zur Desktop-Ansicht wechseln. zur mobilen Ansicht wechseln.

Ordinary Life

Kapitel 7 und 8

Lesemodus deaktivieren (?)

Informationen

Inhaltsverzeichnis

---Sieben---

Das ist alles viel zu schön, um wahr zu sein. Sophian und ich treffen uns total oft und telefonieren jeden Tag – nicht sonderlich lange, ich mag Leute live und in Farbe lieber. Labern über Gott und die Welt und ganz viel dazwischen. Klappt auch ganz gut, weil wir den gleichen Musikgeschmack haben. Außerdem erfahre ich total viel über ihn, teilweise total süße Sachen.

Dass er an der Uni studiert, Kunst nämlich. Auf Lehramt, das muss man sich mal vorstellen. Und sonntags frühstückt er immer zusammen mit der ganzen Familie, also: Seine Geschwister kommen vorbei. Er wohnt nämlich noch bei seinen Eltern, etwas außerhalb von München. Er trinkt gerne Apfeltee und hasst Zimt im Apfelkuchen. Überhaupt ist er sehr apfelig. Tee, Shampoo, Seife, Gelstifte, Duftkerzen, Kuchen, Strudel – einfach alles.

Aber das ist auch total toll an ihm. Den Cappuccino haben wir nachgeholt und gleich noch Eisessen dran gehängt, mit David waren wir spazieren und gestern haben wir unsere Küche verunstaltet. Also eigentlich wollten wir mal was kochen – wenig erfolgreich. Immerhin ist nichts in die Luft geflogen und die Käse-Schinken-Pampe ließ sich noch von der Arbeitsplatte abschaben.

Nettes Programm in zwei Wochen, nicht?

Und er weiß immer noch nicht, dass ich in ihn verknallt bin. Mittlerweile bin ich todsicher, dass es keine Schwärmerei ist – gut, es war mir von Anfang an klar. Wir sind einfach nur verdammt gute Freunde, tun Dinge, die Kumpel eben tun, und versuchen so wenig Körperkontakt wie möglich zu haben. Jedenfalls tue ich für meinen Teil das.

Momentan ist es aber schwer sich von dem ehrenwerten Herrn fernzuhalten, weil ich -ähm- gerade auf seinem Bauch liege. Und auf meinem wiederum hat David es sich gemütlich gemacht und schläft selig. Sophian kaut gedankenverloren auf einem Gänseblümchen rum und sieht einfach nur zum Anbeißen aus. Oder zum hinters-nächste-Gebüsch-Ziehen – aber so eilig habe ich es dann doch nicht.

„Hast du morgen Zeit, Schneckchen?“, fragt er gerade verträumt und strubbelt durch meine Haare.

Ja, diesen Spitznamen darf ich mir schon ein paar Tage gefallen lassen. Nur, weil er herausgefunden hat, wie sehr ich mich vor Nacktschnecken ekle. Und wie toll ich hingegen Weinbergschnecken finde. Pah, deshalb nennt man jemanden doch nicht so! Oder bin ich etwa eklig? Nein, da will ich jetzt nicht drüber nachdenken, das versaut mir nur die gute Laune. Sunshine in a bag, vermute ich.

Ich rücke mich ein bisschen zurecht – seine Rippen sind nicht gerade bequem, aber das ist meiner Meinung nach bei jedem Menschen so. Sophian lacht sein tiefes Lachen, für das ich ihn küssen könnte. Natürlich verkneife ich es mir.

„Ich denke schon“, antworte ich schläfrig. „Milena hat jedenfalls frei. Kann sein, dass ihr neuer Lover kommt – Claudio, der kleine Vorstadtcasanova. Wehe, der kann seine Finger nochmal nicht bei sich behalten, dann hau ich ihm eine aufs Maul! Arme Milena, immer die falschen Männer.“

Ich rede mich ein bisschen sehr doll in Rage, schätze ich. Will ich gar nicht, aber Claudio ist wirklich räudig. Angelt sich eine Traumfrau wie meine Mitbewohnerin und grabbelt einen nicht mal hübschen Kerl an – mich. Aber Milena ist momentan so scheiß verliebt, dass ich ihr erstmal nichts gesagt habe. Vielleicht war es ja nur ein Ausrutscher. Auch, wenn ich das nicht glaube.

Sophian spuckt das Gänseblümchen aus und piekst mich in die Seite.

„Mimi ist alt genug, Schneckchen. Sie wird schon wissen, was sie tut – und wenn nicht, hat sie ja uns, oder?“, sagt er sanft. „Er ist ein Griff ins Klo, das will ich gar nicht abstreiten. Aber er macht sie glücklich, verstehst du?“

Ich nicke niedergeschlagen. Er hat ja Recht, aber... hmpf. Ich will nicht, dass Claudio-Casanova ihr ihr Herz bricht – sie hat es einfach nicht verdient.

„Aber eigentlich wollte ich mit dir ja nicht über Milenas Liebesleben reden“, fährt Sophian fort. „Sondern über morgen. Sonntag, Frühstück mit der Familie und so. Ich wollte fragen, ob du vorbeikommen willst, weil... ich war schon so oft bei euch und hab mich da durchgefressen und du weißt nicht mal, wie mein Zimmer aussieht!“

Eine Einladung, seine Familie. Oh mein Gott, er hat mich zu sich eingeladen! Ich schalte natürlich sofort auf Modus Tomate und konkurriere mit dem Feuerwehrauto des Bengels auf der Decke nebenan. Selbstverständlich gewinne ich mit wahnsinnigem Vorsprung, was die Farbintensität betrifft.

„Wow“, hauche ich leise.

Meine Finger fahren über Davids zierlichen Rücken, weil ich irgendetwas mit ihnen anstellen muss. Ruhig halten kann ich sie nicht, so zittrig wie sie im Augenblick sind. Kann Sophian ja nicht hier vor versammelter Mannschaft in Grund und Boden knutschen.

„Heißt das, du kommst?“

„Ja, nein. Ich weiß nicht... wie kommt man denn da am besten hin?“, frage ich vollkommen durch den Wind. „Soll ich was mitbringen, einen Strauß Blumen oder eine Flasche Wein vielleicht? Frische Semmeln, selbstgemachte Marmelade, Kekse, brasilianischen Kaffee-“

„Halt, Stopp! Ganz ruhig, Schneckchen. Du brauchst dir gar keinen Kopf machen, meine Eltern haben alles im Haus und bestimmt in einer Menge mit der man eine Kompanie versorgen kann. Oder eher eine Demo, wenn ich an die beiden denke...“, unterbricht mich Sophian lächelnd.

Ich seufze erleichtert auf und rutsche zusammen mit David von meinem Traumprinz runter. Allzu lange halten meine Hormone die Nähe eben nicht aus, basta. Man muss es ja nicht zu offensichtlich machen.

„Ich hol dich einfach ab, ja? Mit Mimis Tret-Mich-Tot Modell Vorkriegszeit bringst du dich garantiert um, und das wollen wir ja nicht. Außerdem haben wir morgen bestimmt wieder eine Affenhitze und nachmittags Gewitter... nee, nee, ich hol dich ab. Ist acht Uhr okay? Ich weiß, sonntags schläft man eigentlich länger und du bist ein ziemlicher Morgenmuffel, aber meine Familie findet nun mal keinen anderen Tag, um sich zu treffen und-“

Jetzt ist es an mir ihn zu unterbrechen. Blitzschnell lege ich ihm den Finger auf die Lippen und schüttle sachte den Kopf.

„Acht ist ganz okay“, murmle ich, obwohl ich es für eine unchristliche Zeit halte. „Ich warte vorm Haus auf dich, ja?“


Sophian hat Wort gehalten und mich um Punkt acht abgeholt. Na ja. Nicht ganz, aber es klingt schöner. Zwei Minuten zu spät, das ist ja gar nichts. Die fangen eh erst um neun an, hat er mir versichert. Wir sind voll im Zeitlimit. Und in einem VW-Bus, der älter als ich ist. Der gehört Sophian und irgendwie sieht man das auch. Schwarz, schwarz, schwarz und apfelgrüne I-Tüpfelchen wie zum Beispiel die Plüschkissen. Die hüpfen gerade fröhlich über die Sitzbank, weil die Straße nicht gerade hochwertig ist. Mehr so im Feldweg-Stil und meilenweit vom Dorf weg. Sophians Eltern wohnen auf einem ehemaligen Bauernhof weit vom Schuss, irgendwo da draußen.

