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Der Sani

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Geschichte spielt im Jahr 1998 und da war noch so vieles ganz anders. Nicht besser, aber eben anders. Wer als erster erraten kann, wo sie spielt, bekommt ein Fleißkärtchen. Ich bitte, den Stil zu entschuldigen, denn dies ist eigentlich mein erstes Werk, das so in dieser Form schon seit 1998 in der digitalen Schublade lag. Von Pferden habe ich bis heute keine Ahnung, aber damals fand ich es dramatisch, deshalb habe ich es so gelassen. Falls also etwas nicht stimmen sollte, ich nehme alle Schuld auf mich und schiebe sie auf die künstlerische Freiheit.

Der Sani

„Toooooor!!“

„Ja, Schei....be“ konnte ich nur noch denken und machte einen letzten verzweifelten Satz nach rechts. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich plötzlich etwas Dunkles auf mich zukommen. „Der Ball hat doch keine roten Streifen“ konnte ich gerade noch denken, als es plötzlich um mich herum schwarz wurde.

„Is was Schlimmes?“ – „Der blutet ja wie Schwein.“ – „Ruf mal einer die Sanis!“ – „Der ist ja sogar zu blöd zum Fußballspielen.“

Meine Kameraden sind mal wieder so gut zu mir. „Ja, vielen Dank auch“ versuchte ich noch zu murmeln, aber ein stechender Schmerz zuckte durch meine Lippen in den Kopf und es wurde wieder alles gnädig dunkel.

Als ich langsam wieder zu mir kam, merkte ich, dass ich in einem Bett lag. War ja fast zu erwarten. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Der Schmerz im Kopf war nicht mehr so schlimm, und der in den Lippen... hey, Moment mal. Von meinen Lippen konnte ich gar nichts mehr spüren. Alles taub. Mist.

Ein kleiner Rundblick. Aha, also doch Krankenhaus. Auf der linken Handoberfläche gleich ein Tropf. Ein kleines Zimmer mit Bett, Stuhl, Nachttisch bei mir und rechts neben mir noch mal das gleiche, aber Gott sei Dank nicht belegt. Wieso eigentlich ‚Gott sei Dank nicht‘ – wäre doch vielleicht ganz interessant mit einem netten jungen Mann auf dem Zimmer...

Kevin, du bist ein Arsch. Oh, Entschuldigung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Kevin. Verzeihung, Gefreiter Kevin Kerner. Jetzt kichert nicht so blöd, den Namen hab ich mir ja schließlich nicht ausgesucht. Meine Eltern fanden es wohl lustig, diesen Doppelklang. Ich hab mich in den letzten neunzehn Jahren dran gewöhnt.

Ach ja, ich komme aus einer rheinischen Kleinstadt zwischen Köln und Aachen. In Köln hab ich auch meine Berufsausbildung gemacht. Speditionskaufmann. Genau, so mit LKW’s und so, aber am besten fand ich noch unsere kleine Abteilung für Binnenschifffahrt. Und jetzt? Mindestens 600 km trennen mich vom Dom. Ich hab’s natürlich geschafft, nach der Grundausbildung, soweit wie nur möglich weg zu kommen. Das kommt davon wenn man die Klappe nicht hält und mit seinen Computerkenntnissen angibt.

„Guten Abend, na sind wir schon wach?“

Oh, nein. Ich hasse Klischees, aber das hier war eins. Eins sechzig groß, ebenso breit und eine Stimme wie mein Spieß. Eben der Typ Oberschwester Rabiata.

„Wieso wir“, dachte ich verschlafen, machte aber dann doch den erwarteten Standardspruch

„’o `in ich?“

„Im Klinikum natürlich. Sie hatten einen Sportunfall.“

Natürlich, ich hatte einen Sportunfall. Hätt’ ich ja auch von selbst drauf kommen können. Jetzt konnte ich mir einen Reim drauf machen. Ich Blödmann hatte mich dazu überreden lassen beim Hallenfußball ins Tor zu gehen. Typisch. Dabei konnte ich gar nicht Fußball spielen. Wenn ich schon Sport trieb, dann war es Laufen oder Schwimmen, aber heute fehlten so viele beim Fußball, dass ich mich hatte überreden lassen.

„Heute Abend und morgen früh bekommen sie erst mal nichts wegen ihrer Lippen. Nach der Visite werden wir dann mal sehen. Wenn sie etwas brauchen, klingeln sie einfach“

Damit war sie verschwunden. Toll, und ich durfte hungern. Nicht dass ich besonders traurig gewesen wäre. Ich wollte sowieso etwas abnehmen. 74 kg sind schon ein bisschen viel bei 1,84 m. Ist wenigstens meine Meinung. Den Kommentar von meiner Mutter spar ich mir jetzt.

Was war denn nun mit meinen Lippen. Ich berührte vorsichtig die Lippen mit meiner rechten Hand. Aha, geschwollen. Und was war das? Klein, dünn, kurz abgeschnitten. Schei...benhonig, das kannte ich von meiner Blinddarm-OP. Fäden. Die Lippe war genäht worden. Panikartig tastete ich mit der Zunge mein Gebiss ab. Tatsächlich. Einer fehlte, und dann auch noch ein Schneidezahn.

Ich sackte zurück aufs Kissen und fing beinahe an zu heulen. Ich hatte versucht, mein Gebiss fast 19 Jahre lang perfekt zu halten. Zähneputzen bis zum umfallen. Zahnarztbesuche jedes Vierteljahr. Wenig Süßigkeiten, viel Obst. Und ich hatte es geschafft. Nicht ein einziges Mal in meinem Leben musste der Zahnarzt bei mir bohren oder andere unsäglichen Sachen machen, die ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorzustellen wagte. Und jetzt das.

Die Panik vor dem Zahnarzt begann schon zu wirken.

Hm, heute Abend hatte die Schwester gesagt. Wie spät war es denn überhaupt. Ich suchte das Zimmer ab. Auf meinem Nachtkasten war nichts. In der Schublade auch nicht. Aha, ein Einbauschrank. Ich wollte mich elegant aus dem Bett schwingen, aber das war’s dann auch. Erstens hatte ich den Tropf vergessen, und zweitens fing sich sofort alles an zu drehen. Na toll. Augen zu, schlafen.

Der nächste Morgen war grauenhaft.

Tür auf, Licht an. „Morgään!“

Au Mann, fast wie in diesem Comic-Film. Der Held liegt im Krankenhaus und alle paar Minuten kommt eine andere alte Schabracke rein.

Gut, die Sache mit dem Fieberthermometer klappte ja. Dann kam das Frühstück. Die Schwester sah nur kurz auf ihren Zettel und schloss die Tür von außen. Mein Magen begann leicht zu knurren. Ist wohl doch nicht so einfach mit Hungern.

Kurze Zeit später die Visite. Gleich fünf Mann hoch. Nach einem obligatorischen

„Na, wie geht’s uns denn?“, jede Menge lateinischer Vokabeln. Zum Schluss dann an die Schwester ein „bis morgen noch zur Beobachtung.“ Ich wurde geflissentlich ignoriert. Als alle weg waren, schnappte ich mir frustriert den Tropf und machte mich auf die Suche nach Geld und Uhr. Beides war in meiner Hose im Einbauschrank. Der Ausflug hatte mich völlig geschafft und ich legte mich wieder hin.

Als ich endlich wieder so leicht vor mich hin döste, klopfte es erneut an der Tür. Ein blonder junger Mann in weißer Krankenhauskleidung schob sich durch die Tür. Ich schätzte ihn etwa so alt wie mich. Dunkelblonde Haare mit hellblonden Strähnchen. Sportliche Figur. Meine Blicke wanderten an ihm herunter. Ich schloss kurz meine Augen. Was sollte das jetzt? Gibt’s hier keine geilen Schwestern? Mein Blick wanderte trotzdem wieder ganz an ihm hoch und blieb an seinem Gesicht hängen. Er lächelte mich freundlich an.

„Hallo, ich bin Marcus, der Zivi hier auf der Station. Ich wollte nur mal fragen, ob ich was helfen kann.“

„Ja, mich endlich schlafen lassen!“

Was war denn heute los mit mir? Er hatte mir doch gar nichts getan. Sein Gesicht verzog sich etwas und er drehte sich abrupt um.

„Nein, warte. Ich hab’s nicht so gemeint.“

Er drehte sich wieder zu mir und sein Gesicht wurde wieder etwas freundlicher. Ich hob den linken Arm mit der Infusion.

„Kann das eigentlich bald ab? Ich wollte eigentlich ohne Anhang auf Toilette.“

Er lachte kurz.

„Na, mal sehen. Ich frag die Oberschwester, “ damit sah er sich kurz um und flüsterte „wenn ich zu Wort komm.“

Wir lachten beide.

„Und sonst noch was? Soll ich noch was besorgen?“

Ich überlegte kurz.

„Hm..., vielleicht was zu lesen.“ murmelte ich mehr zu mir selbst. Er hatte es trotzdem gehört.

„Den Playboy, oder vielleicht was Anspruchsvolleres?“

„Nicht so’n Mist. Besser ein Krimi oder so was.“

Ich war schon wieder schneller mit der Schnauze als mit dem Hirn. Was sollte er denn jetzt von mir denken? Ich steh’ nicht auf Tittenbilder? Tat ich ja auch nicht. Oder nicht überwiegend. Irgendwie sahen die meisten Frauen auf diesen Bildern aus wie eine Kuh auf der Weide. Ups, wenn das jetzt Daniela wüsste. Meine Klassenkameradin aus der Berufsschule engagierte sich für die Emanzipation der Frau. Der Gedanke von eben hätte mir wieder einen halbstündigen Vortrag eingebracht.

„Na, mal sehen, was ich im Kiosk noch finde. Sonst noch was?“

„Nein, danke. Wenn mir noch was einfällt, sag ich Bescheid.“

„Okay, bis dann.“

Marcus drehte sich um und ging zur Tür. Meine Blicke fuhren wie vorhin an ihm herunter und blieben an seinem Hintern hängen. Er hatte schon die Tür von außen geschlossen, als mir endlich auffiel, was ich da die ganze Zeit betrachtet hatte. Ich schloss die Augen und seufzte. Es war schon wieder so weit. Ich schaute Jungs hinterher. Es hatte in der neunten Klasse angefangen. Der Sportunterricht war auf die ersten beiden Stunden verlegt worden. Es gab keine Ausreden mehr, alle mussten zum Duschen. Schüchtern wie wir alle waren, hatten die meisten sich mit dem Gesicht zur Wand gedreht und versuchten, so schnell wie möglich aus der Dusche raus zu kommen. Nur Patrik stand da, mit dem Rücken zur Wand, die Augen geschlossen und das heiße Wasser prasselte auf ihn herunter. Er stand genau neben mir und ein Blick aus den Augenwinkeln ließ mich erkennen, dass sein Schwanz sich so ziemlich zur Hälfte erhoben hatte. Es dauerte genau zehn Sekunden und meiner stand wie eine eins. So schnell war ich noch raus, hatte ein Handtuch geschnappt und war dann in Rekordzeit umgezogen. Die Beratungsseite einer namhaften Jugendzeitschrift informierte mich dann ausführlich darüber, dass ich mir keine Gedanken machen müsste, bei Jungen in meinem Alter wäre so etwas völlig normal. Genau, völlig normal. Deshalb konnte ich jetzt auch jedes Mal beruhigt beim Duschen die anderen Jungs ansehen und dann wie ein Bekloppter raus rennen.

Es klopfte an der Tür und ehe ich noch etwas sagen konnte, kam Marcus herein.

„He, du bist ganz schön stürmisch.“

„Sorry, aber ich dachte du wolltest schnell was zu lesen.“

„Und wenn ich jetzt, hm..., “ ich überlegt was plausibles “nackt gewesen wäre?“

Marcus lachte nur.

„Was glaubst du, wer dich ausgezogen hat?“

Ich erstarrte. Richtig, ich hatte so einen Krankenhauspyjama an und meine Klamotten waren drüben im Spind. Irgendwer musste mich ausgezogen und wieder angezogen haben. Und zwar komplett! Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Warum war mir das jetzt peinlich?

Marcus grinst jetzt nur noch.

„Hey, mach dir nichts draus. Ich hab schon schlimmeres gesehen.“

Was sollte das jetzt heißen? So schlecht sah ich doch wohl nicht aus.

„War ich dir nicht schön genug?“

Meine vorlaute Klappe. Ich sollte mir wohl besser auf die Zunge beißen. Wir kannten uns erst seit fünf Minuten und jetzt sah es so aus, als ob ich mit einem Jungen flirten würde. Als ob ich das nötig hätte. Na, schönen Dank. Hoffentlich hält der mich jetzt nicht für schwul oder so.

Marcus sah mich jetzt mit seinen großen grünen Augen an. Er schluckte kurz und warf mir dann ein Buch aufs Bett.

„Hier, was zum ablenken. Was anderes war leider nicht mehr zu kriegen.“

Ich nahm das Buch auf und las den Titel. Alles Sense! von Terry Pratchett. Sagte mir gar nichts, aber egal. Ich kramte nach meiner Geldbörse und gab Marcus das Geld für das Buch. Er steckte das Geld wortlos ein und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch kurz um.

„Doch, viel zu schön“ und war verschwunden.

Ich war verwirrt. Was war das jetzt? Bis es mir plötzlich einfiel. Es war die Antwort auf meine letzte Frage. Ich sank auf mein Kissen zurück und dachte über die Antwort nach. Die Aussage ließ keinen Zweifel zu, aber was mich am meisten erschreckte war, dass mir diese Antwort gefallen hatte.

Eine halbe Stunde später erschien eine Schwester und entfernte diesen schrecklichen Tropf. Marcus hatte also Wort gehalten. Als ich nach ihm fragte, sagte die Schwester nur, dass seine Schicht schon zu Ende sei. Schade.

Am nächsten Morgen das gleiche Ritual. Wecken, Frühstück (diesmal gab’s was), Visite. Nach einem langen ausgeleuchteten Blick in meine braunen Augen wurde entschieden, ich sollte noch einen weiteren Tag bleiben. Der Arzt warnte mich eindringlich vor möglichen Schwindelanfällen. Nicht soviel rumlaufen. Na gut, ich hatte ja noch mein Buch.

