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Uglo der Steinzeitjunge
Teil 24 - Zwischen zwei Welten, zwischen zwei Herzen
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Informationen
- Story: Uglo der Steinzeitjunge
- Autor: Mischa Bär
- Die Story gehört zu folgenden Genre: Fantasy und Mystery, Krimi, Historisch
Uglo konnte sich nur langsam wieder beruhigen.
Sein Vater Bogo hatte ihm davon berichtet, was alles geschah, seit er weg war.
Die Zeit, in der für Uglo drei Tage und Nächte vergingen, waren für die Sippe mehrere Winter und Sommer gewesen.
Mehrfach hatte der alte Sippenhäuptling versucht, von seinem Sohn zu erfahren, was er in der Fremde erlebt hatte. Uglo aber traute sich nicht, über seine Zeit in der anderen Welt zu berichten. Hatte er denn selbst schon wirklich verstanden, was sich zugetragen hatte?
Wie war es dazu gekommen, dass er in einer anderen Zeit aufwachte? Bestimmt war der Fluch des Schamanen schuld daran.
Uglo glaubte fest daran, dass es durch eine Fügung des Federgeistes dazu kam, Tom dort zu begegnen. Auch, dass er sich dort in diesen gleichaltrigen Knaben, so ganz anders aussehenden Jungen, verlieben würde, musste eine Fügung des Allmächtigen gewesen sein.
Dieser fremdartige Knabe, mit glatter heller Haut und mit Haaren, so hell wie der Sonnenschein…
Er sollte Tom treffen und die neue Zeit kennen- und lieben lernen!
Und dann?
Warum hat das Schicksal ihn dann so hart bestraft, das neue Leben und die Liebe zu Tom schon nach so kurzer Zeit zerstört, ehe sie richtig begonnen hatte?
War auch das eine Probe des Federgeistes für ihn als zukünftigen Anführer seiner Sippe? Er hatte den Schamanen besiegt.
Oder hatte er die Zeichen der Ahnen falsch gedeutet? Er konnte es nicht begreifen…
Viele neue Dinge, die ihm zunächst fremd erscheinen, hatten ihn in Toms Welt dann begeistert.
Er wollte viel mehr über das alles erfahre. Er wollte Tom lieben und so viel von ihm lernen, doch der reißende Strom der Zeit war sein Schicksal geworden und hatte ihn wieder von Tom getrennt…
Würde er Tom je wiedersehen?
Seine Sehnsucht nach Tom wurde in diesem Moment übermächtig, er musste schlucken und sich abwenden. Seine Brust wurde auf einmal eng, etwas schnürte ihm die Luft ab. Bis in den Hals spürte er sein Herz heftig schlagen.
Sein Blick wanderte in die Glut des Feuers, das in der Mitte der Höhle langsam niederbrannte.
Konnte er das denn alles dem Sippenältesten berichten? Nein!
Er beschloss zu schweigen und zu hoffen. Vielleicht konnte Ango ihn verstehen?
„Vater, edler Bogo“, nahm Uglo nach einer Weile das Gespräch wieder auf.
„Vater, wo finde ich Ango? Ich will, ich muss mit ihm reden. Auch wenn hier seitdem schon einige Sonnen vorüber gingen.“
„Du willst also wieder zu ihm gehen? Wird das nicht alte Wunden aufreißen, seine Familie zerstören? Bedenke, er ist inzwischen einer der besten erwachsenen Jäger der Sippe.“
Uglo schaute seinen Vater ungläubig an. „Verzeih mir, ehrwürdiger Vater, aber ich werde ihm sagen, dass auch ich… Der Federgeist wird meine Worte formen, ich muss ihm etwas gestehen… Schon in den ersten Momenten meiner Rückkehr, nachdem Uglo mich am Flussufer entdeckt und erkannt hatte, habe ich gespürt, dass sein Herz immer noch für mich schlägt. Das Feuer für mich lodert noch in ihm. Es lag so viel Trauer und gleichzeitig auch Hoffnung seinen Augen.“
Uglo dachte einen Augenblick nach, „und was für eine Familie ist das denn? Nur weil er sich einmal in seinem Leben vergessen hat, als er sich nach Liebe und Wärme sehnte. Als ihn ein Mädchen dämonisch verführte…? Muss er das ganze Leben…? Hätte ich an seiner Stelle der Verführung widerstehen können? Sag es mir Vater.“
Uglo war erregt aufgesprungen.
