zur Desktop-Ansicht wechseln. zur mobilen Ansicht wechseln.

Höhen und Herzen

Zwischen Kletterwand, Kamera und der Suche nach sich selbst

Teil 17 - Zwischen Nervenkitzel und Nähe

Lesemodus deaktivieren (?)

Informationen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Training, Zweifel und ein bisschen Liebe

Brüderzeit: Zwischen Gefühlen und Geschichten

Ich atme noch einmal tief durch, als ich mich umdrehe. Irgendwie fühlt sich alles anders an – als hätte ich einen Teil von mir dort bei Leo gelassen. Aber es ist kein schlechtes Gefühl. Eher wie ein leises, warmes Nachglühen. Bobby sitzt im Wohnzimmer, die Füße auf dem Couchtisch, eine Tasse Tee in der Hand. Als er mich sieht, hebt er eine Augenbraue und grinst. „Na, bist du auch mal wieder zu Hause?“ Ich lache leise und lasse mich neben ihn aufs Sofa fallen. „Ja..., tut mir leid. War, irgendwie, viel in letzter Zeit.“ Er stellt die Tasse ab und mustert mich aufmerksam. „Kein Ding. Ich weiß, dass du viel um die Ohren hast. Aber irgendwie hab ich dich echt vermisst. Wir haben uns fast zwei Wochen kaum gesehen. Ist alles okay?“ Ich schiebe mir die Haare aus der Stirn und seufze. „Ja, ich glaube schon. Es ist nur, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Bobby legt eine Hand auf meine Schulter und drückt sie leicht. „Dann fang einfach irgendwo an. Oder besser: von vorne.“

Ich überlege einen Moment und versuche, die Gedanken in meinem Kopf zu sortieren. Es ist ein Chaos – Gefühle, Erinnerungen, Bilder von Leo und mir. Alles durcheinander. „Es ist einfach so viel passiert. Schule, Training, die Kampagne..., und dann Leo. Und ich weiß gar nicht mehr, was zuerst da war. Es ist, als würde sich mein Leben komplett drehen.“ Bobby schmunzelt. „Okay, das klingt nach 'ner Menge. Aber vielleicht hilft es, wenn du mir mal erzählst, was eigentlich mit Leo los ist. Ich meine, ich wusste ja, dass ihr euch gut versteht. Aber irgendwie ist da mehr, oder?“ Ich nicke langsam. „Ja, mehr, sogar viel mehr. Es hat sich einfach so entwickelt.“ Bobby sieht mich neugierig an, aber nicht drängend. Er wartet einfach, gibt mir Zeit. Und das beruhigt mich irgendwie.

„Es war einfach plötzlich da“, beginne ich, während ich mit den Fingern an der Sofakante spiele. „Ich hab Leo am Anfang einfach nur cool gefunden. Er hat mich beim Training unterstützt, immer den Überblick gehabt, war eben immer da. Und dann, als wir an dem einen Tag vor etwa zwei Wochen auf der Dachterrasse saßen, … da hat sich alles verändert.“ Bobby lehnt sich ein Stück vor, hört mir aufmerksam zu. „Dachterrasse? Das klingt irgendwie besonders.“ Ich lächle schief. „Ja, das war es auch. Wir waren beide irgendwie durch vom Tag. Es war spät, und die Stadt hat geleuchtet. Es war ruhig dort oben. Nur wir zwei. Und dann haben wir einfach geredet. Über die Kampagne, über das Training, und irgendwann auch über uns. Ich weiß nicht, wie es passiert ist, aber plötzlich saß er so nah bei mir. Ich hab ihn angeschaut, und er hat mich angeschaut...“

„Und danach?“ fragt Bobby vorsichtig. Ich seufze. „Danach war es ein bisschen chaotisch. Wir haben geredet, aber es war alles so neu und ungewohnt. Ich wusste nicht, was ich denken oder fühlen soll. Ich wollte ihm nahe sein, aber gleichzeitig hatte ich Angst, dass ich was falsch mache. Und seitdem ist einfach alles anders. Intensiver. Manchmal kriege ich den Kopf gar nicht mehr frei, weil Leo so präsent ist. Selbst wenn er nicht da ist.“ Bobby grinst leicht und legt mir eine Hand auf die Schulter. „Klingt, als hätte es dich richtig erwischt.“

„Ja...“, murmele ich und lächle dabei. „Aber es ist auch kompliziert. Ich weiß nicht, wie ich das alles unter einen Hut kriegen soll. Schule, Training, Kampagne..., und dann Leo. Manchmal fühlt sich das alles wie ein riesiger Knoten in meinem Kopf an.“ Bobby nickt nachdenklich. „Weißt du, ich mach mir eigentlich mehr Sorgen, dass du vergisst, auch mal loszulassen. Einfach mal durchzuatmen. Es geht grad alles schnell, klar. Aber du musst nicht alles gleichzeitig kontrollieren.“ Ich lache leise. „Ich versuch’s ja. Wirklich.“

Bobby legt mir eine Hand auf die Schulter. „Du lässt dich drauf ein, und das ist mutig. Klar, es wird nicht immer einfach. Aber du hast Leute um dich herum, die dich unterstützen. Leo klingt, als wäre er echt gut für dich. Und ich bin hier, falls du mal den Überblick verlierst.“ Ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus, und ich nicke dankbar. „Danke, Bobby.“ Bobby grinst. „Und eine Sache noch: Was genau läuft denn jetzt zwischen euch? Ich meine, das klingt schon alles ziemlich eindeutig. Aber seid ihr jetzt zusammen? Oder redet ihr nur verdammt intensiv über Gefühle, bis einer umfällt?“ Ich stöhne leise. „Bobby!“ „Was denn?“ Er lacht. „Ich frag ja nur.“ Ich rolle mit den Augen. „Ich glaube, wir sind auf dem Weg dahin. Noch nicht so offiziell. Aber wir wollen das beide. Und das reicht grad.“ „Klingt doch gut“, sagt Bobby und lehnt sich zurück. „Solange du glücklich bist.“ Ich nicke langsam. „Ja, das bin ich.“

Bobby schaut mich noch einmal ruhig an. „Weißt du, ich find’s schön, dass du dich verliebt hast. Leo scheint echt gut für dich zu sein. Und wenn du mal jemanden brauchst, der dir hilft, die Dinge zu sortieren, ich bin ja auch noch da.“

„Danke“, flüstere ich. Und ich weiß, dass ich ihm das gerade nicht genug sagen kann. Ich lasse die Worte einen Moment in der Luft hängen und spüre, wie sich die Wärme von Bobbys Hand langsam in mir ausbreitet. Es fühlt sich vertraut an, nach Halt und Sicherheit. So, als wäre ich kurz wieder der kleine Bruder, der nachts zu ihm ins Bett gekrochen ist, weil ich Angst vor der Dunkelheit hatte. „Weißt du“, fange ich schließlich leise an, „in manchen Momenten fühlt sich alles so einfach an. Wenn Leo bei mir ist, wenn er mich anschaut..., es ist, als würden alle anderen Gedanken verschwinden.“ Ich beiße mir auf die Lippe und schüttle den Kopf. „Aber dann kommen diese Momente, in denen ich völlig durchdrehe. Wenn er nicht da ist und ich anfange, mir alles Mögliche einzureden. Dass ich nicht gut genug bin. Dass ich irgendwas falsch mache. Dass ich ihn verliere, bevor wir überhaupt richtig angefangen haben.“

Bobby schweigt kurz und sieht mich an, sein Blick warm und ernst zugleich. „Justin, das gehört dazu. Ich weiß, das klingt scheiße, aber es ist völlig normal. Vor allem, wenn es das erste Mal ist, dass du so intensiv fühlst.“

Ich nicke langsam, spüre den Kloß in meinem Hals. „Ja, ich weiß. Es ist nur, Leo bedeutet mir so verdammt viel, Bobby. Er hat mir so viel von sich gezeigt, auch seine Ängste und Unsicherheiten. Und manchmal habe ich Angst, dass ich nicht stark genug bin, ihm das Gleiche zurückzugeben.“

Er zieht mich etwas näher zu sich und lehnt seine Schulter gegen meine. „Justin, du bist viel stärker, als du denkst. Und Leo sieht das auch. Glaub mir. Niemand erwartet von dir, dass du perfekt bist oder immer weißt, was du fühlst. Er mag dich gerade deswegen. Weil du so bist wie du bist.“

Ich atme tief aus und lasse seine Worte nachhallen. Bobby hat immer diese Art, mich zu beruhigen. Ein sanfter Anker in meinem Chaos. Ich starre auf den Boden und spüre das Gewicht all der unausgesprochenen Dinge, die ich mit mir herumtrage. „Und..., es gab noch mehr“, flüstere ich dann, fast zu leise, als dass er es hören könnte.

Bobby dreht sich zu mir um, seine Stimme vorsichtig. „Mehr?“

Ich nicke. „Wir haben uns geküsst. Zum ersten Mal richtig. Also so richtig Richtig. Es war nicht nur irgendwie ein Zufall. Es war bewusst und intensiv. Und es hat alles verändert.“ Ein Lächeln breitet sich auf Bobbys Gesicht aus. „Verändert wie?“ „Es war, als ob plötzlich alles in mir klar wurde“, erkläre ich zögernd. „Als wüsste ich auf einmal genau, wo ich hingehöre. Zu ihm. Zu mir selbst. In diesem Moment hat nichts anderes mehr eine Rolle gespielt.“ Bobby grinst breit und stößt mich leicht mit der Schulter an. „Wow, klingt nach einem ziemlich heftigen Kuss.“ Ich lache verlegen und merke, wie mein Gesicht warm wird. „Ja, das war er.“ Bobby schweigt wieder, aber sein Blick bleibt auf mir ruhen. Er wirkt zufrieden, fast stolz. Und ich merke, wie wichtig es mir ist, dass er das versteht. Dass er weiß, wie tief es geht. „Und jetzt?“, fragt er schließlich. „Wie geht es für euch weiter?“ Ich zucke leicht mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wir gehen es langsam an. Aber ich glaube, wir wollen beide mehr. Mehr Zeit zusammen, mehr von diesen Momenten, die alles bedeuten.“

Er nickt nachdenklich. „Und die Schule? Das Training? Kommst du klar?“ „Ich denke schon“, sage ich und seufze. „Aber manchmal fühlt es sich an, als wäre ich auf einer Achterbahn. Ein Moment ganz oben, im nächsten Moment völlig unten.“ Bobby lacht leise. „Willkommen im Leben, kleiner Bruder. Aber weißt du was? Solange du Leute hast, die dich auffangen, ist es okay, wenn du ab und zu fällst.“ Ich lächle schwach. „Dann hoffe ich, dass du Recht behältst.“ „Hab ich meistens“, sagt er augenzwinkernd und nimmt seine Teetasse wieder in die Hand.

Einen Moment sitzen wir einfach schweigend nebeneinander, und ich lasse die letzten Wochen an mir vorbeiziehen: Die Höhen, die Tiefen und vor allem die unzähligen kleinen Momente mit Leo. Und plötzlich weiß ich wieder ganz genau, warum sich all das lohnt. Weil es echt ist. Weil es mich fühlen lässt. Ich atme langsam aus, lasse die Luft dabei lange aus meinen Lungen entweichen. Der Raum wirkt auf einmal stiller, als hätte meine Stimme die letzte Barriere eingerissen, die ich unbewusst aufgebaut hatte. Jetzt ist alles offen – und gleichzeitig fühlt es sich gut an. Ich spüre Bobbys Schulter an meiner, warm und sicher, wie ein vertrauter Anker, der mich in der Realität hält.

Er schweigt einen Moment lang, nimmt sich Zeit. Seine Finger umschließen noch immer locker die Tasse, und ich sehe, wie er nachdenklich mit dem Daumen über den Rand streicht. Als er schließlich spricht, ist seine Stimme sanft, fast vorsichtig. „Dieser erste richtige Kuss…, wie war er für dich?“

Die Frage trifft mich unerwartet. Ich spüre, wie die Wärme in meine Wangen steigt, und muss instinktiv wegschauen, ein bisschen verlegen, ein bisschen überwältigt. Unwillkürlich lächle ich, weil mir die Erinnerung so deutlich, so lebendig vor Augen steht. Ich schließe kurz die Augen und sehe Leos Gesicht vor mir, klarer und intensiver als jemals zuvor. „Es war, …ich weiß nicht“, beginne ich zögerlich. „Ich war zuerst total nervös. Mir haben die Hände gezittert, Bobby. So richtig peinlich gezittert. Mein Herz hat so laut geschlagen, dass ich dachte, Leo könnte es hören. Ich hab ihm in die Augen gesehen, und plötzlich war da nichts anderes mehr, wirklich gar nichts. Nur er und ich.“

Ich spüre, wie Bobby neben mir leicht lächelt, höre das weiche Geräusch seines Atmens, während ich weiterspreche.

„Und dann, als sich unsere Lippen berührt haben. Es war wie ein Stromschlag, aber irgendwie sanfter. So als ob etwas in mir aufgewacht ist, was ich vorher nicht kannte. Ich hab alles gespürt, jeden einzelnen Zentimeter meines Körpers, aber gleichzeitig war mein Kopf völlig leer. Als hätte er in diesem Moment jede Unsicherheit, jeden Zweifel weggewischt.“

Bobby nickt langsam, sein Blick ruht warm auf meinem Gesicht. Ich sehe ihm an, dass er genau versteht, was ich meine, obwohl wir selten so offen über Gefühle gesprochen haben.

„Danach“, fahre ich leiser fort, „hat er mich einfach nur angesehen, Bobby. Und in seinem Blick lag so viel Wärme und Vertrauen. Als würde er mich wirklich sehen. Nicht nur das, was ich nach außen zeige. Ich hatte das Gefühl, er sieht alle meine Ängste und Schwächen, und genau deshalb war es so unglaublich, dass er geblieben ist. Dass er mich danach noch fester gehalten hat.“

„Das klingt wunderschön, Justin“, sagt Bobby leise, fast ehrfürchtig. „Das war es“, antworte ich und merke, wie mein Herz bei der Erinnerung schneller schlägt. Eine Weile sitzen wir einfach nebeneinander, schweigend. Ich höre das leise Ticken der Uhr an der Wand, draußen die gedämpften Geräusche der Straße. Bobbys Nähe beruhigt mich, gibt mir Sicherheit, lässt mich aber gleichzeitig die Sehnsucht nach Leo umso intensiver spüren. Ich frage mich, was er wohl gerade macht, ob er auch an mich denkt, ob er diese Nähe genauso vermisst wie ich. Bobby bricht schließlich die Stille. „Du sagtest, es wäre danach chaotisch gewesen. Was meinst du damit? War was nicht in Ordnung?“

Ich schüttle leicht den Kopf, versuche die Worte zu finden, die das Durcheinander in meinem Inneren irgendwie greifen können. „Es war nicht schlimm, nur kompliziert. Wir beide haben plötzlich gewusst, dass da viel mehr zwischen uns ist. Es ist ja nicht nur der Kuss. Leo hat mir Dinge erzählt, die er sonst niemandem erzählt. Sachen aus seiner Vergangenheit, über seine Familie, über seinen Unfall. Es war, als hätte er mir einen Teil von sich anvertraut, den er sonst vor allen versteckt.“

„Hat dich das überfordert?“, fragt Bobby behutsam. „Vielleicht ein bisschen“, gebe ich ehrlich zu. „Aber nicht so, wie du denkst. Es hat mir eher Angst gemacht, dass ich das Gleiche tun sollte. Ich wusste nicht, ob ich bereit bin, mich so zu öffnen. Nicht, weil ich ihm nicht vertraue, sondern weil ich Angst hatte, er könnte dann sehen, dass ich gar nicht so stark bin, wie er glaubt.“ Bobby legt seine Hand sanft auf meinen Rücken und beginnt beruhigend zu kreisen. „Justin, ich glaube, Leo sieht längst, wer du wirklich bist. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum er sich dir anvertraut. Weil du echt bist, weil du niemandem was vormachst.“

Ich atme tief durch, lehne mich an seine Schulter, lasse den Druck in meinem Brustkorb langsam nachlassen. „Es ist nur so verdammt schwer manchmal. Ich will alles richtig machen, für ihn da sein, ihm zeigen, was er mir bedeutet. Aber gleichzeitig habe ich Angst, zu viel zu fühlen, zu viel zu wollen. Ich will ihn nicht überfordern, nicht zu viel Raum einnehmen. Und doch will ich ständig bei ihm sein. Es ist, als könnte ich nicht mehr klar denken, sobald er nicht da ist.“

Bobby drückt meine Schulter etwas fester. „Das nennt man wohl verliebt sein, Justin“, sagt er mit sanftem Humor, und ich spüre, wie sich ein Lächeln auf meine Lippen schleicht. „Ja, ich glaube, das ist es wirklich“, murmle ich und schließe kurz die Augen. Ich fühle, wie sich das Lächeln auf meinem Gesicht vertieft, während ich an Leo denke. Seine Art zu lachen, seine warme Stimme, die kleinen Berührungen, die mir jedes Mal den Atem rauben. „Und ich will es nicht verlieren, Bobby. Diesen Moment, dieses Gefühl.“ „Das wirst du nicht“, sagt Bobby sanft. „Denn das, was du gerade fühlst, ist echt. Und Leo fühlt es offensichtlich auch. Ihr müsst es nicht erzwingen oder überstürzen. Lasst es einfach wachsen.“ Ich sehe ihn an, sehe das Vertrauen in seinem Blick. „Denkst du, wir schaffen das? Ich meine, … wirklich?“

Er lächelt, seine Augen voller Zuversicht. „Ich bin mir sicher, dass ihr das schafft. Weil ich sehe, wie du dich verändert hast, Justin. Und ich glaube, Leo sieht es auch. Du bist stärker geworden, offener, mutiger. Du lässt dich ein, und genau das ist der Schlüssel.“ Seine Worte dringen tief in mein Herz, legen sich wie ein warmer Schutzmantel um all meine Zweifel und Unsicherheiten. „Danke, Bobby“, flüstere ich erneut, meine Stimme bricht fast, weil ich plötzlich spüre, wie wichtig mir dieser Moment ist. Wie wichtig es ist, dass er versteht. „Immer“, antwortet er und zieht mich noch einmal nah an sich heran. „Ich werde immer da sein, um dir zuzuhören.“

Ich schließe die Augen, lasse mich für einen Moment in der Sicherheit seiner Nähe fallen, spüre, wie sich die Angst langsam auflöst. Und ich weiß plötzlich ganz sicher, dass es okay ist, sich fallen zu lassen – weil Bobby da ist, und weil Leo da ist. Und weil ich nicht mehr alleine bin. Nicht jetzt, nicht mehr. Bobby lehnt sich entspannt zurück, lässt mich aber nicht aus den Augen. Sein Blick ist sanft, verständnisvoll, und ich merke, wie ich mich endlich ein bisschen leichter fühle. Die letzten Worte hallen noch in mir nach, und ich realisiere gerade, wie sehr ich diesen Moment gebraucht habe – einfach mal alles aussprechen, ohne Angst vor Bewertung. Ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus. „Weißt du“, sage ich leise, „ich hab echt vergessen, wie gut es tut, mit dir zu reden.“ Bobby lächelt und schüttelt den Kopf. „Hey, ich bin doch immer hier. Du musst mich nur mal aus meinem Höhlenbüro rauslocken.“

Ich grinse. „Ja, stimmt. Irgendwie hab ich auch nicht so richtig mitbekommen, was bei dir los ist. Du bist in letzter Zeit auch ständig am Arbeiten, oder?“ Er seufzt, nimmt einen Schluck von seinem mittlerweile kalten Tee und stellt die Tasse zurück auf den Tisch. „Ja, schon...“. Ich schiebe mich ein bisschen näher zu ihm. „Bobby, ehrlich, was ist los? Irgendwie hab ich das Gefühl, du kommst in letzter Zeit nicht mehr zur Ruhe. Alles okay in deinem Job?“ Bobby zögert, sein Blick wandert zum Fenster. „Ach, es ist halt kompliziert. Weißt du, die Arbeit in der IT-Sicherheit macht mir eigentlich Spaß. Echt. Aber manchmal.“ Er bricht ab, kneift die Lippen zusammen und reibt sich den Nacken. „Manchmal was?“ hake ich nach. „Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich da nicht richtig ernst genommen werde“, gibt er schließlich zu. „Es ist, als ob ich die ganze Zeit für irgendwas kämpfe, aber niemand sieht, was ich da eigentlich leiste. Die Kollegen, na ja, die älteren halt, die denken immer noch, ich wäre der Werkstudent von vor ein paar Jahren. Und wenn ich dann mal eine Idee habe, wie wir die Systeme besser schützen können, nicken sie freundlich. Und machen trotzdem weiter wie immer.“

Ich spüre, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzieht. Bobby ist immer so stark, so zuverlässig. Ich kenne ihn kaum anders. Es tut weh, ihn so zu sehen. „Aber..., du bist doch richtig gut in dem, was du machst“, sage ich ernst. „Du hast dir den Arsch aufgerissen, dich weitergebildet, alle möglichen Zertifikate gemacht... Warum checken die das nicht?“ Er zuckt mit den Schultern. „Weil sie halt festgefahren sind. IT-Sicherheit ist für die so ein Nebending, weißt du? Die wollen, dass die Systeme laufen, aber wenn ich mal sage, dass wir da ein paar Prozesse anpassen müssen, kommt direkt die große Panik. ‚Was? Systeme umstellen? Dann geht doch alles kaputt! ‘“ Ich ziehe eine Grimasse. „Boah, wie nervig. Und dein Chef?“ „Der steht hinter mir“, sagt Bobby und seufzt erneut. „Aber er hat halt auch nicht die letzten Jahre im Unternehmen verbracht, sondern ist relativ neu. Viele im Team hören eher auf die ‚alten Hasen‘. Und, ich fühl mich manchmal wie ein Fremdkörper. Es ist frustrierend, wenn man jeden Tag sein Bestes gibt und trotzdem das Gefühl hat, gegen Wände zu reden.“

Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter. „Bobby, du bist ein verdammt guter IT-Sicherheitstyp. Das weiß ich, das wissen die, die dich wirklich kennen. Vielleicht, keine Ahnung, könntest du mal direkt mit deinem Chef reden? Ihm sagen, dass du Unterstützung brauchst?“ Bobby sieht mich an und schmunzelt. „Jetzt klingst du schon fast wie so ein Coach.“ Ich lache kurz. „Hey, ich lerne halt von den Besten.“ Sein Lächeln wird etwas breiter. „Ich weiß, dass ich nicht aufgeben sollte. Und dass man manchmal einfach länger braucht, um sich in so einem Team Respekt zu verschaffen. Aber ab und zu denke ich einfach, dass ich woanders besser aufgehoben wäre. Wo man meine Ideen auch wirklich umsetzt.“

Ich ziehe die Beine an und lehne meinen Kopf gegen seine Schulter. „Vielleicht solltest du einfach mal schauen, was es sonst noch gibt. Du hast so viel drauf, Bobby. Es wäre echt schade, wenn du dich da weiter kaputtmachst. Du verdienst es, dass deine Arbeit gewürdigt wird.“ Bobby legt einen Arm um meine Schultern und drückt mich kurz. „Danke, Kleiner. Weißt du, manchmal vergesse ich, dass ich auch mal an mich denken sollte. So wie du gerade. Es ist gut, dass du dich auf Leo einlässt. Manchmal braucht man was, das einen aus der Routine reißt. Vielleicht sollte ich mir das auch mal eingestehen.“ Ich schmunzle. „Vielleicht brauchst du einfach mal einen Break. Und weißt du was? Morgen gehört dir und mir. Ohne Arbeit, ohne Training. Einfach nur wir zwei. Endlich machen wir ja wieder was Cooles, etwas, dass uns beide mal wieder aus dem Alltag reißt.“

Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und zeigt mir die digitale Eintrittskarte auf dem Display. „Ich hab die Karten für den Akrobatik-Event morgen. Ich dachte, das wäre mal wieder was für uns beide. Haben wir doch früher immer zusammen geschaut.“ Bobby lacht und lehnt sich zurück. „Einfach mal raus, was anderes sehen. Weg vom ganzen Stress.“ Ich nicke zustimmend, freue mich über die Idee. Doch dann sehe ich, wie Bobby sich kurz nachdenklich über die Stirn reibt, als wollte er was loswerden.

„Was ist los?“, frage ich vorsichtig.