Das Buch war hervorragend. Ich hatte den zweiten Lachkrampf des Tages hinter mir, als es plötzlich an der Tür klopfte und meine lieben Stubenkameraden erschienen. Unser Spieß hatte sie zum Krankenbesuch abgeteilt und sie wirkten etwas verkrampft, weil sie statt im Flecktarn in der Ausgehuniform erscheinen mussten. Als erster erschien Nico. Ich glaube sein Vater war Italiener oder so. Jedenfalls etwas kleiner als ich und ein dunkler Typ, schwarze Haare, braune Augen. Ich hatte ihn bis jetzt eigentlich immer als sehr lustig kennen gelernt. Dahinter Michael. Ein paar Zentimeter größer als Nico, aber etwas breiter. Er hatte Elektriker gelernt und war äußerst wortkarg. Und dann kam Robert. Der hätte auch in der Kaserne bleiben können. Fast eins neunzig groß und breite Schultern. Und sein Kopf war auch nur auf seinen Schultern, damit es nicht rein regnete. Ich wartete auf einen Kommentar von ihm und wurde auch sofort belohnt.

„Na, armes Schwein. Ham se dich wieder zusammengeflickt?“

Nur Robert konnte so blöd sein. So groß wie er war, so dumm war er auch. Und dann auch noch Zeitsoldat. Ich lächelte gequält.

„Mach dir nichts draus.“

Nicos Bemerkung galt, wie ich an einem leichten Kopfnicken erkennen konnte sowohl meinem Zustand, als auch der Bemerkung von Robert. Nico setzte sich ohne zu zögern bei mir auf die Bettkante.

Die anderen beiden waren neben dem Bett stehen geblieben.

„Und, wann kommst du wieder raus?“

„Vielleicht morgen schon. Mal sehen was der Doc morgen früh erzählt.“

„Hey“, Robert grinst mich an. „hast ja ne richtig geile Lücke. Gutes Andenken an das Fußballspiel.“

Nico fuhr herum.

„Du hältst besser die Klappe. Wer hat ihm denn den Ball an den Kopf geschossen, so dass er voll gegen die Latte geknallt ist?“

Aha, so war das also. In Gedanken fügte ich einen weiteren Minuspunkt für Robert hinzu. Der bedachte Nico mit einem schrägen Blick, hielt aber den Mund.

Es klopfte schon wieder an der Tür. Diesmal war es Marcus. Er kam herein und sah sich um.

„Oh, du hast Besuch, dann komm ich nachher noch mal wieder.“

Damit war er wieder verschwunden. Mist, seit gestern Nachmittag hatte ich nicht mehr mit ihm sprechen können. Und vor den anderen wollte ich ihn nicht fragen. Was wollte ich ihn denn fragen? Ob er mich wirklich schön fand? Das konnte ja heiter werden. Ich erschauerte innerlich. Bloß nicht so weit aus dem Fenster lehnen, dachte ich. Nachher kriegst du noch eine Antwort, die du gar nicht hören willst.

„Wer war das denn?“

fragte Nico mit einem langen Blick auf die Tür.

„Das war Marcus, unser Zivi hier. Ist ganz nett.“

Ganz nett? Na ja, hätte ich was anderes sagen sollen?

„Ach, so’n Pisspottschwenker, so’n Verpisser.“ kam es jetzt wieder von Robert.

„Die sind ja sowieso alle schwul.“

So schnell hatte ich Nico noch nie gesehen. Er zuckte herum und ich hatte den Eindruck, als ob richtige Blitze aus seinen Augen schossen.

„Und wenn schon. Möchtest du gerne seinen Job haben? Du hast es dir ja soooo einfach gemacht. Dafür, dass er hier ist und nicht in irgendeiner Kaserne zwischen hohlen Torfköppen, wird es garantiert einen Grund geben. Ich hätte bestimmt auch verweigert, wenn ich eine gute Stelle bekommen hätte.“

„Was soll der Quatsch. Ihr Wehrpflichtigen seid doch sowieso nur Hilfssoldaten.“

Damit ging, nein stolzierte er rüber zum Fenster, lehnte sich an das Fensterbrett und verschränkte die Arme über der Brust.

„Armer Irrer.“, murmelte Nico.

Ich hatte Mühe, nicht laut loszulachen. Da ich aber erst seit vier Wochen mit den Jungs zusammen auf einer Stube war und es nicht gleich mit allen verderben wollte, hielt ich lieber den Mund.

„Ich geh jetzt eine Rauchen“ meinte Robert und ging zur Tür.

Michael meinte nur „Ich komm mit“ und trottete hinterher.

„Ist ja ein tolles Pärchen. Wenn Michael nicht aufpasst, wird er genau so blöd wie der andere Depp.“

„Reg’ dich nicht auf, Nico. Es lohnt sich nicht.“

Wir wurden durch heftiges Klopfen unterbrochen. Marcus riss die Tür auf und stürmte mit hochrotem Kopf herein.

„Wenn die beiden Idioten noch mal hier auftauchen vergess ich mich.“

„Halloho? Wovon sprichst du?“

„Diese beiden Vollidioten in dem Affenanzug da draußen. Stellen sich auf den Flur und fangen an zu Qualmen. Und als ich sie höflich auf das Rauchverbot hinweise, sagt doch der eine Arsch zu mir, ich soll meine blöde Visage nicht bei richtigen Männern reinstecken.“

Nico und ich sahen uns sprachlos an. „Und dann?“

Marcus machte eine dramatische Pause.

„Ja, dann kam Oberschwester Hildegard um die Ecke!“

Wir sahen uns alle drei an und prusteten gleichzeitig los. Das hätte ich gerne gesehen. Dann sah ich, wie Nicos Lächeln langsam erstarb.

„Ach, übrigens.“ und damit stand er auf, strich sein Jackett glatt und sah Marcus an.

„Das ist kein Affenanzug. Ich lästere auch nicht über dein Outfit.“

Marcus sah ihn erst verwirrt an, dann wurde er leicht rot im Gesicht. Er sah etwas betreten zu Boden.

„Stimmt, es kommt wohl immer drauf an, wer drin steckt.“

Jetzt lächelte Nico wieder. „Ja, allerdings.“

Damit drehte er sich wieder um zu mir.

„So, ich will dann auch mal wieder los. Nicht, dass die beiden noch mehr Dummheiten machen.“

Er gab mir die Hand.

„Und du machst hier auch keine Dummheiten.“

Ich nickte nur. Dann drehte er sich zu Marcus um. Dieser hatte ihn seit ihrem kurzen Dialog nicht mehr aus den Augen gelassen

„Du kannst mir bestimmt verraten, wo hier ein Telefon ist.“

Marcus nickte. „Klar, unten bei der Cafeteria. Komm ich zeig’s dir.“

Damit legte er Nico seine Hand auf die linke Schulter. Dieser sah ihn kurz an und beide verschwanden durch die Tür. Gab es hier irgendetwas, was ich wissen sollte?


Der Weg hierher war schon schwer genug gewesen. Jetzt stand ich zweifelnd vor der Tür. Wenn die Schmerzen nicht so stark gewesen wären, wäre ich überhaupt nicht hergekommen. Ich malte mir wieder die schrecklichsten Qualen aus, die ich erleiden würde. Na ja, Schmerzen hatte ich auch so schon, also warum nicht?

Der Empfang war nicht besetzt. Nun, gut. Vielleicht sollte ich später noch einmal...? Aber da öffnet sich eine Tür im Hintergrund und eine Gestalt in diesen weißen Sani-Klamotten kommt nach vorne. Ein Soldat, ich schiele hoch auf die Schulterklappen: Hauptgefreiter. Der muss ja mindestens 1,90 groß sein. Ich musste grinsen, denn er trägt noch diesen hässlichen Mundschutz.

„Hangnmedeschn?“

Was will er von mir? Mein Gesicht wird zum Fragezeichen. Da merkt er, dass er durch dieses blöde Ding nuschelt und zieht es mit einer Hand ab. Hervor kommt das strahlendste Lächeln, dass ich je gesehen habe.

„Ich hätte gerne den Krankenmeldeschein.“

Und diese Stimme. Sanft, aber bestimmt. Diese blauen Augen. Sie lächelten mit. Ich starrte ihn an und merkte es nicht einmal.

„Gibst du ihn mir jetzt?“

„Was?“

Oh, verdammt. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Ich hatte ihn die ganze Zeit angestarrt wie doof. Was sollte er jetzt von mir denken. Ich knallte mit Schwung den Krankenmeldeschein auf den Tresen. Mein Gegenüber lächelte immer noch. Nach einem kurzen Blick auf mein Namensschild ging er hinüber zu einem Aktenschrank und zog so eine gelbe Karteikarte heraus.

„Du warst noch nie hier?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Und was führt dich her?“

Scheiße, an meinen Zahn hatte ich die letzten fünf Minuten gar nicht mehr gedacht. Der Einfachheit halber entblößte ich mein Gebiss.

„Ah ja. Du bist der mit dem Fußballspiel.“

Ich spürte wie mein Kopf einen noch tieferen Rotton annahm. Das gibt’s doch nicht. War ich mit der Nummer schon das Gespött der Kaserne? Noch bevor ich jetzt richtig loslegen konnte kam der Hauptgefreite mir zuvor.

„Wir haben nämlich schon eine Benachrichtigung vom Krankenhaus bekommen.“

Er kam mit der gelben Karte wieder nach vorne an den Tresen.

„Dein Termin ist heute Nachmittag um 15:00 Uhr.“

Ich war irritiert. Was für ein Termin? Hatte ich was verpasst? Und schon wieder dieses Lächeln. Der musste mich ja für blöd halten.

„Da das kein akuter Fall ist, macht die Frau Oberstabsarzt heute Nachmittag die Untersuchung und vielleicht auch gleich die Behandlung, je nachdem, wie viel Zeit dann noch ist. Du brauchst dir für heute Nachmittag also nichts vornehmen. Den Krankenmeldeschein behalte ich besser schon mal hier, wo du ihn doch so ungern hergibst.“

Und schon wieder Tomatenzeit im Gesicht. Mein Gott, wie peinlich. Der musste ja glauben, ich lauf immer so rum. Ich drehte mich um, ging zur Tür und zog daran. Nichts tat sich.

„Das ist bei uns wie in einer Kneipe. Da geht die Tür nach außen auf.“

Völlig fertig schaffte ich den Weg nach draußen. Hier lehnte ich mich erst mal an die Wand und atmete tief durch. Was sollte das alles? Warum war ich plötzlich so abgedreht. Vor meinem inneren Auge erschien wieder dieses Lächeln. Nein! Niemals! Ich hatte mich entschlossen, diesen Versuchungen nicht mehr nachzugeben und das war’s. Diese strahlenden blauen Augen. AUS! Kevin, du bist nicht so. Du gehst jetzt kalt duschen und fertig.


Zehn Minuten vor drei stand ich wieder vor der Zahnarztgruppe. Meine Panik hatte sich im Laufe des Tages in eine kleine Phobie gesteigert. Ich hatte mich gerade zur Flucht entschlossen, als hinter mir eine Stimme ertönte.

„Sie wollen zu uns?“

Ich drehte mich um und kriegte gerade noch rechtzeitig das Pfötchen ans Barett.

„Jawohl, Frau Oberstabsarzt!“

Sie nickte nur.

„Kommens ruhig rein. Sie müssen noch ein paar Minuten warten, aber dann geht’s glei los.“

Ihr Akzent war leicht bayrisch. Und so alt konnte sie auch noch gar nicht sein. Ich öffnete die Tür (ich wusste jetzt ja in welche Richtung) und ließ ihr den Vortritt. Mein Blick wanderte automatisch zur jetzt verlassenen Anmeldung.

„Keine Sorge. Da kommt auch gleich jemand und leistet ihnen a bisserl Gesellschaft.“

Heute war Tomatentag.

„Ich hab schon gehört, dass sie ein bisschen Angst vor dem Zahnarzt haben, aber keine Sorge, so schlimm kann’s gar nicht werden.“

Woher weiß sie das denn schon wieder. Ich nickte nur, murmelte ein „Hoffentlich“ und schlich ins Wartezimmer. Es ist schon erstaunlich was man für Literatur im Wartezimmer eines Bw-Zahnarztes finden kann. Das Selbstbeweihräucherungsblatt kurz Bw-aktuell, dann ein paar uralte Ausgaben eines namhaften Automobilclubs und ein Fachblatt für Zahnärzte. Wer liest denn so was?

„Der nächste bitte.“

Ich sah auf. So ein Schwachsinn, ich war doch eh der einzige. Aber diese Stimme. Da war er wieder. Immer noch in dieser weißen Uniform aus Nylon oder so. Als ich ihm folgte, sah ich, dass man die Unterhose durch den dünnen Stoff der weißen Hose erkennen konnte. Und schon wieder Schwerarbeit für den Kreislauf, als ich mir klar darüber wurde, wo ich gerade hingestarrt hatte. Wo würde mich das alles hinführen? Erst einmal zur nächsten Tür und dann sah ich es. Das Folterinstrument meiner schwersten Alpträume.

„Setz dich schon mal hin.“

Wie konnte er so etwas so leicht dahin sagen? Hatte er kein Mitleid mit mir?

„Der Stuhl beißt schon nicht. Setz dich einfach.“

Mutig kletterte ich hinein. Schwarzes Leder. Sado-Maso? So langsam musste ich aufpassen, wohin meine Gedanken wanderten. Als er die Instrumente bereitlegte, fiel mein Blick auf ein kleines schwarzes Namensschild an seinem Hemd. Wieso war mir das entgangen. Egal. Was stand da? C. Hohenau.

„Wofür steht das C?“

Ich hätte mich ohrfeigen können. Die Klappe war mal wieder schneller gewesen als das Hirn. Ich kann ihn doch nicht so einfach nach dem Vornamen fragen. Aber wieso eigentlich nicht, er hat mich ja auch geduzt. Und meinen Vornamen wusste er aus der Kartei. Sein Blick wanderte kurz runter zum Namensschild.

“Mh? Ach so. Christian. Warum?“

Jetzt stand ich da, nee, saß da. Warum fragt man so was?

„Ach, nur so.“

„Und du heißt Kevin, auch nicht viel origineller.“

„Hey, das sollte keine ...“

„Nee, schon in Ordnung. Wir werden uns hier sowieso noch öfter sehen.“

Vielen Dank für diese aufmunternden Worte. An meinem Gesichtsausdruck hatte er wohl gemerkt, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Aber noch bevor er antworten konnte, kam unsere Oberstabsärztin mit Schwung durch die Tür.

„Chris, du musst die Assistenz mache. Schwester Marion hat grad angerufen. Sie hat ein Problem zu Hause mit der Kleinen. Und Tanja ist heute in DZA.“

Chris, so so. Und wer ist Tanja? Na, egal. Er angelte sich von links einen Mundschutz und auch Frau Zahnklempner hatte plötzlich so ein Ding um. Sie stand rechts von mir und fummelte irgendwas an dem Stuhl herum. Plötzlich kippte die Rückenlehne nach hinten, das Fußteil hob sich und ich lag waagerecht. Ganz toll. Was sollte das jetzt?

