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Quartett

Teil 6

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Inhaltsverzeichnis

11. Weiss

„Würde mir bitte jemand mit Michel helfen? Unser Mister Muckies ist ganz schön schwer”, forderte Henne trotz der kritischen Situation ruhig aber bestimmend und meinte damit eigentlich FX, der dem Anschein nach vorne nur unnütz herumstand.

„Tschuldige, geht gerade schlecht”, kam es lediglich zurück. Dann drehte er sich etwas und gab Henne einen freien Blick auf seinen aufgespießten Arm.

„Scheiße.”

Es war mehr ein atemloses flüstern. Mehr brachte er nicht zustande. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Henne die metallene Spitze an, die aus dem Gips herausragte. Sie schien ihn fast hämisch anzugrinsen und zu zwinkern. Jedes Mal, wenn ein Blutstropfen über sie hinweg rann, hatte er das Gefühl, als wenn diese Fratze ihm zuzwinkerte, um ihm klar zu machen, dass er seinen Freund hier nicht wieder loslassen würde und FX hier an der Wand festgenagelt bleiben würde, bis er verblutet war.

Henne schüttelte den Kopf und damit das Bild aus seinem Gehirn. Mit einem Schlucken unterdrückte er ein aufkommendes Würgegefühl und war erleichtert, dass er anscheinend noch Herr seiner Sinne und Körperfunktionen war, das ja nicht auf alle seine Begleiter hier zutraf.

Auf dem Boden hatte sich mittlerweile eine Pfütze aus Blut gebildet, die von dem stetigen Rinnsal aus der Wunde genährt wurde. Wie viel mochte es sein? Ein halber Liter vielleicht. Beim Blutspenden zapft man ja auch so viel ab. Das ist also noch nicht kritisch. Wobei … Als Schwuler darf man ja gar kein Blut spenden! Wieder schüttelte Henne den Kopf. Wieso drifteten seine Gedanken denn jetzt so sehr ab? Er hatte hier einen Freund der verblutete, einen anderen, der Ohnmächtig ist und der dritte hat sich gerade die Seele aus dem Leib gekotzt. Er konzentrierte sich und überlegte kurz was zu tun war.

Er musterte FX und sah ihm schließlich direkt ins Gesicht. Erleichtert stelle er fest, dass dieser entgegen seiner Befürchtung noch nicht leichenblass um die Nase war.

Ein erneutes Würgen und Röcheln lenkten die Freunde ab und beide sahen hinüber zu Ben. Ganz elendig kniete er am Boden, zitterte am ganzen Körper und zuckte vor Magenkrämpfen. Ganz offensichtlich gab es in seinem Körper aber keinen Tropfen mehr, den er hätte hochwürgen können. Die grünliche Pfütze seiner ungewollten Körperreaktion entfaltete langsam einen beißend sauren Gestank. Geistesgegenwärtig jedoch schob Henne reflexartig mit dem Fuß einen Häufchen Erde drauf, so dass der Gestank schnell erstarb und wieder dem muffig feuchten Kellergeruch wich.

Mit weit aufgerissenen Kulleraugen, die ihn erschöpft aus einem leichenblassen Gesicht anstarrten, schaute Ben zu Henne hoch. Das geflüsterte ‚Danke‘ konnte dieser nur erahnen. Beim Versuch aufzustehen benötigte er umgehend Hilfe, so zitterig und unsicher wie er noch war.

Allen, aber ganz besonders Ben war klar: Hätte FX seinen Arm nicht dorthin gehalten, würde diese Lanze nun in seinem Kopf stecken. Kaum hatte sich dieser Gedanke in seinem Kopf materialisiert, sackten seine Knie auch schon wieder zusammen. Diesmal war Henne jedoch zur Stelle und hielt ihn fest.

„Jetzt reiß dich bitte zusammen, wir haben hier ein kleines Problemchen.“ Und deutete auf FX. „Kann ich Dich loslassen? Bitte nicht umfallen. Da unten ist … Na, Du weißt schon, war ja deins.“ Ein breites Grinsen für einen kurzen Augenblick konnte sich Henne trotz der ernsten Situation nicht verkneifen.

Nach einem kurzen Nicken von Ben wurde dieser vorsichtig an der Wand geparkt und aus dem sichernden Griff entlassen. Viel Platz zum Umfallen war in diesem engen Gang ohnehin nicht.

„Wie geht's Dir?” Henne wandte sich wieder FX zu und versuchte das klassische Erste-Hilfe-Programm abzuspielen. Nach dem Puls tastend, bemerkte er die unzähligen kleinen Schweißperlen auf der Stirn seines Gegenübers, die fast wie Morgentau in der Sonne glitzerten.

Jedoch wurde er von FX empört zurechtgewiesen: „Ich bin hier aufgespießt. Wie soll es mir da gehen? Versuch mich loszubekommen! Wir sollten hier verschwinden. Wer weiß, was es hier noch für unliebsame Überraschungen gibt!”

„Nein, das geht nicht”, wandte Henne vehement ein. „Wenn wir deinen Arm vom Spieß abziehen, dann verblutest du. Es läuft doch jetzt schon aus deinem Gips raus wie bei einem Wasserrohrbruch!” Dabei wies er gleichzeitig auf den immer größer werdenden Blutstrom.

„SOFORT!”, entgegnete FX energisch, um dann etwas versöhnlicher hinzuzufügen: „Vertrau mir. Ich weiß, was ich tue. Ich schaffe es nur nicht allein. Das Ding sitzt fest. Es hat Widerhaken oder ist sonst wie verkeilt.”

Henne war zusammengezuckt, als er von FX so harsch angezählt wurde. Zwar kannten sie sich noch nicht so lange, dennoch hatte er ihn immer als einen ruhigen und überlegten Menschen kennengelernt. Daher war Henne überrascht, seinen Freund in einen derart bestimmenden Tonfall zu hören.

Vielleicht lag es aber auch an dem Adrenalin, welches in großzügigen Portionen durch die Venen gepumpt wurde! Henne war verwirrt. Sollte er Hilfe holen, so wie er es eigentlich vorhatte, oder sollte er seinem Freund vertrauen und tun was er sagte? Unsicherheit machte sich in ihm breit. Und die Tatsache, dass er sich mit niemandem objektiv darüber austauschen konnte, machte das Gefühl nicht besser.

Kurz schloss er die Augen und atmete ein Mal tief ein. Wieder dieser moderige Kellergeruch von den feuchten Wänden. Und ganz leicht, aber immer noch deutlich wahrnehmbar, der bittere Geruch von Bens Erbrochenem. Er öffnete wieder die Augen und blickte tief in die von FX. Fast versank er in dem leuchtenden tiefen Blau von seiner Iris. Und dann war ihm klar, was er zu tun hatte.

Warum war dieser Typ nur so entspannt, wenn doch sein Arm komplett aufgespießt worden war? Er musste schreckliche Schmerzen haben. Oder ganz betäubt vom Adrenalin, dass er auf Wolke Sieben schwebte.

So ganz wohl war es Henne dabei nicht, FX‘ Arm von der Metallspitze abzuziehen aber er wollte diesen gruseligen Ort so schnell wie möglich verlassen. Und zurücklassen wollte er mit Sicherheit auch niemanden. Daher würden sie nun alle gemeinsam hier verschwinden und niemanden zurücklassen.

„Okay, dreh dich zur Seite“, übernahm Henne das Kommando und dirigierte FX mit dem Rücken an die Wand. Er war jetzt voll konzentriert auf die nächsten Schritte. Fehler durfte er sich keine erlauben, denn die waren im günstigsten Fall schmerzhaft für FX, im Schlimmsten sogar tödlich. Dann bedeutete er Ben dessen Oberarm festzuhalten. Nur gemeinsam würden sie es schaffen, den Arm von der Wand zu lösen. „Dieser blöde Gips wird den Arm hoffentlich stabilisieren. Endlich ist das Ding mal zu etwas gut.“ Ein letztes Mal nickte Henne beiden Freunden zu. Seine verhärteten Gesichtszüge bewiesen, wie angespannt er war. „Wir ziehen auf ‚drei‘.“

„Auf ‘drei’ oder auf 'drei und’?”

Henne blieb mitten in der Bewegung stehen und verharrte wie eingefroren. Dann drehte er den Kopf zu Ben. Langsam. Ganz langsam. Direkt sah er ihm in die Augen mit einem Blick, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein Schaudern lief Ben den Rücken hinunter und er schüttelte sich kurz, bis die Gänsehaut wieder vorbei war.

„Ich wollte nur sicher gehen, dass …”, kam es kleinlaut von Ben.

„Los jetzt! Auf drei!”, überging Henne den Einwand.