Bogo antwortete nicht gleich, seine brüchige Stimme wurde laut, „Uglo, bedenke die Folgen deines Handelns, Ango ist Vater eines Sohnes… er muss seine… eine Frau und die Kinder ernähren… Und er darf nur so lange in der Sippe bleiben, wie er seinen Eid erfüllt und Irana und die Kinder… So hat es der Rat der Alten bestimmt!“
Uglo wirkte entschlossen, bittend wiederholte er seine Frage „Vater, wo finde ich Ango? Ich muss mit ihm reden.“
Bogo war überhaupt nicht überrascht von Uglos Hartnäckigkeit. „Nun mein Sohn, das Orakel hatte es vorhergesagt, du hast einen starken Willen und wirst deinen Weg finden. Du bist dir deiner Sache sicher? Dann findest du Ango ganz sicher auch allein an den Orten eures früheren Glücks. Wenn dein Herz es wirklich will, dann wird der große Federgeist dich führen…“
Uglo verneigte sich ehrfürchtig vor seinem Vater und verließ rasch das Zelt des Sippenältesten.
Davor blieb er unschlüssig stehen, was sollten die letzten Worte des Alten bedeuten? „Die Orte eures frühen Glücks…“
Er erinnerte sich. Er hatte mit Ango schon, als sie vielleicht so viele Winter erlebt hatten, wie sie Finger an den Händen hatte, im Wald und auch immer mal wieder oben auf dem Felsplateau Abenteuer erlebt hatten.
Heimlich hatten sie auch den Mädchen beim Baden im Fluss zugesehen. Aber noch neugieriger hatten sie gegenseitig ihre eigenen Körper untersucht. Das hatte ihnen beiden so gut gefallen, dass sie schon bald regelmäßig gemeinsam im Wald verschwanden. In den nächsten ein, zwei Sommern wurden ihre Erkundungen intensiver. Sie wuchsen zu stattlichen Jünglingen heran.
Einmal hatte der Schamane sie im Wald beobachtet und sie danach gezwungen, ihm zu Willen zu sein. Sie mussten sich fügen, denn er hatte ihnen mit der Strafe des Federgeistes gedroht. Trotzdem konnten und wollten sie nicht voneinander lassen.
Der Druck der Kugeln in ihren ehemals kleinen haarlosen Säckchen hatte zugenommen. Sie waren jetzt straff und prall geworden. Ihre ursprünglich kindlichen Zipfel hatten inzwischen eine stattliche Größe erreicht und sich zu ansehnlichen Jagdspeeren gewandelt. Gleichzeitig war auch ihre Neugier aufeinander gewachsen.
Schon bald wussten sie, wie sie sich gegenseitig beglücken konnten.
Sie hatten tiefes und inniges Vertrauen zueinander gewonnen. Noch mehr als das, sie teilten jedes Geheimnis miteinander…
Später dann im Schilf hatten sie sich geschworen, für immer zusammen zu bleiben…
Wo sollte er mit der Suche beginnen?
Ango irgendwo im Wald zu finden, war unwahrscheinlich. Früher hatten sie sich immer an einem bestimmten alten, umgestürzten Baum, weitab vom Bergpfad getroffen.
Aber der war bestimmt über die lange Zeit überwuchert, nein. Wenn er Ango treffen wollte, musste er weiter nachdenken.
Inzwischen war es Abend geworden, die Dämmerung schlich sich mehr und mehr hinter den Gipfeln in die Landschaft, die die Siedlung umschloss. Das helle Licht des Vollmondes, das durch das Loch im spitzen Felsen gegenüber der Siedlung fiel, zauberte lange Schatten der Gipfel auf den großen Platz.
In der Mitte des Platzes hütete eine alte, Uglo unbekannte Frau wie eh und je das große Feuer.
