelt da... und dann macht es Klick. Dr. Köhler – der Forschungsleiter von VERTIX, der für KineticCore arbeitet. Ich erinnere mich an die Managementrunde, als Thomas ihn kurz vorgestellt hat. Irgendwas mit Cyber-Sicherheit und Forschung.
Bobby scheint zu versteinern, seine Lippen bewegen sich tonlos. „Was macht der hier?“ flüstert er.
Ich zögere, gehe langsam zur Tür und sehe durch den Spion. Tatsächlich, da steht ein Mann im Mantel, leicht durchgeschwitzt, mit einem Aktenkoffer in der Hand. Seine Haare sind ein bisschen zerzaust, als hätte er es eilig gehabt.
„Ich mach auf“, sage ich entschlossen, und bevor Bobby reagieren kann, drehe ich den Schlüssel um.
Als die Tür sich öffnet, hebt Dr. Köhler überrascht den Kopf. „Ah..., Justin?“, sagt er und runzelt die Stirn. „Ich dachte, du wärst bei Leo?“
„Bin ich nicht“, antworte ich trocken, meine Stimme schärfer als geplant. „Was machen Sie hier?“
Dr. Köhler sieht einen Moment lang verwirrt aus, dann räuspert er sich. „Da scheint wohl die Kommunikation etwas durcheinandergeraten zu sein. Entschuldige bitte. Ich wollte eigentlich mit Robert sprechen.“
Ich drehe mich zu Bobby um, der immer noch wie festgewachsen auf dem Stuhl sitzt. „Das ist Dr. Köhler, Bobby. Er arbeitet bei VERTIX. Forschung oder so.“
„KineticCore“, korrigiert Dr. Köhler mit einem angestrengten Lächeln. „Darf ich reinkommen?“
„Von mir aus“, knurre ich und trete zur Seite. Bobby steht jetzt langsam auf, die Hände immer noch zitternd. Er sieht so fertig aus, und mit jedem Blick auf ihn steigt die Wut in mir weiter an.
„Es tut mir leid, wenn ich Sie so erschreckt habe“, beginnt Dr. Köhler und schaut zwischen uns hin und her. „Ich habe mitbekommen, dass es bei Ihnen zu Hause einige Unruhe gab. Und nachdem ich die Protokolle durchgesehen habe, dachte ich, es wäre am besten, wenn ich persönlich vorbeikomme.“
„Protokolle?“, wiederhole ich mit einer Mischung aus Misstrauen und Zorn. „Was für Protokolle?“
„Die Tests“, antwortet Dr. Köhler ernst und setzt sich unaufgefordert auf einen der Küchenstühle. „Robert, du hast vor ein paar Tagen eine Nachricht von uns erhalten, richtig? Eine Einladung, an einer Sicherheitsprüfung teilzunehmen?“
Bobby nickt langsam, seine Augen glasig. „Ja... ich dachte, es wäre ein Auftrag. Aber dann... dann ist alles außer Kontrolle geraten. Ich..., ich wollte nichts kaputtmachen!“
„Sie haben nichts kaputtgemacht“, beruhigt ihn Dr. Köhler mit ruhiger Stimme. „Ganz im Gegenteil. Sie haben genau das getan, was wir erhofft hatten.“
Mir reicht es. Ich verschränke die Arme vor der Brust, starre Dr. Köhler an. „Sie wollten, dass er durchdreht und sich fühlt, als hätte er eine Katastrophe ausgelöst? Wissen Sie überhaupt, wie fertig er ist? Er hat kaum gegessen, kaum geschlafen! Ist das Teil eures Plans gewesen?“
Dr. Köhler sieht mich überrascht an, dann legt er die Hände flach auf den Tisch. „Nein. So war das nicht geplant. Wir wollten seine Fähigkeiten testen, in einem realistischen Szenario. Unsere Forschungsabteilung hat vor einiger Zeit herausgefunden, dass eine bestimmte Angriffsform existiert, die selbst unsere sichersten Systeme unterwandern könnte. Also haben wir nach jemandem gesucht, der mit unkonventionellen Methoden arbeitet. Jemandem, der nicht in die typischen Denkstrukturen verfällt. Und da sind wir auf Robert gestoßen.“
„Auf mich?“, wiederholt Bobby, immer noch blass.
„Ja“, bestätigt Dr. Köhler. „Deine Aktivitäten in der Cyber-Sicherheits-Community sind nicht unbemerkt geblieben. Und die Art, wie du Systeme analysierst und Schwachstellen findest, das hat uns neugierig gemacht. Aber wir wollten nicht direkt eine Jobanfrage stellen. Stattdessen haben wir eine Testumgebung vorbereitet und die Simulation gestartet, um zu sehen, wie du damit umgehst.“
„Eine Simulation?“ Ich spüre, wie sich Wut in mir aufbaut. „Sie haben ihn absichtlich glauben lassen, dass er einen Angriff ausgelöst hat? Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was das mit ihm gemacht hat?“
Dr. Köhler reibt sich die Schläfen, als würde er selbst nicht ganz verstehen, wie es so weit kommen konnte. „Nein, das... war so nicht geplant. Die KI, die wir eingesetzt haben, sollte die Angriffsmuster nur simulieren und auf die Aktionen reagieren – nicht eskalieren. Anscheinend hat die adaptive Komponente die Situation überinterpretiert.“
Bobby lacht leise, aber es klingt wie ein verzweifeltes Keuchen. „Sie haben mich also getestet? Ohne Vorwarnung? Ohne Erklärung?“
„Ja“, gesteht Dr. Köhler ehrlich. „Wir wollten eine authentische Reaktion. Es ging nicht nur darum, ob du die Lücke findest, sondern auch, wie du mit der Belastung umgehst. Und..., es tut mir leid, dass es so ausgeartet ist. Das war nicht unsere Absicht.“
„Nicht Ihre Absicht?“ Ich kann nicht anders, als die Stimme zu erheben. „Ihr habt ihn zum Wrack gemacht! Hattet ihr nicht einmal im Kopf, was das psychisch mit ihm anstellt? Ihr habt keine Ahnung, was ihr da angerichtet habt!“
Dr. Köhler wirkt plötzlich noch kleiner auf dem Küchenstuhl. „Ich verstehe euren Unmut. Aber in unserer Branche geht es oft um Krisenresistenz. Das war vielleicht ein Fehler in der Herangehensweise. Und dafür entschuldige ich mich.“
Ich schnaube verächtlich. „Krisenresistenz? Sie haben ihn praktisch in eine Krise geschickt, ohne auch nur einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden!“
Plötzlich zückt Dr. Köhler sein Handy, murmelt eine Entschuldigung und tritt einen Schritt zur Seite. „Ja, ich bin hier. Ja, besser so. Ist ein bisschen eskaliert... Komm besser auch her… Ja, bring ihn mit, ich glaube das ist die einzige Chance…“
Er beendet das Gespräch und steckt das Handy weg. „Wir bekommen gleich noch Besuch. Es ist besser, wenn wir das jetzt vollständig aufklären.“
„Wen rufen Sie noch her?“, frage ich scharf.
„Thomas“, sagt Dr. Köhler ruhig. „Und Leo.“
Bei Leos Namen sticht etwas Warmes in meiner Brust, aber die Wut ist immer noch da. Bobby sitzt immer noch wie versteinert auf dem Stuhl, sein Blick leer. Ich gehe zu ihm, lege ihm eine Hand auf die Schulter. „Bobby? Alles okay?“
Er zuckt kaum merklich. „Ich..., ich versteh das alles nicht. War das jetzt gut? Oder war das falsch?“
„Es war unfair“, sage ich leise, immer noch mit diesem Knoten im Bauch. „Und ich will Antworten.“
Es ist still. Eine bedrückende, unangenehme Stille, die sich wie eine schwere Decke über den Raum legt. Bobby und ich sagen nichts mehr, und auch Dr. Köhler hält sich zurück, sitzt da und starrt auf den Tisch. Das Ticken der Wanduhr klingt überlaut.
Ich bin so verärgert, dass ich das Gefühl habe, jeden Moment explodieren zu können. Mein Kopf dröhnt, mein Puls pocht in den Schläfen. Ich versuche, ruhig zu atmen, aber die Wut kommt in Wellen zurück. Nicht nur, weil ich immer noch nicht verstehe, was hier gerade passiert – sondern auch, weil Bobby aussieht, als wäre die ganze Welt über ihn hereingebrochen.
Ich weiß nicht, was ich gerade mehr fühle, Wut oder Sorge. Vielleicht beides. Bobby hat die Arme um sich geschlungen, als müsste er sich selbst zusammenhalten. Ich kann es nicht ertragen, ihn so zu sehen. Der große, starke Bobby, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, der mich nie spüren lässt, wie schwer es manchmal ist, auf mich aufzupassen. Und jetzt sitzt er da wie ein Schatten seiner selbst.
„Bobby...“, beginne ich leise, aber er reagiert nicht. Dr. Köhler bewegt sich ein Stück, als wolle er etwas sagen, entscheidet sich dann aber dagegen. Gut so. Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch irgendeine Entschuldigung ertrage.
Ich wühle im Kühlschrank, stelle eine Flasche Wasser und ein paar Gläser auf den Tisch. Dazu einen Teller mit noch ein paar Apfelscheiben, weil ich mir sicher bin, dass Bobby seit Stunden nichts gegessen hat. „Hier“, sage ich bestimmt, drücke ihm ein Glas in die Hand. „Trink was. Und iss. Du siehst aus, als wärst du gleich weg.“
Bobby nickt mechanisch und nimmt einen Schluck. Sein Blick ist immer noch irgendwo im Nirgendwo. Ich setze mich neben ihn, lege eine Hand auf seinen Rücken, versuche, ihn irgendwie zu erden.
Die Minuten ziehen sich, als wäre die Zeit in Zeitlupe verfallen. Meine Gedanken rasen und kommen gleichzeitig nicht von der Stelle. Was hat das alles zu bedeuten? Wieso Bobby? Wieso dieser Mist? Wie konnten die denken, dass so eine Aktion okay ist?
Dr. Köhler räuspert sich, aber ich schneide ihm das Wort ab. „Nein. Nicht noch mehr Gerede. Nicht jetzt.“
Wieder Stille. Dann klingelt es erneut. Ich springe auf, fast froh über die Ablenkung, und gehe zur Tür. Als ich durch den Spion schaue, sehe ich Thomas und Leo. Thomas wirkt ernst, Leo..., Leo sieht angespannt aus. Kaum habe ich die Tür geöffnet, tritt Leo ein und zieht mich sofort in eine Umarmung.
„Hey“, murmelt er und drückt mich fest an sich. Der vertraute Duft, die Wärme..., es ist, als würde plötzlich ein Riss in mir heilen. Ich lasse mich für einen Moment einfach nur halten, schließe die Augen und spüre, wie die angestaute Anspannung aus mir herausfließt.
„Leo...“, beginne ich leise, meine Stimme bricht fast. „Wusstest du davon?“
Leo schüttelt den Kopf, seine Stirn an meiner. „Nein. Thomas hat mir gerade auf der Fahrt hierher alles erzählt. Ich wusste nichts davon, Sunshine. Wirklich nicht.“
Ich atme zitternd ein. „Die haben Bobby fertiggemacht, Leo. Mein Bruder... ich habe ihn noch nie so gesehen. Er war total am Ende! Und das alles wegen..., eines Tests?“
Leo löst die Umarmung ein wenig, seine Hände bleiben auf meinen Schultern. „Ich weiß. Das ist total schräg und nicht in Ordnung. Aber wir klären das jetzt, okay? Lass uns das ruhig angehen. Thomas ist hier, er wird alles erklären.“
Ich merke, wie ich langsam runterkomme. Die Wut weicht einem dumpfen Schmerz. Ich lehne mich kurz an Leos Schulter, brauche diesen kleinen Moment, um mich zu sammeln.
Thomas tritt ein und schaut zwischen uns hin und her. Sein Blick bleibt an Bobby hängen, der inzwischen zumindest aufgestanden ist und den Gästen Wasser anbietet. Seine Bewegungen sind immer noch fahrig, aber wenigstens tut er etwas.
„Robert, Justin“, beginnt Thomas ruhig. „Ich wollte mich erst mal entschuldigen. Es lief nicht so, wie es sollte. Darf ich mich setzen?“
Ich nicke knapp, während Leo meine Hand hält. Der Knoten in meiner Brust ist noch nicht weg, aber Leos Daumen streicht beruhigend über meine Handfläche, und das hilft irgendwie.
Dr. Köhler hebt vorsichtig die Hand. Und ich merke wie sich augenblicklich mein Pulsschlag erhöht. Ich merke, wie er versucht seine Worte vorsichtig zu wählen: „Ich hatte nicht erwartet, dass die Simulation so aus dem Ruder läuft. Das war ein Fehler in der Programmierung der KI. Es sollte eine Belastungssituation simuliert werden. Aber nicht auf diese Weise.“
„Ist das euer Ernst?“, platzt es einfach aus mir heraus. „Ihr habt Bobby regelrecht in eine Krise geschickt! Habt ihr mal daran gedacht, was das mit ihm macht?“ schreie ich fast und kann einfach nicht mehr still sitzen.
Thomas legt mir eine Hand auf die Schulter. „Justin, ich verstehe deine Wut. Und ich bin nicht hier, um irgendwas zu rechtfertigen. Aber es war ein Test. Nicht nur für Robert, sondern auch für unsere Systeme. Wir haben ihn nicht richtig eingeschätzt. Das war unser Fehler.“
Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht wieder loszuschreien. Leo zieht mich ein bisschen näher zu sich, seine Finger streichen sanft über meinen Handrücken. Ich merke, wie mein Atem etwas ruhiger wird, wie die Schärfe aus meiner Stimme weicht.
Bobby stellt ein Glas Wasser vor Thomas und Dr. Köhler ab, setzt sich dann wieder. Er wirkt immer noch gehetzt, aber wenigstens ist ein bisschen Farbe zurück in sein Gesicht gekehrt.
„Das war echt nicht cool“, murmelt Bobby leise, als würde er immer noch versuchen, alles zu sortieren. „Ich dachte wirklich, ich hätte was kaputtgemacht. Und ich dachte, ich wäre schuld.“
Thomas sieht ihn an, aufrichtig betroffen. „Und genau das tut mir leid. Das war nie unsere Absicht. Wir wollten deine Fähigkeiten etwas testen, aber nicht auf diese Weise. Wir müssen da einiges überdenken. Vor allem, wie wir solche Tests in Zukunft gestalten.“
Leo drückt meine Hand fester, als wolle er mir vermitteln, dass ich nicht alleine bin mit meiner Wut und meinem Frust. Und ich merke langsam, dass ich zwar noch immer sauer bin, aber dass ich zumindest wieder klarer denken kann.
Die aufgeladene Stimmung im Raum hat sich ein wenig gelegt, aber der Ärger sitzt immer noch tief. Ich lehne mich kurz an Leo, schließe die Augen und atme tief durch. Der Tag hat so gut angefangen, und jetzt fühlt es sich an, als wäre ich mitten in einem Alptraum gelandet.
Thomas sieht mich an, sein Blick sanft und entschuldigend. „Justin, ich verstehe, dass du wütend bist. Und du hast jedes Recht dazu. Aber können wir das jetzt gemeinsam klären? Ich verspreche, dass wir nichts verschweigen.“
Ich schlucke den Kloß im Hals runter, sehe zu Bobby, der unsicher zu mir herüberschaut. Dann nicke ich. „Ja, reden wir darüber. Aber diesmal ehrlich und ohne irgendwelche Tests. Ich will einfach wissen, was wirklich los ist.“
Thomas seufzt leise, als er sich auf dem Küchenstuhl zurechtsetzt. Er sieht mich an, dann Bobby, und ich merke, dass er nicht recht weiß, wie er anfangen soll. Leo hat sich neben mich gesetzt und hält immer noch meine Hand. Ich spüre seine Daumen, die sanft über meinen Handrücken streichen, und allein das hilft mir, nicht wieder an die Decke zu gehen.
„Okay“, beginnt Thomas ruhig. „Ich verstehe, dass das hier gerade eine ziemliche Ausnahmesituation ist. Und, Justin, du hast absolut Recht, wenn du wütend bist. Es lief nicht so, wie es sollte. Und das ist ganz klar unser Fehler.“
Ich schlucke und versuche, die Wut einzuordnen. Bobby sitzt wieder etwas zusammengesunken am Tisch und schaut unsicher zwischen Thomas und Dr. Köhler hin und her.
„Lass mich von vorne anfangen“, sagt Thomas und lehnt sich leicht nach vorne. „Vor ein paar Wochen hatten wir bei KineticCore tatsächlich einen Vorfall. Ein Cyberangriff, der es geschafft hat, in unser internes Testsystem einzudringen. Das war ein Weckruf für uns. Denn wenn jemand in die Forschungsabteilung von KineticCore reinkommt, könnten hochsensible Daten nach außen gelangen. Und das geht absolut nicht.“
Dr. Köhler nickt. „Genau. Wir arbeiten mit hochinnovativen Technologien, auch im Bereich künstliche Intelligenz und biomechanische Sensorik. Alles streng geheim. Als der Angriff kam, konnten wir ihn zwar abwehren, aber wir haben gemerkt, dass unsere Systeme nicht so sicher sind, wie wir dachten.“
Ich runzle die Stirn. „Aber was hat das mit Bobby zu tun?“
Thomas lächelt leicht und sieht Bobby an. „Ehrlich gesagt, ziemlich viel. Ich habe Robert ja vor ein paar Wochen mit dir zusammen kennengelernt. Und wir haben ein bisschen gequatscht. Dabei ist mir aufgefallen, dass er in seinem Job irgendwie nicht ganz zufrieden wirkt.“
Bobby zieht eine Augenbraue hoch, als hätte er das selbst noch nicht so richtig bemerkt. „Äh, ja. Stimmt schon. Mein Chef, also, der nimmt meine Arbeit nicht wirklich ernst. Ist oft genervt, wenn ich Ideen einbringe. Und ich hab das Gefühl, dass meine Vorschläge eher belächelt als wertgeschätzt werden.“
Thomas nickt. „Genau das meine ich. Und da ich jemanden für unsere Sicherheitsabteilung im Auge hatte, hab ich mir gedacht: Warum nicht jemanden mit einbeziehen, der kreative Lösungen findet statt einfach nur auf bewährte Konzepte zu setzen? Ich habe das mit KineticCore besprochen. Und da kam die Idee auf, jemanden wie Robert in einem realistischen Szenario zu testen.“
Ich verziehe das Gesicht. „Realistisch? Das war kein Test. Das war eine Katastrophe! Bobby dachte, er hätte alles kaputt gemacht!“
Dr. Köhler reibt sich die Schläfen. „Wir wollten die echte Reaktion testen. In unserer Branche geht es wie gesagt nicht nur um Technik. Es geht auch um mentale Belastbarkeit. Und wir wollten sehen, wie Robert mit Druck umgeht. Aber die KI hat das Szenario anders bewertet als erwartet.“
„Was heißt das?“, frage ich misstrauisch.