Er zögert kurz, wirkt unsicher. „Ach, ist wahrscheinlich nichts. Ich hab da so ’ne seltsame Mail bekommen. Von irgendeiner Firma namens KineticCore. Die haben mich auf meiner privaten Adresse angeschrieben. Irgendwas mit einer Anfrage wegen meinen Kenntnissen zu Cyber-Security. Ich hab die Mail nicht geöffnet, bin vorsichtig bei sowas, du weißt ja. Hab auch noch keine Zeit gehabt zu recherchieren, was das für eine Firma sein könnte.“

KineticCore. Der Name schwirrt in meinem Kopf herum. Irgendwoher kenne ich den. Aber ich komme gerade nicht drauf. Statt Bobby noch mehr zu verunsichern, sage ich nur: „Klingt ja komisch. Vielleicht ist es echt nur Spam. Aber wenn du willst, können wir morgen mal zusammen schauen, ob die Firma echt ist.“ „Ja“, stimmt Bobby zu. „Wahrscheinlich ist es eh nur irgendein Phishing-Versuch. Muss ich trotzdem im Auge behalten.“ Ich sehe ihn an, wie er den Kopf leicht schüttelt, als wollte er den Gedanken beiseiteschieben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da mehr dahinterstecken könnte, aber ich lasse es erstmal ruhen. „Wir checken das morgen“, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter. „Aber erstmal genießen wir den Abend. Und morgen das Event. Ich freu mich schon drauf.“ Bobby grinst wieder. „Ich auch. Wird mal wieder Zeit für so einen Tag. Einfach wir beide. Ohne Verpflichtungen.“ Ich nicke und lehne mich zurück, während ich insgeheim darüber nachdenke, woher ich diesen Firmennamen kenne. Aber egal, das kann warten. Morgen ist erstmal Brüderzeit. Und die will ich genießen. Ich merke, wie die Anspannung allmählich nachlässt. Es tut gut, einfach hier mit Bobby auf der Couch zu sitzen, ohne Druck, ohne Pläne. Einfach nur wir zwei. Manchmal vergesse ich, wie sehr ich ihn vermisst habe. Die letzten Wochen waren so vollgepackt, dass ich kaum Zeit hatte, einfach mal durchzuatmen – und Bobby ging es offenbar genauso.

Wir reden noch eine Weile, über alles Mögliche. Ich erzähle ihm von den neuesten Trainingseinheiten, von Kai und Liam und wie krass es war, mit einem richtigen Profikletterer zu arbeiten. Bobby hört aufmerksam zu, nickt zwischendurch und grinst, wenn ich von meinen verpatzten Landungen erzähle. Es ist irgendwie beruhigend, ihm das alles zu erzählen.

„Manchmal denke ich echt, ich verzettele mich“, gebe ich zu und starre auf meine Hände. „Alles fühlt sich so groß an. So, als müsste ich jetzt schon der Beste sein. Und dabei will ich einfach nur klettern. Und bei Leo sein.“ Bobby legt eine Hand auf meine Schulter. „Du musst nicht alles perfekt machen, Justin. Manchmal ist gut einfach gut genug. Und wenn du mal keinen Bock hast, dann ist das auch okay. Du machst dir zu viel Druck.“ Ich seufze. „Ja, wahrscheinlich. Aber irgendwie hab ich immer das Gefühl, dass ich es allen beweisen muss. Dir, Leo, Vertix, mir selbst.“ „Du bist sechzehn“, sagt Bobby ruhig. „Du musst niemandem was beweisen. Du musst nur du selbst sein. Und wenn Leo dich so mag, wie du bist, dann machst du alles richtig.“ Ich lächle schwach. „Danke. Du hast recht.“

Irgendwann wird die Müdigkeit übermächtig. Wir sitzen einfach nebeneinander, schweigend, bis mir irgendwann die Augen zufallen. Bobby rückt näher und legt eine Decke über mich. „Geh ins Bett, Kleiner. Du bist platt.“ Ich nicke und kämpfe mich vom Sofa hoch. Bevor ich gehe, sehe ich Bobby nochmal an. „Weißt du, ich bin froh, dass wir das hier hatten. Hab’s echt vermisst.“ „Ich auch“, sagt er und lächelt leicht. „Schlaf gut, Justin.“ Ich gehe in mein Zimmer und lasse mich aufs Bett fallen. Es fühlt sich gut an, so vertraut und sicher. Bevor ich das Licht ausmache, checke ich nochmal mein Handy. Eine Nachricht von Leo.

Leo: „Hoffe, du hast einen schönen Abend. Ich vermiss dich schon jetzt.“

Ich lächle und tippe zurück: „Hab Bobby alles erzählt..., über uns. Er freut sich für mich. Für uns.“

Ein paar Sekunden vergehen, dann die Antwort.

Leo: „Echt? Das freut mich. Bobby ist cool. Freut mich, dass er Bescheid weiß.“

Ich beiße mir auf die Lippe und tippe vorsichtig weiter: „Ich vermiss dich auch. Die letzte Nacht, ... war besonders.“

Ich starre auf den Bildschirm, mein Herz schlägt schneller. Ich kann förmlich spüren, wie die Erinnerungen an die letzte Nacht wieder hochkommen. Seine Hände auf meiner Haut, sein Atem an meinem Hals, die Wärme seines Körpers neben mir.

Leo: „War sie. Und ich denk immer noch dran. Du warst perfekt.“

Ein Kribbeln durchzieht meinen ganzen Körper, und ich vergrabe mein Gesicht ins Kissen. Irgendwie fühle ich mich leicht und schwer zugleich. Es ist schön, dass Leo das auch so sieht.

Ich: „Ich wünschte, ich könnte bei dir sein. Einfach wieder in deinen Armen einschlafen.“

Leo: „Ich auch. Hab die ganze Zeit das Gefühl, dass etwas fehlt. Du fehlst mir.“

Ich beiße mir auf die Lippe und überlege, ob ich es schreiben soll. Aber dann tippe ich weiter: „Ich kann immer noch deine Hände auf meiner Haut spüren..., wie du mich festgehalten hast.“

Ein Moment Stille. Dann vibriert mein Handy.

Leo: „Ich hab deine Wärme noch immer in mir. Und deinen Herzschlag. Ich wünschte, ich könnte dich jetzt küssen.“

Meine Finger zittern leicht beim Tippen: „Ich auch. Einfach nur deine Nähe spüren. Deine Hände an mir... Ich glaube, ich werd‘ heut nicht gut schlafen können.“

Leo: „Ich auch nicht. Aber weißt du was? Vielleicht hilft es, wenn wir beide daran denken, wie es war, und wie es bald wieder sein wird.“

Mein Herz rast, und ich muss lächeln.

Ich: „Du machst mich verrückt. Im besten Sinn.“

Leo: „Du mich auch. Und wenn du da wärst..., würde ich dich jetzt einfach festhalten. Ganz nah bei mir.“

Ich tippe langsam, fast zögerlich: „Ich hab mich so sicher gefühlt bei dir. So richtig. Kann kaum glauben, dass das echt ist.“

Leo: „Es ist echt. Und ich will mehr davon. Mehr von dir.“

Mein Gesicht wird warm, und ich kann nicht anders, als leise zu lachen.

Ich: „Morgen muss ich mir aber erstmal Zeit für meinen Bruder nehmen, aber Montag?“

Leo: „Unbedingt. Du und ich. Wieder.“

Ich schicke noch ein Herz zurück, dann lege ich das Handy beiseite und schließe die Augen. Doch die Gedanken lassen mich nicht los. Bilder von Leo, von seinen Berührungen, seinem Blick, wie er mich angesehen hat. Mein Herz klopft immer noch viel zu schnell, und ein leises Lächeln bleibt auf meinen Lippen.

Es dauert eine Weile, bis die Müdigkeit stärker wird als die Sehnsucht. Irgendwann falle ich in einen unruhigen, aber dennoch warmen Schlaf, begleitet von den Gedanken an Leo und das Gefühl seiner Nähe.

Der nächste Morgen

Als ich aufwache, ist es schon spät. Die Sonne scheint durch das Fenster, und ich bleibe einfach noch ein bisschen liegen. Irgendwie fühlt es sich gut an, mal keinen Zeitdruck zu haben. Ich greife nach meinem Handy und sehe, dass Leo noch eine Nachricht geschickt hat.

Leo: „Guten Morgen, Sunshine. Hoffe, du hast gut geschlafen.“

Ich tippe eine Antwort.

Ich: „Guten Morgen. Ja, hab ich. Aber irgendwie vermiss ich dich.“

Ich schicke die Nachricht ab und starre kurz zur Decke. Plötzlich schießt mir ein Gedanke durch den Kopf.

KineticCore.

Mein Körper richtet sich ruckartig auf, und ich versuche, die Erinnerung zu fassen zu bekommen. KineticCore..., der Name, den Bobby erwähnt hat. Wo habe ich das schon mal gehört?

Und dann fällt es mir ein. Auf der Apparatur, an der Leo seine Prothese über Nacht geladen hat. Da stand der Name: KineticCore.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Was hat das zu bedeuten? Ist das Zufall? Oder gibt es einen Zusammenhang? Plötzlich bin ich hellwach, tausend Gedanken rasen durch meinen Kopf. Ich will Leo fragen, aber gleichzeitig bin ich unsicher. Soll ich ihn damit konfrontieren? Was, wenn das nichts miteinander zu tun hat?

Ich atme tief durch, um mich zu beruhigen. Ich werde nichts überstürzen. Vielleicht hat es einfach nichts miteinander zu tun. Aber irgendwie... fühlt es sich seltsam an.

Ich schüttle den Kopf und zwinge mich, den Gedanken loszulassen. Immerhin steht heute Brüderzeit mit Bobby an, und das will ich mir nicht kaputtmachen lassen. Trotzdem..., irgendwas an dieser Sache lässt mich nicht los.

Ich schüttle den Gedanken ab, versuche die Verknüpfung zwischen KineticCore und Leo einfach auszublenden. Vielleicht ist es wirklich nur Zufall. Und heute will ich einfach nicht zu viel darüber nachdenken. Nicht heute, nicht während unserer Brüderzeit.

Ich strecke mich und schwinge die Beine aus dem Bett. Mein Handy vibriert nochmal. Eine Nachricht von Leo. Leo: „Viel Spaß mit Bobby heute. Meld‘ dich später.“

Ich lächle und tippe zurück: Ich: „Mach ich. Freu mich schon drauf. Hab dich lieb.“

Mit einem letzten Blick auf die Nachricht lege ich das Handy beiseite und schnappe mir bequeme Sachen aus dem Schrank. Als ich in die Küche komme, ist Bobby schon dabei, Frühstück zu machen: Toast, Rührei, Obst und der Geruch von frischem Kaffee hängt in der Luft.

„Guten Morgen“, begrüßt er mich und reicht mir einen Teller. „Gut geschlafen?“

„Ja, voll“, antworte ich und greife nach einem Vollkornbrot. „Danke fürs Frühstück.“

Bobby grinst und nimmt einen Schluck Kaffee. „Ich dachte, wir gönnen uns mal was Gutes. Heute gehört uns, Kleiner. Kein Training, kein Stress, einfach chillen.“ „Klingt perfekt.“ Ich setze mich an den Tisch und schmiere mir Butter aufs Brot. Die Stimmung ist entspannt, fast wie früher, als wir sonntags einfach nur rumgehangen haben. „Die Karten für heute Nachmittag zu bekommen war gar nicht so einfach, aber ich freue mich darauf“, sagt Bobby und lächelt mich an. „Akrobatik-Show in der Arena. Das wird echt cool.“ Ich nicke begeistert. „Klingt mega. Danke, dass du das geplant hast.“ Bobby zuckt mit den Schultern. „Na klar. Wir haben echt zu wenig Zeit zusammen verbracht. Ich dachte, wir brauchen mal was Besonderes.“ „Voll die gute Idee“, sage ich und beiße in mein Brot.

Wir reden über alles Mögliche. Schule, Training, die letzten Tage. Bobby erzählt mir von einem muss lustigen Vorfall auf der Arbeit, bei dem einer seiner Kollegen versehentlich die Alarmanlage ausgelöst hat, und ich muss lachen, als er nachmacht, wie die Kollegen panisch rumgerannt sind.

Trotzdem merke ich, dass Bobby immer wieder zu mir rüberschaut. Er hat diesen Blick, der sagt: Ich weiß, da ist noch was. „Okay“, sagt er plötzlich, als ich einen Moment still bin. „Was geht dir durch den Kopf? Du bist irgendwie abwesend.“

Ich zucke leicht zusammen und versuche, die Gedanken wegzuschieben. „Ach, nichts..., wirklich. Ich bin einfach noch nicht ganz wach.“

Bobby legt die Gabel beiseite und lehnt sich zurück. „Justin, komm schon. Du vergisst, dass ich dich seit deiner Geburt kenne. Ich sehe es dir an. Irgendwas beschäftigt dich. Ist was mit Leo?“

Ich schüttele den Kopf. „Nein, mit Leo ist alles gut. Wirklich. Es ist nur was anderes.“

Er zieht die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts. Ich spüre, dass er mir Zeit gibt, es selbst rauszubringen. Ich überlege einen Moment. Vielleicht sollte ich ihm doch von KineticCore erzählen? Irgendwie will ich die Stimmung nicht kaputtmachen. Heute soll unser Tag werden. Ohne schwere Gedanken, ohne unnötige Grübeleien.

„Es ist wirklich nichts“, sage ich schließlich und versuche, überzeugend zu klingen. „Vielleicht bin ich einfach ein bisschen müde. Die letzten Tage waren halt echt intensiv.“

Bobby sieht mich prüfend an, dann nickt er langsam. „Okay..., wenn du’s sagst. Aber wenn was ist, weißt du ja, dass du mir alles erzählen kannst, oder?“

„Ja, klar“, antworte ich und versuche zu lächeln. „Danke.“

Bobby erhebt sich und räumt die Teller ab. „Gut. Dann machen wir uns gleich mal fertig. Ich dachte, wir könnten vorher noch eine Runde draußen drehen, einfach ein bisschen frische Luft schnappen.“

„Gute Idee“, stimme ich zu.

Er geht kurz ins Bad, und ich sitze noch einen Moment alleine am Tisch, starre auf die Reste auf den Tisch. Ich sollte das Thema KineticCore einfach loslassen. Zumindest für heute. Ich will Bobby nicht unnötig belasten. Trotzdem bleibt dieses unruhige Gefühl in meinem Magen.

Als Bobby wiederkommt, hat er die Jacke über die Schulter geworfen und grinst. „Komm, Justin. Wir gehen raus. Sonne tanken, bisschen spazieren. Tut gut.“

Ich nicke, schnappe mir meine Jacke und folge ihm. Als wir draußen sind und die kühle Luft mir ins Gesicht schlägt, versuche ich, den Kopf freizukriegen. Bobby redet über die Show und überlegt, ob wir vorher noch was essen gehen sollen. Ich versuche, mich auf seine Worte zu konzentrieren, nicht abzudriften. Aber tief in mir bleibt diese kleine, nervöse Frage: Was hat Leo mit KineticCore zu tun?

Bobby und ich gehen die Straße entlang, die Sonne wärmt mein Gesicht, und ich kann den leichten Duft von frisch gemähtem Gras in der Luft riechen. Irgendwo in der Ferne höre ich das Lachen von Kindern und das leise Klingeln von Fahrradklingeln. Es fühlt sich gut an, draußen zu sein. Frische Luft. Bewegung.

Wir biegen um die Ecke und gehen in Richtung Park. Der gleiche Park, in dem ich damals mit Leo war. Der Tag, an dem ich ihn beim Skaten beobachtet habe. Ich sehe die Szene fast wie in Zeitlupe vor mir: Leo, wie er mit lässiger Eleganz über die Rampe gleitet, die Haare im Wind, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Damals habe ich nur von ihm geschwärmt, hätte mir nicht mal vorstellen können, dass wir uns irgendwann so nah sein könnten. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, obwohl es eigentlich noch gar nicht so lange her ist. Und jetzt? Jetzt sind wir zusammen. Sind wir das? Ja... wir sind zusammen. Und bei dem Gedanken spüre ich dieses warme Kribbeln im Bauch, das mich für einen Moment alles andere vergessen lässt.

„Hast du mich überhaupt gehört?“ Bobby reißt mich aus meinen Gedanken. Er hat die Hände tief in die Taschen gesteckt und sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Äh... was?“ Ich blinzle verwirrt und merke erst jetzt, dass er wohl irgendwas erzählt hat.

Bobby seufzt und schüttelt grinsend den Kopf. „Du bist heute echt irgendwo anders unterwegs. Ich hab gefragt, ob du Lust hast, nachher noch 'ne Runde Tischtennis zu spielen. Oder denkst du gerade an deinen Boyfriend?“

Mein Gesicht wird heiß, und ich murmele irgendwas Unverständliches. Bobby lacht nur und klopft mir auf die Schulter. „Hey, ich find's gut, dass du so glücklich bist. Aber du kannst mir trotzdem ein bisschen Aufmerksamkeit schenken, wenn wir unterwegs sind, okay?“

Ich nicke. „Sorry, ich war nur etwas nachdenklich.“

Wir gehen weiter, betreten den Park, und ich sehe die Rampe, die mich sofort an Leo erinnert. Wie er damals so selbstbewusst drüber geschossen ist. Wie ich damals versucht habe, cool zu bleiben, während mein Herz fast aus der Brust gehüpft ist. Komisch, dass so eine Kleinigkeit jetzt plötzlich so bedeutungsvoll wirkt.

Bobby plappert weiter irgendwas über die Arbeit, und ich nicke ab und zu mechanisch. Aber meine Gedanken driften immer wieder zu KineticCore. Warum zum Teufel haben die Bobby angeschrieben? Und was hat Leo mit dieser Firma zu tun? Es lässt mir einfach keine Ruhe.

„Justin!“, ruft Bobby plötzlich, und ich merke, dass er stehen geblieben ist. Bevor ich reagieren kann, legt er mir die Hände auf die Schultern und sieht mir eindringlich in die Augen. „Ey, jetzt mal im Ernst. Was ist los mit dir? Du bist komplett abwesend. Ich rede die ganze Zeit und du starrst Löcher in die Luft. Was geht in deinem Kopf vor?“ Ich will erst ausweichen, einen lockeren Spruch machen, aber Bobbys Blick bleibt ernst. „Ich kenn dich. Da ist irgendwas. Und jetzt rück raus. Ich will, dass du ehrlich bist.“ Ich seufze, mein Blick wandert zu den Bäumen am Wegesrand, die sich sanft im Wind wiegen. „Ich wollte nicht den Tag verderben...“. „Justin“, unterbricht mich Bobby sanft. „Brüderzeit heißt auch, dass wir über das reden, was uns beschäftigt. Egal was. Also komm schon. Was geht dir durch den Kopf?“

Ich zögere, drücke die Handflächen gegen die kalte Metallumrandung der Parkbank neben uns. „Es geht um Leo.“ Bobby zieht die Augenbrauen hoch. „Okay, und was ist mit ihm? Irgendwas passiert?“ „Nein, nein, nicht direkt.“ Ich schlucke. „Es geht um diese Firma, KineticCore.“

Bobbys Stirn runzelt sich, er setzt sich auf die Bank und klopft neben sich, dass ich mich auch setze. „Okay. Warum beschäftigt dich das so?“ Ich setze mich und starre auf meine Hände. „Weil ich den Namen kenne. Von Leo. Als ich bei ihm war, hab ich die Auflade-Station für seine Prothese gesehen. Da stand ‚KineticCore‘ drauf. Und jetzt hast du gesagt, dass dich genau diese Firma kontaktiert hat. Das kann doch kein Zufall sein, oder?“

Bobby runzelt die Stirn. „Moment mal. Du meinst, die Firma, die mich angeschrieben hat, hat was mit Leos Prothese zu tun?“ Ich nicke langsam. „Ich bin mir ziemlich sicher. Aber ich weiß nicht, was das bedeutet. Leo hat nie viel über die Technik dahinter erzählt. Und ich wollte ihn auch nicht ausfragen. Aber jetzt? Jetzt frage ich mich, ob er irgendwie mit dieser Firma verbunden ist. Und warum die dich ausgerechnet jetzt kontaktieren.“

Bobby legt den Kopf schief und denkt nach. „Hm, das ist echt komisch. Ich hab die Mail noch nicht geöffnet, weil ich auf sowas immer aufpasse, wegen Phishing und so. Aber wenn das echt ist und die wirklich mich anschreiben, warum ausgerechnet jetzt?“

Ich schüttele den Kopf. „Ich hab keine Ahnung. Aber irgendwie das lässt mir keine Ruhe.“ Bobby lehnt sich zurück, starrt auf den Boden und scheint die Puzzleteile im Kopf zusammenzusetzen. „Vielleicht sollten wir uns die Mail später mal gemeinsam anschauen. Und dann sehen wir weiter.“ „Ja“, stimme ich leise zu. „Aber ich will heute nicht nur darüber nachdenken. Ich will Zeit mit dir verbringen. Einfach mal den Kopf freikriegen.“

Bobby lächelt leicht und legt mir den Arm um die Schultern. „Das schaffen wir. Lass uns die Gedanken mal für ein paar Stunden beiseiteschieben. Heute geht’s um uns. Akrobatik-Show und Eis, das ist unser Plan.“ Ich schmunzle und lehne mich gegen ihn. „Danke, Bobby. Du bist echt der Beste.“ „Weiß ich doch“, grinst er. „Aber jetzt komm, lass uns ein bisschen die Sonne genießen. Und wenn der Kopf wieder zu voll wird, sag Bescheid. Ich bin da.“

Wir stehen auf, gehen weiter durch den Park, und ich versuche, die Sorgen in den Hintergrund zu drängen. Aber die Frage bleibt in meinem Kopf hängen, leise, beharrlich: Was hat Leo mit KineticCore zu tun? Bobby und ich laufen weiter durch den Park, bis wir zu den Tischtennisplatten kommen. Ein paar Kids spielen auf der einen Seite, aber die Platte rechts ist frei. Bobby zieht sofort seinen Rucksack von der Schulter, grinst mich an und holt die Schläger raus.

„Na, bereit für eine Niederlage?“ fragt er mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich verdrehe die Augen. „Träum weiter. Heute zeig ich dir, was ich draufhabe.“ Er lacht nur, reicht mir einen Schläger und stellt sich ans andere Ende der Platte. „Na dann, erster Aufschlag gehört dir, Kleiner.“

Ich nehme den Ball, drehe ihn kurz zwischen den Fingern und werfe ihn dann hoch. Der Aufschlag ist gar nicht so schlecht, aber Bobby blockt locker ab und schmettert den Ball direkt zurück. Natürlich bin ich zu langsam und der Ball hüpft mir vor die Füße. „Punkt für mich“, sagt er zufrieden und grinst. „Das war nur Glück“, murmele ich und hole den Ball zurück. Wir spielen eine Weile, und wie immer bin ich die meiste Zeit derjenige, der dem Ball hinterherrennt. Bobby ist einfach zu gut. Er hat diese Reflexe, die mich manchmal echt verzweifeln lassen. Trotzdem macht es Spaß. Die Sonne scheint, eine leichte Brise weht durch die Bäume, und ich spüre, wie die Anspannung langsam nachlässt.

Zwischen den Ballwechseln reden wir über alles Mögliche. Alte Geschichten, Erinnerungen an unsere gemeinsamen Fahrradtouren, als ich noch zu klein war, um mit ihm mitzuhalten. Bobby erzählt von der Arbeit, von den ganzen IT-Problemen, die sie gerade in der Firma haben. Ich höre zu, versuche, die Gedanken an KineticCore beiseitezuschieben.

Als Bobby mir mal wieder einen Schlag um die Ohren haut und ich nur noch den Ball auf dem Boden aufschlagen höre, lacht er kurz. „Mann, Justin, du bist heute echt nicht bei der Sache.“ Ich zucke die Schultern und werfe den Ball zurück. „Ja, vielleicht. Aber ich geb nicht auf.“ „Das will ich auch hoffen“, sagt er und wirft mir den Ball zurück. Wir spielen noch eine Runde, dann lehnen wir uns beide gegen die Platte und schnaufen ein bisschen durch. Die Kids von nebenan lachen und fluchen, weil einer den Ball in das Gebüsch gekickt hat.