„Schön ruhig bleiben und den Mund ganz weit aufmachen.“

Okay, ganz weit. Als sie sich über mich beugte, merkte ich, wie meine Hände anfingen zu zittern. Meine Augenlider begannen zu flattern.

„Das wird so nichts. Sie müssen sich schon ein bisserl beruhigen.“

Gut gesagt. Plötzlich spürte ich an meinem linken Handgelenk eine Berührung. Christian hatte mit seiner linken Hand mein Handgelenk umfasst und hielt es fest. Sofort hörte mein Zittern auf. Die Zahnärztin bemerkte es und sah stirnrunzelnd auf meine linke Seite.

„Geht das, nur mit rechts?“

Damit meinte sie wohl Chris. Jetzt war ich auch schon bei Chris, was war denn heute los?

Als sie dann den Zahn genauer untersuchte, war ich fast wieder soweit, abzutreten.

„Nicht die Augen schließen. Schön ruhig durchatmen. Chris, beobachte mal die Augen.“

Und das tat er dann auch. Diese blauen Augen sahen mich durchdringend an. Ein schönes blau, hell wie der Himmel. Da konnte ich mit meinem Braun nicht mithalten. Meine letzte Freundin hatte mir kurz vor unserem Schluss gesagt, ich hätte einen Blick wie ein Dackel.

„Chris, hallo. Die Tamponaden.“

Anscheinend hatte nicht nur ich geträumt. Aber wieso? Das Einzige was er beobachtet hatte, war doch ich. Mir wurde heiß und kalt. Sollte er etwa....

„Sorry, ich war wohl etwas abgelenkt.“

Frau Oberstabsarzt warf erst Chris und dann mir einen langen Blick zu.

„Ja, das glaube ich allerdings auch.“

Was sollte denn das jetzt? Oh, ich sah, wie bei Chris die Wangen einen leichten Rotschimmer bekamen.

„Jetzt geht’s weiter. Ich werde ihnen erst mal eine Spritze geben und dann werden wir die Reste aus dem Wurzelkanal entfernen. Ist erst mal ein bisserl unangenehm, aber das legt sich dann.“

Bei der Spritze hab ich dann doch die Augen geschlossen. Ein tierischer Piekser und mir liefen ein paar Tränen aus den Augen. Dann spürte ich eine Hand, die mir die Tränen wegwischte. Als ich die Augen wieder öffnete sah ich nur aus den Augenwinkeln, wie die Zahnärztin Chris mit dem Zeigefinger drohte.

„So, und jetzt haben wir erst mal ein paar Minuten Zeit.“

Damit ging sie zu einem kleinen Sideboard und sortierte irgendwelche Papiere.

„Geht’s jetzt besser?“

Seine Stimme klang irgendwie besorgt.

„Ja, viel besser.“

und damit hob ich die linke Hand. Jetzt war er es, dem das Rot so richtig ins Gesicht sprang. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, kam der nächste Angriff von rechts.

„So, wenn die Betäubung wirkt, dann machen wir uns mal an die Arbeit.“

An das, was dann folgte, möchte ich mich nicht mehr so gerne erinnern. Auf jeden Fall knirschte und kratzte es ganz schön. Aber diese blauen Augen verfolgten mich die ganze Zeit und auch seine Hand blieb die meiste Zeit an meinem Handgelenk. Als ich nach einer ganzen Ewigkeit dann aufstehen durfte, zitterten mir die Knie.

„Na, bitte. Wer sagts denn. War doch gar net so schlimm. Die ganze Sache muss sich jetzt erst mal beruhigen. Der nächste Termin ist in vierzehn Tagen. Servus.“

„Komm mit, ich geb dir den Wiederbestellzettel.“

Ich folgte ihm bis zur Anmeldung. Diesmal hatte er den Mundschutz rechtzeitig abgenommen.

„So, und den Krankenmeldeschein wieder im Geschäftszimmer abgeben.“

Er stockte ein wenig.

„Und wenn du willst, geb ich dir ein Bier aus, heute Abend in der Kantine. Auf den Schreck.“

Ich schaute ihn verblüfft an, aber dann dachte ich mir: Na, ja warum nicht. Und so Dicke hatte ich es auch nicht.

„Gerne, es muss nicht unbedingt Bier sein, aber wenn du absolut dein Geld loswerden möchtest, komm ich.“

Er schien sichtlich erleichtert.

„Okay bis heute Abend“

Die Tür konnte ich jetzt fehlerfrei bedienen. Draußen vor dem Gebäude schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. War das jetzt ein Date heute Abend? Und wenn, dann war es mein erstes mit einem Mann.


Punkt halb fünf war als Erstes umziehen dran. Meine eigenen Klamotten waren mir nun doch zehnmal lieber, als dieser gut sortierte Mischwald. Und ich hatte nun echt keinen Bock, auch noch abends mit dem Barett auf dem Kopf rum zu laufen. Wir hatten mit dem Roten sowieso schon viel zu leiden. So mit „Notaus“ und so.

Erst mal in die Truppenküche. Hunger hatte ich eigentlich nicht, aber vielleicht konnte man ja was mitnehmen. Welcher Idiot glaubt eigentlich, dass halb fünf die beste Zeit für ein Abendessen ist? Um Acht würde ich schon wieder Hunger haben. Zurück auf die Stube. Gott sei Dank keiner da. Nico war ja noch ganz nett, aber die anderen beiden Pappnasen... Was soll’s, kann sich keiner aussuchen. Ich nahm meinen Discman aus dem Spind und legte mich aufs Bett. The Pogues – wahrlich nicht jedermanns Geschmack, aber gut zum Entspannen. Das nächste was ich hörte, war das laute Klappen der Tür. Die CD war durch, ich hatte nicht mal die Hälfte der Titel gehört.

„Na, eingepennt?“

Nico erkennt immer sofort das Offensichtliche.

„Mann, ist das warm draußen. Ich geh’ erst mal duschen.“

Damit begann er vor seinem offenen Spind nach dem Handtuch zu suchen. Ich suchte noch nach ein paar Tracks die ich verpasst hatte. Erst als Nico sein T-Shirt über den Kopf streift, werde ich wieder auf ihn aufmerksam. Dann die Jeans. Plötzlich wurde ich nervös. Ich betrachtete seinen schlanken, aber doch muskulösen Körper. Bis jetzt war es mir gar nicht aufgefallen, aber er musste wohl ‚ne Menge Sport treiben. Nach den Socken jetzt der Slip. Selbst der Hintern schien durchtrainiert. Bei den kleinen Bewegungen konnte man gut das Spiel der Muskeln erkennen. Außerdem war er durchgehend braun gebrannt. Jetzt schlang er sich das große Badetuch um die Hüfte und drehte sich um. Urplötzlich war mein Discman von vordringlichem Interesse. Hoffentlich hatte er nicht gemerkt, dass ich ihn die ganze Zeit angestarrt hatte.

„Ich lass den Spind kurz auf. Du bleibst ja noch hier, oder?“

„Schon in Ordnung. Ich bleib noch ein paar Minuten.“

Warum faszinierten mich auf einmal diese Jungs? Erst die Blicke, die Berührung von Chris, dann diese erotische Ausstrahlung von Nico. Ich musste diesen kleinen, hässlichen Gedanken aus dem hintersten Winkel meines Gehirns wohl doch ein bisschen näher betrachten. War ich wirklich schwul? Ein entschiedenes nein. Oder vielleicht. Ganz entschieden jein.

Ich überlegte kurz. Mit vierzehn hatte ich meine erste Freundin. Außer Knutschen war da nicht viel. Sie hat sich dann von mir getrennt, weil ich ihr angeblich „zu langweilig“ war. Blöde Ziege. Und dann war da Susann. Nicht Susanne, nur Susann. Sie war mit mir zusammen in der Berufsschule und hatte es gleich auf mich abgesehen. Auf einer Party hat sie mich, nicht ich sie, abgefüllt und ins Bett gezerrt. Okay, es war geil. Ich war beduselt, jung und unschuldig. Letzteres wollte ich unbedingt ändern. Seit dem Abend waren wir zusammen. Oder besser: sie hing an mir wie eine Klette. Als sie dann noch mal mit mir schlafen wollte, habe ich sie mit den unmöglichsten Ausreden abgewimmelt. Und was mir eigentlich nachträglich erst klar geworden ist, jedes Mal wenn ich sie küsste, sah ich das Gesicht von ihrem Bruder vor mir. Es war ihr Zwillingsbruder und sie waren, bis auf die Länge der Haare, fast identisch. Aber nur fast. Mit ihm kam ich nämlich hervorragend klar. Wir drei gingen abends zusammen weg, gingen zum Schwimmen, machten fast alles zusammen in der Freizeit.

Meine Gedanken wurden durch die Tür unterbrochen. Nico kam vom Duschen zurück. Völlig ungerührt ging er zu seinem Spind und ließ das Handtuch fallen. Dann griff er zu irgend einer Flasche und begann sich einzucremen. Ich erhob mich schnell von meinem Bett und ging zur Tür.

„Ich geh’ dann mal, du bist ja jetzt wieder hier.“

Nico drehte sich um und sah mich fragend an.

„Wie? Ach so, ja danke. Viel Spaß.“

Ich beeilte mich, aus der Stube zu kommen. Als er sich umgedreht hatte, konnte ich ihn auch kurz von vorne betrachten. Dieser Waschbrettbauch und dann noch tiefer... Ich schüttelte verzweifelt den Kopf. Es war höchste Zeit gewesen zu verschwinden, sonst hätte Nico vielleicht noch die schon ziemlich große Beule in meiner Jeans bemerkt.

Bis zur Kantine war es nicht weit, aber Klein-Kevin hatte sich doch schnell wieder beruhigt. Ich überlegte, ob ich wirklich noch reingehen sollte, aber dann siegte die Erinnerung an ein wunderschönes Lächeln.

Unsere Kantine war nicht so fürchterlich groß, nur ein paar Tische mit vielleicht 20 Sitzplätzen. Ein paar Leute saßen da rum und dann entdeckte ich Chris. Er saß alleine an einem Tisch kurz vor dem Tresen und starrte in ein Glas. Er trug jetzt sein Flecktarn und hatte sein Barett neben das Glas auf den Tisch gelegt. Ich ging rüber und blieb neben ihm stehen.

„Hi“

„Hi, Kevin. Schön dass du doch noch kommst.“

Und da war es wieder, dieses Lächeln. Er freute sich wirklich, mich zu sehen.

„Moment, ich hol mir noch was. Was trinkst du da?“

„Mineralwasser.“

„Okay“

Ich ging zum Tresen. Dahinter stand unsere über alles geliebte Kantinenwirtin, die dicke Regine. Wenn sie guter Laune war, bezeichnete sie sich manchmal sogar selbst so. Ansonsten war sie sehr umgänglich.

„Na, Schätzchen, was soll’s sein?“

Ja, ja. Immer ein Scherz auf den Lippen.

„Ahem, äh Regine, kann ich auch morgen zahlen?“

Nächsten Tag war der Fünfzehnte und da gibt’s Geld.

„Na gut, ich hab schon ein paar Zettel. Was willst du?“

„Zwei Mineralwasser“

Regine sah mich fragend an.

„Für Chris und dich?“

Ich nickte. Was kommt denn jetzt?

„Dann nimm mal mit. Das stimmt schon so.“

Jetzt war ich doch etwas verwirrt, nahm aber die beiden Gläser und ging wieder zum Tisch.

Christian hatte die kurze Unterhaltung mit angehört.

„Danke, Regine!“

Ich setzte mich Chris gegenüber und nippte an dem Wasser.

„Wie kommt’s?“

„Was, das mit dem Wasser? Das ist ganz einfach. Vor ein paar Monaten war hier lustig was los und die Jungs wollten das Mobiliar zerlegen. Ich hab dann ein wenig für Ruhe gesorgt und seitdem gibt mir Regine mal öfter einen aus. Nichts Großartiges.“

Nichts Großartiges? Ich konnte mir die Szene gut vorstellen. Sich mit besoffenen Randalierern anzulegen wäre bestimmt nichts für mich gewesen. Ich schaute ihn mir jetzt genauer an.

„Wie groß bist du eigentlich?“

Als Antwort stand er auf

„Eins einundneunzig.“

Ich schaute nach oben. Oh, Mann. Die Jacke vom Flecktarn hatte er geöffnet. Da drunter trug er das obligatorische olivfarbene T-Shirt. Das war wohl inzwischen eine Nummer zu klein geworden. Man konnte deutlich die Brustmuskeln erkennen, richtig sportlich. Sogar die Brustwarzen waren zu erkennen. Nervös wanderte mein Blick tiefer, aber bevor ich reagieren konnte, kam sein Kommentar

„Na, Musterung beendet? Darf ich mich wieder setzen?“

Dabei setzte er sich auch schon hin und ich starrte verzweifelt in mein Wasserglas.

„Du treibst viel Sport?“ murmelte ich dem Wasser zu.

„Yep. Moderner Fünfkampf. Und ein bisschen Kampfsport.“

„Moderner Fünfkampf? Willst du mich verarschen? Wo kann man denn so was machen?“

„Oh, bei uns zu Hause geht das ganz gut. Da ist Platz genug.“

Ich überlegte ganz schnell. Das hieß Laufen, Reiten, Schwimmen, Schießen, Fechten. Laufen und Schwimmen ging ja noch, Schießen vielleicht auch, aber Reiten und Fechten?

„Nun, ja. Meine Eltern legen ziemlich viel Wert auf sportliche Betätigung und als wir hier in die Gegend kamen, wollte ich alles Mal ausprobieren und dann bin ich bei dieser Kombination hängen geblieben. Mach ich jetzt schon seit sieben Jahren.“

Ich war verblüfft. Er wohnte in der Gegend, war aber heute Abend in der Kantine? War er wegen mir geblieben? Und wo wohnte er dann? Kein Wunder, dass er so gut aussieht, bei dem Sportprogramm. Dann ein neuer Gedanke.

„Du bist ein Wessi?“

Ich senkte die Stimme etwas. Selbst heutzutage wird das böse Wort mit W hier nicht gerne gehört, doch Christian musste lachen.

„Ja, allerdings wohnen wir bereits seit 1991 wieder hier. Mein Vater hat einen alten Familienbesitz zurückerhalten und wir haben ihn wieder aufgebaut.“

Meine Gedanken rasten. Familienbesitz? Zurückerhalten? Aufgebaut?