Dr. Köhler räuspert sich. „Wir haben eine KI programmiert, die Sicherheitslücken erkennt und Strategien dagegen entwickelt. Sie sollte simulieren, wie ein realer Angriff ablaufen könnte. Aber als Robert begann, tiefer zu graben und die Struktur zu analysieren, hat die KI etwas völlig Unerwartetes gemacht. Statt die potenziellen Sicherheitslücken nur zu simulieren, hat sie selbst Angriffsstrategien entwickelt. Sozusagen, um die Schwachstellen zu testen. Sie hat sich in den eigenen Code verbissen und versucht, sich selbst zu überlisten, weil sie Robert als Bedrohung eingestuft hat.“
Bobby starrt ihn an. „Ich war die Bedrohung?“
„Nicht du direkt“, erklärt Dr. Köhler geduldig. „Aber deine unkonventionelle Herangehensweise hat die KI aus ihrem Routineverhalten gerissen. Du hast nicht nur die Lücken entdeckt, sondern versucht, die Systemstruktur zu rekonstruieren. Und das hat die KI als Angriff bewertet. Also hat sie begonnen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Problem war: Statt dich zu blockieren, hat sie sich so sehr auf deine Aktionen eingeschossen, dass sie quasi mit sich selbst kämpfte. Es entstand ein sich selbst verstärkender Kreislauf aus Angriff und Abwehr. Eine Art... KI-Patt.“
Bobby schüttelt verwirrt den Kopf. „Ich wollte doch nur sehen, wo die Lücke herkommt. Ob die Verbindung von außen oder innen entstanden ist.“
Thomas lächelt leicht. „Und genau das hat uns beeindruckt. Die meisten hätten einfach den Sicherheitsbereich abgeriegelt und die Protokolle blockiert. Aber du hast versucht zu verstehen, woher die Lücke kam. Du hast nicht nur reagiert, du hast analysiert. Und das ist die Art von Denken, die wir brauchen.“
Ich schnaube ungläubig. „Und deshalb lasst ihr ihn durch die Hölle gehen? Weil ihr wissen wolltet, wie er denkt?“
Thomas hebt beschwichtigend die Hände. „Es war nicht geplant, dass die KI so ausrastet. Das war ein Fehler unsererseits. Wir wollten einen Test, keinen Nervenzusammenbruch. Ich übernehme die volle Verantwortung dafür.“
Ich spüre, dass sie es ernst meinen, aber die Wut nur langsam abklingt. Es bleibt eine Leere zurück. Und die Sorge um Bobby, die mich nicht loslässt. Leo zieht mich leicht an sich, seine Lippen an meinem Ohr. „Hey, es klingt, als hätten sie es wirklich verkackt. Aber sie versuchen es gerade zu klären. Lass uns hören, was sie noch sagen.“
Ich nicke und lasse mich gegen Leos Schulter sinken.
Thomas sieht Bobby ernst an. „Wir wollten dich nicht fertig machen. Im Gegenteil. Du hast uns gezeigt, dass du nicht nur den Fehler erkannt hast, sondern auch die Ursache erforschst und dass auch bei hohem Druck. Das ist verdammt selten. Und genau deshalb möchte ich dir ein Angebot machen.“
Bobby hebt den Kopf, sichtlich verwirrt. „Ein Angebot?“
„Ja“, sagt Thomas fest. „KineticCore braucht kreative, unabhängige Köpfe. Wir brauchen jemanden, der sich nicht von der Norm einengen lässt. Und wenn du bereit bist, würde ich dich gern als leitenden IT-Sicherheitsanalyst bei uns anstellen. Dein Wissen und deine Herangehensweise haben uns beeindruckt. Du wärst nicht nur Mitarbeiter, sondern elementarer Teil des Teams, das unsere Systeme zukunftssicher macht.“
Bobby öffnet den Mund, schließt ihn wieder, als könne er das gerade nicht fassen. Ich starre Thomas an, als hätte er gerade verkündet, die Welt wäre doch eine Scheibe.
„Ich...“, Bobby stockt, blickt mich an, unsicher, ob er das wirklich glauben kann.
Thomas lehnt sich zurück, lächelt leicht. „Denk drüber nach. Wir haben dir viel zugemutet. Und es tut mir leid, dass es so eskaliert ist. Aber deine Leistung war beeindruckend. Und wir möchten, dass du Teil unseres Teams wirst.“
Bobby nickt langsam, als müsse er die Worte erstmal sortieren.
Ich merke, wie sich die Anspannung langsam löst. Ich bin immer noch wütend, aber irgendwo mischt sich auch Stolz dazwischen. Bobby, mein großer Bruder, der immer so bescheiden ist, dass er sich selbst nie genug zutraut, soll jetzt bei VERTIX arbeiten? Und nicht als irgendein Typ, sondern als leitender Analyst?
Ich schaue zu Leo, und er grinst leicht. „Klingt irgendwie nach einem ziemlich guten Angebot, oder?“
Ich nicke vorsichtig, immer noch nicht ganz sicher, ob ich das alles richtig verstehe.
Es ist schon spät geworden. Die Luft im Wohnzimmer hängt schwer von den Ereignissen der letzten Stunde. Mein Kopf dröhnt, mein Körper fühlt sich an wie ausgelaugt, und die Anspannung will einfach nicht von mir abfallen. Ich lehne mich gegen die Rückenlehne des Sofas, die Augen halb geschlossen, während Leo noch neben mir sitzt und meine Hand hält.
Dr. Köhler hat sich verabschiedet, nachdem klar war, dass Bobby zumindest wieder einigermaßen bei sich ist. Es war keine leichte Diskussion, aber immerhin hat Thomas ehrlich zugegeben, dass die ganze Aktion mit Bobby aus dem Ruder gelaufen ist. Auch wenn ich das noch immer nicht ganz verarbeitet habe, fühle ich mich zumindest ein bisschen besser, weil sie die Verantwortung übernommen haben.
Leo sieht mich mit diesem ruhigen Blick an, der mir sonst immer Kraft gibt, aber heute kann selbst er meine Unruhe nicht ganz vertreiben. Er streicht mit dem Daumen über meinen Handrücken, versucht mich zu beruhigen. „Alles gut, Sunshine?“
Ich schnaube leise und presse die Lippen zusammen. „Keine Ahnung. Ich bin einfach müde. Physisch, und im Kopf.“
Leo nickt verständnisvoll. „War auch ein harter Tag. Erst das krasse Training und dann noch das hier.“
Ich lehne mich gegen ihn, und er legt den Arm um meine Schulter. Ich schließe kurz die Augen und versuche, die Anspannung aus meinem Nacken zu lösen. Irgendwie ist alles zu viel auf einmal.
Thomas tritt nochmal an uns heran, sein Blick leicht besorgt. „Justin, das war echt ein harter Brocken heute. Ich weiß, das war nicht geplant, und ich hätte mehr Rücksicht nehmen müssen. Ich mache mir ein bisschen Sorgen, dass das jetzt zu viel war, zwei Tage vor dem Wettkampf.“
Ich richte mich auf und versuche ein müdes Lächeln. „Ich komm klar, Thomas. Ist nur..., viel auf einmal.“
Er nickt langsam. „Gut. Pass auf dich auf, okay? Wenn irgendwas ist, meldest du dich. Wir sehen uns morgen bei VERTIX. Und, Robert..., denk über das Angebot nach. Es ist ernst gemeint.“
Bobby hebt den Kopf und nickt nur knapp. Ich sehe ihm an, dass er noch nicht alles sortiert hat.
Leo streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht und sieht mich besorgt an. „Sunshine..., ich würde ja gerne bleiben, aber morgen früh hab ich einen wirklich wichtigen Arzttermin. Du weißt, wie Thomas ist. Wenn ich da nicht auftauche, gibt’s Ärger.“
Ich nicke widerwillig. „Ist schon okay. Mach dir keine Gedanken. Ich rede noch mit Bobby. Und dann hau ich mich einfach ins Bett.“
Leo beugt sich vor und küsst mich sanft auf die Stirn. „Ruf mich an, wenn du nicht schlafen kannst, ja?“
„Versprochen.“
Seine Lippen finden meine, und der Kuss ist lang, weich und irgendwie bittersüß. Ich klammere mich kurz an ihn, spüre seine Wärme, und wünschte, er könnte einfach hierbleiben. Als er sich langsam löst, schaut er mir noch einen Moment in die Augen. „Ich bin stolz auf dich. Und mach dir nicht zu viele Gedanken, ja?“
„Ich versuch’s.“
Ein letztes Lächeln, dann verlässt Leo mit Thomas zusammen die Wohnung und plötzlich fühlt sich alles wieder ein Stück leerer an. Ich drehe mich zu Bobby um, der jetzt an den Küchentisch gelehnt steht und gedankenverloren auf die Tischplatte starrt.
„Willst du noch was trinken?“, frage ich leise.
Er hebt den Kopf, überrascht, als hätte er mich gar nicht bemerkt. „Ja. Danke.“
Ich fülle uns beiden ein Glas Wasser ein und setze mich neben ihn an den Tisch. Für einen Moment ist es still, nur das leichte Brummen des Kühlschranks ist zu hören. „Also...“, setze ich vorsichtig an, „bist du okay?“
Bobby schnaubt leise, ein müdes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Was heißt schon okay? Ich meine, ich hab gedacht, ich hätte irgendeinen riesigen Cyberangriff ausgelöst. Und dann stellt sich raus, dass die mich einfach getestet haben. Ohne Vorwarnung. Ohne, dass ich eine Wahl hatte.“
„War echt eine miese Nummer“, gebe ich zu. „Aber ich glaub, Thomas hat es nicht böse gemeint. Er wollte dich fordern, nicht fertigmachen.“
Bobby greift nach seinem Glas und dreht es in den Händen. „Ich weiß. Aber ich bin trotzdem durchgedreht. Weil ich dachte, ich hätte einen riesigen Fehler gemacht. Und dabei war es gar nicht meine Schuld.“
Ich lege eine Hand auf seine Schulter. „Und jetzt? Was denkst du über das Angebot?“
Er zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Klingt irgendwie cool. Ich mein, KineticCore ist eine große Nummer. Und wenn die wirklich jemanden suchen, der auch mal quer denkt... vielleicht ist das meine Chance. Aber trotzdem, so einen Test zu machen, ohne was zu sagen.. das hat mich echt getroffen.“
Ich verstehe ihn. Selbst jetzt, nachdem alles geklärt ist, habe ich immer noch ein flaues Gefühl im Bauch. „Würde ja bedeuten, dass du quasi bei VERTIX arbeitest..., irgendwie cool, oder? Dann wären wir ja beide da.“
Bobby grinst schwach. „Ja, irgendwie schon. Wenn ich wirklich wechsle, dann müsste ich das auch erstmal meinem Chef erklären. Aber nach allem, was heute war, glaube ich, der würde mich sowieso nicht halten.“
Ich nicke langsam und nehme einen Schluck Wasser. „Du bist gut in dem, was du tust. Das wissen die auch. Und wenn sie dich unbedingt wollen, heißt das doch, dass sie deine Arbeit echt schätzen. Ich find’s irgendwie cool. Auch wenn ich immer noch wütend bin.“
Bobby lacht leise. „Ich versteh das. Aber ich glaub, ich brauch einfach noch ein bisschen Zeit, um das zu sortieren.“
Ich klopfe ihm sanft auf die Schulter. „Dann nimm dir die Zeit. Und ich bin hier, okay? Egal was ist.“
Er sieht mich an, und ich erkenne ein leichtes Funkeln in seinen Augen. „Danke, Kleiner. Ohne dich wär ich heute echt durchgedreht.“
„Hey, dafür sind Brüder doch da.“
Es dauert nicht lange, bis wir beide in unseren Zimmern verschwinden. Als ich mich ins Bett lege, schwirren mir noch hundert Gedanken durch den Kopf. Aber irgendwann überkommt mich die Müdigkeit. Bevor ich einschlafe, spüre ich noch Leos Kuss auf meinen Lippen. Und die Erkenntnis, dass auch wenn heute vieles schiefgelaufen ist, am Ende doch noch alles irgendwie einen Sinn ergeben könnte.
Morgenchaos
Ein schrilles Piepen dringt in meinen Traum und zieht mich ruckartig aus dem Schlaf. Ich blinzle verwirrt, mein Kopf ist schwer wie Blei, und es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass das Geräusch von meinem Wecker kommt. Oder eher kam – denn er hat sich eben selbst abgeschaltet. Ich drehe mich zur Seite und starre auf die roten Digitalzahlen, die mich geradezu höhnisch anleuchten.
08:15 Uhr.
Panik schießt durch meinen Körper. Ich setze mich ruckartig auf, mein Kopf schwirrt, und die Realität trifft mich wie ein Vorschlaghammer. Die erste Stunde hat längst begonnen!
„Verdammt!“, fluche ich leise und reiße die Bettdecke zur Seite. Meine Klamotten vom Vortag liegen noch zerknüllt auf dem Stuhl, mein Rucksack ist ungepackt, und irgendwo unter dem Bett suche ich nach einer Socke.
Gestern..., es war einfach viel zu spät geworden. Erst das anstrengende Training, dann die ganze Nummer mit Bobby und KineticCore. Kein Wunder, dass ich komplett erledigt bin. Aber jetzt ist keine Zeit zum Nachdenken. Ich schnappe mir das Handy und sehe die verpassten Nachrichten von Leo.
Leo: „Hey Sunshine, bist du gut aufgestanden? Arzttermin war nervig, aber schnell vorbei. Meld dich mal!“
Leo: „Alles okay bei dir? Schon in der Schule?“
Ich kaue auf meiner Lippe herum und tippe hastig eine Antwort.
Ich: „Verschlafen..., erste Stunde hat schon begonnen und ich liege noch im Bett. Keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Voll verpennt.“
Die Antwort kommt fast sofort.
Leo: „Na und? Bleib doch einfach zu Hause. Hast dir auch mal eine Auszeit verdient. 😉“
Ich schnaube und schüttele den Kopf, während ich die Nachricht lese. Typisch Leo. Einfach mal blau machen? Nein, das ist nicht meine Art. Ich tippe zurück.
Ich: „Kann ich nicht. Muss zur Schule. Ich pack’s noch zur zweiten Stunde.“
Ich stecke das Handy ein und haste zur Tür. Auf dem Flur ist alles ruhig. Vorsichtig klopfe ich an Bobbys Zimmertür. Nichts. Ich drücke die Klinke runter und linse hinein.
Bobby liegt noch quer über dem Bett, halb unter seiner Decke vergraben, das Gesicht tief ins Kissen gedrückt. Ich seufze leise. Der Typ sieht immer noch völlig erledigt aus.
„Hey, Bobby.“ Ich trete näher und rüttle ihn leicht an der Schulter. „Aufstehen! Wir haben verschlafen!“
Er murmelt irgendwas Unverständliches und dreht sich auf die andere Seite.
„Bobby! Wach auf!“ Ich ziehe ihm kurzerhand die Decke weg, und er blinzelt verwirrt ins Licht.
„Hä...? Was...?“
„Es ist schon nach acht! Die erste Stunde hat längst angefangen!“
Seine Augen weiten sich, und er setzt sich abrupt auf. „Scheiße..., wie spät?“
„Viertel nach acht. Komm, wir müssen uns beeilen. Du musst mich zur Schule fahren.“
Er reibt sich die Augen und lässt sich wieder aufs Bett fallen. „Gestern war echt zu viel.“
„Ja, sag das nicht mir. Jetzt los!“
Widerwillig schwingt er die Beine aus dem Bett und rappelt sich auf. Während er im Bad verschwindet, schnappe ich mir mein Handy und werfe einen schnellen Blick auf die Uhr. Ich könnte es gerade noch pünktlich zur zweiten Stunde schaffen, wenn Bobby sich beeilt.
Ich werfe mir schnell frische Klamotten über, verstaue meine Schulsachen im Rucksack und mache in der Küche ein improvisiertes Frühstück klar, eine Banane. Als Bobby schließlich hereinschlurft, sehe ich ihm an, dass er noch immer nicht ganz bei sich ist.
„Hier“, sage ich und schiebe ihm die Tasse Kaffee zu, die gerade aus der Maschine getropft ist.
„Danke“, murmelt er und trinkt einen großen Schluck. „Tut mir leid, dass ich gestern so durchgedreht bin.“
„Ach Quatsch“, erwidere ich leise. „War doch auch echt krass. Geht’s dir jetzt besser?“
Er nickt zögernd und schnappt sich einen Apfel. „ Irgendwie schon. Aber es fühlt sich immer noch komisch an. Die ganze Nummer, weißt du?“
„Ja, ich versteh das. Aber jetzt erstmal Schule. Wir reden später nochmal.“
Bobby zieht sich endlich seine Jacke über und nimmt die Autoschlüssel. „Ich fahr dich. Aber danach muss ich mich echt mal sammeln.“
„Klar“, sage ich verständnisvoll und zwänge mich in meine Sneakers.
Die Fahrt zur Schule ist kurz, aber die Zeit reicht, um mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ich die Verspätung erklären soll. Glücklicherweise fährt Bobby extra schnell, und so kommen wir pünktlich zur Pause vor der zweiten Stunde an.
„Danke, dass du mich gefahren hast“, sage ich, als ich aussteige.