Während Ben mit beiden Händen fest den Unterarm von FX umschloss, tat Henne dasselbe mit dem Oberen. Ohne sich abzusprechen, schauten beide auf, wollten sich vergewissern, dass sie das Richtige taten. FX schloss die Augen und nickte zur Bestätigung leicht. Keiner sprach auch nur ein Wort, nur das aufgeregte Atmen der Jungs durchbrach die Stille. Ihre Herzen klopften wie wild. Vor lauter Anspannung biss sich Henne auf die Unterlippe bis es nach Metall schmeckte. Blut! Schoss es ihm durch den Kopf. Deins! Dennoch entspannten sich seine Kiefermuskeln kein bisschen. Ben spürte, wie seine Hände feucht wurden vor Schweiß. Gefühl hatte er keines mehr in den Händen, aber er wusste, dass er sie fest um den Arm von FX gelegt hatte. Jeder einzelne Muskel in seinem Körper war gespannt und wartete darauf, dass das Kommando kam.

Ein letztes Mal trafen sich die Blicke von Henne und Ben, die sich ebenfalls knapp zunickten und dann begann er zu zählen. Sein ‘eins’ kam ihm sehr zögerlich über die Lippen. Das ‘zwei’ war immerhin schon etwas lauter. Das ‘drei’ hingegen glich einem ‘Auf sie mit Gebrüll’. Mit einem Ruck rissen beide an FX’ Arm und befreiten ihn von der metallenen Spitze.

Die beiden Helfer erwarteten mindestens ein schmerzerfülltes und zischendes Einatmen von FX, wenn nicht gar einen Schrei aus tiefstem Herzen. Doch stattdessen gab dieser nur ein wohlwollendes und erleichterndes Seufzen von sich, als wenn er von einer großen Last befreit wurde. Vorsichtig ließen seine Freunde den Arm los und halfen FX, diesen wieder vor den Oberkörper in eine halbwegs normale Position zu bringen. FX quittierte die Hilfe sogleich mit einem milden Lächeln und einem geflüsterten „Danke”.

Den Jungs war kein Durchatmen gegönnt. Auf dem Boden regte sich derweil Michel. Erst war es nur ein Stöhnen, dann etwas, das entfernt wie „Scheiße” klang. Henne, der am dichtesten an ihm dran war, beugte sich sofort hinunter zu ihm und fragte: „Willkommen zurück, das Spannendste der Show hast du verpasst. Kannst du alleine gehen?“

Michel schloss kurz die Augen, horchte in sich hinein. Er hatte etwas von einer guten Show verstanden. Verwirrt beschloss er, diesen Teil zu ignorieren und bejahte die Frage, von der er sich sicher war, dass er sie gehört und verstanden hatte.

Ben warf einen Blick zu FX, teils prüfend, teils anklagend. Dieser signalisierte seinerseits ebenfalls ein ‘ja’, während er seinen verletzten Arm vor seiner Brust festhielt und ihm das Blut zwischen den Fingern hindurch rann.

„Wir müssen sofort zur Krankenstation. FX hat viel zu viel Blut verloren”, mahnte Ben mit einem zerknirschten Blick auf die größer werdende Pfütze am Boden. Doch FX war anderer Meinung.

„Lasst uns hoch in unsere Wohnung gehen. Dann sehen wir weiter. Liegt sowieso auf dem Weg”, entgegnete jener ruhig. Trotz des immensen Blutverlusts schien FX immer noch klar bei Sinnen zu sein. „Wir müssen hier nur fünf Stockwerke hoch und dann …“ Mit nach oben rollenden Augen schob Henne den Verletzten in die Richtung, aus der sie gekommen waren und murmelte halblaut zu Ben, der hinter ihm ging: „Den kann man auch nicht kaputt machen. Der ist ja schon wieder ganz die alte besserwisserische Nervensäge. “

„Ich hab‘ das gehört!“

„Ich sehe, ihr kommt zurecht. Ich pass mal besser auf Michel auf, nicht dass der sich lang macht.“ Ben wartete kurz und ließ Michel voran gehen. Er schien noch sehr unsicher auf den Beinen zu sein und musste sich permanent an den Wänden abstützen.

Kaum hatten die Vier den engen Tunnel hinter sich gelassen und den Sockel des Südwest-Turms erreicht, kamen sie auch deutlich schneller voran. In den weiten Geheimgängen konnten sie nebeneinander gehen und die Verletzten von beiden Seiten stützen.

Längst hatten sie ihre Taschenlampen wieder ausgeschaltet, um ihre Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, als Michel, dem es wieder deutlich besser ging, plötzlich stehenblieb.

„Seht mal!”

Verwundert drehten sich die anderen um und folgten seinem Fingerzeig zu Boden auf die fast durchgängige Blutspur von FX.

Mit offenem Mund starrten alle auf die fluoreszierenden Bakterien, die viel heller als an den Wänden leuchteten, und zwar genau dort, wo FXs Blut hin getropft war – und das in blau!

Aus ihren wenigen Expeditionen durch die Geheimgänge wussten die Freunde, dass die Bakterien in den Wänden unterschiedlich intensiv in grün oder orange leuchteten, je nachdem, wie viel Nahrung sie erhalten hatten. Doch blau war überaus selten und selbst im Labor nur kurzlebig.

„Cool”, meinte FX und wandte sich als erster zum Gehen.

„Blaues Blut? Adeliger Fatzke”, kam es trocken von Ben und kurz blitzten seine weißen Zähne in der Dunkelheit hervor in Form eines schelmischen Grinsens.

Kurz bevor sie durch die geheime Tür wieder in den öffentlichen Bereich traten, hielt Michel seinen immer noch stark blutenden Freund an der Schulter zurück. Mit einem Ruck riss er sich sein Shirt vom Körper und zerteilte es in zwei Hälften.

„Hier”, meinte er nüchtern und reichte die Stofffetzen an FX. „Ich will nachher nicht das Treppenhaus für Dich putzen müssen.”

„Schon klar, Diggi, Du willst nur wieder einmal Dein sexy Eightpack zeigen.”

Michel drehte sich zu Ben, der schon wieder auf seinem Board stand und ihn frech ansah. Mit einer raschen Bewegung griff Michel nach beiden Händen von Ben, zog ihn auf dem Board zu sich heran und legte Bens Hände auf seine angespannten Brustmuskeln. Von dort aus schob er sie ganz langsam hinunter über seinen leicht verschwitzten Oberkörper. Dabei hatte er jeden einzelnen Muskel in seiner Brust und einem Bauch angespannt, so dass Ben jede einzelne Faser spüren konnte. Anfangs total überrascht, nach wenigen Augenblicken jedoch sehr genießend, spielte Ben das Spielchen mit.

Anfangs musste Michel die Hände von Ben noch festhalten und entlang seiner perfekt definierten aber nicht übertriebenen Brustmuskeln führen. Kurze Zeit später jedoch erkannte Ben seine Chance und übernahm seinerseits die Führung. Dabei ließ Michel seine Hände natürlich auf denen von Ben und begann nun ebenfalls die Berührungen zu genießen.

Langsam wanderten die vier Hände von der Brust hinunter zu den Bauchmuskeln. Kein Gramm Fett schien es dort zu geben. Man konnte die einzelnen Muskelfasern mit ein wenig Druck deutlich erfühlen. Nicht nur die Muskeln an sich, nein, es waren wirklich die einzelnen Fasern und Stränge, die man durch die Haut mühelos ertasten konnte. Ein Leckerbissen, nicht nur für Studenten der Anatomie. Immer wieder strichen ihre Hände gemeinsam über die einzelnen Muskelgruppen. Bei richtigem Training und Ernährung, wie Michel sie selbstverständlich praktizierte, konnte man aus dem klassischen Sixpack nämlich noch ein weiteres Muskelpaar zum Vorschein bringen, so dass man besagtes Eightpack bekam. Diese Szene sollte ewig dauern, so wünschten es sich zumindest die beiden Jungs, die die Welt um sich herum komplett ausgeblendet und vergessen hatten.

Als die Hände von Ben und Michel schließlich seinen Hosenbund erreichten, ertönte ein leichtes Räuspern von Henne: „Jungs, ich will euch ja nicht beim Sex stören, aber unser Freund verblutet!”

Immerhin war es den beiden Flirtenden sehr peinlich, dass sie den verletzten FX komplett vergessen hatten. Schnell wickelte Henne das zerrissene T-Shirt um FX‘ Arm und fixierte es mit einem Knoten. Die Blutung hörte zwar nicht auf, jedoch saugte sich jetzt erst mal das T-Shirt voll, bevor es wieder eine Blutspur auf dem Boden hinterlassen würde. Die so gewonnene Zeit sollte ausreichen, um die Wohnung der Freunde zu erreichen, so hoffe Michel.

„Du willst wirklich nicht direkt zum Arzt? Du weißt, dass die hier fabelhaftes Personal haben!”

Wortlos aber bestimmt schüttelte FX den Kopf und wandte sich um Richtung Geheimtür zum Flur. Er musste sich gerade sehr konzentrieren, um der Schmerzen Herr zu werden und brauchte unbedingt etwas Ruhe, um sich zu sortieren. Was solche Angriffe anging war er total aus der Übung, wie FX erschrocken feststellte. Früher oder später musste er sich deswegen wohl noch eine Sonntagspredigt anhören müssen.

Ben ging einen Schritt auf die Geheimtür zu und diese öffnete sich, wie die letzten Male auch, umgehend automatisch. Samstags um etwa vier Uhr morgens herrschte erwartungsgemäß gähnende Leere auf den Gängen, so dass die Freunde ungesehen die geheimen Katakomben verlassen und ihre Wohnung betreten konnten.

