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Ein Winterlied

Teil 5 - Das Ende

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-5: Das Ende-

Leise stöhnend öffnete Caspar vorsichtig die Augen. Sein Wecker zeigte ihm in roten Leuchtziffern eine viel zu frühe Zeit an und am liebsten hätte er die Augen geschlossen und weitergeschlafen, doch er wusste genau, dass er es trotz seiner nicht gerade rosigen Verfassung nicht mehr können würde. Dabei war es allerdings nicht so, dass es ihm schlecht ging - im Vergleich zu gestern Nacht war er um genau zu sein geradezu lebendig-, allerdings fühlte er sich schwach und ausgelaugt, müde und betäubt...

Und zudem völlig orientierungslos: Verwirrt versuchte er herauszufinden, wo er war, bis ihm völlig klar wurde, dass es wirklich _sein_ Wecker war und er in _seinem_ Bett lag.

Sehr langsam richtete er sich auf, begann sich leicht zu strecken, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen, bemerkte dabei nicht wenig erstaunt ein noch leicht feuchtes Handtuch in seinem Schoß, das wohl auf seiner Stirn gelegen hatte, obwohl es eigentlich im Bad sein sollte. Und auch das Fenster, das er gestern nicht mehr hatte schließen können, war nun fest verriegelt, um Kälte und Wind auszuschließen.

Einige Minuten des angestrengten Nachdenkens vergingen bis ihm endlich wieder einfiel, _wer_ gestern noch auf seinem Motorrad gesessen hatte: /Nathanael!/, dachte er mit einem dankbarem Lächeln auf den Lippen.

Noch immer müde, nun aber deutlich besser gelaunt, stand er auf, brachte als erstes das Handtuch zurück und kramte in dem Schrank, in welchem er unter anderem auch verschiedene Medikamente aufbewahrte, nach einem neuen.

Plötzlich aber stutzte er, besah sich seine Medizin genauer. Die Dose mit den Fiebertabletten hatte ihren angestammten Platz verlassen und diejenige, die Beruhigungsmittel enthielt, stand sogar noch offen herum.

/Ach Kleiner.../ Seufzend schloss er sie, beließ es aber bei einem Kopfschütteln, brachte kurz die Morgentoilette und eine Mini-Dusche hinter sich, um den kalten Schweiß, der unangenehm auf seiner Haut klebte, loszuwerden und richtig aufzuwachen.

Schließlich betrat er leise sein kleines, aber gemütliches Wohnzimmer, erblickte auch gleich den Schwarzhaarigen, als würde sein Blick wie magisch von ihm angezogen.

Sanft lächelnd zog er ihm die verrutschte Decke wieder über die Schultern, strich ihm ein paar kleine Haarsträhnen von der neckisch nach oben gebogenen Nase.

„Manchmal kannst du echt süß sein...“, lachte er leise, um den Schlafenden nicht zu wecken, ging dann in die Küche, um schon einmal das Frühstück vorzubereiten. Er wusste zwar nicht, was der Schwarzäugige mochte, aber schätzungsweise war er nach einem jahrelangen Leben auf der Straße ohnehin nicht sonderlich wählerisch.

Also begann er sich an seine Aufgabe zu machen, konnte aber auch, während er Brot schnitt und verschiedene Sachen wie gekochte Eier, Brotbeläge und –aufstriche sowie Gemüse anrichtete, nicht aufhören, über den Jüngeren nachzudenken.

/Wie soll es jetzt nur mit dir weitergehen...?/, überlegte er hilflos, hielt kurz inne darin, Tomaten zu schnippeln, und auf einmal fiel ihm ein, dass Nathanael schließlich auch noch einen... _Job_ hatte, fragte sich, ob er nicht Ärger bekommen würde, da er doch einen Tag nicht zur „Arbeit“ erschienen war.

Tief seufzend ging er zu dem Jüngeren, um ihn für das Frühstück zu wecken, während der Kaffee durchlief.

„Aufwachen, Kleiner! Es gibt Frühstück“, flüsterte er leise, nachdem er sich vor der Couch hingehockt hatte, um etwa auf gleicher Höhe mit dem Liegenden zu sein, rüttelte ganz leicht an dessen linker Schulter.


Nach einer unerwartet ruhigen Nacht erwachte Alain, als ihm die Sonne direkt ins Gesicht schien. Aber seine Umgebung war so warm und gemütlich, dass er sich einfach „weigerte“ aufzuwachen und mit geschlossenen Augen liegen blieb und versuchte sich selber vorzuspielen, er würde noch schlafen.

Fast hatte er es geschafft wieder einzudösen, da fiel auch schon ein Schatten über sein Gesicht und eine große, warme Hand schüttelte ihn an der Schulter.

Unwillig öffnete er das linke Auge und sah den blonden Mann über sich prüfend an, ob er es wert wäre, dass er für ihn seine Wiedereinschlafpläne verwarf. Grummelnd warf er einen Blick auf das Frühstückstablett und drehte sich wieder zur Seite.

„Ich frühstücke _nie_!“, teilte er ihm nur mit und kuschelte sich fester in die Bettdecke. Der weiche, warme Bezug fühlte sich so gut auf seiner von der Kälte ausgetrockneten Haut an.

Noch immer nur das linke Auge geöffnet haltend, verrenkte sich Alain ein bisschen, um von seiner Position aus auf die Küchenuhr sehen zu können.

Neun Uhr!

Normalerweise schlief er um diese Zeit noch. Vor sich hin fluchend rappelte er sich dann doch etwas hoch und sah sich um.

Sein Blick fiel auf das Tablett mit Essen, dass Caspar auf dem Couchtisch abgestellt hatte.

„Hat Virginia die Tischdecke da gehäkelt?“, fragte er beiläufig, während er die Wände mit Blicken abtastete. Da er keinen Kalender fand, war er dann gezwungen Caspar nach dem Datum zu fragen.

„Der 23.12.“, antwortete ihm der Student und Alain stöhnte leise auf.

„Ich muss nachher noch mal weg!“, erklärte er dem Anderen. Sein Blick wanderte wieder zurück zu dem liebevoll hergerichteten Frühstückstablett.

/Du solltest dir abgewöhnen, so früh zu essen! Sonst hast du den Rest des Tages Hunger und kannst in der Nacht nicht arbeiten!/, hallten die Worte eines Kollegen durch seinen Kopf. Er hatte sich immer daran gehalten und daran gewöhnt: Essen erst nach verrichteter Arbeit!

„Ich hab nämlich noch einen Termin mit einem Kunden.“, plapperte er einfach weiter.

„Der ist vor einer Woche nach längerer Abwesenheit wieder in die Stadt gekommen und ist dann auch gleich zu mir gekommen, um mich um ein... Rendezvous zu bitten. Franklin ist Friseur! Er hat versprochen sich erst mal um meine Zotteln zu kümmern“, Alain zupfte leicht verlegen an einer verfilzten Haarsträhne. „Dafür kriegt er nen Rabatt!“, fügte er noch etwas leiser hinzu.

Dann stand er auf und schälte sich aus seiner Decke.