Bobby winkt nur ab. „Kein Ding. Pass auf dich auf, ja?“
Ich nicke und schließe die Tür, bevor ich den Schulhof betrete. Die Müdigkeit hängt mir immer noch in den Knochen, und ich bin froh, dass ich zumindest einen Kaffee intus habe.
Kaum betrete ich das Gebäude, höre ich schon die Stimmen von Maik und Johannes.
„Hey, Langschläfer!“ Maik kommt mir grinsend entgegen und mustert mich von oben bis unten. „Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht durchgefeiert.“
Ich rolle die Augen. „Ja, nee, eher andersrum. Ziemlich wenig Schlaf.“
Johannes lacht und klopft mir auf die Schulter. „Wolltest wohl mal testen, wie es ist, die erste Stunde zu schwänzen, was?“
„War keine Absicht“, grummele ich und versuche ein schiefes Lächeln.
Maik zwinkert. „Na, bei deinem Gesichtsausdruck hättest du auch gleich zu Hause bleiben können. Alles klar bei dir?“
Ich zucke mit den Schultern. „Ja, alles gut. Nur bisschen viel los gerade.“
Johannes zieht die Augenbrauen hoch. „Naja, wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Aber so wie du aussiehst, brauchst du eher einen Mittagsschlaf.“
„Würd ich gern nehmen“, seufze ich und lehne mich gegen die Wand.
Die Pausenklingel ertönt, und die Flure füllen sich wieder. Ich atme tief durch und versuche, den Kopf freizukriegen. Immerhin hab ich es noch geschafft. Auch, wenn mein Tag jetzt schon völlig chaotisch begonnen hat.
Die zweite Stunde beginnt, und ich lasse mich schwerfällig auf meinen Platz fallen. Immer noch ein bisschen benommen von der Hektik am Morgen und dem viel zu kurzen Schlaf. Herr Petersen kommt herein, ein bisschen hektisch wie immer, seine Brille halb auf der Nase, halb im Gesicht. Er wühlt in seinen Unterlagen, bis er endlich die richtige Mappe findet.
„So, bevor wir heute mit dem Unterricht starten, eine kleiner Organisatorischer Ausflug“, sagt er und schaut über den Brillenrand. „Nächste Woche startet ja das Schülerpraktikum. Das heißt, wir müssen noch ein paar organisatorische Punkte klären.“
Praktikum? Nächste Woche? Mir fällt fast die Kinnlade runter. Wie konnte ich das nur vergessen? Mein Kopf rattert. Ich wusste doch, dass das irgendwann im Frühling ist, aber nächste Woche?
Ich reiße meinen Block auf, als könnte ich damit irgendwie Zeit zurückdrehen. Praktikum, Bobby hatte sich darum gekümmert, oder? Hatte er nicht irgendwas gesagt? Irgendwas mit VERTIX und Forschung? Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Die Forschungsabteilung!
Ich lehne mich zurück und lasse die Infos sacken. VERTIX. Forschung. Praktikum. Und das alles schon nächste Woche. Ein leises Stöhnen entfährt mir, und Maik wirft mir von der Seite einen fragenden Blick zu.
„Alles gut, Alter?“ flüstert er.
Ich nicke langsam, bin aber innerlich komplett durcheinander. Praktikum. Forschung. Und das mitten im Wettkampfstress. Wie soll ich das alles unter einen Hut kriegen? Aber andererseits... Wenn ich bei VERTIX bin, dann bin ich auch bei Leo. Vielleicht kann ich das sogar irgendwie kombinieren mit dem Training?
Ich schiebe meine Hand in die Tasche und ziehe unauffällig mein Handy hervor. Unter dem Tisch tippe ich eine schnelle Nachricht an Leo.
Ich: „Ey, ich hab das Praktikum voll vergessen. Nächste Woche schon. Bobby hat was mit VERTIX Forschung klargemacht. Weißt du da was? Klappt das? Bin grad voll überfordert.“
Herr Petersen redet weiter vorne über die organisatorischen Details. Ich höre nur die Hälfte mit. Irgendwas von „pädagogischer Mehrwert“ und „berufliche Orientierung“. Blablabla.
Mein Handy vibriert leise.
Leo: „Hey, Sunshine. Chill mal. Ich frag gleich mal bei Thomas nach. Hatte das mit Bobby auch mal am Rande gehört. Bleib ruhig, okay? 😘“
Ich schließe kurz die Augen und atme durch. Wenn Leo nachfragt, dann bekomme ich bald Klarheit. Aber ich komme mir gerade vor als wäre ein riesiges Chaos im Kopf. Erst die Sache mit Bobby, dann das Training, der Wettkampf und jetzt auch noch das Praktikum. Und ich soll da auch noch einen Bericht schreiben und eine Präsentation machen? Echt jetzt?
Herr Petersen erklärt gerade, dass das Praktikum nicht nur Einblicke in den Berufsalltag bringen soll, sondern auch die Selbstständigkeit fördern soll. „Im Anschluss schreibt ihr einen Bericht über eure Erfahrungen und erstellt eine kurze Präsentation. Ihr könnt gern ein Plakat machen oder eine PowerPoint. Das wird dann benotet“, erklärt er.
Maik zieht eine Grimasse und raunt mir zu: „Geil. Noch mehr pädagogischer Kram. Können die uns nicht einfach arbeiten lassen?“
Ich schnaube leise. „Als hätten wir nicht schon genug um die Ohren. Jetzt noch ’n Bericht...“
Johannes, der schräg vor mir sitzt, dreht sich um. „Wolltest du das nicht bei VERTIX machen?“
Ich zucke die Schultern. „Ja, glaube schon. Aber keine Ahnung, was da genau auf mich zukommt.“
Maik hebt die Augenbrauen. „Junge, du hast echt die Connections. Ich mach nur was Langweiliges bei meiner Tante im Büro. Wird super öde.“
Johannes nickt zustimmend. „Ich häng in der Werkstatt von meinem Onkel rum. Schrauben zählen und so.“
Ich lächle schief. Irgendwie hab ich jetzt ein bisschen Angst, dass mein Praktikum viel zu komplex wird. Forschung klingt ja schon nach vielen komplizierten Sachen. Aber andererseits, wenn Bobby das organisiert hat, wird es schon irgendwie passen, oder?
Mein Handy vibriert wieder.
Leo: „Thomas hat gesagt, das läuft. Die haben wohl schon alles geregelt. Und ja, ist Forschungsabteilung bei VERTIX. Er freut sich schon drauf, dich ein bisschen einzubinden. Mach dir keinen Stress. ;-)“
Ich atme tief durch. Okay. Es scheint also zu klappen. Jetzt nur nicht durchdrehen. Wenn Thomas sich darum gekümmert hat, dann läuft das sicher.
Herr Petersen redet weiter über die Berichtserstellung und dass wir die Praktikumszeit reflektieren sollen. Oh Mann, als wäre das nicht schon Stress genug.
Ich merke, wie mein Magen ein bisschen knurrt. Das Frühstück war wirklich minimal heute Morgen. Schnell tippe ich noch eine letzte Nachricht an Leo.
Ich: „Danke, du beruhigst mich. Muss später noch mit Bobby reden, der hat mir das nicht mal richtig gesagt...“
Leo: „Mach dir keinen Kopf. Du schaffst das. Und hey – ich vermisse dich!“
Ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht. Irgendwie beruhigt mich seine Nachricht mehr, als ich zugeben will.
Die Stunde zieht sich, und ich merke, wie mein Kopf langsam wieder klarer wird. Vielleicht ist das mit dem Praktikum gar nicht so übel. Klar, Forschung klingt kompliziert, aber immerhin bin ich dann bei VERTIX, und bei Leo. Und vielleicht kann ich sogar ein bisschen was über die Hintergründe von KineticCore rausfinden.
Die Schulklingel reißt mich aus meinen Gedanken, und ich recke mich, um die Anspannung aus meinen Schultern zu kriegen. Maik und Johannes packen ebenfalls zusammen und grinsen mich an.
„Na, Forscher-Junge? Schon Pläne für deine Präsentation?“, fragt Maik.
Ich schnaube und schüttle den Kopf. „Erstmal überleben. Dann sehen wir weiter.“
In der Pause fangen wir direkt an zu lästern. Über das ganze pädagogische Zeug, die tollen Berichte und wie die Lehrer uns immer erzählen, dass das fürs Leben wichtig ist. Maik meint trocken: „Ja, weil ich später auf dem Bau sicher meine Praktikumsberichte von damals brauche.“
Ich lache und fühle mich endlich wieder ein bisschen entspannter. Und während die Sonne durch die Fenster blinzelt, denke ich daran, dass es vielleicht sogar ganz cool ist, wenn ich mal aus dem Schulalltag rauskomme. VERTIX. Forschung. Leo. Vielleicht wird’s ja echt interessant. Als die Schulglocke nach der letzten Stunde endlich läutet, fühle ich mich, als hätte ich gerade erst richtig angefangen. Klar, wenn man die erste Stunde komplett verpennt, fliegt der Vormittag nur so vorbei. Ich schnappe mir meine Tasche, verabschiede mich von Maik und Johannes, die noch über irgendwelche Matheaufgaben meckern, und schiebe mich durch die Menge zur Schultür.
Draußen scheint die Sonne, die Luft ist warm, und da steht er: Leo. An seinen Roller gelehnt, die Sonnenstrahlen glitzern in seinem zerzausten Haar, und, was ist das? Eine neue Lederjacke? Wow. Woher hat er die denn? Sieht viel zu gut an ihm aus. Leo grinst, als er mich sieht, und hebt lässig die Hand.
„Na, Sunshine. Ausnahmsweise mal nicht als Erster draußen?“
Ich lache und versuche, das flatternde Gefühl in meinem Magen zu ignorieren. „Ja, ich hab ja heute Morgen schon genug verschlafen. Wo hast du die Jacke her?“
Er zuckt die Schultern. „Hab sie mir organisiert. Fühlt sich an wie ein neues Ich.“
„Steht dir“, murmle ich und spüre, wie mir die Wangen leicht warm werden.
Leo reicht mir den Helm, und ich setze ihn auf, schlinge die Arme um seine Taille und drücke mich fest an seinen Rücken. Die Lederjacke riecht nach Leder und etwas Holzigem – irgendwie nach Leo. Als er den Roller startet, drücke ich meine Stirn leicht an seinen Nacken.
„Bereit?“ fragt er und dreht sich ein bisschen zu mir um.
„Immer“, murmele ich gegen seine Schulter.
Und dann geht’s los. Der Fahrtwind saust mir um die Nase, und ich halte mich fest, lasse die Gedanken einfach treiben. Das Adrenalin der letzten Tage scheint sich für einen Moment aufzulösen, während wir durch die Stadt fliegen. Ich spüre Leos Muskeln unter der Jacke, die Bewegung seines Rückens beim Fahren. Irgendwie fühlt es sich an, als könnte ich die ganze Welt vergessen, solange ich mich an ihm festhalte.
Ein paar Minuten später erreichen wir VERTIX. Leo parkt den Roller auf dem Mitarbeiterparkplatz in der Tiefgarage, schaltet den Motor ab und schwingt sich lässig runter. Ich steige etwas unbeholfen ab und ziehe den Helm aus.
„Alles okay?“ fragt er, als er meinen etwas verträumten Blick bemerkt.
„Ja, war irgendwie schön“, murmele ich und streiche mir die Haare aus dem Gesicht.
Er lächelt und zieht mich kurz an sich, die Jacke fühlt sich kühl an, seine Umarmung warm. Doch bevor ich richtig genießen kann, grummelt mein Magen so laut, dass Leo sich vor Lachen kaum halten kann.
„Oh Mann“, prustet er. „Das war eindeutig ein Notfall-Signal.“
Ich schnaube und versuche, den peinlichen Moment wegzulächeln. „Hab halt heute Morgen quasi nichts gegessen...“
Leo nimmt meine Hand und schüttelt leicht den Kopf. „Okay, das klären wir gleich. Aber erst mal zu Thomas. Er hat gesagt, er will dich noch kurz sehen.“
Ich nicke, und wir machen uns auf den Weg durchs Foyer. Es ist seltsam ruhig für einen Wochentag, aber vielleicht liegt das an der Uhrzeit. Als wir ankommen, klopft Leo an Thomas’ Bürotür und steckt den Kopf durch den Spalt.
„Justin ist da“, sagt er kurz.
„Kommt rein“, höre ich Thomas’ Stimme.
Wir treten ein, und sofort liegt da diese seltsame Mischung aus Anspannung und stiller Nachsicht in der Luft. Ich spüre, wie Leos Finger sich kurz an meinen Schultern verkrampfen, bevor er sie löst. Thomas lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück, mustert mich einen Moment, dann zieht ein mattes Lächeln über sein Gesicht.
„Na, hast du dich von gestern erholt?“
Ich zucke mit den Schultern, spüre, wie schwer sie sind. „Mehr oder weniger. War ein bisschen viel auf einmal.“
Thomas nickt langsam, als wäre das eine Bestätigung dessen, was er schon längst weiß.
„Wie geht’s Robert?“
Ein Seufzen entweicht mir, bevor ich antworten kann. Ich lasse mich in den Stuhl fallen, als hätte mein Körper endlich die Erlaubnis bekommen, für einen Moment nicht zu funktionieren. „Besser, glaub ich. Er war total durch gestern. Alles hat sich irgendwie überschlagen. Wir haben heute Morgen sogar verschlafen...“
Thomas schmunzelt leicht. „Dann warst du wohl nicht der Einzige, der neben sich stand.“
Leo stellt sich hinter mich, legt mir die Hände auf die Schultern. Der Druck ist leicht, beruhigend, wie ein stummes „Ich bin hier“. Ich lehne mich ein wenig zurück in seine Berührung. Nur kurz. Nur um zu spüren, dass er wirklich da ist.
„Hast du heute schon was gegessen?“, fragt Thomas plötzlich, mit einem Tonfall, der fast schon nach Vater klingt.
„Nicht wirklich“, gebe ich zu und merke erst jetzt, wie leer mein Magen sich anfühlt.
„Leo“, sagt Thomas ruhig, „hol ihm bitte was Leichtes aus dem Restaurant. Eine Bowl und einen Smoothie. Keine Experimente. Keine Belastung.“
„Kommt sofort“, murmelt Leo, drückt meine Schulter ein letztes Mal und verschwindet leise aus dem Raum.
Thomas sieht mich noch einen Moment schweigend an, dann lehnt er sich vor, stützt die Unterarme auf den Schreibtisch. Seine Augen sind klar, ernst. Irgendwas liegt darin, das ich nicht ganz greifen kann.
„Ich mach mir Sorgen, Justin.“
Ich zucke leicht zusammen. Nicht, weil ich es nicht erwartet habe. Sondern, weil es das laut Ausgesprochene so echt macht.
„Die letzten Tage..., Training, der Vorfall mit deinem Bruder, die Wettkampfvorbereitung... das ist viel. Auch für jemanden wie dich. Ich frag mich, ob der Wettkampf wirklich eine gute Idee ist. Oder, ob es dich gerade eher überfordert.“
Ich will sofort widersprechen. Sofort sagen: „Nein, ich schaff das.“ Aber irgendwas an Thomas’ Blick lässt mich innehalten. Ich atme ein. Tief. Dann leise:
„Ich weiß, dass es viel ist. Aber ich will das trotzdem. Ich will das nicht einfach loslassen. Nicht nach allem, was ich reingesteckt hab.“
Thomas nickt langsam, als hätte er genau diese Antwort erwartet.
„Leo hat gestern Abend noch mit mir darüber gestritten. Und das kommt so gut wie nie vor.“
Ich hebe den Kopf, verwirrt. Denn er hat mir nix davon erzählt.
„Er hat dich verteidigt. Hat gesagt, dass du das entscheiden sollst und dass du das vermutlich brauchst. Dass du nicht nur gut vorbereitet bist, sondern auch bereit. Ich war überrascht. Er hat nicht locker gelassen. Nicht mal, als ich ihn gebeten hab, drüber zu schlafen. Und das beeindruckt mich.“
Mein Herz wird schwer und weit zugleich. Ich höre Leos Stimme in meinem Kopf. Wie er für mich streitet. Nicht gegen mich. Für mich.
Thomas lehnt sich zurück.
„Ich hab heute Morgen mit Dr. Köhler gesprochen. Lange. Er war ehrlich. Hat gesagt, dass er sich gestern verdammt unwohl gefühlt hat. Dass er es seit Jahren nicht mehr erlebt hat, dass ihn jemand so energisch angegangen ist. Und das von dir.“
Ich werde rot. Peinlich. Plötzlich sehe ich mich wieder vor ihm stehen, die Stimme laut, die Wut im Bauch. Ich hatte keine Kontrolle mehr. Ich wollte Bobby schützen. Aber jetzt.
„Es war vielleicht zu viel“, murmele ich.
Doch Thomas hebt eine Hand.
„Nein. Im Gegenteil. Wir waren beide beeindruckt. Dr. Köhler meinte, dass er selten jemanden gesehen hat, der so ruhig und zurückhaltend wirkt. Und dann plötzlich so klar und kämpferisch sein kann. Es war gut, Justin. Es war richtig. Du hast Haltung gezeigt. Und vor allem hast du gezeigt, wie wichtig dir dein Bruder ist. Dieser Zusammenhalt zwischen euch, das hat Eindruck hinterlassen.“
Ich spüre, wie sich meine Kehle zusammenzieht. Ich wollte Bobby schützen. Ich hatte Angst, ihn zu verlieren in diesem System aus Test und Kontrolle. Und ja..., ich war wütend. So wütend. Aber es war nie nur Wut. Es war Liebe. Familie. „Danke“, flüstere ich, und meine Stimme bricht fast.
In diesem Moment kommt Leo zurück. Er balanciert die Bowl und den Smoothie mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre er seit Stunden nur unterwegs, um mich zu versorgen. Er stellt beides vor mir ab und setzt sich dann neben mich. „Frühstück de Luxe“, sagt er leise und zwinkert.
Ich schnappe mir die Gabel, esse langsam. Jeder Bissen bringt mich ein bisschen mehr zurück ins Jetzt. Zurück in meinen Körper. Zurück in diese Welt, die sich gerade wieder anfängt zu drehen.