Kaum war die Wohnungstür verschlossen, setzte sich FX im Schneidersitz mitten in den Raum und schloss die Augen. Es war schlimm genug, dass er nicht allein war in dieser Situation. Aber das ließ sich beim besten Willen nicht anders bewerkstelligen. Die Chefin würde ihm dafür definitiv die Ohren langziehen! Er hatte das schon unzählige Male durchstehen müssen. Es war alles nur so lange her gewesen. Er hatte sich damals etliche Patzer erlaubt und dafür etliche Male einen Einlauf bekommen. Zu Recht, wie er fand. Es war richtig und wichtig, dass sie alle aus dem Club vorsichtig und im Verborgenen agieren mussten. Aber er hatte da so eine Ahnung was seine Freunde anging. Oder war es nur eine vollkommen unbegründete Hoffnung?

„Sollen wir den Arzt besser hierher rufen? Du siehst nicht so aus, als wenn Du noch weit laufen könntest”, fragte Ben mit sorgenvoller Stimme und holte FX etwas aus seinen Gedanken heraus.

FX versuchte sich derweil auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren. Er ärgerte sich über seine Leichtsinnigkeit. Im Nachhinein fielen ihm unzählige Lösungsmöglichkeiten für die Situation im Tunnel ein. Wie konnte es nur passieren, dass er so aus der Übung war?

„Schaut auf die Uhr“, gab er zögerlich von sich. „Gebt mir exakt vier Minuten. Wenn ich dann nicht aufgestanden bin, könnt ihr noch immer den Arzt holen. Lasst mich bis dahin bitte in Ruhe.”

Keiner seiner Freunde konnte wissen, was in dem Augenblick in ihm vorging, woher auch? Allerdings hatte er für ausgiebige Erklärungen weder Zeit noch Kraft, von der Erlaubnis seiner eigentlichen Chefin mal ganz abgesehen.

In seinen Worten lag so viel Gewicht, dass seine Freunde dem Wunsch ohne Widerspruch nachkamen. Es war paradox, denn sie wussten, dass er dringend einen Arzt brauchte. Dennoch spürten sie, dass er diese Situation ohne fremde Hilfe meistern würde. Wie auch immer er das bewerkstelligen würde. Seine Freunde waren verwirrt und unsicher, aber FX kannte sich selbst am besten. Ben setzte an, weil er etwas sagen wollte, besann sich aber eines Besseren und schwieg. Unentschieden ob ihrer Entscheidung wartete einer auf den anderen. Wer würde zuerst eine Reaktion zeigen? In welche Richtung auch immer, sei es um FX‘ Wunsch nachzukommen oder aber der Logik folgend einen Arzt zu alarmieren. Wie auf Kommando sahen alle gleichzeitig auf die Uhr

Natürlich wusste FX, dass er alle Zeit der Welt hatte. Aber er war der Meinung, dass vier Minuten für seine Freunde eine akzeptable Zeit zum Warten war. Eigentlich wollte er anfangs um drei Minuten Geduld bitten. Aber irgendwie war hier im Schloss ja alles mit der Zahl Vier verknüpft. Daher entschied er sich kurzer Hand ebenfalls für die Vier.


Noch immer hatte FX die Augen geschlossen, wusste aber trotzdem genau, wo er sich nun befand. Er kannte die Umgebung, war dort schon so oft gewesen. Ein unendlicher Raum, in dem es weder oben noch unten gab, weder Ecken noch Kanten. Keine Wände oder Grenzen. Es war alles weiß, unendliches Weiß.

Ganz genau erinnerte er sich an das erste Mal, als er aus der Zeit ausgestiegen war. Es war alles andere als freiwillig. Kein Aussteigen, sondern ein herausgerissen werden. Es war grauenhaft. Er wusste nicht mehr, wie lang es her war, aber er konnte sich genau an das Gefühl erinnern. Es war das Gefühl zu fallen und zu fallen und zu fallen. Es wollte einfach nicht aufhören. Er wusste genau, dass er mit den Füßen auf dem Boden stand. Und dennoch hatte er das Gefühl sich zu drehen, kopfüber zu fallen und doch nie aufzuschlagen. Er wusste nicht, wo oben und wo unten war. Er hatte das Gefühl, unkontrolliert Purzelbäume zu schlagen, zu trudeln wie ein Flugzeug, was außer Kontrolle geraten war. Überall war es nur hell. Gleißend hell und er konnte keinen festen Punkt ausmachen, der ihm Halt gab. Er ruderte mit den Armen, doch es half nichts. Weder konnte er damit seine Drehungen beeinflussen noch sein Fallen verlangsamen. Es war, als wenn er in einem riesigen Strudel gefangen wäre, der ihn unerbittlich durchschüttelte und drehte und wirbelte.

Er wusste nicht, ob er ohnmächtig werden sollte oder ob er sich übergeben sollte oder was er sonst tun sollte, um dem Wirbeln ein Ende zu bereiten. Er wusste gar nichts mehr. Sein Kopf war genauso leer, wie diese schrecklich weiße beschissene Unendlichkeit. Ihm war einfach nur schlecht von der ganzen Dreherei und so entschied er sich für letzteres und kotzte schlichtweg nicht auf, aber unmittelbar vor seine Füße.

„Das war die richtige Entscheidung”, hörte er nur.

Ach stimmt. Es gab ja einen Grund, weshalb er hier war. Und diesen Grund, oder besser diese Person, verfluchte er in diesem Augenblick aus tiefstem Herzen. Wo war dieses Arschloch, dem er es zu verdanken hatte, dass er hier in dieser missratenen Situation war? Sollte er ihn irgendwann in die Finger bekommen und sollte dieser Schwindel und das Drehen irgendwann aufhören, würde er dem Typen bis ans Ende der Welt jagen und ihm dann bis zum Untergang dieser in den Arsch treten.

Als er schließlich mit dem Fluchen fertig war, stellte er gleichermaßen erstaunt wie erleichtert fest, dass die schleimig gelb-grüne Pfütze mit den Bröckchen drin, die er gerade erst produziert hatte, ihm genau den Halt und den Bezugspunkt lieferte, den er so sehr gebraucht hatte. Erfreut stellte er fest, dass er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, auch wenn es kein schöner Gedanke war: Er war einfach nur sauer auf den Typen, der ihn hierhin entführt hatte.

„Die meisten klappen einfach nur zusammen. Totale Überlast im Hirn. Nach 10 Sekunden spätestens. Du hast viel viel länger durchgehalten, bevor Du endlich eine Entscheidung gefällt hast. Du bist zäh. Das ist gut. Das wirst Du brauchen. Aber Du musst schneller werden. Das sollten wir aber hinbekommen. Irgendwann …”

Eggsy! Eggsy, Du Arsch! fiel es FX wieder ein.

Eggsy war es, der ihn damals hierher ins Weiß und dann in den Club geholt hatte. Was er genau mit diesem „irgendwann” meinte, war ihm damals noch nicht bewusst. Das sollte er erst später herausfinden. Irgendwann.

Vorsichtig öffnete FX die Augen und lauschte. Bisher schien er allein zu sein. Umso besser, denn auf Eggsys elendige Schadenfreude über seinen Fauxpas hatte FX absolut keine Lust. Noch immer hörte er seine belustigte Stimme im Kopf, als dieser Arsch ihn zum ersten Mal hierher gezerrt hatte, in dieses unendliche Weiß und später in den Club.

Seufzend wischte FX die alten Erinnerungen beiseite und machte sich an die Arbeit. Er musste sich heilen, bevor er noch mehr Blut verlor und seine neuen Freunde einen wirklichen Grund hatten, sich zu sorgen.

Zunächst schrumpfte er sein gesamtes Bewusstsein, sein Ich, welches normalerweise den ganzen Körper ausfüllte, bis auf die Größe einer Erbse. So konnte er sich in sich selbst beliebig bewegen, um alle Details ganz genau zu betrachten und, wenn nötig, zu reparieren oder aufzuräumen. Genau das war es letztendlich, was er bei Bens Nasenbluten und nach Hennes Misshandlungen getan hatte. Er war in den fremden Körper hineingetaucht und hatte Zellen, Knochen und Gewebe geheilt.

Wie immer begann er die Wanderung durch seinen eigenen Körper im Kopf. In der Regel nutzte er dann die Blutbahn als Fortbewegungsmittel. Nicht, dass das nötig wäre, aber es macht einfach Spaß, wie in einer Achterbahn durch die Arterien zu schießen. Eine Wasserrutsche im Hallenbad war nichts im Vergleich zu einem Ritt durch die Adern des eigenen Körpers.

