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Freibeuter der Meere

Teil 1

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Das Gemurmel im Thronsaal verstummte, als der Gesandte von Letrion nach vorne trat und sich mit elegantem Schwung vor der Königin verbeugte. Ungeduldig wedelte sie mit ihrem Fächer in der linken Hand. Der Graf von Torres-Garcia sollte endlich mit seiner Rede beginnen, wusste sie doch, dass es eine endlose Liste von Beschwerden sein würde.

Wie erwartet folgte eine Litanei über die nicht standesgemäße Unterkunft, unwillige britannische Bedienstete und die fehlende Ehrerbietung durch britannische Beamte, bis hin zu dem immer wieder vorgetragenen Wunsch, den wahren Glauben auch in diesem Land etablieren zu dürfen.

Die Rede plätscherte dahin, bis die Königin plötzlich aufmerksam wurde. Der Gesandte hatte diesmal etwas Neues auf Lager.

„… und so ersuchen wir Eure Majestät, etwas gegen das vermehrte Auftreten der Piraten zu unternehmen. Insbesondere die von Euch und Eurem verblichenen Vater ausgestellten Kaperbriefe wurden mehr als einmal dazu vorgeschoben, offen Piraterie zu betreiben, obwohl unsere Staaten sich unter Eurer Herrschaft und der unseres über alles geliebten Königs Alfonso III. einer wohl ausgeglichenen Beziehung erfreuen.“

Die Königin legte ihre Stirn in Falten und spielte mit ihrem Fächer.

„Mein lieber Graf. Die Beziehungen unserer Staaten sind schwerlich als ausgeglichen zu bezeichnen. Der Krieg zwischen uns ist zwar schon seit drei Jahren offiziell beendet, unsere Standpunkte haben sich jedoch keineswegs angenähert. Nehmt zum Beispiel euren Wunsch zur Missionierung in meinem Land. Aus welchem Grund sollte ich Priester in mein Land lassen, die unter dem Vorwand, einen Glauben der Liebe zu verbreiten, heilige Bäume fällen? Die alte Götter denunzieren, Bürger dazu anstiften Druiden zu ermorden und sich sogar erdreisten, die Hügel der Sidhe abtragen zu wollen?“

Zum Ende ihrer Rede hin war die Königin immer lauter geworden. Der Gesandte indes hatte sich aufgerichtet und sah sich entsetzt im Saal um. Einige Diplomaten anderer Staaten machten es ihm gleich, während die meisten britannischen Edelmänner nur leise lachten.

Der Hinweis auf die Sidhe mit ihrer unbestreitbar vorhandenen Magie verunsicherte die meisten Ausländer zutiefst, besonders, wenn sie gläubige Anhänger der Kirche der Reuigen Sünder waren, welche Magie auf das Schärfste verurteilte und verboten hatte.

Die Stimme der Königin wurde nun um einiges frostiger.

„Ihr kommt daher und bezichtigt Unsere Seeleute der Piraterie, ohne weitere Beweise vorzulegen. Dieselben tapferen Männer, die vor drei Jahren letrionische Galeeren vor Unserer Küste versenkt haben, die euer geliebter König beliebt hatte zu schicken, um Uns Unser Land zu nehmen. Oder liegt es eher daran, dass sie auf Unser Geheiß die Gestade der Neuen Welt erkunden, was natürlich Seine Majestät, König Alfonso weniger erfreut, denn wo sich eine britannische Niederlassung befindet, kann er nichts mehr holen.“

Es war still im Thronsaal geworden und so waren die nächsten Worte der Königin auch bis in die letzte Ecke deutlich zu verstehen.

„Teilt eurem Herrscher mit, dass Wir beabsichtigen, Unsere Aktivitäten in der Neuen Welt noch weiter auszudehnen.“

Das Gesicht des letrionischen Gesandten war inzwischen rot angelaufen.

„Aber Euer Majestät! Die Gestade der Neuen Welt wurden vom Theokraten Letrion und Rota zugesprochen.“

„Der Theokrat hat Uns nicht gefragt. Möglich, dass sich der Anführer einer, wie auch immer gearteten, Glaubensgemeinschaft zu religiösen Dingen äußern kann, in der Politik hat er jedoch nichts verloren. Ihr dürft euch zurückziehen, Torres.“

Den Namen des Grafen derart zu verunstalten und ihm gar seinen Titel vorzuenthalten, war ein grober Verstoß gegen die Etikette, der sehr wohl bemerkt wurde. Anscheinend hatten sich die Beziehungen zwischen Britannica und Letrion soeben deutlich verschlechtert.

Mit bestürztem Gesicht blieb dem Gesandten nichts weiter übrig, als sich zu verbeugen und langsam zum Ausgang zurückzuziehen.

Mit grimmigem Blick sah die Königin in die Runde. Im Audienzsaal waren gut einhundert Personen, britannische Adlige, ausländische Diplomaten und Besucher, Bürger mit Petitionen und natürlich die Leibwache der Königin.

„Die Audienz ist beendet. Woolridge, folgt mir!“

Der Lordkanzler, der neben dem Thron auf der kleinen Empore gestanden hatte, zuckte zusammen.

„Aber Euer Majestät, die Petitionen.“

„Kostet es Geld, ist es abgelehnt. Falls es kein Geld kostet, kann sich Lord Evesborough darum kümmern. Als Lordoberrichter wird er dazu ja wohl in der Lage sein.“

Schnell erhob sich die Königin, was alle im Saal zu einer Ehrerweisung veranlasste. Mit ausgreifenden Schritten und gerafften Röcken eilte die Königin hinüber in den leeren Kabinettssaal. Hier gab sie ihre höfische Haltung auf. Sie fuhr zum Lordkanzler herum.

„Woolridge, was soll das Gerede über Piraten? Gibt es Hinweise darauf, dass Kapitäne, denen ich einen Kaperbrief ausgestellt habe, diesen als Vorwand für Piraterie nutzen?“

„Nun, ja, Euer Majestät, nicht direkt.“

„Was heißt hier, nicht direkt? Ja oder nein?“

Der Lordkanzler in seiner schwarzen Robe zögerte.

„Es gibt wohl den Bericht eines letrionischen Seemannes, der aus Seenot gerettet wurde und der behauptet hat, sein Schiff sei von einem Schiff unter britannischer Flagge angegriffen worden. Danach hätte dieses einen großen Teil der Fracht gestohlen und danach das letrionische Schiff versenkt. Alle kamen dabei um, bis auf ihn.“

„Das ist doch Schwachsinn. Wenn ich jemanden versenke, mache ich das bestimmt nicht unter wehender Flagge. Sendet mit dem nächsten Schiff eine Depesche nach Kingstown. Ich will wissen, was dort drüben los ist.“


Kingstown war die älteste Ortschaft des britannischen Königreiches in der Neuen Welt. Schon zu Zeiten von Harold VII., dem Großvater der jetzigen Königin, war Kingstown gegründet worden. Es folgten im Laufe der Jahre noch weitere Siedlungen, doch Kingstown blieb die Bedeutendste, war sie doch auch Sitz des Gouverneurs von New Anglia. Ein Name, den die ersten Kolonisten dem ganzen Gebiet gegeben hatten, in Anlehnung an ihre alte Heimat.

Im Hafen von Kingstown ging es äußerst geschäftig zu. An der großen Pier lagen das regelmäßig erscheinenden Versorgungsschiff der königlichen Kolonialgesellschaft und etliche kleinere Küstensegler. Draußen lag neben Harbour-Island eine Fregatte der britannischen Marine vor Anker, um die Sicherheit des Hafens zu Gewährleisten. Und gerade im Moment war ein weiteres Handelsschiff dabei, an der kleineren Nordpier festzumachen. Der Gouverneur von Kingstown stand auf dem Balkon der, in seinen Augen leider schmucklosen Residenz und sah nachdenklich hinüber. Wortlos reichte er seinem hinter ihm stehenden Sekretär das zusammengeschobene Fernglas. Der Gouverneur wandte sich kurz zu ihm um.

„Mal etwas anderes als die verdammten Letrioner oder diese schmierigen Rotaner. Aber ausgerechnet die FAIRYTALE?“

„Nun ja, Sir Archibald. Die FAIRYTALE hat den Ruf, eine etwas exzentrische Besatzung zu haben, aber sie ist immer noch einer der erfolgreichsten Freibeuter im Dienste Ihrer Majestät.“

„Exzentrisch? Am Arsch, Bowles. Ich will gar nicht wissen, was da an Bord los ist.“

Der Gouverneur räusperte sich laut.

„Aber ihr habt Recht. Zumindest was die Fähigkeiten als Freibeuter betrifft. Ich frage mich, ob wir den Kapitän mit der Lösung unseres kleinen Problems beauftragen könnten. Immerhin ist er ja Seemann und es sollte auch in seinem Interesse sein, wenn er herausbekommt, was geschehen ist.“

Jeremy Bowles seufzte innerlich. Er war schon seit über zwanzig Jahren der Sekretär von Sir Archibald, Baronet Whistlethorpe. Er kannte inzwischen die Eigenarten seines Herrn. Wenn der, wie er es formulierte, sich etwas fragte, dann war es schon beschlossene Sache.

„Bowles, schicken sie eine Einladung. Sagen wir… zum Dinner. Heute Abend um acht. Das reicht für die Vorbereitungen. Ah ja, es soll ja irgendwie offiziell aussehen. Schreiben sie in die Einladung, er kann einen seiner Offiziere mitbringen. Hmpf. Hoffentlich wird das nicht peinlich. Lady Whistlethorpe werde ich gleich selbst informieren. Ich nehme ja nicht an, dass sie zu diesem Dinner extra ein paar Damen einladen muss.“

Mr. Bowles grinste in sich hinein. Er freute sich insgeheim auf ein Treffen mit dem Kapitän der FAIRYTALE. Denn im Gegensatz zu Sir Archibald wusste er ganz genau, wer dieser Kapitän war. Dennoch überraschte ihn der Gouverneur mit einer letzten gemurmelten Bemerkung.

„Müssen wohl extra ein paar junge Herren einladen. Hmpf.“


Daniel Hansom drehte erstaunt die Depesche in seinen Händen, die ein Bote kurz zuvor an der Gangway der FAIRYTALE abgegeben hatte.

Captain Daniel Hansom, S/S FAIRYTALE stand lediglich auf dem Umschlag.

Als der Captain das Siegel kontrollierte, erkannte er das Wappen der Kolonie New Anglia. Nur ein Mann war berechtigt, dieses Siegel zu führen und der saß drüben in dem Herrenhaus auf dessen Dach die Flagge von Britannica auswehte.

Als Daniel Hansom einen weiteren Umschlag entnahm, pfiff er leise durch die Zähne.

The Right Honourable Lord Hansom, Earl of Scythe, Baronet of Clanbury.

Da hatte jemand seine Hausaufgaben gemacht. Normalerweise achtete der Captain darauf, dass so wenig wie möglich Leute von seiner Identität wussten.

Der Inhalt des Schreibens war noch viel merkwürdiger. Eine Einladung zu einem informellen Dinner am heutigen Abend. Das war mehr als ungewöhnlich. Ein solches Dinner beschränkte den Kreis der Teilnehmer auf nur wenige Gäste und war ganz gewiss kein gesellschaftliches Ereignis.

Daniel Hansom betätigte eine kleine Tischglocke. Erst nach geraumer Weile erschien ein Mann in der Livree eines Kammerdieners und verbeugte sich knapp.

„Verzeihung, Euer Lordschaft, aber ich war gerade in der Pantry.“

„Macht nichts, Sedgewick. Ich bitte den Ersten Offizier zu mir. Ich bin heute Abend zum Dinner beim Gouverneur. Nur die Uniform.“

Dann, mit einem kurzen Blick auf die Einladung ergänzte er lächelnd.

„Und dann können sie Seekadett Young ausrichten, dass er mich heute Abend begleiten wird.“

Der Kammerdiener verzog keine Miene, verbeugte sich nur wieder kurz.

„Sehr wohl, Euer Lordschaft.“


„Mein lieber Captain Hansom. Ich freue mich, dass sie meiner Einladung so kurzfristig folgen konnten.“

Sir Archibald und seine Gattin begrüßten die Besucher in der Eingangshalle. Daniel Hansom hatte in seiner Antwort klar gemacht, dass er nur in seiner Eigenschaft als Kapitän der FAIRYTALE erscheinen würde.

„Ich bin erfreut ihre Bekanntschaft zu machen. Sir Archibald, Mrs. Whistlethorpe. Dies ist Mister Young. Er macht bei uns an Bord eine Ausbildung und ich hoffe, dass er schon im nächsten Jahr seine Prüfung beim Navy Board ablegen kann.“

Lady Whistlethorpe beäugte neugierig den jungen Mann, der in der merkwürdigen violetten Uniform und mit seinen unbändigen dunkelblonden Locken etwas unsicher und schüchtern aussah.

Captain Hansom hatte sich ebenfalls mit seiner Uniform begnügt, die zu diesem Anlass allerdings weiße Kniehosen und Strümpfe zu den schwarzen Schnallenschuhen vorsah. Der Gehrock war ganz der Navy nachempfunden, aber eben nicht in blau sondern in tiefem violett. Der einzige Schmuck den sich der Captain erlaubt hatte, war ein Ordensstern auf seiner rechten Seite.

„Wenn sie mir bitte folgen wollen.“

Es ging von der Eingangshalle direkt in den Speisesaal.

„Ich möchte ihnen die weiteren Gäste des heutigen Abends vorstellen. Mister Allen White, Chief Constable unserer kleinen Kolonie und sein Sohn, David.“

Der Chief Constable war ein großgewachsener, breitschultriger Mann, der sich in dem Gehrock, in den er sich gezwängt hatte, deutlich unwohl fühlte. Daniel Hansom wunderte sich ein wenig, warum ausgerechnet der Polizeichef der Kolonie zu diesem Dinner geladen worden war.

David White war etwa sechzehn oder siebzehn Jahre alt und das genaue Gegenteil seines Vaters. Sehr schlank und er trug den Anzug mit dem kurzen Jackett sehr souverän. Neugierig musterte er Liam.

„Meine Herren, Captain Hansom und äh, Mister Young.“

Nach den üblichen Verbeugungen meldete sich nun auch Lady Whistlethorpe.

„Ich darf die Herren dann gleich zu Tisch bitten.“

Der Hausherr hatte am Kopfende der kleinen Tafel Platz genommen und Captain Hansom fand sich zu seiner linken wieder, genau gegenüber der Dame des Hauses. Zu seiner linken saß der Chief Constable mit Liam Young gegenüber. David White hatte man gnädiger Weise neben Liam platziert.

Das Essen war gut und reichhaltig, enthielt aber keine Höhepunkte, wie man sie bei einem offiziellen Dinner gereicht hätte. Daniel Hansom fiel auf, dass viele der Gerichte aus Zutaten gemacht worden waren, die es hier in der Neuen Welt gab.

„Das müssen sie unbedingt probieren, My… äh, Captain. Dieser Braten stammt von einem einheimischen Tier, einem Waschbären, oder Raccoon, wie die Eingeborenen sagen.“

Liam wurde etwas blass, doch der Blick, den der Captain ihm über den Tisch zuwarf, ließ ihn alle Bedenken vergessen.

„Oder nehmen sie noch etwas von dem Gemüse. Diese Kolben werden gedünstet und dann abgeknabbert. Dazu darf man sie dann sogar in die Hand nehmen.“

Lady Whistlethorpe kicherte ein wenig.

Das Dessert war ebenso wenig spektakulär wie das Essen, aber es stammte gleichfalls aus der Neuen Welt. Das orangefarbige Mus sah irgendwie merkwürdig aus.

„Es ist eine ziemlich große Frucht. Die Eingeborenen haben verschiedene Bezeichnungen dafür. Wir nennen sie Squash.“

Nach einem misstrauischen Blick probierte Liam auch hiervon und war dann doch begeistert.

Nach einem deutlichen Wink ihres Ehemannes erhob sich Lady Whistlethorpe.

„Meine Herren, ich werde mich dann ein wenig zurückziehen. Der Salon steht ihnen offen.“

Die Herren erhoben sich pflichtschuldigst und als die Dame sich zurückgezogen hatte, wandte sich der Gouverneur an Daniel Hansom.

„Captain Hansom, wie sich sicher denken können, ist dieses Dinner nicht nur eine Einladung zu einem Höflichkeitsbesuch. Ich möchte gerne etwas mit ihnen besprechen, was leider keinen großen Aufschub duldet. Und was auch nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt ist.“

Daniel Hansom hob die Augenbrauen. Jetzt kommen wir also zum wahren Grund meines Hierseins.

„Wenn sie mir bitte zusammen mit dem Chief Constable in den Salon folgen würden. Oh, ich nehme an, die beiden jungen Herren werden wohl ein gemeinsames Thema zur Unterhaltung finden.“

Chief Constable White warf seinem Sohn einen undefinierbaren Blick zu. Den Blick den dieser Liam zuwarf, ließ Daniel Hansom fast auflachen. Die beiden würden ganz sicher ein gemeinsames Thema finden.

Im Salon bediente der Gouverneur höchst selbst seine Gäste. Als sich alle niedergelassen hatten, räusperte er sich.

„Um es kurz zu machen, eines unserer Schiffe ist verschwunden. Es ist seit einer Woche überfällig und ich habe die Befürchtung, es ist nicht in ein Unwetter geraten.“

„Was veranlasst euch zu dieser Vermutung, Sir Archibald?“

„Nun, zum einen ist der Kapitän ein sehr umsichtiger Mann. Dann natürlich die Wettermeldungen. Keines der Schiffe, die Kingstown angelaufen haben, hat etwas von einem Sturm berichtet. Ihr seid doch auch über den nördlichen Ozean gekommen. Habt ihr etwas von einem Sturm bemerkt?“

Captain Hansom verneinte.

„Dann natürlich der Passagier. Wir erwarten einen Abgesandten aus Lonlothian, der sich das Bergmassiv nordwestlich von hier ansehen sollte. Möglicherweise hat man es ja auf ihn abgesehen.“

Daniel Hansom hob die Augenbrauen.

„Darf ich fragen, warum? Einen Bergmann wird man doch nicht entführen wollen.“

Der Gouverneur seufzte nur und schüttelte den Kopf. Die Antwort kam diesmal vom Chief Constable.

„Er ist kein Bergmann. Er ist Magier. Ein Affinitätsmagier, der uns sagen sollte, ob in den Bergen genug Erze sind, die es lohnt abzubauen. Falls das der Fall sein sollte, hätten wir hier in Kingstown eine Mine und die Verhüttung errichtet. Wir wären unabhängig von den Eisenlieferungen aus Britannica, ja wir könnten vielleicht sogar exportieren.“

„Ein Magier? Hier? Fast unter den Augen der Letrioner? Ich muss sagen, die Idee ist reichlich mutig. Wenn die Inquisition das mitbekommt, ist er seines Lebens nicht mehr sicher. Nicht einmal hier in Kingstown.“

„Das ist es ja gerade. Wir haben versucht, alles geheim zu halten, doch irgendetwas scheint schief gegangen zu sein.“

„Sieht ganz so aus. Was also wollen sie nun genau von mir?“

„Nun, vielleicht wäre es ja einem Mann mit euren Beziehungen und Kontakten in vielen Häfen der tausend Inseln möglich, eine Information zu bekommen, ob der junge Mann irgendwo aufgetaucht ist. Selbst die Inquisition kann so etwas nicht gänzlich verbergen.“

„Sie scheinen ein großes Vertrauen in meine Beziehungen zu setzen. Für viele bin ich nur ein Kaufmann, für einige ein erfolgreicher Freibeuter und für wenige ein skrupelloser Pirat. Aber wenn…, Moment, sie sagten gerade: Junger Mann? Ich war von einem ausgebildeten Magier, vielleicht einem Druiden, ausgegangen.“

Jetzt schien auch der Chief Constable etwas in sich zusammen zu sacken.

„Ja. Um genau zu sein, handelt es sich um Clyde Cameron, den jüngsten Sohn des Herzogs von Lonlothian.“

Daniel Hansom setzte sich ruckartig auf.

„Meine Herren, wir sind schon so gut wie unterwegs.“

Der Gouverneur warf dem Chief Constable einen bezeichnenden Blick zu. Siehst du, schien er zu sagen, ich habe es dir doch gesagt.

Draußen in der Eingangshalle rief der Captain nach Liam. Es dauerte einen Moment, bis die jungen Herren die Treppe herunterkamen. Bei beiden schienen die Haare etwas zerzaust zu sein und Liam hatte hektische Flecken im Gesicht. Daniel Hansom kontrollierte unauffällig den Anzug der beiden, konnte aber keine Fehler entdecken.