Uglo trat näher und verneigte sich ehrfurchtsvoll vor der alten Frau und sprach sie an.
„Du edle und weise Frau, ich bin Uglo, der Sohn des Bogo. Ich grüße dich.“
Noch ein einmal verbeugte er sich.
Die alte Frau schaute ihn mit ihren trüben Augen an und bat ihn, „Uglo, holst du mir bitte rasch einen Arm voll Feuerholz aus dem Wald, du weißt noch, wo wir es lagern?“
Uglo nickte, gern kam er der Bitte nach, es tat ihm gut, wieder ein paar Schritte durch die schmale Spalte zwischen den beiden Felsen hindurch, den alten Pfad zum Plateau hinaufzugehen. In seiner Erinnerung sah der Weg eigentlich etwas anders aus, die Bäume und Büsche waren in seiner Vorstellung kleiner, der Wald lichter gewesen und der Pfad etwas breiter. Tief zog er den Duft der Bäume in sich ein, streichelte die Blätter und lauschte den Stimmen des Waldes. Auf einmal war es wieder da, das Gefühl zu Hause zu sein. Kurz blieb er stehen und richtete seinen Blick in die Baumkronen, durch die das Licht der Abendsonne noch hindurch blitzte. Was war eigentlich gestern und vorgestern geschehen, hatte er geträumt?
Als er ein paar Schritte weitergelaufen war, zog ihm ein anderer, wesentlich strengerer Geruch in die Nase, ja auch diese Stelle gab es noch immer.
Rasch nahm Uglo ein paar der vorbereiteten Holzscheite auf die Arme und trabte den Weg zurück zum großen Feuer.
Die alte Frau bedankte sich und bat ihn, sich zu ihr zu setzen.
„Ich weiß deinen Namen, du bist Uglo, Sohn des Bogo und schon bald wirst du unser neuer Anführer sein. Ich bin Kachala, die Schwester der alten Kuchola, du kanntest sie noch. Meine Schwester wurde vor zwei Wintern vom Federgeist zu sich gerufen, ihren Körper haben wir im Wald oben auf dem Plateau dem Wald übergeben, damit sie immer, wenn sie es möchte, die Sonne sehen kann. Ich war es, die deiner Mutter…“, sie stockte etwas, „ich war es, die deiner Mutter vor so vielen Wintern und Sommern“, sie zeigte beide Hände einmal mit gespreizten Fingern hoch und überlegte dann… Sie sah Uglo fragend an, „wie lange warst du in der Fremde?“ Uglo zuckte mit den Schultern, „ich glaube es waren so viele Sonnen und auch Nächte. Er hielt drei Finger hoch, aber bei euch sind mehrere Winter und Sommer in die Ewigkeit gegangen, ich kann es nicht sagen…“
Sie winkte ab, „also ich habe deiner Mutter damals geholfen, dich in diese Welt zu bringen, habe dich gewaschen und in meinem Fell gewärmt. Ich bin deine Amme. Deine Mutter war damals so schwach, sie hatte keine Milch und ich konnte dich an meine Brust nehmen und dir das Leben geben. Deshalb weiß ich genau, wer du bist, ich fühle, was du fühlst und kann in deinen Augen lesen. Schon als kleinen Knaben habe ich dich mit deinem Freund Ango gesehen, ihr seid immer gemeinsam zum Fischen in den Fluss gestiegen, habt immer gemeinsam gejagt und auch oft der alten Kuchola am Feuer geholfen. Wie richtige Brüder. Ihr seid bis zu deinem Verschwinden unzertrennlich geblieben. Ango hat damals sehr lange getrauert, aber wo auch immer er gesucht hatte, du bliebst unauffindbar. Mutter Kuchola hatte damals gesagt, dass der alte Schamane Unkido dich verflucht hatte. Aber auch er blieb verschwunden. Nur das Orakel der alten Federfrau hat uns berichtet, dass du noch lebst aber in einer fernen Welt dein Glück finden willst. Und nun bist du von der langen Reise zurückgekehrt und wirst schon bald unser neuer Sippenführer werden, denn deinen Vater Bogo verlassen die Kräfte immer mehr.“
Uglo, der ganz große Augen bekommen hatte, war überrascht. „Du bist, du weißt von mir und… so weißt du also auch vom Spruch des Orakels und dass ich dort mit…“
Den Namen sprach er nicht aus, er war zu sehr erschüttert.