„Das ist nicht zufällig ein Schloss und du bist der Märchenprinz?“

Das war’s dann mit dem Abend. Wieso war mein Mundwerk immer so schnell? Ich stand zitternd auf, oder versuchte das zumindest. Doch Christian lachte nur laut. Dann sah er mir direkt ins Gesicht.

„Nun ja, ein Schloss ist es sicher nicht. Und das mit dem verzauberten Frosch kann ich nicht beurteilen. Aber vielleicht hast du ja eine andere Meinung?“

Bevor ich noch antworten konnte wurde es laut an der Tür. Zwei leicht angetrunkene Soldaten in Flecktarn kamen herein. Ganz toll. Den einen kannte ich. Mein lieber Stubenkamerad Robert. Mal wieder dicht. den zweiten hatte ich auch schon ein paar Mal gesehen. Robert blieb bei uns am Tisch stehen und sah herab. Sein Kumpel ging zum Tresen. Robert schwankte leicht. Ein Grinsen entstand in seinem Gesicht.

„Hey, Leute, kennt ihr den schon?“

fragte er und zeigte auf Christians Barett.

„Woran erkennt man einen schwulen Sanitäter?“

Wir schauten beide erstaunt hoch. Robert lachte inzwischen

„Ha, ha. Am blauen Barett. Ha, ha, ha.“

Christian seufzte und griff nach seinem Barett.

„Ich geh mal lieber, bevor noch mehr so lustige Einlagen kommen.“

Dazu sei bemerkt, beim Heer haben alle Sanitäter und die Ärzte ein blaues Barett.

Christian stand jetzt auf und ich ebenfalls. Robert wich einen Schritt zurück.

„Keine Panik. So schlecht war der Gag auch nicht.“

Damit drehte sich Christian um und wir gingen nach draußen. Dort standen wir noch vor der Tür und schwiegen uns an. Nach einer ganzen Weile begann Christian

„Also, wenn du noch ein bisschen mehr mit mir reden möchtest...“

„Ja?“

„Bei mir auf der Bude wohnt allerdings noch jemand.“

„Bei mir auch, ich hab ‚ne Vierer.“

„Oje, na dann mal gute Nacht.“

„Ja, dir auch gute Nacht.“

Ich drehte mich um und ging langsam los. Hinter mir hörte ich noch eine leise Stimme

„Schlaf gut und träum was Süßes.“

Als ich mich umdrehte war er bereits verschwunden.

Mitten in der Nacht erwachte ich von einem Gefühl, das ich schon lange nicht mehr hatte. Mein Bauch fühlte sich feucht an. Ganz eindeutig, ich hatte einen sehr realistischen Traum gehabt. Das letzte Mal war mir so etwas vor drei Jahren passiert, irgendwann nach dieser Nummer mit Susann. Ich fluchte innerlich und suchte nach einem Handtuch oder so etwas. Ich wollte ja auch nicht aufstehen und Krach machen. Zu guter Letzt zog ich mein ohnehin schon versautes T-Shirt aus und entsorgte damit auch den Rest. Danach konnte ich eine ganze Zeit lang nicht einschlafen. Ich sah diesen Traum noch einmal vorüberziehen. Dort lag ich nackt auf einer Wiese und eine verschwommen erkennbare Person beugte sich über mich und gab mir einen Kuss. Einen langen Kuss. Unsere Zungen trafen sich und ich spürte ein unendliches Glücksgefühl. Dann fuhren Hände über meinen Körper und streichelten mich überall, wirklich überall, und die Person küsste mich wieder. Und wieder fuhren diese Hände über meinen Körper, konzentrierten sich auf dann auf eine bestimmte Stelle, streichelten und glitten langsam auf und ab. Das war der Punkt, an dem ich erwacht war.


Sport ist Mord. Trotzdem drehte ich weiter zäh meine Runden auf dem Sportplatz. Laufen macht mir eigentlich nicht so viel Spaß wie Schwimmen, aber was blieb einem hier schon übrig. Ursprünglich sollten es nur 3000 Meter werden, aber so nach zehn Runden war ich einigermaßen im Rhythmus, so dass ich einfach weiterlief.

Schwerer Fehler. Am Ende merkte ich Muskeln, von denen ich schon vergessen hatte, dass es sie gab. Man sollte eben doch nicht ohne Vorbereitung wieder voll durchstarten.

Ich ging langsam hinüber zur Sporthalle und fasste einen Entschluss. Es gibt ein gutes Mittel, um überbeanspruchte Muskeln einigermaßen zu beruhigen. Ich wollte die hauseigene Sauna besuchen. Normalerweise bin ich darin etwas zurückhaltend, aber heute war mir alles egal.

Kurz beim Sporthallenwart angemeldet, die Sachen in den Spind und ab mit zwei Handtüchern in die Sauna. Wie zu erwarten, war um diese Zeit noch niemand weiter hier. Ich kontrollierte die Temperatur, legte mich auf die oberste Etage und versuchte, mich zu entspannen. Nach ein paar Minuten ging plötzlich die Tür auf und ich drehte den Kopf um zu sehen wer hereinkam. Ich schnellte von meiner Position hoch und setzte mich hin. Christian schaute mich verblüfft an.

„Na so was. Ich dachte, ich hätte den Laden für mich alleine. Aber trotzdem Hallo, Kleiner.“

„Hi.“

Ich war irgendwie nervös. Christian breitete mir schräg gegenüber sein Handtuch aus und legte sich lang hin. Ich schluckte. Gegen meinen Willen wanderte mein Blick immer wieder zu seiner Körpermitte. Ein Vergleich mit seiner Körpergröße schoss mir durch den Kopf, wurde aber gleich wieder verdrängt. Anscheinend nicht so erfolgreich. Ich geriet in Panik. Ich konnte doch hier in der Sauna keine Erektion kriegen! Klein-Kevin war da aber ganz anderer Meinung. Ich sprang auf, hielt mir das Handtuch vor und stürmte raus. Duschen! Kalt!

Ich sprintete unter die Dusche und das kalte Wasser zeigte Wirkung. Ich wechselte zur normalen Dusche und entspannte mich ein wenig. Dabei sah ich vor meinem inneren Auge wieder Christian vor mir liegen. Und schon machte sich Klein-Kevin wieder auf den Weg nach oben. Mist. Noch mal kalt. Aber in diesem Moment ging die Tür der Sauna. Ich drehte mich zur Wand.

„Na, schon draußen?“

Christian hatte natürlich die 15 Minuten durchgehalten

„Ja, war ziemlich heiß.“

sagte ich und drehte mich instinktiv um. Christian sah an mir herab und grinste

„Das seh‘ ich.“

Wie ein Blitz war ich an Christian vorbei im Umkleideraum. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Warum machte er so was? Es war mir schon peinlich genug, dass ich immer einen roten Kopf bekam, wenn ich ihn nur sah. Dass ich einen Ständer kriegte, na gut. Aber dass er mich auch jetzt noch damit aufzog.

„Darf ich reinkommen?“

Ich sah auf. Christian hatte sich ein großes Handtuch um die Hüften geschlungen und wartete an der Tür zum Umkleideraum.

„Es tut mir leid, wenn ich dir zu Nahe getreten sein sollte, aber ich hab mir echt nichts dabei gedacht. Manche Jungs kriegen in der Sauna einen hoch, liegt meistens nur am Kreislauf.“

Ja, er hat sich nichts dabei gedacht. Warum eigentlich nicht. Ich dachte doch auch die ganze Zeit an ihn. Egal, nicht mehr dran denken. Ende.

Als er keine Antwort bekam, zog sich Christian langsam wieder in Richtung Sauna zurück. Ich dackelte wieder auf meine Stube. Gott sei dank, keiner da. Wenn sich Nico wieder ausgezogen hätte, hätte ich einen Schreikrampf gekriegt.


Auf meiner Stube fiel ich dann heulend aufs Bett. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Ich hatte eine tierische Angst. Angst vor mir selber. Ich wollte bei ihm sein, mit ihm zusammen was unternehmen, mit ihm reden und ihn immer nur anschauen. Sein Lächeln. Es war für mich einfach nur ein Glücksgefühl. Ich fühlte im wahrsten Sinne des Wortes die Schmetterlinge im Bauch. Es gab für mich kein zurück mehr. Ich hatte mich in Christian verliebt. Ich wollte ihm nahe sein und hatte alles versaut. Was sollte er jetzt von mir denken?

Aber diese Einladung und dann diese Bemerkung gestern Abend. Ich hatte das leise Gefühl, nein die verzweifelte Hoffnung, dass er mich auch ein wenig mochte. Doch wie sollte ich es ihm beibringen? Dass er schwul war, ebenfalls schwul war, das wäre zu schön gewesen. Aber diese Hand an meiner, die strahlenden Augen. Alles nur sein Job, versuchte ich mich abzulenken. Aber er hat sich gefreut, dich gestern Abend zu sehen, und heute auch. Und mal ehrlich, vorhin unter der Dusche, sein Blick war neugierig und auch ein bisschen hm... voller Lust? Sollte er wirklich mit mir die ganze Zeit geflirtet haben? Nein, nein. Da ist wieder der Wunsch der Vater des Gedankens. Ich wurde durch die Tür unterbrochen.

„Hi, na wieder ganz alleine?“

Nico kam mit einer Einkaufstüte herein. Er stutzte kurz und kam dann zu mir herüber.

„Probleme?“

„Ach, es geht schon. Ich glaub ich geh noch mal an die frische Luft.“

Nico nickte nur und ich zog ab nach unten. Vor dem Eingang kam Christian auf mich zu. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und blieb einfach stehen. Ich konnte ihm kaum in die Augen sehen.

„Hallo, Kleiner. Ich glaube, ich habe da vorhin Scheiße gebaut. Ich möchte mich bei dir entschuldigen.“

Ganz leise kam seine Stimme, fast schon ein Flüstern. Den Kopf hielt er gesenkt. Ich musste mich räuspern bevor ich etwas sagen konnte.

„Na, ja, ich glaub, ich war auch nicht viel besser. Aber ich war da nicht drauf gefasst und ich bin nicht so selbstbewusst wie du...“

Ich merkte, wie meine Stimme versickerte. Ein Räuspern jetzt bei ihm.

„Ich möchte da was wiedergutmachen und wollte dich fragen, ob du mit mir zum Schwimmen kommst, runter zum See.“

Ich sah ihm ins Gesicht und noch nie hatte ich solch einen bittenden Blick gesehen. Mein Herz begann zu rasen. Ja, ich will. Blödmann, dachte ich bei mir. So weit isses noch nicht. Aber dann kam meine praktische Seite durch.

„Und wie kommen wir da hin?“

„Lass dich überraschen. Hol einfach deine Sachen. Oder nein, warte. Hast du eine Lederjacke, oder so was?“

Eine Lederjacke? Höchstens die alte Jeansjacke. Was sollte ich denn damit?

„Wir fahren nämlich mit dem Motorrad.“

Oh, Gott. Ich hatte noch nie auf so einem Ding gesessen. Nicht mal ein Moped hatte ich gehabt. Ein Fahrrad und das war’s. Meinen Führerschein hatte ich selbst bezahlen müssen und da hatte es für Motorradführerschein nicht mehr gereicht.

So schnell war ich noch nie in meiner Stube und wieder unten gewesen. Ich hatte die Jeansjacke übergezogen und den Rucksack (nein, meinen privaten) umgehängt. Vom Parkplatz zwischen den Blöcken kam jetzt so eine riesige Rennmaschine um die Ecke. Ich kannte mich damit nicht aus und wartete, bis die Maschine direkt neben mir hielt. Der Fahrer nahm den Helm ab und Christian lacht mich an.

„Bist du schon mal auf so einem Ding mitgefahren?“

Ich schüttelte wortlos den Kopf. Dann bekam ich einen Helm in die Hand gedrückt.

„Aufsetzen, ist das gleiche System wie beim Gefechtshelm. So, wenn du gleich aufgestiegen bist, gut festhalten. Es gibt nichts zum Festhalten außer mir. Trotzdem gut festhalten.“

„Aha.“

Ich sah ihn etwas zweifelnd an, aber er lächelte wieder bei seinen Worten.

„Und dann beim Fahren. Wenn wir in die Kurven gehen, lege ich die Maschine zur Seite, damit wir nicht raus getragen werden. Physik Fünftes Schuljahr.“

Ich grinste säuerlich. Na, warte. So blöd war ich auch nicht.

„In der Kurvenlage nicht aufrichten. Manche kriegen Angst und versuchen sich automatisch wieder aufzurichten. Wenn du das machst, fliegen wir aus der Kurve. Und ich möchte nicht, dass dir etwas passiert.“

Er möchte nicht, dass mir etwas passiert. War das ein gutes Zeichen? Vielleicht. Also setzte ich den Helm auf und schwang mich hinter Christian. Mit beiden Armen umfasste ich ihn vorsichtig. Es war das erste mal, dass ich ihn berührte, wenn auch nur durch die Lederjacke.

„Du musst schon fester halten, sonst liegst du beim Anfahren unten.“

Machte ich doch gerne. Er spürte meinen festeren Griff und gab Gas. Langsam fuhr er zur Wache. Nach dem freundlichen Gruß durch den Posten kam mein erster Horror. Runter zur Hauptstraße ging eine Serpentine mit zwei engen S-Kurven. Aber auch hier fuhr Christian ganz langsam und ich konnte mich an diese Fahrweise gewöhnen.

In der Stadt wurde er dann schneller. Wenn ich das richtig sehen konnte, auch ein bisschen schneller als die Polizei erlaubt. Wir fuhren um den großen Ring, der die Innenstadt umgibt und dann Richtung See. Dort einen kleinen ausgeschilderten Waldweg hinunter bis zu einem Parkplatz.

„So, ab hier müssen wir noch ein paar Meter laufen.“

Ein kleiner Fußweg führte durch dichten Wald bis an den See heran. Die Landschaft war herrlich. Vor uns der See und rings herum dichter Wald. Auf der Wiese vor uns nur ein paar andere Besucher.

„Direkt ans Wasser, oder auf die Wiese?“

Ich sah ihn von der Seite an. Mal sehen.

„Auf die Wiese. Da ist es weicher.“

Er warf mir einen prüfenden Blick zu, sagte aber nichts. Dann breiteten wir auf dem Rasen unsere Decken aus und fingen an, uns auszuziehen. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir nichts anmerken zu lassen. Deshalb zog ich mich komplett aus und langte nach meiner Badehose. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Christian, wie er mich beobachtete. Jetzt wurde ich mutig.