„Darf ich mal dein Bad benutzen? Ich hab’s zwar gestern schon ein bisschen durchwühlt, aber ich glaube, ich sollte der Höflichkeit wegen noch mal nachfragen!“

Er grinste Caspar an.

„By the way, wie geht's dir eigentlich? Ich hoffe mal ich hab dir die richtigen Tabletten gegeben! Ich hab mich dabei nämlich auf deine Beschriftungen verlassen. Also wenn ich dir jetzt irgendein blödes Potenzmittel oder Hustenbonbons gegeben habe, bist du selber schuld!“

Das Grinsen erstarb kurz darauf wieder.

„Hast du was dagegen, wenn ich... mir hier.. naja.. du weißt schon, das Zeug, das du mir gestern gegeben hast?“ Unsicher sah er dem Anderen in die Augen. Wie würde er wohl reagieren?

Alain wandte den Blick ab und sah zu Boden, wobei ihm erst auffiel, dass er weder Hose noch T-Shirt trug. Einen Moment wollte er schon Caspar zur Rede stellen, doch dann fiel ihm wieder ein, dass er sich in der Nacht dann selber noch ausgezogen hatte. So griff er einfach nach der Hose, das T-Shirt ließ er einfach liegen. Es war warm genug... eher etwas _zu_ warm.

Er ging los und drehte als erstes die Heizungen ein Stück runter. Dann wandte er sich wieder zu Caspar um, beobachtete ihn nur stumm an das Fensterbrett gelehnt und strich gedankenverloren über die Narbe.


„Mir geht es wieder gut, danke...“, flüsterte der Blonde leise und freute sich, dass Nathanael so gelassen war und weder Angst noch Misstrauen zeigte, – zumindest bis er auf seinen Kunden und dann auch noch die Drogen zu sprechen kam.

Mit gefrorenen Gesichtszügen wandte er sich ab, vergrub seine Finger fest in der Decke auf der Couch bis er sich einigermaßen beruhigt hatte und erwiderte dann leise knurrend: „Natürlich habe ich etwas dagegen!!! Aber du nimmst es ja sowieso, also mach schon...“

Tief atmete Caspar durch, ließ schließlich seine Finger aus dem Stoff gleiten, stand auf und sah dem Jüngeren fest in die Augen: „Hier kann ich wenigstens aufpassen, dass du nicht zu viele nimmst...“

Einen Moment lang ließ er seinen Blick über die gleichzeitig unsicher und entspannt wirkende Gestalt an seiner Heizung schweifen, kam dann langsam näher, blieb erst stehen, als er mit ausgestrecktem Arm die schwarzen Haare berühren konnte, mit dem restlichen Körper aber noch etwas mehr als einen halben Meter entfernt stand. „Und was deine ‚Zotteln’ angeht... Das mache ich! Du nimmst schon so viel weniger als du mit deinem“, er schluckte trocken, „Körper und... Talent... verlangen könntest. Außerdem musst du _mir_ nichts dafür zahlen – ich hoffe, du weißt das inzwischen... Ebenso wie dir meine Tür jederzeit offen steht, egal wann und wieso, und _ohne_ dass du etwas dafür tun musst, hast du verstanden?“ Er begegnete Nathanaels undefinierbarem Blick, der fragend hochgezogenen Augenbraue, wechselte errötend schnell wieder das Thema: „Jedenfalls... Ich bin zwar angehender Mediziner und kein Friseur, aber so etwas kriege ich auch noch hin... Ruf mich einfach, wenn du fertig bist... Ein frisches Handtuch findest du im Fach unter den Medikamenten und frische Unterwäsche-“

Caspar stockte, beobachtete wie die schlanken, nervösen Finger über die frische Narbe strichen, konnte sich nicht davon abhalten, ebenfalls zart über das verwachsene Gewebe zu streichen und – zuckte erschrocken zusammen, stolperte einen Schritt zurück, bevor er hastig seinen Satz beendete: „...bring ich dir dann noch rüber!“, und irgendetwas von seinem Kaffee murmelte, um regelrecht vor dem Kleineren in die Küche zu fliehen.

Heftig atmend ließ er sich auf einen der beiden Küchenstühle sinken, legte seine Stirn und die Handinnenflächen auf die kühle Tischplatte. „Scheiße, ich werd noch mal wahnsinnig wegen dir“, murmelte Caspar halb lachend, halb verzweifelt.

Aber wenn... Vivien Recht behalten sollte und er sich tatsächlich in den Kleineren verliebt hatte... – was war dann mit all seinen Beziehungen vor „Nathanael“? Selbst Samuel hatte ihn niemals derart aus der Fassung gebracht, sein Herz so hart schlagen lassen, dass er nicht mehr wusste, wer er eigentlich war...

Niemals hatten ihm solch kleine Gesten wie ein offenes Grinsen soviel bedeutet wie jetzt. Niemals hatte sich verfilztes Haar oder vernarbte Haut so unglaublich, so... _wunderschön_ angefühlt, ihm eine Gänsehaut über den Körper gejagt, die einfach nicht mehr schwinden wollte, einfach, weil sie zu _ihm_ gehörten...

Plötzlich blinzelte er, runzelte die Stirn. /Da war doch noch irgendetwas... bloß wa- SCHEISSE! DIE UNI!/

Erschrocken blickte er auf die Küchenuhr und sank seufzend wieder zusammen. Erst kurz nach neun. Also hatte er noch gut zwei Stunden bis er da sein musste, weil er donnerstags immer später aufstehen konnte, dafür aber länger als sonst in der Uni bleiben musste.

Seufzend trank er den mittlerweile nur noch lauwarmen Kaffee und ging dann in sein Schlafzimmer, um Wäsche für den Kleinen und sich herauszusuchen, überlegte dabei, was er mit Nathanael machen sollte, da seine Zweitschlüssel bei Jake waren.

Als der Schwarzhaarige ihn schließlich zu sich rief, ging er grübelnd ins Bad, reichte ihm ein Paar frischer Boxershorts, war immer noch in Gedanken, was allerdings wohl auch ganz gut so war, in Anbetracht der Tatsache, dass der Jüngere gerade so schön und vor allen Dingen _nackt_, wie Gott ihn schuf, vor ihm auf den kalten Fließen stand.

„Hör mal, ich muss dann auch noch weg zur Uni. Du weißt ja, ich bin Student. Ich weiß ja nicht wo du“, er räusperte sich mit brennenden Wangen, „_verabredet_ bist, aber wenn du willst, kann ich dich mit in die Innenstadt nehmen und wenn du... fertig bist, kommst du einfach zu mir. Die meisten Professoren haben normalerweise nichts dagegen, wenn mal ein Gast in ihren Vorlesungen sitzt... Notfalls erzählen wir denen einfach, dass du später Medizin studieren willst, dann fressen sie dir aus der Hand... Jedenfalls musst du dann nicht hierher laufen und vor der Tür warten bis ich komme. Ich hätte dir ja auch meinen Zweitschlüssel gegeben, aber den hat Jake...“ Blinzelnd sah er auf, als er bemerkte, dass er bisher mit seiner Zahnbürste geredet hatte, auf die er gerade etwas Zahnpaste gab, und setzte noch ein „In Ordnung?“ hinzu, bevor er begann, seine Zähne zu putzen und abwartend zu dem Kleineren hinunter sah.