Im rechten Arm angekommen, stellte er fest, dass die Metallspitze seinen Ellenbogen getroffen und das ganze Gelenk in ein Trümmerfeld aus Knochensplittern verwandelt hatte. Dann mal los, gab sich FX selbst den Startschuss. Wie bei einem Puzzle steckte FX alle Knochenteile wieder zusammen und verteilte Knorpelmasse im Gelenk. Dann vernetzte er die Adern neu und schob das Gewebe wieder an die richtige Stelle. Risse und Schnitte schlossen sich durch simples darüberstreichen. So arbeitete er sich langsam von innen nach außen vor, bis er schließlich auch die beiden Löcher in seiner Haut wieder verschloss, die die Metallspitze aufgerissen hatte.

Als i-Tüpfelchen verschloss FX noch die Löcher im Gips und machte sich dann per Blut-Achterbahn wieder zurück auf den Weg in seinen Kopf. Er vergrößerte sein Bewusstsein, bis er wieder perfekt in seinen Körper passte und sich darin sehr wohl fühlte. Ein letztes Mal überprüfte er sein Innerstes und befand sich für gesund und munter. An Schmerzen war allerdings eine gehörige Portion dazu gekommen, aber das war zu erwarten. Er war es gewohnt und konnte damit umgehen, schließlich hatte er schon weit mehr durchmachen müssen.

Nach über drei Jahren war FX sehr aus der Übung gekommen. Er war auf Attacken nicht mehr vorbereitet und so hatte ihn dieser Angriff kalt überrascht. Früher hätte er so etwas instinktiv pariert und es wäre nichts passiert.

Doch er hatte sich bewusst für diese Auszeit entschieden, sie letztendlich genossen, jede einzelne Sekunde. Auch die nicht ganz so sonnigen Tage. Er bereute nichts, vor allem nicht das Stipendium an dieser geheimnisvollen Privatuni. Und natürlich seine neuen Freunde, die er sofort in sein Herz geschlossen hatte, genau wie diese ihn. Sie alle waren weit mehr, als nur Kommilitonen. Sie waren beste Freunde. Vermutlich sogar noch mehr.

Und nun war er durch diesen dusseligen Unfall wieder voll zurück in seine Arbeit geschleudert worden. Es war ja nicht so, dass er seine Arbeit nicht mochte. Im Gegenteil empfand er diese viel mehr als Berufung. Auch diese Zeit war genial gewesen. So viel wie bei dieser Arbeit, hatte er noch nie in seinem Leben erlebt. Und würde es auch nicht wieder. Dieser Beruf, es war eher eine Berufung, garantiert einem quasi, dass man die ganze Welt kennenlernt. Aber es ist das passiert, was Eggsy ihm am Anfang seiner Ausbildung bereits prophezeit hatte: Irgendwann braucht man einfach mal Urlaub und muss aussteigen. Aber er solle sich keine Sorgen machen, denn bisher sind noch alle wieder aus dem Urlaub zurückgekommen. So war es und so sollte es wohl auch bleiben ...

Allerdings fordert alles irgendeinen Preis. Actio gleich Reactio. So auch solche Aktionen der Innenrevision, wie es Eggsy scherzhaft nannte. An sich war es einfach und relativ fair. Die Schmerzen, die man durch die Verletzung hatte, blieben, auch wenn die Schäden schon lange behoben waren. Man konnte sie jedoch verlagern, aus einem anderen Körper mitnehmen, komprimieren oder auf andere Personen übertragen.

Von letzterem hielt FX allerdings nicht viel. Einige praktizierten genau dies, verteilten Schmerzen auf hunderte von anderen Menschen, so dass jeder einzelne davon fast nichts mitbekam. FX hingegen mochte keinem anderen Schmerzen zufügen, egal wie gering diese ausfielen. Er war schließlich da, um das Gegenteil zu tun. Also nahm FX die Angelegenheit in der Regel auf seine eigene Kappe und holte die Schmerzen mit zu sich. Als Paket komprimiert, konnte er sie über einen längeren Zeitraum verteilen und diese so erträglicher verarbeiten.

So hatte FX es auch in der Vergangenheit gehandhabt. Und genau das war der Grund für diese Auszeit. Er hatte genug gesammelt und in seinem rechten Arm deponiert. Nun musste er etwas davon abbauen.

Zufrieden mit seiner Entscheidung, öffnete er die Augen. Obwohl alles weiß und hell um ihn herum erschien, blendete nichts, wie FX ein ums andere Mal feststellte. Noch eine Weile genoss er die Ruhe und Leere dieser Zwischenwelt, nutzte die stillstehende Zeit, um die vergangenen Stunden Revue passieren zu lassen.

Wie hatte Michel es geschafft, Henne durch die unwegsamen Wege des Kerkers zu tragen, ohne hinterher besonders erschöpft auszusehen? Klar er war muskulös und ausdauernd. Trotzdem roch da irgendetwas faul.

Genau wie bei Henne, der bei vollem Bewusstsein tagelange die Quälerei im Kerker über sich hatte ergehen lassen. Und dann gerade eben im Tunnel … dieser Blick, als sie seinen Arm vom Speer losreißen sollten.

Seine Freunde waren es definitiv wert, etwas genauer betrachtet zu werden.

Vorerst wurde es jedoch Zeit, aus dem Weiß zurückzukehren. Ein verschmitztes Lächeln huschte über FX’ Lippen. Warum nicht mit etwas Dramaturgie?


„Alter, mir reicht es jetzt. Ich hole sofort den Doc!” Ben war schon kurz davor, panisch zu werden, stieß sich auf seinem Skateboard ab und rollte zur Tür. Doch Michel sprang auf und versperrt den Weg.

„Wir haben es ihm versprochen! Vier Minuten sind noch nicht um!”

„Digga merkst du es noch? Er ist seit Minuten bewusstlos und hat sich nicht ein Stück bewegt. Er atmet nicht einmal richtig. FX stirbt! Und wir gucken hier nur zu!” Es fiel Ben unheimlich schwer, sein impulsives Wesen zurückzuhalten.

Auch die anderen sahen alles andere als beruhigt aus. Ihre Nerven waren bis zum Bersten gespannt und am liebsten hätten sie sofort etwas unternommen. Hätten ihrem Freund geholfen, der seit einer gefühlten Ewigkeit ohne jegliche Regung mitten in ihrem Wohnzimmer saß.

Doch die Drei hatten es FX versprochen. Vier elendig lange Minuten, bevor sie Hilfe holen durften. Abwechselnd überprüften sie den Puls ihres Freundes, kontrollierten seine Atmung. Beides war zwar regelmäßig, aber extrem verlangsamt und so flach, dass es fast nicht zu spüren war.

Immer wieder versicherten sie sich gegenseitig, dass vier Minuten bald um seien, dass FX noch atmete und nicht ganz weg war. Die Zeit zog sich wie Stunden, was die gesamte Situation nicht einfacher machte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen die Nerven verlor.

„Achtundfünfzig, neunundfünfzig, vier Minuten”, kam es plötzlich von FX, wobei er zum Schluss die Augen aufschlug.

„FX!!! Gott sei Dank du lebst!”, rief Ben aus, was alle anderen dachten.

„Entschuldigt, ich wollte Euch nicht erschrecken oder beunruhigen”, gab jener kleinlaut zurück. Vielleicht hätte er doch nicht so spät zurückspringen sollen. Er wollte es aber auch nicht mehr korrigieren. Obwohl das überhaupt ein Problem war, machte er solche Spielchen schon seit langem nicht mehr.

Noch immer saß er im Schneidersitz mitten im Wohnzimmer und hielt seinen rechten Arm mit dem blutgetränkten T-Shirt von Michel wie ein Baby. Dass alles geheilt war, konnte man deshalb nicht sehen.

„Wie geht es Dir? Sollen wir den Arzt holen?” Obwohl FX quietschvergnügt und strahlend vor ihnen saß, traute Ben seinen Augen immer noch nicht.

„Nein, ich denke, das ist nicht mehr nötig.” Als würde er tagtäglich Knoten mit einer Hand lösen entfernte FX gekonnt lässig das zerrissene T-Shirt. „Ich glaube, das Ding ist hin. Danke, Michel, das war eine gute Idee. Ich besorg dir ein neues.”

„Wa… Wa… Was ist da passiert? Wo ist das Loch? Wieso blutest Du nicht mehr?” Genau wie alle anderen war Henne total überrascht, fand jedoch als erstes seine Stimme wieder.

FX schnaufte deutlich hörbar und grübelte. Er hatte seine Freunde, seine einzigen und besten Freunde, schon so oft verwirrt, obwohl er dies gar nicht wollte. Aber er durfte zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Informationen preisgeben. Ihm war von vornherein klar, dass er nicht ungeschoren aus dieser Situation herauskommen würde. Ärger gäbe es so oder so. Von der Chefin, von seinen Freunden. Egal, wie er sich entschied.

Er hasste sich dafür, die Freundschaft der Jungs erneut auf eine harte Probe stellen zu müssen, hatte ihnen schon viel zu viel abverlangt. Aber er sah keinen anderen Ausweg.

FX überlegte sich jedes Für und Wider genau, hielt sich die Konsequenzen aller Entscheidungen vor Augen, bevor er sich schlussendlich für eine Antwort entschied.

„Keine Fragen, keine Lügen.”

Er blickte in drei verwirrte Gesichter.