„Da sind wir“, verkündet Sophian fröhlich und bremst scharf.

Dann schaltet er den Motor ab und sieht mich mit einem absoluten Schlafzimmerblick an. Ich will ihn sofort näher zu mir ziehen und ihn ins nächste Jahrtausend knutschen, verdammt! Kein Grund rot zu werden, nein, nein, nein.

„Du... du musst jetzt sehr stark sein, Schneckchen“, haucht er sanft und mein Mund ist plötzlich ganz trocken. „Versprichst du mir weiterhin mit mir zu reden – egal, was gleich passieren wird?“

„Natürlich“, krächze ich heiser und rücke noch ein Stück näher.

Auffälliger geht es gar nicht, ich bin so ein Idiot. Aber der ist ja auch nicht besser, ne? Könnte sich auch mal eben dazu anschicken, mich in Grund und Boden – aaach, egal. Sophian schluckt und ich kann seinen Adamsapfel hüpfen sehen und ich will... argh, verdammte Scheiße! Tief durchatmen, Sebastian. Und deine Gedanken wieder auf ein angemessenes Niveau bringen, nicht vergessen.

„Dann auf in den Kampf“, sagt er und drückt meine Hand kurz, bevor er die Fahrertür aufstößt.

Was er damit meint, wird mir Sekundenbruchteile später klar. Vorschlaghammerartig. Eine Horde wild gewordener Kinder stürmt auf uns zu, Kriegsgeschrei selbstverständlich inklusive. Wo kann man sich hier denn am besten verstecken? Ich verkrieche mich einfach mal hinter Sophian, der mir beruhigend über den Rücken streichelt.

„Einfach ruhig stehen bleiben und über sich ergehen lassen“, zischt er mir aus dem Mundwinkel zu.

Und es scheint wirklich zu helfen, ich bin baff. Die knuffeln meinen Traumprinz alle der Reihe nach halbtot, scheinbar gibt es eine Hierarchie im Zwergenstaat. Älter als zehn sind die nämlich alle nicht. Die gucken mich alle nur groß an, tuscheln ein bisschen untereinander und fragen Sophian, wer ich denn bitte bin. Und ich könnte mich in den Arsch treten, weil ich gerne an ihrer Stelle wäre.

„Meine Neffen und Nichten“, röchelt mein Überwesen zwischen zwei Umarmungen. „Fass mal bitte in meine linke Hosentasche – schnell!“

Ähm... Was will denn der? Doch nicht hier, vor den Kindern! Der hat doch kein Interesse an mir. Aber ich an ihm, ja. Außerdem hat er mich gebeten, na gut. Da will ich mal nicht so sein, und – krame eine Tüte Süßkram aus den Tiefen seiner Tasche. Sofort stürzt sich die ganze Meute darauf und lässt Sophian in Ruhe – genial!

„Danke“, keucht der Herr sogleich und haucht mir einen Pfefferminz-Kuss auf die Wange.

Ich ziehe alle Aussagen bezüglich der Blagen zurück und behaupte das Gegenteil: Ihr seid einfach nur spitze, Leute! Ihr dürft das gerne noch mal machen, so Landplage und so. Ich bring euch Süßigkeiten mit, ich zahl euch Taschengeld – ich bin reif für die Klapse. Was labere ich denn für einen Schwachsinn?

„Keine Ursache“, strahle ich wie ein Atomkraftwerk.

Ich werd' bekloppt. Nein, ich korrigiere: Ich bin es schon. Jetzt sehe ich auch noch Hippies auf uns zukommen, mit mir stimmt echt einiges nicht. Alles, wenn ich ehrlich bin. Vielleicht sind da ja Leute, die herkommen, aber die tragen doch keine knallbunten Tuniken und Blümchen im Haar! Und barfuß sind sie schon gleich dreimal nicht auf dem Schotter hier.

„Sebastian, das sind... meine Eltern. Ich hoffe, du redest jetzt noch mit mir“, sagt Sophian tonlos und spielt mit seinem Haar. „Ich hätte es dir vorher sagen sollen, schätze ich.“

Doch keine Halluzis also. Aber... dann sind die ja wirklich... hihi! Aber dafür muss er sich ja nicht schämen, seine Eltern machen doch einen ganz netten Eindruck. Nicht so wie meine Erzeuger, diese... lassen wir das.

„Mama, Papa – das ist Sebastian“ , stellt Sophian mich vor und legt seinen Arm um mich.

Huuuch, so besitzergreifend und das noch in der Öffentlichkeit!

„Hallo“, murmle ich und lächle schüchtern.

„Wir haben schon viel von dir gehört, Sebastian!“, erklärt der Mann mit verschmitztem Grinsen und zwinkert mir zu. „Aber wie unhöflich von mir... ich bin der Lutz.“

Ich schüttle seine Hand und versuche ihm in die Augen zu sehen – schwierig. Hat der mir doch quasi das Du angeboten! Sehr nett, aber ungewohnt. Überhaupt ist diese Familie herzlich und riesig und liebenswürdig... ich schweife ab. Der Traumprinz ist inzwischen dazu übergegangen mir fahrig über den Rücken zu streicheln und eine sehr ausdruckslose Miene zur Schau zu stellen. Hm, was soll ich denn davon halten? Tief durchatmen, du wirst schon nicht sterben. Zumindest hoff' ich das doch schwer, momentan hänge ich etwas an meinem Leben.

„Nenn mich Ingrid, Schätzchen! Also, Sophian – ich hab ja deine früheren Häschen nicht direkt kennen gelernt, aber... da hast du dir einen ganz Süßen ausgesucht!“, freut sich die Traumprinz-Mama überschwänglich.

Wie es so meine Art ist, werde ich natürlich sofort rot und starre verlegen zu Boden. Hui, was erzählt die denn da? Wir sind doch – wir haben doch gar nicht... ähm. Missverständnis mit der Eigenschaft sehr groß. Egal, denn jetzt geht es ins Haus. Nein, doch auf die Terrasse, wie schön. Der Tisch ist auch schon gedeckt und – oh, das sind ein bisschen viele Leute. Die grinsen alle und dann sind da so viele Namen und Hände zum Schütteln und... ich hab Angst!

Dann lässt mich die Bagage endlich in Ruhe – nachdem Sophian ein kleines Machtwort gesprochen hat. Weil ich ja auch mal essen soll, damit ich nicht vom Fleisch falle und so. Überall Gezwinker, wäh. Ich beiße in mein BelMandel verseuchtes Toast und ignoriere die neugierigen Blicke so gut es geht. Gibt doch nichts besseres als Süßigkeiten!

„Tut mir echt Leid, dass die so aufdringlich sind“, flüstert Sophian mir ins Ohr und tätschelt mitfühlend meine Hand.

„Hey, hey, kein Rumsexeln am Frühstückstisch! Geht wenigstens hoch und seid nicht so laut!“, ruft Peter? - nein, doch Simon, anzüglich grinsend in die Landschaft.

Wenn ich ihn nicht erst seit kurzem kennen würde, wäre er jetzt schon tot. Zuckerschock oder Tod durch Kitzeln, da bin ich mir nicht so sicher. Natürlich müssen wieder alle hier kichern. So langsam aber sicher entwickelt sich das zum echten Horror-Ausflug. Warum tut man mir das an? Halt, Stopp, da ist ja auch noch mein Traumprinz, der mir so aufopfernd zur Seite steht. Der hat mich zwar hierher gebracht, bemitleidet mich aber auch. Und der musste die Herrschaften ewig viel länger aushalten als ich... hach, mein tapferer Held!

Kopf, Tischplatte, jetzt sofort. Ich kann doch nicht so rammdösig geworden sein, dass ich den letzten Rest Verstand gegen ein bisschen Zuckerwatte getauscht habe! Egal, lächeln wir dem Herrn einfach mal zu. Viel mehr als ein Toast bekomme ich eh nicht runter. Gut, Kakao. Zählt der überhaupt?

Geistig umnachtet, wie ich bin, setze ich die Tasse am Mundwinkel an und saue meine Klamotten von oben bis unten ein. Iiih, das klebt! Ich fluche unterdrückt und patsche mir dann auf den Mund. Sebastian, reiß dich zusammen! Du hast eh schon einen beschissenen Eindruck hinterlassen. Immerhin hast du die Leute hier erheitert.

