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Quartett

Teil 73 - Durchbruch

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79. Durchbruch

Dass selbst die Schattenjäger von der unglaublich mächtigen Präsenz der Chefin des Club of Rome beeindruckt, wenn nicht sogar eingeschüchtert waren, zeigte schon, dass sie eine gewisse Autorität ausstrahlte, auch wenn sie keine besonderen Fähigkeiten besaß, wie alle anderen Anwesenden. Emil und Paul wagten nicht einmal die kleinste Bewegung, während sie wie ein Reh im Scheinwerferlicht auf die Vorsitzende blickten. Lediglich als FX sie der Reihe nach vorstellte, konnten sie sich ein kurzes Nicken abringen. Mehr Bewegung trauten sie sich in der jetzigen Situation nicht.

Es war unnötig zu erwähnen, dass FX sich von der Chefin einen gehörigen Tadel einhandelte. Allerdings folgte noch im selben Halbsatz ebenfalls größte Anerkennung, weshalb der Tadel schnell wieder vergessen war. Das Lob galt zunächst einmal FX selber, dass er die Ausbildung seiner drei Freunde so zielstrebig und erfolgreich parallel zum Studium vorangetrieben hatte. Und natürlich auch für die erfolgreiche Realisierung des ersten Kontakts mit den Schattenjägern. Denr Gegenbesuch, der hier gerade stattfand, würdigte die Chefin sogar ausdrücklich, zumal die Temporalen Fänger ja im Gegensatz zu den Schattenjägern gar keine wirkliche Zentrale hatten, die es zu präsentieren gab.

Alles in allem war FX erleichtert, dass er diesen Schritt gewagt und nicht all zu sehr dafür gerüffelt wurde. Unterm Strich war die Chefin bisher sehr zufrieden mit den positiven Ergebnissen seiner doch sehr eigenmächtigen Entscheidung. Es hätte weitaus schlimmer kommen können, wenn er sich an die Vergangenheit erinnerte. Wobei es im Laufe der Jahre nicht immer die gleiche Chefin war, die ihn mehr oder weniger stark tadelte. Es war ihm letzten Endes egal, da sowohl er selbst als auch alle anderen wussten, dass er der Beste der Zweiundvierzig war. Und dennoch ärgerte ihn jeder Tadel, den er sich einfing.

Nachdem die Chefin mit FX fertig war, wandte sie sich an Ben. Ihre herausragende Stellung ignorierend, stand Ben nach wie vor auf seinem Skateboard, auch wenn er es peinlichst vermied, auch nur einen einzigen Millimeter damit hin oder her zu rollen. Er stand dort unbeweglich, als hätte er eine Handbremse an seinem Board gezogen.

Bereitwillig erklärte er in seinen eigenwilligen Worten seine Theorie, wie sich Nils vermutlich unabsichtlich Zugang zum Weiß der Universellen Vermittlung beschafft hatte und was die allgemeinen Voraussetzungen für solch einen Clipping-Fehler sein könnten. Präzise betonte er, dass es sich nur um eine Theorie handelte und dass er das alles nur aus Computerspielen kannte.

Aber die Chefin wischte seine Einschränkungen mit einer schnellen Geste beiseite und unterbrach ihn an dieser Stelle zum ersten Male unwirsch.

“Danke für Deine Ausführungen. Mach Dir über den Rest keine Sorgen, das ist unsere Aufgabe und wir haben diesen Teil bereits erfolgreich überprüft. Ich gratuliere, Du hattest Recht, Ben. Deine Theorie hat sich in der Realität bestätigt. Die Zweiundvierzig konnten Spuren eines Clipping-Phänomens in der Raumzeit feststellen, die zum Einbruch in die Universelle Vermittlung passen.”

Und in diesem Augenblick brannten bei Ben alle Sicherungen des guten Benehmens durch. Er jauchzte kurz, ging in die Knie, sprang dann sogleich hoch und nahm in diesem Schwung das Skateboard gleich mit und vollführte einen perfekten Ollie.

“Ups, tschuldigung.”

Etwas verlegen blickte Ben auf seine eigenen Füße, konnte sich ein breites Grinsen aber dennoch nicht verkneifen. Das Funkeln seiner Zahnspange sah man selbst im Halbdunkel des Geisterbahnhofs in der DDR.

“Der Club of Rome hat folgendes beschlossen und hiermit verkündet: Der Eindringling möge extrahiert und dem zuständigen Gremium überstellt werden. Die Protokollebene wird sodann auf eins reduziert. Ein weiteres Vorgehen gegen Clipping-Fehler ist obsolet.”

Die Chefin verschwand.

Ein Zug fuhr durch.

Es herrschte Stille.

„Diggi, die Tante is aber sehr sachlich, kann das sein?”

„Ben, entschuldige, aber die Tante, wie Du sie nennst, ist die mächtigste Person in der Raumzeit. Sie ist Oberhaupt über die Zweiundvierzig.”

“Jo, Eggsy, aber Ihr seid doch viel mächtiger als die Tante, oder? Diggi, ich mein, sie ist doch auch nur ein Mensch, oder? Ihr habt doch die Kraft und besondere Fähigkeiten.”

“Oh Mann, wer hat Dich eigentlich ausgebildet?” Eggsy konnte sich einen vorwurfsvollen Blick in Richtung von FX nicht verkneifen, der sich nahezu zeitgleich mit dem Verschwinden der Chefin im Schneidersitz auf den Boden begeben hatte. “Wir, die Zweiundvierzig, sind lediglich der Kontinuität der Raumzeit verpflichtet. Mehr nicht. Es ist uns nicht erlaubt, unsere Fähigkeiten anderweitig zu verwenden. Der Club of Rome hingegen ist weisungsbefugt uns gegenüber, ob es uns passt oder nicht. Allerdings”, sein Blick wanderte zu FX, “halten sich nicht immer alle an diese Hierarchie.”

“Diggi, das is aber ne beschissene Position, oder?”

“Es steht einem jeden von uns frei, sich wann immer es ihm beliebt, aus den Zweiundvierzig zu verabschieden. Zu meinen Lebzeiten ist das allerdings noch nie passiert.”

“Diesbezüglich scheint es bei uns ähnlich zu sein.”

Es war das erste Mal, dass sich einer der beiden Schattenjäger zu Wort meldete. Emils tonlose Stimme hallte in der leeren U-Bahn-Station, was sie noch unheimlicher als sonst erscheinen ließ. Sein weißes glattes schulterlanges Haar glitzerte fast in dem spärlichen Licht, als er mit minimalen Bewegungen fortfuhr zu sprechen.

“Die Schattenjäger sind zahlenmäßig nicht limitiert, aber nur wer mindestens einen Schattenjäger als Elternteil hatte, kann überhaupt einer von uns werden. An seinem zwölften Geburtstag entscheidet sich, ob er dazu berufen ist oder nicht. An diesem Tag wird ihm zum ersten Mal im Leben eine Rune appliziert, die der Schattenjäger.“ Beiläufig lupfte er sein T-Shirt und zeigte auf eine große Rune auf seiner linken Brust, die einem Stierkopf ähnelte. „Und genau wie bei Euch auch, hat ein Schattenjäger das Recht, sich entrunen zu lassen, also die Rune wieder zu löschen, was ein endgültiger Vorgang ist. Oder es wird ihm als Strafe für ein Vergehen auferlegt. Letzteres passiert sehr selten, ersteres quasi nie.”

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