Nach einer sehr kurzen Verabschiedung machten sich der Captain und der Midshipman wieder auf den Weg zurück zum Schiff.

„Hab‘ ich euch bei etwas gestört?“

Liam lief nun wirklich rot an.

„Nein. Es war schon alles vorbei. David hat so selten eine Gelegenheit und da ging es eben sehr schnell.“

„Ach so? Ich hoffe, du hast dich an die Regeln gehalten.“

Liam nickte beflissen.

„Er hat mich gefragt. Ganz einfach so. Ob es auf der FAIRYTALE tatsächlich so zuginge, wie man sich heimlich erzählte.“

Daniel Hansom lachte laut.

„Also hat man auch hier schon von uns gehört.“

„Ja. Und noch etwas. David ist Sekretär in der Verwaltung der Kolonie. Das Schreiben mit der Ankündigung des Magiers ist ganz normal als Depesche mit dem Postschiff hier eingetroffen. Danach wurde es zweimal handschriftlich kopiert. Das Original hat der Gouverneur erhalten, die erste Kopie der Chief Constable. Die zweite Kopie war in der geheimen Ablage. Und die ist jetzt weg.“

„Was? Das bedeutet, sie haben einen Maulwurf in der Verwaltung. So ein Mist. Wir müssen sehen, dass wir so schnell wie möglich loskommen.“


Im Hafen von San Christofero lagen mehr Schiffe als üblich vor Anker. Alle zwei Monate fand hier eine der größten Versteigerungen der rotanischen Kolonien statt.

Der große Platz vor dem Gouverneurspalast der Insel war schon seit mehreren Tagen von den Wachen mit einem halbhohen Holzzaun abgesperrt und bewacht worden. Direkt vor dem Gebäude war eine hölzerne Plattform errichtet worden, mit je einer Treppe links und rechts. Vor der Absperrung drängelten sich die Menschenmassen, trotz der inzwischen schon hochstehenden Sonne.

Es waren die üblichen Gaffer, neugierige Hafenarbeiter, kleine Händler und manchmal auch Interessierte, die jedoch nicht genug Geld besaßen, um zugelassen zu werden. Für die besser situierten Gäste waren innerhalb der Absperrung links und rechts des pompösen Springbrunnens mehrere Reihen Stühle aufgestellt worden. Dort saßen jetzt gut zwei Dutzend Männer aus den unterschiedlichsten Ländern, einige in prächtigen Gewändern, andere in streng geschnittenen Uniformen und wieder andere in der fantasielosen Kleidung ehrgeiziger Kaufleute. Fast jeder dieser ehrenwerten Herren wurde von einem oder mehreren Dienern begleitet, die ihnen, je nach Vorlieben, eine Erfrischung reichten, Ratschläge gaben oder in der Manier von Leibwächtern das Treiben ringsum beobachteten.

„Nun, was ist jetzt? Bist du sicher, dass dein Informant uns die Wahrheit erzählt hat?“

zischte die nun wieder für den Borddienst uniformierte Erscheinung von Captain Daniel Hansom seinem Nebenmann zu.

„Absolut. Er ist zu hundert Prozent vertrauenswürdig.“

Noch immer nicht ganz überzeugt, sah sich der Captain um. Die zahllosen Kontakte und Geschäftsbeziehungen von Miles Redcliff hatten sie schlussendlich hierhergeführt. Daniel Hansom wunderte sich immer noch, wie ein britannischer Adliger auf einer Sklavenauktion enden konnte.

„Sicher?“

„Ja, Sir. So jemanden werden selbst die Rotaner nicht gerade öffentlich inserieren. Wenn es offiziell bekannt wird, kriegen sie Ärger mit Britannica. Sie wissen genau, wie die Einstellung unseres Landes zur Sklaverei ist.“

Daniel Hansom nickte und überlegte, was den rotanischen Gouverneur von San Christofero zu diesem Schritt bewogen haben mochte.

Captain Hansom hoffte, dass die Informationen richtig waren und dieser verschwundene Sohn des Herzogs von Lonlothian tatsächlich hier verkauft werden sollte. Der Sklavenhandel in der Neuen Welt war von den Rotanern schon kurz nach ihrer Ankunft hier etabliert worden, umfasste aber hauptsächlich die Ureinwohner der Inseln und der beiden großen Kontinente im Norden und Süden. Ein Verkauf von Bürgern der sieben großen Staaten war selten und auch auffällig. Erst recht der eines Bürgers von Britannica. Dem Gouverneur musste doch klar sein, dass er die britannische Königin damit verärgerte und die Beziehungen der Republik Rota zu Britannica aufs Spiel setzte.

Nachdenklich betrachtete der Captain seine Mitbewerber. Die meisten schienen Plantagenbesitzer von den Inseln, einige auch Kaufleute aus Arlemande oder Rota zu sein. Dazwischen ein oder zwei Adlige aus Herblonde und Letrion. Mit einigem Erstaunen und auch Neugier, bemerkte Captain Hansom jetzt in den hinteren Reihen zwei Männer, die in lange schwarze Umhänge gekleidet waren und die Kapuzen trotz der Hitze über den Kopf gezogen hatten.

Was machen die denn hier? Irgendetwas stimmt hier nicht.

Der Captain wurde durch die laute Stimme des Auktionators aus seinen Gedanken gerissen.

„Ehrenwerte Herren. Wir kommen nun zum letzten Punkt unserer heutigen Versteigerung.“

Der Mann in den schreiend bunten Kleidern machte eine dramatische Pause.

„Es folgen die privaten Haussklaven.“

Ein Murmeln ging durch die Reihen der Zuschauer. ‚Private Haussklaven‘ war die beschönigende Umschreibung für Sklaven, die wegen ihres gefälligen Aussehens nicht zur Arbeit, sondern eben mehr für ‚private Zwecke‘ verkauft wurden. So landeten diese eben nicht auf den Feldern der Plantagen, sondern in den Betten ihrer Herren oder auch Herrinnen.

Captain Hansom hatte befürchtet, dass sein Ziel möglicherweise unter diesen Sklaven zu finden war, denn hier wurden schon eher Personen versteigert, die nicht zu den Ureinwohnern der Tausend Inseln zählten.

Die weiblichen Sklaven waren bereits am gestrigen Tag versteigert worden und der ganze Vormittag hatte sich mit dem Verkauf von Arbeitssklaven hingezogen. Captain Hansom bedauerte die unglücklichen Ureinwohner der Neuen Welt, die für diese Zwecke eingefangen worden waren. Trotz aller Vorsicht gelang es Sklavenjägern an den Küsten des südlichen und nördlichen Kontinents jeden Monat hunderte der dortigen Eingeborenen einzufangen. Auf den Inseln selbst lebten schon längst keine freien Eingeborenen mehr.

Ein gutes Dutzend von ihnen wurde jetzt auf die Bühne getrieben und musste sich den prüfenden Blicken der Kundschaft stellen. Sie waren an Händen und Füßen mit kurzen Ketten gefesselt und trugen nur einen knappen Lendenschurz.

„Ist er hier dabei?“ flüsterte der Captain seinem Nebenmann zu.

„Ich spüre nichts. Selbst wenn er magisch begabt ist, kann man erst etwas merken, wenn die Magie aktiviert wird.“

Und das würde der Junge bestimmt nicht tun, wenn ihm sein Leben lieb war. Nirgendwo außerhalb von Britannica war Magie offiziell erlaubt. In Letrion verfolgte sogar die Inquisition alle magisch Begabten, um sie auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen.

Der Captain war mehr als froh darüber, dass er hier die magische Begabung von Miles Redcliff nutzen konnte. So wenig spektakulär sie auch war, er war fähig, aktiv ausgeübte Magie zu erkennen und die Art der Magie zu bestimmen.

Magier waren selbst in Britannica selten. Die meisten machten eine Ausbildung zum Druiden oder waren in den Diensten der Königin oder anderer hoher Herren. Einige widmeten sich jedoch auch weniger legalen Zielen. So hatte der Captain Miles kennengelernt.

Daniel Hansom setzte seinen Rundblick fort. Er hatte gedacht, er würde einen der seltenen Besucher aus Ruslana erblicken, doch anscheinend interessierten sich diese nicht für die Auktion. Die adligen Grundbesitzer von Ruslana verkauften auch eher Sklaven, als dass sie kauften.

Die Bewohner von Isafjord hatten eine andere Vorstellung von Sklaven. Sie wurden weder gekauft, noch verkauft, sie waren der alleinige Besitz desjenigen, der sie bei einem Beutezug einfing oder nach einem Kriegszug zugeteilt bekam.

Die anderen großen Staaten hatten Regelungen, die ihre eigenen Traditionen wiedergaben. In Arlemande zum Beispiel konnte ein Gericht jemanden zum Dasein als Sklave verurteilen, der dann jedoch dem Staat gehörte und nicht verkauft werden durfte.

Daniel Hansom hatte, auf Grund eigener Erfahrung, eine deutliche Abneigung gegen Sklaverei.

Die insgesamt vierzehn Sklaven, die jetzt auf der Bühne standen waren erkennbar Eingeborene. Ausnahmslos gutaussehende junge Männer. Hansom konnte sogar die vier vom Nordkontinent stammenden Eingeborenen von denen des Südens unterscheiden. Alle standen teilnahmslos mit gesenkten Köpfen da und schienen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. Daniel Hansom schüttelte fast bedauernd den Kopf.

Captain Hansoms Aufmerksamkeit wurde wieder auf die Bühne gelenkt, als nach der Versteigerung der Eingeborenen weitere Sklaven dort hochgetrieben wurden. Die Vier waren offensichtlich Bürger aus den sieben Staaten, obwohl der Auktionator dies mit keinem Wort erwähnte.

„Da ist etwas. Fast, als ob etwas dauerhaft aufrechterhalten wird. Aber ganz schwach. So etwas hab‘ ich noch nie gespürt.“

Daniel Hansom musterte die vier Personen nun genauer.

Der erste war ein gutaussehender junger Mann, etwa um die zwanzig. Er war braungebrannt und muskulös, möglicherweise ein Bauernsohn aus Arlemande, wobei sich Captain Hansom wiederum die Frage stellte, wie der Sklavenmarkt hier auf San Christofero zu diesen Leuten gekommen war.

Um den Preis in die Höhe zu treiben, ließ der Auktionator durch einen Aufseher bei dem Sklaven auch den Lendenschurz entfernen. Daniel Hansom pfiff leise durch die Zähne. Den hätte er auch nicht aus seiner Kajüte gewiesen. Doch heute war er ja hinter etwas gänzlich Anderem her.

Die nächsten beiden waren Zwillinge, dem Aussehen nach möglicherweise aus Rota oder aus Letrion und der Auktionator versuchte, sie gemeinsam zu versteigern, was ihm auch gelang. Jetzt war Daniel Hansom erst recht verstimmt. Die beiden Jungen waren allerhöchstens vierzehn und hätten seiner Ansicht nach niemals versteigert werden dürfen; und wenn, dann höchstens als Arbeitssklaven, niemals jedoch als ‚Private Haussklaven‘.

Eine gute Stunde nach Auktionsbeginn hatte sich die Bühne bis auf die letzte Person geleert. Es war ein etwa sechzehn oder siebzehn Jahre alter junger Mann mit einem kupferroten, dichten Haarschopf und Sommersprossen. Er hatte eine schlanke Gestalt, war aber nicht etwa dünn, wie viele Jungen in seinem Alter, sondern man konnte schon eine gut entwickelte Muskulatur erkennen. Wenn er raten sollte, würde Captain Hansom sagen, dass der Junge ein Waffentraining hinter sich hatte. Das würde gut zu der Beschreibung seiner Zielperson passen.

„Und hier, meine Herren, unser letztes Angebot für heute. Ein letrionisches Handelsschiff wurde von einem britannischen Piratenschiff angegriffen und konnte dieses glücklicherweise erfolgreich versenken. Dieser junge Mann ist der einzige Überlebende. Da er darauf besteht, ein Passagier gewesen zu sein und nicht bewaffnet war, hat der Gouverneur von San Christofero ihn begnadigt, mit der Maßgabe, ihn als Sklaven zu verkaufen. Ein Sonderangebot für nur 60 Dublonen.“

Daniel Hansom war mehr als erstaunt, dass der Auktionator diese Hintergrundgeschichte öffentlich erzählte. Sollte jedermann mit der Nase darauf gestoßen werden, dass der rotanische Gouverneur einen Weg gefunden hatte, die Königin von Britannica zu verärgern? Außerdem – fragte sich niemand, wie es einem letrionischen Handelsschiff gelungen war, ein britannisches Piratenschiff zu versenken?

Das zunächst aufkommende erregte Gemurmel wurde durch Gelächter abgelöst, welches den Auktionator das Gesicht verziehen ließ. Der Preis war unverschämt hoch. Die Zwillinge waren für 30 Dublonen weggegangen – beide zusammen.

„Was denn? Er ist jung und gesund und Rothaarige sollen auch ganz schön rangehen.“

„Warum lässt du ihm dann nicht den Lendenschurz abnehmen? Oder lohnt sich das nicht?“

Bei dem wiedereinsetzenden Gelächter gab der Auktionator dem Aufseher einen Wink. Interessiert stellte Captain Hansom fest, dass der rothaarige Sklave bei der Erwähnung seines Lendenschurzes rot im Gesicht geworden war. Auch schien den hellen Oberkörper eine leichte Röte zu überziehen. War der Junge etwa schüchtern?

Auf einmal gab es auf der Bühne ein kleines Handgemenge. Der Junge wehrte sich gegen den Aufseher, doch mit gekonntem Griff zog dieser ihm den Lendenschurz ab. Sofort brachte der Junge seine Hände nach vorne, doch mit ein paar geschickten Handgriffen und einem brutalen Ruck wurden die Arme nach hinten gezogen und dort mit der kurzen Kette wieder fixiert. Mit gesenktem Kopf und hochrotem Gesicht stand der Junge jetzt auf der Bühne.

„Das ist er. Es gab einen Ansatz, aber den hat er sofort abgebrochen. Von dem, was ich gespürt habe, wäre die Sache sehr unfein geworden.“

Captain Hansom sah Miles fragend an.

„Feuer.“

Etwas erstaunt schüttelte der Captain den Kopf und sah interessiert wieder zur Bühne. Was er dort sah, hätte der Junge nun wirklich nicht zu verstecken brauchen. Der Auktionator sah erwartungsvoll in die Runde.

„Sechzig Dublonen, Gentlemen. Das ist ein günstiges Angebot.“

„Was? Für so einen blassen Hering? Ich biete Sechs!“

Wieder brandete Gelächter auf, als der Auktionator sich gekonnt ans Herz griff.

„Ich bitte euch. Das ist doch kein Angebot. Er ist vielleicht etwas schüchtern, aber wer weiß, wenn er erst mal richtig eingeritten ist…“

Es kamen weitere anzügliche Kommentare aus dem Publikum, während Captain Hansom unauffällig den Jungen auf der Tribüne beobachtete. Der hielt immer noch seinen Kopf gesenkt, doch selbst auf diese Entfernung bemerkte der Captain die zornigen Blicke, die der Junge dem Auktionator zuwarf. Anscheinend verstand er ganz gut, was vor sich ging, obwohl die ganze Auktion in letrionisch abgehalten wurde, der universalen Sprache der Neuen Welt.

Die Kommentare versiegten allmählich, aber es machte niemand ein Gebot. Für diesen Preis bekam man ohne weiteres drei Küchensklaven. Daniel Hansom hob langsam die Hand.

„Ja? Ein Gebot von dem Herrn in Flieder?“

Captain Hansom straffte seine Gestalt und verzog sein Gesicht.

Die Farbe ist Violett, nicht Flieder, du Idiot‘.

„Nein. Ich möchte ihn nur einmal von hinten sehen.“

Mit einer Stimme wie auf dem Achterdeck bei Sturm, war er auf dem ganzen Vorplatz gehört worden. Der Auktionator erbleichte sichtlich und rang die Hände.

„Aber warum denn? Es ist doch alles zu sehen, was es gibt.“

Hansom ließ sich nicht beirren.

„Umdrehen!“

Seufzend gab der Auktionator dem Aufseher einen Wink. Der Aufseher packte den Jungen an den Schultern, drehte ihn um und ein Schweigen fiel über die Menge.

Im Normalfall wurden so teure Sklaven nicht bis zum Schluss gelassen. Solche Ware, gerade zu diesem Preis, wurde eigentlich zuerst angeboten, wenn die Käufer noch genug Geld hatten.

Wie vermutet, waren auf der hellen Haut die Spuren von Peitschenhieben zu erkennen. Was war dem Jungen geschehen, dass er solche Striemen trug? Was hatte den Auktionator veranlasst, seine Ware derart zu behandeln, dass der Preis deutlich sinken musste? Oder war es gar nicht der Auktionator gewesen? Insgeheim bewunderte Daniel Hansom den Jungen, dem es gelungen war, trotz seiner Misshandlungen seine Magie weiterhin unter Kontrolle zu halten.

Im Kopf überschlug der Captain die Preise der anderen Sklaven.

„Ich biete Zwanzig!“

Der Auktionator starrte Hansom an, wusste nicht, ob das Gebot ernst gemeint war oder nicht.

„Aber… aber, das Mindestgebot lautet auf – äh… Sechzig.“

„Aber nicht in diesem Zustand.“

Die hellroten Peitschenhiebe waren deutlich erkennbar. Sie konnten erst ein paar Tage alt sein. Es musste hier auf San Christofero passiert sein. Wahrscheinlich im Gefängnis. Hatte man ihn gefoltert? Was hatte der Junge gemacht?

„Aber guter Herr. Das verheilt doch alles wieder. In kurzer Zeit ist nichts mehr zu sehen.“

Hansom knirschte wütend mit den Zähnen. Wollte ihn der Kerl verarschen? Nichts mehr zu sehen? Seit über zehn Jahren trug er solche Narben auf dem Rücken. Doch wenn er sich Ruhig verhielt, konnte er vielleicht schnell sein Geschäft abschließen.

„Nun gut. Ich werde großzügig sein und nehme ihn für Dreißig.“

Der Auktionator rang die Hände und machte ein verzweifeltes Gesicht, bis plötzlich eine Stimme im Hintergrund ertönte.

„Vierzig!“

Hansom brauchte sich nicht umzudrehen, wie die meisten der Anwesenden. Er wusste, es konnte nur einer der beiden Männer in ihren schwarzen Kapuzenmänteln gewesen sein.

„Fünfzig.“

Freudig rieb sich der Auktionator die Hände. Das schien ja doch noch ein gutes Geschäft zu werden.

„Sechzig.“

„Siebzig.“

Captain Hansom flüsterte seinem Begleiter etwas zu und dieser verschwand eilig in Richtung Ausgang.

„Achtzig.“

So, so. Da möchte also noch jemand einen unscheinbaren britannischen Jungen unbedingt als Haussklaven haben. Die beiden sehen nicht sehr Vertrauen erweckend aus, nicht einmal hier auf einer solchen Auktion‘.

„Neunzig.“

Als Captain Hansom sich umdrehte, um zu sehen ob seine Leute eintrafen, bemerkte er, wie die beiden Männer in ihren langen Umhängen hektisch miteinander flüsterten. Da schien wohl nicht alles so glatt zu laufen.

„Einhundert.“

Hansom seufzte. Es hätte alles so einfach sein können und dann kamen diese Deppen dazwischen. Als er seine Leute sich nähern sah, hob er noch einmal die Hand.

„Einhundertzehn!“

Langsam setzte ein leises Gemurmel bei den Zuschauern ein und der Auktionator rieb sich schon die Hände bei diesem doch noch erfolgreichen Geschäft. Etwas enttäuscht sah er hinüber, als sich die beiden verkleideten Männer erhoben und schnellen Schrittes den Platz verließen. Ohne große Hoffnung setzte er die Auktion fort.

„Noch jemand, der mitbieten möchte?“

Als alle schwiegen, hob er die Schultern und sah zu Captain Hansom herab.

„Für Einhundertzehn Letrionische Dublonen an den Gentleman in Lila. Ihr wisst, Sir, dass ihr sofort bezahlen müsst, sonst verfällt euer Gebot.“

In seiner Stimme schwang etwas die Angst mit, der Mann in der auffälligen Uniform könnte kein Geld haben, oder hatte ihn mit seinem Gebot zum Narren gehalten.