„Na, gefällts dir?“

Christian erstarrte und lief rot an. Er sagte nichts, zog sich aber weiter ganz langsam aus, so dass ich ihn beobachten konnte. Als er seine Badehose anhatte nickte ich. Wir blickten beide in Richtung Wasser. Ohne ein weiteres Wort stürmten wir los und rannten in das flache Wasser am Ufer.

Es wurde ein Wettschwimmen weit auf den See hinaus. Nach einiger Zeit sah ich mich um und entdeckte Christian ein gutes Stück hinter mir. Also doch etwas, was ich besser konnte als er. Langsam ließ ich ihn herankommen und machte dann einen kleinen Bogen um ihn.

„Wir sehen uns am Ufer.“

Als ich ankam, war ich ganz schön fertig. Heute Morgen der Lauf und jetzt das hier. Ich wankte zu meinem Handtuch und ließ mich fallen. Ein paar Minuten später hörte ich Christian kommen. Er ließ sich ebenfalls auf sein Handtuch fallen. Er keuchte schwer.

„Hey, Kleiner. Du bist ja richtig gut.“

Ein kleines bisschen war ich stolz. Es gab also doch Dinge, die ich besser konnte als er. Vielleicht gab es ja auch Dinge, die er mir noch zeigen konnte. Meine Gedanken wanderten schon wieder ziellos umher. Ich spürte meinen Schwanz langsam wieder hart werden und gab mich jetzt ganz diesem Gefühl hin. Ich träumte mit offenen Augen davon, wie Christian... Plötzlich wurde ich durch einen Schwall kalten Wassers erschreckt. Christian stand über mir und grinste.

„Du hast ausgesehen, als ob du eine Abkühlung brauchst.“

„Ich nicht, aber du. Na, warte!“

Ich sprang auf und jagte Christian ins Wasser. Dort tobten wir dann herum wie die kleinen Kinder. Wir jagten uns durchs Wasser, balgten uns, tauchten uns unter, kurz, es war wunderschön. Als es anfing dunkel zu werden, lagen wir wieder auf unseren Handtüchern.

Christian drehte sich zu mir herüber, dann legte er seinen Arm auf meine Schulter. Er sah mir tief in die Augen.

„Du, Kleiner, ich muss dir was sagen“

Ich sah ihn jetzt ebenfalls an. Christian zögerte etwas.

„Ich bin schwul und habe mich in dich verliebt. So, jetzt weißt du's, mach damit was du willst.“

Ich war wie erstarrt. Hatte er das jetzt wirklich gesagt. Sollte es wirklich so sein? Ich kriegte vor Aufregung kein Wort heraus. Dann fasste ich mich etwas. Soll ich? Mein Herz begann wieder zu rasen, aber ich legte meine Hand auf seine Schulter und sagte leise

„Ich weiß nicht, ob ich wirklich schwul bin. Aber ich glaube, ich liebe dich auch. Gibst du mir eine Chance?“

Christians Gesicht zeigte erst Überraschung, dann Freude. Da war es wieder, dieses Lächeln. Er beugte sich über mich und sein Gesicht näherte sich meinem. Als er etwas zögerte, fasste ich mit meiner freien Hand hinter seinen Kopf und zog ihn runter. Wir küssten uns eine Ewigkeit lang. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich diesen Jungen wirklich liebte. Egal, was der Rest der Welt dazu sagte, das war meiner. Und auch Christian schien es zu genießen. Mit geschlossenen Augen fuhr er mit einer Hand über meinen Körper, jeden Winkel erforschend. Ich nahm nun auch vorsichtig meine Hand um langsam an seinem Körper herabzugleiten. Zuerst machte ich einen kleinen Umweg, aber dann strich ich mutig über seine Badehose. Ich zitterte und er japste leise.

„Nein, bitte nicht. Ich möchte das jetzt hier nicht so enden lassen. Wenn du weiter machst brauchen wir gleich noch ein Handtuch.“

Er grinste und küsste mich gleich noch einmal.

„Kleiner, ich liebe dich wirklich. Ich bin einfach glücklich.“

„Du weißt gar nicht, wie schwer es für mich war, aber ich liebe dich auch Chris.“

Kurze Zeit später mussten wir aufbrechen. Die Sonne war untergegangen und ein kühler Wind kam über den See. Christian brachte mich noch bis zum Tor. Ich gab ihm den Helm wieder, aber er winkte ab.

„Behalt ihn. Du wirst ihn brauchen. Ich möchte mit dir bald wieder los.“

Ich war gerührt. Tränen stiegen mir in die Augen. Christian beugte sich vor und wischte mir die Tränen ab.

„Nicht weinen, Kleiner. Es kann so schön sein. Ich liebe dich, bis morgen, mein Schatz.“

„Okay, bis morgen, Großer. Ich liebe dich auch.“

Als ich wieder auf meiner Stube im Bett lag, musste ich noch lange an den Abend denken.


Ich glaubte einfach nicht, was ich dort sah.

"Was, da wollen wir hin?"

Christian nickte nur. Er war mit dem Motorrad bis zur Zufahrt eines Grundstücks vorgefahren, das von einer dichten hohen Hecke umgeben war. In sanftem Schwung führte die Straße zu einem großen dreiflügeligen Herrenhaus.

"Ja, das ist es."

Vorsichtig bremste das Motorrad auf dem Kiesweg vor der Freitreppe. Ich sprang förmlich herunter und nahm den Helm ab. Fasziniert betrachtete ich das Gebäude. Christian hatte seinen Helm nun auch abgenommen und sah sich um.

"Hey, Mann. Du hast mir irgendwas von einem kleinen Gutshof erzählt. Das sieht hier aber eher aus wie ein kleines Schloss."

Christian machte ein etwas betretenes Gesicht. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, hörte ich eine Stimme auf der Freitreppe.

„Willkommen auf Gut Hohenau. Du bist also Kevin.“

Eine Dame mittleren Alters kam lächelnd die Treppe herab. Jetzt wusste ich, woher Christian dieses Lächeln hatte. Plötzlich wurde mein Hals trocken. Was sollte ich sagen?

„Äh, ja. Ich bin Kevin. Und ich ähhh, ich... vielen Dank für die Einladung.“

„Nein, nein. Keinen Dank. Wir sind ja auch alle ein bisschen neugierig.“

Oh, nein. Sollte dies ein Vorzeigewochenende sein? Ich spürte, wie ich wieder rot wurde. Christians Mutter schien das überhaupt nicht zu bemerken. Sie drehte sich zu ihrem Sohn um.

„Du bringst bitte das Gepäck rein. Ein Gästezimmer haben wir nicht vorbereitet, da ich davon ausgegangen bin, dass ihr beide zusammen bei dir schlaft. Die Schmutzwäsche bitte gleich in den Keller. So, Kevin, dann komm mal mit.“

Mit hämischer Freude konnte ich beobachten, wie auch Christian rot anlief. Na, die Frau wusste, was sie wollte.

„Der Gutshof wurde kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg erbaut und ist mit kurzen Unterbrechungen seit dem in Familienbesitz. Die Hohenaus waren schon immer Landwirte und so ist es auch noch heute. Eine alte Familie deutschen Landadels. Wir haben uns nie unterkriegen lassen und jeden Angriff auf unser Land oder unsere Familie bis aufs Messer verteidigt.“

Oha, was sollte das jetzt. Sie blickte mich scharf an und das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden. Dann dämmerte es mir. Sie wollte mich testen. Feiglinge und Mitgiftjäger kamen hier wohl schon beim ersten Anlauf unter den Hammer.

Der Weg ins Haus führte durch eine große Eingangshalle zu einem kleinen, gemütlichen Zimmer mit einer großen Sitzecke und einer Bar. Meinen irritierten Blick deutete Frau von Hohenau auch gleich richtig.

„Wir werden uns ein wenig unterhalten, bis Christian alles sortiert hat. Ich habe gehört, du stammst aus dem Rheinland?“

Ich war mehr als erstaunt darüber, was sie alles ‚gehört‘ hatte und was sie noch alles von mir wissen wollte. Einmal war ich drauf und dran zu fragen, ob das alles zur Verhandlung über die Mitgift zählt, doch Gott sei Dank konnte ich dieses eine Mal meine Zunge einfangen, bevor ein Unglück passierte.

Nach einer guten Dreiviertelstunde wurde ich endlich erlöst. Frau von Hohenau lächelte huldvoll.

„Jetzt dürfte Christian wohl fertig sein. Du kannst ruhig hoch gehen. Die Treppe hinauf, das zweite Zimmer auf der linken Seite. Wir erwarten euch dann um sieben zum Dinner.“

Ich muss wohl sehr erleichtert ausgesehen haben, denn Christians Mutter lachte mir leise hinterher, als ich mich eilig nach oben zurückzog.

Christians Zimmer war einfach zu finden und ich war mehr als erstaunt. Seine Bude war fast halb so groß wie unsere ganze Wohnung zu Hause. Ein großes Doppelbett, Couch, Sessel, Fernseher, alles war vorhanden.

„Na, hat sie dich aus ihren Klauen entlassen?“

„Äh, ja. Sie hat gesagt, wir würden um sieben zum Dinner erwartet.“

Christian fuhr herum und starrte mich an.

„Um sieben zum Dinner?“

„Ja, warum?“

„Weil das ein förmliches Essen im ganzen Familienkreis ist. Lediglich mein Vater wird dort fehlen. Der ist noch dienstlich in den USA. Er kommt erst Ende dieses Monats wieder zurück. Ich nehme mal an, Arne wird als Familienoberhaupt fungieren.“

„Und wer ist Arne?“

„Oh, sorry. Also, Arne ist mein älterer Bruder. Der ist jetzt dreiundzwanzig und studiert in Greifswald Zahnmedizin. Dann ist da noch Beate, sie ist einundzwanzig und studiert in Berlin Geschichte. Zum Schluß noch Christiane, die ist auf den Tag genauso alt wie ich. Wir sind Zwillinge und unseren Eltern ist nichts anderes eingefallen als uns Christian Alexander und Christiane Alexandra zu taufen. Chrissy fängt im Oktober mit einem Studium der Veterinärmedizin in Hannover an.“

„Oh, eine große Familie. Das kenne ich gar nicht, so als Einzelkind.“

„Du wirst dich dran gewöhnen. Die beißen alle nicht.“

Womit er dann Recht hatte. Das Essen war pünktlich um sieben, doch mit einem Dinner hatte es meines Erachtens nichts zu tun.

Im Speisezimmer – das hieß tatsächlich so – war ein großer Tisch teilweise eingedeckt und das Essen gab es als Buffet.

Christian schob mich fast in den Raum, wo ich mich auch gleich den restlichen Familienmitgliedern gegenüber sah. Christiane war am einfachsten zu erkennen. Sie glich ihrem Bruder fast bis aufs Haar, doch ihres war deutlich länger und ihre Figur war dann auch etwas kurvenreicher.

„So. Leute. Das ist Kevin. Ich hab, glaub ich, schon genug von ihm erzählt, dass jeder weiß, in welcher Beziehung wir zueinander stehen. Das sind Arne, Beate und Chrissy. Meine Mutter hast du ja schon ausgiebig kennengelernt.“

Arne war nicht ganz so groß wie Christian, dafür etwas breiter. Während der kurzen Vorstellung hatte er nur die Augenbrauen etwas hochgezogen, nickte aber freundlich. Beate schien irgendwie enttäuscht.

„Wie, die Inquisition hat schon getagt? Schade.“

Lachend kam sie auf mich zu und umarmte mich, so dass ich im ersten Moment völlig erstarrte.

„Und schüchtern ist er auch noch.“

Chrissy wandte sich an ihren Zwillingsbruder.

„Ey, wieso kriegst du immer die Hübschen ab?“

„Weil ich genauso hübsch bin?“

Bevor eine längere Diskussion starten konnte, wurden sie unterbrochen.

„Schluss, ihr beiden. Wir wollen in Ruhe essen. Zur Information für Kevin. Am Tisch gibt es keine festen Plätze. Wer sich was zu essen geholt hat, setzt sich hin, wo er möchte. Das kann dann schon mal dazu führen, dass der Tischpartner reihum wechselt. Viel Spaß.“

Ich sah von einem zum anderen, dann zum Tisch und zurück zum Buffet. Christian lachte, nahm mich an der Hand und zog mich zum Buffet.

Eine gute Stunde später war ich immer noch nicht sehr weit mit meinem Essen, dafür musste ich am laufenden Band Fragen aus drei verschiedenen Richtungen beantworten. Christian schien sich köstlich zu amüsieren, während ich nur ganz langsam meine Nervosität ablegte.

Obwohl es noch nicht besonders spät war, wurde es plötzlich schlagartig dunkel draußen. Die hohen Fenster erlaubten einen Blick auf dunkle Wolken, die sich schnell verdichteten. Ein erster Blitz zuckte herab und der Donner folgte kurz darauf.

Christiane sah plötzlich auf und wurde blass.

„Die Pferde von der Südkoppel sind noch draußen. Wir müssen sehen, dass wir sie reinkriegen, sonst drehen sie ab.“

Ich reimte mir gerade zusammen, dass sie wohl von Pferden gesprochen hatte, als auch schon alle aufsprangen.

„Arne, den Geländewagen mit dem großen Anhänger. Beate, Ställe kontrollieren und die Boxen vorbereiten. Christian und Kevin fahren mit Arne. Chrissy und ich holen die Halfter und Stricke. Wir treffen uns am Gatter.“

Christians Mutter überließ anscheinend nichts dem Zufall. Und ihr Tonfall in dieser Situation hätte auch gut zu unserem Spieß gepasst.

Draußen regnete es inzwischen im Strömen, doch das ignorierten wir so gut es ging. Ein großer Pferdeanhänger wurde an einen Geländewagen angekuppelt und los ging die holprige Fahrt. Es dauerte einige Zeit, bis wir am Ziel waren und inzwischen hatte es schon wieder zweimal geblitzt. Der Donner kam kurz hinterher und war ohrenbetäubend.

Auf der umzäunten Weide konnte man im spärlichen Licht des Wagens vier Pferde erkennen, die vollkommen verschreckt hin und her liefen.

„Wie wollt ihr die denn einfangen?“

Christian zuckte mit den Schultern.

„Das wird wohl Chrissy machen, die hat das beste Händchen mit den Tieren. Aber wie das jetzt ablaufen soll, weiß ich auch nicht.“

Frau von Hohenau fuhr einen heißen Reifen. Fast schlitternd kam ihr Wagen zum Stehen und sie und Christiane sprangen förmlich heraus. Chrissy sah hinüber zu den Pferden und fluchte leise. Dann nahm sie ein Halfter und einen Führstrick und versuchte sich dem ersten Tier zu nähern. Leise sprach sie auf das Pferd ein und hatte schon das Halfter bereit, als ein weiterer Blitz niederzuckte und das Pferd scheute.