Thomas spricht weiter, doch seine Stimme ist noch sanfter jetzt. „Ich wollte, dass du das weißt. Du warst nicht zu laut gestern. Du warst stark. Und manchmal ist es das, was ein Team braucht. Jemanden, der aufsteht, wenn etwas falsch läuft. Und ich bin froh, dass du das kannst. Auch wenn es dich vielleicht überrascht hat.“
Ich nicke langsam. Und während ich kaue, während Leo meine Hand streift, fühlt es sich plötzlich nicht mehr so schwer an. Nicht mehr wie ein Fehler, laut gewesen zu sein.
Thomas lehnt sich zurück, nimmt sein Tablet wieder zur Hand. „Also. Nach dem Essen gehst du runter zu Clara. Nur ein kurzes Mental-Coaching. Danach darfst du dich locker aufwärmen. Kein Stress heute. Wir wollen nur deinen Fokus stabilisieren.“
Ich nicke. Diesmal ohne Widerstand. Leo nimmt meine Hand, als wir das Büro verlassen, und ich merke, wie die Ruhe, die Thomas mir gerade vermittelt hat, langsam in mir nachklingt. Vielleicht klappt das ja wirklich. Clara wird mir helfen, den Kopf freizubekommen. Und dann kann ich mich auf das konzentrieren, was ich am besten kann: Klettern.
Claras Büro ist angenehm kühl. Die Luft riecht nach Papier, Lavendelöl und einer leichten, schwer greifbaren Wärme, die nur Räume ausstrahlen, in denen man nicht bewertet wird. Das Licht fällt durch die hohen Fenster in langen, stillen Streifen auf den Boden, als wolle es mich dazu einladen, kurz stehen zu bleiben. Still zu werden.
Als ich eintrete, hebt Clara den Kopf von einem Stapel Notizen. Ihre Stirn glättet sich, als sie mich sieht. „Justin? Alles okay?“
Ich zucke mit den Schultern, bleibe einen Moment in der Tür stehen, bevor ich mich in den Sessel gegenüber sinken lasse. „So ähnlich. War ziemlich viel die letzten Tage.“
Clara legt den Stift zur Seite. Ihre Augen sind weich, offen. „Erzähl mal.“
Ich ringe einen Moment mit den Worten. In meinem Kopf rauscht es noch. Nicht wie ein einzelner Gedanke, sondern wie hundert Stimmen, die durcheinanderschreien. Wie nach einem Sturm, der zwar vorbei ist, aber das Chaos zurückgelassen hat. Mein Herz schlägt viel zu schnell für diesen stillen Raum. Ich schlucke. Will sprechen, aber weiß nicht, wo ich anfangen soll.
„Also..., gestern war Bobby komplett durch den Wind. KineticCore hat ihn getestet, ohne Vorwarnung. Und er dachte, er hätte was richtig Schlimmes gemacht.“ Ich merke, wie meine Stimme plötzlich dünner wird, zittrig. „Ich hab so viel Wut gespürt. So eine Angst. Ich hab, ich hab die Kontrolle verloren, und ich war laut. Richtig laut. Hab geschrien. Gegen Dr. Köhler. Gegen Thomas. Ich wusste nicht mal mehr, was ich gesagt habe. Ich wollte nur, dass sie aufhören. Dass sie endlich verstehen, wie viel das für Bobby bedeutet.“
Meine Hände sind kalt. Ich presse sie ineinander, als könnte ich mich irgendwie festhalten. Clara sagt nichts. Und gerade das hilft. „Und heute früh hab ich verschlafen. Die Schule verpasst, mein Kopf hat sich angefühlt wie ein explodierter Speicher. Alles gleichzeitig. Mein Herz schlägt, mein Kopf denkt, mein Körper will einfach nur Pause. Aber es geht nicht. Weil schon das nächste kommt. Wieder VERTIX. Trainingsplan. Und der Wettkampf am Samstag. Ich weiß nicht mal mehr, was ich gerade fühle. Ich bin einfach voll.“
Clara lehnt sich leicht zurück. Ich sehe, wie sie meine Worte wirken lässt. Ihre Ruhe ist wie ein Kontrast zu meinem inneren Dröhnen. „Voll“, wiederholt sie leise. „Das ist ein gutes Bild. Voll wie ein zu eng gepackter Rucksack, der schon bei der kleinsten Bewegung auseinanderplatzt.“
Ich nicke. Mir ist, als hätte ich seit Tagen keine Luft mehr geholt.
Sie sieht mich sanft an, ihr Blick klar und weich zugleich. „Weißt du, Justin, du hast in den letzten Wochen so viel gestemmt. Du trägst Verantwortung, wie sie viele in deinem Alter nicht mal beschreiben könnten. Du bist stark, ja. Aber selbst die stärksten Menschen dürfen müde sein. Dürfen atmen.“
Ich will antworten, aber es wird zu einem Schlucken. Ich spüre, wie meine Lippen sich leicht verziehen, wie die Tränen hinter meinen Augen kribbeln. „Ich hab Angst, dass, wenn ich loslasse, alles zerfällt.“
Clara nickt. Und das ist irgendwie tröstlich. Kein Widerspruch. Kein „aber“. Nur Verständnis. „Genau deshalb sprechen wir heute. Es gibt Werkzeuge. Kein Zauber, aber Hilfe. Methoden, die dich in dir selbst verankern, damit du stehen bleibst, selbst wenn alles andere schwankt. Möchtest du?“
Ich nicke. Wortlos. Aber innerlich brüllt mein Chaos: Ja. Bitte. Genau deshalb bin ich doch hier.
Sie leitet mich ruhig an. Ihre Stimme wie ein langsames Licht in dunklem Nebel. „Schließ deine Augen. Stell dir vor, in deinem Kopf ist ein riesiger Parkplatz. Nicht aus Beton, sondern aus Licht. Jeder deiner Gedanken kommt als Auto. Manche laut, manche rostig, manche mit Vollgas.“
Ich sehe sie kommen. Bobby. Wie er in der Küche sitzt, blass und zitternd. Leo, mit seinem Blick heute Mittag. Die Speedwand. Das leere Klassenzimmer, das ich verpasst habe. Herr Petersens Stimme. Die Angst, nicht genug zu sein. Die Wut auf mich selbst, weil ich manchmal so verdammt viel will. Und dann doch zweifle.
„Führe jeden Gedanken in eine Parkbucht“, sagt Clara leise. „Sag ihnen: Ich sehe dich. Du bist wichtig. Aber jetzt darfst du ruhen. Ich komme später zurück.“
Es wirkt albern. Am Anfang. Aber je mehr Autos ich parke, je öfter ich diesen Satz denke, desto weniger bedrängt mich der Lärm. Die Straße wird freier. Ich atme langsamer.
„Wie fühlt sich dein Parkplatz an?“, fragt Clara schließlich.
Ich flüstere: „Noch nicht leer..., aber es parkt nichts mehr mitten auf der Fahrbahn.“
„Gut“, sagt sie. Und lächelt. „Jetzt kommen wir zu deinem Anker.“
Ich öffne kurz die Augen. Dann schließe ich sie wieder, lasse mich ein. „Ein Anker?“
„Genau. Stell dir vor, dein Leben ist ein Boot. Auf einem wilden Meer. Und jedes Mal, wenn es stürmisch wird, in deinem Kopf, in deinem Körper, dann hast du einen Anker. Etwas, das dich festhält. Etwas, das dich erinnert, wer du bist.“
Mein Herz zuckt. Ich weiß sofort was, oder besser: wer, mein Anker ist. Leo. Seine Stimme. Sein Lachen. Wie er „Sunshine“ sagt. Wie er mir morgens einen Smoothie bringt, auch wenn er selbst nichts frühstückt. Wie er mich hält, ohne dass ich fragen muss.
„Lass ihn da sein“, flüstert Clara. „Hör ihn. Spür ihn. Nicht, um dich abzulenken, sondern um dich zu erinnern. Du bist nicht allein. Du bist gehalten.“
Ich spüre, wie mein Kiefer sich löst. Meine Schultern. Meine Brust. Es wird nicht ruhig in mir. Noch nicht. Aber es wird leiser.
Clara fährt fort. „Jetzt der Fokusschalter. Du hast ihn in dir. Er ist kein Knopf. Kein Befehl. Es ist eine bewusste Entscheidung. Du kannst entscheiden: Jetzt bin ich bei mir. Jetzt ist Leo. Jetzt ist Training. Alles andere parkt.“
Ich atme tief durch. Sehe den Schalter vor mir. Gedanken – Fokus. Und ich drehe ihn. Nicht für immer. Aber für jetzt.
Clara öffnet die Augen. Und ich merke, sie hat das alles schon oft gemacht. Aber heute war ich dran. Heute war ich der, der zu voll war.
„Du bist 16, Justin“, sagt sie. „Und du bist mutig, weil du nicht schweigst. Weil du nicht nur stark bist, sondern weil du auch schwach sein darfst. Und weil du etwas ganz Wichtiges getan hast: Du hast geteilt. Das ist wahre Stärke.“
Mir läuft eine Träne über die Wange. Und diesmal wisch ich sie nicht weg. Ich lasse sie laufen. Vielleicht... ist das genau das, was ich gebraucht habe. Nicht Kontrolle. Sondern: gesehen werden. Gehalten werden. Atmen dürfen. Als ich gehe, steht Leo draußen. Er lehnt an der Wand, die Arme locker vor der Brust, aber sein Blick sucht sofort meinen. Ich falle ihm in die Arme, atme seinen Duft ein – den Leo-Duft ein wenig nach Citrus-Shampoo, Vanille, Leder und Leo eben.
„Na?“, fragt er leise.
Ich nicke gegen seine Schulter. „Sie hat mir geholfen.“
Er streicht mir über den Rücken. „Komm. Wir gehen trainieren. Nicht zu hart. Nur so, dass du dich spürst.“
Ich ziehe mich langsam zurück, sehe ihn an. „Danke, dass du da bist.“
„Immer“, sagt er einfach und gibt mir einen leichten Kuss auf die Stirn.
Und als ich mich später umziehe, spüre ich es noch in mir: den Anker. Die Parkbuchten. Den Schalter. Und, inmitten all dessen, mich selbst.
Aufbruch ins Ungewisse
Die Sonne wärmt mein Gesicht, als hätte sie heute nur für mich beschlossen, weich und mild zu sein. Ich schließe die Augen für einen Moment. Die Dachterrasse von VERTIX liegt ruhig da, wie ein Ort, der kurz aus der Zeit gefallen ist. Unter mir breitet sich die Stadt aus. Ein stilles, flimmerndes Mosaik aus Dächern, Straßen und weiten Gedanken, die sich in der Wärme verlieren.
Ich atme ein. Der Wind streicht durch mein noch feuchtes Haar, und mein T-Shirt klebt mir leicht an der Haut vom Duschen. Die Mischung aus leichtem Training, Dehnung und dem meditativen Yoga war genau richtig. Mein Körper fühlt sich angenehm durchlässig an, wie frisch gespült. Die Anspannung der letzten Tage hat sich nicht aufgelöst, aber sie hat Platz gemacht. Zumindest ein bisschen.
Ich sitze da, die Arme locker über die Rückenlehne gelegt, den Blick irgendwo zwischen Himmel und Horizont. Und in mir tobt es leise. Dieses leise Flattern, das irgendwo zwischen Vorfreude, Nervosität und diesem verdammten verliebt sein liegt, das mich in letzter Zeit mehr durcheinanderbringt als jeder Trainingsplan.
Ich muss grinsen, als ich an den Morgen denke. An Leo. Wie er da stand vor der Schule, mit seinem Roller, der in der Sonne glänzte, als würde er zu einem Filmset gehören. Lässig angelehnt an die Mauer, Hände in den Taschen, die Haare ein bisschen zerzaust vom Helm. Und dann dieses Grinsen. Mein Herz hatte sofort angefangen, Faxen zu machen.
„Na, Star-Kletterer, bist du bereit für München?“ hatte er gefragt, mit dieser Mischung aus Ironie und echtem Stolz in der Stimme.
Ich hatte nur genickt. „Glaub schon.“ Aber selbst ich hatte den Zweifel in meiner Stimme gehört.
Er hatte mich einfach wortlos an sich gezogen. Ein schneller Kuss auf die Stirn. Nicht mehr, aber ich hatte ihn noch bis in die Fingerspitzen gespürt. Wie ein kleiner Stromschlag. Nur wärmer.
Im Klassenzimmer zuvor diese Blicke, ein bisschen Neid, ein bisschen Respekt. Und ich? Ich war irgendwie zu voll, um überhaupt was zu fühlen. Maik hatte mir viel Glück gewünscht. Johannes hatte mich ausgelacht und gesagt: „Zeig denen, wie ein Fisch die Wand hochklettert, Justin.“ Ich hatte lachen müssen, aber es hatte auch irgendwie weh getan. Ich will sie nicht enttäuschen.
Als wir danach bei mir zu Hause meine Sachen packten, war Leo hinter mir gestanden, ganz nah. Ich konnte seinen Atem spüren, als ich die Zahnbürste einpackte, mein Notizbuch, das alte Hoodie für abends. Er hatte mir still geholfen, meine Wettkampftrikots gefaltet. Keine Worte nötig. Nur seine Nähe. Und dieses Gefühl, dass ich ohne ihn wahrscheinlich längst den Überblick verloren hätte.
Ob ich aufgeregt war? Klar. Aber da war noch was anderes. Etwas, das in meinem Brustkorb brannte wie ein kleines Feuer, das ich nicht löschen wollte. Vielleicht war es einfach nur das: Ich war verliebt. Und das so sehr, dass es manchmal fast wehtat.
Jetzt, auf der Dachterrasse, kommt Leo gerade wieder aus dem Restaurant. Ein Tablett in der Hand, darauf zwei Schalen Obstsalat, ein paar Wraps. Sein Shirt flattert leicht im Wind. Ich beobachte ihn, ohne dass er es merkt. Oder vielleicht weiß er es längst. Manchmal denke ich, er spürt alles, was in mir los ist, bevor ich überhaupt einen Gedanken fassen kann.
Als er mich sieht, lächelt er. Dieses Lächeln, bei dem seine Augen zuerst lachen, lange bevor sein Mund es tut. Und ich bin hinüber. Wieder mal. Es ist absurd, wie schnell mein Herz bei ihm aus dem Takt gerät. Er stellt das Tablett vor uns auf den Tisch, setzt sich neben mich, die Beine lässig überkreuzt, wie immer diese beiläufige Coolness, die mich nervt und gleichzeitig fasziniert.
„Frische Energie für die Reise“, sagt er, als wäre das hier ein ganz gewöhnlicher Freitag. Ich nehme die Schale entgegen, danke leise und koste. Die Mango zergeht auf der Zunge, süß, weich, nach Sommer. Ein Geschmack wie Kindheit und Aufbruch zugleich. „Alles gut?“, fragt Leo mit vollem Mund, während er sich einen Wrap reinschiebt. Ich nicke, starre aber in die Ferne. „Ich bin irgendwie aufgeregt. Keine Ahnung, ob ich das hinkriege.“ Er sieht mich an, ernst jetzt. Und da ist wieder dieser Blick, dieser Leo-Blick, der mich gleichzeitig festhält und durchschaut. „Natürlich kriegst du das hin. Du hast die letzten Wochen durchgezogen wie ein Profi. Du bist bereit.“
Ich schlucke. Will ihm glauben. Aber irgendwas in mir rebelliert. Diese Stimme, die immer flüstert: Was, wenn du’s versaut? Was, wenn du nur so tust, als wärst du bereit? „Es ist komisch. Ich freu mich ja. Wirklich. Aber gleichzeitig hab ich Schiss. Was, wenn ich versage?“
Leo sagt nichts. Stattdessen legt er einfach seine Hand auf meine. Unsere Finger verschränken sich wie von selbst. Ich spüre seine Wärme. Seine Haut. Und irgendwas in mir beruhigt sich. Nicht komplett. Aber ein bisschen.
„Dann versackst du‘s eben“, sagt er leise. „Aber du wirst nicht untergehen. Und ich werde da sein. Egal, ob du gewinnst oder auf der letzten Stufe hängst.“ Seine Worte treffen mich tiefer als gedacht. Ich atme ein, atme ihn. Und ich spüre: Das hier ist nicht mehr nur ein Abenteuer oder eine schöne Verliebtheit. Das ist... mehr. Das ist echt. „Außerdem“, setzt er mit einem kleinen Grinsen nach, „ist das unser erster gemeinsamer Trip. Ein ganzes Wochenende du und ich. Hotel. Chaos. Minibar. Ich freu mich drauf.“
Ich lache. „Hotel, Minibar und du. Klingt gefährlich.“ „Oh, ist es auch.“ Er beugt sich leicht vor, seine Lippen streifen meine Wange. „Aber ich pass auf dich auf.“ Ich lege den Kopf gegen seine Schulter. Kurz nur. Aber lang genug, um zu merken, wie sehr ich ihn brauche. Und wie sehr ich ihn liebe, auch wenn ich es noch nicht aussprechen kann. Noch nicht.
„Noch eine halbe Stunde“, murmele ich. Mein Blick bleibt am Himmel hängen, der in dieser Weite irgendwie tröstlich wirkt. „Glaub mir“, sagt Leo leise, „die vergeht schneller, als du denkst. Und ehe du’s merkst, sitzt du im Teambus, mit verschwitzten Socken und zu vielen Gedanken.“ Ich seufze, lege die Gabel zur Seite. „Hast du alles eingepackt?“ „Ich? Ich bin Profi“, sagt er und stupst mich an. „Und du auch. Dein Kopf kommt schon noch nach.“ Ich nicke. Schaue ihn an. Und flüstere: „Danke, dass du dabei bist.“ Er sieht mich lange an. Ganz lange. Dann sagt er nur: „Ich wär nirgends lieber.“ Und für einen winzigen Moment fühlt sich alles nicht mehr nach Aufbruch ins Ungewisse an, sondern wie ein Ankommen. Bei mir. Bei Leo. Und vielleicht, ganz vielleicht, auch bei dem, der ich gerade dabei bin zu werden.