Sie nickte nur, „aber ja und ich weiß auch, dass du meine Schwester verehrt hast und immer alles für die Sippe tun wirst, auch wenn du mit Ango…“, sie sprach nicht gleich weiter.
„Mutter Kachala, sprich mit mir, was weißt du über meine Zukunft, sag es mir, werden Ango und ich…“ Er unterbrach sich. „Werde ich noch einmal zu To…?“ Er biss sich auf die Lippen.
„Ehrwürdige Kachala, kannst du mir einen Rat geben, wo ich Ango finde? Ich will, ich muss mit ihm reden.“
Kachala lachte heiser, sie sprach immer leiser, sie flüsterte fast nur noch.
„Tom ist ein schöner Name… eigentlich sind die Familien um diese Zeit in ihren Höhlen, Irana ist bestimmt auch dort… aber frag dein Herz… Uglo, auch wenn du vielleicht nicht mit Ango glücklich werden kannst, weil da noch der andere Knabe in deinem Herzen wohnt… kämpfe um dein Glück, so oder so.“
Uglo erstarrte, Tom! Sie meinte Tom! Woher konnte sie von Tom wissen?
Die alte Frau schloss einfach die Augen und schwieg. Sie war eingeschlummert.
Verwirrt erhob sich Uglo, er traute sich nicht, die alte Frau zu wecken, um weiter zu fragen.
Unentschlossen schaute er sich um. In welcher Höhle mag Ango mit Irana und den Kindern leben?
Suchend ließ er seinen Blick über den großen Platz schweifen. Vor einigen Höhlen brannten ein paar kleinere Feuer, um die herum sich einige Erwachsene versammelt hatten. Aber er konnte nicht erkennen, ob Ango oder Irana darunter waren.
Vom Fluss her hörte er das Gekreische und die freudigen Rufe der dort herumtollenden Kinder. Im Hintergrund, in der Nähe des alten Schamanenzeltes, das nun der Sippenälteste bewohnte, tummelten sich einige ältere Kinder und spielten etwas, was er aus der Entfernung nicht erkennen konnte.
Wie von etwas Unbekanntem angezogen, blieben seine Augen an den dahinterliegenden Felsen hängen. Irgendetwas fesselte seine Gedanken, etwas, das er nicht genau benennen konnte. Er versuchte sich zu erinnern, aber… jäh zuckte er zusammen und erschrak, als ihm jemand von hinten antippte. Uglo fuhr herum. Vor ihm, stand ein kleiner nackter Junge, der ihn strahlend anblickte. Uglo erkannte ihn, es war der Knabe, den er bei Irana gesehen hatte, als Ango ihn am Fluss gefunden hatte. Es war Angos Sohn!
Der Junge lachte ihn freundlich an und ergriff einfach Uglos Hand. Wortlos tapste er los und zog den Großen mit sich. Der Kleine steuerte zielgerichtet auf eine der Höhlen am Rand der Ebene zu, dorthin, wo früher die Eltern von Ango ihre Behausung hatten.
Ja, er zog Uglo direkt zu dieser Höhle. Vor dem Eingang erkannte Uglo schon aus einiger Entfernung eine junge Frau, die dort scheinbar auf sie beide wartete. Irana!
Kurz stockte Uglo, schaute den Jungen fragend an. Der aber nickte ihm einfach zu und zog ihn weiter. Auf einmal ließ er Uglos Hand los, flitzte zu seiner Mutter und versteckte sich hinter ihr, nur sein blonder Haarschopf und ein Paar neugierige dunkle Augen schauten hinter der Frau hervor. Uglo war stehengeblieben und schaute verlegen zu Irana.