„Bitte. Ich erkläre es Euch später. Auch wenn ich jetzt viel von Euch verlange, aber bitte habt Vertrauen”, fügte er rasch hinzu und konnte kaum die Tränen verhindern, die dabei über sein Gesicht liefen. Es schmerzte unglaublich, seinen besten Freunden nicht die Erklärung geben zu dürfen, die sie verdienten.

Doch sie kannten FX gut. In der intensiven Zeit, die sie im letzten Semester zusammen verbracht hatten, war es schon ein paar Mal vorgekommen, dass FX stark am Nachdenken war. Sie alle wussten, dass er weit im Voraus dachte und plante. Umso länger es dauerte, umso schwieriger war das Problem. Obwohl alle unglaublich neugierig auf die Hintergründe des Geschehens waren, vertrauten sie ihrem Freund blind.

Michel war der erste, der zu einer Reaktion fähig war. Langsam ging er auf FX zu und blieb eine Armlänge vor ihm stehen. Tief sah er ihm in die blauen Augen, erkannte den Schmerz, wie sehr FX darunter litt, ihnen, warum auch immer, nicht alles offen sagen zu dürfen. Seufzend atmete Michel aus, tat das, was sein Herz in dieser Situation als das Richtige erachtete. Er nahm sein Gegenüber in den Arm und drückte ihn. Ohne Vorwurf, ohne ihn zu bedrängen, einfach weil er wollte, dass sich FX weiterhin bei ihnen sicher und geborgen fühlte, egal welche Geheimnisse ihn umtrieben. Wenn die Zeit gekommen wäre, würde er sich ihnen anvertrauen, dessen war er sich sicher.

Genau wie die anderen, die nur einen Atemzug später in die Umarmung mit einfielen, schlichtweg froh darüber, dass es ihm gut ging.

Auch wenn schon die Sommersonne träge über dem Horizont emporkroch, kuschelten sich die Jungs zusammen auf das Sofa und überlegten, was sie als nächsten in Angriff nehmen wollten. Die Tatsache, dass der geheime Gang, der von der Burg wegführte, weitestgehend ungeschützt war, mussten sie definitiv revidieren. Jener schien sehr wohl und sehr gut gesichert zu sein. Vermutlich war dieser Metallspeer nicht das einzige, was Menschen am Durchgehen hindern sollte. Vorerst vertagten die vier Freunde eine weitere Erkundung der Ausgänge und wollten bei den nächsten Exkursionen lieber weitere unbekannte Kammern entdecken und deren Zweck herausfinden.

„Ich brauch kein neues.”

„Hä? Michel, Du spricht in Rätseln!”

„Du hast mir angeboten, mir ein neues T-Shirt zu besorgen. Ich glaub, wir haben da nicht denselben Geschmack”, grinste Michel und deutete zuerst auf FX leicht verblasstes und etwas unförmige T-Shirt und danach auf sein Eigenes, hautenges und brandneues.

12. Endlich frei

Das zweite Semester, das Sommersemester, neigte sich dem Ende entgegen. Und wie bereits zuvor sollte auch das Ende deutlich entspannter werden, als die vorangegangenen. Ein kleines Bonbon sozusagen. Zur Überraschung aller wurden in der vorlesungsfreien Zeit keine Klausuren geschrieben. Alle, die es also bis hierher geschafft hatten, konnten endlich richtig frei machen.

Viele ihrer Kommilitonen wollten auf eine große Reise gehen. Thailand, Karibik und ähnliche Ziele schwebten in den letzten Wochen des Semesters durch die Luft, wenn man in der Mensa saß und lauschte. Die Eltern zahlten es ja. Was erwartete man auch, wenn man auf eine private Elite-Uni ging? Um Geld musste sich da kaum einer sorgen.

Lediglich bei den vier Freunden herrschte wenig Aufbruchsstimmung. Sie alle waren durch ihr Stipendium und ihren Leistungen an dieser Uni aufgenommen worden. Geld hatte niemand von ihnen. Und so fielen auch die Antworten auf Fragen nach ihren Plänen einsilbig aus.

„Alter. Ich kann diese Urlaubsscheiße nicht mehr hören!“, ließ Ben seinem Frust freien Lauf. „Wenn nochmal irgendjemand dieses Wort in den Mund nimmt, dem schieb’ ich mein Board in den Arsch!”

„Urlaub!” Henne machte sich einen Spaß daraus, Ben zu foppen.

„Arsch!”

„Warum fahren wir eigentlich nicht weg?” Michel sah seine Freunde fragend an.

„Guck auf dein Konto, da steht der Grund.” Hennes Laune tendierte plötzlich in dieselbe Richtung, wie die von Ben.

„Hej, keiner hat was von Karibik gesagt. Es gibt ja auch noch etwas anderes, als ein All-Inclusive-Urlaub in einer fünf Sterne Hotelanlage. Was ist zum Beispiel mit Zelten?” Immerhin in Michel schien noch ein Funken Hoffnung zu glimmen.

„Klar, jeder von uns schnappt sich ein Board von mir und dann fahren wir weg an die Nordsee! Grandios, Diggi! Ich hab genug Boards zur Auswahl. All you can drive! Oder willste hier im Wald campen?” Bens Euphorie hatte einen neuen Tiefpunkt erreicht.

„Also ich hab ja noch ein Auto …”, warf FX zaghaft ein.

Drei Augenpaare richteten sich augenblicklich auf ihn. FX fühlte sich etwas gegrillt von diesen feindseligen Blicken seiner Freunde. Er hatte sich fürchterlich erschreckt und war zusammengezuckt. Erst Augenblicke später stellte er erleichtert fest, dass sich die Drei gerade abgesprochen hatten, so bedrohlich zu gucken.

„Was guckt Ihr so? Ich hab Euch erzählt, dass ich ein Auto hab. Ist aber kein Luxusschlitten …” Dabei setzte er das süßeste Gesicht auf, was er zu bieten hatte. Er neigte den Kopf nach unten und schaute mit den Augen nach oben. Leider wirkt dieser Effekt nicht, wenn man über zwei Meter groß ist, aber das bemerkte keiner mehr. Es entbrannte eine wilde Diskussion über mögliche Ziele für ihren Sommerurlaub, als hätte man einen Stock gegen ein Bienennest geschlagen.

Ostsee oder Dänemark waren dabei sehr hoch im Kurs. Erstere war immerhin das dichteste Meer was es gab. Und das Wetter sollte in den nächsten Wochen ebenfalls vielversprechend bleiben. Fast hätten die Vier ihre Vorlesung am Nachmittag vergessen, so sehr waren sie in die Planung vertieft.

Bis zum Abend ging die Debatte weiter, ohne dass ein konkretes Ergebnis zustande kam. Der Trend der Diskussion ging eindeutig weiter weg als Ostsee. Geistig wanderten sie bis nach Frankreich, erst in den Norden, dann doch lieber in den Süden, wenn man denn schon mal im Land der Liebe war. Musste man ja schließlich richtig ausnutzen.

Nur FX wurde mit fortschreitender Diskussion immer stiller, bis Michel es schließlich bemerkte. Sachte legte er seinen Arm um dessen Schultern und fragte zaghaft nach, ob denn alles in Ordnung sei.

„Ich weiß selbst nicht, ob das richtig und gut ist“, druckste FX zuerst, gab sich aber dann doch einen Ruck, als ihn alle gespannt anschauten. „Ich möchte gerne an die Costa Brava zum Zelten.”

Nur einen Wimpernschlag lang herrschte allgemeine Stille. Dann brach eine neue Lawine der Diskussion über die Vier herein.

„Nach Barcelona? Das ist aber ein Ritt. Wir sind hier tief in Osteuropa. Das wird ewig dauern, bis wir dort sind.”

„Geil, nach Sitges in die schwule Hochburg? Da wollte ich schon immer Mal hin!”

Ben und Henne schaukelten sich regelrecht hoch und überboten sich gegenseitig mit möglichen Aktivitäten. Michel musste sie erst in die Schranken verweisen, damit sie endlich wieder Ruhe gaben. Fragend schaute er zu FX, dem noch immer etwas auf dem Herzen zu liegen schien. Erneut ließ sich dieser Zeit mit der Antwort, bis die Stille fast schmerzhaft wurde.

„Nein.“ Verlegen kaute FX auf seiner Unterlippe herum. „Es ist eher Tarragona. Oder besser gesagt dort in der Nähe. Am Strand. Ich war als Kind mal da … Und ich glaube, ich muss … möchte da wieder hin.”

„Na dann Attacke!” Ben war bei so etwas immer schnell zu begeistern. „Back to the roots ist doch immer genial! Also ich bin dabei! Wer noch?”

„Klar, wir werden ein paar Tage brauchen, bis wir da sind und das Spritgeld wird die halbe Urlaubskasse auffressen, aber hej, was soll’s? Zeit haben wir genug in den Semesterferien!” Es war eine komplett verrückte Idee. Kein Wunder, dass Henne sofort Feuer und Flamme war und am liebsten sofort seine Tasche gepackt hätte.