Hansom wartete, bis sich eine Gruppe von sechs Matrosen durch die Menge gedrängelt hatte. Zwei von ihnen schleppten eine Kassette in ihrer Mitte. Diese stellten sie jetzt auf seinen Wink hin vor das Podest. Hansom bückte sich und öffnete schwungvoll die Kassette. Sie war bis zum Rand mit SeaSovereigns gefüllt.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die Summe umgerechnet, abgezählt und übergeben war. Miles Redcliff, sein Begleiter, war offiziell der Zahlmeister des Schiffes und wickelte den Kauf ab. Captain Hansom stand derweil etwas gelangweilt aussehend daneben. In Wirklichkeit beobachtete er genau seine Umgebung. Er wurde aus seinen Betrachtungen gerissen, als ein Aufseher seinen neu erworbenen Sklaven zu ihm brachte.

Er war so, wie er zum Schluß auf der Tribüne gestanden hatte, heruntergeführt worden. Jetzt löste der Aufseher die Ketten und band dem Jungen flink mit einem Seil wieder die Hände hinter dem Rücken zusammen.

Miles Redcliff überprüfte das Seil, dann nickte er.

„Es kann losgehen.“

In diesem Moment drehte sich der kleine Rothaarige zu Captain Hansom und sprach ihn auf britannisch an.

„Bitte… Sir!“

Miles schien Recht gehabt zu haben. Der Junge sprach sein britannisch im harten, breiten Dialekt von Lonlothian.

Miles Redcliff gab ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf.

„Du sprichst nicht ungefragt mit dem Captain.“

Einige der umstehenden Gaffer grinsten.

Hansom wandte sich an den Zahlmeister.

„Lass gut sein.“

Dann drehte er sich zurück zu dem Sklaven.

„Es ist nur ein kurzer Weg bis zum Schiff, Junge. So lange wir auf dieser Insel sind, bist du offiziell ein Sklave und wirst als solcher behandelt. Und einen nackten Sklaven hat hier in dieser Stadt wohl jeder schon ein paar Mal gesehen.“

Als sich der Captain wieder umwandte, sah er zwei Personen, die sich eilig näherten. Diese Begegnung hätte er, obwohl neugierig, gerne vermieden. Die beiden Männer trugen nach wie vor ihre langen schwarzen Umhänge mit den Kapuzen und ihre Gesichter waren in den Schatten verborgen.

„Guten Tag, Sir. Ich habe euch einen Vorschlag zu machen. Ich möchte euch euren neu erworbenen Sklaven abkaufen. Ich fürchte, wir waren wohl etwas zu unüberlegt bei der Auktion. Ich biete euch 120 Dublonen und eine Schuldverschreibung der Banco di Rota in Höhe von noch einmal 120 Dublonen.“

Hansom machte äußerlich ein erstauntes Gesicht, während seine Gedanken rasten. Irgendetwas war hier faul. Zweihundertvierzig Dublonen waren 1.200 SeaSovereigns. Dafür bekam man schon ein gutes, kleines Handelsschiff. Niemand war so viel Geld wert, schon gar nicht ein Haussklave, so schön er auch aussehen mochte. Was bei einem Rothaarigen entschieden Geschmackssache war. Also steckte mehr dahinter. Wussten sie etwa, wer er wirklich war?

Außerdem, wer waren diese beiden? Nichts ließ auf ihre Herkunft schließen und sie hatten weder einen Namen genannt, noch einen Auftraggeber oder etwas Ähnliches. Selbst ihre Aussprache war ohne merklichen Akzent. Daniel Hansom wurde immer misstrauischer.

„Ich bedaure außerordentlich, euch nicht zu Diensten sein zu können, aber ich habe bereits beschlossen, mich selbst um den jungen Herrn zu kümmern.“

Nach einer leichten Drehung sah Captain Hansom, dass der kleine rothaarige Sklave die beiden Männer mit halb geschlossenen Augen intensiv ansah, auch schien seine Atmung schneller zu gehen.

Da ist irgendwas. Der Kleine ist misstrauisch. Er mag die beiden anscheinend ebenso wenig wie ich‘.

Fast spielerisch streckte der Captain die linke Hand aus und fuhr dem Sklaven mit einer sanften Bewegung den Hals herunter, über eine Brustwarze bis hin zum Bauchnabel, wo die Finger mit den ersten rötlichen Haaren des Happy Trails spielten. Der Junge hatte bei der Berührung den Kopf gesenkt und starrte nun wie gebannt hinunter auf die Hand, die langsam weiter herunter wanderte und noch mehr Haare zum Kraulen fand. Einer der beiden Männer machte ein abfälliges, ja angewidertes Geräusch.

„Dann sehen wir uns woanders, Sir.“

Die Stimme klang jetzt hart und bestimmt.

„Ich freue mich schon auf unser Wiedersehen. Adios, meine Herren.“

Schwungvoll drehten sich die beiden verkleideten Männer um und Captain Hansom sah ihnen nachdenklich hinterher. Ein kleines Blitzen erregte seine Aufmerksamkeit und dann musste er sich sehr beherrschen, um nicht mit offenem Mund dazustehen.

Mit energischen Handbewegungen trieb der Captain seine versammelte Truppe in Richtung der Anlegestelle. Das kurze Intermezzo hatte ihn mehr Zeit gekostet, als er wollte. Die Tide war bereits gekentert und nur wenn er sich beeilte, würde er noch bei Stauwasser rausgehen. Alle, die ein wenig langsamer waren, würden gegen das auflaufende Wasser anfahren.

Die Gezeiten hatten hier eine Höhe von durchschnittlich 2 Metern und so hatte man die gut 500 Meter lange Kaimauer mit etlichen Treppen versehen. Träge wiegten sich dort die Boote der auf Reede liegenden Schiffe. Das Boot, das sie erwartete, war unverkennbar. Es hatte einen violetten Rumpf mit einem am Dollbord handbreiten, umlaufenden goldgelben Streifen. Sofort kam es näher, als der Bootssteurer den Captain erblickte.

„Mister Young. Nachricht an das Schiff. Mister Seymore soll kurzstag gehen. Ich will unter Segel sein, sobald das Boot drin ist.“

„Jawohl, Sir.“

Der immer noch unbekleidete Sklave sah mit Erstaunen zu, als ein etwa sechzehn oder siebzehn Jahre alter Junge aus dem Heck des Bootes nach vorne geklettert kam. Mit ein paar Gegenständen, die wie Spiegel aussahen, begab er sich auf die oberste Treppenstufe und begann damit in Richtung der Schiffe zu hantieren. Noch erstaunlicher war sein Anzug, denn die Uniform glich fast in allen Einzelheiten der eines Seekadetten der Britannischen Marine. Lediglich war die Grundfarbe nicht Dunkelblau, sondern ebenso wie die des Offiziers, ein dunkles violett.

Die Matrosen mit der nun erheblich leichteren Kassette stiegen in das Boot, während der Zahlmeister den nackten Sklaven vor sich herschob. Kurz vor dem Boot zückte Miles Redcliff einen Dolch und schnitt die Fesseln durch, die die Arme auf dem Rücken fixiert hatten. Ein leichter Klaps auf das nackte Hinterteil veranlasste den Sklaven in das Boot zu hüpfen. Captain Hansom stieg nach einem kurzen Rundumblick ebenfalls ein und setzte sich in die Achterplicht.

„Sir! Schiff hat bestätigt.“

„Sehr schön. Danke Mister Young. Und jetzt sieh zu dass du herkommst. Klar zum Ablegen!“

Das Boot bewegte sich schon, als der Seekadett nach einem langen Sprung ins Boot kletterte. Sofort stieg er nach hinten durch und übernahm wieder die Pinne. Neugierig musterte er den Neuzugang, der genau vor ihm auf dem Boden des Bootes hockte, während er die Befehle zum Ablegen gab. Captain Hansom lächelte nachsichtig, dann verwuschelte er dem Seekadetten die dunkelblonden Locken.

„Ich habe keine Ahnung, Liam. Aber wenn du ihn nett fragst, wer weiß?“

Bei den Worten des Captains hob der Sklave erstaunt seinen Kopf. Er wurde schon wieder rot im Gesicht, doch seine Augen ruhten eine ganze Zeit lang auf dem Seekadetten.

„Etwas anderes. Sobald wir an Bord sind, gehst du mit ihm zum Bootsmann und lässt ihn mit vernünftigen Sachen ausstatten. Für die Unterbringung muss sich der Erste Offizier was einfallen lassen.“

„Jawohl, Sir.“


Clyde Cameron fühlte sich mehr als unwohl. Dennoch war er froh, zunächst einmal den stinkenden Käfigen des Sklavenmarktes entkommen zu sein. Die letzten Tage und Wochen waren wie ein endloser Albtraum an ihm vorübergezogen. Eben noch an Bord der THIN LIZZY auf dem Weg nach Kingstown, kurz darauf Gefangener von irgendwelchen letrionischen Piraten. Warum man ihn dann plötzlich den Rotanern ausgeliefert hatte, war ihm bis heute unklar. Wieder warten, diesmal in einem Gefängnis auf San Christofero.

Die Gerichtsverhandlung dort war eine einzige Farce, doch sein Entsetzen wurde noch größer, als er erfuhr, was mit ihm passieren sollte. Als freier Bürger von Britannica verkauft zu werden war für ihn undenkbar. Auf einem Sklavenmarkt verkauft zu werden, damit hatte er niemals gerechnet.

Und auch dort hatte er noch über eine Woche zubringen müssen, bis die Auktion endlich begann. In dieser Zeit war eines der Hauptthemen unter den Sklaven natürlich, was mit ihnen passieren würde, wenn sie verkauft worden waren. Der Sklavenaufseher hatte ihnen von Anfang an mit schonungslosen Worten klargemacht, was ihr Schicksal sein würde. Ein Privater Haussklave war nichts anderes als ein Objekt zur Befriedigung der Gelüste seines neuen Herrn. Das hieß für die jungen Männer, dass sie im günstigsten Fall in einem Harem, im ungünstigsten Fall in einem Bordell landeten. Meistens waren es allerdings reiche Herren und in seltenen Fällen auch Damen, die ein Spielzeug für ihr Bett haben wollten. Wenn es gut lief, dauerte dies ein bis zwei Jahre, dann war das Spielzeug alt und landete sonst wo, mit Glück in der Küche. Interessanterweise schienen die eingeborenen Sklaven dieses Schicksal weniger schlimm zu finden, als die anderen vier jungen Männer.

Clyde war sich nicht vollkommen sicher, doch es schien, als ob der Mann in der merkwürdigen violetten Uniform von Britannica kam. Sollte er wirklich Glück gehabt haben, oder führte ihn das Schicksal in noch tiefere Abgründe. Noch immer spürte er die leichte, fast spielerische Berührung der Hand, als sie an seinem Körper hinabfuhr. Auf jeden Fall war ein Leben auf einem Schiff in keiner seiner zahlreichen Ideen, Phantasien oder Befürchtungen über sein Leben als Lustsklave vorgekommen.

Ein Schatten fiel in das Boot und nach einem Blick nach oben sah Clyde die Bordwand eines großen Schiffes vor sich aufragen. In seiner Heimat hatte er mehr als einmal ein Schiff gesehen, sogar zusammen mit seinem Vater einige Kriegsschiffe besichtigt. Die Faszination für Schiffe hatte ihn seitdem nicht mehr losgelassen.

Etwas verwirrt bemerkte Clyde den elegant geschnittenen Rumpf, der unverkennbar zu einem Handelsschiff gehörte. Dennoch gab es unterhalb des Hauptdecks eine durchgehende Reihe von Stückpforten, die deutlich zu einem Batteriedeck gehörten, wie Kriegsschiffe sie besaßen. Dazu war das Batteriedeck rund um die Stückpforten auffällig in ockergelb gemalt worden und die Klappen der Stückpforten selber in tiefem Schwarz. Ein Handelsschiff mit der Bewaffnung eines Kriegsschiffes?

Der Captain war als erster die Fallreepstreppe hochgeklettert, gefolgt von einigen der Matrosen und, nach einer deutlichen Aufforderung, dem ehemaligen Sklaven. Mit Betreten des britannischen Hoheitsgebietes war er theoretisch wieder frei, doch bevor er mit jemandem sprechen konnte, beugte sich der Captain über die Reling.

„Mister Young! Sie kommen mit hoch. Lassen sie das Boot von Mister Jaden einsetzen. Ihr Auftrag ist wichtiger.“

Sofort kam der junge Seekadett ebenfalls die Fallreepstreppe hochgeschossen und sah sich kurz um, dann legte er dem nackten Clyde eine Hand auf die Schulter.

„Komm einfach mit mir mit. Wir gehen ein paar Klamotten besorgen.“

Nach einem kurzen Zögern musterte er den jungen Mann noch einmal, doch diesmal etwas zurückhaltender als im Boot.

„Sag mal, wie heißt du eigentlich?“

Clyde überlegte, wie viel er von sich preisgeben sollte. Er würde vorsichtig sein müssen, denn er war sich nicht völlig sicher, ob sein kurzer Alptraum nun wirklich zu Ende war. Außerdem war er sich nicht im Geringsten darüber im Klaren, auf was für einer Art von Schiff er sich befand. Zudem war er sich ebenso wenig sicher, wie der Captain auf seine Anwesenheit reagieren würde, wenn er wüsste, wen er wirklich an Bord hatte.

„Ich heiße Clyde Cameron.“

„Du kommst aus Lonlothian?“

„Sieht man das?“

Clyde strich sich durch die dichten roten Haare.

Dann sah er an sich herunter. Die Blicke von Liam Young folgten ihm automatisch bis zu einem ebenso roten Haarbusch. Diesmal errötete sogar der Seekadett. Clyde sah ihn an.

„Äh… können wir? Ich meine, ein paar Sachen wären nicht schlecht.“

„Ja, na klar. Also mein Name ist Liam. Ich bin einer der Seekadetten hier und für den Signaldienst zuständig. Auf geht’s.“

Auf dem Weg zur Bootsmannslast betrachtete Clyde das Schiff. Es war sauber, ordentlich und in offensichtlich gutem Zustand. Es gab selbst in der britannischen Marine Schiffe, die deutlich schlechter aussahen als dieses hier. Von dem, was er sehen konnte, trugen die Offiziere und die ranghohen Unteroffiziere die gleiche Uniform wie die der Marine seiner Heimat, nur eben in diesem dunklen Violett, statt des Dunkelblau. Clyde schüttelte ungläubig den Kopf.

Der Umgangston an Bord hatte Clyde erstaunt und verwirrt. Anscheinend gab es Gelegenheiten, bei denen sich die Leute duzten, bei anderen Gelegenheiten sprachen sie förmlich miteinander. Clyde nahm sich vor, Liam danach zu fragen.

Und dann war da noch die Sache mit dem Kauf von Sklaven. Warum hatte der Captain eines doch wohl britannischen Schiffes einen persönlichen Haussklaven gekauft? Sklaverei war eindeutig verboten und zuerst hatte Clyde geglaubt, der Captain hätte ihn entgegen der Gesetze tatsächlich zur Befriedigung seiner Gelüste gekauft, doch dann hatte er andere Kleinigkeiten bemerkt. Das kurze Gespräch mit den beiden Männern in diesen schwarzen Umhängen zum Beispiel. Die Art und Weise, wie der Captain Clyde berührt hatte, war nicht die eines Mannes, der auf einen Lustsklaven aus war. Eher wollte er die Reaktion seines Gegenübers austesten. Aber warum? Dann diese kurze Bemerkung im Boot. Aber wenn du ihn nett fragst, wer weiß?

Fragen? Wo nach? So, wie Liam ihn angesehen hatte, war das schon fast eindeutig. Clyde war ganz froh, dass er so aufgeregt gewesen war, sonst hätte sich bei ihm vielleicht sogar etwas geregt, was er in seiner Situation mehr als peinlich empfunden hätte.

Waren hier an Bord etwa noch mehr Männer, die die Gesellschaft anderer Männer bevorzugten? Clyde war fasziniert von diesem Gedanken. Schon mit Dreizehn hatte er gewusst, was er bevorzugte, doch die Gelegenheiten bei ihm zu Hause waren eher selten. Im rotanischen Gefängnis hatte er sich nur mit roher Gewalt gegen einige Übergriffe wehren können. Er konnte ganz gut selbst entscheiden, was er mit wem machen würde. Was er nicht leiden konnte, war eine öffentliche Zurschaustellung, er war schließlich keine Jahrmarktsattraktion.

Aber warum sollte der Seekadett nett sein und fragen? Damit Clyde eine Entscheidung treffen konnte? War es also nicht das Schicksal eines Haussklaven, das hier auf ihn wartete? Doch halt, er war ja gar kein Sklave mehr. Clyde war nun endgültig verwirrt.

Bei dem Gedanken an die beiden verkleideten Männer schossen Clyde alle möglichen anderen Gedanken durch den Kopf. Wer ging schon unter Umhang und Kapuze zu einer solchen Veranstaltung? Warum waren sie überhaupt bei der Versteigerung gewesen? Nur um ihn zu kaufen? Wofür? Bestimmt nicht als Haussklave. Die abstoßende Reaktion hatte genug verraten. Hatte am Ende doch jemand etwas herausgefunden oder bemerkt? Er wusste, wenn jemand die Wahrheit herausbekäme, der nicht Bürger von Britannica war, würde er auf dem Scheiterhaufen sterben.

Der Captain war inzwischen auf dem Achterdeck in ein kurzes Gespräch mit dem Ersten Offizier vertieft. Percival Seymore war ein schlanker, hochgewachsener junger Mann mit dunkelblonden Haaren und grauen Augen. Er war verantwortlich für den gesamten Schiffsbetrieb und den reibungslosen Ablauf an Bord. Als Stellvertreter des Kapitäns war er auch in alle Absichten und Pläne eingeweiht.

„Miles hatte also recht mit seinem Informanten?“

„Ja, genau wie beschrieben. Allerdings hatten wir einen kleinen Zwischenfall.“

Kurz erzählte der Captain von dem kleinen Intermezzo mit den beiden Kapuzenträgern.

„Das ist mehr als merkwürdig. Wer waren die beiden?“

„Ich weiß es nicht genau, doch als sie weggingen, habe ich bemerkt, wie einer der beiden Sporen trug. Und zwar Tellersporen.“

„Tellersporen? Die werden doch fast nur noch in Letrion getragen.“

„Ja. Unter anderem gehören sie zur Uniform der Garde der Kirche der Reuigen Sünder.“

Percy Seymore sah seinen Captain erstaunt an.

„Das ist aber ganz schön weit hergeholt. Wozu sollte die Kirche denn einen britannischen Sklaven haben wollen? Es sei denn, sie wissen bereits, wer er ist. Dann frage ich mich allerdings, woher.“

Daniel Hansom nickte zustimmend.

„Egal. Ich werde sehen, ob wir uns tatsächlich den Richtigen geangelt haben und dann müssen wir das Beste aus der Situation machen. Außerdem müssen wir sehen, dass wir so schnell wie möglich von hier verschwinden. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass diese beiden dunklen Gestalten noch Ärger bringen.“

Lieutenant Seymore sah den Captain nachdenklich an. Wenn der ein ‚unbestimmtes Gefühl‘ hatte, dann war da was dran. Mehr als einmal hatten sie sich auf dieses ‚Gefühl‘ des Captains verlassen und sie waren nicht ohne Grund einer der erfolgreichsten Freibeuter Britannicas.

„Also, wohin?“

„Erst mal Südost-zu-Süd. Ich will aus dieser Bucht raus, so schnell wie möglich. Bei der Ansteuerung dann Nord-Ost. Unter vollem Zeug, wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden.“

„Jawohl, Sir. Südost-zu-Süd bis Beachy Head.“

Percival Seymore starrte zu den Segeln hoch, dann auf den Kompass.

„Klarmachen zum Wenden!“


Inzwischen hatte ein Bootsmannsmaat einen Satz Bekleidung ausgegeben und Clyde zog sich an. Liam stand daneben und bedauerte ein wenig, dass der hübsche Körper jetzt stückweise verdeckt wurde.

Die Hosen waren aus schwerem, hellgrauem Segeltuch und wurden durch einen einfachen Ledergürtel gehalten. Das Hemd war aus weißem Leinen. Es wurde über den Kopf gezogen und hing ziemlich weit herunter. Hinten hatte das Hemd den traditionellen Kragenlatz der britannischen Marine, hier natürlich wieder in violett.

„So, dann werden wir mal sehen, ob der Captain zu sprechen ist.“

Vor der Kabine des Captains zögerte Seekadett Young ein wenig, dann klopfte er energisch.