Es dauerte lange, bis die beiden ersten Pferde im Anhänger waren und Arne und Christian sie hinüber zu den Ställen fuhren. Ich blieb am Gatter und sah Chrissy zu, wie sie nun auch das dritte Pferd langsam herüberführte. Mit einem merkwürdigen Knoten wurde der Strick an der Umzäunung festgebunden.

„Das ist ein Anbindeknoten. Den kriegst du auch auf, wenn das Pferd daran zerrt.“

Frau von Hohenau musste meinen fragenden Blick bemerkt haben. Dann sah sie wieder hinüber zu Christiane, die sich gerade dem letzten Pferd näherte, das deutlich nervöser war als alle anderen.

„Wenn das mal gut… Chrissy! Vorsicht!“

Das Pferd scheute und stieg hoch, wobei es Christiane streifte und zu Boden riss. Dann rannte es in vollem Galopp auf die seitliche Umzäunung zu und sprang wie bei Springreiten einfach über den Zaun.

„So eine Scheiße!“

Ich traute meinen Ohren kaum, doch Frau von Hohenau war schon auf dem Weg zu ihrer Tochter.

„Kevin! Das Pferd! Auf dieser Seite ist ein Graben!“

Ich trabte sofort um den Zaun herum zu der Stelle, an der der Ausbrecher entkommen war. Zu sehen war nichts, doch da hörte ich hinter mir lautes Wiehern, das fast wie ein Schrei klang. Mist! Das verhieß nichts Gutes.

Ich folgte den Geräuschen und musste plötzlich bremsen, damit ich nicht ebenfalls in den Graben gefallen wäre. Der Graben war tief und morastig. Unten stand, fast bis zum Bauch versunken, das Pferd und wieherte weiter kläglich.

Hinter mir konnte ich den pendelnden Schein von suchenden Taschenlampen erkennen.

„Hier! Hier drüben!“

Christian erschien zusammen mit seiner Mutter und sah erleichtert aus, als er bemerkte, dass mir nichts passiert war.

„Was ist mit Chrissy?“

Frau von Hohenau winkte ab.

„Nur umgestoßen worden. Nichts passiert. Sie wird wohl gleich hier sein.“

Nachdenklich musterte sie den Graben und das Pferd darin.

„Na, und was machen wir jetzt mit dir?“

Wir standen alle fünf am Rand des Grabens, bis mir etwas aus meiner Ausbildung einfiel, was wir allerdings nie praktisch gemacht hatten.

„Habt ihr einen Radlader oder so was?“

Arne nickte.

„Wir haben einen Teleskoplader auf dem Hof. Warum?“

„Mit einem Bergegurt kann man das Pferd wieder herausziehen, wenn es einigermaßen still hält.“

„Den Lader fährt unser Hofgehilfe. Ich kann mit dem Ding nicht umgehen.“

Das hatte ich fast befürchtet.

„Aber ich. Wir mussten in der Ausbildung einen Befähigungsnachweis machen. Wieviel wiegt so ein Pferd?“

Chrissy sah zu mir herüber.

„Geschätzt bis 600 kg. Die Kleine hier würde ich sagen etwa 450.“

„Habt ihr breite Gurte?“

Arne und Christian tuschelten eine Weile, bis sie sich uns zuwandten.

„Wir nehmen die Laschgurte und unterlegen sie dick und breit mit Wolldecken, das müsste funktionieren.“

Chrissy wollte etwas sagen, doch sie wurde von ihrer Mutter unterbrochen.

„Ihr bringt den Anhänger weg und Beate soll einstallen. Kevin kriegt den Teleskoplader und ihr beide besorgt die Gurte und die Wolldecken. Chrissy und ich bleiben hier.“

Es dauerte fast bis zum Morgengrauen, bis die Arbeit beendet war. Nach einigen Fehlversuchen hatte es dann tatsächlich geklappt und das Pferd stand nun in seiner Box. Der Hof war einigermaßen aufgeräumt und fünf vollkommen durchnässte und verdreckte Personen schlurften todmüde in Richtung Haupthaus.

„Komm her, wir gehen durch den Dreckraum.“

Zum wievielten Male schüttelte ich nun den Kopf über all die Dinge, die neu auf mich einstürzten.

„Ist ganz einfach. Ein Raum, wo die Klamotten gewechselt werden, wenn man vom Hof kommt. Ist mit Spinden ausgerüstet, aber auch mit einer großen Dusche und allem Zubehör. Soll ja schließlich nicht das ganze Haus nach Pferd stinken.“

Der Dreckraum war tatsächlich mit einer Reihe von Spinden ausgestattet und ich fragte mich gerade, wie denn jetzt das Umziehen ablaufen sollte, als Beate einen Stapel Handtücher hervorholte.

„Da keiner Sachen zum Wechseln hier unten hat, heißt das Duschen und so durchs Haus.“

Innerhalb weniger Augenblicke hatten sich alle ausgezogen und strebten dem Duschraum zu. Ich stand etwas verblüfft da, bis Christian mich anstieß.

„Da musst du jetzt durch. Wir machen das, seit wir draußen spielen durften, für uns ist es nichts Großartiges. Außerdem warst du doch bestimmt schon mal in einer öffentlichen Sauna.“

Stimmt, war ich. Also raus aus den Sachen und rein in den Duschraum, der locker als Gemeinschaftsdusche in der Kaserne hätte dienen können. Nur wenige Minuten später strebten alle, nur mit einem Handtuch bekleidet, auf ihre Zimmer.

Wohlig kuschelte ich mich an Christian und war nur Sekunden später eingeschlafen.

Die beiden restlichen Tage des Wochenendes vergingen deutlich ruhiger, auch wenn ich merkte, dass der Umgangston mit mir etwas gewechselt hatte. Ich wurde nicht mehr neugierig befragt, sondern ich wurde schlicht in alle Vorhaben und Unternehmungen nahtlos integriert.


Ein weiteres Mal überraschte mich Chris mit einem Besuch im Kino. Es gab den neuesten Batman-Film und ich war mehr als fasziniert von Chris O’Donnell in seiner Rolle als Robin.

Nach dem Kino stieß mich Christian leicht an und zwinkerte mir zu.

„Wollen wir noch an den See?“

Ich sah ihn fragend an. Ein kurzer Blick auf meine Uhr sagte halb elf. Ich grinste.

„Du meinst Nachtschwimmen?“

Christian nickte langsam. Ich überlegte weiter.

„Ich hab aber keine Badehose mit.“

Jetzt wurde Christians Grinsen breiter. Er beugte sich vor und flüsterte:

„Dann wird aus dem Nachtschwimmen ja vielleicht ein Nacktschwimmen.“

Ich schnappte mir meinen Helm, setzte ihn auf und klappte das Visier hoch.

„Was ist jetzt? Geht’s los?“

Chris setzte seinen Helm auf, startete die Maschine und wir machten uns auf den Weg.

Als wir am See ankamen, war die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Wir sahen uns an und begannen, uns auszuziehen. Chris hatte es sehr eilig und rannte dann ins Wasser. Ich folgte kurz darauf. Jetzt stand er vor mir, bis zum Bauchnabel im Wasser, von der untergehenden Sonne beleuchtet. Ein junger Gott, nur für mich. Ich watete bis zu ihm und umarmte ihn.

Zwei Sekunden später lag ich im Wasser. Chris lachte und tauchte mich unter.

„Na, warte“

Wie spielten, tauchten, planschten. Außer Atem kamen wir aus dem Wasser und legten uns auf den Rasen. Ich legte mich auf den Bauch, die Arme vor mir verschränkt, den Kopf auf den Armen. Chris legte sich neben mich. Langsam fuhr seine Hand über meinen Rücken, bis hinunter zu den Pobacken. Dort streichelte er mich intensiver. Ich zuckte etwas zurück.

„Keine Angst, Kleiner. So weit sind wir noch lange nicht. Lass dich einfach von deinen Gefühlen leiten.“

Das tat ich dann auch. Mein ganzer Rücken kribbelte, danach fuhr er über die Beine, an den Innenseiten der Oberschenkel wieder hoch. Instinktiv spreizte ich etwas die Beine. Ich hörte ihn leise lachen.

Dann drehte ich mich auf die Seite. Mein Schwanz war ohnehin schon unnötig eingeklemmt. Chris drehte sich jetzt, wie ich zuvor, auf den Bauch. Jetzt konnte ich ihn ebenso verwöhnen wie er vorher mich. Doch lange hielt er es nicht aus. Er drehte sich wieder zu mir und küsste mich. Dann wanderten unsere Hände simultan tiefer. Es war einfach nur schön. Alles, was ich vorher erlebt hatte, verblasste vor diesem Gefühl. Und so dauerte es nicht lange, bis ich schwer atmend fertig wurde. Nur wenige Sekunden später folgte auch Chris. Danach drehte er mich auf den Rücken und legte sich auf meinen Bauch. Ich wehrte mich zwar erst etwas, aber das unangenehme glitschige Gefühl ließ langsam nach.

„Ich glaube, wir sollten noch mal ins Wasser, sonst kleben wir hier zusammen.“

Chris lachte. Dann sprang er auf, zog mich an einem Arm ebenfalls hoch und wir liefen wieder Hand in Hand ins Wasser.


Der Knall war nicht zu überhören. Die Tür flog auf und donnerte gegen die Wand. Licht an, Festbeleuchtung. Robert und Michael schwankten angetrunken herein. Ich blinzelte durch meine halb geschlossenen Augen. Am besten einfach ignorieren. Irgendwann beruhigen die sich wieder von selbst. Robert stellte noch einen Sechserträger Bier auf den Tisch. Das konnte dann ja noch dauern. Michael hatte es geschafft, die Tür zu schließen, als Robert anfing, lautstark herumzugrölen.

„Na, isser nich süß, der Kleine.“

Robert kam langsam auf mein Bett zu. Michael kicherte dämlich.

„Na, wo is denn unser kleiner Arschficker?“

Michael kicherte lauter. Mir wurde heiß unter meiner Decke.

„Hey“, brüllte Robert jetzt, „steh gefälligst auf, wenn ich mit dir rede!“

Dann trat er gegen mein Bett. Ich schnellte hoch, aber so besoffen er auch sein mochte, blitzschnell packte er mich am Hals und schüttelte mich, bis ich keine Luft mehr bekam.

„Du kleine schwule Sau! Ich hab euch genau gesehen. Ihr habt wohl gedacht, da is keiner nachts am See!“

Er packte mich jetzt mit beiden Händen am Hals und schlug meinen Kopf gegen die Wand. Vor meinen Augen erschienen die ersten Sterne.

„Da habt ihr euch getäuscht, ihr dreckigen Schwanzlutscher. Ihr seid ja alle...“

„Aufhören! Lass ihn sofort los!“

So laut hatte ich Nico noch nie gehört. Unbeachtet von den beiden Besoffenen war er aufgestanden und stand jetzt zornbebend neben seinem Bett. Nur bekleidet mit ein Paar Boxershorts. Der sah ja richtig niedlich aus, wenn er wütend war, schoss es mir durch den Kopf. Wenn ich Chris nicht hätte...

Robert drehte sich langsam um und sah Nico ungläubig an.

„Na, da ist ja noch einer von den kleinen Perversen!“

Ich dachte ich hätte mich verhört, aber plötzlich ließ Robert mich los und stieß mich zu Michael hinüber.

„Los, halt den mal so lange fest, bis ich mit dem Arsch hier fertig bin.“

Damit drehte er sich wieder zu Nico um und baute sich vor ihm auf. Er war fast einen Kopf größer als Nico und erheblich schwerer, aber dieser ließ sich anscheinend nicht davon beeindrucken. Michael hatte mir inzwischen einen Arm auf den Rücken gedreht und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Robert.

„So, jetzt kommst du erst mal dran, du kleine Schwuchtel. Du glaubst wohl auch, ich bin blind, was? Ich hab euch nämlich auch gesehen, dich und diese Zivischlampe, vor dem Kino.“

Robert drehte sich kurz zu seinem Kumpan um und nickte ihm zu.

„Da stehen die beiden doch in aller Seelenruhe und schieben sich ihre Zungen gegenseitig in Hals. So was Ekliges.“

Ich bekam spitze Ohren. Zivischlampe? Meinte er etwa Marcus? Nico und Marcus? Jetzt wurde mir so einiges klar.

Weit ausholend setzte Robert jetzt mit der rechten Faust zum Schlag an. Nico duckte sich und in einer fließenden Bewegung drehte er ihm den rechten Arm auf den Rücken. Robert schrie auf und beendete die Drehung, dabei schlug er Nico mit der linken Rückhand ins Gesicht. Nico taumelte zurück und Robert stürzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn. Beide stürzten zu Boden. Ich versuchte mich zu befreien, aber Michael drehte meinen Arm nur schmerzhaft weiter.

Dann eine Stimme an der Tür.

„Was ist denn hier los?“

An den UvD hatte ich gar nicht mehr gedacht.

Frau Unteroffizier Kleinert war heute UvD und augenscheinlich nicht von der Randale begeistert. Ich hakte ihre Frage auch gleich als rhetorisch ab. Robert musste jetzt seine Aufmerksamkeit teilen.

„Hau einfach ab, du blöde Votze!“

Hm, dachte ich bei mir, das war wohl die falsche Antwort. Ich hatte Uffz Kleinert zwar bis jetzt nur ein oder zweimal gesehen, aber ich konnte mich gut an das Barett der Fallschirmjäger erinnern.

Sie trat auch sofort ein und kam näher zu Robert.

„Sag das noch mal!“

Robert rappelte sich auf und kam auf sie zu.

„Ich hab gesagt, du sollst dich verpissen, du Schlampe!“ und damit holte er aus.

Ähnlich wie bei Nico tauchte sie weg und machte eine kurze Drehung. Was dann kam, konnte ich nicht genau erkennen, aber Robert lag plötzlich auf dem Boden und Uffz Kleinert kniete in seinem Rücken. Michael wurde hinter mir zappelig. Er wollte wohl seinem Kumpel helfen, aber dazu müsste er mich loslassen. Seine Entscheidung wurde ihm abgenommen.

„Loslassen!“

Die Stimme ertönte von der Eingangstür hinter uns. Michael drehte sich um und riss mich mit. Ich schrie auf. Dann fühlte ich, wie mein Arm freigelassen wurde. Ich sah nun auch zur Tür. Dort stand der OvWa mit zwei Wachsoldaten. Oberleutnant Richter kam durch die Tür und ging zu dem immer noch am Boden liegenden Robert.