„Sag mal“, beginnt Bobby, „was steht bei dir die nächsten Tage eigentlich so an? Irgendwas Wichtiges?“ Ich nicke und stelle den Schläger auf die Platte. „Ja, ziemlich sogar. Nächstes Wochenende geht’s nach München – zum ‚ClimbX Open‘.“ Bobby schaut mich überrascht an. „Echt? Das klingt riesig. Was ist das genau?“ „Ein Wettkampf“, erkläre ich. „Kein Weltcup, aber trotzdem echt prestigeträchtig. Da kommen Athleten aus ganz Europa. Ist so ein bisschen das Sprungbrett für die internationale Szene. Und naja, ich darf da mitmachen.“ „Wow“, sagt Bobby beeindruckt. „Und wie kommst du dazu?“ „VERTIX nimmt mich mit“, erzähle ich und merke, wie ich dabei leicht aufgeregt werde. „Sie wollen, dass ich mich teste. Dass ich sehe, wo ich im Vergleich zu den anderen stehe. Ich darf in der offenen Klasse starten, weil man dafür mindestens 16 sein muss. Aber, ehrlich gesagt, ich hab ein bisschen Schiss.“

Bobby legt mir eine Hand auf die Schulter. „Wovor? Dass du nicht gut genug bist?“ Ich nicke langsam. „Ja. Ich bin totaler Außenseiter. Die anderen sind alle älter, erfahrener. Und ich bin da als der Jüngste, der noch nie bei sowas dabei war.“ Bobby schüttelt den Kopf. „Justin, es geht nicht darum, ob du gewinnst oder verlierst. Es geht darum, dass du dich traust. Du kriegst die Chance, dich mit den Besten zu messen. Allein das ist schon krass. Und, ganz ehrlich, du hast hart dafür gearbeitet. Wenn irgendjemand das verdient, dann du.“ Ich sehe ihn an und spüre, wie seine Worte mir Mut machen. „Aber was, wenn ich total verkacke?“ Bobby grinst. „Dann hast du’s wenigstens versucht. Und niemand erwartet, dass du sofort die Großen abziehst. VERTIX nimmt dich mit, weil sie an dich glauben. Und Leo wird auch dabei sein, oder?“ „Ja, er kommt mit. Als quasi mein persönlicher Manager und Beruhigungsmittel. Das ist irgendwie gut, und gleichzeitig noch mehr Druck.“ „Weil du ihn nicht enttäuschen willst?“ Ich nicke. „Ja. Und weil ich nicht will, dass er sieht, wie ich vielleicht voll abstürze.“

Bobby schnippt mir mit dem Finger gegen die Stirn. „Hey, wach auf. Du bist Justin. Der Typ, der sich von nichts und niemandem unterkriegen lässt. Und Leo weiß das auch. Der steht hinter dir, egal was passiert. Also geh da hin, gib dein Bestes und vergiss nicht, warum du das machst: Weil du Klettern liebst. Nicht, weil du irgendwem was beweisen musst.“ Ich atme tief durch und lasse die Worte wirken. „Danke, Bobby.“ Er zwinkert. „Immer doch. Und wenn du einen Ansporn brauchst: Mach’s besser als beim Tischtennis, okay?“ Ich lache und schlage ihm spielerisch gegen die Schulter. „Du bist unmöglich.“ „Na klar. Aber das ist mein Job als großer Bruder.“

Wir spielen noch eine Weile, und irgendwie merke ich, wie die Nervosität sich langsam verzieht. Bobby hat Recht. Es geht darum, dass ich es einfach versuche. Nicht um Perfektion, sondern um das Erleben. Und vielleicht, nur vielleicht, traue ich mich, Leo von meiner Angst zu erzählen. Aber das ist eine andere Geschichte. Als wir schließlich aufbrechen, bin ich immer noch etwas nervös wegen München, aber die Vorfreude wächst. Es ist eine Chance. Und die werde ich nutzen.

Faszination Akrobatik: Brüderzeit in der Arena

Die Sonne steht noch hoch am Himmel, als wir vor der großen Arena ankommen. Schon von weitem sehen wir die lange Schlange vor dem Eingang. Überall um uns herum stehen Menschen, viele in kleinen Gruppen oder als Familien. Es ist laut. Stimmengewirr, Lachen, aufgeregtes Murmeln. Ein paar Kinder springen zwischen den Wartenden herum, einige Jugendliche machen Selfies vor dem großen Banner über dem Eingang, auf dem in fetten Buchstaben „Akrobatik in Perfektion – Show der Champions“ steht.

Bobby sieht sich um, zieht die Schultern hoch und grinst. „Scheint echt was los zu sein. Ich wusste nicht, dass die Show so beliebt ist.“ „Ich auch nicht“, murmele ich und schaue mich ebenfalls um. Die vielen jungen Leute, die Familien. es gibt mir einen kurzen Stich. Es ist seltsam, aber manchmal passiert das einfach. Diese Gedanken, die ich eigentlich nicht haben will. Die Erinnerung an meine Eltern, an die Zeit, als wir noch zusammen als Familie unterwegs waren. Es ist jetzt sechs Jahre her, aber manchmal trifft es mich doch noch unerwartet.

Ich atme tief durch und schiebe den Gedanken zur Seite. Nicht jetzt. Nicht heute. Ich bin hier mit Bobby. und das ist gut. Er hat sich extra Zeit für mich genommen. Ich werfe ihm einen schnellen Blick zu, und als ich ihn lächeln sehe, wird mein Herz wieder leichter. Wir zwei, Brüderzeit, das zählt jetzt.

Die Schlange bewegt sich langsam vorwärts, und Bobby lenkt mich ab, indem er über die letzten Akrobatikshows spricht, bei denen wir waren. „Weißt du noch, die letzte Show in der kleinen Halle? Wo die einen Typen da in der Luft so gewirbelt haben, dass uns fast schwindelig wurde?“ Ich nicke und muss grinsen. „Ja. Und der eine hat seinen Partner nicht richtig gefangen und die haben fast die Bühnenkante mitgenommen.“ „Aber sie haben’s gerettet“, erinnert sich Bobby. „War trotzdem mega beeindruckend.“ Ich zucke die Schultern. „Sportakrobatik ist halt was anderes als Zirkusakrobatik. Aber irgendwie hat mich beides schon immer fasziniert. Diese Kontrolle über den eigenen Körper. Und die Leichtigkeit dabei. Als Kind hab ich mal gedacht, ich könnte das auch.“ „Du wolltest doch mal im Zirkus auftreten, oder?“ fragt Bobby und stupst mich mit dem Ellenbogen an. Ich grinse. „Ja. Bis ich gemerkt habe, dass ich Höhen lieber kletternd überwinde als springend. Aber die Shows haben mich immer inspiriert. So viel Kraft und Beweglichkeit. Als Kind dachte ich manchmal, ich könnte einfach loslegen und die ganzen Figuren nachmachen.“ Bobby lacht leise. „Und dann hast du die Wohnzimmerlampe fast runtergerissen, als du versucht hast, dich am Bücherregal hochzuziehen.“ „War doch nur ein kleiner Unfall“, sage ich gespielt empört. „Ein kleiner Unfall?“, wiederholt er und hebt die Augenbrauen. „Ich musste den Staubfänger erst mal wieder zusammenflicken. Und du hast dich so erschrocken, dass du fast geheult hast.“ Ich stoße ihn leicht an die Schulter. „War halt dramatisch, okay?“

Die Schlange löst sich langsam auf, und wir kommen endlich am Eingang an. Bobby zeigt die Tickets vor und wir dürfen rein. In der großen Halle ist es angenehm kühl, die Stimmen der Menschen hallen von den Wänden wider. Wir folgen dem Strom und finden unseren Platz. Ziemlich mittig, etwas erhöht. Perfekt, um die Bühne und die Bewegungen der Athleten gut zu sehen. Ich lasse mich in den Sitz fallen und blicke mich um. Die Halle füllt sich schnell, die Atmosphäre ist lebendig. Über uns schwingen schon die ersten Seile und Ringe, von der Decke hängen bunte Stoffbahnen, die im Licht der Scheinwerfer schimmern. „Guter Platz“, murmelt Bobby zufrieden. „Ja“, stimme ich zu und merke, wie die Vorfreude in mir wächst.

Ich erinnere mich daran, wie wir als Kinder zusammen im Zirkus waren. Wie ich mit großen Augen zugeschaut habe, wenn die Artisten durch die Luft flogen. Ich war immer derjenige, der vorne am Zaun stand und gestaunt hat, während Bobby eher cool daneben stand und so getan hat, als würde ihn das nicht beeindrucken. Aber ich wusste es besser. Er fand es genauso spannend wie ich. „Freust du dich?“ fragt Bobby plötzlich. „Ja, total“, gebe ich zu. „Ich mag es einfach, zu sehen, was Menschen aus ihrem Körper rausholen können. Diese Präzision, die Kraft – und gleichzeitig diese Eleganz. Manchmal frage ich mich, ob ich auch so gut werden kann. Im Klettern meine ich.“ Bobby sieht mich an und legt eine Hand auf meine Schulter. „Klar kannst du das. Du bist jetzt schon krass gut. Und das nächste Wochenende in München, das wird dein Moment. Mach dir keinen Kopf, okay?“ Ich nicke leicht, auch wenn die Nervosität kurz wieder hochkommt. „Ich will einfach nicht der Loser sein, der auf halber Höhe hängenbleibt.“ „Das wirst du nicht“, sagt Bobby bestimmt. „Weil du dich immer wieder hochkämpfst. Und wenn’s mal nicht klappt, dann versuchst du’s nochmal. Genau das macht dich aus.“

Ich lächele und merke, wie meine Anspannung etwas nachlässt. Bobby hat diesen Effekt auf mich. Er erinnert mich daran, dass es okay ist, Fehler zu machen. Dass es nicht darum geht, perfekt zu sein, sondern dran zu bleiben. Die Lichter im Saal dimmen langsam, und eine Stimme aus den Lautsprechern kündigt die Show an. Mein Herz schlägt schneller, und ich rücke ein bisschen nach vorne. Die ersten Akrobaten kommen auf die Bühne, und ich bin sofort gefesselt.

Es beginnt mit Bodenakrobatik. Kraftvolle Sprünge, perfekte Landungen, schnelle Drehungen in der Luft. Die Bewegungen sind wie ein Tanz aus Kraft und Geschmeidigkeit. Ich spüre, wie meine Begeisterung wächst, wie ich mich mit jedem Sprung und jeder Figur mitbewege, auch wenn ich nur zuschaue. Bobby sieht mich grinsend an. „Ich wette, du überlegst schon, wie man das auf der Kletterwand umsetzen könnte.“ Ich muss lachen. „Vielleicht ein bisschen. Diese Sprungkraft, krass.“ „Vielleicht solltest du mal mit den Akrobaten trainieren“, meint er augenzwinkernd. „Wenn ich Zeit hätte“, erwidere ich und konzentriere mich wieder auf die Bühne.

Als die nächste Gruppe auftritt, – Partnerakrobatik –, wird es noch beeindruckender. Die Art und Weise, wie sie sich gegenseitig stützen und in die Luft werfen, als ob die Schwerkraft nicht existiert, lässt mich staunen. Ich sehe die Muskeln arbeiten, die Anstrengung, aber auch das Vertrauen zwischen den Athleten. Ich merke, wie ich immer wieder den Atem anhalte, und als ein besonders spektakulärer Wurf gelingt, reißen die Zuschauer die Arme hoch und jubeln. Bobby sieht mich mit funkelnden Augen an und nickt mir zu. In diesem Moment ist alles gut. Nur ich, Bobby und diese unglaubliche Show.

Die Lichter in der Arena werden gedimmt, und die ersten Klänge der Musik ertönen. Rhythmisch, lebendig, voller Energie. Bobby und ich lehnen uns gespannt nach vorne. Auf der Bühne formiert sich eine Gruppe von fünf Athleten, die sich wie eine einzige, fließende Bewegung durch den Raum schwingen. Drehungen, Hebefiguren, Saltos. Es ist, als würde die Schwerkraft nicht existieren.

Ich bin fasziniert von der Kontrolle, die diese Menschen über ihre Körper haben. Die Anspannung in ihren Muskeln, das Spiel aus Stärke und Eleganz. Es ist, als würde jeder von ihnen genau wissen, wo die eigene Achse endet und die des anderen beginnt. Eine Athletin wird in die Luft katapultiert, dreht sich mehrfach um die eigene Achse und landet perfekt in den Armen ihres Partners. Der Applaus brandet auf, und ich klatsche begeistert mit.

Nach der ersten Nummer folgt ein Solo-Turner, der mit unglaublichen Sprungfolgen und Saltos beeindruckt. Die Präzision seiner Bewegungen, die perfekte Synchronisation mit der Musik. ich kann kaum glauben, wie leicht es aussieht, obwohl ich weiß, wie viel Kraft dahintersteckt.

Plötzlich ändert sich die Stimmung. Die Musik wird ruhiger, fast melancholisch, aber mit einem treibenden Rhythmus. Ein Spot beleuchtet die Bühne, und ein Duo tritt hervor. Ein junger Mann, schätzungsweise vielleicht 16 oder 17 Jahre alt, betritt die Mitte, gefolgt von einem deutlich jüngeren Jungen, vielleicht 11 oder 12. Der Moderator stellt sie als Geschwisterduo vor: Lukas und Tim. Beide tragen enge, dunkelblaue Anzüge mit silbernen Akzenten, die im Licht schimmern und die Bewegungen noch fließender wirken lassen. Die beiden nehmen Haltung an, und schon beim ersten Takt heben sie die Arme synchron in die Höhe, fast wie Spiegelbilder. Lukas hebt Tim mit einer mühelosen Bewegung hoch, als wäre er federleicht, und dreht ihn spielerisch um die eigene Achse. Es sieht aus wie ein Tanz. Stark und zart zugleich.

Dann kommt die erste beeindruckende Figur: Lukas hält Tim in der Luft, die Arme gerade ausgestreckt, und der kleine Bruder geht langsam in den Handstand über. Es sieht fast surreal aus, wie Tim völlig ruhig und konzentriert auf den ausgestreckten Armen seines Bruders balanciert. Das Publikum hält den Atem an. Die Muskulatur von Lukas spannt sich sichtbar an, die Sehnen treten hervor, aber sein Gesicht bleibt ruhig und konzentriert.

Langsam, fast in Zeitlupe, bewegt sich Tim weiter. Von beiden Armen auf nur einen Arm, während Lukas die Balance hält. Der kleine Junge biegt den Rücken in einem perfekten Bogen durch, die Beine elegant und völlig kontrolliert nach oben gestreckt. Dann vollführt Tim eine atemberaubende Drehung und bringt seinen Körper in einen Handstand, diesmal auf dem Kopf seines Bruders. Es ist unglaublich. Diese Mischung aus Kraft, Vertrauen und absoluter Körperbeherrschung. Ich kann nicht anders, als staunend den Mund offen zu lassen. Die beiden bewegen sich so synchron, als wären sie eins. Die Intensität ihrer Verbindung ist deutlich spürbar, auch aus der Entfernung. Es ist, als würden sie miteinander kommunizieren, ohne Worte, nur durch die Bewegungen.

Der Höhepunkt kommt, als Lukas Tim vorsichtig nach oben stößt, ihn in die Luft wirbelt und auffängt, ohne auch nur einen Moment aus dem Gleichgewicht zu geraten. Der kleine Bruder landet sicher auf seinen Schultern, die Arme weit ausgebreitet, während Lukas ihn stabilisiert. Ein Lächeln huscht über ihre Gesichter, als der Applaus ohrenbetäubend losbricht.

Ich kann meinen Blick kaum abwenden. Diese Verbindung, die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich gegenseitig unterstützen und tragen fasziniert mich zutiefst. Ich denke kurz an Leo und mich. An dieses unausgesprochene Vertrauen, das man einfach spürt. Ich frage mich, wie viele Stunden die Beiden wohl miteinander trainieren mussten, um so synchron zu werden. Es ist mehr als nur Können. So ist es eine Verbindung, die man nicht erzwingen kann.

Bobby stupst mich leicht an und grinst. „Schon beeindruckend, oder? Die beiden sind echt krass gut.“ Ich nicke, noch halb im Bann der Vorführung. „Ja..., irgendwie unfassbar. So viel Körperbeherrschung, und das Zusammenspiel. Als wären sie eine Einheit.“ „Erinnert mich irgendwie an dich und Leo…“, murmelt Bobby, und ich merke, wie mein Herz kurz schneller schlägt.

Es folgen noch mehrere Auftritte. Ein Trio, das komplizierte Figuren in einer Art menschlicher Pyramide baut, eine Solo-Nummer mit Bändern, die in der Luft schwingen. Doch die beiden Geschwister haben mich am meisten beeindruckt. Ihre natürliche Leichtigkeit und die Verbundenheit, die in jedem ihrer Schritte mitschwingt, lassen mich nicht los.

Als die Show endet und der letzte Applaus verhallt, lehne ich mich in meinem Sitz zurück und atme tief durch. Bobby sieht mich von der Seite an. „War doch ’ne gute Idee, oder?“ „Ja, definitiv“, antworte ich und lächle. „Danke, dass du mich mitgenommen hast.“ „Gern“, sagt er und tätschelt meine Schulter. „Manchmal braucht man einfach so einen Moment, um den Kopf frei zu kriegen.“ Ich nicke und spüre, wie ich langsam ruhiger werde. Die Bilder der Show schwirren noch durch meinen Kopf, aber ich merke, dass sich die Anspannung löst. Es tut gut, hier zu sein. Mit Bobby, ganz ohne Druck.

Trotzdem bleibt dieser eine Gedanke im Hinterkopf. KineticCore. Und Leo. Aber ich schiebe ihn zur Seite – zumindest für jetzt. Heute geht es um Bobby und mich. Um diese kleinen Momente, die wir viel zu selten miteinander teilen.

Zwischen Faszination und Geheimnissen

Zuhause angekommen, fühle ich mich auf seltsame Weise leicht. Der Tag mit Bobby war genau das, was ich gebraucht habe. Einfach mal raus, einfach mal die Gedanken sortieren, ohne dass alles gleich so überwältigend wirkt. Die Akrobatik-Show war beeindruckend. Diese Körperbeherrschung, die präzisen Bewegungen, die Kraft und die Eleganz. Irgendwie fühle ich mich inspiriert.

In der Küche schnippelt Bobby Gemüse, während ich Teller und Besteck auf den Tisch stelle. Der Geruch von frischem Knoblauch und gebratenem Hähnchen erfüllt den Raum. Bobby hat die Ärmel seines Hoodies hochgekrempelt, die Stirn leicht gerunzelt, während er die Paprika fein schneidet.

„Ich glaub, ich hab noch nie gesehen, dass du so konzentriert Gemüse schneidest“, necke ich ihn. Er lacht und wirft mir ein Stück Paprika zu, das ich gerade noch auffange. „Tja, kleine Bruderkunde: Manchmal kann ich auch sowas. Und heute ist halt gesunde Küche angesagt.“ Ich grinse. „Klingt gut. Ich hab eh das Gefühl, mein Körper könnte mal ein bisschen Detox vertragen.“ „Ach komm, du frisst doch eh nur gesunde Sachen. Aber ein paar Vitamine schaden nie.“ Bobby hebt die Pfanne vom Herd und schwenkt die Gemüse-Hähnchen-Mischung. „Und nach so einem Tag muss auch mal was Richtiges auf den Tisch.“

Während wir essen, reden wir über die Show. Bobby ist immer noch beeindruckt von den Geschwistern, Lukas und Tim. Die Art, wie sie sich vertraut haben, hat ihn genauso fasziniert wie mich. „Weißt du, was ich am Beeindruckendsten fand?“ fragt Bobby und stochert mit der Gabel in seinem Salat. „Hm?“ „Diese Ruhe in den Bewegungen. Egal wie kompliziert die Figuren waren – die beiden haben sich einfach vertraut. Kein Zögern, kein Ruckeln. Das war einfach pure Sicherheit. Finde ich irgendwie stark.“ Ich nicke. „Ja, das hat mich auch beeindruckt. Ich glaube, genau das fehlt mir manchmal. Dieses Vertrauen in den eigenen Körper. Dass ich einfach mache, ohne nachzudenken.“ Bobby mustert mich aufmerksam. „Du hast das öfter, oder? Dass du denkst, du könntest es nicht schaffen?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ja, manchmal. Vor allem jetzt vor München. Ich will nicht der Typ sein, der von VERTIX groß angekündigt wird und dann versagt.“

Er schiebt den Teller zur Seite und lehnt sich zurück. „Justin, du hast so viel trainiert. Und Leo ist doch bei dir. Ihr zieht das zusammen durch. Vertraue dir ein bisschen mehr. Und wenn’s nicht perfekt läuft, na und? Du hast dich der Herausforderung gestellt. Das ist mehr, als die meisten in deinem Alter von sich behaupten können.“ Ich senke den Blick und lächle leicht. „Ja... vielleicht hast du recht.“

Wir reden noch eine Weile, lachen über alte Geschichten, und irgendwann spüle ich die Teller ab, während Bobby schon mal die Nachrichten checkt. Als ich ins Zimmer gehe, bin ich angenehm müde, aber auch irgendwie aufgewühlt. Später im Bett liege ich unter der Decke und starre auf mein Handy. Es dauert nicht lange, bis die Nachricht von Leo aufploppt. Leo: „Na, Brüderzeit gut überstanden?“ Ich: „Ja, war mega. Akrobatik-Show und Essen. Hat gutgetan. Und bei dir?“ Leo: „Ganz okay. War noch bisschen laufen. Irgendwie war ich nicht ganz bei der Sache.“ Ich: „Warum?“ Leo: „Hab an dich gedacht. Vermiss dich.“

Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Ich drücke mein Gesicht in das Kissen, um mein Grinsen zu verbergen, obwohl niemand da ist. Ich: „Geht mir genauso. Könnte dich jetzt echt gebrauchen.“ Leo: „Bald. Versprochen.“ Ich überlege kurz und beschließe, es einfach anzusprechen.

Ich: „Sag mal..., KineticCore. Kennst du die?“ Leo: „Ja, warum?“ Ich: „Die haben Bobby eine Mail geschrieben. Irgendwas mit einer Anfrage wegen Cyber-Zeug. Komisch, oder?“ Plötzlich klingelt mein Handy. Leo ruft an. „Hey“, sage ich und versuche, die Nervosität aus meiner Stimme zu verbannen. „Hey. Was genau stand in der Mail?“ fragt Leo, seine Stimme klingt angespannt. „Weiß nicht genau. Bobby hat sie noch nicht geöffnet. Er dachte, es wäre Spam. Aber der Name kam mir bekannt vor... wegen deiner Prothese. Da stand ‚KineticCore‘ auf der Ladeeinheit.“ Ich höre Leo durch die Leitung atmen. „Ja... stimmt. KineticCore ist das Forschungsinstitut, mit dem ich zusammenarbeite. Die entwickeln die neueste Generation von Prothesen, mit künstlicher Intelligenz und Sensorik. Die KI in meiner Handprothese ist von denen. Sie reagiert interaktiv, gibt mir sogar sensorische Rückmeldungen..., so als könnte ich fühlen. Das ist alles streng geheim und noch in der Testphase. Deswegen hab ich dir auch nie viel erzählt. Durfte ich gar nicht.“

Ich bin kurz sprachlos. „Also, ...die Hand kann wirklich fühlen?“ „Ja. Es ist schwer zu erklären. Die künstliche Haut leitet Berührungen weiter. Ich trainiere gerade mit dem System, damit die KI meine Bewegungen besser versteht und ich die taktilen Signale verarbeiten kann. Manchmal fühlt es sich fast... echt an.“ „Wow“, murmele ich beeindruckt. „Das klingt unglaublich.“

„Ja, ist es auch“, antwortet Leo leise. „Aber warum zum Teufel schreiben die Bobby an? Das macht keinen Sinn. Die sind super vorsichtig mit ihren Daten und den Projekten. Ich frag morgen mal Thomas. Vielleicht weiß er was.“ „Okay, klingt echt seltsam. Aber wenn jemand was rauskriegt, dann du.“

Leo lacht leise. „Danke für dein Vertrauen. Und, Justin..., mach dir nicht zu viele Gedanken, okay? Vielleicht ist es wirklich nur ein Zufall. Aber ich find’s gut, dass du mir Bescheid gesagt hast.“ „Ich wollte dich einfach nicht raushalten. Ich hab mir Sorgen gemacht.“ „Ich weiß“, sagt Leo, und ich höre das Lächeln in seiner Stimme. „Und das bedeutet mir viel. Schlaf gut, Sunshine. Morgen klären wir das.“ „Okay. Schlaf auch gut.“

Als ich auflege, bleibt ein seltsames Gefühl zurück. KineticCore. Die Forschung, die Prothese, Leos Verbindung dazu.... und dann diese Mail an Bobby. Irgendwas passt da nicht. Aber Leo klingt zuversichtlich, und das beruhigt mich. Ich schließe die Augen und atme tief durch. Morgen ist ein neuer Tag. Und Leo wird sich kümmern. Ich vertraue ihm. Mit diesem Gedanken und Leos Stimme noch in meinem Kopf gleite ich langsam in den Schlaf.