„Ihr könnt ruhig reinkommen.“

Als die Beiden mit fragenden Gesichtern eintraten, musste Daniel Hansom laut lachen.

„Ich habe niemand anderen erwartet.“

Dann wandte er sich an den Seekadetten.

„Vielen Dank für deine Unterstützung, Liam. Aber ich bin mir sicher, du hast etwas an Deck zu erledigen.“

Das enttäuschte Gesicht von Liam sprach Bände, aber er zögerte keinen Augenblick.

„Jawohl, Sir. Ich bin auf dem Weg.“

Mit einer zackigen Kehrtwendung verließ er die Kabine.

Einladend deutete der Captain auf einen der Stühle vor seinem ausladenden Schreibtisch, doch dann überlegte er sich anders und deutete auf die breite Sitzbank unterhalb der großen Heckfenster. Clyde ließ kurz einen Blick durch die große Heckkajüte schweifen, bevor er sich setzte.

Die Heckgalerie bestand aus drei hohen Fenstern, die mit hellem, nicht verziertem Glas versehen waren. Auf der ganzen Länge verlief unter den Fenstern eine Sitzbank. Davor stand ein großer, langer Tisch mit zehn Sitzplätzen. Auf der anderen Seite des Raumes stand ein ebenfalls großer, massiver Schreibtisch aus dunklem Holz, dahinter ein unbequem aussehender hölzerner Stuhl mit hoher Lehne. Dort hatte der Captain Platz genommen und sah nun hinüber zu seinem neu erworbenen Haussklaven, der sich in einen freien britannischen Bürger, oder in diesem Fall einen britannischen Seemann, verwandelt hatte.

Oberhalb des Schreibtisches hingen zwei Gemälde an der Wand. Eines zeigte eine junge rothaarige Frau in einem teuren Kleid mit Juwelen. Clyde erkannte die Königin von Britannica. Das andere Bild zeigte einen Mann mittleren Alters, in der gleichen violetten Uniform, die auch der Captain trug. Daneben war, in die Wand eingelassen, eine schmale Tür.

„Ich weiß, es sieht alles ein Bisschen Merkwürdig aus, aber ich werde versuchen, einige Dinge zu erklären. Zunächst zu meiner Person. Mein Name ist Daniel Hansom und ich bin der Kapitän dieses Schiffes. Falls du es bis jetzt nicht bemerkt haben solltest, die FAIRYTALE ist ein - nun ja, ein Freibeuter. Mein Vorgänger hat, zusammen mit etlichen anderen Schiffseignern und Kapitänen einen Kaperbrief unserer Königin erhalten. Dieser berechtigt zum Aufbringen und Durchsuchen von feindlichen Handelsschiffen während eines Krieges. Außerhalb von Kriegszeiten sind wir ein normales Handelsschiff, wie jedes andere auch.“

Clyde durchfuhr zunächst ein Schreck. Ein Freibeuter! Die Gerüchte, die er über die britannischen Freibeuter gehört hatte, waren ebenso zahlreich wie widersprüchlich. Die Königin von Britannica soll Kaperbriefe ausgegeben haben, während des Krieges gegen Letrion und nun auch gegen Herblonde. Die Kaperschiffe, oder auch Freibeuter genannt, hatten wohl großen Erfolg beim Aufbringen gegnerischer Handelsschiffe. Sogar einige kleinere Kriegsschiffe sollen in Gefechten gegen britannische Freibeuter verloren gegangen sein.

„Freibeuter sind im Frieden doch so etwas wie Piraten.“

Clyde war damit herausgeplatzt und lief prompt rot an.

Er sieht niedlich aus, wenn er so rot anläuft, aber er sollte dringend etwas gegen seine Schüchternheit tun.

Daniel Hansom lachte laut.

„Nein, sind wir nicht. Das wären wir nur, wenn wir ohne Grund andere Schiffe anhalten und berauben. Was wir natürlich nicht machen. Wenn wir im Krieg sind, so wie momentan mit Herblonde, dürfen wir deren Handelsschiffe aufbringen und als Prise nach Britannica bringen. Die Handelsschiffe anderer Staaten dürfen wir durchsuchen. Finden wir dort Waren, die jemandem aus Herblonde gehören, dürfen die ebenfalls beschlagnahmt werden.“

„Und was passiert mit diesen Schiffen und Waren, die beschlagnahmt wurden?“

„In Britannica gibt es in jeder Grafschaft sogenannte Königliche Prisengerichte. Diese Gerichte müssen entscheiden, ob die Kaperung rechtmäßig war. Wenn dem so war, gehören Schiff und Ladung dem Staat. Das Gericht veranlasst den Verkauf von Schiff und Ladung und der Freibeuter, der das Schiff aufgebracht hat, bekommt einen Teil des Erlöses.“

Clyde dachte einen Moment darüber nach. Das klang schon etwas anders als das, was er bisher gehört hatte. Das Recht auf See und die Seefahrt selbst waren nie Teil seines Unterrichts gewesen. Deshalb hatte er alle Informationen über Freibeuter aus den Geschichten in den Tavernen, in denen sie immer als blutdürstige Piraten beschrieben worden, die alle niedermetzelten, um an ein Schiff und die Beute darauf zu kommen. Wo er dann wieder bei seiner eigenen Geschichte war. Er zögerte kurz, ob er sie erzählen sollte, doch dann siegte sein Verantwortungsbewusstsein.

„Nun, Sir. Ich nehme an, diese Gesetze gelten auch für andere Staaten.“

„Selbstverständlich. Es ist eine der wenigen Vereinbarungen, die alle sieben großen Nationen gemeinsam unterzeichnet haben.“

Clyde senkte etwas seinen Kopf um sich zu konzentrieren und begann leise zu erzählen.

„Dann möchte ich kurz eine Geschichte erzählen. Es geht um eine Seereise von Britannica zu den neuen Kolonien. Mein Vater hatte mich zu einem seiner entfernteren Verwandten geschickt, um dort etwas über die Unternehmungen in den Kolonien in Erfahrung zu bringen, in die er zu investieren gedenkt. Wir waren etwa zwei Tage vor Kingstown, als unser Schiff in der Morgendämmerung angegriffen wurde. Als ich von dem Lärm geweckt wurde und an Oberdeck kam, waren bereits erste letrionische Seeleute an Deck und töteten systematisch jeden, der ihnen Widerstand entgegen setzte. Als Passagier hatte ich keine Waffe und wurde sofort gefangen genommen. Nach zahlreichen Vernehmungen schien man mir endlich zu glauben. Aber anstatt mich frei zu lassen, wurde ich den Rotanern übergeben um dort in die Sklaverei verkauft zu werden.“

Der Captain verharrte ruhig, bis Clyde seinen Kopf hob und ihn ansah.

„Woher weißt du, dass das letrionische Schiff angegriffen hat und nicht umgekehrt, so wie es der Auktionator behauptet hat?“

Clyde schnaubte entrüstet.

„Ich mag zwar nur eine unwissende Landratte sein, aber ich sehe sehr wohl den Unterschied zwischen einem britannischen Handelsschiff mit geringer Bewaffnung und einem schwer bewaffneten letrionischen Kaperschiff.“

Daniel Hansom hob die Augenbrauen.

„Das ist ja interessant. Nicht, dass ich dir nicht glauben würde, aber bist du sicher, dass es ein letrionisches Schiff war?“

Clyde zögerte ein wenig. Er war sich ziemlich sicher, doch etwas nagte in seinem Gedächtnis. Es war irgendeine Kleinigkeit, die er gesehen hatte, aber darüber hinweg gegangen war, weil sie ihm damals unwichtig erschien.

„Ziemlich, ja. Es ist da etwas, was ich nicht erklären kann. Etwas, das nicht passt. Die Seeleute, die uns überfallen haben, haben alle letrionisch gesprochen. Sie trugen keine Uniformen, waren ganz normal als Seeleute gekleidet. Man konnte sogar den Namen des Schiffes lesen, weil es nach dem Entern noch einmal abgelegt hatte und eine ganze Zeit neben uns her fuhr.“

„Sie haben, was? Nach dem Entern abgelegt? Was sollte das denn? Das gibt keinen Sinn, es sei denn…“

Captain Hansom lehnte sich etwas zurück.

„Egal, das werden wir noch klären. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir eigentlich mit der Vorstellung angefangen, bevor unser Gespräch eine so dramatische Wendung genommen hat. Du warst also Passagier auf einem Schiff nach Kingstown, bist Freibeutern in die Hände gefallen, wurdest verurteilt, begnadigt und in freier Interpretation der Gesetze versteigert. Dann darf ich also zu Recht annehmen, dass du Clyde Cameron bist.“

Clyde erstarrte einen Moment, worauf er den Captain vollkommen erstaunt ansah.

„Aber… aber, woher…“

„Woher ich das weiß? Nun, ganz einfach. Ich hatte durch Zufall ein privates Gespräch mit dem Gouverneur von Kingstown. Hier erfuhr ich, dass ein Handelsschiff mit einem wichtigen Passagier überfällig war. Es bedurfte einiger Zeit und einiger finanzieller Investitionen um herauszubekommen, ob ein britannischer Bürger irgendwo plötzlich unter merkwürdigen Umständen auf den tausend Inseln aufgetaucht ist.“

Daniel Hansom hob eine Hand um einen Kommentar von Clyde zu stoppen.

„Außerdem war uns klar, dass hier Eile geboten war. Zum einen können wir kein Mitglied eines Adelshauses in der Gewalt einer fremden Macht dulden, zum anderen ist da natürlich noch die Sache mit der magischen Begabung.“

Clyde schluckte einen ersten Kommentar herunter und überlegte, was der Captain vor ihm alles wusste. Ob er wirklich alles wusste und was er sagen würde, wenn er es ihm erzählte.

Der Captain grinste ein wenig.

„Aber ich schweife ab. Der Grund ist wohl, dass ich nicht ganz ehrlich zu dir war. Meine Vorstellung war wohl etwas unvollständig.“

Clydes Kopf ruckte herum und er sah den Captain misstrauisch an.

„Aus verschiedenen Gründen habe ich mir angewöhnt, meine Titel nicht gleich bei jeder Gelegenheit zu offenbaren. Mein Name lautet Daniel Hansom, zweiter Earl of Scythe, Baronet of Clanbury.“

Daniel Hansom sah, wie der Junge stutzte und wieder nach oben sah, zu den Porträts an der Wand. Clydes Gedächtnis arbeitete auf Hochtouren. Den Earl of Scythe hatte er als Kind einmal kennengelernt, doch das war nicht dieser Mann hier. Der war damals älter gewesen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sah Clyde noch einmal hoch zu der Wand hinter dem Schreibtisch. Richtig, das war der Earl, dem er damals vorgestellt worden war.

„Ihr seid nicht der Earl of Scythe. Den kenne ich. Das ist der dort.“

Daniel folgte seinem Blick und nickte langsam.

„Ja, das ist Robert, Robert Hansom, erster Earl of Scythe. Mein Adoptivvater. Er ist vor zwei Jahren während eines Gefechts gefallen.“

Clyde lief rot an. Sein Mundwerk war mal wieder zu schnell gewesen. Er hatte einen Peer der Unwahrheit bezichtigt. Am Hofe von Lonlothian wäre dies ein Grund für ein Duell gewesen. Doch zum Glück hatte Königin Maeve alle Duelle zwischen Adligen verboten.

„Oh, das tut mir leid. Ich kann mich nämlich daran erinnern, ihm einmal vorgestellt worden zu sein.“

„Ja, das muss wohl vor etwa sechs Jahren gewesen sein. Er hat mir damals davon erzählt. Der Gouverneur in Kingstown hat mir gesagt, du bist der jüngste Sohn des Herzogs. Ich habe Roberts Geschichte deswegen behalten, weil es darin um den jüngsten Sohn des Herzogs ging. Es ist nämlich äußerst bemerkenswert, wenn ein Herzog seinen Bastard offiziell anerkennt und dieser sich dann auch noch als…“

Jetzt war Clyde von der Heckbank aufgesprungen und kam auf Daniel zu. Sein Gesicht war bleich und auf seiner Stirn stand Schweiß.

„Bitte, Mylord. Es darf niemand wissen. Die Leute könnten reden. Wenn ich den Letrionern noch einmal in die Hände falle und sie erfahren davon, dann ist der Scheiterhaufen wahrscheinlich noch das Geringste, was sie mir antun würden.“

Daniel Hansom nickte langsam.

„Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Allerdings befürchte ich, dass es hier an Bord nicht lange ein Geheimnis bleiben wird. Wir haben Leute von überall her, von allen Nationen und auch aus ganz Britannica. Darunter sind bestimmt auch welche aus Lonlothian. Wenn du Pech hast, erkennt dich einer. Wir werden aber von hier aus direkt zurück nach Britannica segeln. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Letrioner dich kriegen, ist also sehr gering. Der Erste Offizier wird allerdings auf jeden Fall davon erfahren müssen. Er ist mein Stellvertreter und verantwortlich für den täglichen Dienstbetrieb. Du kannst ihm ruhig vertrauen, so wie ich es auch tue.“

Clyde lächelte den Captain dankbar an. Er hatte wohl doch die richtige Entscheidung getroffen.

„Das ist mehr als ich zu hoffen gewagt habe. Vielen Dank, Mylord.“

„Das ist kein Problem, aber dafür haben wir gerade ein anderes. Hier an Bord gibt es keine Lordschaften. Keinen Adel, keine Titel, bis auf diejenigen, die sich die Leute durch ihre Arbeit selbst verdient haben. Deshalb lautet die Anrede Sir, oder entsprechend Captain, verstanden?“

Clyde zögerte nicht eine Sekunde. Nicht umsonst hatte sein Vater ihn zusammen mit seinen Brüdern ein militärische Ausbildung durchlaufen lassen.

„Jawohl, Sir.“

„Dann gleich zum nächsten Problem. Wir können keine Passagiere unterbringen. Schon gar nicht den Sohn eines Herzogs. Die angemessenste Unterkunft, die wir für dich haben, wäre die Junior-Messe, zusammen mit den Seekadetten.“

Clyde grinste schüchtern.

„Das ist schon in Ordnung. Ist ja nicht so, dass ich auf Banbhaidh-Castle eine riesige Suite gehabt hätte. Aber wenn ich schon mitfahre, möchte ich es auch nicht umsonst tun. Gibt es irgendeine Arbeit hier an Bord für mich?“

Daniel Hansom war etwas überrascht. Mit dieser Frage hatte er jetzt nicht gerechnet. Bevor er darauf antwortete, musste allerdings etwas Anderes geklärt werden.

„Das überrascht mich ein wenig, aber es freut mich natürlich, dass du hier bei uns arbeiten möchtest. Es gibt da aber noch etwas, was wir vorher klären müssen.“

Clydes Herz klopfte bis zum Hals. Er ahnte, was der Captain ihm erzählen wollte und wenn er damit recht behielt, wie sollte er damit umgehen? Das Bild dieses Seekadetten, Liam, zog an ihm vorüber. Hier an Bord waren wohl um die 200 Männer. War er sicher? Wie lief das hier ab?

„Falls es dir nicht schon aufgefallen sein sollte - wir sind eine ganz besondere Besatzung. Die Jungen und Männer hier an Bord verbindet eine Gemeinsamkeit, denn sie sind sich klar darüber geworden, dass ihre Zuneigung und Liebe einem anderen Mann gilt. Es ist nun nicht so, dass hier alles zügellos durcheinandergeht, das Zusammenleben ist klar geregelt. Aber du solltest gewahr sein, dass du von jemandem gefragt werden könntest, der, nun ja, der gerne etwas Zeit mit dir persönlich verbringen möchte.“

Clyde grinste innerlich über die etwas vorsichtige Formulierung des Captains, doch nun war er sich sicher, dass er recht gehabt hatte. Wie sollte er sich verhalten? War das hier etwas, wo er bleiben und leben konnte? Halt, er würde ja wieder zurück nach Banbhaidh-Castle gehen, wenn sie wieder in Lonlothian waren. Aber bis dahin…

„Möchtest du immer noch bei uns leben und arbeiten? Notfalls könnten wir eine kleine Kammer freimachen, in der du alleine bist.“

„Nein!“

Clyde musste sich beherrschen. Seine Gefühle überflügelten gerade wieder einmal seinen Verstand und er war sich auf einmal vollkommen sicher, was er wollte.

„Ich möchte gerne in der Junior-Messe wohnen und an Bord arbeiten.“

„Sehr schön. Dann werden wir mal dem Ersten Offizier von seinem letzten Neuzugang berichten.“


Clyde saß ganz in seine Gedanken versunken auf der Heckbank und bekam nicht einmal mit, wie der Erste Offizier die Kapitänskajüte betrat.

„Ah, Percy, bitte setz dich. Es gibt Neuigkeiten und ein kleines Problem. Unser neuester Zugang hat ein kleines Geheimnis, das auch so lange wie möglich gewahrt bleiben sollte.“

Percy Seymore kannte seinen Captain schon lange. Diese Art einer Gesprächseröffnung verhieß nichts Gutes.

„Auf diesem Schiff ist nichts lange ein Geheimnis.“

„Das habe ich ihm auch gesagt.“

Daniel Hansom erhob etwas seine Stimme.

„Clyde, kommst du bitte einmal her?“

Clyde schreckte hoch und kam zum Schreibtisch.

„Clyde, dies ist Lieutenant Seymore, der Erste Offizier. Bist du damit einverstanden, ihn in dein kleines Geheimnis einzuweihen?“

Clyde nickte erst Percy zu, dann dem Captain.

„Guten Tag, Sir. Jawohl, Sir. Es ist, glaube ich, einfacher, wenn ich es einmal kurz vorführe.“

Die beiden Offiziere sahen sich fragend an, aber der Captain nickte zustimmend.

Clyde hob beide Hände an seine Ohren und ein leichtes Glitzern umgab seinen Kopf. Als er die Hände senkte, hatten sich die Ohrmuscheln verändert. Sie waren schlanker als vorher und liefen deutlich in einer Spitze nach oben aus.

„Ein Elf.“

entfuhr es Percy Seymore unwillkürlich.

„Nein, Sir. Ich bin ein Halbelf. Mein Vater ist ein Mensch, nur meine Mutter ist eine Sidhe.“

Percy Seymore sah erst seinen Captain fragend an, dann Clyde.

„In Ordnung. Ich glaube, du kannst die Ohren wieder verstecken, oder wie man das auch nennt. Nicht, dass jemand unangemeldet hereinplatzt.“

Eine kurze Handbewegung und nach einem hellen Glitzern sahen die Ohren wieder so unschuldig aus wie vorher.

„Percy, wir haben ein Problem. Wenn die Letrioner hier in den Gewässern der Tausend Inseln herausbekommen, dass wir einen Elfen an Bord haben - halb oder ganz, ist denen völlig egal - jagen die uns bis ans andere Ende der Welt und er landet in Letrion als Angehöriger eines magischen Volkes nicht nur auf dem Scheiterhaufen. Sollte ihm etwas passieren, wenn er hier an Bord ist, kriegen wir Ärger mit dem Alten Volk. Ganz zu schweigen von seinem Vater oder der Königin.“

Percy Seymore zuckte nicht mit einer Wimper, als sein Captain ihm das ganze Ausmaß an Informationen so in einem Satz hinwarf.

„Huh? Wir sind wohl umzingelt. Wir sollten ihn so schnell wie möglich wieder zu Hause abliefern.“

„Ganz meine Meinung. Aber bevor es soweit ist, hat er sich bereit erklärt, hier bei uns an Bord zu arbeiten.“

Der Erste Offizier hob fragend eine Augenbraue.

„Ja, Percy, ich habe ihm das Zusammenleben an Bord erklärt und er scheint kein Problem damit zu haben. Ich habe ihn der Junior-Messe zugewiesen.“

Percy Seymore nickte langsam und sah Clyde an. Als Erstem Offizier oblag es ihm, die Leute zu mustern und je nach ihren Fähigkeiten zu den jeweiligen Arbeiten einzuteilen.

„Clyde, was hast du gelernt, was man hier an Bord gebrauchen kann?“

Clyde überlegte kurz, dann sah er peinlich berührt zu Boden.

„Nichts wirklich Brauchbares, fürchte ich. Ich habe die übliche Ausbildung eines jungen Adligen gemacht. Page, danach Schule mit Lesen, Schreiben, Rechnen. Dann Reiten und Fechten. Mit vierzehn kam ich, wie meine Brüder, zur herzoglichen Garde und ich habe dort zeitweise Dienst verrichtet.“

„Kannst du mit Karabiner und Pistole umgehen?“

Clyde verzog das Gesicht. Erst einmal unauffällig bleiben.