Nur Michel war etwas zurückhaltender. Er spürte, dass hinter diesem Vorschlag von FX mehr steckte, als er ihnen verraten wollte. Zumindest noch nicht, da war er sich sicher. Er würde es schon noch herausbekommen, was FX auf dem Herzen lag. Immerhin sah dieser deutlich glücklicher aus, als alle seine Freunde diesen Vorschlag annahmen und nun lebhaft die nächsten Schritte planten.


Ein paar Tage später beobachteten die Vier von der Balustrade aus die große Showvorführung der Luxusschlitten im Innenhof der Universität, die nach und nach aus dem automatischen Kellerparkhaus hervorgeholt wurden. Ein Wagen war teurer als der andere und alle wetteiferten und diskutierten, wer die coolste Karre hatte. Das war wie Auto-Memory, nur in live.

Die Freunde waren sich einig, dass unterm Strich nicht wirklich ein spannendes Auto dabei war. Das Motto, und da gingen anscheinend alle mit, war größer, teurer, luxuriöser und lauter

„Was soll‘n der diese blöde Show eigentlich?”, Ben war maulig.

„Diggi, was‘n los? Mieß drauf?” Michel verstand es wieder mal, sich sprachlich auf Ben einzustellen, was ihm sofort Tür und Tor zu seinen Gedanken öffnete.

„Nö, gar nich! Aber diese blöden Karren braucht doch echt kein Mensch! Mehr boarden braucht die Welt! Is viel cooler”, grinste er nur. Okay, er konnte Autos wirklich nichts abgewinnen.

Als einer nach dem anderen vom Hof fuhren, ließen es sich die meisten nicht nehmen, den Motor einmal voll aufheulen zu lassen, um dann mit durchdrehenden Reifen eine Runde um die Außenbahn des Innenhofs zu drehen, bevor sie mit quietschenden Reifen über die Zugbrücke verschwanden Richtung Urlaub.

„Ich frage mich, ob nicht vielleicht der eine oder andere Wagen im Burggraben liegt”, meinte Henne nachdenklich, als er die teils waghalsigen Manöver seiner Kommilitonen beobachtete.

Gegen Abend zogen sich die vier Freunde in ihre Wohnung zurück und packten für ihren Urlaub. Drei oder vier Wochen wollten sie wegfahren. Wie lang genau wollten sie später spontan entscheiden, je nachdem, wie gut sie gen Süden kommen würden, wie es ihnen dort gefiel und vor allem, wie lange die Urlaubskasse reichen würde.

„Wie viel passt denn in deinen Kofferraum rein?” Henne hatte schon etwas Sorge, da sich im Wohnzimmer gerade vier große Sporttaschen sowie fünf Tagesrucksäcke stapelten. Neben Kleidung und Schuhen mussten ja auch Isomatte und zumindest ein dünner Schlafsack mit nach Spanien.

Michel, seines Zeichens auch Bundesbedenkenträger, stellte mehrfach die Frage, ob man denn einfach so am Strand zelten dürfe, wie man seine Wäsche waschen konnte und wo man duschen sollte. Ganz geheuer war ihm nicht mit FX’ Idee, einfach wild am Strand zu campen. Da würden im Sommer mit Sicherheit auch massenweise Touristen vor Ort sein und an Ruhe wäre vermutlich auch nicht zu denken. Und überhaupt, wie sollten sie sich versorgen? Ein Kocher oder so musste ja auch noch besorgt werden.

„Hattest Du nicht etwas von einem alten Golf gesagt? Das passt doch im Leben nicht!” Michel beäugte skeptisch die beiden Zelte und den riesigen Berg von Taschen, der sich zusammengefunden hatte.

„Abwarten”, meinte FX viel zu entspannt. „Lasst uns das ganze erst mal runter in die Garage bringen und anfangen, es zu verstauen.”

Kurz darauf standen sie vor dem quitschgelben Golf mit den runden Scheinwerfern, die wie Kulleraugen ausschauten. Die unzähligen Taschen und Rucksäcke nahmen nebeneinander gestellt mehr Platz ein, als der kleine Wagen. Und in dieses winzige kleine Ding sollte sogleich all ihr Hab und Gut verstaut werden?

„Das passt nie!”, unkten Michel und Ben unisono. „Guck Dir doch mal an, wie viel Platz das hier in der Garage schon einnimmt. Selbst, wenn wir alles übereinanderstapeln, müsste mehr als die Hälfte auf dem Dach transportiert werden. Und dann würdest nicht einmal Du als Fahrer mehr drinnen Platz nehmen können.”

Wortlos öffnete FX den Kofferraum. Dieser sah wirklich winzig aus und keiner der Drei glaubte daran, dass das alles hineinpassen würde.

„Wir machen das so.“ Ben schien plötzlich eine geniale Idee zu haben. „Zwei Sporttaschen passen in den Kofferraum. Eine Dritte quer, wenn man die Hutablage von diesem Autochen noch weglassen würde“, erläuterte er mit einem schelmischen Grinsen.

Michel wusste sofort, worauf er hinauswollte und sponn die Geschichte weiter: „Eine weitere Tasche könnte man auf die Rückbank verfrachten, zwischen den beiden, die sich hinten hinein quetschen mussten. Drei Rucksäcke gingen vielleicht noch auf den Schoß der Nicht-fahrer.“

„Ja, genau! Und die Zelte bugsieren wir dann einfach aufs Dach. Michel, Du hast doch noch ganz viele Seile in Deinem Schrank, hab ich neulich gesehen …“

Die Seile! Michel blieb für einen Moment das Herz stehen. Die hatte er wieder völlig vergessen. Schnell erlang er seine Fassung wieder und blödelte mit Ben weiter: „Das Thema ‚maximale Beladung‘ ignorieren wir einfach mal. Viel interessanter ist doch, wie wir alle atmen wollen. Aber vermutlich kommen wir mit so viel Gepäck ohnehin nicht die Rampe hoch!“

Während Michel und Ben sich vor Lachen die Bäuche hielten und auch Henne von ihnen angesteckt wurde, verfrachtete FX wortlos mit Schwung die erste Reisetasche in den Kofferraum.

Doch anstatt, dass jene den halben Platz einnahm, rutschte diese einfach weiter, wie eine Kugel beim Kegeln. Erst ganz weit hinten scheinbar, blieb diese liegen. Entweder war dieses Auto eine optische Täuschung oder aber der Kofferraum trotzte jeglicher Physik. Vor Erstaunen blieben drei Münder und sechs Augen bis zum Anschlag aufgerissen und jegliches Gekicher verstummte.

Als wäre es das normalste der Welt, griff FX die zweite Reisetasche und warf auch diese in den Kofferraum. Wieder wurde die Tasche immer kleiner. Nach und nach verschwand das restliche Gepäck in dem winzigen Auto, ohne dass dieses bis zu einem Drittel gefüllt war.

„Coole Karre”, entfuhr es Ben plötzlich, der als Erster aus seiner Schockstarre erwachte. Seine Stimme hallte ungewohnt laut in der sonst so leeren Tiefgarage wider und holte die anderen aus ihrem Staunen.

„Ich würde es eher ein Raumwunder nennen”, korrigierte Michel. „Wenn der Innenraum auch so geräumig ist, wie der Kofferraum, dann mache ich mir um meine Knie keine Sorgen. FX, ich hatte schon Angst, dass Du wegen Deiner langen Beine den Fahrersitz ausgebaut hättest und von der Rückbank aus fahren würdest.”

Jener antwortete lediglich mit einem gequälten Lächeln und forderte alle zum Einsteigen auf. Und jetzt bekamen sie den Effekt des Kofferraums am eigenen Leib zu spüren. Beim Einsteigen schienen sie zu schrumpfen oder aber das Auto war innen größer als außen. Es war, als betrachte man das Auto von innen durch eine Fischaugenkamera.

„Diggi was soll das?“ Ben war als erstes eingestiegen, aber noch bevor er ganz im Wagen war, mit einem entsetzten Satz wieder herausgesprungen. „Was is‘ das für‘n Trick? Was das für ‘ne Karre?“

Michel und Henne, die ihrerseits gerade die Türgriffe in der Hand hatten und ebenfalls am Einsteigen waren, hielten verunsichert in ihrer Bewegung inne und beobachteten die anderen beiden auf Genaueste, ohne sich selbst auch nur einen Millimeter zu bewegen. Viel zu gefährlich schien die Situation gerade.

„Also? Ich glaube, Du bist uns mindestens eine Erklärung schuldig!“ Herausfordernd blickte Ben zu FX hinauf und stellte sich, ohne nach unten zu schauen wieder auf sein Skateboard. Auf dem Brett und den vier Rollen fühlte er sich deutlich sicherer.

Panik machte ich in FX breit. Seine gesunde Hand in der Hosentasche zur Faust geballt sah er sich alles verlieren: seine Freunde. Er hatte ihre Geduld ganz offensichtlich viel zu lange strapaziert, zu viel von ihnen erwartet. Die Quittung dafür erhielt er in diesem Augenblick. Er hatte ihr Vertrauen verloren, sich schlichtweg verzockt.

Eine Träne rann seine Wange hinunter.