Morgenlicht und Tagträume

Als ich am nächsten Morgen aufwache, blendet mich das Licht, das durch die halb geöffneten Vorhänge ins Zimmer fällt. Es ist noch früh, die Stadt wirkt verschlafen, und ich liege einfach still da, meine Decke bis zur Brust gezogen. Der erste Gedanke, der sich aus den Träumen schält, ist Leo. Wie er mich vorgestern angesehen hat, wie er gelächelt hat, dieses warme, sichere Gefühl, das sich in mir breitgemacht hat. Ich strecke mich, spüre, wie mein Körper noch etwas schwer vom Schlaf ist, und greife nach meinem Handy. Kaum entsperrt, leuchtet eine Nachricht auf.

Leo: „Guten Morgen, Sunshine. Schon wach?“ Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Ich tippe schnell zurück. Ich: „Jetzt schon. Du hast mich geweckt. ;-)“ Leo: „War Absicht. Wollte der Erste sein, der dir heute schreibt.“ Ich: „Mission erfolgreich.“

Ein paar Sekunden vergehen, und ich kann mir vorstellen, wie er gerade verschmitzt auf sein Handy schaut. Leo: „Schon überlegt, was du heute anziehst? Ich wette, du brauchst wieder eine Styling-Beratung.“ Ich grinse und scrolle durch meinen Schrank. Ich: „Irgendwas Farbiges vielleicht? Aber nicht zu knallig. Ich will nicht aussehen wie ein Leuchtmarker.“ Leo: „Wie wär’s mit dem dunkelgrünen Shirt? Das steht dir. Kombiniert mit der grauen Jacke und der schwarzen Hose. Lässig, aber nicht zu sportlich.“ Ich: „Du kennst meinen Schrank besser als ich.“ Leo: „Glaub mir, ich mag es, mir zu merken, was dir gut steht. Und was ich später gerne wieder ausziehe...“

Mein Herz klopft schneller, und ich spüre die Wärme in meinem Gesicht. Ich: „Du machst es echt schwer, mich auf die Schule zu konzentrieren.“ Leo: „Mission zwei erfolgreich.“ Ich lache leise und lege das Handy auf den Nachttisch. Mein Kopf ist voller Bilder von ihm, wie er mich ansieht, wie er mich hält. Mit einem warmen Gefühl stehe ich auf, ziehe die von ihm vorgeschlagenen Klamotten an und betrachte mich kurz im Spiegel. Er hat Recht: Das Outfit sieht gut aus.


In der Schule, die Stunden ziehen sich zäh dahin. Meine Gedanken schweifen immer wieder zu Leo. Es ist fast peinlich, wie präsent er in meinem Kopf ist. Die Lehrer reden, die Mitschüler tuscheln, aber ich bin gedanklich irgendwo anders. Nur ab und zu fange ich einen Satz auf und schreibe hektisch mit, damit es nicht komplett auffällt. In der großen Pause komme ich gerade aus dem Klassenraum, als Maik und Johannes schon auf mich warten. Maik grinst breit und stupst mich mit dem Ellbogen an. „Hey, Mr. Vertix-Influencer! Du hast ja am Wochenende richtig losgelegt auf Insta!“ Ich hebe die Augenbrauen, etwas verwirrt. „Was meinst du?“ Johannes hält sein Handy hoch und zeigt mir meinen neuen Post. „Das hier! Du hast doch normalerweise nie was Persönliches gepostet. Echt cool, dass du dich da jetzt traust!“ Ich lache unsicher. „Ja, ähm... Leo hat mir ein bisschen geholfen.“ Maik nickt anerkennend. „Man merkt, dass da jemand ein gutes Händchen für Social Media hat. Aber die Bilder sind echt gut. Und die Texte – klingt echt nach dir.“ „Danke..., war irgendwie ein großer Schritt für mich.“ „Sieht man dir gar nicht an. Du wirkst... selbstbewusst. Liegt das an Leo?“ fragt Johannes mit einem Grinsen. Ich werde rot. „Vielleicht..., irgendwie schon.“ „Cool, dass du dich so zeigen kannst“, meint Maik ehrlich. „Respekt.“ Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. Es fühlt sich gut an, dass sie so locker damit umgehen. Keine komischen Kommentare, keine blöden Sprüche. Einfach Akzeptanz.

Der Rest des Schultages vergeht wie im Flug. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Welt heute ein bisschen leichter ist. Vielleicht, weil ich nicht mehr ständig überlegen muss, was ich sagen darf und was nicht. Als endlich die letzte Stunde vorbei ist, packe ich meine Sachen schnell zusammen und stürme aus dem Gebäude. Kaum draußen, sehe ich Leo bei seinem Roller warten. Er lehnt lässig gegen die Sitzbank, die Sonne reflektiert auf seinem Helm. Als er mich bemerkt, hebt er die Hand. Ich gehe schnellen Schrittes auf ihn zu, mein Herz klopft schon wieder schneller. „Hey“, sage ich und versuche, nicht zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd. „Hey, Sunshine“, erwidert er, und ich sehe das Funkeln in seinen Augen. „Lange gewartet?“ „Nein, genau pünktlich. War schon froh, dich endlich wiederzusehen.“ Ich versuche, cool zu bleiben, aber es gelingt mir nicht. „Ging mir genauso.“

Leo reicht mir den Helm, und ich setze ihn auf. Kaum sitze ich hinter ihm, schmiege ich mich an seinen Rücken und schlinge die Arme um seine Taille. Sein Geruch mischt sich mit dem leichten Wind, und ich schließe kurz die Augen. Als der Motor aufbrummt und wir losfahren, lasse ich mich einfach treiben. Der Fahrtwind rauscht an uns vorbei, und ich spüre die Wärme von Leos Körper durch seine Jacke hindurch. Mein Herz beruhigt sich langsam, und ich genieße die Geschwindigkeit, die Kurven, das Gefühl von Freiheit. Leo legt sich in die nächste Kurve, und ich halte ihn fester. Ein Kribbeln zieht durch meinen Bauch, als wir uns der nächsten Straße nähern. Ich weiß, dass der Tag gerade erst anfängt, und ich kann es kaum erwarten, was noch kommt. In diesem Moment, mit dem Wind im Gesicht und Leo direkt vor mir, fühlt sich die Welt perfekt an.

Leo parkt den Roller wieder an unserem gewohnten Platz in der Tiefgarage von VERTIX. Der Motor verstummt, und die plötzliche Stille lässt mein Herz noch lauter schlagen. Ich nehme den Helm ab, fahre mir durch die Haare und schüttle den Kopf, um den leichten Abdruck auf der Stirn loszuwerden. Leo grinst und lehnt sich kurz gegen den Lenker.

„Du siehst aus, als hättest du einen Kampf mit deinem Helm gewonnen“, neckt er mich.

„Na und? Immerhin hab ich überlebt“, gebe ich zurück und schlage ihm spielerisch auf die Schulter.

Wir steigen ab und gehen nebeneinander zum Aufzug. Es ist angenehm kühl hier unten, und unsere Schritte hallen leise wider. Im Aufzug drücke ich den Knopf, und kaum schließt sich die Tür, spüre ich Leos Blick auf mir. Ich drehe mich zu ihm, sehe ihn an, richtig an. Das Licht im Aufzug ist grell, aber es lässt seine Augen fast schon leuchten.

„Was?“, fragt er mit einem leichten Lächeln.

„Nichts“, murmele ich, spüre, wie meine Wangen warm werden. „Ich hab dich halt nur vermisst.“

Er kommt näher, seine Hand findet meinen Nacken, und bevor ich es richtig registriere, sind seine Lippen auf meinen. Der Kuss ist weich und fordernd zugleich, seine Finger streichen sanft über meinen Haaransatz, und mein Magen macht einen kleinen Salto. Ich kann nicht anders, als mich an ihn zu lehnen, meine Hände gleiten unter seine Jacke und fühlen die Wärme seines Rückens.

Die Welt um uns herum verblasst, es gibt nur ihn und diesen Moment. Ich verliere mich in seinem Atem, in dem sanften Druck seiner Lippen, und spüre die Sehnsucht, die sich in mir ausbreitet. Mein Herz rast, mein Kopf ist leer. Nur das Kribbeln überall auf meiner Haut bleibt.

Plötzlich hören wir ein leises Räuspern. Erschrocken fahre ich zurück und drehe mich um. Die Aufzugtür steht offen, und ein älterer Mann mit einem Stapel Kartons in den Händen steht draußen und sieht uns mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er zögert, als wüsste er nicht, ob er jetzt einsteigen soll oder nicht.

Leo lacht leise, greift meine Hand und zieht mich aus dem Aufzug. „Sorry“, murmelt er knapp an den Mann gewandt, der sich nur ein kaum merkliches Schmunzeln verkneifen kann, bevor er einsteigt. Ich spüre, wie mein Gesicht heiß wird und schaue verlegen zu Boden. Leo drückt sanft meine Hand. „Man könnte meinen, wir hätten die Zeit vergessen.“ „Vielleicht, ...ein bisschen“, gebe ich zu und muss selbst lachen.

Wir schlendern durch den Flur in Richtung unserer Base, dieser gemütlichen Sofaecke, die inzwischen wie unser zweites Zuhause wirkt. Kaum angekommen, lässt Leo sich auf die Couch fallen und zieht mich neben sich. Ich lege meinen Kopf kurz an seine Schulter und genieße die Nähe, die wieder etwas ruhiger geworden ist. „Also“, sagt Leo schließlich. „Die Woche wird intensiv. Alles auf den Wettkampf am Samstag ausgelegt. Kai hat ein spezielles Wettkampftraining vorbereitet: Viele gezielte Bewegungsabläufe, Reaktionsübungen und vor allem Fokus auf mentale Stärke.“ Ich nicke. „Hört sich gut an. Ich fühl mich eigentlich ziemlich fit.“ „Das merkt man“, sagt er grinsend und drückt leicht meinen Oberschenkel. Ich rutsche ein Stück zurück, um ihn besser ansehen zu können. „Sag mal..,. hast du eigentlich was rausbekommen? Über KineticCore und diese Mail an Bobby?“

Leos Lächeln verblasst, und er zieht die Augenbrauen zusammen. Er wirkt angespannt, fast unsicher. „Ja..., also..., Thomas hat mir was gesagt. Aber..., ich darf dir das eigentlich nicht erzählen.“ Ich runzle die Stirn. „Wie meinst du das? Warum nicht?“

Leo beißt sich auf die Lippe und sieht kurz weg. „Thomas hat gesagt, dass es streng geheim ist. Es gibt da... ein Projekt. Und es ist ziemlich kompliziert. Mehr darf ich nicht sagen.“

Ich starre ihn an, verstehe nicht, warum er so ausweichend ist. „Aber... warum darfst du es mir nicht erzählen? Es geht doch um Bobby! Wenn da was passiert..., ich muss das wissen!“

Leo atmet tief durch und greift meine Hand. „Justin, ich weiß, das klingt blöd. Ich will dir alles sagen, wirklich. Aber Thomas hat mich eindringlich gebeten, dich da rauszuhalten. Zumindest solange wir nicht sicher sind, was da los ist.“

Mein Herz klopft schneller, und ich merke, wie sich eine leichte Wut in mir regt. „Aber warum denn? Bobby ist mein Bruder! Und wenn er da reingezogen wird, muss ich doch Bescheid wissen!“

Leo drückt meine Hand fester, sieht mich ernst an. „Ich verstehe dich, wirklich. Aber es geht nicht nur um Bobby. Es ist komplizierter. Thomas wird mit dir reden, wenn er mehr weiß. Er hat gesagt, er will es dir selbst erklären.“

Ich ziehe meine Hand zurück und starre auf den Boden. „Warum machst du da mit? Warum sagst du mir nicht einfach, was du weißt?“

Leos Gesichtsausdruck wird weicher, fast schon verzweifelt. „Weil ich es versprochen habe. Und weil ich dich nicht in Schwierigkeiten bringen will. Bitte, vertrau mir. Ich will dich nicht anlügen. Ich will nur nicht, dass du in irgendwas reingezogen wirst, das gefährlich werden könnte.“

Gefährlich? Mein Kopf rattert. Wieso klingt das plötzlich nach mehr als nur einer Mail? Ich spüre die Anspannung in mir wachsen. „Leo..., ich versteh das nicht. Wieso gefährlich?“

Er senkt den Blick und schweigt. Sein Schweigen macht mich noch unruhiger.

„Bitte, Justin“, flüstert er schließlich. „Hab Geduld. Ich rede mit Thomas und sage ihm, dass du Bescheid wissen willst. Er soll es dir erklären. Aber bis dahin..., bitte versprich mir, dass du nichts zu Bobby sagst.“

Ich beiße mir auf die Lippe und nicke langsam, auch wenn ich das Gefühl habe, dass mir das alles über den Kopf wächst. „Okay... aber ich will die Wahrheit wissen. Bald.“

Leo nickt und zieht mich sanft an sich. „Versprochen.“

Ich lasse mich von ihm halten, aber die Unruhe bleibt. Warum weiß Thomas so viel und sagt nichts? Und warum klingt Leo so besorgt? Irgendwas stimmt da nicht. Aber ich vertraue Leo. Ich muss es einfach. Auch wenn mich die Ungewissheit fast wahnsinnig macht.

Leo sieht mich an, noch immer diese leichte Besorgnis in seinen Augen, doch dann lächelt er plötzlich und streicht mir eine Haarsträhne aus der Stirn. „Hey“, sagt er leise. „Mach dir nicht so viele Gedanken. Ich kümmere mich darum, okay? Du musst dich jetzt auf dich konzentrieren. Auf dein Training, den Wettkampf, ...und vielleicht ein bisschen auf mich.“ Ich kann nicht anders, als zu schmunzeln. „Ein bisschen?“ Leo grinst und zieht mich näher zu sich, legt seine Hände an meine Hüften. „Okay, vielleicht ein bisschen mehr als nur ein bisschen.“ Sein Blick ist warm, fast schon glühend, und die Anspannung in meinem Körper löst sich langsam. Er streicht mit dem Daumen über meine Hüfte, und ich spüre ein Kribbeln, das sich durch meinen ganzen Körper zieht. „Weißt du was?“, sagt er plötzlich, „ich hab eine Idee. Ich stell dir eine besondere Kletter-Session zusammen. Mal was anderes, ein bisschen herausfordernd, aber auch kreativ. Du magst doch Überraschungen, oder?“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Solange ich nicht rückwärts die Wand runterpurzeln muss...“.

Leo lacht und küsst mich schnell auf die Stirn. „Versprochen, keine unfreiwilligen Flugübungen. Aber, bevor du in die Wand kletterst, du solltest vielleicht erst mal duschen. Du siehst ein bisschen verschlafen aus.“ Ich verziehe das Gesicht und boxe ihm leicht gegen die Schulter. „Sag doch gleich, dass ich müffle!“ „Sag ich ja“, grinst er frech und stupst meine Nase mit seiner. „Also, ab unter die Dusche. Ich kümmere mich um deine Ausrüstung.“ Ich seufze, kann mir aber ein Lächeln nicht verkneifen. „Okay, okay. Ich beeile mich.“ Leo zieht mich noch einmal zu sich und küsst mich kurz, aber intensiv. Dann dreht er mich herum und gibt mir einen sanften Schubs Richtung Umkleide. „Und wehe, du brauchst länger als zehn Minuten!“

Ich schüttle den Kopf, aber mein Herz fühlt sich schon leichter an. Als ich die Umkleide betrete und die Tür hinter mir schließe, atme ich tief durch. Das Gespräch von eben schwirrt mir noch im Kopf herum, aber ich vertraue Leo. Er wird sich darum kümmern. Ich ziehe mich aus, lasse die Klamotten achtlos auf die Bank fallen und drehe das Wasser auf. Der warme Strahl prasselt auf meine Schultern, und ich schließe die Augen, lasse das Wasser über meine Haut laufen. Es fühlt sich befreiend an, wie eine Art Reinigungsritual, das die Sorgen von mir wäscht.

Während ich die Seife auf meiner Haut verteile, denke ich an Leo. An seine Blicke, seine Berührungen, wie er mich vorhin so ernsthaft gebeten hat, ihm zu vertrauen. Mein Herz pocht schneller, und ich stelle mir vor, wie er mich hier begleitet hätte, wie seine Hände meinen Körper entlanggleiten würden... Ein wohliges Kribbeln zieht durch meinen Bauch, und ich schüttle den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Nachdem ich den Schaum abgespült habe, stelle ich das Wasser ab und steige aus der Dusche. Die Haut prickelt noch von der Wärme, und ich greife nach dem großen Handtuch, wickele es mir um die Hüften. Das feuchte Haar klebt an meiner Stirn, und ich fahre mit den Fingern hindurch, versuche, die Tropfen loszuwerden. Gerade als ich die Tür zur Umkleide aufstoße, steht Leo da. Lässig an den Spind gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick streift über mich, und ich merke, wie mein Herz schneller schlägt.

„Du warst aber schnell“, sagt er mit einem schiefen Grinsen. „War nötig“, murmele ich und spüre, wie die Röte in meine Wangen steigt. Leo tritt näher, mustert mich dabei intensiv. Seine Augen wandern von meinem Gesicht über meinen nackten Oberkörper bis hin zum Handtuch, das locker an meiner Hüfte hängt. Ich fühle mich auf einmal so viel verletzlicher, aber nicht unangenehm, eher elektrisiert. „Irgendwie gefällt mir der Anblick“, murmelt er leise und hebt die Hand, um mir eine nasse Strähne aus der Stirn zu streichen. Seine Finger streichen dabei über meine Wange, hinterlassen eine warme Spur auf meiner Haut. „Und du genießt es, mich so zu erwischen, oder?“, necke ich und versuche, mein Herzklopfen zu verbergen. „Vielleicht“, gibt er zu und zieht mich dann an sich, seine Hände an meinen nackten Schultern. Das Handtuch sitzt noch sicher, aber der leichte Zug lässt es gefährlich locker werden. Wir stehen so nah, dass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüre. Seine Hände gleiten langsam über meine Arme, streichen über meine Seiten und lassen meine Haut prickeln. Er beugt sich vor, und unsere Lippen treffen sich – erst sanft, dann tiefer. Ich schlinge die Arme um seinen Nacken, drücke mich gegen ihn, und das Handtuch rutscht ein Stück tiefer. Leo lacht leise gegen meine Lippen, und ich spüre, wie seine Finger neugierig den Rand des Handtuchs ertasten. „Willst du das riskieren?“ fragt er flüsternd. „Vielleicht“, gebe ich mit einem schüchternen Lächeln zurück. Seine Hand schiebt sich unter das Handtuch, seine Finger streifen leicht über meine Hüfte, warm und fordernd. Meine Atmung wird schneller, und ein leises Zittern läuft über meinen Rücken. Er zieht mich näher an sich, seine Hand fährt über meinen Rücken, hinterlässt eine Spur von Gänsehaut.

„Leo...“, flüstere ich gegen seine Lippen, und er sieht mir direkt in die Augen. In seinem Blick liegt eine Mischung aus Zärtlichkeit und Verlangen. „Du bist so wunderschön“, sagt er leise, seine Stimme rau vor Gefühl. Ich merke, wie das Handtuch noch ein Stück weiter nachgibt, und meine Finger klammern sich leicht in seine Schultern, als würde ich versuchen, den Moment festzuhalten. Er beugt sich vor, küsst meine Halsbeuge, während seine Hand vorsichtig meinen Rücken hinunterwandert. Mein Kopf neigt sich zurück, und ich schließe die Augen, genieße das warme Gefühl seiner Berührungen.

Plötzlich hält er inne, sieht mich an und lächelt. „Wir sollten uns beeilen“, murmelt er, obwohl ich spüre, dass ihm das genauso schwerfällt wie mir. Ich nicke langsam, aber das Lächeln verschwindet nicht von meinen Lippen. „Ja... wahrscheinlich.“ Leo tritt einen Schritt zurück, lässt seine Finger sanft von meiner Hüfte gleiten und schenkt mir noch einen letzten, langen Kuss, bevor er sich aufrichtet. „Ich hab dir was rausgelegt. Zieh dich an, ich warte besser draußen.“

Als er geht, lasse ich mich kurz gegen den Spind sinken, atme tief durch und schließe die Augen. Mein Körper ist noch ganz aufgewühlt, die Haut glüht von seinen Berührungen. Ich schüttle den Kopf und lächele vor mich hin, während ich das Handtuch fester um meine Hüften wickele. Dann gehe ich zu meinem Spind und sehe die Klamotten, die Leo herausgesucht hat. Eine ärmellose Funktionsweste in kräftigem Grün, die sofort ins Auge fällt, dazu eine eng anliegende Kletterhose in Dunkelgrau mit leuchtend grünen Nähten. Die Hose fühlt sich flexibel an, schmiegt sich an meine Beine, ohne einzuschränken. Ich ziehe die Weste über, und sie sitzt perfekt. Eng genug, um meine Brust und Arme zu betonen, aber trotzdem leicht und atmungsaktiv. Die Farben passen erstaunlich gut zusammen und heben meine Augen hervor.

Neugierig stelle ich mich vor den Spiegel, drehe mich ein wenig zur Seite und betrachte mein Spiegelbild. Meine Schultern und Arme sehen definiert aus, und die Weste unterstreicht meine Figur. Irgendwie gefällt mir das. Ein leichtes Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht, und ich posiere kurz, strecke die Arme aus und spanne die Muskeln an. Plötzlich sehe ich im Spiegel, wie Leo leise in die Umkleide zurückschleicht, die Arme locker verschränkt, ein breites Grinsen im Gesicht. „Du siehst echt heiß aus“, sagt er und zwinkert. Ich zucke leicht zusammen, werde rot und lache verlegen. „Musst du mich so erschrecken?“ Leo tritt näher, legt seine Hände auf meine Hüften und stellt sich hinter mich. Sein Kinn ruht auf meiner Schulter, und er sieht mich im Spiegel an. „Ich mag es, wenn du dich gut fühlst. Und wenn du dich selbst so ansiehst. Das macht dich nur noch attraktiver.“ „Na toll“, murmele ich, „jetzt komm ich mir vor wie ein Angeber.“ „Nein“, sagt Leo sanft, „du bist einfach du. Und das ist perfekt.“ Er drückt einen Kuss auf meine Schulter und gibt mir dann einen leichten Klaps auf den Po. „Komm schon, die anderen warten. Mia will dich noch stylen, bevor wir loslegen.“

Ich nicke, nehme noch einen letzten Blick auf mich selbst im Spiegel und folge ihm dann aus der Umkleide. Das Prickeln auf meiner Haut bleibt noch eine Weile, und die Gewissheit, dass Leo mich so sieht – dass er mich mag, genauso, wie ich bin – macht mich glücklich.

Zusammen gehen wir Richtung Styling-Bereich, und mein Herz schlägt noch immer ein bisschen schneller, während Leo neben mir geht, seine Hand zwischendurch kurz meine streift. Irgendwie fühlt sich das alles gerade richtig an.

Wettkampfvorbereitung: ClimbX Open – Alles, was du wissen musst

Nachdem Mia mich wieder etwas frischer aussehen lässt – ein bisschen Puder, um die leichte Röte von meiner Haut abzudecken, und ein Hauch von Glanz auf die Lippen, fühle ich mich bereit. Sie zwinkert mir zu und meint: „Jetzt siehst du aus wie ein Profi, der bereit ist, alles zu geben.“

Ich grinse und bedanke mich, dann geht es direkt zu Kai. Er steht schon in der Trainingshalle und checkt eine Liste auf seinem Tablet. Als er mich kommen sieht, nickt er mir kurz zu. Ich gehe mit Kai rüber zur Trainingswand, die sich in der Halle erhebt. Neben uns liegen einige Kletterseile ordentlich aufgerollt, und die Matten sind frisch ausgebreitet. Kai bleibt stehen und dreht sich zu mir um.