Alain löste sich zögernd von der Heizung und machte sich in Richtung Bad auf. Er zog die Dose mit den Tabletten aus der Hosentasche, nahm eine heraus und biss ein Stückchen ab. Schließlich wollte er nicht völlig abwesend auf Caspars Teppich liegen...

Im Bad schlüpfte er schnell aus Jeans und T-Shirt, stellte sich unter die Dusche und ließ das Wasser heiß über seinen Körper rinnen. Es war schon eine ganze Weile her, dass er sich das letzte Mal warm gewaschen hatte.

Alain bedauerte es, die Dusche wieder verlassen zu müssen, raffte sich dann aber doch auf und kramte, den Boden volltropfend, nach einem Handtuch. Das dauerte bei ihm etwas länger, da er sich nicht zwischen dem dunkelroten und dem hellgrünen entscheiden konnte. Um den Konflikt zu umgehen, griff er sich dann doch ein dunkelblaues und trocknete sich ab.

Irgendwie fühlte er sich toll. Die Schmerzen des Entzuges waren verschwunden, ihm war warm und er würde heute bestimmt noch mal was zu Essen bekommen.

Er gab Caspar Bescheid und spülte sich den Mund noch mit einem selbst hergestellten Zahnpasta-Mundwasser aus, bis der Ältere auftauchte.

„Was soll ich denn in der Uni?“, fragte er verwirrt.

„Ich war nicht mal in der Schule, ich kann nicht schreiben und nur sehr, sehr schlecht lesen.“, gab er zu und hielt Caspar auffordernd einen Kamm hin.

Die Shorts, die dieser mitgebracht hatte, streifte er schnell über, stutzte und kicherte leise.

Der Stoff hing grad so noch auf seiner Hüfte und erfüllte seinen Zweck nicht ganz. Alain zog die Hose höher, aber sie rutschte sofort wieder zurück.

Er zuckte mit den Achseln, wackelte leicht mit der Hüfte, so dass der Stoff ganz zu Boden glitt und stieg dann einfach ohne Unterwäsche in seine Jeans.

„Franklin wollte mich bei dem Friseur neben dem Campus treffen, da arbeitet er nämlich. Da passt das doch ganz gut.

Aber ich glaube wirklich, dass das nicht so gut wäre, wenn ich da bei dir im Unterricht dabei bin. Denn der Professor wird sicher wütend, wenn er merkt, dass ich nichts von dem verstehe, was er erzählt, und am Ende lässt er das dann noch an dir aus, dass du solche Leute mit anschleppst... Nee, lass mal. Außerdem kann ich mich in meinen Klamotten da nicht sehen lassen und dein Zeug passt mir ja nicht, wie wir eben festgestellt haben.“

Alain überlegte eine Weile, zuckte dann abermals mit den Achseln und drehte sich weg, um sein T-Shirt wieder anzuziehen. Er würde sich schon irgendwie beschäftigen.

Etwas ungeduldig begann er dann mit dem Kamm zu wedeln und sah demonstrativ auf die Uhr. Wenn Caspar das unbedingt selber machen wollte, bitte, aber dann musste er das tun, bevor Alain zu Franklin ging, weil der nichts weniger ausstehen konnte, als strubbelige Haare. Und Alains Mähne war schon jenseits von allen Strubbeln.


Wieder rauschte ein warmer Schauer durch Caspar, als er sah wie ungewohnt entspannt Nathanael vor ihm stand.

Er nickte leicht, „Das habe ich mir schon gedacht...“, dann zuckte er auch schon mit den Schultern. „Solange wir uns irgendwie verständigen können ist das doch egal, oder? Und um etwas zu verstehen musst du nicht lesen und schreiben können, sondern nur ein bisschen Verstand haben und den traue ich dir durchaus zu... Na warte einfach mal Weihnachten ab – das Christkind hat mir versprochen, dir auch was mitzubringen“, lächelte er geheimnisvoll, nachdem er sich den Mund ausgespült hatte.

Als er jedoch sah, wie der Schwarzhaarige versuchte seine Shorts anzuziehen und sie dann mit gekonntem Hüftschwung wieder abschüttelte, wurde sein Mund ganz schnell äußerst trocken und er musste sich wirklich _zwingen_, um sich auf die schwarzen Augen zu konzentrieren, die ihn auch noch eindeutig provokativ anfunkelten –, oder bildete er sich das nur ein und er war einfach nur kurz davor die Beherrschung zu verlieren?

Jedenfalls seufzte er eindeutig enttäuscht als Nathanael absagte, nahm dann aber wortlos den Kamm, zog den Jüngeren aus dem Bad heraus in sein Schlafzimmer, weil er auf seinem Bett deutlich mehr Platz hatte und es auch viel bequemer war.

Das Erste, was er dann tat, war aber den Kamm wieder beiseite zu legen. Die schwarzen Haare glänzten zwar noch immer schön, waren aber wirklich dermaßen durcheinander, dass der Kamm einfach stecken bleiben würde und er wollte ihm ja nun auch keine Halbglatze verpassen indem er ihm mal eben ein paar tausend Haare ausriss.

Mit ein paar Griffen hatte er Nathanaels Kopf ein wenig nach vorne geneigt, dann kauerte er sich neben ihn und setzte vorsichtig mit seinen Fingern an, teilte das Haar geduldig in mehrere Zentimeter breite Strähnen, die dann nach und nach entwirrt wurden. Es war eine mühselige und langwierige Arbeit, da er irgendwie Hemmungen hatte dem Kleineren wehzutun, und deshalb lieber jedes Haar einzeln entwirrte, anstatt sie mit einem kräftigen Ruck voneinander zu trennen... Trotzdem genoss er es sehr, genoss das Gefühl des weichen Haares unter seinen Fingerkuppen, aber auch die samtige Haut des Nacken und des Halses, die er ab und zu zufällig berührte.

„Ist es dir etwa lieber stundenlang in der Kälte rum zu stehen? Die werden dich schon nicht auffressen! Da sind doch außer dem Prof bloß ein paar Studenten, die zumeist auch nicht soo gut betucht sind. Und wenn du neuerdings schüchtern wirst, kannst du dich gerne hinter mir verstecken – groß genug bin ich ja... Allerdings glaube ich, dass die Meisten deine Kleidung nur insofern stören wird, dass sie dich lieber _ganz_ ohne sie sehen wollen würden...“, erwiderte er grinsend, stockte dann jedoch schuldbewusst.

Caspar hatte diese Anzüglichkeit nur so vor sich hingesagt, wie er es von seinen Freunden eben auch gewohnt war, doch von denen musste ja auch keiner seinen Körper verkaufen und er wollte nicht, dass Nathanael ihn falsch verstand.