„Hey“, sagt er plötzlich, „was hältst du davon, wenn wir die Playlist für die Fahrt zusammenstellen? Etwas Motivierendes. Und vielleicht ein paar Songs, die dich entspannen.“ „Gute Idee“, murmle ich und grinse. „Hauptsache, du fängst nicht an zu singen.“ „Hey!“, protestiert Leo gespielt beleidigt, und ich kann nicht anders, als zu lachen. Der Moment fühlt sich gut an, wie ein kleiner Ruhepol vor dem Sturm.
Als wir aufgegessen haben und die Playlist fürs Wochenende endlich steht, eine wilde Mischung aus motivierenden Tracks, ein paar chilligen Songs und natürlich Leos unschlagbarem Vorschlag: Eye of the Tiger, machen wir uns auf den Weg nach unten. Leo schnappt sich das Tablett und bringt es zurück ins Restaurant, während ich noch kurz auf der Dachterrasse stehen bleibe und den Ausblick genieße. Die Sonne brennt auf meine Haut, und ich kann nicht anders, als tief durchzuatmen. Als Leo zurückkommt, legt er den Arm um meine Schultern, und wir gehen zusammen zur Treppe. „Bereit?“ fragt er mit einem schiefen Grinsen. „Ja“, murmele ich, „glaub schon.“
Die Treppen hallen wider, und die kühle Luft in der Tiefgarage ist eine angenehme Abwechslung zur Wärme draußen. Als wir um die Ecke biegen, sehe ich ihn: den Teambus. Ein riesiger, silberner Sprinter, der mit dem VERTIX-Logo und dynamischen Klettermotiven beklebt ist. Auf der Seite prangt in großen, fetten Buchstaben: VERTIX – Reach New Heights. „Wow“, entfährt es mir. Leo lacht. „Sieht ziemlich cool aus, oder?“ „Total.“
Als wir näherkommen, sehe ich, dass die Heckklappe bereits offensteht. Thomas und Finn sind gerade dabei, die letzten Ausrüstungsgegenstände zu verstauen. Riesige Kisten mit Kletterausrüstung, Boxen mit medizinischem Equipment, Taschen voller Kleidung und technische Ausrüstung. Ich staune, wie viel da reinpasst.
„Da bist du ja“, ruft Thomas, als er mich sieht. „Kannst du mal den Rucksack da rüberschieben?“ Ich greife zu und stemme die Tasche in den Wagen. „Was ist denn da alles drin?“ Finn grinst. „Alles, was man für einen kleinen Ausflug braucht, und noch ein bisschen mehr. Kameras, Objektive, Drohnen, Stative, Akkus. Ach ja, und jede Menge Snacks.“ „Snacks?“, frage ich neugierig. „Für die langen Abende“, erklärt Finns Assistent, ein Typ in den Zwanzigern mit wilden, roten Locken und einem immer leicht verpeilten Blick. „Ich bin übrigens Tobi.“ „Hi“, sage ich und schüttele seine Hand. „Alles klar?“, fragt Finn, und ich nicke.
Neben uns schiebt Sophie eine weitere Tasche mit Verbandsmaterial und Massagelotionen in den Bus. „Man weiß ja nie, was alles gebraucht wird“, sagt sie schulterzuckend. „Und ich dachte, ich wäre mit meinem Rucksack schon überfordert“, murmle ich leise. Leo lacht leise neben mir.
Thomas deutet auf eine Reihe von flachen Boxen. „Die Plakate und Banner sind auch dabei. Die Kampagne wird bei der Pressekonferenz offiziell vorgestellt, also brauchen wir das ganze Branding. Und die Outfits natürlich.“ „Wow“, sage ich, beeindruckt. „Ihr seid echt auf alles vorbereitet.“ Thomas zwinkert. „Man lernt mit der Zeit. Vorbereitung ist die halbe Miete.“
Liam taucht plötzlich neben uns auf, die Hände in den Taschen, und mustert den Bus. „Ganz schön vollgeladen“, murmelt er. „Ja“, stimmt Leo zu, „aber irgendwie cool. Sieht aus wie ein kleines Abenteuer.“ Wir laden die letzten Sachen ein und klettern ins Innere. Der Sprinter ist riesig, und obwohl er vollgepackt ist, wirkt er innen gemütlich. Im Mittelteil gibt es eine kleine Sitzecke mit einem richtigen Tisch, um den sich die Sitze gruppieren. An den Wänden sind kleine Bildschirme, und überall liegen Decken und Kissen.
Der Bus ist wie ein kleines mobiles Wohnzimmer. Nicht nur optisch. Mit den weichen Polstern, dem hellgrauen Stoff an den Sitzen, den Vorhängen, die in der Nachmittagssonne leicht flirren, sondern auch vom Gefühl her. Die Tür schließt mit einem Zischen hinter uns, und ein leises Ruckeln geht durch den Wagen, als der Motor anspringt.
Ich sitze ganz hinten. Ganz hinten, in der letzten Reihe, die sich über die komplette Breite zieht. Leo direkt neben mir. Eigentlich fast auf mir. Nicht, weil es keinen Platz gäbe, sondern weil es sich richtig anfühlt. Weil sein Oberschenkel sich warm an meinen presst, sein Knie manchmal leicht gegen meines stößt, seine Hand meine zwischendurch findet, als hätte sie genau darauf gewartet. Keine Ausreden mehr. Kein Verstecken.
Sophie sitzt vor uns, die Beine überkreuzt, ihre Haare zu einem lockeren Dutt gebunden. Sie scrollt durch irgendwas auf dem Tablet und schmunzelt leise, als Finn sich von der Seite einen Snack aus ihrer Tasche mopst. Tobi – dieser leicht verpeilte Typ mit den roten Locken – hat sich quer über zwei Sitze gelegt und knipst ununterbrochen Fotos durch die Busfenster. Liam lehnt an der Tür, Kopfhörer in den Ohren, den Blick auf das Handy gesenkt, als wäre alles da draußen nur noch Hintergrundrauschen.
Es ist ruhig. Angenehm ruhig. Leo hat den Arm locker um meine Schultern gelegt. Ich lasse mich dagegen sinken, spüre die Bewegung seiner Brust beim Atmen, das feine Kratzen des T-Shirts auf seiner Haut. Es riecht nach Waschmittel, Sonne – und Leo. Dieser Geruch, den ich nicht mal beschreiben kann, weil er nichts Konkretes ist. Nur Vertrautheit. Und Wärme.
Meine Finger tasten unter der Decke, die über unseren Beinen liegt, nach seiner Hand. Und sofort ist sie da. Umklammert meine, fest genug, um mir zu zeigen, dass ich nicht allein bin, aber weich genug, um mich nicht einzuengen.
Ich lehne mich mehr an ihn. Mein Kopf an seiner Schulter. Mein Herz irgendwo zwischen Nervosität und dieser unvernünftigen, unbändigen Verliebtheit, die mich immer wieder überrollt, wenn ich in seiner Nähe bin. Die Stadt zieht langsam an uns vorbei. Straßen. Ampeln. Bäume. Menschen, die keine Ahnung haben, dass für mich gerade eine Welt aufgeht.
„Alles okay?“, fragt Leo leise. Seine Lippen sind nah an meinem Ohr. Nicht zu nah. Gerade so, dass ich seine Stimme mehr fühle als höre. Ich nicke. Dann zögere ich. „Ich glaub... ja. Es ist nur alles so viel. Und gleichzeitig... schön.“ Er zieht mich ein Stück näher an sich. Ich spüre seinen Kuss an meinem Haaransatz. „Ich weiß. Aber du bist nicht allein, Sunshine.“ Sein Flüstern streicht wie ein warmer Hauch über meine Haut. Ich schließe die Augen. Versuche, mich an diesen Moment zu klammern. Nicht an den Wettkampf. Nicht an Erwartungen. Nur an das Hier. An Leo. An uns.
Tobi kichert leise auf der anderen Seite des Buses, irgendwas an seinem Handy bringt ihn zum Lachen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er uns beobachtet. Nicht unangenehm. Eher neugierig. Als würde er ein bisschen sehnsüchtig zuschauen. Ich weiß nicht, ob er’s merkt, aber ich spüre seine Blicke manchmal, so im Augenwinkel. Vielleicht ist es ihm auch unangenehm. Vielleicht ist es aber auch einfach nur neu für ihn. Aber es ist mir egal. Ich bin müde, mein Kopf fühlt sich wie Watte an, und Leos Finger streicheln meine Handrücken in kleinen, fast unmerklichen Bewegungen. Wir flüstern noch ein bisschen. Über die Playlist. Über das Hotel. Darüber, wie die Pressekonferenz wohl wird und ob die Betten bequem sind. Es ist belanglos. Und gleichzeitig wichtig. Weil es uns durch den Moment trägt. Weil ich merke, wie Leos Stimme mich runterholt, während draußen die Welt an uns vorbeizieht. Meine Beine sind an seine gelehnt, unsere Schultern berühren sich in jeder Kurve, in jeder Bremsung. Der Bus fährt gleichmäßig, das Ruckeln wird zu einer Art Schaukelbewegung. Und ich merke, wie meine Gedanken langsam leiser werden. Ich gähne, versuche es zu unterdrücken, aber Leo bemerkt es trotzdem. „Schlaf ruhig ein bisschen“, murmelt er. Ich will erst widersprechen, aber mein Körper ist längst anderer Meinung. Ich nicke. Nur kurz. Dann lege ich den Kopf gegen seine Schulter, schiebe die Beine ein bisschen enger zu mir ran. Leo zieht die Decke bis an meine Brust, und dann... ist es einfach nur still. Seine Hand auf meinem Oberarm. Seine Wange an meinem Haar. Mein Atem verlangsamt sich. Ich spüre noch das dumpfe Geräusch der Reifen auf dem Asphalt. Dann... nichts mehr. Nur Wärme. Nur Nähe. Nur Leo.
Ich träume nicht. Oder ich erinnere mich nicht daran. Alles, was bleibt, ist dieses Gefühl von Geborgenheit. Wie ein sicherer Ort, in dem ich nichts leisten muss. Und als ich die Augen wieder öffne, ist es draußen dunkler geworden. Das Licht wechselt von Gold zu Grau, die Straßen enger, die Geräusche dichter. Leo ist wach. Seine Finger streichen immer noch ganz sanft über meinen Arm. Er bemerkt, dass ich mich bewege. „Hey“, flüstert er. „Willkommen zurück.“ Ich brauche einen Moment, um mich zu orientieren. „Wo sind wir?“ „München. Fast da. Thomas sucht gerade nach der richtigen Abfahrt.“ Ich reibe mir die Augen. Mein Nacken ist ein bisschen steif, aber das ist egal. Ich habe geschlafen. Richtig geschlafen. Und das sagt mehr aus als alles andere. Leo zieht mich nochmal an sich, drückt kurz seinen Mund an meine Stirn. „Ich hab dich die ganze Zeit gehalten“, sagt er. Und ich glaube ihm.
Die Zeit ist schneller verflogen als erwartet. Irgendwann, als die Welt draußen langsam dichter wird und das Licht in den Fenstern golden tanzt, ruft Thomas von vorn: „Wir sind gleich da. Noch etwa zehn Minuten.“ Die Worte wirken in meinem Körper wie ein Schalter. Ich richte mich leicht auf, noch immer halb in Leos Armen, und spüre, wie mein Herz plötzlich anfängt zu klopfen. Nicht schnell. Aber tiefer. Als würde es mit jedem Schlag fragen: Bist du bereit? Leo scheint es zu spüren. Seine Hand wandert sanft auf meinen Oberschenkel, seine Finger wärmen meine Jeans durch den Stoff. Nicht fest. Nur da. Still. Und das reicht, um meinen flatternden Atem ein Stück zu beruhigen. „Aufgeregt?“, fragt er leise, sein Gesicht dicht an meinem Ohr, während der Bus in eine breitere Straße einbiegt. Ich nicke. „Ein bisschen... Es ist einfach... groß. Alles.“ Mehr kann ich nicht sagen. Weil Worte gerade nicht reichen, um zu beschreiben, was in mir tobt. Es ist diese Mischung aus Neugier, Furcht und einem ganz tiefen Wunsch, zu zeigen, was in mir steckt. Und gleichzeitig nicht unterzugehen in all dem, was da kommt.
Liam dreht sich auf seinem Platz vorn halb zu uns um. Sein Blick ist entspannt, fast ein bisschen verschmitzt. „Die Halle ist echt beeindruckend. Du wirst Augen machen, Justin.“ Ich lächle schief zurück, aber mein Brustkorb fühlt sich plötzlich eng an. Als würde er wissen, dass da drinnen gleich mehr von mir verlangt wird, als ich vielleicht bereit bin zu geben.
Als wir in München einfahren, schaue ich aus dem Fenster. Versuche, die Stadt aufzusaugen. Die alten Fassaden, das Gewusel der Menschen, Radfahrer, Autos, Ampeln, die so unbeteiligt wechseln, als wäre das hier ein ganz normaler Freitag. Für sie vielleicht. Für mich ist’s alles andere als normal. Ich lehne meine Stirn für einen Moment an die Scheibe. Die Kälte tut gut. Es sortiert meine Gedanken nicht, aber es macht sie greifbarer.
Dann: der Parkplatz. Thomas lenkt den Teambus auf ein breites Areal direkt neben einem Gebäude, das sofort meinen Blick fesselt. Glasfassade. Riesig. Modern. Und darüber, fast schwebend im Licht: bunte Banner mit dem ClimbX-Logo. In großen Lettern. In leuchtenden Farben. Als würde das Gebäude selbst rufen: Hier beginnt was Großes. Ich atme flach. „Wow“, flüstere ich. „Das sieht krass aus.“ Leo grinst und sieht mich von der Seite an. Ich merke seinen Blick, bevor ich ihn sehe. „Ich hab’s dir ja gesagt. Das hier ist nicht irgendein Wettkampf. Es sind die ClimbX Open. Und du gehörst dazu.“ Diese Worte – du gehörst dazu – setzen sich irgendwo in mir fest. Ich kann es nicht greifen. Aber sie machen was mit mir. Vielleicht, weil sie von ihm kommen. Vielleicht, weil ich so gern glauben will, dass sie stimmen.
Der Bus kommt zum Stehen. Türen werden geöffnet, ein letzter Moment der Stille, dann Bewegung. Thomas dreht sich zu uns. „Okay, Leute. Wir machen’s so: Finn, Tobi, Sophie und Erik. Ihr ladet das Equipment aus, bereitet drinnen alles vor. Justin, Leo, Liam, ihr geht schon mal vor. Lass die Halle auf dich wirken, Justin. Das ist wichtig.“ Ich nicke langsam. Schlucke. Mein Mund fühlt sich plötzlich trocken an.
Die Luft draußen schneidet kühler durch meine Haut als erwartet. Fast stechend nach der Wärme im Bus. Ich ziehe unbewusst die Schultern hoch, strecke mich, als müsste ich meinen Körper erst wieder daran erinnern, wie viel Platz er hat.
Liam wartet schon ein paar Meter voraus, Hände in den Taschen, ein leichtes Grinsen. „Komm. Ich zeig dir die Halle. Ich war hier schon ein paar Mal – ist ’ne echt andere Welt da drinnen.“
Es ist, als würde hinter uns das Geräusch von Kisten, Stimmen, Anweisungen langsam verblassen. Die Welt wird leiser, aber mein Herz wird lauter. Wir treten auf den breiten Vorplatz. Die Sonne gleitet über die riesigen Glasflächen der Fassade wie über Wasser. Modern. Hohe Front. Transparente Fronten, die tagsüber Licht einfangen und nachts leuchten dürften wie ein eigenes Sternbild. Und überall Banner. ClimbX Open – international, fett, neonfarben. Athleten aus aller Welt lachen uns entgegen, mitten in Bewegung, mitten im Kampfgeist. Es wirkt wie der Eingang zu irgendeinem epischen Ort, nicht zu einer Sporthalle.
Je näher wir kommen, desto intensiver knistert es in meiner Brust. Im Foyer ist es warm, aber nicht stickig. Riesige Schilder leiten Teams in verschiedene Richtungen. Stimmengewirr. Ich höre Englisch, Französisch, Italienisch. Ein paar slawische Sprachen, die ich nicht zuordnen kann. Leute mit Teamjacken laufen herum, die Logos glänzen im Licht. Und überall diese Poster: Athleten im Sprung, Griffe in unmöglichen Winkeln, Hände voller Chalk, Gesichter voller Fokus.
Liam bleibt kurz stehen, sieht sich um. „Morgen wird’s hier voll. Heute ist’s entspannt. Viele reisen noch an. Aber morgen ist es ein Hexenkessel.“ Ich nicke langsam, aber meine Kehle ist trocken. Wir gehen durch eine weitere Glastür. Und dann stehen wir plötzlich in einer anderen Welt. Die Halle erschlägt mich für einen Moment. Nicht mit Lautstärke, sondern mit Weite. Es ist… gigantisch.
Die Decke spannt sich fast wie ein Himmelszelt über uns, hochgezogen bis zu Metallträgern, die in der Höhe verschwinden. Lichtleisten laufen parallel wie Startbahnen eines Flugfeldes. Links fällt sie mir sofort ins Auge: Die Speed-Wand. 28 Meter hoch, rot-weiß, glatt, brutal, symmetrisch. Genormt. Identisch auf jedem Kontinent. Als würde sie sagen: Ich bin fair für alle – aber gnadenlos für jeden.
„Die Speed-Wand bleibt immer stehen“, erklärt Liam, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Wird nur gecheckt, ob die Sensoren funktionieren. Sonst ist die schon fertig.“ Ich schlucke. Der rote Streifen wirkt fast wie ein Alarmsignal.
Rechts breitet sich der Boulderbereich aus – riesig. Ein ganz eigener Kontinent. Überhängend, schräg, steil, mit Volumen so groß wie Möbelstücken. Die Wände sind bereits in Sektoren eingeteilt: Mit Farben markiert, Nummern, Zonenaufklebern, die morgen für Wertungen wichtig sind. Aber: Keine Boulder sind geschraubt. Noch nicht. Nur nackte Wand. Leere Volumen. Kleine Markierungen, wo morgen die Griffe hinkommen.