„Also, Justin“, beginnt er. „Wir müssen uns diese Woche voll auf die ClimbX Open konzentrieren. Es wird eine andere Nummer als das, was du bisher gemacht hast. Du kennst die Disziplinen, klar, aber der Ablauf ist ein bisschen speziell.“ Ich nicke. „Ja, das ist mir klar. Ich hab ja auch schon an ein paar Wettkämpfen teilgenommen. Aber das hier ist einfach eine andere Liga. Was genau erwartet mich da?“ Kai lehnt sich an die Wand und verschränkt die Arme. „Stimmt. Das hier ist kein Vereinswettkampf. Die ClimbX Open sind international, da kommen die Besten aus Europa. Lead, Bouldern und Speed – die drei Disziplinen kennst du. Aber es geht darum, in allen drei Bereichen zu punkten. Die Gesamtkombination entscheidet am Ende. Ein guter Allrounder hat die besten Chancen.“

Ich nicke langsam und merke, wie mein Kopf anfängt zu arbeiten. Lead und Bouldern, das kenne ich. Ich bin mir sicher, dass ich da gut mithalten kann. Aber Speed? Da habe ich bisher kaum Erfahrungen. Im Verein hatten wir keine richtige Speedwand, und bei VERTIX haben wir das bisher auch nicht wirklich trainiert. „Lead und Bouldern sind klar“, sage ich schließlich. „Aber Speed..., da bin ich unsicher. Wir haben das bisher kaum trainiert.“ Kai hebt überrascht eine Augenbraue. „OK. Kein Problem, das kriegen wir diese Woche hin. Aber lass uns trotzdem die Wettkampfabläufe nochmal durchgehen, damit du weißt, was dich erwartet.“

„Lead ist dein stärkster Bereich, würde ich sagen“, beginnt Kai. „Da geht es darum, eine hohe Route zu klettern und das Seil selbst einzuhängen. Der Clou beim Wettkampf: Die Route wird immer schwieriger, je höher du kommst. Du hast nur einen Versuch. Wenn du abrutschst oder stürzt, zählt die Höhe des letzten gesetzten Clips.“ „Und wenn mehrere Kletterer die gleiche Höhe erreichen?“ frage ich. „Dann entscheidet die Zeit. Aber die Höhe ist erstmal das Wichtigste. Je weiter du kommst, desto mehr Punkte. Es ist also eine Mischung aus Ausdauer, Technik und mentaler Stärke. Der Schlüssel ist, die Bewegungen gut einzuteilen und nicht zu verkrampfen, wenn es schwierig wird.“

Ich nicke. Lead habe ich im Griff. Aber die Sache mit der Zeit... da muss ich aufpassen, nicht zu hektisch zu werden. „Und beim Bouldern?“ hake ich nach, obwohl ich die Abläufe eigentlich kenne. „Beim Bouldern zählen die Anzahl der Versuche und die erreichten Griffe. Du hast mehrere Boulderprobleme, und jeder Versuch kostet Punkte. Das Ziel ist, mit möglichst wenigen Versuchen den Topgriff zu erreichen. Zwischendurch gibt’s oft einen Bonusgriff, der dir Zusatzpunkte bringt.“ Ich grinse. „Das heißt also: Technik vor Kraft. Und möglichst auf den ersten Versuch gehen.“

Kai nickt zufrieden. „Genau. Was du im Hinterkopf behalten musst: Jeder Versuch zählt. Also nicht gleich blind losstürmen. Erst den Bewegungsablauf planen und dann konzentriert starten.“ „Ich weiß, dass ich beim Bouldern manchmal zu hastig bin“, gebe ich zu. „Eben. Ruhe reinbringen. Gerade bei den internationalen Wettkämpfen wirst du sehen, dass die Top-Boulderer oft erstmal analysieren, bevor sie überhaupt losklettern.“ Ich atme tief durch. Bouldern ist meine Leidenschaft, aber genau da will ich zeigen, dass ich die Nerven behalte.

„Speed ist meine größte Unsicherheit“, gebe ich ehrlich zu. „Wir haben das noch nie richtig trainiert.“ Kai legt mir die Hand auf die Schulter. „Kein Drama. Wir holen das nach. Beim Speed geht es um pure Schnelligkeit. Du rennst die Wand hoch – und zwar gegen einen Gegner. Es gibt eine standardisierte Route von 15 Metern, die weltweit immer gleich ist. Du startest parallel mit einem anderen Kletterer und drückst oben auf den Sensor. Die Zeit zählt ab dem Startsignal. Der Schnellere gewinnt.“ „Das klingt wie ein Wettrennen an der Wand“, murmele ich. „Genau das ist es auch. Es geht nicht um Technik oder Eleganz – nur um Geschwindigkeit und Präzision. Jeder Tritt muss sitzen. Und du darfst nicht abrutschen.“ Ich überlege kurz. „Also eher wie Sprints beim Sprinttraining – explosive Power.“

„Genau. Und dabei die Nerven behalten. Viele machen den Fehler, zu verkrampfen. Es muss fließen – wie ein gut eingespielter Bewegungsablauf. Wir werden diese Woche speziell an deiner Sprungkraft und Präzision arbeiten.“ Ich nicke langsam. Speed wird definitiv eine Herausforderung. Aber wenn ich in den anderen beiden Disziplinen stark punkten kann, habe ich eine Chance.

„Am Ende“, sagt Kai, „werden die Punkte aus allen drei Disziplinen addiert. Es gibt keine Spezialwertung. Nur die Kombinationswertung entscheidet. Es reicht also nicht, in einer Disziplin zu glänzen. Du musst überall gut abliefern. Auch wenn Speed vielleicht nicht deine Paradedisziplin ist. Ein paar Punkte holen wir da raus.“ Ich schlucke und versuche, die Anspannung loszulassen. „Okay. Klingt machbar. Zumindest wenn ich die Nerven behalte.“ Kai grinst. „Genau das ist der Punkt. Deine Technik ist gut, deine Kraft auch. Jetzt geht es um mentale Stärke. Und daran arbeiten wir. Diese Woche wird intensiv, aber du wirst sehen, wie viel du rausholen kannst.“

Ich sehe ihn an und spüre die Aufregung. Es wird hart. Aber ich will das durchziehen. Für mich, für das Team und für Leo, der immer an mich glaubt. „Okay“, sage ich schließlich und richte mich auf. „Lass uns anfangen. Ich will zeigen, was ich kann.“ Kai lacht leise. „Genau die richtige Einstellung. Dann los. Heute starten wir mit einer Boulder-Challenge. Problemstellungen unter Druck lösen. Danach gehen wir in den Lead-Bereich und arbeiten an deinen Clips. Speed-Training machen wir morgen.“

Ich ziehe die Kletterschuhe an und spüre, wie die Energie zurückkommt. Ich bin bereit. Bereit, mich der Herausforderung zu stellen. Ich werfe einen letzten Blick in Richtung der Trainingsbänke, bevor ich loslege. Leo sitzt dort, das Tablet auf den Knien, und tippt etwas ein. Aber ich merke, dass seine Gedanken nicht nur bei den Notizen sind. Sein Blick ist leicht verträumt, die Augen folgen meinen Bewegungen. Als er bemerkt, dass ich ihn anschaue, lächelt er. Ein Lächeln, das so vertraut und warm ist, dass mein Herz einen kleinen Sprung macht. Leo hebt die Hand und formt mit den Lippen ein lautloses „Kuss“. Ich erwidere sein Lächeln und tue so, als würde ich den unsichtbaren Kuss auffangen. Es ist albern, aber ich fühle mich dadurch irgendwie... leicht. Diese kleine Geste gibt mir mehr Energie als ein ganzes Aufwärmprogramm. Kai hebt eine Augenbraue und grinst. „Verknallt und trotzdem bereit zum Kämpfen? Nicht schlecht.“ Ich verdrehe die Augen, aber grinse ebenfalls. „Ich bin sowas von bereit.“

Kai lässt mich erst mal ein paar Runden in der Halle warmlaufen, die Beine lockern, die Arme ausschütteln. Das Prickeln in meinem Körper von Leos Blick und der bevorstehenden Herausforderung verschwimmt zu einem angenehmen Kribbeln. Meine Schritte sind leicht, die Gedanken fließen. Ich konzentriere mich darauf, die Muskeln geschmeidig zu machen, den Puls langsam zu erhöhen.

Danach ein paar Mobilitätsübungen: Knie hochziehen, Fußgelenke kreisen, Schultern lockern. Kai achtet darauf, dass ich jeden Schritt sauber ausführe. „Locker bleiben, Justin. Der Körper soll warm werden, nicht verkrampfen.“

Ich nicke und atme tief durch. Ein paar Ausfallschritte, dann ein paar dynamische Dehnübungen für die Beine und den Rücken. Ich spüre, wie die Anspannung aus meinen Muskeln weicht und die Beweglichkeit zurückkommt.

Kai führt mich zur Boulderwand, wo verschieden farbige Griffe eine anspruchsvolle Route bilden. „Ziel ist, die Route in maximal drei Versuchen zu schaffen. Es gibt einen Bonusgriff in der Mitte und den Topgriff am Ende. Beides bringt Punkte.“

Ich schaue die Route genau an. Die Griffe sind klein und weit auseinander, die ersten Meter erfordern schnelle Bewegungen, dann kommen einige Überkreuz-Züge, die ordentlich Balance brauchen. „Okay, verstanden.“ Ich gehe zur Wand, lege die Hände an die Startgriffe und atme tief ein. Kai steht neben mir und nickt ermutigend. „Nicht zu schnell, denk an die Bewegungsfolge.“

Mit einem kräftigen Zug hebe ich mich vom Boden ab. Die ersten Griffe gehen gut, ich spüre die Kraft in den Armen, die Spannung in den Beinen. Ein Zug, dann der nächste, fließende Bewegungen. Die Wand gibt ein leises Kratzen von sich, wenn meine Finger die raue Oberfläche streifen.

Beim Überkreuz-Zug zögere ich kurz, suche Halt mit dem linken Fuß und strecke mich nach oben. Die Fingerspitzen streifen den Bonusgriff. Ich greife sicher zu. Ein kurzes Aufatmen, mein Körper stabilisiert sich. Jetzt nur nicht die Konzentration verlieren. Kai ruft von unten: „Gut gemacht. Bleib ruhig.“

Ich setze die Füße sauber, ziehe die Knie dichter zur Wand und gehe die letzten beiden Griffe an. Mein rechter Arm zittert leicht, aber ich fokussiere mich auf den Zielgriff. Einen kleinen Satz nach oben – und meine Hand umfasst den Topgriff. Fest. Sicher. Ich atme erleichtert aus und lasse mich kontrolliert zurück auf die Matte sinken. Kai klatscht in die Hände. „Saubere Arbeit. Das war kontrolliert und trotzdem dynamisch. Genau so will ich das sehen.“

Ich streiche mir den Schweiß von der Stirn und gehe zur Trinkflasche, die am Rand der Matte steht. Während ich das kühle Wasser in großen Schlucken trinke, sehe ich rüber zu Leo. Er hat die Szene mit dem Tablet festgehalten, aber als sich unsere Blicke treffen, grinst er stolz und hebt den Daumen. Ich merke, wie sich meine Schultern ein bisschen mehr aufrichten. Der Stolz in Leos Augen fühlt sich wie eine zusätzliche Belohnung an.

Kai tritt zu mir. „Noch drei Routen. Dann kurze Pause. Aber achte darauf, dass du nicht überziehst. Du hast die Kraft gut eingeteilt, behalte das bei.“ Ich nicke und stelle die Flasche wieder ab. Mein Puls beruhigt sich langsam, und die Erschöpfung wird von der Motivation überlagert. Noch drei Routen. Ich bin bereit. Und während ich mich wieder zur Wand bewege, spüre ich diesen kleinen Funken Euphorie in mir. Nicht nur wegen des Erfolgs. Sondern auch, weil Leo mich sieht. Und weil ich ihm zeigen will, was ich kann.

Ich reibe mir die Hände mit Chalk ein, während Kai mir die nächste Aufgabe erklärt. Diesmal soll ich nicht nur die Route schaffen. Er will, dass ich die Zeit beachte und trotz Stress konzentriert bleibe. „Im Wettkampf bist du nicht allein an der Wand, Justin. Da sind andere Kletterer, die Geräusche, Zuschauer, Anfeuerungsrufe. All das kann dich ablenken. Du musst deinen Fokus behalten, auch wenn es um dich herum unruhig wird.“

Ich nicke, versuche die Worte in meinen Kopf zu bekommen. Klingt logisch. Aber die Umsetzung? Ich werfe einen Blick zu Leo, der mir ermutigend zunickt, während er Notizen ins Tablet tippt. Dann richte ich den Blick auf die neue Boulderroute. Sie sieht auf den ersten Blick ähnlich aus wie die vorherige, aber die Griffe sind unregelmäßiger verteilt und einige Abschnitte erfordern dynamische Sprünge. „Okay“, sage ich fest entschlossen. „Ich bin bereit.“

Kai ruft die Zeit, und ich springe an die Wand. Die ersten Züge laufen gut, doch plötzlich fängt Kai an, laut zu sprechen. Mit Leo, über den Trainingsplan. Ich weiß, dass er es absichtlich macht, um mich abzulenken. Dann spielt er über die Lautsprecher Geräusche von Zuschauern ein: Jubel, Rufe, Gespräche. Mein Griff rutscht ab, und ich fange mich gerade noch an einem niedrigeren Tritt. Der Puls hämmert in meinen Ohren. Fokus! Ich zwinge mich, die Geräusche auszublenden, konzentriere mich auf den nächsten Griff. Die Hände zittern leicht, der Chalkstaub prickelt an meinen Fingern. Ich taste mich voran, kämpfe gegen die Ablenkung an. Doch kurz vor dem Topgriff rutsche ich ab und ich lande unsanft auf der Matte und fluche leise.

Kai tritt näher. „Was war das?“ Ich schüttle den Kopf. „Die Stimmen..., sie haben mich rausgebracht.“ „Genau das ist der Punkt. Du musst dich darauf trainieren, die Umgebung auszublenden. Stell dir vor, du bist allein an der Wand. Nur du und die Griffe. Alles andere existiert nicht.“ Ich nicke, wische mir die Stirn ab und atme tief durch. Noch einmal. Dieses Mal konzentrierter. Ich fasse die Griffe erneut, atme bewusst tief ein. Diesmal achte ich auf mein eigenes Tempo, zwinge mich, nicht zu hastig zu werden. Kai startet wieder die Geräuschkulisse, sogar Leo ruft etwas, aber ich beiße die Zähne zusammen und zwinge mich, die Wand als meinen einzigen Bezugspunkt zu sehen. Mein Körper arbeitet gleichmäßiger, die Bewegungen sind flüssiger. In meinem Kopf wiederhole ich immer wieder: „Nur die Wand. Nur die Route.“ Ich schaffe es bis zum Topgriff und klammere mich fest. Die Anspannung fällt von mir ab, und ich lasse mich zurück auf die Matte sinken. Kai nickt anerkennend. „Besser. Du hast dich nicht mehr rausbringen lassen. Das musst du dir beibehalten.“

Jetzt wird die Route schwieriger: kleine Leisten, kaum Platz für die Finger, Überhang am Ende. Kai fügt noch eine Schwierigkeit hinzu: „Diesmal rufe ich dir falsche Anweisungen zu. Lass dich nicht verwirren. Vertraue deinem Instinkt.“ Ich beiße mir auf die Lippe. Noch mehr Ablenkung. Aber ich will es schaffen. Will mir selbst beweisen, dass ich mich nicht so leicht aus dem Konzept bringen lasse. Ich greife die Startgriffe und beginne, mich nach oben zu arbeiten. Gleich am Anfang kommt eine schwierige Passage mit einem Seitgriff, der instabil ist. Kai ruft: „Links – fester Stand!“, aber ich weiß, dass das nicht passt. Ich ignoriere ihn und setze den Fuß auf den höheren Tritt rechts. Der Überhang kommt näher, meine Finger sind angespannt. Kai ruft wieder: „Sprung, sofort!“ Doch ich weiß, dass ein Sprung zu riskant ist und trotzdem bin ich abgelenkt und rutsche ab. Ich wiederhole sofort. Diesmal schaffe ich es zum Topgriff und drücke die Matte erleichtert unter meinen Füßen zusammen. Kai kommt näher, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. „Jetzt hast du’s verstanden. Bleib bei deinem Gefühl. Das ist deine Stärke. Nicht blind auf Anweisungen hören.“

Ich schnaufe und reibe meine Handgelenke. Mein Kopf ist voller Adrenalin. Leo kommt näher, reicht mir die Wasserflasche und lächelt stolz. „Hast dich diesmal nicht verunsichern lassen. Gut gemacht.“ Ich sitze auf der Bank, die Wasserflasche in der Hand, und spüre, wie meine Hände leicht zittern. Der Boulder-Part hat mich mehr gefordert, als ich gedacht hätte. Konzentration unter Druck. Das klingt so einfach, aber in der Praxis ist es ein Kampf gegen den eigenen Kopf. Ich atme tief durch, versuche, den Puls zu beruhigen.

Leo kommt zu mir, setzt sich neben mich und legt seine Hand auf meine Schulter. „War gut. Du hast dich echt gesteigert. Nicht perfekt, aber wer sagt, dass du das schon sein musst?“ Ich sehe ihn kurz an, versuche zu lächeln, aber in mir brodelt es. Ich will es perfekt machen. Ich will zeigen, dass ich es draufhabe. Kai kommt dazu, die Arme verschränkt. „Lead-Klettern ist nicht weniger fordernd. Eher im Gegenteil. Hier zählt nicht nur Kraft, sondern auch Geduld. Du musst deine Energie einteilen und mental stark bleiben, auch wenn die Route dir alles abverlangt.“

Ich nicke und stelle die Flasche zur Seite. Kai zeigt mir die Route, erklärt die Schlüsselstellen: Überhang, komplexe Griffe, ein paar dynamische Züge. Ich kenne die Technik, aber ich weiß auch, dass die Ausdauer hier die eigentliche Herausforderung ist.

Dann atme ich noch einmal tief durch, greife die Startgriffe und ziehe mich hoch. Die ersten Züge laufen flüssig. Meine Finger greifen sicher die Leisten, die Beine suchen stabilen Halt. Ich höre Leos Stimme von unten, ruhig und aufmunternd: „Sauber. Lass dir Zeit. Konzentrier dich.“

Doch nach den ersten drei Metern kommt der Überhang. Mein linker Fuß rutscht leicht weg, und mein Herzschlag rast plötzlich. Fokus! Ich ziehe mich hoch, greife nach dem nächsten Griff – aber mein rechter Arm zittert. Der Schwung war zu viel, und ich verliere das Gleichgewicht. Abgang. Ich lande hart auf der Matte und fluche leise.

Kai schüttelt den Kopf, aber nicht vorwurfsvoll. „Zu hastig. Du hast dich selbst unter Druck gesetzt. Noch mal, aber diesmal langsamer.“

Ich schnappe mir die Flasche und nehme einen Schluck, die Enttäuschung nagt an mir. Warum klappt das nicht? Ich kenne die Technik doch. Leo tritt näher und sieht mich mit diesem verstehenden Blick an. „Hey. Du bist gerade zu verkrampft. Atme tief durch. Denk dran: Du hast Zeit. Lead ist kein Sprint.“ Ich nicke, versuche, die Worte zu verinnerlichen. Dieses Mal greife ich die Griffe erneut, konzentriere mich auf die Atmung. Diesmal lasse ich mir mehr Zeit, versuche, die Route im Kopf durchzugehen, bevor ich den nächsten Zug mache. Doch kaum bin ich wieder am Überhang, packt mich die Unsicherheit. Ich greife höher, versuche, mich in den Überhang zu schwingen, und verliere den Halt. Wieder auf der Matte. Der Frust macht sich breit, ich werfe das Chalk in die Ecke. „Verdammt!“

Kai bleibt ruhig. „Was hast du gemacht?“ „Ich... ich weiß nicht. Ich dachte, ich müsste schneller durch den Überhang. Aber dann...“. „Du hast gezweifelt“, sagt er ruhig. „Und das merkt dein Körper sofort. Du hast die richtige Technik, aber du glaubst nicht daran. Versuch’s noch mal, aber diesmal ohne zu viel nachzudenken. Vertraue auf das, was du gelernt hast.“

Ich versuche, die Wut runterzuschlucken, konzentriere mich auf die Route. Diesmal sage ich mir: Vertraue dir. Ich ziehe mich hoch, bleibe ruhig. Diesmal spüre ich, wie mein Körper die Bewegung fast von selbst macht. Der Überhang kommt näher, und diesmal nehme ich mir die Zeit, den richtigen Tritt zu setzen. Ich greife den nächsten Griff, ziehe mich hoch. Und plötzlich bin ich durch. Ein erleichtertes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Leo klatscht kurz, und Kai nickt zufrieden. „Siehst du? Technik plus Vertrauen. Du hast die Kraft. Und du musst dir nur zutrauen, sie auch einzusetzen.“

Doch die nächsten Routen sind nicht so erfolgreich. Ich rutsche zweimal an einer schwierigen Stelle ab, verliere den Rhythmus und verhaspele mich bei einem dynamischen Zug. Jeder Fehlversuch frustriert mich mehr, und ich merke, wie die Zweifel zurückkehren. „Hey“, sagt Leo und reicht mir die Wasserflasche. „Du bist nicht unbesiegbar. Du lernst gerade, und das ist gut. Die Fehler gehören dazu.“

„Ich weiß..., aber es nervt. Ich will das besser können.“ „Und das wirst du. Aber es braucht Zeit. Du hast noch eine Woche bis zum Wettkampf. Nutze die Zeit zum Lernen, nicht zum Verzweifeln.“ Ich nicke langsam. Er hat Recht. Es bringt nichts, jetzt den Kopf in den Sand zu stecken.

Kai stellt sich neben mich. „Wir machen eine Pause. Danach geht es nochmal an die Route. Diesmal weniger auf die Zeit achten, sondern auf die Technik. Verinnerliche die Bewegungen, bevor du sie machst.“

Ich lasse mich auf die Bank sinken und schließe kurz die Augen. Mein Körper fühlt sich schwer an, aber in mir regt sich auch der Kampfgeist. Leo setzt sich neben mich, legt eine Hand auf meine Schulter. „Du machst das gut. Echt. Niemand erwartet, dass du alles beim ersten Mal schaffst.“ Ich lächle schwach. „Aber ich erwarte es von mir.“ „Tja, vielleicht bist du dein größter Kritiker.“ „Vielleicht...“, murmele ich.

Während ich mich auf die nächste Runde vorbereite, merke ich, dass mein Kopf klarer wird. Die Fehler sind da. Aber ich kann daraus lernen. Und wenn ich eins von Leo gelernt habe, dann das: Nicht aufgeben. Ich sehe ihn kurz an, und er zwinkert mir zu. „Ich glaub an dich.“ Diese Worte geben mir einen kleinen Schub. Ich stehe auf, reibe mir die Hände mit Chalk ein und gehe zur Wand. Diesmal mit etwas weniger Druck und etwas mehr Vertrauen.

Ich stehe wieder vor der Wand, die Hände noch kreidig vom Chalk. Meine Finger sind schon leicht taub, die Muskeln brennen, aber ich spüre auch dieses Feuer in mir. Es geht nicht mehr nur um die Technik. Sondern es geht darum, durchzuhalten. Nicht aufzugeben.

Kai steht neben mir und mustert die Route. „Diesmal langsamer. Nutze die Pausenpunkte aus. Lead ist ein Marathon, kein Sprint. Spar dir die Kraft für die Schlüsselstellen.“

Ich nicke, konzentriere mich. Leos Blick verfolgt mich von der Seite, und allein das Wissen, dass er da ist, gibt mir die letzte Motivation.

Ich setze die Hände an die Startgriffe, atme tief durch und ziehe mich nach oben. Die ersten Meter gehen flüssig, die Griffe sind vertraut, die Bewegungen sitzen. An der ersten Ruheposition halte ich kurz inne, schüttele die Arme aus, lasse die Schultern locker. Mein Atem beruhigt sich langsam. Dann kommt der Überhang. Diesmal zwinge ich mich, nicht hektisch zu werden. Langsam verlagere ich mein Gewicht, suche den stabilen Tritt. Der rechte Fuß findet Halt, die linke Hand greift weiter. Und ich bin durch. Endlich.

Ein kurzer Jubelruf entfährt mir, und unten klatschen Leo und Kai. Aber die Freude hält nicht lange. Die nächste Passage ist ein Balanceakt. Ich merke, wie meine Finger an den kleinen Griffen abrutschen, mein Körpergewicht zu viel wird. Instinktiv verlagere ich die Hüfte nach rechts, um das Gleichgewicht zu halten, doch der Griff rutscht. Ich falle. Die Sicherung fängt mich ab, und ich schwinge gegen die Wand, knalle leicht mit der Hüfte dagegen. Der Aufprall ist nicht hart, aber meine Nerven sind am Ende. „Scheiße!“, fluche ich laut und schlage die Faust gegen die Wand. Die Frustration kommt wie eine Welle über mich, und ich will einfach nur oben ankommen – nicht ständig scheitern.