Ohne dass er recht wusste, was er tat, zog er den Kleineren schnell in seine Arme, seufzte erstaunt auf, schien der harte und zugleich anschmiegsam weiche Körper doch wie für seine Arme gemacht, vergrub sein Gesicht nahe dem rechten Ohr Nathanaels in dessen mittlerweile weitestgehend wieder in Ordnung gebrachtem Haar und flüsterte entschuldigend: „Tut mir Leid. Es war nicht _so_ gemeint, ja? Ich hab nur einfach nicht nachgedacht, bevor ich das gesagt habe...“

Schluckend atmete er den betäubend süßen Geruch des Jüngeren ein, in den sich nun noch der schwache Duft seines Duschgels mischte, streichelte selbstvergessen über den flachen Bauch, auch wenn ihn das T-Shirt eindeutig störte...

Andererseits hätte seine Entschuldigung wohl eher weniger glaubhaft geklungen, wenn er gleich darauf lüstern über seinen schwarzen Engel hergefallen wäre...


Alain schloss die Augen und konzentrierte sich nur auf die Finger, die sich sanft und vorsichtig durch seine Haare arbeiteten. Es war schön sich so entspannen zu können.

Wo waren nur seine Reflexe und Paranoia geblieben? Egal! Er vermisste sie nicht!

Eine Weile lag er einfach nur da und genoss die Berührungen des Älteren. Dann zwang er sich dennoch die Augen zu öffnen und auf die Uhr auf Caspars Nachttisch zu sehen.

Es war eine Digitaluhr. Mit denen hatte Alain noch Probleme, da er das Uhrenlesen auf dieselbe Art gelernt hatte wie das Entziffern von Buchstaben: nämlich indem er die Passanten am Bahnhof nach der Zeit gefragt hatte, die sich dann (meist genervt) umgedreht und auf die nächstbeste Bahnhofsuhr gezeigt hatten, um ihm die Uhrzeit provokativ langsam und deutlich vorzulesen. Nur leider hatten fast alle Bahnhöfe und U-Bahnstationen noch analoge Uhren, oft auch ohne Ziffern.

Aber er wollte sich auch nicht die Blöße geben, Caspar nach der Zeit zu fragen, nachdem er die Uhr schon so lange angestarrt hatte.

So musste er wohl oder übel anfangen die einzelnen Zahlen zu entziffern.

/Warum nehmen die da so komische, eckige Zahlen?/, fluchte er innerlich und konzentrierte sich weiter auf die grün leuchtende Anzeige.

1...0...? 10! und das Andere...

/Woher soll ich denn wissen, welcher der beiden Schnörkel eine Fünf sein soll und welcher eine Zwei?/. Aber falls es tatsächlich 10:52 heißen sollte hätte er jetzt wirklich ein Problem.

„Du, Caspar?“, er stupste den Mann hinter sich mit dem Ellebogen an.

„Ich weiß ja nicht, wie schnell _du_ läufst, aber ich glaube _ich_ müsste demnächst los... Wir treffen uns nämlich um 11 Uhr. Und jetzt ist es schon... ziemlich spät.

Ich glaube, da du die Haare jetzt schon entwirrt hast, werden wir nicht viel länger als... zwei Stunden brauchen. Wenn du mir sagst wo, kann ich ja mal bei deinem Unterricht vorbeischauen.“

Er löste sich von Caspar und glitt geschmeidig vom Bett und sah dann auffordernd zu ihm zurück. Er wollte sich schon umdrehen, als er noch mal stockte.

„Du hast nicht zufällig ein etwas engeres T-Shirt, das du mir mal borgen könntest? Ich komme mir da wirklich doof vor, in so schmutzigen, kaputten Sachen aufzutauchen. Ich weiß doch, dass die Uni eine Schule für ganz Tolle ist!“

Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die Finger angespannt in der gewohnten Erwartung gleich in einem Knoten hängen zu bleiben, doch nichts passierte. Er versuchte es noch ein paar Male und lächelte Caspar dann dankbar an.

„Ich sollte die Haare wohl wirklich nicht so lang tragen.“, meinte er leicht errötend.

„Jetzt hast du einen ganzen Vormittag deiner Freizeit an meiner Unfähigkeit meine Haare in Ordnung zu halten verloren. Das tut mir Leid! Ich versuch’s irgendwann wieder gut zu machen. Da ich ja, wie du inzwischen weißt, kein Geld habe, kann ich’s ja abarbeiten...“ Er überlegte einen Moment, sah den Anderen nicht an.

„Ich könnte zum Beispiel mal deine Wohnung durchputzen oder so was...“, meinte er, während er seine Schuhe suchte und hineinschlüpfte.

Er stockte wieder, spielte mit den ungewohnt lockeren Haarsträhnen, streifte die Schuhe noch einmal ab und kam ins Schlafzimmer zurück.

„Hast du nun ein T-Shirt? Ich mach’s auch nicht kaputt oder dreckig! Du kriegst es in ein paar Stunden zurück! Ich kann’s dir auch gewaschen zurückgeben, wenn dir das lieber ist.“ Alain legte den Kopf schief und sah Caspar bittend an.

/Irgendwie ist es schön mit jemandem reden zu können.../, dachte er.

/Vielleicht war es doch eine gute Idee, Virginias Einladung anzunehmen./

„Ich wollte dich übrigens nicht von deiner Mutter verjagen... Falls du ihr wegen mir abgesagt hast...“, er brach ab. Wieso nahm er sich nur so wichtig? Vielleicht hatte Caspar auch einfach keine Lust die Feiertage bei einer älteren Dame zu verbringen? Vielleicht wartete er einfach nur schon lange auf eine Gelegenheit, sich den Tag für eine Studentenfete frei zu räumen?


Caspar erwachte wie aus einem Traum. Er schluckte leicht, nickte dann aber, auch wenn der Andere dies nicht sehen konnte, und murmelte leise: „In Ordnung... Ich fahre dich, dann kommst du nicht zu spät zu... deiner Verabredung. Ich möchte nicht, dass du Ärger bekommst, weil ich nicht auf die Zeit geachtet habe...“

Bedauernd nahm er wahr, wie der weiche schlanke Körper seinen Armen genommen wurde, und schaffte es vermutlich nicht ganz die Sehnsucht aus seinem Blick zu bannen. Jedenfalls dauerte es eine ganze Weile bis er seiner Stimme wieder über den Weg traute, weshalb er den Jüngeren eine Weile lang reden ließ.