Ihr Haar glänzte in der untergehenden Abendsonne und ihre braunen Augen leuchteten trotz der langen Schatten, die den großen Platz inzwischen in die Dämmerung schickten.
Uglo wurde unsicher, vor Überraschung wusste er nicht, was er sagen sollte. Er starrte die hübsche junge Frau nur an. Musste schlucken. Vor seinem Auge erschien wieder das Bild, als er Irana erst vor wenigen Tagen… er schüttelte den Kopf… als er sie damals am Fluss beim Baden überrascht hatte und sie sich beide nackt gegenüberstanden. Wieder wurde ihm heiß und kalt zu gleich, er senkte seinen Blick.
In ihrem Arm hielt Irana das kleine Kind, das sie von ihrer Schwester angenommen hatte.
„Uglo“, sie flüsterte nur, „es ist schön, dass du wieder da bist. Ango hat dich so sehr vermisst…“
Sie trat ganz nah an ihn heran, hob langsam eine Hand und strich Uglo sachte über die nackte Schulter, den Arm hinunter und legte ihm die Hand verführerisch an die Hüfte, wo sie aufreizend über seinen Bauch weiter streichelte…
Uglo bekam eine Gänsehaut, seine Brustwarzen zogen sich zusammen. Nach kurzer Schockstarre schob der Jüngling ihre Hand hastig weg und wich schwer atmend einen Schritt zurück. Heftig schüttelte er den Kopf, „nein Irana, nicht, du bist… du hast - wo finde ich Ango?“
Ein kurzes Zucken durchfuhr das Gesicht der jungen Frau, ihre Augen wurden schmal, sie schien kurz zu überlegen. Sie ging mit verführerischem Blick auf Uglo zu, „Uglo, weißt du noch, du und ich, am Fluss… wo warst du? Ich habe so lange auf dich gewartet, aber du…“, sie verstummte, als sie Uglos abweisenden Blick sah.
Verbittert schüttelte er den Kopf, „und dann hast du Ango bezaubert, ihn verführt, obwohl du wusstest, dass er und du, also dass ihr… dass das…“
Die Stimme versagte ihm. Sollte er ihr sagen, dass er eigentlich ganz andere Gefühle hatte? Dass er Ango begehrte? Sie würde es sowieso erfahren, zumal er dann…
Er winkte ab.
Mit rauer Stimme wiederholte er seine Frage, „wo finde ich Ango?“
Iranas Gesicht nahm einen höhnischen, giftigen Ausdruck an, ihre Lippen wurden schmal, pressten sich zusammen und ihre Augen sandten vernichtende Blitze auf Uglo. Böse blickend stieß sie verächtlich hervor, „woher du wissen… bist du auch ein Mann ohne Feuer in deinem Luststab, auch so ein welker Schwächling mit lahmen Lenden, Lenden ohne Saft wie der Vater von ihm?“ Dabei zeigte sie auf den Jungen, der ganz erschrocken hinter ihr hervorgekommen war und seine Mutter ängstlich anschaute.
„Geh, such deinen verstümmelten Anbeter… Immer höre ich nur deinen Namen, Uglo, Uglo, Uglo! Und den hier nimm gleich mit, ich hasse euch alle!“
Sie hatte sich in Wut hineingesteigert und stieß den Kleinen von sich weg zu Uglo hin. Dann drehte sie sich um und verschwand mit dem anderen Kind auf dem Arm in der Höhle.
Der Junge taumelte auf Uglo zu. Fast stürzte er auf die harten Steine. Doch Uglo fing ihn schnell auf.
Der Große hob den erschrockenen Kleinen hoch, nahm ihn die Arme und hielt ihn fest an seine Brust gedrückt.
Starr vor Entsetzen presste sich der Junge an Uglo an, so als wüsste er, dass der ihn beschützen würde.
Der Kleine weinte nicht, er schaute Uglo nur mit großen Augen fragend an.
Unbeholfen versuchte Uglo den Knaben zu trösten, er strich ihm durch die struppigen blonden Haare und über den Rücken.