„Komm mit, ich geb' dir von mir was zum Anziehen!“, murmelt Sophian und greift nach meiner Hand. „Nicht, dass du hier noch in den durchweichten Klamotten hocken musst!“

„Na wenn das mal nicht geplant war!“, kräht Ingrid. „Aber immer schön vorsichtig sein, ja?“

Rot, röter, Sebastian. Ich bin sehr froh, dass Sophian mich schnell ins Haus zieht, weil ich diese extreme -ähm- Offenheit nicht gewohnt bin. Für solche Anspielungen hätte ich zu Hause mehr als nur Zimmerarrest bis zum Sankt Nimmerleinstag bekommen.

Das Haus ist übrigens toll. Bis jetzt habe ich keine einzige weiße Wand zu Gesicht bekommen, die Einrichtung ist knallbunt und an der Decke sind Netze, damit die Kletterpflanzen schön ranken können. Das Sofa im Wohnzimmer schreit förmlich »bekuschel mich« und mit den Sitzkissen könnte man bestimmt jemanden totschmeißen. Gemütlich.

Sophian stößt eine Tür auf und zieht mich ein wenig unsanft ins Zimmer. Himmel, wirklich alles ist grün! Und zwar nicht irgendwie, sondern ausnahmslos knalliges Neongrün. Mein Traumprinz steht also nicht nur auf Äpfel, sondern auf alles, was grün ist.

„Ich wollte nicht, dass es so wird, Schneckchen. Sie sind immer so schrecklich, weißt du? Es tut mir schrecklich Leid und bestimmt war es ein Fehler, dass ich dich mit hierher genommen habe. Du wirst mich jetzt hassen und-“

Ich kann einfach nicht anders. Nachher werde ich es sicher bereuen, aber ich kann ihm nicht weiter beim sich selbst Vorwürfe machen zuhören. Ich lehne mich ein Stück vor und bringe ihn zum Schweigen. Also... auf meine eigene Art und Weise. Und er scheint gar nicht mal so abgeneigt – zumindest klingt er sehr zufrieden. Ich schmiege mich näher an ihn und vergesse nebenbei ganz locker zu atmen. Hey, ich knutsche gerade meinen Traumtyp, da darf das ruhig mal passieren, oder?

Außerdem ist er lecker und es ist das tollste schwebe-superweich-Gefühl auf Erden!

Sophian zieht sich langsam zurück und fährt über meine Wange.

„Keine Vorwürfe machen“, murmle ich leise. „Ja?“

Er schiebt mich lächelnd weg. Scheiße, hab ich irgendwas falsch gemacht? Abgesehen davon, dass ich meinen rein platonischen Freund geküsst habe und ihn verdammt nochmal nie wieder loslassen will. Jetzt will er mich bestimmt nicht mehr sehen, da haben wir es! Wie habe ich mich nur dazu hinreißen lassen?

„Du bist nass“, quietscht Sophian, als ob das ganz was neues wäre. „Mann, ich bin ja so vergesslich!“

Und dann beginnt er in seinem Schrank zu kramen, dass es nicht mehr schön ist. Aber... hey, er hat nicht gesagt, dass er mich nie wiedersehen will! Dass er sich Sorgen macht, kann natürlich nicht sein. Ich meine... bin doch nur ich. Niemand, um den man sich großartig kümmern muss, nur der Durchschnitt.

„Passt das?“, fragt Sophian unsicher und hält mir eine schwarze Schnallenhose und ein giftgrünes Shirt mit einer weißen Hawaii-Blume vor die Nase. „Nicht größenmäßig. Also... ob es nicht zu flippig ist, meine ich.“

Oh mein Gott ist der süß! Ich nicke begeistert und reiße mir die nassen Klamotten vom Leib. Gut, ich entkleide mich eher zögerlich und versuche den Traumprinzen dabei zu ignorieren, aber das muss ja niemand wissen.

Argh! Muss der mir unbedingt zugucken?

Ein bisschen Tempo ist wohl doch nicht so schlecht. Ich komm mir ja vor wie auf dem Präsentierteller, verdammt! Also schön der Reihe nach, erst das T-Shirt, dann die Hose. Sowohl beim Anziehen, als auch beim Ausziehen, sonst sterbe ich vor Scham. Peinlich, aber wahr. Wer will mich denn schon sehen? Von dem Standpunkt aus könnte ich mir natürlich alle Zeit der Welt lassen. Aber allein der Gedanke, dass Sophian mich beobachtet, lässt mich noch einen Zahn zulegen.

Das mit dem T-Shirt klappt auch ganz gut.

Gehen wir also nun zur Hose über. Okay, das Prinzip scheint mir nicht das simpelste zu sein, aber da steige ich schon irgendwie durch. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vollführen wir nun die artistische Meisterleistung des wir-ziehen-uns-im-Stehen-die-Hose an. Der Majestätsplural darf großzügiger Weise ignoriert werden. Bin ich nicht nett?

Bein Nummer eins klappt wunderbestens, ich bin milde überrascht. Schritt zwei folgt sogleich. Leider verheddere ich mich in dem Hosenbein -Sophians Blick ist Schuld!- und packe mich ordentlich auf die Fresse.

Ja, genau das hat mir zu meinem persönlichen Glück noch gefehlt!

Ein in tausend Teile gesplitterter Arm passt wunderbar in die Liste der Verletzungen, die ich mir schon zugezogen habe. Wirklich, genau das hat mir noch gefehlt! Überhaupt stehe ich drauf mich schreiend auf dem Fußboden zu winden!

Immerhin ist da der Traumprinz vom Dienst, der glücklicherweise die Güte hat mich vom Boden zu kratzen und besorgt meinen Arm zu befingern. Werfe ihm zwischen den ganzen Schmerzen einen dankbaren Blick zu.

„Gebrochen“, murmelt Sophian. „Da müssen wir ins Krankenhaus, Schneckchen. Ich mach dir erstmal eine Binde drum, vielleicht reicht das für die Fahrt. In Ordnung?“

Ich nicke mit zusammengebissenen Zähnen und versuche den in einem doch recht seltsam anmutenden Winkel abstehenden Arm nicht zu beachten. Alles nur Einbildung, Sebastian. In Wirklichkeit geht es deinen Knochen total gut, die wollen sich nur mal eben aufmucken. Nur ein paar Minuten, dann ist der ganze Spuk vorbei.

Bestimmt weisen die mich im Krankenhaus gleich in die Anstalt ein. Selbstgespräche, Paranoia und der ganze Rest. Da bekomme ich eine ganz tolle Kuschel-Jacke und kann dann bestens auf Sophian verzichten, weil ich mich ja einfach selber umarmen kann. Bestimmt haben sie auch einen unkaputtbaren Spiegel, indem ich mir selber ein Küsschen geben kann. Für Zunge wird es nicht ganz reichen, fürchte ich.

Immerhin ist meine Ironie nicht verschütt gegangen.

Sophian sieht wirklich professionell aus, als er die Binde um meinen Arm wickelt. Er ist total vorsichtig -okay, es tut trotzdem weh- und irgendwie wären Doktorspielchen gar nicht mal so... Sebastian, wie dämlich bist du eigentlich? Du hast deinen Arm gerade sehr erfolgreich in Kleinholz verwandelt, was nicht gerade schmerzfrei vonstatten gegangen ist, und du hast nichts besseres zu tun als einem -ganz genau, nicht mal deinem- Freund nachzusabbern.

„Ist es so gut?“, fragt Sophian und rückt die Schwiegermutter nochmal zurecht. „Zu fest, zu locker?“

„Perfekt“, versichere ich rot angelaufen.

Warum fällt mir genau jetzt auf, dass meine Hose auf halb acht hängt?

Ich will sterben, jetzt sofort!

Natürlich ist niemand so gnädig und gewährt mir meinen allerletzten Wunsch, wie gemein.

„Gut, dann fahren wir lieber gleich los, damit du nicht allzu lange leiden musst“, beschließt der Traumprinz. „Ist bestimmt schon schlimm genug.“

„Sophian, kannst du... kannst du vielleicht meine Hose zumachen? Mein Arm – es geht nicht“, stammle ich rot wie ein Stoppschild.

„Ja, klar, 'türlich“, antwortet Sophian verwirrt und wohl auch ein bisschen verlegen.

Wir bemühen uns auch das Ganze zügig über die Bühne zu bringen – scheiße, ist das peinlich! Ausgerechnet jetzt muss natürlich mein Gürtel klemmen. Ohne den geht es nicht, sonst rutscht mir die Hose vom Hintern und diesen Anblick will ich der Menschheit ersparen.