„Was haben wir denn hier?“ fragte er an niemanden direkt gerichtet.

„Die Tussi ist einfach über mich hergefallen“ kam eine Stimme von unten.

Oberleutnant Richter beugte sich vor und schüttelte den Kopf.

„Sie mäßigen erst mal ihre Sprache. Mit ihnen befasse ich mich gleich.“

Mit einem kurzen Wink gab er Uffz Kleinert zu verstehen, sie könne ihr Opfer jetzt freilassen. Sie ließ ihn los und trat drei Schritte zurück. Dann wandte sie sich wieder an den OvWa.

„Ich bezeichne so was als tätlichen Angriff auf einen Vorgesetzten.“

Der Oberleutnant nickte. Robert hatte sich aufgerappelt und starrte die beiden an. Plötzlich stürmte er zur Tür, aber hier wurde er von den beiden Wachsoldaten abgefangen.

„Okay“, meinte Oberleutnant Richter. „Das war’s dann wohl. Sie sind vorläufig festgenommen. Sie folgen den beiden ins Wachlokal ohne Widerstand, ansonsten...“

Er griff in die Tasche und holte ein paar Handschellen heraus, die er Robert zeigte. Der ließ den Kopf hängen und trabte hinter den beiden Wachsoldaten her.

Der Oberleutnant drehte sich noch mal kurz zu Uffz Kleinert um.

„Den Rest machen wir morgen früh.“

Dann ging er schnell hinter der Wachmannschaft her.

Sie nickte kurz, sah sich kurz um und deutete auf Michael. „Sie kommen mit. Sie werden diese Nacht in einer anderen Stube untergebracht.“

Nico hatte sich inzwischen neben mich gestellt. Seine linke Gesichtshälfte war rot und geschwollen. Er sah Uffz Kleinert an und verzog das Gesicht.

„Danke, Dani. Das wäre beinahe schief gegangen.“

Sie lächelte zurück und gab ihm einen Kuss auf die rechte Wange.

„So lange ihr das nicht zur Gewohnheit werden lasst.“

Damit drehte sie sich um und winkte Michael, ihr zu folgen. Dann schloss sie die Tür von außen.

„Dani? Gewohnheit? Und überhaupt, welche Zivischlampe?“

Völlig ratlos sah ich Nico an. Der war ja immer noch halb nackt, irgendwie zum anbeißen. Dabei stellte ich fest, dass ich ebenfalls genauso wenig anhatte. Nico sah an mir herunter.

„Ich zieh mir besser was über, sonst krieg ich Ärger mit Chris.“

Ich spürte, wie mein Kopf wieder rot wurde. Er hatte also meinen Ständer bemerkt. Wie peinlich. Und woher wusste er dass Chris und ich...? Ich ging zu meinem Spind und holte mir ebenfalls ein T-Shirt. Dann setzte ich mich auf mein Bett und Nico kam rüber zu mir und setzte sich daneben.

„Also, fangen wir mal mit der Zivischlampe an. Du kennst ihn doch schon etwas länger als ich. Letztens im Krankenhaus, als wir bei dir waren, da hab ich Marcus das erste Mal gesehen und mich gleich verliebt.“

Nicos Augen starrten in die Ferne.

„Zwei Tage später haben wir uns das erste Mal getroffen und seit dem sind wir zusammen. So einfach ist das.“

Ich sah ihn von der Seite an.

„Davon hab ich gar nichts mitbekommen.“

„Solltest du ja auch gar nicht. So wie er dich angehimmelt hat, hab ich erst gedacht, du angelst dir den, aber dann kam ja Chris.“

Ich war baff. Marcus hatte mich angehimmelt? Da war ich ja ganz schön naiv gewesen.

„Und Uffz Kleinert?“

Nico lachte.

„Daniela kenn ich schon aus dem Kindergarten. Was meinst du, was das für ein Hallo war, als wir uns hier getroffen haben. Wir waren auch im selben Sportverein.“

Nico lachte wieder.

„Rate mal, Judo. Ich hab’s aber schon ein bisschen verlernt. Außerdem weiß sie seit vier Jahren, dass ich schwul bin.“

„Wie denn das?“

Nico schwieg erst eine Weile, doch dann sprach er langsam weiter

„Ganz einfach. Sie war diejenige bei der es nicht geklappt hat. Wir waren schon ein halbes Jahr zusammen und sie meinte vorsichtig, es wäre wohl an der Zeit, dass wir miteinander schlafen sollten. Es gab ein mittelmäßiges Desaster. Ich kriegte keinen hoch und sie glaubte, sie wäre schuld daran. Am nächsten Tag beachtete sie mich gar nicht. Glaubte ich wenigstens. Sie beobachtete mich den ganzen Tag lang in der Schule. Den Morgen drauf kam sie zu mir an, sah mir in die Augen und meinte nur, ich sollte ehrlich zu mir selber sein. So wie ich mich verhalten würde und den Jungs hinterher gucke, war für sie klar, ich bin schwul. Punkt.“

Nico seufzte „Wie recht sie hatte.“

Dann drehte er sich zu mir.

„Zufrieden mit den Aussagen, Euer Ehren?“

Ich lief wieder rot an.

„Ich wollte nicht neugierig sein. Ich meine, ich wollte...“ meine Stimme versiegte.

Nico sah mir in die Augen.

„Neugierig sein. Mach dir nichts draus. DU darfst mich alles fragen“

Sein Gesicht wurde ernst.

„Denk jetzt nichts Falsches von mir. Du hast einen Freund und ich auch, aber manchmal brauch ich auch mal jemand anderen zum reden und zum albern sein.“

Damit beugte er sich über mich und gab mir einen Kuss. Ganz leicht auf die Lippen. Ich war zuerst etwas erschrocken, aber dann wusste ich, was er meinte. Ich umarmte ihn und drückte ihn fest an mich. Es dauerte eine ganze Weile, bis Nico sich von mir löste. Leise flüsterte er

„Ich glaub, jetzt hab ich das Problem. Ich geh dann mal besser ins Bett.“

Ich sah ihn fragend an, aber als er sich erhob und ich an ihm heruntersah, bemerkte ich die Beule in seinen Boxershorts. Schnell schlüpfte ich unter meine Decke. Wie sollte das noch enden? Ich wagte gar nicht daran zu denken was wäre, wenn Nico und ich zusammen duschen gehen. Nico löschte das Licht und schlich zu seinem Bett. Ich drehte mich mindestens dreimal um, damit eine einigermaßen bequeme Lage zum schlafen finden konnte. Wieso steht das Ding eigentlich immer dann, wenn man es nicht gebrauchen kann?

Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker. Völlig verschlafen fummelte ich an dem Wecker herum, bis er endlich Ruhe gab. Ich hatte tierische Halsschmerzen und dann kam die Erinnerung an die vergangene Nacht wieder. Ich erschauerte. War das alles wirklich passiert? Ich schaute rüber zu Nico. Der schlief noch, eingerollt wie ein kleines Kind. Müde nahm ich meine Sachen aus dem Spind und trabte Richtung Waschraum. Nach der Morgentoilette ging es mir einigermaßen besser. Ich sah noch mal nach Nico. Es tat mir richtig leid, ihn zu wecken.

„Los, raus. Du kommst zu spät.“

Er grummelt was und erhob sich. Ich stand vor meinem Spind und sortierte meine Sachen. Es würde wohl noch ein paar Tage dauern, bis ich mir Nico wieder problemlos halbnackt anschauen konnte. Ein Gedanke an Chris durchzuckte mich. War ich ihm jetzt untreu geworden? Es war doch gar nichts passiert, mit Nico meine ich. Aber der kurze Gedanke an Chris reichte aus und meine Sehnsucht nach ihm überwältigte mich fast. Entschlossen knallte ich die Spindtür zu und ging Richtung Truppenküche. Nico sparte sich meist das Frühstück.

Nach Dienstbeginn saß ich vor meinem PC und wartete darauf, dass irgendwas passieren würde, aber alles lief wie gewohnt. Dann, gegen 10 Uhr steckte unser Abteilungsfeldwebel den Kopf durch die Tür unseres Büros

„Kerner zum Kompaniechef!“

Ich zog los zum Kompaniegebäude. Die Tür des Geschäftszimmers war wie immer weit geöffnet. Ich trat ein und der Obergefreite Schneider aus dem Geschäftszimmer grinste mich breit an, sagte aber nichts. Er deutete nur wortlos auf die Tür zum Spieß.

Ich klopfte an und wartete.

„Herein“ hörte ich die kernige Stimme von unserem Spieß.

Ich trat ein. Der Spieß thronte hinter seinem Schreibtisch. Rechts von ihm saß in einem Sessel unser Kompaniechef.

Ich grüßte „Gefreiter Kerner, melde mich wie befohlen!“

Der Chef winkte ab.

„Schon gut Kerner. Setzen Sie sich mal da vorne hin.“

Damit deutete er auf den Stuhl vor dem großen Schreibtisch. Der Spieß verschob ganz wichtig irgendwelche Papiere.

Ich setzte mich nervös. Mein Blick ging zwischen Spieß und Chef hin und her. Was wohl jetzt los ist?

„So, Herr Kerner. Was wir jetzt machen ist eine Vernehmung über den Vorfall gestern Abend auf ihrer Stube. Da sie keines Dienstvergehens beschuldigt werden, machen wir bei Ihnen nur die Vernehmung eines Zeugen. Zuerst mal ein paar Angaben zur Person.“

Brav betete ich meine Angaben herunter. Dienstgrad, Name, Vorname, Personenkennziffer und was sonst noch benötigt wurde. Mit dem Gefreiten Robert M bin ich nicht verwandt oder verschwägert. Gott bewahre!

Und dann zur Sache. Haarklein erzählte ich den Ablauf, inklusive aller Beschimpfungen, Bedrohungen und Tätlichkeiten. Es war mir jetzt alles egal. Wenn schon reinen Tisch, dann gleich und sofort. Der Chef saß nur in seinem Sessel und hörte zu. Der Spieß konnte gar nicht so schnell schreiben wie ich redete.

Als ich fast atemlos zu Ende kam, sahen sich Spieß und Chef kurz an.

„Ich glaube, das war’s. Herr Kerner, sie waren uns eine große Hilfe.“

Ich sah meinen Chef erstaunt an.

„Das war alles?“ entfuhr es mir.

Der Chef nickte. „Ja, sie können wieder zurück in ihre Abteilung.“

Ich erhob mich, grüßte und marschierte wortlos aus dem Zimmer. Draußen erwartete mich der Obergefreite Schneider mit erwartungsvollem Blick.

„Na, war’s schlimm?“

Ich schüttelte nur wortlos den Kopf. Doch Schneider blieb am Ball.

„Mann, dem Munzer habt ihrs ja richtig gegeben. War auch mal Zeit, dass der eine verpasst bekommt. Der kann sich jetzt richtig gratulieren.“

Ich sah Schneider verständnislos an.

„Wieso, was passiert denn jetzt?“

„Mann, bist du blöd. Das war tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten. Das gibt ‚ne Abgabe an die Staatsanwaltschaft. Der kommt vor Gericht. Und dann ist seine steile Karriere beim Bund steil beendet.“

Ich begann zu verstehen „Der wird entlassen?“

„Klar. Wenn er verurteilt wird, ist er draußen. Aber sag mal, stimmt die Geschichte mit dir und dem Sani?“

Ich spürte, wie ich wieder rot wurde. Dann holte ich tief Luft. Jetzt, oder nie.

„Äh, ja. Wir sind zusammen.“

Mein Gesicht musste jetzt feuerrot leuchten.

„Mann, jetzt hab ich zehn Mark verloren wegen euch. Ich hab’s nicht geglaubt. Aber mach dir nichts draus, das geht schon in Ordnung.“

Völlig verdattert stand ich da. Die haben in der Kompanie schon Wetten abgeschlossen? Und wie, das geht schon in Ordnung? Ich verließ eilig unser Geschäftszimmer und sah im Gang auf die große Uhr. Kurz nach elf. Die Truppenküche hatte schon geöffnet. Soll ich, oder soll ich nicht? Egal, Hunger.

Als ich den Speisesaal betrat wurde es schlagartig ruhiger. All meinen Mut zusammennehmend, schnappte ich mir ein Tablett und stellte mich an der Ausgabe an. Der Geräuschpegel nahm wieder langsam zu und ich stand mit dem vollen Tablett vor der Ausgabe und suchte einen leeren Tisch. Mich zu jemand an den Tisch zu setzen, traute ich mich denn doch nicht. Als ich durch den halben Saal durch war, hörte ich hinter mir den Pfiff. Es war ein lang gezogener Pfiff, so wie den Mädels manchmal hinterher gepfiffen wird. Ich erstarrte. Doch bevor ich reagieren konnte, hörte ich hinter mir eine laute Stimme.

„Herr Stabsunteroffizier! Kommen Sie mal bitte mit mir nach draußen!“

Ich sah unseren G2, einen Oberstleutnant, der aufgestanden war und sich Richtung Ausgang bewegte. Ihm folgte kurz dahinter ein mir unbekannter Stabsunteroffizier mit hochrotem Kopf.

„Kevin! Komm her zu uns.“

Ich drehte mich um und sah Daniela zusammen mit einem anderen Unteroffizier am Tisch sitzen. Ich ging rüber und setzte mich.

„Mahlzeit“ sagte ich trocken.

„Na“, meinte Daniela „da ist ja einiges los heute. Ach ja, das ist Felix. Den wollte ich eigentlich an Nico verkuppeln, aber der ist ja leider auch schon vergeben.“

Ich verschluckte mich an der Suppe und musste husten. Jetzt sah ich mir Felix etwas genauer an. Die Größe ließ sich schlecht schätzen, aber er war schlank, fast schon dünn. Schmales Gesicht mit Sommersprossen und rotblonde Haare. Grüne Augen. Felix strahlte mich an.

„Hallo, Kevin. Ihr habt ja ganz schön was ausgelöst. Der gesamte Stab diskutiert die Vorfälle von gestern Abend. Die Meinungen sind ganz schön geteilt. Es hat einige negative Äußerungen über Schwule gegeben. Auch von Offizieren, aber die hat sich der Chef des Stabes noch vor dem Essen gekrallt.“

Ich starrte ihn an. Der Chef des Stabes hatte Offiziere wegen homophoben Äußerungen zu sich gerufen. Ich glaubte es nicht.

„Woher weißt du das denn?“

„Ich bin im Vorzimmer beim Chef“

Oha, unser Chef des Stabes galt als etwas schwierig, ich wollte da nicht im Vorzimmer sitzen.