Ein paar Routenbauer laufen herum, prüfen Abstände, messen mit Lasern, halten farbige Tape-Streifen an die Wand. „Morgen kommen die Routen drauf“, sagt Liam. „Alles geheim bis dahin. Damit du nix vorher üben kannst.“
Ich nicke. Und doch sehe ich schon jetzt die Linien im Kopf. Oder bilde sie mir jedenfalls ein. Der Geruch der Halle: Chalk, Gummi, frische Farbe, Metall. Ein Mix aus Konzentration und Erwartung.
Leo tritt neben mich, legt seine Hand an meinen Rücken. Warm. Ich lasse den Blick schweifen und mein Herz hämmert ein Stück schneller. Es fühlt sich an, als würde mein Körper schon klettern wollen. Wir gehen weiter. Vorbei an den glatten Innenwänden, durch eine breite Tür, hinaus in ein halboffenes Areal. Und hier bleibt mir kurz die Luft weg.
Die Lead-Arena ist… kolossal. Nicht wie eine Halle. Eher wie ein Open-Air-Theater. Die Wände sind in die Höhe geschraubt, manche überhängend wie Dächer, manche so glatt, dass sie fast einschüchternd wirken. Die Wände wirken wie Berge, künstlich zwar, aber majestätisch. Riesige Metallgerüste halten die Konstruktion. LED-Scheinwerfer sind entlang der Kanten montiert, bereit, morgen alles in Licht zu tauchen.
Rundherum: Tribünen. Platz für mehrere tausend Zuschauer. Noch leer, aber ich stelle mir vor, wie es sein wird, wenn da Menschen sitzen. Wenn sie schreien, jubeln, packen, filtern, wenn Stille über alles fällt, kurz bevor ein Athlet einen schwierigen Zug versucht. „Hier findet Lead statt“, sagt Liam. „Parallel für alle Altersklassen. Die Routen sind natürlich noch nicht geschraubt. Die Mädels vom Routenbau-Team machen das morgen früh, während wir in der Isolation sind.“
Er zeigt nach oben. Über uns wehen Banner. Boulder – Speed – Lead – Youth / Y16 / U18 / Open. „Hier geht’s morgen echt ab. Viele Fans kommen extra für Lead. Ist halt der dramatischste Teil. Volle Arena, Musik, Kommentatoren… Macht Druck. Aber auch…“
Er sucht nach dem Wort, „… magisch.“
Ich nicke. Kann nichts sagen. Weil alles in mir schreit: Ich will genau hier hoch. Ich will genau das fühlen. Und gleichzeitig: Bitte lass mich nicht versagen. Leo steht dicht neben mir.
Seine Schulter berührt meine. Diese kleine Berührung hält mich fest. Dort, wo ich sonst wegrutschen würde. „Atme“, flüstert er. Ich tue es. Und die Luft schmeckt nach kaltem Metall und aufregender Zukunft. Liam führt uns weiter, jetzt durch eine schmale Backstage-Tür. Hier ist es leiser. Privater. Fast wie die Schattenseite der glitzernden Arena.
„Hier ist der interne Bereich“, erklärt er. „Da, wo du morgen Zeit verbringst, bevor du startest.“ Links: Teamräume, Türen mit kleinen Schildern: VERTIX, Team France, Team Slovenia, Team GB… Wir haben unseren eigenen. „Da können wir uns umziehen, unsere Sachen lassen, kurz runterkommen.“
Rechts: Physio. Sophie wird hier morgen massieren, tapen, dehnen. Ich sehe schon die Liegen, sauber sortierte Boxen, Eisbeutel, Wärmetücher. Weiter hinten: Isolation. Ein Raum, der von Paravents abgetrennt ist. Schlicht. Matten. Stühle. Eine Uhr. Ein paar Kisten voller Kram. „Hier bleibst du morgen, bis du dran bist“, sagt Liam ruhig. „Kein Blick nach draußen. Keine Ahnung, wie die Route aussieht. Du wärst sonst im Vorteil. Die Regeln sind streng.“ Ich schlucke. Der Raum wirkt still, zu still. Wie der kurze Moment vor einem Gewitter. „Ist nicht so schlimm, wie’s aussieht“, sagt Liam leise. „Du bist nicht allein. Die anderen sind auch da. Wir sind alle da und unterstützen dich. Halt von draußen“. Ich nicke. Die Erklärungen, die Räume, die Luft — alles drückt ein bisschen schwer. Aber gleichzeitig fühlt es sich nach echtem Wettkampf an. Nach: Ich bin Teil davon. Leo nimmt meine Hand. Sein Daumen streicht über meine Finger. „Du packst das“, murmelt er. Und ich glaube es für einen Moment. Als wir später wieder in Richtung Ausgang gehen, der Himmel draußen golden glüht, wirkt die Halle anders auf mich. Nicht weniger einschüchternd. Aber… vertrauter.
Bernsteinfarbenes Licht fällt durch die Glasfront, Bouldervolumen werfen weiche Schatten, die Speed-Wand glänzt rot wie ein Herzschlag, und die Lead-Arena draußen scheint bereit, morgen zu brüllen. Und tief in mir…, zwischen Angst und Vorfreude…, ist da etwas, das wächst. Stolz. Ein zaghafter, unsicherer, aber echter Stolz. Ich bin hier. Wirklich hier. Nicht perfekt. Nicht fertig. Aber bereit, mich zeigen zu dürfen. Leo legt seinen Arm in meinen Nacken. Seine Stirn berührt kurz meine Haarlinie. Warm. Ehrlich. Bodenständig. „Du musst nichts beweisen“, flüstert er. „Nur zeigen, wer du bist.“ Das trifft mich. Tief. Ich atme ein, atme die Halle ein, atme mein Zittern ein. Und als wir die Tür hinter uns schließen und der Abend in goldenes Licht fällt, weiß ich: Morgen wird alles passieren. Und ich werde da sein. Mit allem, was ich bin. Und mit Leo, der meine Hand hält, als würde er mich daran erinnern, dass ich nicht allein durch diese Welt muss.
Ein Zimmer. Zwei Herzen. Und ein bisschen Zuhause.
Vor der Halle treffen wir die anderen. Der Bus ist mittlerweile leer, aber Thomas und Finn haben einen riesigen Gepäckwagen organisiert. Überladen mit Kamerakoffern, Stativen, Massageausrüstung, Bannerrollen und einer ganzen Wand aus Sporttaschen. Es sieht aus, als würde VERTIX ein eigenes kleines Festival eröffnen. Ich muss kurz grinsen bei dem Gedanken. Thomas nickt uns zu, zufrieden, aber auch irgendwie wachsam. „Gut, dass ihr die Runde gemacht habt. Wir bringen das Zeug ins Hotel. Da können wir uns in Ruhe sortieren.“ Ich nicke und spüre wieder diesen kurzen Druck im Bauch, wie ein Hauch von Lampenfieber. Als ob ich innerlich die Luft anhalte, seit wir angekommen sind.
Das Sporthotel liegt direkt neben der Halle. Modern, hell, fast zu ruhig nach dem Lärm, der in der Halle herrschte. In der Lobby riecht es nach frischem Holz und Wasser, der kleine Brunnen plätschert gleichmäßig. Auf der großen Tafel gegenüber glitzern die Startlisten im Licht. Ich finde meinen Namen: J. MÜLLER – Kategorie Jugend männlich, Lead, Boulder, Speed. Mein Herz stolpert, als hätte jemand kurz den Ton aus der Welt genommen. Ich bin wirklich hier.
Leo tritt neben mich, so dicht, dass ich seinen Ärmel an meinem spüre. Er sagt nichts. Nur eine Hand, leicht an meinem Rücken, ein Daumendruck, der mir sagt: Atme. Diese Berührung ist klein, aber sie erdet mich. Alles um mich herum rückt wieder an seinen Platz. Und trotzdem... ist alles neu. Fremd. Überwältigend.
Ich bin zum ersten Mal in einem Hotel. Und obwohl das hier kein prunkvoller Palast ist, fühlt es sich riesig an. Hochglanzböden, Zimmerkarten, Empfangsschalter, Check-In-Prozesse, Infobildschirme, Menschen in Uniformen. Die Flure sind endlos lang, die Türen alle gleich. Ich merke, wie meine Unsicherheit sich langsam an die Oberfläche schiebt. Nicht laut. Aber spürbar. Wie eine leise Stimme, die fragt: Und was, wenn du dich verlierst? Wenn du was falsch machst? Leo scheint es zu merken, ohne dass ich etwas sage. Er lehnt sich zu mir und flüstert: „Hey, brauchst keine Angst haben. Ich zeig dir alles, okay? Das ist halb so kompliziert.“ Ich nicke. Und bin ihm unendlich dankbar dafür.
Er zeigt mir, wie man die Schlüsselkarte benutzt, wie die Karte auch den Strom im Zimmer aktiviert, erklärt, wo die Frühstückszeiten angeschlagen sind, was man beim Buffet beachten sollte, wie man im Fahrstuhl den richtigen Knopf drückt und dass man das Wasser aus dem kleinen Kühlschrank lieber nicht einfach trinken sollte: „Zu teuer, glaub mir.“
Ich merke, wie ich langsam wieder atmen kann. Leo macht es leicht. Die Welt wirkt nicht mehr ganz so groß, wenn er neben mir steht. Ich lächle. Es ist nicht alles so kompliziert, wie mein Kopf es gerade machen will. Es sind einfach nur viele Eindrücke. Viele erste Male. Und inmitten dieses inneren Gewusels ist da Leo – mein Anker, mein Ruhepol. Thomas redet vorne mit der Rezeption, verteilt Schlüssel, ruft Zeiten durch. Leo steht mit unserer Tasche etwas abseits. Als ich zu ihm gehe, neigt er sich zu mir, und seine Stimme ist nur für mich: „Wir haben ein Zimmer zusammen.“ Ein kurzer Blick. Ein Grinsen, das mich jedes Mal unvorbereitet trifft. So selbstverständlich und doch so besonders. „Gut“, sage ich leise. Dann bist du bei mir. Und damit meine ich mehr, als ich aussprechen kann.
Liam gähnt übertrieben. „Ich geh schon mal gucken, wie die Zimmer sind. Treffpunkt in einer Stunde unten?“
Thomas nickt. „Macht euch frisch. Danach essen wir und planen morgen.“
Der Flur ist lang, mit Teppich, der jeden Schritt verschluckt. Leo geht vor mir, Schultern locker, Schlüsselkarte in der Hand. Ich beobachte, wie sich sein Nacken unter dem Stoff bewegt, und frage mich, wie jemand so selbstverständlich wirken kann. Die Tür fällt leise hinter uns ins Schloss, als würde sie die Welt draußen für einen Moment aussperren. Und plötzlich ist da nur noch dieses Zimmer. Und wir. Es ist ruhig, fast zu ruhig, die Art von Stille, die einem kurz in die Knochen fährt. Der Teppich dämpft jeden Schritt. Das Licht ist weich, als hätte es genau diesen Moment erwartet. Zwei zusammengeschobene Einzelbetten wie ein unausgesprochener Vorschlag.
Leo atmet tief durch und wirft die Tasche aufs Bett, dreht sich halb zu mir um. Dieses kleine Schulterzucken von ihm. Lässig, aber irgendwie warm. „Nicht schlecht, oder?“ Ich nicke. Aber mein Blick hängt nicht am Zimmer. Er hängt an ihm. An der Art, wie sein Shirt sich über den Schultern spannt, wie sein Nacken leicht angespannt ist vom Tag, wie ein paar seiner Haare nach vorn fallen. Ich frage mich, seit wann allein dieser Anblick meinen Puls beschleunigt.
Ich setze mich aufs Bett. Die Matratze gibt nach, aber Leo gibt auch nach. Er setzt sich neben mich, nah genug, dass unsere Oberschenkel sich berühren. Eine unauffällige Berührung, aber sie brennt sanft durch den Stoff meiner Jeans. Ich rutsche ein winziges Stück näher, ohne nachzudenken. Leo merkt es. Ich spüre es daran, wie sein Atem ganz leicht schneller geht, bevor er seinen Arm um meine Schultern legt. Keine große Geste. Eher ein „ich bin da“ – aber mit einer Wärme, die mir bis in den Bauch zieht.
Ich lehne mich an ihn. Es geschieht einfach. Als würde ein Teil von mir sagen: Hier. Genau hier gehörst du hin. „Hey,“ murmelt Leo nah an meinem Ohr. Seine Stimme klingt tiefer, weicher als sonst. „Du packst das. Und falls du’s vergessen hast: ich bin bei dir.“ Ich atme ihn ein. Seife. Sonne. Ein Hauch von Wärme, der nur er ist. Ich schließe kurz die Augen, weil ich sonst vielleicht zu viel sehen würde. Oder zu viel wollen. „Allein, dass du da bist…, das hilft,“ flüstere ich. Leo löst eine Hand von meiner Schulter, um mir eine Strähne hinter das Ohr zu schieben. Sein Daumen bleibt an meiner Wange liegen. Ein paar Sekunden zu lang, um zufällig zu sein. „Ich bin immer bei dir, Sunshine.“ Dieser Name. Sunshine. Ich fühle ihn wie ein Kuss, direkt unter der Haut.
Dann drehe ich mich ein wenig zu ihm, unsere Stirnen berühren sich. Ein kurzer, schwebender Moment. Wir teilen denselben Atem. Ich spüre, wie mein Herz gegen seinen Brustkorb schlägt, als müsste es prüfen, ob er noch da ist. Und irgendwo zwischen Atemzug und Nähe entsteht diese Spannung, warm, zart, aber eindeutig. Es wäre so leicht, ihn jetzt zu küssen. So, so leicht. Leo blinzelt, schaut mir in die Augen, und ich sehe es, er denkt dasselbe. Sein Blick wandert zu meinem Mund. Einen Atemzug lang tun wir beide nichts. Atmen nur. Spüren. Wollen.
Dann lehnt er seine Stirn wieder an meine, löst den Moment mit einer Sanftheit, die fast wehtut. „Bist du bei mir?“, fragt er leise. „Jetzt ja“, flüstere ich. Und ich meine es so sehr, dass es fast brennt. Wir verharren so. Warm. Eng. Sicher. Die Welt draußen könnte verschwinden, und ich würde es nicht bemerken. Erst als Leo ganz langsam seine Arme löst, atme ich wieder normal. Zumindest versuche ich es. Wir packen aus, und ich versuche mich zu konzentrieren. Ein Shirt. Socken. Doch plötzlich halte ich etwas in der Hand, das mich mitten im Tun stoppen lässt. Eine dunkelblaue Boxershort. VERTIX-Logo am Bund. Der Stoff glatt, geschmeidig, fast sinnlich. „Warte mal…“, murmle ich. „Wo hast du die denn her?“ Leo dreht sich um. Sein Blick ist zu unschuldig. Zu bewusst unschuldig. „Neue Kollektion,“ sagt er mit einem Grinsen, das gefährlich nah an einem Kuss ist. „Frisch aus dem Labor. Dachte mir, du siehst gut drin aus.“ Mir wird warm. Überall. „Woher weißt du überhaupt meine Größe?“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich hab Augen. Und ich setz sie richtig ein.“ Ich schnaube. „Soll ich jetzt ’ne Modenschau machen?“
Leo lehnt sich mit den Ellbogen auf das Bett, sein Blick gleitet langsam von meinem Gesicht zur Shorts… und wieder zu mir. Langsam. Wirklich langsam. „Ich hätte nichts dagegen.“ Meine Wangen brennen. Mein Bauch macht einen Satz. Und trotzdem, ich spiele mit. Ich schlenkere die Shorts ihm entgegen. Er fängt sie in der Luft, ohne hinzuschauen. „Du bist unmöglich,“ murmele ich. Er zwinkert. „Und du magst das.“
Ich gehe ins Bad, spritze mir Wasser ins Gesicht. Als ich mich im Spiegel sehe, erkenne ich einen Ausdruck, den ich kaum kenne: Aufregung. Zartes Stolz sein. Und… Hoffnung. Als ich herauskomme, liegt Leo ausgestreckt auf dem Bett. Die Hände hinter dem Kopf. Das Licht vom Fenster malt warme Linien auf seine Brust und Schultern. Er sieht aus wie ein Poster aus der Lobby, nur echter. Nah. Meiner. Er dreht den Kopf zu mir. „Alles klar, Mr. Kletterstar?“ Ich setze mich neben ihn, langsam, fast vorsichtig. Als würde ich sonst etwas zerstören. Seine Finger finden meine ohne zu suchen. „Wenn du bei mir bist ja,“ sage ich leise.
Leo zieht mich sanft an sich. Seine Wärme fließt in mich hinein. Ich lege meinen Kopf an seine Brust, und er streicht mit seinem Daumen über meine Hand. Ein Kreis. Noch einer.
Jeder davon ein kleines Bekenntnis. Ich könnte ewig so bleiben. In dieser warmen Blase aus uns beiden. Zwischen Abendlicht und Atemzügen. Aber irgendwann murmelt er gegen mein Haar: „Komm, sonst suchen sie uns.“
Ich richte mich auf. Nur ein bisschen. Aber mein Herz bleibt bei ihm. Wie ein leiser Abdruck. Sein Blick verrät, dass seiner auch bei mir bleibt. Und während wir aufstehen, während die Welt zurückkehrt, während wir uns wieder in Bewegung setzen, weiß ich, dass dieser Moment, diese Wärme, diese Spannung später wiederkommt. Vielleicht heute Nacht. Ganz sicher in meinem Kopf.
Als wir uns in der Lobby wiederfinden, wirkt alles lebendiger, lauter, heller. Fast so, als hätte jemand die Welt wieder hochgedreht, nachdem das Zimmer vorhin wie ein gedämpfter Zwischenraum war. Stimmen mischen sich, Lichter spiegeln sich im Marmorboden, und für einen kurzen Moment brauche ich einen Atemzug, um mich in dieser vibrierenden Normalität wieder zurechtzufinden.
Kai steht schon bei Thomas, sie sprechen leise, aber konzentriert. Kai nickt mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, die er immer hat. Diese Bodenständigkeit, die alles stabil wirken lässt. Liam lehnt ein Stück abseits an einer Säule, der Kopf leicht gesenkt, Daumen über den Handyscreen gleitend, als wolle er kurz die Außenwelt ausblenden, bevor der Abend richtig beginnt.