„Holla, die Tür hättet ihr aber schon zumachen können! Will ja nicht jeder sehen.“

Mein Kopf ruckt herum und wen sehen meine Augen? Simon, war ja klar. Sophian zieht seine Hände so schnell zurück, als hätte er sich verbrannt. Scheiße, scheiße, scheiße. In wenigen Sekunden wird es das ganze Haus wissen. Was heißt wissen? Glauben.

„Es ist nicht so, wie es aussieht“, zischt Sophian.

Warum ausgerechnet der Satz? Der ist doch schon uralt und außerdem wird der nur von in flagranti erwischten Personen gesagt. Argh!

„Das sagen sie alle“, antwortet Simon gelangweilt. „Und dann sind sie schwanger – ach nee, das können wir in eurem Fall wohl ausschließen!“

Er lacht trocken und wenn Blicke töten könnten... tja, dann würde er schon in der Aussegnungshalle liegen. Und zwar nicht zur Probe. Man sieht doch total, dass diese Situation absolut non-sexuell ist, oder?

„Sebastian hat sich den Arm gebrochen und wir müssen jetzt ins Krankenhaus“, erklärt Sophian, während er mich zur Tür raus schiebt.

„Dass du es aber auch immer übertreiben musst, du Nimmersatt!“, schreit Simon uns hinterher. „Du kannst froh sein, dass nur sein Arm gebrochen ist und nicht sein-“

„Simon!“


Sophian hat mich auf mein Bett verfrachtet und betüddelt mich von vorne bis hinten. Nicht, dass das die Hölle auf Erden wäre, nein... Aber er muss ja nicht gleich die Krankenschwester spielen. Okay, meinen Arm ziert ein giftgrüner Gips -die von der Notaufnahme waren der Meinung, dass es wunderbar zu meinem T-Shirt passt-, aber ansonsten bin ich vollkommen in Ordnung.

„Kann ich dir noch irgendwas bringen, Schneckchen?“, fragt Sophian schon wieder und befingert meine Stirn. „Essen, frisches Wasser vielleicht? Du hast ja kaum was getrunken!“

Ich rolle genervt mit den Augen.

„Stimmt, da wäre noch was“, hauche ich und schiebe den Saum des T-Shirts ein Stück höher. „Könntest du dich bitte neben mich legen? Dann geht's mir bestimmt ganz schnell besser.“

Das war billig, ich weiß. Aber mehr als mir auf die Zunge beißen kann ich mir im Nachhinein auch nicht. Worte kann man immer so schlecht zurückholen, ganz dumme Sache.

Sophian sieht mich an, als wäre ich irgendein seltenes Insekt oder so. Ja, wirklich sehr angenehm. Nein, ich bin doch nicht rot im Gesicht! Wirklich, ich fühle mich pudelwohl. Danke der Nachfrage.

„Wirklich?“, fragt Sophian ungläubig und traut sich ein bisschen näher an mich ran.

„Ganz in wirklich“, bejahe ich grinsend.

Nett, wie ich bin, rutsche ich auch ein Stück zur Seite. Verdammt, ich bin so offensichtlich! Bestimmt verschwindet der Traumprinz gleich, kennen wir ja alles. Zigaretten holen gegangen und nie wieder gesehen worden. Das ist bloß der Einfluss von der Großstadt, zu Hause hätte ich mich nie zu derartigen Aktionen hinreißen lassen!

Gut, da waren auch keine Kerle, die durchblicken lassen haben, dass sie schwul sind. Und hübsch noch dazu. Intelligent, liebenswürdig, hilfsbereit, anbetungswürdig um nicht zu sagen: Perfekt. Sophian eben.

Der werte Herr bequemt sich aber tatsächlich neben mich und – ich bin glücklich! Gut, meine Finger zittern so doll, dass ich jeden Junkie neidisch machen könnte, es kribbelt überall und ich bin nervös bis zum Umfallen... aber es ist toll.

„Ich weiß, dass das jetzt nicht der richtige Augenblick ist, und eigentlich hätte ich ihn gar nicht schlechter wählen können, immerhin hast du dir gerade den Arm gebrochen und das auch noch bei uns zu Hause, meine Familie hat sich absolut horrorartig benommen, nicht? Ich meine... prinzipiell weiß ich nicht, wie ich es dir sagen soll, es lief ja nicht so toll und-“

Scheiße! Jetzt sagt er mir, dass er mich nie wieder sehen will. Dass ich ihn auf ewig blamiert habe. Und überhaupt hat seine Familie sich nur so verhalten, weil er mich loswerden will. Und dann hat es nichtmal auf Anhieb geklappt. Vielleicht sollte ich ihm eins mit meinem Gipsarm überziehen und ihm, wenn er dann aus seiner seligen Ohnmacht erwacht und sein Gedächtnis verloren hat, erzählen, dass wir das Traumpaar Nummer eins sind. Schätzungsweise wird er mir das selbst dann nicht abnehmen.

„Versuch es einfach... so schlimm kann es ja nicht sein“, ermuntere ich ihn.

Haha, als ob ich mir selbst glauben würde! Ich bin ein verfickter kleiner Lügner. Ein verdammt schlechter noch dazu. Immerhin würde ich mich nicht wegen einer einzigen Person von der Brücke stürzen. Wobei es für die Menschheit vermutlich besser wäre. Dann gibt es an meinem Todestag einen Feiertag, weil alle froh über mein Dahinscheiden sind. Allen voran meine Eltern.

Sophian lächelt scheu.

„Okay, ich probier's. Aber schlag mich nicht, ja?“

Kann der meine Gedanken lesen? Wenn das der Fall wäre, müsste ich ihn mal eben umbringen. Ist schlecht fürs Image, kennt man ja. So eine Kleinigkeit bringt einen zu Fall, nicht die großen Sachen. So gesehen bin ich schon längst in einen Abgrund gestürzt, aber lassen wir das. Was will uns der werte Herr also sagen?

Sophian knetet nervös seine Finger. Scheint eine schwere Geburt zu werden.

„Weißt du, Schneckchen... ich mag dich wirklich gern und alles. Und ich weiß natürlich genauso gut wie du, dass man nicht gleich was mit jemandem anfängt sobald man feststellt »Hey, wir sind beide schwul!«.“

Au, au, au, er hat es also mitbekommen. Ich bin so was von kaputt, ich kann es gar nicht beschreiben. Das dumme Kribbeln hat sich natürlich trotzdem nicht verpisst, Miststück. Gleich sagt er mir, dass das Thema Freundschaft gegessen ist. Bestimmt.

Ich nicke erstmal, damit ich was zu tun habe. Auf einmal komme ich mir verdammt nackt vor mit dem hoch geschobenen T-Shirt. Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht? So unauffällig wie möglich zupfe ich es wieder auf eine akzeptable Länge.

„Vielleicht ist es falsch, wenn ich dir das jetzt sage, Sebastian, aber... Ich glaube -nein- ich weiß... ich habe mich in dich verguckt“, rattert er in einem Wahnsinnstempo runter.

Ich brauche erstmal einen Moment, um sein Gestammel zusammenzusetzen. Von Sinn erschließen kann noch keine Rede sein. Das dauert natürlich auch wieder ein bisschen. Aber dafür trifft es mich dann, wie der Schlag meinen Opa.

Sophian? In mich? Verguckt?

Man lasse mich einen Blick in den Kalender werfen! Ich will mich davon überzeugen, dass heute nicht der erste April ist. Oder der neu eingeführte wir-verarschen-Sebastian-Tag. Das kann doch nicht sein Ernst sein! Und dann sagt er mir das auch noch ins Gesicht. Wo sind wir denn hier? Ich hab mich ja auch zurückgehalten.

„Oh“, bringe ich raus.

Sonst nichts. Da sagt mir einer, dass er sich in mich verguckt hat, noch dazu eine ganz tolle Person, und ich bekomme meinen Mund nicht auf! Bin wiedermal darüber deprimiert, dass ich mich selber nicht in den Arsch treten kann. Warum bin ich so verdammt feige?

Ganz einfach: Weil ich Sebastian bin.

Der Sebastian, der nicht aus seiner Haut kann. Der, der sich immer möglichst unauffällig verhält. Der mit dem schüchternen Lächeln. Der, an den sich nach fünf Minuten niemand mehr erinnert. Ja, genau der bin ich.

Sophian wirft mir einen merkwürdigen Blick zu. Ich kann ihn nicht einordnen. Irgendwie habe ich gerade den Boden unter den Füßen verloren. Dabei sollte es mir doch toll gehen, oder nicht? Ich weiß nicht, was mit mir los ist.