Als Nathanael sich jedoch schließlich in seinem Redefluss unterbrach, sah er ein, dass es Zeit wurde einmal wieder etwas zu sagen. „Doch, lass sie so – so sind sie wunderschön. Und ich habe es wirklich gern gemacht...“, erwiderte er also rau, ohne recht zu begreifen was er sagte. Als er es schließlich tat, wurde er leicht rot und fügte hastig hinzu: „Ich hab noch ein schwarzes Oberteil von einer Exfreundin. Eigentlich wollte ich es ihr wiedergeben, aber da sie es bevorzugt hat, nie wieder mit mir zu reden und ich vergessen habe, es wegzuschmeißen, dürfte es noch irgendwo in meinem Schrank rumliegen. Ich denke es dürfte dir passen und dass es eine Frauenklamotte ist, sieht man ganz bestimmt nicht... Heutzutage kann man Männlein von Weiblein ja sowieso oft nur noch unterscheiden, wenn sie nackt sind... Wenn du magst kannst du es behalten, ich kann eh nichts damit anfangen...“

Schnell stand er auf und wühlte in seinem Kleiderschrank, um nach kurzer Zeit das langärmelige, eng anliegende Oberteil hervor zu zaubern, das zwar eindeutig aus einer Kunstfaser hergestellt worden war, sich aber fast genauso wie feine Seide anfühlte.

/Oder seine Haut.../, bemerkte die Stimme in seinem Hinterkopf hämisch, bevor er sie zum Verstummen bringen konnte.

„Da“, sagte er nur rau und verschwand schnell in der Küche, während der Schwarzhaarige sich umzog.

Betont langsam nahm er den Plan von der Pinnwand, auf dem seine Vorlesungen und die dazugehörigen Säle angegeben waren, um Nathanael genügend Zeit zu geben. Dann drehte er sich um, ging zurück Richtung Schlafzimmer, aus dem der Kleinere gerade trat, und drückte ihm wortlos das Papier in die Hand.

Während der Kleinere ungeduldig an der Tür wartete, holte er noch schnell seinen Laptop und alle anderen Dinge, die er für die Uni brauchte, dann schob er den Schwarzäugigen auf den Flur hinaus, schloss schnell ab und verfrachtete den lebendigen Engel an seiner Seite auf den Beifahrersitz.

„Wo soll ich Sie absetzen, junger Herr?“, fragte er lächelnd, während er den Motor startete und anfuhr.

Er folgte den Anweisungen zu einem eigentlich einen sehr guten Eindruck machenden Friseursalon für die etwas bessere Mittelschicht. Caspar fragte sich, ob auch nur ein einziger der Kundschaft von der Päderastie seines Friseurs wusste, denn der Blonde konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Nathanaels Kunde ein gut aussehender Anfangzwanziger sein sollte, der gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen hatte.

Lautlos seufzend ließ er den Jüngeren aussteigen und erinnerte ihn an sein Versprechen, zur Uni zu kommen, dann winkte er noch einmal mit einem verzerrten Lächeln und fuhr wieder los, da er mangels Park- oder auch nur Standplatz in zweiter Reihe gehalten hatte und er im Rückspiegel bereits ein herannahendes Gefährt erkennen konnte. Krampfhaft versuchte er die Vorstellung in seinem Kopf zu verdrängen, die ihm vorgaukelte, dass er den Jungen gerade persönlich in die Höhle des Löwen chauffiert und ihn nun einfach zurückgelassen hatte – doch es wollte ihm einfach nicht gelingen...


Unsicher trat Alain vor dem Laden von einem Fuß auf den anderen. Hoffentlich war er nicht viel zu spät.

Zögernd trat er einen Schritt auf den Laden zu und sah durch die Scheibe. Franklin stand an der Kasse und schien das Geld zu zählen, das er bisher eingenommen hatte. Alain staunte nicht schlecht, als er mehrere größere Scheine entdeckte.

Sein Kunde sah auf und löste sich von seinem Platz. Mit dem „Mittagspause“-Schild kam er zur Tür und öffnete Alain. Mit einer einladenden Bewegung bat er ihn herein und folgte, nachdem er das Schild aufgehangen und mattschwarze Rollos runtergelassen hatte.

„Setz dich auf einen der Stühle und zieh dir schon mal das T-Shirt aus!“, wies der drahtige Mittvierziger Alain an.

„Schön, dass du dir die Haare wenigstens vorher gekämmt hast! Das erleichtert einiges! Deine Zotteln waren auch wirklich nicht zu ertragen gewesen.“

Alain blieb vor einem der Frisierstühle stehen und sah zu Franklin zurück.

„Können wir das heute nicht mal lassen? Ich finde meine Haare toll, so wie sie jetzt sind... außerdem brauch ich alles Geld! Ich bin mal wieder mit meinen Zahlungen im Rückstand.“

Er sah Franklin nicht ins Gesicht, zog sich nur unnötig langsam und aufreizend das T-Shirt über den Kopf.

Franklin musterte ihn eine Weile. Sein Blick verharrte eine Weile auf der noch unverheilten Wunde und wanderte höher zu Alains Haar.

„Los, setz dich hin! So gespalten und dreckig wie deine Zotteln wieder sind krieg ich eh keinen hoch... Sieh’s als Weihnachtsgeschenk!“

Der Friseur, der seine eigenen graumelierten Haare unter einer Schicht blutroter Farbe versteckt hatte, die von helleren Strähnen durchzogen war, drückte Alain auf den Sitz, zog seinen Kopf zurück, so dass er mit gestreckter Kehle vor ihm lag. Aus einem Reflex heraus zuckten Alains Hände an seinen Hals, um sich zu schützen, aber Franklin hielt seine Hände fest und fuhr mit der Zunge über die weiche Haut. Panisch versuchte sich Alain zurückzuziehen, als der Mann nun auch die Zähne einsetzte, konnte jedoch nicht ausweichen.

Sanft und bedrohlich schmiegte sich das schwarze Leder des Sitzes von allen Seiten um ihn.

Alain schlenderte betont locker über den Campus. Es bereitete ihm Schmerzen zu gehen, aber das ignorierte er geflissentlich und kümmerte sich viel mehr um die Frage, wie er Caspar jetzt finden sollte.

Immer wieder fuhr er mit der Hand durch sein Haar. Es war nicht viel kürzer, aber angestuft, so dass es viel lockerer in seinen Nacken fiel.

/Ich sollte sie öfters waschen!/, stellte er fest, schüttelte den Kopf, so dass seine Haare im eisigen Dezemberwind wehten und lachte leise.

/Vielleicht im Sommer.../

Er zog den Zettel aus der Tasche, den Caspar ihm gegeben hatte, und strich ihn glatt. Nachdenklich griff er wieder in die Tasche und zog auch noch den frisch gebügelten Geldschein heraus.

Seufzend blieb er stehen.

/Ich brauche noch Geschenke für Caspar und seine Mutter... Das heißt, dass ich nachher noch in die Stadt muss./ Aber als erstes ging er Caspar suchen.

Nachdem er durch einige Gänge geirrt war, fand er den richtigen Hörsaal.

Er atmete tief durch und betrat den Raum.

Der Professor sah auf und unterbrach sich kurz.

„'Tschuldigung!“, nuschelte Alain leise und setzte sich gleich hinten an der Tür auf den erstbesten freien Platz.

Eine Weile versuchte er angestrengt zu entziffern, was an der Tafel stand, gab es aber bald auf und hörte nur noch zu.

Unsicher warf er ab und zu einen Blick in die Runde, und stellte fest, dass alle außer ihm schrieben. Ab und zu streifte ihn ein Blick von anderen Studenten, meist fragende.