„Pistole geht so, aber mit allem was größer ist, treffe ich nicht mal ein Scheunentor. Ich bin besser mit den Nahkampfwaffen.“

Daniel und Percy sahen sich kurz an, dann hob der Erste Offizier eine Hand.

„Das ist nicht so tragisch. Ich glaube, ich habe schon eine oder zwei Ideen, was wir mit dir machen. Dazu muss ich aber vorher noch mit ein paar Leuten ausführlich sprechen. Wenn ich alles zusammen habe, kannst du dich entscheiden. Aber jetzt bringen wir dich erst mal in der Junior-Messe unter.“

Daniel Hansom betätigte eine kleine Tischglocke. Die Tür neben dem Schreibtisch öffnete sich und ein Mann in der Livree eines Kammerdieners erschien. Obwohl er nicht älter als dreißig aussah, vermittelte sein Auftreten und Benehmen ein deutlich höheres Alter als seine äußere Erscheinung.

„Sedgewick, einen der Seekadetten der Wache bitte.“

Nur wenige Minuten später trat ein junger Mann in der Uniform der Seekadetten ein.

Im Gegensatz zu den Offizieren bestand die tägliche Dienstuniform der Kadetten aus langen Hosen, einer kurzen, offenen Jacke mit einem kleinen Stehkragen und einem weißen Hemd.

Der Seekadett war etwa 17 oder 18 Jahre alt und relativ klein, aber sehr kräftig gebaut. Er hatte fast so schwarze Haare wie sein Captain, bei ihm waren sie allerdings halblang und es hing ihm eine Strähne fast bis über das linke Auge.

„Seekadett Montfére wie befohlen.“

Captain Hansom nickte und lächelte etwas. Jean-Luc war jetzt schon zwei Jahre an Bord und doch konnte man noch immer seinen Akzent aus Herblonde heraushören.

„Jean-Luc, dies ist Clyde. Er wird zunächst in der Junior-Messe untergebracht, bis wir über seine endgültige Verwendung entschieden haben. Würdest du ihm bitte die Messe zeigen und ihn in die Gepflogenheiten an Bord einweisen?“

Jean-Luc ging lächelnd hinüber zu dem Neuzugang und streckte seine Hand aus.

„Hallo, ich bin Jean-Luc. Herzlich willkommen bei der Besatzung der FAIRYTALE. Wenn du nichts dagegen hast, gehen wir gleich runter.“

„Hey, vielen Dank. Ich bin nur ein wenig überwältigt. Das ist alles so neu für mich.“

„Du warst noch nie auf einem Schiff?“

„Doch, schon. Naja, nur zur Besichtigung. Allerdings kann ich nicht mal das vordere Ende vom hinteren Ende unterscheiden.“

Die drei anderen lachten.

„Du wirst Bug und Heck noch zu unterscheiden lernen. Und dein hinteres Ende wird wohl auch Objekt manch längerer Betrachtung werden.“

Clyde wurde wieder rot, lachte aber mit den anderen.

Captain Hansom wurde wieder etwas ernster.

„Womit wir wieder beim schwierigen Thema des Zusammenlebens an Bord sind. Wie ich dir bereits erklärt habe, lieben fast alle hier, bis auf ganz wenige Ausnahmen, Männer. Eine Einschränkung sind die Schiffsjungen, aber darauf komme ich gleich. Noch einmal offiziell, hast du ein Problem damit?“

Clyde seufzte tief, dann schüttelte er den Kopf. Er hatte es geahnt und seine geheimen Wünsche hatten sich nun auch erfüllt, aber es so deutlich gesagt zu bekommen war schon sehr ungewohnt.

„Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, was ich möchte. Es wird wohl etwas dauern, bis ich mich an die Freizügigkeit gewöhnt habe, aber nein, ich habe kein Problem damit.“

Daniel Hansom lehnte sich etwas zurück und betrachtete seinen jüngsten Neuzugang. Wer hätte gedacht, was die einfache Bitte eines Gouverneurs so alles nach sich gezogen hat.

„Das ist sehr schön, denn die Beziehungen an Bord beruhen auf Respekt und Rücksichtnahme mit nur wenigen einfachen Regeln. Als Grundsatz gilt, es alles findet einvernehmlich statt. Wer Gewalt anwendet, steht im nächsten Hafen auf der Pier. Ebenso, wer intrigiert oder Hassreden führt. Bestehende Beziehungen sind zu respektieren. Die Betreffenden werden jeden freundlich darauf hinweisen. Offen gezeigte Zuneigung muss nicht immer gleich auf eine Beziehung deuten, fragen hilft. In den meisten Fällen bleiben die Beziehungen innerhalb der Decks, aber es ist nicht verboten, mit einem Offizier oder einem Seemann anzubändeln. Einzig die Schiffsjungen sind off-limits. Wer bei irgendwelchen Handlungen mit Schiffsjungen erwischt wird, wird gehängt.“

Captain Hansom sah Clydes entsetztes Gesicht und fuhr fort.

„Hallo? Die Kleinen sind zwischen zehn und vierzehn Jahre alt. Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen hier, meist jedoch, weil sie eine unangenehme Erfahrung bereits gemacht haben. Hier sind sie sicher und das wissen sie auch. Mit vierzehn werden sie entweder Seemann oder manchmal auch Seekadett, so wie Liam. Ab diesem Alter gilt dann das Selbstbestimmungsrecht. Ein Nein ist ein Nein. Wer das nicht versteht, hat die Folgen zu tragen.“

Clyde nickte langsam, während er versuchte, sich vorzustellen, wie das Leben jetzt für ihn für die nächste Zeit aussehen könnte.

„Ich erzähle das in solcher Ausführlichkeit, weil du nämlich in die Junior-Messe kommst. Darin sind die Steuermannsmaate, die Seekadetten, die Schreiber und die Schiffsjungen zusammengefasst. Die Schiffsjungen sind noch einmal getrennt von den anderen Messemitgliedern untergebracht, aber sie essen und wohnen mit euch zusammen, weil ihr Schlafdeck zu klein ist. So, wenn du jetzt keine Fragen mehr hast, kann dir Jean-Luc endlich dein Quartier zeigen.“

Als sie an Deck traten, bemerkte Clyde den einen oder anderen neugierigen Blick, ließ sich aber nichts anmerken. Er schaute selbst äußerst neugierig umher, denn dieses Schiff würde auf absehbare Zeit sein neues Zuhause sein.

Jean-Luc führte die beiden dann einen Niedergang herunter. Das große durchgehende Deck in das sie kamen, trug die schweren Kanonen der FAIRYTALE.

„Hier unten stehen vierundzwanzig 18-Pfünder. Die Zahl bedeutet das Gewicht der Geschosse.“

Damit hob Jean-Luc eine Kanonenkugel von ihrem Stapel und drückte sie Clyde in die Hand. Der ging erst einmal überrascht in die Knie.

„Über uns auf dem Oberdeck stehen nochmal sechzehn 12-Pfünder und ganz vorne auf der Back stehen zwei 9-Pfünder Jagdgeschütze. Achtern an der Heckreling sind die beiden 18-Pfünder Langrohr-Heckgeschütze“

Jean-Luc bemerkte den fragenden Blick von Clyde. Er seufzte innerlich, aber er freute sich dennoch, dem niedlichen Rotschopf das Schiff zu zeigen.

„Jagdgeschütze werden normalerweise eingesetzt bei Verfolgungsjagden. Sehr oft haben sie ein längeres Rohr als üblich, damit die Kugeln weiter fliegen. Und die Heckgeschütze sollen verhindern, dass jemand von hinten kommt.“

Jean-Luc kicherte nach dem letzten Satz etwas unmotiviert, bis es Clyde dämmerte, an was der gedacht hatte. Prompt lief Clyde wieder rot an. Er hasste es, wenn es passierte, aber er konnte es nicht verhindern.

Jean-Luc deutete auf einen weiteren Niedergang.

„So, hier geht’s runter zu unserer sogenannten Junior-Messe. Wie der Captain bereits erklärt hat, gehören auch die Schiffsjungen dazu, aber die essen nur bei uns und schlafen noch ein Deck tiefer. So, das ist unser Reich. Hier wohnen eigentlich drei Steuermannsmaate, sechs Seekadetten, zwei Arztgehilfen und zwei Schreiber, wobei Sedgewick, der Schreiber des Kapitäns in seinem Kabuff neben dem Kapitän wohnt. Damit hättest du wohl den freien Platz.“

Unten angekommen sah Clyde sich unbehaglich um. Der Raum war klein und niedrig. Clyde konnte gerade so eben aufrecht stehen. Jean-Luc deutete auf mehrere große Kisten an einer Seite des Raumes.

„Das sind die Seekisten. Eine müsste frei sein, da kannst du deine Klamotten unterbringen. Keine Angst, geklaut wird hier nur ganz selten. Wer beim Stehlen erwischt wird, fliegt raus. Das ist eine viel härtere Strafe als es eine Auspeitschung, oder was es sonst noch so gibt, sein könnte.“

Clyde schien verwirrt über die Behandlung und die Bestrafung der Besatzung und Jean-Luc bemerkte es. Tief Luft holend begann er mit weiteren Erklärungen.

„Die FAIRYTALE ist eines der beliebtesten Schiffe bei den Freibeutern. Die Leute sind freiwillig hier, niemand wurde gezwungen hier zu sein, niemand wird gezwungen zu bleiben. Das hat hauptsächlich zwei Gründe. Zum einen: Das Schiff gehört dem Captain. Er allein bestimmt über den Einsatz und somit über Risiko und Gewinn. Das gilt sowohl für den Handel als auch für Kaperfahrten. Er ist niemandem für seine Handlungen verantwortlich und muss auch mit niemandem abrechnen. Der Captain zahlt der Mannschaft eine regelmäßige Heuer, entsprechend der Arbeit an Bord. Und er beteiligt jeden an etwaigen Prisengeldern, falls wir das Glück haben sollten und jemanden rechtmäßig aufbringen.“

Jetzt klappte bei Clyde doch die Kinnlade herunter, die Jean-Luc lächelnd mit einem Zeigefinger wieder verschloss.

„Der zweite Grund ist das Zusammenleben hier. Es gibt kein anderes Schiff, auf dem wir so offen miteinander umgehen und leben können wie hier. Auf den anderen Freibeutern und in vielen Häfen von Britannica ist das natürlich bekannt und wir haben immer mehr Bewerber für das Schiff als wir aufnehmen können.“

Clyde sah Jean-Luc zweifelnd an.

„Was? Es gibt so viele Männer, die… Aber wenn es so viele Bewerber gibt, wonach richtet sich denn die Auswahl?“

„Zunächst nach dem Bedarf. Wir können zwar eine Menge Leute gebrauchen, aber es dürfen auch nicht zu viele sein. Das kostet Heuer, Verpflegung und Ausrüstung. Außerdem behauptet unser Doktor, zu enges Wohnen in den Decks ist ungesund. Na, und dann ist natürlich wichtig, was derjenige kann. Ob er schon mal zur See gefahren ist, oder einen anderen praktischen Beruf hat.“

Das trifft für mich ja wohl nicht zu. Sie wissen ganz genau, dass ich nichts kann, was man an Bord gebrauchen könnte. Und den Rest braucht erst einmal niemand zu wissen. Was die Aktionen mit Männern anbetrifft, bin ich genauso gespannt, wie einige von denen wahrscheinlich auch.

Clyde bemerkte, wie er alleine bei dem Gedanken daran wieder rot wurde. Die flüchtigen Begegnungen mit dem Stallburschen zählten da ja wohl nicht. Eher schon der Versuch seines Zellengenossen auf dem Sklavenmarkt, ihn mit Gewalt zu nehmen. Sein Pech. Diese Aktion hatte Clyde die Peitschenhiebe eingebracht. Man brach niemandem das Genick, selbst wenn es nur ein Sklave war, den man zu ihm gesperrt hatte um seinen Willen zu brechen.

Um sich ein wenig abzulenken, sah sich Clyde noch einmal aufmerksam um.

„Und wo soll ich jetzt schlafen?“

Jean-Luc lachte.

„Du bekommst eine Hängematte. Wie die richtig aufgehängt wird und wie man da reinkommt ohne gleich wieder rauszukommen zeige ich dir, wenn es soweit ist.“

Er lauschte dem entfernten Schlagen einer Schiffsglocke. Ein doppelter und ein einzelner Schlag.

„Drei Glasen. In einer halben Stunde etwa gibt es Abendessen. Wir essen hier zusammen mit den Schiffsjungen. Die haben unten keine Back.“

Clyde hörte verwirrt zu und seufzte. Auf was hatte er sich eigentlich hier eingelassen? Wäre es nicht doch einfacher gewesen, sich irgendwo an Land setzen zu lassen?


Das Essen war nicht ganz so chaotisch wie Clyde es sich vorgestellt hatte. Die Angehörigen der Freiwache, also alle, die gerade keinen Dienst hatten, kamen langsam herein und Clyde lernte einen Teil seiner Kameraden kennen.

„Die ganze Besatzung ist in drei sogenannte Wachen aufgeteilt. Eine davon arbeitet, die anderen beiden tagsüber natürlich auch, aber nachts wechseln sich alle drei ab. Die zweite Wache ist jetzt oben, die erste und dritte hier beim Essen. Ich gehöre übrigens zur Dritten. Bei acht Glasen muss ich wieder hoch. Ah, hier, das ist Ragnar, Liam kennst du ja schon.“

Clyde begrüßte einen großen, schlanken, strohblonden Jungen, dem man seine Herkunft aus Isafjord deutlich ansah.

„Hallo, ich hab‘ dich heute schon beim Anbordkommen gesehen. Schön dass du da bist.“

Eisblaue Augen strahlten Clyde an, bei deren Anblick Clyde beinahe wieder rot anlief.

Lachend mussten sie mehreren Schiffsjungen ausweichen, die wie die Wiesel mit dem Essen hereingestürmt kamen und alles auf die Tische verteilten.

Jean-Luc deutete dann auf einen schmalen Jungen mit ebenso roten Haaren wie Clyde.

„Das ist Diethard Wegener. Er ist Seekadett, mit mir zusammen in der Wache, und die beiden Turteltauben dahinten sind Sven und Robert. Beide sind Steuermannsmaate.

Sven war ebenso eindeutig ein Isafjorder wie vorher Ragnar. Die Gestalt reichte jedoch schon im Sitzen fast bis zur Decke und war dazu breit und muskulös. Robert war erheblich kleiner und Clyde schätzte ihn auf höchsten fünfzehn oder sechzehn und wunderte sich über einen so jungen Unteroffizier. Doch dann wurde ihm mit einem Mal klar, dass fast die gesamte Besatzung so jung war. Er hatte bisher noch niemanden gesehen, den älter als 30 oder 35 schätzte.

Jean-Luc zog Clyde am Arm herum und deutete in eine Ecke. Dort saßen ebenfalls zwei Jungen eng aneinander gelehnt und aßen still vor sich hin.

„Das sind Cedric Lowfield und Manuel de Servela, die beiden Arztgehilfen. Sie sind ziemlich schweigsam und bleiben auch gerne für sich. Sind beide zusammen an Bord gekommen.“

Nach dem Abendessen saß Clyde noch nachdenklich in einer Ecke, als er von Jean-Luc an der Schulter geschüttelt wurde.

„Wir müssen hoch. Meine Wache beginnt gleich und ich soll dich noch vorher beim Captain abliefern. Geh mal voraus, ich will mal sehen, wie gut du dir den Weg gemerkt hast.“

Jean-Luc kontrollierte noch kurz seine Uniform, während Clyde etwas unsicher an sich herabsah.

„Das reicht erst mal. Wenn du weißt, was du bei uns machen sollst, kannst du dir sogar eine eigene Ausrüstung kaufen.“

„Kaufen? Wovon denn?“

„Ich hab‘ doch gesagt, du bekommst eine monatliche Heuer. Außerdem bekommen wir einen Anteil am Prisengeld, wenn wir jemanden aufbringen. Daran werden alle beteiligt, vom Captain bis zum Schiffsjungen. Aber jetzt los, nach oben.“

Monatliche Heuer? Er würde doch nur bis zur Ankunft in Britannica an Bord bleiben. Aber das wusste ja außer dem Captain und dem Ersten Offizier niemand.

Oben war der Wachwechsel schon in vollem Gange. Der Wachhabende Offizier hatte bereits gewechselt und der neue studierte die Schiefertafel mit den Navigationsangaben.

„Das ist Lieutenant Hochbauer, der Offizier meiner Wache. Im Dienst ist er ein bisschen streng, aber während der Freiwache ist er echt nett.“

Clyde betrachtete den Lieutenant, während dieser sich immer noch die Navigationsdaten ansah. Er war wohl Anfang zwanzig, mittelgroß und breitschultrig. Clyde bemerkte erstaunt, dass die dunkelblonden Haare zu einem dicken Zopf geflochten waren, der bis weit auf den Rücken hing.

Lieutenant Hochbauer legt vorsichtig die Schiefertafel ab und sah hoch.

„Na, genug gesehen?“

Clyde lief rot an während Jean-Luc so etwas wie Haltung annahm.

„Seekadett Montfére zum Wachdienst, Sir! Ich muss Mister Cameron noch zum Captain begleiten.“

„Du bist also der Neue? Na, dann viel Spaß am Leben an Bord. Zwei Minuten, Mister Montfére.“

Jean-Luc grüßte wieder und schob Clyde vor sich her in Richtung Kapitänskajüte.

Clyde klopfte und trat nach einer Aufforderung ein.

Der Captain und Lieutenant Seymore sassen nebeneinander an dem großen Tisch und hatten eine Karte vor sich liegen.

„Du kannst ruhig hier Platz nehmen, wir beißen nicht.“

Mit einem etwas schüchternen Lächeln setzte sich Clyde gegenüber von Percy Seymore. Der musterte ihn etwas genauer.

„Clyde, wie alt bist du genau? Ich habe so einige Erfahrung im Schätzen, aber bei dir ist es etwas schwierig.“

Clyde senkte den Kopf, starrte auf die Tischplatte und murmelte.

„Siebzehn. Ich werde achtzehn an Samhain. Ich bin zu jung, nicht wahr?“

Die beiden älteren Offiziere sahen sich erstaunt an.

„Warum solltest du zu jung sein? Und wofür? Du hast doch Diethard Wegener in der Messe gesehen, nicht wahr? Er ist siebzehn. Er war Schiffsjunge an Bord und als er vierzehn wurde, musste er die Schiffsjungen verlassen. Wir haben ihm einen Platz angeboten, entweder als Richtschütze, als Toppgast oder als Seekadett. Er hat sich für die Seekadetten entschieden und macht das nun schon fast drei Jahre.“

Daniel Hansom nahm den Faden auf.

„Oder nimm Robert Jarmund. Er kam vor einem Jahr zu uns, da war er fünfzehn. Er hat den ganzen Weg von Arlemande bis nach Britannica in einem kleinen Segelboot zurückgelegt, nur um auf der FAIRYTALE fahren zu dürfen.“

Clyde rief sich das Bild des dunkelblonden Steuermannsmaaten wieder ins Gedächtnis. Er hatte so zart und verletzlich ausgesehen neben dem großen Isafjorder.

Der Captain straffte sich und wurde geschäftlich.

„Clyde, damit wir einigermaßen einschätzen können, wie wir dich einsetzen und was wir von dir verlangen können, möchten wir gerne genau wissen, worin deine Stärken bestehen. Kenntnisse in den Wissenschaften, im Waffenhandwerk, selbst die einfachen Sachen sind interessant.“

Clyde zögerte sichtlich. Er hatte doch schon alles gesagt. Aber dann begann er einfach mit dem, was ihm am meisten Spaß gemacht hatte.

„Ich war viel draußen. Reiten habe ich mit fünf gelernt, ebenso schwimmen. Dann kamen die ganzen Hauslehrer. Auch wenn einige Leute meinen, in Lonlothian wohnen nur ungebildete Barbaren, kann ich sagen, dem ist nicht so. Der Schwerpunkt des Unterrichts lag in Naturphilosophie. Ich habe immer nie verstanden, warum mein Vater so viel Wert darauf gelegt hat. Dann natürlich Geschichte, Geographie, Sprachen. Ich kann Britannisch lesen und schreiben. Außerdem spreche ich ein wenig Letrionisch, Arlemande und Fjördur.“

Percy Seymore hob die Augenbrauen, worauf Clyde mit den Achseln zuckte.