„Bist du... sauer auf mich?“, fragt der Traumprinz vorsichtig.

Himmel, sieht der zerbrechlich aus! So verdammt verletzlich und... als ob er Hilfe brauchen könnte eben. Reflexartig nehme ich ihn meine Arme. Wie der sich ankuschelt - toll!

Verabschieden wir uns also von allem wohl Durchdachten und dämmern in die Zuckerwatte-Welt hinüber.

„Nein“, bringe ich heiser hervor. „Nein, bin ich nicht.“

Er löst sich ein bisschen von mir und sieht mich prüfend an. Seltsamer Weise hat er die ganze Wärme mitgenommen. Will. Wieder. Haben!

Da muss ich wohl oder übel ein wenig plaudern. Über Gefühle und lauter solche Sachen, die ich lieber totschweige. Aber... hey, er mag mich! Mich Durchschnittstyp, dem ständig irgendein Missgeschick passiert. Er muss ziemlich einen an der Waffel haben... an mir ist doch gar nichts besonderes.

Ich kuschle mich wieder näher an ihn.

„Ich mag dich auch... ganz doll“, murmle ich an seinem Hals.

Sophian kichert und haucht mir einen Kuss auf die Stirn.

„Dann ist ja gut!“

Und dann wird gekitzelt. Gekuschelt selbstverständlich auch, vom Knutschen wollen wir gar nicht reden. Ich will das Gefühl in ein Marmeladenglas sperren, jetzt sofort! Damit ich in »schlechten Zeiten« immer was davon habe. Aber wahrscheinlich würde ich es nie wieder öffnen – um es nicht zu verlieren. Sentimentales Ding, das ich bin.

Der soll einfach da bleiben, dann brauche ich das dämliche Glas nicht. Selbstverständlich müsste er mich auch auf immer abgöttisch lieben, wir würden uns nie streiten und überhaupt wäre alles bestens... jetzt geht die Fantasie mit mir durch.

„Träumst du schon wieder?“, fragt der Traumprinz ganz nah an meinem Ohr.

Oh mein Gott, Gänsehaut! Der macht sich über mich lustig, ich hör' es ganz genau. Was macht mein Körper? Freut sich wie bekloppt drüber, tze. Egal, der ist mein Freund, meiner, meiner, meiner.

Nein, ich bin nicht besitzergreifend.

Eigentlich will ich ja schmollen, aber das geht nicht so lange. Sophian bekuschelt mich nämlich so übel, dass ich es ihm einfach verzeihen muss.

Und dann knutschen wir wieder, weil es toll ist.

Weil die Welt mich auf einmal doch mag.

---Acht---

Verknallt sein ist toll, ja.

Aber es ist ein Dreck gegen glücklich verliebt sein und wissen, dass man geliebt wird.

Ich komme gar nicht mehr runter von meinem Grinse-Trip, ehrlich! Wenn ich mit dem Auto unterwegs wäre, würden mich die Herren vermutlich alle fünfhundert Meter anhalten – weil so viel gute Laune meist auf nicht ganz legale Substanzen zurückzuführen ist.

„Bist du fertig, Schneckchen?“, fragt der Traumprinz an den Bus gelehnt. „Mimi hat vorhin gemeint, dass du schon zur Vorzeige-Tucke wirst... und wie es aussieht, arbeitest du dran!“

Ich rolle mit den Augen und betrachte mich ein letztes Mal kritisch im Seitenspiegel. Sonst bin ich ja nicht so, aber das soll mein erster Abend in der Szene werden. Und ganz offensichtlich habe ich Bammel.

Ich meine... extrem aufgestylte Leute, Techno-Musik und Tanzen bis der Arzt kommt. Hat man uns Landeiern immer eingetrichtert, ja? Da passt doch einer wie ich gar nicht rein.

Ein Langweiler, der nur Partys im Jugendtreff gewohnt ist und sogar da nicht gerne hingegangen ist. Der Durchschnittstyp schlechthin, der Glamour im Fremdwörterlexikon nachschlagen muss.

Ich zupfe an meinen Haaren rum, die mal wieder gar nicht so wollen, wie ich. Und das T-Shirt, passt das denn? Ist ja doch eher rockig. Muss ich mich noch schnell schminken? Verdammt, kann mir mal einer helfen?

„Du bist perfekt, Sebastian. Du wirst allen anderen die Show stehlen und ich werde nur Augen für dich haben“, haucht Sophian nah an meinem Ohr.

Aargh! Muss der mich so erschrecken? Ich bin zart besaitet, da kann eine solche Aktion den Tod bedeuten. Überhaupt: Wo ist die Ironie in seiner Aussage? Muss ich wohl überhört haben.

„Wir können los“, murmle ich und fühle mich wie ein Tier auf dem Weg zur Schlachtbank.

Bevorzugt wie ein Schwein, vom Gewicht her könnte es hinkommen. Sieht man meinen Hüftspeck? Ich muss mich umziehen, sofort. Und so hübsch bin ich auch. Also nicht wie ein Ferkel, die sehen ja noch ganz süß aus. Ich bin einfach nur -

„Mach dir keine Sorgen, Schneckchen. Wenn es dir nicht gefällt, gehen wir einfach und machen uns nen netten Abend, hm? Mama und Papa sind im Theater, wir haben das Haus für uns.“

Muss der jetzt auch noch so nette Sachen sagen? Zu ihm nach Hause, alleine. Uhm... nein!

Irgendwie habe ich Panik, wenn niemand außer uns da ist. Wir sind jetzt zwar über einen Monat zusammen und für die meisten ist das ja relativ lange, aber... wir haben noch nicht miteinander geschlafen.

Nicht wegen ihm, nein. Ich bin Schuld. Irgendetwas in mir kriegt immer total den Horror, sobald es ans Eingemachte geht. Und wir haben beschlossen, dass wir uns Zeit lassen. Aber wenn er solche Sachen sagt, dann muss ich doch meinen, dass er endlich... Himmel, ich bin so verklemmt!

Und rot bin ich auch schon wieder.

Ich nicke also tapfer und stoße mich vom Bus ab. So, wo ist das Monster von Szenetreff?

Sophian greift nach meiner Hand und sofort ist da wieder dieses Kribbeln. Mit der Zeit sollte es langsam verschwinden, wo es mich doch so nervös macht aber – nein.

Und dann sind wir da und alles ist ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Keine drei Meter hohe, neonpinke Leuchtreklame, kein Türsteher, kein Betonklotz von einem Bauwerk. Und wenn ich so durch das Schaufenster spähe, dann sind da keine in Lack gekleideten Kerle, auch das Disco-Flimmerlicht lässt auf sich warten.

»Enola« steht in fetten Lettern quer über die Scheibe. Ein bisschen verraucht sieht es aus, aber sonst ganz nett. Und so anders als ich es mir vorgestellt habe, versteht sich.

Sophian hält mir die Tür auf und verbeugt sich.

„Nach Ihnen, Schneckchen!“

Ich kichere leise und möglichst wenig hysterisch und trete ein. Meine Vermutung, dass wir es mit einer Kneipe und keinem Club zu tun haben, scheint sich zu bestätigen. Hätte er mir ja mal eher sagen können, ein toller Freund ist das! Ich sterbe tausend Tode von wegen Tanzen, Aussehen und anderem oberflächlichen Kram und dann das, tze.

„Du!“, fahre ich ihn an.

Sophian grinst und zwinkert mir zu.

„Was ist mit mir?“, fragt er unschuldig.

„Du hast es genau gewusst!“, fauche ich und boxe ihm leicht in den Arm. „Musstest du mich so quälen?“

„Selbstverständlich! Dein Gesichtsausdruck war einfach zu toll. Hi, Nick!“

Oh. Mein. Gott. Wie sieht der denn aus?

Vor uns steht ein Kerl, komplett in weiß gekleidet. Seine Jeans ist so eng, dass mit Vorstellungskraft nicht mehr so viel ist, seine wasserstoffblonden Haare strahlen mit seinen Zähnen um die Wette und von dem himbeerfarbenen Lipgloss möchte ich gar nicht erst anfangen. Tucke³. Scheinbar treffen einige meiner Vorurteile doch zu...

„Hallo, Schätzchen!“, schnurrt Nick und küsst MEINEN Freund auf die Wange.