Plötzlich zuckte er zusammen. Ein Zettel, kariert und oft zusammengefaltet, traf ihn an der Nase.

Erschrocken blickte er sich um, aber keiner sah zu ihm... bis auf einen rothaarigen jungen Kerl neben Caspar, der ihm verschwörerisch zuzwinkerte.

Er entfaltete den Zettel ordentlich und entzifferte den Text.

'Hey Süßer! Schon vergeben?'

Alain hob wieder den Blick und sah in zwei erwartungsvoll auf ihn geheftete Augen. Er lächelte gezwungen freundlich und schüttelte leicht den Kopf.

Ihm war grad nicht nach einem weiteren Kunden, aber Geld abzulehnen konnte er sich nicht erlauben.

Endlich war die Vorlesung vorbei. Es war zwar interessant gewesen, aber irgendwie fühlte sich Alain so ganz allein in der letzten Reihe unwohl.

Gut... er war nicht wirklich allein, aber er kannte keinen der Männer, die neben ihm saßen.

Als der Professor schließlich seine Sachen zusammenpackte und einen der Studenten bat die Tafel abzuwischen, sprang Alain auf und verließ mit den Anderen den Raum. Neben der Tür lehnte er sich an die Wand und wartete auf Caspar.

Bevor Caspar auch nur in Sichtweite kam, trat der Rotschopf neben Alain und grinste ihn breit an. Alain lächelte zurück.

„Na, dass war aber mal ne originelle Anmache!“, kommentierte er mit sarkastischem Unterton. „Ich bin Cameron, und du?“

Nur mit halbem Ohr auf die Antwort achtend zog Alain wieder den Zettel von Caspar aus der Tasche, um zu gucken, wo sie als nächstes hin mussten, aber der Andere unterbrach ihn.

„Ich heiße René.“, stellte er sich vor und rückte noch enger zu dem Jungen. Alain löste sich erleichtert von der Wand, als Caspar auf ihn zu kam.

„Du hast nicht zufällig einen Zettel für mich?“ Alain sprach so leise, dass nur Caspar ihn hören konnte.

„Die schreiben nämlich alle irgendwas mit... ich komm mir da so komisch vor. Ich hab ja gar nichts dabei und so...“

Alain drehte sich wieder weg und beugte sich zu Renés Ohr.

„Für 20 Dollar verschwinde ich mit dir ne halbe Stunde auf der Toilette.“, hauchte er. René sah nicht so aus, als würde er am Hungertuch nagen...


Der Blonde nickte und angelte nach dem linierten seiner beiden Schreibblöcke sowie einem schwarzen Kugelschreiber. „Klar kannst d-“, Caspar hielt inne, während sich Nathanael wieder zu ihm drehte.

Hatte er das gerade richtig verstanden? Der Kleine fing gerade an, hier an _seiner_ Uni, vor _seinen_ Augen seinen nächsten Kunden aufzureißen??

Wütend drückte er dem Schwarzhaarigen das Gewünschte in die Hand und mit den Worten „Da! Du kannst ja später nachkommen, wenn du _fertig_ bist!!“ rauschte er zornig zum Saal seiner nächsten Vorlesung.

Gereizt ließ er seinen Rucksack zu Boden fallen und trat einmal _völlig unauffällig_ gegen die Verkleidung des Tisches, die normalerweise alles, was die Studenten _unterhalb_ des Tisches taten, vor den Professoren verbarg. Im Moment zog sie jedoch im Gegenteil noch die Aufmerksamkeit des Profs mit einem dumpfen Laut auf sich, so dass Caspar einen mahnenden Blick auffing.

Aufgebracht ließ er sich auf seinen Stuhl sinken, legte die Wange auf den rechten Unterarm, während er auf die Uhr an seinem linken Handgelenk blickte und sehnsüchtig darauf wartete, dass die Vorlesung begann. Nicht, dass sie ihn von dem schwarzäugigen Engel hätte ablenken können, der in letzter Zeit ununterbrochen durch seinen Kopf geisterte und sich, dem beständigen Flattern in seinem Magen nach, auch nicht selten in seinen Bauch verirrte...

Traurig seufzend malte er Muster auf die schon ziemlich abgenutzte Tischplatte. Es war schon schwer genug gewesen, sich heute zu konzentrieren und die Tatsache zu verdrängen, dass der Jüngere genau in diesem Augenblick „sein Geld verdiente“. Aber selbst einmal davon abgesehen, dass der Andere das nicht wissen konnte, schien er auch nichts weiter von einem schlechten Gewissen oder dergleichen zu halten...

/Schlechtes Gewissen? Weshalb? Ihr seid nicht zusammen – außer in deinen Wunschträumen vielleicht – schon vergessen? Er ist dir rein _gar nichts_ schuldig!/, erinnerte ihn eine hämische Stimme.

Das Schlimmste aber war, dass er mit Nathans nächstem Kunden sogar locker befreundet war und nicht nur das – nein, sie waren natürlich auch schon zusammen im Bett gewesen (schließlich musste die Schwulen-und-Bi-Fraktion der Uni doch „zusammenhalten“). Zumindest in dieser Hinsicht konnte Caspar damit zwar wenigstens beruhigt sein, weil er wusste, dass René eindeutig „auf die Feder statt auf’s Leder“ stand und ohnehin meistens _unten_ war, aber wie zum Teufel sollte er ihm denn von nun an noch ins Gesicht sehen? Einmal ganz abgesehen von der unleugbaren Tatsache, dass _er_ ja schließlich auch schon mit Nathanael geschlafen hatte... oder wie immer man den körperlichen – wenn auch zugegebenermaßen äußerst angenehmen - Überfall des Jüngeren auf ihn nennen wollte...

„Ach scheiße...“, fluchte er unglücklich.

Noch eine Minute, dann würde die Vorlesung beginnen – und natürlich waren weder René noch Nathanael anwesend...

Er wusste nicht recht, was in ihn fuhr, aber plötzlich sprang er auf, griff nach seinen ohnehin noch nicht ausgepackten Sachen und stürmte mit gesenktem Blick an dem sicher äußerst dumm aus der Wäsche schauenden Professor vorbei, der ihm sogar noch besorgt nachrief, ob er sich nicht wohl fühle.

/Ob ich mich nicht wohl fühle? Nein, Herr Professor, zu meinem Bedauern muss ich Ihnen gestehen, dass ich mich _ganz und gar nicht_ wohl fühle!!!/, dachte er schnaubend und ging in die Cafeteria, wo er „irgendwas Trinkbares“ bestellte und sich dann mit seinem – wie er nach einem Blick in die Plastikflasche feststellte – Joghurtdrink in eines der hinteren Eckchen des Speiseraumes verzog.