Die Drehtür wirbelt auf, und Jana, Alex und Danny treten hinein, eine kleine Energiewelle.
Jana strahlt wie immer, Alex grinst und streckt sich theatralisch, und Danny erzählt schon im Hineingehen irgendeine Geschichte, bei der er mit seinen Händen fuchtelt, als wolle er die Luft selbst formen. „Alles gut bei euch?“, fragt Kai, als er sie bemerkt. „Ja, lief super. Keine Staus“, sagt Alex und rollt einmal demonstrativ die Schultern, als hätte er fünf Stunden am Lenkrad verbracht statt zweieinhalb.
Erik, unser Sportmediziner, taucht wie aus dem Nichts neben uns auf. „Ich hab für uns einen Tisch reserviert. Leichtes Menü, viele Kohlenhydrate, Proteine – ihr kennt das Spiel.“ Er klingt professionell, aber man merkt ihm an, dass er sich darauf freut, dass die Truppe endlich sitzt und isst und kurz zur Ruhe kommt.
„Perfekt“, sagt Leo sofort, reibt sich grinsend die Hände. „Ich hab einen Bärenhunger.“ Ich lächle, weil es so typisch Leo ist. Als wäre alles, was zwischen uns vorhin war, ganz selbstverständlich. Vielleicht ist das seine Art, mit Nähe umzugehen, ruhig, frei, schwerelos. Und vielleicht ist das genau das, was ich brauche.
Wir folgen Erik in den Restaurantbereich. Warm beleuchtet, weiche Töne, ein Duftgemisch aus Pasta, angebratenem Gemüse, frischen Kräutern. Die Tische schlicht, aber liebevoll gedeckt, kleines Kerzenlicht, das mit jeder Bewegung flackert. Ich setze mich neben Leo, und die Nähe ist sofort wieder da. Unsere Schultern berühren sich, kaum merklich für die anderen vielleicht unsichtbar, für mich aber ein ganzer Kosmos aus Wärme.
Liam setzt sich uns gegenüber und legt sein Handy weg, als würde er damit offiziell den Abend beginnen. Jana und Alex blättern durch die Menükarten, ihre Köpfe nah beieinander. Danny studiert die Getränkekarte mit der Intensität eines Menschen, der glaubt, dass die Wahl zwischen Apfelschorle und Spezi sein Schicksal verändern könnte.
„Erik, was meinst du? Pasta oder Reis?“, fragt Jana. „Beides gut“, sagt er, schiebt die Brille hoch. „Pasta gibt langanhaltende Energie, Reis liegt leichter im Magen. Entscheidet einfach nach Gefühl.“ Gefühl. Ich entscheide mich für Reis mit Hähnchen. Etwas Einfaches. Etwas Vertrautes. Leo schaut kurz zu mir rüber. Nur ein Augenaufschlag, ein kleines Funkeln, und bestellt dasselbe. Ein stilles: Ich bin bei dir. Oder: Ich folge deinem Rhythmus. Und wieder trifft mich dieser Blick. Direkt. Warm. Verlässlich.
Als die Getränke kommen, hebt Thomas sein Glas. „Auf einen erfolgreichen Wettkampf morgen. Und auf ein starkes Team!“ Wir stoßen an. Das Klirren ist klar und hell. Das Glas in meiner Hand kühl. Mein Herz nicht. Unter dem Tisch streift Leos Hand plötzlich mein Bein. Nur ein kurzer Kontakt. Als würde er überprüfen, ob ich wirklich hier bin. Oder ob ich wieder abdrifte. Seine Finger üben nur einen Hauch Druck aus. Kaum spürbar, aber genug, um meine Atmung für einen Moment zu stoppen. Ich sehe ihn nicht an. Ich lächle nur vor mich hin. Und er weiß Bescheid.
Die Stimmung am Tisch ist leicht. Danny erzählt von einem Beinahe-Unfall im Training, bei dem er fast über ein Medizinball-Set gestolpert wäre, unter vollem Kameraeinsatz. Seine Hände fliegen durch die Luft, beinahe so gefährlich wie der angebliche Vorfall selbst, und alle lachen.
Liam lehnt sich in seinem Stuhl zurück und erzählt von seinem allerersten großen Wettkampf. Dass er so nervös gewesen sei, dass er fünfmal seine Ausrüstung ordnete, nur damit seine Hände etwas zu tun hatten.
„Warst du da auch so nervös?“, frage ich leise.
Liam nickt. „Klar. Jeder ist nervös. Aber sobald du die Wand vor dir hast, verschwinden die anderen Gedanken. Da zählt nur noch der nächste Griff. Nichts anderes.“
Der nächste Griff. Mein Blick driftet ab, zurück zur Halle, zu den Wänden, dem Licht des Abends. Ich stelle mir vor, wie es morgen sein wird. Dieses erste Herantreten. Die Stille. Dann der Griff. Dann der zweite.
Leo klopft mir sanft auf den Rücken. „Hör auf Liam, der weiß, wovon er spricht.“
Ich nicke. Lächle. Aber mein Kopf ist woanders. Bei seinem Blick im Zimmer. Seinem Atem an meinem Hals. Seinen Fingern auf meinem Arm. Seiner Stimme, die „Sunshine“ sagt, als wäre es mein richtiger Name.
Das Gespräch am Tisch fließt weiter. Leo und Danny streiten über die richtige Reihenfolge von Dehnübungen, Jana lacht über die beiden, Erik kommentiert trocken aus sportwissenschaftlicher Sicht, Liam erzählt von den Hallen in Seoul und Innsbruck.
Und ich? Ich beobachte Leo aus dem Augenwinkel. Wie er spricht. Wie sich seine Lippen bewegen. Wie seine Augen lachen, wenn Danny mal wieder übertreibt. Wie seine Hand unter der Tischkante kurz meine sucht, sie findet und wieder loslässt, bevor es jemand bemerkt. Es ist seltsam vertraut. Dieses Team. Dieser Abend. Dieses Wir, das noch nicht ausgesprochen ist, aber im Raum liegt wie eine warme Decke. Und tief in mir, ganz tief, flackert diese Vorfreude. Auf später. Auf uns beide. Auf das, was weiter wächst, ganz leise, aber stetig.
Als das Essen endet und alle langsam aufstehen, bleibt dieser Mix aus Reis, Lachen und einem stillen Versprechen zurück. Die Luft hat sich verändert. Oder ich. Oder wir. Leo wirft mir einen Blick zu, bevor er mit den anderen Richtung Ausgang geht. Nur ein Blick, aber darin steckt alles:
Ich hab es gespürt. Du hast es gespürt. Wir müssen nichts sagen. Später reden wir. Oder auch nicht. Vielleicht reden unsere Hände. Ich atme tief ein. Draußen wartet morgen. Aber in mir wächst ein anderes Morgen. Eines, das nicht nur aus Griffen, Wänden und Routen besteht.
Thomas lehnt sich leicht nach vorn. Seine Stimme wird ruhiger, klarer – wie jemand, der weiß, dass jedes Wort jetzt Bedeutung hat.
„Also, Leute…, jetzt zum Ablauf morgen. Wichtig ist, dass ihr versteht, dass Lead als Erstes dran ist. Und Lead läuft morgen etwas anders, als ihr es vielleicht von regionalen Wettkämpfen kennt.“
Ich richte mich automatisch ein Stück auf. Leo rückt näher an mich, sein Arm berührt meinen – nur ein Hauch, aber genau der, der mich atmen lässt.
Thomas deutet mit dem Stift auf das Tablet. „Nach dem Frühstück gehen wir rüber zur Halle. Acht Uhr Lobby. Zehn nach Acht Warm-up. Acht Uhr dreißig Registrierung. Und danach…“ – sein Blick gleitet kurz zu mir – „… geht’s für dich ziemlich direkt in die Isolation.“
Ich spüre, wie sich mein Bauch verkrampft. So früh? So direkt? „Es gibt keine Routenbesichtigung“, ergänzt Thomas. „Nicht hier. Nicht bei ClimbX. Die Routen werden erst morgen früh fertig geschraubt, während ihr schon in der Isolation seid. Das heißt: Du siehst die Route erst dann, wenn du wirklich dran bist. Erst, wenn du rausgehst. Keine Vorschau. Kein Taktik-Briefing.“
Ich schlucke. Das Wort erst dann brennt kurz in meinem Kopf. Kai schaltet sich ein, seine Stimme ruhig wie immer. „Und genau deshalb ist der Ablauf davor so wichtig. Du gehst mit den anderen in die Isolation. Kein Handy, keine Geräusche von draußen, kein Zugang zur Wand. Da sitzt du. Du wärmst dich, du hältst dich locker. Und du wartest, bis dein Name aufgerufen wird.“
Leo legt unauffällig seine Hand auf meine. Ich presse meine Finger in seine, heimlich.
Kai fährt fort: „Sobald du aufgerufen wirst, komme ICH und hole dich bei der Türe ab.“
Sein Blick wird ein bisschen weicher. Fast so, als würde er mir versprechen, dass ich mich nicht verlaufen kann. „Ich bin deine Sicherungsperson. Deine Seilschaft. Ich hole dich aus der Isolation ab. Ich binde dich ein. Und ich bringe dich zur Wand.“
Ich schaue ihn kurz an. Da ist dieses ruhige Vertrauen in seinen Augen, etwas Festes, das mir Halt gibt.
„Aber“, fügt Kai hinzu, „ab dem Moment, in dem ich dich abhole, dürfen wir nicht mehr miteinander reden. Keine Tipps. Keine Worte. Keine Bestätigung, kein ‚Du schaffst das‘. Das ist eine strenge Regel im Lead.“
„Gar nichts?“, frage ich leise.
„Gar nichts“, sagt Kai. „Aber du kannst dich auf mich verlassen. Ich leite dich. Ich gehe neben dir. Ich halte das Seil. Du musst nur…“, er hebt leicht die Schultern, „… mir folgen und atmen.“
Ich nicke. Atmen. Leichter gesagt als getan.
Thomas übernimmt wieder. „Wenn du vor der Route stehst, hast du eine Minute, sie dir anzuschauen. Du bist eingehängt, Kai ist hinter dir am Sicherungsgerät, aber ab da bist du komplett auf dich gestellt. Kein Coach, keine Zurufe, kein Hinweis.“
Ich stelle es mir vor. Diese eine Minute. Die ganze Welt draußen, und ich davor.
„Und dann“, sagt Thomas ruhig, „kletterst du. Einfach du. Und dein Kopf. Und deine Hände. Und das, was du kannst.“
Leo streicht ganz kurz mit seinem Daumen über meine Finger. Ich spüre seine Wärme durch meine Haut wandern, bis in die Rippen hinein.
Kai ergänzt sachlich, aber mit diesem beruhigenden Unterton: „Ich bin die ganze Zeit bei dir. Ich sichere dich sauber, ich halte dich, wenn du fällst. Aber ich gehöre ab da zum Hintergrund. Du wirst mich nicht hören. Und ich sage nichts. Weil du niemanden hören sollst, außer dich selbst.“
„Das wirkt härter, als es ist“, sagt Thomas sanft. „Viele unterschätzen, wie sehr die Isolation den Kopf fordert. Aber du kennst das inzwischen. Du kannst das.“
Ich atme tief durch. Einmal. Zweimal. Und zum ersten Mal klingt das Wort Isolation nicht nur nach Angst. Sondern nach Fokus. „Was passiert nach Lead?“, frage ich vorsichtig.
„Du wirst direkt aus der Wand in den Athletenbereich geführt“, erklärt Kai. „Kurzes Cooldown. Trinken. Durchatmen und evtl. schaut kurz Erik nach dir. Dann geht’s später weiter mit Bouldern. Und Speed zum Schluss. Aber Lead ist der härteste mentale Teil. Der Rest ist körperlicher, spielerischer.“
Ich nicke. Und dabei merke ich: Es ist viel. Aber es ist machbar.
Leo lehnt sich nah an mich. Seine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. „Und ich bin da. Die ganze Zeit. Ich steh irgendwo da draußen. Du musst einfach nur atmen. Und wenn du hörst, wie irgendeiner ‚Sunshine!‘ ruft…, dann weißt du, wer’s war.“
Hitze schießt mir in die Wangen. Und gleichzeitig wird mein Herz ruhig. Wirklich ruhig.
Thomas schließt ab. „Kein Druck. Kein Muss. Du bist hier, weil du es kannst. Weil du es willst. Und weil du bereit bist. Morgen ist groß. Aber du wirst nicht allein durchgehen.“
Ich senke den Kopf. Atme ein. Und plötzlich fühlt sich das Morgen nicht mehr an wie ein Monster.
„Wie viele Athleten sind in meiner Gruppe?“, frage ich leise. Meine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch, aber Thomas hört mich.
„Etwa zwanzig“, sagt er, nach einem schnellen Blick aufs Tablet. „Frankreich, Spanien, Polen, Italien... es ist ein starkes Feld. International. Aber keine Angst, du gehörst da hin.“
Ich nicke. Will das glauben. Aber mein Magen zieht sich zusammen. Leo bemerkt es, legt unauffällig seinen Arm um meine Schultern. Nicht zu fest. Nur gerade so, dass ich spüre: Ich bin nicht allein... morgen wird’s anders. Mit Blicken im Nacken. Mit Wertung. Mit dieser unsichtbaren Schwere, die einen befällt, wenn man weiß, dass jede Bewegung zählt.
„Speed kommt am Schluss, oder?“ Alex streckt sich einmal durch, seine Schultern knacken hörbar.
Kai nickt. „Genau. Beim Speed tretet ihr im K.O.-System gegeneinander an. Immer zwei gleichzeitig. Der Schnellere kommt weiter.“
Danny grinst breit. „Also, wer gegen Liam ranmuss, kann direkt einpacken.“
Liam hebt nur grinsend eine Augenbraue, zuckt lässig die Schultern. „Tja. Ich geb halt keine Punkte her.“
Einige lachen. Ich auch. Aber nur kurz. Denn obwohl ich weiß, dass es irgendwie auch um Spaß geht, spüre ich mehr und mehr dieses Vibrieren unter meiner Haut. Wie ein Muskel, der sich nicht ganz entspannen will.
„Das war’s im Groben“, sagt Thomas und erhebt sich leicht, ohne Hektik. Sein Blick schweift einmal über uns alle. „Nach dem Wettkampf gibt’s eine kurze Pressekonferenz. ClimbX stellt die neue Kollektion vor. Ein paar von euch werden auf der Bühne sein. Danach gemeinsames Abendessen hier im Hotel. Sonntag nach dem Frühstück geht’s zurück.“
Ich atme leise durch. Und diesmal länger. Das ist der Plan. Und irgendwie beruhigt es mich, das alles so klar zu hören. So greifbar. Es macht mir Angst, aber es gibt mir auch Struktur. Und vielleicht ist das gerade wichtiger als alles andere.
Thomas’ Blick bleibt jetzt an mir hängen. Nicht streng. Nur wach. Und etwas wärmer als sonst.
„Also: Bereitet euch mental vor. Heute kein Blödsinn, kein Risiko. Morgen ist ein großer Tag. Und er gehört euch. Macht das Beste draus.“
„Alles klar, Chef!“ ruft Danny und grinst, woraufhin leises Lachen durch die Runde geht. Die Stimmung kippt zurück ins Leichte. Nur ein bisschen. Aber genug, um mich wieder atmen zu lassen.
Thomas deutet auf Kai und Erik. „Die beiden sind morgen früh die ersten, die euch begegnen. Letzter Check. Warm-up-Routine. Ernährung, Kreislauf, alles.“
Alle nicken. Und dann beginnt die Runde sich aufzulösen. Stühle rücken, Flaschen werden eingesammelt, Stimmen vermischen sich. Einige gehen schon hoch. Andere plaudern noch kurz mit Erik oder Kai. Ich bleibe einfach sitzen. Mein Kopf rauscht. Nicht schlimm. Nur voller Eindrücke.
Leo neben mir rührt sich nicht. Seine Hand ruht immer noch an meiner. Ruhig. Beständig.
Dann tritt Thomas an unseren Tisch. Er wirkt plötzlich fast wie jemand anderes. Weniger Teamleiter, mehr jemand, der einem etwas sagen möchte, das nicht für alle Ohren bestimmt ist. „Können wir gleich nochmal kurz bei euch auf dem Zimmer sprechen?“ fragt er leise. „Nur kurz.“ Ich sehe ihn an. Dann Leo. Der hebt nur leicht die Augenbrauen und zuckt mit den Schultern. Kein Grund zur Sorge. „Klar“, sage ich schließlich. „Natürlich.“
Wir fahren gemeinsam im Aufzug nach oben. Die Türen schließen sich, und mit einem leisen Surren setzt sich die Kabine in Bewegung. Leo steht dicht neben mir, unsere Arme berühren sich leicht, fast beiläufig. Aber ich spüre ihn. Jede Sekunde. Seine Wärme. Seine Nähe. Seine Sicherheit.
Seine Finger streifen meine, wieder und wieder. Nicht fest, nicht fordernd. Nur ein Hauch. Aber in mir tobt es. Dieses Flattern zwischen Nervosität und Zärtlichkeit, das mich nie ganz loslässt, wenn er in meiner Nähe ist. Ich weiß, dass es kein Zufall ist. Es ist seine Art, mir zu sagen: Ich bin da. Und ich liebe es, wie unaufgeregt er das kann.
Der Flur vor unserem Zimmer ist in warmes, gedämpftes Licht getaucht. Die weichen Teppiche verschlucken unsere Schritte. Alles ist ruhig. Aber in mir ist es laut – diese innere Mischung aus Fragen, Vorfreude und diesem seltsamen Gefühl, dass dieser Abend mehr ist als nur ein Abend. Dass er etwas in mir hinterlassen wird.
Ich schaue Leo an, vorsichtig. „Weißt du, worum es geht?“, frage ich leise.
Er schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich. Aber Thomas wirkte nicht angespannt.“
Ich nicke, auch wenn mein Herz trotzdem ein bisschen schneller schlägt. Ich spüre es in meiner Kehle. Dieses Klopfen, das sagt: Gleich passiert etwas Bedeutendes.