Ich will ihm den Hals umdrehen. Oder vielleicht ist Steinigen besser, das dauert länger. Und wenn ich mich noch recht an die Bibel erinnere, ist das eine Strafe für Ehebrecherinnen. Mit ein bisschen modulieren passt das doch wie die Faust aufs Auge – so, wie der sich an meinen Freund ranschmeißt.

„Und wen haben wir da?“, fragt das Arschloch mit ultrabreitem Strahlelächeln.

Sophian legt einen Arm um mich, so dass ich auch endlich was zum Grinsen habe. Ja, zeig' ihm, dass wir zusammen gehören! Vermutlich werde ich gerade total kindisch. Egal, das ist wichtig.

„Darf ich vorstellen – Sebastian, mein Freund.“

Ich kann nicht umhin mich toll zu fühlen. Du kannst ihn nicht haben, haha!

Himmel, was ist denn heute mit mir los? Scheinbar drehe ich durch. Nichts neues also.

Weil ich gerade einen unglaublich gnädigen Moment verspüre, nicke ich ihm huldvoll zu. Das scheint den Herrn allerdings nicht sonderlich zu tangieren. Der Typ hat seinen Röntgenblick ausgepackt und mustert mich von oben bis unten. Früher hat man sich wenigstens noch geschämt, wenn man beim Starren ertappt wurde!

„Was Besonderes ist der ja nicht gerade“, verkündet das Arschloch abfällig.

Ja, er macht seinem Spitznamen schon alle Ehre. Nicht nur, dass er meinem Freund nachhechelt – wofür ich ihn wirklich umbringen möchte, nein – er muss auch noch über mich ablästern. In meiner Gegenwart, selbstverständlich. Geht ja nicht an, dass es meinem Ego seit langer Zeit mal ein bisschen besser geht. Verrecke, Selbstvertrauen!

Und am besten nimmst du den Mistkerl gleich mit.

„Nick!“, mahnt Sophian. „Ich finde, er ist der tollste Kerl auf Erden!“

Wie es der Zufall so will -haha!- bekomme ich einen tierisch roten Schädel. Muhahaha, er hat mich verteidigt! Und dann hat er auch noch was wirklich Nettes gesagt, ich bin von den Socken. Das hält aber auch nur kurz an, weil Nick wie eine Klette an uns klebt.

Sophian kennt so viele Leute, echt!

Wir sitzen dicht gedrängt auf einer Eckbank. Es hat keine zwei Minuten gedauert, und jeder hatte ein Bier vor sich stehen. Mein Freund ist beliebt, yay!

Tja, ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich dadurch scheiß ausgegrenzt und allein fühle. Nicks Flirt-Attacken und die hämischen Blicke, die er mir zwischendurch zuwirft, bringen mich auch nicht wirklich weiter. Der geilt sich an meinem Leid noch auf, ich seh' es doch ganz genau!

Penner.

Bier scheint mein bester Freund zu werden, ich bin schon beim zweiten. Ist doch ganz in Ordnung, immerhin sind wir schon... eine Dreiviertelstunde hier. Vielleicht sollte ich mich ein bisschen am Riemen reißen. Meine Augen tränen jetzt schon von dem Rauch, schrecklich.

Möglicherweise ist nicht nur der Qualm Schuld... aber nein, ich bin ja keine Memme.

Muss das so doof laufen?

Aber Sophian amüsiert sich, das will ich ihm auch nicht kaputt machen. Und eigentlich finde ich es extrem toll, wenn er so strahlt. Allerdings mehr, wenn er mit mir redet und nicht, wenn ihn eine verfickte Drag Queen bezirzt.

Allein der Gang... jede Frau würde ihn um seinen Hüftschwung beneiden, ehrlich. Nick muss Masochist sein. Wenn ich versuche mich so zu bewegen, tut mir immer alles weh. Und der war mal mit meinem Freund zusammen. Hat mir der Typ rechts neben mir erzählt, natürlich mit fettem Grinsen. Hat auch gemeint, dass ich viel besser für Sophian sei, weil ich ihm nicht wehtun würde. Pah!

Sieht man doch: Die beiden haben gerade ihren Spaß und ich fühle mich überflüssig. Das sagt doch schon alles. Fehlt nur noch, dass sie vor meinen Augen anfangen rumzuknutschen. Meinen Glückwunsch, Herr Bauer. Ihre ganz persönliche Freakshow!

Eine Hand tätschelt meine, ich sehe von meinem Bierglas auf. Sophian. Wurde ja auch mal Zeit, dass er sich um mich kümmert. Hat wohl selber gemerkt, dass er mich vernachlässigt.

„Du, ich bin mal eben auf dem Klo, ja?“

Genau das, was ich hören wollte.

So, bevor ich mich jetzt erhänge oder mich vors nächste Auto werfe, das womöglich zu meinem Glück auch noch parkt, möchte ich noch den Leuten danken, die mich so weit gebracht haben:

Als erstes Mama und Papa. Ihr seid die besten Menschen, die es gibt, wirklich. Was hätte ich nur ohne euch gemacht? Vermutlich wäre ich ein fröhlicher Mensch geworden. Danke, dass ihr das so glorreich verhindert habt!

Ein großer Dank geht auch an die Leute aus dem Dorf. Ohne euer beschränktes Handeln hätte ich mich ja direkt wohlfühlen können bei euch. Ihr hattet Recht, Anderssein macht nur unnötige Probleme. War wirklich toll, dass ihr mich aus dem Dorf gejagt habt.

Besonders möchte ich mich bei Sophian bedanken, du hast mich richtig toll gepusht. Ohne dich wäre ich ein ganz anderer Mensch, im schlimmsten Fall glücklich vergeben. Du verstehst es so richtig Sachen zu tun, die mir tierisch an die Nieren gehen. Ich bin schwer beeindruckt, in so viele Teile hat noch keiner vor dir mein Herz zertrümmert.

Ein herzliches Danke nochmal an alle, die mir dieses Leben ermöglicht haben!

Diese Rede musste einfach sein... vor allem, weil Nick meinem Freund gerade »unauffällig« folgt. Mir geht es gut, wirklich. Um ehrlich zu sein, nie besser gewesen.

Abgesehen davon, dass ich gerade kotzen könnte.

Gut, dann gehen wir zum nächsten Tagesordnungspunkt über: dem Sterben.

Ein paar Entschuldigungen murmelnd quetsche ich mich raus aus der Sitzecke und remple Nick im Vorbeigehen an. Versehentlich natürlich. Der kriegt bestimmt einen Schreikrampf, wenn er auch nur den kleinsten blauen Fleck entdeckt.

„Pass doch auf, du Penner!“, kreischt Nick und hält sich die Seite.

Alter Simulant. Als ob das weh getan hätte! Kein Vergleich zu dem, was er mir angetan hat. Gut, ich werde gerade sehr theatralisch. Muss der Alkohol gewesen sein. Ich murmle etwas unverständliches in meinen imaginären Bart und setze meinen Weg fort. Raus.

„Er hat dich noch nicht rangelassen, stimmt's?“, schreit das Arschloch.

Ich wirble herum, fassungslos. Was bildet der sich eigentlich ein? Das ist unser Privatleben, verdammt. Vielleicht will Sophian nichts mehr von mir wissen, aber das hätte er für sich behalten können.

Nick kommt einige Schritte näher, ich fühle mich bedrängt.

„Weißt du... so zeigt er einem, dass er kein Interesse hat. Der Gute wollte dich schon viel eher abservieren, ja. Aber dein Arm – du hast den Krüppel-Bonus, verstehst du?“

Scheiße, verdammt! Warum musste er das sagen?

Ich drehe mich um und verlasse das »Enola« so schnell wie nur möglich. Das Arschloch muss nicht auch noch sehen, wie ich zu heulen anfange. Diese Genugtuung werde ich ihm nicht verschaffen, nein.

Lieber setze ich mich hin und lasse die Beine in die Gosse baumeln, da sieht mich niemand.

Warum ist das Leben so verdammt Scheiße?

Und wieso bekomme ich 99,9 % der Scheiße ab, kann mir das mal jemand verraten?

Höchstwahrscheinlich, weil ich den Krüppel-Bonus habe, haha! So nett ist man heutzutage.

»Dir geht es beschissen, ja? Dann bekommst du noch eins reingewürgt. Wollen wir doch mal sehen, wann du draufgehst!«

Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und hoffe auf ein schnelles, schmerzloses Ende. Leider erhört mich mal wieder keine Sau. War ja klar. Wahrscheinlich sitzen die da oben auf ihren Wölkchen, saufen Champagner und amüsieren sich köstlich über mich. Wie alle eben.