Kai schaut mich ernst an. „Justin, Fehler gehören dazu. Akzeptiere es. Lerne daraus. Was hast du falsch gemacht?“ Ich atme schwer, versuche mich zu sammeln. „Ich..., ich war nicht ruhig genug. Hab zu schnell den nächsten Griff gesucht.“ „Richtig. Die Balance-Passage braucht Zeit. Kein Hüpfen. Fließende Bewegungen.“ Ich beiße die Zähne zusammen. Aufgeben ist keine Option. Also wieder ran. Diesmal langsamer, überlegter. Die Route hoch, Überhang gemeistert, Balance-Passage erreicht. Ich konzentriere mich auf die Hüftrotation, verlagere mein Gewicht wie beim Training. Langsam setze ich den Fuß um, greife weiter. Diese Mal komme ich durch. Ein erleichterter Seufzer entweicht mir. Die letzten Züge fühlen sich schwer an. Meine Finger zittern, die Unterarme brennen. Ich ziehe mich an den letzten Griff, klippe die Sicherung und lasse mich schließlich ab. Kaum unten angekommen, sacke ich auf die Matte und hole tief Luft. Mein ganzer Körper bebt vor Erschöpfung.

Leo ist sofort bei mir, reicht mir die Wasserflasche und setzt sich neben mich. „Krass. Du hast es geschafft.“ Ich nicke nur, zu fertig, um zu sprechen. Mein Kopf lehnt an Leos Schulter, und ich schließe kurz die Augen.

Kai tritt näher und lächelt leicht. „Das war gut. Aber du musst an deiner Kraftaufteilung arbeiten. Du verballerst zu viel Energie in den ersten Metern. Gerade bei langen Routen ist das fatal.“ Ich nicke schwach. „Ich dachte..., ich müsste am Anfang Gas geben.“ „Nicht bei Lead. Da geht es darum, das Tempo zu variieren. Kraft sparen für die Schlüsselmomente.“ Leo streicht mir über den Rücken. „Du bist ans Limit gegangen. Das war gut. Aber hör auf, dich selbst so zu stressen.“ Ich lache trocken. „Ist leichter gesagt als getan.“ „Ich weiß. Aber glaub mir. manchmal bringt Gelassenheit mehr als Ehrgeiz. Du hast noch eine Woche Zeit. Du wirst besser werden.“

Ich bleibe noch eine Weile einfach sitzen, das Brennen in den Muskeln lässt langsam nach. Kai nickt zufrieden. „Für heute reicht’s. Du hast deine Grenzen gespürt – und genau das war das Ziel. Es geht nicht nur darum, stark zu sein. Es geht darum zu wissen, wann man nachlässt, wann man Kraft spart. Das macht den Unterschied.“

Ich schließe die Augen und lasse die Worte sacken. Die Müdigkeit drückt mich in die Matte, und ich merke, dass ich heute wirklich alles gegeben habe. Mein Körper fühlt sich schwer an, aber irgendwo unter der Erschöpfung ist da auch Stolz.

„Hey“, murmelt Leo leise. „Du hast es gut gemacht. Ich weiß, dass du dich ärgerst – aber das gehört dazu. Niemand ist perfekt.“ Ich sehe ihn an und versuche, zu lächeln. „Danke. Ich will das einfach gut machen. Für dich. Für VERTIX. Für mich.“ Leo legt seine Stirn kurz gegen meine. „Und du wirst es gut machen. Weil du nie aufgibst.“ Seine Worte geben mir die nötige Ruhe. Ich lehne mich zurück, trinke einen Schluck Wasser und lasse die Anspannung langsam los. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Versuch. Und ich weiß, dass ich mich steigern werde.

Kai reicht mir die Hand, um mich hochzuziehen. „Ab zur Regeneration. Und denk dran: Fehler sind deine besten Lehrer. Sei nicht zu hart zu dir selbst.“ Ich nicke und gehe mit Leo Richtung Umkleide. Mein Körper schreit nach einer Dusche, aber mein Kopf ist irgendwie klarer als vorhin. Es fühlt sich gut an, die eigenen Grenzen zu spüren. Und zu wissen, dass ich daran arbeiten kann.

Ungefragte Erwartungen

Leo und ich schlendern gemeinsam in Richtung der Duschen. Meine Beine fühlen sich noch ein bisschen schwer an vom Training, und die Muskeln brennen angenehm nach. Leo wirft mir einen Seitenblick zu und grinst. „Mach nicht zu lange, ja? Wir haben heute noch was vor“, sagt er mit einem leichten Zwinkern. Ich hebe eine Augenbraue und sehe ihn neugierig an. „Ach ja? Was denn?“ Leo stupst mir mit dem Ellbogen gegen die Seite. „Sag ich nicht. Lass dich überraschen. Aber beeil dich, sonst fällt die Überraschung flach.“ „Na toll“, murmele ich, während ich mir die verschwitzte Weste vom Körper ziehe. „Ich beeil mich ja schon.“

Er lacht und lehnt sich lässig gegen den Türrahmen der Umkleide. „Das will ich sehen. Sonst komme ich rein und hol dich höchstpersönlich raus.“ Ich verdrehe die Augen, aber ein Grinsen bleibt auf meinen Lippen. „Keine Sorge, ich will deine Überraschung ja nicht ruinieren.“ Mit einem schnellen Griff schnapp ich mir mein Handtuch und gehe in die Dusche. Kaum hat die Tür hinter mir zugeschnappt, höre ich noch Leos leises Lachen. Es ist dieses Lachen, das mir das Gefühl gibt, genau da zu sein, wo ich hingehöre.

Ich drehe das Wasser auf, und der warme Strahl trifft meine verspannte Schulter. Ein wohliges Seufzen entweicht mir, während ich den Kopf kurz gegen die kühlen Fliesen lehne. Die Gedanken schweifen ab, zurück zu Leos Grinsen, seinen Augen, die immer so wach und voller Energie sind.

Ob er heute Abend wirklich mitkommen will? Ich hab ihn absichtlich nicht gefragt. Wollte ihn nicht unter Druck setzen. Aber die Tatsache, dass er mir eine Überraschung in Aussicht stellt, lässt mein Herz schneller schlagen. Was, wenn er sich das doch noch überlegt hat? Wenn er den Mut gefunden hat? Ich schüttle den Kopf und greife nach dem Duschgel. Der Schaum breitet sich auf meiner Haut aus, und ich versuche, die Gedanken ein bisschen zu ordnen. Wieso bin ich eigentlich so nervös? Es ist doch Leo. Er weiß, wie wichtig mir dieser Abend ist. Aber ich will ihn nicht drängen. Es soll seine Entscheidung sein.

Das Wasser prasselt auf meine Schultern, und ich schließe die Augen. Eine leise Vorfreude breitet sich in mir aus, auch wenn ein kleiner Zweifel bleibt. Ich will ihn dabei haben, mehr als alles andere. Aber es wäre unfair, wenn er es nur mir zuliebe tut. Ein paar Minuten später drehe ich das Wasser ab und greife nach dem Handtuch. Ich rubbele mir die Haare trocken und werfe einen Blick in den Spiegel. Mein Gesicht ist noch leicht gerötet von der Wärme und dem Training. Schnell ziehe ich mir die frischen Klamotten über, ein bequemes graues Shirt und eine dunkelblaue Jogginghose. Als ich die Umkleide verlasse, lehnt Leo draußen an der Wand. Doch jetzt ist er selbst umgezogen. Und mein Herz macht einen kleinen Hüpfer.

Er sieht einfach zum Anbeißen aus. Ein sportliches, weißes Shirt, locker genug, um die Schultern zu betonen, dazu eine schmale, graue Cargo-Hose mit seitlichen Taschen. An den Füßen trägt er weiße Sneakers mit grünen Akzenten. Darüber eine leichte, olivgrüne Windjacke, die ihm locker bis zur Hüfte reicht. Die Ärmel hat er leicht hochgeschoben, sodass man die feinen Muskeln seiner Unterarme sieht. Sein Haar ist noch ein bisschen zerzaust, und auf seiner Nase sitzt eine Sonnenbrille, die er jetzt gerade lässig in die Haare geschoben hat.

„Bist du fertig, Schönling?“ fragt er und grinst, als er meinen Blick bemerkt. „Ähm... ja“, bringe ich halbwegs souverän raus. „Du siehst... gut aus.“ Leo hebt eine Augenbraue. „Soll das heißen, ich sehe sonst nicht gut aus?“ Ich lache und schüttle den Kopf. „Blödmann.“ Er legt mir eine Hand auf die Schulter und drückt sie leicht. „Komm, bevor du noch anfängst, mir Gedichte zu schreiben. Wir müssen zur Physio.“ „Stimmt“, murmele ich und gehe neben ihm her. Seine Hand rutscht kurz von meiner Schulter und streift meine Finger. Nur ein sanfter, kaum spürbarer Kontakt, der mir trotzdem eine Gänsehaut beschert.

Wir gehen den Flur entlang, und ich kann nicht anders, als immer wieder einen Seitenblick auf Leo zu werfen. Irgendwas an seinem Look heute macht mich nervös, im besten Sinne. Diese lässige Art, als wüsste er genau, welche Wirkung er hat. Als wir die Flure entlang laufen, greift Leo plötzlich nach meiner Hand und hält sie für einen kurzen Moment fest. „Alles gut?“ fragt er leise. Ich nicke und zwinge mich zu einem Lächeln. „Ja. Ich freu mich auf später.“ „Gut“, sagt er und drückt meine Hand noch einmal, bevor er sie wieder loslässt. „Das wird ein guter Abend.“

Mit diesem Gedanken im Kopf steuern wir Sophie an. Jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass er wirklich mitkommen wird. Allein die Vorstellung, dass er es ernsthaft in Erwägung zieht, lässt die Anspannung ein wenig steigern. Ich atme tief durch und versuche, mich zu konzentrieren. Physio zuerst – und dann sehen wir weiter. Sophie begrüßt uns mit einem warmen Lächeln, ihre hellen Haare wippen leicht, während sie mir ein Handtuch reicht. „Na, Justin, wieder volle Power heute?“ Ich grinse schief und nicke. „Ja, und diesmal wirklich bis zum Umfallen.“ Sie zwinkert mir zu. „Gut so. Dann lass uns mal sehen, was die Muskeln sagen.“ Sophie ist schon dabei, die Liege vorzubereiten, legt ein frisches Handtuch über die Polsterung und nickt mir zu. „Rücken zuerst?“, fragt sie.

„Ja, bitte“, murmele ich, ziehe mich aus und lasse mich bäuchlings auf die Liege sinken. Das weiche Material schmiegt sich angenehm kühl an meine Haut. Sophie zieht das Handtuch bis knapp über meine Hüften und knetet kurz meine Schultern, um die Verspannungen zu erspüren.

Der erste Druck ihrer Daumen in den Nackenmuskeln ist ein bittersüßer Schmerz. Ich atme tief ein, lasse die Luft langsam aus meinen Lungen entweichen. Sophie arbeitet sich methodisch von den Schultern über die Wirbelsäule bis zum unteren Rücken vor, und ich spüre, wie die Verhärtungen sich Stück für Stück lösen.

Ich freue mich jedes Mal auf diese Massage – nach dem Training gibt es nichts Besseres. Es ist, als würde Sophie die Anspannung aus meinem Körper herausdrücken. Ihre Hände gleiten über meine Haut, kneten, drücken, ziehen. Ich schließe die Augen und genieße das Gefühl.

Trotzdem merke ich, wie mein Kopf noch ganz woanders ist. Leo. Nur ein paar Meter von mir entfernt. Wie seltsam es sich anfühlt, so halb nackt hier zu liegen, während er ganz in der Nähe ist und mich beobachtet. Nicht dass er mich nicht schon so gesehen hätte, aber irgendwie ist es anders. Verletzlicher. Sophie bemerkt mein Zögern und lacht leise. „Alles okay?“, fragt sie sanft. „Ja“, antworte ich etwas zu schnell. „Ich bin nur ein bisschen müde.“ „Das glaub ich dir“, murmelt sie und arbeitet sich weiter bis zu den Lendenwirbeln vor. Ihre Finger finden den verhärteten Muskelstrang neben meiner Wirbelsäule, und ich zucke leicht zusammen. „Ganz schön verspannt heute“, stellt sie fest.

Ich nicke nur und versuche, mich nicht zu sehr zu verkrampfen. Meine Gedanken springen zurück zu Leo und der Jugendgruppe heute Abend. Irgendwie habe ich immer gehofft, dass er mal mitkommt. Nicht, weil er muss, sondern weil er es will. Ich hab ihn nicht gefragt, nicht gedrängt. Aber jetzt, wo er angedeutet hat, dass wir noch was vorhaben, bin ich mir sicher, dass er es ernst meint. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Meine Freunde werden sicher überrascht sein. Sebbi wird bestimmt irgendwas Peinliches raushauen, vielleicht ein „Na, Justin, endlich bringst du deinen Freund mal mit!“. Und Luis wird mich mit seinem typischen Blick mustern, der immer so ein bisschen kritisch, aber liebevoll ist.

Und Romeo? Der wird wahrscheinlich einfach nur grinsen und irgendwas von „Power-Couple“ murmeln. Es ist fast schon witzig, wie sehr ich mich darauf freue, Leo ihnen zu zeigen. Nicht als Trophäe, sondern weil ich so stolz bin. Stolz darauf, dass wir uns gefunden haben, dass wir uns trauen, zusammen dazustehen. Aber..., wie wird es für Leo sein? Er hat ja nie groß darüber gesprochen, was er von der Gruppe hält. Klar, ich hab ihm erzählt, wie cool es da ist, dass wir reden, lachen, uns austauschen, aber auch mal ernstere Themen besprechen. Ich hoffe, er fühlt sich nicht fehl am Platz. Ein bisschen Angst habe ich schon, dass er das Ganze als zu viel empfindet. Dass die anderen vielleicht zu neugierig sind, zu direkt. Ich kenne meine Freunde. Sie sind alle total lieb, aber manchmal auch echt ungeniert. Sie werden ihn ausfragen, das weiß ich jetzt schon.

Sophie drückt mir sanft in die Schulterblätter, und ich unterdrücke ein Stöhnen. „Puh, das sitzt tief“, murmelt sie. „Ja... war heute echt hart“, gebe ich zu. „Du verausgabst dich manchmal zu sehr“, sagt sie mit einem Lächeln in der Stimme. „Aber das bist eben du. Immer mit vollem Einsatz.“ Ich lächle leicht, auch wenn die Muskeln unter ihren Händen brennen. Vielleicht ist das ja auch bei Leo so. Ich will alles richtig machen und ihm zeigen, dass er dazugehört, ohne ihn zu überfordern. Aber vielleicht denke ich zu viel nach. Ich meine, Leo ist nicht aus Zucker. Wenn es ihm zu viel wird, wird er schon sagen.

Trotzdem..., was, wenn er nach dem Abend denkt, dass meine Welt zu viel für ihn ist? Ich will nicht, dass er sich gezwungen fühlt, mitzukommen, nur weil er mir einen Gefallen tun will. Sophie beginnt, meine Waden zu massieren, und ich spüre, wie die Anspannung langsam aus meinen Beinen gleitet. „Alles gut da oben?“, fragt sie neckisch. „Ja... ich denk nur nach“, murmele ich. „Über deinen Freund?“ „Hm“, mache ich nur und verstecke mein Gesicht in der Liege. „Na, dann ist es wichtig“, sagt sie mit einem sanften Lachen. „Aber Justin – manchmal sollte man den Moment einfach genießen, ohne alles schon vorher durchzuplanen.“ Ich nicke leicht, auch wenn sie es nicht sehen kann. Sie hat Recht. Leo wird heute Abend dabei sein. Und das allein ist schon mehr, als ich je gehofft habe. Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken? Sophie klopft mir zum Abschluss sanft auf die Schulter. „So, das war’s. Versuch dich ein bisschen zu entspannen, okay?“ Ich hebe den Kopf und lächle sie an. „Danke, Sophie. Hat echt gutgetan.“ „Gern. Und wenn du noch ein paar Sorgen loswerden willst. Leo sitzt hier und sieht aus, als würde er dich gleich mit einem Umarmungsangriff überraschen.“

Ich kann nicht anders, als zu lachen. „Klingt gut.“ Ich schnappe mir das Shirt und die Jacke, ziehe mich schnell an und gehe zu ihm. Leo sitzt ruhig auf der Bank, die Beine ausgestreckt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er sieht mich an, richtet er sich auf und grinst. „Wie war die Folter?“ fragt er augenzwinkernd. „Gar nicht so schlimm“, gebe ich zurück und stelle mich vor ihn. „Und du? Hast du mich die ganze Zeit angeschaut?“ Leo erhebt sich, streicht mir über die Wange und sieht mich mit diesem intensiven Blick an. „Klar. Ich bin doch dein größter Fan.“ Mein Herz klopft schneller. „Und..., bist du bereit für später?“ Leo grinst. „Ich bin bereit. Also los, holen wir uns noch was zu essen und dann geht’s weiter.“ Ich nicke und merke, wie die Nervosität langsam schwindet. Vielleicht wird der Abend sogar noch besser, als ich es mir ausgemalt habe. Als wir aus der Physio treten umfängt uns frische Luft. Leo bleibt kurz stehen und atmet tief durch, als würde er die frische Luft einsaugen wollen.

Ich bleibe dicht bei ihm, meine Hand wandert fast wie von selbst zu seinem Arm. Er bemerkt es, legt seine Finger sanft über meine und hält mich fest. Für einen Moment sagen wir nichts. Die Geräusche der Umgebung wirken wie gedämpft, als wären wir in einer Blase, abgeschottet von allem anderen.

Plötzlich zieht er mich leicht zu sich, dreht sich, bis wir uns direkt gegenüberstehen. Sein Blick ist warm und weich, aber auch ein bisschen nachdenklich. „Du siehst so aus, als würdest du immer noch nachdenken“, murmelt er leise. Ich will erst widersprechen, aber ich kenne Leo. Er würde mir eh nicht abkaufen, dass ich cool und entspannt bin. Also zucke ich nur mit den Schultern und sehe ihm in die Augen. „Ich..., ich will einfach, dass es heute gut wird.“ Sein Mundwinkel hebt sich leicht. „Hey“, sagt er und zieht mich näher. „Wird es. Ich verspreche es dir.“ Er legt eine Hand an meinen Nacken, seine Finger spielen mit den feuchten Haaren hinter meinem Ohr. Mir bleibt kurz die Luft weg, als er mich näher an sich zieht. Unsere Stirnen berühren sich, und ich kann seinen Atem auf meinen Lippen spüren. Ich weiß nicht, ob ich das Zittern in meinen Fingern unterdrücken kann, aber Leo merkt es sowieso. Seine andere Hand wandert zu meiner Hüfte und zieht mich noch ein Stück näher. „Ich bin da“, flüstert er. „Und ich gehöre zu dir. Egal, was die anderen sagen oder denken. Ich bin hier, weil ich es will.“ Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, und ich versuche, nicht zu breit zu grinsen. „Danke“, sage ich leise.

Leo hebt mein Kinn mit zwei Fingern und sieht mir in die Augen. So tief, dass ich das Gefühl habe, er könnte jeden meiner Gedanken lesen. Und bevor ich noch irgendwas sagen kann, schließt er den Abstand zwischen uns. Sein Kuss ist warm, weich und unglaublich sanft, als hätte er Angst, mich zu überfordern. Ich schließe die Augen und lasse mich in den Moment fallen, spüre, wie seine Lippen sich sanft bewegen, wie seine Finger sanft über meinen Nacken streichen. Ich lege meine Arme um seine Schultern und ziehe ihn noch ein bisschen näher, als wollte ich die Welt um uns herum ausblenden. Sein Herz schlägt schnell unter meiner Berührung, und ich weiß, dass er genauso nervös ist wie ich. Aber es ist ein gutes Gefühl – aufgeregt, kribbelnd, lebendig. Als er sich schließlich langsam löst, bleibt seine Stirn an meiner, und er lächelt. „Ich mag es, wenn du so schaust“, murmelt er. „Wie denn?“ frage ich leise. „Als hättest du gerade die ganze Welt in den Händen.“ Ich lache, ein bisschen heiser und ein bisschen ungläubig. „Du übertreibst.“ Er schüttelt kaum merklich den Kopf. „Tu ich nicht.“ Für einen Moment vergessen wir alles um uns herum – die anderen Leute die an uns vorbei laufen, die Vorfreude auf den Abend, die ganzen Gedanken, die mich vorhin noch so beschäftigt haben. Es gibt nur uns, diesen Moment, und das warme Gefühl in meinem Bauch, dass Leo hier ist. „Also, Justin...“, sagt er schließlich, seine Stimme ein bisschen tiefer als sonst: „Essen? Oder willst du mich noch ein bisschen hier festhalten?“ Ich grinse und lasse ihn los, auch wenn es mir schwerfällt. „Essen klingt gut. Aber... danke.“ Er hebt eine Augenbraue. „Wofür?“ „Dafür, dass du einfach da bist.“ Leo legt den Arm um meine Schultern, und wir schlendern gemeinsam zum Dachrestaurant und der tollen Aussicht und ich erinnere mich an unser erstes Mal hier oben. Und in meinem Kopf klingt immer noch sein Versprechen nach: „Ich gehöre zu dir.“ Vielleicht wird der Abend nicht nur gut – vielleicht wird er perfekt.

Wir steigen die Treppen zur Dachterrasse hoch, und ich kann nicht anders, als mich an Leo zu lehnen. Sein Arm bleibt lässig um meine Schultern gelegt, als hätte er vor, mich nie wieder loszulassen. Der Himmel ist in warmes Spätnachmittag-Licht getaucht, und die Sonne steht schon etwas tiefer.

Oben angekommen suchen wir uns einen Platz am Rand, direkt mit Blick über die Stadt. Der leichte Wind streicht mir durchs Haar, und ich schiebe es lässig zurück, während Leo uns ein leichtes, gesundes Essen besorgt. Einen frischen Salat mit Hähnchenstreifen und eine große Schale Obst. Nichts Schweres, wir wollen ja später noch los. Als er zurückkommt, stellt er die Schalen auf den Tisch und setzt sich mir gegenüber, seine Beine leicht ausgestreckt, als hätte er es sich richtig gemütlich gemacht. Ich nehme eine Gabel und piekse ein Stück Mango auf, während Leo mir dabei zusieht. „Du siehst zufrieden aus“, sagt er und lächelt mich an. „Bin ich auch“, gebe ich zu und sehe ihn an. „Ich liebe diese Terrasse. Das Gefühl von oben herab auf die Welt zu schauen. Irgendwie... beruhigend.“ Leo nickt, nimmt einen Bissen Salat und kaut genüsslich. „Kann ich verstehen. Hier oben fühlt es sich immer so an, als könnte einen nichts erreichen.“ „Vielleicht, weil du bei mir bist“, sage ich leise und schiebe mir die Mango in den Mund. Er lächelt nur, leicht verlegen, und ich merke, wie sein Blick an mir hängen bleibt. Für einen Moment sage ich nichts, genieße einfach das Essen und die Atmosphäre.

Ich denke an später an meine Jugendgruppe, die sich immer in diesem anderen Stadtteil trifft. Normalerweise fahre ich mit der Bahn dorthin, aber heute..., heute ist Leo da. Mein Herz klopft ein bisschen schneller, und ich schiebe die Gedanken beiseite, bis ich merke, dass er mich neugierig ansieht. „Was geht in deinem Kopf vor?“, fragt er sanft und lehnt sich zurück. „Ich hab nur überlegt...“, fange ich an und suche nach den richtigen Worten. „Ob du vielleicht Lust hast, mich nachher mit dem Roller hinzufahren. Statt Bahn. Ich liebe es einfach, das Gefühl, wenn der Motor vibriert und der Fahrtwind an uns vorbeizieht. Aber vor allem...“. Ich halte kurz inne, und Leo hebt neugierig die Augenbrauen. „Vor allem liebe ich es, mich an dir festzuhalten“, gebe ich zu und spüre, wie mir die Wangen warm werden. „Zu fühlen, wie deine Muskeln arbeiten, wie dein Körper sich bewegt... Mich an dir festzuklammern und einfach die Freiheit zu spüren. Es ist, als könnte ich alles hinter mir lassen, wenn ich mich an dich lehne.“ Leo sieht mich an, und in seinen Augen liegt dieses warme Funkeln, das ich so mag. „Sunshine..., du hast echt ein Talent dafür, mir die Luft zu rauben.“ Ich lache leise, ein bisschen nervös. „Ich meine, du musst nicht, wenn es dir zu weit ist. Aber ich würde mich echt freuen.“ „Denkst du ernsthaft, ich lasse dich alleine fahren?“, fragt er und zieht mich leicht über den Tisch zu sich. „Natürlich fahren wir zusammen. Ich liebe es, wenn du dich an mich klammerst. Du machst dich immer so klein und gleichzeitig fühl ich mich riesig dabei.“ Seine Hand berührt kurz meine Wange, und ich lehne mich sanft hinein. „Dann ist es abgemacht“, sage ich und nehme noch ein Stück Melone.