Ganz langsam setzte er sich auf den kalten Betonboden der Tiefgarage und kreuzte seine Beine zum Schneidersitz. Der raue Beton kratzte an seinen nackten Unterschenkeln, als sie den Boden berührten und sogleich wurde ihm kalt und er fühlte sich allein.

Michel und Henne waren mittlerweile um den Wagen herumgekommen, um das Geschehen besser zu verfolgen. Schließlich standen die Drei standen vor FX und starrten ihn erwartungsvoll an. Dieser blickte schließlich auf und seine langen Deards, die zuvor sein Gesicht wie ein schützender Vorhang bedeckt hatten, rutschten zur Seite.

Zum Vorschein kam ein Gesicht, welches nur entfernt an FX erinnerte. Seine Augen waren dunkelgrau und rot verheult. Aus tiefen Höhlen schauten sie die Drei an und mit jedem Lidschlag rann eine weitere Träne seinen Wangen hinunter.

„Ich … “ seine Stimme war dünn und brüchig. Eigentlich wusste er noch nicht so recht, was er sagen wollte. „Also ich …“

Ben war der Erste, der ausgerastet war und auch der Erste, der sich wieder beruhigte. Er setzte sich kurzerhand auf sein Skateboard und war wieder auf Augenhöhe mit FX. Vielleicht gelang es ihm ja so, dem armen Kerl, der plötzlich so durcheinander war, ein bisschen Wahrheit zu entlocken.

Nachdem die anderen beiden ebenfalls auf dem staubigen Boden Platz genommen hatten, kehrte wieder etwas Ruhe in FX zurück. Es gelang ihm wieder ruhig und tief zu atmen und er entspannte sich zusehends.

„Eigentlich ist es nichts aufregendes …“ begann er, wurde aber sofort von Ben unterbrochen, der schon wieder Bluthochdruck hatte: „Nichts aufregendes? Diggi, Du hast hier die Karre von Harry Potter und du findest das nicht aufregend? Was um alles in der Welt ist bei dir dann aufregend?“

„Ben, jetzt komm mal runter.“ Michel schaltete sich ein, um die Situation zu entschärfen. „Ich glaube wir alle hier wissen, dass der Wagen kein Serienmodell ist, aber du musst FX schon zu Wort kommen lassen.“

Einen Schmollmund ziehend zog es Ben vor, nichts zu sagen und stattdessen mit dem Finger wirre Muster in den Staub auf dem Garagenboden zu zeichnen.

„Eigentlich ist es nur Physik …“ FX wagte einen zweiten Anlauf. „Ein Atom besteht aus?“ Fragend blickte er in die runde und zog dabei eine Augenbraue hoch.

„Atomkern und Elektronen, Mister Spock.“ Henne konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Alter was soll der Scheiß?“ Bens Ruhe war nur gespielt, seine Nerven lagen nach wie vor blank und das ließ er nun alle wissen. Gereizt fuhr er mit der flachen Hand durch seine Malerei im Staub und wirbelte diesen auf. Michel bekam die Wolke mitten ins Gesicht und musste mehrfach heftig niesen, was hingegen bei Henne zu einer Lachattacke führte. Er krümmte sich vor Lachen und hielt sich den Bauch, bevor er unter heftigem Kichern auf die Seite kippte. Dass er dabei noch mehr Staub aufwirbelte, war Michels Niesen sehr zuträglich.

Ben verstand die Welt nicht mehr. Er war es, der seinen Kopf in dieses Startrek-Auto gesteckt hatte. Er war es, der allen Grund hatte, dass man ihm sagte, was mit einem passiert, wenn man da einsteigt. Aber alles, was die anderen dazu zu sagen hatten waren Lachen und Niesen? Ben fühlte sich verarscht. Er war sauer auf seine Freunde. Sauer auf Michel und Henne, die ihn dermaßen lächerlich machten und auch sauer auf FX, weil dieser nicht mir der Wahrheit herausrücken wollte.

FX hob die Hand und wandte den Dreien seine Handfläche zu. Lachen und Niesen verstummten sofort. Der Staub legte sich und alle warteten gespannt darauf, was er zu sagen hatte. Die Stille war gespenstisch und man hörte nicht das geringste Geräusch.

„Ein Atom besteht zum größten Teil aus nichts. Zwischen dem Kern und den Elektroden ist massenhaft Platz! Würde man den Kern so groß aufblasen, wie einen Stecknadelkopf und ihn in die Mitte des Olympiastadions legen, so würden die Elektronen noch hinter den Zuschauerrängen entlangdüsen. Ein Ding voller nichts also. Und was, wenn man genau dort etwas deponieren könnte? Was, wenn man die einzelnen Atome ineinander verschränken könnte, wie zwei Kämme?“ Symbolisch verschränkte er die Finger seiner beiden Hände, was allerdings durch den Gipsarm etwas umständlich wirkte.

Erwartungsvoll blickte FX in die Augen seiner Freunde. Hatte er sie noch mehr verwirrt als zuvor? Würden sie die Wahrheit wirklich verstehen? Er spürte, wie die Unsicherheit wieder in ihm aufstieg. Er spürte, wie die Angst, seine Freunde zu verlieren ihm langsam die Kehle zudrückte. Sein Mund war trocken, obwohl er gar nicht so viel geredet hatte. Seine Nerven waren bis zum äußersten gespannt und nur mit Mühe schaffte er es, seine ineinander verkrampften Finger zu lösen.

„Das Gewicht … Die Masse …“ Hennes Kopf arbeitete auf Hochtouren während aus Versehen vereinzelte Worte aus seinem Mund kamen. „Klar ist das möglich. Theoretisch. Aber was ist mit dem Gewicht? Verschränkte Atome gibt’s schon, aber die Massen addieren sich alle. Das kann man nicht beliebig vorantreiben“, dozierte Henne und blickte FX herausfordernd an. „Es mag sein, dass alles in deinen Wagen hineinpasst, aber er ist dennoch hoffnungslos überladen und du kannst ihn unmöglich so fahren!“

In diesem Augenblich wusste FX, dass er sie wiederhatte. Alle Drei! Sie hatten das Prinzip verstanden und waren in Gedanken bereits mehrere Schritte weiter.

„Okay, das mit den Massen ist in der Tat kniffelig. Das funktioniert folgendermaßen.“ Auf dem Boden der Tiefgarage fing FX mit dem Finger an zu zeichnen und wirre Formeln aufzuschreiben – über Kopf, damit die Drei ihm Gegenüber es direkt lesen konnten. Er malte Pfeile und Striche, wartete, bis alle verstanden hatten was er erläuterte und wischte es sogleich wieder weg, um das nächste Kapitel in den Staub zu schreiben. Es entwickelte sich eine rege Diskussion, mal kratzte sich einer am Kopf, es wurde genickt und nachgefragt. Die Freunde machten selbst Skizzen und verwarfen sie wieder, FX korrigierte und erläuterte, bis er mit den Worten schloss: „… und so bekommt man sowohl das Problem mit der Masse selbst als auch mit der Trägheit in den Griff!“

„Krass, Diggi!“ Ben war fasziniert.

„Und es ist wirklich umkehrbar? Nicht, dass ich mich mit deinem Wagen verschränke und dann nicht mehr da rauskomme.“ Etwas Skepsis war Michel noch anzumerken. „Ich meine, das ist ja nur graue Theorie. Im wahrsten Sinne des Wortes!“ Zweifelnd deutete er auf den grauen Beton.

„Also ich würde mich schon gern mal mit dir verschränken und ich glaub, ich wäre nicht böse, wenn ich da nicht mehr raus käme …“

„Henne!“, kam es unisono von den drei Anderen.

„Also ich wills jetzt doch mal testen. Also das mit dem Wagen.“ Die Neugierde von Henne war geweckt, er stand auf und ging zielstrebig zum Auto hinüber.

Seine Selbstsicherheit schwand mit jedem Schritt, den er in Richtung des Wagens tat. Als er schließlich vor der Beifahrertür stand, griff er nur sehr zögerlich zum Türgriff. Ein mulmiges Gefühl stieg ihn ihm auf. Er spürte, wie seine Handflächen schlagartig feucht wurden.

Er riss all einen Mut zusammen und öffnete die Tür. Eine kleine Duftwolke kam ihm entgegen. Überrascht stellte er fest, dass es fast wie ein neues Auto roch, gar nicht muffig oder abgestanden, wie er es eigentlich erwartet hatte. Das gab ihm etwas mehr Zuversicht, dass es so schlimm schon nicht sein würde, wenn seine Atome mit denen des Autos eine Verbindung eingehen würden. Bevor sich das enge Gefühl in seiner Brust noch weiter ausbreiten konnte, steckte er den Kopf ins Fahrzeuginnere.

Er hatte alles Mögliche erwartet, aber nicht, dass nichts geschah. Es fühlte sich absolut normal an. An ein Eintauchen ins Wasser oder das Gefühl, umschlossen oder durchdrungen zu werden hatte er erwartet. Stattdessen passierte nichts. Rein gar nichts. Lediglich in dem Augenblick, wo er den Kopf durch die Tür schob, verzerrte sich das Bild für einen kurzen Augenblick, als blickte man durch eine sehr starte Lupe. Aber das war so schnell vorbei, dass er es nur als kurzes Flimmern wahrgenommen hatte. Als würde man unter Wasser tauchen und die Grenzschicht zwischen Luft und Wasser streift kurz an einem vorbei.