„Das gehörte zur höfischen Bildung. Ebenso wie Etikette und Tanzen.“

Clyde lief wieder etwas rot an, was Percy Seymore geflissentlich ignorierte.

„Was ist mit dem Umgang mit Waffen?“

„Oh, ich habe bei der Waffenausbildung die Kunst des Degenfechtens erlernt. Bei einem letrionischen Schwertmeister. Dann Ausbildung an Langschwert, Dolch, Hellebarde und Spieß. Und den Umgang mit einem Stileto. Außerdem kann ich ganz passabel mit einer Pistole schießen.“

Daniel Hansom erinnerte sich, dass Clyde muskulöser ausgesehen hatte, als viele Jungen seines Alters. Nun wusste er warum.

„Das Stileto kommt doch aus Rota, oder nicht?“

„Ja, aber wir hatten einen rotanischen Stallburschen, der es mir beigebracht hat.“

Lieutenant Seymore blickte noch einmal kurz auf die paar Notizen, die er sich gemacht hatte.

„Noch etwas?“

Clyde zögerte.

„Nun ja, unser Vater hat uns die Grundlagen der Militärtaktik beigebracht. Führen einer Einheit in der Feldschlacht und so etwas. Wir durften sogar bei einem Manöver als Beobachter in einem Regimentsstab teilnehmen.“

Percy Seymore machte sich weitere Notizen.

„Ach so? Nun, ja. Du bist also doch ein recht vielseitiger Bursche. Aber eines hast du uns noch nicht verraten. Miles, der Zahlmeister, ist ein Magiesucher. Er hat dein Magietalent bei der Auktion erkannt. Möchtest du darüber etwas sagen?“

Clyde holte tief Luft. Also Miles war es gewesen, den er auf San Christofero gespürt hatte. Jemand hatte versucht ihn zu überprüfen und Clyde war ängstlich darauf bedacht gewesen, nichts zu erkennen zu geben. Anscheinend nur mit geringem Erfolg.

„Oh, äh, ja. Ich bin ausgebildeter Feuermagier. Allerdings sind meine Fähigkeiten sehr begrenzt, denn meine Magie stammt ausschließlich aus dem Erbe meiner Mutter.“

Daniel Hansom runzelte nachdenklich die Stirn.

„Der Gouverneur von Kingstown hat irgendetwas erzählt über das Auffinden von Eisenerz. Das soll auch eine Art Zauber sein. Was hat das denn mit Feuer zu tun?“

Clyde lächelte gequält.

„Das ist etwas, was kein Magier gerne macht. Affinitätsmagie. Man sucht nach etwas, was zwar nicht dem Element entspricht, aber durch seinen Gebrauch oder durch Einwirkung damit zusammenhängt. Da Eisenerz im Feuer geschmolzen und bearbeitet wird, ist Feuermagie die entsprechende Affinität.“

Clyde seufzte leise.

„Dabei ist das Ganze langweilig, anstrengend und nicht mal besonders zuverlässig.“

Percy Seymore schien nun etwas zu zögern.

„Aha. Und was ist mit dem äh,… dem Glamour der Sidhe?“

Clyde schnappte nach Luft. Was wusste Percy von der alten Magie der Sidhe? Sie war etwas, was nicht in die Lehre der fünf Elemente passte und angeblich aus der ursprünglichen Magie bei der Erschaffung der Welt stammte.

Clyde senkte seinen Kopf.

„Ich habe die Gnade der Sidhe bekommen. Ein solcher Zauber ist immer Segen und Fluch zugleich. Man bekommt eine Begabung oder Eigenschaft, die sehr gegensätzlich ist, deren Teile aber auch irgendwie zusammengehören.“

Clyde seufzte etwas gequält.

„Es ist schwer zu erklären. Es ist halt ein wenig Glamour. Uralte Magie, die keine richtigen Regeln kennt und manchmal sogar etwas macht, was man gar nicht will. Deshalb versuche ich diesen Aspekt meiner magischen Begabung möglichst zu vermeiden.“

Daniel Hansom und Percy Seymore hatten dem kurzen Vortrag erstaunt gelauscht. Beide hatten noch nie etwas über die Magie der Halbelfen gehört, auch wenn sie fast alle Sagen und Geschichten rund um die Sidhe natürlich kannten.

Percy raschelte etwas mit den Papieren vor sich auf dem Tisch.

„Um ehrlich zu sein, du hattest Recht. Für den Dienst auf einem Schiff sind das nicht die nötigen Kenntnisse.“

Clyde ließ wieder seinen Kopf hängen. Er hatte es gewusst. Würden sie ihn die ganze Überfahrt lang unter Deck lassen, damit er niemandem im Weg steht?

„Was soll jetzt also passieren? Ich dachte, ich könnte wenigstens ein kleines Bisschen helfen.“

„Was habe ich als Zusammenfassung deiner Kenntnisse gerade eben zu dir gesagt?“

„Dass ich für den Dienst auf einem Schiff nicht die nötigen Kenntnisse besitze.“

Lieutenant Seymore grinste seinen Captain an.

„Richtig. Nicht für den Dienst auf einem Schiff. Als Seemann wärst du wahrscheinlich ziemlich ungeeignet. Aber für eine andere Aufgabe. Wir haben nämlich, zusätzlich zur normalen Besatzung, ganz wie ein richtiges Kriegsschiff, eine kleine Truppe von Seesoldaten. Sie arbeiten während des Gefechts als Scharfschützen und sie werden bei eventuellen Landeoperationen als Infanteristen eingesetzt. Ich nehme an, deine Erfahrungen bei Landeinheiten werden dafür ausreichen.“

Clyde lachte. Er hätte nie gedacht, dass die verhasste Waffenausbildung und die Zeit bei der Herzoglichen Armee jemals zu etwas Nutze sein könnten.

„Hoffentlich. Bestimmt ist hier einiges anders, aber das kommt dem, was ich gelernt habe, schon erheblich näher als…“

Clyde wurde mitten im Satz unterbrochen, als es an der Tür klopfte. Diethard Wegener erschien in der Tür.

„Eine Empfehlung vom Wachhabenden Offizier, Sir. Wir werden seit einiger Zeit von einer letrionischen Galeere verfolgt. Kommt langsam näher.“

Daniel Hansom sprang mit einem Fluch auf die Beine.

„Percy, stille Gefechtsbereitschaft. Clyde, du kommst mit mir.“

Clyde rannte hinter dem Captain her, während Lieutenant Seymore in eine andere Richtung verschwand.

Auf dem Achterdeck setzte Lieutenant Hochbauer gerade sein Fernrohr ab. Wortlos reichte er es seinem Kapitän.

„Dort hinten. Achteraus, ein Strich an Backbord.“

Daniel Hansom konnte gerade eben ein merkwürdiges weißes Dreieck von Segeln über dem Horizont erkennen.

„Sie haben immer noch dieses dämliche Lateinersegel. Wie weit ist er weg?“

„Geschätzt etwa zehn Seemeilen. Ich habe keine Ahnung, wie hoch der Mast einer Galeere ist.“

„Und wie schnell ist er?“

Die beiden Offiziere wandten sich nun an den großen, goldblonden Steuermannsmaaten aus Isafjord. Der stand achtern an der Heckreling mit einem Winkelmessinstrument und Clyde sah neugierig zu, wie er damit hantierte.

„Er kommt näher. Den anderen Messungen nach würde ich sagen, er ist einen halben bis einen Knoten schneller als wir.“

Daniel Hansom schnaubte angewidert.

„Verdammt. Ich möchte zu gerne wissen, wo der plötzlich herkommt. Auf der Reede von San Christofero hat doch gar keine Galeere gelegen, oder?“

Dann sah der Captain hoch zu den Segeln.

„Wie ist unser Kurs?“

Von vorne näherte sich ein Mann, der Clyde schon beim Betreten des Achterdecks aufgefallen war. Auch er trug die Uniform der Unteroffiziere, doch bei ihm gab es zusätzlich eine Reihe goldener Knöpfe rings um die beiden Ärmelmanschetten.

„Das ist Jason Lawrence, der Segelmeister.“ flüsterte es hinter Clyde.

Als er sich umdrehte sah er Diethard Wegener hinter sich, der ihn freundlich anlächelte. Clyde nickte dankend.

„Der Kurs ist Ost-Nord-Ost.“

„Wenn wir genau vor den Wind gehen, können wir noch mindestens ein bis zwei Knoten herausholen.“

„Ja, Sir. Aber dieser Kurs würde uns weiter nach Osten führen. Wir würden etliche Meilen verlieren, wenn wir wieder nach Norden kreuzen müssen.“

„Ich weiß, aber der Kerl weiß garantiert ebenso, wohin wir wollen. Wir müssen sehen, dass wir ihn abhängen. Wann ist Sonnenuntergang?“

„Kurz nach drei Glasen.“ meldete sich der Steuermannsmaat.

„Sehr gut. Wir bleiben bis zum Wachwechsel auf Ost-Nord-Ost. Nach Einbruch der Dunkelheit gehen wir vor den Wind. Mit Glück haben wir ihn morgen früh abgehängt. Ich möchte zum Wachwechsel geweckt werden.“

„Jawohl, Sir.“

Der Captain drehte sich um und sah Clyde und Diethard nebeneinanderstehen. Er musste leicht grinsen, denn die beiden waren gleich groß, in etwa gleich schwer und hatten die gleichen roten Haare. Lediglich bei Clyde waren die Haare länger und es unterschieden sie die Uniformen.

„Das war nun nicht sehr schwierig. Clyde, du kannst runter in deine Messe. Wir unterhalten uns morgen weiter. Findest du alleine dort hin?“

Clyde wollte schon etwas Abfälliges sagen, als er merkte, dass ihn auch die anderen anwesenden Offiziere und Unteroffiziere ansahen. Er würde hierbleiben und er würde sich anpassen, also:

„Jawohl, Sir.“


Als er zurück in das Deck kam, brannte nur eine kleine Kerze in einer verglasten Sturmlaterne. Clyde sah erstaunt, dass der Raum sich verändert hatte. Die Tische standen zusammengeschoben an einer Längsseite und zwischen den großen Stützbalken hingen jetzt sechs Hängematten. Liam und Ragnar hatten auf ihn gewartet. Liam holte ein Bündel aus der Ecke mit den Seekisten und drückte es Clyde in die Hand.

„Das ist deine Hängematte. Ich werde sie dir heute ausnahmsweise mal befestigen, morgen zeige ich dir, wie es gemacht wird. Nimm dir zwei Decken, eine zum unterlegen, eine zum zudecken.“

flüsterte er Clyde zu.

Mit ein paar kurzen Handgriffen hatten Liam und Ragnar die Hängematte befestigt und wandten sich jetzt ihren eigenen zu. Clyde stand etwas unschlüssig mit den beiden Decken in der Hand da. Mit einem kurzen Blick zu Ragnar sah er, wie dieser sich komplett auszog und dann elegant in seine Hängematte schwang. Clyde zögerte etwas. Ganz nackt wollte er eigentlich nicht schlafen. Seine Erfahrungen im Gefängnis und auf dem Sklavenmarkt hatten ihn vorsichtig werden lassen. Erschreckt fuhr er herum als eine leise Stimme hinter ihm ertönte.

„Du kannst dich ruhig ausziehen. Es tut dir niemand etwas, wirklich nicht. Außerdem ist es bei den Temperaturen deutlich angenehmer.“

Clyde drehte sich um und sah im Schein der Kerze Liam, ebenfalls komplett nackt. Immer noch etwas unsicher streifte Clyde seine Sachen ab und legte sie auf seine Seekiste.

„Siehst du, ist gar nicht so schwer. Ich helfe‘ dir mit der Hängematte.“

Clyde trat dicht an Liam heran und umarmte ihn spontan. Das Gefühl der nackten Haut und einer gleichzeitigen Ruhe und Sicherheit ließ Clyde erschauern. Dann bemerkte er mit einem leichten Anflug von Panik dass sich seine Gefühle auch in einer sehr deutlichen körperlichen Reaktion äußerten. Hastig ließ er Liam los. Beide sahen automatisch nach unten. Clyde lief wieder rot an, was im Schein der Kerze aber zum Glück nicht zu sehen war. Liam lächelte ihn nur an.

„Schon gut. Mir geht es ja auch nicht anders. Aber jetzt sollten wir lieber schlafen. Alleine, meine ich. Hüpf ‚rein.“

Clyde kletterte umständlich in seine Hängematte, die Liam für ihn festhielt. Als er lag, sah er, wie dessen nackte Gestalt sich gewandt in seine Hängematte schwang. Mit einem kleinen Seufzer ließ er den Tag, an dem so viel passiert war, Revue passieren und hoffte, dass dies kein Traum war, aus dem er unsanft geweckt wurde.


Er wurde tatsächlich unsanft geweckt, als ihn jemand heftig an der Schulter schüttelte. Verschlafen öffnete er die Augen und sah in ein jugendliches Gesicht mit dunkelblonden Haaren und grauen Augen.

„Aufstehen! Gefechtsalarm! Alle Mann auf Gefechtsstation.“

Schlagartig war Clyde wach. Ringsum sah er, wie die anderen eilig aus ihren Hängematten sprangen und sich anzogen. Clyde wäre beim ersten Versuch aus der Hängematte zu kommen, beinahe abgestürzt, aber er schaffte es ohne Blessuren bis zu seinen Sachen. Schnell sah er sich um und löste nach dem Vorbild seiner Kameraden die Hängematte, um sie einzurollen und neben seiner Seekiste zu verstauen.

Der Seekadett mit den dunkelblonden Haaren, der Clyde geweckt hatte, tauchte wieder neben ihm auf.

„Du bist Clyde, richtig?“

„Ja.“

„Gut. Ich bin Thomas. Wir haben Gefechtsalarm. Du bist zu den Seesoldaten eingeteilt worden und ich soll dich da hinbringen. Komm einfach mit.“

Und schon drehte er sich um und eilte so schnell nach oben, dass Clyde ihm kaum folgen konnte.


Um Mitternacht hatte die FAIRYTALE den Kurs geändert und lief nun hart am Wind nach Osten.

Als die Morgendämmerung hereinbrach, richtete sich fast die gesamte Aufmerksamkeit nach Achteraus, ob sich dort nicht ein Segel zeigte. Die Überraschung kam aus einer ganz anderen Richtung.

Einer der Seekadetten der Wache, Elvar Olsson, kam eilig die Wanten herab und lief zum Wachhabenden Offizier.

„Steuerbord voraus, ein Schatten. Fast recht voraus. Abstand vielleicht zwei Meilen.“

Lionel Holland, der Wachhabende Offizier, fluchte leise.

„Schnell, geh‘ den Captain wecken.“

Der Wachhabende Offizier legte dem Rudergänger eine Hand auf die Schulter.

„Ein Strich nach Steuerbord.“

„Jawohl, ein Strich nach Steuerbord.“

Wenige Minuten später stand Captain Hansom, nur mit einer kurzen Hose bekleidet, neben Lieutenant Holland. Der Schatten des anderen Schiffes war etwas nach Backbord ausgewandert, der Abstand nahm stetig ab. Es deutete nichts darauf hin, dass sie bemerkt worden wären. Wenn sie so weiterfahren würden, hätten sie das fremde Schiff nach einem Glas spätestens an Backbord querab.

„Ich komme gleich wieder.“

Drei Minuten später erschien der Captain wieder korrekt bekleidet an Deck. Der Segelmeister war ebenfalls schon dabei, die Schiefertafel mit den nächtlichen Navigationsdaten im schwachen Licht einer abgedunkelten Laterne zu studieren. Der Mann schien es zu ahnen, wenn irgendetwas in der Luft lag, vielleicht hatte ihn auch seine jahrelange Erfahrung an Deck getrieben. Man konnte es unbewusst spüren, wenn sich am normalen Dienstbetrieb etwas ändert. Die üblichen Geräusche veränderten sich leicht und jemand wie Jason Lawrence war einer der Ersten die darauf reagierten.

„Guten Morgen, Captain.“

„Guten Morgen, Mister Lawrence. Irgendetwas von Bedeutung?“

„Nein, Sir. Ich wollte nur nach dem Wachwechsel mal vorbeischauen.“

„Wo ist eigentlich unser Verfolger abgeblieben?“

Lieutenant Holland sah automatisch achteraus, konnte wegen der Dunkelheit aber nichts erkennen.

„Wir haben nichts gehört oder gesehen, Sir.“

Der Master rechnete auf seiner Schiefertafel.

„Nun, Sir. Wenn wir davon ausgehen, dass er den Kurs beibehalten hat, und wir auf unserem Ost Kurs einen Knoten schneller waren, dann sollte er jetzt etwa 24 Meilen in Nordwest-zu-West stehen.“

Der Captain nickte. Der Segelmeister war ein stiller und zurückhaltender Mann. Er war schon an Bord gewesen, als Daniel Hansom hier Captain wurde und schon damals war er so ruhig und nachdenklich. Er hatte da noch einen festen Partner, einen der Seesoldaten, doch als dieser vor zwei Jahren in einem Gefecht gefallen war, wurde Jason Lawrence nie wieder mit einem anderen Mann zusammen gesehen. Seine fachlichen Qualitäten waren auf jeden Fall überragend. Ein exzellenter Nautiker und hervorragender Segelmeister. Während des Gefechts führte er das Kommando über die Schiffsbewegungen und er hatte schon mehr als einmal das Schiff aus einer schwierigen Situation gerettet.

„Kann man schon erkennen, was das für ein Schiff ist? Die hätten uns doch schon längst bemerken müssen.“

„So wie es aussieht, ein Handelsschiff. Bewegt sich ziemlich schwerfällig. Scheinen sich ziemlich sicher zu fühlen, hier draußen.“

Captain Hansom nickte dem Segelmeister zu. Hier draußen war nichts und niemand. Vierundzwanzig Meilen dürften ausreichen. Es würde weder etwas zu sehen, noch zu hören sein. Dann gab er seinem inneren Gefühl nach.

„Mister Holland, lassen Sie auf Gefechtsstation gehen. Aber leise, bitte.“


So kam es, dass sich Clyde zu früher Morgenstunde müde und etwas frierend dicht neben Thomas Meinhardt auf dem Achterdeck wiederfand, wo sie gerade versuchten, den hin- und hereilenden Matrosen auszuweichen, die zu ihren Gefechtsstationen liefen.

Clyde sah sich nach den anderen Seekadetten um und konnte nur Liam erkennen, der dicht neben dem Captain stand und Jean-Luc hinten bei den Heckgeschützen.

„Meine Aufgabe im Gefecht ist es, mit meinen Leuten die Seesoldaten zu unterstützen, denn das sind nur zwölf Mann. Jeweils zwei befinden sich oben in den Marsen…“

damit zeigte Thomas hoch zu der unteren großen Plattform des hinteren Mastes - des Kreuzmastes, wie Clyde gelernt hatte - und deutete auf zwei ganz in Grün gekleidete Jungen mit kurzen Gewehren.

„… und jeweils drei in Höhe des Großmastes an jeder Seite an Oberdeck. Kannst du mit einem Gewehr umgehen?“

„Äh, schlecht. Eigentlich nur mit Pistole und Degen.“

„Schade, aber macht nichts. Wir gehen jetzt nach vorne und rüsten dich dort aus.“

Clyde folgte Thomas, der schon wieder mit eiligen Schritten unterwegs war. Rund um den Großmast waren Waffenregale aufgestellt und es wurden Handwaffen ausgegeben. Der Master-at-arms, ein breitschultriger Mann Mitte zwanzig, mit einer langen Narbe quer über der linken Wange, musterte Clyde kurz.

Thomas kommentierte nur „Seesoldaten“ und Clyde bekam einen Entersäbel und zwei Pistolen.

Thomas nickte und zog Clyde wieder mit sich. Auf dem Achterdeck steuerte er einen etwa achtzehn- oder neunzehnjährigen jungen Mann in der dunkelgrünen Uniform der Seesoldaten an. Im Gegensatz zu den anderen Seesoldaten, die Clyde kurz im Vorbeigehen gesehen hatte, waren an dessen Uniform silberne Litzen und auf den schwarzen Ärmelaufschlägen prangte jeweils ein silberner Stern.

„Das ist Leutnant de Luca, der Offizier der Seesoldaten.“

Der Leutnant musterte Clyde kurz mit erhobenen Augenbrauen, dann wanderte sein Blick kurz zum Himmel.

„Womit hab‘ ich das verdient? Nicht mal ein Karabiner. Am besten du bleibst…“

Mit einem kurzen Schlag vor den eigenen Kopf riss er sich selbst aus seinem Gedankengang.