„Hey. Alles in Ordnung?“, fragt jemand hinter mir, ich sehe nicht auf.

Aber die Stimme habe ich erkannt. Das muss der Typ sein, der rechts neben mir gesessen hat, genau. Ich luge vorsichtig zwischen meinen Fingern hervor. Hat der sich doch glatt zu mir gesellt! Was fällt dem denn ein? Will sich wohl auch an meinem Elend ergötzen. Typisch.

„Sieht man doch“, schniefe ich und puhle an meinem Gips rum. „Es ging mir nie besser.“

Nein, von diesem Satz tropft kein Sarkasmus. Wirklich, nicht die Spur. Ich bin immer abgrundtief ehrlich und würde nie jemanden aufs Glatteis führen.

„Ich hab gesehen, wie du dich mit Nick gestritten hast“, berichtet er mir.

Ich zucke mit den Schultern und schiele zu ihm hoch.

„Und?“

„Weiß nicht... sah nicht besonders nett aus. Was hat er dir erzählt?“, fragt der Typ – Enrico heißt er, glaub' ich.

„Dass Sophian... dass er mich überhaupt nicht leiden kann und mich nur wegen meinem Arm nicht abgesägt hat. Und, dass er mich deshalb nicht fickt.“

Gegen Ende wird mein Gestammel immer leiser und die Schluchzer immer lauter. Wunderbar, Prinzesschen Sebastian IV. Oder so ähnlich. Da versteht man doch glatt, warum der Traumprinz lieber seine Queen vögeln will. Sogar die ist noch männlicher als ich.

Enrico seufzt, lässt sich reichlich unelegant auf den Gehweg fallen und legt einen Arm um mich.

„Nick kann ein ziemliches Arschloch sein, weißt du? Hast du ja gerade mitbekommen. Er ist nicht immer so, aber... er ist es gewohnt alles zu bekommen. Und bis jetzt ist er damit ziemlich gut gefahren. Sophian hat sich ja anfangs auch geziert.“

Ja, reiß meine Wunden noch ein Stück weiter auf! Hast ganz Recht, ich hatte mich schon fast an den Schmerz gewöhnt. Natürlich will ich hören, mit wem mein Freund so im Bett rumgesprungen ist. Selbstverständlich sind alle Details für mich lebensnotwendig, was würde ich nur ohne sie tun?

„Dein Freund hat ziemlich unter Nicks Egotrips gelitten, kann ich dir sagen. Aber er wollt's natürlich nicht wahrhaben, was da so abging. Kippe?“

Ich nicke und finde Enrico nicht mehr so schlimm. Eher ein bisschen abgedreht, also nicht durchgeknallt-abgedreht, sondern eher so angenehm verrückt. Scheint die Psycho-Klempnerin vom Dienst zu sein.

Nehme den ersten Zug seit langem und muss sofort husten. Wie ein Anfänger, Schande. Aber ich fühle mich besser, mit all dem Kratzen und Husten und Röcheln. Weil man sich an einer Zigarette doch irgendwie festhalten kann.

„Naja... die Geschichte mit Nick hat ihn im Endeffekt extrem runter gezogen, aber er hat es ewig nicht gerafft. Erst, als er wirklich am Ende war. Er war ein Wrack, die ganzen Lover haben ihm doch ziemlich zu schaffen gemacht... das musst du dir mal vorstellen: Kommst zu deinem Freund, der gerade fröhlich 'nen anderen durchs Bett schiebt und alles, was er dir zu sagen hat, ist: »Mach mal Kaffee«, und das Ganze mehrmals! Ich hätt' Nick umbringen können.“

Aua, das hört sich wirklich übel an. Ich halte Nick immer noch für ein absolutes Miststück, jetzt mehr denn je. Was bildet der sich denn ein? Meinem Sophian das...

Oh, vermutlich gibt es kein MEIN Sophian mehr.

Verdammte Scheiße.

„Und jetzt schiebt er 'ne Nummer mit ihm, auf'm Klo“, sage ich tonlos. „Muss toll sein, jemandem das Herz rauszureißen und fröhlich drauf rumzuhüpfen... ein verdammt tolles Gefühl.“

„Vielleicht denkt er das in dem Moment, ich weiß es nicht. Aber danach fühlt er sich einfach nur dreckig, guck ihn dir doch an. Kriegt zu Hause alles in den Arsch geschoben, braucht sich keinen Kopf machen, vögelt jede Nacht 'nen anderen Kerl und verstrickt sich am Ende doch nur in seinen selbst gesponnenen Intrigen. Und dann ist er allein, verdammt allein. Was meinst du, warum er so dünn ist, hm?“

Ich zucke mit den Schultern. Was geht mich das an?

Ich will meinen Freund wieder, und zwar nur für mich.

„Kotzt sich die Seele aus dem Leib, ja. Tut immer so, als wäre alles noch im grünen Bereich, aber... der ist nur noch Haut und Knochen. Er kann noch so viel Scheiße bauen, sobald du ihn so siehst, wie verletzlich und zerbrechlich er ist... hilfst du ihm einfach. Es ist quasi ein Naturgesetz.“

Gut, das nimmt mich jetzt schon ein bisschen mit. Der Kerl muss verdammt große Probleme haben. Aber hey: Das gibt ihm trotzdem nicht das Recht meinen Freund zu vögeln!

Ja, ich bin gegen offene Beziehungen, ist ja auch mein gutes Recht.

„Und so wie Sophian dich ansieht, lässt er sich auch nicht von Nick vernaschen – schon gar nicht auf 'nem schmorkeligen Klo!“, brummt Enrico und pustet mir Rauch ins Gesicht.

Gut, mir geht es einen Hauch besser. Ich werde trotzdem nicht mit Nick auf heile Welt machen, nee. Der Penner braucht ander'n Leuten nicht wehtun, bloß, weil er sein Leben nicht gebacken bekommt. Vor allem nicht meinem Freund. Den ich vielleicht jetzt suchen sollte...

„Danke“, murmle ich und drücke die Kippe in der Gosse aus. „Bist echt 'n Netter.“

„Kein Problem, Basti. War ja alles nur 'n Missverständnis. Und jetzt geh' rein und klär das!“

Mein Gott, ist der toll nett! Ich weiß, das gibt nicht wirklich Sinn, aber... mit dem kann man eben total gut über Problemchen reden. Plus: Er hat auch noch eine Lösung dafür. Der hat es wirklich verdient ein Kumpel von Sophian zu sein, jawohl!

Und jetzt wird gerettet, was noch zu retten ist.

Also nicht viel.

Egal, ich bin fest entschlossen. Erzähl ich Sophian eben, dass ich abgrundtief eifersüchtig auf einen Menschen bin, der es nicht verdient. Es wird alles gut laufen, ich werde der glücklichste Kerl auf Erden sein und seine Eltern sind heute nicht zu Hause, ja!

Gut, nachdem Enrico mir so toll Mut gemacht hat, dürfte das doch ganz leicht werden. Man begibt sich also zurück ins »Enola«, wo die Herrschaften immer noch sitzen und fröhlich plaudern.

Gut, nicht alle.

Nick sieht aus, als hätte er in mindestens fünf Zitronen gebissen und als er mich anstarrt, scheint er nicht unbedingt euphorischer zu werden. Ich sage nur: Wenn Blicke töten könnten...

Und Sophian macht auch nicht den Eindruck, als sei er in Partystimmung. Sitzt da und stiert sein Bierglas an, als ob er jeden Moment versuchen würde sich darin zu ertränken. Trösten!

Scheiß Reflexe aber auch.

„Hey“, murmle ich und fahre ihm durchs Haar. „Kann ich mal eben mit dir reden – wo es nicht so laut ist, draußen vielleicht?“

Wow, er lächelt – und er sieht erleichtert aus! Ich hab mich nicht ins totale Abseits katapultiert. Tausend Schoko-Kekse für mich.

„Klaro. Willst du fahren?“

Ich nicke. Ist wahrscheinlich besser.

Sophian hat Kakao gekocht, bestimmt tausend Liter. Außerdem hat er mir die tolle Frosch-Tasse gegeben und eine Packung Cookies für diesen Abend geopfert. Mein Gott, ich will ihn totknuffeln!

Momentan ist das aber eher schwer, weil uns gerade 98 500 Meter trennen. Der Traumprinz hat sich nämlich auf ein Bodenkissen gefläzt und jetzt habe ich nur das Sofa zum Bekuscheln. Mist aber auch. Und jetzt reden. Aber was?