Leo schließt die Tür auf, wir treten ein, und ich lasse ihn zuerst rein. Thomas folgt uns, ruhig, mit dieser kontrollierten Gelassenheit, die er immer hat, wenn er etwas Wichtiges sagen will. Er schließt die Tür sanft hinter sich. Und irgendwie klingt selbst dieses Geräusch bedeutungsvoll. Dann lässt er sich in den Sessel am Fenster sinken, verschränkt die Arme, aber nicht streng, eher offen, bereit. Und schweigt erst mal. Lässt den Moment wirken.
Leo setzt sich neben mich auf die Bettkante. Ganz dicht. Seine Hand liegt plötzlich auf meinem Oberschenkel, fest genug, um mich zu verankern, sanft genug, um mir Freiheit zu lassen. Mein Blick wandert zu ihm. Er sagt nichts, aber sein Blick ist wie ein Versprechen: Ich bin bei dir. Auch wenn du gleich zitterst.
Thomas schaut uns an. Und ich meine wirklich uns. Nicht nur zwei Jugendliche auf einem Hotelbett. Sondern uns. Was wir sind. Was zwischen uns lebt.
„Ich wollte euch nicht erschrecken“, sagt er schließlich. „Ich hab euch einfach kurz für mich gebraucht.“
Ich nicke langsam, aber meine Kehle ist trocken. In mir beginnt alles zu rauschen. Die Angst vor morgen. Die Vorstellung von Isolation. Das Gefühl, plötzlich aus dieser kleinen, vertrauten Welt mit Leo herausgerissen zu werden und ganz allein sein zu müssen. Ich bin noch nie in einem Hotel gewesen. Noch nie mit so vielen fremden Abläufen konfrontiert. Und morgen muss ich funktionieren.
Thomas sieht meine Gedanken. Natürlich tut er das.
„In der Isolation bist du tatsächlich auf dich allein gestellt“, sagt er, leise, aber klar. „Da dürfen keine Coaches, keine Freunde, keine vertrauten Gesichter bei dir sein. Nur die anderen Wettkämpfer deiner Kategorie. Ihr seid im selben Raum, aber dürft nicht sprechen. Keine Sicht auf die Wand. Keine Infos von draußen.“
Ich nicke, versuche zu folgen. Aber in meinem Kopf staut sich alles. Bilder, Szenarien, leere Stühle, kühle Luft, dieser Druck, der sich langsam in meine Brust schiebt.
„Es sind aber immer Betreuer da“, fährt Thomas ruhig fort. „Die achten auf alles. Dein Equipment ist bei dir. Es gibt Platz zum Aufwärmen. Und du hast genug Raum, um dich auf dich selbst zu konzentrieren.“
Ich schlucke. „Okay..., aber darf ich denn in den Pausen wenigstens reden? Oder muss ich wirklich die ganze Zeit still sein?“
Thomas lacht leise. „Nein, keine Sorge. Zwischen den Disziplinen, also nach Lead, vor Boulder, vor Speed, kommst du raus. Dann bist du wieder bei uns. Im Backstage-Bereich. Da warten wir auf dich. Leo, Kai, ich. Und du wirst die Möglichkeit haben, durchzuatmen, dich zu entspannen, dich auszutauschen.“
Ich lehne mich gegen Leo, lasse mich ganz leicht an ihn fallen. Seine Arme schließen sich automatisch um mich. Und seine Hand schiebt sich durch mein Haar. Ein langsames, wiederholendes Streicheln, das mich beruhigt. „Das klingt trotzdem alles so kompliziert“, flüstere ich. „Ich hab das Gefühl, ich kann mir das gar nicht alles merken...“.
„Sunshine...“, murmelt Leo und küsst meine Schläfe. „Das musst du auch nicht.“
Thomas nickt. „Genau das wollte ich eigentlich sagen. Du bist nicht allein. Dafür hast du ein Team. Du musst nur den nächsten Schritt kennen. Nur den. Und um den Rest kümmern wir uns. Versprochen.“
Ich atme flach. „Also ein Schritt nach dem anderen?“
„Richtig“, sagt Thomas und lehnt sich leicht zurück. „Und wenn es Zeit für den nächsten Schritt ist, sagen wir es dir.“
Ich nicke. Es hilft. Langsam.
Thomas’ Blick wandert zu Leo. „Und Leo, ich verlasse mich darauf, dass du heute Abend dafür sorgst, dass Justin sich ausruht. Kein Stress. Kein überflüssiges Training.“
Leo grinst. Diese Art Grinsen, die mehr sagt, als ein ganzes Buch. „Alles klar, Boss. Keine wilden Partys. Nur ein bisschen Nähe.“ Thomas hebt die Augenbraue. „Ich meine das ernst. Er braucht heute Nacht Ruhe. Und Sicherheit.“ „Die bekommt er“, sagt Leo. Und ich spüre, wie er’s meint.
Thomas atmet durch. Dann wird er leiser. Sanfter. Sein Blick ist fast zu warm für einen Teamleiter. „Es geht um morgen. Und um das, was du brauchst, Justin.“ Ich sehe ihn an. „Morgen wirst du viel tragen. Nicht nur körperlich. Sondern innerlich. Der Druck, die Stille, die Einsamkeit in der Isolation. Das ist nichts, was man mit Technik bewältigt.“ Ich schlucke. Er hat Recht. So sehr. „Deshalb brauchst du heute Abend etwas, das du mitnehmen kannst“, sagt Thomas. „Etwas, das bleibt. Ein Gefühl. Kein Plan. Kein Training. Sondern Nähe. Vertrautheit. Liebe, wenn du so willst.“ Sein Blick gleitet zu Leo. Bleibt da. Und dann zurück zu mir. „Ich glaube, du weißt, was ich meine.“ Ich sehe Leo an. Und ich weiß es. Ich wusste es längst.
„Leo...“, sagt Thomas, seine Stimme weich wie Samt. „Schenk ihm das heute. Was auch immer es ist. Ein Kuss. Eine Berührung. Ein Moment, der ihn durch den Tag tragen kann. Damit Justin morgen, wenn er ganz allein auf dieser Bank sitzt, nur die Augen schließen muss – und wieder genau da ist, wo er sich sicher fühlt.“
Mein Herz schlägt. Tief. Schwer. Aber nicht vor Angst. Sondern, weil ich weiß: Diese Nacht ist mehr als eine Nacht. Sie ist ein Versprechen. Thomas steht auf. Sein Blick ruht einen Moment auf uns – auf Leo, auf mir. Dann nickt er. „Ich weiß, dass ihr beide das könnt. Und dass ihr aufeinander aufpasst.“ Er geht zur Tür, öffnet sie – zögert kurz. Und dann sagt er: „Gute Nacht, Jungs.“ Und verschwindet.
Die Tür fällt leise ins Schloss. Und in dem Moment, in dem die Stille sich über den Raum legt, spüre ich es: Jetzt beginnt etwas. Etwas, das ich nie vergessen werde. Ich drehe mich langsam zu Leo. Und er schaut mich an, als hätte er längst gewusst, was heute noch fehlt. Ein Zimmer. Zwei Herzen. Und ein Moment, der bleibt. Ein Abend, der bleibt Ein leiser Klick – fast zu still für das, was er in mir auslöst. In meinem Inneren klingt er wie ein Gongschlag. Endgültig. Unumkehrbar. Der Moment, in dem aus Möglichkeit Wirklichkeit wird.
Leo steht noch immer ein Schritt vor der Tür. Das Licht vom Fenster streift seine Stirn, zeichnet weiche Schatten auf sein Gesicht. Er sieht nicht zu mir, nicht sofort. Aber ich sehe ihn. Und ich sehe, wie er atmet, wie seine Schultern sich langsam senken, als würde auch er etwas loslassen. Oder aufnehmen. Vielleicht beides. Sein Blick findet meinen. Nicht fordernd. Nicht fragend. Nur da. Aber in diesem „da“ liegt alles. Wärme. Tiefe. Und eine Ahnung davon, dass zwischen uns etwas unausgesprochen Größeres schwebt.
Ich spüre, wie mein Herz einen Takt überspringt. Wie mein Mund sich öffnet, um irgendetwas zu sagen, nur um dann wieder zu verstummen, weil mir nichts einfällt, das diesem Moment gerecht würde. Also lache ich leise. Nur ein Hauch. „Hat Thomas das gerade wirklich gesagt?“ Meine Stimme ist brüchig. Ich weiß nicht, ob vor Erstaunen, Nervosität. Oder einfach, weil ich zwischen Lachen und Staunen feststecke. Leo kommt langsam auf mich zu. „Du meinst das mit dem Verwöhnen?“, fragt er, mit einem leichten Grinsen, das nur zur Hälfte Spaß ist. Ich nicke. „Ja. Und... irgendwie alles andere auch.“ Ich spüre, wie mir die Hitze in die Wangen steigt. Nicht unangenehm. Eher lebendig.
Wir stehen uns gegenüber, fast wie zwei Kids, die sich fragen, ob sie gerade wirklich von einem Erwachsenen, einem Vaterersatz wie Thomas, ganz offiziell die Erlaubnis bekommen haben, das zu tun, was sich sowieso schon die ganze Zeit zwischen uns aufbaut. Leo schüttelt leicht den Kopf, lächelt. „Das ist schon ein bisschen verrückt, oder? Als hätten wir gerade von der Chefetage grünes Licht für...“ „...alles“, flüstere ich.
Wir lachen beide leise. Es ist kein albernes Lachen, eher eines, das das Unfassbare abzupuffern versucht. Zwei Jungs, verliebt bis über beide Ohren, und plötzlich ist da niemand mehr, der sagt: Stopp. Stattdessen heißt es: Mach. Spür. Sei.
Leo wird wieder ernst. Nicht schwer, aber klar. „Aber es ist auch ernst gemeint, Justin. Das hier. Alles. Thomas war nicht der Erste, der’s gesagt hat. Clara hat’s heute früh ziemlich deutlich gemacht. Sie hat gesagt: ‚Leo, du musst ihn nicht motivieren. Du musst ihm zeigen, wie es sich anfühlt, sich selbst zu vertrauen“. Ich schlucke. Mein Hals ist plötzlich trocken. „Und wie soll das gehen...?“
Leo hebt die Hand, berührt mich am Hals. Seine Finger sind warm, und die Berührung ist weich – fast wie ein Versprechen, dass nichts überstürzt wird. „Indem du aufhörst zu denken. Zu zweifeln. Indem du einfach nur fühlst. Heute Abend geht’s nicht ums Reden. Oder ums Planen. Oder um Technik. Heute geht’s um dich. Und mich. Und was zwischen uns echt ist.“ Sein Daumen streicht über meinen Nacken, sanft, fast meditativ. Ich spüre, wie mein Körper beginnt, sich daran zu orientieren, an ihm. „Clara hat mir gesagt, ich soll dich in den Tunnel bringen. Nicht morgen früh. Nicht während des Warm-ups. Jetzt. Weil der Tunnel nicht bei der ersten Route beginnt. Sondern in deinem Inneren. In dem Punkt, an dem du endlich begreifst, dass du nicht einfach nur gut bist..., sondern einer der Besten deiner Altersklasse.“
Ich starre ihn an. Die Worte treffen mich tiefer, als ich will. „Leo..., ich weiß nicht, ob ich das so sehe.“ „Das weiß ich“, sagt er leise. „Darum bin ich ja hier.“ Er tritt noch näher. Unsere Körper sind sich jetzt fast ganz nah. Sein Atem streift meine Lippen. „Das hier ist nicht einfach ein Wettkampf. Das ist der Moment, an dem du kapieren sollst, warum du hier bist. Nicht wegen Glück. Nicht, weil du nett bist. Sondern weil du Talent hast. Kraft. Technik. Mut. Und weil ein ganzes Team an dich glaubt. Weil du es verdient hast, da draußen zu stehen.“
Ich will etwas sagen. Irgendein Einwand, irgendeine Frage. Aber Leo legt mir einen Finger auf die Lippen. „Ab jetzt keine Fragen mehr. Nur noch Vertrauen. Wenn du noch was wissen willst, frag jetzt. Danach wird nicht mehr gedacht. Dann wird nur noch gespürt. Und ich werde dich führen. Nicht irgendwohin. Sondern genau dahin, wo du hingehörst: in dich selbst.“
Ich nicke langsam. Zögernd. Aber irgendetwas in mir beginnt zu sinken. Nicht im Sinne von Fallen. Sondern von Loslassen. Ankommen. „Ich..., ich glaub, ich hab einfach Angst, mich zu verlieren“, flüstere ich. Leo lächelt. Sanft, wie nur er das kann. „Du verlierst dich nicht. Du findest dich. Hier. Heute Nacht. Und ich bin bei dir.“ Er zieht mich ein kleines Stück zu sich. Seine Hände an meinen Hüften, meine Finger an seinem Shirt, das langsam zwischen uns verschwindet. Unsere Stirnen berühren sich. Ich spüre, wie sich meine Brust hebt. Wie mein Herz pocht. Wie meine Gedanken sich verlangsamen, wie Wasser, das zur Ruhe kommt.
Und dann... Meine Lippen öffnen sich leicht. Ich will etwas sagen. Ein Aber, ein Vielleicht, ein Ich weiß nicht. Aber Leo küsst mich, noch bevor ich dazu komme. Kein fordernder Kuss. Kein Filmkuss. Sondern etwas ganz Echtes. Langsam, warm, weich. Mit seinem Daumen auf meiner Wange, seinem anderen Arm um meine Taille. Er küsst mich wie jemand, der nicht beeindrucken will, sondern Halt geben. Ich verliere mich für einen Moment. Einfach nur... verschwinden. In ihm. In uns. In dieser Blase aus Atem, Haut und diesem feinen, vibrierenden Zwischenraum, den es nur gibt, wenn man einander wirklich meint.
Als wir uns lösen, bin ich kurz sprachlos. Leo auch. Seine Stirn liegt gegen meiner, und ich höre seinen Herzschlag – oder vielleicht ist es meiner. Ich weiß es nicht mehr so genau. „Ich will dir was geben, Justin“, flüstert er. „Nicht, weil ich muss. Sondern, weil ich kann. Und weil ich will, dass du morgen aufwachst und dich erinnerst.“ „Woran?“ frage ich heiser. „Daran, wie es ist, gehalten zu werden. Geliebt zu werden, ohne dass du dafür etwas leisten musst. Einfach nur, weil du du bist.“ Ich schließe die Augen. Das trifft mich so tief, dass mir kurz schwindlig wird.
„Und was ist, wenn ich’s morgen trotzdem nicht schaffe?“ Mein Kopf meldet sich. Der alte Zweifel. Die Stimme, die nie ganz weg ist.
Leo zieht mich dichter an sich. „Dann wirst du trotzdem nicht weniger sein. Nicht weniger wert. Nicht weniger stark. Dann bist du einfach Mensch. Aber ich, ich werde da sein. Mit allem, was ich bin.“
Ich lehne mich an ihn. Spüre seine Hände an meinem Rücken. Seine Wärme. Sein Atem an meinem Ohr.
„Jetzt gehst du duschen“, sagt er schließlich sanft. „Wir gehen duschen.“
Ich nicke. Mehr als das kann ich gerade nicht. Meine Kehle ist zu eng, meine Brust zu voll, meine Haut zu dünn. Alles will nur eines: fühlen. Leo nimmt meine Hand und führt mich ins Bad. Er dreht das Wasser auf. Stellt die Temperatur genau richtig ein, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Und dann hilft er mir, mich auszuziehen. Langsam. Respektvoll. Aber nicht distanziert. Sein Blick bleibt ruhig. Keine Gier, kein Druck, nur Zärtlichkeit. Auch er streift seine Sachen ab. Und dann stehen wir nackt voreinander, das Wasser rauscht im Hintergrund, und ich spüre, wie alles in mir schreit: Das hier ist echt.
Er zieht mich unter die Dusche, der erste Tropfen trifft meine Schulter. Ich zucke kurz, dann atme ich aus. Leo steht hinter mir, legt seine Hände auf meine Schultern, massiert mich sanft. Nicht sportlich, nicht medizinisch. Sondern einfach, um mich zu berühren. Um mir zu zeigen, dass ich da bin. Dass er da ist.
Das Wasser rinnt über unsere Körper. Seine Finger gleiten über meinen Rücken. Über meine Arme. Über meine Taille. Alles in mir kribbelt. Nicht nur körperlich, sondern emotional. Ich spüre mich. Zum ersten Mal seit Tagen wieder richtig.
Leo seift mich ein. Sanft, mit kreisenden Bewegungen. Seine Hände auf meinem Bauch, an meinen Flanken. Ich schließe die Augen und lasse mich fallen. Einfach nur Sein. Er sagt nichts. Ich auch nicht. Aber es ist, als würden unsere Körper miteinander sprechen. Über Nähe. Über Vertrauen. Über das, was dazwischen entsteht, wenn man nichts mehr muss.
Als wir fertig sind, trocknet er mich ab. Umständlich, liebevoll, fast zärtlich albern. Er wickelt mich in das flauschige Handtuch, wie eine zerbrechliche Sache, die er für wertvoll hält. Ich bin nackt und eingehüllt zugleich. Und so verletzlich wie noch nie. Aber es macht mir keine Angst. Zurück im Zimmer, lassen das Licht gedimmt. Leo schiebt die Decke zurück und setzt sich aufs Bett. Ich folge ihm. Unsere Knie berühren sich. Dann unsere Hände. Dann unsere Münder wieder. Der Kuss jetzt ist anders. Tiefer. Wärmer. Die Zeit zieht sich wie Honig. „Du sollst mich spüren“, flüstere er leise. „Nicht nur so. Sondern voll und ganz. In deinem Herzen.“
Ich nicke. Kein großes Wort. Kein Plan. Nur das: „Ich weiß.“ Wir legen uns hin. Rücken die Kissen zurecht. Verschlingen uns ineinander. Nicht wild. Nicht zielgerichtet. Sondern tastend. Ehrlich. Haut an Haut. Herz an Herz. Meine Gedanken verblassen. Meine Zweifel schlafen langsam ein. Leos Hände bewegen sich über meinen Rücken. Langsam. Warm. Ohne Eile. Als hätte die Zeit aufgehört zu zählen. Ich schließe die Augen. Und irgendwo, ganz tief in mir, hört das Rauschen auf.
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