„Du bist der Neuzugang?“

Clyde sah ihn erstaunt an, dann nickte er.

„Ist das jetzt schon allgemein bekannt? Mein Name ist Clyde.“

„Na, die meisten haben dich ja gesehen, als du an Bord gekommen bist. Ob es allgemein bekannt ist, unter welchen Umständen der Captain dich aufgegabelt hat, weiß ich nicht. In der Offiziersmesse wurde jedenfalls ganz offen darüber geredet.“

Leutnant de Luca musterte Clyde nachdenklich.

„Der Erste Offizier hat mit mir gesprochen. Ich habe zugestimmt, dass du zu den Seesoldaten kommst. Ebenso hat er mir erzählt, du bist ein Feuermagier. Bist du bereit, deine magischen Talente bei uns einzusetzen?“

Die Frage war berechtigt. Auch wenn es allgemein bekannt war, wenn jemand eine magische Begabung hatte, war es dessen ureigene Entscheidung, ob und wann er sie auch einsetzen würde.

Feliciano de Luca bemerkte, wie Clyde kurz zu Boden sah, dann aber entschlossen den Kopf hob und wie seine grünen Augen blitzten.

„Jawohl, ich bin bereit.“

Leutnant de Luca musterte den Entersäbel und die beiden Pistolen, die Clyde trug.

„Hm, Percy hat erzählt, du kannst gut mit Pistolen umgehen. Was ist mit dem Entersäbel?“

Clyde zuckte die Schultern.

„Ich hab‘ so ‘n Ding noch nie in der Hand gehabt. Aber meine Waffenausbildung beinhaltete Degen, Langschwert, Dolch, Hellebarde und Spieß. Ich komm‘ schon klar damit.“

Feliciano hob kommentarlos die Augenbrauen. Der Erste Offizier hatte recht gehabt. Mit einer richtigen Waffenausbildung konnte Clyde erheblich mehr als die meisten hier an Bord.

Leutnant de Luca führte nun den Neuen – richtig, Clyde hieß er – zur Backbordreling in Höhe des Hauptmastes. Dort gesellten sie sich zu den drei dort postierten Seesoldaten. Der Leutnant stellte jeden einzelnen vor.

„Miguel kommt aus dem nördlichen Letrion, war dort Viehhirte. Richard kommt aus Britannica, nach eigenen Angaben ein Wilddieb und Frank kommt aus Arlemande. Sein Vater war dort Jagdaufseher in den schwarzen Wäldern tief im Süden.“

Die drei nickten Clyde etwas uninteressiert zu, doch Feliciano de Luca redete einfach weiter.

„Und das hier ist Clyde, unser Neuzugang an Bord.“

Der kleine Letrioner grinste Clyde breit an.

„Ich weiß, hab‘ ihn gesehen, als er an Bord gekommen ist. Sieht ohne Klamotten deutlich besser aus.“

Die drei Jungen lachten, während der Leutnant nur mit den Achseln zuckte.

„Etwas vorlaut, weil sie glauben, sie wären gut. Da werden sie manchmal auch schon ein Bisschen zickig.“

„Wer ist hier zickig? Und - wir sind gut. Aber was ist mit ihm?“

Damit deutete er auf Clyde.

„Gehört der jetzt zu uns?“

„Ja. So wie ich den Ersten Offizier verstanden habe, soll er sich ein paar Tage bei uns eingewöhnen. Wenn er dann möchte, kann er bei uns bleiben.“

In diesem Moment schallte ein lauter Schrei von dem fremden Handelsschiff herüber. Anscheinend hatte man erst jetzt das schräg hinter ihnen fahrende Schiff bemerkt. Mehrere Personen liefen hektisch auf dem Achterdeck herum und kurze Zeit später entfaltete sich an der Gaffel eine große Flagge mit den Farben Herblondes. Captain Hansom schlug mit der Faust auf die Reling.

„Ha, ich hab’s gewusst. Oberdeck: Backbordbatterie Kettenkugeln!“

Damit war auch klar, auf welcher Seite das Gefecht beabsichtigt war, denn die Besatzungen für die Geschütze reichten nur für jeweils eine Seite. Wurde die Seite beim Gefecht gewechselt, musste die Bemannung der Kanonen ebenfalls auf die entsprechende Seite wechseln.

Captain Hansom gab Liam einen Wink und am Großmast stieg eine Flagge in die Höhe, die oben angekommen, durch den Fahrtwind auswehte. Sie zeigte auf dunkelblauem Grund die drei goldenen Löwen der Königin von Britannica. Es war die Flagge der britannischen Freibeuter.

Als man die Flagge der Freibeuter erkannte, tönten weitere Schreie von dem Handelsfahrer herüber und man begann dort, alle verfügbaren Segel zu setzen.

„Ein Bisschen zu spät, Monsieur.“ murmelte Daniel Hansom.

Das herblonder Handelsschiff machte nun auch tatsächlich etwas mehr Fahrt, und drüben an Deck wuselten jetzt eine ganze Anzahl Männer durcheinander.

„Das gefällt mir nicht. Mister Holland, noch einen Strich abfallen.“

„Einen Strich abfallen. Aye aye, Sir.“

Die FAIRYTALE entfernte sich somit etwas von dem Frachtschiff während sie auf fast parallelem Kurs aufholte.

Als der Bug der FAIRYTALE etwa in Höhe des Achterdecks des Frachtschiffes war, hörte man den ersten dumpfen Knall. Drei weitere folgten in kurzen Abständen.

Auf der FAIRYTALE gab es zwei Einschläge. Vorne bei den Jagdgeschützen krachte eine Kugel in einen Decksaufbau, während achtern ein Teil der Heckreling hinweggefetzt wurde und die Trümmer umherflogen. Einer der Rudergänger wurde von einem langen Splitter getroffen.

Mittschiffs hörte Clyde ein lautes Pfeifen, als eine Kugel dicht über die Köpfe der Seesoldaten hinwegflog.

„Oberdeck: Backbordbatterie Feuer!“

Der Befehl war kaum ausgesprochen, als eine Trillerpfeife ertönte und links und rechts neben Clyde die Kanonen der Oberdecksbatterie ihre Breitseite mit den Kettenkugeln abfeuerten.

Der Abschuss der Kanonen ließ Clyde fast taub werden, dann hustete er vom Qualm des verbrannten Schießpulvers, der vom Wind aber schnell über das Deck getrieben wurde.

Kettenkugeln waren zwei hohle Halbschalen die auf der Innenseite mit einer etwa einen halben Meter langen Kette verbunden waren. Nach dem Abschuss öffneten sich die Schalen und spannten die Kette. Das so erheblich größer gewordene Geschoß wurde hauptsächlich gegen die gegnerische Takelage angewendet um den Feind manövrierunfähig zu machen.

Fasziniert starrte Clyde hinüber, als ein Teil der Takelage des Gegners sich verabschiedete. Die Kettenkugeln hatten ganze Arbeit geleistet. Die Marsrahe des Vormastes war heruntergekommen und lag quer auf dem Vorschiff. Großsegel und Gaffel hatten mehrere Treffer erhalten und hingen in Fetzen. Das Schiff verlor schlagartig an Fahrt.

„Klar machen zur Halse!“

Der Rudergänger bestätigte und der Master brüllte seine Befehle an die Segelmannschaft.

Das fremde Schiff lag nun ein gutes Stück achteraus und die FAIRYTALE drehte nach Steuerbord um dann mit achterlichem Wind einen weiten Bogen zu beschreiben, so dass sie den Gegner noch einmal anlaufen konnte.

Captain Hansom bewegte sich zur Steuerbordreling und sah hinüber. Ein Mann, anscheinend der Kapitän, stand auf dem Achterdeck und gestikulierte hektisch. Er rief etwas auf Herblondaise, das Hansom schon wegen der Entfernung nicht verstand. Sich umsehend, fiel sein Blick erst auf Jean-Luc, doch dann entschied er sich für Lieutenant Lutteur.

Als die FAIRYTALE sich wieder näherte, war das gegnerische Schiff auf der Steuerbordseite. Der Winkel war so gewählt, dass die FAIRYTALE hinter dem Heck des Gegners vorbeifuhr und so von dessen Geschützen zunächst nicht zu erreichen war. Ein Handelsschiff hatte normalerweise keine Kanonen am Heck. Die eigenen Geschütze hingegen hätten dieses weniger geschützte Heck beschießen können und die schweren 18-pfünder wären in der Lage gewesen, mit ihren Kugeln der Länge nach durch den ganzen Rumpf des Gegners zu pflügen.

Daniel Hansom erkannte am Heck den Namenszug SIRÉNE unter einem etwas freizügig geschnitzten Bild einer Meerjungfrau.

Der fremde Kapitän gestikulierte immer noch.

„Sag ihm, er soll sich ergeben.“

Pierre Lutteur griff zu einer Flüstertüte.

„Es sei ein bedauernswertes Missverständnis.“

„Ein Missverständnis? Was für ein Idiot. Was gibt es da misszuverstehen, wenn man beschossen wird? Er soll seine Flagge streichen, sonst verpassen wir ihm eine volle Breitseite.“

Die Gefahr dieser Drohung war für den fremden Kapitän klar ersichtlich. Sowohl an Oberdeck als auch auf dem Batteriedeck waren alle Kanonen ausgerannt und klar zum Feuern.

Als Antwort kam ein wahrer Wortschwall zurück.

„Er sei eilig unterwegs und sie hätten nichts von Wert an Bord.“

„Wir befinden uns im Krieg und er hat uns beschossen. Sein Schiff und seine Ladung sind eine rechtmäßige Prise. Er soll die Segel streichen und ein Prisenkommando erwarten.“

Während die Antwort hinüberging, wurde ein Beiboot vorbereitet und die FAIRYTALE schwang weiter nach Steuerbord um langsam parallel zu dem Frachtschiff aufzuholen.

An der Steuerbordreling hatten sich inzwischen alle sechs Seesoldaten des Hauptdecks versammelt. Clyde sah neugierig zu dem anderen Schiff hinüber, während die Seesoldaten weiterhin das Deck dort auf verdächtige Bewegungen absuchten.

„Was ist das eigentlich für eine kleine Kanone?“

Feliciano de Luca folgte seinem Blick auf das erhöhte Achterdeck des Frachtschiffes.

„Verdammt, das ist eine Drehbasse. Die ist meistens mit gehacktem Blei geladen und wird für den Nahkampf verwendet. Damit will man Enterangriffe abwehren.“

Clyde wollte noch etwas fragen, doch nun geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Auf ein Signal hin erhoben sich hinter dem Schanzkleid der SIRÉNE etwa dreißig Männer, alle mit Musketen bewaffnet. Hinter der Drehbasse erschien ein Mann und griff nach dem Seil, mit dem das Zündschloss betätigt wurde. Clyde bekam große Augen als das kleine Geschütz herumgeschwenkt wurde und er fast genau in die Mündung sah.

Clyde ging blitzschnell seine Möglichkeiten durch. Ein Feuerball würde die Kanone höchst wahrscheinlich abfeuern. Keine gute Idee. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass sein Glamour so funktionierte, wie er es beabsichtigte.

Clyde zerrte er den ersten Seesoldaten herum den er zu fassen bekam und deutete nach vorne. Frank Beutler folgte dem ausgestreckten Arm und riss seinen Karabiner hoch.

Die dann folgenden Handlungen erlebte der junge Seesoldat wie in einem Traum, in dem die Zeit langsamer ablief. Er spürte, wie Clyde hinter ihn trat und ihm seine beiden Hände an den Hals legte. Sein Sichtfeld verschob sich und er sah den Mann hinter der Drehbasse jetzt erheblich näher als vorher. Der Mann war deutlich zu erkennen, während alles um ihn herum verschwommen aussah. Der eigene erhobene Karabiner schien eine endlose Linie zu bilden und der Endpunkt dieser Linie traf auf den Mann gegenüber. Noch eine leichte Korrektur und er zog den Abzug langsam zurück, so wie er es gelernt hatte. Als der Schuss brach, spürte er, wie Clyde ihn losließ und seine Wahrnehmung wurde wieder normal.

Der Mann hinter der Drehbasse brach zusammen, als ein roter Punkt mitten auf seiner Stirn erschien. Er lehnte sich erst an das kleine Geschütz, dann rutschte er langsam daran herunter. Durch das Gewicht des Mannes wurde das kleine Geschütz aus seiner ursprünglichen Lage gedreht und zeigte nun schräg nach unten auf das eigene Oberdeck. Die Leine der Zündeinrichtung hatte der Mann immer noch fest umklammert, als er auf dem Boden aufschlug. Da die Leine nicht bis zum Boden reichte, wurde sie ihm aus der Hand gerissen und gleichzeitig wurde am anderen Ende das Zündschloss aktiviert.

Die Männer auf der SIRÉNE hatten ihre Musketen bereits erhoben, als sich die Drehbasse donnernd entlud und jeden niedermähte, der ungeschützt in der Schussbahn gestanden hatte.

Mit offenem Mund und einem entsetzten Gesichtsausdruck starrte der Kapitän der SIRÉNE auf seine so grausam dezimierte Besatzung. Captain Hansom sah nur einmal kurz zu seinen Seesoldaten hinüber, dann wieder zu dem gegnerischen Schiff.

„Ruder Steuerbord! Klarmachen zum Entern!“

Der Master gab lautstark Befehle an die Segelbesatzung, damit sie langsamer wurden und nicht mit unverminderter Fahrt gegen die SIRÈNE stießen.

Die FAIRYTALE schwang herum und näherte sich der SIRÉNE. Langsam wurde der Abstand geringer und auf der Back sammelte sich die Entermannschaft. Es waren hauptsächlich die Älteren, die nach vorne strebten, aber Clyde sah auch Jean-Luc und Ragnar mit einem Entermesser in der Hand. Kurz entschlossen folgte er ihnen.

Die beiden Schiffe hatten sich auf wenige Meter genähert und die ersten Wurfanker flogen herüber. Mit einem leichten Knirschen schor die FAIRYTALE mit ihrem Bug an dem anderen Schiff entlang und die ersten Mutigen sprangen hinüber. Nur wenige Besatzungsmitglieder der SIRÉNE waren übriggeblieben, um ihr Schiff zu verteidigen. Jean-Luc rannte an der Spitze einer kleinen Gruppe in Richtung Achterdeck, gefolgt von einer zweiten Gruppe mit Clyde und dem Ersten Offizier.

Suchend sah Jean-Luc sich um, doch es war niemand zu sehen. Langsam arbeitete er sich um die Oberlichter und das Kompasshäuschen herum. In seinem Rücken spürte er plötzlich die harte Rundung eines Pistolenlaufes.

„So, du kleiner Bastard. Warst wohl ein wenig zu schnell?“

„Was soll das? Wir haben gewonnen.“

„Ja, ihr vielleicht, aber du nicht. Dreh‘ dich ganz langsam um, kleiner Jean-Luc.“

Jean-Luc lief es in diesem Moment eiskalt den Rücken herunter. Woher kannte der Fremde ihn? Hatte er ihn schon einmal getroffen? Nein, das konnte nicht sein. Er war noch nie vorher auf einem anderen Schiff gewesen.

Langsam drehte er sich um und sah einen kleinen, älteren Mann. Die Kleidung sah teuer aus, doch sie konnte nicht ablenken von dem spöttisch verzogenen Gesicht mit den kleinen Augen und dem Grinsen einer Ratte.

„Pierre le Rat!“

„Ich sehe, du kennst mich doch noch. Und nun sag‘ fein Adieu zu deinen Freunden.“

„Wir haben euer Schiff, es gibt kein Entkommen.“

„Aber, aber. Wer redet denn von entkommen. Ich weiß, wann ich verloren habe. Aber dich werde ich mitnehmen auf meine letzte Reise.“

Jean-Luc sah, wie die Pistole leicht angehoben wurde und wartete auf den Schuss, als er in weiter Entfernung den Abschuss einer anderen Pistole hörte. Verblüfft sah er den erstaunten Gesichtsausdruck von Pierre, als ein kleines rundes Loch mitten in seiner Stirn erschien und er wie erstarrt, langsam nach hinten umkippte.

Clyde traf keuchend neben Jean-Luc ein.

„Tut mir leid, aber es ging nicht anders. Hab ich dich verletzt?“

Jean-Luc verspürte erst jetzt das Brennen auf seiner linken Wange und sah Clyde fragend an. Dann hob er seine linke Hand und führte sie zu seinem Gesicht. Als er sie betrachtete, war sie blutverschmiert.

„Das warst du? Mit einer Pistole auf wieviel, auf zwanzig Meter?“

Clyde nickte schweigend. Jean-Luc umarmte ihn und sie pressten sich aneinander.

Thomas Meinhardt sah die beiden oben stehen und wollte hinauf, doch Lieutenant Seymore hielt ihn am Ärmel fest.

„Lass die Beiden noch einem Moment allein. Wir müssen uns hier unten um alles kümmern.“

Thomas sah die beiden Arztgehilfen über das Oberdeck der SIRÉNE gehen und fast bei jedem Schritt bedauernd mit dem Kopf schütteln.

Der Kapitän des Frachters wurde von zwei Matrosen bewacht, während er unablässig auf Lieutenant Lutteur einredete.

„Er will noch immer, dass wir ihn und das Schiff freilassen. Er droht mit der gesamten Marine von Herblonde.“

Angewidert drehte sich Percy Seymore um und ging auf die Kapitänskajüte zu. Der Kapitän wurde plötzlich richtig hektisch und die beiden Matrosen mussten ihn mit Gewalt zurückreißen. Lieutenant Seymore wurde Misstrauisch. Er winkte Thomas Meinhardt, ihm zu folgen. Im Inneren der Kajüte stand ein großer Schreibtisch, auf dem sich chaotisch mehrere Seekarten, einige Schriftstücke und ein paar Essensreste verteilten.

Eine weitere Tür führte in den Schlafraum des Kapitäns. Lieutenant Seymore blieb schlagartig stehen, dann drehte er sich schnell um. Dabei wäre er beinahe mit Thomas zusammengestoßen, der ihm folgte.

„Geh bitte zurück an Bord und hol den Doktor. Dann besorg etwas zum Anziehen. So etwa deine Größe. Und beeil dich.“

Thomas sauste los und Sigurd Hochbauer, der gerade in die Kajüte kam, sah ihm erstaunt nach. Percy Seymore bedeutete dem jungen Lieutenant, ihm zu folgen.

Auf dem breiten Bett im Schlafraum des Kapitäns lag auf dem Rücken ein nackter, gefesselter junger Mann. Man hatte ihm Arme und Beine gespreizt und jeweils an den Bettpfosten festgebunden. Der gesamte Körper war von roten Flecken übersät, die auf eine brutale, systematische Misshandlung oder Folter schließen ließ, die noch gar nicht so lange her sein konnte. Im Mund steckte ein Knebel, der mit einem Tuch um den Kopf fixiert war. Der Junge war wach und Sigurd sah die Panik in seinen blauen Augen.

Langsam näherte sich der Lieutenant und sprach leise in Herblondaise auf den Jungen ein. Jede seiner Bewegungen wurde misstrauisch verfolgt. Langsam und methodisch löste Sigurd den Knoten hinter dem Kopf und entfernte vorsichtig den Knebel. Der Junge streckte seinen Unterkiefer, dass es knackte, dann sah er seinen Retter an.

„Wer… wer…?“

Lieutenant Hochbauer stutzte erst, dann hörte er noch einmal genau hin. Die Worte waren sehr schlecht zu verstehen, doch er war sich sicher, dass es Arlemandi war.

„Mein Name ist Sigurd. Wie heißt du?“

„Martin.“ hauchte der junge Mann, dann verdrehte er die Augen und wurde bewusstlos.

„Mist“, fluchte Percy Seymore.

Schnell zückte Lieutenant Hochbauer ein Messer und schnitt vorsichtig die Fesseln an den Handgelenken und den Füßen durch. In diesem Moment betrat auch Michael Kerner, dicht gefolgt von Thomas Meinhardt, den Raum. Der Schiffsarzt hatte sich zwar gewundert, aber wenn der Erste Offizier ihn herüberbat, folgte er gerne dieser Bitte. Im Lazarett waren die meisten Arbeiten erledigt. Die wenigen eigenen Verwundeten waren versorgt und seine beiden Helfer waren hier an Bord ohnehin zu spät.

Als der Arzt den Jungen auf dem Bett sah, stieß er einen Fluch aus, der in Länge und Aussagekraft nichts zu wünschen übrig ließ. Er ließ sich neben dem Bett nieder und fuhr mit sanft tastenden Fingern die Knochen ab.