Nur, dass es in dem Auto weit weniger spektakulär war als in der Unterwasserwelt. Er setzte sich auf den Beifahrersitz. Seine Beine hatte er noch draußen. Und auf ein Mal sah er den Effekt ganz deutlich. Es fühlte sich komisch an, dass man so gar nichts fühlte. Man konnte es nur sehen, eine leicht flimmernde Oberfläche und einer Verzerrung zwischen den beiden Welten.

Gespannt zog er seine Beine hinein und das Flimmern verschwand vollkommen. Er war drin in dem Auto. Wenn er die Ausführungen von FX richtig verstanden hatte, war er jetzt ein Teil davon. Muss sich das nicht komisch anfühlen?

Vorsichtig stieg er wieder aus und blickte in die erwartungsvollen Gesichter seiner beiden Freunde.

„Es ist … Es fühlt sich komisch an, dass es sich so normal anfühlt“ Erleichterung machte sich auf Hennes Gesicht breit.

„Manchmal muss man sich einfach viel weniger Gedanken machen. Das erspart einem unglaublich viele Kopfschmerzen.“ FX grinste breit und war zufrieden.

„Probiert es einfach aus. Es ist viel unspektakulärer als man denkt.“ Henne deutete seinen Freunden an, ebenfalls einzusteigen, die seiner Aufforderung nachkamen, wenn auch noch etwas unsicher. Henne probierte dieses Mal einen Sitz auf der Rückbank, um vielleicht hier etwas anderes zu bemerken als vorne.

Doch jetzt, wo alle im Wagen saßen und wieder etwas Ruhe eingekehrt war, machte sich ein Effekt deutlich bemerkbar: Der Innenraum dieses Golfs war deutlich größer als normal!

Das hier war definitiv nicht normal. Innen musste man sich vorbeugen und dann auch noch auf der Rückbank nach vorne rutschen, wenn man dem Fahrer auf die Schulter klopfen wollte. Auch rechts und links zwischen den Insassen war es sehr geräumig. Da hätte problemlos noch ein Dritter dazwischen sitzen können, ohne dass man sich berühren würde.

Und weder der riesig lange FX mit seinen wild in alle Richtungen abstehenden Dreads noch der bunte Iro von Henne stießen an den Dachhimmel; es war noch über eine Hand breit Platz bis zur Decke.

„Diggi, ‚unspektakulär‘ ist aber schon was anderes.“ Ben hatte es sich vorne bequem gemacht und schaute über die Schulter zur Rückbank und sah seine Freunde wie in einer Limo weit weg sitzen.

Mit einem mulmigen aber doch irgendwie aufgekratzten Gefühl schnallten sich die Freunde an und ließen sich dann durch das automatische Parksystem der Burg aus der Tiefgarage bringen, bis in den Innenhof der Universität.

Dort drehte FX den Zündschlüssel und ließ den Wagen an. Zu hören war jedoch nichts.

„Was ist das für ein Wagen?” Henne konnte es noch immer nicht recht glauben, in was er gerade saß.

„Falsche Frage”, meinte Michel trocken, der neben ihm auf der Rückbank saß. „FX, wer bist du?”

„Keine Fragen. Keine Lügen. Bitte geduldet Euch noch etwas. Ihr bekommt Antworten, aber ich darf sie euch jetzt noch nicht geben.”

„Na dann”, grinste Ben fröhlich vom Beifahrersitz, „take her to sea, Mister Murdoch!”, und machte gleichzeitig einen Fingerzeig mit Zeige- und Mittelfinger in Richtung Ausgang und Zugbrücke.

Natürlich brannten in Ben dieselben Fragen. Wer war FX? Was hatte er zu verheimlichen? Woher kam er wirklich? Was hatte er vor? Aber Ben wusste ebenso, dass sie diese Fragen erst zur rechten Zeit beantwortet bekommen würden. Daher hatte er schlichtweg beschlossen, das Beste aus der Situation zu machen und sich nicht mit wilden Spekulationen Kopfschmerzen zu bereiten. Schließlich war heute der erste Tag ihrer lang ersehnten und definitiv verdienten vorlesungsfreien Zeit.

Da es mit seinem rechten Arm in Gips nicht ging, griff FX mit der linken Hand hinüber zum Schalthebel und stellte die Automatik auf D.

„Oh, Automatik?”, fragte Ben überrascht. „Das hat aber bei so ‘nem Wagen Seltenheitswert …“ Er unterbrach sich selbst als er den vorwurfsvollen Blick von FX spürte.

„'tschuldigung. Das war gar keine Frage, das war eine wertungsfreie Feststellung!” Das wiederum quittierte FX mit einem lauten Lachen und buffte ihn mit seinem Gipsarm in die Seite.

„Aua!” Ben spielte das Spiel mit und rieb sich demonstrativ die Seite, obwohl der freundschaftliche Stupser wirklich nicht weh getan hatte.

Er sah aus dem Fenster und mit Entsetzen stellte er fest, dass sie seit einem Jahr die Universität nicht verlassen hatten. Ihr ganzes Leben hatte sich in den vergangenen zwei Semestern ausschließlich um das Studium und Lernen gedreht. Nicht einmal einen Spaziergang durch den Wald oder ähnliches hatten sie gemacht. Warum auch? Die Burg bot alles, was man in seiner Freizeit brauchte. Laufen war dort genauso gut möglich wie ungestörtes spazierengehen im Burggarten, ohne dass man ständig Kommilitonen begegnete. Es hatte schlichtweg keinen Grund gegeben, den Campus zu verlassen, weswegen die Vier bis zum heutigen Tag auch nichts vermisst hatten.

Gerade die ersten Kilometer um die Burg herum im Tal und durch den Wald waren eine wahre Holperstrecke. Die Burg war schon uralt und aus genau derselben Zeit stammten auch die Straßen, oder besser gesagt Wege. Den Belag Kopfsteinpflaster zu nennen, war noch geschmeichelt.

Doch im Wagen merkte man davon nichts. Weder Geräusche von außen drangen hinein, noch waren Vibrationen der Kopfsteine oder Schlaglöcher zu spüren. Mit nur einer Hand und gänzlich überhöhter Geschwindigkeit steuerte FX den Wagen in vollkommener Ruhe ohne große Lenkeingriffe durch die Kurven. Souverän saß er hinter dem Steuer und schien sich kaum auf die Straße zu konzentrieren, beteiligte sich viel mehr rege an den Gesprächen seiner Freunde. Man konnte den Eindruck haben, dass er diese Strecke tagein tagaus mehrmals täglich fahren würde, so entspannt saß er hinter dem Steuer.

„Diggi, Du fährst aber 'nen heißen Reifen.” Lediglich Ben als erster Vornesitzer konnte wirklich den Fahrstil von FX beurteilen. Die anderen hatten durch die ungewöhnliche Größe kaum eine Möglichkeit einen Blick auf die schlechte Straße oder gar den Tacho zu werfen.

Ben konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als FX zu ihm herüberschaute. Viel zu lange, wie jeder Fahrlehrer kritisieren würde. Dennoch nahm er es mit Gelassenheit, denn irgendwie wusste er, dass FX sie nicht in Gefahr bringen würde. Woher nahm er nur diese Zuversichtlichkeit? Ben war verwirrt über die eigenen Gedanken, die einander durch seinen Kopf jagten. Dieser FX ist schon ein geheimnisvoller Mensch. Eigentlich kannten sie einander gar nicht, und doch schaffte er es immer wieder, sie so in den Bann zu ziehen und einen Vertrauensvorschuss zu bekommen. Er legte seine Stirn in Falten und sponn die Gedanken weiter. Hatte FX jemals etwas über seine Familie erzählt? Wo er zur Schule gegangen war? Freunde? Erschrocken stellte Ben fest, dass er so gar nichts über FX wusste. Und dennoch fühlte er sich bei diesem großen Unbekannten erstaunlich wohl. Er spürte, dass FX sie sicher und sehr schnell an die Costa Brava bringen würde.

„Oh, wird dir schlecht?” Ein paar Sorgenfalten machten sich auf FX’ Stirn breit, während er Ben prüfend ansah.

„Nö, kein Stück. Hier drin würde ein Wackel-Dackel vor Langeweile sterben. Hier ruckelt ja nix!”

„Ja, der Wagen ist ganz gut gefedert. Auf der Autobahn wird das Gefühl besser, weil wir dann weniger Kurven fahren.”

Zerknirscht drehte sich Ben zu den Insassen im Fond um. „Er versteht es nicht.”

Dann öffnete er das Fenster und streckte den Kopf in den sommerlichen Fahrtwind. Mit einem Grinsen schloss er die Augen und ließ sich seine ohnehin durcheinander wirkende Skater-Mähne vom Wind so richtig verwirbeln. Tief atmete er die warme Waldluft ein. Endlich Ferien, endlich frei!

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