Unwillkürlich kam ihm die Erinnerung daran, dass auch Ango als Junge solche struppigen Haare hatte. Immer wieder hatte Uglo ihn deswegen scherzhaft den wilden Waldlöwen genannt. Ango hatte seine Haare dann später zu einem Schwanz zusammengebunden.
Der Kleine hatte sich in den Armen von Uglo schnell beruhigt und schmiegte sich eng an ihn an.
Leise fragte Uglo, „ist dein Vater auch in der Höhle?“ Erstaunt schaute ihn der Junge an, betastete mit staunenden Augen die kleine goldene Kette, die Uglo von Tom geschenkt bekommen hatte, dann schüttelte er nur den Kopf.
„Weißt du, wo ich ihn finden kann?“
Der Knabe antwortete nicht, sondern drückte sich von Uglos Brust ab und rutschte an ihm herunter. Wortlos ergriff er Uglos Hand und zog ihn, wie vorhin schon, einfach hinter sich her.
Es war inzwischen dunkel geworden. Etwas entfernt, in der Mitte der Siedlung, brannte das große Feuer, das aber nur wenig Licht spendete. Das Feuer und die Höhleneingänge wurden hinter ihnen immer kleiner. Am Nachthimmel war ein prachtvolles Sternenmeer aufgegangen. Überrascht ließ sich Uglo von dem Kleinen mitziehen. Er überlegte, wie alt mochte der Junge sein? Ango hatte gestern von vier oder fünf Wintern gesprochen, die vergangen waren, seit Uglo verschwunden war, also konnte der Junge nicht viel älter als ein paar Finger oder eben Sommer sein.
Der Kleine bewegte sich mit einer Sicherheit, die Uglo dem Jungen nicht zugetraut hätte, zum Fluss hinunter.
Als sie das Flussufer erreicht hatten, bemerkte Uglo erstaunt, dass ihr Weg nun stromaufwärts führte. Er kannte diese Richtung nur zu genau. Erst vor einigen Tagen, es schien ihm wie gestern, war er genau hier unterwegs gewesen. Hier hatte der Schamane ihn niedergeschlagen und verschleppt.
Der ihm gut bekannte Pfad wurde so schmal, dass sie nur noch hintereinander gehen konnte. Der Knabe ließ Uglos Hand los und rannte den Pfad entlang in die Dunkelheit davon. Schon kurz darauf war das Geräusch seiner tapsenden Schritte verstummt.
Uglo blieb stehen, er hätte diesen Weg auch mit verbundenen Augen begehen können. Auf der einen Seite rauschte der Fluss, auf der anderen Seite wusste er das Schilf. Langsam setzte er seinen Weg fort, kam an der Stelle vorbei, wo ihn Unkido überwältigt hatte. Wieder verharrte er kurz und lauschte in die Dunkelheit, ein fröstelnder Schauer überzog seinen Körper, als er die Stelle passierte.
Nur wenige Schritte später hatte er den Zugang zu jenem Platz erreicht, der lange Zeit für Ango und ihn ein glücklicher Ort gewesen war. Aber auch Tom und er waren sich hier nahe gekommen, waren hier glücklich gewesen
Schlagartig kam ihm in den Sinn, was sein Vater gesagt hatte und auch die alte Kachala am Feuer hatte ihm bedeutet, seinem Herzen zu folgen…
„Such dein Glück an den Orten, an denen ihr als Knaben glücklich gewesen seid!“
Durch das Rascheln des Windes im Schilf glaubte er ein leises Wispern und Flüstern zu hören.
Gespannt verließ er den Weg, durchquerte die ersten hohen Schilfbüschel und betrat erwartungsvoll ihr geheimes Versteck.
Überwältigt und verwirrt zugleich blieb er stehen.
Nur ein, zwei Schritte von ihm entfernt, saß Ango, bloß mit seinem Fellschurz bekleidet auf dem Boden und hielt den Blick gesenkt.
Hinter ihm, an seinen Rücken gelehnt, stand der kleine Junge. Er hatte die Ärmchen eng um die Schultern seines Vaters geschlungen. Erwartungsvoll blickte er dem Ankömmling entgegen.
Ango hob langsam den Kopf und schaute Uglo unsicher an.
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