Das Getränk ließ er unangetastet, obwohl das Essen und Trinken -ganz im Gegensatz zu der Schulkost seiner High School etwa- durchaus zu genießen war, drehte nur die Flasche in seinen Händen und wusste nichts mit sich anzufangen. Er starrte einfach nur in das blassgelbe Getränk hinein, dachte nichts und erreichte langsam aber sicher einen Zustand absoluter Leere, für den ihn jeder Meditierende beneidet hätte. Und Caspar musste zugeben, dass diese gepriesene Leere in ihm durchaus einen Vorteil hatte, denn endlich hörte er auf, ständig an... Wie-hieß-er-doch-gleich zu denken und begann sich stattdessen den Kopf über die überaus wichtige Frage zu zerbrechen, ob die armen rechtsdrehenden Milchsäurebakterien möglicherweise einen Kollaps bekamen, wenn er sie ständig in die entgegen gesetzte Richtung drehte...


Alain sah Caspar verdutzt hinterher. Was war das denn eben? Caspar war doch nicht etwa eifersüchtig, oder?

Verwirrt den Kopf schüttelnd wandte er sich wieder zu René um und wartete auf die Antwort.

Der kramte gerade seinen Stundenplan heraus, wohl um zu sehen, ob er seine nächste Vorlesung unbedingt brauchte, oder ob er die nicht einfach mal ausfallen lassen konnte.

Mit einem Grinsen und einem schnellen Blick über die Schulter machte er sich dann auf den Weg in Richtung Toilette und bedeutete Alain, ihm zu folgen.

In der Toilette drängte René ihn an eine Wand und küsste ihn sanft, ließ seine Finger unter Alains T-Shirt gleiten.

Er stockte, als er die Unebenheiten in der Haut spürte. Verwundert, hastig strich er Alains Shirt hoch, berührte mit erschrockenem Blick den noch recht frischen Schnitt auf der Brust des jungen Strichers. Die... Arbeit hatte der Naht nicht besonders gut getan, doch sie hatte gehalten.

René ließ den Stoff wieder los, der geschmeidig über Alains Haut glitt und dessen Körper wieder verbarg.

„Nee, Cam, ich glaub nicht, dass das, was wir vorhatten, besonders gut für dich ist!“, sagte er leise und küsste Alain trotzdem noch mal. „Aber du bist süß! Krieg ich deine Handynummer? Wir können das ja mal später nachholen, wenn es dir besser geht!“

Alain sah den Anderen verblüfft an. Was interessierte es den, wie es ihm ging, aber er war schon dankbar, dass René ablehnte.

„Ich hab kein Handy. Aber nach Weihnachten findest du mich jeden Abend in der 7th Avenue...“, nuschelte er fast unhörbar, lächelte den Rotschopf kurz -und schauspielerisch gesehen perfekt- dankbar an, ehe er die Örtlichkeiten hastig verließ.

Er rannte durch die Gänge, bis er den entsprechenden Hörsaal gefunden hatte, streckte den Kopf durch die Tür und stellte auf einen Blick fest, dass Caspars Blondschopf fehlte.

Leise sprach er den jungen Mann in der letzten Reihe an, der auch vorhin schon neben Alain gesessen hatte, und fragte ihn nach „seinem“ Studenten. Der erklärte ihm nur unwirsch, da Alain ihn ablenkte, dass der den Raum schon zu Beginn der Stunde verlassen hatte.

Seine guten Manieren mal zum Einsatz bringend bedankte und entschuldigte sich der Junge und verließ den Saal wieder.

Etwas ratlos schlenderte er nun durch den Gang, hörte noch, wie René wohl den Hörsaal betrat und schlenderte einfach mal in die entgegen gesetzte Richtung.

„C... afe..teria...“, stotterte er die Aufschrift an einer der Türen zusammen und beschloss es dort mal zu versuchen.

Und er hatte Glück: Über einem Joghurtdrink meditierend saß an einem der Tische ein recht abwesend wirkender Caspar.

Alain setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber und sah den Anderen einen Moment an, ehe er ihn auf sich aufmerksam machte.

„Wieso bist du nicht in deinem Unterricht?“, fragte er in Smalltalk-Laune.

Er legte den Kopf schief und sah den Anderen zweifelnd an.

„Du bist doch nicht etwa eifersüchtig auf Franklin und René? Wenn, hast du ne echt blöde Art das rüber zu bringen!

Und du bist schlimmer als jeder Klischee-Ehemann. Meine neue Frisur scheint dich nämlich irgendwie auch überhaupt nicht zu interessieren... das wird nie was mit uns beiden!“, scherzte er einfach drauf los und bettete seinen Kopf auf seine verschränkten Hände auf der Tischplatte, so dass er den Anderen jetzt von unten her durch Anstarren nervös zu machen versuchte.

Als ihm bewusst wurde, wie kindisch er sich grad aufführte, setzte er sich aufrecht hin und blickte Caspar wieder durch seine starre Maske des Ernstes und der Unnahbarkeit an.

„Komm! Wir sind nicht verheiratet. Nicht mal zusammen. Jetzt führ dich nicht auf wie ein bockiges Kleinkind und hör auf zu schmollen!“

Er spielte mit einer der bis unters Kinn reichenden Haarsträhnen.

„Gehst du heute noch mal zu einer Vorlesung oder war’s das bis nach den Ferien? Ich jedenfalls geh jetzt in die Stadt was einkaufen. Ich glaub deine Vorlesungen bringen mir nichts, solange ich nicht schreiben kann... Medizin hilft mir eher noch weniger durchs Leben. Vor allem, wenn der von Zellen erzählt, und ich nehme jetzt einfach mal an, dass er nicht _die_ Art von Zellen meinte, die ich mal testsitzen durfte.

Wenn du nichts mehr vorhast, könnten wir ja zusammen gehen.

Es sei denn, du findest das Studium der Inhalts- und Geschmacksstoffe deiner Chemiemilchpampe da interessanter.“

Innerlich schlug er sich selbst vor den Kopf, die Maske jedoch jegliche Gefühlsregungen verbergen lassend: /Wieso fang ich schon wieder mit diesen blöden Sprüchen an?/


Caspar erschrak leicht als Nathanael plötzlich neben ihm auftauchte, hörte wie apathisch zu und wich gleichzeitig dem Blick des Jüngeren gekonnt aus.

„Weil ich sowieso nichts mitkriegen würde - _deswegen_!“, antwortete er mit zitternden Lippen. „Und was deine Haare angeht – die sind mir völlig gleichgültig. Sie gehören ja sowieso nur einem Stricher, der ein paar Tage lang bei mir wohnt und dann auf nimmer Wiedersehen verschwinden wird, ohne sich auch nur nach mir umzudrehen.