„Wo geht’s eigentlich hin?“, fragt er und schiebt sich die Gabel in den Mund. „Andere Seite der Stadt. Café am Park. Dauert etwa zwanzig Minuten, wenn wir nicht zu schnell fahren“, erkläre ich und beobachte, wie er nickt. „Klingt gut. Dann essen wir noch in Ruhe und fahren dann los.“ Ich grinse. „Perfekt.“

Wir nehmen uns Zeit, genießen das leichte Essen und die warmen Sonnenstrahlen. Irgendwann lehne ich mich zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und starre in den Himmel. Leo lehnt sich zu mir und drückt mir einen schnellen Kuss auf die Stirn. „Du bist echt ein Glücksfall“, murmelt er. „Sag ich doch die ganze Zeit“, gebe ich zurück und strecke mich wohlig. Als die Schalen leer sind, räumen wir schnell auf, und ich kann die Aufregung kaum zurückhalten. Leo zieht mich noch einmal in eine Umarmung, bevor wir die Treppen wieder hinabsteigen. Als wir unten ankommen, greift er sich die Schlüssel, und ich setze den Helm auf. Es fühlt sich so vertraut an, als ich mich hinter ihm auf den Roller schwinge, die Arme um seine Taille lege und mich an ihn schmiege. Der Motor startet mit einem leichten Brummen, und ich lehne meinen Kopf gegen seinen Rücken. „Alles klar?“, fragt Leo über die Schulter. „Mehr als klar“, antworte ich und schließe kurz die Augen, während wir losfahren.

Der Fahrtwind weht uns entgegen, und ich spüre die Vibration des Motors durch meinen Körper gehen. Es ist dieses Gefühl von Freiheit und Sicherheit zugleich, als könnte ich einfach die Augen schließen und wissen, dass er mich sicher führt. Meine Finger tasten sich ein bisschen fester um seinen Bauch, und ich spüre die Wärme unter seinem Shirt. Während wir durch die Straßen gleiten, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Ich liebe es, wie wir uns im Rhythmus der Fahrt bewegen, wie ich seinen Körper unter meinen Händen spüren kann. Es ist wie ein stilles Versprechen, dass ich mich ihm anvertrauen kann – in jedem Moment, bei jeder Geschwindigkeit.

Als wir durch die Vororte fahren, wird der Verkehr ruhiger. Die Sonne verschwindet hinter den Häusern, und die Straßenlaternen springen an, werfen goldene Schatten auf den Asphalt. Der Fahrtwind streicht über mein Gesicht, lässt meine Gedanken frei werden. Ich halte mich noch ein bisschen fester an Leo fest, spüre die Wärme seines Rückens unter meiner Brust. Der Motor vibriert gleichmäßig unter uns, und die sanften Bewegungen des Rollers bringen meinen Puls in einen ruhigen Rhythmus.

Ich öffne die Augen, als Leo den Roller an einer Ampel abbremst. Seine Hand gleitet kurz über meine Finger, hält sie fest, und ich drücke mich noch ein bisschen enger an ihn. Ein kurzes, vertrautes Streicheln mit dem Daumen. Ein Zeichen, dass alles gut ist. Ich liebe es. Die Freiheit, das Rauschen des Windes, aber vor allem ihn. Mich an ihn zu klammern und das Gefühl zu haben, dass nichts uns trennen kann. Diese Mischung aus Abenteuerlust und Geborgenheit, die sich ausbreitet, wenn ich auf seinem Roller sitze und die Welt hinter uns zurückbleibt. Es ist fast, als würde ich in diesem Moment alles vergessen können – den Druck, die Erwartungen, die Zweifel. Nur er und ich, unter dem weiten Himmel, durch die Straßen der Stadt.

Als wir schließlich das Café erreichen, parkt Leo den Roller, und ich steige ab, noch ein bisschen benommen von der Fahrt und dem Gefühl, so nah bei ihm zu sein. Ich streiche mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und kann ein leises Lächeln nicht unterdrücken. „Alles gut?“, fragt Leo, und ich sehe, wie seine Augen im Licht glitzern, ein Funkeln, das mich jedes Mal neu erwischt. Ich nicke, mein Herz klopft schneller. „Ja..., perfekt.“ Leo mustert mich, als ob er sicher gehen will, dass ich nicht doch nervös bin. Dann schiebt er die Hände in die Taschen und lehnt sich leicht gegen den Roller. „Bin gespannt, was deine Freunde sagen. Glaubst du, die fressen mich?“ Ich lache leise. „Vielleicht ein bisschen. Aber keine Sorge, ich beschütze dich.“ Er schüttelt den Kopf, ein belustigtes Schnauben. „Klar. Mein Retter.“ Ich kann nicht anders, als ihn einen Moment lang einfach anzusehen. Er hat sich entschieden, mitzukommen. Hat sich bereit erklärt, mit mir diesen Schritt zu gehen. Das macht mich stolz. Nicht nur auf ihn, sondern auch auf uns – dass wir uns trauen, zusammen dazustehen. „Na dann“, murmelt Leo und legt seinen Arm um meine Schultern, als wir auf die Eingangstür zugehen. „Lass uns deine Freunde überraschen.“

Als ich die Tür zum Café öffne, kann ich den Nervenkitzel nicht verbergen. Leo zieht mich noch einmal kurz an sich, bevor wir eintreten. „Bist du bereit?“, frage ich ihn leise, und er nickt, seine Augen ruhig, aber aufmerksam. Direkt am Tresen steht Chris, einer der Betreuer, und sieht uns neugierig an. Als er mich erkennt, breitet sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Hey, Justin! Schön, dich wieder zu sehen!“ „Hey, Chris“, sage ich und winke ihm zu. Seine Augen wandern von mir zu Leo, und ich sehe, wie sich seine Augenbrauen kurz heben. „Na, wen hast du denn da mitgebracht?“ „Das ist Leo“, erkläre ich und werfe Leo einen kurzen, ermutigenden Blick zu. „Er ist... mein Freund.“ Chris' Gesicht hellt sich auf, und er streckt Leo die Hand hinüber. „Cool. Freut mich. Jeder ist hier willkommen, solange er keine schlechte Musik mitbringt.“ Leo lacht leise und schüttelt die Hand. „Keine Sorge. Musik ist Justins Job.“ Chris grinst. „Na dann..., ich hoffe, die anderen fressen dich nicht. Aber hey, wenn sie dich nicht mögen, liegt’s nicht an dir.“ Ich schnaube und schüttle den Kopf. „Danke für die Unterstützung.“ Chris zwinkert uns zu. „Geht ruhig nach hinten. Die anderen sind schon da.“

Der hintere Raum des Cafès ist unser Rückzugsort – gemütlich, entspannt, ein bisschen chaotisch. Couchgarnituren, ein alter Billardtisch, bunte Kissen auf dem Boden und ein kleiner Tisch voller Snacks. Es riecht nach Cola und Chips, und die Musik im Hintergrund ist angenehm laut. Als wir die Tür öffnen, prallen die Geräusche von Gelächter und Stimmen auf uns ein. Sebbi und Luis sitzen auf der Couch, dicht aneinander gelehnt, während Romeo auf dem Boden sitzt und mit Anna eine Liste durchgeht. „Na, Justin! Hast du endlich deinen Boyfriend mitgebracht?“ ruft Sebbi quer durch den Raum und grinst. Ich spüre, wie ich rot werde, und Leo schiebt mich grinsend ein bisschen vor sich her. „Vielleicht“, sagt er lässig und legt mir dabei kurz die Hand auf die Schulter. Luis lacht und schüttelt den Kopf. „Wurde auch Zeit. Dachte schon, du hältst ihn geheim.“ „Geheim ist was anderes“, murmele ich, und Anna kommt auf uns zu, umarmt mich zur Begrüßung. „Freut mich, dich endlich kennenzulernen, Leo“, sagt sie freundlich und zieht ihn direkt in eine Umarmung. Leo wirkt kurz überrascht, aber erwidert die Geste. Romeo pfeift anerkennend. „Also, Justin, ich wusste ja, dass du Geschmack hast, aber das hier übertrifft echt meine Erwartungen.“ Leo lacht und legt mir die Hand um meine Taille. „Scheint, als wären wir hier gut aufgehoben.“ Sebbi nickt begeistert und hebt seine Wasserflasche. „Auf Justin und Leo! Endlich mal ein Paar, das tatsächlich zusammenbleibt und nicht nur so tut.“

Ich grinse verlegen, während Leo mich ein bisschen dichter an sich zieht. „Ihr seid echt süß zusammen“, murmelt Luis und gibt mir einen sanften Klaps auf die Schulter. Romeo, quirlig wie immer, rutscht näher zu Leo und zwinkert ihm zu. „Also, Leo..., bist du so ein cooler Typ, wie Justin uns immer erzählt hat?“ Leo hebt lässig die Augenbraue. „Kommt drauf an, was er erzählt hat.“ Romeo lacht und beugt sich vor. „Ich meine..., so charmant, so lässig, das kann ja nur Show sein, oder?“ Leo schaut kurz zu mir und drückt mir einen Kuss auf die Wange. „Vielleicht solltest du Justin fragen, wie charmant ich bin.“ Ein lautes Gejohle bricht aus, und ich lache, während Romeo gespielt beleidigt tut. „Na toll, Konkurrenz...“.Ich lege meinen Kopf auf Leos Schulter, und er zieht mich ein bisschen dichter an sich. In diesem Moment spüre ich es: Die Leichtigkeit, die Geborgenheit, die Freiheit, ich selbst zu sein. und Leo ist ein Teil davon. Der Abend vergeht in Gelächter und Gesprächen, und immer wieder spüre ich Leos Hand an meiner, als wolle er mir zeigen, dass er bleibt. Und ich genieße es. Hier, bei meinen Freunden, mit ihm an meiner Seite – es fühlt sich einfach richtig an.

Romeo rutscht auf der Couch ein Stück näher zu uns, die Augen neugierig auf mein Handy gerichtet, das ich gerade entsperre. „Ey, Justin, du musst mir unbedingt noch mal das eine Video zeigen. Du weißt schon, das Shooting-Ding mit der Boulderwand im Hintergrund. Das sah aus wie aus einem verdammten Actionfilm!“ Ich lache und scrolle durch meine Galerie. „Ach, das? Ja, das war echt krass. Musste mich mega konzentrieren, damit ich nicht ausrutsche. Aber das hat sich echt gelohnt. Die Kulisse war einfach nur wow.“ Romeo nickt begeistert. „Alter, du sahst aus wie so ein Superheld. Und die Musik in dem Clip, mega! Hast du die ausgesucht?“ „Nee, die Produktion hat das gemacht“, erkläre ich. „Aber es hat tatsächlich gut gepasst. Das war für die neue Outdoor-Kampagne von VERTIX. Soll zeigen, dass die Klamotten dynamisch sind.“

Sebbi schnappt sich mein Handy, bevor ich reagieren kann, und scrollt durch die Galerie. „Ach, du hast ja noch mehr Zeug von den Shootings! Warum lädst du davon nicht mal was auf Insta hoch?“ Luis lehnt sich grinsend zu uns rüber. „Vielleicht will er nicht, dass alle ihn so sexy sehen. Muss ja auch noch was privat bleiben.“ Leo grinst und stupst mich leicht in die Seite. „Ich glaub, Justin ist eher der Typ, der nicht ganz checkt, dass die Leute ihn echt gut finden.“ „Ach, quatsch“, murmele ich und versuche, das Kribbeln in meinem Bauch zu ignorieren.

Romeo, der mittlerweile mein Handy wieder in die Finger bekommen hat, scrollt mit einem wissenden Blick durch meine Posts. „Also, Justin, jetzt mal im Ernst: Du haust regelmäßig diese coolen Sport- und Modelvideos raus. Aber warum zur Hölle hab ich noch kein einziges Bild von euch beiden zusammen gesehen?“ Ich werde rot und schnappe mir mein Handy zurück. „Naja, ich... ich weiß nicht. Ich wollte Leo nicht so reinziehen. Das ist halt auch irgendwie privat.“ Leo legt einen Arm um meine Schulter und grinst. „Sunshine, hast du Angst, dass ich dir die Show stehle?“ „Pff, sicher nicht“, gebe ich zurück und versuche, die Hitze in meinen Wangen zu ignorieren. Anna lacht und stupst mich mit dem Fuß an. „Ja, komm schon, Justin. Ihr zwei seid so süß zusammen. Das ist doch was, was die Leute sehen wollen. Und mal ehrlich: Wenn du Leo mit auf deine Seite bringst, geht das direkt viral.“

Sebbi nickt zustimmend. „Genau. Außerdem wäre es auch mal cool, dich so entspannt zu sehen. Nicht immer nur durchtrainiert und in diesen fancy Sportklamotten. Einfach mal Justin und Leo, wie ihr wirklich seid.“ Ich beiße mir auf die Lippe und schaue zu Leo, der mich mit einem sanften Lächeln ansieht. „Ich hab kein Problem damit“, sagt er leise. „Solange du dich wohlfühlst.“ Romeo pfeift leise. „Oha, da spricht der Freund. Justin, du Glückspilz.“ Ich will gerade etwas sagen, als Luis sich einmischt: „Ey, Jungs, das klingt alles schön und gut, aber mal im Ernst; Leo, wie hältst du das eigentlich aus? Justin ist in letzter Zeit so selten hier. Ist er immer so eingespannt?“ Leo nickt und streicht mir beruhigend über die Schulter. „Ja, schon. Das Training ist momentan ziemlich hart. Diese Woche wird noch intensiver. Die Wettkampfsaison startet. Und die Vorbereitung ist nicht ohne.“

Sebbi sieht neugierig auf. „Ach, stimmt, da war ja was. Wettkampf, was geht da eigentlich ab?“ Ich schaue Leo dankbar an, dass er erklärt, was gerade bei mir abgeht. „Justin wurde für die Munich ClimbX Open angemeldet“, sagt Leo mit einer Mischung aus Stolz und Gelassenheit. „Das ist ziemlich groß. Vor allem, weil da auch internationale Profis mitmachen. Das bedeutet: Training bis zum Umfallen, Technik verbessern, Ausdauer aufbauen... Und ich bin quasi sein persönlicher Manager – also zumindest kümmere ich mich darum, dass er nicht völlig überdreht.“

Romeo grinst schief. „Manager, huh? Du bist eher sein persönlicher Bodyguard.“ Luis lacht und hebt die Hand. „Ey, das passt. Leo passt auf, dass Justin nicht abhebt. Irgendwie süß.“ Leo schüttelt leicht den Kopf. „Nee, im Ernst. Ich bin dabei, weil ich ihn unterstützen will. Nicht nur beim Training. Auch mental. So ein Wettkampf kann mega einschüchternd sein – vor allem, wenn Leute wie Liam dabei sind.“ Sebbi runzelt die Stirn. „Wer zur Hölle ist Liam?“ Ich seufze leise. „Ein Profikletterer, Anfang 20. Eigentlich ein ganz cooler Typ, aber... er ist halt auf einem anderen Level. Und ich hab keine Ahnung, wie ich mich da schlagen soll.“

Anna schüttelt den Kopf. „Justin, das klingt nach dir. Immer diese Selbstzweifel. Du bist gut. Und du hast Leo. Der lässt dich eh nicht hängen.“ Leo drückt meine Hand und nickt. „Genau. Und egal, wie es ausgeht – du hast dir die Teilnahme verdient. Es geht nicht um den Sieg. Es geht darum, zu zeigen, dass du dich traust.“ Romeo zwinkert. „Da spricht der Motivationscoach. Aber ey, Justin, wenn du dich so hart abrackerst, warum kommst du dann trotzdem noch hierher?“ Ich zucke mit den Schultern. „Weil ich euch vermisse. Hier kann ich einfach ich selbst sein. Kein Druck, keine Erwartungen. Nur Freunde, die mich so mögen, wie ich bin.“ Ein leises „Awww“ geht durch die Runde, und ich schlage die Hände vors Gesicht. „Hört auf!“ Sebbi lacht. „Sorry, aber das war einfach zu niedlich.“ Romeo rutscht noch näher und flüstert, absichtlich laut genug, dass es alle hören: „Aber mal ehrlich, Leo als Manager, Coach und Boyfriend? Das nenn ich mal Multitasking.“

Leo schnaubt und zieht mich an sich. „Ich tue, was nötig ist. Jemand muss auf ihn aufpassen.“ Ich lächle und lehne mich an ihn. „Und ich bin froh, dass du es bist.“ Luis prostet uns mit einer Cola zu. „Also, auf euch. Und auf den Wettkampf. Justin, wir drücken dir alle die Daumen.“ Romeo hebt seine Dose ebenfalls. „Und wenn du auf die Fresse fliegst, filmen wir’s und machen es viral!“ Ich werfe ein Kissen nach ihm, und alle brechen in Gelächter aus. Leo zieht mich fester an sich und flüstert: „Lass dich nicht ärgern. Du schaffst das.“ Ich nicke und lasse mich in seine Umarmung fallen. Mit ihm an meiner Seite fühlt sich selbst die härteste Herausforderung ein bisschen leichter an.

Im Regen nach Hause – Nähe, Wärme und ein Kuss voller Sehnsucht

Als wir das Café verlassen, trifft uns die kalte, nasse Wirklichkeit mit voller Wucht. Der Regen prasselt unaufhörlich auf die Straßen, und die Tropfen tanzen im Licht der Straßenlaternen. Leo bleibt kurz stehen und zieht die Kapuze seiner Windjacke hoch, während ich mir mein Shirt glattstreiche.

„Mist“, murmelt er und mustert den Roller, der mittlerweile mit einer dünnen Wasserschicht überzogen ist.

Ich ziehe die Schultern hoch und sehe ihn an. „Hättest du das geahnt, hätten wir wenigstens Regenjacken mitgenommen.“

Er grinst schief. „War ja nicht abzusehen. April-Wetter halt. Aber hey – Abenteuerfeeling, oder?“

Ich lache, auch wenn mein Atem bereits kleine Dampfwölkchen bildet. „Ja, genau. Abenteuer im Regen.“

Er steigt auf den Roller und klopft leicht auf den Sitz hinter sich. „Komm, bevor wir hier festwachsen.“

Ich schmiege mich an seinen Rücken, lege die Arme um seine Taille und drücke mein Gesicht an seine Schulter. Der Stoff seiner Jacke fühlt sich kalt und klamm an, aber es ist mir egal. Hauptsache, ich bin bei ihm. Der Motor brummt leise, und Leo setzt den Helm auf. „Festhalten, Sunshine.“

Als wir losfahren, peitscht uns der Regen entgegen. Die Tropfen prasseln gegen mein Gesicht, und ich schließe die Augen, versuche, die Kälte auszublenden. Doch es ist unmöglich. Meine Jeans klebt mir an den Beinen, und der Wind zieht unter mein Shirt.

Leo fährt vorsichtig, die Straßen glänzen gefährlich im Licht der Scheinwerfer. Ich ziehe mich noch dichter an ihn, meine Finger suchen Halt an seinem Bauch, und ich spüre die Muskeln unter dem nassen Stoff. Trotz der Kälte ist es dieser Moment, der sich irgendwie lebendig anfühlt – wie ein verrücktes, wildes Abenteuer.

„Geht’s?“, ruft Leo gegen den Wind.

„Ja!“, antworte ich und versuche zu lächeln, auch wenn meine Zähne leicht klappern.

Ich spüre, wie er meine Finger leicht drückt. „Gleich da“, murmelt er, als er in unsere Straße einbiegt. Der Regen wird stärker, die Tropfen prasseln wie kleine Nadeln auf uns ein. Ich halte mich fester an ihm, presse meinen Körper noch dichter an seinen Rücken. Das Zittern lässt sich nicht mehr unterdrücken, und ich spüre, dass auch Leo leicht zittert.

Endlich kommen wir an, und Leo parkt den Roller direkt vor unserem Haus. Ich schlinge meine Arme noch einmal fest um ihn, bevor wir abstiegen. „Kalt?“, fragt er leise.

„Wie ein Eisblock“, gebe ich zurück und reibe mir die Arme, während Leo das Schloss am Roller verriegelt.

Als wir die Haustür aufdrücken, schlägt uns die warme Luft entgegen. Bobby steht im Flur, die Hände in die Hüften gestemmt und schaut uns an wie zwei verlorene Straßenhunde.

„Wollt ihr mir sagen, dass ihr nicht mal daran gedacht habt, anzurufen?“, fragt er mit gespielt strenger Stimme.

Leo grinst entschuldigend. „Es war nicht geplant, dass wir wie nasse Katzen heimkommen.“

„Ihr seid völlig durchnässt!“, ruft Bobby und holt sofort zwei große Handtücher aus dem Bad. Er sieht uns beide skeptisch an, seine Stirn in Falten gelegt. „Kommt rein. Was habt ihr euch eigentlich gedacht? Hättet ihr nicht wenigstens ’nen Bus nehmen können?“

Ich schüttele den Kopf, während ich das Handtuch dankbar entgegennehme. „Wir wollten halt so schnell wie möglich nach Hause.“

Bobby schnaubt und schiebt uns energisch in mein Zimmer. „Bevor ihr euch hier festfriert, ab. Frische Sachen anziehen. Und Leo, hol dir was von Justin, da passt dir sicher irgendwas.“

Leo nickt dankbar, während Wassertropfen von seinen Haarspitzen auf den Boden tropfen.

„Und heißer Tee in fünf Minuten!“, ruft Bobby uns nach und verschwindet im Bad, um noch mehr Handtücher zu holen.

In meinem Zimmer angekommen, schließe ich die Tür hinter uns und lehne mich einen Moment dagegen. Leo steht in der Mitte des Raumes und ringt mit seiner klatschnassen Jacke. Seine Finger zittern leicht vor Kälte, und ich kann nicht anders, als ihn zu beobachten. Das Wasser rinnt über seine Wangen, seine Haare hängen ihm wirr in die Stirn, und das feuchte Shirt darunter klebt eng an seinem Oberkörper, die Konturen seiner Brust und Schultern zeichnen sich deutlich ab.

„So ein Mistwetter“, murmelt er, die Stimme noch ein bisschen rau vom Regen.

„Ja...“, flüstere ich, während ich ebenfalls versuche, meine durchnässte Jacke loszuwerden. Der Stoff hat sich wie eine zweite Haut an mich geheftet und weigert sich, sich von mir zu lösen.

Als ich hochschaue, steht Leo plötzlich direkt vor mir, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Sein Blick ist intensiv, warm trotz der Kälte, und er hebt eine Hand, um mir eine nasse Haarsträhne aus der Stirn zu streichen. „Dir ist echt kalt“, sagt er leise und seine Stimme hat diesen sanften Klang, der mich immer wieder trifft.

„Dir auch“, entgegne ich, und ich sehe, wie seine Lippen leicht zittern.

Ohne nachzudenken, lege ich meine Hände auf seine Schultern, ziehe ihn ein Stück näher. Seine Nähe vertreibt die Kälte, als wäre er ein lebendiger Anker in dieser klammen, nassen Dunkelheit. Er schaut mich unverwandt an, und ich sehe, wie ein weiches Lächeln seine Lippen umspielt.

Unsere Shirts liegen klatschnass an unserer Haut, fast durchsichtig und kalt. Das Material klebt unangenehm, und ich ziehe vorsichtig am Stoff, versuche, es auszuziehen. Doch es rutscht nicht, bleibt an meinen Schultern hängen. Leo schmunzelt, obwohl er selbst mit seinem Shirt kämpft.

„Warte“, murmelt er und greift nach dem Saum meines Shirts. Seine Finger berühren meine kalte Haut, und ein prickelndes Gefühl breitet sich von der Stelle aus, die er gerade streift. Langsam zieht er den Stoff hoch, und ich hebe die Arme, damit er es mir über den Kopf ziehen kann. Als das Shirt endlich von mir gelöst ist, lässt Leo es achtlos auf den Boden fallen.

Seine Augen wandern über meinen Oberkörper, und ich spüre seinen Blick wie eine leichte Berührung. Ich zittere nicht nur vor Kälte, sondern auch vor diesem seltsamen Gefühl von Aufregung und Verlangen.