„Und du bist auch...ähhh...“ Ich fing ja schon wieder an zu stottern.

„Schwul. S, C, H, W, U, L, schwul. Wort mit sechs Buchstaben.“

Daniela und Felix brachen in Gelächter aus. Ich verstand mal wieder Bahnhof.

„Das ist aus einem Film. Noch nie Echte Kerle gesehen?“

Ich schüttelte den Kopf. Felix seufzte und sah Daniela an.

„Na, Schatz. Wenn es mit Nico nix wird, muss ich mir wohl doch was anderes suchen.“

Daniela lachte, dann sah sie auf mein Tablett.

„Fertig? Dann können wir ja.“

Als wir aufstanden sah ich, dass Felix genau so groß war wie ich - ich konnte ihm problemlos in die Augen sehen.

Als wir im Kompaniegebäude an der Ankündigungstafel vorbeikamen, sahen wir eine neue Eintragung: Heute 13:00 Kompanieappell für alle Uffz und Mannschaften. Na toll.

Pünktlich um zehn vor eins begann sich alles zu versammeln. Wir standen noch in kleinen Gruppen herum und erzählten. Ich suchte nach einem bestimmten blauen Barett. Da kam Chris zusammen mit Stabsunteroffizier Löffler aus seiner Zahnarztgruppe um die Ecke. Jetzt verstummten alle Gespräche. Die Stille war schon fast mit Händen zu greifen. Christian blieb vor mir stehen und sah auf mich herab. Ganz langsam hob er seine Arme und umarmte mich ganz sanft, dann senkte sich sein Kopf. Der Kuss war unglaublich. Genauso wie die Reaktionen ringsum. Das Gejohle und Gepfeife war ohrenbetäubend, verebbte aber langsam. Dann eine Stimme neben uns.

„Können wir denn?“

Wir fuhren auseinander. Der Rest der Stabskompanie war bereits angetreten und der Spieß stand schon vor der Front. Wir liefen beide tiefrot an und flitzten zum Ende der Kompanie. Der Spieß warf uns einen undefinierbaren Blick zu, sagte aber nichts.

„Stabskompanie stillgestanden! Richt Euch! Augen gerade-aus! Zur Meldung an den Kompaniechef, Augen rechts!“

Pünktlich kam der Chef um die Ecke.

„Augen gerade-aus! Stabskompanie rührt Euch!“

„Meine Damen und Herren. Ich habe diesen Appell heute hier angesetzt aus einem ganz bestimmten Anlass. Heute Nacht gab es im Kompaniegebäude eine Schlägerei mit einem anschließenden tätlichen Angriff auf einen Vorgesetzten. Ich mache hiermit unmissverständlich klar, dass ich ein solches Verhalten unter keinen Umständen dulde. Nach endgültiger Klärung der Sachlage werden alle notwendigen disziplinaren Schritte unternommen werden. Zum anderen ist bedauerlicherweise stark in die persönlichen Rechte einiger anderer Soldaten eingegriffen worden. Seien sie versichert, dass ich ebenso keinerlei Diskriminierung oder persönliche Angriffe gegenüber irgendeinem meiner Soldaten dulden werde. Trotzdem bin ich nach Abstimmung mit dem Chef des Stabes zu dem Entschluss gekommen, dass einige der betroffenen Soldaten versetzt werden. Ich betone hier ausdrücklich, dass es sich um eine Fürsorgemaßnahme für die Betroffenen handelt und nicht um irgendeine Form der Bestrafung oder Zurücksetzung.“

Die Rede endete abrupt. Der Chef sah sich kurz um und nickte dem Spieß zu. Dieser trat wieder vor.

„Stabskompanie stillgestanden! Augen rechts!“

Der Chef entschwand um die Ecke.

„Augen gerade-aus! Stabskompanie rührt Euch!“

Langsam blickte der Spieß die Reihe der angetretenen Soldaten runter.

„Hohenau und Kerner nachher zu mir.“

Wir sahen uns an und ahnten, was nun kommen würde.


„Sie werden beide versetzt. Wohin, kann ich jetzt noch nicht sagen, das müssen wir erst noch mit G1 abklären, der Chef ist gerade drüben. Zumindest bleiben sie im Bereich der Division. So weit weg wird es also nicht.“

Der Spieß hob die Hand, als ich etwas sagen wollte.

„Heute ist Donnerstag. Sie packen alle Sachen und kommen am Montag wieder hier her. Von hier aus werden sie in Marsch gesetzt. Die Sachen können sie bis Montag alle hier lassen.“

Dann wandte er sich an Christian.

„Sie wohnen hier in der Gegend. Bei ihnen ist das einfacher. Sie kommen morgen her und erhalten ihre Papiere. Am Montag können sie gleich zu ihrer neuen Dienststelle fahren. Noch Fragen?“

Als keine Fragen kamen nickte er.

„Gut. Meldung wenn fertig gepackt.“

Wir verließen das Geschäftszimmer.

„Ich will hier aber nicht weg. Ich will bei Dir bleiben!“

Mit Mühe konnte ich meine Tränen zurückhalten.

„Hey, Kleiner, ich komm’ doch auch weg. Und wer weiß, vielleicht sind wir ja nachher gar nicht so weit auseinander. Du weißt ja, wo ich wohne, und ich hab immer noch eine schnelle Maschine.“

Ich seufzte. Ausgerechnet dieses Wochenende. Es wäre schön gewesen, noch einmal mit Christian zusammen zu sein, aber dies war ja das Wochenende, an dem sein Vater aus Amerika zurückkehrte und ich hatte meiner Mutter versprochen, endlich mal wieder nach Hause zu kommen. Na, der Vorteil war, ich kam schon ein bisschen eher nach Hause als gedacht.


Der Abschied von Nico am Montagmorgen fiel mir sichtlich schwer. Als mein Wecker klingelte, schnappte ich mir meine Sachen und ging duschen. Dann erschien auf einmal Nico in der Dusche. So früh hatte ich ihn noch nie gesehen. Unbekümmert zog er sich aus und stellte sich neben mich. Seine Blicke wanderten an mir rauf und runter und ich wurde nervös. Jetzt konnte ich ihn allerdings genau so beobachten. Sofort bemerkte ich seine Erektion, war ja auch nicht zu übersehen. Ich reagierte ebenso. Nico lachte mich an. Ich wurde immer nervöser.

„Was soll das denn jetzt? Ich dachte, wir hätten das geklärt?“

Nico lachte mich immer noch an.

„Ich wollte dir nur noch eine kleine Freude machen. Außerdem war ich auch ein bisschen neugierig. Nicht böse sein, aber so ganz ohne bleibende Erinnerung an dich, wollte ich dich nicht ziehen lassen.“

Mit diesen Worten griff er zu seinem Handtuch und schlang es um seine Hüfte. Die Beule war immer noch beeindruckend. Ich schnappte mir auch mein Handtuch und wir gingen lachend zurück auf die Stube.

Als wir fertig angezogen waren, war es dann soweit. Nico kam langsam zu mir herüber und umarmte mich.

„Viel Glück, Kevin“.

Er hatte Tränen in den Augen und auch ich fing an zu heulen

„Dir auch viel Glück. Und danke für alles.“

Aus einem Impuls heraus beugte ich mich herunter und küsste ihn. Dann trennten wir uns und ich schnappte mir meine Tasche und ging eilig aus der Stube.

Mein Spieß erwartete mich schon.

„So, ich habe jetzt hier ihre Versetzungsverfügung. Setzen sie sich mal hin, ich muss da noch etwas zu erklären.“

Was gab es da denn jetzt noch zu erklären?

„Sie kommen zu einem BeaReg.“

Mein Gesicht bestand aus Fragezeichen.

„Der BeaReg ist eine Art Verbindungs-Offizier zu einer Kreisverwaltung in Gegenden, in denen es keine Bundeswehrkasernen gibt. Er ist sozusagen ein Ansprechpartner der Bundeswehr für die jeweilige Kommunalverwaltung. Sie melden sich jetzt dort und klären dann ab, wie ihre Unterbringung erfolgen soll. Irgendwo müssen wir sie da ja auch unterbringen. Der Transport erfolgt heute mal ausnahmsweise direkt mit Dienstfahrzeug. HG Schneider fährt sie mit meinem Wolf direkt dort hin.“

Damit überreichte er mir meine Versetzungsverfügung in die Kreisstadt 30 km südlich von uns. Ich nickte.


Am Empfang der Kreisverwaltung hatte man mich erst ratlos angesehen, bis die ältere Dame meinte

„Oh, sie meinen den netten Marineoffizier, der heute gekommen ist. Der ist in Zimmer 309.“

Ich bedankte mich artig und suchte den Fahrstuhl. 3. Etage, aussteigen. links oder rechts? Links. 311, 312. Also rechts. 310, 309. Ein Türschild mit BeaReg Bw, sonst nichts. Ach, ja, der war ja wohl auch neu. Die Tür stand zur Hälfte offen. Ich klopfte und trat ein.

Vor dem Fenster stand ein großer älterer Mann in Marineuniform. Er trug nur ein langärmliges Hemd und ich konnte die Schulterklappen nicht erkennen. Es war ohnehin für mich schwierig genug, die ganzen Streifen zu interpretieren. Er drehte sich um und sah mich an. Ich machte mein bestes Männchen. Mist, wie hieß diese Dienststelle eigentlich richtig? Egal, jetzt musste ich improvisieren.

„Gefreiter Kerner, melde mich mit Wirkung von heute zum BeaReg versetzt.“

Der Marineoffizier hob etwas die Augenbrauen.

„Fast, aber egal. Einen Moment bitte. Setzen sie sich schon mal da hin.“

Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Dann ging er zu seinem Stuhl und nahm das darauf liegende Jackett auf und zog es sich an. Inzwischen hatte ich Zeit für einen kurzen Rundblick. Ein Schreibtisch, ein Regal. Das konnte doch nicht alles sein. Aha, links eine Tür, vermutlich in ein weiteres Büro. Die Tür war zur Hälfte offen, aber ich konnte nicht in den anderen Raum hineinblicken. Meine Aufmerksamkeit konzentrierte sich jetzt auf die Ärmel des Uniformjacketts vor mir. Ein, zwei, ein halber, und noch einer. Wie war das noch? Fregattenkapitän, also Oberstleutnant. Ich wurde etwas kleiner in meinem Stuhl.

„So, so. Sie sind also der junge Mann, der meinen Sohn so schamlos verführt hat.“

Ich glaubte, ich hätte mich verhört. Das „Wie, bitte“ erstarb auf meinen Lippen, als mein Blick zu seinem Namensschild ruckte: FKpt von Hohenau.

Ich spürte, wie mir schlecht wurde. Mein Gesicht dürfte jetzt so weiß wie die Wand hinter mir gewesen sein.

Langsam erhob ich mich.

„Herr Fregattenkapitän. Ich hätte nicht gedacht, dass man mir so etwas antut. Ich habe niemandem etwas getan und niemals irgendjemandem etwas Böses gewollt. Ich habe niemanden verführt. Ich habe nur meinen Gefühlen nachgegeben. Und genau so hat das auch ihr Sohn getan. Ich liebe ihn und ich weiß dass er mich liebt. Wenn sie das nicht verstehen können, dann tut es mir leid, aber ich kann und will nicht aufhören Christian zu lieben. Machen sie was sie wollen, aber sie können uns auf Dauer nicht trennen. Egal was passiert, ich werde immer zu ihm halten. Und irgendwann werden wir heiraten.“

Während ich redete, begann ich zu weinen. Trotzdem versuchte ich klar und deutlich zu sprechen, langsam und mit viel Nachdruck, denn es war mir klar, das dies für lange Zeit meine letzten Worte sein würden.

Doch dann erhob sich Christians Vater ebenso langsam wie ich. Da ertönte eine leise Stimme von links. In der Tür zum anderen Büro stand Chris. Ebenfalls im kleinen Dienstanzug und genau so heulend wie ich. Er kam auf mich zu und umarmte mich.

„Das würdest du tun?“

Ich sah ihn an und nickte.

„Ja, ich will.“

Daraufhin brachen wir in hysterisches Gelächter aus.

Christians alter Herr räusperte sich.

„Eine beeindruckende Rede, wenn ich so sagen darf. Christian hat also nicht übertrieben. Ebenso wenig, wie der Rest der Familie.“

Ich sah Christian fragend an.

„Ich habe Donnerstagabend so ungefähr das Gleiche gesagt.“

„Nun gut, Herr Kerner. Ich... nein, das machen wir anders. Komm mal bitte her, Kevin.“

Ich war völlig verblüfft. Was kam jetzt? Zögernd ging ich um den Schreibtisch herum. Chris schubste mich von hinten. Herr von Hohenau streckte mir die Hand entgegen. Als ich sie nahm, zog er mich zu sich und umarmte mich.

„Wer das Herz meines Sohnes erobert hat, den kann auch ich akzeptieren. Willkommen in der Familie, Kevin.“

EPILOG

Langsam ging Fregattenkapitän Klaus-Dietrich Freiherr von Hohenau durch die Schar seiner Gäste. Wie fast jedes Jahr hatte er seine Verwandten und Freunde zum Sommerfest eingeladen. Im letzten Jahr war es leider ausgefallen weil er in Amerika war, aber in diesem Jahr schien das Fest ein voller Erfolg.

„Mein lieber Hohenau, ich muss sagen, ihre Sommerfeste sind immer eine wahre Freude.“

„Vielen Dank, Herr General. Ich freue mich stets, wenn es meinen Gästen gefällt.“

Der dicke Brigadegeneral zog an seiner Zigarre und ließ seinen Blick schweifen. Dann runzelte sich seine Stirn.

„Nun sagen sie mal, ich kenne ihre Familie schon seit Jahren. Aber dort neben dem Sanitätsoffizieranwärter, Christian, nicht wahr?“

Herr von Hohenau lächelte huldvoll.

„Der junge Mann in der Marineuniform, Seekadett, soviel ich erkennen kann. Den habe ich bei ihnen noch nie gesehen.“

Jetzt schlich sich ein leichtes Lächeln auf die Lippen des alten Hohenau.

„Das ist Kevin, mein Schwiegersohn.“

„Ach.“ Der General zog heftiger an seiner Zigarre.

„Ich dachte, ihre Töchter sind nicht verheiratet.“

Klaus-Dietrich von Hohenau sah jetzt seinen Gast direkt an.

„Sind sie auch nicht.“

Er machte eine dramatische Pause.

„Kevin ist der Lebenspartner von Christian.“

Ein Herzschlag lang Pause.

„Oh, Herr General, ich fürchte, ihnen ist ihre Zigarre heruntergefallen.“

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