„Es hat dir nicht gefallen, stimmt's?“, fragt Sophian und klammert sich an seine Tasse, als könnte er sich damit vor der Sintflut oder so retten. „Die sind alle ein bisschen abgedreht und verrückt und wer weiß nicht was, aber eigentlich sind sie voll in Ordnung. Denke ich zumindest.“

Himmel, wenn der so guckt, kann ich doch nicht einfach sitzen bleiben! Also stehe ich etwas ungelenk auf und tapse zu ihm rüber, um meinen Kopf in seinen Haaren zu vergraben. Apfel, wie immer.

„Nee, war schon okay. Und Enrico ist echt 'n ganz Netter, mit dem kann man toll reden.“

Mann, bin ich schlecht. Sieht so aus, als hätte ich das aus einer billigen Frauenzeitung... nicht, dass mir das bekannt vorkäme. Bestimmt denkt er jetzt noch mehr, dass ich seine Freunde nicht leiden kann.

Aber darum geht es mir ja gar nicht, ich will über Nick reden. Und darüber, was jetzt mit uns ist, wie es weiter geht. Über alles, was jetzt wichtig ist eben.

„Ja, das ist er.“

Scheiße, jetzt bin ich wohl dran. Nippe hektisch an meinem Kakao. Warum ist mein Kopf ausgerechnet jetzt wie leer gefegt? Da war doch gerade noch so viel, was ich ihn fragen wollte.

„Was ist mit dir und Nick?“, rutscht es mir raus und Sophian verschluckt sich erstmal ordentlich, so dass ich ihm auf den Rücken klopfen muss.

„Da ist nichts... nicht mehr“, antwortet der Traumprinz und starrt dabei den Boden an.

Und das soll ich jetzt glauben, wenn der das in dem Tonfall sagt? Als ob jemand gestorben wäre, pah! Dabei hat das Arschloch meinen Freund doch wie ein Stück Scheiße behandelt.

„Und was war das dann heute?“, frage ich betont neutral und gehe wieder schön auf Distanz.

Himmel, kotzt mich das an! Der kann unmöglich übersehen haben, wie Nick sich ihm angeboten hat. Ein Wunder, dass er sich nicht gleich ein Schild mit der aussagekräftigen Aufschrift »Fick mich!« umgebunden hat. Aber das hatte er ja nicht nötig, die Toiletten-Sache scheint ja ganz nett gewesen zu sein. Dass ich angepisst bin, hat Mr. Hüftschwung auf jeden Fall erreicht. Gratulation.

„Was soll schon gewesen sein?“, erwidert Sophian angespannt. „Mich würde eher interessieren, warum du auf einmal nicht mehr da warst, als ich vom Klo kam!“

„So? Tja, da bist du nicht alleine, weißt du? Ich würde nämlich schrecklich gerne wissen, wie deine Nummer mit Nick war! War er gut?“, fauche ich total aufgewühlt.

Was bildet der sich eigentlich ein?

Als ob ich fremdgehen würde, mal eben so. Der soll nicht von sich auf mich schließen, der Arsch. Sagt doch schon alles, wie der sich verhält. Verdammt, fühl ich mich scheiße!

„Was soll der Mist, Sebastian? Nick und ich haben nicht... haben keine »Nummer geschoben«, wie du es so schön genannt hast. Wie zur Hölle kommst du auf die Idee, hm?“

Oha, der ist auf hundertachtzig. Würde mich nicht wundern, wenn er mich im nächsten Augenblick mit einer Streitaxt niederstreckt, die er mal eben aus dem Ärmel zaubert. Das war's dann wohl.

„Weil dein bescheuerter Stecher mir das rein zufällig anvertraut hat, bevor er zu dir aufs Klo entschwunden ist!“, gebe ich nicht gerade leise Auskunft.

„Er hat WAS?“, fragt Sophian verstört.

„Mir gesagt, dass du nur aus Mitleid mit mir zusammen bist und deshalb keine Anstalten machst mit mir in die Kiste zu hüpfen. Aber das weißt du wohl selbst am besten!“, stoße ich außer Atem hervor.

Streiten ist nichts für schlecht trainierte Sportschwänzer, nee. Dafür braucht man eine gewisse Kondition. Und zu nah am Wasser gebaut sollte man auch nicht sein, zwei Minuspunkte für mich. Nochmal will ich heute jedenfalls nicht flennen.

„Schneckchen, oh mein Gott!“, haucht Sophian geschockt.

Was ist denn das jetzt? Spielen wir heute »vom Saulus zum Paulus«, oder was? Ich fang mal an auf die Leute von der versteckten Kamera zu warten. Die geben sich aber nicht die Mühe mal locker reinzuschneien. Stattdessen hängt der nicht mehr ganz so tolle Traumprinz an meinem Hals und nuschelt Sachen in mein T-Shirt, die ich beim besten Willen nicht verstehe. Super.

„Äh... Was?“, frage ich verwirrt.

Da soll mal einer durchsteigen bei dem Gefasel. So ganz bei Trost ist der auch nicht, sonst hätte er mich längst rausgeschmissen. Immerhin ist sein Plan aufgeflogen und so hilfsbedürftig bin ich nicht, verdammt noch eins. Ich hätte ihn für netter gehalten, aber ich muss mich wohl schwer geirrt haben. Scheiße eben.

„Wir haben nicht... ehrlich. Er hat mich im Klo abgefangen und von den »guten, alten Zeiten« geredet, ja. Aber ich hab ihm gesagt, dass er das vergessen kann, weißt du? Ich hätte nicht gedacht, dass Nick so weit geht... nichtmal, nachdem er mich damals so fertig gemacht hat.“

Okay, kommen wir zu einer spontanen Frage: Bin ich weiblich? Bin ich womöglich schwanger?

Das klingt jetzt spontan seltsam und theoretisch ist es unmöglich, ich weiß. Aber immerhin würde das erklären, warum ich die Stimmung in den letzten Minuten öfter wechsle als Mariah Carey ihre Klamotten.

Ich meine... warum habe ich gerade verficktes Mitleid mit ihm? Und warum möchte ich ihn einfach nur umarmen und sagen, dass ich für ihn da bin? Bin ich vielleicht in einer Schnulze gelandet? Eventuell arbeitet mein Hirn aber auch nach Drehbuch eines Heimatfilms, hm. Soll ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen?

„Hat er dich angefasst?“, frage ich mit zitternder Stimme.

Ja, genau das wollte ich sagen! Jetzt macht nichtmal mein Sprachzentrum mehr, was ich will. Da möchte ich nett sein und dann kommt was total Anklagendes aus meinem Mund, bäh. Vom eigenen Körper verraten und verkauft.

„Nee“, nuschelt Sophian. „Davon konnte ich ihn abhalten. Hab ihn weggeschubst. Und dann bin ich zurück, und wer war nicht mehr da? Ich dachte, du wärst abgehauen. Zigaretten holen gegangen und nie wiedergekommen oder so. Und dann hab ich dich mit Enrico gesehen...“

„Da war nix“, sage ich hastig.

„Das weiß ich jetzt auch“, grummelt der Traumprinz.

Und dann ist es erstmal eine ganze Weile still, so richtig fies. Kommt mir direkt kälter vor als vorher. Ich will was sagen, einfach irgendwas, aber... geht nicht so recht. Außer einem Räuspern, das verdammt nach Rasenmäher klingt, will nämlich nichts aus meiner Kehle.

„Und jetzt?“, fragt er nach einer kleinen Ewigkeit.

„Willst du Schluss machen?“, frage ich über den Rand meiner Tasse.

Er zuckt mit den Schultern.

Scheiße, wieso frage ich das? Natürlich soll er mich nicht abservieren, ist doch klar. Ich brauch' ihn nämlich irgendwie. Aber wenn das stimmt, was Nick gesagt hat... dann ist es wohl besser. Eine Beziehung aus Mitleid ist doch sehr erbärmlich.

„Ja. Nein... vielleicht. Ich weiß nicht.“

Argh! Der Kerl bringt mich noch ins Grab. Kann der nicht ein einziges Mal wissen, was er will?

„Willst du mich denn noch?“, fragt er mit rauer Stimme.

Oh mein Gott, ich will ihn küssen! Und das tue ich dann auch ungefähr tausend Stunden lang. Gut, nicht ganz so ewig, aber so lange, bis wir keine Luft mehr bekommen. Meine kleine Welt ist wieder vollkommen intakt, herrlich.

Lesemodus deaktivieren (?)