„Jetzt du“, sage ich leise und greife nach seinem Shirt. Ich ziehe vorsichtig daran, und er hebt die Arme, lässt mich den Stoff über seine Brust und die Schultern streifen. Als er das Shirt über den Kopf zieht, bleibt es kurz an seinen Haaren hängen, und wir lachen leise. Seine Brust ist kühl und nass, und ich kann nicht anders, als mit den Fingern sanft über seine Haut zu streichen.

Seine Hände gleiten langsam an meine Seiten, umfassen meine Taille, und seine Daumen malen kleine Kreise auf meiner Haut. „Du bist völlig durchgefroren“, murmelt er, und seine Finger hinterlassen ein warmes Prickeln.

„Du auch“, flüstere ich zurück. Plötzlich legt er seine Stirn gegen meine, und ein leises Zittern geht durch uns beide, nicht nur wegen der Kälte. Ich ziehe ihn dichter an mich, lege meine Hände an seinen Nacken und spüre die Gänsehaut unter meinen Fingerspitzen.

Unsere Lippen sind nur noch einen Hauch voneinander entfernt. „Leo...“, setze ich an, aber er unterbricht mich, indem er seinen Mund auf meinen legt.

Der Kuss ist erst zart, als wollte er sicherstellen, dass ich ihn auch wirklich will. Doch dann wird er intensiver, seine Hände gleiten über meinen Rücken, ziehen mich noch näher an sich. Meine Arme umschlingen seinen Nacken, und ich drücke mich gegen ihn, spüre die Kälte, die von seiner Haut ausgeht, aber auch die Wärme, die von seinen Lippen ausgeht.

Haut an Haut, Brust an Brust – ich fühle seinen Herzschlag gegen meinen, wild und unregelmäßig. Seine Hände gleiten über meine Seiten, streichen über meine Wirbelsäule und verweilen an meiner Taille, als wollte er mich nicht mehr loslassen. Der Kuss wird tiefer, dringlicher, unsere Atemzüge verschmelzen in der kühlen Luft.

Ich spüre seine Fingerspitzen an meinem Rücken, seine Hand wandert nach oben, fährt durch mein nasses Haar und hält mich fest. Meine Hände gleiten über seine Brust, seine Muskeln angespannt unter meinen Berührungen. Wir ziehen uns gegenseitig näher, fast schon verzweifelt, als könnte dieser Kuss die Kälte aus unseren Körpern vertreiben.

Schließlich löst sich Leo ein wenig, unsere Stirnen ruhen gegeneinander, beide keuchen leicht, und seine Finger zeichnen sanfte Linien über meine Hüften. „Ich... wollte das schon die ganze Fahrt über“, murmelt er heiser.

„Ich auch“, gebe ich leise zu und streiche ihm über die Wange.

Er lächelt, aber sein Blick bleibt ernst, als seine Daumen weiterhin sanft über meine Haut streichen. „Vielleicht... sollten wir uns echt umziehen“, sagt er leise, fast widerwillig.

„Ja“, stimme ich zu, obwohl ich ihn am liebsten gar nicht loslassen würde.

Gerade als wir uns voneinander lösen wollen, ruft Bobby durch die Tür: „Hey! Ihr habt doch hoffentlich nicht vor, in den nassen Klamotten rumzulungern? Oder friert ihr euch gerade fest?“

Ich lache leise, rufe zurück: „Nein, Bobby! Wir... ziehen uns gerade um.“

Leo sieht mich mit einem schelmischen Funkeln in den Augen an. „Wir könnten auch eine warme Dusche nehmen“, schlägt er vor.

„Ja, das wäre echt gut“, stimme ich zu und greife nach seiner Hand. Wir helfen uns gegenseitig aus den nassen Hosen, kichern leise, weil der Stoff an unserer Haut klebt und kaum nachgibt. Schließlich stehen wir da, barfuß und nur in Boxershorts, und ich schiebe ihn spielerisch Richtung Bad.

„Na los“, sage ich leise und spüre, wie die Wärme allein bei diesem Gedanken zurückkehrt.

Leo grinst und zieht mich mit sich. „Dann wärmen wir uns eben zusammen auf.“

Wir betreten das kleine Bad, und sofort umfängt uns die angenehme Wärme. Der Raum ist beschlagen von der Heizungsluft, und es riecht leicht nach frischem Duschgel und feuchtem Stoff. Ich schließe die Tür hinter uns, und für einen Moment stehen wir einfach da, beide noch in unseren klatschnassen Boxershorts, die an unserer Haut kleben.

Leo fährt sich mit der Hand durch die nassen Haare, und ein paar Wassertropfen landen auf den Fliesen. Seine Augen suchen meinen Blick, und ich merke, dass die Intimität des Augenblicks uns beide in den Bann zieht. Wir haben uns schon nackt gesehen, das stimmt. Aber hier, jetzt, nach diesem Kuss und dieser Nähe, fühlt es sich anders an.

Leo macht einen Schritt auf mich zu, seine Hände berühren meine Taille, und ich kann die feinen Zitterbewegungen in seinen Fingern spüren – ob vor Kälte oder wegen mir, kann ich nicht sagen. Er beugt sich leicht vor und küsst mich auf die Stirn, dann langsam auf die Wange, als wolle er die Spur der Regentropfen von meiner Haut küssen.

„Ich mach die Dusche an“, murmelt er leise, und seine Stimme klingt ein bisschen rau.

Er dreht sich zur Duschkabine und schaltet das Wasser ein. Ein Schwall warmer Dampf strömt sofort in den Raum, und ich sehe, wie er die Hand unter den Strahl hält, um die Temperatur zu überprüfen. Dann, fast wie beiläufig, zieht er seine Boxershorts herunter und legt sie in den Wäschekorb neben der Tür. Ich kann meinen Blick nicht abwenden. Seine Bewegungen sind ruhig, selbstbewusst, und doch wirkt es so vorsichtig, fast achtsam.

Ich schlucke, mein Herz klopft schneller, und Leo dreht sich zu mir um. Für einen Moment stehen wir einfach da, und die Atmosphäre im Raum ist schwer und doch leicht, gespannt und doch vertraut. Sein Blick ruht auf mir, und ohne ein Wort zu sagen, hebt er die Hand und deutet mit einem kleinen Lächeln auf meine eigenen Boxershorts.

Langsam ziehe ich sie aus, spüre die Nässe, die an meiner Haut klebt, und wie die Kälte sich löst, als die Wärme des Raums meinen Körper umhüllt. Leo tritt einen Schritt zurück und hebt die Duschabtrennung an, sodass ich zuerst eintreten kann.

Der warme Wasserstrahl trifft meinen Rücken, und ich schließe die Augen, lasse das Wasser über meine Schultern laufen. Der Schauer ist wohltuend, und ich merke, wie meine Haut prickelt, als die Kälte nach und nach verschwindet. Plötzlich spüre ich Leos Hände auf meinen Schultern. Er ist hinter mir eingetreten, und seine Arme schlingen sich um meine Taille.

Ich lehne mich zurück gegen seine Brust, und er legt seinen Kopf auf meine Schulter, die Lippen fast an meinem Hals. Sein Atem streicht über meine Haut, warm und sanft, und ich spüre, wie meine Muskeln sich langsam entspannen. Etwas anderes wird aber umso erregter und versteift sich fast schlagartig. Seine Hände gleiten an meinen Seiten entlang, erkunden sanft meine Hüften, und ich kann das leise Klopfen seines Herzens an meinem Rücken spüren.

„Besser?“, fragt er leise, und ich nicke, meine Stimme versagt mir fast.

Ich drehe mich langsam zu ihm um, die Wassertropfen laufen über sein Gesicht, zeichnen glitzernde Spuren auf seiner Brust. Unsere Blicke treffen sich, und ich lege meine Hände auf seine Taille, ziehe ihn näher. Das Wasser läuft an uns beiden herab, und die Wärme breitet sich zwischen uns aus.

Er greift nach dem Duschgel, drückt etwas davon in seine Handflächen und beginnt, sanft meinen Oberkörper einzuseifen. Seine Bewegungen sind ruhig, fast andächtig, und ich schließe die Augen, genieße die sanften Kreise, die seine Hände auf meiner Brust und meinen Schultern malen. Seine Finger gleiten über meinen Nacken, massieren leicht die angespannten Stellen, und ich atme tief ein, den Duft des Duschgels vermischt mit der warmen Luft um uns herum.

„Du bist so schön“, flüstert Leo plötzlich, und ich öffne die Augen. Seine Finger gleiten über meinen Rücken, ziehen feine Spuren, die wie kleine Blitze über meine Haut fahren. Er beugt sich vor, küsst mich leicht auf die Lippen, und ich lasse mich in den Kuss fallen, öffne mich seiner Zärtlichkeit. Unsere Hände suchen einander, und ich greife nach dem Duschgel, drücke etwas davon auf meine Finger und beginne, über seinen Brustkorb zu streichen. Sein Blick wird weich, fast sehnsüchtig, und er schließt die Augen, als ich sanft die Seife über seine Haut verteile. Ich spüre die Muskeln unter meinen Händen, die glatte Nässe der Seife und die Hitze, die von ihm ausgeht. Als meine Finger seine Schultern erreichen, zieht er mich näher, und unsere Lippen finden sich wieder. Der Kuss ist tief und unendlich sanft, als wollten wir die Wärme in uns aufsaugen, um die Kälte zu vertreiben. Seine Hände gleiten an meinen Seiten hinab, halten mich fest, und ich presse mich an ihn, unsere Körper verschmelzen unter dem Wasserstrahl. Seine Finger wandern über meine Rippen, über meinen Rücken, und seine Lippen wandern von meinem Mund zu meinem Kiefer, dann weiter zu meinem Hals. Ich ziehe ihn dichter an mich, meine Arme um seinen Nacken geschlungen, und wir verlieren uns in diesem Moment – die Welt draußen ist vergessen. Nur das Wasser, seine Berührungen, unsere Körper eng aneinander gepresst. Leo zieht mich unter den Wasserstrahl, lässt das warme Wasser über uns beide laufen, und ich merke, wie meine Beine leicht zittern, aber nicht vor Kälte. Seine Hände wandern über meine Hüften, streichen sanft über meinen Rücken, und er zieht mich so nah zu sich, dass kein Raum mehr zwischen uns bleibt. Der Kuss wird wieder tiefer, verlangender, und ich spüre, wie meine Hände in sein nasses Haar greifen, seine Lippen fordern.

„Justin...“, murmelt er leise an meinem Hals, und ich spüre, wie ein Kribbeln über meine Haut läuft. Ich ziehe seinen Kopf wieder zu mir, küsse ihn intensiv, und das Prickeln durchzieht uns beide. Wir halten uns fest, als könnte das Wasser uns davonspülen. Als sich unsere Lippen lösen, sehen wir uns an, und ich kann das Funkeln in seinen Augen erkennen, diese Mischung aus Zärtlichkeit und Sehnsucht. „Mit dir fühlt sich alles richtig an“, flüstert er, und ich spüre, wie mein Herz fast schmerzhaft in meiner Brust schlägt. Ich lehne meine Stirn an seine, die Hände auf seiner Brust, und wir stehen einfach da, während das Wasser an uns herunterrinnt. Vereint in dieser flüchtigen, aber intensiven Nähe, die alles andere vergessen lässt.

Unsere Lippen finden sich wieder, und der Kuss wird tiefer, fast verzweifelt in seiner Zärtlichkeit. Leo drückt mich fester an sich, und ich kann den Rhythmus seines Herzschlags spüren, der sich mit meinem zu einem schnellen Takt vereint. Das warme Wasser rauscht über uns hinweg, fast wie ein Vorhang, der uns von der Außenwelt abschirmt. Seine Hände gleiten über meinen Rücken, über die Linien meiner Wirbelsäule, und ich spüre, wie mein Körper vor Verlangen erzittert. Meine eigenen Finger wandern über seine Brust, gleiten über die angespannten Muskeln, und ich verliere mich in dem Gefühl, ihn so nah bei mir zu haben.

Plötzlich überkommt mich eine Welle aus Hitze und Spannung, die sich von meiner Brust bis hinunter in meinen Bauch ausbreitet. Ein Zittern durchfährt mich, heftig und unkontrollierbar, und ich klammere mich an Leo, drücke mich noch dichter an ihn, während meine Atmung unregelmäßig wird. Es ist, als würde mein Körper explodieren, die Wärme von innen heraus breitet sich aus, lässt mich für einen Moment alles vergessen. Mein Kopf lehnt an seiner Schulter, und ich spüre, wie mir fast schwarz vor Augen wird. Ein Zustand zwischen Ekstase und Verlorenheit.

Leo merkt es sofort, hält mich fester, und ich höre ihn leise murmeln: „Alles gut, Sunshine?“ Ich versuche zu antworten, aber mein Körper zittert noch nach. Ein bisschen peinlich berührt hebe ich den Kopf, sehe ihn mit glasigen Augen an und frage mich, ob er es bemerkt hat. Doch bevor ich etwas sagen kann, spüre ich, wie auch er einen tiefen Atemzug nimmt, sich an mich klammert und ein leises Stöhnen gegen meinen Hals dringt. Seine Arme spannen sich an, und er versteift sich für einen Augenblick, bevor er sich langsam entspannt und mit mir im Arm gegen die Fliesen lehnt.

Ich realisiere, dass es ihm genauso ergangen ist wie mir. Eine Mischung aus Erleichterung und überwältigtem Glück durchflutet mich. Wir stehen einfach da, die Stirn aneinander gelehnt, die Atmung noch unregelmäßig, und plötzlich brechen wir beide in ein leises, verlegenes Lachen aus.

„Wow...“, flüstert Leo, und ich kann das Schmunzeln auf seinen Lippen spüren. „Ja...“, bringe ich hervor und lehne mich schwer atmend gegen ihn. „Das war intensiv.“ Er hebt meinen Kopf vorsichtig an und sieht mich an, seine Augen glasig und weich. „Ich dachte schon, ich bin der Einzige, dem es so ging.“ „Definitiv nicht“, murmele ich, und ein Lächeln zieht sich über mein Gesicht. Die Wärme seines Körpers fühlt sich tröstlich und beruhigend an, und ich wische mit einer zittrigen Hand das Wasser aus seinem Gesicht. „Ich glaube, wir müssen uns ein bisschen abspülen“, sagt er leise, und ich nicke.

Vorsichtig lösen wir uns voneinander und lassen das warme Wasser über uns beide laufen, während wir uns gegenseitig die Reste des Schaums von der Haut streichen. Es ist fast zärtlich, wie wir uns säubern, die Hände immer wieder den Körper des anderen berührend, als wollten wir uns vergewissern, dass dieser Moment echt ist.

Nachdem das Wasser uns beide wieder klar und sauber gespült hat, schaltet Leo die Dusche aus. Wir stehen noch einen Moment da, beide ein wenig schüchtern, aber auch glücklich. Die Wärme im Raum hat uns wiederbelebt, und ich kann nicht anders, als ihn anzulächeln.

„Komm“, murmelt Leo und greift nach einem der großen Handtücher. Er wickelt mich vorsichtig darin ein und rubbelt mir die Haare trocken, bevor er sich selbst ein Handtuch um die Hüften schlingt. Ich greife nach einem weiteren, schlinge es mir um die Taille und kann nicht anders, als ihn kurz zu küssen – ein leichter, zärtlicher Kuss, voller Dankbarkeit und Zuneigung.

„Wir haben gar keine Wechselwäsche mitgenommen“, stelle ich fest und sehe ihn verlegen an. Leo lacht leise. „Stimmt. Wir waren ein bisschen abgelenkt.“ Ich nicke und greife nach seiner Hand. „Lass uns ins Zimmer gehen. Da finde ich bestimmt was für uns beide.“ Er folgt mir, und wir huschen durch den Flur zurück in mein Zimmer. Zum Glück ist Bobby nirgends zu sehen, und als ich die Tür hinter uns schließe, atme ich erleichtert aus. Leo lehnt sich gegen mein Bett und beobachtet mich, während ich zum Kleiderschrank gehe und die Handtücher fest um die Hüften schlinge.

„Was denkst du?“, frage ich, während ich durch die T-Shirts und Shorts wühle. „Dass du unfassbar gut aussiehst“, antwortet er ohne zu zögern, und ich kann das warme Kribbeln wieder in mir aufsteigen fühlen. „Du bist unmöglich“, murmle ich und werfe ihm ein graues Shirt und eine Jogginghose zu. Er fängt beides locker auf, und ich wähle mir selbst ein dunkelblaues Shirt und eine weiche, weite Hose aus. Als wir anfangen, uns anzuziehen, treffen sich unsere Blicke immer wieder. Verstohlene, zärtliche Seitenblicke, die mir ein wohliges Gefühl geben. Irgendwann stehen wir fertig angezogen da, und Leo kommt zu mir, legt seine Hände an meine Hüften und zieht mich wieder zu sich. „Ich glaube“, sagt er leise, „Ich könnte mich daran gewöhnen.“ „Woran genau?“, frage ich neugierig. „Mit dir einfach so zu sein. Ganz nah. Ganz wir.“ Ich lächle und streiche ihm durchs Haar. „Ich auch.“ Er beugt sich vor, küsst mich sanft, und wir bleiben einfach so stehen, die Arme umeinander geschlungen, glücklich und überwältigt von diesem intensiven, wunderschönen Moment.

Als wir wieder ins Wohnzimmer kommen, hat Bobby schon den Tee auf den Tisch gestellt. Der warme Duft von Minze und Ingwer steigt in meine Nase, und ich merke, wie gut das jetzt tut. Einfach Wärme, Geborgenheit, nach all dem Regen und der Kälte. Bobby steht am Küchentresen, die Arme verschränkt, und sieht uns mit diesem typischen Blick an. Einer Mischung aus Belustigung und etwas, das ich nicht ganz deuten kann. Sein Mundwinkel zuckt leicht nach oben, und ich weiß sofort, dass er irgendwas wittert. „Na, ihr zwei, wieder aufgetaut?“ fragt er und deutet mit dem Kinn auf die Tassen.

„Ja“, murmele ich und greife mir eine der dampfenden Teetassen. Leo nimmt die andere und wirft mir einen kurzen Seitenblick zu, fast so, als müsste er sich selbst daran erinnern, hier ganz cool zu bleiben. Bobby mustert uns, und ich sehe, wie seine Augen ein bisschen schmaler werden, als würde er nach einer versteckten Botschaft suchen. Er hebt die Augenbraue. „Also, habt ihr zwei euch mal das Wetter da draußen angeschaut? Die Vorhersage hat eindeutig was von Regen gesagt.“ Ich kratze mich verlegen am Hinterkopf. „Ähm, war halt schöner, mit dem Roller zu fahren. Wegen Freiheit und so.“

Bobby grinst. „Freiheit, ja? Sagt bloß, ihr habt euch dabei nicht die Seele aus dem Leib gefroren.“ Leo lacht leise, nimmt einen Schluck vom Tee und stellt die Tasse wieder ab. „War frisch, ja. Aber irgendwie auch cool. Justin liebt es, wenn der Wind ihm um die Nase weht.“ „Stimmt“, gebe ich zu und sehe Leo an. „Und ich mag es, mich festzuhalten.“

„Mhm“, macht Bobby nur, und ich sehe, wie sein Blick von mir zu Leo und wieder zurück wandert. Er zieht eine Augenbraue hoch, und plötzlich wirkt sein Lächeln noch ein bisschen breiter. „Also, ich hätte ja nicht gedacht, dass ihr schon so weit seid“, murmelt er, mehr zu sich selbst als zu uns.

„Wieso?“, frage ich verwirrt.

Bobby schüttelt den Kopf und setzt sich zu uns. „Ach, nur so. Ihr seht einfach anders aus. Irgendwie entspannter. Und ich meine nicht nur wegen der warmen Dusche.“

Ich merke, wie mir das Blut ins Gesicht schießt, und Leo schnaubt nur leise. Bobby hebt abwehrend die Hände. „Hey, kein Ding. Freu mich für euch. Ehrlich. Ihr zwei passt echt zusammen.“

„Danke“, sage ich leise und spüre, wie Leo neben mir die Hand leicht an mein Bein legt. Nur ganz kurz, fast unmerklich.

„Und? Wie war der Abend? Jugendgruppe gut?“ Bobby fragt, während er die Teekanne nachfüllt und sich selbst eine Tasse nimmt.

„Ja“, sage ich und lächle. „War echt cool. Leo kam richtig gut an.“

Leo nickt. „Deine Freunde sind locker drauf. War eigentlich ganz angenehm.“

„Nur Romeo...“, sage ich und verdrehe die Augen.

Bobby grinst. „Hat er wieder geflirtet?“

Leo schnaubt. „Vielleicht ein bisschen. Aber ich hab ihm schon klar gemacht, dass ich beschäftigt bin.“

„Gut so“, sagt Bobby zufrieden und nimmt einen Schluck Tee. „Der Kerl ist lieb, aber manchmal echt aufdringlich.“

„Stimmt“, gebe ich zu. „Aber es war trotzdem schön. Die Jungs haben sich gefreut, Leo kennenzulernen. Besonders Sebb, er meinte nur, dass es langsam Zeit wurde, dass ich ihn mal mitbringe.“

„Sebbi ist echt ein guter Kerl“, sagt Bobby und mustert Leo noch einmal, diesmal mit einem etwas ernsteren Blick. „Und du hast dich gut geschlagen. Es ist nicht leicht, gleich in so eine Gruppe reinzuplatzen.“

Leo zuckt die Schultern. „War okay. Vor allem, weil Justin dabei war.“

Ich grinse verlegen, aber Bobby wirkt zufrieden. „Schön. Und dann habt ihr auf dem Rückweg den Regen erwischt. Das nächste Mal ruft ihr an, klar? Hätte euch doch abgeholt.“ „War nicht nötig“, sage ich schnell. „Es ging schon.“ „Trotzdem“, murmelt Bobby, „keine Heldenaktionen, okay?“ Leo lacht leise, und Bobby schüttelt den Kopf, ein Schmunzeln auf den Lippen. „Na gut. Aber jetzt mal Butter bei die Fische. Leo, bleibst du heute Nacht hier?“ Ich sehe Bobby verwundert an. „Äh, ich dachte, das ist vielleicht nicht so okay...?“

Bobby winkt ab. „Quatsch. Ich meine, es ist spät, ihr seid durchgefroren, und ehrlich gesagt, wäre es mir lieber, wenn du nicht noch mal durch den Regen musst. Außerdem, ...“ Er wirft Leo einen durchdringenden Blick zu. „Du bist hier jederzeit willkommen. Verstanden?“

Leo lächelt erleichtert und nickt. „Danke, Bobby.“

„Okay, dann ist das geklärt“, sagt Bobby und steht auf, um die Küche aufzuräumen. „Aber Jungs, nicht die ganze Nacht durchmachen, ja? Morgen ist Schule, und ich hab keinen Bock, euch aus dem Bett zu prügeln.“ „Ja, ja“, murmle ich und rolle die Augen.

„Ich mein’s ernst“, sagt Bobby grinsend. „Nicht zu lange wach bleiben. Ihr seht jetzt schon aus wie zwei ausgewrungene Lappen.“ Leo zieht mich leicht an sich und flüstert: „Na ja, Lappen vielleicht, aber glücklich.“ Ich lächle und nehme noch einen Schluck vom Tee, während Bobby die Tassen einsammelt. Sein Blick fällt noch einmal kurz auf uns, und ich sehe, dass er nicht nur zufrieden ist, sondern auch ein bisschen stolz. „Ach, übrigens“, sagt er über die Schulter. „Wenn ihr noch Hunger habt, in der Küche sind Reste vom Abendessen. Aber wenn nicht, ab ins Bett. Und morgen früh will ich keine Zombiegesichter sehen.“

„Alles klar“, rufe ich, und Leo lacht leise. Als Bobby die Tür hinter sich schließt, sehe ich Leo an. „Er wusste, dass du bleibst.“ Leo zuckt die Schultern. „Scheint so. Und ich hab nichts dagegen.“

Ich grinse, lege den Kopf an seine Schulter und spüre, wie die Müdigkeit langsam über uns kommt. Leo legt seinen Arm um mich, und wir bleiben noch einen Moment auf dem Sofa sitzen, lauschen dem leisen Prasseln des Regens gegen die Fenster.

„Ich mag deinen Bruder“, murmelt Leo.

„Ich auch“, sage ich leise. „Und ich mag es, dass du hier bist.“

Leo küsst mich sanft auf die Stirn. „Ich gehöre zu dir. Vergiss das nicht.“

Ein warmes Kribbeln durchströmt mich, und ich kuschle mich dichter an ihn. Es fühlt sich so richtig an. Hier zu sein, mit ihm, in diesem Moment. Vielleicht war der Regen doch ein Glücksfall.

Lesemodus deaktivieren (?)