Seien wir ehrlich: Ich bin dir völlig egal. Aber weißt du... ich möchte zwar nicht wie ein Spießer klingen, doch dafür, dass du bei mir übernachtest, könntest du immerhin so freundlich sein und es mir wenigstens nicht immer unter die Nase reiben...“

Bitter starrte er in seinen Joghurtdrink. „Geh ruhig einkaufen, ich trinke lieber meine „Chemiemilchpampe“ zu Ende... Bei der laufe ich immerhin nicht Gefahr verrückt zu werden vor Eifersucht... Aber was rede ich da... was verstehst _du_ schon von Eifersucht oder...“, endlich blickte er auf, fand für einen kurzen Augenblick lang den Mut für das, wonach er sich die ganze Zeit verzehrte, und so beugte er sich über den Tisch zu Nathanael, küsste ihn sanft und flüchtig auf die Lippen, ehe er leise hinzufügte: „...oder Liebe...“

Dann stand er trotz seiner Worte doch auf und ging Richtung Tür, blieb noch einmal kurz stehen, ohne sich umzudrehen, während Nathanael noch immer wie angewurzelt dasitzen musste. „Ich gehe nach Hause – da kann ich mich selbst bemitleiden und dir dann die Tür aufmachen, wenn du kommst...“, erklärte er, fast nur flüsternd, und verließ eilig, aber nicht überhastet die Cafeteria, schließlich das Universitätsgebäude und wanderte dann langsam über den recht verlassenen Campus, bis er ganz plötzlich stehen blieb und sich nach dem Haupteingang umdrehte.

Wieso hoffte er nur so sehr, dass Nathanael ihm folgen und ihm das Gegenteil all seiner düsteren Vermutungen beteuern würde, wenn er doch genau wusste, dass es nie geschehen würde?

War das wirklich Liebe?

Schließlich hatte er ganz zweifellos auch Samuel geliebt, doch bei ihm hatte es sich so vollkommen anders angefühlt als jetzt... Vielleicht nicht ganz so intensiv, aber auch bedeutend weniger schmerzhaft...

„Ob ich dich wohl irgendwann vergessen kann, wenn du nicht mehr bei mir bist?“, fragte er leise, obwohl der junge Schwarzhaarige es ja nicht hören konnte. „Und will ich das denn überhaupt?“


Alain starrte dem Anderen verblüfft hinterher. Er gestand sich selbst nicht ein, wie sehr ihn die Worte des Studenten getroffen hatten.

„Bin ich ein schlechter Mensch, nur weil ich nicht weiß, was Liebe ist?“, sprach er erst leise in den Raum. Dann hob er seine Stimme: „Ich tu das auch nicht, weil mir das besonders Spaß macht! Ich tu das, um zu überleben, du Idiot!“

Alain ließ sich auf einen Stuhl sinken und stützte den Kopf auf die Hände.

„Ich dachte, wir könnten Freunde werden..., aber das war wohl zu viel verlangt!“

Trotzig fasste er für sich einen Beschluss: Er würde nicht zu Caspar zurückgehen. Und er würde Weihnachten auch nicht bei dessen Mutter verbringen.

„Dann feier doch mit deiner Milchpampe!“, schrie er den schlechten Van Gogh Kunstdruck an. Er hatte es nicht nötig, sich die Tatsache, dass er dem Anderen irgendwas schuldig war, dafür, dass er bei ihm wohnen durfte, immer wieder aufs Brot schmieren zu lassen.

Auch wenn der Andere jetzt noch glaubte ihn zu lieben, irgendwann würde die Einsicht folgen, und dann _würde_ er einfordern, was ihm zustand.

/Ich hätte ihn nie so nah an mich ran lassen dürfen./

Als er den Kopf hob und aufstand, war er wieder völlig hinter der Maske des leicht unterkühlten Strichers verborgen. Und er würde sie nicht wieder ablegen.

Mit blau gefrorenen Lippen und Fingern kletterte er über die alte, kaputte Küchenzeile ins Innere seiner „Wohnung“, entschlossen jetzt ein Bad zu nehmen und sich dann mit einem guten Buch die Zeit bis zur Arbeit zu vertreiben. Aber als er dann frierend vor der schon wieder zugefrorenen Wanne stand, verging ihm die Badelust.

Eine Weile stand er nur da und betrachtete sein Spiegelbild im Eis. Als er Franklins Salon verlassen hatte war er vor Stolz auf die schöne Frisur fast geplatzt, jetzt wandte er sich angewidert ab.

/Er hat Recht: Egal wie schön Frank meine Haare herrichtet, sie werden immer ein Teil des wertlosen Strichers bleiben. Warum habe ich mir von dem Kerl einreden lassen, ich wäre mehr wert, als ich an Lohn verlange... ich bin es nicht!/

Langsam drehte er sich um, kroch in seiner Höhle, in der immer Dunkelheit oder Dämmerung herrschte, und warf sich auf seine Matratze, die Feder einfach ignorierend, die sich durch den dünn gewetzten Stoff in seinen Rücken grub. Die Kerzen lagen unangerührt in ihrer Ecke.

Wie lange er einfach nur stumm in einer Ecke lag und die Wand anstarrte wusste er nicht. Plötzlich richtete er sich auf, griff sich ein Messer und verließ schnell den Schutz seiner Höhle.

Auf dem Eis vor der Wanne rutschte er aus und fiel auf die Knie, blieb vor dem Metallbottich hocken.

Wild entschlossen griff er das Messer fester. Tränen tropften auf die Wasseroberfläche, wo sie, wie der Rest der Flüssigkeit, erstarrten. Schnell, so dass er keine Zeit hatte sich das genauer zu überlegen, hob er die Klinge. Er wusste, wenn er nicht schnell handelte, würde er es wieder nicht tun.

Hastig hob er das Messer in seinen Nacken, packte die Haare, die locker über seinen Rücken fielen, und schnitt sie ab.

Zweimal tief durchatmend sah er auf das dicke Büschel der langen, nachtschwarzen Haare hinab. Dann machte er sich auf die Suche.

Eine Weile trat er unschlüssig auf der Stelle, die Hand kurz vor Caspars Klingel schweben lassend. Zögernd drückte er eine Klingel, allerdings die neben der von Caspar.

„Craws?“, erklang die Stimme einer Frau unbestimmbaren Alters in der Gegensprechanlage.

„Entschuldigen Sie, aber ich muss zu Mr. Blackwell, hab aber meine Schlüssel zu Hause liegen lassen...“

Die Frau schaltete die Sprechanlage wortlos ab.

Alain wollte schon wieder enttäuscht weggehen, als das leise Summen des Türöffners erklang.

Hastig rannte er die Stufen zu Caspars Wohnung hoch, so dass sein Hemd hinter ihm herflatterte.

Überhastet ließ er sein Gepäck fallen und stapfte dann langsam die schönen Holzstufen wieder herunter, die Wärme des Treppenhauses genießend. Zögernd sah Alain noch einmal zu der geschlossenen Tür zurück.

Da lag sein Päckchen auf Caspars Schwelle: Das T-Shirt von Caspars Freundin, die Jacke von Virginia, die Dose Pillen und ein Bund Haare, zusammengehalten von einem Stück Absperrband. Daneben hatte er einen Zettel gelegt.

Es hatte Alain fast eine Stunde gekostet, den Brief auf das aus einem seiner Groschenromane gerissenen Papier zu schreiben, wobei er mühsam die Worte und Buchstaben abgemalt hatte:

„Stimt, ich weis nicht was liebe ist! Aber was ich weis reicht um zu überleben! Ich kome alleine zurecht! Kom nie wider zu mir nach hause!!

Grüs deine mum und sag es tut mir leit!

der kleine stricher“

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