„Hm, gebrochen scheint nichts zu sein. War er schon bewusstlos, als ihr ihn gefunden habt?“

Sigurd erklärte, was alles passiert war.

„Wir werden ihn wohl transportieren müssen, wenn er nicht laufen kann. Aber das kann er uns nur selber sagen. Ich werde ihn wohl aufwecken müssen.“

Aus seiner Jackentasche nahm der Doktor ein Fläschchen mit Riechsalz und hielt es Martin unter die Nase. Der junge Mann verkrampfte sich und fing an zu Husten.

Percy Seymore zog Thomas und Sigurd aus dem Raum.

„Ich glaube, der Doktor wird sich erst einmal um alles kümmern. Ihr könnt ja schon mal mit dem Schreibtisch und den Papieren dort anfangen.“

Ein paar Augenblicke später spähte der Doktor aus dem Schlafraum und sah Sigurd Hochbauer an.

„Sigurd, kommst du mal? Er möchte mit dir reden.“

Erstaunt legte der Lieutenant die Papiere wieder auf den Tisch, die er gerade aufgenommen hatte. Langsam ging er hinüber zum Bett und kniete sich ab.

„Was gibt es denn?“

„Ich… ich muss euch noch was … was Wichtiges…“

Die Stimme des jungen Mannes war fast nicht mehr zu verstehen. Sigurd beugte sich vor und hörte so das leise Flüstern. Nach ein paar Minuten stand er auf und suchte Percy Seymore, den er darüber informierte, was Martin ihm Merkwürdiges mitgeteilt hatte.

„Als die Sichtung unseres Schiffes so viel Aufregung verursacht hat, haben der Kapitän und ein anderer Mann, den er als Rattengesicht bezeichnet hat, ein paar Papiere und wohl auch Gold versteckt.“

Percy pfiff leise durch die Zähne. Das schien ja noch interessant zu werden.

„Sehr schön. Dann werden wir mal sehen, was sich hier so findet. Such dir Jean-Luc und Thomas und dann geht ihr alles durch, was im Schreibtisch und auf dem Kartentisch ist.“

Thomas Meinhardt war schon bei der Arbeit, als Jean-Luc und Clyde eintrafen. Der Seekadett war von einem der Arztgehilfen versorgt worden und trug nun einen weißen Verband schräg um seinen Kopf, der seine linke Wange bedeckte.

Clyde hatte neugierig in den Schlafraum gesehen und war dann wie angewurzelt stehengeblieben.

„Bei den alten Göttern, das ist ja Martin!“


„Also, was haben wir?“

Jean-Luc sah hinunter auf den Kartentisch und ging die Unterlagen durch.

„Die Seekarten sind Standardkarten der Kartographischen Gesellschaft von Herblonde. Darauf ist nichts Auffälliges vermerkt, lediglich der Kurs von Port Bajou bis nach Berecelle. Die Seehandbücher sind ebenfalls Standardwerke mit einigen kleineren Bemerkungen für die Küstennavigation.“

„Na gut, Lieutenant Hochbauer?“

„Die Schriftstücke sind hauptsächlich das Manifest, eine Besatzungsliste und mehrere geschäftliche Schreiben. Weitere Schreiben im Schreibtisch sind die private Korrespondenz des Kapitäns mit seiner Ehefrau.“

„Hmmm. Was sagt das Manifest?“

Sigurd nahm das entsprechende Schriftstück und sah darauf.

„9 Fässer Branntwein, 2 Fässer Rum, 1 Fass Wein, 4 Säcke Kakao, 8 Fässer Salpeter, 1 Fass Schwefel, 10 Last Eibenholz, 6 Last Eiche, 4 Last Kastanie, 6 Fässer Farbstoffe, 7 Ballen Felle, 15 Last Holzkohle, 9 Ballen Leder, 1 Sack Ingwer, 6 Säcke Muskatnuss, 5 Säcke Pfeffer, 2 Tonnen Blei, 14 Tonnen Eisen, 11 Tonnen Kupfer, 7 Tonnen Zinn, 8 Ballen Baumwolltuch, 10 Fässer Schwarzpulver, 2 Ballen Segeltuch, 8 Ballen Wolltuche, 1 Ballen Werg, 1 Fass Teer.“

Lieutenant Seymore runzelte die Stirn, doch dann zuckte er nur mit den Schultern.

„Sehr merkwürdig. Eine dermaßen konfuse Zusammenstellung mit solchen geringen Mengen. Das werden wir überprüfen müssen.“

„Kommen wir nun zu dem versteckten Schatz. Wo soll sich der denn befinden?“

Sigurd grinste leicht und wandte sich einem der Fenster zu, die zur Heckgalerie gehörten. Als er das Fenster öffnete sah er unter sich, an einer der Verzierungen, ein dünnes, kräftiges Seil befestigt, das bis hinunter zur Wasserlinie reichte.

Probeweise zog er daran, doch anscheinend war ein schweres Gewicht am anderen Ende. Inzwischen waren auch die anderen zum Fenster getreten und sahen hinaus. Sigurd packte das Seil und holte es Hand über Hand ein, was ihm ziemlich schwer fiel. Am Ende des Seiles kam eine Kassette zum Vorschein, ähnlich der, die der Captain für seine Geldtransporte nutzte.

Die Kassette war verschlossen und alle sahen sich ratlos an. Lieutenant Hochbauer ging hinüber in den Schlafraum.

Als er nach einer ganzen Weile zurückkehrte hatte er einen kleinen eisernen Schlüssel bei sich, doch er schien von etwas abgelenkt worden zu sein, denn er war auf einmal merkwürdig wortkarg.

Er hockte sich vor die Kassette und steckte den Schlüssel ein. Mit der linken Hand drückte er auf eine der kreisförmigen Verzierungen links neben dem Schloss, dann drehte er den Schlüssel. Mit einem leichten Schnappen sprang der Deckel auf.

„Eine geheime Sicherung.“ entfuhr es Jean-Luc.

„Da hätten wir lange probieren können.“

Das Innere der Kassette war feucht, doch der Inhalt war durch feste Umschläge aus versiegeltem Wachspapier geschützt.

Als erstes nahm Lieutenant Seymore zwölf dicke, etwa handlange Rollen aus der Kassette. Sie waren schwer und hatten wohl das hohe Gewicht verursacht. Darunter lagen mehrere dicke Packen versiegelter Papiere.

„In Ordnung. Bis hierhin. Das ist eine Sache für den Captain. Er sollte die Sachen zuerst sehen und dann entscheiden, was wir als nächstes machen.“

Energisch klappte der Erste Offizier die Kassette wieder zu.


Im Schlafraum hatte der Doktor inzwischen Clyde bedeutet, er solle die Tür schließen.

„Du kennst ihn?“

Clyde sah auf den inzwischen wieder Schlafenden herab und nickte.

„Ja. Ich weiß nur, dass er Martin heißt, aus Arlemande stammt und Schmied gelernt hat. Wir waren im Gefängnis zusammen in einer Zelle. Als ich nach meiner Gerichtsverhandlung zurückkehrte, war er nicht mehr da. Keine Ahnung, was mit ihm passiert ist.“

Doktor Michael Kerner nickte stumm und besah sich seinen Patienten, über den er ein leichtes Laken gebreitet hatte. Der junge Mann war etwa um die zwanzig, braungebrannt und muskulös. Die Geschichte mit dem Schmied konnte stimmen.

„Sie haben ihn ganz schön misshandelt. Er zeigt Spuren von Folterungen, aber keine offenen Wunden oder Knochenbrüche. Falls sie ihn wirklich gefoltert haben, hat er anscheinend sehr lange geschwiegen.“

Betroffen griff Clyde nach dem Laken und zog es vorsichtig vom Oberkörper herunter. Mit versteinertem Gesicht starrte er auf die zahllosen blauen und roten Flecken und die Abschürfungen an den Handgelenken.

„Beim Belenos, dafür wird jemand bezahlen“,

zischte Clyde zwischen zusammengepressten Zähnen.

Michael Kerner sah Clyde aufmerksam an. Natürlich kannte er die Geschichte vom Sklavenmarkt aus der Offiziersmesse, doch an dem jungen Mann hier schien noch etwas Besonders dran zu sein. Er hatte die alten Götter seiner Heimat beschworen als er hereinkam und danach Belenos, den Gott der Heilkunst in Britannica.

„Du bist ein Anhänger der alten Götter. Wie ich gehört habe, stammst du aus Lonlothian. Werden dort die alten Götter noch allgemein verehrt?“

Clyde schreckte aus seinen Gedanken hoch.

„Oh, dort werden die alten Götter noch sehr häufig verehrt. Die Naturmagie der Druiden ist nicht ganz so stark verbreitet wie in den anderen Teilen von Britannica. In Lonlothian und Cymru dürfen sogar noch die Sidhe ihre alte Magie wirken.“

„Dort gibt es noch Elfen? Ich dachte, die letzten seien seit über hundert Jahren nicht mehr gesehen worden.“

Clyde lachte leise.

„Es gibt sie immer noch. Sie zeigen sich zwar nicht mehr so offensichtlich, doch sie sind noch da. Es gibt einige Geschichten aus der neueren Zeit, die von Begegnungen mit den Sidhe berichten.“

Nachdenklich betrachtete Clyde den malträtierten Körper vor sich.

„Er hat Schmerzen, nicht wahr? Ich weiß, dass ich immer Schmerzen hatte nach den Waffenübungen und das waren nur ein paar blaue Flecken, aber die blieben fast zwei Wochen lang.“

„Ja. Er muss starke Schmerzen haben. Ich weiß nicht, wie es in seinem Inneren aussieht, aber auch die Schmerzen alleine können jemanden umbringen.“

„Gibt es da nichts…?“

Doktor Kerner schüttelte den Kopf.

„Wir haben nichts mehr an Bord. Wir hatten nur geringe Vorräte und die sind verbraucht. In Tarray, unserem Heimathafen, wollten wir sie wieder auffüllen.“

Clyde starrte auf Martin herab und sein sonst fröhlicher Gesichtsausdruck bekam einen grimmigen Zug.

„Doktor, was würden sie sagen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, ihm zu helfen?“

„Das wäre hervorragend, aber was sollte das sein?“

„Glauben sie an Magie, Doktor?“

Auf Grund des vorhergehenden Gesprächs war es für Michael Kerner plötzlich klar, in welche Richtung diese Frage zielte.

„Du bist ein Elf?“

Clyde schüttelte den Kopf, wie so oft, wenn ihm diese Frage gestellt wurde.

„Nein, nur zur Hälfte. Ich kann und darf die wahre Magie der Sidhe nicht wirken. Mir wurde bei meiner Geburt lediglich eine Berührung zuteil. Eine von den vier Gnaden der Sidhe für ihre Bastarde. Ich wurde ein Cynfelin, ein Hund des Belinos, des Gottes von Leben und Tod.“

Noch während er sprach, fuhr Clyde mit den Händen zu seinen Ohren und nach einem leichten Glitzern waren die spitzen Ohrmuscheln der Elfen wieder sichtbar.

Mit erhobenen Augenbrauen hatte Doktor Kerner ihm zugesehen, aber noch kein Wort geäußert. Nun sah er, wie sich Clyde mit wenigen Handgriffen entkleidete.

„Für das, was ich jetzt vorhabe, brauche ich all meine Kraft, deshalb habe ich die Tarnung der Ohren aufgehoben. Bitte erschrecken sie jetzt nicht.“

Die ohnehin helle Haut des Halbelfen schien noch heller zu werden und fing an zu glitzern wie zuvor die Ohren. Das Glitzern spannte sich über seinen gesamten Körper und aus den leichten Sprenkeln wurde ein sanftes, gleichmäßiges Strahlen.

Mit der linken Hand zog Clyde das Laken komplett von Martin herunter und begann mit der rechten Hand, sanft über den Oberkörper zu streichen. Systematisch fuhr er über den gesamten Oberkörper, die Arme, die Hände um dann zum Bauch zurückzukehren und sich langsam nach unten zu bewegen.

In diesem Moment trat Sigurd Hochbauer ein, um den Schlüssel zu holen, von dem er vorher erfahren hatte. Wie angewurzelt blieb er in der Tür stehen, bis der Doktor ihn hereinzog, die Tür schloss und verriegelte.

„Sigurd Hochbauer, wenn du auch nur ein Sterbenswörtchen von dem verrätst, was du hier gerade siehst, werde ich dir deine Eier abschneiden, so dass dein Freund bestimmt keine Freude mehr an dir hat, hast du das verstanden?“

Clyde konnte genug Arlemandi, um zu verstehen, was der Doktor gerade gesagt hatte, und musste sich gewaltig anstrengen, um die Konzentration zu behalten.

Lieutenant Hochbauer hingegen nickte nur wortlos und versuchte, an den Schlüssel zu kommen, von dem er wusste, dass er unter der Matratze war. Dazu musste er sich an Clyde vorbeischieben, der neben dem Bett kniete. Trotz gegenteiliger Bemühungen berührte er dabei Clyde und erschauerte. Er verspürte auf einmal einen tiefen Frieden, Entspannung und Sicherheit. Rasch nahm er den Schlüssel und trat zurück. Immer noch verspürte er einen fast unbändigen Zwang, den jungen Mann, der da vor ihm kniete zu umarmen und zu küssen.

Mit seiner letzten Reserve an Willenskraft riss sich Sigurd Hochbauer von Clyde los und sah den Doktor ratlos an.

„Wie gesagt, es bleibt unter uns, was hier passiert. Und jetzt raus. Du hast bestimmt was Wichtiges zu tun.“


An Oberdeck der SIRÉNE waren indessen die Aufräumarbeiten in vollem Gange. Die toten Besatzungsmitglieder waren entlang der Reling aufgereiht worden, die noch lebenden wurden von den Arztgehilfen versorgt.

Nun war Daniel Hansom auf einem Rundgang durch das Schiff um festzustellen, ob es sich eignete, als Prise nach Britannica geschickt zu werden. Er wurde begleitet von Lieutenant Holland und Reinhard Vocke, dem Schiffszimmermann.

„Wie steht es mit dem Zustand des Schiffes?“

Lieutenant Holland machte als erster seine Meldung.

„Die Besatzung ist so gut wie ausgelöscht. Siebenundfünfzig Tote, drei Schwerverletzte, zwei Leichtverletzte. Die beiden letzten sind der Kapitän und der Schiffskoch. Die Vormarsrah hat den Absturz überstanden und braucht nur neu aufgeriggt zu werden. Das stehende Gut ist soweit in Ordnung, das laufende Gut muss zusammen mit dem Großsegel und der Gaffel ersetzt werden. Wenn es gut läuft, sechs bis acht Stunden.“

Captain Hansom wandte sich nun dem Zimmermann zu.

„Der Rumpf ist unbeschädigt, zumindest was den Beschuss betrifft. Die Beplankung ist alt und das Schiff macht ziemlich viel Wasser unter Segel. Wir könnten die gröbsten Stellen abdichten, aber es muss in regelmäßigen Abständen gepeilt werden.“

Der Captain überlegte kurz, dann hatte er sich entschlossen.

„Lieutenant Holland, nehmen sie sich einen Seekadetten und einen Steuermannsmaaten. Der Bootsmann soll zwei seiner Maate und zwanzig Mann abteilen. Mister Vocke, sie stellen bitte einen ihrer Zimmermannsmaate ab. Wir bleiben noch bis Sonnenuntergang zusammen, so lange werden wir die SIRÉNE bei ihren Instandsetzungsarbeiten unterstützen.“

Jetzt wandte er sich förmlich an den jungen Lieutenant.

„Lieutenant Holland. Sie übernehmen die SIRÉNE und sind von jetzt an ihr Kommandant bis zum Eintreffen in Tarray. Sollten sie verhindert sein, dort einzulaufen, dürfen sie jeden anderen erreichbaren britannischen Hafen anlaufen. Viel Glück.“

Nach einer kurzen Umarmung ging Captain Hansom schnell zurück auf die FAIRYTALE, während der frischgebackene Kommandant sich mit hektischem Blick an die Ausführung seiner Befehle machte.

In seiner Kabine streckte sich Daniel Hansom kurz auf der Sitzbank unter dem Fenster aus, als es schon wieder klopfte. Lieutenant Seymore kam mit den neuesten Nachrichten über seine Erkundungen.

„Komm rein und setz dich hin.“

Der Captain blieb auf der Bank liegen, während der Lieutenant sich auf einen Stuhl an den Schreibtisch setzte.

„Wieder der Rücken?“

„Ja, das Wetter wird sich ändern. Ich kann das Wetter besser voraussagen als jedes alte Kräuterweiblein.“

Percy Seymore kannte die breiten Narben auf dem Rücken des Captains und stieß ein sarkastisches Lachen aus.

„Irgendetwas Interessantes?“

„Oh, ja. Ich glaube, wir sind da auf etwas gestoßen, was wohl eine Nummer zu groß für uns ist.“

„Ganz neue Töne von dir. Erzähl.“

Als der Erste Offizier geendet hatte, blieb Captain Hansom eine ganze Weile schweigsam. Dann richtete er sich mühsam auf und sah Percy müde an.

„Irgendetwas braut sich zusammen und wir müssen herausfinden was es ist. Zuerst die Sache mit einem verschwundenen Magier, dann die Auktion. Und jetzt diese geheimnisvolle Truhe auf einem herblondischen Schiff. Auch wenn die Dinge vielleicht nicht direkt zusammenhängen sollten wir herausfinden, was hier los ist.“

Wieder ein längeres Schweigen, das durch lautes Klopfen an der Tür unterbrochen wurde. Zwei Matrosen schleppten die geheimnisvolle Kassette in die Kapitänskajüte und stellten sie auf einen Wink hin neben den Schreibtisch.

Leicht stöhnend erhob sich Daniel Hansom und Percy zeigte ihm, wie die Truhe geöffnet wurde. Sie starrten zunächst schweigend hinein, dann griff der Captain nach einem der dünnen Pakete unter den Rollen. Er riss es auf und zog ein beschriebenes Blatt Papier hervor.

„Herblondaise,“

zischte er, etwas enttäuscht. Aufseufzend ließ er den Deckel wieder zufallen.

„Ich möchte das nicht alleine machen. Wenn nur wir beide das durchziehen, übersehen wir vielleicht etwas. Wir brauchen jede einzelne Information, die wir kriegen können, deshalb sollten wir vielleicht ein paar mehr Leute dazu nehmen.“

Daniel Hansom sah entschuldigend zu Lieutenant Seymore.

„Thema Leute. Ich habe Lionel Holland mit der SIRÉNE betraut. Er wird uns spätestens heute Abend verlassen und nach Tarray segeln. Dafür wird er wohl so neunzehn bis zwanzig Tage brauchen. Wir werden ebenfalls dorthin zurückkehren, aber da wir erheblich schneller sind, können wir vorher noch unseren Gast absetzen.“

Percy Seymore nickte nur geistesabwesend. Ihn beschäftigte etwas anderes.

„Wer soll denn alles zu diesem ‚Kriegsrat‘ gehören?“

„Hm, mal sehen. Es sollten nicht zu viele sein. Außer mir und dir noch der Master, dann vielleicht der Doktor und Miles Redcliff. Wer war noch bei dem Fund der Kassette dabei?“

Percy sagte es ihm und Daniel überlegte kurz.

„Sigurd brauche ich als Wachoffizier. Also noch Thomas, Jean-Luc und Clyde. Dann wären das acht. Falls notwendig, brauchen wir noch einen, der Fjördur spricht.“

„Thorben oder Ragnar.“

„Die Lieutenants werden mit der Seewache ausgelastet sein. Also Ragnar.“

„Na gut. Dann überbring ihnen allen bitte die gute Nachricht. Ich möchte in einer Stunde den Kriegsrat hier…“

Er unterbrach sich, als sein Magen grummelte.

„Verdammt, wir haben das Frühstück wegen diesen Idioten verpasst. Wie spät ist es?“

„Etwa zwei Glasen auf der Vormittagswache.“

„Lass bitte sofort das Essen ausgeben. Das ist wichtiger als der Papierkram. Wir verschieben die Sitzung auf sechs Glasen. Und vorher möchte ich noch wissen, was es mit dieser Ratte auf sich hat, die Clyde erlegt hat.“

Percy stand auf.

„Jawohl, Sir.“

Dann ging er hinüber zu Daniel, beugte sich herunter und gab ihm einen langen, liebevollen Kuss. Daniel seufzte leise und zog Percy fester an sich.

„Was würde ich ohne dich nur machen.“

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